LP_Echte_Helden_Gefangen_im_Hochwasser

literaturtestmarketing

Charlotte Habersack

Echte Helden -

Feuerfalle Kran

Hardcover • 14,8 x 21,0 cm

ca. 112 Seiten

ISBN 978-3-7488-0010-1

10 Euro (D) / 10,30 Euro (A)

Ab 9 Jahren

Illustriert von Nikolai Renger

Erscheint: Oktober 2019


Echte Helden von Bestsellerautorin

Charlotte Habersack

Ben hat ein Ziel: Er will cool sein! Aber der Anführer in

seiner Klasse, Leon, nimmt ihn kein bisschen Ernst. Das

ändert sich erst als Ben behauptet, sein Vater sei Kranführer

und er selbst schon oft ganz oben auf dem Kran gewesen.

Das Problem ist nur: Leon verlangt einen Beweis.

Ausgerechnet als Ben den Kran auf der Baustelle neben

dem Schulfest hochklettert, bricht unten ein Feuer aus.

Um sich selbst zu retten, muss Ben seine Ängste überwinden

und vor den Augen aller eine halsbrecherische Aktion

wagen. Zum Glück geht alles noch mal gut. So sehen echte

Helden aus!

• Spannung pur, basierend auf wahren Begebenheiten -

diese Reihe ist nur für starke Nerven

• Die perfekte Jungs-Lektüre von Bestsellerautorin Charlotte

Habersack

• Für alle, die davon träumen, zum Helden zu werden

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Achtung!

Dies ist keine Geschichte für schwache Nerven.

Jemand hat sie wirklich erlebt.

Nicht genau so, aber doch fast.

Und weil derjenige die Geschichte überlebt hat,

wirst du es wohl überleben, sie zu lesen.

Aber keiner soll hinterher sagen,

ich hätte dich nicht gewarnt.

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Im Schwindeln der Größte

Ben war sicher einer der größten Angeber der ganzen

Schule. Er konnte einem das Blaue vom Himmel herunter

lügen. Hätte man ihm geglaubt, war er schon Piranhas fischen

auf dem Amazonas und hatte mit seinem Vater (der

angeblich in Australien auf einer Krokodilfarm arbeitete)

die Sahara durchquert. Auf einem Motorrad!

Immerhin, Ben war nicht schlecht in Heimat- und

Sachkunde. In Wirklichkeit aber war sein Vater Architekt

und saß die meiste Zeit hinter einem Schreibtisch. Und

Urlaub machte er am liebsten auf der Terrasse – im Liegestuhl.

Wenn man Ben in der Schule reden hörte, konnte man

meinen, er sei der Stärkste, Schnellste und Größte seiner

Klasse. Dabei war er eher der Schwächste, Langsamste und

Kleinste. Lange Zeit hatte seine Mutter versucht, ihn etwas

größer wirken zu lassen. Auf Anraten des Friseurs striegelte

sie ihm jeden Morgen die Haare nach oben. Gute

fünf Zentimeter konnte sie so herausholen. Bis es Ben irgendwann

zu blöd wurde.


Jetzt trug er seine Haare lang, bis weit über die Ohren.

Wenn er wollte, konnte er sich hinter einem Vorhang aus

Haaren verstecken oder sie mit einer coolen Geste nach

hinten schleudern.

Ben war so dünn wie ein Spargel – ein Geschälter! Erwachsene

konnten locker mit Daumen und Zeigefinger

um seinen Arm herumfassen. Das Einzige, was an Ben

wirklich groß war, waren seine Schneidezähne und seine

Klappe.

»Der Bluthund von Frau Röder, unserer Nachbarin,

frisst nur mir aus der Hand«, sagte Ben und grinste dabei

so, als würde er sich selbst über die gute Geschichte freuen.

Die meisten Kinder waren beeindruckt – solange, bis sie

Ben einmal zu Hause besuchten. Weit und breit gab es

keinen Hund, der so jämmerlich aussah wie der von Frau

Röder. Der »Bluthund« war ein alter, grauer Pudel, der

eine lahme Pfote nachzog und auf dem rechten Auge blind

war. Es war fraglich, ob er überhaupt noch fressen konnte.

Aber Ben war bislang jedes Mal eine gute Ausrede eingefallen.

»Das hast du falsch verstanden«, erklärte er Nico, als

wenn der einen Fehler gemacht hätte. »Er heißt Bluthund.«

Und noch bevor Nico ihn auslachen konnte, setzte er

hinzu: »Sei doch nicht blöd. Kein normales Kind füttert

einen echten Bluthund!«

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Erst als Nico von seiner Mutter abgeholt wurde und

schon im Auto saß, sah er, wie Frau Röder Bluthund ins

Haus rief.

»Mucki!«, rief sie, »Muckilein, komm doch rein.« Als

Bluthund ums Haus humpelte, tat er Nico ein bisschen

Leid. Und Ben ihm auch.

Ben hatte zwei Geschwister. Um die drehte sich zu Hause

einfach alles. Jenny war fünf. Mit ihren großen, braunen

Kulleraugen und ihren blonden, Haaren, die wie elektrisiert

vom Kopf abstanden, war sie so süß, dass alle Frauen

wie Ferkel quiekten, wenn sie sie sahen. Selbst dann, wenn

Jenny sich beim Essen eine Erbse in die Nase schob, wieder

herausholte und – aufaß!

Timo war dreizehn und hielt sich für so cool, dass er eigentlich

hätte Eiswürfel pinkeln müssen. Ständig brauchte

er Hilfe bei den Hausaufgaben. Seine Füße waren groß

wie ein Laib Schweizer Käse – und rochen auch ähnlich

scharf.

Ben war zehn. Groß genug, um den Plastikmüll zum

Container zu tragen, aber zu klein, um so lange aufzubleiben

wie Timo. Er war mittelmäßig in der Schule und mittelmäßig

hübsch. Das einzige, mit dem er hätte angeben

können, war ein Muttermal auf der linken Pobacke – in

Form eines Herzens. Aber richtig punkten konnte er damit

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auch nicht. Zumindest nicht in der Schule. Nur Melina

hatte er den Leberfleck einmal gezeigt. Mit wenig Erfolg.

»Das ist brauner Filzer!«, hatte sie behauptet und mit

Spucke daran herum gerieben.

Also erzählte Ben lieber Geschichten. Dann bekam er

immer die volle Aufmerksamkeit. Tut ja niemandem weh,

wenn man etwas übertreibt.

Dachte er! Niemals hätte er geglaubt, dass ihn eine seiner

Geschichten mal in Lebensgefahr bringen würde …

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Ein Hass-Tag beginnt

»Guten Morgen, meine Süße!«

Ben öffnete die Augen und sah, wie seine Mutter Jenny

weckte. Fest schlang seine kleine Schwester ihre Ärmchen

um den Hals der Mutter. Ben schlug die Decke zurück

und quälte sich aus dem Bett. Es war Freitag. Am Nachmittag

sollte in der Schule das große Sommerfest stattfinden.

Trotzdem freute sich Ben nicht, denn Freitag war

sein absoluter Hass-Tag: Da hatten sie Schwimmen. Ben

hasste das Sprungbrett, hasste das kalte Wasser und hasste

es, wenn Leon immer alle ins Becken schubste. Leon war

groß, stark und schnell. Er hatte vor nichts und niemandem

Angst. In der Pause schmierte er sich oft die Hände

voll Spucke und lief dann mit tropfenden Händen den

kreischenden Mädchen hinterher. Bei dem Gedanken

schüttelte es Ben richtig.

Er schlüpfte in seine kurzen Hosen und streifte sich ein

T-Shirt über. Seine Mutter öffnete das Fenster. Man

konnte jetzt schon riechen, dass es ein heißer Tag werden

würde. Aber noch ahnte keiner, wie heiß!

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Neben dem Schwimmunterricht hatte Ben so früh am

Morgen zwei weitere Probleme: Jenny und Timo. Als er in

die Küche kam, saßen sie bereits am Tisch und besetzten

wie so oft beide Eltern. Jenny machte sich auf dem Schoß

des Vaters breit, der ihr ein Brot strich. Stolz zeigte sie ihre

frisch lackierten Zehennägel her. Ben rutschte zu ihnen

auf die Bank.

»Morgen«, nuschelte er.

»Was möchtest du aufs Brot, Prinzessin?«, fragte Bens

Vater und schob Jennys Füße wieder sanft unter die Tischkante.

Bens Mutter, die Timos Mathehausaufgaben korrigierte,

sah nicht einmal auf. Sie liebte es, Mathehausaufgaben

zu korrigieren und wenn Timo sich blöd genug

anstellte, machte sie die Hausaufgaben sogar für ihn.

Timo rempelte Ben an. Ben schwappte sich Milch über

die Cornflakes. Und über die Hose.

»Oh, ’tschuldige«, sagte Timo und grinste falsch.

»Ich hab geträumt, dass Frau Röder ihren Mann umgebracht

hat!«, sagte Ben. Endlich sahen ihn alle an.

»Was für ein Alptraum!«, stöhnte seine Mutter und

klappte Timos Heft zu.

»Und dann hat sie die Leiche in unserem Garten verbuddelt.«

Ben warf Jenny einen herausfordernden Blick

zu. »Im Sandkasten!«

Jenny machte große Augen.

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»Der spinnt schon wieder!« Timo tippte sich an die

Stirn. »Dem hat die Hitze das Gehirn erweicht.«

»Auf jeden Fall ziehst du heute besser Sandalen an«,

sagte seine Mutter. »Es soll sehr heiß werden.«

»Tausend Grad!«, rief Jenny und klatschte begeistert in

die Hände.

»Das gibt’s doch gar nicht«, sagte Timo gelangweilt.

»Warum nicht?«, wandte Bens Vater ein, der seine

kleine Prinzessin immer in Schutz nahm. »Ein richtig großes

Feuer kann schon mal tausend Grad erreichen. Da

schmilzt sogar Metall.«

Ben maulte. Er konnte Sandalen auf den Tod nicht ausstehen!

Leon, der immer nur Turnschuhe trug, zog ihn sicher

wieder deswegen auf.

Noch konnte Ben ja nicht ahnen, dass er die Sandalen

heute zum allerletzten Mal anziehen musste.


Eine faustdicke Lüge

So kurz vor den Ferien machten sie keinen richtigen Unterricht

mehr. Frau Wolf, die Lehrerin, ließ die Klasse Bilder

malen. Mein Vater an seinem Arbeitsplatz hieß das

Thema.

Ben sah aus dem Fenster.

›Ein Vater an einem Schreibtisch ist doch todsterbenslangweilig‹,

dachte er. Auf der Baustelle gegenüber der

Schule stand ein riesiger Kran. Nächste Woche, wenn alle

Kinder in den Ferien waren, sollte es losgehen. Dann würden

sie die alte Turnhalle abreißen und eine neue bauen.

»Mein Vater ist Kranführer«, behauptete Ben spontan,

als Frau Wolf ihn aufrief.

»Isch dei Vadder net Arschitekt?«, fragte Frau Wolf erstaunt,

die immer so komisch redete, weil sie Dialekt hatte.

»Pfff! Arschi-tekt!«, prustete Leon los und schlug sich

vor Lachen auf die Schenkel. Jakob und Moritz, die neben

ihm saßen, lachten mit. »Was baut dein Vater denn?

Plumpsklos?« Jetzt lachten alle.

Am liebsten hätte Ben Leon eine geknallt. Aber so was

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war im Unterricht bestimmt verboten. Vielleicht sogar

überhaupt. Und außerdem war es viel zu gefährlich. Leon

war mindestens doppelt so stark wie er. Er hätte ihn locker

mit einer Pobacke zerquetschen können.

»Leon, nu isch gut«, sagte Frau Wolf. Sie sah genervt

aus. »Des isch a schöner Beruf, den Bens Vadder da hat.

Da isch überhaupt nix Luschtiges dabei.«

Aber es war komisch, dass sie das sagte. Schließlich

lachte die ganze Klasse. Bis auf Ben natürlich und Raja.

Aber die war neu in der Klasse und kam aus Russland.

Wahrscheinlich hatte sie einfach nur nichts kapiert. Leon

versuchte sein Lachen zu unterdrücken. Aber sein ganzer

Körper wackelte weiter wie Götterspeise.

Eigentlich wollte Ben gerne mit Leon befreundet sein.

Einen, der vor nichts Angst hat, konnte man als Freund

gut gebrauchen.

»Wer möchte’ uns noch sage, was sei Vadder macht?«,

fragte Frau Wolf und sah extra weg von Leon. Was sein

Vater war, das wusste eh jeder. Nämlich Arzt. In der Pause

erzählte Leon immer von blutigen Operationen. Bis eins

von den Mädchen sagte: »Mir ist schlecht«.

Melina hatte sogar einmal geweint. Sie hatte Angst bekommen,

auch mal ins Krankenhaus zu müssen und operiert

zu werden.

»Das kann gut sein«, hatte Leon gesagt. »Mir ist schon


aufgefallen, dass du hier am Knie so einen komischen

Knubbel hast. Vielleicht muss das Bein amputiert werden.«

Frau Wolf hatte danach die ganze Mathestunde gebraucht,

um der heulenden Melina zu versichern, dass das

nur ihre Kniescheibe war und völlig normal.

Plötzlich meldete sich Raja. Ben sah sie erstaunt an.

Raja saß in der Fensterreihe wie er. Die Sonne schien so

durch ihr krauses rotes Haar, dass es aussah, als würde ein

kleines Feuer auf ihrem Kopf lodern.

»Mein Vater sein Artist an Trrrapez«, sagte sie und

rollte dabei das R von Trapez wie eine Murmel im Mund.

Wieder lachte die ganze Klasse. Diesmal lachte Ben laut

mit. Er war erleichtert, dass nicht mehr über ihn gelacht

wurde. Außerdem fand er Raja blöd. Warum musste sie

auch schwindeln? Alle Welt wusste doch, dass ihr Vater

arbeitslos war und ihre Mutter im Supermarkt an der

Kasse saß.

»Ha! Wenn dein Vater Artist ist, dann ist meiner Astrrrronaut«,

brüllte Ben in die Klasse. Das R rollte er dabei

mindestens so lange wie Raja.

»Dann malscht du eben dein Vadder als Aschtronauten«,

sagte Frau Wolf spitz und bekam ganz schmale Lippen

vor Ärger.

»Arsch-tronaut!«, kicherte Ben leise und warf Leon einen

verschwörerischen Blick zu. Aber der hatte schon

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angefangen zu malen. Ben sah, wie Raja ein Trapez zeichnete.

Er schämte sich für sie.

Plötzlich sah Raja zu ihm hinter. Schnell senkte Ben den

Kopf über sein Blatt. Ihm wurde ganz heiß.

»Du kannscht des Blatt auch hochkant nehme, wenn’d

willscht«, sagte Frau Wolf und schaute Ben neugierig über

die Schulter. »Dann pascht der Kran besser drauf.«

Ben nickte. Aber dafür war es jetzt zu spät. Er hatte ja

schon die alte Turnhalle und den Bretterzaun gemalt. Er

nahm sich vor, später einfach zwei oder drei Blätter oben

anzukleben. Der Kran auf der Baustelle war wirklich riesig.

Bestimmt hundert Meter hoch.

Als Frau Wolf weiterging, drehte sich Ben zu Leon um.

Der tunkte gerade seinen Pinsel tief in rote Farbe. Dann

ließ er ihn so über die Finger schnalzen, dass er sein ganzes

Bild voll »Blut« spritzte.

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