Berliner Zeitung 16.01.2020

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Berliner Zeitung · N ummer 13 · D onnerstag, 16. Januar 2020 3 *

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Seite 3

Benjamin Lutzen schaut auf seine

Uhr. Eine Stunde Zeit hat er noch,

dann muss er wieder zurück in die

Justizvollzugsanstalt. Als Freigänger

darf ersich seit April letzten Jahres 16

Stunden am Tagaußerhalb des Gefängnisses

aufhalten. In diesen Stunden der Freiheit arbeitet

er in einem Ingenieurbüro und besucht

seine Familie,bei der er ab und zu auch

übernachten kann. Aber immer wieder muss

er dann zurückkehren in seine Gefängniszelle.Vor

fast zehn Jahren, im Februar 2010,

war Benjamin Lutzen, der eigentlich anders

heißt, nach 14-monatiger Untersuchungshaft

zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe

verurteilt worden. Wegen Anstiftung zum

Mord. „Ein Fehlurteil“, sagt Lutzen. „Denn

ich bin unschuldig.“

Am 3. November 2008 wurde auf der Berliner

Fischerinsel ein Berliner Immobilienmakler

erschossen. DieTat machte bundesweit

Schlagzeilen, glich sie doch einer Hinrichtung:

Zwei Schüsse hatten das 59-jährige

Opfer im Rücken und im Kopf getroffen. Von

einem Mafia-Mord war anfangs die Rede,

wegen der schillernden Vergangenheit des

Opfers. Doch dann wurden Lutzen und sein

ehemaliger Geschäftspartner Torsten L. festgenommen.

Siesollen –soheißt es in ihrem Urteil –einen

gewissen M. mit der Ermordung beauftragt

haben, weil der Immobilienmakler ihrenGeschäften

imWegstand. M., ein ehemaliger

Fremdenlegionär, wurde auf seiner

Flucht in Indien geschnappt und Ende 2011

an Deutschland ausgeliefert. Ein gutes Jahr

später verurteilte das Berliner Landgericht

auch ihn –wie drei Jahre zuvor schon seine

vermeintlichen Auftraggeber Lutzen und

Torsten L. –zueiner lebenslangen Haftstrafe.

Alle Angeklagten streiten die Tatab

Für Polizei und Justiz ist der Fall gelöst, die

Akten sind seit langem geschlossen. Doch

die drei Angeklagten streiten bis heute eine

Beteiligung an dem Mord ab. Gibt es vielleicht

eine ganz andere Wahrheit? Sind die

tatsächlichen Täter etwa ungestraft davongekommen?

Die Düsseldorfer Rechtsanwältin

Viktoria Reeb hält das für möglich. Siehat

jetzt im Auftrag von Benjamin Lutzen beim

Berliner Landgericht einen Antrag auf Wiederaufnahme

des damaligen Verfahrens eingereicht.

Begründet wird der Antrag damit,

dass die Polizei entscheidende, die Angeklagten

möglicherweise sogar entlastende

Beweismittel dem Gericht vorenthalten

habe.„Es liegen neue objektiveBeweismittel

vor, welche die Beweisführung des erkennenden

Gerichts grundlegend erschüttern“,

sagt Anwältin Reeb.

Ihr73Seiten umfassender Schriftsatz, der

in dieser Woche beim Gericht einging, listet

eine Reihe neuer Tatsachen auf, die Rückschlüsse

auf einen anderen Täterkreis liefern

könnten. Diese neuen Fakten rücken zudem

zwei Männer aus dem Rotlichtmilieu in den

Fokus,die im Prozess noch als Zeugen gegen

die Angeklagten auftraten. So sagten sie etwa

vorGericht aus,der als Mörder verurteilte M.

habe ihnen gegenüber die Tatgestanden sowie

Lutzen und Torsten L. als seine Auftraggeber

benannt. Einer der beiden will M. zudem

mehrfach auf die Fischerinsel begleitet

haben, als der die Örtlichkeiten und Gewohnheiten

des späteren Opfers ausbaldowerte.

Der Zeuge sagte auch aus, M.bei einem

ersten fehlgeschlagenen Anschlagsversuch

mit einer Armbrust Anfang Oktober

2008 sowie am Tattag zum Tatortgefahren zu

haben.

„Ich bin inzwischen überzeugt davon,

dass diese beiden Zeugen unmittelbar verwickelt

waren in den Mord“, sagt hingegen

Benjamin Lutzen. „Wenn ich recht habe,

dann haben die wahren Täter erfolgreich

ein Verwirrspiel aufgezogen und die Polizei

auf eine falsche Fährte gelockt.“ Lutzen ist

auch sicher, dass mindestens einer der beiden

Zeugen ein Polizeiinformant gewesen

ist. Dessen bereits seit längerem bestehende

Kontakte zur Polizei seien seiner Auffassung

nach in den Protokollen jedoch verheimlicht

worden. „Auf jeden Fall scheint

mir, dass sich die Ermittler in eine bestimmte

Richtung haben lenken lassen und

alle Indizien, die gegen unsere Tatbeteiligung

sprachen, ignorierten“, vermutet Lutzen.

Er sagt: „Ich kann jetzt nachweisen,

dass zu diesem Zweck auch Vernehmungsprotokolle

und Beweismittel verfälscht worden

sind.“

Es ist ein ungeheurer Vorwurf, den der

großgewachsene und trotz seiner 42 Jahre

immer noch jugendlich wirkende Mann mit

ruhiger und ernster Stimme ausspricht.

Sollte ihn dasVorgehen vonPolizei und Justiz

wütend machen, so lässt er sich zumindest

nichts anmerken. Lutzen hat sich im Griff,

auch wenn seine Erkenntnisse –sollten sie

sich bewahrheiten –eine erschütternde Konsequenz

hätten: Fast zwölf Jahre seines Lebens

hätte er dann unschuldig hinter Gittern

verbracht.

Dann fängt Lutzen an zu erzählen, wie es

dazu kam, dass er seinen Fall noch einmal

aufzurollen begann. Anlass sei sein erstes

Zusammentreffen mit dem angeblichen

Mörder des Immobilienmaklers gewesen,

dem ihm bis dahin völlig unbekannten M.,

erinnert ersich. „Er war 2014, als sein Urteil

Rechtskraft erlangte, indie JVA Tegel verlegt

worden und bezogeine Zelle,die meiner gegenüber

lag“, erzählt er. „Wir haben uns

dann oft unterhalten, und in diesen Gesprächen

schilderte M. mir das Geschehen rund

um die Ermordung ganz anders, als es das

Gericht in seinem Urteil festgestellt hatte.Ich

glaubte ihm, denn warum sollte er mich jetzt

noch belügen?“

Lutzen beantragte daraufhin die Einsicht

in alle Ermittlungsakten seines eigenen Falls.

Dabei kam ihm entgegen, dass er in der Haftanstalt

ein Jura-Studium begonnen hatte

und deshalb Laptop und Drucker in seiner

Zelle benutzen konnte.Esdauerte aber noch

einige Zeit, bis Anfang 2017 die Akten endlich

bei ihm eintrafen. „Ich machte mich an

die Arbeit und ging akribisch die Unterlagen

durch, insbesondere die Aussagen der

Hauptbelastungszeugen“, erzählt er.„Parallel

dazu analysierte ich eine Daten-CD, auf

der sämtliche Handyverbindungen und Koordinaten

der Nutzer vorund nach dem Tattag

gespeichert sind. Ich wollte herausfinden,

ob die Zeugenaussagen durch die Telefondaten

bestätigt werden. Undsiehe da: Es

gab erhebliche Widersprüche.“

Der Datenträger mit den Telefonverbindungen

hatte natürlich auch der Polizei vorgelegen.

Doch die mit der Telefon-CD befasste

Beamtin räumte vor Gericht ein, dass

Vormehr als elf Jahren starb das Opfer mitten in Berlin. Die Tatglich einer Hinrichtung.

Wasgeschah auf

der Fischerinsel?

Im November 2008 wird in Berlin ein Immobilienmakler ermordet.

Die angeblichen Drahtzieher werden zu lebenslanger Haft verurteilt.

Einer von ihnen hat nun einen Antrag auf Wiederaufnahme

des Verfahrens gestellt. Er sagt: Beweismittel wurden von der Polizei

unzureichend ausgewertet und teilweise manipuliert.

Und er glaubt, es beweisen zu können

VonAndreas Förster

„Wenn ich recht

habe, dann haben die

wahren Täter erfolgreich

ein Verwirrspiel

aufgezogen und die

Polizei auf eine falsche

Fährte gelockt.“

Benjamin Lutzen,

Verurteilter im Mordfall Fischerinsel

BLZ/T. SCHROEDER

der Datenbestand von ihr nur auszugsweise

ausgewertet worden sei. Dem Gericht genügte

das –ein Antrag des Mitangeklagten

Torsten L., ihm die auf einer CD gespeicherten

Telefondaten in lesbarer und aufbereiteter

Form vorzulegen, wiesen die Richter in

derVerhandlung zurück.„Anhaltspunkte dafür,dass

die jetzt beantragte Auswertung des

Datenbestandes weitere Erkenntnisse bringen

könnte, sind nicht ersichtlich“, wurde

die Entscheidung begründet. Eine „fatale

Fehleinschätzung“, nennt das Anwältin

Reeb im Wiederaufnahmeantrag, der sich

vorallem auf die vonLutzen aus der Telefon-

CD herausgearbeiteten neuen Fakten stützt.

Wasfür ein gewaltiger Aufwand hinter seiner

Recherche steckte, schildert Lutzen eindringlich.

Zunächst durchsuchte er die insgesamt

542 251 Datensätze auf der CD nach

den von den Hauptbelastungszeugen benutzten

Handynummern. Dann ordnete er

diese Verbindungen und fragte über Google

Maps jede einzelne in den Datensätzen angegebene

Ortskoordinate ab, die den Standort

des jeweiligen Telefonierenden deutlich

exakter angibt als eine Funkzellenzuordnung.

„Ich druckte die Übersichten auf A4-

Blättern aus, die ich zusammenklebte und

mit denen ich meine Zelle tapezierte“, sagt

Lutzen.„Soerarbeitete ich Bewegungsprofile

der Zeugen, die mit ihren eigenen Aussagen

bei den Ermittlern nicht übereinstimmten.

Undich stießauf Zusammenhänge und Personenverbindungen,

die zu der vomGericht

in seinem Urteil angenommenen Tatversion

nicht passten.“

In einem weiteren Schritt transformierte

Lutzen die Datensätze von der CD, die je

nach Telefonbetreiber unterschiedlich strukturiert

sind, in einem aufwendigen Bearbeitungsprozess

in ein digitales Einheitsformat,

um sie in Excel-Tabellen lesbar und auswertbar

zu machen. In diesen Tabellen lassen

sich nun fast jeder Kommunikationsverbindung

die Standorte der Teilnehmer bis auf

den Straßennamen genau zuordnen. Da aus

den übrigen Ermittlungsunterlagen die Telefonnummern

sämtlicher Telefone, die von

Tatbeteiligten und Zeugen benutzt wurden,

hervorgehen, lässt sich mit dem aufbereiteten

Material nun genau analysieren, wervon

ihnen wann, wo und mit wem telefoniert

oder Kurznachrichten ausgetauscht hat.

Die Ergebnisse von Lutzens akribischer

Recherche, die ihn fast ein Jahr lang Tagund

Nacht inseiner Zelle der JVA Tegel beschäftigte,widerlegen

seiner Meinung nach in wesentlichen

Punkten die Aussagen derHauptbelastungszeugen.

So soll sich etwa zeigen, dass keine der

vom angeblichen Mörder M. genutzten

Handynummern amTattag und zur Tatzeit

in der Nähe der Fischerinsel eingeloggt war.

Auch die von einem der Kronzeugen getätigte

Aussage, er habe im September und

Oktober mehrmals gemeinsam mit M. den

späteren Tatort ausgekundschaftet, lasse

sich durch die Datenauswertung nicht bestätigen,

so Lutzen. Zwar wählte sich M.s

Handy an insgesamt 14 Tagen in diesem

Zeitraum in Funkzellen an der Fischerinsel

ein; zu keinem Zeitpunkt war aber zeitgleich

auch das Handy des Zeugen vor Ort,

obgleich er angab, sie hätten an diesen Tagen

dort miteinander telefoniert. Damit

gibt es auch keinen Beweis für die Angaben

des Zeugen, erhabe M. zu dem ersten fehlgeschlagenen

Anschlag mit der Armbrust

Anfang Oktober und am Tattag einen Monat

später zur Fischerinsel gefahren. Die Zeugenaussagen

über den angeblichen Kauf

der Tatwaffe durch M. und Schießversuche

in einem Waldstück nahe dem Kontrollpunkt

Dreilinden im Beisein des Waffenhändlers

sind ebenfalls durch die Verbindungsdaten

nicht gedeckt.

Veränderte Telefonnummer?

Dafür stieß Lutzen bei seiner Auswertung der

vonder Polizei gesicherten Telefondaten, die

zur Tatzeit am 3. November 2008 an der Fischerinsel

erfasst worden waren, auf zwei

tschechische Handynummern, die zur Tatzeit

in Tatortnähe eingeloggt waren. Unmittelbar

nach den tödlichen Schüssen telefonierten

beide Nutzer miteinander.Eine Viertelstunde

später wurde voneiner der beiden

Nummern eine dritte tschechische Handynummern

angewählt. Undvon dieser Nummer

ging knapp vierWochen später ein Anruf

auf das Handy des Hauptbelastungszeugen.

Ein Zufall? Oder kamen die wahren Mörder

aus Tschechien und standen in Kontakt mit

den beiden Zeugen,die später die Polizei auf

die Spur der drei Verurteilten brachten?

DenSpuren nach Tschechien ist nie nachgegangen

worden. Selbst als Lutzen sich

Ende 2017 aus dem Gefängnis heraus mit

den neuen Erkenntnissen über die Tschechien-Spur

an die Kripo, die Staatsanwaltschaft

und sogar den Generalstaatsanwalt

wandte, passierte nichts. „Mehr Ignoranz

geht nicht“, sagt er ernüchtert. „Sie wollen

den Fall offenbar nicht wieder aufmachen,

weil sie Angst haben, es könnte auffliegen,

wie die Polizei damals Ermittlungsunterlagen

manipulierthat.“

Denn durch Zufall war Lutzen beim Abgleich

mit einer ausgedruckten Telefonliste

des Opfers auch darauf gestoßen, dass eine

bestimmte Nummer auf der Telefondaten-

CD offenbar nachträglich verändert worden

ist. „Ich hatte den Ausdruck einer Liste der

Gespräche des Opfers am Tattag. Darin ist

gegen Mittag der Anruf von einer Nummer

des Landeskriminalamtes vermerkt“, erklärt

er.„In einem Vermerkinden Ermittlungsakten

wirddieser Anruf sogar bestätigt –esging

dabei um eine kurze polizeiliche Nachfrage

an den Immobilienmakler in einer anderen

Angelegenheit. Auf der Telefondaten-CD ist

dieser Anruf vom Mittag des 3. November

2008 auch gespeichert–allerdings steht dort

eine andereunbekannte Nummer,unter der

niemand zu erreichen ist und die nichts mit

demLKA zu tun hat.“

Lutzen sagt, er habe diese Nummer auf

derCDnoch mehrfach wiedergefunden. Unteranderem

auch bei einem Anruf, der einen

der beiden Zeugen erreichte –und zwar Tage

bevor dieser angeblich erstmals bei der Polizeivorstellig

geworden ist. Dieser Zeuge kassierte

übrigens später die von einem Geschäftspartner

des Opfers ausgelobte Belohnung

für die Überführung der vermeintlichen

Täter in Höhe von100 000 Euro.

Lutzen sagt, er sei hoffnungsvoll, dass

ihm doch noch Gerechtigkeit widerfahren

könnte nach so langer Zeit und sein Urteil

aufgehoben werde. Unddass erstolz darauf

sei, mit seinen akribischen Recherchen so

viel herausgefunden zu haben. „Wer vonden

Ermittlern rechnet schon damit, dass einer

so hartnäckig die Akten durchforscht und

eine halbe Million Datensätze analysiert, um

ihre Fehler nachzuweisen“, sagt der 42-Jährige.

Ob sein Wiederaufnahmeantrag aber

erfolgreich sein wird, die Ermittler den Fall

neu aufrollen und möglicherweise weitere

oder ganz andereTäter finden werden,bleibt

abzuwarten. In Deutschland sind die Hürden

für ein erfolgreiches Wiederaufnahmeverfahrensehrhoch.

Andreas Förster hätte nicht damit gerechnet,

dass noch einmal Bewegung

in diesen Fall kommt.

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