Berliner Zeitung 16.01.2020

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8 Berliner Zeitung · N ummer 13 · D onnerstag, 16. Januar 2020

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Meinung

Kolumne

Man muss nichts

wissen,

nur meinen

Regine Sylvester,

Autorin

Früher habe ich Talkshows gerne

gesehen. Dashat sich geändert,

aber ich wäre wieder dabei, wenn

aus dem Kreis der Teilnehmer auch

mal Sätze kämen wie: „Das wusste

ich gar nicht.“ „Finde ich interessant,

was Siedasagen!“„Können Sie

das noch genauer erklären?“ Das

sagt leider keiner. Talkshowgäste

kommen mit einer Erkennungsmelodie

in die Runde und gehen weg

ohne Interesse an anderen Liedern.

Viele Sendungen werden durch Erwartbarkeit

gelähmt – dieselben

Leute, maliziöses Lächeln, Unterbrechen

als Reflex. So ähnlich ist es

auch im Bundestag. Ich ahne bald,

zu welchen Schlüssen die Abgeordneten

in ihren Reden kommen werden

und von welchen Fraktionen

die Widerworte. Interessieren die

sich überhaupt noch füreinander?

Könnten die nicht wenigstens versuchen,

die vermeintliche Spreu

vom Weizen zu trennen, um einen

Konsens zu entdecken? Damit eine

wichtige Meinung in der Politik entstehen

kann, nehmen die beteiligten

Personen einen Zeitraum in Anspruch,

den sie „Meinungsfindungsprozess“

nennen. Danach ist

eine Meinung auf derWelt, und weil

sie so lange brauchte, besteht ein

Bedürfnis,anihr festzuhalten.

Polyamorie oder Sexvor der Ehe

Im Prinzip genießt die Meinung ein

hohes Ansehen. Redakteure von

Meinungsseiten haben eine verantwortliche

Stellung, auch wenn diese

Seiten vielleicht ein bisschen weniger

gelesen werden als der Klatsch

im Vermischten. Es gibt sogar einen

ganzen Berufsstand mit Einfluss –

die Meinungsforscher.

Beimir ist es so,dass ich zu vielen

Sachen gar keine Meinung

habe. Veganes Essen, Sprachregeln

wie Redepult statt Rednerpult,

Homöopathie, „Prepper“ –

eine Bewegung, die sich durch

enorme Vorratswirtschaft auf Katastrophen

vorbereitet –, Polyamorie

oder kein Sex vor der Ehe:

Daszieht mich alles nicht an, aber

ich will es nicht runtermachen.

Eine Meinung hält es für ihre

Aufgabe, Zustände, Personen,

Ereignisse zu beurteilen. Entschieden

und immer gleich raus damit.

Ichrede mit einem Freund über einen

Film, der mir sehr gefallen hat.

„Ein Scheißfilm!“, sagt er und fügt

hinzu: „Meine Meinung!“ Und als

ich die Schauspieler, die Kamera

oder sonst noch irgendetwas lobe,

sagt er: „Deine Meinung!“ Gesichtsausdruck

und Körpersprache

vermitteln, dass meine Meinung

im Vergleich zu seiner Meinung

nichts taugt. Meinungen

werden geäußert, ohne begründet

werden zu müssen. Deshalb ist

zum Beispiel der Vorwurf der „Lügenpresse“

als Meinung geschützt.

Flacher atmen

In der Erkenntnistheorie wird unter

einer Meinung eine vonWissen

und Glauben unterschiedene

Form des Fürwahrhaltens verstanden.

Es reicht also, etwas für wahr

zu halten, um als meinungsstark

zu gelten. Manmuss nichts wissen.

Ichkomme mit einem Mann ins

Gespräch, der die Feuerwerkseinschränkungen

in Berlin für

staatlichen Machtmissbrauch hält.

Die Feinstaubentstehung findet er

mengenmäßig lächerlich. Zufällig

habe ich mir eine Zahl gemerkt: Die

Menge Feinstaub, die Silvester in

Deutschland durch Raketen und

Böller entsteht, entspricht der

Menge Feinstaub, die alle Pkw und

Lkw zusammen auf unseren Straßen

in zwei Monaten erzeugen. Der

Mann lacht und winkt ab: „Dann

muss man eben flacher atmen.“

Eindringliche Szene beim Kohle-Gipfel

Soll bei Organspenden die Widerspruchslösung eingeführt werden?

Pro: Es ist kein

Dammbruch

Beginnen wir mal mit drei

Befunden. Alle drei zeigen,

dass es in Deutschland

nicht allein darum

gehen kann, die Zuständigkeiten

für die Organspende besser zu organisieren.

Erstens, unverändert stehen

hierzulande fast 10 000 Menschen

auf den Wartelisten. Zweitens, die

Zahl der Spender ist im vergangenen

Jahr auf niedrigem Niveau

noch einmal leicht zurückgegangen.

In Berlin gab es zwar einen

leichten Anstieg. Aber es waren gerade

einmal 55 Menschen, die Organe

spendeten. Drittens, Hun-

„Den Wegder Widerspruchslösung

zu gehen, kann

Leben retten,

wahrscheinlich

sogar viele.“

Rasmus Buchsteiner

derte Menschen sterben jährlich,

weil es nicht genügend Spenderorgane

gibt.

Finden wir uns damit ab. Oder

wollen wir daran etwas ändern?

Widerspruch ist eine Lösung,

wie auch die Praxis in Spanien

zeigt. Es ist sogar die Lösung! Und

zwar nicht nur für das Problem

fehlender Spenderorgane,sondern

auch für alle,die am Ende ihres Lebens

auf keinen Fall Spender werden

wollen.

Die Widerspruchslösung

schützt deren Rechte. Sie verlangt

nicht nach Begründungen und

Rechtfertigungen. Im Gegenteil.

Ein „Nein“ reicht. Niedergelegt in

einem Register, notiert imOrganspende-Ausweis,

auf einem Stück

Papier oder geäußertgegenüber einem

der nächsten Angehörigen. Es

ist legitim und vollkommen okay.

Nicht okay ist jedoch Gleichgültigkeit.

Und auch Bequemlichkeit ist

nicht okay.

Das Schreiben von der Krankenkasse,

das zur Entscheidung

mahnt, ist schnell weggelegt. Die

Information, die man womöglich

beim Abholen des Personalausweises

bekommt, verschwindet wahrscheinlich

schnell wieder aus dem

Gedächtnis.

Mögen ihre härtesten Gegner

anderes behaupten: Auch mit der

Widerspruchslösung bleibt die Organspende

Spende.

Sie verlangt allerdings, sich zumindest

einmal im Leben mit der

Materie zu auseinanderzusetzen,

in sich hineinzuhören, sich zu prüfen

und festzulegen. ZurNot dagegen.

Zu viel verlangt ist das nicht.

Und revidierbar ist die Entscheidung

auch.

Sich frühzeitig festzulegen, entlastet

übrigens auch die nächsten

Angehörigen. Liegt kein Spenderausweis

vor, kommt es nach heutiger

Rechtslage auf sie an, wenn der

Hirntod eingetreten ist. Siewerden

gefragt. Undgezwungen, in höchster

Anspannung, in einer emotionalen

Ausnahmesituation und unter

großem Zeitdruck eine Entscheidung

zu treffen, die eigentlich

eine sorgfältige Abwägung verlangt.

Die Widerspruchslösung ist

kein Dammbruch. Sieist auch kein

Verrat an ethischen Standards, die

es hochzuhalten gilt.

Zumal es auch um ein Stück Gegenseitigkeit

geht. Empfänger eines

Spenderorgans kann jeder

werden. Und wer selbst nicht zur

Spende bereit (gewesen) wäre,

wird aus diesem Grund nicht

schlechter behandelt, wie es Experten

durchaus schon vorgeschlagen

haben, um den dramatischen

Mangel an Spenderorganen

zu beheben.

Den Weg der Widerspruchslösung

zu gehen, kann Leben retten,

wahrscheinlich sogar viele. Jedes

einzelne ist ein Grund dafür,ihn zu

gehen.

BERLINER ZEITUNG/HEIKO SAKURAI

Contra: Spahn

geht zu weit

Tobias Peter

Als ich 18 Jahre alt wurde,

habe ich mir einen Organspendeausweis

besorgt.

Für mich war immer

klar: Ich möchte mit meinen

Organen das Leben anderer retten,

falls ich selbst beispielsweise durch

einen Autounfall sterben sollte.

Mein tödliches Pech sollte das Lebensglück

anderer sein. Ich wollte

auch meinen Angehörigen für den

Ernstfall ein klares Zeichen hinterlassen.

Keiner sollte sich mit der

Frage quälen, wie ich mich entschieden

hätte.

Das Ziel, die Zahl der Spender

zu erhöhen, ist im Interesse aller,

die ein Organ brauchen, richtig.

Dennoch halte ich die von Gesundheitsminister

Jens Spahn

(CDU) und anderen Abgeordneten

vorgeschlagene Widerspruchslösung

für falsch. Sie sieht vor, dass

Organe immer dann entnommen

werden dürfen, wenn der Betroffene

nicht rechtzeitig aktiv widersprochen

hat. Das ist im Sinne der

Kranken gut gemeint. Am Ende

geht es aber zu weit.

„Die Würde des Menschen ist

unantastbar“, heißt es im Grundgesetz.

Das muss auch für den

sterbenden und den gerade gestorbenen

Menschen gelten. Es

gibt kaum etwas Persönlicheres

als die Frage,objemand bereit ist,

sich Organe entnehmen zu lassen.

Und dennoch soll der Staat festlegen,

dass Ärzte dies bereits tun

dürfen, wenn ein Mensch nicht

ausdrücklich Nein gesagt hat? Das

ist ein zu großer Eingriff in das

Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen.

Das Recht auf körperliche Unversehrtheit

gehörtuntrennbar zur

Menschenwürde dazu. DerKörper

gehört dem Menschen, nicht dem

Staat. Für einige sind religiöse Fragen

berührt. Das Argument, es

habe ja jeder die Möglichkeit zum

Widerspruch, greift zu kurz. Kann

ein so großer Eingriff in die Rechte

eines wie Menschen wie eine Organentnahme

zulässig sein, nur

„Es gibt kaum etwas

Persönlicheres

als die Frage, ob

man bereit ist, sich

Organe entnehmen

zu lassen.“

weil jemand es versäumt hat, ein

Formular auszufüllen? Haben

Menschen nicht auch ein Recht

darauf, mit einer solchen Entscheidung

zu hadern, sie nicht umgehend

zu treffen?

Das Leid derer, die auf ein Organ

warten, ist groß. Dasist ein gewichtiges

Argument für mehr Organspenden,

aber nicht unbedingt

für dieWiderspruchslösung. Durch

sie kann im schlechtesten Fall der

Eindruck entstehen, es werde die

Tatsache ausgenutzt, dass Menschen

unangenehme Themen lieber

verdrängen. Die Gefahr ist,

dass das Vertrauen in die Organspende

und zu Ärzten beschädigt

wird –genau das darf aber auf keinen

Fall passieren. Eine Organspende

ist nur dann eine Spende,

wenn sie freiwillig ist.

Die bessere Lösung ist, die

Menschen regelmäßig mit der

Frage zu konfrontieren, ob sie zur

Organspende bereit sind. Diesen

Versuch haben wir in Deutschland

bislang nicht konsequent genug

unternommen. EinBrief der Krankenkasse,

der schnell zur Seite gelegt

oder in den Papierkorb geworfen

werden kann, reicht nicht aus.

Für eine echte Entscheidungslösung

müssen die Menschen beim

Arzt informiertund etwa beim Beantragen

eines neuen Ausweises

befragt werden. Hier brauchen wir

größere Anstrengungen als bisher

–damit wir mehr Menschen mit

einem Spenderorgan helfen können.

AUSLESE

Eine Billion für den

Klimaschutz

Die Pläne der EU-Kommission sind

groß: Eine Billion Euro soll bis 2030

in den europäischen Klimaschutz investiert

werden. Das Geld soll allerdings nur

zur Hälfte aus dem EU-Haushalt kommen,

der Rest von den Mitgliedstaaten

selbst und privaten Investoren.

„Nun folgt genau das, was zu befürchten

war“, kommentiert das Straubinger

Tagblatt. „Zusagen müssen konkretisiert

und finanziell unterfüttert werden. Mit

Geld, das Brüssel nicht hat, weil diese Gemeinschaft

nur ausgeben kann, was die

Mitgliedstaaten zuvor überweisen. Die

Neigung, immer mehr Finanzen nach

Brüssel zu schicken, war nie groß. Jetzt ist

sie weiter gesunken.“

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung

sieht ähnliche Hürden für die Pläne der

Kommissionschefin: „Von der Leyen

steckt in einem Dilemma, weil sie auf die

Mitgliedstaaten angewiesen ist.“ Diese

würden sich schon schwer damit tun „die

vomfrüheren EU-Kommissionspräsidenten

Juncker vorgeschlagene Aufstockung

des Klimaschutzbudgets mitzutragen –

weil das zwangsläufig auf Kosten der traditionellen

Mittel für die Landwirte und

die Regionalförderung geht.“

Die Fuldaer Zeitung schreibt: „Selbst

wenn das gesteckte Ziel erreicht wird, Europa

bis 2050 klimaneutral aufzustellen,

ist damit die globale Situation nur um

etwa ein Zehntel verbessert, wenn andere

Kontinente oder große Nationen wie

China, USA und Indien diesen Wegnicht

mitgehen wollen.“ Theresa Dräbing

KORREKTUR

Götz Aly dankt seinen aufmerksamen Kritikernund

korrigiertseine Kolumne vom13. Januar 2020:

Gemessen an Paris ist Berlin nicht „extrem mörderisch“.

Die Kritiker haben in dem für die Argumentation

entscheidenden Punkt recht: Im Vergleich der Mordund-Totschlags-Raten

pro 100 000 Einwohner zwischen

Berlin und Paris ist mir ein schwerer Irrtum unterlaufen.

Während ich für Paris die vollendeten Tötungsdelikte

angeführthabe, habe ich für Berlin eine

Statistik übernommen, in der –eigentlich deutlich genugmarkiert–auch

die nur versuchtenTötungsdelikte

mitgezählt werden. Ich bedauere diesen Fehler und bedankemichbei

all denen, die ihn aufgedeckt haben.

Götz Aly

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