Leseprobe: Luther und die Folgen - Reformation in Brandenburg

seemann.henschel.verlagsgruppe

Eine Spurensuche quer durchs heutige Brandenburg: Luthers Einfluss ist dort erstaunlich groß gewesen, obwohl er kaum selbst vor Ort war. Von der Prignitz bis zum Elbe-Elster-Land werden Orte, Bauwerke, Ausstattungsobjekte und Schriftzeugnisse vorgestellt. Sie sind Ausgangspunkte für die Autoren, nach grundlegenden Veränderungen, landesweiten Entwicklungen und Auswirkungen der Reformation zu fragen. In die Gegenwart führen die Fotostrecken von Frank Gaudlitz. Sie zeigen Vertreter der heutigen evangelischen Kirche im Pfarramt, in der Seelsorge und Diakonie.

Luther und die Folgen

Reformation in Brandenburg

Im Gedenken an Dr. Heidrun Chmura

(1951–2017)


Martin Luther:

»Biblia, das ist,

die gantze Heilige

Schrifft Deudsch«,

Hans Lufft,

Wittenberg 1545


Luther und die Folgen

Reformation in Brandenburg

Herausgeber:

Brandenburgische Gesellschaft für Kultur und Geschichte gGmbH

Kulturland Brandenburg, Potsdam

Konzeption und Redaktion: Simone Neuhäuser

Bildkonzeption und Fotos: Frank Gaudlitz

KOEHLER & AMELANG


Kanzeldetail aus der St. Nikolaikirche, Luckau


Inhalt

7

Grußwort

Dietmar Woidke

32

BAD BELZIG

Marienkirche mit Gedenkstein

über dem Westportal

78

MÜHLBERG (ELBE)

Ehemaliges Propsteigebäude

mit Museum

9

14

Einleitung

Andreas Stegmann

Die Reformation im Kurfürstentum

Brandenburg

ANGERMÜNDE

Stadtpfarrkirche St. Marien

Gerlinde Strohmaier-Wiederanders

Vor Luther – Oppositionelle religiöse

Bewegungen im Mittelalter

38

44

Andreas Stegmann

Martin Luther und Brandenburg

CALAU

»Luther-Tür« aus Seese

in der Stadtkirche

Ruth Slenczka

Adel und Reformation: Kaspar von

Köckritz aus der Niederlausitz

»Pfarrerinnen«

84

Lars-Arne Dannenberg

und Matthias Donath

Mühlberg 1547 – Markstein

der Reformation

BERLIN

Glocke der Wilsnacker

Wallfahrtskirche zum Heiligen Blut

im Märkischen Museum Berlin

Ruth Slenczka

Landesherrliches Kirchenregiment

und seine Folgen

Porträts von Frank Gaudlitz

20

JÜTERBOG

»Tetzel-Kasten« in der Nikolaikirche

Hartmut Kühne

Tetzel und die Folgen

66

FRANKFURT (ODER)

Denkmal für die Alte Viadrina

90

»Seelsorgende«

Porträts von Frank Gaudlitz

26

MITTENWALDE

Altar in der Stadtpfarrkirche

St. Moritz

Gerlinde Strohmaier-Wiederanders

Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg

72

Gotthard Kemmether

Die Universität Frankfurt (Oder)

und die religiösen Veränderungen

in Brandenburg

FRANKFURT (ODER)

Innenraum der St. Marienkirche

104

PERLEBERG

Epitaph des Bürgermeisters

Johann Konow in der St. Jakobikirche

Uwe Czubatynski

Reformation in der Kleinstadt:

Das Beispiel Perleberg

Maria Bindel

Frankfurter Bürgerfamilien

als Träger der Reformation

INHALT

5


110

116

122

HERZBERG (ELSTER)

Porträts von Martin Luther

und Philipp Melanchthon

in der St. Marienkirche

Ruth Slenczka

Lutherische Kirchenväter:

Bildnisse von evangelischen

Geistlichen im Kirchenraum

BERNAU

Innenansicht St. Marien mit Kanzel

und Emporen

Ulrich Schöntube

Der Wandel des Kirchenraumes

nach der Reformation

VEHLOW

Beichtstuhl in der Dorfkirche

134

150

156

»Pfarrfamilien«

Porträts von Frank Gaudlitz

COTTBUS

»Das Neue Testament« im

Wendischen Museum

Steffen Krestin

Wie die Reformation die moderne

sorbische Schriftsprache beförderte

NEURUPPIN

Bilderbogen »Das brennende Herz

Jesu« im Museum

Erdmute Nieke

Jesus, Maria, Heilige und Luther

Frömmigkeit zwischen den

Konfessionen

168

174

188

BLÜTHEN

Pfarrhaus und Kirche

Petra Bahr

Das evangelische Pfarrhaus

ist ein Mythos

»Diakonissen«

Porträts von Frank Gaudlitz

Anhang

Impressum

Ulrich Schöntube

Beichtstühle in der protestantischen

Kirche

162

PRENZLAU

Denkmal für Martin Luther

128

LUCKAU

Kirche St. Nikolai mit Epitaph

Stegemann

Annette Dorgerloh

Heldenverehrung und eigene

Memoria: Das Prenzlauer

Luther-Denkmal und sein Stifter

Gerlinde Strohmaier-Wiederanders

Augsburg-Gedenken

in der Niederlausitz

6 INHALT


Grußwort

Liebe Brandenburgerinnen und Brandenburger,

sehr geehrte Freundinnen und Freunde von »Kulturland

Brandenburg«,

vor 500 Jahren veränderte ein Ereignis sowohl die Kirche als

auch die Welt nachhaltig: Martin Luther veröffentlichte am

31. Oktober 1517 seine 95 Thesen in Wittenberg. Damit läutete er

eine christliche Erneuerung ein – mit Konsequenzen für die Kirche,

die gesamte Gesellschaft und das Selbstverständnis eines

jeden Einzelnen. Aber er war weder der erste noch der einzige

Reformator: Der Prager Jan Hus, der Züricher Huldrych Zwingli

und der Franzose Johannes Calvin wirkten ähnlich prägend. Das

Reformationsgedenken 2017 wird daher weltweit Anlass sein,

sich mit dem eigenen Glauben zu befassen, den persönlichen

Werten und der geistigen Haltung nachzugehen sowie deren

Folgen für andere zu bedenken.

Mit Luther begann auch eine neue Etappe in der Geschichte

der deutschen Sprache. Er stellte die Heilige Schrift, die

er als Erster vollständig in ein volkstümliches Deutsch übersetzte

und dadurch eine einheitliche Schriftsprache schuf, wieder

ins Zentrum des kirchlichen Lebens und trug Gottes Wort in die

Welt. Sein wohl wichtigstes Wort war »Gnade«, weil wir alle

fehlbar und unvollkommen sind. Die Reformation führte im Ergebnis

auch zur Spaltung der Kirche und zu Konfessionskriegen

– schmerzhafte Folgen, die bis heute fortbestehen, wenngleich

viele die Glaubenspluralität und -vielfalt schätzen.

Sind die Verhältnisse, wie sie sein sollen? Luther war

davon überzeugt, dass jeder Mensch über eine unmittelbare

Beziehung zu Gott verfügt – wir alle somit mündige, selbstständige

Gläubige sind, gelenkt vom Willen der christlichen Freiheit.

»Man lehre die Christen, dass wer dem Armen gibt oder dem

Bedürftigen leiht, besser handelt, als wer Ablass löst.« Es kommt

auf jeden Einzelnen an, auf unseren Mut, Streitigkeiten und

Missverständnisse zu überwinden. Und das verlangt nach Engagement

für die Armen und Ausgegrenzten, nach christlicher

Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Angesichts der derzeitigen

religiös motivierten Konflikte sind Luthers Ideen sehr aktuell,

denn es geht um das Gewissen von jedem von uns.

Ich freue mich sehr und bin dankbar, dass sich Kulturland

Brandenburg dieser Themen in ihrer ganzen Breite annimmt.

Der Veranstaltungsreigen des Themenjahres spürt der

kirchlichen Erneuerung in Brandenburg nach, hinterfragt Geschichte

und sucht nach Zeichen von Luthers Einfluss. In diesem

Begleitband stellen Ihnen dazu 15 Autoren Entdeckenswertes

vor. Zum Beispiel, was es mit Tetzel und dem gleichnamigen

Kasten in Jüterbog auf sich hat? Warum Beichtstühle gar nicht

»typisch katholisch« sind? Was Luckau mit Augsburg verbindet

und wohin die Glocke der Wilsnacker Wunderblutkirche verschwand?

Viele Fragen und viele interessante Antworten, die

uns auf die Spuren der Reformation in Brandenburg führen.

Auch die evangelische Kirche und ihre heutige moderne

Präsenz sowie die Menschen, die die Kirche ausmachen, werden

vorgestellt. Sie stehen im Mittelpunkt der Fotostrecken – ganz

im lutherischen Sinne: »Wer Gutes tun will, muss es verschwenderisch

tun.« Freuen Sie sich auf bemerkenswerte Einblicke und

unterhaltsame Erkenntnisse. Ich wünsche Ihnen viele gute, lehrreiche,

aber auch unterhaltsame Stunden bei Ihren Erkundungen,

ob in Perleberg, Prenzlau, Mühlberg oder Frankfurt (Oder),

getreu einem weiteren Luther-Zitat: »Denn es ist besser, mit

eigenen Augen sehen als mit fremden.«

Ihr

Dr. Dietmar Woidke

Ministerpräsident des Landes Brandenburg

GRUSSWORT

7


Einleitung


Frankfurter Bürgerfamilien

als Träger der Reformation

Maria Bindel

Betreten wir heute die St. Marienkirche in

Frankfurt (Oder), erwarten uns herausragende

Backsteingotik, beeindruckende Glasmalereien

und ein weitläufiger Kirchenraum,

in dem sich nur wenige Stücke der einst reichen

Ausstattung befinden. Diese war im Zweiten Weltkrieg

ausgelagert worden und entging so der Zerstörung

der Kirche. 1 In den 1980er Jahren wurden die erhaltenen

Werke in die benachbarte Gertraudenkirche gebracht.

Neben dem spätmittelalterlichen Altar, der Bronzetaufe,

dem Siebenarmigen Leuchter und einer bedeutenden Kirchenbibliothek,

hat sich dort auch eine Reihe an künstlerisch

herausragenden Epitaphien des 16. Jahrhunderts

erhalten. 2 Zu ihnen gehören sieben Epitaphgemälde, die

dem Hofmaler Kurfürst Joachims II. (1505–1571), Michael

Ribestein und seinem Umkreis, zugeschrieben werden. In

den 1540er bis 1560er Jahren entstanden, spiegeln sie die

religiösen Hoffnungen der Auftraggeber und deren Auseinandersetzung

mit den neuen protestantischen Lehren

wider. Ribestein schuf die Epitaphien für bedeutende

Frankfurter Bürger – Gelehrte, Bürgermeister, kurfürstliche

Räte –, die Einfluss auf die Geschicke der florierenden

Handelsstadt nahmen. Sie waren bereits vor der Einführung

der Reformation in der Mark Brandenburg 1539 Träger

reformatorischen Gedankenguts und unternahmen

Versuche, die Lehren Luthers in der Stadt zu verbreiten.

In den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts

war von reformatorischen Bestrebungen in Frankfurt zunächst

noch wenig zu spüren gewesen. Die im Jahre 1506

in Frankfurt (Oder) gegründete Landesuniversität – die

später so genannte Alma Mater Viadrina – war deutlich

gegenreformatorisch orientiert. 4 Unterstützt durch den

erklärten Luthergegner Kurfürst Joachim I. (1484-1535)

wurde die Frankfurter Universität zu einem »Antiwittenberg«

aufgebaut. Zu den treibenden Kräften gehörte Konrad

Wimpina (1460/64–1531), katholischer Theologe und

erster Rektor der Universität. Als Reaktion auf Luthers 95

Thesen verfasste Wimpina 106 Gegenthesen, die von dem

Ablasshändler Johann Tetzel (um 1465–1519) Anfang 1518

in einer öffentlichen Disputation vertreten wurden. Trotz

dieser antireformatorisch aufgeladenen Umgebung begannen

die Stimmen der Lutherbefürworter bereits in

den 1530er Jahren laut zu werden – und dies auch in der

Universität mit Humanisten wie dem Arzt und Universalgelehrten

Jodokus Willich (1501–1552). 3 Mit dem Tod

FRANKFURTER BÜRGERFAMILIEN ALS TRÄGER DER REFORMATION

73


Michael Ribestein:

Nikodemus im

Gespräch mit

Christus, Epitaph

für Thomas Ryben,

1564

Wimpinas und Joachims I. (1531 und 1535) schien die Reformation

in Frankfurt vorangetrieben werden zu können. 5

Zu den wichtigsten Persönlichkeiten in diesem

Zusammenhang zählt der Ratsherr und spätere Bürgermeister

Thomas Ryben (*1559), Mitglied einer der bedeutenden

Patrizierfamilien im Frankfurt der Frühen Neuzeit.

Von 1533 an war er als einer der zwei Kirchenvorsteher für

die Verwaltung des Kirchenvermögens verantwortlich

und förderte den Weiterbau der Marienkirche – sein Wappen

erscheint an einem 1544 errichteten Gewölbe zwischen

den Türmen. Zu Lebzeiten beschrieb ihn der Humanist

Christoph Hegendorff (1500–1540), der 1535/36 in

Frankfurt lehrte, als einen »um die christliche Frömmigkeit

bemühten und darin fortgeschrittenen« 6 Mann und

widmete ihm eines seiner Werke. Dieses umfasst Vorträge

Hegendorffs mit Erklärungen zu christlichen Themen,

die er als »Hausbischof« im familiären Rahmen hielt. Die

lutherische Grundüberzeugung, dass auch Laien das

Wort Gottes verstehen können, scheint Ryben sehr wichtigen

gewesen zu sein. Bereits 1534 ließ er sich ein Exemplar

der Gesamtausgabe der deutschen Lutherbibel aus

Wittenberg kommen, die im selben Jahr erschienen war.

Damit widersetzte er sich den Anweisungen Kurfürst

Joachims I., der den Vertrieb der Luther’schen Bibelübersetzung

in Brandenburg verboten hatte. 1540, ein Jahr

nach Einführung der Reformation in der Mark Brandenburg,

wird er diese Bibelausgabe der Marienkirche mit

dem Hinweis stiften, dass sie auch dem Studium anderer

dienen solle. Gemeinsam mit weiteren Frankfurter Patrizierfamilien,

vermutlich den Wins und Petersdorff, wagte

Thomas Ryben einen weiteren wichtigen Schritt und berief

mit Andreas Ebert (1479–1557) den ersten lutherischen

Prediger in die Stadt. Möglicherweise weilte dieser bereits

1535 in Frankfurt, predigte dort aber nur im privaten Kreis

der reformatorisch gesinnten Bürgerschaft. Ab 1536 war

Andreas Ebert offiziell angestellt, doch wurde er vermutlich

1537 – möglicherweise auf Anregung des Lebuser

Bischofs – wieder entlassen.

Thomas Rybens Aufgeschlossenheit gegenüber

den reformatorischen Gedanken und seine Auseinandersetzung

mit existenziellen Glaubensfragen wird auch auf

seinem Epitaph deutlich (vgl. Abb. S. 74). Es zeigt die Geschichte

um den Pharisäer Nikodemus, der Christus eines

Nachts danach befragt, wie man das Ewige Leben gewinnen

könne. Christus antwortet, dass man dazu aus Wasser

und Geist neugeboren werden müsse. Dass dies als Hinweis

auf die Taufe verstanden wird, zeigt uns der Maler

Ribestein durch die Taufszene im Hintergrund. Neben

74 FRANKFURT (ODER)


dem Hauptmotiv werden noch weitere religiöse Themen

aufgegriffen. Durch die beiden großen Fenster wird uns

ein Blick auf zwei Szenen gewährt: die Erhöhung der

Ehernen Schlange und die Kreuzigung Christi. Ribestein

greift hier Motive aus den Gesetz und Gnade Bildern Lucas

Cranach d. Ä. auf, in denen der Glaube an die Erlösung

der Menschheit durch Christi Tod allegorisch vermittelt

wird. Das Gespräch zwischen Nikodemus und Christus ist

ein seltenes Thema auf Epitaphien und verdeutlicht die

Kreativität Ribesteins bei der Verbildlichung reformatorischer

Gedanken. Der Kernsatz der lutherischen Rechtfertigungslehre:

Nicht gute Werke – wie das Zahlen von

Ablässen – verhelfen einem dazu, erlöst zu werden, sondern

allein der Glaube an die Erlösungstat Christi, stellte

für Thomas Ryben und seine Zeitgenossen wohl ebenso

eine Befreiung wie eine Herausforderung dar.

Wie intensiv sich auch andere Frankfurter Bürgerfamilien

mit dieser Frage auseinandersetzten, zeigt sich an

den Epitaphien der Familie Wins. Die seit dem 14. Jahrhundert

in Frankfurt (Oder) ansässige Berlin-Frankfurter Patrizierfamilie

stellte über mehrere Generationen hinweg Bürgermeister

und Ratsmänner. 7 Seit Gründung der Universität

in Frankfurt waren die Wins auch dort vertreten – als Studenten

und Professoren. Über ihre Rolle in der proreformatorischen

Bewegung in der Stadt vor 1540 ist nichts bekannt.

Noch um 1535 war das Epitaph der Familie Wins,

das mit dem Rosenkranz Mariä, der Schutzmantelmadonna

und der Marienkrönung sowie der zentralen Präsentation

von Heiligen des Franziskanerordens ein dezidiert

altgläubiges Bildprogramm hat, um Claus Wins (1466–

1533) als Stifter erweitert worden. Dieser hatte das Gemälde

bereits 1514 für zwei Familiengenerationen gestiftet.

Die Tatsache allein, jedoch, dass Claus Wins’ Name

hinzugefügt wurde, lässt noch keinerlei konfessionelle

Neigungen erkennen, denn die Pflege des Familiengedächtnisses

war auch nach der Reformation ein wichtiger

Gesichtspunkt. Das Bewahren der Stiftungen zum familiären

Gedenken und nicht die konfessionellen Unterschiede

standen im Vordergrund. Dies führte dazu, dass

uns zahlreiche mittelalterliche Werke dieser Gattung bis

heute überliefert geblieben sind.

Doch entstanden gleich zwei der prominentesten

nachreformatorischen Gedächtnisgemälde im Wins’schen

Auftrag: der Thomaszweifel auf dem Epitaph für Melchior

Wins (1551–1550) und die Allegorie von Gesetz und Gnade

für Christoph Wins (*1553). Melchior, Sohn von Claus Wins,

Detail aus dem

Epitaph: Stifterfigur

Thomas Ryben

FRANKFURTER BÜRGERFAMILIEN ALS TRÄGER DER REFORMATION

75


studierte die Rechte in Frankfurt (Oder), Leipzig und Bologna,

wo er 1540 sein Studium abschloss und nach Frankfurt zurückkehrte.

Hier war er 1540/41 als Rektor der Universität

und später als Dekan der Juristenfakultät tätig. Die Inschrift

auf seinem Epitaph benennt ihn zudem als kurfürstlichen

Rat (vgl. Abb. S. 76). Das Motiv des ungläubigen

Thomas lässt sich bereits im späten Mittelalter finden

und ist somit nicht als ausschließlich reformatorisches

Programm anzusehen. Im Falle von Melchior Wins steht

der Thomaszweifel jedoch als Illustration der Rechtefertigungslehre

Luthers. Thomas, der bei dem Erscheinen

Christi vor seinen Jüngern nicht anwesend war, kann den

Berichten über die Auferstehung keinen Glauben schenken.

Nur wenn er die Male mit eigenen Augen sehen und berühren

könne, wolle er nicht mehr zweifeln. Als Thomas seinen

Worten Taten folgen lässt, glaubt er und Christus spricht zu

ihm »Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!«. Michael

Ribestein problematisiert hier auch die Bedeutung von

Bildern bzw. dem Sehen überhaupt als Vermittler des Glaubens,

eine zentrale Frage der reformatorischen Bilddebatte.

In dem ungläubigen Thomas findet sich eine Figur, welche

die eigenen Zweifel vor Augen führt und zur Auseinandersetzung

mit diesen angeregt. Den didaktischen Wert für seine

Zeitgenossen betonte Michael Ribestein, indem er die

Datierung des Epitaphs (1552) auf die steinernen Stufen unterhalb

von Thomas schrieb.

Neben den Epitaphien unterrichten uns auch Urkunden

und Bücher der Marienbibliothek in großer Anschaulichkeit

über die Frankfurter Reformationsgeschichte

und die Rolle, die einzelne Bürgerpersönlichkeiten in dieser

gespielt haben. So hat sich neben dem Epitaph des

Thomas Ryben auch dessen oben erwähntes Exemplar

der Lutherbibel erhalten, das er zum Zeitpunkt der Reformation

der Marienbibliothek schenkte. Der Band enthält

zwei handschriftliche Einträge, die den letzten katholischen

sowie den ersten evangelischen Gottesdienst am 9.

und 11. November 1539 beschreiben. Thomas Ryben selbst

76 FRANKFURT (ODER)


verfasste einen der Einträge. Bei dem zweiten handelt es

sich um eine wohl im 17. Jahrhundert entstandene Abschrift

aus einem weiteren, heute jedoch verlorenen

Bibel exemplar, dass der Bürgermeister Peter Petersdorff

der Marienkirche gestiftet hatte. Wir erfahren, dass Petersdorff

und Lorenz Schreck, ebenfalls Bürgermeister in

Frankfurt, auf Anweisung des Kurfürsten Joachims II. die

städtischen Priester ihres Amtes enthoben, die »Päbstliche

Messe« verboten und gänzlich absetzten 8 . Peter

Petersdorff soll als erster am 11. November das Abendmahl

in beiderlei Gestalt empfangen haben, ihm folgten

viele Frankfurter Bürgerinnen und Bürger.

Die Epitaphien der Frankfurter Bürgerfamilien und

die Bibel von Thomas Ryben stehen stellvertretend für die

Vielfalt und den Reichtum des Kulturgüterbestandes aus

der Marienkirche. Sie bezeugen Frankfurts Bedeutung als

geistig-kulturelles Zentrum in der Mark Brandenburg. Kirchenrechnungsbücher,

Stiftungsurkunden, Predigttexte

und Gesangbücher sowie das Kirchenbuch mit Tauf- und

Heiratseinträgen bilden das städtische Gedächtnis und

verlebendigen die Protagonisten im Frankfurt der Frühen

Neuzeit.

Literatur

Andreas Cante: Baugeschichte, Ausstattung und Restaurierungen der

Frankfurter St. Marienkirche im historischen Überblick, in: Die Marienkirche

zu Frankfurt (Oder). Stolz der Stadt – einst und heute, hg. v. Ralf-

Rüdiger Targiel, Frankfurt (Oder) 2005, S. 11–35.

Siegfried Griesa: Glaubens- und Religionskonflikte und ihre Auswirkungen

im 16./17. Jahrhundert in Frankfurt (Oder), in: Frankfurt an der Oder

1253-2003, hg. v. Ulrich Knefelkamp und Siegfried Griesa, Berlin 2003,

S. 79–100.

Michael Höhle: Universität und Reformation. Die Universität Frankfurt

(Oder) von 1506 bis 1550 (Bonner Beiträge zur Kirchengeschichte 25,

zugl. Habil. Bonn 2001), Köln 2002.

Heinz Pohle: Das Geschlecht der Winse in Frankfurt an der Oder, in:

Frankfurter Jahrbuch 2003/04, hg. v. Verein der Freunde und Förderer

des Museums Viadrina, Jacobsdorf 2004, S. 111–143.

Museum Viadrina: Reformation in Frankfurt (Oder), Eisenhüttenstadt

1996.

Linke Seite

Michael Ribestein:

Der ungläubige

Thomas, Epitaph für

Melchior Wins, 1552

1 Cante 2005.

2 Cornelia Aman und Maria Deiters im Auftrag der Evangelischen Kirche

Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz: Erfassung des

kirchlichen Kunst- und Kulturguts der Ev. Kirchengemeinde Frankfurt

(Oder), St. Gertraud und St. Marien, 2012–2014.

3 Museum Viadrina 1996.

4 Vgl. dazu den Beitrag von Gotthard Kemmether

5 Griesa 2003.

6 Höhle 2002, S. 421.

7 Pohle 2003/04.

8 Codex diplomaticus Brandenburgensis Sammlung der Urkunden,

Chroniken und sonstigen Quellenschriften für die Geschichte der

Mark Brandenburg und ihrer Regenten, hg. v. Adolph Riedel, Bd. 23,

Berlin 1862, S. 468.

FRANKFURTER BÜRGERFAMILIEN ALS TRÄGER DER REFORMATION

77


Autoren

Petra Bahr

Dr. theol., Landessuperintendentin des Sprengels Hannovers

Stefan Beier

Leiter des Museums im Zisterzienserkloster Lehnin

Maria Bindel

Masterstudentin der Kunstwissenschaft und Kunsttechnologie

am Institut für Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik

der Technischen Universität Berlin, Mitarbeiterin der Ausstellung

»Bürger, Pfarrer, Professoren – St. Marien in Frankfurt (Oder) und

die Reformation in der Mark Brandenburg«

Annette Dorgerloh

Dr. phil., Kunsthistorikerin, Privatdozentin am Institut für

Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin.

Arbeitsschwerpunkte und Veröffentlichungen zur Kunst- und

Mediengeschichte Brandenburg-Preußens, zur Geschichte der

europäischen Gartenkunst und zum Feld der Geschlechterkonstruktionen

Gotthard Kemmether

M. A., wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Vergleichende

Europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte der

Europa – Universität Viadrina in Frankfurt (Oder)

Uwe Czubatynski

Dr. theol., Archivar des Domstifts Brandenburg, Vorsitzender des

Vereins für Geschichte der Prignitz e. V.

Steffen Krestin

Diplom-Historiker, Leiter der städtischen Sammlungen Cottbus

(Stadtarchiv, Stadtmuseum, Wendisches Museum Cottbus)

Lars-Arne Dannenberg

Dr. phil., Direktor des Zentrum für Kultur//Geschichte (www.zkg-dd.de)

und Herausgeber der Sächsischen Heimatblätter

Gilda Dommisch

Studienleiterin für Seelsorgeaus-, Fort- und Weiterbildung im

Amt für Kirchliche Dienste, Supervisorin DGfP-KSA

Matthias Donath

Dr. phil., Direktor des Zentrum für Kultur//Geschichte und Herausgeber

der Sächsischen Heimatblätter

Hartmut Kühne

Dr. theol., Kirchenhistoriker und Ausstellungskurator

Erdmute Nieke

Dr. theol., Religionslehrerin am Evangelischen Gymnasium in

Potsdam-Hermannswerder

Ulrich Schöntube

Dr. theol., Pfarrer in Berlin-Frohnau

188 AUTOREN


Fotograf

Ruth Slenczka

Dr. phil., wissenschaftliche Kuratorin der Ausstellung »Reformation

und Freiheit. Luther und die Folgen für Preußen und Brandenburg,

8.9.2017 – 21.1.2018« am Haus der Brandenburgisch-

Preußischen Geschichte in Potsdam

Andreas Stegmann

Dr. theol., Privatdozent an der Theologischen Universität der

Humboldt-Universität zu Berlin

Gerlinde Strohmaier-Wiederanders

Prof. em. Dr. theol., bis 2007 Lehrstuhl für Christliche Archäologie

und Kunstgeschichte im Rahmen der Kirchengeschichte und

für brandenburgische Kirchengeschichte an der Theologischen

Fakultät der Humboldt-Universität Berlin

Frank Gaudlitz

Lehre als Maler und Fußbodenleger, Studium am Institut für

Heimerzieherausbildung in Hohenprießnitz, 1987–1991 Studium

der künstlerischen Fotografie an der Hochschule für Grafik und

Buchkunst in Leipzig, bei Arno Fischer, lebt seitdem in Potsdam.

Er arbeitet analog an selbstkonzipierten Langzeitprojekten insbesondere

in Russland, Osteuropa und Südamerika. Seine großen

fotografischen Folgen »Die Russen gehen«, »zwischen zeiten«,

»Warten auf Europa«, »Casa Mare«, »Sonnenstraße« und

»A Mazo« spannen einen Bogen zwischen epochalen Ereignissen

und Einzelschicksalen. Sie wurden in Bildbänden und internationalen

Einzelausstellungen veröffentlicht und vielfach mit Preisen

und Stipendien ausgezeichnet.

www.frank-gaudlitz.de

Redakteurin

Simone Neuhäuser

Dr. phil., Historikerin, Ausstellungen und Publikationen zur Landesgeschichte

Berlin-Brandenburgs.

AUTOREN

189


Bildnachweis

Frank Gaudlitz:

Alle Bildstrecken und die Abbildungen S. 4, 14, 16, 17, 20, 23, 24, 26, 28, 32, 36,

38, 66, 72, 78, 80, 104, 107 (o), 110, 116, 120, 122, 124, 126, 128, 131, 150, 154, 166,

168, 170–173

Bildarchiv preußischer Kulturbesitz: 18 (Staatsbibliothek zu Berlin), 35

(Staatsbibliothek zu Berlin), 40 (Musée du Louvre, Dist. RMN – Grand Palais,

Foto: Martine Beck-Coppola)

Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches

Landesmuseum, Bildarchiv: 11 (Foto: Dieter Möller); 37 (Foto: Regina Wunder)

Ev. Kirchengemeinde St. Marien Kirchhain: 132 (Foto: Michael Lüder)

Ev. Kirchengemeinde St. Nikolai Berlin-Spandau: 8

Bernd Janowski/Hartmut Kühne: 88

Landeskirchliche Zentralbibliothek Berlin EKBO: 41, 42

Museum im Mönchenkloster Jüterbog: 24

Museum Neuruppin: 156, 158, 159, 160

Brandenburgisches Landeshauptarchiv: 86

Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte: 12 (Foto: Hans Bach)

Lars-Arne Dannenberg: 81, 82, 83

Ulrich Schöntube: 118 (Foto: Dirk Schulze), 119, 121, 125

Domstiftsarchiv Brandenburg/Havel, Fotos: Frank Gaudlitz: 106, 107 (u),

108, 109

Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg: 10

(Foto: Daniel Lindner), 30 (Foto: Jörg P. Anders), 34

Annette Dorgerloh: 162, 165, 167

Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder): 70

Ev. Kirchengemeinde Jena-Mitte: 112

Ev. Kirchengemeinde St. Gertraud Frankfurt (Oder): 2 (Foto: Winfried

Mausolf); 69; 74 (Foto: Peter Thieme); 75 (Foto: Thoralf Herschel); 76

(Foto: Peter Thieme)

Stiftung Stadtmuseum Berlin: 84, 87 (Foto: Michael Setzpfandt), 113

(Foto: Michael Setzpfandt)

Universitätsbibliothek Bayreuth: 29

Universitätsbibliothek Würzburg: 68

Wendisches Museum Cottbus: 150, 152 (Foto: Werner Meschkank), 153, 154

Ev. Kirchengemeinde St. Jacobi Perleberg: 104

Ev. Kirchengemeinde St. Marien Bernau: 114 (Foto: Udo M. Wilke)

190 BILDNACHWEIS


Herausgeber

Brandenburgische Gesellschaft für Kultur und Geschichte g GmbH

Kulturland Brandenburg, Potsdam

Koehler & Amelang GmbH, Leipzig

www.koehler-amelang.de

ISBN 978-3-7338-0407-7

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://

dnb.dnb.de abrufbar.

www.kulturland-brandenburg.de

Konzeption und Redaktion: Dr. Simone Neuhäuser

Bildkonzeption und Fotos: Frank Gaudlitz

Redaktionskollegium: Dr. Heidrun Chmura (†) und Brigitte Faber-Schmidt, Kulturland

Brandenburg, Frank Kober, Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur

des Landes Brandenburg, Hans-Joachim Stricker, Ministerium für Infrastruktur

und Landesplanung des Landes Brandenburg

© 2017 Brandenburgische Gesellschaft für Kultur und Geschichte gGmbH, Kulturland

Brandenburg, Potsdam, Autoren und Koehler & Amelang GmbH

Die Verwertung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne die Zustimmung

der Rechteinhaber urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt auch für Vervielfältigungen,

Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Verarbeitung mit elektronischen

Systemen.

Nicht in allen Fällen war es möglich, die Rechteinhaber zu ermitteln. Berechtigte

Ansprüche werden im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.

Kulturland Brandenburg 2017 steht unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten

Dr. Dietmar Woidke.

Kulturland Brandenburg 2017 wird gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft,

Forschung und Kultur sowie das Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung

des Landes Brandenburg.

Mit freundlicher Unterstützung der brandenburgischen Sparkassen

Mit freundlicher Unterstützung der Investitionsbank des Landes Brandenburg

Umschlaggestaltung: Gudrun Hommers, Berlin

Abbildungen auf dem Umschlag: Frank Gaudlitz

Lektorat: Annika Bach

Herstellung: Sabine Artner

Layout und Satz: Gudrun Hommers, Berlin

Reproduktionen: Medien Profis GmbH, Leipzig

Druck und Bindung: Salzland Druck GmbH & Co. KG, Staßfurt

Printed in Germany

Weitere Magazine dieses Users