Berliner Zeitung 03.12.2019

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16 Berliner Zeitung · N ummer 281 · D ienstag, 3. Dezember 2019

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Wissenschaft

„Es ist noch alles drin“

Nur ein globales Umdenken wird die Erderwärmung stoppen, sagt der britische Forscher Mike Berners-Lee. Er glaubt, dass die Zeit endlich reif dafür ist

Neun Stunden Zugfahrt,

ein Tag in Berlin, neun

Stunden Zugfahrt zurück.

Ist doch wunderbar,

sagt Mike Berners-Lee, sohabe

er viel Zeit zum Lesen und Arbeiten.

Er ist einer der profiliertesten Denker

zu der Frage, welche Veränderungen

nötig sind, um den Klimawandel

in den Griff zu bekommen.

Unddeshalb fliegt er nicht von England

nach Deutschland. Nach

Deutschland ist Berners-Lee gereist,

um über sein neues Buch zu sprechen:„Es

gibt keinen Planet B“, heißt

es,und ist genauso grundsätzlich gemeint,

wie der Titel klingt.

Herr Professor Berners-Lee, nachdem

ich Ihr Buch gelesen hatte, war ich

mir nicht sicher, obich optimistisch

oder deprimiertsein soll.

Keins vonbeiden. Siesollen motiviertsein.

Einerseits zeigen Sie: Wir können das

Ruder herumreißen. Der Mensch

kann auf diesem Planeten leben,

ohne auf Dauer ihn und damit seine

eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören.

Die Lösungen sind sogar alle

schon da. Wir müssten unsere Lebensweise

allerdings grundlegend

ändern. Unddas ist nicht wirklich in

Sicht.

Es ist klar, dass wir in große

Schwierigkeiten kommen werden,

wenn wir nicht sehr bald sehr viel

ändern. Aber es ist noch alles drin.

Wir haben auch eine große Chance,

in Zukunft besser denn je zu leben.

Und esgibt keinen Grund zu glauben,

dass uns das nicht gelingen

kann.

Doch –die Tatsache, wie wenig bis

jetzt passiert ist. Seit Montag beraten

Tausende Experten in Madrid darüber,was

die Staaten tun müssen, um

das Pariser Klimaabkommen einzuhalten,

also die Erderwärmung auf

unter zwei Grad zu begrenzen. Im wenige

Tage zuvor erschienenen UN-Bericht

steht zugleich, dass die Emissionen

im Jahr 2018 weiter angestiegen

sind –das Gegenteil von dem, was

passieren müsste.

Das stimmt, die CO 2 -Emissionen

gehen weiterhin in dem Maße nach

oben, wie sie es täten, wenn die Erderwärmung

nie festgestellt worden

wäre. Aber es ist so: DieKipppunkte,

die jetzt beim Klimawandel befürchtet

werden, weil sie alles auf fatale

Weise beschleunigen könnten –die

brauchen wir auch in der Gesellschaft.

Wir benötigen ein globales

Übereinkommen, damit fossile

Brennstoffe im Boden bleiben. Was

ist nötig, damit das passiert? Es muss

die richtige Politik geben. Und wie

gibt es die richtige Politik? Die Menschen

müssen sie fordern, die Unternehmen

müssen dahingehend handeln,

all das interagiert. Wenn man

einen Systemwandel braucht, ist es

sehr schwer zu sagen, wie nah man

an dem Kipppunkt ist, an dem plötzlich

alles möglich wird. Es kann sein,

dass wir sehr nah dran sind. Wir haben

jetzt eine Chance.Wenn wir jetzt

keinen Adrenalinstoß verspüren,

dann arbeiten unsere Gehirne nicht

richtig. Denn die Nachrichten, die

aus der Wissenschaft kommen, sagen

uns, dass wir auf großen Ärger

zusteuern. Aber die gute Nachricht

ist, dass wir vielleicht nicht mehr

weit wegsind vonder großen Veränderung,

die wir brauchen.

Das Gefühl, dass sich etwas verändert,

hat viel mit den Demonstrationen

in diesem Jahr zu tun.

Und Mut machen mir nicht nur

die Demonstrationen an sich, sondern

auch deren Stil. In Großbritannien

habe ich viele Aktionen vonExtinction

Rebellion gesehen. Im besten

Fall ist es ein Blick auf eine bessereWelt:

Siesind freundlich, es gibt

kostenloses Essen, interessante Gespräche,

sie räumen ihren Müll auf

und den vonanderen Leuten, sie singen

den Polizisten etwas vor, die gar

nicht gewohnt sind, dass Demonstranten

so nett zu ihnen sind. Wir

„Wir waren eine kleine Artauf einem robusten Planeten, jetzt sind wir eine große Artauf einem fragilen Planeten“. So sieht es MikeBerners-Lee.

müssen zeigen, dass es eine bessere

Welt ist, die wir schaffen wollen.

Also ist Extinction Rebellion die Idealform

eines Protests, der die von Ihnen

geforderte Veränderung im Denken

mit anstoßen könnte?

Wenn sie sich von ihrer besten

Seite zeigen, ja. Sie machen Fehler.

Doch die Bewegung als Ganzes ist

sehr nah an den Werten, die ich in

meinem Buch als unabdingbar für

den Wandel analysiert habe. Es

herrscht großer Respekt, jedem gegenüber,

bis hin zu den Leuten von

den Unternehmen für fossile Brennstoffe,

die uns Lügen erzählen –das

ist eine machtvolle Botschaft. Und

sie fordernWahrheit, auch wenn die

ungemütlich ist.

Im Moment hat man den Eindruck,

dass es ein neues Bewusstsein gibt. Ist

das nicht vielleicht nur eine Phase?

Ich kann die Zukunft nicht voraussehen,

aber ich weiß, was wir

jetzt tun müssen. Wir müssen jetzt

ein Momentum schaffen. Das Aufwachen

muss weitergehen.

Warum sind wir da so langsam?

Es ist auch eine Frage vonVorstellungskraft.

Wenn wir uns in diesem

Raum umsehen, erzählt nichts vom

Klimawandel. Wir sehen nichts, das

uns davon abhalten sollte,unser Leben

weiterzuführen wie bisher. Aber

wenn wir unsere Vorstellung ein

bisschen anstrengen und uns zum

Beispiel fragen, wie wahrscheinlich

es ist, dass es im nächsten Sommer

einen beachtlichen Ernteausfall

beim Reis gibt –nämlich ziemlich

wahrscheinlich – und welche Auswirkungen

das hätte,sieht die Sache

schon anders aus. Es ist nicht so,

dass die Menschen im gemütlichen

Deutschland oder in England davon

unberührtwären. Daswürde uns alle

betreffen.

Ihr Buch bringt unsere Vorstellungskraft

durch viele Fakten in Fahrt. Wie

haben Siedie zusammengetragen?

Es war harte Arbeit, und viele

Leute haben mir geholfen. Es gibt so

viele Statistiken in dem Buch, weil

sie einen zwingen, die Perspektivezu

wechseln. Einige davon lassen einem

die Kinnlade herunterkippen.

Da ist zum Beispiel diese Zahl: Auf

der Erde werden so viele Lebensmittel

angebaut, dass jeder Mensch jeden

Tagfast 6000 Kilokalorien zur Verfügung

hätte. Also viel mehr, als jeder

einzelne bräuchte. Trotzdem sind 800

Millionen Menschen unterernährt.

Da fragt man sich doch: Wo geht

die Nahrung hin? Ein Teil wird weggeworfen,

ein Teil wird für Biokraftstoff

verwendet und der größte Teil

wirdanTiereverfüttert. Diese Statistik

gibt uns also ganz klar Aufschluss

ZUR PERSON

MikeBerners-Lee ist Professor am Institute for Social Futures an der britischen Lancaster

University und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem CO 2 -Fußabdruck des Menschen und

damit, wie man ihn verringernkann. Präzise Angaben machte der Physiker in seinem Buch

„Howbad are bananas?“. Sein neues Buch „Es gibt keinen Planet B“ (Midas, 25 Euro) hat er

noch grundsätzlicher angelegt, als „Handbuch für die großen Herausforderungen unserer

Zeit“. MikeBerners-Lee ist der jüngere Bruder des Physikers und Informatikers TimBerners-

Lee, der das Internet maßgeblich mitbegründet hat.

darüber, was falsch läuft bei unserem

Umgang mit dem Boden und

der Nahrung, die dort wächst. Wir

müssen damit aufhören, Nahrung,

die Menschen ernährt, in großem

Maßstab an Tierezuverfüttern. Und

wir müssen Biokraftstoffe mit großer

Vorsicht einsetzen.

Auch dazu haben Sie eine Zahl: Der

Weizen, den man braucht, um einen

Toyota Corolla mit Bioethanol 1,7 Kilometer

weit zu fahren, würde genügen,

um einen Menschen einen Tag

lang zu ernähren.

Was ich hier beschreibe ist Biokraftstoff

der ersten Generation, bei

dem essbare Pflanzen verwendet

werden. Wenn wir es schaffen, flüssige

Kraftstoffe aus Zellstoff herzustellen,

werden die Zahlen besser.

Aber der Konflikt zwischen Nahrung

und Treibstoff ist deutlich.

GETTY, BENJAMIN PRITZKULEIT

Dabei hatte man ja mal große Hoffnungen

in Biokraftstoff als CO 2 -neutrale

Lösung gesetzt. Einweiteres Beispiel

dafür, wie kompliziert der Weg

ist.

Aber es gibt auch gute Nachrichten.

Nehmen Sie die Solarenergie.

Ein Stück Land, das ungefähr 370

mal 370 Kilometer groß ist und vollgepackt

mit Solarmodulen, könnte

den Energiebedarf der ganzen Welt

decken. Natürlich ist es komplexer

als das: Manmuss die Energie dahin

bekommen, wo sie gebraucht wird,

und was macht man, wenn keine

Sonne scheint? Aber diese technischen

Herausforderungen lassen

sich lösen. Die Technik ist nicht der

Flaschenhals, wenn es darum geht,

den Übergang zu einer Welt der sauberen

Energien zu schaffen.

DerMensch ist der Flaschenhals. Und

so lange es die großen Lösungen nur

in der Theorie gibt, fragt sich der Einzelne,

was es nützt, wenn man zum

Beispiel beschließt, nicht mehr zu

fliegen.

Man muss es anders sehen.

Nicht zu fliegen, kann Teil einer Botschaft

sein, und sie auszusenden,

kann es anderen Menschen leichter

machen, genauso zu handeln. Die

Frage, die man sich stellen muss,

heißt: Waskann ich dazu beitragen,

die Bedingungen zu schaffen, unter

denen der Systemwandel, den wir

brauchen, möglich wird? Und da

kann jeder viel tun, wir nehmen täglich

Einfluss: dadurch, wie wir unser

Geld ausgeben, dadurch, wie wir

uns gegenüber Freunden, am Arbeitsplatz,

in der Familie verhalten.

So passiertVeränderung: Dinge, die

sozial akzeptabel waren, sind es

plötzlich nicht mehr, und andere

Dinge werden es.

Ihr Resümee ist, dass es am Ende von

unseren Werten abhängt, ob wir in

Frieden auf einem stabilen Planeten

leben werden.

Ich habe mit vielen Experten gesprochen

und es war bemerkenswert,

wie viele zu mir gesagt haben:

Wissen Sie was, amEnde läuft alles

auf eine Wertedebatte hinaus. Ob

man die Welt ernähren oder den Klimawandel

bekämpfen will, es hat alles

mitWerten zu tun. Diegute Nachricht

ist: Die Erfahrung zeigt, dass

Menschen in der Lage sind, ihre

Werte zuändern, einfach nur, weil

sie es wollen. Den drei zentralen

Werten, die ich definiere, liegt reiner

Pragmatismus zugrunde. Ohne sie

können wir die globalen Probleme

nicht lösen, mit ihnen schon. Alle

Menschen mit Respekt zu behandeln,

ist der erste. Obman es mag

oder nicht: Zum ersten Mal inder

Menschheitsgeschichte befinden

wir uns alle in einem Boot. Dann

brauchen wir Respekt für den Planeten,

für alle anderen Arten. Unddrittens:

Wir brauchen dringend mehr

Wahrheit. Wie unangenehm Fakten

auch sind, wir können darauf bestehen,

sie zu bekommen.

Siedeuten an, dass Religion und Spiritualität

weiterhelfen könnten.

Ichfühle mich nicht sehr kompetent

auf dem Gebiet, aber ich fand,

dass das Buch nicht vollständig

wäre, wenn ich diesen Gedanken

nicht erwähnen würde. Einige der

klügsten Ideen zu Klimawandel und

Naturschutz finden sich in Glaubensgemeinschaften.

Ich will keine

bestimmte Religion hervorheben,

aber ich denke, sie kann ein Werkzeug

sein, um die Art zudenken zu

kultivieren, die im Anthropozän nötig

ist.

Sie benutzen oft das Wort Anthropozän.

Finden Sie, das sollte der Name

für eine neue Erdepoche sein, wie es

seit ein paar Jahren diskutiertwird?

Ich verliere schnell die Geduld

mit den sehr technischen Diskussionen

darüber,was genau des Anthropozän

ist und wann es aus geologischer

Perspektive begonnen haben

könnte. Aber dieses Wort hilft, uns

darüber klar zu werden, dass wir

selbst es nun sind, die den Planeten

verändern. Wirwaren eine kleine Art

auf einem robusten Planeten. Und

jetzt sind wir eine große Art auf einem

fragilen Planeten. Wirhatten einige

Dekaden, in denen wir uns

schon im Anthropozän befanden,

aber lebten, als ob das nicht so wäre.

Jetzt aber ist der Moment, in dem wir

damit nicht mehr davonkommen.

Vor ein paar Tagen war Ihr Bruder

Tim Berners-Lee, Erfinder des World

Wide Web, in Berlin, und hat auch

zum dringenden Handeln aufgerufen,

in einer anderen Sache: Er fordert

einen globalen Gesellschaftsvertrag

für das Internet, um das soziale Netzwerk,

wie er es sich mal vorgestellt

hatte, zu retten, wie er sagt. So einen

globalen Vertrag brauchen wir doch

auch für den Planeten.

Ja, den bräuchten wir. Mein Bruder

und ich haben verschiedene

Blickwinkel, aber wir sind auf derselben

Seite.Wenn Leute sagen, wir haben

noch zehn Jahre, um den Planeten

zu retten –das stimmt nicht. In

den vergangenen zwölf Monaten ist

viel Wichtiges passiert. Die Frage

muss nun sein: Wie anders kann die

Welt in zwölf Monaten aussehen, wie

anders kann die Gesellschaft, die Politik

sich anfühlen? Wir müssen das

jetzt in Angriff nehmen.

Ihren Bruder und Sie drängt es beide

zu den globalen gesellschaftlichen

Themen.

Nun eine Sache haben wir gemeinsam:

Wir hatten wunderbare

Eltern.

Washaben sie richtig gemacht?

Ich würde sagen, sie haben uns

zum Denken gebracht. Und sie waren

auch einfach sehr nette Menschen.

DasGespräch führte PetraAhne.

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