Berliner Zeitung 13.12.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 290 · F reitag, 13. Dezember 2019 3

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Seite 3

Kampf ums Stadion

Die Stadion-Baustelle im Freiburger Westen im August

DPA/PATRICK SEEGER

Im Freiburger Stadtteil Mooswald, wo

die Straßen Hasenweg, Schneckengraben

oder Am Vogelbach heißen, reihen

sich Einfamilienhäuser mit gepflegten

Vorgärten aneinander, auf viele Dächer sind

Photovoltaikanlagen montiert. Im nahe gelegenen

Millenniumswald gedeihen Spitzahorn,

Speierling und die Kaukasische Flügelnuss.Die

Anhöhe Monte Scherbelino nutzennicht

nur Jogger und Hundebesitzer zum

Auslauf mit ihren Tieren. Von hier aus genießt

man auch eine herrliche Aussicht über

den Mittleren Schwarzwald mit seinen Bergen

Roßkopf und Kandel.

DerAussichtspunkt ermöglicht zudem einen

unverstellten Blick auf den Freiburger

Flugplatz. Hier heben kleine Motor- und Segelflugzeuge

ab, die Umrisse der Technischen

Fakultät der Universität sind zu erkennen,

auf der anderen Seite des Areals steht

eine Mehrzweckhalle, in der Messen und

Konzerte stattfinden. Und direkt am Fuße

des Berges ragen Kräne auf einer gewaltigen

Baustelle in die Höhe.

Seit Märzentsteht hier das neue Fußballstadion

des SC Freiburg. Ab der kommenden

Saison möchte der Verein, am Sonnabend

beim Hauptstadtklub Hertha BSC zu Gast, in

der Arena kicken. Rund 130 Millionen Euro

kostet das Projekt. Seit zehn Jahren beschäftigt

dieses Fußballstadion nun schon die

Stadt, mit teils heftigen Kontroversen. Man

kann vor diesem Hintergrund erahnen, was

für ein weiter Wegvor Hertha BSC noch liegt,

bis der Verein eines Tages irgendwo in Berlin

oder im Umland ein reines Fußballstadion

als sportliches Zuhause hat.

Streit um die Anstoßzeiten

In Freiburgwirdschon eifrig gebaut. Baubürgermeister

Martin Haag (parteilos) sagt nach

jetzt neun Monaten: „Eineinhalb Jahre sind

sehr sportlich, aber bislang läuft alles nach

Plan.“ Dass dennoch alle Beteiligten mit einer

gewissen Anspannung zu kämpfen haben,

liegt zum einen daran, dass bei derlei

großen Infrastrukturprojekten immer etwas

schiefgehen kann, weil auch jedes noch so

kleine Teil abgenommen werden muss. Vor

allem wartet ganz Freiburggespannt auf eine

Nachricht aus Mannheim. Der dort ansässige

Verwaltungsgerichtshof des Landes Baden-Württembergmuss

bestätigen, dass das

Stadion auch wirklich zu allen Anstoßzeiten

nutzbar ist. Dasgalt bis vorkurzemnoch keinesfalls

als gesichert.

Im Oktober versetzte das Gericht Stadtverwaltung,Verein

und Fans in Schockstarre,

zumindest kurzfristig. Aufgrund der Sportanlagenlärmschutzverordnung

wurde dem

Sport-Club untersagt, während der Ruhezeiten

zwischen 20 und 22 Uhr, nachts ab 22

Uhrsowie sonntags zwischen 13 und 15 Uhr

Spiele auszutragen. Zahlreiche Partien hätten

unter diesen Umständen also nicht statt-

Der SC Freiburg, Herthas Bundesliga-Gegner am Sonnabend,

darf in der heimischen Arena nur dank einer Sondergenehmigung

spielen. Deshalb wird derzeit eine neue Spielstätte gebaut.

Es hat heftige Diskussionen über das Projekt gegeben,

jetzt wird gebaut und zugleich prozessiert. Auchfür den Hauptstadtklub

Hertha BSC wird der Wegzum neuen Stadion noch schwer werden

VonBenedikt Paetzholdt, Freiburg

finden können. Die Klubs sind allerdings

dazu verpflichtet, für alle Anstoßzeiten und

Termine ein Stadion bereitzuhalten −oder

eine Ausweichspielstätte zu benennen. Andernfalls

gibt es keine Lizenz der Deutschen

Fußball Liga (DFL).

Freiburgs Stürmer Nils Petersen, der mit

seinen Kollegen derzeit noch auf der anderenSeite

der Stadt spielt, sagt:„Imersten Moment

hat das hier jeden irritiert. Ich baue

derzeit selber ein Haus und merke, was damit

verbunden ist, welche Wartezeiten dabei

vorkommen können und welche Genehmigungen

notwendig sind. Es war für mich

schwer vorstellbar, dass die Verantwortlichen

bei einem solchen wichtigen Projekt etwas

Entscheidendes verpasst haben. “

Noch am selben Tagwurden eilig die umfassenden

Dokumente gesichtet, die als

Grundlage für den Stadionbau dienen. Und

dabei fiel einem Mitarbeiter des Freiburger

Rechtsamts auf, dass die Richter nicht die aktuelle

Sportstättenlärmschutzverordnung

angewendet hatten. 2017 hat der Deutsche

Bundestag beschlossen, die Richtwerte für

die abendlichen Ruhezeiten sowie die Ruhezeiten

an Sonn- und Feiertagen von13bis 15

Uhrvon 50 auf 55 Dezibel zu erhöhen. Wolf-

Dieter Winkler, der als Stadtrat der stadionkritischen

Wählerliste Freiburg Lebenswert

zugleich im Aufsichtsrat der Stadion-Gesellschaft

sitzt, sagt: „Man mag sich wundern,

dass ausgerechnet beim Lärm die Grenzwerteverwässertwurden,

während sie in anderen

Bereichen verschärft werden.“ Dennoch

ist für ihn klar, dass der Verein zu allen

relevanten Anstoßzeiten in seinem Stadion

spielen kann.

Auch wenn den Richternein ungewöhnlicher

Fehler unterlaufen ist, den Streitparteien

dieser auch eingestanden wurde,bleibt

eine gewisse Unsicherheit zum Jahreswechsel

bestehen. Denn die Richter,die im Eilverfahren

den Beschluss getroffen hatten, können

diesen nicht einfach rückgängig machen.

DasUrteil gilt als unanfechtbar.Esbedarf

eines Rechtsmittels namens

Anhörungsrüge. Auf diesem Weg kann ein

Betroffener auf Defizite in der Urteilsfindung

aufmerksam machen.

Nachdem das Regierungspräsidium Freiburg,

das den Stadionbau genehmigt hat,

seine Argumente vorgetragen hat, sind derzeit

die sechs Kläger an der Reihe, die aus

Gründen des Lärmschutzes geklagt hatten.

Am 15. Januar endet ihre Frist für eine Stellungnahme.

Erst dann wird es endgültige

Klarheit geben. Baubürgermeister Haag sagt:

„Ich baue selber ein

Haus und merke, was

damit verbunden ist,

welche Wartezeiten dabei

vorkommenkönnen,

welche Genehmigungen

notwendig sind.“

Nils Petersen, Stürmer des SC Freiburg

„Wir werden keinen Druck auf das Gericht

ausüben. Wirmüssen nun einfach abwarten,

bis es eine Entscheidung gibt.“

DieKläger selbst wollen sich nicht zu dieser

Lärmschutzposse äußern. Ursula Jautz, 1.

Vorsitzende der stadionkritischen Bürgerinitiative

Pro Wolfswinkel und zugleich Vorsitzende

des Bürgervereins Mooswald, antwortete

auf Anfrage der Berliner Zeitung nur:

„Während der Dauer des schwebenden Verfahrens

gebe ich keinerlei Stellungnahme

zur Stadionthematik ab.“

Ohnehin hat es den Anschein, dass sich

viele Anwohner, die bei 35 000 Zuschauern

neben dem Lärm vor allem den zunehmenden

Verkehr fürchten, inzwischen damit abgefunden

haben. Bereits vorknapp fünf Jahrenstimmten

58,2 Prozent der Freiburger bei

einem Bürgerentscheid für diesen Standort.

Protestplakate,auf denen„Nein zum SC-Stadion

im Wolfswinkel“ oder „Hände wegvom

Mooswald“ steht, sind an immer weniger

Häuserfassaden oder Zäunen zu finden. Die

Verkäuferin in einer nahe gelegenen Bäckerei

sagt: „Ich arbeite hier schon lange, aber

ich kann überhaupt nicht feststellen, dass es

hier großen Protest gibt.“

Anders als in Berlin, wo es ein umfassend

nutzbares Olympiastadion gibt, weiß man in

Freiburg seit langem, dass die bisherige

Spielstätte zwischen dem FlussDreisam und

der Schwarzwaldstraße nur begrenzt nutzbar

ist. Während die Anwohner der neuen

Arena immerhin rund 300 Meter entfernt

wohnen, wackeln aktuell sprichwörtlich die

Wände,wenn die Heimelf ein Torerzielt. Die

Distanz zur Südtribüne beträgt gerade mal

zwanzig Meter. Die Zuschauerkapazität ist

auf 25 000 gedeckelt, der neue Standortfasst

10 000 Besucher mehr.

Zudem spielen die Freiburger mit einer

Sondergenehmigung. Die Spielfläche beträgt

101 mal 68 Meter, eigentlich muss das

Feld vier Meter länger sein. Undder Höhenunterschied

zwischen den beiden Toren einen

Meter. Freiburgs Sportvorstand Jochen

Saier sagt: „Ausnahmegenehmigungen sind

kein Dauerzustand. Bei der nächsten Baumaßnahme

hätten wir das lösen müssen.Wir

sind zudem seit Jahren ausverkauft und

komplett ausvermarktet.“ Einneues Stadion

ist demnach die einzige Option, um dieWettbewerbsfähigkeit

des Klubs langfristig zu erhalten.

Als der Verein 2009 damit begonnen hatte,

laut über eine Alternative nachzudenken,

wurde auch über einen Standort jenseits der

Stadtgrenze diskutiert, ähnlich wie die Variante

Ludwigsfelde bei Hertha BSC. Einunrealistischer

Vorschlag für Freiburger Verhältnisse.Eine

Arena, die nur mit dem Auto zu erreichen

ist, passt nicht zum Klub, den viele

Fans mit dem Fahrrad und dem ÖPNV ansteuern.

Zudem gehört der Sport-Club nach

Ansicht des Baubürgermeisters zu den Symbolen

der Stadt: „Das ist für viele typisch Freiburg,

so wie das Münster oder die Bächle.“

Freiburg ist aber auch bekannt als erste

deutsche Großstadt, die einen Bürgermeister

der Grünen stellte und sich als besonders

ökologisch versteht. Kein Wunder also, dass

die Regierenden zunächst mal wenig Begeisterung

für ein solches Großbauprojekt aufbrachten.

Zumal auch in Freiburgpotenzielles

Bauland rar ist. Dennoch wurde 2011

schließlich ein Gutachten mit 25 potenziellen

Standorten in Auftrag geben. Zwei Jahre

später kristallisierte sich der sogenannte

Wolfswinkel, der lange kritisch gesehen

wurde, als Wunschlösung der Städteplaner

heraus. Es folgten Bürgerversammlungen,

Dialogforen und Sitzungen des Freiburger

Gemeinderats,die Augenzeugen als teils äußerst

ruppig beschreiben.

Gestörte Idylle

Christoph Maschowski war bei vielen hitzigen

Diskussionen anwesend. Als Mitglied

der Akademischen Fliegergruppe kämpfte

auch er zusammen mit seinen Mitstreitern

anfangs heftig gegen diesen Standort. Denn

die Hobbypiloten der Region, die mit ihren

Motor- und Segelflugzeugen hier abheben,

„haben die Hälfte ihres Flughafens verloren“.

DieFlugsportler gehen ihrem Hobbyin

der Regel weitgehend geräuschlos nach. In

den vergangenen Jahren gelang es ihnen

aber trotzdem, Gehör zufinden. Nach der

Ankündigung, gegen den Bau amFlughafen

klagen zu wollen, ließ die Stadt eine neue

Grasbahn bauen, die noch nicht offiziell genehmigt

ist, aber trotzdem genutzt werden

darf. „Wenn jetzt alles so läuft wie versprochen,

können wir gut damit leben“, sagt er.

Und damit stehen die Freizeitsportler

sinnbildlich für viele Freiburger. Seit dem

Bürgerentscheid vom 1.Februar 2015 ist die

Akzeptanz gewachsen, viele Kritiker haben

das Votum akzeptiert. Einige Anwohner wollen

dennoch nicht kleinbeigeben. „Wir finden

das überhaupt nicht amüsant“, sagt Maschowski,

„wir wollen uns mit den Klägern

nicht identifizieren.“ DieIdylle rund um den

Mooswald ist wohl nachhaltig gestört, auch

wenn der SC zukünftig nur zweimal im Monat,

meist nachmittags,hier spielen wird.

Benedikt Paetzholdt

ist überrascht, wie sich seine alte

Heimat Freiburg veränderthat.

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