Berliner Zeitung 21.11.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 271 · D onnerstag, 21. November 2019 3 *

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Report

„Ein passionierter Arzt und feiner

Mensch. …Einmal mehr

fragt man sich,

in welcher Welt wir leben.“

Christian Lindner, FDP-Vorsitzender

„Ich bin bestürzt über die Nachricht vom

tödlichen Angriff …Mein Dank und Respekt gilt

den Teilnehmenden der Veranstaltung,

die Zivilcourage gezeigt haben.“

Dilek Kalayci, Gesundheitssenatorin

IMAGO IMAGES (2)

Am12. November 1989, drei

Tage nach dem Mauerfall,

besucht Richardvon Weizsäcker

einen Gottesdienst

in der völlig überfüllten Gedächtniskirche.

AmEnde der Andacht bittet

Landesbischof Martin Kruse den

Bundespräsidenten, ein paar Worte

an die Gemeinde zu richten. Es ist

nur eine kurze Ansprache,aber sie ist

ein starker Ausdruck der Haltung

Weizsäckers in diesen aufgewühlten

Tagen und den Jahren danach.

„Wie lange haben wir in Berlin

gehofft und gewartet, gemeinsam

aus Ost und West einen Gottesdienst

feiern zukönnen“, sagt er.

Umso größer seien nun Freude und

Dankbarkeit, jedoch: „Dabei sollte

niemand sich und anderen gegenüber

Triumphgefühle aufkommen

lassen.“ Die Menschen aus dem

Westen sollten mit offenen Herzen

und Türen handeln, „aber nicht mit

unserer Tür drüben ins Haus fallen.

Es geht nicht darum, dass nun unsere

Urteile und Gewohnheiten

einfach überschwappen“.

Richard von Weizsäcker war einer

der wenigen bundesdeutschen

Politiker, die schon damals ein feines

Gespür für die Probleme hatten,

die viele DDR-Bürger auf dem

Wegindie deutsche Einheit begleiten

würden.

Er war in diesem Sinne schon

lange ein gesamtdeutscher Politiker,

der aus dem Erfahrungsschatz einer

der wenigen großen deutschen Familien

dachte und handelte,die über

Jahrhunderte und über Systemwechsel

hinweg das Schicksal des

Landes mitgeprägt haben.

Klare, menschliche Haltung

Sein Großvater Karl Hugo vonWeizsäcker

war baden-württembergischer

Ministerpräsident, sein Vater

Ernst vertrat als Diplomat erst die

Weimarer Republik und dann das

Dritte Reich Adolf Hitlers. Schließlich

wurde er als SS-Brigadeführer

Staatssekretär im Auswärtigen Amt

und war an der Deportation französischer

Juden nach Auschwitz beteiligt.

Er wurde vom Nürnberger

Kriegsverbrechertribunal zu einer

Haftstrafe verurteilt. Während des

Prozesses stand ihm sein Jura studierender

Sohn Richard als Hilfsverteidiger

zur Seite, der sein Abitur 1937

an einem Gymnasium in Wilmersdorfbestanden

hatte.

Seine Karriere als Jurist begann

bei der Mannesmann AG. Einen

Schatten auf den Lebenslauf wirft

Weizsäckers Zeit in der Geschäftsführung

des Pharmakonzerns Boehringer

Ingelheim Anfang der Sechzigerjahre.

Das Unternehmen lieferte

damals Zusatzstoffe des Umweltgifts

Agent Orange an die USA. US-Truppen

setzten das Gift imVietnamkrieg

zur Entlaubung von Wäldern ein.

Weizsäcker erklärte, erhabe damals

Hinweise auf die Lieferung des dioxinhaltigen

Stoffs nicht zur Kenntnis

bekommen und erst später „mit großer

Betroffenheit“ davon erfahren.

Dasbezweifelten Kritiker.

Obwohl Richard von Weizsäcker

wesentliche Abschnitte seines Lebens

in der Wirtschaft und der Politik

in Westdeutschland verbracht hat,

stellte Berlin für ihn und seine Familie

stets einen Fixpunkt dar. Erwar den

Berlinerntief verbunden und hat das

Klima in der Stadt mit seiner klaren,

menschlichen Haltung lange beeinflusst.

Er pflegte eine Art des bürgerlich-vornehmen

Auftretens, die sehr

vielen Menschen gefallen hat.

1979 trat er zum ersten Mal als

CDU-Kandidat für das Amt des Regierenden

Bürgermeisters an und erzielte

ein sensationelles Ergebnis

von44,4 Prozent für die Christdemokraten,

die damit erstmals stärkste

Richard von Weizsäcker spielt im Jahr 1968 mit seinen vier Kindern.

politische Kraft in West-Berlin wurden.

Die sozialliberale Koalition von

Dietrich Stobbe konnte sich trotzdem

im Amt behaupten. Nun hätte

Weizsäcker eigentlich Oppositionsführer

im Abgeordnetenhaus werden

können und sollen, doch dafür

war er sich zu fein.

Er hielt stets eine kluge Distanz

zu den parteipolitischen Niederungen

und speziell zur rustikalen

West-Berliner CDU. Das machte einen

guten Teil der Sympathien aus,

die ihm auch aus anderen politischen

Lagern zufielen. So blieb er

Vizepräsident des Bundestages in

Bonn, bis zwei Jahre später seine

nächste Chance kam. Die Berliner

Politik versank in Bauskandalen, die

Bonner Parteiführungen schickten

Rettungskräfte, und so traten Richard

von Weizsäcker für die CDU

und Hans-Jochen Vogel für die SPD

gegeneinander an. Die CDU holte

dieses Mal 48Prozent, das reichte

Weizsäcker zur Bildung eines Minderheitssenats.

Er wurde getragen vonder Zustimmung

breiter Bevölkerungskreise.

Nach Jahren des provinziellen Klein-

Kleins im Rathaus Schöneberg fühlten

sich viele angezogen von diesem

weltgewandten, eloquenten, vornehmen

und gut aussehenden Mann, der

den Ehrentitel „König Silberlocke“

amüsiert zur Kenntnis nahm. Die

Der Glanz von Berlin

Fritz von Weizsäcker stand als renommierter Chefarzt fest in der Tradition seiner Familie.

Die Weizsäckers haben viele bedeutende Politiker und Wissenschaftler hervorgebracht.

Manche nennen sie die „deutschen Kennedys“

VonHolger Schmale

Marianne und Richard von Weizsäcker 1984

„Wir sind zunächst einmal wir.“

Fritz von Weizsäcker (1960–2019) über seine Familie

IMAGO IMAGES/DIETER BAUER

IMAGO IMAGES/SVEN SIMON

Notwendigkeit, sich immer neue

Mehrheiten zu suchen, kamen seiner

Neigung entgegen, als eher über den

Parteien schwebendes Stadtoberhaupt

zu regieren. Die Schmutzarbeit,

etwa das von der CDU gewünschte

harte Vorgehen gegen

Hausbesetzer,überließ er Leuten wie

dem Innensenator Heinrich Lummer.

AnTagen harter Auseinandersetzungen

auf den Straßen zogWeizsäcker

es vor, aufReisen zu sein. Viele

davonführten ihn auch ganz inoffiziell

in die DDR, wo er enge Kontakte

zur evangelischen Kirche pflegte.

Richard von Weizsäcker war ein

ehrgeiziger Mann, Bundespräsident

wollte er werden.Ein erster Versuch

scheiterte 1968, als Helmut Kohl ihn

bei einer internen CDU-Auswahl

vorgeschlagen hatte. 1974 trat er in

der Bundesversammlung gegen

Walter Scheel an, wohl wissend,

dass er der SPD/FDP-Mehrheit unterliegen

würde.

1983 war es dann so weit, Richard

von Weizsäcker wurde zum

Staatsoberhaupt gewählt. Schon

1985 hielt er seine historische Rede

zum 8. Mai, als er die Niederlage

Deutschlands im Zweiten Weltkrieg

als Befreiung bezeichnete. Erzeigte

dabei diese besondereBegabung, in

größeren historischen Dimensionen

zu denken, die ihn zu einem der

herausragenden Politiker der Bun-

desrepublik und dann zum ersten

gesamtdeutschen Präsidenten werden

ließ.

Auch in seiner ersten Zeit als in

Bonn amtierendes Staatsoberhaupt

behielt Weizsäcker Berlin stets besonders

im Auge.1986/87 ließ er das

Schloss Bellevue gründlich renovieren,

um seinen dort angesiedelten

zweiten Amtssitz intensiver nutzen

zu können. Im Juni 1990 wurde ihm

die Ehrenbürgerwürde Berlins verliehen,

und er forderte in seiner Dankesrede

in der Nikolaikirche ein

schnelles und klares Votum zugunsten

der Stadt als Sitz von Bundestag

und Regierung. Der Präsident setzte

damit die Politiker in dieser damals

sehr umstrittenen Frage gehörig unter

Druck. Es dauerte dann noch ein

Jahr, bis der Bundestag den Umzug

für 1999 beschloss. Weizsäcker aber

schuf schon vorher Fakten: Er erklärte

Schloss Bellevue bereits 1994

zu seinem ersten Sitz, vondem aus er

nun amtierte,fünfJahrevor allen anderen.

Seine Frau Marianne, aus einer

preußischen Adelsfamilie stammend,

war ihm stets eine zuverlässige,manchmal

resolute Begleiterin,

der es wichtig war, dass vom Familienleben

möglichst wenig an die Öffentlichkeit

drang. Die vier Kinder

waren freilich schon erwachsen, als

ihr Vater als Bürgermeister und Präsident

besonders ins Scheinwerferlicht

trat. Sie legen auf diese Art der

Prominenz keinen besonderen Wert

und haben die lange währende Tradition

des öffentlichen, politischen

Dienstes ihrer Familie beendet.

„Gib Acht auf meinen Bruder“

Ihre Eltern ließen ihnen freie Hand

bei der Berufswahl. Der 1954 geborene

Robert wurde Ökonom und

lehrt Volkswirtschaftslehre an der

Technischen Universität München.

Er trägt auch einen Präsidententitel:

Er ist Ehrenpräsident des Deutschen

Schachbundes. Sein Vater klagte

manchmal, dass er gegen seinen

Sohn schon in dessen jungen Jahren

am Schachbrett keine Chance gehabt

habe. Der 1956 geborene BruderAndreas

war Bildhauer.Umseine

künstlerischen Neigungen zu fördern,

schickten ihn seine Eltern auf

die Odenwaldschule. Erstarb 2008

an einem Krebsleiden.

Seine Schwester Beatrice, 1958

geboren, studierte Jura. Sie arbeitet

als Autorin und ist wie einst ihr Vater

Mitglied im Präsidium des Deutschen

Evangelischen Kirchentages.

Am Mittwoch reagierte sie als erstes

Familienmitglied öffentlich auf die

Gewalttat in Berlin. Sie postete bei

Instagram ein Kruzifix mit den Worten:

„Gib Acht aufmeinen Bruder…“

Ihrjüngster Bruder Fritz, der 1960

in Essen zur Welt kam, studierte Medizin.

Durch seine Tätigkeit als Arzt

in Berlin stand er den Eltern vielleicht

am nächsten. VonZeit zu Zeit

sah man sie gemeinsam bei Theaterund

Opernaufführungen. Ein fester

Familientermin, zu dem sich alle

Kinder und Enkel trafen, waren über

viele Jahregemeinsame Urlaubstage

im oberbayerischen Wackersberg.

Die Weizsäckers blieben nach

dem Ende seiner Präsidentschaft in

Berlin wohnen, in ihrem Privathaus

in Dahlem.Von dort aus sind es nur

wenige Schritte zum Waldfriedhof,

wo Richard von Weizsäcker im Februar

2015 nach einem Staatsakt im

Familienkreis bestattet wurde. Nun

wird sichdie Familie wieder zu einer

Trauerfeier zusammenfinden.

Holger Schmale

hat Richard vonWeizsäcker

langeals Journalist begleitet.

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