Heimat-Rundblick Herbst 2019

Druckerpresse

Magazin für Geschichte - Kultur - Natur im Bereich Weser, Wümme, Hamme

Herbst 2019 Einzelpreis € 5,25

3/2019 · 32. Jahrgang

ISSN 2191-4257 Nr. 130

RUNDBLICK

AUS DER REGION HAMME, WÜMME, WESER

GESCHICHTE · KULTUR · NATUR

Hans J. Rath: „Zwischen den Welten“


Redaktionssitzung

vom 10. August 2019 im Café zum Brinkhof im Teufelsmoor

Bei bestem Sommerwetter trafen sich die Aktiven der Heimat-Rundblick-Redaktion

im gemütlichen Café in einem alten Bauernhof im Teufelsmoor.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Jürgen Langenbruch

trug Johann Wellbrock als Bauer und Gastwirt in einem längeren Vortrag

im urtümlich, aber prononcierten Plattdeutsch die Geschichte des

zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf einer Wurt errichteten Hofes vor.

Eindringlich sprach er auch über die Probleme der Hausstatik und den

hohen Kosten für die Renovierung des Hauses; ein weiteres Thema waren

die die Landwirtschaft betreffenden Vorschriften und Gesetze der

europäischen Rechtsprechung, die häufig auf Widerspruch der Landwirte

stoßen.

Die Redaktionsmitglieder ließen sich davon allerdings nicht grundlegend

beeindrucken und widmeten sich dem überaus gut schmeckenden

Kuchen, der in großen Portionen serviert wurde.

Verleger Jürgen Langenbruch bedankte sich für die Gastfreundschaft

und den Einblick in die Geschichte und die Probleme des Hauses und

eröffnete die Diskussion über das letzte Heft, das allgemein wohl Anklang

gefunden hat. Er machte deutlich, dass die Publikation immer so

gut ist wie die eingereichten Artikel und reichte das Lob an alle weiter.

Die finanzielle Situation

ist weiterhin angespannt,

der Herausgeber bat alle

um Mitarbeit bei der

Werbung von Abonnenten

und bei der Akquise

von Anzeigen. Die Aufnahme

von Themen für

das nächste Heft, die Nr.

130, die Sie jetzt in Händen

halten, verlief erfolgreich

und so wird auch

diese Ausgabe wieder

mit interessanten Beiträgen

aufwarten können. Foto: Jürgen Foto Maren Arndt

Langenbruch

Unsere nächste Redaktionssitzung findet am 2. November im Landhaus Meyenburg,

Meyenburger Damm 28, 28790 Schwanewede, statt.

Auch Interessierte sind herzliche eingeladen - bitte melden Sie sich kurz unter „info@heimatrundblick.de“ an.

’n beten wat op Platt

Teil XIII

Nu wäs man nich bang, sä de Hohn to ‘n Regenworm, dor freet he em op.

Nimm mi dat nich öwel, sä de Voss, dor kreeg he de Goos bi ‘n Wickel.

Een Mann ohn‘ Fro is as een Schipp ohn Stüür.

Reinigkeit is ‘t halve Leben, sä de Fro, dor kehr se sick to Neejohr dat Hemd üm.

Froonslüd Arbeit is behenne, ober nimmt doch nie een Enne.

Een beten scheef hett Gott leew.

Up ’n vullen Buuk steiht een lustigen Kopp.

(Funnen bi H. Lemmermann, „Jan Torf“)

Peter Richter

2 RUNDBLICK Herbst 2019


Aus dem Inhalt

Aktuelles

Jürgen Langenbruch

Vorwort Seite 2

M. Simmering/Dr. Helmut Stelljes

50 Jahre im Dienste der Heimat

Seite 28

Köksch un Qualm Seite 29

Nachrufe Seite 30

Termine Seite 8/28

Heimatgeschichte

Wilhelm Berger

Planung und Errichtung des Osterholzer

Hafens sowie des zur Hamme führenden

Kanals (II) Seite 6-8

Gerhard Behrens

300 Jahre Jürgen Christian Findorff

Seite 9

Helmut Strümpler

So ein Theater! Seite 10-11

Manfred Simmering

Hannes Bibelhausen Seite 12

Maren Arndt

Die Besenheide Seite 13

Dr. Hans Christiansen

Die Häuptlinge Ostfrieslands

Seite 14-17

Johannes Rehder-Plümpe

Dr. Rena Noltenius Seite 18-19

Herbert A. Peschel

Wilhelm Hartmann,Ehrenbürger

der Stadt Vegesck Seite 20-23

Kultur

Autor

Ausstellung Hans J. Rath Seite 4-5

Jürgen Langenbruch

Malschule Orlando Seite 26

Natur

Bürgerinitiative Naturschutz Worpswede

Schießstand Waakhausen Seite 24-25

Serie

Buchtipp Seite 27

Beten wat op Platt Seite 2

Bauernregeln Seite 17

Liebe Leserinnen

und Leser,

der Herbst ist mit Regen und Abkühlung eingezogen

und macht uns den ewigen Wandel

der Jahreszeiten deutlich - es ist die Zeit, in der

Gedanken an Werden und Vergehen, Wehmut

und Hoffnung präsenter sind als zu allen anderen

Zeiten des Jahres.

Wehmut überkommt uns auch, wenn wir an

die Menschen denken, die uns in diesem Jahr

verlassen haben: im April war es Harry Schumm

- und jetzt im Oktober unsere Freunde Rudolf

Matzner und Rolf Masemann. Alle haben sich

seit Jahren aktiv für unsere Zeitschrift eingesetzt

und viele Artikel geschrieben. Unser Mitgefühl

gilt ihren Familien und Angehörigen; wir werden

alle drei in dankbarer Erinnerung behalten.

„Zwischen den Welten“ - Kommen und Gehen

in astronomischen Dimensionen ist das Thema

der künstlerischen Aktivitäten von Prof. Hans

Rath, den seine berufliche Tätigkeit als Wissenschaftler,

als Gründer des ZARM (Zentrum für

angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrograviation)

zu ungewöhnlichen Kunstwerken

inspirierten.

Wilhelm Berger hat sich intensiv mit dem Osterholzer

Hafen beschäftigt und präsentiert uns

die zweite Folge seiner Forschungsergebnisse.

Die Freilichtbühne in Lilienthal - Anziehungspunkt

für Jung und Alt ist inzwischen zu einer

nicht zu ersetzenden Institution für das kulturelle

Leben in der ganzen Region geworden -

Helmut Strümpler berichtet.

J.-Chr. Findorff - im nächsten Jahr jährt sich

sein Geburtstag zum 300. Mal - Anlaß genug

für viele Veranstaltungen und Feiern - Gerhard

Behrens informiert.

Maren Arndt bringt uns die „Besenheide“,

Blume des Jahres 2019, näher - auch wenn die

Hauptblütezeit wohl der Spätsommer ist.

Weit in die Vergangenheit zurück katapultiert

uns Hans Christiansen mit seinem Artikel über

die „Häuptlinge Ostfrieslands“ - gute 700 Jahre

retour....

Eine Würdigung der Kunsthistorikerin und Vogeler-Kennerin

Dr. Rena Noltenius hat Johannes

Rehder-Plümpe für uns verfaßt.

Schon mal etwas von „Wilhelm Hartmann“

gehört - oder von „Bleimennige“; wahrscheinlich

eher nur von letzterem. Wie beides zusammenpaßt,

lesen Sie im Artikel von Herbert A.

Peschel über das „Hartmannstift“.

Zum Thema „Schießstand Waakhausen“ hat

sich die „Bürgerinitiative Naturschutz Worpswede“

zu Wort gemeldet - wir veröffentlichen

gerne ihre Darstellung dazu.

Auch große Maler haben mal klein angefangen

- wie so etwas aussehen kann, zeigt uns eine

Ausstellung einer Tarmstedter Malschule in der

dortigen Bibliothek.

Ich hoffe, Sie finden ausreichend Muße, um

sich dem Lesestoff zu widmen - dabei wünsche

ich Ihnen viel Freude!

Ihr

Jürgen Langenbruch, Herausgeber

Impressum

Herausgeber und Verlag: Druckerpresse-Verlag

UG (haftungsbeschränkt), Scheeren 12,

28865 Lilienthal,

Tel. 04298/46 99 09, Fax 04298/3 04 67,

E-Mail info@heimat-rundblick.de,

Geschäftsführer: Jürgen Langenbruch M.A.,

HRB Amtsgericht Walsrode 202140.

Für unverlangt zugesandte Manuskripte und

Bilder wird keine Haftung übernommen.

Kürzungen vorbehalten. Die veröffentlichten

Beiträge werden von den Autoren selbst

verantwortet und geben nicht unbedingt die

Meinung der Redaktion wieder. Wir behalten

uns das Recht vor, Beiträge und auch Anzeigen

nicht zu veröffentlichen.

Leserservice:

Tel. 04298/46 99 09, Fax 04298/3 04 67

Korrektur: Helmut Strümpler

Erscheinungsweise: vierteljährlich

Bezugspreis: Einzelheft 5,25 €, Abonnement

21,– € jährlich frei Haus. Bestellungen nimmt

der Verlag entgegen; bitte Abbuchungsermächtigung

beifügen. Kündigung drei Monate

vor Ablauf des Jahresabonnements möglich.

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Druck: Langenbruch Druck und Medien,

Lilienthal

Erfüllungsort: Lilienthal,

Gerichtsstand Osterholz-Scharmbeck

Der HEIMAT-RUNDBLICK ist erhältlich:

Worpswede: Buchhandlung Netzel,

Barkenhoff, Museumsanlage OHZ

Unser Redaktionsteam:

Maren Arndt, Wilhelm Berger, Johann Brünjes,

Dr. Hans Christiansen, Susanne Eilers,

Wilko Jäger, Gabriele Jannowitz-Heumann,

Rupprecht Knoop, Harald Kühn, Jürgen Langenbruch

M.A., Siegfried Makedanz, Herbert

A. Peschel, Horst Plambeck, Daniela Platz,

Johannes Rehder-Plümpe, Peter Richter, Anke

Schoenhoff-Prikulis, Manfred Simmering, Harald

Steinmann, Dr. Helmut Stelljes, Helmut

Strümpler, Prof. Jürgen Teumer

Titelbild:

Hans J. Rath

Archaische Spirale II

RUNDBLICK Herbst 2019

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Ausstellung Hans J. Rath

Zwischen Welten

Hans J. Rath

Foto: Eike R. Knopf, © Britta Rath

Im August/September stellte der Kunstverein

Osterholz im Gut Sandbeck einen

außergewöhnlichen, sozusagen dem Universum

verpflichteten Maler vor: Prof. Hans

J. Rath.

Nach der Begrüßung durch Andreas

Pirner als Vertreter des Kunstvereins Osterholz

sprach die Witwe und langjährige Begleiterin

auf vielen Reisen und Kongressen,

Britta Rath, über das Schaffen ihres leider

früh verstorbenen Ehegatten.

Hans Rath, Gründer des Zentrums für

angewandte Raumfahrttechnologie und

Mikrogravitation (ZARM) an der Universität

Bremen und verantwortlich für den

weithin sichtbaren Fallturm wurde 1947 in

Nuttlar im Sauerland geboren. Nach der

Promotion 1976 erhielt er 1981 den Ruf

als Professor für Technische Mechanik und

Strömungslehre an die Universität Bremen.

Später wurde sein Lehrstuhl um die Bereiche

Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation

erweitert.

Wo ist dann noch die Zeit für künstlerische

Aktivitäten, fragt man sich angesichts der

Hans Rath: „Circular Universe XIII“ (li.), „Lonely Planet XIII“ (Mi.), „Lonely Planet XX“ (re.) – alle 2012,

Acryl auf Leinwand, 50 x 100 cm © Britta Rath

Hans Rath: „Archaische Spirale II“, 2003, Acryl und Tusche auf Leinwand, 120 x 120 cm, © Britta Rath

Vielzahl der aufwändig und akribisch produzierten

Bilder. Nun, bereits 1966 nahm

er an einer Gruppenausstellung in Frankfurt

teil – er malte morgens, abends, nachts

und machte während seines Studiums auch

noch in den Vorlesungen Skizzen.

Die Grundfrage der Menschheit nach dem

Woher und Wohin, die Suche nach dem Ursprung

des Universums und des Lebens,

die originären Zusammenhänge von Chaos

und Ordnung sind die Themen, die Hans

Rath in seiner wissenschaftlichen und künstlerischen

Arbeit bewegten und inspirierten.

Beispielhaft sind die Darstellungen der Spirale,

die sich überall in der Natur und im

Kosmos wiederfindet.

Thomas Reiter, bekannt als Raumfahrer

mit zeitweiligem Wohnsitz in der russischen

Raumstation MIR und in der internationalen

Station ISS, hielt die Laudatio auf Hans Rath,

nachfolgend auszugsweise wiedergegeben:

„Der Blick in den Sternenhimmel hat in gleicher

Weise seit Menschengedenken die Künste

beflügelt und beeinflusst. Der Traum, sich vogelgleich

in die Höhe zu erheben und von dort

auf unsere Erde hinabzuschauen, ist bereits in

der griechischen Mythologie verankert: z. B.

durch die Geschichte von Ikarus und Daedalus

4 RUNDBLICK Herbst 2019


oder gar die berühmte Himmelsscheibe von

Nebra, welche mit einem Alter von 3700 bis

4100 Jahren wohl die älteste Himmelsdarstellung

ist, die man heute kennt. (...)

Der Weltraum, die Gestirne und die Planeten

waren immer wieder Gegenstand von Dichtung,

Schriftstellerei, Musik und natürlich auch

der Malerei, und sind es auch heute noch.

Unser lieber Freund, Professor Hans Rath,

war mit dem Weltraum und der Raumfahrt

sowohl von wissenschaftlicher als auch von

künstlerischer Seite aus sehr eng verbunden.

(...)

Wer sich tagein, tagaus mit solch komplizierten

Problemen der Physik, der Technik und des

Managements eines solchen Instituts auseinandersetzt,

der braucht einen Ausgleich. Wie

Britta Rath es gerade beschrieben hat, war die

Malerei eben dieser Ausgleich und gleichzeitig

Quelle der Inspiration.

Ein Sachverhalt, den ich selbst nur allzu gut

nachvollziehen kann. Wenn wir an Bord der

Raumstation nach einem arbeitsreichen Tag

(...) aus dem Fenster geschaut haben, dann

war dieser Ausblick – auf unseren wunderschönen

Planeten oder auch in die Tiefen des Weltraums

– spektakulär, inspirierend und hat sich

in unsere Erinnerung geradezu eingebrannt.

(...) Sonnenauf- und Untergänge, Kontinente,

Aurora, Mond, Sternenhimmel. (...)

Ich bin mir sicher, wäre Hans Rath mit an

Bord gewesen, er hätte so oft es möglich gewesen

wäre, Skizzen angefertigt, die er dann

nach seiner Rückkehr in Gemälde umgesetzt

hätte. (...)

In den knapp 14 Mrd. Jahren, die unser

Universum alt ist, entstanden Milliarden von

Galaxien, die wiederum Milliarden von Sternen

und Planeten enthalten. Aus dem Chaos

nach dem Big Bang entstand – räumlich oder

zeitlich begrenzt – eine gewisse Ordnung. Eine

der entscheidenden Kräfte, die hierzu beigetragen

haben, ist die Gravitation. Ihr ist es zu

verdanken, dass sich im Universum Strukturen

wie Cluster, Galaxien, Sterne und Planetensysteme

gebildet haben. (...)

Die Gravitation als „ordnende Kraft“ (...),

die war sicher auch einer der Gründe, warum

sich Hans Rath und sein Institut im Rahmen

ihrer Forschung unter anderem auch mit diesem

Phänomen, insbesondere der Frage, ob es

Hans Rath: „Woher – Wohin VIII“, 1996, Ölkreide auf weißem Karton, 30 x 20 cm, © Britta Rath

Hans Rath: „Art and Science at ZARM II“, 1997, Papiercollage, 60 x 60 cm, © Britta Rath

Unterschiede zwischen der schweren und der

trägen Masse gibt, beschäftigt haben. (...)

Doch zurück zu einer der Fragen, die Hans

Rath bewegt haben – nämlich die Frage nach

Leben in diesem unendlichen Universum. In

Anbetracht dieser unvorstellbaren Anzahl

von Galaxien, Sonnen und deren Planeten ist

es für mich alleine aus statistischen Gründen

kaum vorstellbar, dass dort draußen nicht irgendwo

Leben entstanden ist. Der Nachweis

ist uns allerdings bisher noch nicht gelungen.

Kann es sein, dass die Bausteine des Lebens

von Asteroiden oder Kometen auf unseren Planeten

gebracht wurden? (...)

Ich habe eingangs darüber gemutmaßt,

welche Wirkung der Blick aus dem Erdorbit auf

unseren Planeten und in die Tiefen des Weltraums

wohl auf Hans Rath gehabt hätte, zu

welchen Bildern ihn das Gefühl der Schwerelosigkeit,

dieser unglaublichen Leichtigkeit des

Seins, in Verbindung mit dem Anblick unseres

wunderschönen blauen Planten inspiriert hätte.

Nun, auch wenn er selbst nicht im Weltraum

war, so hat er uns doch Bilder hinterlassen, die

das Universum von einer anderen, von seiner

Perspektive darstellen. (...)

Und ich bin mir sicher, dass Sie mit dem Blick

in den Sternenhimmel, in einer der kommenden

lauen Sommernächte, auch diese Bilder

von Hans Rath verbinden werden.“

RUNDBLICK Herbst 2019

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Planung und Errichtung des Osterholzer Hafens

sowie des zur Hamme führenden Kanals (II)

Ende August des Jahres 1763 kamen in

Ottersberg hochrangige Beamte zusammen,

um auf einem Landgericht geplante

Vorhaben in der Region, aber auch aufgetretene

Probleme ausführlich zu erörtern.

Unter Vorsitz des Geheimen Cammer-Rahts

von Bremer berieten im Beisein der Cammer-Sekretäre

Augsburg und Hansen 5 Beamte

(Amtmänner, Amtschreiber, Förster)

verschiedene Punkte, bei denen auch der

Amtsvoigt Findorff zugegen war.

Am 29. August stießen aus Osterholz

noch der Amtmann Meiners und der Amtschreiber

Hofmeister hinzu, denn es sollte

nun um Pläne gehen, die insbesondere dieses

Amt und den gleichnamigen Ort zum

Gegenstand hatten. 8)

Während von Bremer sich zunächst noch

recht allgemein über die Anlage von Kanälen

in den Moorkolonien und die Schifffahrt

auf diesen Wasserwegen ausließ, brachte

Meiners die Diskussion schnell auf den Torfhandel

und die Möglichkeiten, die sich hier

für Osterholz ergeben könnten. Er meinte,

die Gelegenheit sei günstig, weil das Monopol

der Bremer Eichenfahrer infolge von

Aufträgen während des gerade beendeten

Krieges geschwächt sei. Da bereits einige

Schiffer aus Ostfriesland in die entstandene

Lücke gestoßen seien und sich sogar eine

dauerhafte Ansiedlung in Osterholz vorstellen

könnten, wäre die Schaffung eines

sicheren Siedlungsplatzes für diese Berufsgruppe

von großem Vorteil, nicht nur für

den Ort, sondern für die Region. Selbst eine

Verschiffung von Torf bis in den Bereich der

Oberweser konnte er sich durch die gestiegenen

Kapazitäten vorstellen.

Pläne für einen Kanal

zwischen Hamme und Oste

Dem pflichtete von Bremer bei und betonte,

dass nicht nur die Einwohnerzahl,

sondern auch die Wirtschaftskraft beträchtlich

erhöht würde und man daher neben

den üblichen 10 – 12 Freijahren auch einiges

Bauholz und Bargeld als Anreiz zur

Verfügung stellen sollte, um die fremden

Schiffer an den Ort zu binden.

Meiners schlug für die Ansiedlung die

„Gegend an dem Ziegeley Canale längst

der Kloster Weyde“ vor; Ackerland würde

nicht gebraucht. Von einem Hafen ist an

dieser Stelle explizit auch noch nicht die

Rede, erst einmal nur von Liegeplätzen. Das

müsse aber noch näher untersucht werden.

Und an Findorff erging der Auftrag, einen

Plan über die Gegebenheiten und die geplante

Ansiedlung zu erstellen.

Ausschnitt aus der von Findorff kopierten General-Charte

Nun war und ist Osterholz von seiner

Lage her kein Ort, der prädestiniert ist für

die Anlage eines Hafens. Der Ort liegt nicht

an einem schiffbaren Gewässer. Die Hamme

fließt in einigen Kilometern am Ort vorbei;

die angrenzenden Niederungsgebiete

waren regelmäßig überschwemmt und als

Bauland nicht geeignet.

Doch Osterholz war Amtssitz und somit

auch für das wirtschaftliche Wohlergehen

der Region verantwortlich. Zudem hatte

sich die Anlage der Ziegelei erfolgreich gestaltet;

dadurch besaß der Betrieb bereits

eine Verbindung zur Hamme; die Erweiterung

des Ziegeleigrabens würde auch dem

Transport der Güter von und nach der Ziegelei

zugute kommen.

Entscheidend aber war, dass seitens

der Herrschaft bereits recht früh aus wirtschaftlichen

und politischen Gründen der

Entschluss gefasst wurde, im Zuge der gerade

beginnenden staatlichen Moor-Kultivierung

einen Schifffahrtsweg zu schaffen,

der die Hamme mit der Oste und damit

die Weser mit der Elbe verbinden sollte, einen

so genannten Communications-Canal.

Dazu hatte man eine Untersuchungs-Commission

gebildet, bestehend aus dem

Ober-Landbaumeister von Bonn, dem

Oberamtmann Jacobi, dem Ingenieur-Lieutenant

Bühne und weiteren Bedienten,

die bereits in den Jahren 1749, 1750 und

1751 die Region hinsichtlich ihrer Beschaffenheit

untersucht, ihre Ergebnisse in einem

schriftlichen Bericht an die Cammer

formuliert und zusammen mit Plänen und

Kosten-Anschlägen eingereicht haben. 9)

Dort scheint sich in der Folge niemand

weiter dafür interessiert zu haben, denn

eine konkrete Planung ist daraus nicht

erwachsen. Sei es, dass der Bedarf nicht

hinreichend gewesen ist, sei es, dass die

Kenntnisse über das Terrain noch zu lückenhaft,

die vorliegenden Karten noch zu

ungenau und Bauvorhaben damit zu unsicher

und riskant gewesen sind. Die von

Findorff als Kopie gezeichnete Karte aus

dem Jahre 1753 dokumentiert den noch

sehr lückenhaften Kenntnisstand über die

Teufelsmoor-Region. 10)

Erst im Februar 1764 tauchte das Projekt

im Zusammenhang mit der Planung eines

Hafens und einer Ansiedlung in der Nähe

des Fleckens Osterholz bei von Bremer wieder

auf. Aber die alten Unterlagen waren

verschollen und in der Cammer-Registratur

nicht aufzufinden, sodass sich Cammer-Präsident

Münchhausen am 21. Juni

an von Bonn wandte, ihn an die damalige

Commission erinnerte und ihn aufforderte,

alles, was er noch darüber hat oder weiß,

der Cammer einzusenden. Gleichzeitig

ging eine entsprechende Aufforderung

auch an den Oberamtmann Jacobi. 9)

Die Suche führte aber dann doch noch

zum Erfolg, und die Akten sind wieder aufgetaucht,

denn schon am 30. Juni konnte

Münchhausen diese dem Obrist-Lieutenant

du Plat nach Osterholz nachsenden.

Gleichzeitig beauftragte Münchhausen den

Landbaumeister Vick 11) , mit seinen speziellen

Kenntnissen im Wasser- und Schleusenbau,

du Plat vor Ort unterstützend zur

Hand zu gehen.

Aber es ging bereits mehr um den Hafenbau

und den Verbindungskanal, auch

6 RUNDBLICK Herbst 2019


wenn von Bremer am 31. August du Plat

gegenüber die Vorstellungen der Cammer

hinsichtlich des Communications-Canals

korrigierend erläutert hat. Du Plat hatte

wohl vorausgesetzt, „daß die Absicht der

Cammer sey, daß See fahrende Schiffe

von der Weser nach der Elbe durchs Land

sollten gehen können.“ Tatsächlich aber

sei die Absicht, „1.) daß die Eichen, Tyalcken

pp bis Osterholtz sollten gehen können,

2.) daß zu Osterholtz, wenn Waaren

weiter zu transportiren, auf kleinere Schiffe

oder Kähne… umgeladen werden, und

diese kleinen Schiffe auf der Hamme und

dem neuen Canal bis Bremervörde gehen

sollten, 3.) daß die Waaren… zu Bremervörde

auf die auf dem Osten Strom gewöhnlichen

Ewers umgeladen würden.“

Dieser Schiffstyp könne dann bis Hamburg

verkehren oder seine Fracht in Neuhaus an

seetüchtige Schiffe abgeben. 9)

Viel weiter wurden 1764 die Planungen

nicht vorangetrieben, sondern zunächst auf

das Jahr 1765 verschoben, zumal selbst der

König gemahnt hatte, dass „ein Werk von

solcher Beträchtlichkeit und Umfang keine

Übereilung zulaße“ 12) und auch, weil man

sich der Tatsache bewusst war, dass noch

keine hinreichend genaue Karte für das

Projekt-Gebiet vorlag, man diese jedoch als

Grundlage für detaillierte Trassierung und

Niveaubestimmung benötigte.

Kartierung der Moorgebiete

Ausschnitt aus der Karte des Kurfürstentums

Hannover von O. v. Bonn; NLA Hannover, Kartensammlung

Nr. 1/37 m

Messtischarbeit

Genaue Karten hatte Findorff in den Jahren

1755 von der Ortschaft Teufelsmoor

und 1756 von Osterholz vorgelegt; beide

Kartenwerke berühren die Hamme. Noch

etwas älter ist eine Übersichtskarte vom selben

Autor, die er als Kopie einer Karte von

Werner 1753 verfertigt hatte (s. o.).

Eine Karte des gesamten Kurfürstentums

hatte 1759 der Förderer Findorffs, der Hannoversche

Ober-Landbaumeister von Bonn

präsentiert, die aber auch keinen genauen

Überblick über die Geländeverhältnisse ermöglichte.

13)

Dies wurde aber in London zu Recht als

Voraussetzung dafür gesehen, weiter zu

planen und v. a. auch verlässliche Aussagen

über die zu erwartenden Kosten eines

solch umfangreichen Projektes, wie es der

Durchstich zwischen Hamme und Oste nun

einmal bedeutete, machen zu können.

Beginn der Kurhannoverschen

Landesaufnahme

Der Auftrag, eine entsprechende Karte

zu erstellen, ging direkt an das eigens

gebildete Ingenieurkorps in Hannover. Es

umfasste nur bis zu 20 Offiziere, die spezielle

Kenntnisse der Landesvermessung und

Kartierung erworben hatten. 14) Seit 1759

bzw. 1763 (nach Ende des Siebenjährigen

Krieges) unterstand dieses Ingenieurkorps

dem Obrist-Lieutenant Georg Josua du Plat

(1722 – 1795), der von Hannover aus die

Einsätze der Offiziere koordinierte. Er selbst

stammte aus einem französischen Adelsgeschlecht,

dessen Mitglieder regelrecht eine

Dynastie von Militär-Kartografen bildeten.

„Es dürfte einmalig sein, daß sich eine

Landesvermessung aus einem entlegenen

Ingenieurbauprojekt im Rahmen von Ansiedlungsmaßnahmen

im Hochmoor entwickelte.“

15) Aber gerade hier stand man

vor der Notwendigkeit, mehrere Aufgaben

zu bewältigen, die miteinander verknüpft

waren. Zum einen sollte ein Kanal zwischen

Hamme und Oste gebaut werden, zum

zweiten ein Hafen in Osterholz angelegt

werden, der von der Hamme her erschlossen

werden musste. Und drittens war man

seit 1751 mit der staatlichen Kultivierung

der Moore befasst; auch hier brauchte man

verlässliche Vermessungsergebnisse, um

Siedlungen und Wasserwege anlegen zu

können.

Die Kartierung darf man durchaus als

ehrgeizig bezeichnen, ging es doch vielfach

in unwegsames Gelände. Die Offiziere

mussten Orientierungspunkte suchen

und gründlich vermessen. Ihre wichtigsten

Geräte vor Ort waren dabei Messkette,

Messstange und Messtisch mit Lineal und

Kompass.

Der quadratische Messtisch besaß eine

Seitenlänge von 1 ½ Fuß = 18 Zoll. Auf die

ser Strecke sollte die Karte eine Weglänge

RUNDBLICK Herbst 2019

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300 Jahre Jürgen Christian Findorff

Veranstaltungen zum Jubiläum

Am 20. Februar 2020 jährt sich zum 300.

Mal der Geburtstag des Moorkommissars

Jürgen Christian Findorff. In einer Vielzahl

von Veranstaltungen soll in dem Jubiläumsjahr

an die Person des Moorkommissars

erinnert und seine Verdienste gewürdigt

werden. Hierfür hatte sich bereits vor 2 Jahren

auf Initiative des Vorsitzenden des Heimatvereins

Iselersheim, Hermann Röttjer,

ein Arbeitskreis aus Heimatvereinen, Kommunen

und Touristikagenturen gebildet. In

der letzten Tagung dieses Arbeitskreises berichtete

der Landtagsabgeordnete Marco

Mohrmann, dass der für Wissenschaft und

Kultur zuständige Minister Björn Thümler

großes Interesse an den Feierlichkeiten

bezeugt habe. Von den verschiedenen

Arbeitskreisen wurde das vorläufige Programm

vorgestellt:

Den Auftakt bildet am 22. Februar eine

Andacht in der Kirche Iselersheim mit einer

Gedenkminute am dortigen Findorff- Grab.

In der Worpsweder Zionskirche findet am

29.März, dem Tag der Kirchweihe 1759,

ein Festgottesdienst statt. Am 1. und 2. April

wird im Kulturzentrum „Murkens Hof“

in Lilienthal der Film „Das Mädchen vom

Moorhof“ gezeigt. Der Film wurde in den

1930er-Jahren zum Teil im Raum Lilienthal

gedreht.

Die große Torfkahn-Armada führt am 25.

und 26. April wieder zum ehemaligen Torfhafen

in Bremen-Findorff. Gleichzeitig veranstaltet

dort der Bürgerverein Findorff ein

Torfhafenfest. Für den 1. Mai bereitet der

Heimatverein Ströhe-Spreddig eine Sonderausstellung

auf seiner Museumsanlage

vor. Der Heimatverein Gnarrenburg lädt

am 10. Mai zum Backtag und am 14. Juni

zum Handwerkertag auf den „Historischen

Moorhof“ in Augustendorf ein. Die Torfkahnschiffer

Osterholz-Scharmbeck veranstalten

am 11. Juli ein Hafenfest.

Am 31. Juli, dem Todestag von Findorff,

wird an seinem Denkmal in Worpswede

eine Gedenkveranstaltung abgehalten. Die

Worphüser Heimatfrünn ergänzen am 16.

August ihren Backtag mit extra Aktionen

und zeigen am 11. September den Film

„Das Mädchen vom Moorhof“.

Die zentrale Hauptveranstaltung steigt am

29. und 30. August in einem großen Festzelt

auf dem Schützenplatz

in Worpswede. Geboten

wird ein buntes Unterhaltungsprogramm

mit Festvorträgen,

Musik, Tanz, alter

Handwerkskunst u.a. Als Ehrengast

wird der Schirmherr

Ministerpräsident Stephan

Weil erwartet.

Am 12. und 13.September

plant der Verein „Findorffs

Erben vom Kollbecksmoor“

entlang des Oste-Hamme-Kanals

ein großes Fest

mit plattdeutschem Gottesdienst,

historischem Ernteumzug

und „Kanal in Flammen“.

In der von Findorff

erbauten Pauluskirche in

Gnarrenburg findet am 28.

September ein plattdeutscher

Abend-Gottesdienst

statt. Eine kleine Torfkahnarmada

startet am 3. und 4.

Oktober. Unter Beteiligung

der Adolphsdorfer Torfschiffer,

der Torfkahnschiffer

Osterholz-Scharmbeck und

des Vereins Findorffs Erben

vom Kollbecksmoor geht die

Fahrt von Melchers Hütte

zur Kreuzkuhle.

Der Spielfilm „Teufelsmoor“

kommt im Oktober

an mehreren Tagen in Iselersheim

und Gnarrenburg

zur Aufführung.

Bis zum 1. September läuft

beim Landkreis Osterholz ein

Fotowettbewerb unter dem

Thema „Kirchen im hiesigen

Landkreis“. Auf der Freilichtbühne Lilienthal

kommt das Musical „Der schwarze Vogt“

zur Aufführung. Die Wanderausstellung

„Kulturerbe Findorff-Siedlungen Gestern,

Heute und Morgen?“ wird an verschiedenen

Stellen zu sehen sein. Von der Volkshochschule

Lilienthal werden verschiedene

Radtouren angeboten.

In weiterer Planung sind noch eine Präsentation

von Dokumenten zu Findorff im

Bremervörder Kreisarchiv, die Eröffnung

eines neuen Radweges ab Bahnhof Nordsode

und im August die „Hamme-Nacht“

mit Torfkahnfahrten im Mondlicht auf

der Hamme. Die Arbeitsgemeinschaft

„Findorff-Siedlungen“ beim Landkreis Osterholz

arbeitet an einer Faltkarte mit vielen

historischen Orten und Sehenswürdigkeiten

in der Findorff-Region.

Somit steht uns ein ereignisreiches Jahr

2020 bevor. Gerhard Behrens

RUNDBLICK Herbst 2019

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So ein Theater!

Freilichttheater Lilienthal

Freitag, 23. August 2019, 19:00 Uhr, 25

Grad - ein lauer Sommerabend. Plötzlich

sind Urwaldgeräusche und ungewohnte

Tierlaute zu hören. Und da kommen sie: Affen,

Wölfe, Erdmännchen, Elefanten, Geier,

eine Schildkröte, einTiger, ein Panther, ein

Bär, eine Schlange, ein Pfau. Wilde Tiere in

der norddeutschen Tiefebene? Mitnichten.

Fünfhundert Zuschauer sitzen erwartungsvoll

in der Freilichtbühne Lilienthal und

freuen sich auf das Spektakel „Dschungelbuch“.

Der Literatur-Nobelpreisträger Rudyard

Kipling schreibt 1894 die Geschichte des

Findelkindes Mogli, das von einem Wolfsrudel

aufgezogen wird, als der Tiger Shir

Khan das Dorf seiner Eltern angreift und

alle Bewohner fliehen müssen. Mogli wird

vom Bär Balu und dem Panther Baghira

erzogen. Er wächst zwischen Schlangen,

Tigern, Elefanten, Affen und Geiern auf,

schützen muss er sich jedoch vor seinem

Erzfeind Shir Khan. Sein Wunsch:“Ich will

kein Mensch, ich will ein Bär werden!“,

bleibt unerfüllt, denn Baghira ahnt, dass

Mogli im Dschungel nicht mehr sicher sein

würde; er soll zurück ins Menschendorf.

So geschieht es am Ende, ein spannendes

Stück für Jung und Alt.

„Um dem Verhalten und der Gangart

der Tiere möglichst nahezukommen, studierten

die Darsteller sie im Rahmen eines

Zoo-Besuchs in Osnabrück. Zwar bewegen

sich die Darsteller nicht auf vier Beinen.

‚Aber sie behalten den Tiercharakter bei’, so

der künstlerische Leiter Dieter Klau-Emken“

(WÜMME-Report, 04.08.19). Die fantasievollen

Kostüme tragen zur Authentizität

bei. Etwas 40 Schauspieler wirken mit, etliche

Rollen sind doppelt besetzt, die Jüngste

im Ensemble ist die fünfjährige Emily.

Schon 1990 und 2004 inszeniert die Freilichtbühne

das „Dschungelbuch“, nun also

das dritte Mal dieses spannende Abenteuer

für Kinder und Erwachsene. Die erste Spielzeit

beginnt 1985 mit dem „Leevsquartett“

von Heinrich Schmidt-Barrien. Inzwischen

summiert es sich auf über 80 Familienund

Abendstücke, Wiederholungen eingeschlossen.

10 RUNDBLICK Herbst 2019


Zuwegung zum neuen WC-Gebäude

Am 10. August d.J. läuft die Premiere des

„Dschungelbuch“, und zwar auf einer Freilichtbühne,

die sich grundsaniert präsentiert,

mit neuem Zuschauerraum, neuen

Sanitäranlagen und mit einem modernen

Turm, in dem die Technik untergebracht

ist.

Aber blicken wir zurück in die Anfänge

der Bühne. Vereinschronist Chris Henche

hat mit liebevoller Sorgfalt die Geschichte

dieser Einrichtung aufgeschrieben und mit

vielen Fotos ergänzt. Die folgende Beschreibung

darüber, wie sich die Bühne bis zur

Gegenwart entwickelt hat, und die Fotos,

sind mit seinem Einverständnis inhaltlich

den Aufzeichnungen entnommen:

Am 29.10.1984 heben 17 Gründungsmitglieder

den Verein „Freilichtbühne e.V.“

auf der Höge aus der Taufe. Das „Vorwerk

Höge“ ist ein altes landwirtschaftliches Gehöft

im Ortsteil Frankenburg, auf einer Wurt

gelegen. Im März 1997 wird das alte Fachwerkhaus

durch einen technischen Defekt

ein Raub der Flammen und völlig zerstört.

Die Bühne in der Nachbarschaft bleibt erfreulicherweise

vom Brand verschont.

Die Erstausstattung der Bühne ist spartanisch:

einfache Sitzbänke ohne Rückenlehne,

Bühne und Zuschauerbereich sind

durch einen Graben getrennt, die Bühnenfläche

wird aufgeschüttet und durch alte

Bahnschwellen eingegrenzt, die Hauptspielfläche

wird mit einem Holzboden ausgelegt.

Als Umkleide- und Schminkraum

dient ein Wohnwagen mit Vorzelt. Die

Beleuchtung wird durch Strahler erzeugt,

die aufgespießt vor dem Graben im Boden

stecken.

Anfang der 90er-Jahre sind große Investitionen

erforderlich, ein neues Betriebsgebäude

entsteht. Der Industrielle Conrad

Naber gründet den „Freundeskreis Freilichtbühne“,

der sowohl finanzielle als auch

ideelle Unterstützung generiert. So ist es

u.a. möglich, die Bühnentechnik zu verbessern.

Ein geflügeltes Wort lautet:“Wer nicht

mit der Zeit geht, geht mit der Zeit!“ Das

gilt insbesondere für eine Einrichtung, die

Wind und Wetter ausgesetzt ist. Die EU und

das Land Niedersachsen fördern das „Projekt

Modernisierung der Freilichtbühne Lilienthal“.

Umfangreiche Baumaßnahmen

bringen neuen Glanz. Mit der Premiere in

diesem Jahr endet eine aufregende Zeit

der Umgestaltung. Ulla Hark-Sommer, Vorstandsvorsitzende

und Theaterchefin, erinnert

sich:

„Es ist ein Samstagvormittag Mitte März.

Ich stehe vor der Bühne mit Blick in den

Zuschauerraum. Aus dicken, grauen Wolken

fällt feiner Nieselregen und ich sehe -

nichts! Keine Bänke für die Zuschauer, kein

Technikgebäude, keine Vegetation. Das Gelände

gleicht einer Mondlandschaft - unwirtlich

und voller Krater. An der linken Seite

ragen grüne, bizarren Kakteen ähnelnde

Gebilde aus einem „Fast-Fundament“ - ,

die sich als zukünftige Anschlüsse für den

Sanitärbereich entpuppen. Kaum vorstellbar,

dass hier im Sommer fröhliche Menschen

ebenso fröhliches Theater erleben.

Und dann drehe ich mich um und sehe

auf der Bühne Männer, die scheinbar völlig

unbeeindruckt von dieser Umgebung alte

Bühnenplatten entfernen und durch neue

ersetzen, die die Wände für den Bühnenhintergrund

grün streichen und montieren,

die kompetent den Aufbau des Bühnenbildes

diskutieren...“, (Programmheft der Freilichtbühne

Liliethal e.V., Saison 2019).

Die Diskussionen sind vorbei, die Arbeiten

abgeschlossen. In 16 Vorstellungen von August

bis September haben mehr als 7000

Zuschauer Freude am „Dschungelbuch“

gehabt. „Rekord-Saison auf der Freilichtbühne“,

titelt die WÜMME-ZEITUNG am

29.09.2019 - Chapeau!

„Ihr naht euch wieder, schwankende

Gestalten...“, heißt es in Goethes Faust,

Vorspiel auf dem Theater. Warten wir also

gespannt, welche Inszenierungen uns die

„schwankenden Gestalten“ in der Saison

ab Frühjahr 2020 bieten!


Helmut Strümpler

Blick von der Bühne in den Zuschauerraum und auf den Technikturm

RUNDBLICK Herbst 2019

11


Hannes Bibelhausen

Kunst und Denkmalschutz als Lebenselixier

Seine erste Liebe ist Hilde. Sie, eine Grasbergerin,

hat Hannes Bibelhausen beim von

ihm so geliebten Skifahren kennengelernt.

1964 haben die beiden dann geheiratet

und 1968 in Grasberg ein Haus gebaut.

Hannes hat eine interessante Vita. Er ist

gebürtiger Ostpreuße, seine Mutter war

mit ihm vor den Russen geflüchtet und

über Sachsen nach Österreich gekommen.

Um endgültig in Schwabach/Mittelfranken

Fuß zu fassen. In Büttenheim eingeschult.

Das war 1948. Seine Kindheit und Jugend

waren für ihn ein Traum. Er, der überall

„Hannes, der Bayer“ genannt wurde,

empfand dort die Natur als gewaltig. Die

Wälder wurden durchstreift. Hütten gebaut

und oft wurde geschwommen.

Als junger Mann verschlug es ihn nach

Bremen, weil seine Verwandtschaft hier

wohnte. Er schlug die Beamtenlaufbahn

bei der Post ein. Und kam dann zur Denkmalstiftung

„Das Handwerk im Denkmalschutz“

interessierte ihn sehr. 19 Jahre

machte er auch Öffentlichkeitsarbeit. Eine

tolle Zeit. Wissen um das Denkmal vermitteln

– das war sein Ding. Er war sozusagen

ein Einzelkämpfer in der Provinz.

Die Mühle in Worpswede ist so ein Beispiel.

Der Erhalt sollte durch Sanierung gewährleistet

werden. Da kamen vom Landkreis

plötzlich keine Mittel mehr. Hannes

machte seine guten Beziehungen nach

Bonn zur Stiftung Deutscher Denkmalschutz

geltend. Es kamen Fachleute zum

Anschauen. Und auch so geschehen mit einem

alten Bauernhaus in Seehausen. Auch

dort wird geholfen.

Es waren die 80er-Jahre. Hannes Bibelhausen

machte, wie so oft, mit dem Fahrrad

eine Ausfahrt. Da lag er. Ein Baumstamm

vom Bauern aus der Erde gepflügt. Den

musste er haben. Er fragte beim Bauern

Hermann Busch an. Und der schenkte ihm

den Stamm. Ein Stamm, der so hart – fast

versteinert – war. Man möchte meinen, er

läge schon 1.000 Jahre im Moor.

Dirk Wendelken aus Grasberg holte den

Stamm ab. Und dann kam das Künstlerische

und Handwerkliche bei Hannes zum

Einsatz. Er schuf eine Skulptur, die sehr

interessant ist. Versehen mit einer Scheibe

aus Blattgold. Die glänzt in der Sonne sehr.

Sie hat in dem wunderschön angelegten

Garten neben anderen Kunstwerken ihren

Platz gefunden.

Die ersten Inspirationen holte er sich aus

Worpswede. Holz, Kupfer, Messing und

Acryl-Goldlack hat er gerne verarbeitet.

Da er Grundkenntnisse in der Bearbeitung

von Silber und Gold hat, hat er auch mit

Edel- und Halbedelsteinen gearbeitet. Man

möge es nicht glauben – er hat auch Herren-

und Frauenschmuck erarbeitet.

Hilde Bibelhausen hat dem künstlerischem

Treiben ihres Mannes schon immer

gern zugeschaut und fühlt sich in ihrem

Haus, wo überall Kunst zu finden ist, sehr

wohl.

Text und Fotos: Manfred Simmering

12 RUNDBLICK Herbst 2019


Die Besenheide

Blume des Jahres 2019

Ein Höhepunkt des Spätsommers ist die

Heideblüte. Die lila Blütenteppiche im

August warenC für viele naturbegeisterte

Menschen der Höhepunkt des Sommers.

Die Lüneburger Heide ist berühmt für ihre

ausgedehnten Heideflächen und der Dichter

Hermann Löns hat ihr mit Worten ein

Denkmal gesetzt. Aber auch bei uns im

Teufelsmoor blüht die Heide im August auf

sonnigen und kargen Böden. Die größten

zusammenhängenden Heideflächen finden

wir im Springmoor und im Heilsmoor. Um

die Heide zu erhalten, werden in diesen

Schutzgebieten regelmäßig Pflegemaßnahmen

durchgeführt. Der Vergrasung

und Verbuschung muss vorgebeugt werden,

auch nachwachsende junge Baumbestände

werden entfernt. Schüler der KGS

Hambergen helfen bei dieser Arbeit und

sind seit Jahren begeisterte Moorpaten.

Ohne Pflege würden zusammenhängende


Foto: Maren Arndt

findet. Passend im August zur besten Heideblütezeit

beginnt diese Libellenart ihren

Lebensabschnitt an Land, nachdem sie ein

Jahr als Larve im Moorgewässer räuberisch

verbracht hat.

Es ist für Moore leider keine gute Nachricht,

wenn sich dort die Heide ausbreitet.

Heide liebt bekanntlich sandige Böden und

wächst in Mooren nur, wenn diese trocken

fallen bzw. von Menschenhand entwässert

wurden.

So ist es auch im Teufelsmoor.

Schwarze Heidelibelle

Foto: Maren Arndt

Heideflächen schnell unter Gras und schnell

wachsenden Birken und Kiefern verschwinden.

In der Lüneburger Heide übernehmen

Schäfer mit ihren großen Schafherden die

jährliche Pflege der Heideflächen.

So auch in Worpswede in der Marcusheide

mitten im Ortskern. Niemand kann

diese schöne Heidefläche besser pflegen als

Schäfer Egbert Lundens mit seiner kleinen

Schafherde und Hütehund Ayla. Ein Hauch

von Lüneburger Heide in Worpswede.

Sandige Böden mit Heidebeständen sind

ein begehrter Lebensraum für Kreuzottern,

Ringelnattern, Waldmooreidechsen. Auch

viele seltene Insekten finden dort Schutz

und Nahrung. Schmetterlingsraupen dient

die Besenheide als Futterpflanze. Die Libelle

des Jahres, die schwarze Heidelibelle,

bevorzugt Moorgebiete mit angrenzenden

Heideflächen, wie man sie im Hamberger

Moor und im Niedersandhauser Moor


Foto: Maren Arndt

RUNDBLICK Herbst 2019

13


Die Häuptlinge Ostfrieslands

Friesische Freiheit

Die Geschichte Ostfrieslands liegt fast

1000 Jahre nach Christi Geburt im Dunkeln.

Etwas Licht in die Geschichte bringt

der Missionar Bonifacius, der bereits 716

eine erste Missionsreise nach Friesland unternimmt,

welche jedoch an den Gegnern

der christlich fränkischen Missionierung

scheiterte. Bei einem erneuten, letzten Missionsversuch

wurde er im Jahre 754 oder

755 von Gegnern erschlagen. Nach ihm

versuchte es auch der Bremer Bischof Willehad

im Jahr 787. Gleichwohl brauchten

die karolingischen Könige die Friesen zum

Schutz der Küsten vor dem steigenden

Meeresspiegel und den räuberischen Wikingern.

Sie verliehen ihnen deshalb Privilegien,

in dem sie das Land unter ihren

Schutz stellten. So entstand die Legende,

dass Karl der Große ihnen die „Friesische

Freiheit“ gegeben hätte, wahrscheinlicher

ist wohl, dass Karl der Dicke im Jahr 885

den Friesen ihre Freiheit verlieh als Dank für

den Sieg über die Wikinger.

Steinpyramide von 1833

auf dem Upstalsboom

Die Friesen lebten in genossenschaftlich

organisierten Landesgemeinden, in denen

es sehr wohl Recht und Ordnung gab und

jedes Mitglied gleichberechtigt war. Dieses

System regelte innere Streitigkeiten, den

Deichbau und die Verteidigung gegen Feinde.

Auf dem „Upstalsboom“, einer alten

friesischen Thingstätte auf einem Erdhügel

bei Aurich, traf man sich jeweils an einem

Dienstag nach Pfingsten, um Streitigkeiten

zu schlichten und den Landfrieden zu bewahren.

Der Wahlspruch lautete:“Eala Frya

Fresena“ (Auf, Freie Friesen!). An der Spitze

standen jeweils zwei Vertreter führender

Familien der freien Bauern, da das aktive

und passive Wahlrecht an Grundbesitz gebunden

war. Im Laufe des 14. Jahrhunderts

zerfiel dieses bewährte System durch äußere

Einflüsse, vor allem durch große Sturmflutkatastrophen

(1362) und den Ausbruch

der Pest (1349/50). Des Weiteren spielte

die Religion in den kommenden Jahrhunderten

eine bedeutende Rolle: Ostfriesland

war praktisch zweigeteilt in eine reformierte

Region im überwiegend westemsischen

Rheiderland und in der Krummhörn, ausgehend

von den Niederlanden, und in eine

lutherische Region in den östlichen Landesteilen.

Ein mögliches Miteinander entwickelte

sich oft zu einem Nebeneinander,

manchmal zu einem Gegeneinander.

Diese Destabilisierung der inneren Ordnung

haben im 15. Jahrhundert einige

einflussreiche und vermögende Familien

Steinpyramide von 1833 auf dem Upstalsboom

genutzt mit der Erweiterung ihres Herrschaftsbereichs

und der Etablierung der Erbherrschaft.

Sie nannten sich jetzt „Häuptlinge“

(hovedlinge). Wohlgemerkt, es gab

kein Feudalsystem wie im Rest Europas, keine

Leibeigenschaft. Jeder Mensch in Ostfriesland

war frei, auch wenn er arm war.

Gleichwohl sehnten sich die Dorfgemeinschaften

nach stärkerem Schutz, den die

reicheren Bauern und Landbesitzer bieten

konnten. Reiche Bauern konnten sich Steinhäuser

bauen und besaßen teilweise sogar

Söldnertruppen. Ärmere Bauern sehnten

sich nach Schutz und Sicherheit, welche sie

vor allem in den steinernen Bauten fanden,

da diese nach und nach immer weiter zu

Wehrburgen ausgebaut wurden: Es entstand

so das ostfriesische Häuptlingswesen

mit großen und kleinen Häuptlingsfamilien.

Ostfriesland um 1300 n. Chr.

Die Geldbeschaffung für diese Häuptlingsfamilien

war ein prekäres Problem,

denn Steuern konnten nicht erhoben

werden. Die Verpachtung von Ländereien

für die Landwirtschaft, der Verkauf von

Schutzgewalt an den einfachen Bauern,

der Handel erbrachte eine kleine monitäre

Entlastung, das große Geld konnte man jedoch

schnell mit einer Kooperation mit den

Seeräubern beschaffen. Außerdem erlaubte

es das Strandrecht, jedes gestrandete Schiff

auszurauben, welches vor der Küste havarierte.

Zu diesem Zweck wurden eigens

Phantasie- Leuchtfeuer an der Küste entzündet,

um das Schiff in falsche Fahrwasser

zu lotsen.

Ostfriesland um 1300 n. Chr.

In der Zeit um 1350 etablierte sich das

Häuptlingswesen in Ostfriesland, einflussreiche

Familien übernahmen jetzt die

Macht. Wahlen gab es keine mehr, man

beanspruchte die politische Gewalt für sich

und vor allem für die Nachkommen. Auch

wurde nicht mehr der Wille des Wählers

ausgeführt; der einfache Bauer wurde so

zum Untertan. In jeder größeren Siedlung

gab es eine reiche, einflussreiche Familie

mit größerem Landbesitz, einem Steinhaus,

welches burgähnlich erweitert sein

konnte. Dessen Oberhaupt nannte sich

Häuptling und hatte sich quasi selbst in

den Adelsstand erhoben. Beim Ausdehnen

der Machtbereiche kam es zwangsläufig zu

Konflikten mit anderen Häuptlingsfamilien,

14 RUNDBLICK Herbst 2019


ei denen immer einige wenige Familien

ihre Machtbereiche ausdehnen konnten.

Das bedeutendste Häuptlingsgeschlecht

war die dominante Familie tom Brok aus

dem Norderland mit dem Hauptsitz in Marienhafe,

welche in der ersten Hälfte des 14.

Jahrhunderts mit aggressiver Machtpolitik

ihren Einflussbereich auf die Nachbarländer

Brokmerland und Emsigerland ausdehnte.

Bereits um 1309 ist die Familie belegt mit

Keno Kenesna. Sein Enkel war Keno Hilmerisma

, der sich als erster Keno I tom Brok

(ca. 1310 – 1376) nannte. Dieser war der

erste Häuptling des Brokmerlandes (1371).

Sein Sohn Ocko I (ca. 1345 – 1391) ließ

sich in Italien zum Ritter schlagen und einigte

in seiner Zeit ganz Ostfriesland. Als er

seine Ländereien dem Grafen von Holland

als Lehen anbot, verletzte er die „Friesische

Freiheit“ und wurde als Folge daraufhin vor

seiner Burg in Aurich ermordet. Sein Nachfolger

war sein ältester Sohn Widzeld (gest.

1399), der mit Klaus Störtebecker und dessen

Seeräubern die Küste unsicher machte.

Nach dessen Tod wurde sein jüngerer

Bruder Keno II (ca. 1380 – 1418) Häuptling,

musste sich aber der Hanse beugen

und das Bündnis mit den Vitalienbrüdern,

wie sich die Seeräuber nannten, beenden.

Dieser Zustand hielt jedoch nur kurz, die

Seeräuber kehrten zurück und wurden wieder

von Keno II akzeptiert. Sein Sohn Ocko

II (1407 – 1435) übernahm 1417 die Herrschaft

über fast ganz Ostfriesland. Das war

der Höhepunkt in der Familiengeschichte

tom Brok. Da sich die anderen Häuptlinge

von dieser Machtpolitik bedroht und

bedrängt fühlten, kämpften sie unter der

Führung von Focko Ukena (ca. 1370 –

1436), dem Häuptling des Moormerlandes

und von Leer, in zwei Schlachten bei „Detern“

(1426) und „Auf den wilden Äckern“

(1427) gegen Ocko II. Dieser wurde gefangen

genommen und verstarb nach einigen

Jahren als letzter seines Familienstammes.

Focko Ukena wurde der neue Herrscher

Ostfrieslands. Seine Herrschaft war nicht

von langer Dauer, denn die Friesen hatten

mehr Freiheit erwartet als unter den tom

Broks. Nach mehreren militärischen Niederlagen

floh er in die Niederlande in die

Nähe von Groningen. Dort starb er im Jahre

1436.

Störtebeckerturm

in Marienhafe

Ein weiteres ostfriesisches Häuptlingsgeschlecht

waren die Abdena. Um 1400 hatten

sie die Stadt Emden und das Umland

zu ihrem Herrschaftszentrum ausgebaut,

welches ihnen die Bischöfe von Münster

anvertraut hatten. Der erste Droste zu Emden

wurde Wiard Abdena (1285 – 1350).

Sein Enkel Hisko Abdena (1355 – 1427)

wurde 1390 Propst zu Emden und konnte

den Einfluss der Münsteraner Bischöfe zurückdrängen,

sodass er sich im Jahre 1400

Häuptling nennen konnte. Er konnte für

Emden das sog. Stapelrecht erstreiten und

so die Handelsbeziehungen dieser Stadt

enorm ausweiten. Er legte den Grundstein

für die städtische Entwicklung Emdens, wobei

er auch die Hilfe der sog. Vitalienbrüder

in Anspruch nahm und diesen Unterschlupf

in Emden gewährte. Als Gegenmaßnahme

trat die Hanse auf den Plan, um für Ordnung

zu sorgen. Es wurden mehrfach Strafexpeditionen

nach Emden ausgesandt.

Doch Hisko wechselte schnell die Seiten

und überließ der Hanse die geöffnete Stadt

Emden. Zum Dank beließ ihm die Hanse

seine Häuptlingswürde. Hiskos Sohn

nannte sich Imel Abdena (1390 – 1455).

Er machte wieder gemeinsame Sache mit

den Vitalienbrüdern. Bei einer erneuten

Strafexpedition der Hamburger wurde Imel

gefangen genommen. Unterstützt wurde

dieser Vergeltungsschlag von dem Häuptling

der Cirksena, Ulrich Cirksena. Die Stadt

Emden wurde nach einer treuhänderischen

Störtebeckerturm in Marienhafe

Verwaltung von über 20 Jahren durch

Hamburg im Jahre 1455 an Ulrich Cirksena

übergeben. Die Epoche Abdena war damit

zu Ende. Mit dem Häuptlingsgeschlecht

der Cirksena aus Greetsiel beteiligt sich eine

Familie mit einigenden Komponenten an

dem künftigen Machtkampf der bisherigen

Herrscherhäuser, welche 1464 zum Titel

„Reichsgraf“ führen sollte.

Gefangennahme Ocko II

durch Focko Ukena 1427

Schauen wir jetzt bei den herrschenden

Häuptlingsfamilien auf den Ostteil Frieslands.

Hier herrschte Edo Wiemken der Ältere

(gest.1415) über die Landschaften Rüstringen,

Östringen, das Wangerland und

Bant. Edo Wiemken der Ältere kam aus dem

Gefangennahme Ocko II durch Focko Ukena

1427

Stamm der Papinga und hatte in Jever eine

Burg erbaut, dem heutigen Schloss von Jever.

Seit ca. 1398 beteiligte er sich auch an

den lukrativen Beutezügen der Vitalienbrüder,

sodass die Hansestädte Lübeck, Hamburg

und Bremen eine Strafexpedition gegen

ihn führten, welche in der Vertreibung

der Vitalienbrüder endete. Ihm folgte sein

Enkel Sibet Lubbenson (gest. 1433), der

ebenfalls wieder mit den Vitalienbrüdern

paktierte. Bei einem Angriff der Hamburger

wurde Sibet getötet. Es folgte sein Halbbruder

Hayo Harlda (gest. 1441). Nachdem

dieser sich zeitweise mit Focko Ukena

gegen die Cirksena verbündet hatte, ereilte

ihn auch das Schicksal einer Strafexpedition

der Hamburger, die seine Burg in Jever

wegen Paktierens mit den Vitalienbrüdern

abrissen. Hayo nannte sich daraufhin nur

noch Häuptling zu Jever, 1441 starb er an

der Pest. Sein Nachfolger wurde sein Sohn

Tanno Duren (gest. 1468). Wegen Erbstreitigkeiten

kam es ab 1444 zu kriegerischen

Auseinandersetzungen um Rüstringen, in

die sich auch der Graf zu Oldenburg einmischte.

Der Sohn von Tanno Duren, Edo

Wiemken der Jüngere“ (ca. 1454 – 1511)

konnte diesen Konflikt mit einer 2. Ehe mit

einer Frau aus dem Hause Oldenburg entschärfen.

Seine hauptsächlichen Aufgaben

waren die Abwehr von Ansprüchen auf Jever,

sowie Deichbau und-reparatur infolge

zahlreicher Sturmfluten und Meereseinbrüche.

Edo Wiemken der Jüngere war der Vater

der berühmten Maria von Jever (1500

– 1575), auch Fräulein Maria genannt. Sie

hat nie geheiratet und war kinderlos. Sie

baute im Laufe ihrer langen Herrschaft die

Strukturen des Jeverlandes so um, dass sie

die alten aussterbenden Häuptlingsfamilien

durch auswärtige Adlige ersetzte, sie ließ

Münzen prägen und erweiterte ihr Land

RUNDBLICK Herbst 2019

15


durch Eindeichungen. In ihrem Testament

vermachte sie das Jeverland den Grafen zu

Oldenburg mit der Maßgabe, sich nicht gegen

Ostfriesland zu wenden. Ihr war wichtig,

dass das Land nicht an die Grafen von

Ostfriesland fallen würde. Mit Maria endete

die Zeit der Häuptlinge im Jeverland. Für

ihren Vater Edo Wiemken dem Jüngeren

schuf sie in den Jahren 1561-64 ein Grabmal,

um den letzten männlichen Regenten

des Jeverlandes zu ehren. Dieses sog. Edo

Wiemken- Denkmal steht im historischen

Chor der Stadtkirche zu Jever. Diesen Chor

ließ sie zu einer Grabkapelle umbauen.

Maria von Jevern

(1500 – 1575)

Das Häuptlingsgeschlecht zu Innhausen

und Knyphausen hatte seine Wurzeln in

Innhausen im Stadtgebiet von Wilhelmshaven.

Der junge Popko Inen (gest. 1387)

wuchs in der elterlichen Burg Innhausen

auf, die sein Vater Ino Tjarksena um 1350

erbaut hatte. Popko war ein Verbündeter

von Edo Wiemken dem Älteren. Als Popko

sich jedoch Ocko I tom Brok zuwandte,

wurde dieser während eines Streits im

Maria von Jevern (1500 – 1575)

Jahr 1387 von Edo Wiemken dem Älteren

getötet. Edo schenkte die Burg Innhausen

Iko Onneken (gest. 1454), dem Häuptling

des benachbarten Sengwarden. Iko wurde

Häuptling von Innhausen. Sein Enkel, Folef

Alksen Onneken (gest.1531), ebenfalls

Häuptling zu Innhausen, erbte die benachbarte

Herrschaft Knyphausen von seinem

Vetter, Iko Onneken dem Jüngeren. Er

vereinigte beide Herrschaften zu Innhausen

und Knyphausen. Der Name Onneken

wurde ab dann nicht mehr verwendet. Das

Geschlecht „zu Innhausen und Knyphausen“

erhielt 1609 offiziell den Titel „Freiherren

zu Innhausen und Knyphausen“. Es ist

das einzige ostfriesische Adelsgeschlecht,

das bis heute mit seinem Namen überdauert

hat. Der Fürst Wilhelm Edzard von

Inn- und Knyphausen verwahrt in seinem

Schloss „Lütetsburg“ einen 400 Jahre alten

Schatz in Form eines Buches über altfriesische

Trachten und Schmuckstücke. Dieses

Buch des Häuptlings Unico Manninga

(1529 – 1588), der als Drost von Emden ein

Hausbuch über viele Jahre geführt hatte,

ließ die damals schon über hundert Jahre

alten Trachten und Schmuckstücke zeichnen.

Als diese Zeichnungen zum ersten Mal

1892 publiziert wurden, war das eine Sensation.

Heute gibt es eine Buchpräsentation

von Johannes C. Stracke aus dem Jahre

1967 : „Tracht und Schmuck Altfrieslands“,

erschienen im Verlag Ostfriesische Landschaft

Aurich. Man kann auf diesen Zeichnungen

den enormen Schmuckreichtum

und die stilistische Vielfalt sehr gut erkennen.

Die Häuptlingsfrauen insbesondere

waren schon überladen mit Goldschmuck

und trugen als Besonderheit einen Stirnoder

Kopfschmuck, „Pael“ genannt. Schuhe

und Strümpfe waren mit Perlen bestickt

und fast an jedem Finger glänzte ein Ring.

Die Kleider waren mit Aufnähschmuck aus

Goldplättchen versehen. Vor der Brust hingen

große, runde Spangen und mehrere

schwere Goldketten, auf den Schultern

und Oberarmen waren Goldglöckchen befestigt.

Aus: J. C. Stracke: Altfriesische Trachten,

1967, Verlag Ostfriesische Landschaft Aurich,

mit 16 Farbtafeln


Die Ursprünge der Familie Manninga sind

unklar. Die Manningas betrieben eine geschickte

Heiratspolitik, die zu Verbindungen

in die benachbarten Regionen Groninger

Land, Emsland und Bentheimer Grafschaft

führten. Nach großen Landverlusten in der

Leybucht während der ersten Dionysiusflut

1374, siedelten sie nach Schloss Lütetsburg.

Dort schaffte Dido Manninga (gest.

1494) eine Nebenlinie. Aus dieser Linie

stammte der berühmte ostfriesische Häuptling

und Gelehrte Unico Manninga (1529-

1588). Im Jahre 1549 immatrikulierte sich

Unico an der Universität Wittenberg und

hatte dort Kontakte zu den Söhnen Martin

Luthers. Diese schenkten ihm ein Exemplar

des Neuen Testaments mit Anmerkungen

Luthers. Ab 1551 ist er an der juristischen

Fakultät der Universität Padua eingeschrieben.

1565 wurde er zum Drost von Emden

ernannt. Seine einzige Tochter heiratete

1581 Wilhelm zu Inn- und Knyphausen.

Die heutigen Grafen sind bis in unsere Tage

Besitzer der Lütetsburg mit Park und Wald.

(siehe Buch über die Altfriesischen Trachten).

Unicos letzte Ruhestätte wird die St.

Luderi- Kirche zu Norden. Ihm zu Ehren

wird später ein großer Marmor- Epitaph an

einem Pfeiler angebracht.

Vornehme Frau mit sehr reichem Schmuck

Eine zweite Manninga- Familien- Linie

wurde durch Didos Bruder Poppo Manninga

(gest. 1540), dem letzten katholischen

Probst zu Emden, in Pewsum aufgebaut.

Trotz Schenkung von Ländereien durch

die Häuptlinge der Cirksena mussten alle

diese Besitztümer durch Hoyko Manninga

verkauft werden. Dieser starb 1568 hochverschuldet

und damit erlosch diese Pewsumer

Linie.

Aus dem Lütetsburger Zweig entstand

eine dritte Manninga- Linie, denn der Bruder

von Unico Manninga, Hayo Manninga

(1519 – 1599) kam durch Heirat in den Besitz

einer Burg in den Groninger Ommelanden.

Er war zwischenzeitlich Bürgermeister

von Norden und später Landschaftsdeputierter

in der Ständeversammlung der

Groninger Ommelanden. Nachdem er an

einem Aufstand gegen die Spanier teilgenommen

hatte, musste er zwischenzeitlich

nach Ostfriesland fliehen. Die Niederlande

gehörten zu der Zeit zum spanischen Herrschaftsbereich

und zur spanischen Krone.

Nach der Rückeroberung und Vertreibung

der Spanier kehrte er auf seine alten Besitzungen

in den Ommelanden zurück. Ende

des 17. Jahrhunderts starb diese Linie aus.

Das Häuptlingsgeschlecht der Allena

kommt aus Osterhusen. Osterhusen liegt

in der Gemeinde Hinte im Landkreis Aurich.

Osterhusen gehört geschichtlich zu

den bekanntesten Orten Ostfrieslands. Hier

regierte der bekannte Häuptling Folkmar

Allena (1338 – 1406). Da Osterhusen zu

damaliger Zeit Sielort war (der Ort war

durch die Ehe, einem Nebenfluss der Ems,

mit Emden verbunden), war es ein Leichtes,

den Seeräubern Schutz zu bieten und

durch deren Abgaben zu Reichtum und

Wohlstand zu kommen. Beim Ringen um

16 RUNDBLICK Herbst 2019


die Macht im westlichen Ostfriesland kam

es zum Konflickt zwischen Folkmar Allena

und Ocko I tom Brok. Auf dem Heimweg

zu seiner Burg in Aurich wurde Ocko I tom

Brok dann am 7. Aug. 1389 wahrscheinlich

auf Veranlassung von Folkmar Allena durch

Gehilfen ermordet. Allerdings hatte er anschließend

in der Witwe des ermordeten

Ocko I tom Brok, Foelkesis „Quade Foelke“

Kampena, eine erbitterte Gegnerin. Diese

wollte ihren Sohn Keno II tom Brok an die

Macht bringen. Dagegen verbündete sich

Folkmar Allena mit dem Sohn Witzeld aus

erster Ehe des Ocko I tom Brok. Nachdem

dieser in der Schlacht bei Detern umgekommen

war, wurde Folkmar Allena durch

die geschickte Politik der Foelke Kampena

immer mehr ins Abseits geschoben und mit

der Zeit entmachtet. Keno II tom Brok wurde

dann 1399 neuer Häuptling im Brokmerland.

Die Häuptlingsfamilie der Beninga beteiligte

sich nicht an territorialen Eroberungszügen,

sondern setzte auf Heiratdiplomatie.

Die zwei Linien der Familie

verteilten sich auf Groothusen und Dornum.

In Groothusen gab es eine Oster-,

Middel- und Westerburg. Alle drei Burgen

wurden zerstört und teilweise wieder aufgebaut,

heute ist nur noch die Osterburg,

nach einem Neubau um 1490, erhalten. In

Dornum gab es die Wester-, Norder- und

Osterburg. Die erhaltene Osterburg wird

heute Beningaburg genannt, fast 200 Jahre

prägte die Dornumer Linie der Beninga- Familie

bis 1717 die Geschichte dieser Burg.

Mit dem Tod des Hofrichters Folkmar Eger

Beninga (1670 – 1717) starb diese Linie

aus. Seine beiden Töchter heirateten ein

Brüderpaar der Familie Lantzius, die den

Titel Lantzius- Beninga nach rechtlicher

Klärung weiterführen durften. Aus dieser

Familie stammte der bekannte Botaniker

Bojung Scato Georg Lantzius- Beninga.

Ein weiterer berühmter Mann der Familie

war der friesische Geschichtsschreiber Eggerik

Beninga (1490 – 1562). Der Niedergang

der Beninga- Familie zu Pilsum wurde

wahrscheinlich beschleunigt durch die großen

Landverluste aufgrund der verheerenden

Leybuchteinbrüche in der 2. Hälfte des

14. Jahrhunderts.

Mit diesen neun dargestellten Häuptlingsfamilien

sind die einflussreichsten und

mächtigsten und größten Herrscherfamilien

zwischen 1350 und 1450 dargestellt

worden. Daneben gab es noch weitere

Familien, die jedoch nie den dominanten

Einfluss hatten wir die oben beschriebenen.

Es gab einen Zeitumbruch zu Beginn des

Wappen der Cirksena

15. Jahrhunderts, bei dem das Häuptlingswesen

unter Druck geriet. Die bäuerliche

Schicht leistete zunehmend Widerstand,

denn die Wirtschaft Ostfrieslands hatte sich

erholt und das Selbstbewusstsein der Bauern

war gestiegen. Durch die permanenten

Strafexpeditionen der Hansestädte Hamburg

und Bremen gegen die Vitalienbrüber

war deren Stärke und Macht geschrumpft,

sodass die Häuptlingsfamilien nicht mehr

zuverlässig deren Hilfe und finanzielle Unterstützung

in Anspruch nehmen konnten.

Die Zeit der landesinternen Auseinandersetzungen

neigte sich dem Ende zu. 1430

gründete Enno Cirksena mit einigen anderen

Häuptlingen und Landesgemeinden sowie

seinen zwei Söhnen Edzard und Ulrich

den „Freiheitsbund der Sieben Ostfrieslande“

und konnte mit dieser Vereinigung die

Herrschaft von Focko Ukena beenden. Der

Sohn Ulrich konnte mit viel Feingefühl ganz

Ostfriesland vereinen. Mit diplomatischem

Geschick schaffte er es, den Kaiser Friedrich

III des Heiligen Römischen Reiches Deutscher

Nationen dazu zu bewegen, ihn und

seine Nachfahren 1464 in den Reichsgrafenstand

zu erheben. Er wird Ulrich I. Von

da an nimmt die Geschichte Ostfrieslands

bis 1744 einen gänzlich anderen Verlauf.

Dieser Teil der ostfriesischen Geschichte

ist Gegenstand der Fortsetzung.

Quellen:

Walter Deeters: Kleine Geschichte Ostfrieslands,

1985, Verlag Schuster Leer

Petra Wochnik: Ostfriesland Reloaded, 2018,

Tredition Verlag Hamburg

Johannes C. Stracke: Tracht und Schmuck Altfrieslands

nach den Darstellungen im Hausbuch

des Häuptlings Unico Manninga, 61

Abb. und 16 Farbtafeln, 1967, Verlag Ostfriesische

Landschaft Aurich

Johannes Ehlers: Die Häuptlinge von Ostfriesland,

2015, Heiber Verlag Schortens

Paul Kluge: Friesische Freiheit, 2015, Heiber

Verlag, Schortens

Gottfried Kiesow: Architekturführer Ostfriesland,

2010, Monumente- Publikationen

WIKIPEDIA: Eala Frya Fresena, Upstalsboom,

tom Brok, Keno I tom Brok, Ocko I tom Brok,

Foelke Kampana, Widzeld tom Brok, Keno II

tom Brok, Ocko II tom Brok, Focko Ukena,

Tanne Kankena, Attena (Familie), Lüttet Attena,

Sibet Attena, Abdena, Beninga, Folkmar

Allena, Manninga, Edo- Wiemken- Denkmal,

Edo Wiemken der Ältere, Edo Wiemken

der Jüngere, Maria (Jever), Burg Innhausen,

Lubbe Onneken, Dide Lubben, Lubbe Sibets,

Sibet Lubben, Hayo Harlda, Tanno Duren,

Ostfriesische Häuptlinge, Osterhusen, Cirksena

Dr. Hans Christiansen, 2019

Bauernregeln:

Oktober – November – Dezember

Oktober

Wenn‘s im Oktober wettert und leuchtet,

viel Regen noch den Acker befeuchtet.

Ein kalter Oktober den Bauern freut,

bringt er doch den Raupen Leid.

November

Novemberdonner hat die Kraft,

dass er viel Getreide schafft.

Im November Mist gefahren,

heißt das Feld vor Mäusen bewahren.

Dezember

Regnet‘s an Sankt Nikolaus,

wird der Winter lang und graus.

Christmond launisch und lind,

der ganze Winter wie ein Kind.

RUNDBLICK Herbst 2019

17


Dr. Rena Noltenius

Kein Nachruf – Eine Würdigung

Heinrich Vogeler (1872 – 1942)

„Chapeau, ein herrliches Werk“ – „Wunderwerk“

- „Klug verfasster Augenschmaus“

– „Großartig“ – „famoser Band“ – „voluminöses

Buch“ – „extreme Fleißarbeit“ !

Das sind Aussagen zu einem 2013 erschienen

Buch der Kunsthistorikerin Dr.

Rena Noltenius über das Werk der Malerei

von Heinrich Vogeler.

Heinrich Vogelers Gemälde waren ihr

Lebensthema. Bereits während ihres Studiums

der Kunstgeschichte an der Universität

Tübingen zum Ende der 1970-er Jahre

beschäftigte sie sich eingehend mit dem

Maler Heinrich Vogeler, zum einen in ästhetischer

Hinsicht, zum anderen mit der

ganzen Tragik seines Lebens.

Rena Noltenius legte zum ersten Mal

„ein durchgängiges Werk der Malerei von

Heinrich Vogeler vor“ und schuf „einen so

weit wie möglich kompletten Katalog der

Gemälde Vogelers“. Die Arbeit von Rena

Noltenius beschränkt sich nur auf Vogelers

Malerei, nicht auf andere künstlerische

Tätigkeiten, denn Vogeler war „ein ungewöhnlich

vielfältiger Mann“, war auch

Architekt, Buchillustrator, Dekorateur, Möbelbauer,

Propagandist, Zeichner. Im Mittelpunkt

der Arbeiten von Rena Noltenius

stehen das malerische Werk Vogelers und

seine wechselhafte Biografie.

„Vogeler fasziniert bis heute, trotz oder

wegen des großen Bruchs seiner Malerei“.

1872 geboren, kommt Vogeler 1894 erstmalig

nach Worpswede und kauft bald danach

das Anwesen „Barkenhoff“. Zunächst

gefeierter Jugendstilkünstler, „fruchtbare

Phase“ 1911 bis 1914, Schwanken zwischen

Im- und Expressionismus, beginnend

mit den „Fresken am Barkenhoff“ revolutionärer

Künstler und mit den „Komplexbildern

für die junge Sowjetunion“ Künstler

des sozialistischen Realismus. Zudem Illustrator

von Büchern, Auftragsarbeiten, Architektentätigkeiten,

Theateraufführungen,

Reklamearbeiten.

Auch Vogelers Lebensweg fasziniert. Akademie

in Düsseldorf, dann in Paris, Worpswede,

Kommune Barkenhoff, Kinderheim

Rote Hilfe, Muse Martha, Liebe, Ehe, drei

Töchter, Scheitern der Ehe, Umzug nach

Berlin, Reisen, Lehraufträge Sowjetunion,

zweite Ehe, Sohn Jan, Übersiedlung nach

Dr. phil. Rena Noltenius M.A. Mitglied im Verband

Deutscher Kunsthistoriker e.V.

Moskau, nach Kriegsbeginn Exilierung in

Kasachstan, Tod 1942, „von der Welt vergessen“.

Das alles „bettete Rena Noltenius in das

umfangreiche malerische Schaffen ein“.

Der Textteil, versehen mit großformatigen,

hochwertigen Reproduktionen, und

deren Beschreibungen, umfasst die erste

Buchhälfte. Die zweite Hälfte das Werkverzeichnis,

den Katalogteil mit 337 Einträgen

und Bildern, Titel von verschollenen

Werken, einen Bericht zum Stand der Forschung

und eine umfangreiche Bibliografie.

„So werden alle Phasen des künstlerischen

Schaffens Vogelers dokumentiert.“

Das Buch ist eine Fundgrube zum Werk

Vogelers und die „reichhaltigen Informationen

machen Lust auf noch mehr“.

Rena Noltenius wurde 1948 in Borgfeld

geboren, das Haus des Vaters stand am Upper

Borg in Katrepel. Rena wuchs auf der

anderen Wümmeseite in Warf auf, ging

in Borgfeld und in Bremen zur Schule. Ab

1959 lebte sie in Süddeutschland im Landkreis

Karlsruhe. Nach dem Abitur arbeitete

sie als Fremdsprachenkorrespondentin und

Übersetzerin bei der Siemens AG Karlsruhe/

London und danach in der Bibliothek des

Seminars für Judaistik/ Institutum Judaicum

an der Evangelisch-Theologischen Fakultät

der Universität Tübingen und wurde Bibliothekarin.

Danach studierte sie am Kulturhistorischen

Institut der Universität Tübingen

und arbeitete parallel in der Institutsbibliothek.

1983 schloss sie das Studium mit ei-

18 RUNDBLICK Herbst 2019


Heinrich Vogeler 1872 – 1942. Ein Leben in Bildern

mit einem aktuellen Werkkatalog der GemäldeHrsg.

von Manfred Bruhn, Fischerhude 2013

ner Magisterarbeit (Magister Artium) über

das grafische und malerische Werk Heinrich

Vogelers ab. Im Anschluss daran folgte ihr

Promotionsprojekt speziell zu den Gemälden

Vogelers. Rena Noltenius erarbeitete

die bisher einzige Monografie zu den Gemälden,

ein „umfassendes und einzigartiges

Werkverzeichnis“. Bei der sich über

viele Jahre erstreckenden Recherche, eine

„detektivische Kleinarbeit“, unterstützte

sie Hans-Hermann Rief, Archivar in Martha

Vogelers „Haus im Schluh“ in Worpswede,

„ein Kenner der Arbeiten Vogelers und Begründer

des Worpsweder Archivs.“

Während der Zeit arbeitete Rena Noltenius

als Archivarin und ordnete das Archiv der

Hohenzollern, wurde Leiterin des Hausarchivs

des vormals regierenden preußischen

Königshauses auf der Burg Hohenzollern in

Hechingen bei Tübingen. Beim projektierten

Haus der Brandenburgisch-Preußischen

Geschichte in Potsdam und beim Aufbau

des Krongutes Bornstedt/Potsdam war sie

wissenschaftliche Mitarbeiterin und im Auftrag

von Prinz Friedrich Wilhelm und Prinzessin

Ehrengard von Preußen als selbstständige

Kunsthistorikerin tätig.

1995 schloss Rena Noltenius ihre Promotionsarbeit

ab, die Annahme im Fach

Kunstgeschichte der Eberhard-Karls-Universität

Tübingen, Fakultät für Kulturwis

senschaften folgte. Ihre Dissertation erschien

2000 in einem wissenschaftlichen

Verlag in Weimar. Nach der Dissertation

kuratierte sie eine Ausstellung über das

Werk Heinrich Vogelers, arbeitete als wissenschaftliche

Angestellte in einem Projekt

„Provisorische Architektur für soziale

Nutzungen im 20.Jahrhundert“ an der TU

Berlin, als wissenschaftlich Mitarbeiterin

im Archiv für Künstlerpublikationen an der

Weserburg, Museum für moderne Kunst in

Bremen und in verschiedenen Projekten in

München und Stuttgart.

Es folgte die Rückkehr nach Norddeutschland.

Rena Noltenius lebte wieder in ihrem

Geburtsort Borgfeld, engagierte sich

im Bürgerverein Borgfeld und arbeitete in

dessen Borgfeld-Archiv an heimat- und familiengeschichtlichen

Projekten, bereitete

Ausstellungen vor und hielt Vorträge.

2005 verfasste sie eine Biographie Martha

Vogelers, der ersten Ehefrau Heinrich Vogelers.

2013 erschien eine überarbeitete, aktualisierte

großformatige Ausgabe „Heinrich

Vogeler – ein Leben in Bildern mit einem

aktuellen Werkkatalog der Gemälde“ im

Verlag Atelier im Bauernhaus in Fischerhude.

Danach erkrankte sie schwer, kämpfte einige

Jahre mit etlichen Tiefen und Höhen,

letztendlich erfolglos. Dr. Rena Noltenius

verstarb am 11.Juni 2019 im Alter von 70

Jahren.


Johannes Rehder-Plümpe

Quellen:

Texte von Bernd Hüttner, Harro Jenss,

Michael Mittelhaus

https://renanoltenius.wixsite.com

https://www.rosalux.de

www.mittelhaus.com

Der Verlag „Atelier im Bauerhaus“

in Fischerhude hat einen Kalender für das

Jahr 2020 mit stimmungsvollen Fotos aus

jeder Jahreszeit unserer Redakteurin Maren

Arndt herausgegeben. Sie kennen ihre

Arbeiten aus dem Artikeln und Titelseiten

unserer Zeitschrift – vielleicht ein schönes

Weihnachtsgeschenk für Ihre Lieben?

Format 45 x 52 cm,

ISBN 978-3-96045-217-1,

Preis 32 Euro,

bestellbar direkt beim Verlag

www.atelierbauernhaus.de

oder im Buchhandel.

RUNDBLICK Herbst 2019

19


Wilhelm Hartmann, Ehrenbürger der Stadt Vegesack

Sozialer Aufstieg dank Bleimennige

Dem Vegesacker Ehrenbürger Wilhelm

Hartmann widmete der Heimatverein

Vegesack eine Ausstellung vom 20. März

bis 22. April im Schloss Schönebeck unter

dem Titel Wilhelm Hartmann – geboren

vor 175 Jahren! Wegen der guten Resonanz

wurde die Ausstellung verlängert.

Wer war Wilhelm Hartmann?

Kaum ein Einwohner des heutigen Bremen-Vegesack

kann über den Stadt-Vegesacker

Ehrenbürger etwas Näheres berichten,

obgleich etwa 40 % der älteren Bürger

im heutigen Bremen-Nord im damaligen

Hartmann geboren wurden, auch wenn in

deren Geburtsurkunde lediglich Vegesack

steht. Das Hartmannstift ist nach seinem

Hauptstifter benannt. Auch wer nicht in

Vegesack geboren wurde und Wilhelm

Hartmann nicht zu kennen glaubt, hat

vielleicht schon einmal etwas über „Bleimennige“

gehört. Dieser Rostschutzfarbe

verdankt Wilhelm Hartmann seinen sozialen

Aufstieg und Wohlstand und damit

die Möglichkeit, eine „Stiftung für arme

Vegesacker Kranke“ zu initiieren.

Wilhelm Hartmann oder auch William,

wie er sich in England nannte, wurde im

heutigen preußischen Aumund im „Aumunder

Heerweg 11“ am 21.3.1844 geboren,

am 21.4.1844 in Lesum getauft.

Er wuchs in Vegesack als Sohn des Maurermeisters

Hinrich Hartmann (*3.4.1815

– †3.8.1887) und dessen Ehefrau Metta

Stricker (*26.2.1818 – †18.12.1890) mit

acht Geschwistern in einfachen Verhältnissen

in der Mühlenstraße Nr. 6 heran,

einem Haus, welches der Vater in Vegesack

erst im Jahr 1856 erworben hatte. Das Geburtshaus

und auch dieses Haus sind heute

nicht mehr vorhanden, es lag an der Ecke

zum heutigen Willmannsberg und der heutigen

Wilhelm-Hartmann-Straße, gegenüber

dem ehemaligen Postgebäude, die

1909 zu Ehren von Wilhelm Hartmann als

ehemalige Mühlenstraße in Wilhelm-Hartmann-Straße

umgetauft wurde.

Jugend und Auswanderung

nach London

Wilhelm Hartmann erlernte in Vegesack

den Beruf eines ehrbaren Kaufmannes in

der Holz- und Eisenhandlung und Incassogeschäft

„H. G. Steinbrügge & Sohn“ Co“

in der Weserstraße Nr. 7, wie der Forscherkollege

Hr. Begerow in Berlin herausfand,

und wanderte 1863 als 19-Jähriger nach

England aus, wo erst zuerst im Seidenhandel

tätig gewesen sein soll. Nach „The

London Gazette“ vom 30. Januar 1874

ist unter der laufenden Nr. 229 zu lesen,

dass „William“ Hartmann und „Georg“

Heinrich Johannes Hartmann, wohnhaft

Basing-Hallstreet in der City of London,

für die Anwendung von erprobten verbesserten

Vorrichtungen zum Schließen und

Entriegeln von Eisenbahnwagentüren ein

Gewerbe anmeldeten. Daraus ist zu entnehmen,

dass Wilhelm Hartmann seinen

jüngeren Bruder „Georg“ Heinrich Johannes

Hartmann (*19.5.1855 – †25.11.1923

in London) bereits vor 1874 nach London

nachkommen ließ. Sein Bruder Friedrich

Carl „August“ wanderte vor 1881 ebenfalls

nach England aus, nachdem er mit seinem

Bruder Wilhelm gemeinsam einen Urlaub

(Kur) Ende Juni 1881 in Bad Ischl genoss.

Im Fremdenblatt von Bad Ischl vom 28./29

Juni ist sein Wohnort bereits als London

angegeben, es ist also anzunehmen, dass

August Hartmann vor 1881 ebenfalls nach

England auswanderte.

Bürger seiner Königlich

britischen Majestät

Der Ausgabe der „The London Gazette“

vom 27. April 1875 ist zu entnehmen,

dass die Firma „Suter, Hartmann & Co.“

Verträge als Ships Painters mit der „Australia

Direct Steam Navigation Companie„

für das Dampfschiff Victoria abschlossen

hatte, welches im Dock South-West India

lag. Schon bald holte Wilhelm Hartmann

seine Brüder Georg (1874) und August

(vor 1881) mit in seine Firma „Hartmann

Bros.“ [1] , die sehr bald expandierte und ab

1883 von den Brüdern allein weitergeführt

wurde. Im Januar des Jahres 1877 legte

Wilhelm Hartmann in London den Bürgereid

ab und wurde britischer Staatsbürger

in London. Damit war für Wilhelm Hart-

20 RUNDBLICK Herbst 2019


mann als englischer Staatsbürger der Weg

frei, um am 25. September 1877 in London

selbst eine erste Firma „Shipwright“ zu

gründen.

[1]

Die Firma „Hartmann Bros.“ [vergleichbar

Gebrüder Hartmann] kann erst gegründet

worden sein, nachdem der Bruder Georg

1874 in London angekommen war.

Am 6. Dezember 1878 ist von einer Erfindung

des Kaufmanns William Hartmann in

der Billiterstreet 18 zu lesen, in der er die

Erfindung eines kombinierten Hand- und

Fußwärmers aus Teppichgewebe anmeldet.

1880 wird in der Ausgabe vom 25. Februar

1880 auch Bruder Georg als Kaufmann in

der Billiterstreet 18 verzeichnet, der Bruder

Georg ist unter diesem Datum in London

lebend gemeldet. In der Ausgabe vom

18. September 1883 ist Folgendes unter

den amtlichen Bekanntmachungen zu lesen:

„Hiermit wird bekannt gegeben, dass

die bisher zwischen dem Unterzeichneten

„William“ Hartmann, „Georg“ Heinrich Johannes

Hartmann und Friedrich Carl „August“

Hartmann bestehende Partnerschaft

als Malerhersteller in der Dodd Street Nr. 2,

Limehouse, in der Provinz Middlesex, und

auch in den Werken von Canning Town

in Essex, im Sinne der Firma „Hartmann

Bros.“, diese wurde am ersten Tag des

Juli 1883 im gegenseitigen Einvernehmen

aufgelöst; und dass das besagte Geschäft

seit diesem Zeitpunkt von dem besagten

Georg Heinrich Johannes Hartmann und

Friedrich Carl August Hartmann in demselben

Sinne geführt wurde und fortgeführt

wird, und sie werden [für] alle Schulden

geradestehen und bezahlen, die der besagten

Firma und Partnerschaft zuzuschreiben

sind. Zeugen unserer Hände an diesem 13.

September 1883“. Ende Zitat.

Nach meiner Lesart ist Wilhelm Hartmann

aus dieser Firma ausgeschieden, die Firma

„Hartmann Bros.“ wird von seinen Brüdern

„Georg“ Heinrich Johannes und Friedrich

Carl „August“ weitergeführt. 1894 in der

Ausgabe vom 14. Dezember wird verkündet,

dass die Firma „Suter, Hartmann

& Rahtjens Composition Limited“ eine

Auszeichnung durch eine Goldmedaille

für den Bereich „Öl, Seife und Stearine“

erhalten hat. Damit ist das späteste Gründungsdatum

dieser Firma mit der Beteiligung

Rahtjens dokumentiert. Der ebenfalls

in Vegesack gebürtige Kapitän Johann

Rahtjen hatte nachweislich 1860 zuerst

in Bremerhaven in der Fährstraße 14 ein

Malergeschäft gegründet, am 17. März

1856 gründete er in Hamburg die Firma

„Johann Rahtjen“ mit dem Markenzeichen

„Rote Hand“ mit der er die für ein eigenes

Schiff erfundene Unterwasserfarbe auf

Blei-Oxyd Basis (Blei-Mennige) mit wachsendem

Erfolg vermarktete. Exakte Daten,

wann Hartmann in das „Eisen-Beschichtungs-Geschäft“

eingestiegen ist, sind noch

etwas unsicher, aber die erste schriftliche

Nennung ist wie vorstehend mit 27. April

1875 dokumentiert. So weit der schriftliche

Nachweis durch das Archiv „The London

Gazette“ über die Tätigkeit der Hartmannschen

Brüder in London in jener Zeit.

Die „Rote Hand“, ein

weltweites Markenzeichen.

Zuerst setzte der „Norddeutsche Lloyd“

um 1880, dann aber auch die „Kaiserliche

Marine“, „Rahtjen’sche Patentfarben“ ein,

welche den Vorteil hatte, nur kurze Werftliegezeiten

in den Trockendocks zu benötigen.

Diesen Erfolg hatte Wilhelm Hartmann

sehr schnell erkannt und das Geschäft von

England aus erfolgreich vorangetrieben

und genutzt. Er kaufte vom Hamburger

Kapitän Johann Rahtjens das Recht zur Herstellung

der „Bleimennige“ und vermarktete

Rezept und Anwendung ab 1880 erfolgreich

weltweit. Auf dieses Datum scheint

auch die Gründung der „Firma Suter,

Hartmann und Rahtjens Composition Co.“

in London zurückzugehen. Alle Hartmannbrüder

wurden sehr wohlhabend. Wilhelm

Hartmann aber blieb unverheiratet, kinderlos

und war sehr sozial eingestellt, sodass er

bereits im Jahre 1863 dem in Vegesack gegründeten

„Bremische Verein zur Rettung

Schiffbrüchiger“, später bekannt als „Deutsche

Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“,

1880 das Rettungsboot „Vegesack

[I]“ (1881 – 1909) für die Station Horumer

Siel spendete. Diese erste Vegesack blieb

bis 1904 im Dienst und wurde im gleichen

Jahr durch eine zweite Spende Hartmanns

ersetzt, die ebenfalls den Namen „Vegesack

[II]“ trug. Nachdem dieses zweite Boot

„Vegesack“ 1909 bei einer Rettungsfahrt

schwer beschädigt wurde, stiftete Wilhelm

Hartmann 1910 zum dritten Mal Ersatz

durch die später motorisierte „Meta Hartmann“

[benannt nach seiner Mutter], die

später 1936 nach Neufeld verlagert wurde.

Der Wechsel von „Vegesack [I]“ zu

„Vegesack [II]“ wurde, sparsam wie man in

Bremen war, nicht durch eine neue Registrierung

dokumentiert, sondern man änderte

nur die Jahreszahlen, sodass die Anzahl

der Hartmann‘schen Spenden später zu Ir-

RUNDBLICK Herbst 2019

21


itationen führte, so der Hinweis der DGzRS

am 19.3.2019. Sicher kannte der Stadtrat

Vegesacks die Hintergründe dieser ersten

wohltätigen Rettungsbootspende der

Vegesack [I] zugunsten des „Bremischer

Verein zur Rettung Schiffbrüchiger“ im Jahre

1884.

Errichtung einer bürgerlichen

„Stiftung für arme kranke

Vegesacker“

Bis zur Neuordnung des Reiches 1939

war Vegesack, Hartmanns Heimatstadt,

eine eigenständige Stadt mit Stadtrechten,

einem Bürgermeister, einem Stadtrat und

was sonst noch dazu gehört haben mag.

Wie auch heute noch durchaus üblich, tagte

der Stadtrat Vegesack im Jahre 1884 im

damaligen „Stadthaus“, an der heutigen

Breite Straße Nr. 2, Ecke Kirchheide, zusammen

und kamen zu der Einsicht, dass

die durch die Industrialisierung wachsende

Stadt dringend einer Krankenanstalt bedürfe,

doch wie noch heute üblich, in der Kasse

war Ebbe und keine Änderung in Sicht. Wie

der Kontakt zum großherzigen Spender zustande

kam, ist nicht sicher bekannt. Der

Historiker Begerow in Berlin sagt hingegen,

Wilhelm Hartmann sei von sich aus an

den Stadtrat herangetreten, denn dessen

Cousin Carl Hartmann war auch im Stadtrat

als Stadtverordneter vertreten und mag seinem

Vetter das Problem übermittelt haben.

Das Projekt Stadtkrankenhaus benötigte

später weitere Spenden zum Unterhalt der

Kranken-Anstalt als „Asyl für arme Kranke

aus Vegesack und Umgebung“, doch Wilhelm

Hartmann legte den Grundstock und

schenkte der Stadt Vegesack zu Weihnachten

1885 einen Betrag von 50.000 RM, der,

wie wir noch erfahren werden, für den Bau

des Hauses verwendet wurde. Erst mit einer

weiteren späteren Groß-Spende über

weitere 50.000 RM im Jahr 1912 stellte

er die Bedingung, dass die Summe in einem

Reservefond zu erhalten sei und nur

die Zinsen zum Betrieb des Krankenhauses

verwendet werden sollte! In bisherigen Veröffentlichungen

ist diese Bedingung nicht

der richtigen Spende zugeordnet.

Die Grundsteinlegung erfolgte am 5. Mai

1886. Als Dank an Wilhelm Hartmann wurde

dieser am 16. August 1887 zum Ehrenbürger

seiner Vaterstadt Vegesack ernannt.

Am 2. September 1887 erfolgte die feierliche

Einweihung der Krankenanstalt und

am 12. September wurde der Name „Hartmannstift“

im Protokoll der „Krankenhaus

Kommission“ festgelegt und die ersten

Kranken im neu erbauten Haus aufgenommen.

Nach einer im Berliner Archiv Preußischer

Kulturbesitz vorhandenen Notiz

vom 27. Dezember 1887: Kurz nachdem

das Hartmannstift gerade erst eingeweiht

war, kaum ein Bürger wird sich daran erinnern,

bedrohte die Cholera Europa und damit

auch Deutschland, Bremen und Stadt

Vegesack. Diese Seuchengefahr führte

dazu, dass auch das Hartmannstift Eingang

ins Staatsarchiv in Berlin fand und in den

alten Akten erwähnt wurde. So ist uns ein

ganz kleiner Einblick in die Geschichte des

Hartmannstiftes ermöglicht. Kurz nach der

Einweihung gab es Pläne, das Hartmannstift

durch die Errichtung von Cholerabaracken

das Krankenhaus innerhalb kurzer Zeit zu

erweitern.

Später im Jahre 1893, nach der Gründung,

stiftete die Werft „Bremer Vulkan“,

die Summe von 10.000 RM mit der Bedingung,

dass Angehörige des Bremer Vulkan

anderen Kranken aus der Umgebung vorgezogen

werden mussten. Auf der Suche

nach der Rechtsform der „Hartmannstiftung“,

als „bürgerliche soziale Stiftung“, ist

auch überliefert, dass der „Plattduetscher

Volksfestvereen New York“ sich später am

2. Januar 1922 mit 10.000 RM am Stiftungskapital

beteiligte, es gab also im Jahr

1922 eine Stiftung, an der man sich beteiligen

konnte! Später in der Zeit der Inflation

im Jahr 1923 ist eine weitere Spende des

„Plattduetscher Volksfestvereen New York“

in Höhe von 350.000 RM nachweisbar.

Wenn der Stadtrat nach den Dokumenten

in der Berliner Staatsbibliothek, preußischer

Kulturbesitz, nicht geschwindelt hatte,

hat Wilhelm Hartmann das Grundstück

nach Kataster „I 48“ an der Langenstraße

Nr. 48 ausgewählt, dessen vorheriger Eigentümer

sein Cousin, Baumeister Carl

Hartmann, war. Vermutlich hat auch der

Cousin das Gebäude errichtet, worüber

jedoch kein Dokument gefunden wurde.

Im vorgenannten Dokument ist aber erwähnt,

dass das Grundstück von der Stadt

Vegesack zum genannten Preis von 5.800

RM erworben wurde. Der Bau des Krankenhauses

soll auf 46.100 RM geschätzt [2]

worden sein, sodass bis dahin 51.900 aufgewendet

wurden. Offensichtlich wurde

auf diesen Gesamtbetrag die „Veräußerungsabgabe“

vom Senat der Stadt Bremen

berechnet, weil bereits der Bau erfolgte

und der Stadtrat Vegesack es versäumt

hatte, zum Datum des Grunderwerbs die

fällige „Veräußerungsabgabe“ sofort nach

Erwerb zu entrichten. So war das Grundstück

zuzüglich der Kosten des Neubaues

als Grundlage der Berechnung der Veräußerungsabgabe

herangezogen worden.

Dem genannten Dokument folgend […die

ganze geschenkte Summe erforderte…] für

Kauf des Grundstücks und Errichtung des

Krankenhauses verwendet. Der Stadtrat

Vegesack bat nun den Bremer Senat, die

Berechnungsgrundlage auf den gezahlten

Grundstückspreis zu beziehen, welches in

den Verhandlungen mit dem Bremer Senat

erreicht wurde, aber noch von der Bürgerschaft

und der Steuerdeputation genehmigt

werden musste. Diesem Problem verdanken

wir heute, dass das entsprechende

Dokument in der Berliner Staatsbibliothek,

preußischer Kulturbesitz, archiviert wurde

und gefunden werden konnte. Die Bremer

Bürgerschaft scheint dem Ersuchen stattgegeben

zu haben.

[2]

Anmerkung: Es ist verwunderlich, weshalb

keine Rechnung für die Errichtung des Gebäudes

vorlag! Sollte Cousin Carl Hartmann

die Errichtung als Spende an die Stadt

Vegesack geleistet haben?

Das heute noch

bekannte Krankenhaus

„Hartmannstift“

und seine Stifter

Überliefert ist auch eine Spendenliste

aus dem Jahr 1912, sie gibt auch Auskunft

über eine Liste weiterer Spender. In einem

Brief soll Hartmann geschrieben haben, er

würde nochmals 20.000 RM spenden, in

der folgenden Liste sind aber 50.000 RM

genannt. D.h. in der Folgezeit sind weitere

Spenden für das Krankenhaus und die

Stiftung „für arme kranke Vegesacker“ ein-

22 RUNDBLICK Herbst 2019


gegangen, unklar, bleibt wann sie wirklich

erfolgten. Die Liste aus dem Jahre 1912, sie

liegt mir vor, hierin ist unter Nr. 1 die 50.000

RM Spende Hartmanns mit der vorgenannten

Bedingung genannt; als Nr. 2 folgt der

Bremer Vulkan 10.000 RM mit der Bedingung,

dass die Kranken des Vulkan anderen

Kranken aus der Umgebung vorzuziehen

seien; 3. Direktor Nawatzki des Bremer

Vulkan mit 1.000 RM; 4. Dr. Landwehr mit

500 RM, leitender Arzt am Hartmannstift;

5. Gebrüder Oldehoff mit 250 RM, Cousins

von Hartmann; 6. B. Rasch, 300 RM, von

der Firma Georg Gleistein; 7. C. Stümcke

mit 500 RM, Apotheker und Stadtrat bis

1913; 8. J. Hilmer mit 500 RM, Inhaber der

Tonhalle und Cousin Hartmanns, auch er

war Stadtverordneter; 9. Johann Lampe mit

300 RM, Kaufmann und Inhaber der Firma

Lange & Lampe in der alten Hafenstraße

29; 10. C. Knoblich mit 50 RM, Pächter

der Strandlust; 11. die verschwägerten Dr.

D. Danziger Rechtsanwalt und Notar, Frau

Danziger und Frau Bischoff mit zusammen

3.000 RM; 12. Frau Witwe Schröder mit

5.000 RM von Schröder & Co, einer geb.

Seedorf; 13. Hr. Rohr mit 500 RM, dem

Verleger und Stadtdirektor, der später Vorsitzender

der Hartmannstiftung war; 14.

Frau Ww. E. Lange mit 500 RM, einer geb.

Stümcke aus der Weserstraße 84; 15. Dr.

Carl Ferdinand Walter Hensel mit 50 RM,

Fabrikant; 16. Stadtrat Wilh. Behmann mit

100 RM, Maurermeister; 17. Witwe des

Dietrich Friedrich Meyer mit 100 RM, einer

geb. Thöle, aus der Grünenstraße 13; 18.

Stadtrat Georg de la Roche mit 50 RM, Direktor

der Gas- und Wasserwerke; 19. Herr

Direktor Freise mit 300 RM, von der Norddeutschen

Steingut; 20. Hr. Bischoff mit 50

RM, von der Spedition M. Heinrich Bischoff;

21. die Firma C.C. Otto mit 50 RM, Buchhandel;

22. Geheimer Regierungsrat Carl

August Ludwig Fischer mit 50 RM, Bankdirektor

a.D.; 23. Frau Helene Hartmann

mit 50 RM; 24. Fräulein Wehmann mit 50

RM, vermutlich die unverheiratete Antoinette

Elisabeth Wehmann (*1839) aus der

Hafenstraße. Als Nr. 25 spendete Dr. Müller

100 RM, zur Ausstattung des Schwesternzimmers,

Chefarzt in Blumenthal, zumindest

diese Spende scheint erst erfolgt

zu sein, als das Krankenhaus Blumenthal

bereits den Betrieb aufgenommen hatte.

1911 spendete Wilhelm Hartmann der

Stadt Vegesack eine Pferdetränke, die ihren

Stand vor dem Postamt Vegesack hatte und

zuletzt am Utkiek stand, bis sie 1934 ganz

entfernt wurde. Am 7. Mai 1915 wurde das

britische Passagierschiff „Lusitania“ von einem

deutschen U-Boot versenkt, bei dem

über 1200 Passagiere den Tod fanden. Darauf

distanzierten sich Wilhelm Hartmann

und andere deutschstämmige Engländer

in einem offenen Brief in der „Times“ von

der deutschen Kriegsführung. Darauf ließ

der Stadtrat Vegesack das lebensgroße Gemälde,

welches Wilhelm Hartmann in englischer

Hoftracht zeigt, im Sitzungszimmer

des Stadthauses verhängen, man wollte

nicht unter dem Bildnis eines Engländers

tagen. Der Stadtrat verhielt sich zwiespältig,

einerseits wollte man es sich nicht mit

dem großzügigen Spender verderben, andererseits

war Hartmann Staatsbürger des

Feindes. Nach dem Krieg sollte Hartmann

die Gelegenheit gegeben werden, sich

zu dieser Angelegenheit zu äußern, doch

Hartmanns Enttäuschung war größer als

vom Stadtrat vermutet, er mied von da an

seine Heimatstadt und stellte seine Spendentätigkeit

ein. Als er am 11. Dezember

auf seinem Landsitz Milbourne House in Ester,

Surrey, England verstarb, hatte er seine

Heimatstadt Vegesack in seinem Testament

nicht berücksichtigt!

Verwendete Quellen:

- Biografie des Wilhelm Hartman, erstellt von

Thomas Begerow in Berlin, August 2014.

- „Der Sinn einer Stiftung als Engagement für

das Gemeinwesen.“ Quelle: Bundesverband

Deutscher Stiftungen.

- Pressemitteilung Senatorin für Finanzen in

Bremen vom 7.12.2018.

- „Unternehmer Wilhelm Hartmann ist Namensgeber

und Stifter des Krankenhauses

Hartmannsstift in Vegesack“ Beitrag im Weser

Kurier vom 22.7.2018.

- „Von England aus Vegesack geholfen“, die

„Norddeutsche“ vom 20.3.2019.

- „Ortsfamilienbuch Vegesack“ Genealogischer

Verein „Die Maus“ im Staatsarchiv Bremen.

- Wikipedia, „Wilhelm Hartmann“ (Unternehmer).

- Ulf Fiedler im „Weser Kurier“ 2017 „Wegen

seiner Großzügigkeit angesehen“.

- Ehrenbürgerbrief 1887 und Glückwunsch

Adresse des Stadtrates zum 70. Geburtstag

1914, Heimatmuseum Schloss Schönebeck.

- Reichsgesetzblatt Teil 1 v. 7.4.1933/Gesetz

zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums.

- Österreichisches Zeitungsarchiv ANNO mit

Fremdenblatt von Bad Ischil vom 28./29 Juni

1881betreffend Zuwanderung nach England.

- Archiv Berliner Staatsbibliothek, Preußischer

Kulturbesitz, Berlin, diverse Akten betreffend

Stadt Vegesack und Hartmannstift.

- Amtliche Mitteilungen aus der NS – Verwaltung,

div. Jahrgänge.

- Auskunft der DGzRS, März 2019, zu den Rettungsboot-Spenden

Hartmanns.

- Internet; das Haus, das jetzt als Milbourne bekannt

ist, wurde von Prinzessin Charlotte dem

Generalmajor Sir Robert William Gardiner, KCB

(fn. 68), übergeben. Es ist jetzt (1903) der Sitz

von Herrn William Hartmann, JP

- „Legal Information Institute“, Rechtsstreit

und Lizenz zu „Rahtjens Composition“ (Patent).

- „RückBlick“ Anstrichmittel in der 2. Hälfte des

19. Jahrhunderts, by @ Bernd Klabunde.

- Zeitungsarchive in Australien und Neuseeland.

- Foto des Gemäldes im Stadthaus Vegesack,

Erlaubnis durch Ortsamtleiter Hr. Dornstedt.

- Anfrage und Suchlauf und Auskunft im Bremer

Staatsarchiv vom 29.1.2019.

- Archiv „The London Gazette“, betreffend William

Hartmann, London, England.

- Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz,

Akte Hartmannstift v.10.Jan. 1888.

- Staatsbibliothek Bremen, historische Adressbücher

Vegesack diverse Jahrgänge.

- Staatsarchiv Bremen, diverse Jahrgänge Protokolle

des Stadtrates Vegesack und der „Krankenhaus

Kommission“.

- Archiv „Plattduetscher Volksfestvereen New

York“ und „Das Deutsche Element der Stadt

New Yorck“, by Otto Sprengler 1913 in New

Yorck.

- Eigenes Archiv Peschel in 28755 Bremen.


Herbert A. Peschel

RUNDBLICK Herbst 2019

23


Schießstand Waakhausen

Informationen der Bürgerinitiative Naturschutz Worpswede

Der Artikel im Heimat-Rundblick Nr.

129 hat die Bürgerinitiative Naturschutz

Worpswede veranlaßt, mit unserer Redaktion

Kontakt aufzunehmen . Es wurde ein

Treffen mit den Vertretern der Initiative,

Frau Silvia Vaßen-Langenbach, Frau Christa

Oeller, Herrn Dr. Andreas Oeller und Herrn

Jürgen Langenbruch als Vertreter des Verlags

realisiert. In einem längeren Gespräch

wurden die komplexen und vielseitigen Aspekte

der Schießsportanlage diskutiert und

die Veröffentlichung des nachfolgenden

Beitrags vereinbart.

„Nachdem einige Waakhauser Bürger zu

diesem Thema recherchierten, dämmerte

es ihnen, was in der Hamme-Niederung

entstehen sollte: ein riesiges Schießsportzentrum.

Aber warum sollte unbedingt dieser gigantische

Wall gebaut werden? Der bestehende

Schießstand war doch mehr als vier

Jahrzehnte ohne einen solchen ausgekommen.

Es wurde schnell klar, dass es – wie so

oft – um wirtschaftliche Gewinne ging. Ein

Schießstand wirft nur dann Geld ab, wenn

dieser von vielen Schützen genutzt wird.

Und dieses Ziel hatte Henning Kruse. Er

wollte den alten Schießstand, an dem noch

der Hauch von Roselius hing, wieder zu

neuem Leben erwecken. Um das aber zu

erreichen, musste er gesetzliche Vorgaben

erfüllen, in diesem Fall die des Bundes-Immissionsschutzgesetzes

(BImSchG). Und

dabei sollte der Wall helfen.

Die sich inzwischen gegründete Bürgerinitiative

Naturschutz Worpswede äußerte

ihre Bedenken eindringlich gegenüber

dem Landkreis und dem Worpsweder Bürgermeister.

Die geplante Maßnahme sei ein massiver

Eingriff in die Natur. Die Verwendung

von Material der LAGA-RL Z2 – denn daraus

sollte der Wall aufgeschüttet werden

- stelle eine Belastung der Umwelt dar,

deren Folgen für Boden, Wasser und Luft -

letztendlich damit auch für den Menschen

- kaum absehbar seien. Deswegen sei eine

Verbauung dieses Materials auch nur unter

strengsten Auflagen erlaubt. Ob diese

strengen Auflagen in dieser Fläche tatsächlich

erfüllt werden können, stellten sie in

Frage, da es sich um ein sehr mooriges eingedeichtes

Gebiet handelt, in welchem der

Grundwasserstand jahreszeitenabhängig

stark differiert. Der Sommer 2018 hatte ja

eindrucksvoll gezeigt, wie die Trockenheit

den Untergrund in unserer Region beeinflusst.

Das Gleiche gilt natürlich im Umkehrschluss

für regenreiche Zeiten. Weiterhin

stellten sie die Frage, wie sowohl während

Zwischenbereich; 2006 Biotop §28a

Foto: Bürgerinitiative Naturschutz Worpswede

der Bauphase als auch nach Fertigstellung

100 Prozent sichergestellt würde, dass es

zu keiner Zeit zu einer Kontaminierung des

Erdreichs kommt. Und wenn doch, wer die

Kosten für einen evtl. Rückbau dieses Mammut-Bauwerks

trage.

Bei dem in Rede stehenden Z2-Material

handelt es sich um mineralische Abfälle,

die über erhebliche Schadstoffgehalte verfügen.

Also nicht etwa um gewöhnlichen

Schutt aus Ziegeln oder ähnlichem Baumaterial,

wie man es für eine solche Wallanlage

erst vermuten mag, sondern um Abfälle,

die über eine nicht unerhebliche Belastung

an Schadstoffen verfügen: z.B. Arsen, Blei,

Cadmium, Chrom, Quecksilber, Cyanide,

PCB, PAK usw. Also alles hochgiftige Stoffe,

die deshalb auch hohe technische Sicherungsmaßnahmen

zur Verarbeitung bedingen.

Ende November besichtigten dann auf

Einladung von Henning Kruse verschiedene

Umweltverbände das Areal, um sich

ein Bild von dem künftigen Wall-Standort

zu machen. Die Vertreter dieser Verbände

stellten dabei aber nicht nur fest, dass das

moorige Gelände für ein solch schweres

Bauwerk nicht tragfähig sei, sondern wurden

auch darauf aufmerksam, dass die

gesamte Schießfläche jahrelang nicht ordnungsgemäß

gereinigt wurde: jede Menge

Bleischrot mit Pflanzen verwachsen lag auf

dem Schießareal und die Auswaschungen

des Bleischrots sickerten offensichtlich in

den Boden und damit auch in die Gräben.

Die Schießstand Waakhausen gGmbH,

mit ihrem Geschäftsführer Henning Kruse

hatte aber erst 2018 die Geschäftsführung

übernommen. Sie war also für die verunreinigte

Fläche nicht verantwortlich zu machen.

Da diese aber nun weder per Hand

noch mit Maschinen zu reinigen war, hatte

Kruse die Idee, dieses kontaminierte Erdreich

in den von ihm geplanten Wall mit

einzubauen. Somit hätte er zwei Fliegen

mit einer Klappe geschlagen:

Er hätte für das zu entsorgende kontaminierte

Erdreich durch den Einbau in den

geplanten Wall die Deponiekosten gespart

und gleichzeitig die gesetzlichen Vorgaben

für den Lärmschutz des geplanten Schießzentrums

erfüllt. Überdies – und das war

der Clou – hätte er für die Abnahme des

Z2-Materials auch noch eine hohe Vergütung

erhalten, der Wall würde unterm

Strich also auch noch Geld in die Betreiberkasse

spülen.

Auch wenn die gGmbH erst in 2018 ihre

Tätigkeit aufgenommen hat, muss darauf

hingewiesen werden, dass Henning Kruse

die ganze Misere der jahrelangen Misswirtschaft

durchaus bekannt war, schließlich ist

er so eine Art „Urgestein“ auf dem Schießstand,

er kennt diesen – nach eigenen Angaben

– schon von Kindesbeinen an, war

doch sein Vater dort schon in den Jahren

der Entstehung aktiver Schütze. Zudem

ist er Vorsitzender des Jagd- und Wurftaubenclub

Osterholz e.V. 1963, der Club ist

neben der Jägerschaft Osterholz und der

Landesjägerschaft Bremen Mitglied im

Betreiberverein (Verein zur Förderung des

sportlichen Schießwesens Waakhausen

e.V.), der im Jahr 2004 die Rechtsnachfolge

einer Stiftung angetreten hat und Eigentümer

der gesamten Schießsportanlage ist.

Deshalb stellt sich zu Recht die Frage, warum

die 3 Mitglieder des Betreibervereins,

24 RUNDBLICK Herbst 2019


seit der letzten Sanierung 2006 bis zum

Jahr 2018 die Augen vor der schleichenden

Umweltverschmutzung verschlossen

haben. Schließlich haben sie bis dahin aus

ihren Reihen den jeweiligen Betreiber-Vorstand

gewählt.

Nachdem die Umweltverbände die Bürgerinitiative

über das Ergebnis ihres Schießstand-Besuchs

informiert hatten, initiierte

diese eine Info-Aktion der Worpsweder

Bürger mit dem Ergebnis, dass schon nach

wenigen Wochen annähernd 1.300 Bürger

per Postkarte und Unterschriftslisten sich

gegen den Bau eines Walls aussprachen.

Diese Karten und Listen wurden dann

auch Anfang 2019 dem Landrat und dem

zuständigen Dezernenten übergeben. Diese

Aktion brachte zum Ausdruck, dass die

Bürger keine Veränderung der malerischen

Hamme-Niederung und der unberührten

Landschaft - das größte touristische Kapital

der Gemeinde Worpswede – wollten. Ganz

zu schweigen von einer möglichen Beeinträchtigung

von Flora und Fauna, insbesondere

des Vogelschutzgebietes.

Zwischenzeitlich hatte Prof. Dr. Dieter

Viefhues, der im November 2018 als Vertreter

des BUND mit den Umweltverbänden

den Schießstand besichtigt hatte, durch

weitere Recherchen festgestellt, dass der

2006 aus dem damaligen Sanierungsgut

gebaute Wall offensichtlich undicht ist.

Durch seine intensiven Aktivitäten, unterstützt

durch die GRÜNEN, wurde auch das

Niedersächsische Umweltministerium auf

die unhaltbaren Zustände auf dem Schießstand

aufmerksam und besichtigte im Juni

2019 das Areal. In der Wümme-Zeitung

vom 20.06.2019 berichtete Lars Fischer:

„Eine große Lösung, wie sie der bisherige

Betreiberverein mit Geschäftsführer Henning

Kruse angestrebt hatte, ist mit der Position

des Kreises nicht vereinbar. Vinbruck

machte deutlich, dass ein Wall mit 22 Meter

Höhe auf dem moorigen Untergrund

in Waakhausen nicht zu realisieren sei. Es

sei schlichtweg nicht abzuschätzen, wie

sich ein Bauwerk mit diesem Gewicht auf

dem labilen Untergrund auswirke, es gebe

keine Erfahrungswerte mit Bauten unter

solchen Bedingungen. Wie schwierig aber

Moorflächen baustatisch einzuschätzen

seien, sehe man unter anderem beim Straßenbau,

verdeutlichte der Dezernent. Auch

habe es vonseiten des niedersächsischen

Umweltministeriums, das die Anlage in

Augenschein nahm, erhebliche Bedenken

gegen die Wallpläne gegeben. Insbesondere

das geplante Vorgehen, dort belastetes

Z2-Material einzubauen, stieß in Hannover

auf Ablehnung.“

Ende Mai 2019 veröffentlichte Kruse

dann, dass die Betreibergesellschaft ihre

Arbeit zum 30.06.2019 einstelle. Als Begründung

nannte er zum einen die fehlende

Unterstützung der Verwaltung und

zum anderen die negative wirtschaftliche

Perspektive.

Schießbahn zugewachsen

Foto: Bürgerinitiative Naturschutz Worpswede

Nach einer vierwöchigen Pause wurde

dann aber am 01. August 2019 der

Schießstand wieder geöffnet. Die zwölf

100-m-Bahnen, der laufende Keiler und

die fünf Kurzwaffenstände sind wieder alle

nutzbar. Lediglich die Wurfscheiben-Stände,

auf denen mit Schrot geschossen wird,

sind – auf Anordnung der Kreisverwaltung

Osterholz – geschlossen.

Als Alternative ist der Kipphasen-Stand

im Gespräch. Somit ist also auch die Jungjäger-Ausbildung

gesichert und auch die

Möglichkeit zum Training bzw. Überprüfen

und Einschießen der Waffen wieder gegeben.

Die Kreispolitiker hatten zwischenzeitlich

ein unabhängiges Gutachten durchgesetzt

– gegen die ursprüngliche Ansicht der Verwaltung,

die dies nicht für notwendig hielt.

Da entsprechende Gutachter – lt. Landrat

Lütjen – rar seien, gebe es aber keinen konkreten

Termin, wann eine Expertise vorliegen

könne. Erst dann wäre der Sanierungsbedarf

seriös zu beziffern. Wer die Kosten

der Sanierung letztendlich zahlen muss, ist

ebenfalls noch offen. Ob diese vom Steuerzahler

zu tragen sind, oder von den Betreibern

bzw. Grundstückseigentümern,

werden Juristen klären müssen.

Erstaunlich ist, dass mittlerweile die Ansicht

in Teilen der Bevölkerung – vor allem

bei den Jägern – vorherrscht, die Bürgerinitiative

hätte von Anfang an das Ziel gehabt,

den Schießstand zu „vernichten“.

Vergessen haben diese Bürger, dass sich die

Bürgerinitiative lediglich gegen den Bau

eines Walls in der Hamme-Niederung gewehrt

hat, nicht wissend, was die Umweltverbände

dann noch „nebenbei“ entdeckten:

nämlich eine Umweltverschmutzung

großen Ausmaßes, verursacht durch das

Missmanagement der Betreiber. Davon will

man aber in diesen Kreisen nichts hören,

weil man ja mit Falschinformationen vom

eigenen Fehlverhalten ablenken kann.

Die meisten Schützen waren mit Sicherheit

ahnungslos, dass der Schießstand jahrelang

nicht gesetzeskonform geführt wurde

und sie mit jedem Schuss die Umwelt

belastet haben.

Aber die Verantwortlichen, nämlich die

Betreiber-Vorstände, zu denen auch die

Jäger aus Bremen und Osterholz gehören

und die qua Satzung zum Naturschutz

verpflichtet sind, müssen sich den Vorwurf

machen lassen, dass sie kläglich versagt

haben. Die Bürgerinitiative kann man für

die Schließung der Schrotstände wahrlich

nicht verantwortlich machen!

Genauso wenig, wie für den angeblichen

Verlust von Arbeitsplätzen. Lt. Aussage des

Waakhauser Ortsvorstehers in der Ratssitzung

am 25.06.2019 in Worpswede seien

10 Arbeitsplätze durch die Schließung der

Schrotstände verloren gegangen, das seien

- nach seiner Aussage - 10 % der Waakhauser

Einwohner. Dieser Vorwurf ist natürlich

Unsinn, dennoch hat die Bürgerinitiative

den Ortsvorsteher darum gebeten, ihr mitzuteilen,

um welche Arbeitsplätze es sich

genau handelt. Leider hat er auf ihre Frage

nicht geantwortet.

Und somit bringt seine schwerwiegende

Behauptung die Bürgerinitiative weiterhin

in Misskredit, denn sowohl in Presseartikeln,

als auch im Internet wird sie für

den Arbeitsplatzverlust verantwortlich gemacht.

Ob sich der Ortsvorsteher über die

Wirkung seiner Aussage bewusst ist?

Im Übrigen haben Landrat Lütjen und

Dezernent Vinbruck geäußert, dass ein

Schießstand nach heutigen Erkenntnissen

und Umweltstandards am jetzigen Standort

nicht mehr genehmigt würde.“

Bürgerinitiative Naturschutz Worpswede

www.Naturschutz-Worpswede.de

Dr. med. Andreas Oeller

Christa Oeller

Silvia Vaßen-Langenbach

Jürgen Langenbach

Thomas Murken

Dr. med. Christine Ohlenbusch

RUNDBLICK Herbst 2019

25


Malschule Orlando

Ausstellung in der Bücherei Tarmstedt

Stellen wir in unserem Heft normalerweise

nur gegenwärtige oder verblichene

Künstler vor, so widmen wir uns dieses Mal

auch dem künstlerischen Nachwuchs, der

sich in einer Malschule erste Erkenntnisse

erwirbt und mögliche kreative Fähigkeiten

erkennen lässt.

In Tarmstedt leitet die Kunsttherapeutin

und -pädagogin Gabriele Gutmann die

Malschule Orlando, die frühkindliche Förderung

ab einem Alter von 4 Jahren sowie

Malgruppen in den Altersstufen ab 8 Jahren

und 8-16 Jahren anbietet.

Unterrichtet wird in diesen Techniken:

Aquarell, Pastellkreide, Kohle, Acryl, Collagen

und Drucktechniken.

Die Schul- und Samtgemeindebücherei

Tarmstedt in der KGS stellte ihre Räumlichkeiten

für eine Präsentation der aktuellen

Werke der jungen Künstler zur Verfügung

– und diese sind durchaus sehenswert!

Die Namen der Aussteller sind: Jannik

Günther (6 J.), Nina Schlosser (6 J.), Mia

Seeger (6 J.), Scalett Jongen (8 J.), Maxim

Schulz (10 J.), Asina Müldner (12 J.), Christina

Jongen (13 J.), Lena Eberhard (13 J.),

Jannifer Rolow (14 J.).

Text und Fotos: Jürgen Langenbruch

26 RUNDBLICK Herbst 2019


Buchtipp „Albrecht Kossel und die DNA,

ein Nobelpreisträger aus Mecklenburg“

Auch wenn es etwas aus der Reihe fällt, ich möchte Ihnen hier

kurz die Geschichte und Hintergründe eines Buch-Projektes vorstellen.

Soeben ist der biografische Roman „Albrecht Kossel und die

DNA, ein Nobelpreisträger aus Mecklenburg“ vorstellen, ISBN

978-3-944211-64-0, 175 Seiten als Paperback, im Selbstverlag

von Dr. Joachim Framm, Preis 9,85 € + Versandkosten. (Bestellanschrift:

Joachim.Framm(et)t-online.de).

Zugegeben ein Buch aus Mecklenburg, vielleicht aber nicht nur

ein Buch für Mecklenburger. Die Idee zu diesem biografischen

Roman um den Mecklenburger Nobelpreisträger Albrecht Kossel

entstand, als der Bremer Familienforscher Herbert A. Peschel und

dessen Ehefrau Mitte 2016 die Familie Dr. Joachim und dessen

Ehefrau Dr. Edith Framm in der historischen Hirschen Apotheke,

am Markt in Wismar, besuchten. Der Kontakt zu dieser Familie

war bereits Anfang 2012 entstanden, als er Quellen für eines

seiner eigenen Booklets um den Apotheker-Lehrling Hermann

Jeppe suchte, denn er hatte damals den Verdacht, Hermann Jeppe

könnte seine Lehre in der Apotheke seiner Oma in Doberan

absolviert haben.

Eine Reise mit Hindernissen, bei Ankunft in Wismar und Ankündigung

beim Gastgeber explodierte der Akku des mobilen

Telefons am Ohr. Später, wir saßen im Wohnzimmer der Familie

Framm im Obergeschoss des historischen Gebäudes der Hirschen-Apotheke

am Markt in Wismar und diskutierten die genannte

Möglichkeit, denn die ehemalige Ärztin Dr. Edith Framm

hatte die Geschichte der Familie Framm in ihrem biografischen

Roman „Ein Apothekerleben im 19. Jahrhundert in Mecklenburg“

untersucht, aber keine eindeutigen Beweise für eine Lehre

in der Frammschen Hof-Apotheke in Doberan gefunden. In diesem

Buch fanden sich aber erste Hinweise, wo Hermann Jeppe

seine Ausbildung zum Apothekengehilfen erhalten haben könnte.

Sehr viel später fand ich die schlüssige Beantwortung meiner

Frage in einem Kirchenbuch in Grevesmühlen nahe Wismar. Wer

mag, mag die historisch gesicherte Geschichte im PDF-ebook

Büchlein „Im Nebel der Vergangenheit – Hermann Carl Otto

Friedrich Jeppe – ein Nachruf zum 199. Geburtstag des Rostocker

Sohnes“ nachlesen.

Albrecht Kossel (*1853 – †1927), Sohn des Kaufmanns, Reeders,

Bankers und Hannoverschen und Preußischen Konsuls

Albrecht Enoch Kossel (*1827 – †1919) und seiner Frau Clara

(*1830 – †1827), wurde 1910 der Nobelpreis für Medizin zuerkannt.

Das Thema interessierte die beiden Mediziner besonders,

denn sie waren auf der Suche nach einem neuen Thema und

meinten mit meiner Hilfe (über die Kosselfamilie) würde ihnen

ein Thema über einen so geehrten Mecklenburger Mediziner

besonders liegen.

Bereits im April 2017 hatte ich die ersten Kapitel als Leseprobe

erhalten, nun hielt ich vor wenigen Tagen das fertige Buch

in Händen. Ich meine, es ist ein lesenswertes Buch, sie haben

sowohl die Jugend in Rostock als auch den weiteren Lebensweg

des Rostocker Nobelpreisträgers Kossel mit viel Einfühlungsvermögen

und Sachkenntnis in die Ausbildung, als auch den weiteren

beachtlichen Lebensweg des Rostocker Sohnes, liebevoll

nachgezeichnet.

Mein Urteil, ein lesenswertes Buch für den an historischen Personen

interessierten Leser!

Herbert A. Peschel

RUNDBLICK Herbst 2019

27


50 Jahre Im Dienste der Heimat

Zum 80. Geburtstag von Wilko Jäger

Am 19. Juli 2019 konnte Wilko Jäger,

der regional sowie überregional bekannte

Chronist, im Meyenburger Landhaus mit

seiner Familie und befreundeten Weggefährten

seinen 80. Geburtstag feiern.

Der gebürtige Bremer, der anfangs in

Bremen-Farge als Lehrer tätig war, bekam

1967 durch den Gemeindedirektor Karl

Tietjen und durch das Meyenburger Original

Alfred Seebeck das Angebot, in dem

damals ländlichen Dorf zu siedeln und die

Lehrerstelle zu übernehmen. Vor allem die

positive Unterstützung seiner Frau Elke ermutigte

ihn, auf diesen Vorschlag zustimmend

zu reagieren.

Der Entschluss, mit seiner Familie in Meyenburg

ansässig zu werden, eröffnete Wilko

Jäger einen vielseitigen und interessanten

Lebensweg. Schon 1968 gründete der engagierte

Lehrer den „Arbeitskreis für Dorfverschönerung

und Heimatpflege e.V:“,

den er nun seit 51 Jahren als Vorsitzender

leitet. Auch die Mitarbeit im Sportverein

TSV Meyenburg zählte zu seinen besonderen

Aktivitäten. Neben seinen dienstlichen

Aufgaben in der Schule, in der er dann

auch Rektor war, fand der tatkräftige Lehrer

immer die Zeit, die umgebende Landschaft

von Moor und Marsch zu erkunden. Und

die ungewöhnliche Anschaffung von einer

Kutsche, gezogen von zwei Haflingern,

ermöglichte es ihm, seiner Ehefrau Elke

und seinen Kindern, durch die Landschaft

zu fahren. In besonderer Weise bekam er

Eindrücke über das Dorf und hatte Begegnungen

mit der heimischen Bevölkerung.

Später war Wilko Jäger dann mit seinem

VW-Bus, auch „Bully“ genannt, bei den vielen

Exkursionen unterwegs.

Seine amüsanten Jahresrückblicke über

das Geschehen im Ort Meyenburg sind

bis heute im Dorf ein nachhaltiges Ereignis.

Der leidenschaftliche Filmer und Fotograf

hat zugleich viele Dorfgeschichten recherchiert

und festgehalten. Mit Vorliebe sammelte

der Chronist Anekdoten von Land

und Leuten. Als Autor und Herausgeber

verfasste Wilko Jäger zahlreiche Bücher. An

dieser Stelle sollen hervorgehoben werden:

Die Sagensammlung „Vom Moorweib und

den Weserriesen“ und „Unter Reetdächern

und alten Bäumen“. In über zwanzig Tonund

Bildschauen zu den Themen wie „Lesumer

Geschichte“, „Harriersand“, „Geest

und Marschland“ u.v.m. hat er berichtet.

Als bekannter Chronist hat er in der Region

unzählige Vorträge gehalten.

Auf seinen interessanten Exkursionen erkundete

Wilko Jäger zusammen mit teilnehmenden

Meyenburgern das Deutsche

Mittelgebirge, Südtirol, Prag, Paris, Polen

und viele sehenswerte Städte und Landschaften.

Der damalige Kulturreferent v.

Düring übertrug dem von Wilko Jäger neu

gegründeten Arbeitskreis „Grün“ das Nutzungsrecht

über die Meyenburger Wassermühle.

Seit über 40 Jahren sind in der

Mühle von Wilko Jäger Veranstaltungen mit

Niederdeutschen Autoren organisiert und

durchgeführt worden.

Wilko Jäger, seit 58 Jahren mit Elke Jäger

verheiratet, ist ein dynamischer und zugleich

lyrischer Mensch. Dem 80-Jährigen

liegt bis heute „die Bildhaftigkeit unserer

Sprache“ am Herzen. Er schreibt Gedichte,

schafft Gemälde, er fotografiert, er zeigt

interessierten Besuchern seine Heimat, der

er mit seinen unterschiedlichen Aktivitäten

gedient hat. Im Jahre 2004 erhielt er für

seine Lebensleistungen das „Verdienstkreuz

am Bande“ des niedersächsischen Verdienstordens.

Mit zahlreichen Artikeln und Fotos in der

Zeitschrift „Zwischen Elbe und Weser“ des

Landschaftsverbandes Stade und der Zeitschrift

Heimat Rundblick“ hat Wilko Jäger

unter anderem Spuren seiner vielseitigen

Aktivitäten hinterlassen.

September 2019

Manfred Simmering / Dr. Helmut Stelljes

28 RUNDBLICK Herbst 2019


Köksch un Qualm – mehr als ein Museum

Donnerstagsprogramm von Oktober bis Dezember 2019 bietet für jeden etwas in der Stader Landstraße 46

DO 24.10.19, 15.30 Uhr

Tanztee im Hause Richtering

Musik spricht eine ganz eigene Sprache

und entführt uns in alle Zeiten und Gefühlswelten.

Heute wollen wir uns von der Musik

beschwingen lassen und wer mag darf

auch das Tanzbein schwingen. (Anmeldungen

erbeten)

DO 07.11.19, 15.30 Uhr

Bremen kocht! Himmel und Erde

Dieses traditionelle Arme-Leute-Essen

serviert Ihnen heute unsere Köksch

nach alter Rezeptur. Der außergewöhnliche

Name dieser Speise leitet sich von

dem alten Begriff „Erdapfel“ ab, welcher

heute noch Verwendung findet.

Der Himmel steht für den Apfel und die

Erde für die Kartoffel.

Köksch Meta und das Team wünscheneinen

guten Appetit bei der Verköstigung

dieses schmackhaften Gerichts.

(Anmeldungen erbeten)

DO 14.11.19, 15.30 Uhr

Lesung – Seinerzeit zu meiner Zeit

Christine Bongartz liest bei einer szenischen

Lesung als Gesine von Katenkampp

Geschichten einer Bremer

Kaufmannsfamilie um 1900 von Ada

Halenza vor. (Anmeldung erbeten)

DO 21.11.2019, 15.30 Uhr

Blüten- und Blätterkunst

Es gibt diverse Möglichkeiten natürliche

Materialien zur künstlerischen Gestaltung

zu verwenden. Kreieren Sie individuelle

Kunstwerke aus dem was die

Natur hergibt.

Wir möchten Ihnen verschiedene Möglichkeiten

aufzeigen getrocknete oder

gepresste Blüten und Blätter in Szene

zu setzen und eigene Bilder liebevoll zu

gestalten.

(Anmeldungen erforderlich & Kosten

nach Materialaufwand)

DO 05.12.19, 15.30 Uhr

Bremen kocht! „Marci panis“ –

Kartoffeln und Brot aus Marzipan

Diese edle Köstlichkeit orientalischen

Ursprungs war früher nur für die feine

Gesellschaft erschwinglich und ist

heute in aller Munde. Mandeln, Zucker

und Rosenwasser waren damals für die

Herstellung dieser genussvollen Leckerei

notwendig. Wir verfeinern diese

heute nach Belieben. Probieren Sie gerne.

(Anmeldungen erbeten)

DO 12.12.19, 15.30 Uhr

Eine kleine Hausmusik: „Alle Jahre wieder…“

Wir machen es uns gemütlich im Museum.

Um uns auf die besinnlichen

Feiertage einzustimmen dürfen traditionelle

Weihnachtslieder nicht fehlen. Es

erwartet Sie ein gemeinsames Adventssingen

bei Kerzenschein. (Anmeldungen

erbeten)

DO 19.12.19, 15.30 Uhr

Lesung – Ein bunter Teller: Ein Potpourri

weihnachtlicher Geschichten

Gesine von Katenkampp (Christine

Bongartz) ist an diesem Nachmittag

wieder bei uns im Köksch un Qualm zu

Gast und hat stimmungsvolle, heitere,

nachdenkliche - also kurz gesagt: ein

Potpourri weihnachtlicher Geschichten

- dabei. (Anmeldungen erbeten)

EINTRITT

3,00 € für das Donnerstagsprogramm

inklusive szenischer Führung durch die

Ausstellung (auf Wunsch) in Kombination

mit den jeweiligen Hauptprogrammen/ggf.

zzgl. Materialkosten. Der Eintritt

für Kinder beträgt 1,50 €. Weitere

Ermäßigungen bitte an der Kasse erfragen.

Ein Kaffee-Menü kostet 3,80 €.

Sonderveranstaltungen

Frühstück im Köksch un Qualm

Wir bieten jeden ersten Mittwoch im

Monat ein kleines Frühstück zum Preis

von 6,80 € an, um Ihnen die Gelegenheit

zu bieten, unser Museum kennenzulernen

und in besonderer Atmosphäre

in den Tag zu starten. Es erwarten Sie

Brot und Brötchen (1 Scheibe Schwarzbrot,

1 Brötchen), Aufschnitt, Ei, Käse

und Marmelade. Kaffee und Tee stehen

Ihnen satt zur Auswahl. Eine szenische

Führung kann nach Vereinbarung im

Anschluss an Ihr Frühstück für 3,00 €

hinzu gebucht werden.

Die nächsten Termine sind am

06.11.2019 und 04.12.2019 von

10.00 – 12.00 Uhr.

Rechtzeitige Anmeldungen erforderlich!

Individuelle Buchungsanfragen

Feiern, Tagen und mehr!

Verbringen Sie im Köksch un Qualm ein

paar schöne Stunden und buchen Sie

das Museum inkl. szenischer Führung

und Bewirtung. Lassen Sie es sich bei

einem Frühstück, einem Brunch oder

leckeren Waffeln mit heißen Kirschen

und Sahne im gemütlichen Salon

gutgehen (Auf Wunsch jetzt auch in

Bio-Qualität!).

Offene Handarbeitsgruppe

An jedem ersten Montag des Monats

trifft sich von 15.00 – 17.00 Uhr die

offene Handarbeitsgruppe unter der

Leitung von Renate Drögemüller. (Feiertage

ausgenommen!)

Die nächsten Termine sind am

07.10.2019 und 04.11.2019 und

02.12.2019. Anmeldung erbeten!

DO 28.11.19, 14.00 Uhr

Adventskränze binden

Alle Kränzchenfreundinnen und Kränzchenfreunde

aufgepasst! Bald zünden

wir die erste Kerze an. Ob Tür- oder

Adventskranz, auf jeden Fall darf ein

schmückendes Beiwerk für die schönste

Zeit im Jahr nicht fehlen. Deshalb laden

wir Sie herzlich dazu ein, gemeinsam

mit uns Adventskränze zu binden und

wunschgemäß zu gestalten. (Anmeldungen

erforderlich & Kosten nach

Materialaufwand)

Allgemeine Öffnungszeiten: Sie können unser Museum am Donnerstag in der

Zeit von 14.00 – 18.00 Uhr und jederzeit nach Vereinbarung besuchen.

Anmeldungen: Sie erreichen das Köksch un Qualm-Team

Mo., Di., Mi. und Fr. von 9.00 – 14.00 Uhr sowie Do. von 12.00 – 17.00 Uhr

persönlich unter der Tel.: 0421-636958-66. Oder per E-Mail unter: zigarrenfabrik@bras-bremen.de.

Barrierefreiheit ist bei uns gewährleistet!

RUNDBLICK Herbst 2019

29


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Weil man dafür nichts weiter

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