hinnerk Dezember 2019 / Januar 2020

blumediengruppe

MUSIK

INTERVIEW

KING PRINCESS:

„Genderqueere Lesbe“

Wenn dir im Alter von elf

Jahren ein Plattenvertrag

angeboten wird (und das auch

noch von einem Major wie Virgin

Records), dann kann man froh

sein, wenn es eine Familie gibt, die

einen davon abhält, ihn anzunehmen.

Aber da ihr Vater ein Studio

in Brooklyn hat, wusste er genug

vom Musikgeschäft, um mit klarem

Verstand zu handeln.

Allerdings war die junge Mikaela Straus

auch selbst zu clever, um in diese Falle zu

stolpern, die so viele Wracks und kaputte

Erwachsene hinterlässt. Sie wusste,

dass sie noch nicht bereit war, obwohl

ihr gleichzeitig klar war: „Das wollte ich

schon immer. Ich würde Musik machen!

Ansonsten hätte ich vielleicht geschrieben

und wäre so eine heftige queere Autorin

geworden.“ Aber dazu konnte es gar nicht

kommen, denn sie ist praktisch in diesem

Studio in Brooklyn aufgewachsen. Es war

ihr persönliches Wunderland.

Im gewissen Sinn hat die kleine Mikaela

die Entstehung der Alben von Künstlern

wie Arctic Monkeys und vielen anderen

begleitet. „Manche waren scheiße, manche

waren gut“, lacht sie. Und wenn die Background

Vocals mal wieder nichts taugten,

rief ihr Vater auch schon mal Mikaela vor

das Mikrofon. „Ich bekam meine Ausbildung

in der Form, dass ich genau lernte,

was ich nicht tun sollte.“ Deshalb hat sie

jetzt, zwei Jahre nachdem Mark Ronson sie

für sein neues Label unter Vertrag nahm,

einen glasklaren Blick. „Ich bin eine 19

Jahre alte Bitch und eine Geschäftsfrau

durch Osmose. Ich weiß, ich bin jetzt eine

Firma.“ Darum hat sie auch so viele weitere

Verhandlungen mit Labels abgebrochen bis

Mark kam. „Das war

einfach ein großartiges

Angebot. Ich

liebe Mark und ich

vertraue ihm.“

Jetzt wird ihr Debütalbum

„Cheap

Queen“ erscheinen.

Nach über 200

Millionen Streams

allein für ihren Song

„1950“ darf man

davon ausgehen,

dass das Ding ein

rasender Erfolg sein wird – und das vor allem,

weil sie offen mit sich selbst umgeht:

„Ich bin der Junge, das Mädchen und alles

dazwischen“, sagt Mikaela, die sich als genderqueere

Lesbe definiert. Deshalb übernahm

sie auch den Namen „King Princess“

als ein Freund sie so nannte. Die fließende

Ambivalenz, die diese beiden Worte zusammen

ausdrückten, brachte etwas in ihr

zum Schwingen. So wie ihr kraftvoller Pop

bei ihren Fans. „Meine Musik ist ehrlich und

queer – und es geht um Liebe.“ Gerade

jetzt, gerade unter Trump. „Ich habe den

Hass der Amerikaner nie unterschätzt.

Soziale Medien sind die perfekte Plattform

für Idioten – und nun gibt es einen

Präsidenten, der sagt, es ist völlig okay zu

hassen.“ Mit dem sie interessanterweise

sogar eine Gemeinsamkeit hat – auch ihre

Vorfahren kommen von hier. „Ich bin eine

stolze, deutsche Jüdin und ich war fast

jeden Sommer in Deutschland bei Oma

und Opa“, und sie sagt wahrhaftig auch im

Interview auf Deutsch

„Oma“ und „Opa“.

Väterlicherseits waren

ihre Ur-Ur-Großeltern

übrigens Passagiere auf

der Titanic und versanken

zusammen mit ihr

im Meer. Isidor Straus

war nicht nur amerikanisches

Kongressmitglied,

sondern auch

noch stinkreich und

Besitzer des berühmten

Kaufhauses Macy’s

in New York. Dieses

Hoheitliche im Künstlernamen ergibt also

auch auf anderer Ebene Sinn.

Wie gefestigt sie in ihrem Selbstbild ist,

kann man übrigens gerade im amerikanischen

Playboy betrachten, in dem sie

die Rollenklischees der Highschool halb

nackt nach- und bloßstellt. „Für alle,

die mich kennen, war das wohl der am

meisten erwartete Move von mir“, lacht

sie wieder. Sie liebt die Bilder. „So siehst

du eben aus als ‚horny kid‘. Und der Fakt,

dass da jetzt meine queeren Titties sind,

in einem Heft, gemacht für straighte

Typen … Ich liebe es.“ *fis

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