Dossier "Frieden fördern" der Aktion Sternsingen 2020

mission2015

Wie die Geschwister auf dem Titelbild des Dossiers «Frieden fördern» leben rund eine Million syrische Flüchtlinge im kleinen Nachbarland Syrien. Etwa ein Drittel von ihnen lebt in der Bekaa-Ebene. In den Flüchtlingslagern nahe der syrischen Grenze wohnen sie unter prekären Bedingungen.

Im Dossier erfahren Sie, wie Frieden gefährdet und wie Frieden gefördert werden kann. Das machen die Beiträge der Projektpartner, der Fachleute und der Mitarbeiter*innen deutlich.

TEIL 2

WIE ERREICHT UND STABILISIERT MAN FRIEDEN?

Säulen des Friedens

Wie hängen Frieden, Gerechtigkeit und Recht zusammen?

Ein theologisch-ethischer Zugang

Dr. Markus Patenge ist Referent für den Arbeitsbereich Frieden bei der

Deutschen Kommission Justitia et Pax in Berlin.

Schon vor rund 2.800 Jahren erkannten die Verfasser des

alttestamentlichen Buches Jesaja den Zusammenhang

zwischen Frieden, Gerechtigkeit und Recht. In verschiedenen

Abschnitten halten sie den Widersachern des Friedens

schonungslos den Spiegel vor. Eine besonders eindrückliche

Mahnung findet sich in Jesaja 59,8-9a: „Den Weg des Friedens

kennen sie nicht, auf ihren Spuren gibt es kein Recht. Sie

machen selbst ihre Pfade krumm; niemand, der darauf geht,

lernt Frieden kennen. Darum bleibt das Recht von uns fern,

die Gerechtigkeit erreicht uns nicht.“ Diese Beschreibung hat

bis heute nichts an ihrer Aktualität verloren. Wo es keinen

Frieden gibt, lassen sich weder Recht noch Gerechtigkeit

finden; und wo es an Recht und Gerechtigkeit mangelt, wird

sich auch kein Frieden einstellen. Doch wie ist dieser Zusammenhang

zwischen Recht, Gerechtigkeit und Frieden zu

verstehen?

Definitionsproblem verschoben. Denn was heißt es, frei von

Gewalt zu leben? Können wir beispielsweise in Deutschland

nicht froh sein, dass wir eine funktionierende Staatsgewalt

haben und das Gewaltmonopol bei ebendiesem Staat liegt?

Eine umfassende Erörterung des Gewaltbegriffs würde hier

zu weit führen, sicher muss aber rechtmäßige von unrechtmäßiger

Gewalt unterschieden werden.

Trotz dieser Abgrenzungsprobleme liegt der Vorteil der

Gegenüberstellung von Frieden und Gewalt entgegen der von

Frieden und Krieg auf der Hand. Wie die deutschen Bischöfe

festhalten, ist Krieg zwar eine der furchtbarsten Formen von

Gewalt und bewirkt eine nachhaltige Störung des Friedens,

doch ist er aus friedensethischer Perspektive letztlich „nur“

ein Ausdruck der vielfältigen Möglichkeiten unrechtmäßiger

Gewalt.

Gewalt als Gegenbegriff zu Frieden

Eine Antwort auf diese Frage hängt maßgeblich davon ab, was

unter dem weiten Begriff des Friedens verstanden werden soll.

Als die Europäische Union (EU) im Jahr 2012 den Friedensnobelpreis

erhielt, konnte man der Begründung des Nobelkomitees

entnehmen, dass durch die Entwicklung und Etablierung

der EU der europäische Kontinent seine zutiefst kriegerische

Vergangenheit bewältigen konnte und sich zu einem Friedensprojekt

entwickelt habe. In einer ersten Annäherung lässt sich

also festhalten, dass Frieden die Abwesenheit von Krieg ist. So

richtig diese Aussage auch ist, so lückenhaft ist sie zugleich.

In ihrer Schrift „Gerechter Friede“ aus dem Jahr 2000 legen die

deutschen Bischöfe überzeugend dar, dass der Gegenbegriff zu

Frieden nicht Krieg, sondern Gewalt ist. Ob Menschen in einer

bestimmten Region in Frieden leben können, lässt sich nicht

allein daran festmachen, ob in dieser Region Krieg herrscht

oder nicht. Vielmehr muss die Frage gestellt werden, ob die

Menschen frei von Gewalt leben können. Doch damit wird das

Menschenrechte als Ausdruck der Menschenwürde

Welche Kriterien können angelegt werden, um die verschiedenen

Formen von Gewalt zu unterscheiden? Aus einer theologisch-ethischen

Perspektive liefert der Mensch selbst das

entscheidende und fundamentale Kriterium. Als Ebenbilder

Gottes geschaffen, besitzen alle Menschen eine unverlierbare

Menschenwürde. Diese ist Ausdruck der prinzipiellen Freiheit

des Menschen sowie seiner Entscheidungsfähigkeit, die im

eigenen Gewissen täglich spürbar werden kann. Konkreten

rechtlichen und moralischen Ausdruck erfährt die Menschenwürde

in den unveräußerlichen Menschenrechten. Die hier

grundgelegten Rechte jedes Menschen sollten dabei aber nicht

auf einen Kodex beliebiger westlicher und neuzeitlicher

Freiheits-, Abwehr- und Gleichheitsrechte reduziert werden

– in ihnen steckt weit mehr. Ausgehend vom christlichen

Menschenbild sollen die Menschenrechte einen Raum öffnen,

in dem der Mensch tatsächlich im tiefsten Sinn sein Menschsein

verwirklichen kann, und diesen Raum verbindlich

garantieren. Derart mit Freiheit und Rechten ausgestattet,

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