Berliner Zeitung 11.12.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 288 · M ittwoch, 11. Dezember 2019 5 *

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Hauptstadt

EINER VON 709

EINE SERIE ÜBER ABGEORDNETE, DIE UNS AUFGEFALLEN SIND

MIERSCHEID

ÜBER SEINE PLÄNE

EIN WEGGEFÄHRTE

ÜBER MIERSCHEID

„Damit ihr das nicht

vergesst: Ichbin wieder

da, denn es hat

niemand gegen mich

gestimmt.

Ich mache weiter

wie bisher.

(...)

Für vier Jahre.

Traurig bin ich schon.

Aber mutlos nicht.

Und vogelfrei bin ich

auch nicht.

Aber flügelfrei.

Wir sollten kein

Geflügel sein.

Nicht durcheinanderlaufen

und nur

schnattern.“

Jakob Maria Mierscheid,

Bundestagsabgeordneter,

in der Nachricht, mit der er sich für die

19. Legislaturperiode zurückmeldete

Der Mahner von der letzten Bank

Seit 40 Jahren sitzt

Jakob Mierscheid im

Bundestag. Zu Gesicht

bekommen hat ihn

noch keiner.Aber was

beweist das schon?

VonTanja Brandes

Einmal, so schien es, reichte es ihm.

Im Jahr 2005 war das.Daging das Gerücht

um, Jakob Maria Mierscheid

sei aus der SPD ausgetreten. Er

strebe,sohieß es,eine zweite Karrierebei den

Linken an. War natürlich alles gelogen. Die

SPD-Fraktion dementierte auch prompt.

Eine SPD ohne Mierscheid? Das ist schon

lange nicht mehr denkbar. Dabei behaupten

böse und besonders hartnäckige Zungen immer

noch, Jakob Mierscheid sei nur ein Phantom.

Erfunden aus einer Laune heraus von

den drei SPD-Bundestagsabgeordneten Dietrich

Sperling, Karl Haehser und Peter Würtz.

Am Rande einer Haushaltssitzung hätten die

Abgeordneten den Kollegen am 11. März

1979 ersonnen, um den verstorbenen Genossen

Carlo Schmid zu ehren –und den Betrieb

gleichzeitig ein wenig aufzulockern, in einer

Zeit, in der es in der Bonner Republik wenig

zu lachen gab.

Es stimmt schon: Jakob Mierscheid macht

sich rar. So richtig gesehen hat ihn auch noch

niemand. Das liegt daran, dass Mierscheid

immer sehr beschäftigt ist. So beschäftigt,

dass er auch nicht anwesend war, als der damalige

Bundestagspräsident Norbert Lammert

ihn anlässlich seines 80. Geburtstages

am 1. März 2013 im Parlament öffentlich

würdigte. Einen „geschätzten und gelegentlich

verzweifelt gesuchten Kollegen“ nannte

Lammert den Sozialdemokraten. Und betonte

sogleich, Spekulationen, dass es Mierscheid

gar nicht gebe,seien durch zahlreiche

Fundstellen in der Literatur widerlegt.

Es muss zermürbend sein, ständig in seiner

Existenz angezweifelt zu werden. Gerne

möchte man Mierscheid persönlich danach

fragen. Doch trotz großer Bemühungen

kommt kein Treffen zustande.Das ist enttäuschend,

aber nicht wirklich überraschend.

Mierscheid ist keiner,der sich in den Vordergrund

drängt. Mankönnte ihn auch als scheu

bezeichnen. „Erist extrem uneitel, immer auf

die Sache konzentriert, sachlich, unbestechlich.“

So beschreibt ihn einer, der es wissen

muss. Friedhelm Wollner, ehemaliger Büroleiter

des Staatssekretärs Sperling im Bauministerium

und späterer Geschäftsführer der

SPD-Fraktion, ist immer schon Weggefährte

Mierscheids.Kaum einer kennt ihn so gut wie

Wollner. Immer wieder heißt es, Wollner sei

der eigentliche Erfinder der Figur Mierscheid.

Tatsächlich weiß Wollner verdächtig

gut über Jakob Mierscheid Bescheid. Auch

über dessen persönlichenWerdegang kann er

Auskunft geben.

Morbachs ganzer Stolz

Geboren wurde Jakob MariaMierscheid am 1.

März1933 in Morbach im Hunsrück in Rheinland-Pfalz.

Er ist, so weißWollner zu berichten,

ein Nachfahrevon Johannes Bückler,der Ende

des 18. Jahrhunderts als der Räuber Schinderhannes

berühmt und berüchtigt wurde. Und

in Morbach selbst ist man besonders stolz auf

den berühmten Sohn der Stadt. Seinen 80. Geburtstag

feierte der ganzeOrt.

In einemInterview mit der taz war zu lesen,

dass Mierscheid Vater von vier Kindern und

überdies leidenschaftlicher Taubenzüchter

sei. Darüber hinaus ist über sein Privatleben

nicht viel bekannt. Er macht lieber durch Tatenvon

sich reden. Es kümmertihn auch wenig,

wenn er als„Archetyp des Hinterbänklers“

bezeichnet wird.„Ohne Hinterbänkler gäbe es

keine erste Reihe“, hat er dem Behörden-Spiegel

gesagt.„Es müssen auch welche arbeiten.“

In die Tagespolitik mischt er sich natürlich

ein, wie etliche Statements beweisen, die er –

wohl auch aus Zeitgründen –inder Regel

schriftlich verbreiten lässt. Im Zusammenhang

mit der sogenannten Flüchtlingskrise

mahnte Mierscheid zur Besonnenheit –

schließlich seien Preußen und Berlin nur mit

der Hilfe von holländischen Handwerkern,

russischen Sängern, kroatischen Arbeitern

und Menschen aus vielen anderen Nationen

überhaupt entstanden. Sogar Sachsen habe

man erfolgreich integriert. Nur mit den

Schwaben hapereesbis heute.

Sollte JakobMierscheid wirklich erfunden

sein, dann wäreerein wunderbares Medium

der Ehrlichkeit. Oder, wie Friedhelm Wollner

es ausdrückt, „eine Möglichkeit, sanktionsfrei

Bosheiten zu verbreiten“. Seine absolute

Offenheit ist Mierscheid auch schon auf die

Füße gefallen. So soll er vom einstigen SPD-

Fraktionschef Franz Müntefering eine Abmahnung

kassiert haben, nachdem er „Ulla

Schmidt“ als Unwort des Jahres vorgeschlagen

hatte. Mierscheid wird seine Gründe gehabt

haben. „Erist ein Mahner“, sagt Wollner.

„Er spricht aus, was andere nicht zu sagen

wagen.“ Gleichzeitig sei er der Idealtyp eines

sachorientierten, zurückhaltenden Politikers.„Erst

nachdenken, dann reden –das ist

ein Motto, das Mierscheid immer beherzigt

hat“, sagt Wollner.

Es bleibt die ewige Frage, ob Jakob Mierscheid

auch in der nächsten Legislaturperiode

in den Bundestag einzieht. Gebraucht

wird erbei der SPD allemal. Vielleicht mehr

denn je. „Mir wird diese Frage oft gestellt“,

sagt Wollner. „Meine Antwort ist immer: ‚Jakob

Mierscheid kommt in den Bundestag,

weil er keine Gegenstimme erhält‘.“ Verewigt

ist Mierscheid ohnehin schon. Ein kleiner

Steg,der in luftiger Höhe das Paul-Löbe-Haus

mit dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus verbindet,

trägt seinen Namen. Anlässlich der

Einweihung twitterte Parteikollege Thomas

Oppermann über Jakob Mierscheid: „Wenn

es ihn nicht gäbe,müsste man ihn erfinden.“

Tanja Brandes könnte schwören, dass

sie Jakob Mierscheid erst neulich im

Bundestag gesehen hat.

ISABELLA GALANTY

„Mierscheid ist ein

Überlebender jener

Bonner Republik, die

Ende der 70er-Jahre

nach dem RAF-Terror

und der beginnenden

Nachrüstungsdebatte

ziemlich düstere Zeiten

erlebte, mit einem

wenig zuScherzen

aufgelegten

SPD-Kanzler Helmut

Schmidt an der

Spitze. Da empfanden

viele das Augenzwinkern,

das die

Auftritte Mierscheids

begleitete, als eine

seltene, willkommene

Leichtigkeit im

politischen Alltagsgeschäft.

Und das

funktioniert bis

heute.“

Holger Schmale, Journalist

PLATZ DER REPUBLIK

Diese jungen

Leute

Holger Schmale

freut sich über ein neues Europa.

Esgab einmal eine Zeit, da machten

sich mächtige Männer aus

den USA lustig über das „alte“ und

das „neue“ Europa. Ihr Wortführer

hieß Donald, jawohl, Donald Rumsfeld,

Verteidigungsminister in Washington

und einer der Strategen des

Angriffs der USA auf den Irak Saddam

Husseins.Als„altes“ Europa beschimpfte

er unwillige Länder wie

Deutschland und Frankreich, „jung“

waren in seinen Worten osteuropäische

Länder wie Polen, die sich gern

in die amerikanische Kriegskoalition

der Willigen einreihten. Rumsfeld

war 2003 übrigens 71 Jahre alt, und

der Irak, dem die USA Frieden, Freiheit

und Demokratie bringen wollten,

versinkt gerade in einer Welle

von Unterdrückung, Gewalt und

Chaos. Aber das ist ein anderes

Thema.

Interessanter ist ein Blick unter

dem Aspekt von jung und alt auf die

politische Welt von heute. Wir erleben

gerade eine Phase, inder junge

Menschen vor allem in Europa wohl

so wirkmächtig wie noch nie waren.

In Österreich steht der 33-jährige Sebastian

Kurz davor, erneut zum

Kanzler gewählt zu werden. In Finnland

übernimmt die 34-jährige

Sanna Marin das Amt der Ministerpräsidentin.

In Neuseeland regiert

seit 2017 die heute 38 Jahre alte Jacinda

Ardern, die nach dem Massaker

in zwei Moscheen von Christchurch

ihr Land entschlossen durch

eine Phase großer Angst und Verunsicherung

führte.

In Deutschland sind die Jungen

noch nicht ganz so weit, aber ihr Einfluss

ist unübersehbar. Man kann

sich über den erst 30 Jahre alten Kevin

Kühnert mokieren, doch dass er

derzeit der mächtigste Mann in der

SPD ist, war in den vergangenen Wochen

unübersehbar. Und nicht nur

das. Indirekt entscheidet er mit darüber,

obDeutschland weiter von einer

großen Koalition regiert wird

oder nicht. Da ist er womöglich sogar

einflussreicher als sein Duzkollege

Paul Ziemiak, der es immerhin mit

34 zum CDU-Generalsekretär gebracht

hat. Unddaist schließlich die

Protestgeneration „Fridays for Future“,

eine Jugendbewegung, die der

Politik den Kampf gegen die Klimakrise

auf die Tagesordnung diktiert

hat. Dasist mindestens vergleichbar

mit dem Einfluss der ruhmreichen

68er-Studentenbewegung.

Wenn wir nun aber in die USA

schauen, sehen wir ein ganz anderes

Bild. Präsident Donald Trump ist 73

Jahre alt, seine mächtigste Gegenspielerin

im Kongress, Nancy Pelosi,

wird im kommenden Jahr 80. Das

Rennen um die Nominierung zum

Präsidentschaftskandidaten der Demokraten

machen fast nur alte Männer

unter sich aus: JoeBiden, 77; Bernie

Sanders,78; MichaelBloomberg,

78. Da wirkt die gerade 30 gewordene

prominente Aktivistin und Kongressabgeordnete

der Demokraten

AlexandraOcasio-Corteztatsächlich

wie eine Besucherin aus einer ganz

anderen Welt. Nun sind bekanntlich

weder Alter noch Jugend ein Verdienst

und sagen allein auch nichts

über Eigenschaften von Personen.

Aber möglicherweise doch etwas

über die Qualität politischer Systeme,

die dem Machterhalt alter reicher

Männer (und sehr weniger

Frauen) dienen, oder sich jungen

Menschen öffnen. Freuen wir uns

also über ein neues Europa.

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