Berliner Zeitung 14.12.2019

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2 Berliner Zeitung · N ummer 291 · 1 4./15. Dezember 2019

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Report

Modernisierung in Lichtenberg

Lob des Kachelofens

VonMaria Thiele

Inder Lichtenberger Wohnung, in der ich

aufwuchs, standen früher drei große

schöne Kachelöfen. Um zu heizen, gingen

mein Bruder und ich mit jeweils zwei Metallbehältern

in den Händen die Treppen

herunter in den Keller, indem ein großer

Haufen schwarzer Kohleblöcke lag. Jeder

vonuns schnappte sich dann ein paar Kohlestücke,

stapelte diese in den Behältern

und schleppte sie nach oben zum Steinofen.

Dann schoben wir ein paar Kohlestücke in

die obere Kaminöffnung, zündeten ein

Zündi an, schoben es vorsichtig dazu und

beobachteten fasziniert das Spektakel der

tänzelnden Flammen. Wenn es dann allmählich

warmwurde,liebte ich es,oben auf

den Ofen hinaufzukletternund mich mit einer

Decke auf die Kacheln zu legen, bis nach

einer Stunde das ganzeZimmer beheizt war.

Im Jahr 1998 erhielten meine Eltern einen

Brief vomVermieter.Ich hörte das Wort

Modernisierung. Ich spürte die Anspannung

und die Unruhe, verstand jedoch

nicht, was das alles bedeutete. Irgendwann

waren alle unsere Freunde und Nachbarn

weg. Dann rückten Bagger und Kräne an, es

wurde laut und dreckig. AusunseremWohnblock

zogen circa 180 Familien aus,nur zwei

blieben –darunter wir.„Die Partisanen, die

der Mieterhöhung trotzten“, sagte neulich

unser ehemaliger Nachbar „Onkel Mario“.

Laufübungen: Maria Thiele wird von einer Nachbarin

gehalten.

PRIVAT

In unserer Wohnung stapelten wir damals

all unsere Möbel und all unsere Sachen,

einfach alles jeweils in der Mitte der

Zimmer. Ständig kamen Handwerker herein,

liefen durch die Wohnung, schoben unsere

Sachen beiseite, rissen den Boden auf

und die Fenster ein. Als unsereWohnung an

der Reihe war, zog meine Familie für etwa

ein halbes Jahr sechs Häuser weiter in eine

der nun leer stehenden, noch nicht umgebauten

Wohnungen. Dort gab es nichts außer

ein paar Luftmatratzen, auf denen wir

schliefen, eine Campingkühlbox und einen

Stuhl mit einem kleinen batteriebetriebenen

Schwarz-Weiß-Fernseher drauf.

Irgendwann zogen wir endlich wieder

zurück in unsere richtige Wohnung. Die

Öfen waren nun weg, an deren Stelle gab es

nun ein eingenageltes Brett. Dafür hingen

Zentralheizungen unter jedem Fenster. Die

Häuserfassade war nicht mehr grau, sondern

sonnengelb. Die Stellen, an denen die

Fassade bis auf den Ziegelstein abgefallen

war,waren neu gemacht.

Wenn mir heute kalt ist, drehe ich die

Zentralheizung auf, und innerhalb weniger

Minuten wird es warm, ohne dass ich

schwereKohlebehälter schleppen muss.Ein

Spektakel ist es jedoch nicht. Dasbleibt den

Öfen meiner Kindheit vorbehalten.

DerMoment, in dem mir die Auswirkungen

der Wende in allen Zügen deutlich wurden,

war der, als ich den dreiseitigen Mietvertrag

meiner Eltern von 1987 wiederfand.

Damals zogen sie in die oben beschriebene

Wohnung ein. In dem Dokument steht:„Der

Mietpreis für dieWohnung beträgt 113,5 M.“

Ich legte den heutigen zwölfseitigen Mietvertrag

für dieselbe Wohnung daneben. Die

Miete beträgt 1300 Euro warm.

Maria Thiele wurde 1988 in Minskgeborenund lebt in

Berlin.

Feiern inEschweiler

Das Fußball-Feuerwerk

VonMax Haarich

Max Haarich (l.) und sein Zwillingsbruder Konrad

(r.) mit einem Freund in Aschersleben

PRIVAT

Ich war sechs Jahrealt und wohnte im kleinen

Eschweiler bei Aachen, also im äußersten

Westen, circa 650 Kilometer vonder

Berliner Mauer entfernt. Trotzdem werde

ich die Nacht des Mauerfalls nie vergessen.

Es war bereits 22 Uhr. Mein Zwillingsbruder

Konrad und ich schliefen schon tief und fest

in unserem Etagenbett, als unserVater Horst

uns weckte.„Kommt, Kinder,auf dem Markt

ist Feuerwerk.“ Feuerwerk? Für uns Kinder

gab es nicht Geileres. Sofort sprangen wir

auf, zogen Jeanshose und Jeansjacke an,

und es ging raus in die sonst so verbotene

Nacht. Unser Vater führte uns durch die

dunklen Gassen Eschweilers.

Nachts wirkte alles so unheimlich und

gefährlich, wie unsere Eltern immer warnend

gesagt hatten: In den schmalen dunklen

Gassen standen überall große gefährliche

Erwachsene herum und tranken Bier.

Die lachten und brüllten alle ganz laut. Wir

fühlten uns erst wieder wohler, als wir dem

Markt näher kamen und endlich andere

Kinder sahen. Dieanderen Kinder sprachen

aber nicht mit uns, sondern starrten gebannt

in Richtung Kirche: Eine riesigeWolke

rotleuchtenden Rauchs umhüllte diese.Am

Himmel darüber explodierten Raketen in

den tollsten Mustern und Farben. Ganz

Eschweiler schien für dieses Feuerwerk versammelt

zu sein, alle waren glückselig.

„Das ist Quatsch!“, entgegnet mir meine

Mutter Irene, als ich ihr meine Sicht auf die

damalige Nacht schildere. „Damals gab es

kein Feuerwerk. Das musst du dir eingebildet

haben.“ Aber ich war mir vollkommen

sicher. Ich konnte mich genau an dieses

Feuerwerk im Sommer erinnern. Es muss

Sommer gewesen sein, weil wir ja die leichten

Jeansjacken trugen. Und wir hatten ja

auch allen Grund zu feiern. „Nee, Max. So

war das nicht. Du verwechselst das bestimmt

mit dem Sieg der Fußball-Weltmeisterschaft.

Da gab es vielleicht ein Feuerwerk.

DieWende hätte hier niemand gefeiert. Die

hat uns hier nicht wirklich interessiert. Das

war einfach alles zu weit wegvon uns.“

VomMauerfall bekam man im äußersten

Westen Deutschlands kaum etwas mit beziehungsweise

erst viel später. Erst Monate

danach entdeckte meine Mutter die ersten

Ossis bei uns in Eschweiler. Die erkannte

man, weil sie im Supermarkt so hilflos vor

dem Regal standen mit drei Paketen Wiener

Würstchen in der Hand. „Die wussten nicht,

welche sie kaufen sollten. Bei denen gab es

ja für alles immer nur eine Sorte.“Als meine

Mutter das sagte,fragte ich mich, warum wir

so viele Wiener Würstchen hatten.

Max Haarich, geboren1983inEschweiler,wohnt heute in

München.

Bananen-Aufkleber in Brandenburg

Onkel Tuca auf dem Küchenschrank

Von Quickborn

VonChristian Schlodder

Vor ein paar Jahren entdeckte ich in der

Garage meines Vaters unsere alten Küchenschränke

wieder. Dunkelbraune Leisten

an beige-melierten Türen. Feinste Achtzigerjahre-Moderne.

Könnte vom VEB Küchenmöbel

ratiomat Eppendorf hergestellt

worden sein. Vielleicht ist es sogar Modell

85/03, sagt das Internet. Vielleicht ist es aber

auch ein anderes.

Ichmeine mich noch immer daran zu erinnern,

wie das triste Ensemble einst in unserer

Plattenbauwohnung (Querwandtyp

Nr. 3Variante A) stand. Heute haben meine

Eltern ein Haus, und mein Vater lagert in

den alten Küchenschränken allerhand

Werkzeug und Krempel hinter den blassbeige-melierten

Türen. An einer von ihnen

kleben noch immer viele kleine bunte Sticker.

Bananza steht auf einem grünen. Der

rote Dole-Schriftzug ist auf einem anderen

zusehen. Tropy. Fyffes.Bonitas.Banacol. Tipito.

Unica. Onkel Tuca, grinsend. Chiquita

in Blau. Undviele mehr. Essind Sticker, die

einst auf Bananen klebten. Als wir Kinder

waren, irgendwann Anfang der Neunziger,

KInd mit Sammelleidenschaft: Christian Schlodder

auf der Suche nach Ostereiern.

PRIVAT

durften wir diese kleinen Sticker auf die

blasse Schranktür kleben. Heute wundere

ich mich darüber. Mein Vater ist nicht der

Typ, der es besonders schick findet, Sticker

auf Küchenmöbel zu kleben –ich habe ihn

sogar als recht streng in Erinnerung. Vielleicht

ist die Wahrnehmung verzerrt. Oder

irgendwas hatte sich damals schlagartig verändert.

Nicht nur, dass er alle Augen zudrückte,

wenn wir die Sticker auf die Küchenschranktür

pappten. Er ermutigte uns

sogar, immer neue bunte Werbebilder mit

Papageien, Affen und vor allem Bananen

aufs Pressholz zu kleben.

Wenn ich heute zu meinen Eltern fahre,

komme ich an vielen Orten vorbei, die es

nicht mehr gibt. Der alte Fernsehladen, das

Elektrogeschäft und der Fahrradladen, die

lange geschlossen sind. Die Drogerie. Zwei

Blumenläden, genauso leer wie zwei weitere

Supermärkte.

Derehemalige Schreibwarenladen, nicht

weit vom Spielzeugladen, der keiner mehr

ist.Viele weitereleer stehende Schaufenster,

bei denen ich mich mittlerweile frage, was

dortfrüher einmal gewesen ist. Hier bedeutet

Wandel auch Niedergang.

Und inder Garage meines Vaters steht

noch immer unser alter Küchenschrank mit

all den Aufklebern–Del Monte in Grün, Rot

und Gelb, Nature House mit aufgehender

roter Sonne, immer wieder Chiquita. Bunte

Sticker auf blassem Pressholz.

Christian Schlodder, Jahrgang 1987, wuchsineinem kleinen

OrtinBrandenburg auf. Seit2006lebt er in Berlin.

VonSören Reimer

Meine Erinnerungen an den

Fall der Mauer sind bestenfalls

schwammig. Das wundert

mich nicht, war ich doch erst fünfeinhalb

Jahre alt, als Ost-Berliner

am Grenzübergang Bornholmer

Straße Fakten schufen. Irgendwo in

der Grauzone zwischen eigenem

Erleben, Erzählungen von Eltern

und imaginativer Ergänzung erinnere

ich mich daran, mitten in der

Nacht geweckt und vorden Fernseher

gesetzt worden zu sein, die jüngere

Schwester durfte weiterschlafen.

Meine Eltern waren aufgekratzt

und glücklich. Ich war vermutlich

müde.

Meine Welt war Quickborn –ein

Speckgürtelvorort von Hamburg,

bekannt als Autobahnabfahrtander

A7 und als Ex-Wohnort von Mike

Wiesich die

Zwischen Vordersitz und hinterer Sitzbank

verschanzt: Sören Reimer. PRIVAT

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