Berliner Zeitung 18.11.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 268 · M ontag, 18. November 2019 3· ·

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Seite 3

Am29. Juli 2013 geht bei der Berliner

Polizei eine Anzeige ein. Sie ist an

die Staatsanwaltschaft gerichtet.

Deranonyme Verfasser schreibt, er

sei„Mitarbeiter der Geburtsklinik“ eines Berliner

Krankenhauses. Erkönne die in seiner

Klinik praktizierten Spätabtreibungen nicht

mehr hinnehmen. Es seien lebensfähige Kinder,

die getötet würden, heißt es in der Anzeige.

Die Ausnahme sei zum Regelfall geworden.

Dies lasse ihm keine Ruhe, erwolle

nicht mehr stiller Mitwisser sein. DerVerfasser

rechtfertigt seine Anonymität damit, dass

er Angst um seinen Arbeitsplatz habe.

Der Anzeige liegt ein Operationsbericht

vom 12. Juli 2010 über einen Kaiserschnitt

bei einer Zwillingsschwangerschaft bei. In

dem Bericht mit der Buchnummer 684 heißt

es, dass das erste Kind um 5.20 Uhr geboren

wurde.Eswog bei einer Größe von40Zentimetern

1670 Gramm und war ein gesundes

Mädchen. Derzweite Zwilling, 41 Zentimeter

groß und 1430 Gramm schwer, kam zehn

Minuten später auf die Welt. Tot.

Er starb noch in der geöffneten Gebärmutter

an Herzstillstand. Die Ärzte hatten

ihm, bevor sie die Nabelschnur durchtrennten,

20 Milliliter Kaliumchlorid in die Nabelvene

gespritzt. Eine tödliche Dosis.

Neun Jahre nach diesem Kaiserschnitt

stehen zwei Frauenärzte vor dem Berliner

Landgericht. Siewerden nicht aus der Untersuchungshaftanstalt

vorgeführt, was ungewöhnlich

ist. Denn der Vorwurf lautet auf

Totschlag. DieStaatsanwältin Silke vanSweringen

geht davon aus,dass die Gynäkologen

das tödliche Kaliumchlorid während der Geburtinjizierthaben.

Zu diesem Zeitpunkt sei

das aber rechtlich verboten gewesen.Wasdie

Mediziner gewusst hätten.

Totschlag ist ein vorsätzliches Tötungsverbrechen.

Verhandelt wird daher seit dem

22. Oktober vor einer Schwurgerichtskammer.

Indiesem Fall ist es jene Kammer, die

auch in einem neuaufgerollten Prozess die

beiden sogenannten Kudamm-Raser wegen

Mordes erneut zu lebenslanger Haft verurteilte.

Auf der Anklagebank sitzt Babett R., eine

schmale Frau mit ernstem Gesicht und randloser

Brille.Die promovierte Gynäkologin ist

58 Jahre alt und seit 2005 bis zum heutigen

TagOberärztin der Geburtsklinik. Sie leitete

damals die Operation.

Der mitangeklagte Klaus V. assistierte bei

dem Kaiserschnitt. Klaus V. war Chefarzt der

Klinik. 2012 ging der Professor und einstige

Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie

und Geburtshilfe in den Ruhestand.

Beide Mediziner haben unzähligen Kindern

das Leben geschenkt. Die Staatsanwältin

sagt, sie hätten einem Kind das Leben genommen.

Vorsätzlich und wider besseres

Wissen.

Die Angeklagten wollen nicht, dass ihre

Gesichter auf den Fotos aus dem Gerichtssaal

unkenntlich gemacht werden. Auch das

ist ungewöhnlich bei einem Strafprozess,bei

dem die Angeklagten üblicherweise ihre

Köpfe hinter Aktendeckeln verbergen. Doch

die Erklärung vonBabett R. und Klaus V.,Gesicht

zu zeigen, leuchtet ein: Sie seien

schließlich keine Kriminellen, sie hätten

nichts Strafbares getan. Im Gegenteil: Sie

hätten mit dem Toddes Zwillings ein Leben

gerettet. Es sei das einzige Mittel gewesen,

größeres Übel zu verhindern.

Beantwortet werden muss in diesem Prozess,

indem an diesem Dienstag das Urteil

erwartet wird, bis zu welchen Zeitpunkt der

Schwangerschaft ein Spätabbruch zulässig

ist. Und esgeht um die Fragen, wann aus

dem Fötus ein Mensch wird. Mitder Geburt,

heißt es. Doch wann gilt ein Kind als geboren?

Wann wird aus der Leibesfrucht ein

Mensch? Für Staatsanwältin van Sweringen

steht dieser Zeitpunkt fest: mit den Eröffnungswehen

oder mit dem Öffnen der Gebärmutter.Sostehe

es im Gesetz.

In einerPlazenta gewachsen

Für Tonya Gaibler, der Anwältin von Babett

R., ist die Antwort nicht so eindeutig. Sie

weist darauf hin, dass die Frage in unserer

Rechtsordnungunterschiedlich beantwortet

werde. Im Zivilrecht beginne die Rechtsfähigkeit

des Menschen mit der Vollendung

der Geburt. Mit dem Austritt aus dem Mutterleib.Das

Strafrecht dagegen stelle auf den

Beginn der Geburtab.

In der Klinik, in der Babett R. noch immer

als Oberärztin arbeitet, kommen jedes Jahr

3500 Kinder zur Welt, ein Drittel davon

durch eine Risikogeburt. Als die Angeklagten

bei einer 27-jährigen Patientin aus Brandenburg

den Kaiserschnitt durchführten, handelte

es sich um eine Hochrisikoschwangerschaft.

Die werdende Mutter war in der 32.

Schwangerschaftswoche.Wehen hatten eingesetzt.

Niemand kann sagen, ob es die Eröffnungswehen

waren.

Ein Arzt hatte Wochen zuvor bei einem

Zwilling eine hochgradige Hirnschädigung

festgestellt. Beide Föten waren in einer Plazenta

gewachsen, hatten gemeinsame Gefäßverbindungen

und waren dadurch ungleich

mit Blut versorgt worden. Es bestand

ein sogenanntes fetofetales Transfusionssyndrom:

EinFötus –der dadurch erkrankte

–galt als Geber,der andereals Nehmer.

Die Eltern entschlossen sich nach eingehender

Beratung zu einem selektiven

Fetozid, der Tötung des kranken Zwillings

im Mutterleib,umdas gesunde Kind zu retten.

Das ist nach dem Gesetz als Spätabbrucherlaubt,

wenn die Schädigung des Kindes

eine unzumutbare physische und psychische

Belastung für die Mutter darstellt.

DerFetozid muss noch im Mutterleib vorgenommen

werden.

Verhandelt wird vor dem Berliner Landgericht.

Auf Leben

und Tod

VorneunJahren injizierten zwei Gynäkologen einem schwer kranken

Zwilling während eines Kaiserschnitts eine tödliche Dosis Kaliumchlorid.

Sie taten das, um den anderen Zwilling zu retten.

Nun stehen die Ärzte vor dem Berliner Landgericht. Die Anklage lautet

auf Totschlag. Und die entscheidende Frage in der Verhandlung:

Wann wird aus einem Fötus ein Mensch?

VonKatrin Bischoff

Es war ein Dilemma, in dem sich Babett R.

und Klaus V. damals befanden und das im

Gerichtssaal deutlich wird. Anfragen bei Kliniken

und Kollegen, die sich mit derartigen

Schwangerschaften auskannten, hatten offenbar

keine Hilfe gebracht.

Als die Schwangerschaftsbeschwerden

akut wurden, entschlossen sich die Ärzte

zum Kaiserschnitt. Es sei der sicherste Weg

gewesen, den gesunden Zwilling zu retten,

beteuern die Angeklagten. Mit keinem

Wort bestreiten sie, dass sie dem zweiten

Fötus nach dem Kaiserschnitt Kaliumchlorid

spritzten. Eine frühere Tötung im geschlossenen

Uterus sei zu riskantgewesen,

erklärt Babett R. Durch die gemeinsame

Blutversorgung hätte auch das gesunde

DPA/BRITTA PEDERSEN

Die Angeklagten: Babett R. und Klaus V. OLAF WAGNER (2)

Kind Schaden nehmen oder gar getötet

werden können.

Im gesamten Operationsteam habe es damals

keine Diskussion über die Vorgehensweise

gegeben, sagt Klaus V. vor Gericht. Sie

hätten sich auf der sicheren Seite gewähnt,

weil der kranke Fötus während der Injektion

noch im Mutterleib und für die Ärzte nicht

geboren gewesen sei.

„Wir waren der Meinung, das Richtige zu

tun“, erklärt der einstige Chefarzt. Der Kaiserschnitt

sei optimal für die Geburt des gesunden

Kindes gewesen. „Im Vordergrund

stand für uns Ärzte nicht das Juristische, sonderndas

gesunde Kind.“

Peter Kozlowski sollte in dem Verfahren

klären, ob die Angeklagten 2010 etwas Verbotenes

taten. Ob es keine Möglichkeit für

einen früheren Fetozid gegeben habe. Peter

Kozlowski ist Pränatalmediziner aus Düsseldorf.

In demVerfahren trat der 68 Jahre alte

Mediziner als Sachverständiger auf. Er äußert

in seinem Gutachten durchaus Verständnis

für die angeklagten Ärzte, die in einer

Situation waren, die sich kein Geburtshelfer

wünsche.

DasProblem beider Schwangerschaft sei

die Plazenta gewesen, die sich die Föten geteilt

hätten, sagt Kozlowski. „Die Zwillinge

waren auf Gedeih und Verderb aufeinander

angewiesen.“ Jede Behandlung des kranken

Fötus hätte den gesunden Fötus gefährdet.

„Eine Injektion mit Kaliumchlorid geht hier

nicht“, erklärter.

Kozlowski greift in seinem Gutachten

auch auf Zahlen zurück, die für sich sprechen

sollen. Im Jahr 2010 gab es demnach in

Deutschland 67 8000 Entbindungen, davon

waren gut 3000 eineiige Zwillingsgeburten.

Bei 2700 dieser Entbindungen teilten sich

die Föten eine Plazenta. Bei wiederum 300

dieser Zwillingsschwangerschaften trat ein

fetofetales Transfusionssyndrom auf. Kozlowski

erklärt, dass in 17 Prozent dieser 300

Hochrisikoschwangerschaften kein Kind

überlebt habe.

Fachliteratur gab es offenbar genügend –

nur nicht für einen Fall wie diesen: für die Tötung

nach dem Kaiserschnitt. Warum nicht?,

fragt die Staatsanwältin den Gutachter.„Weil

wir uns in einer rechtlichnicht eindeutig definierten

Zone befinden“, antwortet Kozlowski.

„Ineiner rechtlichnicht zulässigen?“, hakt die

Anklagevertreterin nach. „Nein, nicht aus

meiner Sicht“,widerspricht Kozlowski.

Aber es habe doch nach der Entbindung

des gesunden Kindes keine Gefahr mehr bestanden.

Weder für das gesunde Kind noch

für die Mutter.Welche medizinische Indikation

habe es denn dann noch gegeben, die

Spritze zusetzen, will der Vorsitzende Richter

wissen. „Die Entscheidung der Mutter.

Ausmeiner Sichtist das eine fortbestehende

Indikation“, sagt Kozlowski.

Es ist ein juristischer und auch medizinischer

Streit, der hier im Gerichtssaal ausgefochten

wird. Undder keineswegs so eindeutig

scheint –auchnicht unter Juristen.

Denn dasVerfahren war vier Monate nach

der anonymen Anzeige zunächst eingestellt

worden. Weil, so sagt es die Anwältin Gaibler,

zwei Profis, ein Gerichtsmediziner und ein

Staatsanwalt, keine Verfehlungen bei den

Ärzten gesehen hätten.

Eingesundes Mädchen

Doch die Staatsanwaltschaft verfügte im Mai

2014, die Ermittlungen wieder aufzunehmen.

Erneut waren Babett R. und KlausV. anonym

angezeigt worden. Zwei Jahre später

wurde Anklage erhoben. Da die zuständige

Schwurgerichtskammer lange Zeit mit Haftsachen

beschäftigt war, wird der lange zurückliegende

Fall erst jetzt verhandelt.

Die Staatsanwältin Silke van Sweringen

hält die Angeklagten nach der Beweisaufnahme

weiter für schuldig, einen Totschlag

im minderschweren Fall begangen zu haben.

Die Alternative seien nicht zwei tote Babys

gewesen. „Die Alternative waren zwei lebende

Babys: eins gesund, das anderebehindert.“

VanSweringen fordertfür beideAngeklagte

eine Verurteilung zu einer Haftstrafe

von jeweils 18 Monaten, die auf Bewährung

ausgesetzt werden soll.

Die Verteidiger der Mediziner verlangen,

ihre Mandanten freizusprechen. Die Angeklagten

seien davon ausgegangen, eine

rechtlich mögliche Schwangerschaftsunterbrechung

vollzogen zu haben.

„Wir alle haben es gut in unserem Job. Wir

müssen eine solch schreckliche Entscheidung

wie diese Ärzte nicht fällen“, sagt die

Anwältin Gaibler. Sie fordert eine normative

Korrektur. Die Grenze eines Spätabbruchs

könne dort gezogen werden, wo die angeklagten

Ärzte agierthätten.

Dochkann dieKammernach derGesetzeslage

die Ärzte überhaupt freisprechen?

DerVorsitzende Richter deutete schon einmal

an, dass im Falle eines Schuldspruchs

dielange Verfahrensdauer undauchdie Art

derAnzeige berücksichtigt werden müsse.

Egal, wie das Urteil ausfällt, der Fall wird

vermutlich noch einmal höchstrichterlich

entschieden werden müssen.

Es istein Prozess, derratlos macht. Zumal

dieÄrzte nicht aufder Anklagebank gelandet

wären, wenn sie den Fetozid noch im Mutterleib

vorgenommen hätten –und wenn dabei

auch das gesunde Zwillingskind gestorbenwäre.

Dasgesunde Mädchen, dasBabettR.und

Klaus V. damals per Kaiserschnitt zur Welt

brachten, istheute neun Jahrealt.

KatrinBischoff sieht einDilemma

zwischen Ethikund Recht und hat

Verständnis fürdas Handelnder Ärzte.

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