hinnerk Dezember 2019 / Januar 2020

blumediengruppe

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INTERVIEW

ZWEI LEBEN,

ZWEI BILDER VON HIV

Gordon ist 45 Jahre alt und

seit 1992 HIV-positiv. Marcel

ist 29; er erhielt sein positives Testergebnis

2015. Dazwischen liegen

23 Jahre. Wir sprechen mit beiden

darüber, wie sich ein Leben mit

HIV damals anfühlte und sich der

Umgang mit der Erkrankung heute

gewandelt hat.

Wie lebt es sich als relativ kurze Zeit

HIV-Positiver?

Marcel: Ich würde die Antwort gerne

zweiteilen. Was meine Gesundheit

angeht, spüre ich keinerlei negative

Auswirkungen. Ich nehme seit 2015 meine

HIV-Medikamente und hatte bisher weder

Therapiewechsel noch -versagen, noch

Nebenwirkungen. Vor allem der Besuch

beim Arzt, als das Testergebnis feststand,

ist mir aber noch in Erinnerung. Seine

Reaktion damals war: Immerhin sei es „nur

HIV und keine Hepatitis C oder so etwas“.

HIV sei mittlerweile eine chronische

Erkrankung wie Diabetes. Damals ist mir

schon ein wenig die Kinnlade runtergeklappt.

Ich hatte völlig andere Bilder im

Kopf.

Der zweite Teil der Antwort betrifft die

soziale Komponente: Privat ist da alles in

Ordnung, auch wenn es jedes Mal, wenn

ich mich als Positiver oute, zuerst immer

noch einen überraschten und leicht

besorgten Blick vom Gegenüber gibt. HIV

ist eben nach wie vor nichts Normales,

nichts, was man so einfach mal beim

Kaffee nebenbei erzählt…

Anders, als der besagte Diabetes…

Marcel: Genau! Da merkt man das soziale

Stigma auch heute noch. Das Bild aus den

1980ern, als die Infektion als ansteckend

und tödlich galt, hält sich bei vielen noch.

Allerdings relativiert sich das im Bekanntenkreis

recht schnell und es weicht

Neugier. Schwieriger ist es im sozialen

Bereich, bei Ärzten, im Job…

…Hast Du das schon erlebt?

Marcel: Nein, ich glücklicherweise nicht,

aber ich habe es durch meine Mitarbeit in

einer Selbsthilfeorganisation (A. d. R. pro

plus e. V.) schon oft mitbekommen.

Wie ist das bei Dir gewesen, Gordon?

Du bist Langzeitüberlebender…

Gordon: Anders. Ganz anders. Als ich mit 17

positiv getestet wurde, war das im Grunde

ein Todesurteil. Der Schock hat mich über

ein Jahr komplett aus der Bahn geworfen.

Ich wusste überhaupt nicht, wie ich mit der

Diagnose klarkommen soll.

Die heute eingesetzten

Kombinations therapien, bei denen

die Vermehrung des HI-Virus an

mehreren Stellen gestört wird,

gab es ja damals auch noch nicht.

Was hast Du für Medikamente

genommen?

Gordon: Es gab zu diesem Zeitpunkt nur

Medikamente, die Aids kurzzeitig aufhalten

konnten und die hatten so starke

Nebenwirkungen, dass viele in meinem

Umfeld schwere bleibende Schäden

davontrugen oder gestorben sind. Ich

habe mich deswegen auch geweigert, sie

zu nehmen, solange es ging. Glücklicherweise

ist Aids bei mir sehr lange nicht

ausgebrochen. Erst 1998 ging es mir auf

einmal wirklich mies und der Arzt hat eine

extrem hohe Viruslast festgestellt. Ich

war dann einer der ersten, die eine damals

aufkommende Kombinationstherapie

mit drei Wirkstoffen bekommen haben.

Damit ging es mir körperlich auch schnell

sehr viel besser. Trotzdem habe ich nur

zwei Jahre durchgehalten und dann eine

Therapiepause eingelegt.

Warum, wenn die Therapie doch

half?

Gordon: Weil ich überall rosa Elefanten

und Papageien gesehen habe. Ich konnte

teilweise nicht mehr Auto fahren, weil

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