Bayreuth Aktuell Februar 2020

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PiontEck

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Ende September 2019

reichte der Bayreuther

FDP-Obmann und Mitglied

des Bundestags, Thomas

Hacker, der sich spätestens

seit 2017 mit dem korrekten

Gebrauch von Geldern

auskennt, im Bundestagsausschuss

für Kultur und

Medien, dem er als medienpolitischer

Sprecher

seiner Fraktion angehört,

einen interessanten Antrag

ein. Bayreuth sei „ein

Leuchtturm der Klassikszene,

der globale Strahlkraft besitzt“.

Also sollten die Festspiele und das Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung

eine höhere Förderung einstreichen.

Dr. Frank Piontek

Ist Bayreuth allein ein Leuchtturm der Klassikszene? Besitzt es nicht auch

Standorte, die es zu einem Pharos der Bildenden Kunst machen, der wenigstens

lokalen Rang besitzt? Muss man also wirklich nach Nürnberg fahren,

um im Neuen Museum und in der Kunsthalle das Neueste vom Neuen

zu betrachten? Gewiss: Trotz der sommerlichen Kunstausstellung, die alljährlich

im Neuen Schloss der Eremitage stattfindet, hat Bayreuth keine

Documenta, nicht einmal eine Biennale, die es an Strahlkraft und ziemlich

geilem Spektakeltum mit den Monsterausstellungen in Kassel und Venedig

aufnehmen könnte. Es wäre allerdings vermessen, zu fordern, dass Bayreuth

sich neben den großen internationalen Ausstellungen positionieren müsste.

Enttäuschungen angesichts lokaler Harmlosigkeiten (die übrigens auch an

der Fulda und in der Lagunenstadt begegnen können) müssen gleichwohl

nicht ausbleiben, doch kann der Blick für Qualitätsarbeiten auch am Roten

Main geschärft werden. Er vermag allerdings nur subjektiv sein, denn was

Kunst ist, wurde noch nie genau und widerspruchsfrei definiert. Reden

wir also über „Kunst in Bayreuth“: gegen das Gerede von der angeblich

totalen Bedeutungslosigkeit dieser Stadt in Sachen Moderne. Man muss ja

nicht gleich übertreiben und den Bayreuther Kunstverein zu einem Institut

ernennen, ohne den die Bayreuther Kunstwelt der Moderne untergehen

würde. Allein die Tatsache, dass er immer wieder kleine und eine oder zwei

große Ausstellungen im Jahr und auf Bayreuther Terrain – kürzlich auch kontinenteübergreifend:

zusammen mit chinesischen Künstlern – ermöglicht,

sollte ausreichen, um sich die Sachen genauer anzuschauen.

Noch im Januar konnte man als 100. (!) Kabinettausstellung im für den

Kunstverein reservierten Raum des Kunstmuseums graphische Arbeiten

von Horst Sakulowski bewundern. Sakulowski ist das, was man als „alten

Meister“ zu bezeichnen pflegt; seine Zeichnungen verdanken sich einerseits

Lichtpunkte statt Leuchtturm: Moderne Kunst in Bayreuth

der großen Tradition eines Albrecht Dürer wie der zwischen Realismus und

Surrealismus changierenden Graphiker und Maler der DDR. Mit einem Wort:

Großartig. Die Institution, die dem Kunstverein mehrmals im Jahr den Raum

aufsperrt, ist nun auch schon so etwas wie ein junger alter Meister: im Dezember

des letzten Jahres feierte man bereits das Zwanzigjährige. Obwohl

das Museum in den letzten Jahren nicht weniger als drei Ausstellungsrräume

für die Öffentlichkeit schloss, weil der Platz für die gestifteten Kunstwerke

immer kleiner wird, infolgedessen aus Schauräumen Depots wurden, prunkt

das Kunstmuseum noch im Februar mit nicht weniger als drei Ausstellungen

mit Werken der Klassischen Moderne wie der Gegenwart, mit zarten Graphiken

und marmornen Skulpturen: zwei im Stammhaus, eine in der Ausstellungshalle

im Neuen Rathaus. Mag sein, dass das alles viel weniger verstört

als ein Rundgang über die letzte Biennale, doch wer sich ernsthaft mit Kunst

befasst, fragt nicht nach Größe und Gewicht, oder doch: nur anders. Und wer

lieber ins Kino geht, darf seit einiger Zeit in unserem Großkino die monatliche

Reihe „Exhibition on Screen“ besuchen.

Wussten Sie übrigens, wie viele Objekte der Abteilung „Kunst im öffentlichen

Raum“ im dazugehörigen Faltblatt der BMTG präsentiert werden?

Nicht weniger als 35! Zu ihnen gehören auch jene Bilder, die anlässlich einer

Streetart-Aktion zu Ehren der Markgräfin Wilhelmine an die Wände gemalt

wurden. Nein, „verstörend“ ist da nichts, aber vieles augenöffnend und sinnreich:

von bekannten Meistern, von Alfred Hrdlicka und Stephan Balkenhol,

von Rosalie und den beiden Matschinsky-Denninghoff. Matschinsky-Denninghoff,

nie gehört? Macht absolut gar nichts. Wer diese Namen nicht

kennt, wird die Kunst selbst wahrnehmen – ohne Beeinflussung durch „große

Namen“. Denn wenn man auch nicht verlässlich weiß, was Kunst wirklich ist

und was sie vom Kitsch oder vom sog. Handwerk wirklich unterscheidet,

so kann man doch sagen: Kunst ist das, was auf Dich wirkt. Und wenn du

lieber Lust hast auf die Kunst der „guten alten Zeit“, hast du immer noch die

Möglichkeit, dir am Neuen Schloss jene Werke anzuschauen (oder sogar zu

kaufen), die der Moderne vorangingen, manchmal sogar neuere Werke. Ganz

abgesehen von den vielen lebenden Künstlern, die ihre Ateliers vor allem

zu den Ateliertagen öffnen und meisterhafte Werke präsentieren, zu denen

auch die hinreißend impressiven Gemälde einer Frau mit dem denkbar

unpassenden Namen „Schüler“ gehören. Und wenn das Iwalewa-Haus seine

Ausstellungsräume umgestaltet haben wird, wird man hier auch wieder

afrikanische Kunst „live“ anschauen dürfen. Nein, Bayreuth ist kein Leuchtturm

der Szene der Bildenden Kunst – aber es gibt hier erstaunlich viele

Lichtpunkte, immer wieder.

Und Hackers Antrag? Er wurde seinerzeit dank der Mehrheit der Regierungsparteien

abgelehnt.

Der Kolumnist Dr. Frank Piontek

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