Berliner Zeitung 16.01.2020

BerlinerVerlagGmbH

Berliner Zeitung · N ummer 13 · D onnerstag, 16. Januar 2020 23

· ·

·······················································································································································································································································································

Feuilleton

Ein

Handwerker

namens Elgar

Staatskapelle mit Lahav

Shani und Pinchas Zukerman

VonClemens Haustein

Als „entsetzlich emotional“ bezeichnete

EdwardElgar seinViolinkonzert,

um anschließend gleichwohl

mit einer Liebeserklärung an

das Stück fortzufahren. Frei von Koketterie

ist diese Aussage bestimmt

nicht, denn so emotional das rund

45 Minuten dauernde Riesenwerk

auch sein mag, die Emotion ist sicher

eingefasst in der komplexen,

durchaus modernen Struktur des

Stückes.Auch wenn man den Zeitgenossen

Gustav Mahler zumVergleich

nimmt, erscheint Elgars Musik gar

nicht so „entsetzlich emotional“,

auch weil sich das Gefühl nie unmittelbar

äußert, sondernimmer die Arbeit

spürbar bleibt, die es Elgar gekostet

haben muss, eszuPapier zu

bringen. Spröde können viele seiner

Werke deshalb wirken, wenn sie nur

unter dem Gesichtspunkt des Emotionalen

betrachtet werden. Der

frappierende Reichtum und die

klangfarbliche Fülle ist hingegen zu

hören, wenn das Handwerkliche mit

in den Blick genommen wird.

Das mag auch die Faszination

von Daniel Barenboim für Elgars

Musik erklären, der erst im Oktober

mit der Staatskapelle die „Falstaff“-

Tondichtung als solch ein Werk von

schwer fassbarem Reichtum vorstellt,

dabei stets die Faktur dieser

Musik mit im Blick. Elgar dürfen bei

der Staatskapelle auch Gastdirigenten

übernehmen, so am Dienstagabend

in der Philharmonie Lahav

Shani, doch wünscht man sich beim

Violinkonzert mit Pinchas Zukerman

bald den Chef und dessen Klarheit

herbei. DemEmotionalen dieser

Musik wird Shani gerecht: Mit sparsamen,

scharf aus der Körpermitte

herausfahrenden Fingerzeigen vermag

er die Klangwucht des Orchesters

zu wecken, sicher identifizierter

die Schwerpunkte, die der melodischen

Entwicklung Stabilität verleihen.Wird

das Gefühl schwächer,verliertdie

Aufführung an Präzision und

Klarheit, die Finessen von Elgars Instrumentation

verschwimmen im

Ungefähren, dem Shani romantisch

Anrührende Geigentöne: der Violinist

Pinchas Zukerman

CHERYL MAZAK

nebulöse Anmutung zu geben versucht:

Das Moderne an Elgar bleibt

unentdeckt. Pinchas Zukerman veredelt

die Aufführung mit dem Glanz

seines anrührenden Geigentones,

über die ästhetisch-handwerkliche

Übung hinaus wirdaber kaum deutlich,

was er vorhat. Warum fällt ihm

so ungleich viel mehr ein, als er Johannes

Brahms’„Guten Abend, gut’

Nacht“ spielt? Die einfache Melodie

beleuchtet er fantasievoll und verfällt

dabei doch nicht der Künstelei.

DemWohlbekannten nähert sich

Lahav Shani aber mit großer Hingabe:

Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“

erhalten skulpturale Greifbarkeit,

die farblichen Feinheiten

von Maurice Ravels Instrumentierung,

etwa die zarten Verschiebungen

vomSaxofon hin zum Fagott, zur

Klarinette und zur tiefen Flöte beim

„alten Schloss“ erkennt er als tragendes

Element der Gestaltung. Mussorgskys

Stück entwickelt dadurch

große Kraft weit über das rein Illustrativehinaus.

Udo LIndenberg (Jan Bülow,amSchlagzeug) und Steffi Stephan (Max von der Groeben, am Bass)

Der Junge muss ans Mikrofon

Hermine Huntgeburths Musikbio „Lindenberg! Mach dein Ding“ betrachtet die frühen Jahre des Künstlers

VonPhilipp Bühler

Hoch über Hamburgfliegt

er einmal wie Supermann,

klein wie der

ärmste Wurm kriecht er

durch die Wüste,auf der Suche nach

dem nächsten Tropfen. Hinter dem

Horizont, immer weiter – wird er

dort sein Glück finden? Mit einigen

ins Fantastische ragenden Sequenzen

hat Hermine Huntgeburth ihre

sonst ganz erdige Filmbiografie über

Udo Lindenberg angereichert, und

so muss es ja auch sein bei diesem

Maler großer Bilder.

Dabei hat alles so bescheiden angefangen,

ganz kleinbürgerlich und

eng in der westfälischen Provinz. Wir

Lindenbergs werden Klempner, tönt

der Vater Gustav (Charly Hübner) –

und schenkt ihm doch ein Schlagzeug.

Der kleine Udotrommelt, was

das Zeug hält, die Ami-Musik hat’s

ihm angetan. Der Jazz ist es zunächst,

noch sind ihm die schweren

Klänge näher als die lauten. Zumal

ein Erlebnis mit dem Rock’n’Roll

böse ausgeht in Libyen, wo er für die

US-Truppen trommelt und dummerweise

auch singt. So kommt es

zu dem Wüstenbild. Es ist gar nicht

so fantastisch, tatsächlich ist fast alles

genauso passiert.

Lindenberg war in der Wüste,

hier begann er angeblich zu trinken.

Er war auch bei der Bundeswehr

und hat ein Lied darüber gemacht

(„Ich bin beim Bund“), aber

das unterschlägt der Film. Muss er

doch so schnell wie möglich in die

Siebzigerjahr und auf die Reeperbahn,

wo dieser Lindenberg erst zu

der Legende wird, die er später aus

sich selbst gemacht hat. Noch

mehr Alkohol, Frauen, große Freiheit.

Zunächst aber muss er dort in

einem Jazzclub, dem berühmten

Onkel Pö, zu sich selbst finden.

Sein Problem, wie jeder weiß: Im

Onkel Pö spielt ne Rentnerband,

seit zwanzig Jahren Dixieland. Und

Udositzt an der Trommel.

Hermine Huntgeburth („Effi

Briest“) betrachtet die Jahre des

Künstlers als junger Mann nach einem

derzeit bewährten Rezept: Wie

beiläufig eingestreute Episoden verweisen

auf kommende Großtaten

des werdenden Stars. „Rocketman“,

die Rockbio über Elton John, hat es

Vater Gustav(Charly Hübner,l.) mit dem kleinen Udo (Jesse Hansen)

ganz ähnlich gemacht, ebenso Caroline

Links„Der Junge muss an die frische

Luft“ über den Komiker Hape

Kerkeling. Udo Lindenberg lässt

sich, bei allem Respekt, als eine Mischung

der beiden begreifen –einer

der wenigen deutschen Stars,immer

haarscharf ander Grenze zwischen

Genie und Witzfigur.

Im Gesamtbild geht es darum, die

letzten Helden der prädigitalen Ära

dem popkulturellen Mythos einzuverleiben.

Dieser Lindenberg ist

demnach nicht nur einfach ein

schräger Vogel mit ein paar Hits und,

wer mag, gesamtdeutscher Bedeutung.

Er hat in seiner Zeit Entscheidendes

geleistet.

Im Onkel Pö also startet Udo

seine Revolution. Hier spielt die

Avantgarde, hier regiert der Delta-

Blues –und den singt man auf Eng-

BERN SPAUKE

Im Gesamtbild geht es darum, einen der

letzten Helden der prädigitalen Ära dem

popkulturellen Mythos einzuverleiben. Dieser

Lindenbergist demnach nicht nur einfach ein

schrägerVogel mit ein paar Hits und, wermag,

gesamtdeutscher Bedeutung.

SANDRA HOEVER

lisch. Deutsch ist nicht nur für

schnöden Schlager reserviert, es gilt

als „die Sprache der Täter“. Mit den

„imperialistischen“ Plattenlabels,

also Geld, will man schon gar nichts

zu tun haben. Doch Lindenberg, der

noch immer für die Werbung trommelt,

will das unbedingt! Er will berühmt

werden, die große Samstagabendshow

– eben „sein Ding“.

Wenn es sein muss, will er auch selber

singen, und zwar deutsch, damit

seine Mutter Hermine (Julia Jentsch)

ihn versteht. Und keine Panik, so

kommt es ja auch.

Huntgeburth indes, visuell und

erzählerisch in Hochform, verquirlt

diese Neugeburt mit einem anderen

mythischen Erlebnis, nämlich der

Begegnung mit seinem „Mädchen

aus Ost-Berlin“. Im Musical „Hinterm

Horizont“ noch am Rande jenes

ominösen Konzerts im Palast der

Republik 1983 platziert, wird das Ereignis

einfach vorgezogen. Im Taumel

seiner Rastlosigkeit erwacht der

junge Künstler,noch gänzlich unberühmt,

eines Tages in der Hauptstadt

der DDR und startet seinen amourösen

Grenzverkehr. Was an der Geschichte

stimmt, ist ohnehin unklar,

doch an der poetischen Wahrheit ist

nicht zu rütteln: Die Geburt des

Deutschrocks war eine Sache von

nationaler Tragweite. Bevor Lindenberg

Ost und West zusammenbringen

konnte, noch vor dem Sonderzug

und horizonterweiternder Rockerlyrik,

musste er beiden Seiten

die Sprache wiedergeben.

In „Lindenberg! Mach dein Ding“

freilich, das macht den Film so

schön, ist das alles noch weit weg –

Schlapphut und Sonnenbrille, Lindenberg

inder Samstagabendshow,

der Bundes-Udo.Noch ohne das berüchtigte

Schnodderdeutsch, so gar

nicht locker vom Hocker, spielt der

formidable Jan Bülow den jungen

Udo imGegenteil herrlich linkisch

und sich seiner proletarischen Wurzeln

schmerzhaft bewusst, als

schüchternes Großmaul. Aber auch,

wie er notgedrungen beginnt, das

Betrunkensein zur Kunstform zu

machen, sich als rauschhaften Charakter

zu inszenieren, kann man hier

sehen. Mitseinem Kumpel Steffi Stephan

(Max von der Groeben) aus

dem Panik-Orchester streitet er sich

um den richtigen Stil, schmeißt ihn

mehrmals aus der Band, nimmt ihn

reumütig wieder zurück.

Detlev Buck spielt einen unglaublich

schmierigen Plattenboss der Teldec,

in dem sich die modischen

Grenzgänge der Siebzigerjahremusterhaft

bündeln. Es ist ein wunderbarer,

gruseliger Rausch. Mit eher

unbekannten Hits, teils von Bülow

selbst eingesungen, ohne dass man

das merkt, geht es tief hinab in diese

wilde Zeit, die der deutsche Film selten

besucht. UdoLindenberg dürfte

einer von wenigen sein, denen man

gerne dorthin folgt.

Lindenberg! Mach dein Ding Deutschland

2019. Regie: Hermine Huntgeburth, Drehbuch:

Alexander Rümelin, Christian Lyra, Sebastian

Wehlings, Darsteller:Jan Bülow, Max vonder

Groeben,Charly Hübner, JuliaJentsch u.a.,135

Min., Farbe. FSK ab 12 Jahren

NACHRICHTEN

Filmfest „Berlin &Beyond“

eröffnet mit Christiane Paul

Mit Stargast Christiane Paul und

dem Film „Was gewesen wäre“ soll

am 7. Februar das größte deutschsprachige

Filmfestival in den USA eröffnet

werden. Zum24. Malpräsentieren

das Goethe-Institut und das

Szene-Kino CastroTheatreinSan

Francisco das Festival „Berlin &Beyond“

mit Spielfilmen, Dokus und

Kurzfilmen aus Deutschland, Österreich

und der Schweiz. In„Was gewesen

wäre“ spielen Christiane Paul

und Ronald Zehrfeld ein frisch verliebtes

Paar,das nach Budapest reist.

Dortbegegnet die Frau zufällig ihrer

ersten DDR-Jugendliebe.Der Film

vonRegisseur Florian Koerner von

GustorffeiertinSan Francisco seine

Nordamerika-Premiere. Hauptdarstellerin

Paul wirdden Spotlight

Awardals beste Schauspielerin erhalten,

wie Festival-Leiter Sophoan

Sorn der Deutschen Presse-Agentur

mitteilte.ImRahmen des siebentägigen

Festivals stellt der Berliner Fotograf

Sven Marquardt die Doku „Berlin

Bouncer“ vonRegisseur David

Dietl vor. DasJustizdrama „Der Fall

Collini“ vonMarco Kreuzpaintner

feiertseine Westküstenpremiere, gezeigt

werden auch „Lara“ mit Tom

Schilling und Corinna Harfouch und

die Hape-Kerkeling-Verfilmung „Der

Junge muss an die frische Luft“. Das

Festival zogzuletzt rund 10 000 Zuschauer

an. (dpa)

Beethoven, Liebling der

Konzertsäle

Ludwig vanBeethovenist einer der

meistgespielten klassischen Komponisten

im deutschsprachigen Raum.

Es sei wahrscheinlich, dass jedes Orchester

mindestens einmal im Jahr

eine seiner neun Sinfonien, eines der

fünf Klavierkonzerte oder dasViolinkonzertspiele,sagt

Redakteur Andreas

Falentin vomTheatermagazin

„Die Deutsche Bühne“. Im Jubiläumsjahr

ereigne sich auch abseits

der Zentren viel mit Bezug zu Beethoven.

Seine einzige Oper „Fidelio“

ist ohnehin häufiger Gast auf den

Spielplänen. Zu neun Inszenierungen

an deutschsprachigen Bühnen

in der Saison 2019/20 kommen laut

Theatermagazin konzertante Aufführungen

dieser Freiheitsoper:

etwa Ende Februar in Essen, im April

in Dresden und in Berlin in der Philharmonie

mit den Berliner Philharmonikern.

(dpa)

Dresdner Filmfest nimmt

Traumata in den Blick

Filme über Traumata stehen beim

32. Filmfest in Dresden (21. bis 26.

April) im Mittelpunkt. MehrereBeiträge

befassten sich mit der künstlerischen

Umsetzung vontraumatischen

Ereignissen, kündigten die Organisatoren

am Mittwoch in Dresden

an. Für den nationalen und

internationalen Wettbewerb wurden

demnach mehr als 2900 Filme eingereicht.

Darunter knapp 1900 Spielfilme,etwa

300 Dokumentar-, 500

Animations- und etwa 200 Experimentalfilme.Das

Filmfest Dresden

vergibt Preisgelder im Gesamtwert

von67000 Euro. (dpa)

TOP 10

Dienstag,15. Januar

1 Ina.Freundschaft ARD 5,29 17 %

2 UmHimmels Willen ARD 4,94 15 %

3 Ich bin ein Star ... RTL 4,55 24 %

4 Rosenheim-Cops ZDF 4,51 16 %

5 heute ZDF 4,22 17 %

6 Tagesschau ARD 4,15 13 %

7 Wer weiß denn ...? ARD 3,79 18 %

8 SoKoKöln ZDF 3,61 17 %

9 RTL aktuell RTL 3,43 14 %

10 DSDS RTL 3,39 11 %

ZUSCHAUER IN MIO/MARKTANTEIL IN %

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine