Berliner Zeitung 09.12.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 286 · M ontag, 9. Dezember 2019 3· ·

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Seite 3

Freude

und Fragen

Schloss Friedenstein in Gotha, Thüringen. In dem imposanten frühbarocken Bau sind mehrere Sammlungernund Museen untergebracht.

IMAGO STOCK&PEOPLE

Esstürmt und regnet, als sich Unbekannte

in der Nacht zum 14. Dezember

1979 zum Schloss Friedenstein

oberhalb von Gotha schleichen.

AmWestflügel des Schlosses kletterteiner

von ihnen mit Steigeisen einen

Blitzableiter an der Außenmauer hinauf. In

zehn Meter Höhe durchschlägt er eine Fensterscheibe,

steigt in die Räume, inder Gemälde

Alter Meister hängen, und nimmt fünf

Bilder mitsamt Rahmen von der Wand. Es

handelt sich um Werke von Frans Hals, Jan

Brueghel dem Älteren, Anthonis van Dyck,

Jan Lievens und Hans Holbein dem Älteren.

VomFenster aus seilt der Dieb die Gemälde

hinab zu seinen Kumpanen, dann verlässt er

das Gebäude auf dem gleichen Weg, auf dem

er gekommen ist. Nach ein paar Minuten ist

der größte Kunstraub der DDR-Geschichte

vorbei.

DieTäter vonGotha sind nie gefasst worden.

Und auch die Bilder, deren Wert heute

auf mehr als 50 Millionen Euro geschätzt

wird, blieben jahrzehntelang verschwunden.

Doch jetzt sind sie überraschend wiederaufgetaucht

und zu einem Fall für das Berliner

Landeskriminalamt geworden. Allerdings

interessiert die Polizei dabei weniger, wer

den Raub damals begangen hat –der Einbruch

ist bereits verjährt. In dem jetzt eingeleiteten

Ermittlungsverfahren geht es vielmehr

um den Vorwurf der Erpressung und

der Hehlerei. Es gab bereits mehrere Durchsuchungen

bei dem Arzt aus Ostfriesland,

der sich im Besitz der Bilder befand, und bei

seinem Anwalt.

Die Gemälde stehen unterdessen im

Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen

Museen Berlin. Dortwerden sie genau untersucht,

um sicherzugehen, dass es sich bei

den Kunstwerken tatsächlich um das Diebesgut

aus Gotha handelt. Die Bilder sollen

in einem sehr guten Zustand sein, heißt es.

Beider Übergabe griff die Polizei zu

Noch werden die fünf Gemälde untersucht, doch es scheint schon sicher:

Nach 40 Jahren ist die Beute aus dem größten Kunstraub der

DDR-Geschichte wieder da. Der Fall selbst aber bleibt noch ungelöst. Was

istinjener Dezembernacht 1979 im Gothaer Schloss Friedenstein

passiert? Werhat dieBilder gestohlen und in wessen Auftrag?

Wie der Spiegel berichtet, hatte sich im Juni

2018 ein Rechtsanwalt aus Süddeutschland

beim Gothaer Oberbürgermeister Knut

Kreuch gemeldet. Der Anwalt vertritt häufig

Mandanten, die im Besitz von Kunstwerken

zweifelhafter Provenienz sind. Da diese auf

dem legalen Kunstmarkt nicht zu handeln

sind, streben sie meist eine Einigung mit den

tatsächlichen Eigentümern der Objekte an.

Dabei kann es sich um Raubgut aus der NS-

Zeit und den Wirren des Kriegsendes handeln,

aber auch um die Beute aus einem

Kunstdiebstahl.

Kreuch kannte den süddeutschen Anwalt

bereits aus einem anderen Rückgabefall.

Diesmal aber hatte der Jurist eine besondere

Überraschung dabei. Im Amtszimmer des

Gothaer Rathauses legte er dem Bürgermeister

Fotos auf den Tisch –darauf waren die Bilder

zu sehen, die 1979 aus Schloss Friedenstein

gestohlen worden waren. WasKreuch

sofort elektrisierte: Es waren Farbfotos, aus

unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen.

Vonden fünf Gemälden existierten bis

dato aber nur Schwarz-Weiß-Aufnahmen.

DerAnwalt bot an, dass sein Mandant die Bilder

für eine Summe von 5,25 Millionen Euro

herausgeben würde.15Monate zogen sich die

diskreten Verhandlungen hin. Schließlich

kam es am 30. September in Berlin zur Übergabe

der fünf Gemälde.Vorher hatte sich die

Polizei heimlich eingeschaltet, bei der Anlieferung

der Bilder stellte sie diese sicher.

Werden Raub im Dezember 1979 begangen

hat und wie die Gemälde nach Ostfriesland

gelangten, ist nach wie vor ungeklärt.

Der Arzt gab an, sein Vater habe die Bilder

von einem Kameraden, den er aus der

Kriegsgefangenschaft kannte, als Sicherheit

für ein Millionendarlehen erhalten. Irgendwie

soll zudem Geld an DDR-Behörden geflossen

sein, und auch die Stasi spiele angeblich

eine Rolle. Die Ermittler fanden heraus,

dass an der Geschichte nicht viel stimmt,

zum Beispiel war der Vater des Arztes gar

nicht in Kriegsgefangenschaft gewesen. Aber

wie lief es dann? Waren die Räuber damals

im Auftrag westdeutscher Privatsammler in

das Gothaer Schloss eingestiegen? Oder

hatte die Stasi einen Einbruch nur vorgetäuscht,

um die Bilder heimlich im Westen

für harte Devisen zu verkaufen? Angeblicher

Auftraggeber wäre in diesem Fall das von

dem Staatssekretär Alexander Schalck-Golodkowski

geleitete Devisenimperium Kommerzielle

Koordinierung –kurzKoKo–gewesen.

Dessen Firma Kunst und Antiquitäten

hatte von Anfang der 70er-Jahre bis zum

Ende der DDR Kulturgüter aus Museen und

Privatsammlungen vornehmlich an westdeutsche

Sammler verhökert, für harte D-

Mark.Die in Gotha geraubten Gemälde aber

waren dem KoKo-Zugriff entzogen. Sie unterlagen

dem DDR-Kulturgesetz und damit

einem Ausfuhrverbot ins Ausland.

An jenem Dezembertag vor40Jahren bekam

der Wachschutz in Schloss Friedenstein

von dem Raub nichts mit. Auch der Wachhund

schlug nicht an, als offenbar um 2Uhr

nachts das Fenster im zweiten Stock eingeschlagen

wurde – ein Klimaschreiber im

Raum registrierte um diese Uhrzeit einen

Temperaturabfall. Als am Morgen gegen 7

Uhr die Museumswächter ihren Rundgang

machten, entdeckten sie den Raub. Umgehend

rückte ein Großaufgebot der Polizei an.

Noch am selben Tagmussten sich alle Mitarbeiter

des Museums in der Untersuchungshaftanstalt

in Gotha melden, wo sie stundenlang

verhört wurden. Alle Alibis erwiesen

sich als glaubwürdig.

VonAndreas Förster

Drei der fünf Gemälde: Frans Hals, „Brustbild

eines jungen Mannes“ ... )

... „Landstraße mit Bauernwagen und Kühen“

von Jan Brueghel dem Älteren ...

... und die „Heilige Katharina“ von Hans

Holbein. STIFTUNG SCHLOSS FRIEDENSTEIN (3)

Der Gothaer Museumsraub weitete sich

zu einem der größten Ermittlungsverfahren

in der DDR-Kriminalgeschichte aus. Wochenlang

lief eine Großfahndung, die Ermittlungen

wurden bis nach Polen und in die

CSSR ausgeweitet. Die Stasi eröffnete einen

Operativen Vorgang mit der Bezeichnung

„Alte Meister“, er wurde erst im Sommer

1985 eingestellt. Doch Täter wie Beute blieben

unauffindbar.

DieSpurensuche hatte mehrereAuffälligkeiten

ergeben. So war unübersehbar, wie

zielgerichtet sich die Räuber durch das Gebäude

bewegt und nicht etwa nur die Bilder

geraubt hatten, die sie in kurzer Zeit am

leichtesten erreichen konnten. Daserste Gemälde

zum Beispiel hing noch direkt neben

dem Fenster, durch das der Fassadenkletterereingedrungen

war.Die nächsten aber befanden

sich in einem anderen Raum. Und

die „Heilige Katharina“ von Hans Holbein,

ein Hauptwerkder Sammlung, hing sogar in

einem dritten Ausstellungsraum. Der Einbrecher

wusste genau, was er stehlen wollte.

An dem Fenster, durch das der Dieb eingestiegen

war, fanden die Spurensicherer

eine Sache merkwürdig: Es war so eingeschlagen,

dass es dem Einbrecher unmöglich

gewesen wäre, am Blitzableiter hängend

den Fensterriegel vonaußen zu öffnen. Deshalb

vermutetedie Polizei, dass ein Mitarbeiter

oder ein Besucher den Riegel am Tagzuvor

bereits geöffnet haben könnte und das

Glas beim Einbruch lediglich zerschlagen

wurde,umdies zu verdecken. Mysteriöswar

auch, dass der Einbrecher beim Abstiegüber

denBlitzableiter zwölf der dreizehn vonihm

eingeklemmten Steigeisen wieder einsammelte.

Hatte er das letzte versehentlich oder

mit Absicht vergessen? Undwarum belastete

er sich überhaupt mit diesen jeweils etwa

fünf Kilogramm schweren Eisen, wo er doch

schon mit seinen Kumpanen die schweren

gerahmten Gemälde zum Fluchtfahrzeug

schleppen musste? Die Steigeisen waren,

auch bemerkenswert, aus einer bestimmten

Stahllegierung gefertigt, wie sie damals nur

im Westen verwendet wurde. Eine absichtlich

gelegte Spur?

Undnochetwas ist seltsam: DieExperten

der Spurensicherung fanden vor dem

Schlossgebäude nicht ein Krümelchen abgeplatzten

Stucks vonden Rahmen,obwohl

die Gemälde bei Sturm und Regen offenbar

aus zehn Meter Höhe abgeseilt worden waren.

Nur vom kleinsten der Bilder fand sich

später, unübersehbar platziert, eine kleine

Holzleiste des Rahmensimnahen Park.

Ungeklärt blieb auch, auf welchem Weg

die Bilder weggeschafft wurden. Ein Lkw

oder Kleintransporter,der unter dem Fenster

an der Schlossmauer stand, schied aus. Das

Fahrzeug, mit dem die Bilder weggebracht

wurden, musste irgendwo anders gestanden

haben. Die Polizei setzte Fährtenhunde ein,

die tatsächlich die Witterung von zwei Spuren

aufnahmen. Eine davon endete an einer

Straße, unweit des Schlachthofs. Dort verkehrten

regelmäßig Lkw aus der Bundesrepublik,

die das für den Export vorgesehene

Fleisch abholten. Noch auf dem Gelände

wurden dieLaster beladen undvom Zoll verplombt

–wurden bei dieser Gelegenheit die

gestohlenen Bilder zwischen Schweinehälftenauf

einem Laster versteckt?

Im Schlachthof-Lasterinden Westen?

Ein Beamter ließ sich das sogenannte Exportbuch

aushändigen, in dem vermerkt

war, welche Lkw in der Tatnacht vom

Schlachthof gen Westen gerollt waren. Was

mit dem Buch geschah, ist bis heute jedoch

ungeklärt–esgiltseitdamals als verschollen.

Daranerinnerten sich Ermittler,als sie in der

Wendezeit 1989 einenüberraschenden Fund

machten. Nahe den Kasematten von Gotha

stießen sie auf ein unterirdisches Geheimlager.

Hier hatte die Firma Antikhandel Pirna

Bauerntruhen und andere antike Möbel gelagert,

die in den Westen verkauft wurden.

Die Antikhandel Pirna war die getarnte Aufkauforganisation

der KoKo.Nun wurden Zusammenhänge

hergestellt: Pflegte KoKo-

Chef Schalck-Golodkowski nicht enge Beziehungen

nach Bayern, zuMinisterpräsident

Franz Josef Strauß? Und waren nicht Strauß

und Schalck befreundet mit dem bayerischen

Fleischhändler Josef März, dessen

Laster regelmäßig Lebendvieh vom

Schlachthof in Gothaabholten?

Es ist zweifelhaft, dass es jemals Antworten

auf diese Fragen gibt. Viel wichtiger aber

ist ohnehin, dass die Kunstwerke wiederaufgetaucht

sind. Der Arzt aus Ostfriesland

dürfte kaum eine Chance haben, die Bilder

wieder zurückzubekommen. Denn das Argument,

er habe das Eigentum an ihnen „ersessen“,

wie es juristisch heißt, weil er die

Werkeeinstgutgläubig erworben habe,läuft

ins Leere:Weil dieDDR schon kurznachdem

Raub die international führenden Auktionshäuser

alarmiert und per Inserat inwestlichen

Kunstzeitschriftenvor demErwerbder

geraubten Bilder gewarnt hatte, waren die

Gemälde auf dem Markt als Raubgut bekannt.

Damit aber scheidet ein späterer gutgläubiger

Erwerb aus.Gut möglich also,dass

dieGemälde bald wieder in Schloss Friedenstein

zu besichtigen sein werden. Als wären

sienie weggewesen.

Andreas Förster würde es nicht wundern,wennauchnochdieKistenmitdem

Bernsteinzimmer wiederauftauchen.

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