Berliner Zeitung 07.02.2020

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Berliner Zeitung · N ummer 32 · F reitag, 7. Februar 2020 3· ·

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Seite 3

Die Mitarbeiterin der Friedhofsverwaltung

weiß sofort, um wen

es sich handelt. DerName sei bekannt,

sagt sie. Sie holt in ihrem

Büro einen Plan heraus, streift ihre Jacke

über und bietet an, das Grab auf dem Landschaftsfriedhof

Gatow zu zeigen. Es sei

schwer zu finden, sagt sie,liege auf dem alten

Areal des muslimischen Teils des Friedhofs.

Dort, wo noch Reihengräber zu finden wären.

Die Frau aus der Verwaltung hält den

Plan in ihren Händen, als sie dieWege abgeht

und die Reihen zählt.

Das gesuchte Grab befindet sich in der

fünften Reihe von hinten, dort, wo das Sterbedatum

auf den Grabsteinen 2005 lautet. Es

ist ordentlich mit Tanne abgedeckt. An der

Seite steckt die Nummer 95. EinZeichen dafür,

dass es für die Grabstätte einen Pflegevertrag

gibt. Die gärtnerische Betreuung

wird seit fünf Jahren durch Spenden finanziert.

Bisdahin verkam das Grab.

DerBlumenladen am Friedhof öffnet erst

wieder im März, so steht es auf einem Zettel,

der an der Scheibe des Ladens klebt. Deswegen

ist Sabine Schiechel noch einmal ins

Auto gestiegen und hat einen Strauß roter

und gelber Rosen bei einem anderen Gärtner

gekauft. Sie bittet darum, sie ein paar Minuten

alleine zu lassen am Grab.

Sie stellt die Rosen in eine Vase, schaut

dann versonnen hinunter. Auf die letzte Ruhestätte

vonHatun Sürücü. DerFrau, die genau

vor 15Jahren sterben musste, weil sie

mit ihrem westlichen Lebensstil die Ehreihreskurdischen

Clans in Berlin verletzt haben

soll. DerFrau, die vonihrem eigenen Bruder

mit drei Schüssen in den Kopf getötet wurde.

Hatun Sürücü wurde nur 23 Jahrealt.

Die Probleme weggelächelt

Sabine Schiechel kannte Hatun Sürücü. Am

Grab sei ihr die absolute Sinnlosigkeit des

Verbrechens noch einmal bewusst geworden,

sagt sie wenig später in dem Café, das

sich neben dem Friedhof befindet.

Sabine Schiechel ist 58 Jahre alt. Sie war

von 2001 bis zum gewaltsamen TodHatun

Sürücüs im Jugendamt vonKreuzbergals Sozialarbeiterin

die Ansprechpartnerin der

jungen Frau.

IhreVorgängerin sei es gewesen, die in der

Behörde alles für Hatun Sürücü und deren

kleinen Sohn Can eingefädelt habe, sagt Sabine

Schiechel. Hatun habe eine eigene

Wohnung bekommen. Und einen Ausbildungsplatz.

Sie habe Elektroinstallateurin

werden wollen.„Das hat uns näher gebracht,

denn auch ich habe zunächst Elektromonteur

gelernt“, sagt Sabine Schiechel.

Beide hätten sie damals über diese Gemeinsamkeit

lachen müssen. Überhaupt sei

die junge Mutter immer froh zu ihr gekommen,

zu den sogenannten Helferkonferenzen.

Vermutlich, so sagt es Sabine Schiechel

heute, habe Hatun viele Probleme einfach

weggelächelt.

Hatun Sürücü hatte sich gegen die strengen

Regeln und tradierten Ehrvorstellungen

ihrer Familie aufgelehnt. In Berlin aufgewachsen,

war sie in jungen Jahren mit einem

Cousin in der Türkei verheiratet worden. Sie

lebte dort wie eine Magd, musste alles im

Haushalt machen, bekam ihren Sohn Can.

Doch sie wollte weg von diesem Sklavenleben.

Wegvon ihrem Mann, den sie nicht

liebte.Weg aus dem Land, das ihr fremd war.

Hatun Sürücü kehrte nach Berlin zurück.

„Wie sie das schaffte, vermutlich ohne Pass

und ohne Geld, weiß ich bis heute nicht“,

sagt Sabine Schiechel.

Hatun Sürücü lebte zunächst wieder bei

ihrer Familie in Berlin. Dort, wo sich Frauen

verstecken mussten, wenn Fremde kamen.

Doch Hatun Sürücü lehnte sich auf. Sielegte

das Kopftuch ab. Sie kleidete sich modern.

Sie ging aus. Sie bat beim Jugendamt um

Hilfe,brach so aus ihrem familiären Gefängnis

aus, indem die Brüder den Schwestern

zu sagen hatten, was sie tun dürfen und was

nicht. Hatun Sürücü zeigte, dass sie eine

Frau war. Eine selbstbewusste Mutter. Sie

wollte ihr Leben selbst bestimmen.

Hatun verliebte sich in einen deutschen

Mann, der sie später auf Druck der Familie

wieder verließ. Die hatte in ihm nur einen

Ungläubigen und in der Beziehung der beiden

eine Schande gesehen.

Trotzdem wollte Hatun Sürücü immer

wieder den Kontakt zu Mutter und Vater, sie

suchte bei ihnen Anerkennung. Ihre älteren

Brüder beschimpften sie, ihr Vater sprach

nicht mehr mit ihr, die Mutter traute sich

nicht einmal, sie anzurufen.

Der 18-jährige und damit jüngste Bruder

Ayhan, mit dem sich Hatun Sürücü gut zu

verstehen glaubte, erschoss die junge Frau

am 7. Februar 2005 an einer Bushaltestelle in

Tempelhof. Im Namen der Familienehre, wie

er später sagte. Eine Ehre, die er nie wirklich

erklären konnte.

„Ich hatte damals in den Nachrichten gehört,

dass eine Frau getötet worden sei. Aber

ich dachte niemals, dass es Hatun sein

Hatun Sürücü wollte eine moderne Frau und Mutter sein.

Sie verließ den Mann, den sie nicht liebte. Sie floh mit ihrem Sohn aus der

Türkei, die ihr fremd war.Heute vor fünfzehn Jahren wurde sie ermordet.

Mit drei Schüssen in den Kopf, an einer Bushaltestelle in ihrer

Heimatstadt Berlin. Und im Namen einer Familienehre, die der Täter,

ihr Bruder,nie erklären konnte. Hatun Sürücü ist eine Symbolfigur

geworden im Kampf für Gleichberechtigung –und gegen Zwangsheirat.

könnte“, erinnertsich Sabine Schiechel. Hatun

Sürücü sei so ein offener und lebensfroher

Mensch gewesen. Diejunge Mutter habe

alles für ihren Sohn getan, sie habe Canüber

alles geliebt, ihn allein großziehen wollen.

Niemals habe sie gewollt, dass der Junge in

der überholten Tradition ihrer Familie groß

werden müsse.Umdann das zu werden, was

ihre Brüder wurden –Räder in einer patriarchalischen

Welt.

„Es hat sich viel geändert seit diesem

Mord an Hatun“, sagt Sabine Schiechel. Die

junge Frau sei eine Symbolfigur geworden

für Mädchen und Frauen, die für ihreGleichberechtigung

kämpften.

Petra Koch-Knöbel sieht das genauso. Sie

ist Sprecherin des Arbeitskreises gegen

Für Can

In Gedanken bei ihr:Als Sozialarbeiterin kümmerte sich Sabine Schiechel um Hatun Sürücü.

VonKatrin Bischoff

Zwangsverheiratung und zugleich Gleichstellungsbeauftragte

im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg.„Seit

diesem Mord sind

viele Hilfsangebote für junge Frauen und

auch junge Männer entstanden, die in derselben

Situation sind, wie Hatun es damals

war.“

Noch immer aber gebe es Zwangsverheiratungen

und sogenannte Ehrenmorde,sagt

PetraKoch-Knöbel. DasDilemma beschreibt

sie so: Wenn Sozialarbeiter vonanstehenden

Zwangsverheiratungen hörten, dann wollten

sie sich lieber nicht einmischen. „Doch wir

müssen uns einmischen. Weil die Zwangsverheiratung

eine Straftat ist“, sagt sie.

Petra Koch-Knöbel nennt Zahlen, die belegen,

dass das Thema Zwangsheirat noch

SABINE GUDATH

immer akut ist. Bei der jüngsten Befragung

bei Institutionen und Beratungsstellen im

Jahr 2017 wurden 570 Fälle von erzwungenen

Hochzeiten gemeldet. 24 Prozent mehr

als bei der Befragung zuvor aus dem Jahr

2013. 529 Frauen und Mädchen begehrten

Hilfe und 41 Jungen und junge Männer wollten

raus aus den Planungen, die ihre Familien

ihnen vorgegeben hatte. Die Dunkelziffer

liegt sehr viel höher.

Die Gleichstellungsbeauftragte erzählt

von zwei Mädchen, Schwestern, die aus Pakistan

stammten und die in Berlin eine gute

Schulbildung und Lehre genossen hatten.

Die eine war bereits gegen ihren Willen verheiratet

worden. Der anderen, erst 17 Jahre

alt, stand dasselbe Schicksal bevor.Sie offenbarte

sich einer Lehrerin, die das Mädchen in

die Beratungsstelle von Petra Koch-Knöbel

schickte. Die Schwestern wurden weit weg

von der Familie in einem Frauenhaus in

Westdeutschland untergebracht. „Die beiden

machen ihren Weg“, ist sich PetraKoch-

Knöbel gewiss. Eines der Mädchen beginne

jetzt zu studieren.

Die Beratungsstelle liegt im Erdgeschoss

des Bezirksamtes. Soseien Hilfebedürftige

ganz schnell und anonym in ihrem Büro, sagt

Petra Koch-Knöbel. Es gebe schon ein gutes

Beratungsangebot für junge Frauen und

Männer.Aber sie erzählt auch, dass so manches

wichtige Projekt vor dem Aus stehe.

„Heroes“ etwa, das sich zum Thema Gleichberechtigung

an junge Männer mit Migrationshintergrund

wende.Esgebe für „Heroes“

ab diesem Sommer kein Geld mehr, sagt

Koch-Knöbel.

In der Uthmannstraße hat der Verein

„Aufbruch Neukölln“ seinen Sitz. Kazim Erdogan

hat ihn gegründet. Der66-jährige Psychologe

könnte längst den Ruhestandgenießen.

Aber er bevorzuge den Unruhestand,

sagt er.Erdogan hatmehrereGesprächsrunden

für türkische Väter gegründet. Eine Art

Selbsthilfegruppen für potenziell gewalttätige

Männer.

Männer, die ihre Töchter gezüchtigt haben,

Männer,die ihreFrauen„im Namen der

Ehre“ umbringen wollten. Männer, die

schon straffällig geworden sind. Es gebe darunter

durchaus tickende Zeitbomben, sagt

Erdogan. „Aber Reden nimmt diesen Männern

den Wind aus den Segeln, sie sitzen

hier,sie offenbaren sich, sie heulen plötzlich

wegen ihrer Taten“, sagt Erdogan. Reden

helfe sehr viel. Reden, so ist sich Erdogan sicher,

hätte auch die Familie Sürücü zum

Nachdenken gebracht.

Kazim Erdogan hat immer dieses verschmitzte

Lächeln im Gesicht. Selbst dann,

wenn er erzählt, dass Gewalt in seinen Augen

keine Religion, keine Ethnie, keine Sprache

und kein Geschlecht habe. Gewalt gegen

Frauen gebe es leider überall, sagt er.Imvergangenen

Jahr seien weltweit 70 000 Frauen

von ihren Männern umgebracht worden.

140 Frauen seien es in Deutschland gewesen.

Erdogan geht in sein Büro, zeigt auf die T-

Shirts, die sich in einem Regal stapeln. Dort

liegen Hemden in gelber, grüner, orangener

Farbe.Darauf ist ein Bart gemalt, der für anatolische

Männer stehen soll, wie Erdoganerklärt.

Zu lesen istder Schriftzug:„Männer gegen

Gewalt.“

Die Brüder flohen in die Türkei

40 000 solcher T-Shirts hat der Verein drucken

und inganz Deutschland verteilen lassen.

Am Freitag werden etwa ein Dutzend

der Männer aus Erdogans Gruppen diese

Shirts tragenund zumGedenken dorthin gehen,

wo Hatun Sürücü ermordet wurde. Zur

Oberlandstraße in Tempelhof. „Esist absolut

wichtig, daszutun“, sagt Kazim Erdogan.

Sabine Schiechel war das dritte Mal am

Grab von Hatun Sürücü. Sie macht sich nun

Gedanken um das Kind der ermordeten

Mutter. Can wurde nach dem Tod seiner

Mutter nicht in dieFamilie gegeben –obwohl

Hatuns Schwester den Antrag gestellt hatte.

„Sie konnte mir damals eine Frage nicht beantworten“,

erinnert sich Sabine Schiechel.

Wie ein Kind in einer Familie aufwachsen

solle, zuder der Mörder seiner Mutter gehöre.

Ayhan Sürücü wurde in Berlin für den

Mord an seiner Schwester zuneun Jahren

und drei Monaten Haft verurteilt und nach

Verbüßung derStrafe in dieTürkeiabgeschoben.

Seine älteren Brüder Mutlu und Alpaslansaßen

mit aufder Anklagebank,doch sie

wurden ausMangel an Beweisen freigesprochen.

Als der Bundesgerichtshof die Freisprüche

aufhob, waren die Brüder längst in

dieTürkei geflohen. Jahre später wurden sie

dort vor Gericht gestellt –und freigesprochen.

Canwuchs in einer Pflegefamilie im Norden

Deutschlands auf, die den Jungen auch

adoptiert haben soll. Can ist heute 20Jahre

alt. Sabine Schiechel sagt, der junge Mann

habe es sicher schwer,mit demSchicksal seinerMutter

zu leben. Mitden Gedanken, dass

sievon dereigenen Familie im Nameneiner

patriarchalisch-religiösen und radikalen

Ehrvorstellung umgebracht wurde.

Die einstige Betreuerin hat die Zeugnisse

von Hatun Sürücü aufgehoben. Und noch

andere Unterlagen sind in ihrem Besitz.

Auch sammelt Sabine Schiechel bis heute

alle Zeitungsartikel, dievom SchicksalHatun

Sürücüs berichteten.

All dasfür denFall, dass sichHatunsSohn

Can einmal nach seiner Mutter erkundigen

wird.

Katrin Bischoff

war schon mehrmals am Grab

vonHatun Sürücü.

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