Berliner Zeitung 06.12.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 284 · F reitag, 6. Dezember 2019 5

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Made in Berlin

BERLINER BEKANNTE

Beton,

der Blüten

treibt

VonJörg Niendorf

Wenn das keine gute Tarnung

war:Von außen war die Adresse

ein braves Landhaus, mitten im Vorstadtidyll

vonKarlshorst gelegen und

sogar etwas verschnörkelt. So,wie ein

Neubau im Jahr 1901 eben auszusehen

hatte. Innen jedoch war dies ein

Laboratorium für eine echte Revolution

im Bauwesen, man experimentierte

mit neuem Zement, zugfestem

Beton sowie Fertigteilen. Der„Verein

deutscher Portland-Cement-Fabrikanten“

ließ es bauen, es war Laborgebäude

und Werbefläche für die Industrie

zugleich. Man wollte zeigen,

was geht. Alle Ornamente und Friese,

Fensterlaibungen und überhaupt

sämtliche Fassadenplatten sind aus

Kunststein.

Labor der Bauwirtschaft

Bis heute steht der wuchtige, blassgelb-

und rosafarbene Bau an der

Dönhoffstraße nahe dem Karlshorster

Bahnhof. Eine Denkmalplakette

gibt es am Eingang, mehr nicht. Unten

im Haupthaus hat eine Schüler-

Nachhilfe ihren Sitz, es gibt Wohnungen

und Praxen, außerdem findet

in einem Saal in der Beletage regelmäßig

eine weitere Art von

Lebenshilfe statt. Ein Berliner Arzt,

dem das Anwesen gehört, bietet Seminare

der von ihm gegründeten

„innerwise academy“ an, einer alternativen

Medizin.

Genau zu diesem Saal führt ein

imposantes Treppenhaus, in das

man auch als normaler Passant von

der Straße einen Blick werfen kann.

Und genau diese Treppen mit den

schnörkeligen Metallgeländern sind

eben nicht aus knarzenden Holzkonstruktionen,

wie man es woanders

erwarten würde, sondern auch

aus Beton. Wiealles im Haus.

Die meisten Bauteile wurden

einst aus einem ZementwerkinUlm

mit der Eisenbahn herangeschafft.

So hatten es frühere Besitzer des

Hauses herausgefunden. Sie hatten

in den 2000er-Jahren das Beton-Kuriosum

gekauft und saniert. Als sie

von der Historie erfuhren, recherchierten

sie in Archiven. So kam zutage,dass

das Laboratorium bis zum

Zweiten Weltkrieg sogar eine der

wichtigsten Forschungseinrichtungen

der deutschen Bauwirtschaft gewesen

war.Und beim BaudieserVorzeige-Adresse

in Berlin kam es den

Ingenieuren offenbar vor allem darauf

an, den kaiserzeitlichen

Schmock und Stuck besonders gut

zu imitieren – also waren sie sehr

stolz auf all diesen Zierrat, stand in

alten Berichten. Den präsentierten

sie allen Gästen als erstes.

In einem Anbau im Hof dagegen

fand einst die harte Prüfarbeit statt,

in großen Mahlwerken des Zement-

Zentrums. Der Portlandzement, der

ursprünglich aus England stammte,

wurde bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts

in Deutschland hergestellt

und galt seither als erste Wahl. 159

Fabriken gab es bis zum Jahr 1900 im

Deutschen Reich. Für deren Produkte

mussten nun eindeutige Qualitätskriterien

und Standards entwickelt

werden, das war die eigentliche

Aufgabe in Karlshorst.

Nichts als Beton: das Haus in der Dönhoffstraße

Nummer 38. KULTURRING IN BERLIN E.V.

118

83

Berliner Sparkasse

91

45

Berliner Volksbank

79*

37

Deutsche Bank

Zahl der Bankfilialen in Berlin

*davon

37 Filialen

der Berliner

Bank

63

50

Commerzbank

50

15

Postbank

18

11

Santander

15 13

’14 ’19

’14 ’19

’14 ’19

’14 ’19

’17 ’19

’14 ’19

’14 ’19

VonJochen Knoblach (Text)

und Isabella Galanty (Grafik)

Klaus Potschadtke ist verärgert.

Gerade kommt er aus

der Postbank-Filiale im

Mühlenberg-Center in

Prenzlauer Berg. Der 80-Jährige hat

Überweisungsaufträge abgegeben,

wie er es bislang regelmäßig tat.

Diesmal aber war es sein letzter Besuch

hier. An diesem Sonnabend

wird die Filiale mit dem „Ihre Herzlich-Willkommen-Bank“-Aufkleber

an der Tür schließen. Für immer.Auf

einem Aushang wirdüber die Schließung

informiert und darüber, dass

sich die nächste Postbank-Filiale in

Weißensee befindet. Potschadtke ist

sauer. „Immer weniger Service“,

schimpft er. Wer keinen Computer

hat, sei aufgeschmissen.

DerSchalterschluss an der Greifswalder

Straße, mit dem das Berliner

Postbank-Netz der Zweigstellen mit

Beratungsmöglichkeit auf 14 Filialen

verödet, ist allerdings keinesfalls die

Ausnahme, sondern illustriert die

seit Jahren fortschreitende Erosion

der klassischen Bankfiliale samt Beraterkontakt

und deren Ersatz durch

Automaten. Hatten die großen Banken

vor fünf Jahren in dieser Stadt

zusammen noch mehr als 430 Filialen,

in denen man mit einem Bankangestellten

sprechen konnte, so

sind es derzeit nur noch etwa 250.

DasAngebot hat sich also in fünf Jahren

nahezu halbiert. Und das wiederum

ist kein Berliner Phänomen.

Auch bundesweit hat sich das Filialsterben

bei den Banken und Sparkassen

immer mehr beschleunigt.

Allein von2017 auf 2018 wurden laut

Bundesbank in Deutschland mehr

als 2200 Zweigstellen geschlossen.

In Berlin gibt es derzeit über 100

Bankfilialen weniger als noch Anfang

2018.

Beratung per Chat

Treiber dieser Entwicklung ist freilich

vor allem die Digitalisierung.

Online-Banking ist längst in der

Mitte der Gesellschaft angekommen.

Einer repräsentativen Umfrage

des Digitalverbandes Bitkom zufolge

nutzen heute sieben von zehn Bundesbürgern

das Internet, um ihre

Bankgeschäfte zu erledigen. Vorfünf

Jahren war es nur etwa jeder zweite.

Unddabei geht es längst nicht mehr

nur um Überweisungen und Daueraufträge,

sondern auch Beratungsleistungen.

Kunden können beispielsweise

auch per Chat oder

Videoberatung mit ihren Bank und

BeraterninKontakt treten.

Tatsächlich sind es meist die unrentablen

Filialen, die geschlossen

Schalterschluss

In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl der

Bankfilialen in Berlin nahezu halbiert. Fast 200 wurden in dieser Zeit geschlossen

Zahl der Bankfilialen in Deutschland

71 715

Wo Bankgeschäfte erledigt werden

2018 2019

Ich besuche überwiegend Bankfiliale und nutze hin und wieder Online-Banking.

17%

13%

Ich nutze ausschließlich Online-Banking.

Könnten Sie sich vorstellen, mit Ihrem

Haupt-Konto zu einer Online-Bank ohne Filiale zu wechseln?

2018

2019

Ja 36%

Ja 46%

59 848

’95 ’00 ’05 ’10 ’17’18

„Ich nutze Online-Banking.“

46 444

Nein 64%

Nein 54%

40 276

Am liebsten online

Anteileder Online-Banking-Nutzer, nach Altersgruppen

stationär am PC mobil per Handy/Tablet

75%

25%

31 949

27 887

53% 57% 62% 70%

2014 2016 2018 2019

58%

42%

65%

35%

77%

23%

92%

Gesamt 18–29 J. 30–39 J. 40–49 J. 50–59 J. ab 60 J.

8%

29%

31%

95%

5%

BLZ/GALANTY; QUELLE: BITKOM, EIGENE RECHERCHE, DEUTSCHER BANKENVERBAND

Sparda-Bank Berlin

werden. Jene, indenen die Berater

nur noch wenig zu tun haben, weil es

in der Gegend eben keinen Beratungsbedarf

mehr gibt und der persönliche

Kontakt als Wettbewerbsvorteil

gewachsener Geldhäuser

nichts mehr zählt. Die Banken und

Sparkassen müssen also einerseits

neue Kanäle zu ihren Kunden finden,

dürfen aber andererseits ihre

Stammkundschaft nicht verlieren.

Ein schwieriges Unterfangen, zumal

die Treue zur Hausbank schwindet.

Hatte laut Bitkom-Umfrage vor einem

Jahr gerade einmal jeder dritte

Bundesbürger (34 Prozent) schon

einmal sein hauptsächlich genutztes

Girokonto gewechselt, ist dieser Anteil

inzwischen auf 41 Prozent gestiegen.

Jeder Achtewill in den nächsten

zwölf Monaten sogar zu einer reinen

Online-Bank wechseln.

Sparkasse mit Bussen unterwegs

DerShootingstar im volldigitalen Bereich

des Bankgeschäfts ist die Berliner

Smartphonebank N26. Obwohl

diese erst 2015 gegründet wurde,

zählt sie heute bereits 3,5 Millionen

Kunden in 26 Ländern, und derzeit

kommen nach eigenen Angaben täglich

bis zu 10 000 neue hinzu. Folglich

sieht man sich in der Klosterstraße als

der Gewinner des Systemwechsels.

„Es würde mich nicht wundern,

wenn 70 Prozent der heutigen Bankfilialen

bis 2030 verschwunden sind“,

sagt Georg Hauer, der das N26-Geschäft

in Deutschland, Österreich

und der Schweiz verantwortet.

Allerdings versuchen die analog

gewachsenen Geldhäuser dagegenzuhalten.

Die Berliner Sparkasse

etwa, noch immer die Bank mit den

meisten Filialen in der Stadt, schickt

mobile Beraterauf Supermarkt-Parkplätze,

Wochenmärkte oder Altersheime,

umdie Kunden dort zutreffen,

wo diese sich ohnehin aufhalten.

Darüber hinaus können Hausbesuche

vereinbart werden, und im Sommer

wurde ein zweiter Bus als rollende

Filiale in Dienst gestellt.

Immerhin: Wer auf eine Bankfiliale

angewiesen ist oder nicht darauf

verzichten will, wirdimnächsten

Jahr wohl nur in Ausnahmefällen in

seiner Gewohnheit gestört. Auf Anfrage

erklärten jedenfalls die Berliner

Sparkasse, die Commerzbank, die

Berliner Volksbank, die Sparda-Bank

sowie Santander,dassfür 2020 keine

Filialschließungen in Berlin geplant

seien. Die Deutsche Bank will indes

nur „wesentliche Veränderungen“

an seinem Berliner Filialnetz ausschließen.

Die Postbank lässt lieber

alles offen: „Eine Prognose für die

Zukunft kann ich nicht geben“, teilte

ein Sprecher mit.

NEU IN DER STADT

Stromtanken

in wenigen

Sekunden

VonJochen Knoblach

Was bei Elektroautos noch das

große Problem ist, für elektrifizierte

Cargobikes und Stromscooter

ist es gelöst. Denn diese lassen sich

tatsächlich bereits in Sekunden „betanken“

und auf maximale Reichweite

bringen. Die simple Lösung:

Den leeren Akku aus dem Fahrzeug

nehmen, in eine Wechselstation klinken,

eine volle Batterie entnehmen

und in den Scooter oder das Lastenradeinsetzen

–fertig, weiter geht’s.

Was der taiwanesische E-Roller-

Anbieter GogoroinseinerHeimat bereits

seit Jahren praktiziert–dortsind

1200 Akku-Wechselstationen auf das

Land verteilt –gibt es aber auch in

Berlin. Das inzwischen im Wissenschafts-Park

Adlershof ansässige Unternehmen

Greenpack, das hierzulande

als der Wechselakku-Pionier

gilt, hat vorgut einem Jahr einen Modellversuch

mit acht Stationen in Berlin

gestartet. So zum Beispiel bei der

Paketverteilbasis Komodo am Mauerpark,

von der aus DHL, Hermes &

Co Pakete mitLastenrädernverteilen,

oder im Treptower Motionlab, wo

Start-ups unter anderem Elektro-Cargobikes

entwickeln. Gerade wurde

dieser Test erfolgreich abgeschlossen,

und schon gibt es weitgehende Pläne.

„Jetzt soll der bundesweite Aufbau

der Akku-Wechselinfrastruktur beginnen“,

sagt Greenpack-Co-Chef

Tobias Breyer.

Dafür wurde im Sommer dieses

Jahres dieTochterfirma Swobbee gegründet,

bei der dieWechselstationen

montiert werden. Die Fertigung findet

ebenfalls auf dem Adlershofer

Wista-Gelände statt. Mittlerweile

wurden dort etwa 30 Stationen produziert.

Im nächsten Jahr sollen es

200 sein. Für Berlin ist bereits die Installation

weiterer zehn Stationen für

Anfang 2020 geplant. Auch aus Freiburg

und Bochum gibt es Bestellungen.

Weitere Städte in Deutschland,

Österreich und den Niederlanden folgen.

Über den nächsten Standort einer

sogenannten Swobbee-Station

informiert eine App, über die sich

volle Akkus auch für eine bestimmte

Zeit reservieren lassen. Die Abrechnung

erfolgt ebenfalls online.

Offen für andereAkku-Systeme

Zur potenziellen Kundschaft zählt

man in Adlershof jeden, der in Innenstadträumen

etwas zu transportieren

hat –Logistiker, Lieferdienste, Handwerker

und Gewerbetreibende. Dabei

setzt Greenpack nicht nur auf die

eigenen Akkus, sondern ist offen für

die Integration anderer Batteriesysteme.Solassen

sich an den Wechselstationen

mittlerweile auch Akkus für

E-Scooter der spanischen MarkeTorrot

sowie von Kumpan aus Rheinland-Pfalz

tauschen.WeitereAnbieter

sollen folgen. Breyer: „Die Swobbee-

Station wirdinden kommenden Jahren

zu der Stromtankstelle für die

Mikromobilität werden.“

Greenpack war ursprünglich

2015 als Entwickler standardisierter

Wechsel-Akkus gegründet worden,

musste aber bald Insolvenz anmelden.

2017 erfolgte der Neustart mit

neuen Eigentümernund den Wechselstationen

als weiteres Angebot.

Nunwill Greenpack darüber hinaus

auch komplette, aus Motor und

Akku bestehende Antriebspakete

für Cargobikes anbieten. Dafür

wurde im September die Zusammenarbeit

mit dem baden-württembergischen

E-Motorenlieferanten

Heinzmann vereinbart.

GREENPACK

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