Berliner Zeitung 18.01.2020

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Berliner Zeitung · N ummer 15 · 1 8./19. Januar 2020 3

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Report

Waszahlt also RedBull proSaison?

„Sie sagen mir doch auch nicht, was Sie

verdienen.“

Kann ich machen, ist tariflich geregelt.

„Dann sind Sie eher einer der wenigen.

Erstens spricht man nicht über Geld und

zweitens wäre das auch unseriös. ObesRed

Bull, Nike, Porsche oder VW ist –ich kann

doch nicht über Verträge sprechen, die der

Geheimhaltung unterliegen. Wir sind transparent,

bei Dingen, die transparent sein dürfen.“

Unddann kommt es wieder:„Deswegen

kann auch kein anderer Bundesligist über

seineVerträge sprechen.“

Siespielen auch auf dem Getränkemarkt

Mintzlaff ist Vertreter der Neidtheorie,die unter

besonders erfolgreichen und/oder besonders

missverstandenen Menschen verbreitet

ist. Er sagt: „Wenn etwas Neues kommt, sind

viele erst mal dagegen, sie verschließen sich

und lassen nicht alle Argumente zu. Diese

Neiddebatte ist so ein deutsches Phänomen.“

Das Neue an RB Leipzig, das Ablehnung

über Anfeindung bis Hass provozierte, war

vorallem die Klubstruktur,die keine Kontrolle

vonunten vorsieht, Fans als Kunden ohne direkte

Teilhabe und Mitspracherecht versteht;

zur Mitgliederversammlung kommen 19

handverlesene Personen. Mintzlaff berichtet

nur an Mateschitz, nach ganz oben. Er sagt:

„Wir sind ein ganz, ganz junger Klub, wie ein

Start-up-Unternehmen, das seine Strukturen

erst noch definieren muss.“

In der Zwischenzeit –it’sthe economy,stupid!

– läuft eben alles nach Businessplan,

nimmt RB Leipzig immer an einem Wettbewerb

mehr teil als die anderen: Sie spielen

auch auf dem Getränkemarkt. Doch irgendwann

wird die Reihenfolge nicht mehr so

wichtig sein, dass die Daseinsberechtigung

dieses Klubs erst erkauft und dann erspielt

worden ist. Und wenn nicht? „Die wenigen

Kritiker oder die Ultras,die sich nicht mit den

Inhalten beschäftigen, sondern einfach nur

dagegen sind, die interessieren uns nicht“,

sagt Mintzlaff. „Uns interessiert die breite

Masse,die unseren Wegversteht und respektiert.“

Dasist keinTrotz, das ist die Gewissheit,

auf der richtigen Seite zu stehen. Und noch

lange nicht fertig zu sein.

Diese breite Masse soll unterhalten werden,

darum geht es hier, mit spektakulärem

Pressingfußball, den Ralf Rangnick erfunden

und Nachfolger Julian Nagelsmann um längereBallbesitzphasen

verfeinerthat. Herausgekommen

sind in der Hinrunde ein rauschhaftes

6:1 in Wolfsburg oder dieses vernichtende

8:0 gegen Mainz –und bundesligaweit

unerreichte 2,8 Tore pro Spiel. Im Schnitt kamen

40 362 Zuschauer zu den Heimspielen.

Die Stadionauslastung lag bei 95,8 Prozent.

RB Leipzig bietet eine friedliche und familienfreundliche

Fußballshow. Wenn dieser Verein

nur ein Produkt ist, dann hält er sich immerhin

an sein Produktversprechen.

Protest muss sein

Klubinterne Datenerhebungen haben ergeben,

dass vierzig Prozent der Zuschauer

eine Entfernung zwischen fünfzig und einhundert

Kilometer zurücklegen, nur zwanzig

Prozent kommen aus Leipzig. Dieinzehn Jahrengewachsene

Fanszene reicht vomschwullesbischen

Fanclub „Rainbow Bulls“ über die

eher rechte Gruppierung „L.E. United“ bis zu

den tonangebenden „Red Aces“, die in ihrem

Manifest schreiben: „Am Ende wird der RasenballsportLeipzig

nur dann zu einem einigermaßen

anerkannten Verein, wenn die

Leute in der Kurve eben nicht nur die prognostizierten

Werbeopfer/Eventfans mit

Dose undWurst in den Händen sind, sondern

als selbstdenkende und selbstbestimmte

Fans wahrgenommen werden.“

Wasdie Fanbasis so denkt, war vorein paar

Monaten im Stadion als Erinnerung zu lesen:

„Wer viel verspricht, vergisst auch viel …wir

müssen reden. JETZT!“ Also redeten sie.

Mintzlaff erklärt: „Die Fans hatten verständlicherweise

das Gefühl: Hey, ich werdehier gar

nicht wertgeschätzt. Ich opfere mein ganzes

Geld und meine ganz Freizeit für RB Leipzig,

schreibe eine E-Mail und es dauert zweiWochen,

bis ich eine Antwortbekomme.Wir haben

eingesehen, dass wir auch da besser werden

müssen. Wir haben einen Fahrplan mit

der Fanszene erarbeitet.“ Kundenzufriedenheit

ist eben wichtig in Leipzig.

DieSpieler bekommen ohnehin das Beste,

Modernste, jeder hat ein Zimmer auf dem

Vereinsgelände. Eine luxuriöse Jugendherberge

mit Billardtisch, Massagebank und

Whirlpool ist das. Inder Kantine werden an

diesem Tagzehnverschiedene Gerichte angeboten,

vonKalbssemerrolle mit Pilzkruste bis

zur gebackenen Banane.

Die Fans des 1. FC Union wollen auch in Leipzig ihren Unmut gegenüber RB kundtun

VonMarkus Lotter

Die Kurveist ihreBühne,ihr Ventil. Was

sie bewegt, wird über diese Spielfläche

kundgetan. Immer lauthals, wenn es

darum geht, die eigene Mannschaft zu unterstützen,

die Jungs in Rot nach vorne zu

treiben. Und gern mal im stillen Protest,

wenn es darum geht, den Unmut gegenüber

einer Institution oder eben gegenüber

einem ungeliebten Klub zum Ausdruck

zu bringen. Und das ohne Pardon

und ohne Unterlass. Und in diesem speziellen

Fall gar aus Tradition.

Insofern kann es nicht wundern, dass

die Fans des 1. FC Union am Sonnabend

das Auswärtsspiel in Leipzig erneut zum

öffentlichen Aufstand gegen das „Fußballkonstrukt“

RB nutzen wollen. Dass sich die

Anhänger der Eisernen, zumindest diejenigen,

die sich in Ultra-Gruppierungen organisiert

haben, wie schon beim Hinspiel

auf eine Anti-RB-Leipzig-Aktion verständigt

haben. Treffpunkt: Hauptbahnhof

Leipzig, 16.30 Uhr, zwei Stunden vor Anpfiff.

Dresscode: schwarz. Besetzung: bis

zu 8000 Mann. Drehbuch: Trauermarsch

zum Stadion mit einem vielsagenden

Schweigen in den ersten 15 Minuten der

Begegnung zwischen dem Aufsteiger und

dem Herbstmeister.

Das Wuhlesyndikat, die federführende

Ultra-Gruppierung, hatte schon zu Beginn

der Woche mitgeteilt, dass man „ein ausdrucksstarkes

Zeichen“ setzen wolle.Ineinem

offenen Brief, den auch drei Dutzend

andere Fanclubs unterzeichnet hatten,

hieß es: „Wie schon zu unserem ersten

Bundesligaspiel kann es auch diesmal nur

bedeuten, dieses Spiel als kein normales

Glücksfall für den 1. FC Union: der Schweizer

Fußballlehrer UrsFischer.

DPA/GORA

anzusehen und weiterhin Haltung zu bewahren.“

Das große „Aber“ muss sein,

muss immer wieder ins Spiel gebracht werden,

damit das aus ihrer Sicht schändliche

Geschäftsgebaren der Leipziger nicht eines

Tages als Selbstverständlichkeit wahrgenommen

wird.

Nicht nur für die Anhänger und Verantwortlichen

beim 1. FC Union steht RB ja für

das Böse im Fußball, für kompromisslosen

Kommerz, für Wettbewerbsverzerrung und

Regelbruch. Andererseits ist RB für einen

Verein wie Union auch das willkommene

Gegenstück, um sich abzugrenzen. Um sich

seiner eigenen Klubkultur zu vergewissern.

„Für den Fußball, den wir lieben“ solle man

einstehen, forderte das einflussreiche Wuhlesyndikat.

Und der Fußball, den sie bei

Union lieben und pflegen, ist halt einer für

Fußball-Romantiker: ehrlich und nahbar,

mit Hand und Herz und eben nicht wie in

Leipzig mit dem Scheckbuch gemacht.

Das Spannende an der aktuellen Situation

ist die Tatsache, dass sich die Elf aus

Köpenick durch eine starke Hinrunde, mit

20 stolzen Punkten aus 17 Spielen, vomAußenseiterteam

zum Überraschungsteam

gewandelt hat. Dass also die Klage gegen

die Leipziger Fußballunternehmung auch

von einem neuen, auf sportlichem Erfolg

begründeten Selbstbewusstsein getragen

wird. Die Mannschaft von Urs Fischer

scheint jedenfalls weitaus konkurrenzfähiger

zu sein, als dies noch am 18. August des

vergangenen Jahres der Fall war.0:4 lautete

damals bei der Bundesligapremiere des

Vereins das Ergebnis im Vergleich mit RB.

Wobei das 0:1 just nach dem fünfzehnminütigen

Schweigen der Union-Fans fiel.

TrainerUrs Fischer hat die Szene natürlich

immer noch vor Augen, scherzte am Donnerstag

dahingehend wie folgt: „Wenn ich

ans Hinspiel denke, waren die ersten 15

Minuten nicht so schlecht. Es wurde dann

eher ein bisschen schwächer, als die Stimmung

kam.“

Der Schweizer hat schon recht: Man

sollte die Sache ernst nehmen, aber eben

auch nicht zu ernst. Wenngleich für die

Union-Fans der Einwurf, dass es sich bei

aller Aufregung doch „nur“ um Fußball

handelt, natürlich inakzeptabel ist.

ZurWahrheitüber RB Leipziggehört, dass

acht Spieler aus dem aktuellen Kader auch

schon zuZweitligazeiten da waren, darunter

viele Stammkräfte wie Marcel Sabitzer oder

Emil Forsberg. Diese Kontinuität ist Mintzlaff

wichtig:„Als wir aufgestiegen sind, hieß es,wir

werden mit Geld um uns werfen, die ganze

Bundesliga aufkaufen und brutale Millionengehälter

zahlen. Das ist nicht passiert.“ Ist es

tatsächlich nicht. Daher ist sich Mintzlaff sicher:

„Wir haben den Leuten bewiesen und

wollen auch weiterhin beweisen, dass wir

keine Klischees bedienen.“

Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch,

dass ein normaler Zweitligaklub den schwedischen

Nationalspieler Forsberg sicherlich

nicht so gereizt hätte und dass nicht mal ein

ambitionierter Zweitligist 3,7 Millionen Euro

hätte aufbringen können. Auch das fällt unter

das Stichwort Anschubfinanzierung. Die

Klubverantwortlichen haben diesen Wettbewerbsvorteil

genutzt. Das kann man ihnen

nicht vorwerfen. Auch nicht, dass sie es sich

bislang immer leisten können, mehr junge

Talente einzukaufen als selbst auszubilden.

Motivationssprüche am Trainingszaun

Seit dieser Saison wirdder Klub vomjüngsten

und wohl auch talentiertesten Bundesligatrainer

angeleitet. Und anscheinend hat die

Mannschaft bereits einiges vom dem verinnerlicht,

was Julian Nagelsmann als großformatige

Botschaften an den Zäunen rund

um den Trainingsplatz anbringen ließ. Etwa

das Zitatdes FootballtrainersVince Lombardi:

„Gewinnen ist nicht alles,esist das Einzige!“

Schräg gegenüber von Mintzlaffs Büro

wartet bereits Yussuf Poulsen. Wieder so ein

schwarz möblierter Raum, wieder dieser

Kühlschrank. Dass ein Bundesligaspieler auf

einen Reporter wartet, passiert eher selten.

Vorallem voreinem Zahnarzttermin. „Nichts

Ernstes“, sagt Poulsen. Ungewöhnlich auch,

dass derWunsch, mitdem Geschäftsführer zu

sprechen, umdas freiwillige Angebot erweitert

wird, anschließend einen Spieler treffen

zu können. Zufriedene Reporter scheinen

hier auch wichtig zu sein.

Poulsen grinst, als er das hört, er weiß,

warum gerade er die Fragen beantworten soll:

„Weil ich lange dabei bin.“ Genauer: weil er

bereits in der Dritten Liga für Leipzig stürmte

und heute immer noch trifft. „Früher war vieles

anders“, erinnert ersich. „Wir haben in

kleineren Stadien gespielt, man hat da besser

gehört, was die Fans gerufen haben.“ Und

heute? „Wir sehen und hören immer mehr,

dass die Leute unsere Leistungen und unserenKlub

anerkennen.“ Waszubeweisen war.

DerChefhätte es nicht besser sagen können.

Paul Linke

hätte gern die Süßkartoffelpolenta in

der Klubkantine probiert.

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