Berliner Zeitung 03.12.2019

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6 Berliner Zeitung · N ummer 281 · D ienstag, 3. Dezember 2019

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Wirtschaft

NACHRICHTEN

Geringere Ansprüche bei

Bahnverspätung?

Bahnreisende sollen nach dem Willen

der nationalen Regierungen in

der Europäischen Union künftig weniger

Entschädigungsansprüche bei

Verspätungen haben. DieEU-Verkehrsminister

verständigten sich am

Montag in Brüssel darauf, Bahnunternehmen

in Fällen höherer Gewalt

–etwabei extremen Wetterbedingungen

–von der Entschädigungspflicht

zu befreien. Bevordie

Änderungen in Kraft treten können,

müsste jedoch noch eine Verständigung

mit dem Europaparlament gefunden

werden. DieAbgeordneten

hatten sich in der Vergangenheit kritisch

dazu geäußert. (dpa)

Türkische Wirtschaft

schwächelt

DasWachstum dertürkischen Wirtschaft

hat sich in den Sommermonaten

überraschend abgeschwächt.

Im drittenQuartal ist die Wirtschaftsleistung

im Vergleich zum

Vorquartal um 0,4 Prozent gestiegen,

wie die nationale Statistikbehörde

in Ankaramitteilte.Analysten

hatten im Schnitt für die Monate Juli

bis September eine Zunahme des

Bruttoinlandsprodukts (BIP) von1,1

Prozent erwartet. Nach Einschätzung

vonExperten wirddie türkische

Wirtschaft durch politische Unsicherheiten

und die Sorgevor Wirtschaftssanktionen

durch die Vereinigten

Staaten belastet. (dpa)

BMW investiert

400 Millionen Euro in iNext

Der BMWiNext alsStudieauf derFrankfurter

Automesse. FOTO: JAN HUEBNER/IMAGO IMAGES

BMW investiert400 Millionen Euro

in sein größtes europäisches Werk

im niederbayerischen Dingolfing.

Damit soll der Standortfür die Produktion

des vollelektrisch und hochautonom

fahrenden Luxus-SUV iNext

vorbereitet werden, wie der

Autohersteller mitteilte.Die Fertigung

soll 2021 anlaufen. Dervollelektrische

iNext werdeinDingolfing

vomselben Band laufen wie

schon jetzt Hybride und Fahrzeuge

mit Verbrennungsmotor.„Mitden

flexiblen Fertigungsstrukturen sind

wir bestmöglich für die unterschiedlichsten

Marktanforderungen gerüstet“,

betonte Produktionsvorstand

Milan Nedeljkovic.Dingolfing ist das

größte BMW-WerkinEuropa. 18000

Mitarbeiter produzieren dortrund

1500 Autos am Tag. (dpa)

Stada expandiert

in Osteuropa

DerPharmakonzernStada setzt seine

Einkaufstour in Osteuropa fort.

DasUnternehmen übernimmt nach

eigenen Angaben vomukrainischen

Anbieter Biopharma das Geschäft

mit verschreibungspflichtigen Medikamenten

und rezeptfreien Produkten.

Es handele sich um eine der

größten Investitionen im ukrainischen

Pharmasektor,teilteStada am

Stammsitz in BadVilbel bei Frankfurtmit.

DerPreis liegtnach dpa-Informationen

im mittleren zweistelligen

Millionen-Bereich.

Mitdem Zukauf habe Stada künftig

eine Produktionsstätte vorOrt nahe

Kiew,sodas Unternehmen. (dpa)

Die klassischeLebensversicherung als privateVorsorgefürsAlter wirft immer weniger ab.

Lebensversicherung geht die Luft aus

Branchenführer Allianz senkt im kommenden Jahr die Gesamtverzinsung um 0,3 Prozentpunkte

Von Thomas Magenheim

Drei Jahre lang konnte die

Allianz Leben als heimischer

Branchenführer

bei Lebenspolicen ihre

Verzinsung konstant halten. Unter

dem Druck von Negativzinsen kündigen

nun aber auch die Stuttgarter

für 2020 an, ihre Gesamtverzinsung

in der Lebensversicherung um

0,3 Prozentpunkte zu senken. Wer

bei der Allianz noch eine klassische

Policehält,darfnur noch mit3,1statt

3,4 Prozent Zins auf seine Sparbeiträge

abzüglichAbschluss- undVerwaltungskosten

rechnen. Besitzer

neuartigerPolicenmitabgespeckten

Garantien kommen auf 3,4 statt 3,7

Prozent. „Eine gute Botschaft zur

richtigen Zeit“, findet Allianz Leben-

Chef Markus Faulhaber trotz dieser

Rückgänge. InZeiten von Null- und

Negativzinsen seien das moderate

Abschläge. Konkurrenten schlagen

sichallerdings vereinzelt besser.

So hat das Branchenschwergewicht

Axa für 2020 eine gleichbleibende

Verzinsung angekündigt.

Gleiches gilt für DEVK oder Ideal.Die

meisten der hierzulande immer

noch gut 80 Lebensversicherer haben

ihre Zinspläne allerdings noch

nicht offenbart. Traditionell gibt

Branchenführer Allianz einen Fingerzeig,

wohin es mitLebenspolicen

in Deutschland geht.

So erwartet die Ratingagentur Assekurata

für 2020 durchschnittlich

ein Absinken der laufenden Verzinsung

von Lebenspolicen auf rund

2,30Prozent.ImlaufendenJahrliegt

der Branchenschnitt noch bei

2,46 Prozent. Die laufende Verzin-

Eine neugegründete Fachkräfteagentur

soll die Vermittlung

vonPflegekräften aus dem Ausland

beschleunigen. Bundesgesundheitsminister

Jens Spahn und der

saarländische Ministerpräsident

Tobias Hans (beide CDU) stellten

am Montag inBerlin die Deutsche

Fachkräfteagentur für Gesundheits-

und Pflegeberufe(DeFa)vor.

Vermittlungsverfahren, die derzeit

mehr als zwei Jahre dauerten,

sollen mit deren Hilfe binnen sechs

Monaten abgeschlossen sein, sagte

Hans. Die Agentur hat ihren Sitz in

der saarländischen Hauptstadt

Saarbrücken.

Ohne Garantiezins: Viele

Assekuranzen bieten inzwischen

keine Produkte mit

klassischem Garantiezins

mehr an. Die Versicherungsgesellschaften

setzen im

Neugeschäft in der Regel inzwischen

auf Verträge, die

lediglich den Erhalt der eingezahlten

Beiträgeganz oder

teilweise zusagen. Dafür sollen

sie eine etwas höhere

Rendite abwerfen.

Hilfe aus dem Ausland

Neue Fachkräfteagentur soll Vermittlung von Pflegkräften beschleunigen

Gegründet wurde die Agentur

den Angaben zufolge bereits am

4. Oktober. Bearbeitet werden dort

demnach bereits rund 4200 Anträge

auf die Vermittlung von Pflegekräften.AlleEinrichtungen

desGesundheitswesens

können sich an

die Fachkräfteagentur wenden,

wenn sie Pflegekräfteaus demAusland

einstellen wollen oder Unterstützung

bei der Abwicklung der

Bürokratie brauchen.

Die Agentur kümmert sich den

Angaben zufolge umVisa-Anträge,

um die Anerkennung von Berufsabschlüssen

sowie um die Aufenthalts-

und Arbeitserlaubnisse.

FINANZAUFSICHT IN SORGE

Bafin: Mit wachsender Sorge

beobachtet die Finanzaufsicht

Bafin die Lageder

Assekuranzen. „Die Situation

der Lebensversicherer

und Pensionskassen erfordert,

dass wir unsere Kontrolle

verstärken“, so die Versicherungsaufsicht.

Die

jüngste Zinssenkung im

Euroraum habe die Herausforderung

für die Versicherer

noch einmal vergrößert.

Geldpolitik: Die Europäische

Zentralbank hatte im

Kampf gegenKonjunkturschwäche

und eine niedrige

Inflation ihre ultralockere

Geldpolitik im September

nochmals verschärft. Dazu

zählen höhere Strafzinsen

(negativer Einlagenzins) für

Banken, frische Milliarden

für Anleihenkäufe sowie ein

auf unbestimmte Zeit zementiertes

Zinstief.

sung setzt sich aus zwei Komponenten

zusammen: dem Garantiezins

und der Überschussbeteiligung.

Trotz der jetzigen Absenkung liegt

die Allianz in dieser Hinsicht weiter

über dem Branchenschnitt. Siekündigt

für garantiereduzierte Policen

2020 eine laufende Verzinsung von

2,6 Prozent an, für klassischen Policen

2,5 Prozent. Um zurGesamtverzinsung

zu kommen, muss man als

dritte Komponente noch den

Schlussüberschuss dazurechnen.

Weil Lebenspolicen teils über

Jahrzehnte laufen und in früheren

Zeiten das allgemeine Zinsniveau

deutlich höher als heute war,

schlummerninden Büchernder Assekuranz

noch viele Verträge mit Garantiezinsen

von bis zu 4Prozent.

Diese Versprechen sind heute von

den Versicherern angesichts Nullund

Negativzinsen an den Kapitalmärkten

immer schwierigerzuerfüllen.

DieFinanzaufsicht Bafin beäugt

die Branche deshalb skeptisch. Mit

dem Finanzministerium diskutiert

sie derzeit eine erneute Absenkung

des staatlich verfügten Garantiezinses

für Lebenspolicen, der bei mageren0,9

Prozent liegt.

In dieser Situation sei eine Drei

vordem Kommabei der Deklaration

des Zinssatzes für Lebenspolicen im

kommendenJahr einstarkes Signal,

meint Volker Priebe, Produktvorstand

vonAllianz Leben. 2019sei für

seine Branche ein turbulentes Jahr

gewesen, das anfängliche Hoffnungen

auf ein langsames Ende der

Niedrigzinsphase mit dem Anschwellen

von Negativzinsen ins

Gegenteil verkehrt habe. „Noch nie

war der Zinsabstand zwischen Le-

Gesundheitsminister Spahn betonte,

der Pflegebedarf in Deutschland

werdeweiter starksteigen. Die

Zahl der Menschen, die Leistungen

aus der Pflegeversicherung beziehen,

sei in den vergangenen drei

Jahren von 3auf 4,1 Millionen gestiegen.

Der Bedarf an Pflegekräften

sei nicht allein durch Ausbildung,

Umschulung und eine Verbesserungder

Arbeitsbedingungen

in Deutschland zu decken, sagte

Spahn.

Die Bundesregierung wirbt seit

einiger Zeit gezielt für Pflegepersonal

aus dem Ausland, unter anderem

aus Mexiko und von den Phi-

FOTO: STEPHANIE PILICK/DPA

benspolicen und anderen sicheren

Formen vonVorsorgesparen so groß

wie heute“, betont Prieb. Ob die

nächsten Jahredennoch weiterbröckelnde

Zinsen für Lebenspolicen

bringen, traut sich auch der Experte

nicht abzuschätzen. DieAllianz versuche

mit alternativen Anlagen, wie

der Finanzierung von Gewerbeimmobilien,

Infrastrukturprojekten

wie Autobahnen oder erneuerbaren

Energien, entgegenzusteuern. Heute

würden rund 40 Milliarden von

286 Milliarden Euro Anlagegelder

bei der Allianz Leben auf solche Anlageklassen

entfallen. Binnen drei

Jahren soll es ein Drittelsein.

Von den Kapitalmärkten ganz

entkoppeln könne sich allerdings

auch die Allianz nicht. Was den Zuspruch

vonVorsorgesparern betrifft,

bleiben die Stuttgarter indessen erfolgreich.Inden

erstenneun Monaten

dieses Jahres hat Allianz Leben

160000 neue Lebenspolicen verkauft

und damit nun 10,2 Millionen

Verträge im Bestand. Jeder dritte

neueVorsorge-Eurofließthierzulande

heuteindie Taschen der Stuttgarter.

Wohin der Trend bei Vorsorgeprodukten

geht, könnte eine neue

RentenpolicenamensPrivate Finance

zeigen. Dabei garantiert die Allianz

nicht einmal mehrdie Rückzahlung

eingezahlter Gelderwie dasbei

neueren und garantiereduzierten

Lebenspolicen der Fall ist. WerinPrivate

Finance anlegt, muss nun vollendsauf

die Anlageexpertise der Allianz

vertrauen. Verbraucher,die sich

heute noch eine Chance auf höhere

Rendite erhalten wollen, müssenmit

mehr Risiko anlegen, heißt das.

lippinen. Spahn und Hans betonten,

um Pflegekräfte würde nur in

den Ländern geworben, indenen

die Bevölkerung besonders jung ist

und über Bedarf Pflegekräfte ausgebildet

werden. Spahn zufolge

sind in jüngerer Zeit rund 2.000

Pflegekräfte aus den Philippinen

nach Deutschland gekommen.

Der Bundesgesundheitsminister

erläuterte, der Bund stelle als

Hauptauftraggeber in den nächsten

vier Jahren 4,7 Millionen Euro

für die Agentur zur Verfügung.

Nach Worten von Regierungschef

Hans werden 15 bis 20Mitarbeiter

dorttätig sein. (epd)

Fairer

Handel

per Gesetz

Bundesregierungwill gegen

Ausbeutung vorgehen

Von RasmusBuchsteiner

B undesentwicklungsminister

Gerd Müller (CSU) und Arbeitsminister

Hubertus Heil (SPD) bereiten

ein Gesetz gegen Dumping, Ausbeutung

und Umweltzerstörung in

globalen Lieferketten vor. „Standards

imsozialenundökologischenBereich

umzusetzen –das geht“, sagte Müller

bei einemBesuch in einer Textilfabrik

in der äthiopischen HauptstadtAddis

Abeba.In LändernwieÄthiopienwerde

eine Jeans für 5Euro produziert.

Existenzsichernde Löhne zu bezahlen

bedeute einen Euro mehr im Einkauf.

Arbeitsminister Heil setzt ebenfalls

auf ein Gesetz. „An Verantwortung

der deutschen Wirtschaft wird

am Ende nichts vorbeigehen“, sagte

der SPD-Politiker. „Wir brauchen

Fairness in den Lieferketten.“ Dasgilt

für die Textilwirtschaft, die Kaffeeproduktion

und für viele andere Wirtschaftszweige.

Derzeit läuft eine Befragung

von Unternehmen, mit der

herausgefunden werden soll, ob und

wie sie international anerkannte soziale

und ökologische Mindeststandards

in ihren Lieferketten sicherstellen.DieErgebnissederUntersuchung

sollen in der kommenden Woche vorliegen.

„Eine Pflicht zum Handeln“

Entwicklungsminister Müller geht

davon aus, dass sie nicht zufriedenstellend

sein werden. „Deshalb kommen

wir jetzt an den Punkt, ein Lieferkettengesetz

auf den Weg zu bringen“,

so der CSU-Politiker. Ineinem

Positionspapier, das die beiden Minister

während ihrer Äthiopien-Reise

vorstellten, wirdeineRichtungfür das

möglicheGesetzaufgezeigt.„Wirwollen

eine Pflicht zum Handeln, aber

keine Übernahme von Garantien“,

heißt es in dem Papier.Entscheidend

für die Erfüllung der Sorgfaltspflicht

soll sein, dass Unternehmen „alles Erforderliche“

unternehmen, umVerletzungen

von Mindeststandards zu

verhindern.

„Es geht nicht darum, Mittelständler

zu überfordern“, so Arbeitsminister

Heil. „Wir werden da verhältnismäßige

Möglichkeiten schaffen.“ Im

Klartext könnte das heißen: Betriebe

mit weniger als rund 500 Beschäftigten

würden befreit vonder Verpflichtung

zur Einhaltung von Mindeststandards

–etwa zufairen Löhnen,

Arbeitsschutz, zum Verzicht auf KinderarbeitundzurEinhaltungökologischer

Standards. Sodenkt die Regierung

nicht daran, von Handwerkern

eine Garantie zu verlangen, dass von

ihnen verwendete Kupferkabel ohne

Ausbeutung vonArbeitnehmernhergestellt

worden sind. Größere Unternehmen

müssten jedoch haften, allerdings

sollen nach den Plänen der

Bundesregierung „nur nachweisliche

zurechenbare Handlungen“ zu einer

Haftung führen. „Betroffene müssen

ihre Recht besser geltend machen

können“, heißt es in dem Ministeriumspapier

außerdem.

Arbeits- und Entwicklungsministerium

verweisen darauf, dass ProdukteundRohstoffe,dieausallerWelt

nach Deutschland geliefert werden,

zum Teil „unter untragbarenArbeitsund

Umweltbedingungen“ hergestellt

würden. Als besonders problematische

Beispiele werden in diesem

Zusammenhang der Kakaoanbau in

der Elfenbeinküste,die PalmölgewinnunginIndonesien,dieTextilproduktion

unter anderem in Bangladesch

oder der Lithiumabbau in Argentinien

genannt.

„Wichtig ist, dass wir unseren

Wohlstand in Deutschland nicht auf

Armut und Ausbeutung in anderen

Ländernaufbauen“, sagte Arbeitsminister

Heil. Das Thema Fairness in

globalen Lieferketten werdedie Bundesregierung

während ihrer EU-Ratspräsidentschaft

auch auf europäischer

Ebene vorantreiben.

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