Berliner Zeitung 03.12.2019

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24 Berliner Zeitung · N ummer 281 · D ienstag, 3. Dezember 2019

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Netzwerk

CHAT

„Mein Kopf ist

zu Hause

immer frei“

Kurze Fragen, schnelle Antworten:

Im Chat kommen Menschen

zu Wort, die sich beruflich in

der digitalen Welt bewegen: Stephan

Weber ist Head of Product bei PayFit

Deutschland und hat das deutsche

Produkt für intuitive Lohn- und Gehaltsabrechnungen

aufgebaut. 2016

gegründet, hat PayFit mittlerweile

rund 400 Mitarbeiter an vier Standorten

in Europa.

Womit beginnt Ihr Einstieg in die digitale

Welt am Morgen?

Früher habe ich meinen Handy-

Wecker bis ins Endlose gesnoozed

und damit meine Nachbarn zur

Weißglut getrieben. Heute höre ich

den Deutschlandfunk und starte

entschleunigt in den Tag, mit ruhigen,

informativen Nachrichten und

Interviews.

Ein großes Thema ist Künstliche Intelligenz

zurzeit. Wie werden Menschen

und Computer in Zukunft zusammenleben?

Im Arbeitskontext definitiv in einer

Symbiose –die Vorteile sind einfach

zu deutlich. Im Privatleben bin

ich skeptisch –zwischen den Technikverweigerern

und den Liebhabern

als Extreme wird eseine große

Varianz geben. Ich persönlich kann

keine persönliche Bindung zu Siri,

Alexaund Co.aufbauen.

Sind Ihre Daten eigentlich gut gesichert?

Was ist Sicherheit? Sicherheit ist

eine Empfindung. Ich nutze professionelle

Services wie 1passwordund

wurde noch nie wissentlich gehackt.

Ansonsten gebe ich mich keinen Illusionen

hin, nicht auch Opfer zu

werden.

Was geht gar nicht in der digitalen

Welt, was verurteilen Sie?

Shitstorms und der allgemeine

Hang zur Pöbelei im Netz. Ich frage

mich häufig, was die Menschen antreibt,

die in Kommentarspalten

grässliche Dinge hinterlassen.

Welchen Science-Fiction-Film haben

Sienicht nur einmal gesehen?

Ganz klar „Matrix“ – das Verschwimmen

zwischen Realität und

Fiktion begeistert mich noch heute.

Undden Stil findet man bis heute im

Berghain.

Lesen SieBücher in der digitalen oder

gedruckten Version?

Gedruckt –das schafft eine gewisse

Atmosphäre. Außerdem verlangt

meine Eitelkeit, das Buch im Anschluss

alsTrophäe im Regal zu haben.

Es gibt Menschen, die behaupten,

Computer sind nur erfunden worden,

damit gespielt werden kann.

Spielen Sieauch?

Leider nein –außer an dem realen

Tischkicker im Büro –und das obwohl

ich häufig verliere!

Fällt es Ihnen schwer, amAbend abzuschalten?

Nein, wir bei PayFit legen großen

Wert auf Transparenz und direkte

Kommunikation – sofern ich mal

frustriert bin oder es mir schlecht

geht, spreche ich das einfach an. Zuhause

ist mein Kopf immer frei.

StephanWeber ist Produktchef

bei PayFit –Anbieter für

Lohnabrechnungen.

Welche Verbindungen führen ins Ausland –mit der Frage beschäftigen sich die russischen Sicherheitsdienste zurzeit.

Das Netz unter Kontrolle

Russlands Sicherheitsbehörden wünschen eine Abschottung wie in China, doch es gibt technische Hürden

VonMichael G. Meyer

Russland will sein Internet

stärker in den Griff bekommen

–die Rede ist immer

wieder von einer Art russischen

Variante der „Great Firewall“

in China. Seit dem 1. November gilt

ein neues Internetgesetz für ein souveränes

russisches Netz, wie es

heißt. Russische Offizielle teilten

mit, es gehe darum, sich stärker vor

Cyberangriffen aus dem Ausland zu

schützen. Doch Kritiker sagen: Die

russische Regierung wolle eher Kritiker

mundtot machen und im Netz

verhindern, dass sich Kritik viral verbreiten

kann.

Vom Internet-Kill-Switch ist die

Rede,also der kompletten Trennung

des Netzes von ausländischen Servern

und Daten. In Ländern wie der

Türkei, Ägypten oder dem Iran ist

das schon zeitweise praktiziert worden.

Doch ist das in Russland auch

so einfach?

Klima der Unsicherheit

Klaus Landefeld, Experte für IT-Sicherheit

und im Vorstand des Internetverbands

Eco engagiert, bezweifelt,

dass das in Russland gelingen

kann: In China habe man beispielsweise

von Anfang an auf dieses Modell

„Great Firewall“ gesetzt, „da sind

es fünf Verbindungen ins Ausland,

Zentralpunkte, über die die Verbindungen

laufen, Russland hat etwa

3000 Verbindungen ins Ausland“.

Insofern sei Russland nicht so einfach

mit China zu vergleichen, außerdem,

so Landefeld: „Es gibt in

Russland auch nicht nur zwei große

Unternehmen, die diese Verbindungen

organisieren wie in China, sondernessind

Dutzende vonCarriern,

die auch nicht staatlich kontrolliert

Gesetz: Anfang November

beschloss die russische Regierung

ein umstrittenes Internetgesetz.

Das Ziel ist es

angeblich, das Land besser

vorCyberangriffen zu schützen.

Kritiker sehen darin eher

eine Ausweitung staatlicher

Kontrolle.

PUTINS HOFFNUNG

Gefahr: Russland will Souveränität–

auch im Netz. Der

Kreml will unabhängig sein

vomWorld Wide Webund

sich sein eigenes Internet

unter kompletter Staatskontrolle

errichten. Deshalb soll

eine neue Netz-Infrastruktur

aufgebaut werden.

Schutz: Das autonome Netz

soll den Vorteil bieten, sich

bei Cyberattacken abschotten

zu können, ohne dass

die Infrastruktur im Land

komplett abgeschaltet werden

muss. Attacken wie

Wannacryhaben die Staaten

Milliarden gekostet.

werden, wo auch die Mehrheitsverhältnisse

ganz andere sind.“ Insofern

werde es für Russlands Zensurbehörden

schwierig, das Netz komplett

unter Kontrolle zu bringen.

WasimWesten kaum bekannt ist:

Unter dem Radar der staatlich stark

kontrollierten Presse und des Fernsehens

ist in Russland eine kritische Internet-Szene

entstanden, die Millionen

Nutzer hat. Auch bei YouTube

tummeln sich Mutige und eine Reihe

von Journalisten, wie etwa Juri Dud,

Russlands bekanntester YouTuber.

Online-Magazine wie Meduza, The

Insider oder The Bell erreichen viele

Millionen Menschen. Und das in einer

Zeit, in der auch in Russland die

Nutzung klassischer Medien abnimmt

und stattdessen die von kritischen

Online-Medien stark zunimmt.

Die Stimmung bei den Online-Redaktionen

sei aber vongroßer

Unsicherheit geprägt, bestätigt Irina

Malkowa. Sieist Chefredakteurin des

sehr erfolgreichen Internetmagazins

The Bell. Malkowa und ihr Team berichten

hauptsächlich über Wirtschaftsthemen:

Warum fällt der Rubel,

wie steht es um die Renten, wie

geht es weiter in der russischen Wirtschaft?

The Bell berichtet aber auch

über Korruptionsverdacht in Behörden.

Dennoch sagt sie: das neue Gesetz

betreffe sie und ihre Redaktion

noch nicht: „Wir wissen aber nicht,

wie es weitergehen wird, im Moment

spüren wirnoch gar nichts.“

Kurios ist, dass die Zensoren und

Medienregulierer ein sehr uneinheitliches

Bild abliefern, was erlaubt ist

und was nicht. Ulrike Gruska, Referentin

bei „Reporter ohne Grenzen“,

hat einen neuen 50-seitigen Bericht

über die Situation der Internetmedien

in Russland verfasst. Gruska

sagt, dass diese Ungenauigkeit Methode

hat: „Es wird sehr selektiv entschieden.

Es ist nicht so,dassder,der

einen Bericht über Korruption veröffentlicht,

danach sofortins Gefängnis

kommt. Mancher schreibt die krassesten

politischen Kommentare in

seinem Blog und es passiert nichts.

Genauso gibt es Medien und Journalisten,

die sind dafür verhaftet worden.“

Wie willkürlich die russische

Zensur arbeitet, beweist das Beispiel

Auf der Suche nach den Urhebern

Bundeskriminalamt will gezielter gegen die Verfasser von Hasskommentaren vorgehen

ziale Netzwerke wie Facebook künftig

dem Bundeskriminalamt verpflichtend

melden. Derzeit müssen

die Anbieter solche Inhalte nur löschen.

Zudem will der Bund das

Strafgesetzbuch um Regelungen zur

Hasskriminalität ergänzen.

Nach im Juni veröffentlichten

BKA-Zahlen lässt sich ein Großteil

der Hasskommentare (77 Prozent)

dem rechtsextremen Spektrum zuordnen,

knapp 9Prozent sind linksextrem,

die verbleibenden 14 Prozent

sind ausländischen oder religiösen

Ideologien, beziehungsweise

keiner konkreten politischen Motivation

zuzuordnen. Münch sagte:

„Wir können wohl nicht die Einstel-

ISTOCK/ANYA BERKUT

des Elektrikers Andrej Bubejew, der

auf Vkontakte,der russischen Version

vonFacebook, einen Text mitdem Titel„Die

Krim gehörtzur Ukraine“ veröffentlicht

hatte.Gerade einmal zwölf

Freunde hatte er auf Vkontakte, dennoch

reichte das für eineVerurteilung

zu zwei Jahren und drei Monaten

Haft. Heute lebt Bubejew in der

Ukraine.Das Beispiel belege: Es gehe

darum, ein Klima der Angst und der

Unsicherheit zu schaffen, sagt Ulrike

Gruska.

Protest mit Papierfliegern

Doch noch weit mehr als nur kritische

Meinungsäußerungen beschäftigt

russische Zensoren und Medienregulierer

derzeit dieVernetzung von

Bürgern über Plattformen. In Russland

steht an erster Stelle mit 42 Prozent

Marktanteil Vkontakte, die

Hälfte der Handybesitzer nutzen

WhatsApp, etwas weniger vertrauen

Viber oder dem Messengerdienst Telegram.

Dennoch war vorallem Telegram

den Behörden ein Dorn im

Auge –denn darüber wurden eine

Reihe vonDemonstrationen in Moskauorganisiert.

Wie geht es nun weiter im russischen

Internet? Das sei schwer zu

prognostizieren, sagen Experten

wie Ulrike Gruska, allerdings gibt

es eine größer werdende, vor allem

von jungen Leuten getragene kritische

Öffentlichkeit in Russland, die

sich nicht mehr alles bieten lässt.

Im April des vergangenen Jahres

protestieren 12 000 Menschen in

Moskau gegen das Verbot vonTelegram.

Sie warfen in Anspielung auf

das Logo Papierflieger indie Luft.

MitErfolg: Obwohl laut Gerichtsurteil

offiziell immer noch verboten,

ist Telegram nach wie vor frei zugänglich.

Das Bundeskriminalamt will

rechten HetzernimInternet das

Leben deutlich schwerer machen –

und damit rechtsextremistische

Straftaten verhindern helfen. Die

Zahl der Hasskommentare werde

mit der Zeit zurückgehen, wenn die

Urheber merkten, dass ihr Treiben

nicht ungeahndet bleibe,sagte BKA-

Präsident Holger Münch. Man

müsse die rote Linie zwischen Meinungsfreiheit

und Strafbarkeit klar

markieren und durchsetzen.

Hasskriminalität und ihre Ursachen

sind bis Donnerstag das

Hauptthema bei einem Treffen von

Sicherheitsexperten in Wiesbaden

–der BKA-Herbsttagung. Die digitale

Gewalt, die Hassbotschaften

sind vielfältig: Antisemitische oder

rassistische Botschaften sind genauso

darunter wie frauenfeindlicher,homophober

und sexistischer

Hass oder ganz persönliche Anfeindungen.

Viele der Beispiele,die

etwa das Portal „hassmelden.de“

auflistet, sind menschenverachtend,

darunter der Aufruf zum „Abstechen

und Entsorgen“ oder

„Drecksviechern von hinten in die

Birneschießen“.

Die Bundesregierung hatte kürzlich

ein Maßnahmenpaket gegen

Hetze und Rechtsextremismus im

Internet beschlossen. Morddrohungen

und Volksverhetzung sollen solung

der Menschen ändern, die ihren

Hass insNetz und auf die Straße tragen.

Aber wir können daran arbeiten,

ihr Verhalten zu verändern und

sie daran hindern, ihren Hass und

ihre verbale Gewalt weiter ungehinderteiner

breiten Öffentlichkeit aufzuzwingen.“

Ausgrenzung und Hass

bereiteten den Boden für physische

Gewalt.

Das Bundeskriminalamt will außerdem

bereits aktenkundige, gefährliche

Rechtsextremisten künftig

„noch besser beurteilen und effektiv

überwachen“, sagte Münch. Vorbild

ist ein standardisiertes Verfahren,

das bereits bei Islamisten angewendet

wird. (dpa)

Apple

verteidigt seine

Krim-Politik

Dienste sollen weltweit

nutzbar bleiben

Apple hat die Entscheidung verteidigt,

die Schwarzmeer-Halbinsel

Krim in Russland als russisches

Staatsgebiet anzuzeigen. Man wolle

sicherstellen, dass Kunden überall

auf der Welt die Karten und andere

Apple-Dienste nutzen könnten, erklärte

der iPhone-Konzern amWochenende.

Zugleich verwies Apple

darauf, dass die veränderte Darstellung

nur bei Betrachtung von Russland

aus gelte,wodies gesetzlich verlangt

werde.

Russland hatte die völkerrechtlich

zur Ukraine gehörende Halbinsel

2014 gegen internationalen Protest

annektiert. „Wir prüfen genauer,

wie wir mit umstrittenen Grenzverläufen

in unseren Diensten umgehen,

und könnten als Folge in der

Zukunft Änderungen vornehmen“,

betonte Apple. Das Unternehmen

steckt in der Klemme, weil die USA

neben der EU gegen Russland wegen

der Krim-Annexion Sanktionen verhängt

haben. Unternehmen, die

Russland in der Krim-Frage entgegenkommen,

werden oft mit Sanktionen

des Westensbestraft.

Der ukrainische Außenminister

Wadim Pristaiko hatte verärgert reagiert

auf die Änderung. Per Twitter

forderte er die Technologiefirma

zum Umdenken auf und bezeichnete

die Krim als Herzstück seines

Landes. Die Firma mit dem Apfel

solle bei dem bleiben, womit sie sich

auskenne: Hochtechnologie und

Unterhaltung. „Globale Politik ist

nicht ihre starke Seite“, betonte der

Diplomat. Die US-Firma ist in der

Ukraine –anders als in Russland –

nicht vertreten. (dpa)

Frankreichs Finanzminister Bruno Le

Maire will hartbleiben. AFP/PHILIPPE LOPEZ

Frankreich hält

an Digitalsteuer

fest

Finanzminister Le Maire

dringt auf Fairness

Frankreichs

Finanzminister

Bruno Le Maire hat die französische

Digitalsteuer vor der Bekanntgabe

möglicher Sanktionen seitens

der USA verteidigt. „Wir werden den

Willen, die digitalen Riesen fair zu

besteuern, um ein faires Steuersystem

des 21. Jahrhunderts zu haben,

nie,nie,nie aufgeben“, sagte der Minister

dem Sender France Inter am

Montagmorgen. Die US-Handelsvertretung

USTR wollte am Montag

einen Bericht zu Frankreichs Digitalsteuer

vorlegen. Diefranzösische Digitalsteuer

soll vor allem Unternehmen

wie Amazon und Facebook treffen.

US-Präsident Donald Trump

hatte im Sommer mit Strafzöllen auf

französische Weine gedroht, sollte

Frankreich den nationalen Alleingang

gehen. Im August hatte Frankreichs

Präsident Emmanuel Macron

bekanntgegeben, dass er und Trump

einAbkommen erzielt hätten, das einen

direkten Konflikt verhindern

soll. Man sehe nun, dass die USA einen

Rückzieher machen würden, so

Le Maire. (dpa)

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