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ZESO 4/19: Frühe Förderung lohnt sich

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SKOS CSIAS COSAS<br />

Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe<br />

Conférence suisse des institutions d’action sociale<br />

Conferenza svizzera delle istituzioni dell’azione sociale<br />

Conferenza svizra da l’agid sozial<br />

<strong>ZESO</strong><br />

ZEITSCHRIFT FÜR SOZIALHILFE<br />

04/<strong>19</strong><br />

DAGMAR RÖSLER<br />

Der Lehrerverband hat eine<br />

neue Präsidentin. Sie will<br />

mehr Gehör für die Lehrer<br />

PRAXIS<br />

Wann werden Schulden<br />

von den Sozialdiensten<br />

übernommen?<br />

LA MARAUDE<br />

Hilfe für Obdachlose in<br />

Lausanne mit ungewohnten<br />

Methoden<br />

FRÜHE FÖRDERUNG<br />

LOHNT SICH<br />

Damit Kinder aus armen Familien der Armutsfalle entkommen


Bieler Tagung, 12. März 2020<br />

Der steinige Weg in den ersten<br />

Arbeitsmarkt<br />

Die berufliche Integration von unterstützten Personen ist eine wichtige<br />

Aufgabe der Sozialdienste. Doch gelingt die nachhaltige Integration in den<br />

ersten Arbeitsmarkt trotz aller Massnahmen und Anstrengungen oft<br />

nicht. Gibt es für arbeitsfähige Personen, die von der Sozialhilfe unterstützt<br />

werden, Platz im ersten Arbeitsmarkt? Welche Bedingungen stellen<br />

Arbeitgeber an die Anstellung der meist gering qualifizierten Personen?<br />

Wie können existenz<strong>sich</strong>ernde Jobs und Tätigkeitsfelder für Menschen mit<br />

Leistungseinschränkungen oder Sprachschwierigkeiten aussehen?<br />

Die Bieler Tagung 2020 bietet eine Plattform für Präsentationen und Diskussionen.<br />

Praktikerinnen und Praktiker erhalten Inputs und Impulse für ihre<br />

tägliche Arbeit.<br />

Anmeldung bis 24. Februar 2020<br />

Programm und Anmeldungen unter www.skos.ch/Veranstaltungen<br />

Soziale Arbeit<br />

Master in Sozialer Arbeit mit Vertiefung<br />

«Transitionen und Interventionen»<br />

Jetzt zur Infoveranstaltung anmelden:<br />

www.zhaw.ch/sozialearbeit/master/info<br />

Neu im<br />

Toni-Areal


Ingrid Hess<br />

Redaktionsleitung<br />

EDITORIAL<br />

JE FRÜHER UMSO BESSER<br />

In der Sozialhilfe sind Kinder vor allem ein Kostenfaktor. Ansonsten<br />

treten sie bei den Sozialdiensten eher selten in Erscheinung.<br />

Dennoch wäre es wichtig, dass alle Involvierten die<br />

Augen offen halten und reagieren würden, wenn es nötig<br />

scheint. Niemand sagt, dass <strong>sich</strong> ärmere Familien schlechter<br />

um ihre Kinder kümmern. Tatsache ist aber, dass sozioökonomische<br />

Faktoren nach wie vor einen grossen Einfluss auf das<br />

Ausbildungsniveau haben (Seite 8). Wir alle wissen jetzt, dass<br />

die Chancen auf eine erfolgreiche Bildungslaufbahn umso besser<br />

sind, je früher Hindernisse, wie fehlende Sprachkenntnisse,<br />

ausgeräumt werden (Seite 14). Wenn der Bundesrat nun erreichen<br />

will, dass 95 Prozent der Heranwachsenden einen Sek II-<br />

Abschluss erreichen, dann ist es zwar sinnvoll, spezielle Programme<br />

mit den Jugendlichen zu machen, noch wichtiger ist<br />

es aber, frühzeitig anzusetzen – in der frühen Kindheit. Endlich<br />

sind jetzt entsprechende Förderbeschlüsse auch auf Bundesebene<br />

in Diskussion, so dass das in manchen Kantonen bereits<br />

bestehende Angebot für die <strong>Frühe</strong> <strong>Förderung</strong> hoffentlich ausgebaut<br />

werden kann – und dann auch genutzt wird.<br />

In Lausanne kümmert <strong>sich</strong> ein Kollektiv um die Obdachlosen.<br />

Das besondere an der Bewegung La Maraude Lausanne ist,<br />

dass sie <strong>sich</strong> ausschliesslich via Facebook organisiert und damit<br />

für die Freiwilligenarbeit vielleicht zukunftsweisend ist<br />

(Seite 26).<br />

4/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

1


SCHWERPUNKT<br />

Frühförderung ist<br />

Armutsprävention<br />

Kinder sollen alle die gleichen<br />

Chancen auf Bildung haben.<br />

Das ist bisher noch graue<br />

Theorie. Doch nun ist auch<br />

dank Forschungsprojekten wie<br />

der «Zeppelin»-Studie klar,<br />

dass <strong>Förderung</strong> mindestens<br />

ein Teil der Lösung ist und dass<br />

sie möglichst früh beginnen<br />

muss. Sie leistet einen<br />

wichtigen Beitrag dazu, dass<br />

Armut nicht vererbt wird. Die<br />

Frage ist jedoch, wie man die<br />

Kinder, die die Frühförderung<br />

dringend bräuchten, erreicht.<br />

Auch die Sozialdienste sind hier<br />

gefordert ...<br />

12–23<br />

14–27 12–23<br />

<strong>ZESO</strong><br />

ZEITSCHRIFT FÜR SOZIALHILFE HERAUSGEBERIN Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe SKOS, www.skos.ch REDAKTIONSADRESSE<br />

© SKOS. Nachdruck nur mit Genehmigung der Herausgeberin<br />

Die <strong>ZESO</strong> erscheint viermal jährlich<br />

ISSN 1422-0636 / 116. Jahrgang<br />

Erscheinungsdatum: 2. Dezember 20<strong>19</strong><br />

Die nächste Ausgabe erscheint am 2. März 2020<br />

Redaktion <strong>ZESO</strong>, SKOS, Monbijoustrasse 22, Postfach, CH-3000 Bern 14, zeso@skos.ch, Tel. 031 326 <strong>19</strong> <strong>19</strong><br />

REDAKTION Ingrid Hess, Regine Gerber MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER DIESER AUSGABE Lea Blank,<br />

Daniel Desborough, Eberhard Eichenhofer, Palma Fiacco, Tobias Fritschi, Nicole Gysin, Marianne Hochuli, Charlotte<br />

Jeanrenaud, Dominique Malatesta, Maëlle Meigniez, Peter Neuenschwander, Ernst Schedler, Andrea Lanfranchi,<br />

Claudia Meier Magistretti, Katharina Rüegg, Beat Schmocker, Elisabeth Baume-Schneider, Paola Stanic,<br />

Catherine Walter-Laager, Samuel Wetz, Gabriela Widmer TITELBILD Palma Fiacco LAYOUT Marco Bernet,<br />

Projekt Athleten GmbH Zürich KORREKTORAT Andrea Weibel DRUCK UND ABOVERWALTUNG rubmedia AG,<br />

Postfach, 3001 Bern, zeso@rubmedia.ch, Tel. 031 740 97 86 PREISE Jahresabonnement CHF 82.– (SKOS-<br />

Mitglieder CHF 69.–), Jahresabonnement Ausland CHF 120.–, Einzelnummer CHF 25.–.<br />

2 <strong>ZESO</strong> 4/<strong>19</strong>


INHALT<br />

8<br />

5 KOMMENTAR<br />

Weiterbildung und Überbrückungsleistungen:<br />

«Es braucht beides», sagt<br />

SKOS-Vizepräsidentin Elisabeth Baume-<br />

Schneider<br />

6 PRAXIS<br />

Werden Schulden von der Sozialhilfe übernommen?<br />

7 ARBEIT DANK BILDUNG<br />

Umsetzung der Weiterbildungsoffensive<br />

für Sozialhilfebeziehende beginnt<br />

8 INTERVIEW: DAGMAR RÖSLER<br />

Die neue Zentralpräsidentin des Dachverbands<br />

Lehrerinnen und Lehrer Schweiz will<br />

mit dem Westschweizer Verband fusionieren<br />

26<br />

29<br />

34<br />

12–23 FRÜHE FÖRDERUNG<br />

14 Mit Familienergänzungsleistungen<br />

Kinderarmut reduzieren<br />

16 «Zeppelin-Präventionsstudie: <strong>Förderung</strong><br />

ab Geburt wirkt langfristig<br />

<strong>19</strong> Die <strong>Frühe</strong> Kindheit ist entscheidend für<br />

die Chancengerechtigkeit<br />

22 <strong>Frühe</strong> <strong>Förderung</strong>: Ein blinder Fleck in der<br />

Sozialhilfe?<br />

24 BERUFLICHE INTEGRATION<br />

Eine Studie zeigt die Wirkung der Integrationsprogramme<br />

in der Sozialhilfe auf<br />

26 OBDACHLOSE IN LAUSANNE<br />

Die Bürgerbewegung Maraude engagiert<br />

<strong>sich</strong> für die Obdachlosen der Stadt – und<br />

organisiert <strong>sich</strong> via Facebook<br />

29 INTEGRATIONSAGENDA SCHWEIZ<br />

Alle Kantone haben ein Konzept zur<br />

Umsetzung der Integrationsagenda<br />

eingereicht<br />

30 UNIONSBÜRGER-RICHTLINIE<br />

Welche sozialen Rechte die EU mit der<br />

Personenfreizügigkeit verbindet<br />

34 PORTRÄT<br />

Die Eritreerin Ada Tesfay will ihren<br />

Landsleuten in der Schweiz die Integration<br />

erleichtern<br />

36 LESETIPPS UND VERANSTALTUNGEN<br />

30<br />

4/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

3


NACHRICHTEN<br />

GBL-Anpassung ab<br />

1.1.2020<br />

Die Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen<br />

und Sozialdirektoren (SODK)<br />

hat im November 2018 empfohlen, den<br />

Grundbedarf für den Lebensunterhalt<br />

(GBL) ab 1. Januar 2020 auf 997 Franken<br />

zu erhöhen. 15 Kantone haben bereits<br />

beschlossen, dieser Empfehlung zu<br />

folgen: AI, AR, BS, GL, GR, LU, NW, OW, SH,<br />

SZ, TG, TI, UR, ZG, ZH. Der Kanton Waadt<br />

kennt bereits einen höheren GBL. Vier<br />

Kantone haben noch keinen Entscheid<br />

gefällt. Dies sind BL, GE, JU und VS. Sechs<br />

Kantone erhöhen den GBL nicht: AG, SO,<br />

FR, NE (GBL bleibt bei 986.–); SG, BE<br />

(GBL bleibt bei 977.–).<br />

Invol erfolgreich<br />

gestartet<br />

Das Pilotprogramm Integrationsvorlehre<br />

(Invol) zieht eine erste Zwischenbilanz:<br />

Rund zwei Drittel der Teilnehmenden<br />

fanden nach Abschluss der Vorlehre eine<br />

Lehrstelle. Sowohl die Teilnehmenden als<br />

auch die Berufsfachschulen und Betriebe<br />

sind mit dem Pilotprogramm grösstenteils<br />

zufrieden. Zugleich zeigen die ersten<br />

Befragungen, in welchen Bereichen<br />

das Pilotprogramm weiterentwickelt und<br />

verbessert werden kann. 18 Kantone<br />

nehmen an dem im August 2018 gestarteten,<br />

vierjährigen Pilotprogramm teil.<br />

Wegen des vielversprechenden Starts<br />

entschied der Bundesrat bereits Mitte<br />

Mai 20<strong>19</strong>, Invol um zwei Jahre bis ins<br />

Ausbildungsjahr 2023/24 zu verlängern<br />

und die Integrationsvorlehre ab 2021 auf<br />

Jugendliche und junge Erwachsene ausserhalb<br />

des Asylbereichs auszuweiten.<br />

(mm)<br />

<strong>ZESO</strong> digital in ETH-<br />

Bibliothek<br />

Die «Zeitschrift für Sozialhilfe» wurde<br />

von der ETH-Bibliothek in ihre Sammlung<br />

der E-Periodica aufgenommen. Die <strong>ZESO</strong><br />

und ihre Vorgänger Der «Armenpfleger»<br />

(<strong>19</strong>03-<strong>19</strong>66) und die «Zeitschrift für öffentliche<br />

Fürsorge» (<strong>19</strong>67-<strong>19</strong>96) wurde<br />

zu diesem Zweck digitalisiert, strukturiert<br />

und erschlossen. Bis voraus<strong>sich</strong>tlich<br />

Ende 20<strong>19</strong> wird die <strong>ZESO</strong> auf E-Periodica<br />

online gehen. (red.)<br />

Die SKOS-Richtlinien sollen einfacher anwendbar werden. <br />

Vernehmlassung Richtlinien-Revision<br />

Zum Tod von<br />

Stefan Liembd<br />

Ende September verstarb Stefan Liembd<br />

völlig unerwartet. Wir verlieren mit ihm<br />

einen äussert engagierten und der<br />

Menschlichkeit verpflichteten Kollegen.<br />

Er war Leiter der Sozialen Dienste der<br />

Stadt Luzern und vorher über 25 Jahre<br />

lang in Leitungspositionen von Sozialdiensten<br />

tätig. In der SKOS war er Präsident<br />

der Kommission Organisationsentwicklung<br />

und Finanzen sowie Mitglied<br />

des Vorstandes. In der Städteinitiative<br />

präsidierte er die Arbeitsgruppe der leitenden<br />

Angestellten. Stefan Liembd<br />

setzte <strong>sich</strong> auf kommunaler und nationa-<br />

Bild: Béatrice Devènes<br />

Die Mitglieder der SKOS und Interessierte<br />

haben Anfang November die neuen Richtlinien<br />

erhalten. Bei der Überarbeitung der<br />

Richtlinien 2020 handelt es <strong>sich</strong> um eine<br />

Nachführung. Im Gegensatz zu den Revisionen<br />

von 2015 und 2016 stehen keine<br />

inhaltlichen Anpassungen im Fokus. Die<br />

bestehenden Richtlinien wurden zeitgemässer<br />

formuliert und neu strukturiert.<br />

Sie werden neu in die Kategorien Richtlinien,<br />

Erläuterungen und Praxishilfen gegliedert.<br />

Alle SKOS-Mitglieder sind eingeladen,<br />

an der Vernehmlassung zu den überarbeiteten<br />

Richtlinien teilzunehmen. Die rund<br />

zwanzig Ja/Nein-Fragen beziehen <strong>sich</strong> auf<br />

die zentralen Anpassungen und dienen als<br />

Leitfaden für die Lektüre des umfassenden<br />

Textes. Die Vernehmlassung läuft bis zum<br />

23. Januar 2020. Auf der Website befindet<br />

<strong>sich</strong> der Online-Fragebogen. Die revidierten<br />

Richtlinien werden am 24. April<br />

2020 vom SKOS-Vorstand zuhanden der<br />

SODK-Plenarsitzung vom 7.–8. Mai 2020<br />

verabschiedet. Die SKOS wird der SODK<br />

beantragen, die revidierten SKOS-Richtlinien<br />

den Kantonen per 1. Januar 2021 zur<br />

Anwendung zu empfehlen. (red.) •<br />

ler Ebene stets für die fachliche und organisatorische<br />

Weiterentwicklung der<br />

Sozialhilfe ein, ohne dabei die Klientinnen<br />

und Klienten zu vergessen. Für<br />

sein Wirken sind wir ihm sehr dankbar.<br />

(MK)<br />

•<br />

<br />

4 <strong>ZESO</strong> 4/<strong>19</strong>


KOMMENTAR<br />

Es braucht beides für ältere Arbeitnehmende!<br />

Im Februar 2018 hat die SKOS ihre Vorschläge<br />

für eine nachhaltige Verbesserung der<br />

Lebenslagen von Erwerbslosen und Bezügerinnen<br />

und Bezügern von Sozialhilfe über<br />

55 präsentiert. Im Zentrum stand dabei die<br />

Idee von Ergänzungsleistungen für ältere<br />

Arbeitslose ab 58. Im Dezember berät der<br />

Ständerat über die Überbrückungsrenten<br />

ab 60 Jahren. Überraschend schnell steht<br />

damit ein Gesetz zur Debatte, das eine Antwort<br />

auf eine gesellschaftliche Entwicklung<br />

gibt, die in der Sozialhilfe frühzeitig erkannt<br />

wurde: Der Verlust der Arbeit und der Abstieg<br />

in die Armut nach langjähriger Berufstätigkeit.<br />

In der ersten Session, in der ich<br />

den Kanton Jura als Ständerätin vertrete,<br />

werde ich also ein Anliegen unterstützen,<br />

das auch eng mit meinem Vizepräsidium bei<br />

der SKOS verbunden ist.<br />

Kritiker der Vorlage argumentieren, dass<br />

die Überbrückungsleistungen dazu führen<br />

könnten, dass Arbeitgeber ältere Mitarbeitende<br />

schneller entlassen würden.<br />

Es sei viel nützlicher,<br />

diese Gelder vor dem Arbeitsplatzverlust<br />

in die Weiterbildung zu investieren<br />

als nachher in Sozialleistungen. Für mich<br />

ist ebenso sinnvoll wie klar: Es braucht<br />

beides! In der <strong>sich</strong> heute schnell wandelnden<br />

Arbeitswelt braucht es lebenlanges<br />

Lernen. Studien zeigen, dass Weiterbildung<br />

vor allem eine Möglichkeit und ein Privileg<br />

der besser Qualifizierten ist. Damit die<br />

Wirtschaft auch in zehn oder zwanzig Jahren<br />

über genügend Arbeitskräfte verfügt,<br />

müssen wir heute in die Weiterbildung<br />

investieren. Dies gilt auch für Menschen, die<br />

keine Kaderfunktion innehaben.<br />

Gleichzeitig braucht es für jene, die ihre<br />

Stelle in den letzten Berufsjahren verlieren,<br />

eine gute Lösung, die ihre Existenz <strong>sich</strong>ert.<br />

Das hilft nicht nur den Betroffenen. Es hilft<br />

auch der Gesellschaft, weil so verhindert<br />

werden kann, dass ältere Stellenlose ihre<br />

Altersvorsorge frühzeitig aufbrauchen und<br />

später Ergänzungsleistungen benötigen.<br />

Durch die neuen Überbrückungsleistungen<br />

werden <strong>sich</strong>erlich nicht alle Probleme gelöst.<br />

Es wird nach wie vor Personen geben,<br />

die in der zweiten Hälfte der Berufskarriere<br />

den Anschluss an den ersten Arbeitsmarkt<br />

verlieren, sei es, weil ihre Qualifikationen<br />

nicht mehr gebraucht werden, sei es, weil<br />

sie einen Schicksalsschlag erleiden oder<br />

krank werden. Der neueste Kennzahlenbericht<br />

der Städteinitiative zeigt, dass dieses<br />

Risiko sogar schon viel früher steigt, bereits<br />

ab einem Alter von 46 Jahren – auch in<br />

Zeiten mit sehr tiefer Arbeitslosigkeit.<br />

Wichtig ist, dass nun alle Beteiligten zusammenarbeiten:<br />

Die Betroffenen, die Arbeitgeber,<br />

die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren,<br />

die Invalidenver<strong>sich</strong>erung und<br />

die Sozialhilfe. Erstere wollen in aller Regel<br />

wieder arbeiten. Wenn wir es schaffen,<br />

in diesem Bereich die interinstitutionelle<br />

Zusammenarbeit zu optimieren, dürfen wir<br />

uns darauf freuen, dass es im Jahr 2030<br />

vielleicht keine Überbrückungsleistungen<br />

mehr braucht.<br />

Elisabeth Baume-Schneider<br />

Vizepräsidentin SKOS<br />

4/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

5


Werden Schulden von<br />

der Sozialhilfe übernommen?<br />

PRAXIS Frau Winkler wurde ausgesteuert, ist mit vielen Zahlungen im Rückstand und wendet<br />

<strong>sich</strong> nun an den Sozialdienst. Die Sozialhilfe deckt in der Regel nur aktuelle Bedürfnisse. Um eine<br />

drohende Notlage abzuwenden, kann sie aber manche Schulden übernehmen.<br />

Frau Winkler ist bei der Arbeitslosenver<strong>sich</strong>erung<br />

ausgesteuert worden und wendet<br />

<strong>sich</strong> nun an den Sozialdienst. Während ihrer<br />

Arbeitslosigkeit ist die getrennt lebende<br />

Mutter zweier Teenager mit vielen Zahlungen<br />

in Rückstand geraten, insbesondere<br />

bei den Steuern und der Krankenver<strong>sich</strong>erung.<br />

Sie hat auch einen negativen<br />

Saldo auf ihrer Kreditkarte, den sie nicht<br />

ausgleichen kann. Vor einem Jahr hatte sie<br />

dank einer befristeten Anstellung einen<br />

Konsumkredit von 20 000 Franken abschliessen<br />

können, um eine Betreibung zu<br />

vermeiden. Nun kann sie <strong>sich</strong> die monatlichen<br />

Raten nicht mehr leisten. Den Gang<br />

zum Sozialdienst hat sie hinausgezögert,<br />

bis wieder eine Monatsmiete überfällig ist.<br />

FRAGEN<br />

• Übernimmt der Sozialdienst die Schulden?<br />

• Was kann der Sozialdienst bei überschuldeten<br />

Klientinnen und Klienten<br />

tun?<br />

GRUNDLAGEN<br />

Eines der Grundprinzipien der Sozialhilfe<br />

(SKOS-RL A.4) ist, dass sie die aktuellen<br />

Bedürfnisse deckt und keine rückwirkenden<br />

Leistungen erbringt (und somit keine<br />

Schulden bezahlt). Grundsätzlich bezahlt<br />

die Sozialhilfe weder laufende Steuern<br />

noch Steuerrückstände (SKOS-RL B.1).<br />

Ausnahmen sind bei drohender Notlage<br />

PRAXIS<br />

In dieser Rubrik werden exemplarische Fragen, die<br />

an die «SKOS-Line»gestellt werden, beantwortet<br />

und publiziert. Die «SKOS-Line» ist ein Beratungsangebot<br />

für SKOS-Mitglieder.<br />

Der Zugang erfolgt über www.skos.ch Mitgliederbereich<br />

(einloggen) Beratungsangebot<br />

möglich (im Rahmen der situationsbedingten<br />

Leistungen, SKOS-RL C.1).<br />

In einigen Kantonen muss die Sozialhilfe<br />

zurückerstattet werden und<br />

stellt nach der Ablösung selbst eine<br />

Schuld dar. In dieser Situation sehen<br />

die SKOS-Richtlinien eine grosszügige<br />

Einkommensgrenze und eine Rückerstattungsfrist<br />

vor (SKOS-RL H.9).<br />

Neben der Schuldenübernahme durch<br />

die Sozialhilfe kann die Berück<strong>sich</strong>tigung<br />

der Schuldenthematik Teil der persönlichen<br />

Hilfe sein. Selbst wenn die Einkommen<br />

der Sozialhilfebezüger in der Regel<br />

nicht gepfändet werden können, sind<br />

überschuldete Menschen einem ständigen<br />

Druck ausgesetzt, der ihre Gesundheit und<br />

ihre Chancen auf soziale Integration und<br />

berufliche Wiedereingliederung negativ<br />

beeinflusst. Eine genaue Analyse der Situation<br />

ist notwendig, damit für eine hochverschuldete<br />

Person die Motivation besteht,<br />

wieder eine berufliche Tätigkeit aufzunehmen.<br />

Eine Schuldenberatung kann <strong>sich</strong><br />

als sinnvoll erweisen, insbesondere bei offenen<br />

Forderungen, die manchmal besser<br />

in Verlustscheine umgewandelt werden<br />

sollten, um das Anfallen weiterer Zinsen zu<br />

verhindern.<br />

Art und Umfang der Verschuldung einer<br />

unterstützten Person müssen bekannt<br />

sein, ebenso wie ihr Gesundheitszustand,<br />

ihre Ausbildung oder ihre Berufserfahrung.<br />

Tatsächlich kommt es darauf an,<br />

welcher Art die bestehenden Schulden<br />

sind: Sind es «gewöhnliche» Forderungen<br />

wie Steuer- oder Krankenkassenprämienschulden?<br />

Handelt es <strong>sich</strong> um «dringende»<br />

Schulden, bei denen <strong>sich</strong> die Frage nach<br />

ihrer Übernahme stellt? Haben wir es mit<br />

«zweifelhaften» Schulden zu tun, wie sie<br />

beispielsweise von bestimmten Inkassounternehmen<br />

eingefordert werden oder<br />

die durch Unterzeichnung eines Privatkredits<br />

entstehen, dessen Vertrag überprüft<br />

werden sollte? In den Sozialdiensten muss<br />

die Triage erfolgen, ob die Analyse und<br />

ggf. die Anfechtung eines Darlehensvertrages<br />

das Fachwissen einer Schuldenberatungsstelle<br />

erfordert.<br />

Auch wenn Frau Winkler ihre Schulden<br />

nicht sofort abbauen kann, kann eine<br />

professionelle Analyse ihrer Schulden mit<br />

dem Ziel, ihre finanzielle Situation zu stabilisieren,<br />

für sie hilfreich sein, um eine<br />

neue Perspektive zu gewinnen.<br />

Bei geringer Verschuldung können<br />

auch Sanierungsmassnahmen durchgeführt<br />

werden. In den meisten Fällen beginnt<br />

eine Schuldensanierung erst nach<br />

der Ablösung des Schuldners von der Sozialhilfe,<br />

wenn nötig mit Unterstützung einer<br />

spezialisierten Stelle. Im Bereich der Überschuldung<br />

sind spezifische Fachkenntnisse<br />

erforderlich. Eine in vielen Kantonen<br />

bestehende Partnerschaft zwischen dem<br />

Sozialdienst und der Schuldenberatungsund<br />

Entschuldungsstelle hat <strong>sich</strong> diesbezüglich<br />

als wertvoll erwiesen.<br />

ANTWORTEN<br />

• In der Regel übernimmt die Sozialhilfe<br />

keine Schulden, da sie nur die aktuellen<br />

Bedürfnisse deckt. Ausnahmen bestehen<br />

bei drohender Notlage. Bei Frau<br />

Winkler könnte etwa die überfällige<br />

Monatsmiete übernommen werden.<br />

• Über Schulden zu sprechen in einem<br />

Klima des Vertrauens und der Wertefreiheit,<br />

ist der erste Schritt zur Lösungsfindung.<br />

Eine Sanierung sowie<br />

ein Nachprüfungs- und Streitverfahren<br />

für zweifelhafte Forderungen erfordern<br />

jedoch Fachkenntnisse. In den meisten<br />

Kantonen kann <strong>sich</strong> die Sozialarbeiterin<br />

bzw. der Sozialarbeiter an eine gemeinnützige<br />

Schuldenberatungsstelle wenden,<br />

die Mitglied des Dachverbandes<br />

Schuldenberatung Schweiz ist. •<br />

Paola Stanic<br />

SKOS-Kommission Richtlinien und Praxis<br />

6 <strong>ZESO</strong> 4/<strong>19</strong>


«Arbeit dank Bildung» läuft an<br />

SOZIALHILFE Unter dem Titel «Arbeit dank Bildung» haben SKOS und SVEB im Januar<br />

2018 die Weiterbildungsoffensive für Sozialhilfebeziehende initiiert. Diese sieht vor, dass<br />

Sozialhilfebeziehende mit ungenügenden Grundkompetenzen und/oder ohne Berufsabschluss die<br />

Möglichkeit erhalten, <strong>sich</strong> weiterzubilden. Die Umsetzung stellt manche kleineren und mittleren<br />

Sozialdienste vor Herausforderungen. SKOS und SVEB haben deshalb nun ein Pilotprojekt lanciert.<br />

Ziel der Offensive ist es, das Potential der<br />

Weiterbildung als Massnahme zur Integration<br />

in den ersten Arbeitsmarkt besser zu<br />

nutzen. Bildung ist eine wichtige Grundlage<br />

sowohl für die soziale als auch die berufliche<br />

Integration. Wer nicht genügend<br />

Grundkompetenzen aufweist,<br />

• hat Schwierigkeiten, <strong>sich</strong> im Alltag zurechtzufinden,<br />

• ist bei Strukturveränderungen im Berufsleben<br />

schnell bedroht,<br />

• hat bei Arbeitslosigkeit wenig Chancen,<br />

den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt<br />

zu schaffen,<br />

• verfügt nicht über die Voraussetzungen<br />

zum lebenslangen Lernen,<br />

• hat oft ein tiefes Selbstwertgefühl in Bezug<br />

auf seine Arbeits- und Lernfähigkeiten,<br />

• hat in der Regel eine schlechtere Gesundheit<br />

als der Durchschnitt der Bevölkerung.<br />

Die Folge ist, dass viele dieser Menschen<br />

früher oder später zum Überleben<br />

von der Sozialhilfe abhängig sind. Arbeitsfähige<br />

Sozialhilfeempfänger ohne ausreichende<br />

Bildung werden dann in Angebote<br />

des zweiten Arbeitsmarktes oder in prekäre<br />

Arbeitsverhältnisse vermittelt. Oft ist dies<br />

jedoch nur eine kurzfristige Lösung, die<br />

nicht zu einer dauerhaften Verbesserung<br />

der Lebens- und Einkommenssituation der<br />

Betroffenen führt. Es braucht deshalb einen<br />

Paradigmenwechsel, indem in längerfristige<br />

Massnahmen zur Verbesserung der<br />

Bildung investiert wird. Heute sind jedoch<br />

der Bildungs- und Sozialhilfebereich nur<br />

partiell miteinander vernetzt. Hier setzt die<br />

Weiterbildungsoffensive an.<br />

Kleinere und mittlere Sozialdienste<br />

Verschiedene grössere Städte haben im Bereich<br />

der Bildung bereits Projekte und Angebote<br />

aufgebaut. Die Umsetzung der Weiterbildungsoffensive<br />

stellt jedoch kleinere<br />

und mittlere Sozialdienste vor Herausforderungen.<br />

SVEB und SKOS haben deshalb<br />

ein Pilotprojekt lanciert, mit dem sie die<br />

Sozialdienste beim Aufbau einer funktionierenden<br />

Förderstruktur unterstützen<br />

und begleiten. Folgende Angebote werden<br />

dabei zur Verfügung gestellt:<br />

• Bereitstellung von Praxisinstrumenten,<br />

z. B. zur Durchführung von Standortbestimmungen,<br />

sowie die Erarbeitung<br />

von Bildungsplänen;<br />

• Beratung und Begleitung durch Expertinnen<br />

und Experten zum Aufbau der<br />

Strukturen sowie von Kooperationen<br />

mit Wirtschaft, Beratungsstellen und<br />

Weiterbildungsanbietern;<br />

• Workshops sowie Vernetzungs- und<br />

Austauschtreffen für Leitungspersonen<br />

und Beraterinnen und Berater in Sozialdiensten.<br />

Zielsetzung des Pilotprojekts<br />

Das Pilotprojekt soll einerseits Sozialhilfebeziehenden<br />

die Möglichkeit geben, <strong>sich</strong><br />

durch gezielte Weiterbildung beruflich zu<br />

qualifizieren. Auf der institutionellen Ebene<br />

sollen Best Practice-Beispiele erarbeitet<br />

werden, die von weiteren Sozialdiensten<br />

und Gemeinden übernommen werden<br />

können. Für die zehn am Pilotprojekt beteiligten<br />

Sozialdienste sollen zudem folgende<br />

Ziele erreicht werden. Die Sozialdienste:<br />

• verfügen über Praxisinstrumente und<br />

Knowhow für die Standortbestimmung<br />

und die Erarbeitung von Bildungsplänen<br />

für Klientinnen und Klienten und<br />

wenden diese in der Praxis an;<br />

• verfügen in ihrer Region über ein Beziehungsnetz<br />

zu Bildungsanbietern sowie<br />

Beratungsstellen und Vertretern der<br />

Wirtschaft;<br />

• haben bei einer bestimmten Anzahl von<br />

Sozialhilfe-beziehenden eine Standortbestimmung<br />

vorgenommen und Bildungspläne<br />

mit den entsprechenden<br />

Massnahmen umgesetzt und ausgewertet.<br />

Modell der Qualifizierung<br />

Konzeptionell orientiert <strong>sich</strong> das Projekt<br />

am nachstehenden dreistufigen Modell<br />

der Qualifizierung:<br />

• Stufe 1: Die Teilnehmenden erwerben<br />

die nötigen Grund-, Alltags- und<br />

Schlüsselkompetenzen;<br />

• Stufe 2: Die Teilnehmenden erwerben<br />

niederschwellige berufliche Qualifikationen<br />

unterhalb des Niveaus der formalen<br />

beruflichen Grundbildung;<br />

• Stufe 3: Die Teilnehmenden durchlaufen<br />

eine berufliche Grundbildung auf<br />

der Stufe EBA oder EFZ.<br />

Das Vorgehen gliedert <strong>sich</strong> in vier Etappen:<br />

1. Am Anfang steht eine fundierte Abklärung<br />

der individuellen Fähigkeiten und<br />

Fertigkeiten einschliesslich der Grund-,<br />

Schlüssel- und Alltagskompetenzen (Assessment).<br />

2. Aufgrund der Abklärung bestimmen<br />

die Betroffenen, von Fachleuten beraten<br />

und begleitet, ihr eigenes Bildungsziel,<br />

eventuell über mehrere Stufen. Zielbezogen<br />

wird so ein individueller Bildungsplan<br />

erstellt.<br />

3. Anhand des Bildungsplans suchen die<br />

Betroffenen mit Unterstützung von<br />

Fachpersonen das geeignete Bildungsangebot.<br />

Der zuständige Sozialdienst<br />

hilft beim Aufstellen des Budgets und,<br />

unterstützen falls nötig, die Suche nach<br />

geeigneten Stipendien.<br />

4. Die betroffene Person wird vom Sozialdienst<br />

auf dem gesamten Bildungsweg<br />

begleitet und gecoacht. Die Verantwortung<br />

der Sozialhilfe dauert an, bis das<br />

Bildungsziel erreicht und der Einstieg<br />

in die Arbeitswelt gelungen ist. •<br />

Ernst Schedler<br />

Co-Projektleiter ad interim<br />

4/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

7


«Die politischen Entscheide wecken<br />

häufig falsche Erwartungen.»<br />

INTERVIEW Die neue Zentralpräsidentin des Verbands der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH)<br />

heisst Dagmar Rösler. Sie will den LCH bis 2023 mit dem Westschweizer Lehrerverband (SER) zum<br />

Verband Bildung Schweiz – Formation Suisse fusionieren. Sie erhofft <strong>sich</strong> davon mehr Gewicht und<br />

Gehör in der Bildungspolitik zu erlangen.<br />

«<strong>ZESO</strong>»: Frau Rösler, warum haben<br />

Sie <strong>sich</strong> entschlossen, das Amt an der<br />

Spitze des LCH anzunehmen?<br />

Dagmar Rösler: Für mich ist die<br />

Bildung ein zentrales gesellschaftliches<br />

Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Ich<br />

war neben meiner Tätigkeit als Lehrerin<br />

schon 18 Jahre lang im kantonalen Verband<br />

Lehrerinnen und Lehrer Solothurn<br />

tätig, davon acht Jahre als Kantonalpräsidentin.<br />

Da fragt man <strong>sich</strong> automatisch<br />

irgendwann, was man beruflich will, wie<br />

es weitergehen soll. Der Wechsel auf die<br />

nationale Ebene hat mich sehr angesprochen.<br />

Sie sind jetzt die oberste Lehrerin der<br />

Schweiz, heisst es. Aber eigentlich sind<br />

Sie doch vielmehr das Sprachrohr der<br />

Lehrerschaft. Mit welchen Mitteln wollen<br />

Sie diesen Auftrag erfüllen?<br />

Ich versuche, ein möglichst breites<br />

Netzwerk aufzubauen und mit möglichst<br />

vielen Partnern im Gespräch zu bleiben,<br />

damit auch unsere Sicht in die politischen<br />

Entscheide einfliesst. Häufig werden politische<br />

Entscheidungen gefällt, wobei zu<br />

8 <strong>ZESO</strong> 4/<strong>19</strong>


wenig berück<strong>sich</strong>tigt wird, was ihre Umsetzungen<br />

für die Schulen bedeuten. Damit<br />

werden dann falsche Erwartungen geweckt.<br />

Können Sie ein Beispiel nennen?<br />

Beispielsweise beim Frühfranzösisch<br />

oder -englisch. Mit zwei bis drei Lektionen<br />

pro Woche lernt kein Kind eine Fremdsprache<br />

fliessend zu sprechen. Die am Anfang<br />

immer wieder propagierten Sprachbäder<br />

gibt es nicht, da dafür das Geld fehlt. Stattdessen<br />

sollen Sprachaustausche durchgeführt<br />

werden. Doch schlussendlich reicht<br />

es auf der Primarstufe dann meist nur für<br />

Exkursionen, die von den Gemeinden be-<br />

willigt werden. An mehr Austausch über<br />

die Sprachgrenzen hinweg, muss also tatsächlich<br />

noch gearbeitet werden.<br />

Das Problem ist, es darf nichts kosten.<br />

Das Bundesgericht hat ja entschieden,<br />

dass die Schule für die Eltern unentgeltlich<br />

sein muss.<br />

Deshalb befinden wir uns in einem<br />

ziemlich straffen Korsett, das wenig Bewegung<br />

zulässt. Das gilt auch für die Einführung<br />

der schulischen Integration. Die<br />

Aufhebung der Sonderklassen wurde beschlossen,<br />

aber die nötigen Ressourcen<br />

nicht danach bemessen, was es für die Umsetzung<br />

braucht, sondern nach Massgabe<br />

Bilder: Palma Fiacco<br />

der kantonalen Finanzen. Nicht wir sind<br />

es ja, die Reformen planen und gestalten,<br />

sondern wir erfüllen meist einen Auftrag,<br />

erhalten aber nicht genügend Mittel dafür.<br />

Wir können leider keine Wunder bewirken.<br />

Welches Thema ist für Sie die wichtigste<br />

Herausforderung für die Lehrerschaft<br />

in den nächsten Jahren?<br />

Die Integration von unterschiedlicher-<br />

Kinder in der Volksschule ist eine grosse<br />

Herausforderung. Das andere Thema ist<br />

die Chancengerechtigkeit, die damit direkt<br />

zusammenhängt. Ich finde wichtig, dass<br />

die Schülerinnen und Schüler ein gutes<br />

Mass an Bildung mitbekommen, das heisst<br />

Bildung im konservativen Sinn; also zum<br />

Beispiel Fremdsprachen, Mathematik und<br />

Naturwissenschaften. Doch die Schule vermittelt<br />

nicht nur Fächer. Es geht in der<br />

Schule auch darum zu lernen, wie ich in<br />

der Gesellschaft klarkomme, wie in Gruppen,<br />

in denen ganz verschiedene Meinungen,<br />

Kulturen, Umgangsformen zusammentreffen.<br />

Das ist für mich nach wie vor<br />

eine sehr spannende und wichtige Aufgabe<br />

der Volksschule.<br />

Wie würden Sie die Qualität der Volksschule<br />

Schweiz beschreiben? Erfüllt<br />

sie ihren Auftrag?<br />

Ja, grundsätzlich ist die Qualität der<br />

Schweizer Volksschule gut. Das heisst aber<br />

nicht, dass es nicht Dinge gibt, die man<br />

verbessern könnte. Ich denke da zum Beispiel<br />

an die Digitalisierung. Da sind wir<br />

noch ganz am Anfang. Aber wir müssen<br />

auch in Sachen Unterschiedlichkeit noch<br />

offener werden.<br />

Am 3. Dezember wird die neueste Pisa-<br />

Studie veröffentlicht. Welche Bedeutung<br />

messen Sie diesen Leistungstests bei?<br />

Leistungstests gegenüber bin ich eher<br />

kritisch eingestellt. Wir haben in der<br />

Schweiz mehr als genug Leistungsmessungen.<br />

Wir beteiligen uns an den Pisa-<br />

Studien, im letzten Mai wurden die Ergebnisse<br />

der nationalen Überprüfung der<br />

Grundkompetenzen publiziert. Ich verstehe,<br />

dass die Bildungspolitik wissen will, wo<br />

<br />

4/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

9


die Schüler im internationalen Vergleich<br />

stehen, aber das ist ja nicht das Einzige,<br />

was die Schule vermittelt. Insofern liefern<br />

uns diese Leistungsstudien ein sehr einseitiges<br />

Bild von der Schule und den Kompetenzen,<br />

die dort vermittelt werden. So wird<br />

mit dieser Momentaufnahme ein Bild von<br />

der Schule gezeichnet, das sehr unvollständig<br />

und einseitig ist.<br />

Immer noch ist das sozioökonomische<br />

Umfeld massgebend dafür, welchen<br />

Bildungsweg ein Kind durchläuft. Warum<br />

kommt die Chancengerechtigkeit<br />

nicht vom Fleck?<br />

«Die grosse Heterogenität<br />

unter den<br />

Kindern hat vielen<br />

Lehrerinnen und<br />

Lehrern bewusster<br />

gemacht, dass jedes<br />

Kind an einem anderen<br />

Ort steht, und<br />

dass es verschiedene<br />

Wege gibt,<br />

um zum Ziel zu<br />

kommen.»<br />

Es ist eine Tatsache, dass Kinder aus sozioökonomisch<br />

benachteiligten Haushalten<br />

mit einem viel kleineren Rucksack in<br />

die Schule kommen und ihre Defizite nicht<br />

mehr aufholen können. Eine kürzlich publizierte<br />

Studie der Universität Bern zeigte<br />

2011 aber auch, dass Kinder mit Migrationshintergrund<br />

in der Schule nicht diskriminiert<br />

werden. Die Integration hat<br />

offen<strong>sich</strong>tlich dazu beigetragen, dass die<br />

«Norm» breiter geworden ist. Die grosse<br />

Heterogenität unter den Kindern hat vielen<br />

Lehrerinnen und Lehrern bewusster<br />

gemacht, dass jedes Kind an einem anderen<br />

Ort steht, und dass es verschiedene<br />

Wege gibt, um zum Ziel zu kommen.<br />

Alle rufen jetzt nach Frühförderung,<br />

Sie selbst haben gar ein Obligatorium<br />

für die Frühförderung gefordert.<br />

Ja, aber nicht in dem Sinne, dass der Besuch<br />

obligatorisch wäre. Vielmehr soll das<br />

Angebot flächendeckend sein. Die Politik<br />

hat den Handlungsbedarf jetzt erkannt,<br />

denn man hat festgestellt, dass Kinder,<br />

die mit sprachlichen, sozioökonomischen<br />

oder sozialen Schwierigkeiten eingeschult<br />

werden, grosse Verzögerung beim Lernen<br />

erfahren, die sie kaum mehr aufholen können.<br />

Deshalb wird jetzt von verschiedenen<br />

Organisationen die Frühförderung für die<br />

Kinder von 0 bis 4 Jahren vorangetrieben.<br />

Dabei geht es nicht nur um die Sprache,<br />

sondern eben auch um soziale Kompetenzen.<br />

Es gibt Kinder, die im Kindergarten<br />

zum ersten Mal mit anderen Kindern<br />

spielen, die noch nie eine Schere in der<br />

Hand hatten oder <strong>sich</strong> sprachlich kaum<br />

verständigen können. Man kann die Eltern<br />

natürlich nicht zwingen, ihr Kind in die<br />

Spielgruppe zu geben. Aber man müsste<br />

die betroffenen Kinder wenigstens erfassen.<br />

Wie werden die Kinder, die Frühförderung<br />

benötigen würden, erkannt?<br />

Dafür sind wir auf Fachstellen und<br />

Hausärzte angewiesen. Sie müssten die<br />

Kinder melden.<br />

Im Kanton Tessin können alle Kinder<br />

schon ab drei Jahren in einen ganztägigen<br />

Kindergarten. 70 Prozent der<br />

Dreijährigen gehen ins Asilo, bei den<br />

Vier- und Fünfjährigen sind es 100<br />

10 <strong>ZESO</strong> 4/<strong>19</strong>


Prozent. Finden Sie das nachahmenswert?<br />

Selbstverständlich ist es das. Das Tessin<br />

und die Westschweizer Kantone sind hier<br />

ganz anders aufgestellt als die Deutschschweiz,<br />

wo die Schaffung von Tagesstrukturen<br />

immer noch sehr harzig verläuft. Oft<br />

werden Mütter, die arbeiten gehen, hier<br />

immer noch als Rabenmütter dargestellt.<br />

Deshalb ist es wichtig, im Hinblick auf<br />

die Frühförderung nicht von Kitas zu sprechen,<br />

sondern von Spielgruppen.<br />

Ein grosses Thema in der Schule ist ja<br />

jetzt die Digitalisierung: Doch eigentlich<br />

wissen wir noch gar nicht, was<br />

genau man den Kindern mit auf den<br />

Weg geben muss. Was bedeutet das für<br />

die Schule, die Lehrerschaft?<br />

Das ist wirklich eine riesige Herausforderung.<br />

Sowohl technisch als auch inhaltlich<br />

sind erstmal sehr viele neue Kenntnisse<br />

und Tools nötig. Wir können uns ja<br />

teilweise noch gar nicht vorstellen, was auf<br />

uns zukommen wird. Mir kommt das so<br />

vor, als wollte man ein Ziel treffen, das <strong>sich</strong><br />

mit hoher Geschwindigkeit bewegt. Unsere<br />

Schülerinnen und Schüler müssen <strong>sich</strong><br />

jetzt für einen Beruf entscheiden, obwohl<br />

es die meisten Berufe in naher Zukunft gar<br />

nicht mehr geben wird oder ganz neue dazukommen.<br />

Wir versuchen sie darauf vorzubereiten,<br />

ohne wirklich genau zu wissen,<br />

welche Fähigkeiten und Kenntnisse sie benötigen<br />

werden.<br />

Eine weitere grosse Herausforderung<br />

ist der prognostizierte Lehrermangel<br />

Wir haben immer wieder darauf hingewiesen,<br />

dass ein gewaltiger Lehrermangel<br />

auf uns zukommt. Jetzt ist es höchste<br />

Zeit, etwas zu tun. Die Pensionierungswelle<br />

rückt immer näher und viele werden<br />

<strong>sich</strong> für eine frühere Pensionierung entscheiden,<br />

als Folge des stetigen Leistungsabbaus<br />

bei den Pensionskassen. Zusätzlich<br />

werden bis 2024 über 100 000 Kinder<br />

zusätzlich in die Schule kommen.<br />

Warum entscheiden <strong>sich</strong> zu wenig junge<br />

Menschen für den Lehrerberuf?<br />

Das Problem ist, dass der Lehrerberuf<br />

in der Gesellschaft wenig Anerkennung<br />

geniesst. Ich erlebe auch privat immer<br />

wieder, dass Bekannte eine völlig falsche<br />

DAGMAR RÖSLER<br />

Seit August ist Dagmar Rösler Zentralpräsidentin<br />

des Lehrerverbands (LCH). Sie ist die<br />

erste Frau an der Spitze des LCH, nachdem<br />

Beat Zemp den Verband während fast 30<br />

Jahren präsidierte. Der LCH ist die Dachorganisation<br />

der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz<br />

und hat 56 000 Mitglieder. Er schliesst kantonale<br />

Lehrerinnen- und Lehrervereine sowie<br />

schweizerische Stufen- und Fachverbände<br />

zusammen. Die 48-Jährige ist Mutter von<br />

zwei Kindern und nach wie vor als Lehrerin<br />

tätig. Sie stand bereits während 8 Jahren<br />

dem Lehrerverband Solothurn vor.<br />

Vorstellung von diesem Beruf haben, die<br />

Vorurteile sind und eher verächtlich über<br />

Lehrerinnen und Lehrer reden. Das hat<br />

meist nichts mit konkreten und aktuellen<br />

Erfahrungen zu tun, wird aber wohl an die<br />

eigenen Kinder weitergegeben. Das finde<br />

ich schade.<br />

Gleichzeitig wird die Ausbildung für<br />

den Lehrberuf immer länger. Jetzt<br />

wird von Lehrerseite sogar ein Masterabschluss<br />

gefordert. Ist es eine<br />

gute Idee in Zeiten von Lehrermangel,<br />

die Latte höher zu hängen?<br />

Natürlich. Das ist genau das, was richtig<br />

ist. Je höher die Ausbildung ist, umso mehr<br />

Ansehen geniesst der Beruf. Ausserdem<br />

wollen wir nicht möglichst viele Lehrer<br />

und Lehrerinnen, die den Beruf in erster<br />

Linie deshalb wählen, weil die Ausbildung<br />

nur drei Jahre dauert. Wir wollen die, die<br />

diesen Beruf aus Überzeugung wählen<br />

und auch eine Herausforderung suchen.<br />

Ausserdem stellt der Lehrerberuf heute wesentlich<br />

höhere Anforderungen als früher,<br />

denn es sind sehr viele neue Aufgaben und<br />

gesellschaftliche Herausforderungen hinzugekommen.<br />

Mit einer Schnellbleiche ist<br />

das nicht mehr machbar.<br />

Neu wollen die Lehrerinnen und<br />

Lehrer der Deutschschweiz und der<br />

Romandie zum Verband Bildung<br />

Schweiz, Formation Suisse fusionieren:<br />

Wie kommen Sie voran?<br />

In etwa vier Jahren soll die Fusion vollzogen<br />

sein. Der Deutschschweizer und der<br />

Westschweizer Verband arbeiten schon<br />

lange gut zusammen. Alle waren <strong>sich</strong> nun<br />

einig, dass es sinnvoll wäre, die beiden<br />

Verbände zu einem nationalen Verband<br />

zusammenzuschliessen und bei diesem<br />

Schritt auch noch die italienische Schweiz<br />

zu integrieren. Eine Arbeitsgruppe ist jetzt<br />

daran, verschiedene Modelle auszuarbeiten,<br />

wie der Verband nach der Fusion aussehen<br />

könnte.<br />

Was sind die Hindernisse auf dem<br />

Weg?<br />

Der Entscheid der Mitglieder, diesen<br />

Weg zu gehen, fiel einstimmig. Insofern ist<br />

es völlig klar, dass wir diese Fusion wollen.<br />

Aber natürlich funktionieren die Deutschschweizer<br />

in manchen Dingen anders als<br />

die Westschweizer. Deshalb wird es <strong>sich</strong>er<br />

bei der Umsetzung sowie bei einzelnen<br />

Fragen der konkreten Ausgestaltung eine<br />

Reihe von Hürden geben. Das wird also<br />

kein Sonntagsspaziergang. Aber ich bin <strong>sich</strong>er,<br />

dass wir das schaffen.<br />

Was genau versprechen Sie <strong>sich</strong> von<br />

der Fusion?<br />

Organisatorisch wird es einfacher, denn<br />

die Wege werden kürzer werden. Aber wir<br />

hoffen natürlich auch, dass unsere Stimme<br />

dann in Politik und Öffentlichkeit noch<br />

mehr Gewicht haben wird.<br />

Das Gespräch führte<br />

Ingrid Hess<br />

4/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

11


12 <strong>ZESO</strong> 4/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT<br />

Bild: Palma Fiacco


Kinderarmut mit Ergänzungsleistungen<br />

für Familien reduzieren<br />

Kinderarmut ist in der Schweiz weit verbreitet und ein ernstzunehmendes Problem.<br />

Familienergänzungsleistungen können die prekäre Situation von armutsbetroffenen Familien<br />

massgeblich verbessern. Caritas fordert vom neuen Parlament daher ein Rahmengesetz zur<br />

schweizweiten Einführung von Ergänzungsleistungen für Familien.<br />

In der Schweiz leben rund 1,7 Millionen Kinder. Davon sind rund<br />

103 000 von Armut betroffen. Das bedeutet, dass es in jeder<br />

Schulklasse durchschnittlich ein von Armut betroffenes Kind gibt,<br />

als armutsgefährdet gelten gar drei. Ein Drittel aller Sozialhilfebeziehenden<br />

sind Kinder und Jugendliche. Sie bilden die grösste<br />

Altersgruppe in der Sozialhilfe.<br />

Kinder, die in der Schweiz in Armut aufwachsen, erleben<br />

schon im Alltag zahlreiche Einschränkungen. Was für Gleichaltrige<br />

selbstverständlich ist, kann für sie eine fast unüberwindbare<br />

Hürde darstellen. Das Geld fehlt oftmals schon für kleine<br />

Dinge. Beträge für die Landschulwoche, das Klassenfoto oder<br />

ein Geburtstagsgeschenk für Klassenkameraden belasten das<br />

Familienbudget. Beengte Wohnverhältnisse und das Fehlen<br />

eines Rückzugortes machen es für armutsbetroffene Kinder zudem<br />

schwierig, die Hausaufgaben konzentriert zu erledigen oder<br />

Freunde nach Hause einzuladen. Oft leben sie in preisgünstigen<br />

Wohnungen an verkehrsreichen Strassen, wo sie schlecht draussen<br />

spielen können. Wer auf Bäume klettern oder im Sandkasten<br />

spielen kann, macht aber viele Erfahrungen, die die Lernfähigkeit<br />

begünstigen. Auch Freizeitaktivitäten, Hobbys oder Sport in<br />

Vereinen können <strong>sich</strong> armutsbetroffene Familien häufig nicht<br />

leisten. Die Wahl der Hobbys wird sodann nicht von ihren Fähigkeiten<br />

und Interessen bestimmt, sondern den finanziellen Möglichkeiten<br />

untergeordnet.<br />

Warum es in der Schweiz Kinderarmut gibt<br />

Vielfältige Gründe führen dazu, dass in der reichen Schweiz Kinder<br />

von Armut betroffen sind:<br />

Kinder kosten: Ein Kind kostet zwischen 7000 und 14 000<br />

Franken pro Jahr. Dies hat der Bund 2015 in seinem Bericht zur<br />

Familienpolitik berechnet. Nicht eingerechnet in diesen Betrag<br />

sind die indirekten Kosten, die dadurch entstehen, dass Eltern,<br />

insbesondere Mütter, nach der Geburt des ersten Kindes ihr Erwerbspensum<br />

reduzieren und die unentgeltliche Care-Arbeit übernehmen.<br />

Dies mindert ihren Beitrag zum Haushaltseinkommen.<br />

Tiefes Einkommen der Eltern: 71 000 Kinder wachsen in<br />

Working-Poor-Haushalten auf. Das sind knapp 70 Prozent aller<br />

armutsbetroffenen Kinder in der Schweiz. Ihre Eltern arbeiten<br />

entweder in Tieflohnsektoren oder in prekären Arbeitsverhältnissen,<br />

zu denen Aushilfsstellen, Temporärjobs oder Arbeit auf Abruf<br />

zählen. Trotz Erwerbstätigkeit reicht ihr Lohn nicht aus, um den<br />

Lebensunterhalt der Familie zu decken. Ob Familien arm sind<br />

oder nicht, wird demnach zu einem erheblichen Teil durch die Erwerbstätigkeit<br />

und das Erwerbseinkommen der Eltern bestimmt.<br />

Einkommen hängt von der Ausbildung der Eltern ab: Wie viel<br />

Geld eine Familie zur Verfügung hat, hängt stark von der höchsten<br />

abgeschlossenen Ausbildung der Eltern ab. Verfügt mindestens<br />

ein Elternteil über einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss,<br />

ist die Armutsquote der Kinder mit 2,8 Prozent am geringsten.<br />

Verfügt hingegen kein Elternteil über eine nachobligatorische<br />

Ausbildung, liegt die Armutsquote der Kinder bei rund<br />

10 Prozent, die Armutsgefährdungsquote steigt auf beinahe 40<br />

Prozent.<br />

Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist mangelhaft: In der<br />

Schweiz sind die Möglichkeiten, Familie und Erwerbsarbeit zu<br />

vereinbaren, noch immer mangelhaft. Trotz der Bemühungen auf<br />

Bundesebene gibt es zu wenig preisgünstige und erreichbare Angebote<br />

der familienexternen und schulergänzenden Betreuung.<br />

Die zunehmende Flexibilisierung der Arbeit mit unregelmässigen<br />

Arbeitszeiten stellt insbesondere einkommensschwache Familien<br />

vor grosse Herausforderungen. Kitas sind für armutsbetroffene Familien<br />

häufig nicht finanzierbar. Auch bieten diese Betreungsangebote<br />

bei Arbeit im Tieflohnsektor – beispielsweise bei Arbeit auf<br />

Abruf – keine Lösung. Die Betreuungsmöglichkeiten während der<br />

Schulferien oder bei Erkrankung der Kinder ist ebenso lückenhaft.<br />

Risiko Scheidung ist schlecht abge<strong>sich</strong>ert: In der Schweiz wird<br />

jede dritte Ehe geschieden. Nach einer Scheidung sind Alleinerziehende<br />

überdurchschnittlich von Armut betroffen. Das Einkommen<br />

der getrennten Eltern muss für die Finanzierung von zwei<br />

Haushalten reichen. Die teilweise hart erkämpften Alimente fallen<br />

jedoch oft zu gering aus, um die Existenz der Familie zu <strong>sich</strong>ern.<br />

Immer noch sind es zudem mehrheitlich die Mütter, die ihr Pensum<br />

reduzieren oder aus dem Erwerbsleben ausscheiden, um ihre<br />

Kinder betreuen zu können. Ein Wiedereinstieg in den hochdynamischen<br />

Arbeitsmarkt gestaltet <strong>sich</strong> für sie später oft schwierig.<br />

Der Staat investiert zu wenig in Kinder und Familien: Kinder<br />

gelten in der Schweiz weitgehend als Privatangelegenheit. Dies ist<br />

ein Grund, warum die Schweiz wenig in Kinder und Familien investiert.<br />

Sie liegt diesbezüglich deutlich unter dem europäischen<br />

Durchschnitt. Auch die Ausgaben für die frühkindliche Bildung,<br />

Betreuung und Erziehung sind im OECD-Länderdurchschnitt<br />

dreimal höher als in der Schweiz.<br />

Geringere Bildungs- und Zukunftschancen<br />

Kinderarmut ist nicht nur gegenwärtig ein Desaster, sie bestimmt<br />

auch die Lebensläufe der betroffenen Kinder. Armutsbetroffene<br />

Kinder haben geringere Bildungs- und Zukunftschancen. Der<br />

Handlungsbedarf ist in verschiedenen Bereichen gross. Erstens<br />

14 <strong>ZESO</strong> 4/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


FRÜHE FÖRDERUNG<br />

muss die Existenz materiell besser abge<strong>sich</strong>ert sein,<br />

dies ist die Voraussetzung für ein gesundes Heranwachsen<br />

der Kinder. Zweitens muss gewährleistet sein, dass<br />

alle Kinder einen garantierten Zugang zu qualitativ guter<br />

frühen <strong>Förderung</strong> haben. Die ersten Lebensjahre<br />

sind für die Entwicklung entscheidend. Und drittens<br />

muss das Angebot an familienexterner und schulergänzender<br />

Betreuung für alle Kinder gewährleistet sein.<br />

Während es auf Bundesebene in den letzten zehn<br />

Jahren nicht gelang, die Existenz<strong>sich</strong>erung von Familien<br />

voranzutreiben, haben die vier Kantone Tessin<br />

(<strong>19</strong>97), Solothurn (2010), Waadt (2011) und Genf<br />

(2012) Familienergänzungsleistungen eingeführt.<br />

Evaluationen zeigen deren positive Wirkung: Die Armutsquoten<br />

konnten teilweise beträchtlich gesenkt<br />

werden. Besonders wirksam ist das Modell Waadt. Dort<br />

werden Familienergänzungsleistungen ausbezahlt, bis<br />

die Kinder das Jugendalter erreichen. Für den Bezug<br />

wird kein Erwerbseinkommen oder -pensum vorausgesetzt.<br />

Zudem übernimmt der Kanton in der Waadt im<br />

Vergleich den höchsten Anteil der Kinderbetreuungskosten<br />

und erstattet Gesundheitskosten zurück. Die<br />

Ergänzungsleistungen sind mit weiteren Leistungen<br />

verbunden, um die Erwerbsintegration der Eltern zu<br />

verbessern.<br />

Caritas fordert das neue Parlament, Bund und<br />

Kantone auf, Ergänzungsleistungen für Familien mit<br />

einem Rahmengesetz schweizweit durchzusetzen. Dies<br />

würde die Kantone verpflichten, Familienergänzungsleistungen<br />

nach bundesrechtlichen Regeln auszurichten.<br />

Ein Rahmengesetz würde Mindestmassnahmen<br />

vorsehen, den Kantonen aber auch eine gewisse Freiheit<br />

lassen, die Leistungen den lokalen Gegebenheiten<br />

anzupassen. Dazu bräuchte es vom Bund verbindliche<br />

finanzielle Zusagen.<br />

•<br />

Marianne Hochuli<br />

Caritas Schweiz<br />

Caritas-Positionspapier: Reformvorschlag gegen Kinderarmut:<br />

Die Schweiz darf Kinderarmut nicht tolerieren (20<strong>19</strong>)<br />

www.caritas.ch Was wir sagen Unsere Positionen <br />

Positionspapiere<br />

Vielen armutsbetroffenen Kindern fehlt ein Rückzugsort.<br />

SCHWERPUNKT 4/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

Bild: Palma Fiacco<br />


<strong>Förderung</strong> ab Geburt – die<br />

«Zeppelin»-Präventionsstudie<br />

Wie können die Entwicklungschancen von Kindern aus belasteten Familien erhöht werden?<br />

Massnahmen kommen in den meisten Fällen viel zu spät, sie sind zu wenig intensiv oder erreichen<br />

die Zielgruppe gar nicht. Daher hat eine Forschungsgruppe an der Interkantonalen Hochschule für<br />

Heilpädagogik (HfH) zusammen mit dem Amt für Jugend- und Berufsberatung (AJB) des Kantons<br />

Zürich im Jahr 2009 die Präventionsstudie «Zeppelin» in Angriff genommen: Die Resultate zeigen,<br />

dass die <strong>Förderung</strong> ab Geburt im Hausbesuchsprogramm «PAT – Mit Eltern lernen» langfristig wirkt,<br />

wenn bestimmte Qualitätsvoraussetzungen erfüllt sind.<br />

Kinder aus Familien, die von Armut belastet sind, weisen mehrere<br />

Entwicklungsrisiken auf. So sind zum Beispiel Kinder mit Migrationshintergrund<br />

bis zu dreimal mehr gefährdet, in Sondereinrichtungen<br />

unterrichtet zu werden, und sie haben ein zwei- bis dreimal<br />

höheres Risiko, später keine Lehrstelle zu finden. Das ist ein grosses<br />

Problem, nicht nur für die Heranwachsenden selbst und ihre Eltern,<br />

nicht nur für die Schule und die belasteten Lehrpersonen,<br />

sondern für die Gesellschaft insgesamt, insbesondere unter dem<br />

Aspekt der ökonomischen Konsequenzen im Gesundheits- und Sozialbereich.<br />

Aktuellen Schätzungen zufolge sind bei Kindern aus<br />

einkommensschwachen Familien (unter dem 20. Prozentrang des<br />

sozioökonomischen Status) die Lücken in der empirisch erfassten<br />

Schulfähigkeit sehr gross. Nach heutigem Wissen und Forschungsstand<br />

ist aber bekannt, dass diese Lücken mit früher <strong>Förderung</strong><br />

Die Stärke der «Zeppelin»-Studie ist, dass sie die Familien erreicht, die man im Sinne der selektiven Prävention erreicht werden sollten.<br />

Bild: zvg<br />

16 <strong>ZESO</strong> 4/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


FRÜHE FÖRDERUNG<br />

zumindest teilweise geschlossen werden können: Gestützt auf die<br />

Metaanalyse von Camilli et al. (2010) vermögen Programme der<br />

frühen <strong>Förderung</strong> mindestens die Hälfte der kognitiven Leistungslücken<br />

auszufüllen. Dies entspricht sieben IQ-Punkten respektive<br />

einer Verbesserung vom 30. auf den 50. Prozentrang. Die Leistungseffekte<br />

nehmen mit zunehmendem Alter zwar ab, bleiben jedoch<br />

bedeutsam und sind gross genug, um die Leistungsunterschiede<br />

zwischen Kindern aus sozial benachteiligten und solchen<br />

aus sozial privilegierten Familien um ein Drittel zu reduzieren.<br />

Massnahmen in der Schweiz<br />

In der Schweiz gibt es heute mehrere Frühförderangebote, die das<br />

Ziel verfolgen, Problemen in der kindlichen Entwicklung vorzubeugen<br />

und das Erreichen altersgemässer Schulleistungen zu begünstigen.<br />

Sie sind allerdings unterschiedlicher Qualität. Nicht<br />

selten wird unvor<strong>sich</strong>tig gesagt, dass ein bestimmtes Angebot wirke,<br />

obwohl die Evaluation die minimalen wissenschaftlichen Standards<br />

nicht einhält. Aus der Forschungsliteratur gelten für eine<br />

evidenzbasierte frühe <strong>Förderung</strong> folgende Hauptkriterien: Das<br />

Programm soll<br />

1. auf Familien mit besonderen Risiken wie zum Beispiel Armut<br />

zugeschnitten sein,<br />

2. frühzeitig beginnen, d. h. wenn möglich schon vor der Geburt,<br />

3. eine den familiären Bedürfnissen angemessene Intensität und<br />

Dauer aufweisen,<br />

4. Komponenten zur Stärkung der Eltern und zur direkten <strong>Förderung</strong><br />

des Kindes enthalten,<br />

5. von qualifiziertem Personal umgesetzt werden.<br />

In der Schweiz werden diese Wirksamkeitskriterien einzig vom<br />

Förderprogramm «PAT – Mit Eltern Lernen» erreicht. PAT bietet<br />

Hausbesuche und Gruppentreffs für Eltern mit ihren Kindern an,<br />

sieht aber keine zentrumsbasierte intensive <strong>Förderung</strong> des Kindes<br />

vor. Nichts-desto-trotz sind die Effekte von PAT, gestützt auf die bis<br />

jetzt vorhandenen internationalen Studien mit Kontrollgruppenvergleich,<br />

moderat positiv.<br />

Mit der vom Schweizerischen Nationalfonds und mehreren<br />

Stiftungen unterstützten «Zeppelin»-Studie wird nun auch in der<br />

Schweiz die Frage untersucht, ob und wenn ja wie <strong>sich</strong> frühe <strong>Förderung</strong><br />

mit PAT langfristig auf die kindliche Entwicklung und<br />

den Schulerfolg auswirkt. Im internationalen Vergleich werden<br />

für «Zeppelin» positive Resultate erwartet, weil die Implementation<br />

des Programms und die Rahmenbedingungen günstiger sind.<br />

Zum Beispiel werden im Kanton Zürich die Familien im Durchschnitt<br />

intensiver und länger unterstützt, und es gibt viel weniger<br />

Familien, die während des Programms aussteigen.<br />

UNESCO: EINE INVESTITION<br />

IN DIE ZUKUNFT<br />

In den letzten Jahren haben Bund, Kantone und Gemeinden,<br />

aber auch private Initiativen und freie Stiftungen durch Konzepte,<br />

Studien und Förderprogramme begonnen, die Rahmenbedingungen<br />

für das Aufwachsen von Kindern zu verbessern.<br />

So hat auch die Schweizerische Unesco-Kommission in Zusammenarbeit<br />

mit verschiedenen Partnern 2008 eine Grundlagenstudie<br />

und den Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung,<br />

Betreuung und Erziehung (FBBE) in Auftrag gegeben (Netzwerk<br />

Kinderbetreuung und Schweizerische<br />

UNESCO-Kommission 2016). Zudem unterstützte sie über<br />

Jahre die Akteure im Feld und bot Plattformen für deren<br />

Zusammenarbeit. Doch der Handlungsbedarf bleibt gross.<br />

Wenn es nicht gelingt, eine kohärente Politik auf den verschiedenen<br />

staatlichen Ebenen unter Beizug der Zivilgesellschaft zu<br />

etablieren, bleiben die bisherigen Massnahmen ein Flickwerk<br />

mit wenig Wirkung. Die vorgelegte Publikation will praktischen<br />

Nutzen stiften: Sie bietet Inspiration und Argumente, um bisher<br />

fehlende gesetzliche Grundlagen zur <strong>Förderung</strong> der FBBE zu<br />

schaffen. Politikerinnen und Politiker aller Stufen in Parlamenten<br />

und Exekutiven erhalten konkrete Handlungshinweise<br />

und Begründungen für die Umsetzung einer Politik der frühen<br />

Kindheit. Vertretern der Zivilgesellschaft werden Möglichkeiten<br />

aufgezeigt, wie sie ihre Ressourcen einbringen können. (red)<br />

Zugang zu schwer erreichbaren Eltern<br />

Eine der Hauptherausforderungen in Praxis und Forschung ist die<br />

Erreichbarkeit derjenigen Adressaten, die am meisten auf Unterstützungsmassnahmen<br />

im Bereich frühkindlicher Bildung angewiesen<br />

sind, und die am meisten davon profitieren würden. Gemeint<br />

sind sozial benachteiligte Familien in Risikosituationen, zu<br />

denen auch Armut zählt. Ihre Kinder sind in der Entwicklung potenziell<br />

gefährdet. Das heisst aber nicht, dass eine Beeinträchtigung<br />

entstehen muss; sie kann aber entstehen, wenn die Familie<br />

aus eigener Kraft und/oder mit Unterstützung von aussen nicht<br />

Vorkehrungen trifft, um entwicklungsförderliche Rahmenbedingungen<br />

für das Kind zu schaffen.<br />

Hier besteht eine besondere Stärke der «Zeppelin»-Studie mit<br />

dem Programm PAT: Erreicht werden genau die Familien, die<br />

man im Sinne der selektiven Prävention erreichen will und erreichen<br />

muss, und zwar dank folgender Vorkehrungen zur Erhöhung<br />

der Qualität des Zugangs:<br />

1. Das Programm knüpft an bestehende Einrichtungen im Frühbereich<br />

an, wie Geburtsstationen, Hebammen und Mütter-/<br />

Väterberatung;<br />

2. es baut interdisziplinäre Netzwerke auf, etwa mit Kinderärztinnen<br />

und -ärzten oder Sozialarbeiterinnen und -arbeiter;<br />

3. es kombiniert Geh- mit Kommstrukturen, d. h. Hausbesuche<br />

mit Gruppentreffen;<br />

4. es ermutigt die Familien zur Partizipation, was besondere Anstrengungen<br />

nötig macht, etwa in der Organisation der ersten<br />

Kontakte;<br />

5. es «hält» die Familien im Programm, dank Anreizen wie kleinen<br />

Geschenken zum Geburtstag des Kindes;<br />

6. schliesslich geht PAT nicht von einer Logik des Verdachts aus,<br />

sondern pflegt eine Kultur der Anerkennung.<br />

Wissenschaftliche Qualität<br />

Das Forschungsdesign von «Zeppelin» mit einem randomisiertem<br />

Kontrollgruppenvergleich (RCT: Randomized Controlled Trial)<br />

entspricht dem Goldstandard wissenschaftlicher Wirksamkeitsevaluation<br />

und ist damit für die Schweiz einzigartig. Die Studie ist<br />

SCHWERPUNKT 4/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

17<br />


zudem längsschnittlich angelegt, d. h. die Messungen finden kurz<br />

nach der Geburt und rund um die ersten drei Geburtstage der Kinder<br />

mit Nachfolgeuntersuchungen bei der Einschulung und beim<br />

Übergang zur Oberstufe statt. Weiterhin ist «Zeppelin» mit 250<br />

teilnehmenden Familien eine der grössten RCT-Studien Europas<br />

im Bereich der frühen <strong>Förderung</strong>. Rund die Hälfte der Familien<br />

erhielt Unterstützung mit PAT, die andere Hälfte bekam die üblichen<br />

Hilfestellungen, die in den Gemeinden rund um die Geburt<br />

vorhanden sind.<br />

Die Hauptfragen der «Zeppelin»-Studie sind: Lassen <strong>sich</strong> Effekte<br />

in der kindlichen Entwicklung feststellen? Werden die Eltern<br />

in Erziehungsfragen kompetenter? Gelingt es den Familien, <strong>sich</strong><br />

sozial zu integrieren? Ist der Schulerfolg von Kindern mit PAT höher<br />

als ohne Förderprogramm?<br />

Aktuell liegen die Ergebnisse aus den ersten fünf Messzeitpunkten<br />

vor (0 bis 5 Jahre): Die ersten drei Fragen können positiv<br />

im Sinne einer nachgewiesenen Wirksamkeit beantwortet werden.<br />

Die vierte Frage, also ob frühe <strong>Förderung</strong> die Bildungschancen<br />

längerfristig erhöht, kann im Jahr 2021 nach den Datenauswertungen<br />

aus der ersten Follow-up-Studie vom Kindergarten bis zur<br />

dritten Klasse (Zeppelin 5–9) und später in den Jahren 2023/24<br />

aus der zweiten Follow-up-Studie beim Übergang auf die Sekundarstufe<br />

I («Zeppelin» 12–13) beantwortet werden.<br />

Hauptergebnisse<br />

In mehreren Gemeinden des Kantons Zürich mit hohem Sozialindex<br />

wurden 251 Familien für die Studie rekrutiert. Davon gingen<br />

bis zum vierten Messzeitpunkt, als die Kinder drei Jahre alt waren,<br />

nur 34 Familien verloren, wegen Wegzug, Zeitmangel, Krankheit<br />

oder ohne Benennung der Gründe. Der Stichprobenschwund beträgt<br />

somit weniger als fünf Prozent pro Jahr und ist damit weit<br />

kleiner als in vergleichbaren internationalen Studien.<br />

Die deutlichsten Effekte zeigen <strong>sich</strong> in der kindlichen Entwicklung,<br />

nämlich in der Kognition, in der Sprache und im Verhalten.<br />

Mit PAT geförderte Kinder weisen gegenüber den Kindern aus der<br />

Kontrollgruppe signifikante Vorteile auf. Sie verfügen über einen<br />

grösseren Wortschatz und können <strong>sich</strong> besser ausdrücken. Sie<br />

sind weniger ängstlich und schlafen besser durch. Durchgeführte<br />

Experimente zeigen, dass Kinder mit PAT eine bessere Impulskontrolle<br />

aufweisen.<br />

Weiter weisen die Untersuchungen darauf hin, dass diese positiven<br />

Effekte vor allem mit einer höheren Erziehungskompetenz<br />

der Eltern und konkret mehr und bessere Anregung im häuslichen<br />

Umfeld zusammenhängen. Darüber hinaus sind Mütter mit PAT<br />

bereits nach einem Jahr Förderprogramm signifikant feinfühliger<br />

als jene ohne Förderprogramm. Für eine Steigerung der Erziehungskompetenzen<br />

der Eltern sprechen auch verschiedene andere<br />

Daten. Dazu ein Beispiel: Der Fernseher ist bei Familien ohne PAT<br />

doppelt so häufig ständig eingeschaltet. Ausserdem sind Eltern<br />

mit PAT im sozialen Raum besser vernetzt. Sie nutzen zum Beispiel<br />

signifikant häufiger Angebote wie eine Ludothek oder Bibliothek<br />

als die Familien aus der Kontrollgruppe. Weiter fühlen <strong>sich</strong><br />

Mütter mit PAT von ihrem Partner besser unterstützt als solche in<br />

der Kontrollgruppe.<br />

FRÜHFÖRDERUNG: MOTION ÜBERWIESEN<br />

In der Herbstsession hat das Parlament eine Motion von<br />

SKOS-Präsident Christoph Eymann überwiesen. Sie fordert<br />

vom Bundesrat zu prüfen, wie frühe Sprachförderung vor dem<br />

Kindergarteneintritt mithilfe des Bundes im ganzen Land<br />

umgesetzt werden kann. In beiden Räten galt als unbestritten,<br />

dass die frühe Sprachförderung eine grosse Bedeutung für gute<br />

Bildungsvoraussetzungen für Kinder darstellt. Die Verwaltung<br />

hat nun zwei Jahre Zeit, die Motion umzusetzen und einen<br />

Gesetzesentwurf ausarbeiten. Auf gutem Wege befindet <strong>sich</strong><br />

zudem ein Gesetzesvorschlag der Nationalratskommission zur<br />

«Chancengerechtigkeit vor dem Kindergartenalter». Er fordert<br />

mehr Bundesengagement in der Frühförderung.(IH)<br />

Erste Trends in der Follow-up-Studie<br />

Die festgestellten positiven Effekte von PAT bei Programmende,<br />

als die Kinder drei Jahre alt waren, konnten was die Lernanregungen<br />

in der Familie angeht und die Sprachkompetenzen der Kinder<br />

im Kindergartenalter erneut nachgewiesen. Auch in anderen Bereichen<br />

finden <strong>sich</strong> insgesamt vorteilhafte Werte für die Interventionsgruppe<br />

(z. B. weniger problematisches Verhalten). Hingegen<br />

wurden im Alter von fünf Jahren in den mathematischen Kompetenzen<br />

und in der Kognition keine signifikanten Unterschiede zwischen<br />

den Gruppen gefunden. Zur Vorbereitung der Einschulung<br />

und zur Stärkung des Lernerfolgs in der 1. und 2. Klasse wurde in<br />

Zusammenarbeit mit dem Amt für Jugend- und Berufsberatung<br />

(AJB) der Bildungsdirektion des Kantons Zürich für ca. 100 Familie<br />

eine neue Intervention in Form von je fünf Gruppentreffen konzipiert<br />

und eingeleitet. Wir nennen dieses neue Element der Förderlinie<br />

«Lernort Familie 5+».<br />

Umsetzung und Nachhaltigkeit<br />

PAT wirkt längerfristig nur in der Intensität und Qualität, wie sie<br />

für die Zeppelin-Studie eingesetzt worden sind, d. h. Start um die<br />

Geburt, zwei PAT- Hausbesuche und ein Elterntreffen pro Monat<br />

während mindestens zwei, wenn möglich drei Jahren, von qualifizierten<br />

und supervidierten Elterntrainerinnen durchgeführt. Die<br />

Herausforderung für eine breite Umsetzung (scaling-up) sind die<br />

relativ hohen Kosten von jährlich rund 7000 Franken pro Familie<br />

mit Kindern unter drei Jahren. Für eine Durchführung mit zehn<br />

Familien in einer Gemeinde müssen in der Folge ca. 200 000<br />

Franken für das Gesamtprogramm von drei Jahren zur Verfügung<br />

stehen. Nichtsdestotrotz ist es im 20<strong>19</strong> gelungen, PAT in die Regelstrukturen<br />

der Jugend- und Familienhilfe der Kantone St. Gallen<br />

und Tessin zu überführen. Die Umsetzung des Förderprogramms<br />

in mehreren Gemeinden des Kantons Zürich wird von der<br />

Trägerschaft «zeppelin – familien startklar» erfolgreich wahrgenommen.<br />

Das Forschungsprojekt steht unter dem Patronat der<br />

Schweizerischen Unesco-Kommission. <br />

•<br />

www.zeppelin-familien.ch<br />

Prof. Dr. Andrea Lanfranchi<br />

Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik (HfH) Zürich<br />

18 <strong>ZESO</strong> 4/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


FRÜHE FÖRDERUNG<br />

Die frühe Kindheit ist entscheidend für<br />

die Chancengerechtigkeit<br />

Kinder sind von Grund auf neugierig und lernbegeistert. Durch das Spiel lernen sie, die Welt zu<br />

entdecken. Der Verein a:primo setzt <strong>sich</strong> für die <strong>Frühe</strong> <strong>Förderung</strong> von sozial benachteiligten<br />

Kindern in der Schweiz ein. Mit seinen Angeboten schritt:weise und ping:pong will er die Familie als<br />

Bildungsort stärken. Der gemeinnützige Verein besteht seit 2006 und ist schweizweit tätig.<br />

Die Erfahrungen in der frühen Kindheit legen die Grundlage für<br />

ein erfolgreiches lebenslanges Lernen. Dazu gehören neben dem<br />

kognitiven Lernen auch Kreativität, Kooperationsfähigkeit und<br />

Selbstkontrolle. Damit das spielerische Lernen möglich wird,<br />

brauchen Kinder vertraute, verlässliche, verfügbare und aufmerksame<br />

Erwachsene, die für sie im Alltag ein anregungsreiches Lernumfeld<br />

gestalten.<br />

In der Schweiz geht man jedoch davon aus, dass rund 10 Prozent<br />

aller Eltern Eltern aufgrund ihrer Lebensumstände Schwierigkeiten<br />

haben, ihr Kind angemessen zu fördern. Sie können ihnen<br />

den Lernort Familie nicht bieten, da sie oft zusätzliche Herausforderungen<br />

zu meistern haben – insbesondere wenn sie sozioöknomisch<br />

benachteiligt sind wegen Armut, psychischer Krankheit,<br />

sozialer Isolation oder Migration. Hier setzen die Frühförderangebote<br />

von a:primo an, indem sie die Eltern-Kind-Interaktion und<br />

die Elternkompetenzen stärken.<br />

Schwer erreichbare Familien für Angebote begeistern<br />

Gängige Elternbildungsprogramme erreichen in erster Linie Eltern<br />

aus mittleren und höheren sozialen Schichten. Die herkömmlichen<br />

Kommunikationswege (Flyer, Elternabend) werden den<br />

Bedürfnissen sozial benachteiligter Familien zu wenig gerecht.<br />

Die Frühförderangebote schritt:weise und ping:pong von a:primo<br />

sind spezifisch für sozial belastete Eltern konzipiert: Der Zugang<br />

ist möglichst niederschwellig gestaltet durch die direkte Ansprache<br />

im persönlichen Kontakt und durch die Wahl eines vertrauten<br />

Durchführungsortes.<br />

Doch wie kann die Zielgruppe der schwer erreichbaren Familien<br />

ins Boot geholt werden? Diese Frage treibt zahlreiche Gemeinden<br />

um. Um die Familien für präventive Angebote wie schritt:weise<br />

zu begeistern, muss viel Zeit einberechnet werden. Der erste und<br />

wichtigste Schritt für die Familiensuche ist die Vernetzungsarbeit<br />

vor Ort. Am erfolgversprechendsten ist es, wenn eine Fachperson<br />

<br />

Empowerment für die Eltern als Ziel der Elternbildung.<br />

SCHWERPUNKT 4/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

Bild: Sava Hlavacek<br />


Altersgerechte Unterstützung für Kinder<br />

Bild: Tom Hailer / Roger Federer Stiftung<br />

<br />

aus der Gemeinde mit dieser Aufgabe betraut wird und die dafür<br />

notwendigen Zeitressourcen zugesprochen bekommt. Alle lokalen<br />

Angebote sollten untereinander vernetzt sein. Zudem muss der<br />

Kontakt zu Vernetzungspartnern (Kinderärzten, Hebammen, Beratungsstellen,<br />

Sozialämtern, Mütter-Väter-Beratung, Fussballtrainern,<br />

Vereinen, Hauswarten etc.) aufgebaut werden, damit diese<br />

die Familien aktiv an schritt:weise vermitteln. Dazu müssen sie<br />

das Frühförderangebot, die Ziele und die Zielgruppe gut kennen.<br />

Bei der Vernetzungsarbeit handelt es <strong>sich</strong> nicht um eine einmalige<br />

Aufgabe. Die Kontakte müssen kontinuierlich gepflegt werden,<br />

damit das Angebot nicht in Vergessenheit gerät.<br />

Empowerment und Ressourcenorientierung<br />

Bei den Angeboten von a:primo basiert die Elternbildung auf der<br />

Grundhaltung des Empowerment-Ansatzes und der Ressourcenorientierung.<br />

Die vorhandenen Stärken und Kompetenzen der Eltern<br />

werden wertgeschätzt und gewürdigt. Die Eltern sind die Personen,<br />

die die Geschichte ihres Kindes kennen, dessen<br />

Lebenssituation miterleben, am meisten Zeit mit ihm verbringen<br />

und es durchs Leben begleiten. Sie werden als wichtigsten Bezugspersonen<br />

respektiert und als kompetente Partner angesprochen.<br />

Damit wirklich Eltern profitieren, die zu anderen Formen der Elternbildung<br />

(Vorträge oder Erziehungsratgeber) keinen Zugang<br />

finden, braucht es vor allem Elemente des aktiven Handelns, des<br />

Erlebens und der Reflexion über die umgesetzte Aktivität. Die<br />

Form des Modelllernens ist insbesondere bei Eltern mit geringen<br />

Kenntnissen der lokalen Sprache sehr wichtig, denn in den Angeboten<br />

von a:primo werden keine Übersetzer eingesetzt.<br />

Spielend lernen von Anfang an<br />

Für sozial benachteiligte und sehr isoliert lebende Familien haben<br />

<strong>sich</strong> niederschwellige, aufsuchende Angebote besonders bewährt.<br />

Das Hausbesuchsprogramm schritt:weise, ein Best-Practice-Beispiel<br />

für ein aufsuchendes Angebot, wird in der Schweiz seit über<br />

zehn Jahren erfolgreich umgesetzt. In der Romandie ist das Angebot<br />

unter dem Namen petits:pas bekannt.<br />

Die Familien werden achtzehn Monate lang zunächst wöchentlich<br />

und später vierzehntäglich von einer Hausbesucherin begleitet.<br />

Diese hat einen ähnlichen Erfahrungshindergrund wie die<br />

Programmfamilien, denen sie Spielaktivitäten näherbringt. Diese<br />

niederschwellige, aufsuchende Struktur erleichtert den Familien<br />

den Zugang zum Programm. Die Hausbesucherin wird von einer<br />

Koordinatorin als Fachperson begleitet und bei ihrer Arbeit unterstützt.<br />

Statt den Hausbesuchen finden in den Gemeinden regelmässig<br />

auch Gruppentreffen mit anderen Programmfamilien<br />

statt. Die Familien lernen Angebote aus der Region (Spielgruppen,<br />

MuKi-Turnen etc.) und andere Familien kennen. Das Programm<br />

fördert so die Vernetzung mit den lokalen Akteuren im Früh- und<br />

Familienbereich.<br />

Die Eltern sind die Personen,<br />

die die Geschichte ihres<br />

Kindes kennen, dessen<br />

Lebenssituationen miterleben,<br />

am meisten Zeit mit ihm<br />

verbringen und es durchs<br />

Leben begleiten.<br />

20 <strong>ZESO</strong> 4/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


FRÜHE FÖRDERUNG<br />

AUF EINEN BLICK<br />

Verein a:primo<br />

Der Verein a:primo hat die zwei Programme der frühen <strong>Förderung</strong><br />

von sozial benachteiligten Kindern ins Leben gerufen: schritt:weise<br />

und ping:pong.<br />

Hausbesuchsprogramm schritt:weise<br />

Bekannt wurde a:primo durch das Hausbesuchsprogramm<br />

schritt:weise bzw. petits:pas, das bei Familien aus sozial benachteiligten<br />

Verhältnissen die elterlichen Kompetenzen stärkt und die<br />

Eltern-Kind-Interaktionen gezielt intensiviert.<br />

Frühförderprogramm ping:pong<br />

Das Frühförderprogramm ping:pong ist im Jahr 2017 neu hinzugekommen<br />

und unterstützt den Übergang von der Familie in den<br />

Kindergarten durch moderierte Elterntreffen.<br />

Umsetzung in Ihrer Gemeinde<br />

Interessierte Gemeinden bzw. Schulen können die Angebote mit eigenem<br />

Personal umsetzen und in den lokalen Strukturen verankern.<br />

www.a-primo.ch<br />

Dank schritt:weise intensiviert <strong>sich</strong> die Eltern-Kind-Beziehung<br />

und gewinnt an Qualität. Die Elternkompetenzen werden gestärkt.<br />

Beispielsweise erlauben die Eltern zu Programmbeginn<br />

ihren Kindern vielfach alles und setzen wenig Grenzen. Durch<br />

die Themen «Sicherheit geben» und «dem Kind Aufmerksamkeit<br />

schenken» erfahren sie, wie wichtig Grenzen für ihr Kind sind. Bei<br />

Programmende nehmen sie in der Regel die Interessen und die<br />

Bedürfnisse ihres Kindes wesentlich besser wahr. Auch spielen die<br />

Eltern mehr mit ihrem Kind.<br />

Die Wirkung von schritt:weise wurde in Evaluationen des Marie<br />

Meierhofer Instituts (MMI) belegt. Das Programm wurde aus<br />

den niederländischen Stap-Programmen entwickelt, ist international<br />

verbreitet und breit evaluiert.<br />

Den Übergang von der Familie in den Kindergarten begleiten<br />

Der Übergang von der Familie in den Kindergarten ist für Kinder<br />

und ihre Bezugspersonen oft eine grosse Herausforderung. Ver-<br />

traute Strukturen verlassen und eine Reise ins Unbekannte wagen<br />

– das kann gerade in sozial benachteiligten Familien zu Verun<strong>sich</strong>erung<br />

führen, da nicht alle mit unserem Bildungssystem vertraut<br />

sind. Vor zwei Jahren startete an ersten Standorten das Frühförderprogramm<br />

ping:pong.<br />

Im Rahmen von acht Elterntreffen erfahren die teilnehmenden<br />

Eltern auf anregende Weise, wie sie ihr Kind altersgerecht unterstützen<br />

und spielerisch fördern können. Sie lernen den Kindergarten<br />

und die Kindergartenlehrperson kennen. Gegenseitiges Vertrauen<br />

kann aufgebaut werden. In der Elterngruppe findet zudem<br />

ein Austausch über altersspezifische Erziehungsthemen statt und<br />

die soziale Vernetzung zwischen den Eltern wird unterstützt. So<br />

engagieren <strong>sich</strong> Eltern und Fachpersonen gemeinsam für einen<br />

gelungenen Einstieg des Kindes ins Bildungssystem.<br />

<strong>Frühe</strong> <strong>Förderung</strong> für mehr Chancengerechtigkeit<br />

Die ersten Lebensjahre sind die wichtigste Phase für die Entwicklung<br />

eines Kindes. Dies gilt in sozialer, emotionaler und kognitiver<br />

Hin<strong>sich</strong>t. In der frühen Kindheit wird ein wichtiger Grundstein<br />

für den Bildungs- und Lebenserfolg gelegt. Was hier unterlassen<br />

wird, kann später nur mit grossem Aufwand oder gar nicht mehr<br />

aufgeholt werden. Dies ist insbesondere für Kinder mit tiefem sozioökonomischen<br />

Status von Bedeutung. Neben einem guten<br />

Schul- und Berufsbildungssystem braucht es deshalb als Fundament<br />

einen koordinierten und nachhaltig finanzierten Ansatz für<br />

frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung. Die frühe<br />

Kindheit ist entscheidend.<br />

•<br />

SCHWERPUNKT 4/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

Gabriela Widmer<br />

Verein a:primo<br />


Die <strong>Frühe</strong> <strong>Förderung</strong>: ein blinder Fleck<br />

in der Sozialhilfe?<br />

Familien in der Sozialhilfe sind zu wenig auf dem Radar der <strong>Frühe</strong>n <strong>Förderung</strong>. Zu diesem Schluss<br />

kommt eine Studie der Hochschule Luzern und der Universität Graz. Weil die Bedürfnisse belasteter<br />

Familien zu wenig bekannt seien, fehle es auch weitgehend an spezifischer Unterstützung.<br />

Auch in der Schweiz ist die Forderung nach Chancengerechtigkeit<br />

noch nicht für alle Kinder erfüllt. Dies gilt vor allem für Kinder mit<br />

Migrationshintergrund und für Kinder aus belasteten oder bildungsfernen<br />

Familien. Deshalb ist die Notwendigkeit <strong>Frühe</strong>r <strong>Förderung</strong><br />

in Fachkreisen unbestritten. Konsens herrscht auch darüber,<br />

dass Angebote <strong>Frühe</strong>r <strong>Förderung</strong> vor allem für Kinder aus<br />

belasteten Familien wichtig sind und für sie entsprechend zugänglich<br />

sein sollen. Oft fallen aber gerade diejenigen durch das Netz,<br />

die präventive Unterstützung am nötigsten hätten.<br />

Die Studie «Angebote der <strong>Frühe</strong>n <strong>Förderung</strong> in der Schweiz, AF-<br />

FIS» setzte bei diesem Punkt an und untersuchte die Nutzung und<br />

den Nutzen von Angeboten im Frühbereich aus Sicht der Eltern<br />

sowie das längerfristige Wirksamkeitspotenzial dieser Angebote.<br />

Befragt wurden fast 500 Familien aus neun Schweizer Städten und<br />

Gemeinden. Mit dem verwendeten Kohorten-Design konnte die Lebensspanne<br />

von Kindern im Alter zwischen 0 und 5 Jahren über<br />

zwei Jahre hinweg erfasst werden. Die ausführlichen persönlichen<br />

Interviews wurden mehrheitlich mit den Müttern, vereinzelt auch<br />

mit beiden Elternteilen geführt. Neu an dieser Studie ist, dass neben<br />

Eltern aus der breiten Bevölkerung auch die sogenannten Risikogruppen<br />

stark einbezogen wurden. Zugang, Nutzen und Nutzung<br />

der Angebote unterscheiden <strong>sich</strong> denn auch deutlich zwischen<br />

den drei befragten Gruppen, deren Lebensumstände <strong>sich</strong> durch<br />

spezifische Ressourcen und Belastungen charakterisieren lassen:<br />

Eltern aus der breiten Bevölkerung: Sie sind vorwiegend gut ausgebildet,<br />

arbeiten in geregelten Anstellungsverhältnissen und haben<br />

wenig finanzielle Probleme. Subjektiv berichten sie über eine<br />

hohe Belastung durch Zeitdruck, Müdigkeit und Erschöpfung.<br />

Belastete Eltern mit Migrationshintergrund: Sie verfügen mehrheitlich<br />

über keine Berufsausbildung und nur 30 Prozent der<br />

Mütter sind ausser Haus erwerbstätig. Finanzielle Probleme und<br />

die Sorge, den Kindern nicht das bieten zu können, was andere<br />

Kinder haben, sind subjektiv die grössten Belastungen.<br />

Eltern in der Sozialhilfe: Sie verfügen über ein eher tiefes Ausbildungsniveau<br />

und nur 50 Prozent der befragten Mütter sind<br />

berufstätig – dies mehrheitlich in prekären Anstellungsverhältnissen.<br />

Subjektiv leiden sie am meisten unter finanziellen Problemen,<br />

unbefriedigenden Wohnverhältnissen und fehlenden sozialen<br />

Netzwerken.<br />

<strong>Frühe</strong> <strong>Förderung</strong> sieht die umfassende Unterstützung von Familien<br />

im Interesse der gesundheitlichen, sozialen und kognitiven<br />

Entwicklung der Kinder vor und beginnt daher lange bevor Kinder<br />

in das Bildungssystem eintreten, d. h. mit der Schwangerschaft,<br />

bzw. der ersten Zeit nach der Geburt. Bei diesen Angeboten zeigt<br />

<strong>sich</strong>, dass ein gleichberechtigter Zugang für alle Familien gegeben<br />

ist, solange die Versorgung im medizinischen System erfolgt.<br />

Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen werden von Eltern in<br />

der Sozialhilfe genauso stark genutzt wie von den anderen untersuchten<br />

Elterngruppen. Dies ändert <strong>sich</strong> jedoch bereits bei der<br />

nachgeburtlichen Versorgung durch Wochenbetthebammen, die<br />

von den Eltern selbst organisiert werden muss. Während Eltern<br />

89 % 89 %<br />

<strong>19</strong> % 21 %<br />

Zugang zu den Angeboten der <strong>Frühe</strong>n <strong>Förderung</strong><br />

Breite Bevölkerung (TG1) Familien, die Sozialhilfe empfangen (TG2) Familien mit Migrationshintergrund (TG3)<br />

100 %<br />

90 %<br />

86 %<br />

82 % 82 %<br />

80 %<br />

75 %<br />

70 %<br />

64 %<br />

64 %<br />

60 %<br />

57 %<br />

50 %<br />

40 %<br />

35 %<br />

30 %<br />

28 % 29 % 28 %<br />

20 %<br />

8 %<br />

10 %<br />

7 %<br />

4 %<br />

0 %<br />

Schwangerschaftsvorsorge<br />

Quelle: AFFIS (20<strong>19</strong>)<br />

Wochenbetthebamme Mütter-Väterberatung Kita Spielgruppe Hausbesuchsprogramme<br />

22 <strong>ZESO</strong> 4/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


FRÜHE FÖRDERUNG<br />

Spielgruppen fördern die Entwicklung.<br />

Bild: Palma Fiacco<br />

aus der breiten Bevölkerung und Eltern mit Migrationshintergrund<br />

mit einer Nutzungsquote von je über 80 Prozent einen<br />

gleichermassen guten Zugang zu diesem Angebot haben, erhalten<br />

nur etwas weniger als zwei Drittel der Eltern in der Sozialhilfe eine<br />

nachgeburtliche Hausbetreuung durch eine Hebamme. Diese Begleitung<br />

wäre aber gerade für belastete Eltern nicht nur momentan<br />

hilfreich, sondern auch präventiv bedeutsam: Wochenbettbegleitungen<br />

erhöhen unter anderem das Wohlbefinden, die Sicherheit<br />

und die Kompetenz der Eltern und haben eine starke präventive<br />

Wirkung in Bezug auf familiäre Gewalt, Wochenbettdepressionen,<br />

Rehospitalisierungen der Mütter und Babys sowie auf frühe<br />

Entwicklungsstörungen. Die Angebote sind zwar vorhanden und<br />

über die Krankenkassen finanziert. Sie sind belasteten Eltern aber<br />

oft nicht bekannt oder aber diese geben an, dass sie wegen eigener<br />

gesundheitlicher Probleme oder solcher ihres Babys dieses und<br />

andere Angebote (z. B. die Mütter- und Väterberatung) nach der<br />

Geburt des Kindes nicht wahrnehmen konnten.<br />

Schlechter Zugang zu Bildungs- und Betreuungsangeboten<br />

Familien in der Sozialhilfe haben bereits in der allerersten Zeit<br />

nach der Geburt eines Kindes einen schlechteren Zugang zu unterstützenden<br />

Angeboten. Der grosse Einbruch der Nutzungszahlen<br />

erfolgt jedoch bei den pädagogischen und familienpädagogischen<br />

Angeboten. Nur jede fünfte oder jede vierte Familie, die Sozialhilfe<br />

bezieht, hat einen Spielgruppenplatz (21 %) oder einen Platz in<br />

einer Kita (28 %) für ihr Kind. Für Kinder aus belasteten Familien<br />

zeigen Kitas eine nachgewiesene positive Wirkung auf die kindliche<br />

Entwicklung, weil sie ausgleichend zum belasteten familiären<br />

Umfeld wirken und Kinder mit gezielten Förderangeboten begleiten<br />

können. Dies gilt unter der Voraussetzung, dass die pädagogische<br />

Qualität der Kitas hoch ist und dass dort genügend ausgebildete<br />

Fachkräfte vorhanden sind. Zudem sind Kitas, wie die Eltern<br />

in dieser Studie berichteten, eine wichtige Unterstützung für die<br />

Eltern in Erziehungsfragen und eine Möglichkeit, in Kontakt mit<br />

anderen Eltern zu kommen. Die Spielgruppenangebote werden<br />

von den Eltern als Vorbereitung auf den Kindergarteneintritt und<br />

als Möglichkeit für die Kinder, erste eigene soziale Kontakte zu<br />

Gleichaltrigen zu knüpfen, geschätzt. Entwicklungsförderlich<br />

wirksam sind Spielgruppen besonders dann, wenn sie eine integrierte<br />

kindzentrierte Sprachförderung mit ausgebildeten Fachpersonen<br />

anbieten. Diese kommt nachweislich nicht nur der Sprachentwicklung<br />

von fremdsprachigen Kindern, sondern ebenso<br />

derjenigen von Kindern mit deutscher Muttersprache zu Gute.<br />

Familienergänzende Bildungs- und Betreuungsangebote sind<br />

jedoch weit mehr als ein «Nice-to-have». Wenn diese Möglichkeiten<br />

wegfallen, organisieren <strong>sich</strong> die Mütter notwendigerweise<br />

selbst, nutzen nicht akkreditierte Tagesfamilien oder wechselnde<br />

informelle Betreuungsformen, die besonders für Kinder aus belasteten<br />

Familien nicht nur wenig förderlich, sondern zusätzlich<br />

schädigend wirken können. Dieses Wissen scheint nicht bei allen<br />

Sozialdiensten vorhanden zu sein. Anders lassen <strong>sich</strong> die Antworten<br />

von Müttern kaum erklären, welche in der AFFIS-Studie<br />

berichteten, dass sie ihrem Kind sehr gerne einen Spielgruppenbesuch<br />

ermöglicht hätten, dass dieser aber vom Sozialdienst abgelehnt<br />

worden sei mit der Begründung, sie würde nicht ausser Haus<br />

arbeiten und habe genügend Zeit, selbst für ihr Kind zu schauen.<br />

Besonders stark profitieren belastete Familien von Hausbesuchsprogrammen,<br />

in denen sie durch ausgebildete Fachpersonen<br />

darin unterstützt werden, gute Entwicklungsbedingungen für ihr<br />

Kind zu schaffen und adäquat mit ihm zu interagieren. Eltern,<br />

welche dieses Angebot nutzten, schätzten es sehr: «Jemand ist da<br />

und kümmert <strong>sich</strong> um alle in der Familie!», bemerkte eine Studienteilnehmerin.<br />

Umso bedenklicher scheint es, dass diejenigen<br />

Familien, für welche solche Hausbesuchsproramme angelegt sind,<br />

sie nur sehr selten nutzten (7 %), seltener noch als Familien aus der<br />

breiten Bevölkerung (8 %). Dies liegt zum einen daran, dass Hausbesuchsprogramme<br />

nicht überall angeboten werden und aktuell<br />

vor allem in grösseren Städten vorhanden sind. Zum anderen wird<br />

die Zuweisung von Familien in solche Programme nach wie vor mit<br />

Screening-Instrumenten vorgenommen, die nicht dahingehend<br />

überprüft sind, ob sie tatsächlich diejenigen Familien erkennen,<br />

welche von solchen Angeboten am meisten profitieren könnten.<br />

Insgesamt entsteht der Eindruck, dass Familien in der Sozialhilfe<br />

zu wenig auf dem «Radar» der <strong>Frühe</strong>n <strong>Förderung</strong> sind, dass<br />

ihre spezifischen Bedürfnis- und Problemlagen nicht allgemein<br />

bekannt sind und deshalb eine spezifische Unterstützung für diese<br />

Elterngruppe noch weitgehend fehlt.<br />

•<br />

Prof. Dr. Claudia Meier Magistretti & Prof. Dr. Catherine Walter-Laager<br />

Hochschule Luzern - Soziale Arbeit / Universität Graz<br />

Studie:<br />

Meier Magistretti, C., Walter-Laager, C., Schraner, M., & Schwarz, J. (20<strong>19</strong>):<br />

Angebote der <strong>Frühe</strong>n <strong>Förderung</strong> in Schweizer Städten (AFFIS). Kohortenstudie<br />

zur Nutzung und zum Nutzen von Angeboten aus Eltern<strong>sich</strong>t.<br />

www.interact-verlag.ch Neuerscheinungen<br />


Nachhaltige Wirkungen der<br />

Integrationsprogramme<br />

SOZIALHILFE Welche Auswirkungen haben die Integrationsprogramme der Sozialhilfe auf die<br />

Teilnehmenden im Hinblick auf ihre soziale oder berufliche Integration? Um die Wirkung messen zu<br />

können, wurden zwischen November 2015 und Februar 2017 drei Befragungen von Teilnehmenden von<br />

Integrationsprogrammen durchgeführt: bei Programmbeginn, bei Programmende nach sechs Monaten<br />

sowie neun Monate nach Programmende.<br />

Ziel des Projekts war es festzustellen, welche<br />

Wirkungen Integrationsprogramme mit<br />

dem Ziel der sozialen Integraion (SI) und<br />

der mittelfristigen beruflichen Integration<br />

(BIP) bei den Teilnehmenden haben. Neben<br />

den Befragungen fanden in vier Fokusgruppen<br />

mit Teilnehmenden der Programme<br />

qualitative Vertiefungen der Ergebnisse<br />

statt. Auf der Grundlage der Ergebnisse der<br />

quantitativen Wirkungsmessung wurde ein<br />

Social Return on Investment (SROI) der Integrationsprogramme<br />

bestimmt.<br />

Harte Wirkungsfaktoren<br />

Die Wirkungsanalyse zeigt, dass die Ablösequoten<br />

von der Sozialhilfe sowohl für die SIwie<br />

auch die BIP-Teilnehmenden über den<br />

Referenzwerten für vergleichbare Gruppen<br />

in der Sozialhilfe liegen, die an keinem Integrationsprogramm<br />

teilgenommen hatten.<br />

Bei SI-Teilnehmenden ist die Ablösequote<br />

um 12, bei BIP-Teilnehmenden um 13,3<br />

Prozentpunkte höher. Als Referenzszenario<br />

für die Ablösung von der Sozialhilfe gilt die<br />

durchschnittliche Ablösequote von 18- bis<br />

55-jährigen Personen, die gleich lange Sozialhilfe<br />

bezogen haben wie die befragten<br />

Teilnehmenden der Integrationsprogramme<br />

im Kanton Bern. Bei anderen harten<br />

Wirkungsfaktoren wie der Höhe der Schulden<br />

oder der Anzahl der Vorstellungsgespräche<br />

finden während der Programmdurchführung<br />

teilweise Verbesserungen statt,<br />

diese sind aber neun Monate nach Programmabschluss<br />

nicht mehr feststellbar.<br />

Weiche Wirkungsfaktoren<br />

Bei den weichen Wirkungsfaktoren zeigt<br />

<strong>sich</strong>, dass die Veränderungen bei den SI-<br />

Teilnehmenden im Vergleich zu den Veränderungen<br />

bei den BIP-Teilnehmenden vielfältiger<br />

und tendenziell grösser ausfallen.<br />

SI-Teilnehmende sind während der Programmdauer<br />

zufriedener mit ihrer Gesund-<br />

heit und gehen weniger häufig zum Arzt. Sie<br />

stehen im Durchschnitt eine Stunde früher<br />

auf und nehmen häufiger Mahlzeiten zu<br />

<strong>sich</strong>. Letzteres ist ein Indikator für einen gut<br />

strukturierten Tagesablauf. Die SI-Teilnehmenden<br />

profitieren auch nach Programmabschluss<br />

von mehr sozialer Unterstützung<br />

und verbesserten Zukunftsaus<strong>sich</strong>ten. Sie<br />

sind zudem stärker motiviert, eine Arbeit<br />

aufzunehmen, was <strong>sich</strong> offen<strong>sich</strong>tlich in einer<br />

verstärkten beruflichen Integration niederschlägt.<br />

Bei Programmteilnehmenden mit dem<br />

Ziel der (mittelfristigen) beruflichen Integration<br />

verändern <strong>sich</strong> der wahrgenommene<br />

Gesundheitszustand und die Zufriedenheit<br />

mit der eigenen Gesundheit nicht.<br />

Die Wirkungsanalyse zeigt aber, dass <strong>sich</strong><br />

neben einer verbesserten sozialen Integration<br />

die Selbstwirksamkeitserwartung der<br />

Teilnehmenden, ein wichtiger Faktor im<br />

Bewerbungsprozess, deutlich und nachhal-<br />

Wirkungen von Integrationsprogrammen, bei Austritt sowie 9 Monate danach (Cohen’s d)<br />

Berufliche und materielle<br />

Situation<br />

0.75<br />

BIP-TN (15 Mt. nach Eintritt)<br />

BIP-TN (6 Mt. nach Eintritt)<br />

Nulllinie<br />

Berufliche und materielle<br />

Situation<br />

0.75<br />

SI-TN (15 Mt. nach Eintritt)<br />

SI-TN (6 Mt. nach Eintritt)<br />

Nulllinie<br />

0.50<br />

0.50<br />

Motivation und<br />

Zukunftsperspektiven<br />

0.25<br />

0.00<br />

-0.25<br />

Physische und<br />

psychische<br />

Gesundheit<br />

Motivation und<br />

Zukunftsperspektiven<br />

0.25<br />

0.00<br />

-0.25<br />

Physische und<br />

psychische<br />

Gesundheit<br />

-0.50<br />

-0.50<br />

-0.75<br />

-0.75<br />

Arbeitsmartktrelevante<br />

Komptetenzen<br />

Gesundheitsverhalten<br />

und Tagesstruktur<br />

Arbeitsmartktrelevante<br />

Komptetenzen<br />

Gesundheitsverhalten<br />

und Tagesstruktur<br />

Soziale Integration<br />

Soziale Integration<br />

Quelle: Befragung der SI- und BIP-Teilnehmer 2015 – 2017, n= 94 (6 Mte. nach Eintritt) bzw. 37 (15 Mte. nach Eintritt), BFH & socialdesign<br />

24 <strong>ZESO</strong> 4/<strong>19</strong>


Tabelle: Kosten-Nutzen-Bilanz der Integrationsprogramme in der Sozialhilfe, CHF<br />

tig erhöht. Die BIP-Teilnehmenden treiben<br />

allerdings langfristig weniger Sport als vor<br />

dem Besuch des Integrationsprogramms,<br />

was mit der zeitlichen Beanspruchung<br />

durch das Programm und je nachdem mit<br />

der späteren Arbeitsstelle zusammenhängen<br />

könnte. BIP-Teilnehmende nehmen<br />

während der Programmdauer etwas häufiger<br />

eine Mahlzeit zu <strong>sich</strong> und stehen früher<br />

auf, ein Effekt, der auch nach dem Programmbesuch<br />

noch vorhanden ist. Auch<br />

schätzen sie ihre Zukunftsaus<strong>sich</strong>ten als<br />

leicht verbessert ein.<br />

Kosten-/Nutzenelemente<br />

Nutzen<br />

Harte Faktoren (A)<br />

Reduktion der Sozialhilfeausgaben (nk)<br />

Erträge aus Programmaktivitäten (v)<br />

Kosten<br />

Programmkosten pro Halbjahr/Platz (v)<br />

bei 59 % Beschäftigungsgrad, inkl. Verlängerung<br />

Bilanz<br />

Nettonutzen (Nutzen - Kosten)<br />

SROI-Ratio (Nutzen/Kosten)<br />

Social Return on Investment (SROI)<br />

Die SROI-Analyse besteht aus einer Gegenüberstellung<br />

der angefallenen Programmkosten<br />

und des Nutzens für den Staat (eingesparte<br />

Sozialhilfegelder), für die<br />

Konsumenten (Kauf von in den Programmen<br />

hergestellten Produkten) und für die<br />

Programmteilnehmenden (Gesundheit, soziale<br />

Integration, Kompetenzen und Motivation,<br />

vgl. Tabelle). Nicht in die SROI-Analyse<br />

miteinbezogen wurde das gestiegene<br />

Einkommen der Teilnehmenden nach erfolgreicher<br />

beruflicher Integration. Die Berechnungen<br />

erfolgen hierbei für SI- und<br />

BIP-Teilnehmende gemeinsam, wobei<br />

rund ein Drittel SI- und zwei Drittel BIP-<br />

Plätze einbezogen wurden.<br />

Die Nutzenelemente bei den harten<br />

Wirkungsfaktoren lagen in Form von Erträgen<br />

bereits als Frankenbeträge vor oder<br />

konnten mittels eines Vergleichsszenarios<br />

als Einsparungen von Sozialhilfekosten<br />

durchschnittlicher Unterstützungsfälle<br />

berechnet werden. Hingegen musste die<br />

Bewertung des Nutzens weicher Wirkungsdimensionen<br />

zuerst über alternative<br />

Güter oder Dienstleistungen, deren Wert<br />

bekannt ist, und die den gleichen oder einen<br />

vergleichbaren Nutzen aufweisen (sog.<br />

Proxies), erfolgen. So wurde die festgestellte<br />

höhere Zufriedenheit mit der Gesundheit<br />

mit sechs Sitzungen einer Gesundheitsberatung<br />

zu einem Preis von je 100<br />

Franken bewertet.<br />

Die SROI-Analyse zeigt, dass die untersuchten<br />

Integrationsprogramme bereits<br />

neun Monate nach Programmabschluss unter<br />

Berück<strong>sich</strong>tigung der weichen Faktoren<br />

eine Kosten-Nutzen-Bilanz von 1 zu 1,7 aufweisen.<br />

Die Programmkosten belaufen <strong>sich</strong><br />

dabei auf 7316 Franken für einen durchschnittlichen<br />

Teilnehmenden mit einem<br />

Beschäftigungsgrad von 59 Prozent. Bei der<br />

Berechnung wurde berück<strong>sich</strong>tigt, dass <strong>19</strong><br />

Prozent der Teilnehmenden das Programm<br />

nach sechs Monaten verlängerten. Die harten<br />

Faktoren machen rund zwei Fünftel des<br />

Gesamtnutzens aus. Unter den weichen<br />

Faktoren sind insbesondere die verbesserten<br />

Zukunftsaus<strong>sich</strong>ten, die verbesserte soziale<br />

Unterstützung und das Einhalten von Terminen<br />

von grossem Wert.<br />

MESSINSTRUMENT WIME-INT©<br />

Die Berner Fachhochschule (BFH) führte die<br />

Untersuchung in Zusammenarbeit mit der Beratungsfirma<br />

socialdesign ag sowie fünf kantonalbernischen<br />

Programmanbietern durch. Basierend<br />

auf den Ergebnissen liegt ein Instrument zur<br />

Wirkungsmessung von Integrationsprogrammen<br />

vor. WiMe-Int© wird von socialdesign vermarktet<br />

und eingesetzt (www.socialdesign.ch/de/wime-int).<br />

Seit Januar 2018 wird es zur Wirksamkeitsüberprüfung<br />

der Integrationsprogramme der<br />

sozialen Einrichtungen und Betriebe der Stadt<br />

Zürich eingesetzt.<br />

www.socialdesign.ch, www.bfh.ch/soziale-arbeit<br />

Zeitpunkt der Wirkungen<br />

6 Monate<br />

Durchführung<br />

9 Monate<br />

danach<br />

1,5 Jahre<br />

danach<br />

1858 4236 9932<br />

396<br />

1462<br />

2494<br />

1742<br />

5603<br />

1806<br />

Weiche Faktoren (B) 1849 8379 11 102<br />

Höhere Zufriedenheit mit Gesundheit (v)<br />

Reduktion der Arztbesuche (v)<br />

Häufigkeit der Mahlzeiten (v)<br />

Weniger Sport (v)<br />

Einhalten von Terminen (nk)<br />

Mehr soziale Unterstützung (nk)<br />

Bessere Zukunftsperspektiven (ne)<br />

600<br />

109<br />

438<br />

-131<br />

833<br />

0<br />

0<br />

600<br />

109<br />

438<br />

-131<br />

2071<br />

1485<br />

3808<br />

600<br />

109<br />

438<br />

-131<br />

3309<br />

2970<br />

3808<br />

Total Nutzen (A + B) 3707 12 615 18 510<br />

10 291<br />

6047<br />

-2341<br />

0,6<br />

10 291<br />

7316<br />

5299<br />

1,7<br />

10 291<br />

7470<br />

11041<br />

2,5<br />

Quelle: Berechnungen BFH, Anmerkungen: vorübergehende Wirkungen (v), nachhaltige und<br />

einmalige Wirkungen (ne); nachhaltige und kumulative Wirkungen (nk)<br />

Die SROI-Analyse unterscheidet zwischen<br />

vorübergehenden, nachhaltigen einmaligen<br />

und nachhaltigen kumulativen<br />

Wirkungen. Vorübergehende Wirkungen<br />

fallen nur während der Programmdauer<br />

an (z. B. Reduktion Arztbesuche, mehr<br />

Mahlzeiten, weniger Sport), während die<br />

nachhaltigen einmaligen Wirkungen nur<br />

neun Monate nach Programmende bestehen<br />

und danach wieder verschwinden. Bei<br />

den nachhaltigen kumulativen Wirkungen<br />

nehmen wir an, dass sie länger bestehen<br />

bleiben als bis zum Zeitpunkt der dritten<br />

Messung (z. B. Einhalten von Terminen,<br />

soziale Unterstützung), zumindest während<br />

weiteren neun Monaten. Werden die<br />

entsprechenden Nutzenwerte ebenfalls<br />

berück<strong>sich</strong>tigt, so beträgt die SROI-Ratio<br />

1 zu 2,5. Zu diesem Zeitpunkt wiegen die<br />

eingesparten Sozialhilfeausgaben die entstandenen<br />

Programmkosten bereits auf.<br />

Integrationsprogramme tragen also nicht<br />

nur zur sozialen und beruflichen Integration<br />

von Sozialhilfebeziehenden bei, sondern<br />

entlasten auch die Staatskasse. •<br />

Prof. Dr. Tobias Fritschi, Prof. Dr. Peter<br />

Neuenschwander BFH Soziale Arbeit<br />

Samuel Wetz socialdesign ag<br />

4/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

25


Weihnachtsgrüsse einer Maraude-Helferin an Obdachlose.<br />

Bilder: zvg<br />

26 <strong>ZESO</strong> 4/<strong>19</strong>


Kollektiv 2.0 für die Obdachlosen<br />

in Lausanne<br />

REPORTAGE Maraude Lausanne ist eine Bürgerbewegung, die <strong>sich</strong> um Obdachlose in<br />

Lausanne kümmert. Ziel der Bewegung ist es, Obdachlose mit Nahrung, Kleidern und anderen<br />

lebensnotwendigen Dingen zu versorgen, und ihnen damit das Leben etwas leichter zu machen. Das<br />

Besondere an Maraude Lausanne ist die Organisation über die Sozialen Medien.<br />

Sanhia: «Ich habe eine ganze Schale<br />

vegetarische Lasagne zu verschenken<br />

für die Maraude heute Abend. Ich bringe<br />

sie zum Café des Artisans. Bitte<br />

meldet Euch, wenn Ihr sie abholen<br />

kommt. Danke und schönen Tag.»<br />

Administrator: «Heute findet leider<br />

keine Maraude-Tour statt. Kann man<br />

sie vielleicht bis morgen aufheben?»<br />

tus oder Glauben kümmert. Speziell ist<br />

diese Hilfsaktion nicht nur, weil sie ohne<br />

jegliche staatliche Hilfe auskommt und ausschliesslich<br />

auf dem Engagement von Freiwilligen<br />

beruht, sondern auch, weil sie <strong>sich</strong><br />

via Social-Media-Kanäle organisiert. Kein<br />

Büro und keine Einsatzzentrale sondern Facebook<br />

dient als Plattform für die Organisation<br />

und Regelung der Aktivitäten.<br />

Das Durchforsten der Strassen und<br />

das Suchen nach unter prekären Bedingungen<br />

lebenden Menschen, um ihnen<br />

materielle und moralische Unterstützung<br />

zu schenken, ist eine Art aufsuchender<br />

sozialer Notfallhilfe, die bedingungslos<br />

gewährt wird. Während andere Städte die<br />

Angebote der sozialen Notfallhilfe professionalisiert<br />

haben, basiert das Lausanner<br />

Kollektiv ausschliesslich auf Freiwilligenarbeit.<br />

Dank der Kommunikation via die<br />

sozialen Medien, kann Maraude Lausanne<br />

die vielfältigen Einsätze, die <strong>sich</strong> nach den<br />

aktuell vorhandenen Ressourcen richten,<br />

sehr flexibel organisieren. Die einen tragen<br />

<strong>sich</strong> weit im Voraus für einen Einsatz ein,<br />

MARAUDE LAUSANNE WIRD WISSENSCHAFTLICH BEGLEITET<br />

Der Artikel basiert weitgehend auf einem Beitrag<br />

von Charlotte Jeanrenaud und Maëlle Meigniez,<br />

Forschungsbeauftragte, Dominique Malatesta,<br />

Professeure ordinaire, António Magalhães de<br />

Almeida, Maître d’enseignement, Haute école de<br />

travail social et de la santé de Lausanne · EESP<br />

· HES-SO<br />

Maraude Lausanne wird wegen ihrer ungewöhnlichen<br />

Arbeitsweise derzeit von der HES-SO<br />

wissenschaftlich begleitet und untersucht.<br />

Bei Einbruch der Nacht, durchquert ein<br />

Bürgerkollektiv die Strassen von Lausanne<br />

auf der Suche nach Obdachlosen. Sie haben<br />

vollgestopfte Taschen und Kisten dabei.<br />

Seit drei Jahren sucht des Nachts oft eine<br />

Gruppe von engagierten Lausannerinnen<br />

und Lausannern Menschen auf, die unter<br />

äusserst prekären Bedingungen in den Strassen<br />

der Stadt leben. Sie bringen ihnen<br />

Nahrung, Decken, aber auch Unterstützung<br />

und Trost. La Maraude Lausanne versteht<br />

<strong>sich</strong> als apolitische und areligiöse Gruppierung,<br />

die <strong>sich</strong> um die Obdachlosen in Lausanne<br />

unabhängig von deren Herkunft, Staandere<br />

am Vorabend und sehr viele auch<br />

ganz spontan. Facebook bietet den Freiwilligen<br />

zudem die Möglichkeit, <strong>sich</strong> in Echtzeit<br />

abzusprechen, beispielsweise über den<br />

konkreten Ablauf des Einsatzes.<br />

Frei von Verpflichtungen<br />

Charakteristisch an der Bürgerbewegung<br />

ist ferner, dass das Engagement der Freiwilligen<br />

an keine Bedingungen geknüpft<br />

ist. Sie müssen <strong>sich</strong> lediglich zu einer Charta<br />

bekennen. Weiter werden keinerlei Bedingungen<br />

an das Engagement gestellt. Sie<br />

können einmal mitmachen oder regelmässig<br />

und die eine oder die andere Aufgabe<br />

übernehmen. Damit ist die Zahl der Personen,<br />

die das Kollektiv bilden, natürlich nie<br />

konstant. Das bedeutet auch, dass in der<br />

einen Woche niemand die Tour durch die<br />

Strassen macht, während in der nächste<br />

Woche jede Nacht jemand unterwegs ist.<br />

Die Jahreszeiten spielen allerdings eine<br />

wichtige Rolle. Während der kalten Monate<br />

im Winter ist die Mobilisierung von Freiwilligen<br />

wesentlich grösser, so dass Maraude-Touren<br />

fast jede Nacht stattfinden.<br />

Doch kamen die Mitglieder des Kollektivs<br />

unterdessen aufgrund von Erfahrungen<br />

dennoch zu dem Schluss, dass es<br />

durchaus ein Vorteil wäre, einige gemeinsame<br />

Richtlinien aufzustellen. Dies im<br />

Hinblick auf ein gutes Funktionieren der<br />

Bewegung und um Konflikte unter den<br />

Freiwilligen zu vermeiden. Denn schliesslich<br />

sollte die Bewegung fortbestehen.<br />

Die gemeinsamen Richtlinien sind in der<br />

Charta festgehalten und werden vor allem<br />

durch die Definition von Schlüsselrollen<br />

umgesetzt. Zwei Rollen sind wesentlich für<br />

das reibungslose Funktionieren des Kollektivs:<br />

jene des Planers oder der Planerin und<br />

jene des Abendpaten bzw. der Abendpatin.<br />

Der Planer verwaltet hauptsächlich das <br />

4/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

27


Der virtuelle Zusammenschluss zu<br />

einer Bewegung stellt eine neue Form<br />

von Engagement dar, die weniger<br />

verbindlich ist, deren Wirkung<br />

dennoch nicht zu unterschätzen ist.<br />

Material- und Personalmanagement über<br />

Facebook. Was die Abendpaten betrifft, so<br />

haben sie die Aufgabe, den Abend, für den<br />

sie diese Rolle übernehmen, zu leiten und<br />

für dessen reibungslosen Ablauf zu sorgen.<br />

Über diese wenigen Schlüsselaufgaben<br />

hinaus, soll die Organisation flexibel<br />

bleiben, um den Initativen der Einzelnen<br />

Raum zu geben. So bleibt die Verteilung<br />

der Güter, seien es Lebensmittel, Getränke<br />

oder auch Decken, Schlafsäcke und Kleidung,<br />

jedem Freiwilligen vorbehalten. Auf<br />

formalisierte Kriterien für die Verteilung<br />

wird bewusst verzichtet.<br />

Dieser Verzicht kann Quelle von Kreativität<br />

sein, für manche Freiwilligen aber<br />

auch belastend sein. Es kann jemanden<br />

verun<strong>sich</strong>ern, wenn er nicht weiss, welche<br />

Entscheidung richtig ist. Im Vergleich zu<br />

normalen Passanten, die entscheiden müssen,<br />

wem sie etwas geben und weshalb,<br />

fällt es ausgebildetem Personal leichter,<br />

mit diesem Dilemma umzugehen, wie die<br />

französische Forshungsbeauftragte Carole<br />

Gayet-Viaud in einem Forschungsbericht<br />

feststellte.<br />

Ein <strong>sich</strong>tbares und politisches<br />

Engagement<br />

Die Bewegung Maraude agiert nicht militant,<br />

doch bringt sie die Existenz und die<br />

Not der prekär lebenden Bevölkerungsgruppen,<br />

die meist kein Dach über dem<br />

Kopf haben, ans Licht. Maraude weist damit<br />

auf ein fehlendes institutionelles Angebot<br />

hin. Die Lausanner Bewegung und ihre<br />

Aktivitäten beschäftigen jedenfalls regelmässig<br />

die öffentlichen Debatten in der<br />

Stadt, sei es via Medien, Fachleute oder<br />

einzelne Politikerinnen und Politiker.<br />

Durch diese reale und virtuelle Präsenz im<br />

öffentlichen Raum, gelingt es der Bewegung<br />

und den Betroffenen, in Erscheinung<br />

zu treten und damit eine politische Dimension<br />

zu entfalten.<br />

Der virtuelle Zusammenschluss zu einer<br />

Bewegung stellt eine neue Form von Engagement<br />

dar, die weniger verbindlich ist,<br />

deren Wirkung dennoch nicht zu unterschätzen<br />

ist. Indem Facebook-Mitglieder<br />

die Facebook-Seite von Maraude besuchen<br />

und ihr beitreten (derzeit etwa 2400), zeigen<br />

sie Interesse oder Neugier gegenüber<br />

den sozialen Problemen der Obdachlosen.<br />

Auch wenn sie schliesslich nichts weiter<br />

tun und <strong>sich</strong> nicht konkret engagieren,<br />

unterstützen sie doch die Bewegung durch<br />

ihre Präsenz auf Facebook. Gleichzeitig<br />

werden die Bewegung, ihre Haltung, politische<br />

Stellungnahmen und Informationen<br />

zum Thema Obdachlosigkeit einem<br />

breiteren Publikum zugänglich gemacht.<br />

Eine Bewegung, die stetig in<br />

Bewegung bleibt<br />

Durch seine neuartige Funktionsweise und<br />

die regelfreie Arbeitsweise bewirkt Maraude<br />

Lausanne nicht nur neue Formen von vielfältigem,<br />

flexiblem und spontanem freiwilligem<br />

Engagement, sondern erschafft <strong>sich</strong><br />

auch die Rahmenbedingungen, um eine<br />

Umgebung, die ständig in Bewegung ist, zu<br />

integrieren. Man könnte auch noch weitergehen<br />

und sagen, dass es genau die Formbarkeit<br />

und die Anpassungsfähigkeit ist, an<br />

das, was um sie herum passiert, was der Aktion<br />

Sinn verleiht und sie am Leben erhält,<br />

ohne sie zu stabilisieren oder zu fixieren.<br />

Die Bewegung liefert uns so eine Vision und<br />

praktische Vorstellungen von künftigen, alternativen<br />

sozialen Interventionen, die<br />

durchaus Aufmerksamkeit und Respekt von<br />

Seiten der Fachwelt verdienen. •<br />

Hilfe für Obdachlose: Die freiwilligen Helfer von Maraude in Lausanne.<br />

Charlotte Jeanrenaud, Maëlle Meigniez,<br />

Prof. Dominique Malatesta<br />

Haute école de travail social et de la santé de<br />

Lausanne<br />

28 <strong>ZESO</strong> 4/<strong>19</strong>


Integrationsagenda Schweiz<br />

FACHBEITRAG In der Schweiz finden viele Flüchtlinge (FL) und vorläufig Aufgenommene (VA) keine<br />

Arbeit, sie haben wenig Kontakt zur einheimischen Bevölkerung und sind abhängig von der Sozialhilfe<br />

– oft ein Leben lang. Das wollen Bund und Kantone ändern: Im vergangenen Jahr haben sie deshalb<br />

gemeinsam die Integrationsagenda Schweiz lanciert.<br />

Mit den beschleunigten Asylverfahren, die<br />

im Frühjahr 20<strong>19</strong> schweizweit eingeführt<br />

wurden, wissen Schutzsuchende rasch, ob<br />

sie in der Schweiz bleiben dürfen oder<br />

nicht. Integrationsmassnahmen können<br />

deshalb nach der Zuweisung in einen Kanton<br />

an die Hand genommen werden.<br />

Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene<br />

werden dabei durchgehend und verbindlich<br />

von Fachleuten begleitet und betreut.<br />

Diese Fallführung stellt <strong>sich</strong>er, dass die<br />

Massnahmen optimal aufeinander abgestimmt<br />

sind und die Koordination zwischen<br />

allen Partnern gewährleistet ist.<br />

Bund und Kantone haben <strong>sich</strong> mit der Integrationsagenda<br />

auf verbindliche und<br />

messbare Ziele geeinigt: So sollen beispielsweise<br />

alle FL/VA nach spätestens drei<br />

Jahren einen ihrem Potenzial entsprechenden<br />

Sprachstand erreichen, mindestens<br />

aber ein A1 GER. Dies gilt nicht nur für<br />

Erwachsene: Auch Kinder aus dem Asylbereich<br />

sollen <strong>sich</strong> beim Eintritt in den Kindergarten<br />

in der am Wohnort gesprochenen<br />

Sprache verständigen können. Ziel ist<br />

es weiter, die Erwerbsquote von VA/FL<br />

deutlich zu erhöhen und sie aktiv dabei zu<br />

unterstützen, in der hiesigen Gesellschaft<br />

Fuss zu fassen. Um die Kantone, Städte<br />

und Gemeinden bei der Erfüllung dieser<br />

Massnahmen zu unterstützen, hat der Bundesrat<br />

im Mai 20<strong>19</strong> die Integrationspauschale<br />

an die Kantone von heute 6000<br />

Franken auf neu 18 000 Franken pro FL/<br />

VA erhöht.<br />

Job-Coaching und arbeitsmarktnahe Qualifizierungsprogramme<br />

unterstützen FL/VA<br />

dabei, <strong>sich</strong> möglichst rasch, aber auch<br />

nachhaltig in den ersten Arbeitsmarkt zu<br />

integrieren. Die Integrationsagenda nimmt<br />

eine klare Schwerpunktsetzung vor, indem<br />

sie auf das bewährte Berufsbildungsystem<br />

der Schweiz setzt. Es gilt das Prinzip «Arbeit<br />

dank Bildung»: Insbesondere Jugendliche<br />

und junge Erwachsene im Alter von<br />

16 bis 25 Jahren sollen gezielt an eine Ausbildung<br />

auf Stufe Sek II herangeführt werden.<br />

Das Ziel ist, dass zwei Drittel von ihnen<br />

fünf Jahre nach Einreise diesen Weg<br />

eingeschlagen haben.<br />

Stand der Umsetzung<br />

Um von der erhöhten Integrationspauschale<br />

profitieren zu können, haben inzwischen<br />

alle Kantone beim Staatssekretariat für Migration<br />

(SEM) ein kantonales Konzept zur<br />

Umsetzung der Integrationsagenda eingereicht.<br />

Auf dieser Grundlage schliesst der<br />

Bund in diesen Wochen mit jedem Kanton<br />

eine Zusatzvereinbarung zur bestehenden<br />

Programmvereinbarung Kantonale Integrationsprogramme<br />

(KIP) ab.<br />

Das SEM hat die kantonalen Konzepte<br />

geprüft und schätzt deren Qualität insgesamt<br />

als gut ein. Die Integrationsagenda<br />

Schweiz hat etliche Kantone dazu veranlasst,<br />

die aktuellen Strukturen und Zuständigkeiten<br />

zu überprüfen und anzupassen.<br />

Zudem intensivierten viele Kantone die<br />

Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Die<br />

Organisation der durchgehenden Fallführung<br />

stellt vielerorts die grösste Herausforderung<br />

dar: In der Regel kommt es mit<br />

dem Asylentscheid zu einem Zuständigkeitswechsel<br />

in der Fallführung. Viele Kantone<br />

sind daran, die Schnittstelle zwischen<br />

der spezifischen Integrationsförderung<br />

und der Sozialhilfe zu überprüfen und<br />

besser zu regeln, bspw. mittels organisationsübergreifender<br />

IT-Systeme. Aufgrund<br />

der Konzepteingaben lässt <strong>sich</strong> feststellen,<br />

<br />

Nachhaltige Integration<br />

Bund und Kantone gehen davon aus, dass<br />

rund 70 Prozent der VA/FL das Potenzial<br />

haben, <strong>sich</strong> nachhaltig in den Arbeitsmarkt<br />

zu integrieren, längerfristig für <strong>sich</strong> und<br />

ihre Familien aufzukommen – und nicht<br />

mehr von der Sozialhilfe abhängig zu sein.<br />

Damit dies gelingt, wollen Bund und Kantone<br />

die Integrationsmassnahmen verbindlicher<br />

und lückenlos gestalten und intensivieren.<br />

Individuelle Potenzialabklärungen,<br />

Jugendliche Flüchtlinge sollen an eine Ausbildung auf Stufe Sek II herangeführt werden.<br />

Bild: Annette Boutellier<br />

4/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

29


Unionsbürgerschaft<br />

der EU und soziale<br />

Rechte<br />

<br />

dass hier für die Zukunft Klärungsbedarf<br />

besteht, um ein möglichst widerspruchsfreies<br />

und kohärentes Handeln zu ermöglichen.<br />

Darüber hinaus stellen <strong>sich</strong> in vielen<br />

Kantonen und Gemeinden zusätzlich folgende<br />

Herausforderungen:<br />

• Die Sprachförderung ist zwar vielerorts<br />

gut etabliert, allerdings besteht<br />

Handlungsbedarf im Bereich der<br />

Qualitätsentwicklung/-<strong>sich</strong>erung<br />

(Umsetzung des Sprachförderkonzeptes<br />

fide).<br />

• Angebote und Massnahmen für hochqualifizierte<br />

VA/FL sind momentan<br />

nur punktuell vorhanden.<br />

Generell bestehen im Bereich der<br />

Qualifizierungsmassnahmen in einzelnen<br />

Regionen Angebotslücken und<br />

weiterer Entwicklungsbedarf.<br />

• Die Umsetzung der Meldepflicht von<br />

arbeitsmarktfähigen VA/FL bei der<br />

öffentlichen Arbeitsvermittlung ist<br />

überall am Laufen, die Zusammenarbeit<br />

mit den Arbeitsmarktbehörden<br />

aber noch unterschiedlich weit fortgeschritten.<br />

• Bei der <strong>Frühe</strong>n <strong>Förderung</strong> besteht in<br />

vielerlei Hin<strong>sich</strong>t noch Handlungsbedarf:<br />

Klärung von Zuständigkeitsund<br />

Finanzierungsfragen, Regelung/<br />

Koordination mit der Sozialhilfe, Sensibilisierung<br />

für Good Practices.<br />

Ein besonderes Augenmerk wollen<br />

Bund und Kantone im nächsten Jahr zudem<br />

auf die soziale Integration richten:<br />

Hier sind zusätzliche Anstrengungen nötig,<br />

damit <strong>sich</strong> FL/VA in Zukunft auf Augenhöhe<br />

begegnen können. Gesundheit,<br />

soziale Beziehungen und gesellschaftliche<br />

Teilhabe sind Faktoren, die genauso<br />

essenziell sind für die Integration. •<br />

Lea Blank<br />

Staatssekretariat für Migration<br />

Nicole Gysin<br />

Konferenz der Kantonsregierungen<br />

FACHBEITRAG Zu den heikelsten Punkten in der Debatte über das<br />

geplante Rahmenabkommen mit der EU gehört die Unionsbürger-<br />

Richtlinie. Es wird befürchtet, dass diese den Anspruch auf<br />

Sozialhilfe von Arbeitnehmerinnen und -nehmern aus der<br />

EU ausweiten würde. Ein Blick auf Sinn und Zweck der EU-<br />

Unionsbürgerschaft und die damit verbundenen sozialen Rechte.<br />

Die Unionsbürgerschaft ist ein seit <strong>19</strong>92<br />

anerkannter Rechtsstatus in der Europäischen<br />

Union (EU). Unionsbürger ist automatisch,<br />

wer die Staatsangehörigkeit eines<br />

Mitgliedstaates besitzt. Staatsbürger aller<br />

Mitgliedstaaten sind zugleich also Unionsbürger.<br />

Die Unionsbürgerschaft tritt zur<br />

nationalen Staatsbürgerschaft hinzu, ersetzt<br />

sie aber nicht. Die Einzelnen werden<br />

damit doppelt gebunden und berechtigt –<br />

nämlich einmal gegenüber dem Heimatstaat<br />

und zum anderen gegenüber der EU.<br />

• Das Herz der Unionsbürgerschaft ist<br />

das Gleichheitsversprechen. Es besagt,<br />

dass alle EU-Bürger im EU-Recht gleich<br />

sind, das heisst: gleich an Rechten und<br />

Pflichten sind.<br />

• Die Unionsbürgerschaft gibt ein aktives<br />

und passives Wahlrecht bei den Wahlen<br />

des Europäischen Parlaments.<br />

• Die Unionsbürgerschaft beinhaltet ein<br />

Petitionsrecht gegenüber Rat, Kommission<br />

und Europäischem Parlament und<br />

berechtigt zur Gesetzgebungsinitiative<br />

im Rahmen der Europäischen Bürgerinitiative.<br />

• Die Unionsbürgerschaft gewährleistet<br />

ferner bürgerliche und politische Freiheiten.<br />

Dazu gehört auch die Freizügigkeit<br />

(Art. 21 AEUV). Diese <strong>sich</strong>ert allen<br />

Bürgerinnen und Bürgern das Recht,<br />

<strong>sich</strong> in der EU frei zu bewegen, zu betätigen<br />

und niederzulassen.<br />

• Hat der Heimatstaat in einem Staat<br />

ausserhalb der EU keine diplomatische<br />

Vertretung, verknüpft die Unionsbürgerschaft<br />

zum diplomatischen Schutz<br />

durch Auslandsvertretungen anderer<br />

Mitgliedstaaten.<br />

Für die Bürgerinnen und Bürger der<br />

Mitgliedstaaten überwindet die Unionsbürgerschaft<br />

insbesondere die Stellung<br />

als «Fremde». Denn sie verpflichtet die<br />

Mitgliedstaaten bei Anwendung Europäischen<br />

Rechts zur Gleichbehandlung von<br />

Inländern und EU-Bürgern.<br />

Die Unionsbürger-Richtlinie<br />

Die Unionsbürger-Richtlinie regelt den<br />

Gebrauch der Freizügigkeit für Unionsbürger<br />

und deren Familienangehörigen:<br />

Ehegatten, Lebenspartnern und Kindern<br />

unter 21 Jahren – und formt damit Freizügigkeit<br />

aus. Sie begründet für alle Unionsbürger<br />

und deren Familienangehörige ein<br />

Recht auf Ausreise aus dem Herkunftsstaat<br />

und auf Einreise in jeden gewählten Mitgliedstaat<br />

und regelt die damit verbundenen<br />

Formalitäten.<br />

Freizügigkeit steht allen Unionsbürgerinnen<br />

und -bürgern zu, einerlei ob sie erwerbstätig<br />

sein wollen oder beispielsweise<br />

studieren wollen oder ihren Lebensabend<br />

als Rentnerin oder Rentner in einem anderen<br />

Mitgliedstaat verbringen wollen. Auch<br />

Nichterwerbstätige kommen so in den Genuss<br />

der Freizügigkeit.<br />

Die Freizügigkeit begründet danach<br />

grundsätzlich ein Recht auf Aufenthalt<br />

und Betätigung im Aufenthaltsstaat, <strong>sich</strong>ert<br />

den Unionsbürgern aber kein unbedingtes<br />

Aufenthaltsrecht. Sie gewährt ein<br />

solches ohne weitere Bedingungen nur<br />

im Rahmen der Grundfreiheiten der EU –<br />

30 <strong>ZESO</strong> 4/<strong>19</strong>


Die EU hat nicht nur für Waren, sondern auch für die EU-Bürgerinnen und -Bürger Freiheiten,<br />

Rechte aber auch Pflichten geschaffen. <br />

Bild: nabu<br />

also Arbeitnehmerfreizügigkeit, Niederlassungsfreiheit<br />

oder Dienstleistungsfreiheit.<br />

Bei einem ununterbrochenen Aufenthalt<br />

von fünf Jahren in einem Mitgliedstaat wird<br />

ein Recht auf Daueraufenthalt begründet.<br />

Es wird für die Mitgliedstaaten die Pflicht<br />

zur Gleichbehandlung der EU- Bürger und<br />

ihren Familienangehörigen bekräftigt, sofern<br />

diese aus Drittstaaten stammen.<br />

Zugang aus sozialen Gründen<br />

beschränkt<br />

Dagegen ist der Zugang durch nichterwerbstätige<br />

Personen aus sozialen Gründen<br />

beschränkt bzw. ausgeschlossen, falls sie bei<br />

Aufenthaltsbegründung an den Gegebenheiten<br />

des Aufenthaltsstaates gemessen<br />

über keinen zureichenden Krankenver<strong>sich</strong>erungsschutz<br />

und nicht über ausreichende<br />

Existenzmittel für <strong>sich</strong> und die Familie<br />

verfügen. Geschieht die Aufenthaltsbegründung<br />

zwecks Arbeitssuche, ist das Aufenthaltsrecht<br />

auf drei Monate beschränkt.<br />

Die wegen Erwerbsarbeit in die soziale<br />

Sicherung einbezogenen Personen geniessen<br />

den Schutz durch die EU-Regelungen<br />

zur zwischenstaatlichen Koordination sozialer<br />

Sicherheit. Sie müssen also gleich behandelt<br />

werden. Ausserdem <strong>sich</strong>ern andere<br />

EU-Bestimmungen den Export von Geldleistungen,<br />

die Zusammenrechnung von<br />

Beschäftigungs- und Ver<strong>sich</strong>erungszeiten<br />

sowie den Zugang zu Sach- und Dienstleistungen<br />

bei Aufenthalt in einem anderen<br />

Staat und <strong>sich</strong>ern damit die umfassende<br />

Einbeziehung von Beschäftigten in die<br />

Systeme sozialer Sicherheit der Mitgliedstaaten.<br />

Sozialhilfe: Ausnahme von der<br />

Gleichbehandlung<br />

Für EU-Bürgerinnen und -Bürger, die auf<br />

Sozialhilfe angewiesen sind, wird den Mitgliedstaaten<br />

eine Ausnahme vom Gebot der<br />

Gleichbehandlung zugestanden. Namentlich<br />

wenn EU-Bürgerinnen und -Bürger ihren<br />

Aufenthalt ohne Krankenver<strong>sich</strong>erungsschutz<br />

und ausreichende Existenzmittel<br />

begründen wollen, ist es den Mitgliedstaaten<br />

erlaubt, Sozialleistungen zu versagen.<br />

Der Europäische Gerichtshof bekräftigte<br />

diesen Grundsatz in den vergangenen Jahren<br />

wiederholt. Denn auch die Freizügigkeit<br />

kann aus Gründen der öffentlichen Sicherheit<br />

von den einzelnen Mitgliedstaaten beschränkt<br />

werden. Namentlich eine übergebührliche<br />

Belastung eines Mitgliedstaates<br />

mit Sozialausgaben wurde als Rechtfertigung<br />

für Beschränkungen der Freizügigkeit<br />

anerkannt.<br />

Sofern <strong>sich</strong> die Betroffenen rechtmässig<br />

in einem Mitgliedstaat aufhalten, erkennt<br />

die EU-Grundrechte-Charta den Unionsbürgern<br />

ein Recht auf Sozialfürsorge zu<br />

und verlangt dabei, dass diese gleich behandelt<br />

werden wie die Inländer. Daraus<br />

ergibt <strong>sich</strong>, dass alle Unionsbürger, die von<br />

der Niederlassungsfreiheit Gebrauch machen,<br />

grundsätzlich gleich zu behandeln<br />

sind. Dagegen können Unionsbürger, wel-<br />

MODERATE AUSWIRKUNGEN AUF<br />

DIE SOZIALHILFE ERWARTET<br />

Die Unionsbürger-Richtlinie geht im Bereich der<br />

Niederlassungsfreiheit über die ursprüngliche<br />

Regelung der Freizügigkeit gemäss Maastrichter<br />

Vertrag aus dem Jahr <strong>19</strong>92 hinaus. Damit geht<br />

sie auch über das mit der Schweiz abgeschlossene<br />

bilaterale Abkommen von <strong>19</strong>99 hinaus,<br />

das jetzt durch das neue EU-Rahmenabkommen<br />

ersetzt werden soll. Das Abkommen erwähnt die<br />

Unionsbürger-Richtlinie zwar nicht. Der Bundesrat<br />

stellt <strong>sich</strong> daher auf den Standpunkt, dass sie<br />

in der Schweiz keine Gültigkeit hat. Doch die EU<br />

hat stets die Position vertreten, dass Bern die<br />

Richtlinie in jenen Bereichen anwendet, in denen<br />

sie die Personenfreizügigkeit betrifft. Dennoch hat<br />

<strong>sich</strong> das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco)<br />

mit den Auswirkungen auf die hiesigen Sozialwerke<br />

befasst. Während der bisherigen etwas<br />

strengeren Regelung lag die Sozialhilfequote der<br />

EU-Ausländer jedenfalls im Durchschnitt, also bei<br />

3,3 % (2017). Berück<strong>sich</strong>tigt man nur die EU-Bürgerinnen<br />

und -bürger, die via das Freizügigkeitsabkommen<br />

in die Schweiz gekommen sind, liegt<br />

die Quote mit 2% noch tiefer als bei Schweizern<br />

(2,3 %), wie ein Bericht des Seco zeigt. Man geht<br />

im Seco daher auch im Falle der Ausweitung des<br />

Zugangs zur Sozialhilfe nicht von einem Ansturm<br />

auf die Sozialhilfe aus. Noch ist nicht klar, ob es<br />

zu Nachverhandlungen kommen wird aber auch<br />

wann es in Kraft treten wird – ob mit oder ohne<br />

Bezug zur Unionsbürger-Richtlinie. (ih)<br />

che wegen Armut oder unzureichendem<br />

Krankenver<strong>sich</strong>erungsschutz die Freizügigkeit<br />

nicht beanspruchen können, unterschiedlich<br />

behandelt werden. Es ist hingegen<br />

eine offene Frage, ob es mit diesen<br />

Gewährleistungen vereinbar ist, wenn ein<br />

Mitgliedstaat bedürftige Unionsbürger aus<br />

der Fürsorge ganz ausschliesst, wenn sie<br />

ihren Aufenthalt, weil sie bedürftig sind,<br />

nicht wirksam begründen konnten. •<br />

Prof. em. Eberhard Eichenhofer<br />

Friedrich-Schiller-Universität Jena<br />

4/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

31


Kennzahlen statt Kristallkugel:<br />

20 Jahre Kennzahlenvergleich<br />

Sozialhilfe in den Städten<br />

FACHBEITRAG «Vom Besten lernen»: Dies war vor zwanzig Jahren das Ziel des ersten<br />

Kennzahlenvergleichs zur Sozialhilfe in Schweizer Städten – und ist es noch heute. Seit zwanzig<br />

Jahren analysieren Städte ihre Sozialhilfekennzahlen und tauschen <strong>sich</strong> über Auffälligkeiten,<br />

Erklärungsansätze und Massnahmen aus. Der Blick auf Kennzahlen – statt in die Kristallkugel –<br />

dient der <strong>Frühe</strong>rkennung von Trends und der faktenbasierten Diskussion über die Sozialhilfe.<br />

Ein Blick zurück: Vor 20 Jahren gab es keine<br />

Sozialhilfestatistik in der Schweiz und<br />

nicht alle Städte verfügten über ein elektronisches<br />

Fallführungssystem. Es gab noch<br />

keine einheitliche Definition darüber, was<br />

«ein Sozialhilfefall» ist und wie er gezählt<br />

wird. Was es aber gab, waren steigende Sozialhilfezahlen<br />

in den Städten und höhere<br />

Kosten. Der Druck wuchs, genauer hinzuschauen:<br />

<strong>19</strong>98/99 konzipierten deshalb<br />

neun Städte der Städteinitiative Sozialpolitik<br />

den Kennzahlenvergleich als ein Benchmarking,<br />

das «den systematischen und<br />

Abb. 1: Fallzahlen, Kennzahlenbericht <strong>19</strong>99<br />

Fallzahlerhebung nach unterschiedlichen Methoden und Definitionen<br />

(Fälle in Winterthur und Zürich <strong>19</strong>99)<br />

12 000<br />

10 000<br />

8000<br />

6000<br />

4000<br />

2000<br />

0<br />

933<br />

1284<br />

Winterthur<br />

1495<br />

zielgerichteten Vergleich von Geschäftsprozessen<br />

unter der Devise ‹Lernen vom<br />

Besten› unter Nutzung geeigneter Kennzahlen<br />

beinhaltet», wie der erste Bericht<br />

festhielt.<br />

durchschnittliche monatliche Zahlfälle<br />

durchschnittliche monatliche Bestandsfälle<br />

kumulierte Zahlfälle<br />

6510<br />

8835<br />

Zürich<br />

11 280<br />

Grafik aus dem ersten Kennzahlenvergleich von <strong>19</strong>99: Wie soll man die Anzahl Sozialhilfefälle zählen?<br />

Solche Fragen wurden bei der Konzeption des Kennzahlenvergleichs der Städte angegangen.<br />

Pionierarbeit der Städte<br />

Die Städte leisteten damit Pionierarbeit:<br />

Sie einigten <strong>sich</strong> für den Kennzahlenvergleich<br />

auf einheitliche Definitionen und<br />

erhoben die entsprechenden Grunddaten,<br />

welche dann für den Kennzahlenvergleich<br />

verwendet wurden. Ein Teil dieser Definitionen<br />

wurde sogar von der späteren Bundesstatistik<br />

übernommen. Denn fast<br />

gleichzeitig begann auch das Bundesamt<br />

für Statistik (BFS) mit den Vorarbeiten für<br />

eine nationale Sozialhilfestatistik (SHS).<br />

Bis heute ist die Sektion Sozialhilfe des<br />

BFS der verlässliche Datenlieferant und geschätzte<br />

Projektpartner für den Kennzahlenvergleich<br />

der Städte.<br />

Definitionen vereinheitlichen die<br />

Praxis<br />

Eine unerwartete Wirkung der Definitionsklärungen<br />

war, dass sie zu einer gewissen<br />

Vereinheitlichung der Sozialhilfepraxis<br />

führten. So hatten <strong>sich</strong> die Städte zum Beispiel<br />

auf die «Sechs-Monate-Regel» für den<br />

Fallabschluss geeinigt. Das führte in der<br />

Praxis dazu, dass eine Person, die zum Beispiel<br />

vier Monate lang keine Sozialhilfe benötigte,<br />

aber im fünften Monat wieder darauf<br />

angewiesen ist, als laufender Fall gilt<br />

und immer noch dieselbe Ansprechperson<br />

hat. Anders, wenn jemand nach acht Monaten<br />

wiederkommt: Dann wird die Situation<br />

neu analysiert und allenfalls auch einer<br />

neuen Sozialberaterin, einem neuen<br />

Sozialberater zugewiesen.<br />

Innovative Sozialberatung dank<br />

Kennzahlen<br />

Datenbasierte Vergleiche sind wesentlich,<br />

um die Gegenwart zu verstehen, voneinander<br />

zu lernen und die Zukunft zu gestalten.<br />

Der Kennzahlenvergleich der Städte sorgte<br />

für handfeste Innovationen in der Sozialhilfe.<br />

Bereits der erste publizierte Bericht<br />

wollte <strong>19</strong>99 wissen, «welche Faktoren<br />

32 <strong>ZESO</strong> 4/<strong>19</strong>


durch die Sozialämter in welchem Ausmass<br />

beeinflusst werden können» und setzte<br />

dazu auf den Erfahrungsaustausch der<br />

Fachexpertinnen und -experten der Städte.<br />

So zeigte <strong>sich</strong>, dass eine Ablösung aus der<br />

Sozialhilfe vor allem dann erreicht werden<br />

kann, wenn der Sozialhilfebezug noch<br />

nicht lange gedauert hat. Daher führten<br />

erste Städte das «Intake» ein, die zentrale,<br />

standardisierte Fallaufnahme. Heute gehört<br />

die rasche Erstabklärung, Triage und<br />

Beratung zum Standard der Sozialhilfe.<br />

Das Lernen voneinander funktionierte.<br />

Abb. 2:<br />

6 %<br />

5 %<br />

4 %<br />

3 %<br />

2 %<br />

1 %<br />

0 %<br />

Entwicklung der Sozialhilfequoten nach Altersklassen<br />

in den letzten 10 Jahren<br />

(Durchschnitt der 14 Vergleichsstädte)<br />

5.7<br />

5.5<br />

5.0<br />

4.8 4.8<br />

4.7 4.6<br />

4.3<br />

Präziser Blick auf Risikogruppen<br />

Die Gruppe der Kennzahlenstädte (zu Beginn<br />

8, aktuell 14 Städte: Basel, Bern,<br />

Biel/Bienne, Chur, Lausanne, Luzern,<br />

Schaffhausen, Schlieren, St. Gallen, Uster,<br />

Wädenswil, Winterthur, Zug, Zürich) setzte<br />

auch immer wieder neue fachliche<br />

Schwerpunkte: zum Beispiel junge Erwachsene,<br />

Alleinerziehende oder Personen<br />

über 55 Jahre in der Sozialhilfe. 2014<br />

wurde die gesundheitliche Situation von<br />

Langzeitbeziehenden unter die Lupe genommen<br />

und 2017 wurde gefragt, wie gut<br />

eine dauerhafte Ablösung aus der Sozialhilfe<br />

bei jungen Erwachsenen gelingt. So generierte<br />

die Städteinitiative Sozialpolitik<br />

nicht nur Fakten, sondern auch Schlagzeilen:<br />

«Junge in der Sozialhilfe – Ablösung<br />

gelingt meistens», «Kinder als Armutsrisiko»,<br />

«Wer lange Sozialhilfe bezieht hat, hat<br />

meist Gesundheitsprobleme» oder auch<br />

«Höheres Sozialhilferisiko bereits ab 46<br />

Jahren». Wichtiger als die Schlagzeile war<br />

für die Sozialarbeit in den Städten die genaue<br />

Analyse der jeweiligen Problemlage.<br />

So konnten zielgerichtete Massnahmen getroffen<br />

werden, sei es bei der sozialen oder<br />

beruflichen Integration, bei den Themen<br />

Wohnen oder Quartierentwicklung oder<br />

auch bei der frühen <strong>Förderung</strong>.<br />

18–25-Jährige 26–35-Jährige 36–45-Jährige 46–55-Jährige 56–64-Jährige<br />

Quelle: BFS Sozialhilfestatistik, Darstellung BFH.<br />

5.6<br />

5.5 5.5<br />

5.6<br />

5.7<br />

5.4<br />

4.9 5.2<br />

2009 2012 2015 2018<br />

3.3<br />

3.9<br />

4.8<br />

4.5<br />

Koordinierte Massnahmen sind<br />

erfolgreich<br />

Bei den jungen Erwachsenen zeigte die<br />

Analyse der Zahlen, dass vor allem koordinierte<br />

Massnahmen erfolgreich sind. Nach<br />

dem markanten Anstieg der Sozialhilfequoten<br />

zu Beginn der 2000er-Jahre reagierten<br />

die Städte rasch mit spezifischen<br />

Programmen; hinzu kamen das Case Management<br />

Berufsbildung und mancherorts<br />

Anpassungen bei anderen Bedarfsleistungen<br />

wie Stipendien. Alles zusammen<br />

brachte bei den jungen Erwachsenen Erfolg:<br />

Ihre Sozialhilfequote konnte in den<br />

vergangenen zehn Jahren deutlich gesenkt<br />

werden.<br />

Schon früh wiesen die Städte auf die Situation<br />

der älteren Sozialhilfebeziehenden<br />

im erwerbsfähigen Alter hin. In dieser Altersgruppe<br />

muss die Sozialhilfe oft längerfristig<br />

die Existenz<strong>sich</strong>erung übernehmen.<br />

Dass Handlungsbedarf besteht bei den<br />

älteren Ausgesteuerten, hat nun auch der<br />

Bundesrat erkannt: Er schlägt eine Überbrückungsleistung<br />

ab 60 Jahren vor. Die<br />

Städteinitiative Sozialpolitik begrüsst diesen<br />

Vorschlag ausdrücklich.<br />

Dank der Kennzahlen lassen <strong>sich</strong> also<br />

Probleme frühzeitig erkennen und die<br />

Städte können Lösungen – auch auf der<br />

politischen Ebene – vorschlagen. Der intensive<br />

fachliche Austausch auf der Basis<br />

von vergleichbaren Kennzahlen hat die<br />

Organisation und Wirksamkeit der Sozialhilfe<br />

verbessert. Nicht zuletzt versach-licht<br />

der Kennzahlenbericht der Städte die mediale<br />

Diskussion über Sozialhilfe und liefert<br />

dafür eine wissenschaftlich fundierte<br />

Grundlage. <br />

•<br />

Beat Schmocker<br />

Soziales Stadt Schaffhausen<br />

Katharina Rüegg<br />

Städteinitiative Sozialpolitik<br />

www.staedteinitiative.ch > Kennzahlen aktuell<br />

4/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

33


Engagierte Vermittlerin zwischen<br />

zwei Kulturen<br />

PORTRÄT Ada Tesfay ist vor zwanzig Jahren in die Schweiz gekommen. Mittlerweile ist die Eritreerin<br />

bestens integriert und steht erfolgreich im Berufsleben. Der Weg war aber nicht einfach. Umso mehr<br />

bedeutet es ihr, ihren Landsleuten nun als Schlüsselperson den Start hier erleichtern zu können.<br />

Ada Tesfay hatte viele Pläne. «Kinderpsychologin<br />

oder Ärztin wollte ich werden!»,<br />

erzählt die Eritreerin mit leuchtenden Augen.<br />

Und fügt lachend hinzu: «Aber das ist<br />

lange her! Manchmal spielt das Leben anders.»<br />

Vor beinahe zwanzig Jahren musste<br />

Ada Tesfay ihre Heimat verlassen. Die damals<br />

20-Jährige flüchtete vor dem Krieg<br />

zwischen Äthiopien und Eritrea.<br />

Es verschlug sie in der Schweiz. «Als<br />

ich hier ankam, hatte ich den Eindruck,<br />

auf einem fremden Planeten gelandet zu<br />

sein», erzählt sie. Und gesteht: «Es war<br />

ein Schock!» Es fiel ihr schwer, <strong>sich</strong> in der<br />

fremden Kultur zurechtzufinden. «Ich bin<br />

in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der<br />

man kollektiv lebt», erzählt Ada Tesfay. Sie,<br />

die es gewohnt war, immer unter Leuten<br />

zu sein und alles mit der Familie zu besprechen,<br />

war plötzlich allein und von Einsamkeit<br />

geplagt. Hinzu kamen das schwierige<br />

Leben in der Asylunterkunft und die grosse<br />

Un<strong>sich</strong>erheit wegen ihres Asylentscheides<br />

und der lediglich vorläufigen Aufnahme.<br />

«Wohl aber am schwierigsten war die<br />

fremde Sprache», erzählt Tesfay. Sie sprach<br />

zwar Englisch und Französisch, was ihr<br />

viel erleichterte. Dennoch: An ihren Wohnorten<br />

– zunächst Zürich, dann Bern – war<br />

Deutsch gefragt. Und Deutsch sprach die<br />

junge Frau nicht – kein einziges Wort.<br />

«Das Leben war schwierig für mich», sagt<br />

sie rückblickend.<br />

Aber Ada Tesfay – das wird schnell klar<br />

– ist keine, die schnell aufgibt. Sonst würde<br />

sie jetzt kaum im Sporthallencafé, nahe<br />

der Gemeindeverwaltung, sitzen und in<br />

perfektem Deutsch von ihrem Leben erzählen,<br />

das sie <strong>sich</strong> in der Schweiz aufgebaut<br />

hat: Von ihrer Stelle als Dolmetscherin<br />

beim Schweizerischen Roten Kreuz<br />

(SRK), von ihren Töchtern, die gerade<br />

Schulferien hatten, und von ihrem Engagement<br />

als Schlüsselperson für eritreische<br />

Migrantinnen und Migranten in Kehrsatz<br />

(s. Kasten). Aber der Reihe nach.<br />

Von der Verkäuferin zur Übersetzerin<br />

Bereits in der Kollektivunterkunft konnte<br />

Ada Tesfay einen Deutsch-Intensivkurs belegen.<br />

Die wissbegierige Frau, die alles,<br />

was ihr in die Finger kommt, liest, lernte<br />

schnell. Dennoch war es für sie schwierig,<br />

<strong>sich</strong> zurechtzufinden und <strong>sich</strong> die nötigen<br />

Informationen über das Leben in der<br />

Schweiz zu beschaffen. Sie erzählt: «Die<br />

vielen Angebote der Integrationsförderung,<br />

die heute existieren, gab es noch<br />

nicht.»<br />

Als Ada Tesfay in eine WG umziehen<br />

und beim SRK einen Kurs als Pflegehelferin<br />

absolvieren konnte, ging es aufwärts.<br />

Mit der Arbeit klappte es trotzdem vorerst<br />

nicht. «Mit der N-Bewilligung habe ich<br />

keinen Job gefunden», sagt sie. Und fügt<br />

wie selbstverständlich an: «Also bin ich<br />

einen anderen Weg gegangen.» Bis zur<br />

Geburt ihrer ersten Tochter arbeitete die<br />

heute zweifache Mutter als Hilfsverkäuferin.<br />

Auch danach blieb sie aktiv: Sie putzte,<br />

machte andere Hilfsarbeiten, und als die<br />

beiden Mädchen ein wenig grösser waren,<br />

begann Ada Tesfay zu dolmetschen: von<br />

Deutsch in Tigrinya, ihre Muttersprache.<br />

Diese Idee schwirrte schon länger in ihrem<br />

Kopf herum. Zunächst erledigte sie Gelegenheitsaufträge<br />

für Freunde und Bekannte.<br />

Nach einer zweijährigen Ausbildung<br />

zur Dolmetscherin bekam sie auch Aufträge<br />

von Organisationen wie der Caritas oder<br />

dem SRK.<br />

Unterdessen war die Familie Tesfay<br />

nach Kehrsatz gezogen. Zufällig sei die<br />

Wahl auf den Berner Vorort gefallen, erzählt<br />

Ada Tesfay. Während es ihrem Mann<br />

sofort gefiel, war sie skeptischer. «Für<br />

mich war es halt typisch ländlich», sagt<br />

die 39-Jährige und lacht schallend. Heute<br />

SCHLÜSSELPERSONEN:<br />

ANGEBOT ZUR INTEGRATIONS-<br />

FÖRDERUNG<br />

Die Berner Gemeinde Kehrsatz hat 2018 das<br />

Projekt «Schlüsselpersonen in Kehrsatz» lanciert.<br />

Dieses soll den neu in die Gemeinde gezogenen<br />

Menschen aus fremden Kulturkreisen die<br />

Integration erleichtern. Die Schlüsselpersonen<br />

wohnen seit vielen Jahren in der Gemeinde,<br />

sind gut integriert und haben einen Migrationshintergrund.<br />

Sie sprechen die Sprache ihres<br />

Herkunftslandes, verfügen aber auch über gute<br />

Deutschkenntnisse und haben eine hohe Sozialkompetenz.<br />

Dadurch finden sie niederschwellig<br />

Zugang zu ihren Landsleuten. Das Ziel ist, dass<br />

die Schlüsselpersonen die Migrantinnen und<br />

Migranten über die Lebensbedingungen in der<br />

Schweiz und der Gemeinde und ihre Rechte und<br />

Pflichten aufklären und sie motivieren, integrationsfördernde<br />

Angebote zu nutzen.<br />

www.kehrsatz.ch<br />

gefällt es ihr sehr. Sie findet die Gemeinde<br />

gerade richtig. «Es ist nah an der Stadt,<br />

aber trotzdem ein wenig wie auf dem<br />

Land.» Die Familie Tesfay fühlt <strong>sich</strong> wohl.<br />

Die Töchter können nur vor die Tür gehen,<br />

um ihre Freundinnen aus dem Quartier<br />

zu treffen. Zudem hat <strong>sich</strong> im Dorf<br />

herumgesprochen, dass Ada Tesfay eine<br />

gute Übersetzerin ist. «Die Leute kennen<br />

mich und wissen, wie sie mich erreichen<br />

können», sagt sie. Und so ruft nicht selten<br />

jemand an und fragt: «Ada, kannst du mir<br />

helfen?».<br />

In den letzten fünf Jahren sind viele<br />

Eritreerinnen und Eritreer nach Kehrsatz<br />

gekommen. Deswegen hat die Gemeinde<br />

Schlüsselpersonen engagiert. Seit gut<br />

einem Jahr ist auch Ada Tesfay als solche<br />

tätigt. Sie hilft beim Übersetzen, beispiels-<br />

34 <strong>ZESO</strong> 4/<strong>19</strong>


«Ich habe hier eine<br />

Familie gegründet und<br />

lebe jetzt hier.<br />

Dennoch: Ein Teil von<br />

mir, wird wohl immer<br />

in Eritrea bleiben.»<br />

weise bei Gesprächen auf Ämtern oder in<br />

der Schule. Vielmehr geht es aber darum,<br />

kulturelle Differenzen überwinden zu helfen.<br />

«Ich bin genug lange da, um beide<br />

Kulturen zu verstehen und vermitteln zu<br />

können», sagt sie. Und so ist Ada Tesfay<br />

zur Stelle, wenn eritreischen Eltern nicht<br />

bewusst ist, was von ihnen erwartet wird,<br />

etwa dass sie zu Elterngesprächen in der<br />

Schule erscheinen sollen. «In ihrer Vorstellung<br />

von Schule kommt das nicht vor», sagt<br />

Tesfay. Oder sie hilft Jugendlichen, ihren<br />

Eltern zu erklären, dass im Bildungssystem<br />

der Schweiz eine Lehre ein sehr guter<br />

Weg ist und nicht alle Schülerinnen und<br />

Schüler aufs Gymnasium müssen. Kürzlich<br />

besuchte sie eine Frau, die durch Familiennachzug<br />

in die Schweiz gekommen<br />

ist und keine Ahnung hat vom Leben hier.<br />

«Ich gab ihr Tipps, wie sie <strong>sich</strong> in die Gemeinde<br />

integrieren kann, informierte sie<br />

über Hilfsangebote, erzählte von den verschiedenen<br />

Vereinen im Dorf.» Ada Tesfay<br />

sagt: «Ich sehe so oft, dass die Menschen<br />

wegen Missverständnissen nicht klar kommen.<br />

Meistens ist es weder so, dass <strong>sich</strong> die<br />

Migranten nicht integrieren wollen, noch<br />

liegt es an den Fachpersonen, die nicht<br />

helfen wollen.»<br />

Gedanken an die Heimat<br />

Zu helfen – das liegt Ada Tesfay am Herzen.<br />

Und so mag sie ihre Tätigkeit als<br />

Schlüsselperson sehr. Vielleicht auch, weil<br />

sie solche Angebote, wie es das Projekt der<br />

Gemeinde Kehrsatz ist, vor zwanzig Jahren<br />

selber sehr gut hätte brauchen können,<br />

Seit Kurzem arbeitet Ada Tesfay parallel<br />

zum Dolmetschen auch noch als<br />

pädagogische Familienbegleiterin. Sie<br />

geht zu Familien − vor allem zu solchen<br />

mit Migrationshintergrund − nach Hause<br />

und bespricht mit ihnen Erziehungsfragen<br />

und allfällige Probleme. «Es geht immer<br />

darum, sie in ihrem Handeln zu stärken»,<br />

sagt Ada Tesfay. Mit dieser Tätigkeit ist sie<br />

ihren beruflichen Vorstellungen, die sie<br />

einst als junge Frau in Eritrea hegte, ziemlich<br />

nahegekommen. Es hat lediglich ein<br />

paar Umwege gebraucht.<br />

«An meine Heimat denke ich noch oft»,<br />

sagt Ada Tesfay nachdenklich. Ihre Mutter<br />

lebt immer noch in Eritrea. «Klar, wenn<br />

die Situation anders wäre, würde ich gerne<br />

in meiner Heimat leben.» Aber sie ist<br />

zufrieden mit ihrem Leben in der Schweiz:<br />

«Ich habe hier eine Familie gegründet und<br />

lebe jetzt hier. Dennoch wird ein Teil von<br />

mir wohl immer in Eritrea bleiben.» •<br />

Regine Gerber<br />

Helfen liegt Ada Tesfay am Herzen.<br />

Bild: Daniel Desborough<br />

4/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

35


LESETIPPS<br />

Familienarmut im Wandel<br />

Das Buch untersucht den langfristigen Wandel<br />

und die Ursachen der Armut von Familien in<br />

Deutschland auf der Basis eines theoretischen<br />

Modells und empirischer Daten. Der Vielzahl<br />

an Armuts- und Sozialberichten, die das seit<br />

den <strong>19</strong>70er-Jahren ansteigende Armutsrisiko<br />

verschiedener Familienformen diagnostizieren,<br />

stehen kaum Beiträge gegenüber, die<br />

<strong>sich</strong> systematisch mit den Ursachen dieser Entwicklung beschäftigen.<br />

Diese Lücke schliesst die Autorin und zeigt, dass Alleinerziehende eine<br />

Sonderstellung einnehmen und die Armut von Familien massgeblich<br />

bestimmen.<br />

Boehle Mara, Armut von Familien im sozialen Wandel, Verbreitung, Struktur,<br />

Erklärung, Springer VS, 20<strong>19</strong>, CHF 47.−, ISBN 978-3-658-27970-7<br />

Wohnen und Altern in der<br />

Schweiz<br />

Der Age Report bietet einen Überblick über<br />

aktuelle und zukünftige soziale Fragen<br />

betreffend Wohnen und Altern. Er legt seinen<br />

Schwerpunkt auf sprachregionale Unterschiede<br />

sowie auf das Wohnen im sehr hohen Alter: Wie<br />

leben ältere Menschen zu Hause, wenn <strong>sich</strong><br />

ihre Gesundheit verschlechtert? Wie können<br />

Architektur und soziales Umfeld auf die Herausforderungen des hohen<br />

Alters reagieren? Wie sollten medizinisch-soziale Einrichtungen und<br />

Alterspolitik soziale und kulturelle Unterschiede berück<strong>sich</strong>tigen?<br />

Höpflinger François, Hugentobler Valérie, Spini Dario (Hrsg.), Wohnen in den<br />

späten Lebensjahren, Grundlagen und regionale Unterschiede. Age Report IV,<br />

Seismo Verlag, 316 Seiten, CHF 38.−, ISBN 978-3-03777-<strong>19</strong>9-0<br />

Lehrbuch zur Sozialhilfe<br />

Das Sozialhilfelehrbuch erläutert die für die<br />

Sozialhilfe wesentlichen Rechtsgrundlagen<br />

und Grundprinzipien und zeigt auf, wie sie<br />

in der Sozialhilfe zur Anwendung kommen.<br />

Auf das Verfahren und die Rechtspflege wird<br />

vertieft eingegangen. Weiter werden Rechte und<br />

Pflichten, die finanziellen Ansprüche gegenüber<br />

Dritten, die Leistungen und deren Bemessung<br />

ausführlich erklärt. Das Buch ist ein praxisbezogenes Regelwerk für die<br />

Arbeit in einem Sozialdienst und soll insbesondere für neue Mitarbeitende<br />

eine Einstiegshilfe sein. Für erfahrene Mitarbeitende ist es ein<br />

umfassendes Nachschlagewerk.<br />

Rinke Brigitte, Sozialhilfe, Lehrbuch für die deutschsprachige Schweiz, Lehrmittelvertrieb,<br />

2. Ausgabe 20<strong>19</strong>, 200 Seiten, CHF 84.−, ISBN: 978-3-9525024-2-6<br />

Erfolg in der Sozialen Arbeit<br />

Was Erfolg in der Sozialen Arbeit bedeutet, ist<br />

keineswegs eindeutig. Aktuelle Diskurse um<br />

Wirkung und Effizienz stehen teilweise sogar<br />

im Widerspruch zu fachlichen Prinzipien wie Ergebnisoffenheit<br />

und Autonomie der Klientinnen<br />

und Klienten. In dieser Studie wird das Verständnis<br />

von Erfolg aus Sicht der Fachpersonen<br />

untersucht. Sie zeigt die Zielvorstellungen auf<br />

unterschiedlichen Handlungsebenen auf und untersucht förderliche<br />

und hinderliche Bedingungen, die den Erfolg beeinflussen.<br />

Stiehm Hannah Sophie, Was ist Erfolg in der Sozialen Arbeit? Lambertus Verlag,<br />

20<strong>19</strong>, 64 Seiten, CHF 12.−, ISBN: 978-3-7841-3210-5<br />

Sozialhilfe ist<br />

unverzichtbar<br />

Die Sozialhilfe ist unter Druck geraten: In einigen<br />

Kantonen sind Vorstösse hängig, die auf die<br />

Kürzung des Grundbedarfs abzielen. Wie konnte<br />

es soweit kommen? Die Angriffe auf die Sozialhilfe<br />

sind nicht nur finanzieller Natur; es werden<br />

auch laufend die Grundrechte von Sozialhilfebeziehenden<br />

eingeschränkt. Das Forum 2020,<br />

die sozialpolitische Tagung von Caritas Schweiz,<br />

widmet <strong>sich</strong> diesen brisanten Entwicklungen,<br />

fragt zugleich nach den Schwächen im heutigen<br />

System und debattiert Reformvorschläge.<br />

Caritas Schweiz<br />

Freitag, 31. Januar 2020, Bern<br />

www.caritas.ch<br />

Der steinige Weg in den<br />

ersten Arbeitsmarkt<br />

Die berufliche Integration von unterstützten Personen<br />

ist eine wichtige Aufgabe der Sozialdienste.<br />

Doch gelingt die nachhaltige Integration in den<br />

ersten Arbeitsmarkt trotz aller Massnahmen und<br />

Anstrengungen oft nicht. Die Bieler Tagung 2020<br />

befasst <strong>sich</strong> mit den Fragen, ob es für arbeitsfähige<br />

Personen, die von der Sozialhilfe unterstützt<br />

werden, Platz im ersten Arbeitsmarkt gibt, wie<br />

diese Tätigkeiten aussehen können und welche<br />

Bedingungen die Arbeitgeber in diesem Zusammenhang<br />

stellen.<br />

Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS)<br />

Donnerstag, 12. März, Biel<br />

www.skos.ch/veranstaltungen<br />

VERANSTALTUNGEN<br />

Ausbildungsabbrüche bei<br />

Erwachsenen<br />

Die meisten Anbieter von Aus- und Weiterbildungen<br />

für Erwachsene sind damit konfrontiert,<br />

dass ein Teil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer<br />

den Bildungsgang abbricht. Wie können<br />

Ausbildungsabbrüche verhindert werden? Die<br />

Tagung verfolgt das Ziel, dass <strong>sich</strong> Fachleute der<br />

Nachholbildung und der <strong>Förderung</strong> der Grundkompetenzen<br />

Erwachsener über Erfahrungen<br />

und Lösungsansätze im Zusammenhang mit<br />

Ausbildungsabbrüchen austauschen und bestehende<br />

Ansätze kennenlernen können.<br />

Schweizerischer Verband für Weiterbildung<br />

Freitag, 12. Juni 2020, Bern<br />

www.alice.ch<br />

36 <strong>ZESO</strong> 4/<strong>19</strong>


Certificate of Advanced Studies<br />

CAS Sozialhilferecht<br />

CAS Soziale Sicherheit<br />

WEITERBILDUNG<br />

HOCHSCHULE LUZERN<br />

Unterstützung für Ihren<br />

anspruchsvollen<br />

Praxisalltag<br />

Fachkurs<br />

Sachbearbeitung im Sozialbereich<br />

Sozialhilfeverfahren<br />

Weitere Informationen unter<br />

hslu.ch/weiterbildung-sozialearbeit<br />

Migration<br />

Ethik und Recht<br />

Weiterbildung für die<br />

Kompetenzen von morgen<br />

Beratung und Coaching<br />

Gesundheit<br />

Sozialmanagement<br />

Eingliederungsmanagement<br />

Stadtentwicklung<br />

Change Management<br />

Behinderung und Integration<br />

Kinder- und Jugendhilfe<br />

weiterbildung.sozialearbeit@fhnw.ch | T +41 848 821 011 | www.fhnw.ch/soziale-arbeit/weiterbildung<br />

Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW | Hochschule für Soziale Arbeit | Muttenz und Olten


-<br />

Weiterbildung,<br />

die wirkt!<br />

Fachkurs Potenzialabklärung und Kompetenzerfassung<br />

bei Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen [neu]<br />

6 Kurstage, Start im März 2020<br />

Fachkurs und CAS Sozialberatung<br />

8 bzw. 20 Studientage, Start im Mai 2020<br />

In Kooperation mit der Hochschule Luzern –<br />

Soziale Arbeit<br />

CAS Systemische Beratung mit Familien,<br />

Eltern und Paaren<br />

24 Studientage, Oktober 2020 bis Juli 2021<br />

Weitere Informationen unter<br />

bfh.ch/soziale-<strong>sich</strong>erheit und<br />

bfh.ch/beratung-supervision<br />

‣ Soziale Arbeit<br />

Jetzt weiterbilden.<br />

Coaching und Beratung<br />

sowie Soziale Arbeit<br />

www.fhsg.ch/wb-sozialearbeit<br />

FHO Fachhochschule Ostschweiz<br />

Roman Bernhard<br />

Absolvent CAS<br />

Case Management

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