Berliner Zeitung 16.01.2020

BerlinerVerlagGmbH

Berliner Zeitung · N ummer 13 · D onnerstag, 16. Januar 2020 17

· ·

·······················································································································································································································································································

Wissenschaft

Zweiter Planet

bei unserem

Nachbarstern

Um Proxima Centauri kreist

vermutlich eine Supererde

Zu unserem nächsten Nachbarstern

gehört offenbar noch ein

zweiter Planet. Das schließen Forscher

aus der detaillierten Analyse

jahrelanger Präzisionsbeobachtungsdaten

von Proxima Centauri.

Der Rote Zwergstern wird demnach

nicht nur vom ungefähr erdgroßen

Planeten Proxima bumkreist, sondern

auch von einer sogenannten

Supererde mit mindestens der

sechsfachen Masse unseres Heimatplaneten.

Dasberichtet ein Team um

MarioDamasso vomAstrophysikalischen

Observatorium TurinimFachblatt

Science Advances. Weitere Beobachtungen

seien jedoch nötig, um

die Existenz des zweiten Planeten,

Proxima c, zu bestätigen.

Proxima Centauri ist mit einer

Entfernung von 4,2 Lichtjahren der

nächste Nachbarstern unserer

Sonne.Ergehörtzur Gruppe der Roten

Zwerge,die rund drei Viertel aller

Sterne in unserer Heimatgalaxie,der

Milchstraße, stellen. 2016 hatten Astronomen

bei Proxima Centauri einen

Planeten entdeckt, Proxima b,

der ungefähr so groß und so schwer

ist wie die Erde und in der bewohnbaren

Zone um den Sternkreist –ein

Bereich, in dem die Temperaturen

die Existenz vonflüssigemWasser erlauben,

das als Grundvoraussetzung

von Leben, wie wir es kennen, gilt.

Ob es allerdings Wasser auf Proxima

bgibt oder gar Leben, ist unbekannt.

Fast sechsmal schwerer als die Erde

Der Planet hatte sich durch seine

Schwerkraft verraten, mit der er im

Takt seines Umlaufs an dem Roten

Zwergstern rüttelt. Proxima b umkreist

seine Zwergsonne rund alle elf

Tage.Indiesem Rhythmus schwankt

der Stern von der Erde aus gesehen

leicht vor und zurück. Das lässt sich

über den Dopplereffekt messen, eine

feine Änderung der Wellenlängen

durch die Bewegung des Sterns. So

wie die Sirene eines Polizeiautos heller

klingt, solange es sich auf den Beobachter

zubewegt, und dunkler,

wenn es vom Beobachter wegrast,

leuchtet ein Sternetwas blauer,während

er sich auf den Beobachter zubewegt,

und etwas roter, wenn er

sich entfernt.

Markante Wellenlängen in der

Strahlung eines Sterns lassen sich extrem

genau messen. Mit der Analyse

von Beobachtungsdaten aus etwas

mehr als 17 Jahren stießen die Astronomen

nun auf einen Hinweis für einen

weiteren Planeten von Proxima

Centauri, der den Roten Zwerg inetwas

mehr als fünf Jahren umkreist

und mindestens 5,8-mal so schwer ist

wie unsere Erde. Damit fiele der neu

entdeckte Begleiter,Proxima c, in die

Kategorie der Supererden. Das sind

Planeten, die bis zu zehnmal so viel

Masse haben wie die Erde und vermutlich

Gesteinsplaneten sind.

Ungewöhnlich für eine Supererde

ist, dass der Orbit von Proxima cin

den eisigen Außenbezirken des

Sterns liegt. Gängige Modelle gehen

davon aus,dass sich solche Planeten

nahe der Schneegrenze um einen

Sternbilden. Dasist die Mindestentfernung

vom Stern, in der Wasser

aufgrund der abnehmenden Temperaturen

gefrieren kann. (dpa/fwt)

Proxima Centauri und Planet Proxima c

(rechts) in einer Illustration. L. SANTINELLI

Die Bioökonomie strebt den gesellschaftlichen Wandel zu einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise an. Die Kreisläufe der Natur sind dabei wichtig.

„Die Wirtschaft muss grüner werden“

2020 ist das Jahr der Bioökonomie. Die Berliner Professorin Christine Lang erklärt, was dahintersteckt

Seit 20 Jahren richtet das Bundesforschungsministerium

gemeinsam mit der Initiative

Wissenschaft im Dialog Wissenschaftsjahreaus.Das

Jahr der Physik

machte den Anfang, es folgten diverse

einzelne Fächer. Seit 2010 geht

es um übergreifende Themen wie die

Zukunft der Energie, die digitale Gesellschaft

und Künstliche Intelligenz.

2020 ist nun das Jahr der Bioökonomie.Sie

strebt die Abkehr vonder erdölbasierten

Wirtschaft an und setzt

auf eine nachhaltige Ökonomie mit

nachwachsenden Rohstoffen. Die

Berliner Mikrobiologie-Professorin

und Biotech-Unternehmerin Christine

Lang freut sich darüber,dass der

Begriff und die Ideen, die dahinterstecken,

nun breiter bekannt werden.

Denn sie setzt große Hoffnungen in

eine Biologisierung derWirtschaft.

Frau Professor Lang, Bioökonomie –

das klingt grün und gut. Wasgenau

ist damit gemeint?

Im Grunde geht es in der Bioökonomie

darum, biologisches Wissen

und biologisches Material in wirtschaftliche

Zusammenhänge zu

bringen. Wir wollen Pflanzen, Tiere

und Mikroorganismen für die Produktion

nutzen und daraus neue

bio-basierte Materialien, Wertstoffe,

Lebens- und Arzneimittel herstellen.

Istdas so neu?

Das Prinzip ist nicht neu. Die

Menschheit hat jahrtausendelang

auf Basis der Biologie und der Natur

gelebt. Dashat sich erst geändert, als

die Nutzung der fossilen Rohstoffe

aufkam, die heute die Wirtschaft dominieren.

Die Bioökonomie greift

das alte Prinzip auf, bringt es aber

mithilfe der Wissenschaft und der

Biotechnologie in ganz andere Dimensionen

und Zusammenhänge.

Bedeutet Bioökonomie das Ende der

chemischen Industrie?

Keinesfalls. Gerade im Bereich

der chemischen Industrie sind das

biologische Denken und die Nutzung

biologischer Prozesse schon

sehr weit fortgeschritten. Denn die

fossilen Rohstoffe als Ausgangsstoff

für Kunststoffe und viele andere

Dinge,die uns heute umgeben, werden

irgendwann ein Ende haben.

Aus diesem Grund wird schon seit

Jahren nach alternativen Rohstoffen

gesucht –für eine ArtChemiewende.

Es gibt viele neue Ansätze für Biokunststoffe

und Biomaterialien. Die

Herausforderung ist jetzt, die Technologien

im großen Maßstab wirtschaftlich

umzusetzen.

Die Abkehr vom Erdöl ist also ein

wichtiges Ziel der Bioökonomie?

Letztlich ist unsere Wirtschaft

kohlenstoffbasiert. Sie nutzt den

Kohlenstoff, der im Erdöl steckt. Aus

Sicht der Bioökonomie ist das aber

nicht nachhaltig. Deshalb sind wir

besser beraten, den fossilen Kohlenstoff

im Boden zu lassen und stattdessen

den Kohlenstoff, den wir auf

der Erde haben, also die Biomasse,in

einen Kreislauf zu führen. So macht

es uns die Natur vor, wenn zum Beispiel

Pflanzen wachsen und nach

dem Absterben wieder vonMikroorganismen

zu Humus zersetzt werden.

Mit dieser Kreislaufidee kommen

wir auch in der Diskussion über

den Klimaschutz einen Schritt weiter.

Wiemeinen Siedas?

Bisher wird immer betont, dass

wir weg von fossilen Energieträgern

müssen und insgesamt weniger

Kohlenstoff verbrauchen sollten.

Das ist richtig. Aber daneben gibt es

die Möglichkeit, den auf der Erde

vorhandenen Kohlenstoff in einen

Kreislauf zu führen und immer wieder

zu nutzen. Diese Prozesse gilt es

im Rahmen der Bioökonomie zu verstehen,

zu optimieren und intelligent

zu nutzen.

Sind Kunststoffe, die aus Maisstärke

hergestellt werden, ein gutes Beispiel

für ein solches neues Kreislaufdenken?

Mit den Kunststoffen ist das so

eine Sache,denn selbst wenn sie aus

nachwachsenden Rohstoffen hergestellt

werden, bleibt immer noch die

Problematik, dass das Material meist

so stabil ist, dass es sich nicht abbauen

lässt. Einfach den gleichen

Kunststoff mit anderen Rohstoffen

zu machen, ist also nicht umweltfreundlicher.

Das ideale bioökonomische

Produkt ist zugleich nachhaltig

–und kann nach der Nutzung

sinnvoll verwertet werden. Am besten

wärees, wenn wir wegkämen von

der Idee, etwas zu produzieren, zu

nutzen und anschließend wegzuwerfen.

Stattdessen sollten wir vorab

DAS WISSENSCHAFTSJAHR AUF DER GRÜNEN WOCHE

Die Expertin: Christine Lang (62) ist Biologin und Unternehmerin. Sie hat in Bochum studiert

und an der Technischen Universität (TU) in Berlin habilitiert. Sie lehrtdortals außerplanmäßigeProfessorin

Mikrobiologie und Molekulargenetik. Im Jahr 2001 gründete Christine Lang in

Berlin die Biotechfirma Organobalance. Nach dem Verkauf des Unternehmens 2016 wechselte

sie zu Belano Medical in Hennigsdorf. Die Firmaentwickelt Produkte, die das Mikrobiom

beeinflussen. Christine Lang war von2012 bis 2019 Vorsitzende des Bioökonomierats. Das

unabhängigeund ehrenamtliche Gremium berät die Bundesregierung bei der Umsetzung der

Nationalen Politikstrategie Bioökonomie und der Nationalen Forschungsstrategie Bioökonomie

2030. Mit diesen Strategien soll der Wegfür eine biobasierte Wirtschaft geebnet und

Deutschland zu einem führenden Bioökonomie-Forschungsstandortwerden.

Das Wissenschaftsjahr: 2020 hat das Bundesforschungsministerium zum Jahr der Bioökonomie

erkoren. Auftakt und Eröffnung des Themenjahres ist diesen Donnerstag im Futurium in

Berlin. Ab Freitag präsentiertsich die Bioökonomie in der Hauptstadt mit diversen Exponaten

auf der Grünen Woche (HUB27, Stand 206). Im Laufe des Jahres folgen diverse Programmpunkte,

etwa ein Bürgerwissenschaftsprojekt zum Thema Böden.

Weitere Infos: www.wissenschaftsjahr.de

bedenken, was damit nach der Nutzung

geschieht und ob das Material

wiederverwendet werden kann. Das

gehörtzudem neuen Denken dazu.

Was sind Beispiele für bioökonomische

Ansätze?

Es gibt zum Beispiel Projekte, in

denen daran gearbeitet wird, das

Kohlendioxid, das in einem Prozess

entsteht, wieder einzufangen und

direkt in Materialien umzusetzen.

Dabei können Mikroorganismen

helfen. Sie würden in einem Abgasstrom

das CO 2 ,das ansonsten ungenutzt

in die Luft entweichen würde,

in beliebige Substanzen oder Materialien

umsetzen.

GETTY IMAGES/ISTOCKPHOTO

Waskönnen Mikroorganismen denn

herstellen?

Alles Mögliche. Mikroben lassen

sich quasi programmieren und können

zum Beispiel Arzneistoffe herstellen.

Beim Insulin, einem Hormon

das für die Regulation des Zuckerstoffwechsels

wichtig ist, wird

das schon seit Jahrzehnten angewandt.

Manhat in E.-coli-Bakterien,

später auch in die Bierhefe Saccharomyces

cerevisiae, das menschliche

Insulin-Gen eingebaut und seither

lässt sich das für die Diabetesbehandlung

wichtige Hormon in Bioreaktoren

produzieren. Ein aktuelleres

Beispiel ist die Herstellung von

Spinnenseide. Hefen können zum

Beispiel genetisch so ausgestattet

werden, dass sie Zucker in dieses extrem

stabile Material verwandeln.

Wiesehr muss sich unserWirtschaftssystem

verändern?

DieWirtschaft muss auf alle Fälle

grüner und nachhaltiger werden.

Die Biologisierung könnte in etlichen

industriellen Bereichen nützlich

sein. Ichbin überzeugt, dass wir

viel ändernkönnen.

Könnte Berlin einVorreiter in der Bioökonomie

sein?

Berlin hat dafür gute Voraussetzungen,

auch durch die vielfältige

Wissenschaftslandschaft und die

rege Start-up-Szene. Berlin könnte

auch noch mehr im Bereich Urban

Farming tun, um die Stadtbevölkerung

mit lokalen Produkten zu versorgen.

Es wäre toll, wenn Berlin zu

einer bioökonomischen Stadt

würde.

Können wir uns biologisches Wirtschaften

überhaupt leisten?

Dasist eine Frage der Prioritäten.

Ich hoffe, dass Bioökonomie Mainstream

wird. Aber zunächst ist sie

natürlich noch eine Nische und oft

auch teurer. Letztlich liegt es an der

Politik und denVerbrauchernzuentscheiden,

wie viel ihnen eine biologisierte

Wirtschaft wert ist. Wenn bioökonomische

Produkte in größerem

Maßstab hergestellt werden, sinkt ja

auch der Preis. Allerdings stehen wir

mit dieser neuen Wirtschaftsform

natürlich im Wettbewerb mit der alten.

Die fossilen Imperien sind bei

einer solchen Transformation ein

Hindernis.Esist nicht so einfach, etwas

Neues einzuführen, wenn bereits

etwas existiert, das funktioniert

und einen akzeptablen Preis hat.

Welche Hoffnungen setzen Sie indas

Jahr der Bioökonomie?

Das Wissenschaftsjahr ist eine

fantastische Möglichkeit für die Bioökonomie,bekannter

zu werden. Ich

würde mich freuen, wenn bei den

Verbrauchernein stärkeres Bewusstsein

für nachhaltige Produkte entsteht.

Denn Bioökonomie ist auch

ein Teil der Lösung unseres Klimaproblems.Daher

sehe ich das Jahr als

Riesenchance.

DasGespräch führte Anne Brüning.

Weiterer Erfolg

der Berliner

Nashornretter

Dritter Embryo der

bedrohten Art erzeugt

Es geschah über Weihnachten:

Forschern des Projekts BioRescue,

andem auch das Berliner Institut

für Zoo- und Wildtierforschung

(IZW) maßgeblich beteiligt ist, haben

es erneut geschafft, einen Embryo

eines Nördlichen Breitmaulnashorns

per künstlicher Befruchtung

herzustellen. Damit liegen nun

drei winzige Hoffnungsträger auf Eis,

denn im August gab es schon einmal

zwei solche Erfolge. Die Embryos

sollen im Laufe des Jahres in eine

Leihmutter übertragen werden,

teilte das IZW mit. Denn das Nördliche

Breitmaulnashornbraucht dringend

Nachwuchs.

Weltweit existieren nur noch zwei

Tiere der Art: die beiden Weibchen

Najin und Fatu. Sie leben in einem

ReservatinKenia und können selbst

alters- und krankheitsbedingt keinen

Nachwuchs mehr austragen.

Forscher des IZW arbeiten nun zusammen

mit Kollegen aus Tschechien,

Italien und Kenia daran, den

beiden Tieren Eizellen zu entnehmen

und mit tiefgefrorenem Sperma

bereits verstorbener Bullen zu befruchten.

EinWeibchen der eng verwandten

Art Südliches Breitmaulnashornsoll

die Embryosaustragen.

„Unser erneuter Erfolg bei der Erzeugung

von Embryos aus Eizellen

von Fatu zeigt, dass das BioRescue-

Programm auf dem richtigen Weg

ist“, sagt Thomas Hildebrandt, Leiter

der Abteilung für Reproduktionsmanagement

am IZW. Nun werde das

Team alles daransetzen, das gleiche

Ergebnis auch für die ältere, 30-jährige

Najin zu erreichen, bevor es für

sie zu spät ist. „Wir wissen nicht, wie

viele Embryos wir für eine erfolgreiche

Geburt eines Nördlichen Breitmaulnashornkalbes

benötigen. Deshalb

ist jeder Embryo so wichtig“, ergänzt

Jan Stejskal, vom Dvur-

Králové-Zoo in Tschechien. (abg.)

Nashornweibchen Najin kurz nach der Eizellentnahme.

AMI VITALE

Lichtinstallation

vor der BBAWzur

Klimakrise

Salon Sophie Charlotte der

Akademie am Sonnabend

Weltbilder stehen im Mittelpunkt

des diesjährigen Salons Sophie

Charlotte der Berlin-Brandenburgischen

Akademie der Wissenschaften

(BBAW).Die für die Öffentlichkeit gedachteVeranstaltung

am Sonnabend,

18. Januar, widmet sich historischen

Naturdarstellungen, Weltdeutungen

und Weltmodellen, aber auch aktuellen

und zukünftigen Blicken auf die

Welt. Zu den Referenten gehören der

Astronaut Thomas Reiter, der Nobelpreisträger

Stefan Hell und der preisgekrönte

Autor Saša Stanišic.Vor dem

Akademiegebäude, auf dem Gendarmenmarkt,

gibt es zudem eine Lichtinstallation

der Beuth-Hochschule:

die Warming Stripes –eine minimalistische

Darstellung der globalen Klimaerwärmung.

(BLZ)

WeitereInfos: salon.bbaw.de

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine