Miriam Rademacher

verlagmonikafuchs

Sommerferien auf dem Jansenhof!
Cordula, Lars-Olaf und Katla sind zurückgekehrt und sehen aufregenden Tagen entgegen. Das nächste blaue Rätsel muss gelöst werden! Was hat es mit den Buchstaben A und C auf sich? Schon bald nach ihrer Ankunft unternehmen sie ihren ersten Ausflug nach Schloss Clemenswerth. Was als lustige Kutschfahrt mit Talisman beginnt, verwandelt sich rasch in ein spannendes Abenteuer, in dem die Kinder sich vielem allein stellen müssen. Denn Talisman kann seine Freunde weder in einen unterirdischen Gang noch in das Haus der hundert Ecken begleiten.
Als aber die Dunkelheit sich über den Klostergarten senkt, und die Tänzer der Nacht hervorkommen, ist Talisman an ihrer Seite. Mit ihm trotzen die Kinder sogar den Schlossgespenstern. Und vor Gespenstern muss man sich sowieso nicht fürchten. Oder doch?

Das Emsland


Miriam Rademacher

und die Tänzer

der Nacht


www.verlag-monikafuchs.de

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-947066-06-3

auch als eBook erhältlich

© 2017 by Verlag Monika Fuchs |Hildesheim

Layout und Satz: Die Bücherfüxin | www.buecherfuexin.de

Covermotiv und Illustrationen: Marina Köller |Hildesheim/Müden Ö.

Text: Miriam Rademacher | Osnabrück

Printed in EU 2017


7 Talisman und seine Gäste

9 Mit allen Mitteln

20 Plattes Land und platte Wörter

33 Pony mit Sahne

42 Das Versprechen der Hand

57 Das rätselhafte A

70 Ein schwarzer Kasten

79 Im Geheimgang

89 Von schwarzen Männern und weißen Frauen

99 Die Tänzer der Nacht

111 Das Haus der hundert Ecken

124 Prinzessin hoch zu Ross

138 Die Autorin: Miriam Rademacher

Die Illustratorin: Marina Köller aka Marry

Das Pferd: Svalur von der Rutenmühle

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Talisman ist der Star auf dem Jansenhof

im emsländischen Werpeloh. Vor vielen Jahren

kam das Islandpferd direkt von der nordischen

Insel nach Norddeutschland und

treibt seitdem die Hofbesitzer Britta und

Sören regelmäßig zur Verzweiflung. Auch in

diesem Abenteuer gelingt es Talisman mühelos,

jede Menge Unruhe zu stiften.

Cordula ist zwölf Jahre alt und lebt

mit ihren Eltern in Düsseldorf. Obwohl sie

vorher noch nie auf einem Pferd gesessen

hat, verbindet sie mit Talisman gleich eine

besondere Freundschaft. Ob sie ihm aber

auch den fürchterlichen Schrecken verzeiht,

den er ihr diesmal einjagen wird?

Katla lebt erst seit zwei Jahren in Deutschland

und kommt genauso wie Talisman aus

Island. Die isländischen Sagen über Trolle

und Elfen haben sie geprägt, was das Rätsel

um die Tänzer der Nacht für Katla zu einem

der schwersten machen wird.

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Lars-Olaf ist gerade dreizehn Jahre alt

geworden und versucht manchmal mit Angebereien

davon abzulenken, dass er sich

vor vielen Dingen fürchtet. Insekten findet

er ganz besonders gruselig. Doch seine

Gummihandschuhe, die er zum Schutz mit

in dieses Abenteuer nimmt, werden nicht

nur ihm gute Dienste leisten.

Lukas ist in diesem Sommer zum ersten

Mal auf dem Jansenhof. Er ist zehn Jahre alt

und ein wenig rundlich. Sein Asthma macht

ihm viel seltener zu schaffen, als er selber

glaubt. Abenteuer reizen ihn sehr und er will

auf jeden Fall dabei sein, wenn das zweite

Rätsel gelöst wird.

David ist genauso alt wie Lukas. Auf den

ersten Blick könnte man ihn für ein Mädchen

halten. Seine Haare sind etwas länger als die

der anderen Jungen und auch seine Kleidung

ist irgendwie anders. David spricht nicht viel,

schon gar nicht über seine Ängste. Aber auch

er ist mutig genug, um sich den blauen Rätseln

zu stellen.

Und jetzt geht die Geschichte los!

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»

A

ber ich muss zurück nach Werpeloh!«

Lars-Olaf stand neben der Gartenliege seiner Mutter und

schwankte zwischen Verzweiflung und Trotz. Die Sommerferien

standen vor der Tür. Sechs sorgenfreie Wochen voller Sonnenschein,

Abenteuer und Eiscreme. Und seine Eltern hatten

allen Ernstes vor, ihn nach Italien zu verschleppen! Dabei hatte

Lars-Olaf eigene Pläne. Er musste zurück auf den Ferienhof

der Jansens, wo er die vergangenen Osterferien

verbracht hatte. Denn dort wartete nicht

nur ein Haufen spannender Rätsel um ein

verstecktes Erbe auf ihn, sondern auch

ein zotteliges Islandpony namens Talisman

und seine beiden besten Freunde. An der

italienischen Riviera erwartete ihn hingegen

nur Langeweile, davon war er überzeugt.

Seine Mutter richtete sich auf ihrer

Gartenliege auf und sah ihn über den

Rand ihrer Sonnenbrille hinweg streng

an. »Junger Mann! Italien im Sommer ist

wunderschön. Jeder andere Junge würde

vor Freude ausflippen, wenn …« Sie

brach ab und tupfte sich mit einem Taschentuch

die Schweißtropfen von der

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Stirn. Es war heiß im Garten der Familie Luitgen. Ganz Lübeck

litt unter einer Hitzewelle, die alle Rekorde brechen wollte. Jeder

wartete auf Abkühlung, doch Lars-Olaf war die Hitze egal.

Ihm war sowieso gerade heiß vor Ärger.

»Jeder andere Junge, der keine panische Angst vor Insekten

und Bakterien hat«, brach es aus ihm heraus. »In Italien wimmelt

es bestimmt von Mücken und Libellen, und im Meerwasser

lauern die fürchterlichsten Krankheitserreger auf mich! Italien

ist noch viel dreckiger als ein deutscher Garten, das weiß

man doch!«, rief er und machte eine umfassende Geste, die

den elterlichen Garten mit all seinen Obstbäumen und Blumenbeeten

mit einschloss.

»Dieser Garten ist nicht dreckig! Und Italien ist es auch

nicht.« Seine Mutter nahm die Sonnenbrille ab und verdrehte

die Augen. »Außerdem haben wir das alles schon zigmal durchgekaut.

Die Bakterien haben es nicht auf dich abgesehen und

den Insekten bist du auch egal. Und dein Therapeut hat mir

erzählt, dass deine Ängste gar nicht mehr so schlimm sind wie

noch vor ein paar Monaten. Warum also willst du deine Sommerferien

lieber auf diesem Bauernhof in irgendeinem emsländischen

Kuhdorf verbringen, anstatt mit mir und deinem Vater

nach Italien zu fahren? Mal ganz davon abgesehen, dass der

Jansenhof unmöglich sauberer sein kann als unser Garten.«

»Wenn ich inzwischen weniger Angst vor Insekten und Bakterien

habe, dann ist das nicht das Verdienst des Therapeuten.

Das waren ausschließlich die Mutmachferien auf dem Jansenhof«,

trumpfte Lars-Olaf auf.

Seine Mutter blinzelte ein paar Mal und schien angestrengt

nachzudenken. Lars-Olaf kannte diesen Gesichtsausdruck be-

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eits aus langjähriger Erfahrung. Jetzt würde sie ihre Strategie

ändern, um ihn zu überzeugen. Sie würde ihm auf halber Strecke

entgegenkommen, nur um seine Gründe als Kinderkram

abzutun. Er hatte richtig vermutet.

»Hör mal Liebling, ich weiß ja, dass du dich verpflichtet

fühlst, den Jansens bei der Lösung ihrer Probleme zu helfen.

Und ich finde es auch sehr traurig, dass diese Maike dort in

einem Kellerverlies hausen muss, weil ihre Tante das ganze

Geld durchgebracht hat …«

»Maja! Sie heißt Maja, Mama! Sie ist die Zwillingsschwester

von Britta Jansen, der Bäuerin, und lebt freiwillig in diesem Kellerverlies,

weil sie so viel Angst hat, dass sie sich nicht mehr

heraus traut. Maja hat Angst vor allem, sogar vor der Luft, die

sie atmet. Und es war nicht ihre Tante, die das Geld durchgebracht

hat, sondern ihre Mutter, die vor ihrem Tod die gesamte

Barschaft der Jansens versteckt hat. Du hörst mir wirklich nie

richtig zu!« Lars-Olaf schob die Unterlippe vor und machte ein

beleidigtes Gesicht. Als nächstes würde seine Mutter sich jetzt

für ihr Desinteresse entschuldigen.

»Ach ja, richtig. Tut mir leid, mein kleiner Liebling. Ich habe

einfach zu viel um die Ohren, um mir auch noch die Probleme

fremder Leute zu merken. Und du solltest sie auch vergessen.

Die Jansens werden ihre Erbschaft bald finden und diese

Maja …«

»Sie können die Erbschaft nicht finden, Mama! Das ist doch

der Haken an der Sache. Die blauen Säckchen, die zur Erbschaft

führen, kann man nur finden, wenn man seine Angst

überwindet. Sie könnten einfach überall sein! Nur nicht im

dreckigen Meerwasser Italiens.«

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»Als ob man ein Mittel gegen Angst einfach in ein blaues

Säckchen stecken könnte.« Seine Mutter schüttelte den Kopf.

»Die Rätsel sind im Säckchen, Mama! In dem kleinen Beutel

war eine Mini-Fledermaus und die Scrabble-Steine A und C.«

»Und das kann ja nun wirklich alles bedeuten. Das findest

du doch nie heraus, Lars-Olaf«, behauptete seine Mutter. »Ich

verstehe auch überhaupt nicht, wie man auf eine solche dumme

Idee kommt, sein ganzes Geld zu verstecken.«

»Die Rätsel sollten Maja helfen, aus dem Keller herauszukommen.

Sie sollte die Erbschaft suchen und dabei gesund

werden. Aber sie schafft das nicht. Wusstest du, dass sie ihr

Essen durch eine Art Katzenklappe bekommt? Sie macht nicht

einmal die Tür auf. Und sie lässt lieber den ganzen Jansenhof

verfallen, ehe sie sich auch nur die Kellertreppe hochtraut.

Und Britta und Sören haben überhaupt keine Angst. Deswegen

können sie die Rätsel nicht lösen. Sie wissen genauso wenig

wie du, wie man die Rätsel knackt.«

»Britta und Sören sind deine neuen Freunde«, stellte seine

Mutter fest und strahlte über das ganze Gesicht, weil sie

glaubte, sich wenigstens etwas gemerkt zu haben.

Lars-Olaf seufzte. »Nein, Mama. Meine neuen Freunde heißen

Cordula und Katla. Wir drei können die Rätsel lösen, weil

wir zu Angst und Panik neigen. Mama, mal ehrlich, weißt du

eigentlich noch, wer ich bin oder hast du das auch schon vergessen?

Lies doch mal weniger Modezeitschriften und hör mir

ein wenig mehr zu!«

»Da hört sich doch alles auf! Du redest doch kaum noch mit

mir! Immerzu liegst du auf deinem Bett und starrst die Zimmerdecke

an!«

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Das stimmte. Seit den Osterferien beschäftigte sich Lars-

Olaf in Gedanken ständig mit dem zweiten Rätsel, dessen Lösung

ihn einen Schritt näher zur versteckten Erbschaft bringen

würde. In jeder freien Minute knobelte er daran herum, was

sich auch positiv auf seine Ängste ausgewirkt hatte. Er beschäftigte

sich einfach weniger mit ihnen. Inzwischen war er

sich allerdings sicher, dass die Lösung von Lübeck aus überhaupt

nicht zu finden war. Er musste zurück ins Emsland, er

musste seine Mutter irgendwie überzeugen.

Doch die setzte gerade die Sonnenbrille wieder auf, lehnte

sich zurück und schaute hinauf in den wolkenlosen Himmel.

Jetzt brauchte Lars-Olaf rasch eine neue Strategie, bevor

sich seine Mutter in ihrer Illustrierten wieder der kommenden

Herbstmode widmete. Er entschied sich fürs Betteln: »Mama,

ich muss dort wieder hin, bitte, bitte, liebste Mama. Sonst erleide

ich mit Sicherheit bald einen schrecklichen Rückfall und

das wäre doch wirklich fürchterlich.« Im gleichen Moment, in

dem er es aussprach, kam ihm ein genialer Gedanke.

»Keine Widerrede. Wir fahren im Sommer nach Italien und

du kommst mit. Du wirst im Meer baden und Sandburgen

bauen und jeden Abend Spaghetti und Pizza essen. Und über

den Jansenhof will ich kein Wort mehr hören.«

Seine Mutter schlug die Zeitschrift auf und widmete sich der

Klatschspalte. Ihr Gespräch war für sie beendet, und Lars-Olaf

versuchte nicht, es wieder in Gang zu bringen. In Gedanken

arbeitete er bereits an seinem neuen Schlachtplan, der einfach

und doch genial war. Wenn er seine Karten richtig ausspielte,

würde er in spätestens drei Wochen in einem Zug Richtung

Emsland unterwegs sein.

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Wortlos trat er den Rückzug aus dem Garten an und verzog

sich auf sein Zimmer. Es war weiß. Weiß waren die Wände,

die Möbel, die Kissen, die Bettwäsche und sein Moskitonetz.

Er hatte es so gewollt. Nur die gelben Fliegenfänger an der

Zimmerdecke und ein paar herumliegende Kleidungsstücke

brachten ein wenig Farbe in den Raum. Auch seine Schultasche

in hellem Blau fiel aus dem Rahmen. Lars-Olafs Klassenkameraden

fanden ihn und seine Angst vor Krabbeltieren und

Krankheiten schon seltsam genug, also verzichtete er außerhalb

seines Zimmers und im Schulalltag, wenn auch ungern,

auf das praktische Weiß. Eine weiße Schultasche hätte sich

vermutlich sowieso nicht auftreiben lassen. Aber auf weißem

Grund sah man selbst die kleinste Ameise sofort. Weiß gab

ihm eine gewisse Sicherheit. Keine Fliege konnte sich hier in

seinem Zimmer unbemerkt an ihn heranpirschen.

Lars-Olaf kramte sein neues Handy aus der Schultasche hervor,

das er erst wenige Wochen zuvor zu seinem dreizehnten

Geburtstag bekommen hatte. Er wischte mit einem Desinfektionstuch

über den Bildschirm und wählte eine längst vertraute

Nummer.

»Und?«, quäkte es durch den Lautsprecher.

»Nix und. Sie sagt, es bleibt bei Italien.«

»Schöner Mist«, antwortete ihm Cordula. »Und was machst

du jetzt?«

»Jetzt werde ich zu Plan B greifen müssen. Keine Sorge. Ich

brauche nur ein paar Tage und meine Mutter wird ihre Entscheidung

noch einmal überdenken.«

»Lars-Olaf, was hast du Teuflisches im Sinn?«, fragte seine

Freundin neugierig.

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»Das erzähle ich dir im Zug nach Lathen. Jetzt muss ich

die Besenkammer nach Gummihandschuhen durchsuchen.

Drück’ mir die Daumen, dass unsere Putzfrau welche dagelassen

hat.«

»Gummihandschuhe? Wozu das denn? Willst du dich bei

deiner Mutter einschmeicheln, indem du den Hausputz übernimmst?

Wenn ihr sowieso eine Putzfrau habt, wird sie das

wenig beeindrucken.«

»Vertrau’ mir.« Lars-Olaf kicherte boshaft. »Ich weiß genau,

was ich tue. Wir sehen uns bald im Zug nach Lathen.«

»Sie kommen!«, rief Britta und kam durch die Stallgasse gestürmt.

In der linken Hand schwenkte die junge Bäuerin zwei

Briefumschläge. Ihr Mann Sören war zwar groß wie ein Bär,

aber nur selten brummig und hatte ein Gesicht so freundlich

wie das des Weihnachtsmannes. Er ließ die Heugabel sinken

und wandte sich seiner Frau zu. Brittas schwarze und blonde

Flechtzöpfe standen wie immer kreuz und quer von ihrem Kopf

ab. Sie trug eine viel zu große Latzhose und Gummistiefel mit

abgeschnittenen Schäften. Dreckspritzer auf ihrer Kleidung

konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie eine hübsche

Frau war.

»Cordulas Eltern haben uns gerade die Anmeldung geschickt.

Sie bleibt die ganzen Sommerferien, ist das nicht toll?

Und auch Katlas Mutter möchte ihre Tochter für volle sechs

Wochen bei uns auf dem Mutmachhof unterbringen, weil es

ihr hier so gut gefallen hat.«

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»Wunderbar«, rief Sören. »Cordula und Katla sind tolle Mädchen,

die packen sicher wieder kräftig mit an. Wir können jede

Hilfe brauchen, die uns nicht zusätzliche Kosten verursacht.«

»Na, und außerdem sollen sie auch noch tolle Ferien hier

haben. Und die Rätsel müssen wir lösen. Deswegen kommen

sie doch her«, antwortete Britta.

Hinter Sören erklang ärgerliches Wiehern. Talisman, das

schwarz-weiße Islandpony, reckte den schwarzen Kopf über

die Boxentür und schnaubte vorwurfsvoll.

»Entschuldige, Talisman. Sie kommen natürlich deinetwegen.

Und das Flicken deines Stalldachs hat Vorrang vor allen

anderen Reparaturen«, lenkte Sören ein und klopfte dem Tier

den Hals. »Was ist denn mit Lars-Olaf? Der kommt doch auch,

oder etwa nicht?«

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Britta schüttelte traurig den Kopf. »Ich habe noch immer

keine Nachricht von ihm oder seinen Eltern. Wenn wir nicht

bald etwas von ihm hören, müssen wir seinen Platz an jemand

anderen vergeben. Wir können es uns nicht leisten, auch nur

ein einziges Gästebett unbelegt zu lassen.«

»Gib ihm einfach noch ein paar Tage Zeit. Lars-Olaf schafft

das schon. Der Junge ist ziemlich clever.« Sören klopfte Talisman

noch einmal kräftig den Hals, dann fuhr er mit seiner Arbeit

fort. Unschlüssig stand Britta in der Stallgasse und sah auf

die zwei Buchungen in ihrer Hand. Es stimmte, Lars-Olaf war

schlau. Würden Katla und Cordula auch ohne Lars-Olaf in der

Lage sein, das zweite Rätsel der blauen Säckchen zu lösen?

Talisman konnte es kaum erwarten, dass die Kinder und der

Sommer kamen. Die letzten Monate waren regenreich gewesen,

was für das Emsland an sich nichts Besonderes war. Der

Regen fiel hier oft und lang und reichlich. Er hielt die Wälder

und Wiesen grün und die Pfade matschig. Doch er hielt auch

die Streu und die Wände in Talismans Box häufig klamm, denn

an Regentagen tropfte es stetig durch das Gebälk. Platz für genug

Eimer rund um seine Hufe gab es schon längst nicht mehr,

und das Regencape, das Britta ihm gelegentlich übergezogen

hatte, war von ihm zu einem nutzlosen Fetzen zerkaut worden.

Es hatte gejuckt und gekratzt, er hatte aus reiner Notwehr gehandelt.

An so manchen Tagen war es im Stall nicht trockener

gewesen als auf der Koppel und Talisman war das Wetter

und die Langeweile leid. Es wurde Zeit, dass die Kinder auf

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den Hof zurückkehrten und ihr gemeinsames Abenteuer weiterging,

an dessen Ende hoffentlich genug Geld für ein neues

Stalldach heraussprang. Doch bis dahin musste noch viel ausgestanden

werden, denn ihr Gegner in diesem Abenteuer war

die Angst. Sie musste besiegt werden. Und Cordula, Katla und

Lars-Olaf hatten jede Menge davon. Durch sie hatte Talisman

viel über Angst gelernt. Natürlich hat jeder Mensch in seinem

Leben schon einmal Angst gehabt. Angst ist ein ganz normales

Gefühl, das vor Gefahren warnt. So gesehen ist Angst eine

sehr nützliche Sache. Manche Leute jedoch haben ohne jeden

Grund Angst vor den seltsamsten Dingen. Und sie haben öfter

und viel stärker Angst als andere Menschen. Wenn dieser Fall

eintritt, ist die Angst zu einer Krankheit geworden. Zu einer

lästigen Krankheit, die man nur schwer wieder loswird. Es gibt

Ärzte, Therapeuten und Ratgeber, die einem helfen können,

die starken Ängste wieder kleinzukriegen. Doch sogar alle zusammen

können nicht helfen, wenn man nicht den Mut aufbringt,

sich seiner Angst zu stellen. Deshalb gab es die Mutmachferien

auf dem Jansenhof mit ihren Nachtwanderungen,

wilden Kletterpartien, jeder Menge Dreck, Tieren und eben

den blauen Rätseln.

Hätte Talisman reden können, wären die Kinder mit ihrer

Suche nach den Rätseln schon viel weiter. Denn er war es gewesen,

der die alte Frau Jansen auf seinem Rücken kreuz und

quer durch das Emsland getragen hatte, um die Rätsel überhaupt

zu verstecken. Aber Talisman konnte nun einmal nicht

sprechen und auch niemandem mitteilen, was er gesehen hatte.

Talisman lauschte Sörens fröhlichem Pfeifen und sah, wie

Britta den Stall verließ, um sich anderswo nützlich zu machen.

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Er spielte glücklich mit seinen Ohren und dachte an die nahen

Sommerferien. Cordula würde wiederkommen. Und Katla.

Und vielleicht auch Lars-Olaf. Er gab ein leises Wiehern

von sich und scharrte ungeduldig mit den Hufen. Er konnte es

kaum erwarten, mit ihnen zusammen wieder auf die Suche zu

gehen, das versprach Spannung und Spaß. Und eine trockene

Pferdebox.

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Plattes Land und

platte Wörter

Drei Wochen später zog die Landschaft am Fenster ihres

Groß raumabteils vorbei und ließ erahnen, dass sie ihrem

Ziel immer näher kamen. Viel Landschaft anstelle großer

Städte, kleine Bahnhöfe und keine Berge weit und breit. Das

Emsland war so platt wie ein Pfannkuchen. Seit dem letzten

Umsteigen in Rheine saßen sie alle im gleichen Zug. Cordula,

Katla und Lars-Olaf. Diese Bummelbahn würde sie nach

Lathen bringen. Von dort würde sie ein Kleinbus abholen und

direkt zum Jansenhof in dem kleinen Ort Werpeloh fahren.

Endlich. Die Sommerferien hatten begonnen.

Cordula war mit ihren zwölf Jahren die jüngste, aber auch

die Größte des Trios. Ihre überragende Größe hatte ihr in der

Schule den Spitznamen Leuchtturm eingebracht und war das

Auffälligste an ihr. Cordula hatte glatte blonde Haare, die sie

meist zu einem Pferdeschwanz zusammenband, und ein hübsches

Gesicht. Aber sie war nicht so eine bemerkenswerte

Erscheinung wie die kleine Katla. Obwohl sie genau wie Lars-

Olaf schon dreizehn Jahre alt war, war sie kaum größer als eine

Grundschülerin. Ihr langes rotes Haar hatte die Farbe von Kupferdraht,

ihre Haut war weiß wie Schlagsahne. Sie stammte,

genau wie Talisman, aus Island, einer Insel weit oben im Nor-

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den Europas, wo die Winter kalt und die Sommer kurz waren.

Seit der Trennung ihrer Eltern lebte sie mit ihrer Mutter in

Deutschland und vermisste ihre einmalig schöne Heimat sehr.

So sehr, dass sie kaum eine Nacht ruhig schlafen konnte. Daran

hatte auch ihre Zeit auf dem Jansenhof noch nichts ändern

können.

Die beiden Mädchen saßen im Abteil Lars-Olaf gegenüber

und beäugten misstrauisch die gelben Gummihandschuhe, die

Lars-Olaf über Hände und Unterarme gezogen hatte.

»Die passen gut zu deinen blonden Haaren«, witzelte Cordula

und deutete auf die hässlichen Gummihandschuhe. »Aber

wozu sollen die gut sein?«

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»Die haben mich hierher gebracht«, antwortete Lars-Olaf

und sah triumphierend von einer zur anderen. Als er die Ratlosigkeit

in ihren Gesichtern sah, klärte er sie auf. »Nachdem

meine Mutter mich nicht hierher lassen wollte, weil es mir angeblich

schon zu gut ginge, habe ich vor drei Wochen einen

schweren Rückfall erlitten. Ich konnte nichts mehr anfassen.

Wirklich gar nichts! Ich meine, wenn man sich mal überlegt,

wie viele Bakterien schon auf einem Lichtschalter oder einem

Hosenknopf sitzen, dann ist es doch leicht zu verstehen, oder?«

Er hob die Hände und sah glücklich auf seine gelben Gummihandschuhe.

»Ich bin mit diesen wundervollen Dingern überall

hingegangen: in die Schule, zum Schwimmen, sogar zum

Klavierunterricht. Kann ich wissen, was der Klavierschüler, der

vor mir in die Tasten gehauen hat, alles an den Fingern kleben

hatte?« Er klimperte unschuldig mit den Augenlidern. »Zu

guter Letzt habe ich sie nicht einmal mehr zum Schlafengehen

oder Duschen ausgezogen. Da hat meine Mutter kapituliert

und eingesehen, dass ich auf dem Jansenhof wohl doch besser

aufgehoben bin als am Mittelmeerstrand. Und hier bin ich.

»Tolle Leistung.« Katla nickte anerkennend. »Und was hält

dich davon ab, die Dinger jetzt wieder auszuziehen?«

Lars-Olafs selbstgefälliges Grinsen verzerrte sich zu einer

schiefen Grimasse. »Nun ja, also, um es frei nach Goethe zu

sagen: Die Geister, die ich rief, die werd’ ich nicht mehr los.

Ehrlich gesagt, fühle ich mich sicherer mit meinen Gummihandschuhen.

Überlegt mal, wer hier alles schon auf diesen

Kunstlederbezügen gesessen hat!«

»Oh, Lars-Olaf!«, stöhnte Cordula und konnte gleichzeitig

ein Kichern nicht unterdrücken. »Du wolltest deiner Mutter

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einreden, dass du die Handschuhe brauchst, weil du so große

Angst vor Bakterien hast und hast es dir dabei selbst eingeredet?

Du bist wirklich ein schräger Vogel.«

»Kaum schräger als ihr beide«, verteidigte sich Lars-Olaf.

»Und damit sind wir unermesslich wertvoll für den Jansenhof.

Wie sieht’s denn aus? Habt ihr das zweite Rätsel schon geknackt?«

Die beiden Mädchen schüttelten den Kopf.

»Nein«, sagte Katla.

»Fehlanzeige«, ergänzte Cordula. »Ich habe unendlich viele

Kombinationen des Rätsels im Internet durch die Suchmaschinen

gejagt. A&C und C&A, Fledermäuse, die mit C anfangen …

alles Mögliche. Herausgekommen ist dabei nichts. Außer, dass

es C&A-Filialen auch im Emsland gibt. Aber ich glaube einfach

nicht, dass wir das nächste blaue Säckchen in einem Kaufhaus

suchen sollen. Obwohl der Besuch bei C&A für Maja sicher

eine Herausforderung wäre. Ich meine, sie kommt ja nicht einmal

durch ihre eigene Tür, ohne vor lauter Angst den Rückwärtsgang

einzulegen und wieder in ihr Versteck zu kriechen.«

Lars-Olaf zuckte mit den Schultern. »Ich habe auch nichts

erreicht. Ich habe krampfhaft überlegt, wofür das A und das C

stehen könnte. Ich dachte mir, dass es sich um etwas aus der

Gegend handeln könnte. Aber irgendwie machte nichts wirklich

Sinn. Schon gar nicht in Verbindung mit Fledermäusen.«

»Wir können also nur hoffen, dass Britta und Sören schlauer

waren als wir«, fasste Katla zusammen und sah zum Fenster

hinaus. Cordula folgte ihrem Blick und bemerkte eine riesige

weiße Wolke am Himmel, die aus einem nicht minder riesigen

Schornstein aufstieg.

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»Was ist das denn?«, fragte sie und deutete auf die Wolke.

Lars-Olaf antwortete: »Das ist der Kühlturm eines Kernkraftwerkes.

Wir sind in Lingen.«

Cordula blickte wieder zur aufsteigenden weißen Wolke und

verspürte plötzlich ein mulmiges Gefühl in der Magengegend.

Sie wusste nicht viel über Kernkraftwerke, aber das Wenige,

was sie in den Nachrichten aufgeschnappt hatte, machte ihr

Angst.

»Wie das wohl ist, in der Nähe eines solchen Turms zu leben?«,

fragte sie. Lars-Olaf zuckte mit den Schultern.

»Keine Ahnung. Ich denke, man gewöhnt sich irgendwann

dran.«

»Hey!«, rief Katla plötzlich und klatschte in die Hände. »Vielleicht

führt uns die Rätselkette ja sogar bis in dieses Atom-

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kraftwerk! Es ist nicht mehr weit bis zu unserem Ziel und ein

Atomkraftwerk hat definitiv etwas Beängstigendes. Ich würde

den Turm gerne mal aus der Nähe sehen. In Island gibt es keine

Atomkraftwerke. Wir machen alles mit umweltfreundlichen

Energien.« Der Stolz in Katlas Stimme war nicht zu überhören.

»Was ja wohl daran liegt, dass Island nicht einmal 400.000

Einwohner zu versorgen hat. Außerdem rührt eure Erdwärme

von der nicht unbeträchtlichen Anzahl Vulkane unter euren

Hintern her. Vielen Dank, aber ich möchte nicht mit den Isländern

tauschen«, sagte Lars-Olaf.

Cordula schluckte nervös und antwortete: »Ich finde es beneidenswert.

Ich glaube, ich wandere nach Island aus. Ich will

diesen Turm nämlich nicht aus der Nähe sehen. Er kommt mir

gefährlicher vor als ein Vulkan.«

»Das wiederholst du nicht, wenn du mal einen hast ausbrechen

sehen«, sagte Katla und grinste.

Lars-Olaf horchte auf und sah ebenfalls wieder aus dem

Fenster. Noch immer beherrschte der gewaltige Kühlturm das

Bild der Landschaft. »Ja, das ist wirklich etwas, wovor man sich

fürchten kann. Aber was sollen C und A mit einem Kraftwerk

zu tun haben? Oder mit Lingen? Gibt es hier vielleicht viele

Fledermäuse?«

Sofort begannen er und Katla eine Reihe wilder Theorien

aufzustellen, was das Rätsel mit dem Atomkraftwerk verbinden

könnte. Cordula schwieg und sah zu, wie der Turm nur sehr

langsam aus ihrem Blickfeld verschwand. Das Unbehagen, das

sie bei seinem Anblick überfallen hatte, blieb jedoch. Eigentlich

schade, dachte sie, dass jedes dieser Rätsel uns immer

wieder durch unsere Angst führen wird. Das macht diese Feri-

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en nicht nur spannend, sondern auch unheimlich. Selbst wenn

unser Weg uns nicht zu diesem abscheulichen Turm führt, zu

irgendetwas Fiesem wird uns das Rätsel schon schicken.

Die Zeit verflog wie die Landschaft vor ihrem Fenster und

bald rief Katla: »Wir sind gleich da!«

»Tatsächlich«, stimmte Cordula ihr zu und blickte auf ihre

Armbanduhr. In wenigen Minuten würden sie Lathen erreichen.

Und an dem winzigen Bahnhof würde Kai, der Stallbursche

der Jansens, schon mit dem Kleinbus auf sie warten. Kai,

mit seinen blauen Augen und der windschiefen Nase. Kai, der

selbst aus Cordulas Perspektive so hoch wie ein Leuchtturm

war. Cordula mochte Kai sehr gern und freute sich auf das

Wiedersehen mit ihm. Am meisten aber freute sie sich auf Talisman.

Mit ihm verband Cordula seit den Osterferien eine tiefe

Freundschaft. Niemandem vertraute sie mehr als Talisman.

Er war mit ihr in der Nacht im Wacholderhain gewesen. Er war

bei ihr gewesen, als sie sich vor Angst fast nicht mehr rühren

konnte. Er hatte sie aufgefangen. Auf Talisman war Verlass.

»Wir werden das zweite Rätsel lösen«, flüsterte Cordula ihrem

Spiegelbild in der Fensterscheibe zu. »Ganz egal, was uns

erwartet, wir haben immer noch Talisman an unserer Seite.«

»Aber klar«, rief Katla laut und klopfte ihr auf die Schulter.

»Doch wenn wir jetzt nicht aussteigen, fährt der Zug mit uns

bis rauf an die Nordsee. Und dort wartet kein Talisman auf

uns.«

Als sie aus dem Zug stiegen, bemerkte Cordula zwei weitere

Kinder auf dem Bahnsteig. Ein dicklicher Junge und ein Mädchen

mit schulterlangen Haaren, beide ungefähr 10 Jahre alt.

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»Zwei neue Gäste für den Jansenhof, vermute ich mal«, sagte

Katla und stieß Cordula in die Seite. »Hoffentlich keine Nervensägen.«

»Das werden wir sicher bald herausfinden«, antwortete Cordula,

lächelte den beiden freundlich zu und wagte den ersten

Schritt.

»Hallo. Wollt ihr auch zum Jansenhof? Fahrt ihr zum ersten

Mal dorthin?«

Sie erntete ein doppeltes Kopfnicken. Cordula erinnerte sich

noch gut daran, wie sie selbst vor wenigen Monaten zum ersten

Mal auf diesem Bahnsteig gestanden und keine Ahnung

gehabt hatte, was sie erwartete. Damals war sie sehr unsicher

gewesen. Genau wie diese Neuen jetzt auch.

»Wir drei sind schon zum zweiten Mal hier«, sagte Cordula

und stellte sich und ihre Freunde vor. »Und wie heißt ihr?«

»Ich bin Lukas, und das ist David«, antwortete der dickliche

Junge. Cordula zog überrascht die Augenbrauen hoch. Das

Mädchen war in Wirklichkeit ein Junge? Wie eigenartig. Er

trug rote Jeans und ein gelbes T-Shirt mit Blümchenstickerei

am Kragen. Nichts an ihm sah nach Junge aus, aber Cordula

konnte sich nicht vorstellen, dass irgendein Mädchen auf der

Welt David heißen könnte. Cordula überlegte noch, was sie als

Nächstes sagen sollte, als Worte in einer fremden Sprache laut

über den Bahnsteig schallten.

»Bünt i de lüttgen Däre, de ick ofholen schöll? 1 «

Cordula wandte den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme

gekommen war. Dort stand ein kahlköpfiges Männchen in

1 Seid ihr das Kleinvieh, das ich abholen soll?

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einem grauen Arbeitsanzug, mit krummem Rücken und grinste

zahnlos in die Runde. Cordula schielte zu Lars-Olaf und Katla

hinüber. Hatten sie auch so wenig verstanden wie sie selbst?

»Na, wat is nu? Bünt i dat junge Gemüse?« 2

Gemüse? Das hatte Cordula herausgehört. Doch wovon redete

der Alte da bloß? Auf dem Bahnsteig gab es doch weit

und breit kein Gemüse!

Lars-Olaf beugte sich zu ihr herüber und flüsterte in ihr Ohr:

»Ich glaube, der meint uns mit dem jungen Gemüse.«

Cordula und Katla sahen sich ratlos an, Lars-Olaf aber ging

auf den Fremden zu, räusperte sich und sprach sehr langsam

und deutlich, als er fragte: »Können Sie mich verstehen?«

Der Alte lachte meckernd. »Seker verstah ick di, mien Jung.

Nu mal ale eben anpacken, dat wi de Koffer in Hänger krieget.« 3

Hänger? Das Wort Koffer ergab Sinn für Cordula, aber was

konnte denn mit dem Wort Hänger gemeint sein? Der Alte deutete

mit den Fingern zu den Glastüren des Bahnhofsgebäudes.

Durch die Scheiben konnte Cordula einen Trecker erkennen,

auf dessen Anhänger sich mehrere Heuballen stapelten. Jetzt

wusste sie, dass mit Hänger tatsächlich ein Anhänger gemeint

war. Mühsam verbarg sie ihre Überraschung und fragte den alten

Mann: »Ist Kai denn nicht gekommen, um uns abzuholen?«

»Kai mot sine Oma hen Kusendoktor bringen. Dat is wichtig,

sei hav man noch vaier Tannen.« 4

2 Was ist nun? Seid ihr das junge Gemüse?

3 Sicher verstehe ich dich, mein Junge. Nun packt mal alle mit an, damit wir

die Koffer in den Anhänger kriegen.

4 Kai muss seine Oma zum Zahnarzt bringen. Das ist wichtig, die hat nur noch

vier Zähne.

28


Cordula sah den Mann an und erwiderte nichts. Dann wandte

sie sich an Lars-Olaf.

»Okay. Wovon redet der? Was ist denn einen Kusendoktor?

Und um welche Tannen geht es?«

»Also ich habe immerhin Oma verstanden«, sagte Lars-Olaf

und sah hilflos zu Katla hinüber. Die hob abwehrend die Hände.

»Frag nicht mich. Das klingt nicht wie irgendeine Sprache,

die ich schon mal gehört habe.«

»So, wat is nu? Will i mit or hier uppn Bahnhoff staan blieben?

Dat Hai mot unert Dach.« 5

Cordula hatte wirklich ausschließlich Bahnhof verstanden,

aber sie vermutete, dass es irgendetwas mit dem Wetter zu tun

hatte, denn der Alte deutet auf die dunklen Wolken, die sich

über ihnen bedrohlich auftürmten.

5 Also, was ist nun? Wollt ihr mit oder hier auf dem Bahnhof stehenbleiben?

Das Heu muss unters Dach.

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»Nu man tau!« 6

Den letzten Satz und seine Bedeutung konnten sie sich alle

zusammenreimen, denn der Alte wedelte energisch mit den

Armen. Und so setzten sie sich gehorsam in Bewegung, auch

die beiden neuen Jungen, die dem Wortwechsel nur mit offenen

Mündern gelauscht hatten, und folgten dem Alten zu seinem

Gefährt. Als sie ihre Koffer und Taschen ins Heu geworfen

hatten, tippte Lars-Olaf dem Mann zaghaft auf die Schulter.

Cordula war sich sicher, dass er sich das ohne seine Gummihandschuhe

nicht getraut hätte, denn der Arbeitsanzug des

Alten sah nicht besonders sauber aus.

»Entschuldigung, können Sie uns verraten, in was für einer

Sprache Sie da eigentlich sprechen?«

Der Alte lachte wieder meckernd. »Ick prot Platt, mien Jung.

Wi prot net so platt as dat Land iss.« 7

»Aha«, antwortete Lars-Olaf und klang ein wenig ratlos.

»Nu man int Hai und dann gait los.« 8

»Wie bitte?«, fragten sie alle gleichzeitig.

»In Hai schollt i, nu man tau.« 9

Seine Gesten verrieten mehr als seine Worte und so machte

Lars-Olaf mit seinen gummigeschützten Händen für Cordula

gehorsam eine Räuberleiter, damit sie auf den Hänger klettern

konnte. Oben angekommen, half sie Katla, Lukas und David

hinauf. Lars-Olaf zog sich selbst auf die Ladefläche, während

der Alte die restlichen Koffer zu ihnen hinauf warf.

6 Nun aber los!

7 Ich spreche Platt, mein Junge. Wir sprechen so platt wie das Land ist.

8 Nun mal ins Heu und dann geht’s los.

9 Ins Heu sollt ihr, nun mal los..

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Dann kletterte der Mann in das Führerhaus seines Traktors

und schaltete den knatternden Motor an. Ruckelnd setzte sich

ihr Gefährt in Bewegung. Die Kinder nahmen auf den Heuballen

Platz.

»Ich habe Asthma, ich glaube nicht, dass das hier eine gute

Idee ist. Das Heu staubt schon, wenn man sich nur draufsetzt«,

murmelte Lukas, schob sich eine Sprühflasche in den Mund

und atmete tief ein. David beschwerte sich, dass das Heu kitzelte

und piekte und Lars-Olaf inspizierte mit unglücklichem

Gesichtsausdruck den Ballen, auf dem er saß.

Katla jedoch sah glücklich in die Landschaft und Cordula tat

es ihr nach. Eigentlich war so eine Fahrt mit dem Heuwagen

doch eine großartige Sache. Das Heu duftete nach Sommersonne,

der Fahrtwind zauste an ihrem Haar und die Sonne, die

sich durch die Wolken kämpfte, wärmte sie von oben. Cordula

spürte, wie ihre Laune immer weiter stieg. Ohne es zu bemerken,

begann sie, eine Melodie zu summen.

»Mit Hoch auf dem gelben Wagen ist aber kein Heuwagen

gemeint. Da ging es um eine Postkutsche«, erklärte ihr Lars-

Olaf plötzlich ungefragt.

»Ist doch egal«, rief Cordula und sang jetzt laut drauflos. Da

sie den Text des Liedes selbst nicht so genau kannte, ersetzte

sie viele Stellen einfach durch Lalala. Lukas und David machten

gleich begeistert mit. Katla, der die Melodie fremd war,

hörte verträumt lächelnd zu. Nur Lars-Olaf begann verstohlen

damit, Heu von seinem Koffer zu zupfen.

»Ihr drei seid also nicht zum ersten Mal auf dem Jansenhof?

Wird es auch nicht langweilig dort?«, fragte Lukas plötzlich

und drückte erneut auf seine Sprühflasche. Cordula wunderte

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sich, sie hatte ihn noch gar nicht husten oder keuchen hören.

Auch Atemnot schien er keine zu haben. Und wieder drückte

er auf das Sprühfläschchen.

»Langweilig?« Cordula schüttelte den Kopf. »Langweilig

wird es dort ganz bestimmt nicht.« Und dann winkte sie den

Autos zu, die eines nach dem anderen den Heuwagen überholten.

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Pony mit Sahne

»O

pa Willem, ich bin dir ja so dankbar, dass du die Bande

vom Bahnhof abgeholt hast. Dafür schulde ich dir

was!«, rief Britta, während sie die Kinder, die nacheinander

vom Wagen sprangen, überschwänglich in die Arme schloss.

Lukas und David fühlten sich der Gruppe nach dieser Fahrt

bereits voll zugehörig und Cordula war sich sicher, dass sie mit

den beiden Neuen eine Menge Spaß haben würden.

Als Lars-Olaf vom Wagen sprang, fragte er Britta sofort:

»Und was für eine Sprache spricht Opa Willem, bitte? Wir hatten

nämlich leichte Verständigungsschwierigkeiten.«

Britta warf dem Alten, der zahnlos vom Trecker heruntergrins

te, einen strengen Blick zu. »Ich hab’ dir doch gesagt, dass

du mit den Kindern nicht Platt sprechen kannst. Die verstehen

das nicht.«

Der Alte lachte hämisch, antwortete etwas völlig Unverständliches

und warf den Motor des Treckers wieder an. Schnell

sprang Cordula, die die letzten Koffer vom Hänger in die Arme

ihrer Besitzer gereicht hatte, vom Wagen und hätte fast Lars-

Olaf umgeworfen, der gerade lautstark protestierte: »Das war

kein Plattdeutsch. Ich habe Plattdeutsch schon oft oben bei

uns in Schleswig-Holstein gehört und manchmal sogar ein

bisschen verstanden. Bei dem, was dieser Opa Willem gebrabbelt

hat, ergab nichts einen Sinn!«

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