gie_02_2020

Giesserei.Verlag



EDITORIAL

Aktiv in Zeiten des Umbruchs

FOTO: BDG

Martin Vogt,

Chefredakteur

(E-Mail: martin.vogt@bdguss.de)

Zugegebenermaßen gehört folgende Fragen

für mich in die Kategorie zwiespältig:

„Wie war sie denn so, die Messe?“,

fragen Kollegen, die nicht dabei waren, in

unschuldig-anregendem Plauderton. Hier

bezogen auf die EUROGUSS in Nürnberg,

der Jahresauftaktmesse 2020 und Branchentreff

der Druckgießer.

Mit ein wenig Hang zum Sarkasmus

könnte man die Frage einfach beantworten,

denn Messen gleichen sich, unabhängig

von Zeit, Ort und Thema. Immer ist die

Luft zu schlecht, meistens auch zu warm,

ist das Handynetz so dünn wie der Kaffee,

von dem es ebenso zu viel gibt wie vom

Gebäck. Mangelware sind Zeit, vernünftige

Nahrung, Ruhe und Rhythmus. Messe

bedeutet Verdichtung in Zeit und Themen.

Zwei Büro wochen in zwei Messetagen. Messe

ist anstrengend!

Aber Messe ist natürlich auch inspirierend,

denn diese Verdichtung bedeutet viel

Substanz auf wenig Raum. Und damit kommen

wir zu einem Grundcharakteristikum.

Es gibt sie eigentlich nicht „die“ Messe.

Messe besteht aus einem Thema mit Dutzenden

Unterthemen und Hunderten von

Ausstellern, die sich alle jeweils ihre eigenen

Gedanken gemacht haben, wie sie sich

präsentieren und was die Ziele ihres Messeauftrittes

sein sollen.

Dass wir als Redaktion also wie mit einem

Röntgengerät präzise das Innere nach

außen kehren und in wenigen Sätzen die

Frage nach dem „Wie“ in griffige Worte kleiden,

ist entsprechend keine locker-flockige

Sache und auch alles andere als selbstverständlich.

Dass wir uns darum bemühen,

thematische Struktur in die Vielzahl

der Aussteller zu bringen ist unser Job,

nachzulesen in unseren Messebericht zur

EUROGUSS ab Seite 14.

Und damit zum ernsthaften Teil der Antwort

auf die Eingangsfrage. Natürlich war

die EUROGUSS 2020 stark getrieben von

automobilen Themen. Das kann kaum anders

sein in einer Branche, die nun mal

überwiegend für den Fahrzeugbau fertigt.

Die Automobilindustrie sucht indes nach

neuer Orientierung, nachdem die Politik ihr

das bisherige, kraftstrotzende „Made in

Germany“-Siegel überlegener und weltweit

begehrter deutscher Verbrenner-Ingenieurskunst

mit dem Zwang zum E-Auto gerade

massiv austreibt. Die Folge: Verunsicherung

und Multiplikation der Parallelentwicklungen

– was inzwischen auch in der Gießerei-

Branche ankommt.

Zu sehen und zu spüren waren auf der

EUROGUSS entsprechend zwei Trends, die

vielleicht nicht gänzlich neu sind, aber vor

dem geschilderten Hintergrund an Intensität

gewinnen und stark zusammenhängen:

Der Trend zu immer anspruchsvolleren

technischen Lösungen und der Trend dahin,

dass sich Gießereien immer deutlicher

zu aktiven Partnern ihrer Auftraggeber entwickeln

und sogar proaktiv Lösungen offerieren,

die möglicherweise heute noch nicht

gefragt sind, aber morgen sehr wohl.

Das betrifft natürlich zunächst die Großen

der Branche, die heute noch einen Großteil

ihres Umsatzes mit Verbrenner-Komponenten

verdienen, aber bereits relativ stark

Richtung Elektrifizierung des Antriebsstranges

unterwegs sind – weil dies das Feld sein

wird, das bei nachlassender Verbrennernachfrage

wirtschaftlich an Bedeutung gewinnt.

Viel Spaß beim Lesen unserer Februarausgabe!

GIESSEREI 107 02/2020 3


INHALT

FOTO: WOLFF & MÜLLER

FOTO: BEDNARECK

FOTO: KTM

61

Sand und mehr

SPECIAL FORMSTOFFE

Ohne Formstoffe gäbe es viele Gussverfahren

nicht, sie sind entscheidend für

die Bauteilqualität. Vorbericht zum

Münchner Formstoffforum und drei Fachberichte

zum Thema im Special.

54

Mechatroniker

BERUF & KARRIERE

Mechatroniker gelten als sehr gefragte

technische Generalisten. Wir haben Cemal

Cinar bei Fondium in Mettmann bei

seinem abwechslungsreichen Arbeitstag

begleitet.

46

Guss für den Lifestyle

UNTERNEHMEN & MÄRKTE

Die österreichische Zweiradmarke KTM

verspricht Lebenslust und Lifestyle mit ihren

Produkten. Unser Feature blickt hinter

die Kulissen der Produktion, bei der auch

Guss eine wichtige Funktion hat.

14

Messe-Nachbericht

EUROGUSS

Zum Jahresauftakt traf sich die

Branche in Nürnberg. Wichtiges

Thema der Druckgießer: Wie

geht es beim Automobil weiter?

Nachbericht zur EUROGUSS.

FOTO: VOGT

4 GIESSEREI 107 02/2020


AKTUELLES

8 Auszeichnung für Aluminium-Nachhaltigkeit

11 Innovationspreis für Gussteilinstandsetzer

13 Potenziale erschließen mit internationaler Vernetzung

AKTUELLES/MESSE

14 EUROGUSS Nürnberg: Was von der Druckguss-Messe bleibt – Nachbericht

vom Messe-Auftakt des Jahres, inklusive Druckgusstag und aktuellem Interview,

Robert Piterek, Martin Vogt, Monika Wirth

FORSCHUNG UND INNOVATION

20 Automatisierte Klassifikation der Grafitform in Gusseisen mit Kugelgrafit,

Jessica Fries, Gabriela Hansen, Andreas Bührig-Polaczek, Ulrich Sonntag, Ingo

Steller

TECHNOLOGIE & TRENDS

26 Der virtuelle Kern – von der Herstellung bis zum Gießprozess, Sanjeev Kumar,

Jörg C. Sturm, Jesper Thorborg, Ingo Wagner

34 Oxidverstärkte Oxidkeramiken für den Aluminiumguss, Philipp Kolbe

SPEKTRUM

38 Warmarbeitsstahl setzt neue Maßstäbe, Georg Zwick

41 Vertrackte Situationen – Innenstrahlen komplexer Gussteile, Bernhard

Seuffert, Bernd Busskamp

44 Neuer Schmelzofen reduziert Energiekosten drastisch, Peter Reuther

UNTERNEHMEN & MÄRKTE

46 Mit Druckguss die Wüste bezwingen, Robert Piterek

BERUF & KARRIERE

54 Mechatroniker: Da kommt keine Langeweile auf, Edgar Lange

BETRIEBSWIRTSCHAFT

58 Agile Zeitwirtschaft – ein dynamischer Ansatz, Karl-Heinz Eichler

FORMSTOFFSPECIAL

63 Formstoffforum, Vorbericht

64 Bewährte Quarzsand-Qualität unter neuem

Namen, Hartmut Polzin

68 Patentierte Nassregenerierung für wassergebundene

Formstoffe, Stefan Zimmermann

74 Mischen ohne Vibrationen und mit

kompletter Aufbereitung, Gerhard Krauskopf

RUBRIKEN

3 Editorial

6 Foto des Monats

77 Patente

82 News

94 Medien & Bücher

96 Termine

99 Personalien

100 VDG intern

101 Inserentenverzeichnis

102 Vorschau/Impressum

Noch kein Abo? Dann wählen Sie die Hotline 06123/9238-242

oder schicken eine E-Mail an: dvsmedia@vuservice.de


AKTUELLES

FOTO: HORST BERNHARD

6 GIESSEREI 107 02/2020


Foto des

Monats:

Elektrische

Zukunft

Durchaus typisches Bild (entstanden bei

Nemak) der EUROGUSS 2020 in Nürnberg:

Der Hinterachsträger eines Premium-Fahrzeugs:

Nachdem die Bundesregierung

auf batterieelektrische E-Fahrzeuge

setzt, werden die Antriebsstränge

zunehmend elektrifiziert – Gießereien entwickeln

sich zu Anbietern entsprechend

komplexer Lösungen.

Hat auch Ihr Unternehmen interessante

Bildmotive? Senden Sie Ihre Bildvorschläge

an: soschinski@bdguss.de oder per

Post an die Bildredaktion, Giesserei,

Hansa allee 203, 40549 Düsseldorf.

GIESSEREI 107 02/2020 7


AKTUELLES

Die Leichtmetallgießerei des BMW Group-Werks Landshut hat von der ASI das begehrte Zertifikat für einen nachhaltigen und verantwortungsvollen

Umgang mit Aluminium erhalten. Standortleiter Stefan Kasperowski (Mitte) präsentiert die Urkunde mit Kollegen der Gießerei

und Auditor Thomas Deimel (links neben Kasperowski).

FOTO: BMW

Auszeichnung für nachhaltigen Umgang mit Aluminium

> BMW LANDSHUT: Die Leichtmetallgießerei

des BMW Group-Werks Landshut

ist für ihren nachhaltigen Einsatz von Aluminium

zertifiziert worden. Sie erfüllt die

Standards der Aluminium Stewardship

Initiative (ASI), einer internationalen Organisation,

die von Umwelt- und Industrieverbänden,

Aluminiumproduzenten

sowie verarbeitenden Unternehmen getragen

wird. Die ASI hat Nachhaltigkeitskriterien

für eine ökologisch und sozial

verantwortungsvolle Aluminium-Wertschöpfungskette

definiert. Durch diese

Initiative erhielt die BMW Group nach Prüfung

durch eine unabhängige dritte Partei

die Bestätigung, dass die Leichtmetallgießerei

einen bewussten und verantwortungsvollen

Umgang mit dem Werkstoff

Aluminium verfolgt.

„Die BMW Group hat die Aluminium

Stewardship Initiative von Anfang an unterstützt.

Wir sind fest davon überzeugt,

dass das Zertifizierungssystem der Initiative

die Transparenz, Rückverfolgbarkeit

und die Nachhaltigkeit in unserer Aluminiumlieferkette

gesamthaft verbessert“,

sagt Dr. Andreas Wendt, Vorstand der

BMW AG für Einkauf und Lieferantennetzwerk.

Die Leichtmetallgießerei ist als erstes

Werk der BMW Group laut dem Nachhaltigkeitsstandard

(Performance Standard)

der ASI nach dem Kriterium der Materialverantwortung

(‚Material Stewardship‘)

zertifiziert worden. Dieses Kriterium beinhaltet

sowohl die Umsetzung einer ganzheitlichen

Lebenszyklus-Analyse für die

eigenen Produkte als auch eine umfassende

Recyclingstrategie. Letztere fängt

bei den eigenen Produktionsreststoffen

an und reicht bis hin zu den Fahrzeugen

am Ende ihrer Nutzungszeit.

Der verantwortungsvolle Umgang mit

Aluminium hat im Werk Landshut bereits

Tradition: Seit zehn Jahren setzt die

Leichtmetallgießerei zusammen mit lokalen

Aufbereitern einen Recycling-Kreislauf

für Produktionsschrotte aus dem Gießereiprozess

um.

Entscheidend dafür ist die sortenreine

Trennung von Aluminiumreststoffen:

An jeder Gießanlage wie auch an verschiedenen

mechanischen Bearbeitungsstationen

werden die Reststoffe der verschiedenen

Bauteile so gesammelt, dass

sich die Materialien mit ihren individuellen

Zusammensetzungen nicht vermischen.

Der Aluschrott kann dann nach

Aufarbeitung für die Herstellung der gleichen

Bauteile wiederverwendet werden.

Rund die Hälfte des in Landshut verwendeten

Aluminiums stammt aus einem

Recycling-Kreislauf. So reduziert die

BMW Group bewusst den Einsatz von

CO 2 -intensivem Primäraluminium zugunsten

eines CO 2 -optimierten Recyclingkreislaufs.

Die Verantwortung der BMW Group

erstreckt sich über das Recycling hinaus

auch auf das eingesetzte Primäraluminium.

Dem Unternehmen ist es wichtig, unter

welchen Bedingungen der Rohstoff

Bauxit in Ländern wie Australien, Brasilien

und in Afrika im Tagebau gewonnen

und weiterverarbeitet wird.

„Wir sind uns unserer Verantwortung

für Umwelt und Gesellschaft bewusst“,

sagt Dr. Stefan Kasperowski, Standortleiter

des BMW Group-Werks Landshut. „Wir

legen großen Wert darauf, dass die Rohstoffe

für unsere Produktion umweltbewusst,

sozial verträglich und ethisch verantwortungsvoll

abgebaut werden. Die

Einhaltung von Menschenrechten und

ökologischen Standards hat für uns Priorität.

Dafür setzen wir uns aktiv ein.“

www.bmwgroup.com

8 GIESSEREI 107 02/2020


E-Mobilität: Portfolio erfolgreich erweitert

Dieses Batteriegehäuse wird auf einer 4400-Tonnen-Druckgießanlage in Neckarsulm

gegossen. Abnehmer ist ein deutscher OEM, der Mittelklasse-E-Fahrzeuge fertigt.

> KS HUAYU: Das Joint Venture des

deutschen Unternehmens Rheinmetall

Automotive und der chinesischen Firma

Huayu Automotive KS Huayu AluTech

GmbH hat ihr Kerngeschäft auf die Bereiche

Strukturbauteile und E-Mobilität ausgeweitet.

So arbeitet das Unternehmen bereits

seit 2016 mit einem namhaften deutschen

OEM an einem Projekt für ein batteriebetriebenes

Fahrzeug des C-Segments. Der

Zulieferer gießt dabei ein Batteriegehäuse

für das Zusatzmodul. Mit diesem kann die

Batteriekapazität und damit die Reichweite

optional erhöht werden – ein zentrales

Kriterium für Elektrofahrzeuge. Das Fahrzeug

ging im August 2018 in Serie; der

OEM hat hierfür in eine gänzlich neue Plattform

investiert, die speziell für den rein

elektrischen Antrieb entwickelt wurde.

Gegossen wird das Druckgussgehäuse

am Hauptsitz des Unternehmens in

Neckarsulm auf der aktuell größten und

neuesten Druckgussanlage mit einer

Schließkraft von 4400 Tonnen in einer

eigens dafür errichteten Druckgusshalle.

Anschließend wird das Bauteil in einer

ebenfalls neuen Bearbeitungshalle mechanisch

fertigbearbeitet: Nach dem Schleifen

der Oberflächen und der Prüfung auf

Druckdichtheit geht das Gehäuse an einen

Sublieferanten, wo es mit der kathodischen

Tauchlackierung KTL versehen wird.

Es handelt sich dabei um ein elektrochemisches

Verfahren, bei dem Bauteile in

einem Tauchbad mit elektrisch leitfähigem,

wässrigem Tauchlack beschichtet

werden, um Korrosion zu verhindern. Anschließend

wird das etwa 1,40 Meter lange

Bauteil einer Clean-Laser-Behandlung

im Werk Neckarsulm unterzogen. Diese

Technologie wird verwendet, um elektrische

Masseflächen nach der KTL-Beschichtung

mittels Laser zu entschichten.

www.rheinmetall-automotive.co

FOTO: RHEINMETALL

Änderungen in Verwaltungsrat und Konzernleitung

> GEORG FISCHER: Andreas Koopmann,

Präsident des Verwaltungsrats der

Georg Fischer AG, zu der auch die Division

GF Casting Solutions gehört, stellt sich

bei der nächsten Generalversammlung

vom 15. April 2020 nicht mehr zur Wiederwahl.

Roman Boutellier tritt zugleich

rentenbedingt aus dem Verwaltungsrat

zurück. Der Verwaltungsrat von GF

schlägt Yves Serra als neuen Präsidenten

und Peter Hackel als neues Verwaltungsratsmitglied

vor. Mit den Posten als Präsident

der Konzernleitung und Präsident

des Verwaltungsrats hält Serra damit voraussichtlich

bald die beiden obersten

Posten im Konzern.

Zudem hat der Verwaltungsrat Ivan

Filisetti ab dem 1. Juli 2020 zum neuen

Präsidenten von GF Machining Solutions

und Mitglied der Konzernleitung von GF

ernannt. Er wird die Nachfolge von Pascal

Boillat antreten, der im September das

Pensionsalter erreicht.

Soll neues Verwaltungsratsmitglied bei

Georg Fischer werden: Peter Hackel.

Den vakanten Posten als Verwaltungsratsmitglied

wird auf der Generalversammlung

im April demnach voraussichtlich

Dr. Peter Hackel erhalten. Peter Hackel

ist Schweizer Staatsbürger, hat sein

Masterstudium in Biochemie und Molekularbiologie

an der Eidgenössischen

Technischen Hochschule (ETH) in Zürich

(Schweiz) absolviert und dort auch promoviert.

Managementpositionen hatte er

u. a. bei McKinsey und der Oerlikon Industrial

Group. Der Verwaltungsrat gehört

neben der Konzernleitung zu den obersten

Führungsgremien von Georg Fischer.

Neuer Präsident von GF Machining

Solutions und Mitglied der Konzernleitung

soll ab 1. Juli 2020 Ivan Filisetti werden,

der sein Studium als Maschinenbauingenieur

im Jahr 1989 in Como (Italien) im

Bereich Automation und Robotik abgeschlossen

hat. Von 1990 bis 2000 war er

für Agie in Losone in verschiedenen Managementpositionen

tätig. Als Vice President

Operations hat Filisetti bereits die

weltweite Verantwortung für die Bereiche

Produktion sowie Forschung und Entwicklung

der Division inne.

www.georgfischer.com

FOTO: GF

GIESSEREI 107 02/2020 9


AKTUELLES/MESSE

Bestandteil der

EUROGUSS:

Der Druckgusstag

des VDD.

Kompetent am Ball

FOTOS: MARTIN VOGT

VON ROBERT PITEREK

UND MARTIN VOGT

Die Branche startete mit der EURO-

GUSS ins Jahr 2020. Die Druckgießer

müssen in turbulenten Zeiten ihren

Weg finden. Klarer Trend bei den Großen

der Branche: Mit Kompetenz bei

Produkten und Prozessen die Kunden

überzeugen. Und damit den Umstieg

der Produktpalette erfolgreich bewältigen.

Es sind unsichere Zeiten für Deutschlands

Gießerei-Industrie, in die hinein die Nürnberger

EUROGUSS als erstes größeres

Branchentreffen des Jahres 2020 wirkt.

Immerhin ein Branchentreffen mit stilvollem

Auftakt. Die Messe Nürnberg hatte

zum Eröffnungsabend mit Häppchen und

Livemusik der „Swing Aces“ auf die Nürnberger

Kaiserburg geladen, Wahrzeichen

der Stadt, Anfänge bis ins Jahr 1050 zurückreichend.

Bei der Veranstaltung hatte

Hartmut Fischer, Vorsitzender des Verbandes

Deutscher Druckgießereien (VDD)

und Stihl-Geschäftsführer den Ton für die

Fachmesse gesetzt. „Druckguss ist ein

Wachstumsmotor und Nürnberg jetzt drei

Tage lang die Druckgusshauptstadt“, hatte

er die Teilnehmer auf den Messestart

am kommenden Tag eingestimmt.

Messestart mit Unsicherheiten

Aber natürlich sind Messezeiten auch Phasen

intensiver Bestandsaufnahme. Wo

steht die Branche? Und was muss, was wird

passieren? Tatsächlich war das wohl lange

nicht mehr so schwierig wie heute, denn

die Zeiten sind uneinheitlich, damit unsicher

und unruhig. Was daran liegt, dass die

Hauptbranche der Druckgießer – der Bereich

Fahrzeuge und Automobil – aus einer

langen Phase der Prosperität kommt und

allmählich in unsicherem Fahrwasser

unterwegs ist.

So war das Jahr 2019 für die deutschen

Automobilhersteller ein durchaus

ambivalentes. Zwar wurden in Europa

15,8 Millionen Pkw zugelassen, rund ein

Prozent mehr als in 2018. Besonders

deutlich legte mit +5 % der deutsche

Markt zu – der traditionell fest in der Hand

der heimischen Hersteller ist. Und ganz

offensichtlich befriedigt auch die Wertschöpfung

– so stieg der durchschnittliche

Listenpreis eines in Deutschland verkauften

Autos von 33 400 Euro (2018)

auf zuletzt 34 870 Euro an. Neufahrzeuge

haben immer mehr Leistung und sind immer

öfter SUV. Beides treibt den Preis.

Andererseits schwächelte der inzwischen

volumenstärkste Automarkt weltweit

deutlich: China sank um fast 10 % auf 21

Millionen Fahrzeuge. Ebenso gingen die

Zahlen in den USA leicht zurück.

Deutlicher allerdings sind die alarmierenden

Zahlen, die ausgerechnet zum Auftakt

der EUROGUSS-Messewoche in die

Öffentlichkeit gelangt waren. So nennt der

am 13. Januar veröffentliche Zwischenbericht

der Nationalen Plattform Zukunft

Mobilität (NPM) die Zahl von 410 000

Stellen, die in der gesamten Volkswirtschaft

bis 2030 durch den Umstieg von

Verbrenner- auf Elektroautos verloren gehen

könnten. Was der Verband der Autoindustrie

(VDA) postwendend als „Extremszenario“

relativierte. Nach Einschätzung

des VDA wird der Umstieg mit dem

Abbau von bis zu knapp 90 000 Stellen

in den kommenden zehn Jahren verbunden

sein. „Es ist die gemeinsame Verant-

14 GIESSEREI 107 02/2020


wortung von Industrie, Gewerkschaften

und Politik, durch geeignete Maßnahmen

Qualifizierung zu fördern und den Wandel

gemeinsam zu gestalten. Qualifizierung

und Weiterbildung sind für den erfolgreichen

Transformationsprozess von zentraler

Bedeutung“, sagt VDA-Geschäftsführer

Kurt-Christian Scheel.

Sicher ist: Der Umstieg wird Arbeitsplätze

kosten – und stellt alle Beteiligten

vor die Herausforderung, ihn zu meistern.

Und damit auch die Unternehmen der

Gießerei-Industrie, die als Zulieferer der

OEMs sowie als Zulieferer der sogenannten

Tier-1-Unternehmen massiv am Automobil

hängt. Betonen muss man in diesem

Zusammenhang zudem, dass das

Thema Industrie generell unter Druck

steht. Da werden wohlwollende bis unterstützende

Worte, wie sie beispielsweise

vom Staatssekretär im bayerischen

Wirtschaftsministerium kamen, dankbar

als unterstützend wahrgenommen. „Die

Industrie ist wichtig für unsere Wertschöpfung“,

stellte Peter Weigert klar und

betonte in Bezug auf die Automobilindustrie:

„Der klassische Verbrennungsmotor

ist nicht abgeschrieben, er hat Zukunft.

Das wollen Teile der Gesellschaft nicht

hören.“ Aber natürlich können sich auch

die bayerischen Freien Wähler nicht ganz

dem Trend widersetzen, der politisch in

Berlin gesetzt wird. Weigert sprach den

„gewaltigen Transformationsprozess und

Paradigmenwechsel“ an, vor dem insbesondere

die Fahrzeugproduktion steht.

Die Zeit des reinen Verbrennerantriebs

geht zu Ende, was nicht nur die

OEMs angeht, sondern auch alle Ebenen

der zuliefernden Industrie.

Die Einschätzung der Konzerne

Doch wie wird die Lage eigentlich von den

großen Unternehmen der Druckgussbranche

eingeschätzt? Einiges zu hören war

hier im vergangenen Jahr besonders von

GF Casting Solutions. Die Schweizer mit

zahlreichen Gießereien auch in Deutschland

haben ihr Geschäft im Automobilbereich

komplett auf Leichtmetall umgestellt.

Die Eisengießereien in Mettmann

und Singen wurden verkauft, bei der Gießerei

im chinesischen Kunshan steht die

Entscheidung noch an.

Am Stand von GF Casting Solutions

(GFCS) erzählte Tina Köhler, Head of Marketing

Communications, von der strategischen

Entscheidung ihres Unternehmens

hin zu Aluminium und Magnesium. Mit

dem Cockpit-Querträger mit Sichtflächen

für den Landrover Defender hat GFCS in

diesem Jahr den 3. Preis im Magnesium-

Druckgusswettbewerb gewonnen. Man

setze etwa auf die Herstellung von modularen

Batteriewannen mit integrierter Kühlung,

sagte sie. Da die Batteriewannen,

etwa für vollelektrische SUV, immer

größer würden, müssten auch die Druckgießmaschinen

größer werden. Heute sind

4400-Tonnen-Anlagen bereits in Betrieb,

6000-Tonnen-Maschinen in der Entwicklung.

Im Bereich E-Mobilität und alternative

Antriebe betreibe GF heute eigene

Forschung. Bionisches Design ist auch in

der neuen Leichtmetallwelt von GF auch

nach wie vor ein Mittel, um Gewicht zu

reduzieren, so etwa bei einer Rolltreppenstufe

für thyssenkrupp-Aufzüge, die am

Stand besichtigt werden konnte. 1,2 Kilogramm

oder 12 Prozent konnten eingespart

werden. Köhler ist überzeugt: Nachhaltigkeit

und CO 2 -Reduktion werden in

der Gießerei-Industrie entscheidende Größen

bleiben. Nur durch Forschung und

Entwicklung könne sich das Unternehmen

vom Wettbewerb abheben. „Wir kriegen

keine Blaupause geschickt, sondern entwickeln

das Teil und gehen damit zum Kunden“,

fasste sie die Auffassung von GFCS

zusammen – eine Strategie, die sich das

Als „Wachstumsmotor“

bezeichnete

Hartmut Fischer,

Vorsitzender des

VDD, die Druckgießereien.

Sie stehen

allerdings 2020

auch unter einem

gewissen Veränderungsdruck.

Messe-Vorabend mit Live-Musik der

„Swing Aces“: ein stimmungsvoller

Messeauftakt zur 2020er-Auflage der

Nürnberger EUROGUSS.

Unternehmen angesichts seiner Finanzkraft

sicherlich eher leisten kann als seine

kleineren Branchenbegleiter.

Am Stand von Nemak empfing Global

Marketing Manager Daniel Moscara. Er

pries zwar die positive Atmosphäre auf

der Messe, erwähnte aber auch den „massiven

Druck“ unter dem die Industrie

durch die Dieselrückgänge, den Brexit

und die Situation in den USA steht. Die

politischen Weichenstellungen in den USA

spielen für Nemak als mexikanisches Unternehmen

eine besondere Rolle. Nemak

versteht sich als Systemlieferant. Dem

Kunden soll mehr angeboten werden als

das reine Casting. Moscara zeigte das

preisgekrönte Batteriegehäuse (3. Preis

im Aluminium-Druckgusswettbewerb),

das sein Unternehmen sowohl entworfen

als auch entwickelt hat. Gefügt wurde es

durch Rührreibschweißen. Bereits bedacht

wurde das Crashverhalten und der

GIESSEREI 107 02/2020 15


FORSCHUNG & INNOVATION

FOTOS: RWTH AACHEN

Die Entwicklung einer automatisierten Klassi fikation der Grafitform in Gusseisen mit Kugelgrafit verspricht eine objektive, spezifische Zuordnung

und somit verlässliche Qualitätsstandards.

Automatisierte Klassifikation der Grafitform

in Gusseisen mit Kugelgrafit

Die quantitative Bestimmung der Gefügebestandteile von Gusseisen mit Kugelgrafit

(EN-GJS) ist eine wesentliche Komponente der Materialentwicklung und Qualitätssicherung.

Die aktuellen Analysenstandards erlauben jedoch eine nur begrenzt objektive

Auswertung. Ziel des hier beschriebenen Projektes war die Entwicklung eines automatisierten

Tools, das anhand objektbasierter Parameter Grafitpartikel klassifiziert und

Grafitentartungen erkennt. Aufeinander aufbauende Ringversuche bei Bildanalyseanbietern,

Gießereien und Laboren dienten der Validierung des Grafitklassifikators sowie

der zugrunde liegenden Algorithmen.

VON JESSICA FRIESS, GABRIELA HAN-

SEN, ANDREAS BÜHRIG-POLACZEK,

AACHEN, ULRICH SONNTAG, BERLIN

UND INGO STELLER, DÜSSELDORF

Gefügebestandteile in Gusseisen,

wie beispielsweise Grafitpartikel,

beeinflussen Werkstoffeigenschaften

entscheidend, sodass deren

quantitative Beschreibung, bspw. hinsichtlich

Größe und Form, von maßgeblicher

Bedeutung ist. Das hier vorgestellte

Vorhaben zielt auf die systematische Untersuchung

der Einflussgrößen bei der

Ermittlung des Gefügekennwertes „Nodularität“

von Gusseisen mit Kugelgrafit

(EN-GJS). Vor Projektbeginn erfolgte die

Grafitformbestimmung durch visuelle Begutachtung

nach DIN EN ISO 945-1 sowie

durch Bildanalyse (BA) anhand der Vorschläge

des technischen Reports

ISO/TS 945-2, die jedoch beide aufgrund

nicht ausreichender Objektivität keine

verlässliche und reproduzierbare Auswer-

20 GIESSEREI 107 02/2020


Bild 1: Extremes Beispiel für abweichende Trainingsdaten.

tung ermöglichten. Die Implementierung

eines anlernbaren Klassifikators anhand

objektbasierter Parameter (Rundheit,

Streckung, Konturkrümmung etc.) soll es

ermöglichen, die Grafitpartikel, insbesondere

Sphärolithen, zu identifizieren und

Grafitentartungen automatisch zu erkennen.

Hierfür wurden die Einflüsse bei der

Bildaufnahme und -auswertung von GJS

untersucht und die unterschiedlichen Ansätze

zur Bestimmung der Nodularität

miteinander verglichen und evaluiert. Die

entwickelten Algorithmen wurden von BA-

Anbietern und -Anwendern (Gießereien,

Testlabore) in Ringversuchen getestet und

von den Forschungseinrichtungen ausgewertet,

um Nodularität mit Zahlenwerten

und Parametern zu korrelieren.

a

Bild 2: a) Überlagerung aus 16 Einzelhistogrammen und b) Histogramm des

zusammengeführten Klassifikators.

b

Stand der Technik

Die Einteilung der Grafitformen erfolgt in

der Norm DIN EN ISO 945-1 [1] in sechs

verschiedene Formklassen (Grafitformklassen

I bis VI). Die angestrebte Grafitform

bei GJS ist Form VI, die aufgrund von

Fertigungsschwankungen nicht immer

erreicht wird. Dabei entstehen meist die

Grafitformen III und V, wobei der Übergang

von vermikularen Partikeln (Form

III) über unregelmäßig geformte Sphärolithen

(Form IV bzw. V) hin zu Kugeln

(Form VI) fließend ist. Daher ist eine

scharfe Trennung der Formklassen in dieser

Art und Weise schwierig.

Visuelle Klassifizierung mit

Bildrichtreihen

Mittels visuellem, subjektivem Vergleich

der Gefügebilder im Mikroskopokular werden

die Form, Anordnung und Größe der

Grafitpartikel zugeordnet. Dabei ist es

Aufgabe des Metallografen, den prozentualen

Anteil verschiedener Grafitformen

im Gefüge abzuschätzen. Die dabei verwendeten

Richtreihenbilder aus der

DIN EN ISO 945-1 sind idealisiert gezeichnete

Grafitstrukturen, sodass sich zwar

Nebenerscheinungen nicht störend auswirken,

aber eine einheitliche Beurteilung

der real auftretenden Grafitstrukturen

erschwert wird. Ein Nachteil aus dem visuellen

Vergleich liegt in den subjektiven

Erfahrungen und Einstufungen des Untersuchenden,

wodurch Schwankungen hervorgerufen

werden. Daher werden die

Ergebnisse allgemein in 5-%-Schritten angegeben,

was jedoch den heutigen Bildanalyseergebnissen

widerspricht. Zudem

ist es nahezu unmöglich, den Anteil und

die Partikelzahl visuell hinreichend genau

zu bestimmen. Zusätzlich sind einige unerwünschte

Grafitausbildungen nicht in

der Norm aufgeführt und können nicht

korrekt zugeordnet werden. Ein Versuch,

entartete Grafitformen in Form von Beispielbildern

in eine Norm aufzunehmen,

ist 2004 gescheitert, da unterschiedliche

Interpretationen und eine unklare Definition

der einzelnen Grafitentartungen vorlagen

[2]. Form IV wird bei der visuellen

Bildanalyse mit angegeben. Aufgrund der

Historie der DIN EN ISO 945-1 ist Form IV

eigentlich der Temperkohle zugeordnet

und kann nicht in EN-GJS entstehen. Allerdings

lassen sich manche unregelmäßig

geformte Sphärolithen am ehesten der

Form IV nach DIN EN ISO 945-1 zuordnen.

Digitale Bildanalyse von Grafit

in Gusseisen

Die digitale Bildanalyse gilt als vielversprechendes

Werkzeug für eine Objektivierung

der Grafitklassifizierung. Ihre Aufgabe besteht

darin, Gefügeparameter anhand von

mit unterschiedlichen Algorithmen ermittelten

Messwerten zu beschreiben. Bei der

Bildaufnahme und Digitalisierung des

Gussgefüges wird über ein Mikroskop mit

einer Digitalkamera ein Grauwertbild erzeugt.

In diversen Vorverarbeitungsschritten

wird das Bild z. B. hinsichtlich Helligkeit

und Kontrast optimiert. Da bei der

Grafitanalyse nur eine Trennung von dunklen

(Grafit) und hellen (Grundgefüge) Gefügebestandteilen

notwendig ist, wird aus

dem Gefügebild mittels einer Schwellwerttrennung

des Grauwert- bzw. Farbhistogramms

ein Binärbild erzeugt. Dabei wird

jeder Pixel entweder dem Grundgefüge

oder dem zu detektierenden Gefügebestandteil

zugeordnet [3]. Anschließend

GIESSEREI 107 02/2020 21


SPEKTRUM

StrikoMelter während der Installation. Der

Schmelzofen ist im Vergleich zu älteren Anlagen

ressourceneffizienter und sparsamer.

VON PETER REUTHER, GUMMERSBACH

FOTOS: STRIKOWESTOFEN

Schmelzofen halbiert

Stromkosten von japanischer

Druckgießerei

Hattori Diecast hat als erstes japanisches Unternehmen

einen StrikoMelter-Schmelzofen von StrikoWestofen,

Gummersbach, bestellt und installiert. Im April 2019

konnten der Gasverbrauch und der Metallverlust gesenkt

werden – insgesamt konnte die Druck gießerei ihre Energiekosten

halbieren.

Effizientes Wachstum im Fokus

Das 1963 gegründete Unternehmen Hattori

Diecast produziert Autoteile für große

Marken wie Toyota. Das Familienunternehmen

ist auf Aluminiumteile wie Computergehäuse,

Airbagsensoren, Ölablassventile,

Akkumulatoren und Zylinder spezialisiert.

Mit Sitz in der Nähe von Nagoya

beschäftigt die Druckgießerei mehr als

100 Mitarbeiter.

Nach der Entscheidung einen 15 Jahre

alten Schmelzofen stillzulegen suchte

das Unternehmen nach einer Alternative.

Der neue Ofen sollte die Wachstums- und

Produktivitätsambitionen des Unternehmens

unterstützen und gleichzeitig die

monatlichen Kosten des Schmelzbetriebs

– vom Gasverbrauch bis zur Instandhaltung

– reduzieren.

Durch den Westomat-Dosierofen, der

im Unternehmen bereits in Betrieb war

und von dem in Japan bereits 400 Stück

verkauft wurden, war das Team von Hattori

bereits mit StrikoWestofen vertraut.

Die Dänische Norican Group, zu der

StrikoWestofen seit 2017 gehört, ist seit

über 30 Jahren auf dem japanischen

Markt tätig, verfügt über lokale Kenntnisse

und bietet lokalen Support. Hattori lud

StrikoWestofen deshalb dazu ein, an der

Ausschreibung für das Projekt teilzunehmen.

Eine Reise nach China –

Sehen ist Glauben

Hattori war angetan von den technischen

Daten des StrikoMelters, insbesondere

seiner Fähigkeit, die Vorwärm-, Aufheizund

Schmelzprozesse in einem Ofenschacht

zu kombinieren (was dank intelligenter

Schachtgeometrie und einer speziellen

Brennertechnologie möglich ist),

um die Effizienz zu maximieren und den

Metallverlust zu minimieren.

Das Team war gespannt, den neuen,

vorgeschlagenen Ofen – einen StrikoMelter1

MH II-B 4000/1500 – mit eigenen

Augen zu sehen. Das Ergebnis? Eine Reise

nach China. Während des Besuchs

konnte Hattori die Leistung des Ofens

unter realen Betriebsbedingungen erleben

und erhielt zudem eine Demo und

Erläuterung seiner SPS. Die Ergebnisse

überzeugten – damit war die Entscheidung

gefallen.

44 GIESSEREI 107 02/2020


Bild 1: Vorbereitungen für das Anheben des

Schmelzaggregats per Kran.

Das Know-how von Norican

gewinnbringend nutzen

Bereits vor Beginn der Installation hatte

Hattori mit der Norican Group zusammengearbeitet.

Da in Japan beispielsweise der

Transport von Waren mit über 45 Tonnen

beschränkt ist, müssen komplexe Genehmigungen

eingeholt werden. Diese wurden

dank der lokalen Expertise von Norican

gesichert. Noricans Kenntnisse über

Förderprogramme der japanischen Regierung

sorgten auch dafür, dass Hattori einen

Teil der Anschaffungskosten des

Schmelzofens einsparen konnte. Norican

stellte für die Dauer des Projekts seine

länderspezifischen Kenntnisse, logistische

Unterstützung, technisches Knowhow

und Lagerfläche zur Verfügung.

Bild 2: Die Installation fand über das Dach

statt. Teile der Wand und des Dachs der Fabrikhalle

mussten dafür entfernt werden.

Zwei Wochen bis zu einem

saubereren, schlankeren Schmelzprozess

Aufgrund des vorgegebenen Projektrahmens

hatte StrikoWestofen nur knapp über

zwei Wochen (16 Tage) Zeit für die Installation,

die auch den Ausbau der alten

Anlage und das Sintern umfasste. Viele

Ingenieure arbeiteten in Vollzeit gemeinsam

an der Umsetzung des Projekts. Die

Installationsarbeiten begannen mit dem

Ausbau des alten Ofens und der Lieferung

des neuen StrikoMelter. Für diese Aufgaben

mussten Teile der Wand und des

Dachs der Fabrikhalle bei windigen, regnerischen

Dezemberbedingungen (einschließlich

Schneefall) entfernt und wieder

aufgebaut werden. Dank der exzellenten

Bild 3: Fertig installierter

StrikoMelter

in der Druckgießerei.

Die Installation

konnte im Verlaufe

einer Woche abgeschlossen

werden.

Projektkoordination und dem Engagement

des Teams konnte all dies innerhalb einer

Woche erledigt werden (Bilder 1-3).

Die Größe des Hattori-Werks, das mit

10 220 m 2 für eine Aluminiumgießerei

klein ist, stellte eine weitere logistische

Herausforderung dar. Da Teile des Werks

in Betrieb blieben, musste das Installationsteam

um das Personal herumarbeiten,

was durch den begrenzten Platz erschwert

wurde. Trotzdem wurden die Installation

des Schmelzofens und die Umbauarbeiten

termingerecht abgeschlossen. Kaum war

die Anlage in Betrieb, erhielt das Team von

Hattori eine qualitative Schulung zum Umgang

mit dem StrikoMelter. Wöchentliche

Besuche von Noricanvertretern bei Hattori

in den ersten drei Monaten sorgten zudem

dafür, den Status zu überwachen und

die Leistung zu optimieren. So sollte sichergestellt

werden, dass dauerhaft eine

hohe Leistung erzielt wird.

Optimierung der Betriebsabläufe –

und des Endergebnisses

Hattori spürte die Auswirkungen seiner

Investition sofort. Mit dem StrikoMelter

konnte das Unternehmen seine Energiekosten

für den Ofenbetrieb halbieren, da

der Gasverbrauch um 34 % sank und die

Metallverluste im Vergleich zum vorherigen

Schmelzofen 2 statt 6 % betragen.

Das Unternehmen profitierte außerdem

von einem geringeren Reinigungsaufwand.

Zudem konnten die Ingenieure Instandhaltungsarbeiten

– z. B. den Austausch

der Luftfilter und die Überprüfung

der Badtemperatur – intern durchführen.

„Wer auf Dauer eine führende Rolle

spielen möchte, muss in die beste Technologie

investieren. Als wir nach einem

Ersatz für unseren Schmelzofen suchten,

war klar, dass wir eine Lösung wollen, mit

der wir unsere Spitzenposition im Bereich

Druckguss halten können – und das auf

weltweiter Ebene“, so der Leiter der Gussabteilung

von Hattori Diecast Sasaki. „Die

Einsparungen, die wir mit unserem neuen

StrikoMelter erzielt haben, sprechen für

sich. Es sei an dieser Stelle aber auch

angemerkt, dass die Qualität der Teile und

die einfache Bedienung des Ofens unsere

Erwartungen übertroffen haben (…).“

Yoichiro Sakai, OEM-Vertrieb, der Norican

Group, Japan, sagt: „Die Ergebnisse, von

denen Hattori profitiert, werden anderen

japanischen Gießereien nicht entgehen.

Der StrikoMelter ermöglicht eine enorme

Leistungssteigerung (…).“

Peter Reuther, Managing Direktor Striko-

Westofen, Gummersbach

www.strikowestofen.de

GIESSEREI 107 02/2020 45


UNTERNEHMEN & MÄRKTE

Rallye Dakar 2020:

KTM-Favorit Matthias Walkner

bei Etappe 9 des Rennens mitten

in der saudi-arabischen Wüste.

46 GIESSEREI 107 02/2020


Mit Druckguss

die Wüste

bezwingen

KTM ist Europas größter

Motorradbauer und Weltmarktführer

bei gelände gängigen

Motocross-Maschinen. Ein

Baustein für den Erfolg des

Unternehmens ist der breitgefächerte

Einsatz von Gussbauteilen,

insbesondere von

Druckguss.

FOTO: ISHAAN BHATAIYA/KTM

GIESSEREI 107 02/2020 47


BERUF & KARRIERE

FOTOS: ANDREAS BEDNARECK

Mechatroniker: Da kommt

keine Langeweile auf

Betriebsmechatroniker Cemal

Cinar bleibt keine Störung verborgen

– hier auf Fehlersuche im

Schaltschrank einer Gerätesteuerung

der Gussbearbeitung.

Neben dem nahe liegenden Gießereimechaniker gibt es weitere spannende Berufe in

der Branche. Mechatroniker etwa gelten als technische Generalisten und zählen zu

den gefragten MINT-Berufen. Beim Mettmanner Fondium-Eisengießerwerk arbeiten sie

beispielsweise in der Gussbearbeitung und sind dort unter anderem für Störungssuche,

Instandhaltung, erste Hilfe bei Defekten oder das Optimieren von Produktionsprozessen

zuständig.

VON EDGAR LANGE, DÜSSELDORF

Cemal Cinar hat ein Faible für die

Farbe Grün, signalisiert sie ihm

etwa bei einem Blick in einen

Schaltschrank „alles in Ordnung“, während

er seine morgendliche Runde durch

die Werkhallen der Gießerei dreht. Etwaige

Störungen, wie zum Beispiel von

CNC-Bearbeitungszentrum, Gerätesteuerung

oder Beladungs-Robotern, zeigen

dagegen die Statusanzeige Rot und stechen

ihm sofort ins Auge. Diese behebt

Cinar meist mit ein paar geübten Handgriffen.

Der 30-jährige Mechatroniker ist

im Fondium-Werk Mettmann verantwortlich

für die Instandhaltung der Betriebstechnik

im Bereich Gussbearbeitung,

wo aus Gussrohteilen wie Kfz-

Schwenklagern, Radträgern, Quer- und

Schräglenkern einbaufertige Teile entstehen.

Wer durch die Hallen des Mettmanner

Fondium-Betriebes geht, sieht in der blitzsauberen,

aufgeräumten Werkhalle riesige

CNC-Maschinen aufgereiht (Bild 1). Ordentlich

gestapelte Gitterboxen sind gefüllt

mit Halb- bzw. Fertig-Fahrwerksteilen aus

dem breit gefächerten Gussteilspektrum,

dazwischen sausen voll automatisiert gesteuerte

Roboterarme hin und her. Im Hintergrund

befinden sich die übersichtlich

verkabelten Schaltschränke – randvoll mit

54 GIESSEREI 107 02/2020


hochkomplexen Elektronikkomponenten

– mit denen das ganze Zusammenspiel

gesteuert wird. Auch für Außenstehende

ist sofort klar, wie hoch der Automatisierungsgrad

im Fondium-Werk ist. Mit durchgängiger

Prozess automatisierung, flüssiger

Produktionskette und optimiertem

Workflow hatte man in der Gießerei schon

früh begonnen. Die Anfänge gehen bis in

die 90er-Jahre zurück, als dort noch Gussteile

für den Ford Galaxy und den VW Sharan/Seat

Alhambra gefertigt wurden.

Muckende Roboter

Cinar nimmt am täglichen Shopfloor-Meeting

der Gussfertigbearbeitung teil, wo er

mit Kollegen klärt, ob in den Fachbereichen

alles rund läuft oder technische Störungen

aufgetreten sind (Bild 2). Auch Ursachenforschung,

Aufgabenplanung oder

das Gestalten vorbeugender Wartungspläne

gehören zu seinen Aufgaben (Bild 3).

Ziel ist es, Maschinen-Stillstand zu vermeiden

– das No-Go für jeden Produktionsverantwortlichen

in einem verarbeitenden

Betrieb. So unerwünscht wie ein Arterienverschluss

beim Menschen. Denn dann

heißt es: „Nichts geht mehr“. Der Workflow

ist unterbrochen und damit auch die Justin-time-Kette

der Automobilkunden. Cinar

sorgt dafür, dass es gar nicht erst so weit

kommt. Der Realschul-Absolvent hat 2008

seine Ausbildung zum Mechatroniker beim

Fondium-Vorläufer Georg Fischer begonnen

– damals eine Empfehlung eines Verwandten,

der selbst dort beschäftigt ist.

Dabei hatte sich Cinar zunächst als Industriemechaniker

beworben. „Aber da war

ich damals wohl ein wenig zu spät dran“,

erinnert er sich. Allerdings war doch noch

ein Ausbildungsplatz frei – als Mechatroniker.

„Das gefiel mir und ist auch nicht so

spezialisiert“, so Cinar. Heute leistet er

erste Hilfe bei Störungen, erklärt seinen

Bild 1: Schon frühzeitig setzte man im

Fondium-Werk Mettmann auf effiziente

Prozessautomatisierung und eine

geschlossene Produktionskette.

Bild 2: Alles im grünen Bereich – der

morgendliche Shopfloor verschafft einen

Überblick über den Funktionsstatus der

Gussfertigbearbeitung. Hier werden

Störungen erfasst, ebenso wie Parameter

zur Qualitätssicherung und Arbeitssicherheit.

GIESSEREI 107 02/2020 55


Das Special zum

FOTO: FOTOLIA

Special

Formstoff-Forum 2020

Form-

stoff-

Forum

Special


SPECIAL: FORMSTOFF-FORUM 2020

Guss in Form bringen

Das dritte Formstoffforum findet an

der Hochschule München am Campus

in der Lothstraße statt.

Ohne Formstoffe wären viele Gießprozesse nicht möglich. Formstoffe sind ein

wesentlicher Bestandteil der Produktionskette.

FOTO: FLORIAN HAMMERICH/HOCHSCHULE MÜNCHEN

Formstoffe sind und bleiben ein ganz

wesentlicher Bestandteil für sehr

viele Gießereiprozesse“, betont

Prof. Dr. Wolfram Volk von der TU München

die Bedeutung des Themas. Tatsächlich

stehen Qualität und Kosten von Gussbauteilen

häufig in einem direkten Zusammenhang

mit der richtigen Wahl und

Überwachung des Formstoffes mit zugehörigem

Binder. Allerdings bestehen in

der industriellen Praxis immer noch sehr

viele Unsicherheiten bezüglich belastbaren

Ursache-Wirkungs-Ketten, um Qualitätsprobleme

mit Formstoffen signifikant

zu reduzieren. Das aber ist ein entscheidender

Schlüssel nicht nur für die Qualität

von Bauteilen, sondern damit auch für

Ausschuss und erzielbaren Preis der Gießerei-Produkte.

Konsequenterweise gibt es in den

letzten Jahren wieder deutlich mehr Forschung

und Entwicklung im akademischen

Umfeld, die sich mit Formstoffen

und Bindersystemen beschäftigt. Auch

steht die additive Fertigung von Kernen

und Kernpaketen an der Schwelle der

Serienumsetzung in der Gießereiindustrie.

Hier setzt das dritte Formstoffforum

an, dass TU München und VDG-Akademie

aus dem Düsseldorfer Haus der Gießerei-Industrie

in den Räumen der TU

München durchführen. Die ersten Veranstaltungen

waren in Duisburg und Aachen

angesiedelt.

Ziel des diesjährigen Formstoffforums

ist der intensive Austausch zwischen Industrie

und Akademia mit interessanten

Vorträgen aus vielen Bereichen der Formstoffe

und zugehöriger Anlagen sowie Prozesse.

Neben dem Vortragsprogramm

bietet eine attraktive Ausstellungsfläche

die Möglichkeit, sich über neue Trends

und Entwicklungen im persönlichen Gespräch

zu informieren und dies beim obligatorischen

Gießer-Abend in urbayerischer

Atmosphäre zu vertiefen. „Das

Formstoff-Forum und die Vorträge zeichnen

sich durch große Praxisnähe aus“,

unterstreicht Veranstaltungs-Macher Dieter

Mewes den Charakter der zweitägigen

Veranstaltung.

Die knapp 400 Teilnehmer der Veranstaltung

am 12. Und 13. Februar werden 26

Vorträge erleben sowie knapp 40 ausstellende

Firmen.

GIESSEREI 107 02/2020 63


MEDIEN & BÜCHER

Guss und Glaube: die Heilige Barbara

Schmelzpunkt-Podcast - Gießereitechnik zum Hören

Haben auch Sie interessante Videos

zum Thema Gießereitechnik im Internet

gefunden? Senden Sie Ihre Videovorschläge

an: redaktion@bdguss.de

Im Schmelzpunkt-Podcast Guss und Glaube steht die Heilige Barbara – Schutzheilige der Gießer – im Fokus.

Denkmal zu Ehren der Heiligen Barbara auf

der Karlsbrücke in Prag.

Zeichnung der Heiligen Barbara mit einer

Zechenanlage unter ihrem Schutz.

Heinrich Moshages künstlerische Vorlage

prägte die meisten heutigen Barbara-Figuren.

FOTOS: PIXABAY, MARIANGARAI, NACHLASS

Im Schmelzpunkt-Podcast beschäftigt

sich der Ex-GIESSEREI-Redakteur und

heutige BDG-PR-Allrounder Christian

Thieme mit dem Thema Guss und Glaube.

Zentrale Figur ist die heilige Barbara,

mit der sich Mythen, Legenden

und Hoffnungen verbinden. Thieme

spricht mit dem Pfarrer der Barbara-

Gemeinde in Moers und Schmees-GF

Clemens Schmees über die faszinierende

Schutzheilige der Gießer.

Die Schmelzpunkt-Podcasts entführen in

die Welt der Gießereitechnik. Dabei sind

nicht nur Maschinen und das Gluckern

flüssigen Metalls zu hören. Es geht auch

darum, den Guss im Alltag aufzuspüren.

Die Audio-Beiträge zeigen, welche Gussprodukte

uns umgeben, wie sie entstehen

und welche Menschen dahinterstecken.

Inzwischen sind bereits sechs Podcasts

online. Die Themen der Hörbeiträge,

deren Länge von 16 bis 35 Minuten

variiert, reichen von Schiffsglocken,

Kunstguss sowie Guss und Garten über

Guss und Klang sowie Guss und Präzision

bis zum aktuellen Schmelzpunkt-Podcast

Guss und Glauben.

In knapp 25 Minuten geht Christian Thieme

dem Mysterium Barbara auf den

Grund und erfährt, welche Bedeutung die

Heilige Barbara heute in Gesellschaft und

Gießereibranche noch hat. Hören Sie weitere

Podcasts zur Gießereitechnik über

den Navigationspunkt Schmelzpunkt auf:

www.guss.de

QR-CODE/Link:

Link zu Anchor.fm:

http://bit.ly/2RLlTEb

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