Leseprobe: Bizet – Carmen
Ein heißblütiger Torero, ein verzweifelnder Sergeant und eine »Zigeunerin«, die nicht erobert werden will, sondern selbst erobert – das ist die Konstellation eines der bekanntesten Liebesdramen. »Carmen« erzählt die Geschichte einer großen Verführerin, deren unwiderstehlicher Charme ihre Verehrer in ein mörderisches Dilemma von Moral und Versuchung stürzt. Längst ist Bizets Stück nicht mehr von den Opernbühnen wegzudenken und begeistert durch zeitlose Leidenschaft.
Ein heißblütiger Torero, ein verzweifelnder Sergeant und eine »Zigeunerin«, die nicht erobert werden will, sondern selbst erobert – das ist die Konstellation eines der bekanntesten Liebesdramen. »Carmen« erzählt die Geschichte einer großen Verführerin, deren unwiderstehlicher Charme ihre Verehrer in ein mörderisches Dilemma von Moral und Versuchung stürzt. Längst ist Bizets Stück nicht mehr von den Opernbühnen wegzudenken und begeistert durch zeitlose Leidenschaft.
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WOLFGANG FUHRMANN<br />
<strong>Bizet</strong><br />
<strong>Carmen</strong>
Weitere Bände der Reihe OPERNFÜHRER KOMPAKT:<br />
Daniel Brandenburg • Verdi • Rigoletto<br />
Detlef Giese • Verdi • Aida<br />
Michael Horst • Puccini • Tosca<br />
Michael Horst • Puccini • Turandot<br />
Wolfgang Jansen und Gregor Herzfeld • Bernstein • West Side Story<br />
Malte Krasting • Mozart • Così fan tutte<br />
Silke Leopold • Verdi • La Traviata<br />
Robert Maschka • Beethoven • Fidelio<br />
Robert Maschka • Mozart • Die Zauberflöte<br />
Robert Maschka • Wagner • Tristan und Isolde<br />
Volker Mertens • Wagner • Der Ring des Nibelungen<br />
Volker Mertens • Wagner • Parsifal<br />
Clemens Prokop • Mozart • Don Giovanni<br />
Olaf Matthias Roth • Donizetti • Lucia di Lammermoor<br />
Olaf Matthias Roth • Puccini • La Bohème<br />
Marianne Zelger-Vogt und Heinz Kern • Strauss • Der Rosenkavalier<br />
Wolfgang Fuhrmann unterrichtet Musikwissenschaft an der Universität Wien.<br />
Seine Forschung gilt dem Mittelalter und der Renaissance ebenso wie der<br />
bürgerlichen Musikkultur des 18. und 19. Jahrhunderts. Zuletzt veröffentlichte<br />
er gemeinsam mit Melanie Wald Ahnung und Erinnerung. Die Dramaturgie<br />
der Leitmotive bei Richard Wagner.
OPERNFÜHRER KOMPAKT<br />
WOLFGANG FUHRMANN<br />
<strong>Bizet</strong><br />
<strong>Carmen</strong>
Für Leser, die es genau wissen wollen: Alle Zitatnachweise und<br />
wissen schaftlichen Anmerkungen zu diesem Text finden Sie<br />
als pdf unter: https://www.baerenreiter.com/extras/BVK2209.<br />
Auch als eBook erhältlich:<br />
epub: ISBN 978-3-7618-7075-4 • epdf: ISBN 978-3-7618-7074-7<br />
Das eBook enthält alle Nachweise und Anmerkungen.<br />
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek<br />
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation<br />
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten<br />
sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.<br />
© 2016 Bärenreiter-Verlag Karl Vötterle GmbH & Co. KG, Kassel<br />
Gemeinschaftsausgabe der Verlage Bärenreiter, Kassel, und<br />
Seemann Henschel GmbH & Co. KG, Leipzig<br />
Umschlaggestaltung: <strong>Carmen</strong> Klaucke unter Verwendung eines Fotos<br />
der Tänzerin Tamara Rojo (© Nigel Norrington / ArenaPAL)<br />
Lektorat: Jutta Schmoll-Barthel<br />
Innengestaltung: Dorothea Willerding<br />
Satz: EDV + Grafik, Christina Eiling, Kaufungen<br />
Korrektur: Daniel Lettgen, Köln<br />
Notensatz: Tatjana Waßmann, Winnigstedt<br />
Druck und Bindung: BELTZ Bad Langensalza GmbH, Bad Langensalza<br />
ISBN 978-3-7618-2209-8 (Bärenreiter) • ISBN 978-3-89487-923-5 (Henschel)<br />
www.baerenreiter.com • www.henschel-verlag.de
Inhalt<br />
Einleitung: Mythos <strong>Carmen</strong> 7<br />
<strong>Bizet</strong>s Leben und Werk im Spiegel der Zeit 13<br />
Entstehung und Sujet 25<br />
Die Handlung 37 • Die Figurenkonstellation 41<br />
Die musikalische und dramaturgische Gestaltung 43<br />
Sprechen, Singen, Tanzen 43 • Spanienmode und Exotismus 47 •<br />
Erotik, Fatalismus, Tod 50 • Realismus, Verismo und Lakonie 51 •<br />
Streifzug durch die Partitur 54 • Mutmaßungen über <strong>Carmen</strong> 110<br />
»<strong>Carmen</strong>« auf der Bühne und im Film 112<br />
Rezeption der Uraufführung und internationale Verbreitung 112 •<br />
Die populärste Oper der Welt ? 119 • »<strong>Carmen</strong>«: eine Interpretationsgeschichte<br />
120 • <strong>Carmen</strong> im Film 127<br />
Anhang 132<br />
Literatur 132 • Ausgewählte Discografie und Videografie 134 •<br />
Abbil dungsnachweis 135 • Dank 135
Einleitung: Mythos <strong>Carmen</strong><br />
<strong>Carmen</strong> ist eine verhängnisvoll-verführerische »Zigeunerin« und Schmugglerin<br />
im Andalusien des frühen 19. Jahrhunderts. Nein! <strong>Carmen</strong> ist eine<br />
abenteuerlustige afroamerikanische Angestellte einer Fallschirmfabrik<br />
während des Zweiten Weltkriegs. Nein: <strong>Carmen</strong> ist eine aufstrebende<br />
Tänzerin in einem Flamenco-Theater zwischen Realität und Illusion.<br />
Nein; <strong>Carmen</strong> ist eine selbstbewusste Arbeiterin in einer südafrikanischen<br />
Township nach dem Ende der Apartheid …<br />
Die Liste ließe sich fortsetzen. <strong>Carmen</strong>, die Protagonistin der<br />
Novelle von Prosper Mérimée und der Oper von Georges <strong>Bizet</strong>, hat im<br />
20. Jahrhundert vielfältige Resonanz gefunden <strong>–</strong> in der Musicaladaption<br />
<strong>Carmen</strong> Jones (1943, verfilmt 1954) ebenso wie im Mittelteil von Carlos<br />
Sauras Flamenco-Filmtrilogie (<strong>Carmen</strong>, 1983) und in der nach Südafrika<br />
transponierten U-<strong>Carmen</strong> e-Khayelitsha (<strong>Carmen</strong> in Khayelitsha, Regie:<br />
Mark Dornford-May, 2004). Aber damit nicht genug: <strong>Carmen</strong> hat den großen<br />
Theatermacher Peter Brook zu seiner radikal konzentrierten Version<br />
La Tragédie de <strong>Carmen</strong> angeregt und Beyoncé Knowles zu ihrer für MTV<br />
produzierten <strong>Carmen</strong>: A Hip Hopera. Auch jenseits von Musiktheater (und<br />
Ballett) ist <strong>Carmen</strong> in Stumm- und Tonfilm präsent und wurde in den unterschiedlichsten<br />
Versionen von Pola Negri, Rita Hayworth, Maruschka<br />
Detmers und Paz Vega verkörpert. Nicht zuletzt ist sie eine der wenigen<br />
fiktiven Figuren, denen ein reales Denkmal errichtet wurde: In Stein gehauen<br />
steht sie in Sevilla vor La Maestranza, der berühmten Stierkampfarena,<br />
dort, wo sie, zumindest gemäß der Opern-Version, von Don José,<br />
ihrem ehemaligen Liebhaber, ermordet worden ist.<br />
Insofern zählt Georges <strong>Bizet</strong>s 1875 uraufgeführte Oper nicht nur <strong>–</strong><br />
neben Giuseppe Verdis La traviata und Wolfgang Amadé Mozarts Die<br />
Zauberflöte <strong>–</strong> zu den beliebtesten Opern der Welt, sondern bildet auch die<br />
Grundlage eines modernen Mythos. Zumindest scheint es, als ob auf die<br />
Gestalt der <strong>Carmen</strong> das zuträfe, was nach dem griechischen Philosophen<br />
Saloustios das Wesen des Mythos ausmacht: »Mythos ist, was niemals war<br />
7
8<br />
und immer ist.« Blickt man auf andere Mythen der europäischen Kulturgeschichte<br />
der Neuzeit <strong>–</strong> Don Quixote, Don Juan, Faust <strong>–</strong>, so ist dieser der<br />
weitaus jüngste. Aber in <strong>Carmen</strong> und ihrer verhängnisvollen Affäre mit<br />
Don José spiegelt sich mehr als nur eine Geschichte des 19. Jahrhunderts,<br />
und so wichtig der historische Kontext auch ist, so kann er hier wie auch<br />
sonst nicht die dauerhafte Lebendigkeit eines Werks erklären.<br />
Auch wenn die Gestalt der <strong>Carmen</strong> in Prosper Mérimées gleichnamiger<br />
Novelle bereits 1845 Gestalt annahm, ist es in erster Linie <strong>Bizet</strong>s<br />
Musik, die diesen Mythos begründete <strong>–</strong> ohne seine <strong>Carmen</strong>-Version, die<br />
1875 an der Opéra-Comique in Paris ihre Uraufführung erlebte, wäre die<br />
von Mérimée (teilweise nach einem realen Vorbild) erschaffene Figur niemals<br />
so bekannt geworden. Die scheinbar unproblematische Popularität<br />
von <strong>Bizet</strong>s Melodien sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine<br />
Version dieses Mythos immer noch die gültige und wohl auch (neben<br />
Mérimées Novelle) die künstlerisch bedeutendste ist. <strong>Bizet</strong>s <strong>Carmen</strong> ist<br />
kein Wunschkonzert in Kostümen, sondern ein Musikdrama, in dem jede<br />
Note die Handlung vorantreibt.<br />
Aber es ist eben auch diese Handlung, die die Faszination des Sujets<br />
ausmacht. Was das Publikum der Opéra-Comique bei der Uraufführung<br />
1875 so schockierte und <strong>Carmen</strong> zunächst zu einem Misserfolg machte,<br />
das war die Erhebung von Deklassierten und Minderprivilegierten zu<br />
Hauptfiguren einer Geschichte: Eine Arbeiterin in einer Tabakfabrik und<br />
ein desertierter Soldat, das waren schon an sich Protagonisten unterhalb<br />
jenes Milieus, das das vorwiegend kleinbürgerliche Comique-Publikum<br />
auf der Bühne dargestellt finden wollte (vgl. S. 28 f.). Don José, dem sich<br />
in Micaëla und der durch sie repräsentierten bürgerlichen »Mutterkultur«<br />
ein Ausweg zu öffnen scheint, wählt stattdessen sein Verderben. Heillos in<br />
seinen Amour fou verstrickt, richtet er sich sozial zugrunde und ersticht<br />
<strong>Carmen</strong> schließlich auf offener Bühne. Nicht minder schockierend als<br />
dieser allen Konventionen der Opéra-Comique widersprechende blutige<br />
Schluss war die Titelfigur: eine »Zigeunerin« (siehe Kasten S. 10) mitsamt<br />
allen damit verbundenen Klischees, die auch noch als Schmugglerin arbeitet<br />
und ihre Liebhaber auf Zeit selbst aussucht. Damit kommen wir<br />
zu dem zweiten großen Skandalon der Oper: der offenen Darstellung von<br />
Verführung, sexuellem Begehren und einer Vorstellung von Liebe, die weder<br />
auf Dauer gründet noch auf Sympathie und echter Zuneigung: »die<br />
Liebe, die in ihren Mitteln der Krieg, in ihrem Grund der Todhass der Geschlechter<br />
ist«, wie Friedrich Nietzsche über <strong>Carmen</strong> schrieb.<br />
Wie beides zusammengehört <strong>–</strong> das Unterschichtenmilieu und die<br />
Entzauberung der Liebe zum Begehren ohne Zuneigung <strong>–</strong>, das hat am
klarsten der eigentlich musikferne Sigmund Freud ausgesprochen, der<br />
<strong>Carmen</strong> als einzige Oper außer jenen von Mozart zu hören pflegte. 1883<br />
schrieb Freud an seine Verlobte Martha Bernays über die Gedanken, die<br />
ihm <strong>–</strong> der während seiner vierjährigen<br />
Verlobungszeit sexuell abstinent lebte <strong>–</strong><br />
während einer Vorstellung von <strong>Carmen</strong><br />
durch den Kopf gegangen waren: »Das Gesindel<br />
lebt sich aus und wir entbehren …«<br />
Es ist klar, wer hier die Oberhand hat:<br />
Elīna Garanča (<strong>Carmen</strong>) und Jonas<br />
Kaufmann (Don José) in der Münchner<br />
Inszenierung von Lina Wertmüller<br />
(2010).<br />
9
Spanienmode und Exotismus<br />
Es ist allbekannt: Der Komponist, der die spanischste aller französischen<br />
Opern schrieb, hat niemals einen Fuß über die Pyrenäen gesetzt. Weniger<br />
bekannt ist: Er hatte das auch gar nicht nötig. <strong>Bizet</strong> musste nicht nach<br />
Spanien kommen, Spanien war längst zu ihm gekommen. Napoleons Eroberung<br />
Spaniens (1808<strong>–</strong>1813) hatte den<br />
Beginn einer nicht nur politischen Immigration<br />
von der Iberischen Halbinsel nach<br />
Frankreich zur Folge. Spanische Künstler,<br />
Tänzer, Musiker bevölkerten seit den<br />
1820er-Jahren Paris; und umgekehrt wählten<br />
Künstler wie Édouard Manet, Edgar<br />
Degas oder Gustave Doré und Literaten wie Alfred de Musset, Victor Hugo<br />
oder eben Prosper Mérimée mit Vorliebe Spanien und die Spanier zum<br />
Gegenstand ihrer Bilder, ihrer Texte oder Essays (siehe auch den Kasten<br />
über Prosper Mérimée S. 26).<br />
»Spanische« Musik war in Paris ein so beliebter Konsumgegenstand<br />
wie »ungarische« Musik in Wien, sie überschwemmte die Salons<br />
und Theater, Tänze wie Fandango und Bolero wurden auf den Bühnen<br />
und Bällen getanzt. Fernando Sor, Manuel García und Sebastián Iradier<br />
zählten zu den wichtigsten Produzenten<br />
solcher Musik <strong>–</strong> die beiden Letzteren<br />
sollten für <strong>Carmen</strong> besonders bedeutsam<br />
werden. Auch auf der Bühne der Opéra-<br />
Comique war Spanien lange vor <strong>Carmen</strong><br />
präsent: Fromental Halévy komponierte<br />
einen Guitarrero (1841), Adolphe Adam<br />
einen Toréador (1849) und Jules Massenet<br />
Don César de Bazan (1872).<br />
<strong>Bizet</strong>s <strong>Carmen</strong> war also keine Pionierleistung,<br />
sondern knüpfte an weitverbreitete<br />
Salon- und Theaterklänge an.<br />
Zwei Stücke aus diesem Salonrepertoire<br />
hat <strong>Bizet</strong> in künstlerisch stark modifizierter<br />
Gestalt in die Partitur zu <strong>Carmen</strong> eingebaut:<br />
Sebastián Iradiers El Arreglito für<br />
<strong>Carmen</strong>s Habanera und Manuel Garcías<br />
Arie »Cuerpo bueno« für den Entr’acte<br />
zum 4. Akt. Beide orientieren sich an po-<br />
<strong>Carmen</strong> unterläuft die gesellschaftliche<br />
Ordnung, wie sie durch den Soldaten<br />
José repräsentiert wird, und verspricht<br />
unaussprechliche und unvernünftige<br />
Lust: Julia Migenes und Placído Domingo<br />
in Francesco Rosis Film (1984).<br />
47
48<br />
pulären musikalischen Formen, Garcías Arie ist die Nachahmung eines<br />
Polo, »ein traditioneller andalusischer Gesang in schnellem Dreiertakt<br />
mit melismatischen Passagen« (Ralph P. Locke), Iradiers Lied eben eine<br />
Habanera <strong>–</strong> das Vorbild ist also eine gerade nicht spanische, sondern kubanische,<br />
aus Havanna stammende Tanzform, die wiederum einen hybridisierten<br />
»Rückimport« des europäischen Kontratanzes darstellt. Andere<br />
spanische Formen, für die es offenbar keine konkreten Vorbilder gab, sind<br />
die Séguedille des 2. Akts oder die Bolero-Rhythmen der Strophen von<br />
Escamillos Lied.<br />
Das musikalische Spanien, dem <strong>Bizet</strong> in Paris auf Schritt und Tritt<br />
begegnen konnte, war ein Spanien der Salons und der kommerziellen Verbreitung.<br />
Wer ihm die »Authentizität« absprechen will, gerät in die Gefahr,<br />
romantisierender Ursprungssehnsucht zu frönen. Hier wie stets geht es<br />
um ein gemeinsam geteiltes, kulturelles Phantasma, das heißt: eine geteilte<br />
Vorstellung darüber, was musikalisch (tänzerisch, modisch usw.)<br />
»spanisch« ist <strong>–</strong> wenn man will: ein Klischee. Doch wer maßt sich an zu<br />
sagen, dass eine von Spaniern komponierte und aufgeführte Musik nicht<br />
spanisch sei?<br />
Ob sie nun von realer spanischer (oder lateinamerikanischer) Musik<br />
inspiriert waren oder nicht: Wichtig war, durch die federnden Rhythmen,<br />
in sich kreisenden Harmoniefolgen und kurzatmigen melodischen<br />
Floskeln ein faszinierendes, fremdes, »exotisches« Anderes zu beschwören<br />
<strong>–</strong> also jene Haltung, die man »Exotismus« nennt. Diese Lust auf das<br />
Andere ist ein zentrales Motiv nicht nur von <strong>Carmen</strong>, sondern auch des<br />
gesamten 19. Jahrhunderts. Gerade zur Zeit des Kolonialismus, als im<br />
Zeichen von Zivilisation und Vernunft Menschen versklavt, kommerziell<br />
ausgebeutet und getötet wurden, hat die Kultur Europas dieses Andere,<br />
den Fremden, die Fremde, das Fremde, eben nicht nur als einen bloßen<br />
Fremd-Körper gesehen, an dem sich die westliche Überlegenheit erweisen<br />
kann, sondern immer auch als etwas sinnlich Verwirrendes und Verlockendes,<br />
als etwas existenziell Herausforderndes. Die Bedrohung, die das<br />
Andere für das eigene Selbstverständnis darstellt, kann auch als lustvoll<br />
erlebt werden <strong>–</strong> gerade aus der sicheren Distanz des Zuschauerraums in<br />
einem Opernhaus.<br />
<strong>Carmen</strong> hat gleich mehrere solcher, matrjoschkahaft ineinander<br />
geschachtelter »Anderer« zu bieten. Sie haben zu tun mit dem Gegensatz<br />
zwischen dem »rationalen« Norden und dem »irrationalen« Süden,<br />
der einen wesentlichen Bestandteil der imaginären Geografie Europas<br />
ausmacht. Denn Spanien galt im 19. Jahrhundert als das »Andere« Frankreichs<br />
<strong>–</strong> sonnenverbrannter, heißblütiger, leidenschaftlicher, düsterer,
katholischer, weniger »zivilisiert«, gleichsam ein Stück Mittelalter. »Spanien«,<br />
schrieb Victor Hugo in der Vorrede zu seinem Gedichtzyklus Les<br />
Orientales, »ist immer noch der Orient; Spanien ist halb Afrika; Afrika ist<br />
halb Asien.« Noch Nietzsche sprach von der »afrikanischen Heiterkeit« der<br />
<strong>Carmen</strong>-Partitur.<br />
Aber innerhalb Spaniens war wiederum Andalusien das Andere,<br />
nämlich Südliche (wie an dem Unbehagen Josés, des baskischen Navarresen,<br />
gegenüber den Andalusierinnen deutlich wird). Die Zigeuner wiederum<br />
sind, indem sie noch einmal die selbst hier noch geltenden Regeln des<br />
Zusammenlebens umgehen, das Andere Andalusiens. <strong>Carmen</strong> schließlich<br />
verkörpert sogar unter den Zigeunern das Andere: Denn sie ist eine Frau.<br />
Dieses zur Potenz erhobene Andere findet seine Verdichtung<br />
zur musikalischen Formel im sogenannten Schicksalsmotiv, das das<br />
ungewöhnliche, also »fremde« Intervall einer übermäßigen Sekunde<br />
(cis-b, gis-f) umschreibt (Notenbeispiel 1a und 1b).<br />
Beispiel 1a<br />
Andante moderato<br />
Beispiel 1b<br />
Allegro moderato ( = 92)<br />
Dieses mit <strong>Carmen</strong> und der verhängnisvollen Leidenschaft Josés zu ihr assoziierte<br />
Motiv (siehe Kasten »Leitmotivik«, S. 55) wird im Allgemeinen als<br />
Teil einer »Zigeunertonleiter« angesehen, also einer Mollskala mit erhöhter<br />
Quart und Septime (im gegebenen Ausschnitt also d-e-f-gis-a-b-cis-d).<br />
Ob <strong>Bizet</strong> diese Tonleiter, die vor allem durch Liszts »ungarische« Stücke<br />
popularisiert wurde, allerdings unter dem Namen »Zigeunertonleiter« gekannt<br />
und deswegen verwendet hat, ist nicht belegt. Jedenfalls hebt sich<br />
der expressive Exotismus dieses Motivs deutlich von der übrigen »spanischen«<br />
Musik der Partitur ab.<br />
49
Anhang<br />
Literatur<br />
<strong>Carmen</strong>. Kritische Neuausgabe nach den Quellen und deutsche Texteinrichtung der<br />
von Ernest Guiraud nachkomponierten Rezitative von Fritz Oeser. Deutsche Übertragung<br />
der Original-Fassung von Walter Felsenstein, Partitur und Vorlagenbericht<br />
(2 Bd.), 6. Auflage, Kassel: Alkor-Edition, 2010 (1964)<br />
<strong>Carmen</strong>, new urtext ed. [Studienpartitur], hrsg. von Robert Didion, London [u. a.]:<br />
Eulenburg, 2003<br />
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Schriften, Bd. 16), Frankfurt am Main 1978, S. 298<strong>–</strong>308<br />
Bergadà, Montserrat: Musiciens espagnols à Paris entre 1820 et 1868. État de la question<br />
et perspectives d’études, in: La Musique entre France et Espagne. Interactions stylistiques,<br />
1870<strong>–</strong>1939, hrsg. von Louis Jambou, Paris 2003, S. 17<strong>–</strong>38<br />
Curtiss, Mina: <strong>Bizet</strong> and His World, New York 1958<br />
Dahlhaus, Carl: Die Musik des 19. Jahrhunderts, Wiesbaden 1980 (Neues Handbuch der<br />
Musikwissenschaft, Bd. 6)<br />
Ders.: Musikalischer Realismus, München 1982<br />
Davies, Ann / Powrie, Phil: <strong>Carmen</strong> on Screen. An Annotated Filmography and Bibliography,<br />
Woodbridge 2006 (Research Bibliographies and Checklists, New Series, Bd. 7)<br />
Dean, Winton: The True <strong>Carmen</strong> ?, in: Musical Times 106 (1965), S. 846<strong>–</strong>855<br />
Ders.: The Corruption of <strong>Carmen</strong>. The Perils of Pseudo-Musicology, in: Musical Newsletter<br />
3 (1973), S. 7<strong>–</strong>12 und 20<br />
Ders.: <strong>Bizet</strong>, Stuttgart 1988<br />
Gould, Evlyn: The Fate of <strong>Carmen</strong>, Baltimore u. a. 1996<br />
Huck, Oliver: Die Tonartendisposition in Georges <strong>Bizet</strong>s <strong>Carmen</strong>, in: Musiktheorie 17<br />
(2002), S. 41<strong>–</strong>44<br />
Ders.: Das musikalische Drama im »Stummfilm«: Oper, Tonbild und Musik im Film<br />
d’Art, Hildesheim u. a. 2012<br />
Huebner, Steven: <strong>Carmen</strong> as corrida de toros, in: The Journal of Musicological Research<br />
13 (1993), S. 3<strong>–</strong>29<br />
Inghelbrecht, Désiré-Émile: Comment on ne doit pas interpréter <strong>Carmen</strong>, Faust, Pelléas,<br />
Paris 1933<br />
132
Kesting, Jürgen: Die großen Sänger, 4 Bände, Hamburg 2008, Kassel u. a. 2010<br />
Lacombe, Hervé: Georges <strong>Bizet</strong>. Naissance d’une identité créatrice, Paris 2000<br />
Lacombe, Hervé / Rodriguez, Christine: La Habanera de <strong>Carmen</strong>. Naissance d’une tube,<br />
Paris 2014<br />
Locke, Ralph P.: Spanish Local Color in <strong>Bizet</strong>’s <strong>Carmen</strong>. Unexplored Borrowings and<br />
Transformations, in: Music, Theater, and Cultural Transfer. Paris, 1830<strong>–</strong>1914, hrsg.<br />
von Annegret Fauser und Mark Everist, Chicago u. a. 2009, S. 316<strong>–</strong>360<br />
Ders.: Musical Exoticism. Images and Reflections, Cambridge u. a. 2011<br />
Lorenz, Martin: Die Metaphysik-Kritik in Nietzsches <strong>Carmen</strong>-Rezeption, Würzburg 2005<br />
Maingueneau, Dominique: <strong>Carmen</strong>. Les Racines d’un mythe, Paris 1984<br />
McClary, Susan: Sexual Politics in Classical Music, in: dies., Feminine Endings. Music,<br />
Gender, and Sexuality, Minnesota 1991, S. 53<strong>–</strong>79<br />
Dies.: Georges <strong>Bizet</strong>. <strong>Carmen</strong>, Cambridge 1992 (Cambridge Opera Handbooks)<br />
Milnes, Rodney: <strong>Carmen</strong>, in: Opera on Record, hrsg. von Alan Blyth, Bd. 2, S. 461<strong>–</strong>481<br />
Mölk, Ulrich: Femme fatale und gelbe Blüte. Über Prosper Mérimées Novelle <strong>Carmen</strong>,<br />
Göttingen 1998<br />
Oeser, Fritz: Neu entdeckte <strong>Carmen</strong>, in: Musica 18 (1964), S. 108<strong>–</strong>114<br />
Perriam, Chris / Davies, Ann (Hrsg.): <strong>Carmen</strong>. From Silent Film to MTV, Amsterdam /<br />
New York 2005 (Critical Studies, Bd. 24)<br />
Powrie, Phil / Babington, Bruce / Davies, Ann / Perriam, Chris (Hrsg.): <strong>Carmen</strong> on Film.<br />
A Cultural History, Bloomington 2007<br />
Reckow, Fritz: »Cette musique est méchante, rude, fataliste!« Un défi lancé à l’exégèse<br />
de <strong>Carmen</strong> de <strong>Bizet</strong>, in: Les Écrivains français et l’opéra, hrsg. von Jean Capdevielle<br />
und Peter-Eckhard Knabe, Köln 1986, S. 197<strong>–</strong>214<br />
Schneider, Herbert: Textvertonung versus Pointierung des Dramatischen bei <strong>Bizet</strong>: Annotationen<br />
zu den Duetten der <strong>Carmen</strong>, in: Festschrift Christoph-Hellmut Mahling<br />
zum 65. Geburtstag, Tutzing 1997, Bd. 2, S. 1221<strong>–</strong>1234<br />
Schreiber, Ulrich: Opernführer für Fortgeschrittene, 5 Bände, Kassel etc. 6 2013<br />
Siebermann, Gustav: <strong>Carmen</strong>. Von Mérimée über <strong>Bizet</strong> zu Saura und Gades. Ein<br />
Spanien bild im Bild der Medien, in: Einheit und Vielfalt der Iberoromania. Geschichte<br />
und Gegenwart, hrsg. von Christoph Strosetzki und Manfred Tietz, Hamburg<br />
1989, S. 169<strong>–</strong>200<br />
Wright, Lesley (Hrsg.): Looking at the Sources and Editions of <strong>Bizet</strong>’s <strong>Carmen</strong>, in: Mary<br />
Dibbern, <strong>Carmen</strong>: A Performance Guide. A Word-by-word Translation into English,<br />
Transcription into the International Phonetic Alphabet, and Annotated Guide to the<br />
Dialogue and Recitative Versions of <strong>Bizet</strong>’s <strong>Carmen</strong>, with an Introduction by Lesley<br />
A. Wright, Hillsdale / New York 2000, S. ix-xxi<br />
Dies.: Georges <strong>Bizet</strong>, <strong>Carmen</strong>. Dossier de presse parisienne (1875), Weinsberg 2001<br />
Dies.: Rewriting a Reception. Thoughts on <strong>Carmen</strong> in Paris, 1883, in: Journal of Musicological<br />
Research 28 (2009), S. 282<strong>–</strong>294<br />
133
Ausgewählte Discografie und Videografie<br />
Angaben: Dirigent / <strong>Carmen</strong>, Micaëla, José, Escamillo / Orchester (Jahr).<br />
Bei DVDs folgt dem Namen des Dirigenten der des Regisseurs.<br />
Seidler-Winkler / Destinn, Nast, Jörn, Bachmann / Hofoper Berlin (1908)<br />
Inghelbrecht / Cernay, Guillamat, Berthaud, Lovano / Opéra Comique (1942)<br />
Cluytens / Michel, Angelici, Jobin, Dens / Opéra Comique (1950)<br />
Reiner / Stevens, Albanese, Peerce, Merrill / RCA Victor Orchestra (1951)<br />
Karajan / Simoniato, Güden, Gedda, Roux / Wiener Symphoniker (1954)<br />
Karajan / Simoniato, Carteri, di Stefano, Roux / La Scala (1955)<br />
Le Cont / Rubio, Alarie, Simoneau, Rehfuss / Conservatoire de Paris (1956)<br />
Beecham / de los Angeles, Micheau, Gedda, Blanc / Radiodiffusion Française (1958 / 59)<br />
Schippers / Resnik, Sutherland, del Monaco, Krause / Suisse Romande (1963)<br />
Prêtre / Callas, Guiot, Gedda, Massard / Paris Opéra (1964)<br />
Bernstein / Horne, Maliponte, McCracken, Krause / Metropolitan Opera (1972)<br />
Patané / Faßbaender, Rothenberger, Spiess, Auheißer / Staatskapelle Dresden (1974)<br />
Solti / Troyanos, de Kanawa, Domingo, van Dam / London Philharmonic (1975)<br />
Abbado / Berganza, Cotrubas, Domingo, Milnes / London Symphony (1977)<br />
DVD: Kleiber, Zeffirelli / Obrastzova, Buchanan, Domingo, Masurok / Wiener Staatsoper<br />
(1978)<br />
DVD: Maazel, Rosi / Migenes, Esham, Domingo, Raimondi / Orchestre National de<br />
France (1984)<br />
Ozawa / Norman, Freni, Shicoff, Estes / Orchestre National de France (1988)<br />
Plasson / Gheorgiu, Mula, Alagna, Hampson / Orchestre National de Capitole de Toulouse<br />
(2003)<br />
DVD: Welser-Möst, Hartmann / Kasarova, Rey, Kaufmann, Pertusi / Opernhaus Zürich<br />
(2010)<br />
Rattle / Kožená, Kühmeier, Kaufmann, Smoriginas / Berliner Philharmoniker (2012)<br />
DVD: d’Agostino, Bieito / Uria-Monzon, Poplavskaya, Alagna, Schrott / Gran Teatro del<br />
Liceu (2011)<br />
DVD: Gardiner, Noble / Antonacci, Gillet, Richards, Cavallier / Orchestre Révolutionnaire<br />
et Romantique (2012)<br />
134
Abbildungsnachweis<br />
akg-images: 35, 93, 115, 117<br />
akg-images / Album: 47, 69 unten<br />
akg-images / Joseph Martin: 70<br />
akg-images / Marion Kalter: 66, 68 unten<br />
akg-images / Mondadori Portfolio: 11<br />
akg-images / picture-alliance / dpa: 20, 125<br />
Bärenreiter-Bildarchiv: 27, 31<br />
Antoni Bofill: 68 oben<br />
Wilfried Hösl: 9, 39, 67 unten, 71 oben, 72<br />
Ken Howard: 67 oben<br />
A. T. Schaefer: 81<br />
Suzanne Schwiertz: 65<br />
Theatermuseum, Wien: 71 unten<br />
Wiener Staatsoper / Axel Zeininger: 69 oben<br />
Dank<br />
Dieses Buch geht auf Lehrveranstaltungen zurück, die ich an der Musikhochschule<br />
Stuttgart, an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Universität Wien gehalten<br />
habe. Die Diskussionen mit den Studierenden haben mir in vielfältiger Weise geholfen,<br />
Aspekte des Gegenstands klarer zu sehen oder zu formulieren: Orlando Brix, Stefanie<br />
Denz und Gregor Wohak seien stellvertretend für viele andere genannt. Melanie<br />
Wald-Fuhrmann hat das Manuskript gelesen und sehr hilfreich kommentiert. Gedankt<br />
sei überdies für vielfältige Hilfe Odo Aberham, Michele Calella, Ursula Hemetek, Elisabeth<br />
Hilscher, Arnold Jacobshagen, Ralph P. Locke, Marie-Louise Löffelhardt, Gesa zur<br />
Nieden, Ralf-Olivier Schwarz, Marketa Štědronská und mit besonderer Herzlichkeit<br />
Jutta Schmoll-Barthel vom Bärenreiter-Lektorat, der Layouterin Christina Eiling und<br />
Daniel Lettgen.<br />
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