Berliner Kurier 18.11.2019

BerlinerVerlagGmbH

POLITIK

MEINE

MEINUNG

Von

Tim

Szent-Ivanyi

Unbeherrschbare

Abhängigkeiten

Esist wie so oft im Gesundheitswesen:

Läuft

etwas falsch, dann beginnen

die Lobbyisten mit Schuldzuweisungen.

Beim Thema Lieferengpässe

sieht das so aus:

Die Pharmaindustrie sieht

die Schuld bei den Krankenkassen,

die mitPreisdrückerei

die Unternehmen

strangulieren. Die Kassen

werfen im Gegenzug der

Wirtschaft vor, die Produktion

nicht im Griff zu haben.

Beide unterstellen wiederum

den Apothekern, Medikamente,

die eigentlich für den

deutschen Markt vorgesehen

sind, gewinnbringend ins

Ausland zu verhökern.

Die Wahrheit liegt –wie so

oft –inder Mitte.Hauptproblem

ist, dass die Globalisierung

zu einer Konzentration

bei den Produzentenvon

Wirkstoffen geführt hat. Es

gibt Grundstoffe, die werden

nur noch von zwei Herstellern

geliefert –einer sitzt in

Indien, der andere in China.

Das schafft Abhängigkeiten,

die unbeherrschbar werden

können. Die Politikdarf nicht

untätig bleiben. Ziel muss

sein, wieder Produktionsstätten

in Europa anzusiedeln,

auch mit Hilfe von staatlichen

Fördergeldern. Das

sollte uns die Gesundheit

wert sein.

MANN DESTAGES

Olaf Scholz

Olaf Scholz(SPD), Bundesfinanzminister,

will einem Medienberichtzufolgekünftig

mit einer spezialisierten Einheit

gegen

groß angelegten

Steuerbetrug

vorgehen. Er

werde dazu

eine mit

48 Stellen

ausgestattete

Spezialeinheit

beim

Bundeszentralamt

für Steuern einrichten,

berichtete die „Welt am

Sonntag“. Für die„Taskforce

gegen Steuergestaltungsmodelle

am Kapitalmarkt“ seien

Ausgaben von 21 Millionen

Euro veranschlagt.

Foto: Jens Schicke/imago images/dpa

Foto: anilakkus/iStockphoto

Bielefeld –Sie schielen auf das

Kanzleramt –und betonen ihre

soziale Seite: Die Grünen fordern

die sofortige Einführung

eines gesetzlichen Mindestlohns

von 12 Euro. Der Parteitag

in Bielefeld stimmte einem

entsprechenden Vorschlag des

Parteivorstands gestern zu.

Die Höhe des Mindestlohns

solle sich nicht allein an der Tarifentwicklung

orientieren,

sondern vor Armut schützen

und den Zusammenhalt in der

Gesellschaft stärken, heißt es

im Beschluss. Derzeit liegt der

Mindestlohn bei 9,19 Euro.

Auch SPD und Linke fordern

Foto: Guido Kirchner/dpa

UnserePillen

werden knapp

Die Produktion zahlloser ArzneieninAsienund steigende Exporte aus

Deutschland machen Apothekern hierzulandeimmer mehr zu schaffen

Frankfurt – Rezept vorlegen,

Medikament mitnehmen?

Das ist in Deutschland mitunter

nicht mehr möglich,

denn bei Ibuprofen, Schilddrüsenmittel

oder Blutdrucksenker

bleiben immer

wieder die Regale in Apotheken

leer. Ein Grund sind

komplexe Lieferketten auf

dem Weltmarkt und Arzneimittelexporte.

Apotheker

warnen bereits vor

Nachteilen für die Patienten.

Lieferengpässe seien ein dauerndes

Ärgernis, sagt Mathias

Arnold, Vizepräsident der Apothekervereinigung

ABDA.

Auch der Rückruf des Blutdrucksenkers

Valsartan nach

einer Verunreinigung habe

2018 zu einem Mangel in

den Apotheken geführt

und normalisiere sich

erst langsam. „Die

Lieferengpässe haben

in den vergangenen

Jahren zugenommen.“

Zwar lassen sich viele

knappe Arzneien durch

andere ersetzen, doch das

bleibe nicht ohne Folgen,

warnt Arnold. „Das sind

nicht die Mittel, auf die

die Patienten eingestellt

Unbequeme Beschlüsse: Der Bundesparteitag der Grünen in der Stadthalle

Bielefeld hat beim Klimaschutz auf Zumutungen gesetzt.

sind und nicht zwingend die,

die sie am besten vertragen.“

Wenn Firma Bdie Pillen anders

presse, mache das schon einen

Unterschied. Patienten müssten

dann von ihrem Arzt anders

eingestellt werden. Auch bei

Apothekern kosten Lieferengpässe

Zeit: Helfen eine größere

Packung oder doppelt so starke

Tabletten, die der Patient teilen

muss? Muss der Arzt das Rezept

ändern? Für neun von

zehn selbstständigen Apothekern

zählen laut ABDA Lieferengpässe

zu den größten Ärgernissen

im Alltag.

Laut dem Apothekerverband

hat sich die Zahl der nicht verfügbaren

Rabattarzneien fast

verdoppelt: Von 4,7 Millionen

Packungen 2017 auf 9,3 Millionen

im vergangenen Jahr. Jedes

50. dieser Mittel sei von

Lieferengpässen betroffen –also

mehr als zwei Wochen nicht

verfügbar oder deutlich stärker

nachgefragt als angeboten.

Gründe für Lieferengpässe

gibt es viele. So herrscht im globalen

Gesundheitswesen Kostendruck.

Viele Pharmakonzerne

lassen laut ABDA Wirkstoffe

in Fernost herstellen – etwa

Antibiotika in China und Indien.

Dort konzentriert sich die

Produktion auf wenige Betriebe,

wie der Bundesverband der

Pharmazeutischen Industrie

(BPI) erklärt. Die Folge: Steht

die Produktion zeitweilig still

oder kommt es wegen Verunreinigungen

zu Arzneirückrufen,

hakt es in der Lieferkette.

Sind nun Arzneien in großem

Stil knapp? Drohen Patienten

ernsthafte Gesundheitsgefahren?

Das Bundesinstitut für

Arzneimittel und Medizinprodukte

sieht keinen Grund,

Alarm zu schlagen. DieBehörde

hat derzeit knapp 290 Meldungen

über Lieferengpässe bei

Medikamenten erfasst – bei

rund 103000 zugelassenenArzneimitteln

inDeutschland. Es

gebe aber „eine kontinuierliche

Steigerung der Lieferengpass-

Meldungen“, hießes.

Die Apotheker aber fordern

politische Lösungen wie mehr

Anreize für eine stärkere Wirkstoffproduktion

in Europa.

Auch kritisieren sie Rabattverträge

zwischen Krankenkassen

und Herstellern. ABDA-Vizepräsident

Arnold sieht noch ein

Mittel: Ein Exportverbot lebensnotwendiger

Arzneien, bei

denen Knappheit herrsche. Oft

würden Medikamente aus

Deutschland nach Großbritannien

oder Schweden verkauft,

wo Arzneipreise höher sind.

Grüne verlangenMindestlohn von12Euro

Bundesparteitag will auch den Klimakiller CO 2 in Erdgas und Heizöl für Bürger deutlich teurer machen

eine deutliche Anhebung. Den

CO 2 -Preis, mit dem fossile

Kraftstoffe, Heizöl und Erdgas

verteuert werden sollen, wollen

die Grünen ebenfalls erhöhen.

Im Klimapaket der GroKo

ist zum Start ein Betrag von

10 Euro vorgesehen. Die Grünen-Forderung:

2020 soll er

pro Tonne bei 60 Euro liegen

und in Schritten von 20 Euro

pro Jahr steigen – allerdings

soll ein Gremium auch soziale

Auswirkungen kontrollieren

und gegebenenfalls eingreifen.

Die Partei bleibt zudem bei

der Forderung, schon bis 2030

aus der Kohle auszusteigen.

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