KUDU Magazin 2_29593_indiv

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KUDU Magazin 2_29593_indiv

Die

Eule

Weimar


liebe leserinnen,

liebe leser,

die EULE Knabes Verlagsbuchhandlung Weimar GmbH heißt Sie willkommen zur 2.

Ausgabe des KUDU Lesemagazins.

Wie einige schon wissen, betreiben wir, Juliane Bleis und Steffen Knabe, zusammen

seit 2015 die EULE Buchhandlung, die im Besonderen auch das zunehmend wachsende

Programm des seit 2007 durch Steffen Knabe wieder betriebenen Knabe Verlages präsentiert.

Ein Verlagsprogramm mit allen aktuellen Titeln haben wir dieser Ausgabe beigelegt.

Im letzten Jahr haben wir die Entscheidung getroffen, unsere Deko ausschließlich

aus alten Büchern zu gestalten. Daraus ist schnell eine neue Warengruppe entstanden,

die bei unseren Besuchern auf viel Interesse stößt. In dieser Rubrik können wir nun solche

Themen wie Upcycling, nachhaltige Handarbeiten, Papier- und Buchkunst, die uns

am Herzen liegen, ausleben. Unter dem Stichwort: Bibliophile Faltereien fanden auch schon zwei Veranstaltungen

während der Vorweihnachtszeit statt.

In unserer Buchhandlung finden Sie sorgfältig ausgewählte Titel aus den Bereichen Kinderund

Jugendliteratur, Belletristik, Krimi, Geschichte, Sachbuch und Regionaltitel, ein breites

Angebot an Gruß- und Postkarten sowie immer wieder für Sie neu entdeckte schöne Dinge aus

dem Bereich der Papeterie.

Der Umbau unserer Innenausstattung geschieht in persönlicher Handarbeit, wobei unser

neuer Büchertresen das Highlight bildet und schon seit einigen Monaten großes Aufsehen bei

unseren Kunden hervorruft.

Auch wenn das altehrwürdige Medium Buch aus unserem Leben nicht wegzudenken ist,

verschließen wir uns nicht vor den neuen digitalen und virtuellen Medien. Wir spielen sogar

sehr gern mit der Kombination aus beiden. So können Sie beispielsweise unsere

Buchhandlung schon einmal vorab virtuell besuchen und mithilfe unseres Onlineshops

www.buch-weimar.de kann man nicht nur Literaturrecherche betreiben, sondern

auch bequem vom Sofa aus durch unser Programm stöbern und sich jeden Wunschtitel

bestellen – das geht so einfach, und sogar manchmal schneller als beim größten Online-Versandhändler.

Wir kümmern uns übrigens auch gerne um die Bestellungen Ihrer

Fach- und Schulbücher und treiben auch schwer zu beschaffende Lieblingsbücher auf,

die es oftmals nur noch antiquarisch angeboten werden.

Damit Sie aber auch zu Hause oder unterwegs Ihrer Stöberlaune nachgehen können,

bieten wir Ihnen unser neues Lesemagazin KUDU an, von dem wir uns wünschen, dass Sie es kennen und vielleicht

sogar lieben lernen. KUDU stellt Ihnen Bücher vor, die sorgsam ausgewählt und für gut befunden wurden (weil die

Zeit zu schade ist, um über schlechte Bücher zu sprechen).

Wir wünschen Ihnen viel Spaß bei der Lektüre.

Ihr Eule-Team

Noch eine kleine Anmerkung:

Und wieso KUDU?

Nein, der Titel erklärt sich wirklich nicht ohne Weiteres.

Aber muss er das?

Als wir ihn zum ersten Mal einer noch kleinen Leserschaft

vorstellten, dachten einige sofort an ein Wortspiel oder

eine Abkürzung. KUnst und DU? KUltur und DU.

Nein, Kudu bezeichnet ein Tier. Eine afrikanische Antilopenart,

um es genau zu sagen. Wenn ein Szenemagazin Marabu

heißen darf, eine Kinderzeitschrift nach dem Gecko benannt

ist, ein Kinderbuchpreis auf den Namen Luchs hört, warum

dann nicht einfach und einprägsam KUDU. Schauen Sie sich das

Tier einmal an: Es ist anmutig, es ist stolz, es ist kräftig

und selbstbewusst. Wir finden die »Rallyestreifen« witzig und

das Gehörn ist so wunderbar geschwungen, wie möglicherweise

das Denken die Richtung wechselt. Und all das würden wir uns

für unser – nein: Ihr Lesemagazin doch wünschen.


inhalt

Editorial 2

13-Bücher-Fragen an:

Volker Klüpfel und Michael Kobr 4

Schecks Kanon – Ein Interview mit Denis Scheck 6

14x Belletristik 8

Kicken und Lesen. Mit Ball und Buch

Leselust fördern – Frank M. Reifenberg 12

7x Buchempfehlungen für Jungs 14

15x Kinderbücher 16

Café Sherlock 20

7x Krimis 22

14x Sachbücher 24

Eine Insel mit zwei Zwergen – Kai Lüftner 28

7x Vom Leben auf dem Land 30

Honigbienen.

Geheimnisvolle Waldbewohner – Jürgen Tautz 32

7x Natur 34

Die K-Frage – Ein Kochversuch 36

7x Kochen 38

Bayamo/Cuba. Eine Bargeschichte – Lennart Adam 40

7x Reisen 42

7x Bücher ohne Verfallsdatum 44

7x Besondere Bücher 46

Vom Eingestehen einer großen Liebe.

A Tribute to Charles Monroe Schulz 48

KUDU-Rätsel – Wie Peanuts-sicher sind Sie? 49

Ein Foto und seine Geschichte:

mehr lesen, wissen, können – Uwe Kalkowski 50

»EINE HYMNE

AUF DIE

COURAGE

ALLER FRAUEN«

Unter den Buchbesprechungen

finden Sie kleine Icons, die darauf hinweisen,

dass dieser Titel auch als

E-Book und/oder Hörbuch

Victoria Mas

Die Tanzenden

ISBN 978-3-492-07014-0

erhältlich ist.

impressum

KUDU Lesemagazin

März 2020 / Auflage 33.000 Stück

Herausgeber:

Buchwert GmbH & Co. KG

Elpke 109 · 33605 Bielefeld

Geschäftsführer: Michael Rosch

buchwert-service.de

Chefredaktion: Thomas Schmitz (V.i.S.d.P.)

Lektorat: Ludger Claßen

Herstellung:

Rheinische DruckMedien GmbH

rheinischedruckmedien.de

Mitwirkende:

Lennart Adam, Monika Hasemann (mh),

Dennis Hasemann (dh), Patty Jabs,

Uwe Kalkowski, Kai Lüftner, Mareike Niehaus (mn),

Frank M. Reifenberg, Mechthild Römer (mr),

Michael Rosch (miro), Sandra Rudel (sr),

Thomas Schmitz (ts), Kathrin Schwamborn (ks),

Julie Schweimanns (js), Prof. Dr. Jürgen Tautz,

Ursula Ulbricht (uu)

Gestaltung/Illustrationen:

erste liga_büro für gestaltung, ersteliga.de

»Ein unentbehrlicher Roman.«

COSMOPOLITAN

»Anschaulich und lebhaft

tritt Victoria Mas für

die Ausgestoßenen ein,

entlarvt ihre

Zurückweisung und die

beklemmende

Unterdrückung, der sie zum

Opfer gefallen sind.«

LIVRES HEBDO

KUDU

3


Volker Klüpfel / Michael Kobr

Draußen

Ullstein Verlag, 19,99 Euro

13 Bücherfragen

4 KUDU

Was wäre das Allgäu ohne Kluftinger?

Was wäre Kluftinger ohne

Herrn Klüpfel und Herrn Kobr? Zehn

Fälle ließ das Autorenduo Klüpfel/

Kobr Adalbert Ignatius Kluftinger,

seines Zeichens Kriminalhauptkommissar

bei der Polizei in Kempten

im Allgäu, lösen. Und so verschroben

das Wesen Kluftingers, so beliebt

ist die Romanfigur nicht nur

unter Krimifreunden.

Jetzt haben die beiden Autoren

Volker Klüpfel und Michael Kobr

das Genre »Regionaler Wohlfühlkrimi«

(die beiden verzeihen hoffentlich

diesen etwas despektierlichen

Ausdruck) verlassen und mit

Draußen einen knallharten Thriller

geschrieben. Wir baten sie, unseren

Bücherfragebogen auszufüllen.

Und hier ein kleiner Beweis für

die Spontanität und Schnelligkeit

der zwei: Wir hatten noch keine

Zusage, da flatterten die Antworten

ins Haus!

» Volker Klüpfel

Was war Ihr Lieblingsbuch als Kind?

Irgendwas mit einem Kuscheltier, das im Traumland gelandet ist, da konnte ich

jeden Satz auswendig. Titel vergessen, weil seeeeehr lang her.

Wie heißt Ihr Lieblingsbuch heute?

Die Straße von Cormac McCarthy.

Gibt es ein Buch, von dem Sie sagen können, es hat Ihr Leben geprägt?

Mein Poesiealbum. Lohnt sich immer, wehmütig darin zu blättern.

Welches Buch steht auf Ihrer »Hab ich immer

noch nicht gelesen«-Liste ganz oben?

Die Liste war lang, aber den Kanon hab ich inzwischen durch.

Jetzt gibt es keinen Zwang mehr.

Welches Buch oder welche Bücher halten Sie für völlig überflüssig?

Bücher darüber, wie man am besten Bücher schreibt.

Gibt es ein Buch, das Sie immer wieder verschenken möchten?

Nein, ich verschenke in der Regel keine Bücher, weil ich finde,

dass Lesen eine sehr persönliche und intime Angelegenheit ist.

Welches Buch lesen Sie gerade?

Der Fluss von Peter Heller.

Mit welcher Romanfigur möchten Sie am liebsten

einen Tag den Platz tauschen?

Sherlock Holmes. Einmal so scharf denken können …

Wo lesen Sie am liebsten?

Wo’s still ist.

Haben Sie schon einmal bei einem Buch weinen müssen –

und wenn ja, bei welchem?

Ich weine bei allem: Büchern, Schokoladen-Fernsehwerbung, Liedern …

Welches Buch kann Sie trösten?

Anleitung zum Unglücklichsein von Paul Watzlawick.

Was ist Ihr Lebensmotto?

So etwas besitze ich nicht. Gibt es Bücher darüber?

Welches Buch würden Sie Michael Kobr empfehlen?

Da hast du recht: Strategien für mehr Humor

und Gelassenheit in der Partnerschaft von Marlies Fösges.


Foto:© Hans Scherhaufer

GRANDIOSE

SPANNUNG VON

BESTSELLERAUTOR

ALEXANDER

OETKER!

Michael Kobr «

Was war Ihr Lieblingsbuch als Kind?

Erich Kästner: Emil und die Detektive

Wie heißt Ihr Lieblingsbuch heute?

Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein

Gibt es ein Buch, von dem Sie sagen können, es hat Ihr Leben geprägt?

Thomas Mann: Der Zauberberg

Welches Buch steht auf Ihrer »Hab ich immer

noch nicht gelesen«-Liste ganz oben?

Leo Tolstoi: Krieg und Frieden

Welches Buch oder welche Bücher halten Sie für völlig überflüssig?

Das Telefonbuch … sonst keins.

Gibt es ein Buch, das Sie immer wieder verschenken möchten?

Robert J. Courtine: Simenon und Maigret bitten zu Tisch

Welches Buch lesen Sie gerade?

Martin Suter: Allmen und der Koi

Mit welcher Romanfigur möchten Sie am liebsten einen Tag den Platz tauschen?

Eben jener Johann Friedrich von Allmen (aber bitte wirklich nur einen Tag …)

Wo lesen Sie am liebsten?

In meiner Hängematte im Büro. Da schlafe ich nicht so schnell ein wie im Bett …

Haben Sie schon einmal bei einem Buch weinen müssen –

und wenn ja, bei welchem?

… ich würd’s echt sagen, aber ich kann mich nicht erinnern …

ISBN 978-3-426-30767-0 | € [D] 14,99 | € [A] 15,50

Welches Buch kann Sie trösten?

Walt Disney: Das lustige Taschenbuch

Was ist Ihr Lebensmotto?

In a world where you can be anything: be kind!

Welches Buch würden Sie

Volker Klüpfel empfehlen?

John Colapinto: Ein unbeschriebenes Blatt

© shutterstock.com

droemer-knaur.de

KUDU

5


ein interview

mit denis scheck

© Foto: Andreas Hornoff / Piper Verlag

SCHECKS

KANON

Ganz sicher, Denis Scheck ist lange schon der bekannteste Literaturkritiker

Deutschlands, der unterhaltsamste und humorvollste

erst recht. Legendär seine Abende, in denen er Literatur

hochlobt oder (im wahrsten Sinne des Wortes) in die Tonne haut.

Jetzt hat Denis Scheck einen ganz eigenen Kanon herausgegeben:

»Schecks Kanon – Die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur

von Krieg und Frieden bis Tim und Struppi«. Es sei ein

frivoles Unternehmen, sagt er selbst über seine Arbeit am Werk.

Für KUDU war es nicht der einzige Grund, Denis Scheck zu einem

Gespräch einzuladen.

KUDU: Lieber Denis Scheck, erlauben Sie, dass ich nicht gleich

mit der Tür ins Haus falle, sondern Ihnen, bevor wir über den

Scheck’schen Kanon sprechen, einige wenige kurze, aber wie ich

finde wichtige Fragen stelle? So banal wie elementar: Wie wurden

Sie zum Leser?

Denis Scheck: Ich habe als kleiner Junge eine wahre Affenliebe zu

Science Fiction, Fantasy und Comics entwickelt. Dort fand ich rasch

Anschluss im sogenannten »Fandom«. Meine Eltern verschleppten

mich in ein winziges Kaff auf dem Land ohne Läden, Kneipen, Bibliotheken

oder sonstigen sozialen Einrichtungen, wo man den ganzen

Tag nur dem Nichts beim Nichten zuschauen konnte.

KUDU: Erzählen Sie von Ihren Lesegewohnheiten heute: Steht

Effektivität oder Lustgewinn im Vordergrund? Können Sie beides

voneinander trennen? Wie bewältigen Sie Ihr vermutlich hohes Tageslesepensum?

Denis Scheck: Natürlich diktiert mir mein Beruf mitunter, was ich

wann lesen muss – freiwillig würde ich mich sicher nicht durch die

öden Gewaltpornos etwa eines Sebastian Fitzeks hindurch quälen.

Aber jeder Beruf hat eben auch Schattenseiten. Im Idealfall fallen

persönliche Leselust, Erkenntnisinteresse und literaturkritische

Neugier zusammen wie zum Beispiel gerade heute, wo ich mal wieder

»Die Blechtrommel« lese und hell begeistert bin.

KUDU: Was hat Sie bewogen Literaturkritiker zu werden?

Denis Scheck: Sendungsbewusstsein! Im Ernst: von Max Frischs

erkenntnisreichen Überlegungen zur Biographie wissen wir ja,

dass jeder seinen eigenen Lügen auf den Leim geht und am Ende

einen roten Faden erkennt, wo früher bestenfalls ein Netz von Möglichkeiten

war. Ich habe mit 13 eine literarische Agentur gegründet

und dann auch bald zu übersetzen begonnen. Das große Glück meines

Lebens war, dass ich an einen Stammtisch von literarischen

Übersetzern geriet, die mich quasi als ihr Maskottchen adoptierten.

Für mich begannen dort die Bücher zu leben, einfach weil ich

zum Beispiel Elmar Tophoven kennenlernte, den Übersetzer von

Samuel Beckett, Hans Herrmann, die deutsche Stimme von John

Irving, Charles Bukowski und Ronald D. Laing, Otto Bayer, der Dorothy

Sayers übersetzte, Rosemarie Tietze, die Tolstoi ins Deutsche

brachte und so weiter. Noch heute sind die Literaturübersetzer für

mich die allzu oft unbesungenen Helden des Literaturbetriebs.

KUDU: Jetzt haben Sie im Piper Verlag einen Literatur-Kanon herausgegeben.

Der von Marcel Reich-Ranicki ist ja vor etwa zwanzig

Jahren erschienen. Einmal abgesehen davon, dass MRR sich auf die

deutsche Literatur beschränkte – wo ist der Unterschied? Hat ein

Kanon nicht eine gewisse Gültigkeit?

Denis Scheck: Ja, das war dieser Kritiker aus dem letzten Jahrtausend,

nicht? Ich erinnere mich vage. Hatte der nicht die verrückte

Idee, einen Kanon nach den Kategorien der Nationalphilologien des

19. Jahrhunderts vorzulegen? Das erscheint mir grotesk, Literatur

ist schließlich schon seit Homers Zeiten das erste globalisierte System

der Welt. Mir geht es um einen »wilden« Kanon, einen Kanon,

der Sprachgrenzen, aber auch Genregrenzen sprengt, der sich wenig

um die Pässe von Autorinnen und Autoren schert und offen ist

für Comics, Krimis, Science Fiction oder Fantasy. Was ist Hamlet

denn anderes als ein Krimi?

KUDU: Wie hebeln Sie die gerade genannten Sprachgrenzen aus?

Sie werden nicht grundsätzlich alles im Original lesen können.

Oder doch? Wie wichtig sind die von Ihnen zu Recht gefeierten

Übersetzer?

Denis Scheck: Die Übersetzer sind für das Zustandekommen dessen,

was Goethe erstmals als Weltliteratur bezeichnet, buchstäblich

das A und O. Aber die Wirklichkeit unserer privaten Bibliotheken

sieht doch längst auch so aus, dass da Eco einträchtig neben

Enquist und Enzensberger steht und Martin und Robert Walser

neben David Foster Wallace.

KUDU: Darf ich Ihnen einige Namen, Titel oder Begriffe aus Ihrem

Kanon nennen, die Sie kommentieren? Beginnen wir da, wo Sie beginnen:

Karlsson vom Dach

Denis Scheck: Astrid Lindgren ist ja die Literaturnobelpreisträgerin

der Herzen, und ich fand es schon deshalb richtig, mit »Karlsson

vom Dach« meinen Kanon zu eröffnen, weil sich in Karlssons

Größenwahn derjenige spiegelt, der einen neuen Kanon aufstellen

will. Und weil ich in meinem wilden Kanon auch die Genregrenzen

überwinden und neben der traditionellen Hochliteratur eben auch

Kinder- und Jugendliteratur, Science Fiction, Fantasy, Horror und

den Krimi zum Zuge kommen lassen will. Außerdem kenne ich keine

bessere Berufsbeschreibung für das, was Literaturkritiker und

Intellektuelle überhaupt so treiben, als die Karlsson‘sche Formulierung

des »Tirritieren, Figurieren und Schabernacken.«

KUDU: American Psycho

Denis Scheck: Bret Easton Ellis hat mit Patrick Bateman eine Figur

geschaffen, die den Zeitgeist der 1980er Jahre genial fasste: der Serienkiller

und Wall-Street-Broker ist ein Donald-Trump-Bewunderer

der ersten Stunde. Ein Buch, das buchstäblich unter die Haut

geht.

6 KUDU


Denis Scheck

Schecks Kanon.

Die 100 wichtigsten

Werke der Weltliteratur

Piper Verlag, 25,– Euro

KUDU: Carl Barks

Denis Scheck: So wichtig für das 20. Jahrhundert wie Karl Marx für das 19. Mit den Geschichten

aus dem Barks’schen Entenkosmos kann man lesen lernen. Und wer wollte

ernsthaft in seinem Seelenhaushalt auf Onkel Dagobert und Tick, Trick und Track, auf

Gustav Gans oder Daniel Düsentrieb verzichten? Außerdem lehrt die Beschäftigung

mit Entenhausen auch, welch riesige Rolle die Übersetzer, in diesem Fall die nicht genug

zu preisende Dr. Erika Fuchs, im Literaturtransfer spielen. Und habe ich schon

erwähnt, dass ich eine Spielwarenhandlung in Entenhausen besitze? Die »Spielwarenhandlung

Scheck« taucht in zwei Geschichten auf, und dass Erika Fuchs Donald

meinen Laden mit dem Satz »Mal sehen, was der gute Scheck wieder auf Lager hat.«

betreten lässt, beruhigt mich, was meine persönliche literarische Unsterblichkeit anlangt,

ganz ungemein.

KUDU: Hunderttausend Höllenhunde

Denis Scheck: Von Kapitän Haddock aus Tim und Struppi kann man fluchen lernen.

Je älter ich werde, desto öfter kommt mir angesichts der Zustände Haddocks eskalierende

Beschimpfungsspirale in den Sinn: »Sie elender Buckelwal! Galeerensträfling!

Hunderttausende Höllenhunde! Politiker!«

KUDU: Mutabor

Denis Scheck: Für mich steckt in diesem schönen Zauberspruch aus Wilhelm Hauffs

Kalif Storch das Geheimnis des Lesens schlechthin. Mutabor, »Ich werde mich verwandeln«,

das ist ja das Versprechen jedes Buchs, das man aufschlägt.

ISBN 978-3-546-10000-7

€ 20,00 (D) / € 20,60 (A)

KUDU: Sie beweisen mit Ihrem Kanon, wie vielfältig, spannend und lebensnah, wie

lebensfroh Literatur sein kann. Trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) kritisieren

Sie in Ihrem Vorwort den ewig nörgelnden Literaturbetrieb. Warum?

Denis Scheck: Weil mir das literarische Leben in Deutschland zu griesgrämig ist.

Manchmal habe ich den Eindruck, nur wer eine Sieben-Tage-Regenwetter-Miene aufsetzt,

gilt im deutschen Literaturbetrieb als angemessen bekleidet.

KUDU: Um in einen Kanon aufgenommen werden, muss sich ein Buch ja erst einmal

behaupten. Gibt es einen Titel aus der frischen Neuerscheinungsflut, der einmal die

Chance hat, sich in Ihre oder eine ähnliche Sammlung einzureihen?

Denis Scheck: Christoph Ransmayr hätte sehr gute Chancen mit Cox und Atlas eines

ängstlichen Mannes, auch Daniel Kehlmann mit Tyll.

KUDU: Können Sie sich neben Ihrem einen weiteren Literaturkanon vorstellen und

würde er sich von dem Ihren stark unterscheiden können?

Denis Scheck: Die Vorstellung, dass es außer mir noch andere Literaturkritiker geben

könnte und konkurrierende Kanones ist ebenso absurd wie die Vorstellung, dass in

unserer Milchstraße andere bewohnte Planeten außer der Erde existieren.

KUDU: Ist Ihr Kanon ein Lebenswerk?

Denis Scheck: Hoffentlich nicht.

KUDU: Sie sind ein Mann, der kaum ein Blatt vor den Mund nimmt. Angenommen es

gäbe einen Antikanon, wie lauteten die ersten Titel?

Mit großer

Intensität erzählt

Christian Baron,

was es bedeutet, in

unserem reichen

Land in Armut

aufzuwachsen.

Denis Scheck: In der Tat arbeite ich schon an der Fortsetzung: »Die hundert widerlichsten

Werke der Weltliteratur.« Das Alte Testament und Paulo Coelho haben ihren

Platz sicher.

KUDU: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Thomas Schmitz

KUDU

7


BELLETRISTIK

Bov Bjerg

Serpentinen

Claassen Verlag, 22,– Euro

Nach dem Überraschungserfolg Auerhaus (2019 erfolgreich in die Kinos

gekommen) hat Bov Bjerg seinen zweiten Roman geschrieben, der ordentlich

unter die Haut geht. In Serpentinen begibt sich ein Vater auf

eine Reise mit seinem kleinen Jungen. Die beiden scheinen sich ein wenig

fremd zu sein. Was eine vermeintlich harmlose Fahrt ins Allgäu ist,

wird für den Ich-Erzähler eine dramatische Reise in die eigene Vergangenheit.

Da ist sein Elternhaus, die Kirche, in der die Eltern geheiratet

haben, das Grab seines Freundes Frieder, das es nicht mehr gibt und

über allem lastet die Angst des depressiven Vaters, es könne ihm ergehen

wie seinen männlichen Vorfahren. Sowohl Vater wie Großvater des

Erzählers hatten sich entschieden, freiwillig aus dem Leben zu scheiden.

Den Suizid des Vaters hatte der Erzähler hautnah mitbekommen,

da war er so alt wie sein Sohn, mit dem er eigentlich ungestörte Ferien

verbringen möchte.

Serpentinen ist ein bisweilen sehr hartes, unerbittliches Buch. Ich habe

gleichermaßen mit Vater und Sohn gelitten. Ein Happy End wird es

nicht geben können, allenfalls ein Vertagen, einen Aufschub, ein verwirrendes

Ende. Ein grandioses Buch. (ts)

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Sasha Filipenko

Rote Kreuze

Aus dem Russischen von Ruth Altenhofer

Diogenes Verlag, 22,– Euro

Alexander zieht nach einem Schicksalsschlag mit seiner kleinen Tochter

nach Minsk, um dort ein neues Leben zu beginnen. Er sehnt sich

nach Ruhe und reagiert unhöflich, als seine Nachbarin Tatjana ihm ein

Gespräch aufzwängt. Die alte Dame ist über neunzig und bei ihr wurde

vor kurzem Alzheimer diagnostiziert. Noch versagt nur ihr Kurzzeitgedächtnis,

aber das Vergessen wird unausweichlich fortschreiten.

Tatjana erzählt dem zunächst unwilligen Alexander in Etappen ihre

leidvolle Lebensgeschichte. Sie berichtet von ihrer Arbeit als Sekretärin

im Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten zu Beginn

des Zweiten Weltkrieges, von der langen Zeit im Straflager, von ihren

Verlusten und von der einen schicksalhaften Entscheidung, die sie ihr

Leben lang verfolgt hat. Mit jedem Gespräch entwickelt sich eine immer

größere Nähe zwischen der alten Dame und dem jungen Mann.

In einem Interview hat Sasha Filipenko folgenden Antrieb für seine

schriftstellerische Arbeit genannt: »Der Staat tut alles, damit die Menschen

die Grausamkeiten des Sowjetregimes vergessen, und unsere

Aufgabe ist es, das nicht zuzulassen.« In Rote Kreuze ist ihm auf berührende

Weise gelungen, die Schrecken der Stalinzeit ins Gedächtnis zu

rufen. Eine großartige Geschichtsstunde. (ks)

Agnes Krup

Sommergäste

Piper Verlag, 22,– Euro

Die berühmte Schriftstellerin Charlotte Overbeck und ihre Freundin

Ellen wollen den Sommer des Jahres 1925 auf einer kleinen Insel vor

Kanada verbringen. Charlotte möchte dort in Ruhe schreiben und Ellen

das frisch erworbene Sommerhaus der beiden einrichten. Schon bei ihrer

Ankunft im Hafen treffen sie auf Crawford Maker. Der Ornithologe

und Präparator hält einen toten Albatros in der Hand. Die drei kommen

ins Gespräch und Crawford lädt die Damen in seine Werkstatt ein. Ellen,

die ihre Karriere als Künstlerin aufgegeben hat, um Charlotte zu

helfen, ist fasziniert von Crawfords Tätigkeit. Wann immer es ihre Zeit

zulässt, hilft sie ihm beim Präparieren. Crawford erkennt schnell Ellens

künstlerisches Potential. Als er eines Tages das Angebot erhält, in Afrika

eine wissenschaftliche Expedition durchzuführen, bittet er sie ihn

zu begleiten. Doch für Ellen kommt eine Reise ohne Charlotte nicht in

Frage. Agnes Krup hat ihren Roman angelehnt an das Leben der Willa

Cather, die als eine der bedeutendsten amerikanischen Schriftstellerinnen

gilt. Sie lässt den Leser wunderbar eintauchen in die damalige

Zeit und schildert sehr ergreifend das schicksalhafte Verhältnis der drei

Hauptpersonen. (uu)

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Tom Kummer

Von schlechten Eltern

Tropen Verlag, 22,– Euro

Als Witwer gezeichnet, den einen Sohn an seiner Seite, den anderen

fernab in LA wissend, sucht der Erzähler einen Job in der Heimat. Als

Chauffeur kann er nachts arbeiten, aber die Dunkelheit treibt ihn in die

Abgründe der Trauer. Es ist so, als ob seine verstorbene große Liebe

Nina mitfahren würde. Überall begegnet er Geschichten von Verlust. Sei

es der Ort eines Flugzeugabsturzes oder anderer schwerer Unfälle, die

Opfer forderten. Sein Kosmos wird düsterer, das Licht und die Freude

des Lebens schwinden und es bleiben die Wunden der Vergangenheit,

sie reißen auf und er muss ihnen ins Angesicht blicken. In poetischer

Sprache fängt der Schweizer Autor Tom Kummer die Gefühle der Reisenden

und ihres Fahrers ein und verpackt sie in eine berührende Geschichte

voller Schicksale. (mh)

8 KUDU


Laetitia Colombani

Das Haus der Frauen

Aus dem Französischen von Claudia Marquardt

S. Fischer Verlag, 20,– Euro

Paris, heute. Die Juristin Solène ist am Boden zerstört, als sich ihr Klient

direkt nach seiner Verhandlung das Leben nimmt. Sie fällt in ein

Loch, ist plötzlich schrecklich allein, denn über die erfolgreiche Karriere

hat sie ihr ganzes Privatleben verloren. Als sie ehrenamtlich im

Haus der Frauen als öffentliche Schreiberin zu arbeiten beginnt, wird

sie unmittelbar mit dem Prekariat konfrontiert. Man ignoriert sie, sie

macht dennoch weiter. Sie wagt erste Schritte, scheitert und steht wieder

auf. So kehrt sie langsam und mit einem zarten Glücksgefühl ins Leben

zurück. Denn sie schenkt den Frauen Gehör und eine Stimme. Zwar

sind ihre Wörter »wie Schmetterlinge, zart und flüchtig« und manchmal

fühlt sie sich schwach wie ein Kolibri, aber dennoch leistet sie ihren

Beitrag. So wie auch Blanche Peyron, die 1925 dafür gekämpft hat, dass

dieser Schutzort entstehen konnte.

Laetitia Colombani verknüpft kunstvoll zwei Leben zu unterschiedlichen

Zeiten an ein und demselben Ort. (mn)

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Christopher Kloeble

Das Museum der Welt

dtv, 24,– Euro

Eine Geschichte einmal nicht aus der Perspektive der Entdecker und Eroberer

wollte Christopher Kloeble schreiben. So berichtet er von einer

tatsächlich stattgefundenen Indien-Expedition aus der Sicht eines zu

Beginn zwölfjährigen indischen Waisenjungen Bartholomäus, der auf

Grund seiner perfekten Deutschkenntnisse von den drei bayerischen

Brüdern Schlagintweit als Dolmetscher engagiert wird. Die drei Brüder

brechen 1854, unterstützt von Alexander von Humboldt, zu der bis dahin

größten Indien- und Himalaya-Expedition auf. Bartholomäus, der

sie begleitet, verfolgt seine eigenen Ziele und möchte ein Museum seines

so riesigen und so widersprüchlichen Landes gründen.

Das Museum der Welt ist ein Abenteuerroman, ein Sittengemälde der

damaligen Kolonialzeit, sehr detailverliebt erzählt, sehr kenntnisreich.

Kloeble verbrachte viele Jahre in Südasien. Recherchereisen führten

ihn nach Mumbai, Kalkutta, Zentralindien und London. (ts)

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Jasmin Schreiber

Marianengraben

Eichborn Verlag, 20,– Euro

Paula ist nach dem Tod ihres Bruders in eine tiefe Depression gestürzt.

Ihre Therapie hilft ihr nicht wirklich, meist geht es nur um verschiedene

Nudelarten und nicht um den Verlust und die Schuld, die sie Tag für Tag

auffressen. Doch eines Tages bringt ihr Therapeut sie auf die Idee, das

Grab ihres Bruders zu besuchen – nachts, damit sie alleine und ungestört

mit ihm reden kann. Allerdings ist sie in dieser Nacht nicht alleine

auf dem Friedhof: Sie begegnet einem alten Mann namens Helmut und

wird ausversehen seine Komplizin, als er die Urne seiner Freundin Helga

stiehlt. Plötzlich findet Paula sich in einem Wohnmobil auf dem Weg

in die Berge mit einem fast Fremden, einer Urne voller Asche und einer

etwas feindseligen Hündin wieder. Eine skurrile, aber warmherzige Geschichte

über Verlust und Trauer. (js)

KUDU

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BELLETRISTIK

Nava Ebrahimi

Das Paradies meines Nachbarn

btb, 20,– Euro

Diese Geschichte geht unter die Haut. Sie ist ein Spagat zwischen zwei

verschiedenen Kulturen. Ali Najjar kommt aus Teheran. Er lebt in

Deutschland, hat seine Familie, sein Land und sein Leben hinter sich

gelassen und arbeitet als Produktdesigner in einem recht erfolgreichen

Unternehmen. Als ihn ein Brief aus Teheran erreicht, gerät sein neues

Lebens ins Wanken und all das, was er versucht hat zu verdrängen und

zu vergessen, kommt wieder an die Oberfläche. Ob sein Weg zurück

nach Teheran führt?

Was er als Kind in dieser konfliktreichen Region erlebt hat, verschlägt

dem Leser den Atem und gleichzeitig schöpft man immer wieder Hoffnung.

Ein Auf und Ab der Gefühle, auf 224 Seiten intensiv beschrieben.

Dieser feinsinnige und sensible Roman von Nava Ebrahimi geht an die

Substanz und greift viele verschiedene Facetten des Zusammenlebens

auf und spart dabei nicht an Kritik an Krieg und den teils menschenunwürdigen

Zuständen im Nahen Osten. (dh)

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Nick Hornby

Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst.

Eine Ehe in zehn Sitzungen

Aus dem Englischen von Ingo Herzke

Kiepenheuer & Witsch, 18,– Euro

Was für eine Posse! Dabei könnte die ganze Geschichte eigentlich jeden

Tag genau so passieren. Nick Hornby hält uns hier einen der humorvollsten

Beziehungs-Spiegel aller Zeiten vor. Eine Paartherapie soll

Luises und Toms Ehe retten. Festgefahren im Alltag, ein merkwürdig

verklemmter Umgang miteinander und jede Menge Unausgesprochenes

belasten die Beziehung der beiden so sehr, dass sie sich entscheiden,

etwas für ihre Ehe und gegen ihre Beziehungsprobleme zu tun. Nach

und nach kommen immer heiklere Dinge ans Tageslicht, schlagfertige

Antworten und aberwitzige Konstellationen amüsieren den stillen Beobachter

und geben uns Lesern dabei eine wichtige Nachricht mit: Redet

miteinander! Echt jetzt! (dh)

Isabelle Autissier

Klara vergessen

Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig

Mareverlag, 24,– Euro

Juri hatte sich seine Rückkehr nach Murmansk anders vorgestellt. Der

in Nordamerika lebende und arbeitende Ornithologe hatte kurz zuvor

die Nachricht erhalten, dass sein Vater Rubin nicht mehr lange zu leben

habe. Viel zu sagen hatten sich die beiden nie. Die strenge Hand

des Vaters hat einfach zu große Spuren hinterlassen. Umso erstaunter

reagiert Juri, als sein Vater ihm die Geschichte seiner Großmutter offenbart.

Irgendwann sei die Wissenschaftlerin Klara verschwunden.

Wahrscheinlich wurde sie in einem Gulag Stalins inhaftiert. Die genaue

Geschichte kennt niemand. Und damit beginnt Juris Reise in die Vergangenheit

und in die Geschichte seiner Großmutter. Vielleicht kann er

vor dem Ableben seines Vaters noch ein paar wichtige Fragen klären,

Rubin wünscht es sich jedenfalls sehr. Ein Generationenroman, der die

Geschichte Russlands und die tragischen Schicksale der Verfolgten beleuchtet.

(dh)

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Pascal Mercier

Das Gewicht der Worte

Hanser Verlag, 26,– Euro

Simon Leyland ist Übersetzer, Sprachgenie und Verleger. Von London

aus folgt er seiner Frau nach Triest und lebt dort über viele Jahre. Seine

Frau hat einen Verlag geerbt und beide haben sich ihr Leben eingerichtet.

Simon erlebt schöne Zeiten, muss aber auch schwierige Situationen

verarbeiten. Irgendwann wird er durch einen ärztlichen Irrtum aus der

Bahn geworfen und die vermeintliche Katastrophe führt zu einem Wendepunkt

in seinem Leben. Ein alter Freund aus England vererbt ihm ein

Haus. Um das Erbe anzutreten, reist er nach England, lernt den Nachbarn

seines Freundes kennen und erfährt von ihm wichtige Geschichten

über seinen Freund. Nun ist Simon bereit neue Wege zu gehen und er

trifft wichtige Entscheidungen.

Es ist ein philosophischer Roman mit vielen inneren Monologen, Reflektionen

und Fragen, was man aus der Zeit eines Lebens machen kann.

Diese unzähligen Denkanstöße lassen den Leser in interessante Welten

eintauchen und man ist selbst fasziniert, was Sprache und Worte bewirken

können. (mr)

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Helena Janeczek

Das Mädchen mit der Leica

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

Berlin Verlag, 22,– Euro

Helena Janeczeks Romanbiographie handelt von der heute vergessenen

Fotografin Gerda Taro. Sie wird 1910 als Gerta Pohorylle in Stuttgart

geboren, in der Schweiz erzogen und in Leipzig zur überzeugten Sozialistin.

Wegen ihrer antifaschistischen Haltung wird sie verhaftet, flieht

nach Paris. Dort begegnet die junge Frau Robert Capa, er ist ebenfalls

ein jüdischer Flüchtling, Fotograf und bekannt für seine politischen Dokumentationen.

Sie werden ein Paar und dokumentieren beide den Spanischen

Bürgerkrieg. Diesen Einsatz bezahlt Gerda mit ihrem Leben.

Zu ihrer Beerdigung kommen viele Trauergäste. Robert Capa führt mit

Louis Aragon und Pablo Neruda den Trauerzug an.

Vor einigen Jahren tauchte in New York ein lang verschollener Koffer

auf, in dem man ihre Negative fand. Mit diesen Splittern der Erinnerung

und drei Menschen, die Gerda Taro kannten, zeichnet die Autorin Helena

Janeczeks das Leben der ungewöhnlichen und mutigen Frau nach. (mr)

10 KUDU


Foto © Sebastian Knoth

Peter Zantingh

Nach Mattias

Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers

Diogenes Verlag, 22,– Euro

Mattias, ein junger Mann, ist von einem Tag auf den anderen nicht mehr

da, er stirbt. In diesem Roman begegnen die Leser acht Menschen, die

Mattias kannten. In einer Aneinanderreihung von ganz unterschiedlichen

Geschichten erfahren wir, in welchem Verhältnis sie zu Mattias

standen. Da ist Amber, die Freundin, Mattias Mutter und seine Freunde.

Manche Freunde waren mit ihm eng verbunden, die anderen kannten

ihn kaum. Die Trauerarbeit verläuft bei jedem Einzelnen ganz unterschiedlich.

Amber hält das Fahrrad von Mattias in ihrer Wohnung und

singt bei einem Konzert emotional gegen ihren Schmerz. Mattias Mutter

hat das Bedürfnis, einzelne und für sie ganz wichtige Geschichten

über ihren Sohn zu erzählen. Durch diese einzelnen Beschreibungen bekommen

wir wie in einem Puzzle ein Gesamtbild von Mattias.

Es ist ein bewegender Roman, die Trauerformen sind unterschiedlich

beschrieben – mal ganz traurig und manchmal mit der großen Hoffnung

verbunden, das eigene Leben achtsam führen zu können. (mr)

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Eric Emmanuell Schmitt

Felix und die Quelle des Lebens

Aus dem Französischen von Michael v. Killisch-Horn

C. Bertelsmann Verlag, 20,– Euro

Der zwölfjährige Felix lebt mit seiner Mutter Fatou im Pariser Stadtteil

Belleville. Im Mittelpunkt steht das Café der Mutter. Die Stammgäste,

die dort ein- und ausgehen, könnten nicht unterschiedlicher sein. Für

Felix ist es selbstverständlich und normal, dass Madame Simone, die

eigentlich als Mann geboren wurde, sich um ihn kümmert. Der Kneipenphilosoph

Monsieur Sophronides und der scheue Robert Larousse

gehören zu den Stammgästen. Die Idylle bricht eines Tages zusammen,

als eine heftige Auseinandersetzung mit den Behörden dazu führt, dass

die lebenslustige Fatou in eine tiefe Depression fällt. Felix wird aktiv

und findet mit Hilfe seines Vaters eine Lösung.

Auch in diesem Roman spielen wieder Warmherzigkeit, Komik, Tragik

und liebevoll skizzierte Figuren eine große Rolle. (mr)

ein mann

auf der suche

nach dem

perfekten gin

und ein mord,

der ihm

in die quere

kommt

www.dumont-buchverlag.de

KUDU

11


© Illustration: Dirk Uhlenbrock

KICKEN

& LESEN

Mit Ball und

Buch Leselust

fördern

»Ich lese nun besser und werde ein guter Mensch«, sprach Rafi,

elf Jahre, dem Reporter ins Mikrofon und umklammerte den

kicken&lesen Köln-Pokal, der ihm gerade von der Schulministerin

überreicht worden war. Rafi genoss den Auftritt in der Pause des

Bundesligaspiels im Stadion des 1. FC Köln sichtlich.

Ich mag Schlitzohren wie Rafi. Der Junge wusste natürlich genau,

was wir alle von ihm hören wollten. Mindestens so ergreifend

war jedoch ein Erlebnis mit Rafi ein paar Wochen zuvor, als ich das

Team seiner Schule beim wöchentlichen Training besuchte. »Ich

habe ein ganzes Buch gelesen«, verkündete er da nämlich voller

Genugtuung. Die Betonung lag auf »ganz«. Das war ihm nämlich

nie zuvor gelungen: zu langweilig, zu schwierig, zu lang, zu kleine

Buchstaben – irgendwas war immer gewesen, das ihn gehindert

hatte. Nun konnte er stolz 96 Seiten in seinen Lesepass eintragen

und seinen ganz persönlichen Beitrag zum späteren Gewinn des

Pokals leisten, weil jede Seite einen Punkt in der Gesamtwertung

ausmachte.

Rafi ist mit seinen Problemen nicht alleine. Die aktuellen Befragungen,

allen voran die PISA-Studie, sprechen eine deutliche Sprache:

Zu viele Kinder verfügen über schlechte Lesefertigkeiten. Sie

scheitern nicht nur am dicken Schmöker, sondern auch an kürzeren

Texten, zum Beispiel in Eignungstests, wenn sie sich um einen Ausbildungsplatz

bewerben. Die Matheaufgaben nicht geschafft, nicht

weil man schlecht rechnet, sondern weil man die Aufgaben nicht

schnell genug lesen kann – so ein Mist aber auch!

»Die schlechte Nachricht ist, dass ein Fünftel der 15-Jährigen

kaum in der Lage ist, denn Sinn von Texten zu erfassen und zu reflektieren«,

sagt Kristina Reiz, Leiterin der deutschen PISA-Studie.

Besonders beunruhigend sei dabei, dass vor allem »die Lesefreude

so stark zurückgegangen ist«, so Reiz. Lesemotivation und Lesemenge

seien deutlich verringert. Viele Jugendliche empfänden Lesen

als Zeitverschwendung. Spätestens bei diesem Wort sollten die

Alarmglocken schrillen: Zeitverschwendung.

Zwischen Mädchen und Jungen klafft zudem eine Schere auseinander:

Zwischen dem achten und zwölften Lebensjahr knickt bei

Jungen das Interesse am Lesen rapide ein. Mit 15 Jahren liest über

die Hälfte der Jungen nur noch, wenn sie muss. Die Folge ist, dass

sie sich insbesondere bei längeren Texten schwerer tun als Mädchen.

Oft hängen Jungen ein ganzes Schuljahr zurück.

In der Konkurrenz zu Streamingdiensten und Computerspielen

ist Lesen für Jungs uncool und unmännlich. Selten begegnen ihnen

männliche Lese-Vorbilder. Oft trifft die angebotene Lektüre nicht

ihre Bedürfnisse und Interessen. Sie lesen anders und sie lesen anderes

als Mädchen, das wird viel zu wenig beachtet. Jungen brauchen

eine Förderung, die das berücksichtigt und eine besonders

anspornende Atmosphäre bietet.

Der Unterschied zwischen den Fähigkeiten von Mädchen und

Jungen ist seit 2015 kleiner geworden, die Mädchen sind jedoch

nach wie vor deutlich besser im Lesen, während die Jungen in der

Mathematik etwas besser abschneiden. In den Naturwissenschaften

ist das Kompetenzniveau annähernd gleich.

Jungen und Mädchen in den jeweiligen Bereichen geschlechtsspezifisch

zu fördern, hat also nichts mit Gendergedanken zu tun.

Entsprechende Programme (wie zum Beispiel »Komm mach MINT!«

zur Förderung von Mädchen und Frauen) oder Leseförderprojekte

nur für Jungen haben nichts mit dem angeblich »grassierenden

Genderwahn« zu tun, sondern sind pragmatische Lösungsansätze.

Sie schaffen einen geschützten Rahmen, um Defizite aufzuholen.

Im Projekt kicken&lesen Köln der SK Stiftung Kultur der Stadtsparkasse

Köln werden Jungen der 5. Klasse über ein ganzes Schuljahr

intensiv begleitet. In einer wöchentlichen Trainingseinheit

von 90 Minuten erleben sie Lesen als eine lustbetonte Aktivität,

sowohl in der Schule als auch in der Freizeit, bei der sie keineswegs

Zeit verschwenden.

Sie lernen Lesen als eine attraktive Kultur- und Medien-Praxis

kennen, die nicht nur »etwas für Mädchen« ist, wie Jungs in diesem

Alter oft beschlossen haben. Ihre Lesekompetenz wird gefördert,

sodass sie in der Lage sind, Texte flüssiger zu lesen. Im Mittelpunkt

steht das an ihren Interessen orientierte und freie Lesen. Über den

gesamten Projektverlauf sammeln sie Lesepunkte, treten am Ende

in einem Fußballturnier und einem Bookslam gegeneinander an

und das Gewinnerteam wird im Rahmen eines Heimspiels des 1. FC

Köln, der ein wichtiger Projektpartner ist, geehrt.

Zwischen Fußball und Lesen gibt es Analogien, die wir nutzen:

Beide Tätigkeiten sind uns nicht in die Wiege gelegt, aber beide

können wir durch Ausdauer, Training und Teamarbeit erlernen

oder verbessern. Nach und nach erfahren die Jungen, dass man

Lesen in einem ganz anderen Kontext erleben kann, als sie es gewohnt

sind.

12 KUDU


In einem Wechsel und Zusammenspiel von körperlicher Erprobung

und Aktivität mit dem Ball auf der einen Seite und Konzentration

und Ruhe mit dem Buch auf der anderen werden die Teilnehmer

an neue Leseerlebnisse herangeführt und erfahren Lesen

als eine Praxis, die sich durchaus mit ihrem Selbstverständnis als

Jungen vereinbaren lässt. Fußball spielt als Inhalt der Bücher in

den Lese-Angeboten und Bücherkisten natürlich eine wichtige Rolle.

Das Lesen kann sich nur nach und nach einen Platz neben der

deutlich attraktiveren Sportart erkämpfen. Dabei müssen wir die

Jungen ermutigen, unterstützen und anleiten. Ihr Selbstbild ist geprägt

von vielen eher entmutigenden Erfahrungen: Lesen ist mir zu

anstrengend! Ich kann den Ansprüchen nie genügen!

Dem müssen wir etwas entgegensetzen. Dazu bieten wir Incentives,

das sind Belohnungen, die den Jungen zeigen sollen, dass sie

Teil eines besonderen Projekts sind. Sie dienen auch dazu, den Teilnehmern

Lesen und Bücher auf eine Art zu präsentieren, die neu

oder besonders für sie ist. Dazu gehören Lesungen oder Treffen mit

FC-Spielern, ein Besuch im Sport- und Olympiamuseum oder in der

Sportredaktion eines Radio- oder Fernsehsenders.

Im Mittelpunkt steht eine umfassende Bücherkiste mit über 70

Büchern aller Genres. Darin enthalten sind Abenteuer-, Fantasy-,

Gruselromane, Sachbücher, Literaturcomics, Fußballbücher usw.

Im Mittelpunkt steht lustbetontes, freies Lesen und nicht eine nach

klassischem Lehrplan und Lektürekanon abrufbare Leistung.

Wenn man dem Trend gegen das Buch (ob in gedruckter oder

elektronischer Form) etwas entgegensetzen will, hilft kein Lamentieren

über böses Gaming, bis die Finger wund sind, oder Binge

Watching, bis die Augen glühen. Man muss ungewöhnliche Wege

in der Leseanimation und Leseförderung gehen. Eines meiner Lieblingsprojekte:

Kinder lesen Hunden im Tierheim vor. Angstfrei und

entspannt, weil Hunde nicht reinquatschen, nicht verbessern, keine

Noten geben. Ich kann ganz befreit von allen Zwängen lesen und

dabei Lesen üben. Und der Hund ist nicht so einsam.

Für die Auswahl der Bücher, mit denen ich Kinder und Jugendliche

locken will, gilt, dass sie sich radikal am Geschmack derer orientieren

müssen, die sie lesen sollen. Also Obacht, liebe Mütter, Väter,

Opas, Omas und wer sonst noch derjenige mit dem Geldbeutel ist:

Uns muss das Buch nicht gefallen, sondern den Kids. Auch wenn

wir an deren Geschmackssicherheit gelegentlich zweifeln und uns

wünschen, dass sie weniger genderstereotyp daherkommen oder

mehr political correctness beweisen: Ein Zombieroman oder eine

Einhornschmonzette schulen das junge lesende Gehirn ebenso und

können eines Tages den Weg zu Thomas Mann oder Jane Austen

ebnen; und dabei helfen, ein besserer Mensch zu werden. Wie Rafi.

Frank Maria Reifenberg

Alles Gute zum

70. Geburtstag,

liebe Kirsten Boie!

Foto © Indra Ohlemutz

Frank M. Reifenberg, geboren 1962 im

Siegerland, ist gelernter Buchhändler

und heute Schriftsteller, der überwiegend

für Kinder und Jugendliche

schreibt. Neben vielen Aktivitäten

ist er Initiator und künstlerischer

Leiter eines ganz besonderen Projektes:

kicken & lesen ist eine von der

Kölner Sparkassenstiftung unterstützte

Leseförderungsinitiative, die sich

speziell an leseschwache Jungen richtet.

Dabei werden die Fähigkeiten beim

Fußball wie beim Lesen miteinander

verknüpft und trainiert.

© Foto: Jörn Neumann

978-3-7891-1515-8

JEDES

KIND

MUSS LESEN

LERNEN!

Eine Initiative von

Unsere

Jubiläums-Ausgaben

20 Jahre

Möwenweg

978-3-7891-1480-9

978-3-7891-1474-8

www.oetinger.de

KUDU 13


Silke Lambeck / Barbara Jung (Ill.)

Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich

Gerstenberg Verlag, 12,95 Euro

7x BUCHEMPFEHLUNGEN FÜR JUNGS

Dass es unter den Jungen mehr Lesemuffel gibt als

unter den Mädchen, ist eine Tatsache, die aber

nicht automatisch bedeuten muss, dass Jungen für

die Welt der unendlichen Geschichten verloren sind.

Manchmal braucht es nur den einen Roman, der zur

Initialzündung wird und auch Nicht- oder Wenigleser

begeistert. Hier finden Sie sieben Bücher, die

in der Praxis hervorragend funktioniert haben und

männliche Leser besonders motiviert haben, nach

diesem zum nächsten Buch zu greifen. Selbstredend

werden auch Mädchen ihren Spaß damit haben!

Matti und Otto sind viel zu brav, findet Otto. Sie müssen unbedingt wilder

werden, beschließen beide. Diesem Gedanken ist eine Musikstunde

vorangegangen, die wesentlich spannender als erwartet war. Die Klasse

hat via YouTube den Rapper Bruda Berlin kennengelernt. Gerade mal

ein paar Jährchen älter als sie, aber mit dem Goldkettchen am teuren

BMW lehnend – so was von cool! Die Aufgabe, selbst einen Rap zu

schreiben und vor der Klasse vorzutragen, wäre doch die perfekte Gelegenheit,

um aus ihrem spießigen Trott auszubrechen. Damit ihr Rap so

richtig gangsta-mäßig daherkommt, müssen sie aber erst einmal ihre

Bravheit ablegen und irgendetwas Verrücktes, ja Verbotenes tun. Und

dafür bietet sich keiner besser an als Horst »Hotte« Zimmermann, der

von seinem Kiosk aus immer alle Kinder anschreit. Sie widmen ihm ihren

ersten Rap und wollen ihm einen Streich spielen. Dabei kommen

ihnen aber zwei fiese Schlägertypen in die Quere, die Hotte aus seinem

Kiosk vertreiben wollen. Schon stecken sie mitten in einem echten und

so gar nicht braven Abenteuer!

Dieser originelle Großstadtroman, flott und amüsant erzählt, spielt gekonnt

mit Klischees und beschert uns zwei Jungs, die mit ihrer tollen

Freundschaft und ihrem Einfallsreichtum begeistern. (sr)

Ab 9 Jahren.

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Jochen Till / Raimund Frey (Ill.)

Luzifer junior. Zu gut für die Hölle

Loewe Verlag, 12,95 Euro

Natürlich liegt es nahe, dieses Buch als »höllisch gutes Lesefutter« zu

beschreiben. Aber genau das ist es tatsächlich. Und es sprüht und brodelt

vor skurrilen Ideen. Da ist die Hölle, die Luzifer später mal vom

Papa übernehmen soll. Diese Hölle ist ein gut geführtes Unternehmen,

in dem jeder seine gerechte Strafe bekommt. Und da ist Papa –nicht

gerade technikaffin –, der von seinem Assistenten, der die papierlose

Hölle einführen will, nahezu in den Wahnsinn getrieben wird. Vor allem

aber ist da Luzifer junior, der viel zu lieb für so einen Höllenjob ist und

auf der Erde lernen soll, wie man richtig böse wird. Das Böse in Person

trifft er im St. Fidibus Internat: Sein Mitschüler Torben drangsaliert

die anderen bei jeder sich bietenden Gelegenheit, auch Lilly, Aaron und

Gustav, mit denen sich Luzifer gerade ein wenig angefreundet hat. Und

plötzlich ist Luzifer gar nicht mehr so sicher, ob er wirklich so wie Torben

sein will.

Eigentlich müsste hier noch ein Loblied auf Luzifers knuddeliges Haustier

folgen, aber das würde wirklich den Rahmen sprengen. Erwähnt sei

aber auf jeden Fall noch, dass Luzifers Abenteuer fortgesetzt wird und

dass sich auch die Hörbücher überaus lohnen! (sr)

Ab 10 Jahren.

14 KUDU


Jory John & Mac Barnett / Kevin Cornell (Ill.)

Miles & Niles. Hirnzellen im Hinterhalt

Aus dem Amerikanischen von Alexandra Ernst

cbt, 13,– Euro

Yawnee Valley ist ein Kaff mit fast mehr Kühen als Einwohnern. Klar

ist, dass sich Miles’ Freude, dorthin zu ziehen, in Grenzen hält. Ebenso

klar ist für ihn, dass er an der neuen Schule genau da weitermachen will,

wo er an der alten aufgehört hat: als der größte Witzbold und Trickser

schlechthin. Dumm nur, dass Niles genau diesen Platz an der Schule

bereits innehat. So leicht gibt sich Miles nicht geschlagen und es entspinnt

sich zwischen ihm und Niles ein genialer Streiche-Wettstreit.

Aber – immer wenn Miles meint, er habe endlich die Nase vorn, belehrt

Niles ihn eines Besseren.

Das Buch ist oft hochgradig albern, dabei clever und kurzweilig. Auch

als Hörbuch große Klasse, denn Christoph Maria Herbst hat spürbar

großen Spaß an den ausgeklügelten Streichen der Jungs! (sr)

Ab 10 Jahren.

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Rüdiger Bertram /Heribert Schulmeyer (Ill.)

Die Jungs vom S.W.A.P. Operation Deep Water

Oetinger Taschenbuch, 7,99 Euro

Der ganze Schlamassel beginnt mit einer unscheinbaren Dose Ravioli.

Denn wäre Tim nicht auf die grandiose Idee gekommen, die Dose auf

einer heißen Motorhaube zu erhitzen, wäre die Dose auch nicht explodiert.

Und wäre sie nicht explodiert, hätte es den Unfall nicht gegeben,

bei dem ausgerechnet Agent 0001 ausgeschaltet wurde und im Krankenhaus

landete. Und Tim und sein bester Freund Bob wären niemals

zum S.W.A.P. gekommen! Freuen wir uns also, dass Tim die geniale Ravioli-Warmmach-Idee

hatte und nun nachgelesen werden kann, was den

beiden Jungs auf ihrer Suche nach dem gefährlichen Superschurken

Prof. Hazweio widerfährt.

Verraten werden kann auf jeden Fall, dass hier ein spannendes Abenteuer

wartet – mit ordentlich Wums, Zisch und viel absurder Situationskomik,

die Heribert Schulmeyer auch in seinen Illustrationen genial

festgehalten hat. (sr)

Ab 10 Jahren.

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Martin Muser

Kannawoniwasein. Manchmal muss man einfach verduften

Carlsen Verlag, 12,–Euro

Mit zehn ist man schließlich alt genug, um allein mit dem Zug zu fahren,

findet Finn. Hätte er allerdings gewusst, dass sich diese Zugfahrt

zu einem unvergesslichen Abenteuer entwickelt, wäre er weniger entspannt

in den Regionalexpress eingestiegen. Vor allem aber hätte er

wesentlich besser auf seinen Rucksack aufgepasst, der ihm schon nach

ein paar Haltestellen geklaut wird. Ohne Rucksack keine Fahrkarte und

ohne Fahrkarte kein Weiterkommen. Er wird nämlich von einem äußerst

mies gelaunten Kontrolleur erwischt, der ihm die Geschichte mit

dem Diebstahl nicht abnehmen will und kurzerhand die Polizei ruft. Das

kann ja wohl alles nicht wahr sein! Und so nutzt Finn die erste Gelegenheit,

abzuhauen und sich zu Fuß auf den Weg zu machen. An seiner

Seite ist die forsche Jola, die ihre eigenen Gründe hat, warum sie in die

Stadt kommen will. Gemeinsam sind sie ein absolutes Traumgespann,

das nichts erschüttern kann.

Ein ganz wunderbar komischer und sehr packender Roadtrip, der auch

in der von Stefan Kaminski gelesenen Hörfassung voll und ganz überzeugen

kann! (sr)

Ab 10 Jahren.

R. T. Acron

Ocean City. Jede Sekunde zählt

dtv, 8,95 Euro

Ocean City ist eine gigantische Stadt, die mitten auf dem Meer treibt.

Hier leben Jackson und sein Freund Crockie –zwei Tüftler, die eigentlich

mehr aus Spaß an einem Transponder gearbeitet haben, mit dem

man Zeitkonten anzapfen kann. Zeit ist die wichtigste Währung in Ocean

City und anscheinend hat Crockie den Transponder tatsächlich aktiviert,

um seiner Familie ein wenig Extrazeit zu verschaffen. Wie sonst

ist es zu erklären, dass nach einer Kontrolle ihrer Decoder, auf denen ihr

Zeitguthaben verzeichnet ist, auf sie geschossen wird und Crockie vor

Jacksons Augen im Kanal ertrinkt? Noch geschockt von dem Gesehenen

realisiert Jackson, dass er dringend die Mappe mit den Zeichnungen

des Transponders finden muss. Denn der weckt auf jeden Fall Begehrlichkeiten

und kann auch ihn und seine Familie in Gefahr bringen.

Hinter dem Pseudonym R. T. Acron stecken die beiden erfolgreichen Autoren

Frank Maria Reifenberg und Christian Tielmann, die gemeinsam

diese packende und vor allem actiongeladene Science-Fiction-Geschichte

geschrieben haben. Der echt fiese Cliffhanger muss nicht weiter stören,

weil es Im Versteck des Rebellen und Stunde der Wahrheit ebenso

rasant weitergeht. (sr)

Ab 12 Jahren.

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Tobias Steinfeld

Scheiße bauen: sehr gut

Thienemann Verlag, 12,–Euro

Paul ist einer, der so leicht wie möglich durchs Leben kommen will. Seine

Faulheit ist auch daran schuld, dass er vergessen hat, sich rechtzeitig

um ein Schülerpraktikum zu kümmern, und nun nur noch ein Platz in

der örtlichen Förderschule frei ist. Wie immer zu spät, trifft er an seinem

ersten Praktikumstag eine folgenschwere Entscheidung: Er wird

für den neuen Mitschüler Per gehalten und beschließt, diesen Irrtum

nicht zu korrigieren. Schließlich hat er als Schüler Per in diesem Haufen

Minderbemittelter weniger Stress als der Praktikant Paul. Aber es

ist stressig, das Lügengebilde aufrechtzuerhalten, immerhin muss er ja

verhindern, dass der echte Per auftaucht…

Tobias Steinfeld, der selbst als Inklusionshelfer an einer Förderschule

gearbeitet hat, schafft es mit seiner unkomplizierten und frischen

Erzählweise, einem ernsten Thema mit Humor zu begegnen und den

Lesern trotzdem reichlich Stoff zum Nachdenken über Freundschaft,

Toleranz und das vermeintliche Normalsein an die Hand zu geben. (sr)

Ab 14 Jahren.

KUDU

15


Kinder- und jugendbuch

Susanne Straßer

Fuchs fährt Auto

Peter Hammer Verlag, 14,90 Euro

»Fuchs fährt Auto.Tipp tapp, tipp

tapp mit den Füßen. Fuchs rattert

über Schotter. Holterdiepolter,

so ein Geholper! Maus fährt mit,

Fuchs merkt nichts.« Gut gelaunt

beginnt der Fuchs seine Ausfahrt

mit dem roten Tretauto. Flitzt

durch Pfützen, fährt Kurven,

linksherum und rechtsherum und

bemerkt bei alledem gar nicht,

dass er längst nicht mehr alleine

unterwegs ist. Die Maus ist die

erste Mitfahrerin, bevor der Maulwurf,

der Vogel, die Schlange auf

seinem Schwanz aufspringen und

mit dem Fuchs die wilde Fahrt genießen.

Bei ihnen bleibt es aber

nicht und irgendwann stellt der

Fuchs fest, dass etwas gar nicht

stimmt und sein Vorankommen

immer beschwerlicher wird.

Die Freude der Tiere, wenn es

plitscht, platscht, bergauf, bergab

geht, ist einfach ansteckend.

Kleine Spannungsmomente und

Susanne Straßers charmanter

Witz, der sich auch in den vielen

liebevoll skizzierten Momenten

widerspiegelt, lassen dieses Buch

zum Liebling im Kinderzimmer

werden. (sr)

Ab 2 ½ Jahren.

Richard T. Morris /

LeUyen Pham (Ill.)

Dann kam Bär

Aus dem amerikanischen Englisch

von Uwe-Michael Gutzschhahn

cbj, 15,– Euro

Der Fluss war solange ein Fluss,

bis – ja, bis Bär kam. Der wusste

noch nicht, welche Überraschungen

der Fluss für ihn bereithielt,

bis – bis Froschi auf seinem Kopf

landet, ein einsames Froschmädchen,

das sich nichts sehnlicher

als einen Freund wünscht. Nun

sind sie schon zu zweit auf dem

Wasser, doch es stoßen noch mehr

Abenteuerhungrige zu ihnen. Die

Schildkröten, die bislang nicht

ahnten, wie viel Spaß es macht,

unterwegs zu sein. Der Biber, der

geborene Kapitän, der (fast) immer

weiß, wo’s lang geht. Bärs

Reisegruppe wird größer und größer,

bis – ja, bis es für alle in einem

herrlich chaotischen Badespaß

endet. Dieses Bilderbuch ist Lebenslust

pur und zeigt auf fröhliche

Weise, wie wunderbar es sein

kann, sich auf Unbekannte und

Unbekanntes einzulassen. (sr)

Ab 4 Jahren.

Suzanne & Max Lang

Jim ist mies drauf

Aus dem Englischen

von Pia Jüngert

Loewe Verlag, 12,95 Euro

Es gibt diese Tage: der Himmel ist

knallblau, die Sonne scheint und

doch ist Jim Panses Laune eher bescheiden.

Dabei ist es auch nicht

gerade zuträglich, dass ihn alle

darauf ansprechen und einfach

behaupten, Jim hätte schlechte

Laune. Hat er nicht, ganz sicher.

Aber er mag auch nicht singen wie

die Vögel, um den Sonnentag zu

feiern oder in den Bäumen schaukeln

oder gar einen Spaziergang

machen. Er will nicht tanzen oder

planschen, lachen oder hüpfen. Er

will nichts von alledem, schon gar

nicht, wieder und wieder gefragt

werden, warum er denn so mies

drauf ist an einem so schönen Tag.

»Ich habe keine schlechte Laune«

platzt es irgendwann lautstark

aus ihm heraus, bevor er allen anderen

davon stapft.

Mit Witz und Feingefühl wird

Kindern hervorragend vermittelt,

dass es absolut in Ordnung

ist, auch mal schlechte Laune zu

haben, es aber nicht unbedingt

förderlich ist, sich zu verstellen.

Mit diesem tollen Bilderbuch

kommt man ganz unverkrampft

mit Kindern über deren Gefühle

ins Gespräch – vor allem, wenn sie

gerade selbst unleidlich sind. (sr)

Ab 4 Jahren.

Katja Gehrmann (Ill.) /

Constanze Spengler

Seepferdchen sind ausverkauft

Moritz Verlag, 14,– Euro

»Wenn du ein Haustier hättest«,

fragt Papa langsam, »würdest du

dann ganz leise mit ihm spielen

und mich nicht stören, bis ich mit

der Arbeit fertig bin?« Wenn der

Vater geahnt hätte, was dieser

Satz bewirkt, hätte er Arbeit Arbeit

sein lassen und wäre sofort

mit seinem Kind zum Badesee

gefahren. So aber löst er eine wahre

Kettenreaktion aus, denn die

Zoohandlung liegt gleich ums Eck

und eine Maus wird die neue Mitbewohnerin.

Es folgt ein Hund,

um die verschwundene Maus aufzuspüren,

ein Seehund, der die

Aufsicht im Bad übernimmt und

darauf achtet, dass alle die Toilette

richtig benutzen, ein Pinguin,

der der Maus schwimmen beibringen

soll – nach und nach hält die

halbe Zoohandlung Einzug in die

Wohnung. Und Papa? Der ist so

beschäftigt, dass er von alledem

nichts mitbekommt! Ein (Kinder-)

Traum wird wahr in dieser so turbulenten

wie liebenswerten Bilderbuchgeschichte

und dass am

Ende alle – wirklich alle! – fröhlich

im Badesee planschen, ist besonders

schön! (sr)

Ab 4 Jahren.

16 KUDU


Sven Maria Schröder

Max und Mux

und der Riesenwunschpilz

Boje Verlag, 14,90 Euro

Der Fabelwald ist die Heimat von

Max und Mux, beste Freunde

und rein optisch eine drollige Mischung

aus Außerirdischen und

Wichteln. Während Max neben

Käsekuchen vor allem Abenteuer

liebt, erlebt Mux letztere lieber

in Büchern als im echten Leben.

Dass es mal ein Buch sein würde,

das die Freunde in ein Abenteuer

stürzt, hätte Mux wohl niemals

vermutet. Doch es ist ein

Fundbuch, eines über Pilze, über

das Max im Fabelwald stolpert

und schon staunen beide über

den Gabeltäufling oder Klapperschwamm.

Es ist aber der weißblaue

Wunschpilz im Nadelwald,

der es ihnen besonders angetan

hat, denn der kann Wünsche erfüllen.

Zu finden ist er allerdings nur

dort, wo die Nadelbäume wachsen

und die furchteinflößenden Riesen

leben. Ein wimmeliges Bilderbuch

mit ganz, ganz vielen skurrilen

Details, das Vorlesespaß

garantiert – ganz in der Tradition

von Jakob Martin Strids Die unglaubliche

Geschichte von der Riesenbirne.

(sr)

Ab 5 Jahren.

Silke Lambeck /

Karsten Teich (Ill.)

Herr Röslein

Gerstenberg Verlag, 13,– Euro

Seit Moritz mit seinen Eltern und

seinem kleinen Bruder Tim in

die neue Stadt gezogen ist, gibt

es einige Probleme in seinem Leben.

Zwei Jungs aus seiner neuen

Klasse piesacken ihn, am liebsten

würde Moritz überhaupt nicht

mehr zur Schule gehen. Aber Moritz’

Eltern haben im Moment ihre

eigenen Sorgen – Mama wegen ihres

unausstehlichen neuen Chefs,

der ihr sogar den lang ersehnten

Urlaub streicht, und Papa, weil

er sich um den kleinen Tim und

die kranke Großmutter kümmern

muss. Doch eines Tages trifft Moritz

Herrn Röslein im Treppenhaus.

Der freundliche ältere Herr

mit dem grauen Zopf ist kein gewöhnlicher

Nachbar, das merkt

Moritz schnell. Er kann die besten

Orangenkekse backen, weiß, wo

man im Park Regenschirme erntet

und wo man kleine Parktiger

findet. Herr Röslein kann mit Elefanten

sprechen, hat eine private

Buslinie samt Fahrer und kennt

eine wundersame Eisdiele, in der

das Eis passend zur Gemütslage

serviert wird. Und er schafft es

sogar, Mamas grantigen Chef in

einen freundlichen Menschen zu

verwandeln. Herr Röslein ist zu

wunderbar, um von dieser Welt zu

sein, aber es wäre schön, jemanden

wie ihn zu kennen. Abenteuerlich,

fantasievoll und herrlich

verrückt. (sr)

Zum Vorlesen ab 6.

Stefanie Höfler / Anke Kuhl (Ill.)

Helsin Apelsin und der Spinner

Beltz Verlag, 12,95 Euro

Helsin ist durchaus ein fröhliches

Mädchen und das sogar schon am

frühen Morgen. In manchen Situationen

aber bekommt sie einen

Spinner, dann kocht alle Energie

in ihr über und sie schmeckt nur

noch feuerrot. In ihrer Klasse haben

alle längst gelernt, mit diesen

Wutausbrüchen umzugehen, doch

leider weiß Louis, der Neue, nichts

davon und bekommt einen Spinner

mit voller Wucht zu spüren.

Und Louis wird Helsin noch lange

beschäftigen, denn alle kommen

prima mit ihm aus, auch ihr bester

Freund Tom. Noch mehr trifft sie

aber, dass Louis allen außer ihr

sein Geheimnis gezeigt hat, und

das will sie sich nicht gefallen lassen.

Kurzerhand schnüffelt sie in

seinem Rucksack nach und findet

dort einen waschechten Leguan.

Blöderweise hört sie in genau

diesem Moment die Stimmen der

anderen Kinder und lässt das Tier

in der eigenen Tasche verschwinden.

In was für eine missliche Situation

hat sie sich damit bloß gebracht?

Und wie soll sie da wieder

rauskommen? Von Helsins Dilemma,

dem Klumpen in ihrem Bauch,

der wie ihr Lügengebilde immer

größer wird und von einer Freundschaft

mit Hindernissen erzählt

Stefanie Höfler mit ihrem feinen

Humor, behutsam und verständnisvoll.

Sehr gut auch zum Vorlesen

in der Klasse geeignet. (sr)

Ab 7 Jahren.

Marc ter Horst /

Wendy Panders (Ill.)

Palmen am Nordpol.

Alles über Klimawandel

Aus dem Niederländischen

von Rolf Erdorf

Gabriel Verlag, 19,– Euro

Viel ist zu diesem Thema erschienen,

Palmen am Nordpol ist (momentan

noch) das ausführlichste

Buch, das weit in der Vergangenheit

beginnt, als die Erde aussah

wie eine gigantische Schneekugel

und das mit Zukunftsszenarien

und beliebten Ausflüchten derer,

die am liebsten nichts an ihrem

Verhalten ändern wollen, endet.

Anschaulich wird unter anderem

der Zusammenhang zwischen

steigenden Temperaturen und

der Schmelze des Permafrost beschrieben.

Das Zusammenspiel

zwischen Physik, Chemie, Geologie,

Biologie und Meteorologie,

erklärt Marc ter Horst sehr gut

verständlich und anhand vieler

Beispiele. Er endet mit seiner eigenen

Zerrissenheit zum Thema Klimawandel:

Er duscht auch gerne

lange und lebt sowieso weit weg

vom ansteigenden Meeresspiegel.

Gleichzeitig denkt er aber auch an

seine Kinder und weiß, dass er es

mit in der Hand hat, in welcher

Welt sie später leben werden.

Nicht nur für Jugendliche ein sehr

lesenswerter und eindringlicher

Appell, heute schon an morgen zu

denken, denn jeder kann seinen

kleinen Teil dazu beitragen, dass

unsere Erde lebenswert bleibt! (sr)

Ab 10 Jahren.

Kinder- und jugendbuch

KUDU

17


Kinder- und jugendbuch

Stefanie Zysk / Lars Baus (Ill.)

Mein Herbarium Blütenzauber.

Gartenpflanzen sammeln & bestimmen

Coppenrath Verlag, 22,– Euro

Wunderschön anzuschauen und praktisch zugleich – das ist dieses Herbarium,

das als sehr hübsch gestalteter Ordner daherkommt. Dabei sind

die nostalgisch anmutenden Illustrationen so detailgetreu, dass Kinder

ohne Mühe die vorgestellten Pflanzen in der Natur finden und gleich im

Grünen mit der Suche loslegen können. Gänseblümchen, Löwenzahn,

später dann Lavendel oder Ringelblume – die hier vorgestellten Pflanzen

wachsen gleich ums Eck und können vorsichtig gepflückt, getrocknet

und auf den speziell dafür vorgesehenen Seiten hinter Pergamentpapier

eingeklebt werden. So entsteht nach ein paar Spaziergängen ein

individuelles Nachschlagewerk. (sr)

Ab 8 Jahren.

Anna Woltz / Lena Hesse (Ill.)

Sonntag, Montag, Sternentag

Aus dem Niederländischen von

Andrea Kluitmann

Carlsen Verlag, 10,– Euro

Eines schönen Tages stand ein

Umzugswagen direkt vor Noras

Haustür und das Mädchen platzt

schier vor Neugier: Wer ist der

schlecht gelaunte Junge, der nebenan

einzieht und was hat es

mit der schwarzen Kiste auf sich,

über die er partout nichts erzählen

will? Damit ist Noras Erfindergeist

geweckt, der zwar in der

Vergangenheit wenig Gutes bewirkt

hat, aber dieses Mal Wunder

vollbringen soll. Eine Art Pümpel

soll es nun werden; so einer, mit

dem Nora den Kopf von Ben, dem

Nachbarsjungen, entstopfen will,

damit der sich endlich mal normal

verhält. Während sie in ihrer

Dachkammer tüftelt, hört sie nebenan

seltsame Töne, anscheinend

liegt sein Zimmer direkt

neben ihrem. Wie praktisch, dass

die beiden Räume über eine Luke

verbunden sind! Klammheimlich

schlüpft sie ins Nachbarhaus und

macht dabei eine Entdeckung,

bei der Noras Hang zum Tüfteln

dringend gebraucht wird. Auch in

ihrem Buch für die jüngeren Leser

bleibt sich Anna Woltz treu und

lässt die Erwachsenen außen vor.

Sie lässt die pragmatische Nora

einfach machen, um Bens Problem

mit seiner Schüchternheit zu

lösen. Und wie sie das macht, ist

einfach großartig! (sr)

Ab 8 Jahren. (Prima auch zum

Vorlesen ab 6 geeignet.)

Markus Orths / Lena Winkel (Ill.)

Luftpiraten

Ueberreuter Verlag, 14,95 Euro

Hoch oben am Himmel, für alle

Menschen unsichtbar, leben die

Luftpiraten; eine Ansammlung

mies gelaunter und ewig streitender

Gestalten. Einer von ihnen,

der Lehrer Adiaba, hat eines Tages

einen guten Grund, besonders

laut zu fluchen, als er vor seiner

Tür ein Luftpiratenkind findet. In

Adiabas Welt bedeutet das nichts

weniger, als dass er sich ab nun

um den Kleinen kümmern muss,

ob er will oder nicht. Doch irgendetwas

ist seltsam an dem Baby,

das er Zwolle nennt: Es ist weiß

und nicht grau, wie alle anderen.

Es schreit auch nicht, sondern lächelt

ihn an, bringt damit sogar

Adiabas zum Lachen, etwas, was

ihm gänzlich unbekannt ist.

Entgegen aller Vernunft, denn eigentlich

sind weiße Nachkömmlinge

nicht erlaubt, behält er Zwolle bei

sich und zieht ihn in aller Heimlichkeit

auf. Lange geht das nicht gut,

ist der Junge doch viel zu neugierig

auf alles, was außerhalb seines Luftlochs

geschieht. So malt er sich grau

an und stiefelt am Einschulungstag

geradewegs auf die Schule zu und

hinein in ein Abenteuer, dass es in

sich hat. Mit dabei: Kaspar, sein

sprechendes Luftikus-Haustier,

das sich in alles verwandeln kann.

Franka, die wildeste und begabteste

Luftpiratenschülerin von allen.

Und leider auch Peer Dekret,

einziges Mitglied des Luftpiratenverwaltungsrates,

der erstaunt

bemerkt, dass Zwolles graue Farbe

tropft. Sprachgewaltig breitet

Markus Orths sein fantasievolles

und unglaublich fesselndes Luftabenteuer

aus und beschert den

Lesern damit unvergleichliche Lesestunden.

(sr)

Ab 10 Jahren.

18 KUDU


Katherine Applegate

Endling. Die Suche beginnt

Aus dem Englischen von Ulli und

Herbert Günther

dtv / Reihe Hanser, 15,95 Euro

Byx ist eine der letzten Dalkins,

auf jeden Fall aber die letzte ihres

Rudels. Ein Endling. Nachdem sie

Tobble, einem kleinen Wobbyk,

das Leben rettet, findet sie in ihm

einen Verbündeten, der mit ihr

auf eine gefährliche Reise geht.

Immer wieder tauchten zuvor Gerüchte

auf, dass weit entfernt im

Norden ein weiteres Dalkin-Volk

leben soll; das gilt es nun zu

finden. Die Dritte im Bunde ist

Khara, ein Menschenmädchen in

Jungenkleidung, mit Geheimnissen

und einem juwelenbesetzten

Schwert. Am Anfang noch Fremde,

wachsen die drei mit jedem

neuen Abenteuer immer mehr zu

einer kleinen Familie zusammen.

Zusammenhalt braucht es auch

in dieser Welt, in der Menschen

nicht davor zurückschrecken,

aus Machterhalt und Habgier andere

Arten auszurotten. Und als

sie herausfinden, um was es den

Herrschenden wirklich geht, werden

sie schnell von Suchenden zu

Gesuchten.

In ihrem neuen Roman gibt Katherine

Applegate aktuellen Themen

einen fantastischen Rahmen –

großartige Unterhaltung mit Tiefgang!

(sr)

Ab 11 Jahren.

Stepha Quitterer

Weltverbessern für Anfänger

Gerstenberg Verlag, 16,–Euro

»Weltverbessern für Anfänger«

lautet das Motto des diesjährigen

Schul-Wettbewerbs, bei dem am

Ende eine Reise nach Tallinn für

die Siegerklasse winkt. Besonders

groß ist die Motivation in Minnas

Klasse nicht gerade, sind doch alle

sehr damit beschäftigt ihre Grenzen

auszuloten, besonders gegen

die Lateinlehrerin Griesinger. Ein

Besuch im Pflegeheim ändert für

Minna alles. Als sie sieht, wie das

überforderte Pflegepersonal mit

ihrer Oma umgeht, macht sie das

traurig und wütend zugleich. Kurzerhand

beschließt sie, mit ihrem

besten Freund Basti den Heimbewohnern

einen Besuch abzustatten

und ihnen im Kleinen die Welt

ein wenig bunter zu machen. Was

sie damit auslösen, ahnen die beiden

nicht, denn die Alten haben

den Jungen eine Menge mitzugeben,

sogar im Umgang mit der

unbeliebten Lateinlehrerin. Ein

frischer, humorvoller Ton, eine äußerst

anregende Geschichte, die

auch geschickt alle Wirrungen des

jugendlichen Daseins aufgreift

und vielleicht sogar ein Anstoß,

selbst ein wenig die Welt zu verbessern.

(sr)

Ab 12 Jahren.

Rainer Wekwerth

Beastmode. Es beginnt

Planet!, 17,– Euro

Die Beobachtung, die Colonel Matterson

über der Beringsee macht,

ist furchteinflössend. Ein stetig

wachsendes Energiefeld hat sich

dort breit gemacht, in dem sämtliche

Lebewesen der Gegend verschwinden.

Alle militärischen Bemühungen,

das Energiefeld außer

Kraft zu setzen, scheiterten und

nun sollen ausgerechnet fünf Jugendliche

es richten. Was absurd

klingt, hat durchaus Kalkül, denn

alle sind mit außergewöhnlichen

Kräften ausgestattet, die jede Militäreinheit

blass aussehen lassen.

Nur Malcolm wirkt wie ein Anhängsel

der Superhelden-Truppe.

Nicht besonders kräftig, eher trottelig,

ohne nennenswertes Talent,

dafür aber von einem Schutzengel

begleitet, der ihn immer wieder vor

dem sicheren Tod bewahrt. Und

doch ist es seine Cleverness, die

das Team die Prüfung bestehen

lässt, die sie vor ihrem Eintritt in

das Energiefeld absolvieren mussten.

Dahinter sieht es aus wie in

einer Wüste, Sand soweit das Auge

reicht und keine Spuren der Soldaten,

die diesen Weg zuvor eingeschlagen

haben. Als sie herausfinden,

dass sie im alten Ägypten

gelandet sind haben, sie ein echtes

Problem. Wie sollen sie hier den

Ursprung des Energiefeldes ausfindig

machen, zumal sich unter

ihnen vielleicht auch eine Verräterin

befindet? Wer mit diesem Buch

beginnt, sollte sich erst einmal

nichts mehr vornehmen, zu clever

sind die Fährten, die Rainer

Wekwerth legt und die erst nach

und nach das große Ganze ergeben.

Wobei – auserzählt ist die

Geschichte noch nicht, das Finale

erscheint im Sommer! (sr)

Ab 14 Jahren.

David Yoon

Frankly in Love

Aus dem amerikanischen Englisch

von Claudia Max

cbj, 19,– Euro

Seine Eltern sind aus Korea in

Amerika eingewandert, haben

ihre Wurzeln aber nie vergessen.

Frank, der Sohn, spricht kaum

koreanisch und sitzt zwischen

den kulturellen Stühlen. Hautnah

hat er miterlebt, wie seine ältere

Schwester Hanna verstoßen wurde,

als sie sich in einen Farbigen

verliebt hatte. Für Frank hat Liebe

keine Hautfarbe, erst recht nicht,

als er sich in Britt verliebt, die

alles andere als koreanisch ist.

Frank weiß genau um die Einstellung

seiner Eltern und so ist er

froh, als ihm Joy zur Hilfe kommt.

Wie er ist sie koreanischer Abstammung,

ihre und Franks Eltern

treffen sich regelmäßig und ihr

Freund ist so wenig akzeptabel

wie es Britt bei Franks Mum und

Dad wäre. Kurzerhand beschließen

sie, das zu simulieren, was

für ihre Elternteile ein absoluter

Glücksgriff wäre, nämlich ein Paar

zu sein. Aber kann das wirklich

ein gutes Ende nehmen? David

Yoon greift Themen auf, die viele

Jugendliche umtreiben. Die nach

ihren Wurzeln, familiären Bindungen

und Verpflichtungen, nach

dem alltäglichen Rassismus und

auch dem Hin und Her der ersten

Liebe. (sr)

Ab 14 Jahren.

Kinder- und jugendbuch

KUDU

19


Hillesheim – ist das Örtchen in der Vulkaneifel wirklich die Hauptstadt

des Krimis, wie seine Bewohner gerne anbringen? Hier ist

Siggi-Baumeister-Erfinder Jacques Berndorf zu Hause und der

KBV-Verlag, spezialisiert auf Blutrünstiges, ansässig. Es gibt ein

30.000 Bände fassendes Krimiarchiv und ein Café, das sich nach

dem berühmtesten aller Detektive benennt und Sherlock heißt.

Außerdem steht Deutschlands erstes Krimihotel in der Ortsmitte.

Hier, so verspricht das Haus, herrsche eine Mordsstimmung beim

Five o’Clock Tea und hier werde morgens kein Frühstück serviert,

sondern ein Mordsfrühstück. Krimiwanderweg und Krimidinner

in verschiedenen Preisklassen komplettieren das Bild.

Ich erinnere mich an ein weiteres Highlight und muss etwas ausholen:

Jahre zuvor fuhr ich zufällig frühmittags in diesen kleinen

»schauerlichen« Ort, nahm beherzt eine lange Kurve, nur um mein

Fahrzeug vor einem Zebrastreifen durch beherztes Bremsen zum

Stehen zu bringen. Was ich dort sah, kann ich eigentlich bis heute

kaum glauben. Zwölf finstere Gestalten, sechs Männer und sechs

Frauen, überquerten, an den Füßen aneinander gekettet, gekleidet

in schwarz-weißen Sträflingsanzügen die Straße. Dabei wurden

sie von einem großen stattlichen Mann durchs Dorf getrieben, der

mich mit seinem dunkelgrünen Polizeirock und der Pickelhaube

wahlweise an einen Ordnungshüter aus der KuK-Zeit erinnerte oder

besser noch an Wachtmeister Dimpfelmoser, den Preußler’schen

Hotzenplotz-Jäger. Es war kühl an dem Morgen, Nebel waberte

durch den Ort, die Sonne hatte es schwer. Die sechs Damen trugen

über ihrer Sträflingskleidung leichte Steppjacken in lila oder türkis,

sicherlich der letzte Chic des Hillesheimer Damenoberbekleidungsgeschäft

Femme Fatale. Den Männern schien die Kälte nichts

auszumachen. Sie schauten aus glasigen Augen. Ich vermutete frischen,

konnte aber auch Restalkohol nicht ausschließen. Der Ordnungshüter

rief seine Delinquenten zur Eile und trieb sie über den

Zebrastreifen. Mich lachte er an und winkte mir in meinem Auto

zu. Ungläubig fuhr ich ein paar Schritte weiter und erhoffte mir in

einem Café namens Sherlock Aufklärung.

MEKKA FÜR KRIMIFANS

»Sie befinden sich hier im Mekka für Krimifans«, eröffnet mir die

Dame hinter der Kuchentheke, ohne das eigentliche Geheimnis meiner

seltsamen Begegnung zu lüften. Das Café Sherlock gefiel mir

auf Anhieb. Es hatte eine Größe von vielleicht 60 Quadratmetern,

der Boden knarzte und ächzte unter jedem Schritt, die Einrichtung,

wie konnte es anders sein, war antik. Ein bisschen Biedermeier, gemischt

mit Gründerzeit und natürlich jede Menge alter englischer

Utensilien. Die altehrwürdige Standuhr hinten schlug gerade zwölfmal,

als ich das Café betrat. In einer Vitrine fand ich handsignierte

Eifelkrimis. Nicht ganz stilecht, war das Feuer im Kamin künstlich.

Unter uns: hier würde ich auch nicht zündeln wollen.

Die Wände waren gepflastert mit alten Filmplakaten; Edgar Wallace‘

Der Hexer, Agatha Christies Tod auf dem Nil, Fotos von Miss

Marple und Mister Stringer entdeckte ich auch. Auf der anderen

Seite die Frankreichfraktion vertreten durch Simenons Maigret

und der Würger von Montmartre. Alte Ölgemälde und liebevolle

Details wie das Londoner Straßenschild »Bakerstreet« machten

aus dem Raum ein wundervolles Kuriositätenkabinett. In den vielen

Vitrinentischen befanden sich aberdutzende Schaustücke zu

den großen Detektiven der Weltliteratur. Ein Colt, eine Karte von

20 KUDU


L.A. und ein Flasche Old Grand Dad im Phil-Marlowe-Tisch zum

Beispiel. Im Miss-Marple-Tisch lagen nicht nur Strickzeug und der

Schlüssel zu Bertrams Hotel, sondern auch die Fahrkarte des Zuges,

der um 16.50 Uhr Paddington verließ. Außerdem reihten die

Eifelpatrioten Siggi Baumeister mit in die illustre Gesellschaft ein.

Auch er hatte seinen eigenen Tisch, mit Presseausweis und einer

großen Sammlung an Pfeifen.

Ich erinnere mich noch daran, dass niemand Eile hatte. War der

Platz in dem beengten Kaffeehaus einmal ergattert, verweilte man

auch lange. Neben mir saß ein junges Pärchen. Das heißt, er saß,

sie sprang dauernd auf und machte Fotos mit ihrem Handy. Vor

mir saß eine ältere Dame und redete ununterbrochen – mit ihrem

Hund. Eine Dame am Siggi-Baumeister-Tisch las den Trierischen

Volksfreund und verputzte, ohne von ihrer Lektüre aufzusehen,

eine Riesenportion Miss-Marple-Cream-Tea, laut Speisekarte war

das ein echter Genuss zur Teezeit: eine Kanne Tee, frische Scones,

Erdbeermarmelade und original englische »clottered cream«, eine

Sahne, die so mächtig ist, dass sie sich schneiden lässt.

»Schatz!«, hörte ich sie sagen. »Ich möchte noch ein wenig shoppen.

Wo ist denn hier die nächstgrößere Stadt?« Der Schatz ihr gegenüber

brummte nur: »Köln!« Er schien sich in der Eifel auch nicht

ganz so wohl zu fühlen. Schließlich betraten noch zwei miteinander

befreundete Paare den Raum. Lehrer, fragte ich mich und schürte

meine kleinen Vorurteile. Es vergingen auch keine drei Minuten

der Speisekartenlektüre und einer der vier fand den ersten Rechtschreibfehler.

Vorsichtig triumphierend wurde die Bedienung an

den Tisch zitiert …

Es war bald fünf Uhr, als ich um meine Rechnung bat und um

Aufklärung, schließlich konnte ich mir die zwölf Schwarzweißen

vom Vormittag immer noch nicht gänzlich erklären. Jetzt war auch

die Dame hinter der Theke gesprächiger. Ein Hotel gäbe es im Ort,

ein paar Straßen weiter, der Amtsrichter, erzählte sie. »Dort kannst

du solche Peinlichkeiten buchen. Übernachten in einer Gefängniszelle,

Einnehmen der Henkersmahlzeit, Trinken des Schierlingsbechers

und Ausnüchterungsmarsch in angemessener Kleidung am

Morgen danach. Den Leuten scheint’s zu gefallen, ich kenne welche,

die haben das schon das dreimal gebucht.«

Hillesheim feilt immer noch an seinem Image als Krimihauptstadt,

die Aktivitäten im Amtsrichter sind allerdings Geschichte, wie der

Hotelier mit angenehmen niederländischen Akzent mir am Telefon

versichert: »Nein, nein, wir sind jetzt seriös. Schon lange!«

Auch das Café Sherlock hat einen neuen Standort wie ein neues

Gesicht bekommen. Man findet es vielleicht hundert Meter vom

alten Domizil entfernt im Krimihaus. Größer ist es geworden. Es

gibt jetzt ein Orientexpress-Abteil, außerdem hat man hat weitere

Thementische aufgestellt. Ich sitze zum Beispiel am Inspector-Colombo-Tisch

direkt gegenüber der Theke. Die reich bestückte Kuchenvitrine

fällt mir auf und ich wundere mich über einen älteren

Herrn, der in einer Denkschleife immerzu murmelt: »Aber heute

gibt es ja gar keinen schönen Kuchen. Keinen schönen Kuchen.«

»Kuchen muss nicht schön sein«, antwortet die erfahrene Bedienung.

»Er muss schmecken. Suchen Sie sich was aus, ich komm

dann an ihren Tisch.«

»Bis Sie zu mir an den Tisch kommen, habe ich alles wieder vergessen.

Das müssen wir schon hier erledigen.«

»Das glaube ich Ihnen gerne.« Der Herr hat den ironischen Unterton

nicht bemerkt. »Was soll’s denn sein?«

»Einmal Käse-Sahne!«

Was für ein Dialog, denke ich, aber bevor ich laut lache, beschäftige

mich besser mit der Speisekarte und bestelle einen Toast Thomas

Magnum, der in meiner Kindheit einfach Toast Hawaii genannt

wurde. Egal. Er schmeckt.

Thomas Schmitz

SLOW DOWN

HILLESHEIM 2020

Mörderisch gute

Unterhaltung!

ISBN 978-3-89425-644-9 · € (D) 14,00 ISBN 978-3-89425-634-0 · € (D) 12,00 ISBN 978-3-89425-675-3 · € (D) 13,00

www.grafit.de

KUDU

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7x KRIMI

Davide Longo

Die jungen Bestien

Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner

Rowohlt Verlag, 22,– Euro

Oft genug ist es ja so, dass man durch einen Krimi, ist er nur spannend

genug, geradezu gezogen wird. Da bleibt (bei mir zumindest) der eine

oder andere Satz, die eine oder andere Seite Text schon mal auf der

Strecke. Und, unter uns, das ist nicht weiter schlimm. Anders bei Davide

Longo. Keines seiner Bücher konnte ich bisher einfach weglesen. Zu

komplex die Handlung, zu wichtig das, was außerhalb des eigentlichen

Krimistranges erzählt wird. Das ist in Die jungen Bestien nicht anders.

Nur langsam entwickelt sich eine Handlung von großer Tragweite. Beim

Bau der Eisenbahnschnellstrecke Mailand-Turin finden Bauarbeiten

bei Ausgrabungen zunächst ein, kurze Zeit später noch zehn weitere

menschliche Skelette. Ein eilig einberufenes Sonderdezernat beschließt,

den denkbar einfachsten, aber möglichen Weg zu gehen und

erklärt die elf Toten zu Opfern aus den Tagen des Zweiten Weltkriegs.

Partisanen, Verräter, Vergeltungsopfer – eigentlich egal, ist doch alles

lange her. Aber wie erklärt sich der Fund eines Jeansknopfes einer Marke,

die es zu jener Zeit nicht gegeben hat? Wieso sind Operationsspuren

an einem Oberschenkelknochen zu erkennen, die nicht aus der Zeit

stammen können?

Kommissar Bramard, sein Assistent Arcadipane und die strafversetzte

Kollegin Isa gehen einer anderen vagen Idee nach: In den 1970er Jahren

verübten linksorientierte Jugendliche einen Brandanschlag auf eine

Parteizentrale, bei der ein unbeteiligter, zufällig im Gebäude befindlicher

Mann auf grausame Weise zu Tode kam. Die Verantwortlichen

konnten nie zur Rechenschaft gezogen werden, da sie plötzlich wie vom

Erdboden verschluckt waren. Die drei Polizisten nähern sich beharrlich

einer Wahrheit, die von der Politik auch heute noch am liebsten unter

den Teppich gekehrt würde. (ts)

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Friedrich Glauser

Die Wachtmeister-Studer-Romane, 6 Bände

Unionsverlag, 39,– Euro

Vielleicht gibt es ja Krimifreunde, die den Schweizer Friedrich Glauser

noch nicht kennen. Jetzt wäre Gelegenheit, den Schriftsteller kennenzulernen,

der, Ende des 19. Jahrhunderts geboren, nur 42 Jahre alt wurde

und einen beträchtlichen Teil seines Lebens in Armenhäusern und psychiatrischen

Anstalten verbracht hat. Sechs Bände um Jakob Studer,

Wachtmeister bei der Berner Kantonspolizei, hat der Unionsverlag in

einer schön edierten Taschenbuchausgabe herausgegeben. Spannende

und zu Herzen gehende Kriminalromane angesiedelt da, wo Studer sich

am besten auskannte: unter Menschen, die außerhalb der Gesellschaft

stehen; ihnen widmete Glauser seine Geschichten. (ts)

Anthony J. Quinn

Gestrandet

Aus dem Englischen von Robert Brack

Polar Verlag, 20,– Euro

Mafiöse Strukturen in Irland, gibt es die? Hat sie schon einmal jemand

beleuchtet? Was ist mit all den IRA-Kämpfern, für die es schon lange

nichts mehr zu kämpfen gibt? Eine exakte Antwort darauf kann ein Roman

natürlich nicht geben, aber eine Ahnung davon, dass nichts wirklich

vorbei ist, gibt Gestrandet schon.

Quinn erzählt die Geschichte eines nordirischen Polizisten, der der

organisierten Kriminalität zu nah kommt. Celsius Daly, Inspector der

Northern Irish Police, wird gerufen, als ein Toter ans Ufer des Lough

Neagh gespült wird. Der Tote wird als Polizist der Republik Irland identifiziert

und Daly findet anhand von Akten schnell heraus, dass er einem

bekannten, äußerst brutalen Schmuggler, dem ehemaligen IRA-Mann

Tom Morgan, auf der Spur war. Deshalb ist er sehr verwundert, als von

offizieller Seite der Fall als Suizid abgetan werden soll.

Spannend und literarisch ausgesprochen gut, wird die dunkle Seite der

Kleeblattinsel beleuchtet. (ts)

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Pascal Engman

Feuerland

Aus dem Schwedischen von Nike Karen Müller

Tropen Verlag, 17,– Euro

Vanessa Frank ist Kriminalkommissarin. Eigentlich in Stockholm. Ihr

nächster Fall wird sie allerdings um den ganzen Globus führen, auf der

Suche nach skrupellosen Entführern, Erpressern und einem international

agierenden Organhändler-Ring. Auslöser ist ein Überfall auf einen

Uhrenladen mitten in Stockholm, bei dem nicht eine Uhr entwendet

wird, aber kurze Zeit später zwei Männer spurlos verschwinden. Die

Sondereinheit Nova wird mit den Ermittlungen betraut und Vanessa

Frank nimmt ihre Arbeit auf. Rasant und mit immenser Sogwirkung

bereitet dieser Thriller von der ersten Seite an ein Lesevergnügen mit

guten Wendungen und einem zunehmenden Mitfiebern. (dh)

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Stephan Ludwig

Unter der Erde

Fischer Scherz, 14,99 Euro

Mit seiner Zorn-Reihe gehört Stephan Ludwig bereits zu den etablierten

und hochgelobten Krimi-Autoren des Landes. Daher gilt neben der

dringenden Leseempfehlung für diesen neuen Thriller aus der Hand

Ludwigs auch die Empfehlung, unbedingt die Zorn-Reihe zu beachten.

Der in der Lausitz spielende Roman ist düster. Die Arbeit der Ermittler

wird häufig genug von Grausamkeit überschattet und es läuft dem Leser

ob der Skrupellosigkeit einiger Bewohner des Dorfes Volkow eiskalt

den Rücken hinunter. Volkow, ein Dorf, das dem Kohlebergbau weichen

soll, widersetzt sich den Zwangsräumungen erfolgreich. Nicht aus nostalgischen,

traditionellen oder menschlichen Gründen – nein, weil dieses

Dorf ein grausames Geheimnis birgt. Getragen wird die Geschichte

von Elias Haack. Elias wollte eigentlich nur seinen Großvater in Volkow

besuchen. Als dieser kurz darauf verstirbt, fallen Elias merkwürdige

Dinge auf. Warum stellen die Bewohner sich mit einer so großen Vehemenz

gegen den Tagebau? Bald schon merkt er, was es heißt, wenn

die Bewohner des Dorfes davon sprechen, dass man »sich umeinander

kümmert«. (dh)

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Nørdby +

Thriller =

Spannung²

Die Mauer des Schweigens –

ein schwedisches Dorf

unter Verdacht. Jeder kann

es gewesen sein.

Jeder hatte ein Motiv …

Luca Ventura

Mitten im August

Diogenes Verlag, 16,– Euro

Ist Platz in der kleinsten Hütte, darf auch auf einer kleinen italienischen

Insel das Verbrechen zu Hause sein. Capri ist Schauplatz einer neuen

Krimireihe aus dem Diogenes Verlag.

Eigentlich kümmert sich der sympathische Inselpolizist Enrico Rizzi

ja um die kleineren Vergehen. Doch dann wird ein kleines Boot an den

felsigen Strand getrieben – mit einem Toten darin. Jack Milani, Spross

einer Mailänder Industriellenfamilie und Student der Ozeanologie, wird

mit mehreren Messerstichen in der Brust aufgefunden. Erste und lange

Zeit einzige Verdächtige ist die Freundin des Ermordeten, die spurlos

verschwunden scheint. Nicht nur die wenig kooperative Polizei in Neapel

macht dem unerfahrenen Polizisten zu schaffen, auch die neue Kollegin

Antonia Cirillo scheint ein Geheimnis zu haben. (ts)

ISBN 978-3-8392-2642-1 · 16,00 € · 11. März 2020

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Linus Geschke

Finsterthal

dtv, 15,90 Euro

Der zweite von drei Thrillern um den in die Illegalität abgerutschten

Ex-Polizisten Born. Ein russischer Unterweltler bittet ihn um einen

großen Gefallen. Die heranwachsende Tochter eines seiner Geschäftspartner

ist entführt worden. Und obwohl der Vater binnen 24 Stunden

das Lösegeld von einer Million Euro bezahlt, stirbt das Mädchen; brutal

vergewaltigt und dann ermordet. Jetzt ist das zweite Mädchen, auch ein

Teenager, die Tochter eines weiteren Geschäftspartners entführt worden.

Hier wurden ebenfalls alle Forderungen erfüllt, das Mädchen aber

bleibt verschwunden. Ihr Vater befürchtet das Schlimmste und bittet

Born, sich der Sache anzunehmen. Born nimmt den Auftrag an und bittet

seinerseits zwei ehemalige Kolleginnen um Unterstützung. Rasant

und spannend bis zur letzten Seite. (ts)

Ein Psychopath überwacht

heimlich Urlauber, erpresst

sie und zwingt sie

abscheuliche Dinge zu tun.

ISBN 978-3-8392-2643-8 · 10,00 € · 11. März 2020

WWW.GMEINER-VERLAG.DE

Wir machen’s spannend

KUDU 23


SACHBUCH

Bernhard Pörksen/ Friedemann Schulz von Thun

Die Kunst des Miteinander-Redens.

Über den Dialog in Gesellschaft und Politik

Carl Hanser Verlag, 18,– Euro

Sein dreibändiges Werk Miteinander reden ist ein Standardwerk der

Kommunikationspsychologie. Jetzt legt Friedemann Schulz von Thun

ein weiteres Buch zum Thema vor. Mit an seiner Seite ist Bernhard

Pörksen, Professor für Medienwissenschaften an der Uni Tübingen.

Warum verbreiten sich Hass und Hetze, Gerüchte und Falschmeldungen

so rasend schnell in unserer scheinbar aufgeklärten Gesellschaft. Wieso

eskalieren öffentliche Debatten zu giftigem Streit? Schulz von Thun und

Pörksen analysieren das gesellschaftliche Miteinander und den kommunikativen

Klimawandel. Und sie zeigen Auswege aus der Polarisierungsfalle

in Zeiten großer Gereiztheit und populistischer Einfalt. (ts)

Bill Bryson

Eine kurze Geschichte

des menschlichen Körpers

Aus dem Englischen

von Sebastian Vogel

Goldmann Verlag, 24,– Euro

Soll ich ehrlich sein? Eigentlich

lese ich Bücher von Bill Bryson

nur, weil Bill Bryson draufsteht.

Inhalt? Der ist erst einmal egal.

Ob seine Wanderung über den

Appalachian Trail, einen der drei

Mega-Strecken in den Vereinigten

Staaten oder seine Sicht auf Australien

in Frühstück mit Känguru,

seine Bücher sind immer höchst

informativ und brüllend komisch

zugleich. Und jetzt erzählt er die

grandiose Geschichte des menschlichen

Körpers. Natürlich beginnt

er gleich mit der ernüchternden

Tatsache, dass die chemischen Zutaten,

die einen Menschen ausmachen

keine zehn Dollar wert sind.

Darüber hinaus beschreibt er alles,

was man sonst noch so wissen

muss, profund, immer leicht verständlich

und echt witzig. (ts)

Reinhard K. Sprenger

Die Magie des Konflikts.

Warum ihn jeder braucht

und wie er uns weiterbringt

DVA, 24,– Euro

Lebenshilfe-Ratgeber – ich muss

gestehen, meistens mache ich einen

großen Bogen darum. Eine

Ausnahme war vor vielen Jahren

das Buch Die Entscheidung liegt

bei dir von Reinhard K. Sprenger.

Seine im Untertitel genannten

Wege aus der Unzufriedenheit

waren für mich damals deutlich

zu erkennen und nachzuvollziehen.

Jetzt hat Sprenger ein neues

Buch geschrieben, diesmal über

das ungeliebte Thema Konflikte.

Jeder kennt sie, keiner will sie.

Deshalb werden sie oft genug

unter den Teppich gekehrt, im

Vorfeld verhindert. Grundfalsch,

behauptet der Managementberater

und Autor Sprenger. Konflikte

dienen dazu, Zukunft gemeinsam

zu gestalten. Deshalb sollten wir

konstruktiv mit ihnen umgehen.

Egal ob in Familie, Partnerschaft

oder im Beruf. (ts)

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SACHBUCH

David Runciman

So endet die Demokratie

Aus dem Englischen

von Ulrike Bischoff

Campus Verlag, 19,95 Euro

Emmanuel Saez

und Gabriel Zucman

Der Triumph der Ungerechtigkeit.

Steuern und Ungleichheit

im 21. Jahrhundert

Aus dem Englischen

von Frank Lachmann

Suhrkamp Verlag, 22,– Euro

Michael Wolffsohn

Tacheles. Im Kampf um die

Fakten in Geschichte und Politik

Herder Verlag, 26,– Euro

Hans Peter Kunisch

Todtnauberg.

Die Geschichte von Paul Celan,

Martin Heidegger und ihrer

unmöglichen Begegnung

dtv, 20,– Euro

Ist die Demokratie am Ende?

Keinesfalls, behauptet der Politikwissenschaftler

David Runciman.

Midlife Crisis träfe es

schon eher; die Demokratie zeige

Erschöpfungszustände und sei

schwerfällig geworden. Dabei ist

er überzeugt, dass nicht Personen

wie der derzeitige amerikanische

Präsident mit seinen Ausfallerscheinungen

unsere Demokratie

zu Fall bringen könnten. Viel gefährlicher

findet er Global Player

wie Mark Zuckerberg, die Systeme

schaffen, die sich einer demokratischen

Kontrolle entziehen. Vielleicht

würde also die Demokratie

eines Tages das Opfer ihres eigenen

Fortschritts. Runcimans Buch

ist kein üblicher Abgesang, vielmehr

zeigt sein Buch Stärken und

Schwächen einer Demokratie auf

und beschreibt Entwürfe, wie es

nach ihr weitergehen könnte. (ts)

Nichts in dieser Welt ist sicher,

außer dem Tod und den Steuern.

Benjamin Franklin konnte

damals noch nicht wissen, dass

Generationen später multinationale

Konzerne einen Weg finden

würden, mit ausgeklügelten Methoden

ihre Gewinne am Fiskus

vorbeizuschleusen. Steueroasen

konkurrieren um die Gelder der

Wohlhabenden und Reichen dieser

Welt. Die beiden Ökonomen

Saez und Zucman geben ein genaues

Bild und rekonstruieren,

wie es zu dieser Steuerungerechtigkeit

kommen konnte; sie formulieren

ebenfalls Vorschläge

für gerechtere Abgabensysteme.

Schließlich gefährdet Reichtum in

den Händen einiger Weniger die

Entscheidungsfreiheit der großen

Mehrheit und somit auch die Demokratie.

(ts)

Michael Wolffsohn, streitbarer

Zeitgenosse, gilt als brillanter

Historiker und Analytiker der politischen

Gegenwart. Sein Buch

Tacheles umfasst zahlreiche noch

nicht veröffentlichte Texte der

jüngeren Gegenwart. In ihnen kritisiert

er scharf den aktuellen Antisemitismus

in Deutschland und

vor allem auch den Umgang der

Politik damit. Und er attackiert

die Argumentationsmuster vieler

Populisten. Außerdem setzt sich

der in Israel geborene Wolffsohn

mit der deutschen Nahostpolitik

auseinander. Ein Rundumschlag.

(ts)

Todtnauberg, 30 Kilometer entfernt

von Freiburg. Hier treffen

sich im Jahre 1967 der Holocaust-Überlebende

Paul Celan

und der langjährige Antisemit

Martin Heidegger. Vorausgegangen

war der Besuch des Philosophen

Heideggers einer Lesung

von Paul Celan im Juli des Jahres.

Celan fühlte sich wohl geehrt, verweigerte

allerdings im Anschluss

an die Veranstaltung ein gemeinsames

Foto. Heidegger lud daraufhin

Celan am folgenden Tag zu

einem Besuch auf seine Hütte im

Schwarzwald ein. Es kommt zu

insgesamt drei Begegnungen der

beiden Männer, die unterschiedlicher

kaum sein können. Was verband

einen der einflussreichsten

Philosophen und den bedeutendsten

jüdischen Lyriker deutscher

Sprache?

Peter Kunisch hat nach langen Recherchen

und Quellenstudien ein

aufschlussreiches Buch geschrieben.

(ts)

KUDU

25


SACHBUCH

Jonathan Franzen

Wann hören wir auf, uns etwas

vorzumachen? Gestehen wir uns

ein, dass wir die Klimakatastrophe

nicht verhindern können

Aus dem Englischen

von Bettina Abarbanell

Rowohlt Taschenbuch Verlag,

8,– Euro

Volker Ullrich

Acht Tage im Mai. Die letzte Woche

des dritten Reiches

C.H. Beck Verlag, 24,– Euro

Düzen Tekkal

#GermanDream. Wie wir ein

besseres Deutschland schaffen

Berlin Verlag, 18,– Euro

Karolin Schwarz

Hasskrieger. Der neue globale

Rechtsextremismus

Herder Verlag, 20,– Euro

Der Tenor des Buches ist einleuchtend

und so noch nicht ausgesprochen

worden: »Wenn unser

Planet uns am Herzen liegt, und

mit ihm die Menschen und Tiere,

die darauf leben, können wir

zwei Haltungen dazu einnehmen.

Entweder wir hoffen weiter, dass

sich die Katastrophe verhindern

lässt, und werden angesichts der

Trägheit der Menschen nur immer

frustrierter oder wütender. Oder

wir akzeptieren, dass das Unheil

eintreten wird, und denken neu

darüber nach, was es heißt Hoffnung

zu haben.« Jonathan Franzens

Statement in seinem wichtigen

Beitrag zur Klimadebatte. (ts)

Eindrücklich und sachlich, logisch

gegliedert, kann in diesem Sachbuch

der Untergang der nationalsozialistischen

Diktatur verfolgt

werden. Die hier ausgearbeiteten

Details der finalen Tage, die noch

viele Opfer unter den Militärs und

der Zivilbevölkerung forderten,

gehören zu den wichtigen Eckdaten

unserer deutschen Geschichte.

Nach Hitlers Freitod im April

1945 entschied der Folgemonat

Mai über das Schicksal der letzten

deutschen Soldaten. Berlin

kapitulierte, auch in Italien gaben

sich die Heerführer der Gruppe

C geschlagen. Die verbliebenen

Machthaber der Regierung Dönitz

wurden von den alliierten Streitkräften

bis nach Flensburg getrieben.

Die krampfhafte Ordnung des

dritten Reiches zerfiel in sich, die

Spitze der Entscheidungsträger

fehlte und die überlebenden Täter

erkannten, dass nur noch die eigene

Flucht oder der Suizid sie vor

den Besatzern retten konnten, die

die verbliebenen Insassen in den

KZs befreiten und die deutschen

Bürger von einer andauernden Tyrannei.

(mh)

Als preisgekrönte Journalistin dokumentierte

Düzen Tekkal unter

anderem die grausamen Machenschaften

des IS im Nordirak. Sie

musste mit ansehen, wie ihr eigenes

Volk vernichtet wurde. Ihre

eigenen Wurzeln liegen jenseits

der Bundesrepublik, sie ist Kurdin

und zudem Jesidin. Für dieses

Buch holte sie sich prominente

Unterstützung aus den Reihen

des Bundestags, auch Wolfgang

Schäuble trägt seinen Erfahrungsschatz

über deutsche Geschichte

und unsere politischen Werte und

Ziele bei. Stimmen aus der Wirtschaft

durften natürlich nicht fehlen,

wenn Düzen Tekkal ein positives

Zukunftsbild aufzeigen will.

Hierfür lässt sie unter anderem

Janina Kugel zu Wort kommen,

die bis vor kurzem im Vorstand

von Siemens tätig war, wo sie für

den Bereich Personalwesen verantwortlich

zeichnete. Tatsächlich

appellieren dieses Buch und

die Lebensläufe der Befragten wie

der Autorin selbst, sich der Eigenverantwortung

des mündigen

Bürgers zu stellen und die Stimme

zu erheben, wenn unsere Freiheit

bedroht wird. (mh)

Karolin Schwarz ist Journalistin

und Faktencheckerin. Fakten checken

– eine sinnvolle und notwendige

Tätigkeit, die es so vor zehn

Jahren noch nicht gegeben hat.

Rechtsradikale Gruppen vernetzen

sich heute nicht mehr bei geheimen

Treffs, sie sind offen erkennbar

über alle Grenzen hinweg

im Internet unterwegs. Sie sind

versiert im Umgang mit sozialen

Medien und digitaler Infrastruktur.

Ihre Mittel sind modern: Strategiepapiere,

Guerilla-Marketing

und Hasskampagnen. Es entsteht

eine neue, schwer fassbare Form

des Terrorismus. Parallel dazu

tragen rechtspopulistische Regierungen

Lüge und Hetze ins Netz.

Eine unheilvolle Gemengelage,

eine gefährliche Allianz.

Karolin Schwarz dokumentiert

minutiös und macht deutlich,

dass die Gesellschaft, die Justiz

und die Politik keineswegs wehrlos

sind. Sie müssen nur beginnen,

rechte Strategien und Technologien

zu verstehen. (ts)

26 KUDU


SACHBUCH

Katapult

102 grüne Karten

zur Rettung der Welt

Suhrkamp Verlag, 22,– Euro

Wie viel Wald verliert die Erde jedes

Jahr? Welche Städte werden

bei einem Meeresspiegelanstieg

überflutet? Wie sehr belastet die

Haltung eines Pferdes die Umwelt?

Und wie viele Erden bräuchten

wir, um so weitermachen zu

können wie jetzt? Karten, Diagramme

und Graphiken, die zum

einen belustigend, aber auch sehr

erschreckend sind. Perfekt für

alle, die doch eigentlich gar keine

Zeit haben, sich mit diesem »Klimathema«

auseinanderzusetzen.

(js)

Benjamin & Fabian Eckert

Die 35-Tage-Challenge. Dein Weg

in ein umweltbewusstes Leben

Oekom Verlag, 19,– Euro

Bei allem was man hört, scheint

es ganz schön kompliziert zu sein,

nachhaltig zu leben. Mit der 35-Tage-Challenge

hat man jedoch für

jeden Tag ein neues, leicht zu erreichendes

Ziel, um dem Planeten

und sich selbst etwas Gutes zu

tun. Mit vielen Tipps, Tricks und

einem Einsteiger- sowie Expertenmodus

ist für jeden was dabei.

Also Schluss mit den Ausreden

und ran an die Arbeit! (js)

Luisa Neubauer und Alexander Repenning

Vom Ende der Klimakrise. Eine Geschichte unserer Zukunft

Tropen Verlag, 18,– Euro

Fridays-for-Future Aktivistin Luisa Neubauer und Politökonom Alexander

Repenning klären auf, wie unsere Zukunft aussieht, wenn wir so

weitermachen wie bisher, aber auch wie sie aussehen könnte, wenn wir

jetzt endlich handeln. Dabei gehen sie viel auf persönliche Erfahrungen

und Erlebnisse ein, haben gründlich recherchiert und schließlich Theorie

und Praxis zusammengebracht, um einen Plan für die Zukunft zu

entwickeln. Dabei wird deutlich, dass es nicht reicht, wenn wir unseren

Müll trennen, nur noch einmal die Woche Fleisch essen und keine Plastiktüten

mehr kaufen. Alleine können wir dieses Problem nicht lösen.

Was wir brauchen, sind Politiker, die endlich handeln und eine klare

Auseinandersetzung mit der Klimakrise. Endlich ein Buch über den Klimawandel,

das nicht nur zeigt wie ernst die Lage ist, sondern auch einen

Ansatz für eine Lösung bietet und zudem verständlich geschrieben

ist. (js)

KUDU

27


EINE INSEL

MIT ZWEI ZWERGEN

Es war… viel.

Und ich brauchte eine Weile um zu kapieren,

dass es zu viel war. Viel zu viel.

Absurderweise hab ich das erst verstanden,

als mein Körper die Notbremse zog.

Und zwar nicht nur einmal und ein bisschen.

Was stimmte also nicht?

Ich machte doch genau das, was ich immer

machen wollte?

Ja schon, aber ich machte es nicht so, wie

ich es machen wollte.

Ich dachte immer, am Autoren-Leben

wäre das besondere, dass viele deinen Namen,

aber so gut wie keiner dein Gesicht

kennt. Fand ich irgendwie reizvoll.

Aber es kam anders. In der Kombination

aus meiner Geschichte und meiner Optik,

habe ich mich herumreichen lassen. Von

Markus Lanz zu Frank Elstner zu SAT1, RTL,

RBB, KIKA und zurück. Einmal schön die

deutsche Medienlandschaft durch.

Ich war der tätowierte Ostberliner, der

Kinderbuch schreibende Kampfsportler,

der 2006 seine Kinder verloren hatte – und

darüber sprach. Und schrieb.

Der – trotz seiner Optik – mehr konnte als

die Nationalhymne rülpsen und Abseits erklären.

Wow!

Ein Faszinosum in einer wenig glamourösen

Branche.

Auch das habe ich alles irgendwie erst zu

spät gemerkt. Zu groß war der Druck nun,

als es endlich lief, allem und jedem gerecht

zu werden. Den Verlagen, den täglichen

Anfragen, dem sich begehrt fühlen, der

Vorstellung, dass ich nun endlich glücklich

werden würde.

War aber nicht so.

Im Gegenteil.

Ich habe meinen Sohn fast gar nicht mehr

gesehen. Den, mit dem alles begann. Wegen

dem ich eigentlich mit dem Schreiben und

komponieren anfing … Weil ich fand, dass

es nicht so richtig das gab, was ich ihm gerne

vorgelesen und vorgespielt hätte.

Er verlor seinen ersten Zahn, ich war in

Bayern. Er sprach sein erstes Wort, ich las

in Bozen. Und parallel dazu nahm ich immer

routinierter Kopfschmerztabletten,

stopfte Dreck in mich hinein, konnte nicht

mehr ein- oder durchschlafen und verlor

mich immer mehr aus dem Blick.

Ich war erfolgreich, aber einfach nicht

glücklich.

Und dann hatte ich einen Herzinfarkt.

Mit Anfang 40. Es war wohl nur ein kleiner,

für mich aber fühlte es sich anders an.

Nach Kontrollverlust. Nach der erschreckenden

Erkenntnis, dass ich – den sonst

nie was umhaute – verletzlich war. Sterblich.

Es ging nicht so schnell wie es sich jetzt

schreibt, aber ich beschloss etwas zu ändern.

Etliche Rückschläge, Ängste, durchwachte

Nächte und angespannte Gespräche mit

meiner Frau später wusste ich, was zu tun

ist.

Raus!

Weg hier.

Es sollte und durfte sich aber nicht nach

Flucht anfühlen. Und auch nicht nach einem

Kompromiss.

Denn die Idee war gar nicht neu. Sie war

vielmehr nur immer wieder nach hinten gerückt.

Hinter all die anderen Dinge, die mich

dazu gebracht hatten, sie zu vergessen.

28 KUDU


2008 habe ich meine Frau – nach dem Tod

unserer Kinder – auf Bornholm geheiratet.

Nur wir zwei. Auf einer Insel im Meer.

Der schönste Ort, den ich kannte.

Damals war nicht wirklich die Rede davon,

dass wir hier mal leben würden. Dieser

Traum war absurd, weil so komplett unrealistisch


Aber war er das immer noch?

Ich hatte mir doch etwas aufgebaut! Ich

war doch wer, kannte Leute, wusste, was

ich will – und was ich nicht mehr will.

Und unser zweiter Sohn war gerade geboren.

Wann, wenn nicht jetzt?

2018 bin ich – mit und ohne Familie –

sechsmal hier gewesen. Hab Häuser angeschaut,

mit und ohne Makler. Erst nur so

halb-ernst, um »irgendwas« zu tun, dann

immer konkreter …

Mit jedem erfolglosen Versuch wurde die

Sehnsucht größer. Und auch der Druck. Es

lief also wieder nicht so ganz in die richtige

Richtung.

Dann ließ ich los. Ehrlich, es war ein Loslassen

in seiner reinsten Form.

Mein Sohn und ich, nur wir beide. Eigentlich

so ein Papa-Sohn-Ding, eine Woche

Lieblingsinsel, ein paar lose Termine,

bisschen gucken, inspirieren lassen, mal

schauen.

War alles nix. Aber die Maklerin hatte

mittlerweile einen Narren an mir gefressen.

Oder ich hatte ihren Ehrgeiz geweckt. Ein

Kinderbuchautor, soso … Es gab da dieses

eine Haus. Eigentlich weit über Budget und

auch sonst nicht so ganz in den angedachten

Eckdaten, Countryside, in der Insel-Mitte.

Aber wir könnten ja mal schauen.

Schon die Anfahrt war magisch. Es stand

da so einfach und selbstverständlich, als

hätte ich es mir ausgedacht. Direkt am

Wald, Bornholm-rot-weiß, eine Wiese voller

Apfelbäume, Bach hinterm Haus.

Ich wusste, ich musste nicht einmal reingehen.

Das ist es. – Det er det!

Fand mein Sohn auch.

Die Besitzerin, eine alte Dame, war einverstanden.

Mit uns …

Und dann ging alles ganz schnell. Es sollte

sein. Das war Oktober 2018.

Die Bank spielte mit, meine Frau hatte es

quasi vor Unterzeichnung des Kaufvertrages

nur auf Fotos gesehen! Und glücklicherweise

ging es ihr wie mir: Det er det!

Nun ist das hier unser Leben. Wir haben

nicht nur ein Haus bekommen, sondern einen

Garten, einen Hof, zwei Hektar Land,

eine Insel mitten im Meer, mit unseren zwei

Zwergen – und ein neues Leben.

Im Februar 2019 werkelte ich mit meinem

besten Freund und einem Kollegen vier

Wochen in meinem neuen Heim. Wir haben

umgebaut, gemalert, tapeziert, Böden verlegt,

Wände rausgerissen, für die Familie

vorbereitet …

Und dann kam der große Zwölftonner mit

unserem Gedöns. Von der Großstadt aufs

Land, von Deutschland nach Dänemark,

vom Festland auf eine Insel.

Außer ein paar Leuten vermisse ich nicht

wirklich was aus meinem alten Leben. Es

ist alles noch viel komplexer und herausfordernder

als gedacht. Wir müssen soviel

lernen und neu denken, wir müssen uns arrangieren

und sind gefordert, uns den neuen

Bedingungen anzupassen.

Aber was wir bekommen haben, wiegt alles

mehr als auf.

Ich fühl mich immer noch manchmal gestresst,

meine alten Dämonen sind natürlich

auch mit umgezogen, aber ich bin nicht

mehr krank von dem was ich tue. Und alle

Dinge, die vermeintlich immer schon so waren,

kommen hier auf den Prüfstand. Alle!

Auch meine Arbeit, die ich sehr liebe und

die hier ebenfalls eine andere Bedeutung

bekommen hat, verändert sich. Jeden Tag.

Es ist nur schreiben. Nicht mehr.

Und das ist gut so.

Ich lebe meinen Traum auf einer Insel.

Mitten im Meer.

Auf meiner Insel.

Mit meiner Frau und meinen zwei Zwergen.

Diese Geschichte hab ich mir nicht ausgedacht.

Sie ist echt.

Und die beste von allen.

Kai Lüftner

Kai Lüftner wurde im Januar 1975 in

Ost-Berlin geboren und begann eigentlich

unmittelbar danach mit dem Schreiben.

Im Laufe der nächsten Jahre geschah

so einiges, in der Welt und in seinem

Leben. Deshalb schrieb er einfach weiter,

veröffentlichte Bücher, CD´s und

Hörspiele. Er gab immer mehr kleine und

sehr große Konzerte, war viel im Fernsehen

und beinahe überall im deutschsprachigen

Raum auf Lesereisen, aber fast

gar nicht mehr zu Hause. Das fand er

irgendwann doof.

KUDU

29


7x VOM LEBEN AUF DEM LANDE

Petra Ahne

Hütten. Obdach und Sehnsucht

Matthes & Seitz, 28,– Euro

Monatelang suchen Petra Ahne und ihr Mann in Brandenburg nach einem

Feierabenddomizil, einem Häuschen im Grünen. Was sie finden

und was ihr Herz berührt, ist eine kleine, gerade einmal 34 qm große

Hütte im Wald, an einem kleinen See gelegen. Fortan möchte die Autorin

wissen, warum – sie ist nämlich nicht allein mit ihrer Faszination

für das kleinste und einfachste aller Häuser – von diesen simplen Behausungen

so ein Zauber ausgeht. Die Suche nach einer Antwort wird

zu einer Reise zu realen und ausgedachten Hütten, zu gut erhaltenen

und verschwundenen, aber auch zu Träumen und Wünschen ihrer Bewohner.

Hütten ist in der Reihe »Naturkunden« bei Matthes & Seitz erschienen.

Die von Judith Schalansky herausgegebene Reihe hat lange schon Kultcharakter.

(ts)

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Freddy Pikovsky / Nicole Caldwell

Back to the Land. Outdoorleben für moderne Aussteiger

Aus dem Englischen von Karin Weidlich

Christian Verlag, 29,99 Euro

Für die meisten ist ja ein eigenes Aussteigerleben eher eine Utopie,

ein Wunsch, eine (unklare) Vorstellung von einem alternativen Leben.

Für diese Menschen ist dieser Bildband ein Buch zum Träumen, zum

Schwelgen von einem Zurück zur Natur. Der Band zeigt aber auch, dass

es gelingen kann. Egal ob in einer Blockhütte in den Bergen oder auf einem

Resthof mit nachhaltigem Bioanbau, in einem Baumhaus oder auf

einem Gnadenhof für Tiere – überall gibt es Menschen, die uns ihren

Aussteiger-Traum vorleben, individuell und nachhaltig. (ts)

Cecilie Dawes (Hrsg.)

Raus aufs Land. Vom Bauernhof auf den Tisch

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld, Kathrin Hadeler und Marianne

Julia Strauss

Die Gestalten Verlag, 39,90 Euro

In diesem Buch wimmelt es nur so von Menschen mit Vorbildcharakter,

einige von ihnen gehören dem Food Studio Oslo an, das dieses

Buch mitgestaltet hat. Die Angebote der Lebensmittelversorgung sind

umfangreich in unseren Breitengraden. Die Menschen in diesem Buch

aber wollen sich von der Lebensmittelindustrie unabhängig machen,

deren Schattenseiten nach und nach publik werden. Die Menschen in

und hinter diesem Werk haben sich bewusst entschieden, die Natur die

Arbeit machen zu lassen und selbst nur ihre Muskelkraft beizusteuern.

Mit den Cinellis etwa geht es in die Toskana, wo die Familie gemeinsam

den großen Biohof »Spannochia« bewirtschaftet und zudem regelmäßig

Workshops und andere Angebote stemmt, um über ihre Arbeit aufzuklären.

Im weiteren Verlauf der Lektüre lernen wir mit Stefaan Hancke

einen Pferdefischer in Belgien kennen. Die prächtigen Detailaufnahmen

zeigen, welche Freude solch ein erfülltes Arbeiten bringen und welche

wundervollen Erzeugnisse Mutter Natur uns bescheren kann. Hier trifft

man auf ein kleines bisschen heile Welt, die rund um den Globus in allen

Herren Länder zu finden ist. Eine Weltreise der anderen Art. (mh)

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Jan Böttcher

Das Kaff

Aufbau Taschenbuch, 12,– Euro

Was bedeutet Heimat? Michael Schürtze, der Protagonist dieses wunderbaren

Buches, schwirrt diese Frage ständig im Kopf herum. Für einen

Bauauftrag kommt er zurück in seine Heimat, ein spießiges Kaff –

ja, so darf man es als Außenstehender getrost beschreiben. Eigentlich

war das auch einer der Gründe, warum Michael diese Gegend verließ.

Warum also lange hier aufhalten? Auftrag abschließen und Goodbye!

Wenn da nicht diese verflixten alten Strukturen und Mechanismen wären.

Anders ist es zumindest nicht zu erklären, wieso Michael auf einmal

Trainer der Jugendfußballmannschaft wird. Selbstredend vorübergehend!

So der Plan. Und spätestens als Carla, die Mutter einer seiner

Fußball-Schützlinge, ihn um ein Date bittet, kann man schon erahnen,

dass Michael in einen kleinen inneren Konflikt gerät. (dh)

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Werner Bätzing

Das Landleben.

Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform

C.H. Beck, 26,– Euro

Brauchen wir in unseren schnellen Zeiten noch Landleben? Ist es vielleicht

nur ein romantisch verklärtes Relikt aus alten Zeiten? Wer Landleben

verstehen will, muss Landwirtschaft, bäuerliche Kulturlandschaft,

Traditionen und Dorfleben verstehen lernen. Das behauptet zumindest

der Geograph und Alpenforscher Werner Bätzing. Und man muss die

vielfältigen Verflechtungen untereinander begreifen und akzeptieren,

will man sich ein Gesamtbild machen und nicht der Gefahr erliegen,

das Land lediglich als eine Idylle zu verstehen. Bätzings Ausführungen

sind breit angelegt, behandeln auch die Auswirkungen der industriellen

Revolution und des wirtschaftlichen und demographischen Wandels auf

das Landleben und fördern so eine ziemlich neue Sichtweise zu Tage. (ts)

30 KUDU


Juli Zeh

Unterleuten

btb, 12,– Euro

Unterleuten ist ein fiktives 200 Seelen Dorf in Brandenburg. Idyllisch gelegen

und von beinahe spießbürgerlicher Ordentlichkeit geprägt, leben

dort Alteingesessene und Zugezogene Tür an Tür. Als eine Investorenfirma

plant, einen Windpark vor den Türen der Bewohner zu errichten,

wird die Dorfidylle von einem auf den anderen Moment zu einer unberechenbaren

Mixtur aus Missgunst, Intrigen und purer Eigennützigkeit.

Juli Zeh hat sich ein brandaktuelles Thema ausgesucht, das im Rahmen

der Diskussion um erneuerbare Energien für reichlich Gesprächsstoff

sorgt. Dabei hält sie auf perfide Weise dem deutschen Dorfklüngel und

dem Spießbürgertum den Spiegel vor. Sprachlich elegant, modern und

mit immer wieder frischen Einschüben und Wendungen führt Juli Zeh

ihre Leser auch mal am Nasenring durch die Manege dieses Gesellschaftsromans.

Die über 600 Seiten schrecken dabei kein Stück ab. Im

Gegenteil: Am Ende ist man erstaunt, wie kurzweilig die Lektüre dieses

Meisterwerks ist. (dh)

Mit kleinen

Dingen Großes

bewirken!

Erde retten – Zukunft sichern:

Spannende Fakten schärfen das Bewusstsein

von Kindern für den Zusammenhang von

Essverhalten, Globalisierung und Umwelt.

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John Seymour

Das neue Buch vom Leben auf dem Lande

Aus dem Englischen von Irmgard Kneißler, Nadja Kneißler, Uwe Lindemann,

Renate Müller, Wilfried Sons und Anke Keske

Dorling Kindersley, 26,95 Euro

Auf den ersten Blick sieht dieses Buch aus wie ein Lexikon und könnte

doch fast »Bibel des Landlebens« heißen. Beinahe alle Bereiche, die den

Tages- beziehungsweise Jahresablauf irgendwie berühren, sind abgedeckt.

Erstmals erschienen in den 1970er Jahren, passen die Themen

auch zu unserem Zeitgeist. Es braucht viel Arbeitseinsatz und Geduld,

um das Gemüse im eigenen Garten anzubauen; jeder Hobbygärtner

weiß, dass er einen langen Atem benötigt. Hier findet er Rat und einen

reichen Ideenfundus für die Auswahl an Gemüse und Kräutern. Wer

noch mehr Ressourcen zur Verfügung hat, kann sich an die aufwändigeren

Erzeugnisse wagen.

In ihrer Gänze umgesetzt ist die Selbstversorgung natürlich ein schier

endloses Projekt, trotzdem ist die Lektüre des Buches für jedermann

hilfreich: Wer nur einen Bruchteil davon umsetzt, hat trotzdem sein

Möglichstes getan, um sein Leben gesünder zu gestalten. (mh)

Annette Maas / ill. von Miro Poferl

Mein weit gereister Erdbeerjoghurt

Wie unsere Ernährung die Umwelt beeinflusst

Ab 10 Jahren / 80 S. / Hardcover

€ 15,00 (D) / € 15,50 (A)

ISBN 978-3-8458-3447-4

KUDU

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© Fotos: Ingo Arndt/Knesebeck Verlag

Die Biene steht im Interesse der Öffentlichkeit wie nie zuvor. Fast unbekannt

sind jedoch die wildlebenden Honigbienen in ihrem angestammten

Lebensraum, dem Wald. Ingo Arndt gehört zu den weltweit herausragenden

Naturfotografen. Zusammen mit Professor Jürgen Tautz, Bienenexperte, Sozialbiologe

und Verhaltensforscher, hat er einen faszinierenden Bildband

über die wenig erforschte Spezies herausgegeben. Jürgen Tautz, Deutschlands

renommiertester Bienenforscher, gibt einen Einblick in die Arbeit

am Buch und erklärt die Faszination Honigbiene. Arndts Bilder geben eine

Idee, was Sie in diesem Buch erwartet: spektakuläre, nie zuvor gesehene

Fotografien, die Lust auf das ganze Buch machen. Versprochen!

Prof. Dr. Jürgen Tautz ist Verhaltensforscher,

Soziobiologe und Bienenexperte.

Er ist Professor em. am

Biozentrum der Julius-Maximilians-Universität

Würzburg und leitet die interdisziplinären

Umweltforschungs- und

Bildungsprojekte HOBOS (HOneyBee Online

Studies) und we4bee. Er ist auch

international mehrfach ausgezeichneter

Wissenschaftskommunikator und Autor

erfolgreicher populärwissenschaftlicher

Bienen-Bücher, die teils in über

20 Sprachen übersetzt wurden.

Honigbienen sind »Superstars« im komplexen Netzwerk der Natur.

Als die »Workaholics« unter den Bestäuberinsekten sind sie in den

meisten Ökosystemen und in der Landwirtschaft unersetzlich. Und

sie haben es geschafft, aufgrund ihrer hoch spannenden Lebensweise

auch zu Superstars in zahlreichen Büchern zu werden, von

denen es einige bis ganz nach oben in Bestsellerlisten geschafft haben,

so die »Die Geschichte der Bienen«, der wunderbare Roman

von Maja Lunde. Das Buch lässt Maja Lunde im Jahr 1852 beginnen

und es beschreibt die Beziehung zwischen Menschen und den

Honigbienen. Diese Beziehung in Form der Imkerei bestimmt das

Bild der Honigbienen in den Köpfen der Menschen. Demnach sind

Honigbienen Nutztiere und leben in rechteckigen Kästen, die der

Mensch ihnen als Wohnung zur Verfügung stellt.

Tatsächlich aber beginnt die wahre Geschichte der Bienen ganz

ohne den Menschen von vielen Millionen Jahren. Es ist eine Erfolgsgeschichte,

deren tiefe Geheimnisse wir erst ganz allmählich

verstehen.

Die Natur der wahren Honigbiene enthüllt sich, wenn wir ihr dort

begegnen, wo sie entstanden ist. Die Honigbiene ist ein Waldinsekt.

Im Wald hat die Natur sie hervorgebracht, dort wurde sie an

einen Lebensraum angepasst, der sich deutlich von der Kulturlandschaft

unterscheidet, in der sie heute als Nutztier gehalten wird.

Diese Einsicht ist nicht nur von wissenschaftlichem Interesse,

sie kann entscheidend dazu beitragen, das Überleben der Honigbienen

zu sichern. Der Zugang zu diesem Denken ist neu und das

Buch »Honigbienen – Geheimnisvolle Waldbewohner« soll dazu

beitragen, die Honigbienen als das zu sehen, was sie noch immer

sind: Die Honigbiene ist bis heute Wildtier geblieben, trotz einer

Bienenhaltung über mehr als 5.000 Jahre hinweg und trotz Zuchtbemühungen

durch den Menschen.

Als Wildtier existiert die Honigbiene zur großen Überraschung

der allermeisten Menschen, auch der Imker, auch noch heute im

Wald als dem Lebensraum, in dem sie im Laufe der Evolution entstanden

ist. Ihre Eigenschaften und Fähigkeiten sind auf diesen Lebensraum

ausgelegt und bis heute so erhalten. Versetzt man eine

Bienenkolonie aus der künstlichen Beute eines Imkers in eine natürliche

Baumhöhle, ist auf der Stelle ihr volles Repertoire an sinnvollen

Verhaltensweisen wieder da. Die Honigbienen haben auch

nach Jahrtausenden Betreuung und Haltung in Menschenhand

nichts »vergessen«.

32 KUDU


Ingo Arndt / Jürgen Tautz

Honigbienen –

Geheimnisvolle Waldbewohner

Knesebeck Verlag, 38,– Euro

Honigbienen–

Geheimnisvolle Waldbewohner

Mir selbst wurde auch erst in den letzten Jahren durch mein

wachsendes Interesse an den Fragen »Gibt es bei uns überhaupt

noch wild lebende Honigbienen?« und »Wenn ja, wie leben sie?«

bewusst, wie riesengroß unsere Unkenntnis über die »wahre Honigbiene«

ist. Ihre Einrichtung und Aufrechterhaltung der natürlichen

»Wohnung« in hohlen Bäumen ist geprägt von einer unfassbar

raffinierten Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedern einer

Kolonie. Unter den künstlichen Bedingungen der Imkerei, in denen

der Imker den Bienen die Nester vorgibt, können (und müssen) die

Bienen ihr natürliches Potenzial nicht ausspielen.

Aber hin und wieder blitzt die »wilde Biene« auch beim Imker

wieder auf. Um hier nur ein Beispiel aus dem Buch zu benennen:

das vom Imker sogenannte »hobeln«. Bei diesem Verhalten schaben

die Bienen mit ihren Mundwerkzeugen die ohnehin glatten

Bretter einer Bienenbeute (der Imker nennt die künstlichen Behausungen,

die er den Bienen anbietet, »Beuten«) scheinbar sinnlos

weiter glatt. Im hohlen Baum, der von einem Bienenschwarm neu

bezogen wird, macht dieses Verhalten sehr viel Sinn. Es werden

von der Höhleninnenwand lose Partikel und eventuell vorhandener

Schimmel entfernt. Anschließend werden dann die so vorbereiteten

Höhlenwände in der Umgebung der Bienenwaben mit Propolis

»tapeziert«, dem antibakteriellen Harz, das die Bienen an Pflanzen

sammeln. Auch beim Imker setzen die Bienen Propolis ein, aber

hier nicht selten wenig sinnvoll in Form massiver Klumpenbildung

in den Ecken der Beute.

Diese Liste an überraschend neuen Blicken auf alte, zum Teil bisher

unverstandene oder nicht treffend gedeutete Beobachtungen,

ließe sich fortsetzen. In unserem Buch »Honigbienen – Geheimnnisvolle

Waldbewohner« ist das nachzulesen und zu betrachten.

Es waren vier Motive, die uns zu diesem Buch veranlasst haben:

Erstmaliges und lückenloses Beobachten und Dokumentieren

des Bezuges und der Einrichtung einer Baumhöhle durch einen Bienenschwarm

und die Entwicklung der Kolonie in ihrem ersten Jahr.

Das Nachgehen der Frage, ob wir aus dieser Studie etwas für die

praktische Imkerei ableiten können.

Das Nachgehen der Frage, ob sich aus dem komplett neuen Blickwinkel

auf die Honigbiene als ursprünglichem Waldinsekt für die

Wissenschaft neue Betätigungsfelder ergeben.

Von Beginn an das Ziel, möglichst viele Menschen an dem teilhaben

zu lassen, was wir sehen und erleben durften.

Gerade für die Teilhabe möglichst vieler Menschen an neuen Eindrücken

und Einsichten haben wir uns für die Form eines Fotobildbandes

entschieden. So entstand das Autoren-Team Ingo Arndt und

Jürgen Tautz. Der Mensch nimmt die überwiegende Menge an Information

visuell auf und der Blick in eine bisher verborgene Welt

ist auf diese Weise direkt und unkompliziert. Man kann sich wie

eine Biene unter Bienen fühlen.

Nach Abschluss des Projektes, das mit allen Vorbereitungen runde

zwei Jahre in Anspruch genommen hat, können wir schon jetzt

diese Bilanz formulieren: Wir sehen uns vor neuen Erkenntnissen

zur wildlebenden Honigbiene, die der klassischen Bienenhaltung

neue Impulse geben und der Bienenforschung neue Felder eröffnen

könnten.

Honigbienen gehören als wichtige Glieder im Naturgefüge in

den Lebensraum Wald. Um sie dort wieder ansiedeln zu können,

wo natürliche Nistmöglichkeiten fehlen, sind künstliche möglichst

naturnahe Behausungen notwendig. Wie solche Behausungen angelegt

sein sollten, lernen wir durch das Studium wildlebender Honigbienen.

Gesunde Bestände an wildlebenden Honigbienen sind

aber nicht nur aus natur- und umweltschützerischen Gedanken

wichtig. Sie können auch für die praktische Imkerei sehr bedeutsam

werden.

An wildlebenden Honigbienenpopulationen kann die natürliche

Selektion angreifen, der einzige Vorgang, der es schafft, das Erbgut

an jeweilig wechselnde Umweltbedingungen anzupassen. Im Wald

können auf diese Weise natürliche Vorgänge ablaufen, die am Nutztier

Honigbiene so nicht stattfinden. Diese Populationen an wildlebenden

Honigbienen können die genetische Reserve bilden für

einen Einsatz in der Imkerei.

Für die Grundlagenforschung zur Biologie der Honigbienen hat

deren Betrachtung im Lebensraum Wald auch zu neuen Vorstellungen

geführt, die Orientierung, Navigation und Kommunikation

betreffen. Daraus lässt sich ein höchst spannendes Forschungsprogramm

für kommende Bienenforschergenerationen ableiten. Auch

dafür gibt das Buch Anregungen.

Prof. Dr. Jürgen Tautz

KUDU

33


Linda Wolfsgruber

Die kleine Waldfibel

kunstanstifter verlag, 24,– Euro

7x NATUR

Christine Paxmann

Olaf Hajeks Buch der Blumen

Prestel Verlag, 22,- Euro

Schwelgen in üppigen Bildern – das kann die ganze Familie bestens in

diesem außergewöhnlich schönen und großformatigen Pflanzen-Bilderbuch.

Olaf Hajek hat siebzehn größtenteils heimische Pflanzen porträtiert,

die eine heilende Wirkung haben. Wobei »porträtiert« definitiv

untertrieben ist: Er inszeniert sie strahlend inmitten fast schon märchenhafter

Kulissen, in denen man immer wieder Neues entdecken und

ganz eigene Geschichten dazu erfinden kann. Die Texte von Christine

Paxmann sind ebenso informativ wie unterhaltsam, bieten auch Erwachsenen

reichlich Stoff zum Staunen und (Wieder-)entdecken, denn

sie erzählen nicht nur von der Heilkraft, sondern auch von den ganz

unterschiedlichen Besonderheiten der einzelnen Pflanzen und ihrem

unterschiedlichen Einsatz im Laufe der Geschichte. (sr)

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Janina Voskuhl / Herbert Zucchi

Wildbienen in der Stadt. entdecken, beobachten, schützen

Haupt Verlag, 29,90 Euro

Manchmal gehen die ersten Hummelköniginnen schon recht früh in einem

neuen Jahr auf die Suche nach Nahrung und auf die Suche nach

einem geeigneten Ort für ihr neues Volk. Hummeln gehören zu der für

die Natur so wichtigen Gattung der Bienen. Manch ein Städter reagiert

auf sie fast genauso hysterisch wie auf Wespen. Neben einer mehr als

ausführlichen Beschreibung der Wildbienenarten geben die beiden Autoren

praktische Anleitungen, wo Sie am besten Wildbienen entdecken

und beobachten können. Außerdem bietet das finale Kapitel diverse Anleitungen

für eigene Projekte, um den Fortbestand der Stadtbienen zu

fördern. Klar gegliedert, mit überschaubarem Materialeinsatz, sind die

Ideen für den eigenen Schrebergarten oder die Arbeit mit Kindergartengruppen

hervorragend geeignet.

Falls Sie einer Blumenwiese voll wimmelnder, summender Bienen mit

dem Fachwissen aus diesem Buch begegnen, wird Ihnen und den Kindern

vielleicht so mancher Schreck erspart bleiben. Viele Berührungsängste,

zumindest die aus Unwissenheit, können durch die fachliche

Lektüre abgebaut werden. Viel Spaß mit den schwarz-gelben Mitbewohnern

in Balkon, Garten oder sonst wo! (mh)

Der Mensch geht gerne in den Wald. Ob er forscht, sammelt, spielt, wandert,

Inspiration sucht oder einfach nur seine Ruhe haben will.

Der kunstanstifter verlag ist ein Garant für wohlgestaltete Bücher. Deshalb

lohnt immer ein Blick in die laufenden Projekte. Eines ist ein kleines

Büchlein von Linda Wolfsgruber mit dem Titel Die kleine Waldfibel.

Waldbücher sind ja in den letzten Jahren reichlich erschienen. Wolfsgrubers

Waldfibel ist aber eine kleine Besonderheit: Schön bebildert,

informativ ohne erhobenen Zeigefinger und mit einer Mischung aus

Sachinformationen und Bildern erschließt das Buch, was es im Wald

alles zu beobachten gibt. Dazwischen laden die unterschiedlichsten Gedichte

zum Verweilen und Träumen ein. Diverse Rezepte zeigen, was

man mit Waldfrüchten alles machen kann.

Die kleine Waldfibel mit ihren wunderbaren Illustrationen ist eine ganz

besondere Liebeserklärung an den Wald. (ts)

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Peter Wohlleben

Wohllebens Waldführer

Verlag Eugen Ulmer, 15,– Euro

Schon seit etlichen Jahren schaffte es Peter Wohlleben, die Menschen

für das Thema Wald und Natur zu sensibilisieren. Sein Erfolgsbuch

Das geheime Leben der Bäume begeisterte hunderttausende Leser und

schärfte das Bewusstsein dafür, wie wir mit unseren Wäldern und deren

Bewohnern umgehen. Dabei nie mit erhobenem Zeigefinger, sondern

immer nachvollziehbar und aufklärend. Mit Wohllebens Waldführer

gibt es jetzt auch ein sehr umfangreiches und reichhaltig bebildertes

Bestimmungs- und Kennenlernbuch – von der kleinen Waldameise bis

hin zur mächtigen Eiche. Die wichtigsten Lebewesen eines unserer

wichtigsten Ökosysteme werden hier anschaulich und so einfach wie

möglich vorgestellt. So fällt das Kennenlernen denkbar einfach und dem

nächsten spannenden Waldspaziergang steht nichts mehr im Wege. (dh)

34 KUDU


96 S., mit farbigen Illustrationen, ab 7, € 14,95

Johanna Prinz

Taschenlexikon der Natur

Ravensburger Verlag, 14,99 Euro

Was zirpt da, welche Blume blüht da so schön in meinem Wildgarten

und welcher Vogel weckt mich da eigentlich jeden Morgen mit seinem

Zwitschern? Dieses Nachschlagewerk bietet einen Überblick über Flora

und Fauna, gleichzeitig sensibilisiert es und gibt wichtige Hinweise –

ob zu Bäumen, Tieren oder Pilzen. Das Bestimmen und Finden wird so

zum abwechslungsreichen Kinderspiel und neben den wichtigen Daten

informiert das Taschenlexikon auch über die aktuelle Gefährdungsstufe

der behandelten Pflanzen und Tiere. Das Buch richtet sich gleichermaßen

an Grundschulkinder wie an Erwachsene, die die Natur von einer

neuen Seite kennenlernen möchten.

Dieses Buch ist der perfekte Begleiter für den nächsten Familienausflug

ins Grüne. (dh)

Wir alle brauchen

Wasser

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Torsten Matschiess

Laissez-faire-Gärten.

Schön gestalten mit Pflanzen, die sich frei entfalten

Gräfe & Unzer, 24,99 Euro

»Lass einfach mal laufen.« »Misch dich nicht immer gleich ein.« – das

sind zwei zugegebenermaßen etwas saloppe Umschreibungen des französischen

Begriffs »Laissez-faire«. Und genau das möchte dieser Gartenratgeber

vermitteln: Gestalte deinen Garten so, dass du möglichst

wenig Arbeit mit ihm hast. Vertraue auf das Zusammenspiel der Pflanzen,

die sich frei entfalten.

Laissez-faire-Gärten ist ein reich bebilderter Ratgeber, der zum Standardwerk

heranreifen könnte. (ts)

Wasserknappheit ist ein brennendes Thema.

Wir hören immer wieder, dass wir sparsam

mit Wasser umgehen sollen. Warum? Ist

Wasser irgendwann aufgebraucht? Wo

kommt es eigentlich her? Wem gehört es?

Das bildstarke Sachbuch erklärt vieles,

zeigt aber auch, wie wir unsere wichtigste

Ressource bewahren, damit alle Menschen

etwas davon haben.

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Baptiste Morizot

Philosophie der Wildnis oder Die Kunst, vom Weg abzukommen

Aus dem Französischen von Ulrich Bossier

Reclam Verlag, 18,– Euro

Die Tatsache als solche ist schon einige Jahre her und war wirklich

harmlos: Auf einer Winterwanderung im Schwarzwald lief ich so sehr

Gedanken versunken durch den Wald, dass ich plötzlich überhaupt

nicht mehr registrierte, wo ich war. Um mich herum kahle Bäume und

jungfräulicher Schnee. Kein Wanderzeichen, kein Wegweiser. Was ich

aber sehr wohl bemerkte, wie meine Sinne plötzlich geschärft wurden.

Ich hörte mehr, nahm Gerüche anders wahr und musste meinem Orientierungssinn

vertrauen.

Der Philosoph Baptiste Morizot hält das für eine sehr wichtige Erfahrung.

Nur wer ausgetretene Pfade verlässt, kann die Natur wie sich

selbst neu begreifen, so seine spannende Philosophie der Wildnis. Er

hat sich immer wieder in die Abgeschiedenheit der Natur gewagt, um

neue Perspektiven kennenzulernen. Er hat beobachtet und aufgeschrieben.

Herausgekommen ist ein sehr lesenswertes Buch über eine ganz

besondere Spurensuche. (ts)

Bei uns drehen wir den Wasserhahn auf und Trinkwasser

strömt heraus. Das ist nicht überall so. Zwar

haben die meisten Menschen zumindest in der

Nähe ihres Zuhauses einen Zugang zu Trinkwasser,

aber selbstverständlich ist das noch immer nicht.

Viele Menschen auf

der Wel trinken

Wasser auch heute

noch direkt aus Seen,

Flüssen oder Kanälen. Oft müssen sie dafür kilometerweit

laufen. Insbesondere für Kinder ist das

bitter. Holen sie Wasser für sich und

ihre Familien, bleibt ihnen manchmal

Andere verwenden

keine Zeit, um zu spielen oder zur

einfaches Brunnenwasser.

Schule zu gehen.

Mehr als zwei Mi liarden Menschen

haben keine Toiletten, die wie bei uns

die Ausscheidungen sicher entsorgen.

Sie benutzen Plumpsklos oder Gruben.

Bei Regen werden diese überschwemmt

und der Unrat gerät übera l hin, auch in

die nächste Wasserste le. So breiten sich

Krankheiten schne l aus. Kinder trifft

das besonders hart. Jährlich stirbt eine

halbe Mi lion Jungen und Mädchen an

den Folgen von Durchfa lerkrankungen.

Illustrationen: Mieke Scheier

beltz.de

KUDU 35


EIN KOCHVERSUCH

Beim Anblick der vielen Varianten wurde schnell die K-Frage

gestellt und letztlich sehr pragmatisch beantwortet. Ein reiner

Regionalvergleich kam nicht in Betracht, norddeutsch versus

süddeutsch kam uns doch allzu klassisch vor und wenig inspirierend.

Allgemein bekannt ist schließlich, dass Norddeutscher

Kartoffelsalat mit Mayonnaise angemacht wird und der Kollege

aus Süddeutschland mit Öl. Wo sich die Grenze genau befindet,

ist nicht ganz erschlossen. Ist es der Main? Der Limes? Der salopp

formulierte Weißwurstäquator? Der Kompromiss namens Rheinisch-Westfälischer

Kartoffelsalat wurde ebenfalls nicht in Erwägung

gezogen.

Auch die Exoten hatten wenig bis gar keine Chancen. Wir entschieden

uns weder für den kanarischen noch für den russischen

oder japanischen Kartoffelsalat. Schnecken, Kaninchen oder Reh

als Zutaten verwahrten wir uns für einen späteren Kochversuch

ebenso wie blaue Kartoffeln und Kalbszunge. Letztlich machten

klassische Salate das Rennen, die durch das ein oder andere Lebensmittel

abgewandelt wurden und damit eine ganz neue spannende

Note bekamen. Hier also die Antwort auf unsere K-Frage, wir

entschieden uns für

• Kartoffelsalat mit Avocado

• Kartoffelsalat mit Matjes

• Kartoffelsalat mit Birne, Bohne, Speck

• Kartoffelsalat mit Blutwurst und Äpfeln

• Kartoffelpüreesalat mit Endivie

MARTINA & MORITZ

Ein Tag ohne Kartoffelsalat ist kulinarisch betrachtet ein verlorener

Tag; das behaupten zumindest Martina Meuth und Moritz

(Bernd) Neuner-Duttenhofer. Seit 1988 moderieren sie die Kochsendung

Kochen mit Martina und Moritz im WDR, die Mutter aller

Kochsendungen in Deutschland überhaupt. Offenbar war es der

größte Wunsch von Bernd alias Moritz, ein Kochbuch mit 10.000

Kartoffelsalat-Varianten zu veröffentlichen. Selbstredend, dass er

dafür niemanden fand, der ein solches verlegerisches Risiko eingehen

mochte. Jetzt endlich präsentiert der Verlag Becker Joest Volk

einen Kompromiss. »Lass uns doch einfach mal mit 100 Kartoffelsalatrezepten

beginnen!«, scheint man Moritz Neuner-Duttenhofer

zugerufen zu haben und er hat offenbar geantwortet: »Na, meinetwegen!«

Ich, der nördlich der imaginären Nord-Süd-Grenze lebt, habe ja

immer nur den einen Kartoffelsalat gekannt, den »ordentlichen«

mit Mayonnaise. Nie hatte ich mir ausgemalt, dass man ja ruhig

mal Varianten probieren kann. Umso erstaunter war ich, als ich das

erste Mal im Buch »Ein Tag ohne Kartoffelsalat« der beiden Fernsehköche

blätterte. Hier gibt es tatsächlich viel zu entdecken.

Patty Jabs, unser KUDU-Koch mit eigener Kochschule in einer

alten Essener Industriehalle und Gemüsegarten zwischen Industriegebäude

und Bahndamm, ist als Kind des Ruhrgebietes ein

großer Verfechter der einfachen Küche und immer bereit, sich auf

Experimente einzulassen. Wobei es dieses Mal gar nicht so sehr

auf das Wie in der Küche ankommt, schließlich ist das Zubereiten

eines Kartoffelsalates eher eine kleine Kunst. Wir sind gespannt

auf das Ergebnis. Können unsere Testsalate es schaffen, unsere

Essgewohnheiten zu überdenken? Während einige Kilo Kartoffeln

kochen, sitzen neben Jabs, der lange Jahre bei der Sendung Koch-

36 KUDU


BLEIBEN SIE NEUGIERIG.

alarm mitwirkte, unsere beiden Helfer Mechthild Römer (Buchhändlerin

so lange sie denken kann und Every-Day-Köchin) und

Dennis Hasemann (ebenfalls Buchhändler mit Hang zum Kulinarischen)

etwas abseits an einem langen hohen Tisch und besprechen

die verschiedenen notwendigen Arbeitsschritte. Es ist jedes Mal

ein großes Vergnügen und ein absolutes Privileg, in Pattys Kochschule

»Lecker Werden« eine Privat-Audienz zu bekommen. Hier,

wo locker zwei Dutzend Menschen gleichzeitig kochen (lernen) können,

sich ausbreiten zu dürfen, alle Werkzeuge in greifbarer Nähe

zu haben, ist eine angenehme Freude.

Da darf sich dann Patty Jabs auch schon mal Varianten ausdenken,

seinen eigenen Kopf durchsetzen. Wir widersetzen uns nie,

sind doch die Ideen, die der ruppig-charmante Koch (»Doch, doch,

das passt. Das darfst du so schreiben.«) mit seiner Erfahrung in den

Raum wirft, einen kulinarischen Umweg wert.

Is(s)t

die Zukunft

vegan?

ENDIVIE – DAS MACHT JA JEDER

Heute ist er mit fast allen Rezepten einverstanden, nur Endivie unter

das Essen zu mischen, findet er zu gewöhnlich, schließlich sei

das keine Überraschung, das mache ja jeder und außerdem würde

selbst im Buch stehen, nichts sei vielseitiger und interessanter abzuwandeln

als ein Kartoffelsalat.

»Wir tauschen die Endivie gegen Stielmus. Stielmus ist ein Arme-Leute-Gemüse

und allein deshalb lange schon im Ruhrgebiet zu

Hause. Und es wird immer unterschätzt. Dabei wäre es leicht gedünstet

eine prima Alternative«, schlägt er vor und stellt uns gleich

vor vollendete Tatsachen. Endiviensalat wurde einfach nicht eingekauft

(dafür aber Stielmus).

Wichtig bei allen Gerichten, die einfach zuzubereiten sind, ist

ja, dass die Zutaten von bester Qualität sind. Ist eine Avocado zum

Beispiel noch nicht reif, braucht man sich gar nicht erst an einen

Kartoffelsalat mit Avocados machen. Das kann nur fad schmecken.

An der Blutwurst erkennt man den guten Metzger, darauf weist

Patty Jabs immer wieder vehement hin. Für unseren Salat haben

wir uns entschlossen, die Blutwurst, anders als im Buch beschrieben,

kurz anzubraten, damit sich die Geschmacksstoffe optimal

entfalten. Bohnen müssen jung, Birnen reif – aber nicht überreif

sein. Der kurz angebratene Bauchspeck gibt dem Salat dann (im

positiven Sinne) den Rest.

»Brauchst du für die Senf-Vinaigrette das Buch?«, haben wir

Patty zweimal fragen müssen. Beide Male wurde abgewunken:

»Kann ich aus dem Effeff!«

Schneller als erwartet sitzen wir vor fünf fertigen Kartoffelsalaten,

hungrig und stolz. Zwar heißt es sprichwörtlich, die dümmsten

Bauern würden die dicksten Kartoffeln ernten. Das entzieht sich

unserer Kenntnis, stellen wir fest, sind uns aber sicher, dass die

motivierten Donnerstagsvormittagsköche das Optimum aus ihren

Kartoffeln herausgeholt haben. Sicherlich täte es den Salaten gut,

wenn sie noch einige Zeit ruhen könnten. Das ist aber nicht möglich,

schließlich haben wir Hunger.

Thomas Schmitz

Martina Meuth /

Bernd Neuner-Duttenhofer

Ein Tag ohne Kartoffelsalat ist

kulinarisch betrachtet ein verlorener

Tag. Unsere 100 liebsten

Kartoffelsalatvariationen

Mit Fotos von Hubertus Schüler

Becker-Joest-Volk, 28,– Euro

€ 24,95, ISBN 978-3-8310-3885-5

#veganklischeeade

Ernährungsexperte Niko Rittenau

erklärt, was auf einen veganen Teller

gehört und zeigt gemeinsam mit

Profikoch Sebastien Copien, wie man

mithilfe des Baukastensystems für

Abwechslung bei jeder Mahlzeit sorgt.

ÜBERALL, WO ES BÜCHER GIBT

www.dk-verlag.de

/dkverlag

KUDU

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Nigel Slater

Greenfeast. Frühling, Sommer

Aus dem Englischen von Sofia Blind

DuMont Buchverlag, 28,– Euro

Silke Martin

All You Need. Auf kulinarischer Tour mit den Beatles. Das Kochbuch

mit 50 song-inspirierten Rezepten

Hölker Verlag, 30,– Euro

Nigel Slater kann auch anders. Der als Genießer kalorienreicher und

oftmals fleischlastiger Küche bekannte englische Starkoch legt seine

ersten beiden vegetarischen Kochbücher vor. Das erste, mit dem Untertitel

Frühling, Sommer ist gerade bei DuMont erschienen. Den anderen

beiden Jahreszeiten widmet er sich in einem zweiten Teil, der im Herbst

erscheinen wird. Er selbst hat für sich festgestellt, dass er im privaten

Bereich sein Essverhalten hin zu einer leichten, fleischlosen Kost geändert

hat. Greenfeast, locker übersetzt mit »Grünes Gelage«, ist eine

Sammlung von 110 einfachen Frühlings- und Sommergerichten, die in

30 Minuten auf dem Tisch sind. Ich bin gespannt! (ts)

7x KOCHEN

Es ist ein netter Gag und akribische Arbeit, die dieses Buch mit 50 Rezepten

quer durch die Küche zu einem feinen Geschenkbuch machen.

All You Need ist eine kulinarische Entdeckungstour, die sich an berühmten

Beatles-Songs entlang hangelt. 50 Lieder – 50 Rezeptideen. Alles

passiert, nur weil »wir im Verlag einen Geburtstag nachgefeiert haben,

auf dem Tisch Erdbeerkuchen stand und jemand begann ›Strawberry

Fields‹ zu summen«, heißt es aus der Hölker-Kochbuchredaktion. Jetzt

ist das Buch auf dem Markt und jeder kann lesen, was »Let it be« mit

Lammkeule zu tun hat, »A Hard Days Night« mit Pull-Pork-Cheeseburger

oder »The Long and Winding Road« mit einer Hühnersuppe. Manchmal

ein wenig phantasiert, aber immer ein großartiger Spaß im Beatles-Jahr

(1960 gegründet, 1970 haben die Beatles die Beatles verlassen,

wie Paul erklärte, außerdem wird Ringo und würde John 80). (ts)

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Ira Leoni

All Day Breakfast

Tre Torri, 19,90 Euro

Frühstück ist das neue Dinner – und dass man den Tag mit einem soliden

Frühstück beginnen sollte, ist sowieso hinlänglich bekannt. Hier

geht es aber um etwas Anderes, nämlich ein Frühstück zu zelebrieren:

Etwas Besonderes für besondere Menschen kredenzen und es sich gut

gehen lassen – alles zum Thema Frühstück, Brunch und vorgezogenem

Mittagessen. Die Vielfalt dieses Buches geht dabei weit über das Thema

belegte Brote, Müsli und über Süßes bis Herzhaftes hinaus.

Und ja, auch die Optik kommt durch jede Menge Bilder nicht zu kurz.

Augen- und Gaumenschmaus in einem Buch, appetitanregend und Erwartungen

weckend – aufs Kulinarische selbst und auf die Reaktion der

Gäste. (dh)

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Ingrid Hoff, Nathalie Gideon, Konstanti Eulenburg, Andreas Patzer (Hg.)

180° 20 Minuten. Das Buch zum Blankeneser Fischhuus

Seltmann & Söhne, 35,– Euro

Welche Anforderungen hat man an ein Kochbuch? Es muss für meinen

Bedarf passend sein. Meistens soll es einfach und die Zutaten leicht zu

besorgen sein. Aber passt das alles zu einem Kochbuch mit dem Schwerpunkt

Fisch? Ja!

Die Crew des Blankeneser Fischhuus hat vielfältige und abwechslungsreiche

Rezepte zusammengestellt, die mit einer einfachen Formel immer

gelingen: 180 Grad – 20 Minuten. Das kleine, nur 20qm große Restaurant

hat es mittlerweile nicht nur bei Kennern zu großer Bekanntheit

gebracht. Absolute Leidenschaft, frische Produkte und innovative Ideen

zeichnen die Rezepte und das Auftreten dieser Hamburger Instanz aus.

Die Gerichte haben eine Menge Potential und laden ein, den Fisch mit

sehr viel Respekt zuzubereiten und zu genießen. Zudem sind die Rezepte

eine Einladung, neuartige Dinge auszuprobieren. Für Fischfreunde

und die, die es noch werden möchten, ist dieses Buch eine Offenbarung.

(dh)

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Daniela und Felix Partenzi

La Vita la Pasta.

Gerichte und Geschichten von Italienerinnen am Nudelholz

Gerstenberg Verlag, 28,– Euro

Pasta ist Leidenschaft. Pasta ist Leben und gleichzeitig auch eine kulinarische

Kunstfertigkeit. Dieses Kochbuch ist authentisch, obwohl

Felix Partenzi eigentlich »nur« angeheirateter Italiener ist. Daniela Partenzi

wird nicht müde zu beteuern, dass ihr Mann dennoch das mit den

Nudeln verbundene einzigartige Lebensgefühl Italiens teilt.

Mit viel Liebe zum Detail und einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein

werden feinste Zutaten, frisch und handverlesen und tolle Kombinationen

aus Gemüse, Fisch und Fleisch vorgestellt. Es ist eine Küche

wie bei Mamma. Wir bekommen die gewaltige Vielfalt der italienischen

Küche vom Trentino bis Kalabrien in Rezepten dargeboten – aromatisch,

nachvollziehbar und oft grün, weiß und rot. (dh)

38 KUDU


Sami Tamimi / Tara Wigley

Palästina. Das Kochbuch. Mit einem Vorwort von Yotam Ottolenghi

Dorling Kindersley, 28,– Euro

Hummus, Falafel und Taboulé: Palästina hat dies und noch vieles mehr

in seiner wunderbaren Küche zu bieten. Spätestens nach einem Blick

in dieses Kochbuch besteht kein Zweifel mehr daran. Die Fotos sind so

herrlich, wie die orientalische Küche mit ihren arabischen, syrischen

und libanesischen Einflüssen selbst. Sami Tamimi und Tara Wigley arbeiten

seit Jahren mit Yotam Ottolenghi zusammen und haben nun ihr

erstes eigenes Kochbuch zusammengestellt. 110 köstliche Rezepte verbinden

der palästinensische Koch und die Food-Abenteurerin in diesem

Kochbuch mit persönlichen Geschichten. (mn)

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Andrea Menichelli

Das große Italien Backbuch. Pizza, Pane, Dolci und Co.

Edition Michael Fischer, 36,- Euro

140 Rezepte beinhaltet dieses Backbuch. Herzhaft, süß, Vorspeisen,

Hauptgerichte und Kleinigkeiten. Das große Italien Backbuch enthält

nicht nur die traditionellen Rezepte für Leckereien aller Art zu diversen

Anlässen, hier wird auch der riesige Erfahrungsschatz der italienischen

Backkultur geteilt. Von Koch- und Backkultur kann zumindest Andrea

Menichelli, der Autor dieses Buches, ein Lied singen. Der in Rom geborene

Sohn einer bekannten Gastronomiefamilie hat viel Erfahrung im

Bereich Kulinarik gesammelt. Mit diesem Buch erfüllt sich der gelernte

Klavierbauer und jetzige Wahlbayer einen lang gehegten Traum und

man merkt jedem Rezept die Leidenschaft und den unbedingten Willen,

etwas Großes zu schaffen, an. Ob Pizzaiolo, Barista oder Patissière –

von allen Bäckerberufen wurden hier die besten Rezepte ausgewählt

und zusammengetragen. (dh)

KUDU

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© Illustration: Dirk Uhlenbrock

BAYAMO/KUBA

EINE BARGESCHICHTE

Der 33jährige Lennart Adam, geboren

in Norden und aufgewachsen in Ostfriesland

ist Journalist und arbeitet

für eine deutsch-dänische Zeitung. In

seiner Freizeit reist er rund um den

Globus und ist ständig auf der Suche

nach Geschichten, die ihm vornehmlich

in Kneipen, Cafes und Bars zu Ohren

kommen. 2019 erschien sein erstes Buch

Auf ein Bier bleibe ich noch im Verlag

Reisedepeschen.

© Foto: Martin Ziemer

Es ist kurz nach Weihnachten in Bayamo,

einem kleinen Städtchen am Fuß der Sierra

Maestra im Osten Kubas. Doch in Weihnachtsstimmung

bin ich nicht. Ich sitze in

kurzer Hose und T-Shirt in einer Bar, durch

offene Fenster und Türen weht gelegentlich

ein lauer Wind. Vor mir ein eisgekühlter

Mojito mit frischer Minze und einem

Schuss Zitronensaft. Verträumt döse ich

vor mich hin und lausche der Musik. Mein

Kumpel Jin, mit dem ich heute hier verabredet

bin, sitzt auf einem Hocker am anderen

Ende der Bar, spielt Gitarre und singt.

Und das macht er wirklich ausgesprochen

gut. Außer uns beiden ist nur noch der Barkeeper

da, der hinter der Theke steht und

Zeitung liest.

Nach ein paar Liedern muss Jin einsehen,

dass vorerst wohl kein Zuschauer

mehr kommt, er beschließt eine Pause zu

machen. Für einen Moment erklingt weiterhin

der Nachhall der Saiten. Dann ist nur

noch das gleichmäßige Knarzen des alten

Holzventilators zu hören, der unaufhaltsam

seine Runden an der von Rauch und Schimmel

verfärbten Decke dreht, bevor der Barkeeper

eine Platte mit kubanischer Salsa

einlegt, die knarzig aus den Lautsprechern

scheppert.

Das Interieur, eigentlich die ganze Bar,

hat definitiv schon bessere Zeiten erlebt.

Wann diese waren vermag ich allerdings

nicht zu bestimmen. An der gegenüberliegenden

Wand hängen mehrere Bilder von

Ernest Hemingway. Papa, wie er nicht nur

hier auf der Insel von vielen genannt wurde.

Er lächelt mich an, vollbärtig, auf dem

Großteil der Fotos im typischen, hellen Safarihemd

aus deren Ausschnitt sein üppiges

Brusthaar quillt, meist mit einem Drink in

der Hand. Er prostet mir zu, in Gedanken

proste ich zurück. Eins der Bilder zeigt den

Schriftsteller mit Fidel Castro auf einem

Boot beim Fischen.

»War Hemingway mal hier, oder warum

hängen hier so viele Bilder von ihm?«, frage

ich Jin.

»Hemingway?« Jin lacht. »Du glaubst

doch nicht, dass wir hier alleine sitzen würden,

wenn der auch nur einen Furz hier in

der Bar abgelassen hätte.«

Ich muss ebenfalls lachen. In diesem

Punkt hat er definitiv recht. Ich habe nirgends

einen solchen Ausverkauf einer literarischen

Persönlichkeit gesehen wie

in Kuba. »My Mojito in La Bodeguita, my

Daiquiri in El Floridita – Meinen Mojito in

der Bodeguita, meinen Daiquiri in der Floridita«,

hat Hemingway mal gesagt. Beide

Bars sind seitdem zum absoluten Touristen-Mekka

der kubanischen Hauptstadt

geworden. An den Bars gibt es am Fließband

produzierte Drinks. Sind die Urlauber

angeschickert genug, und das Geld sitzt

dementsprechend locker, werden sie in den

anliegenden Souvenir-Shop gelotst, um Hemingway-Shirts,

-Cappies und -Bierkühler

zu kaufen und Platz für die nächste Touri-Fuhre

an der Bar zu machen.

In Casablanca trank ich mal einen Tee in

dem Teesalon, in dem Antoine de Saint-Exupéry

zwischen seinen Einsätzen als Wüstenpilot

den kleinen Prinzen geschrieben

hat. In Tanger rauchte ich mit ein paar Männern

Hasch im Café Hafa, dort saßen schon

Paul Bowles und William S. Burroughs, um

ein Haschpfeifchen zu rauchen und ihren

Pfefferminztee zu trinken. Es war jedes Mal

ein berührendes, fast schon erhabenes Gefühl,

da sich nicht viel verändert zu haben

schien, seit an diesen Orten Literaturgeschichte

geschrieben wurde.

Ich bezweifle, dass der Nobelpreisträger

seine alte Stammkneipen in der heutigen

Form gemocht hätte und bilde mir ein, dass

er die etwas heruntergekommene aber sympathische

Bar, in der ich gerade mit Jin sitze,

wahrscheinlich präferieren würde.

»Sollen wir noch was trinken?«, fragt Jin,

der vom Singen Durst bekommen hat.

»Klar, was denn?«

Jin überlegt kurz. »Bestell doch einfach

eine Flasche Rum. Der Abend ist schließlich

noch jung und wer weiß, wo es uns noch hin

verschlägt.«

»Was heißt denn Flasche auf spanisch?«,

frage ich. Meine Sprachkenntnisse sind

eher rudimentär und beschränken sich vor

allem auf Schimpfwörter, die ich während

eines Schüleraustauschs in der zehnten

Klasse aufgeschnappt hatte, und die sich

bis heute in mein Gehirn gebrannt haben.

40 KUDU


LIFESTYLE, KULT

UND LEBENSGEFÜHL

»Booooteeeeella«, sagt Jin so langsam

und deutlich artikuliert, als hätte er es bei

mir mit einem Idioten zu tun. Ich nicke,

erhebe mich aus meinem etwas wackligen

Stuhl und gehe zur Bar.

»Una botella de ron, por favor«, sage ich,

lächle den Barkeeper an und lehne mich auf

die von den Ellenbogen tausender Kneipengäste

glattpolierte Theke. Der Barkeeper

nickt. »Cuatro CUC«, antwortet er. Er meint

damit die Touristen-Währung Pesos convertible,

die das Einkaufen für Urlauber fast

30-mal so teuer macht wie für Einheimische.

4 CUC sind allerdings umgerechnet

trotzdem nur etwa 3,50 Euro, was mich

stutzig macht, ob ich das richtige Wort benutzt

habe.

»Nene, botella, Flasche! Nicht Glas«, sage

ich und zeichne mit meinen Händen eine

Rumflasche nach.

»Si, si, cuatro CUC«, wiederholt er, greift

eine Flasche Rum aus dem Regal hinter

sich, schiebt sie zu mir herüber und nickt in

Richtung Jin.

»Amigo«, sagt er. Ah, verstehe, Freundschaftspreis.

Ich bedanke mich mit einem

Nicken, schnappe mir die Flasche und zwei

Gläser, die der Barkeeper daneben gestellt

hat und gehe zurück zum Tisch.

»Magst du Hemingway?«, fragt Jin mich,

als ich uns beiden ein Glas den kubanischen

Nationalgetränks eingeschenkt habe.

»Ja, sehr. Und du?«

»Ist nicht schlecht. Aber mir ist er einfach

zu machohaft«, lacht Jin.

Gut, dagegen kann ich nicht wirklich

etwas sagen, das Frauenbild in seinen Büchern

entspricht tatsächlich nicht mehr

dem heutigen Verständnis. Ich schiebe es,

für mein Gewissen, auf den damaligen Zeitgeist.

»Bei Hemingway geht es mir tatsächlich

weniger um das, was er schreibt, sondern,

wie er schreibt. Schnörkellos, schlicht und

geradeaus. Naja, einfach ehrlich«, sage ich

und zucke mit den Schultern. Ich denke etwas

nach.

»Ich hatte mal ein sehr interessantes

Gespräch mit einem brasilianischen Akkordeonspieler.

Er hat mir erklärt, dass die

schwierigsten Noten nicht die sind, die man

spielt, sondern die, die man nicht spielt. Ein

wirklich guter Musiker schaffe es, mit einer

Note ein Gefühl auszudrücken, für das andere

zehn Noten bräuchten. Bei Hemingway

ist es ähnlich, nur mit Worten, zumindest

für mich«, erkläre ich.

Jin nickt nachdenklich.

»Ok, damit kann ich leben. Salute, auf

Papa!«, sagt Jin und prostet mir zu. Ich erhebe

ebenfalls mein Glas.

»Auf Papa!«

Lennart Adam

Lennart Adam

Auf ein Bier bleibe ich noch –

Bargeschichten von Teheran bis Havanna

Reisedepeschen Verlag, 18,– Euro

Von Lennart Adam ist im kleinen,

aber sehr feinen Reisedepeschen

Verlag das Buch »Auf

ein Bier bleibe ich noch – Bargeschichten

von Teheran bis Havanna«

erschienen. Immer wieder

zieht es ihn in Kneipen, Straßencafes

und Teehäuser auf der

ganzen Welt. Seine Erlebnisse

handeln davon, wie es sich anfühlt,

an einem fremden Ort zu

sein, sich auf Unbekannte einzulassen,

ihnen zuzuhören, zu

lernen, was sie bewegt und wie

sie ihre Heimat erleben.

»Bayamo/Kuba« schrieb Lennart

Adam exklusiv für KUDU.

JAMES BOND:

DIE WELT DES 007

Leseproben zu allen

Titeln auf unserer

Internetseite

Überall, wo es Bücher gibt, oder unter

WWW.MOTORBUCH-VERSAND.DE

Service-Hotline: 0711 / 78 99 21 51

Zum Kinostart

am 2. April

Die Geschichte der Fahrzeuge aus den

James-Bond-Filmen ist so spannend wie

die Filme selbst: immer ihrer Zeit voraus,

stecken sie voller Tricks und technischer

Neuerungen. Passend zum Start von

»Keine Zeit zu sterben«, der am 2. April

2020 in die Kinos kommt, spürt »Motorlegenden

James Bond« den berühmtesten,

aber auch den weniger bekannten

Fahrzeugen aus den Filmen nach. Zudem

werden Bond-Darsteller wie Sean Connery

und ihre Autovorlieben vorgestellt,

Stuntmen gewürdigt, der MI6-Tüftler Q

gibt Tipps für den Straßenverkehr und es

werden drei der schönsten Fahrstrecken

aus den Filmen beschrieben.

240 Seiten, 180 Abb., 17 x 22,5 cm

c 29,90 | ISBN 978-3-613-04261-2

KUDU

41


Holger Krauße

Selbstorganisiert reisen: Individuell, sicher, günstig

Reise Know How, 14,90 Euro

7x reisen

Stefan Kruecken

Das kleine Buch vom Meer: Inseln

Ankerherz Verlag, 24,90 Euro

Sie ist sehr schön, die kleine Reihe mit Büchern über das Meer. Im gerade

erschienen Band sind Inseln das Thema. Ich schaue gleich ob »meine«

Inseln dabei sind, Ameland zum Beispiel oder Helgoland. Und was

ich über sie lese, sind spannende Geschichten, Anekdoten und Informationen,

im Falle Helgoland sogar alphabetisch geordnet. Sie sind natürlich

nicht die einzigen Inseln, über die in diesem besonders schönen

Buch (Halbleinen, Lesebändchen inklusive) berichtet wird. Die Färöer

sind bedacht (Insel der Wikinger) ebenso wie Jersey (Insel der Schmuggler)

oder Key West (Insel der freien Geister). Ein wunderschönes Geschenkbuch,

eine Lektüre zum Einstimmen für alle, die ihren nächsten

Inselurlaub sehnsüchtig entgegensehen. (ts)

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Dirk Rohrbach

Im Fluss. 6000 Kilometer auf Missouri und Mississippi durch Amerika

Malik, 22,– Euro

Mississippi und Missouri, die beiden längsten »Damen« Amerikas,

durchschneiden die Vereinigten Staaten einmal vom Norden im Bundesstaat

Montana bis in den Süden nach New Orleans. Das sind 6000

Kilometer Wasserstraße, die der Abenteurer und Fotograf Dirk Rohrbach

»abgepaddelt« hat. An der Quelle des Missouri baute er sich ein

Fünf-Meter-Kajak aus Holz und machte sich auf den Weg: vorbei an kleinen

Siedlungen und pulsierenden Städten, am Horizont majestätische

Berge oder endlose Prärien und Baumwollfelder. Immer nah an der Natur

und immer nah den Menschen, die sich ein Leben ohne ihren Fluss

nicht vorstellen können. Über seine viereinhalb Monate dauernde Tour,

die ihn tatsächlich bis in den Golf von Mexiko bringt, schreibt er in seinem

Buch Im Fluss. Spannend und informativ gleichzeitig! (ts)

Guter Rat ist teuer, wenn es darum geht, ohne Unterstützung eines Reisebüros

eine Fernreise zu unternehmen. Auch die selbst zusammengestellte

Reise in ein Nachbarland kann durchaus mit Fallstricken versehen

sein. Dieses Buch beantwortet die häufigsten Fragen zur eigenen,

ganz individuellen Reiseplanung. Holger Krauße ist als Globetrotter

der richtige Ansprechpartner für alle Fragen rund um das Thema Planung,

Zielauswahl, Formalien, Kulturen und Menschen – alle wichtigen

Aspekte werden in dem Buch beleuchtet. Und das Gefühl, wenn man

eine Reise in Gänze durchgeplant hat? Ein unvergleichliches und nachhaltiges.

(dh)

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Alain de Botton

Die Kunst zu Reisen. The School of Life

Aus dem Englischen von Christel Klink

Süddeutsche Zeitung Bibliothek, 16,– Euro

Die enorme Auswahl individueller Reiseführer auf dem Buchmarkt lässt

fast keine Wünsche offen – ob Low Budget, Wanderreisen mit Kindern,

Backpacking in die entlegensten Regionen der Erde. Doch was bedeutet

Reisen eigentlich und wie stelle ich das richtig an? In 30 kleinen Essays

wird der Leser dazu eingeladen, eine ganz eigene Sicht auf das Thema

Reisen zu werfen. Worauf kommt es eigentlich an und reicht es, wenn

ich nur genug Geld ausgebe, um eine gute Zeit zu haben? Fragen über

Fragen, aber keine eindeutigen Antworten, sondern viele mögliche Türen,

durch die man gehen kann – oder aber eben nicht.

Dieser Band aus der School of Life inspiriert und animiert über eigene

Gewohnheiten nachzudenken, ohne dabei richtungsweisend sein zu

wollen. Letztendlich geht es um das Wichtigste am Reisen: glücklich

zu sein. (dh)

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Dirk Liesemer

Streifzüge durch die Nacht. Wie ich unsere Heimat neu entdeckte

Malik, 20,– Euro

Der gemeine Wanderer sieht ja immer zu, dass er vor Anbruch der Dunkelheit

seine Bleibe erreicht. Dirk Liesemer hat sich auf ein Experiment

eingelassen und ein Jahr lang die Nacht zum Tag gemacht, um seine

Umwelt zwischen Abenddämmerung und Morgenrot zu erleben. Er war

unterwegs im Westhavelland (eine der dunkelsten Gegenden Deutschlands)

und im Ruhrgebiet (eine der hellsten). Er ist unterwegs in der Einsamkeit

kleiner Inseln und in der Einsamkeit einer Großstadt, nämlich

in Wien zu später Stunde während des Opernballs. Er trifft trotzdem

viele Menschen: Märchensammler, Jäger, Astronomen, Esoteriker.

In kleinen Teilen kann man ja durchaus mal ein solches Experiment

selbst wagen. Ich glaube, es lohnt sich. (ts)

42 KUDU


OHNE

FROSCH

Michal Ksiazek

Straße 816. Eine Wanderung in Polen

Aus dem Polnischen von Renate Schmidtgall

S. Fischer Verlag, 22,– Euro

Vor einigen Jahren unternahm Michal Ksiazek eine ganz besondere

Wanderung. Er lief auf der Straße 816 und in der Flusslandschaft des

Bugs entlang der polnisch-weißrussischen und der polnisch-ukrainischen

Grenze. Die polnische Ostgrenze ist auch heute noch eine ganz

besondere Trennlinie: Hier wechselt die Schrift vom lateinischen ins

Kyrillische, der Glaube vom Katholischen zum Orthodoxen. Zudem ist

der östlichste Bereich Polens äußerst dünn besiedelt. Michal Ksiazek

hat seine Erlebnisse entlang der Strecke aufgeschrieben, beschreibt

Tiere, die nur in der grünen Lunge Polens überleben können, erzählt von

Begegnungen mit den wenigen Menschen, die ihm begegnet sind. Seit

Jahrhunderten ist das Gebiet Schmelztiegel der verschiedensten Ethnien

und Konfessionen. Und er weiß sogar das Schöne mit dem Schrecklichen

zu verbinden, wenn er über das östlichste Konzentrationslager

Nazi-Deutschlands schreibt, Sobibór. Straße 816 ist keine gewöhnliche

Reisebeschreibung, eher eine poetische Annäherung an ein unbekanntes

Land. (ts)

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Éric Hazan

Die Erfindung von Paris

Aus dem Französischen von Karin Uttendörfer und Michael Müller

Matthes & Seitz, 38,– Euro

Endlich ist Éric Hazans moderner Klassiker wieder erhältlich, noch

dazu in einer erweiterten und illustrierten Neuausgabe. Seine Streifzüge

zu Fuß durch Paris führen die Leser an Plätze aus Vergangenheit und

Gegenwart, vorbei an Kultur- und Literaturgeschichte, hin zu großen

Boulevards und schmalen Gassen, mit deren Kenntnis der Geschichten

Hazan sowohl die Erstbesucher als auch die Paris-Kenner überraschen

wird. Schicht für Schicht erforscht der Ex-Chirurg und heutige Verleger

die verschiedenen Viertel bis ins Detail, zeigt das Paris der Autoren und

Architekten, wie es gewachsen, zerstört und wiederaufgebaut wurde.

Und das alles auf charmante, gut lesbare und spannende Art. (mn)

€ 19,90 [D]

ISBN 978-3-667-11829-5

Wie funktioniert das berühmte Azorenhoch?

Haben Schneeglöckchen

ihre eigene Heizung? Was wiegt eine

Wolke? Und regnet es in Hamburg

wirklich mehr als in München? Diese

und viele weitere Fragen zum Wetter

und zu Deutschlands »beliebtester«

Sendeminute klärt die Leiterin des

ARD-Wetterkompetenzzentrums Silke

Hansen. Ihr Buch ist eine Mischung

aus Sachbuch, Lesebuch und Bildband.

Mit dem Basiswissen zum Thema Wetter

und vielen kleinen Geschichten für

einen gemütlichen Nachmittag auf der

Couch. Das Ganze illustriert mit vielen

anschaulichen Grafiken und schönen

Fotos aus den vergangenen 60 Jahren

Wettervorhersage und von heute.

www.delius-klasing.de

KUDU 43


Bücher ohne Verfallsdatum

Anne Michaels

Fluchtstücke

Aus dem Englischen

von Beatrice Howeg

Berlin Verlag, 12,– Euro

Man wünscht es vielen

Büchern, dass sie nie vergessen

werden. Doch ihr Dasein

sieht leider oft anders aus;

verdrängt in den hinteren Teil der

Regale, weil ja immer Neues nachrückt.

Es wird KUDU ein Vergnügen

sein, in jeder Ausgabe sieben von

diesen (alten) Schätzen endlich

erneut in ein kleines Rampenlicht

zu stellen. Viel Spaß

beim (Wieder)entdecken.

Wer dieses Buch nicht liest, sagt

Elke Heidenreich, versäumt etwas

ganz besonderes. Anne Michaels

schaffte mit ihrem Erstlingsroman

Fluchtstücke einen internationalen

Bestseller. Das Buch wurde

in 30 Sprachen übersetzt.

Der polnisch-jüdische Junge Jakob

wird Zeuge, wie deutsche

Soldaten seine Familie ermorden.

Er alleine entkommt und vergräbt

sich tagsüber in den Sümpfen um

die 1933 entdeckte prähistorische

Stadt Biskupin. Buchstäblich ausgegraben

wird er von Athos, einem

dort forschenden griechischen

Archäologen. Athos beschließt,

den Jungen unter seinem Mantel

zu verstecken und ihn nach Griechenland

zu tragen. Auch hier

kommt der Junge nicht zur Ruhe.

Athos versteckt ihn in seinem

Haus vor den deutschen Besatzern

und bringt ihm im Laufe von

Jahren alles Wissen bei, das er in

sich hat: Er lehrt ihn in Geographie,

Geologie, Botanik, Archäologie

und die Dichtkunst. Langsam,

ganz langsam öffnet sich Jakob.

Irgendwann ist der Krieg aus,

Jakob hat überlebt. Allmählich

taucht er aus seiner Verstörung

auf und beginnt zu leben. (ts)

Paul Watzlawick

Anleitung zum Unglücklichsein

Piper Verlag, 10,– Euro

Die Auflage dieses Buches hat

die Zwei-Millionen-Marke längst

überschritten und trotzdem gibt

es immer noch Menschen, die dieses

Buch nicht kennen. Dabei ist

es so weise und erklärt, dass der

Mensch doch eigentlich nur dann

wirklich glücklich ist, wenn er unglücklich

ist. Möchten Sie diesen

Zustand des Glücklich-Unglücklichseins

erreichen? Nichts leichter

als das, behauptet zumindest

Paul Watzlawick und gibt praktische

Anleitungen. Einige davon,

zum Beispiel die Geschichte mit

dem Mann, dem Bild und dem fehlenden

Hammer sind mittlerweile

Allgemeingut. Aber auch kleine

Anweisungen verfehlen ihre Wirkung

nicht. Beispiel: Sie sind morgens

auf dem Weg zur Arbeit und

stehen an einer roten Ampel. Jetzt

sagen Sie sich »Immer stehe ICH

hier an dieser roten Ampel«. Das

machen Sie dann fortan an jeder

roten Ampel und der Zauber beginnt

zu wirken. Ein großartiger

Lesespaß, bei dem einem manchmal

das Lachen im Halse stecken

bleibt, weil sich irgendwann jeder

wiedererkennt. (ts)

Roy Lewis

Edward.

Wie ich zum Menschen wurde

Aus dem Englischen

von Viky Ceballos

Unionsverlag, 14,95 Euro

1960 erschien Edward zum ersten

Mal. Dass es einmal aus der Mode

geraten könnte, damit wird man

nicht rechnen können, denn die

Zeit, die das Buch beschreibt, liegt

doch mindestens 12.000 Jahre zurück.

Edward, der Protagonist der

Geschichte, der gewissenhafte Vorantreiber

der Evolution, lebt im

Pleistozän, also zu jener Zeit, als

der Mensch begann, das zu sein,

was er heute ist: aufrecht gehend

und zivilisiert. Dass bis dahin viel

Arbeit zu verrichten ist, viel Aufklärungsarbeit

vor allem, ahnt

Edward, das Sippen- und Familienoberhaupt.

Er vertreibt zum

ersten Mal mit Hilfe von Feuer

Löwen aus ihrer Höhle und verschafft

damit nachhaltig seiner

Familie eine Behausung, die so

groß ist, dass auch die Damen ein

wenig »Privacy« haben. Außerdem

bekommt jedes vierjährige

Kind, das auf dem Boden krabbelt,

eine Tracht Prügel; in diesem Stadium

der Evolution gehört sich ein

solch barbarische Gehabe nicht

einmal bei einem Kind …

Urkomisch, very british und trotzdem

habe ich nie wieder so viel

über unsere frühen Vorfahren gelernt

wie bei Edvard. (ts)

Albert Camus

Die Pest

Aus dem Französischen

von Uli Aumüller

Rowohlt Taschenbuch Verlag,

10,– Euro

Die Handlung dieses Buches ist

schnell erzählt: Dr. Bernard Rieux

entdeckt in der algerischen Küstenstadt

mehrere Erkrankte, die

die Symptome der Pest aufweisen.

Gleichzeitig wird die Stadt von einer

Rattenplage heimgesucht. Die

Zusammenhänge sind eindeutig.

Rieux muss sich gegen den Amtsschimmel

und dessen unangebrachte

Vorsicht und gegen einen

Pater durchsetzen, der die Seuche

als gerechte Strafe Gottes ansieht,

bevor sich die Pest über die gesamte

Stadt ausbreitet und noch

mehr Menschenleben kostet. Die

Stadt wird letztendlich abgeschottet

und unter Quarantäne gestellt.

Der Kampf der Menschen gegen

die Pest wird zur Tragödie.

Dieser Roman Camus’ gilt heute

als sein größtes Vermächtnis und

ist Pflichtlektüre in französischen

Schulen. Camus verarbeitet in

diesem Buch seine eindringlichsten

Erinnerungen an den Zweiten

Weltkrieg und seine existentialistischen

Fragen. Viele seiner Dialoge

offenbaren seinen Zorn und

sein Entsetzen über die Gräueltaten

der Nazis und die Schrecken

des Krieges. (dh)

44 KUDU


Jean Liedloff

Auf der Suche

nach dem verlorenen Glück

Aus dem Englischen von

Eva Schlottmann und Rainer Taeni

Verlag C.H. Beck, 14,– Euro

Jean Liedloff verbrachte zwei Jahre

bei den Yequana-Indianern im

Dschungel Venezuelas. In dieser

Zeit konnte sie eindrucksvolle Erfahrungen

sammeln und war letztendlich

erstaunt, wie glücklich

diese Menschen waren. Sie kannten

keine Angst, keine Aggression

und lebten im Frieden mit sich

und den anderen. Als ganz außergewöhnlich

empfand sie die Beziehung

der Mütter zu ihren Kindern,

denn die Mütter folgten ihrem

Instinkt und selbst kleine Kinder

waren extrem selbständig.

Das Buch ist nicht nur ein schönes

Geschenk für werdende Eltern,

sondern auch für interessierte

Leser, die mehr über die ursprüngliche

Lebensweise erfahren möchten.

(mr)

Alan Bennett

Cosi fan tutte

Aus dem Englischen

von Brigitte Heinrich

Wagenbach Verlag, 16,– Euro

Alan Bennett erzählt in Cosi fan

tutte eine Coming-of-age-Geschichte

der besonderen Art. Mr. und

Mrs. Ransome, ein klassisch biederes

und unglückliches Middleage-and-class-Ehepaar,

stellt bei

der abendlichen Rückkehr aus

der Oper fest, dass ihre Wohnung

komplett ausgeräumt wurde. Aber

nicht nur die Möbel, Kleidung

und Einrichtungsgegenstände

einschließlich des sich im Ofen

befindlichen Schmorbratens sind

fort. Sondern auch die trügerische

Sicherheit, die lähmende Enge

sinnentleerter Rituale und Normen,

die das weitgehend kommunikationsfreie

Zusammenleben

der beiden bis dato bestimmt haben.

Zumindest für Rosemary, die

hinter den nicht mehr vorhandenen

Grenzen ihres bisherigen Daseins

die Welt, das Leben und sich

selbst entdeckt. Surrealer und

typisch trockener britischer Humor

der besten Sorte. Ein reines

Vergnügen, bei dem sich der Leser

auch immer wieder auf sich selbst

zurückgeworfen findet! (miro)

Gioconda Belli

Die Werkstatt der Schmetterlinge

Aus dem Spanischen von Anneliese Schwarzer

Peter Hammer Verlag, 22,– Euro

Das wunderschöne Schöpfungsmärchen der nicaraguanischen Dichterin

Gioconda Belli, kongenial in Szene gesetzt von Wolf Erlbruch. Auch

nach 26 Jahren hat dieses großformatige Bilderbuch aus dem Peter

Hammer Verlag nichts von seinem Charme und seiner Skurrilität verloren.

Rodolfo lebt zu einer Zeit, in der es noch nichts, rein gar nichts,

gibt. Er gehört zu den Erschaffern aller Dinge und hat einen ganz besonderen

Traum: Er möchte ein Wesen erschaffen, das so schön ist wie

eine Blume und so prächtig fliegen kann wie ein Vogel. Nun erlaubt die

alte weise Frau, die über ihre Kreativen wacht, schon ziemlich viel, aber

das Tierreich mit dem Pflanzenreich zu vermischen, ist streng verboten.

Allein der Wunsch ist strafbar und so werden Rodolfo und seine

Freunde in die Werkstatt der Insekten strafversetzt. Dort tun sie sich

anfangs sehr schwer, aber mit ein bisschen Erfindungsreichtum werden

bald Mücke, Heuschrecke und Libelle erfunden. Nur Rodolfo verzweifelt,

hält er doch beharrlich an seinen Plänen fest ... (ts)

Bücher ohne Verfallsdatum

KUDU

45


Besondere Bücher

Nicole Giger

Ferrante, Frisch & Fenchelkraut.

Ich koche mich durch die Weltliteratur. Rezepte und Geschichten

AT Verlag, 29,90 Euro

Nicole Giger, Journalistin und Bloggerin, ist mir auf Anhieb sympathisch,

schließlich sind Lesen und Essen ihre beiden großen Leidenschaften.

Gut so, denn gutes Essen vertreibt den Hunger, Lesen die

Dummheit. Als Vielleser weiß man, das Kochen und Genießen auch in

der Literatur eine große Rolle spielt. Giger hat zusammengeführt, was

zusammengehört. Sie verwebt ihre eigenen Rezeptkreationen mit der

Literatur, lässt Autorinnen und Autoren aus aller Welt zu Wort kommen

und erzählt kulinarische Geschichten aus ihrem Leben. Aus dem Buch,

versehen mit vielen großformatigen Fotos, wird unverrichteter Dinge

viel mehr als einfach nur eine Rezepte-Sammlung – ein wunderbares

Geschenk! (ts)

Bücher, die aus

der Reihe fallen,

weil sie eine besondere

Ausstattung haben, weil

sie das Augenmerk auf nicht

Alltägliches lenken, weil sie

etwas ganz Besonderes erzählen,

haben es doch eigentlich

verdient, dass man ihnen einen

eigenen Raum gibt. Sieben

von Ihnen (sehr persönlich

ausgesucht) finden Sie

auf dieser Doppelseite.

Andreas Bernhard

Laufende Ermittlungen

Tropen Verlag, 22,– Euro

»Dem grippekranken Kind, das morgens

an der Hand seines Vaters zum

Arzt ging, kamen immer wieder Klassenkameraden

entgegen, die auf dem

Weg zur Schule waren. Jedesmal,

wenn ein bekanntes Gesicht mit dem

Schulranzen auf dem Rücken vorbeiging,

blieb das Kind kurz stehen und

drehte sich um: Der Tag hatte die falsche

Richtung!«

»In der Schreibwarenabteilung des

Kaufhauses das lange Regal mit den

Glückwunschkarten. Es ist chronologisch

geordnet: ›Geburt‹, ›Taufe‹,

›Konfirmation‹, ›Hochzeit‹, dann die

großen Geburtstage, am Ende das

Fach ›Trauer‹. Der Gang des Lebens,

komprimiert auf fünf oder sechs Meter:

eine Abfolge festlicher Rituale,

eine Farbenskala von babyblau bis

schwarzgerahmt.«

Die Dinge so exakt wie poetisch auf

den Punkt gebracht hat Andreas Bernhard

als Serie im ZEITmagazin. Es

wurde wirklich Zeit, diese Texte, die

Kleinod und großer Wurf gleichzeitig

sind, als gesammelte Werke in Buchform

zu präsentieren. (ts)

Quint Buchholz

Alles hat seine Zeit

Carl Hanser Verlag, 15,– Euro

Den Text kennt man, er gehört zu

den schönsten der Bibel: Die Verse

des Predigers Salomo hat jeder

irgendwann schon einmal gehört,

mindestens Auszüge daraus. Und

die Bilder? Doch, die kennt man

auch. Zumindest, wenn man den

Maler und Illustrator Quint Buchholz

kennt. Für mich sind viele

seine Bilder wie »nach Hause

kommen«. In der Text-Bild-Kombination

ist trotzdem alles neu.

Jedem Vers ist ein Bild gegenübergestellt

und lädt ein zum Verweilen,

zum Staunen, zum Wundern.

Denn so klar und ausdrucksstark

sie daherkommen mögen, viele

Bilder erklären sich nicht auf

Anhieb. Was hat es mit dem Jungen

auf sich, auf der Kante eines

Hauses in einem gekippten Bild?

(»Weinen hat seine Zeit«) Was mit

fliegendem, brennenden Boot und

der Schnecke? (»Klagen hat seine

Zeit«) Andere Bilder sind einfach

nur zeitlos schön, dass man in ihnen

versinken möchte. Mein derzeitiger

Favorit: ein Mann unterwegs

mit Eseln in der magischen

blauen Stunde eines Tages (»Frieden

hat seine Zeit«). Auch Gelassenheit

hat seine Zeit! (ts)

46 KUDU


Andrea Camilleri

Brief an Matilda.

Ein italienisches Leben

Aus dem Italienischen

von Annette Kopetzki

Kindler Verlag, 20,– Euro

Wolf Erlbruch

Aus den Skizzenbüchern.

Momente

Peter Hammer Verlag, 39,– Euro

Debrett’s Ltd. (Hg.)

Debrett’s. Die feine englische Art

von A-Z

Aus dem Englischen von Dieter

Fuchs und Anja Herre

Klett-Cotta, 20,– Euro

Max Frisch /

Janne Holzmüller (Ill.)

Fragebogen

Edition Büchergilde, 18,– Euro

Besondere Bücher

Seit bald einem Jahr ist der große

sizilianische Schriftsteller tot. Als

über 90-Jähriger verbringt er viel

Zeit mit seiner vier Jahre alten

Urenkelin Mathilda. Sitzt er am

Schreibtisch und arbeitet, sitzt

sie darunter und wuselt vor sich

hin. Natürlich weiß er, dass er sich

in seiner letzten Lebensphase befindet

und so beschließt er – quasi

als letzte große Aufgabe – ihr einen

langen Brief zu schreiben. Sie

soll ihn lesen, wenn sie groß ist.

In einfachen Worten, aufrichtig

und humorvoll schildert er sein

Leben. Er schreibt über seine sizilianischen

Wurzeln, über Liebe,

Freundschaft und Politik. Leicht

erzählt, ist dieses Büchlein ein Geschenk

fürs Leben für Mathilda an

dem wir (wenn man so will) vorab

teilhaben dürfen. (ts)

Es ist großartig, das Gefühl zu haben,

dem genialen Wolf Erlbruch

über die Schulter schauen zu dürfen.

Seine Skizzenbücher geben

nämlich einen guten und direkten

Einblick in Arbeit und Arbeitsweise

des ALMA-Preisträgers von

2017 (Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis).

Das erste erschien im

vergangenen Jahr und führte im

Untertitel »Der direkte Blick«.

Nun ist Skizzenbuch Nr. 2 erschienen,

sein Titel: Momente.

Gemeint sind unretuschierte, formatgetreue

Skizzen; Erlbruchs

alte Tanten am Küchentisch, spielende

Kinder am Strand, Studien

einer Schwangeren. Zwischen

all den Unbekannten entdecken

Liebhaber seiner Bilderbücher

auch vertraute Gestalten, die den

Illustrator Erlbruch weltberühmt

machten. (ts)

Auch wenn sie mittlerweile aus

dem Fokus geraten scheint, es

gibt sie immer noch: die feine

englische Art. Schaut man sich

Engländer, in einer Schlange an

einer Bushaltestelle wartend, an,

ahnen wir, dass es lohnend sein

kann, sich eine Scheibe davon abzuschneiden.

Klett-Cotta hat als Kontrapunkt

zu den Erlebnissen der letzten

Zeit ein Buch herausgegeben, einen

modernen Knigge: Die feine

englische Art von A-Z. In alphabetischer

Reihenfolge nimmt der

Benimm-Begleiter in Buchform

Stellung zu gesellschaftlichen

Themen wie Alkohol, Grillpartys,

Hüte oder Taktgefühl. Die Tipps

und Hinweise kann man wirklich

Eins-zu-eins übernehmen. Und

dass die Engländer ihren Humor

nicht verloren haben, beweist ein

Tipp unter W wie »Winde«: »Sagen

Sie grundsätzlich, es war der

Hund. Auch wenn keiner da ist«.

Ein Buch für alle Lebenslagen oder

wenn Sie bei der nächsten Einladung

eine Alternative für eine

gute Flasche Wein suchen. (ts)

Fragebogen – das Original, müsste

man fast anmerken. 50 Jahre

ist der formulierte Fragebogen

mittlerweile alt und hat nichts

von seiner Aktualität verloren.

»Halten Sie sich für einen guten

Freund?« »Sind Sie sich selber

ein Freund?« Zwischen diesen

beiden Fragen liegen 23 weitere,

über die man lange nachdenken

oder sich trefflich streiten könnte.

Max Frisch formulierte eine

ganze Reihe existentieller Fragen

zwischen 1966 und 1971 zu den

Themen wie Erhaltung des Menschengeschlechts,

Ehe, Frauen,

Hoffnung, Humor, Geld, Vatersein,

Heimat oder eben, wie oben

gezeigt, Freundschaft. Fragen,

die man glücklicherweise nicht

einfach mit Ja oder Nein beantworten

kann. Sie regen an zum

Nachdenken und zum Gespräch.

Das Besondere an der Ausgabe

der Edition Büchergilde ist ihre

Gestaltung. Janne Holzmüller gewann

damit einen Wettbewerb der

Uni Mainz. Die Kommunikationsdesignerin

überzeugte durch ihre

Bleistiftzeichnungen, die wie ein

Daumenkino anmuten. Das Buch

ist eine durchgefärbte und bedruckte

Klappenbroschur. Es hat

320 Dünndruckseiten und eine

farbige Fadenheftung. (ts)

KUDU

47


A Tribute to

Charles Monroe Schulz

oder Vom Eingestehen einer grossen Liebe

Eine Szene hat sich mir eingebrannt: Charlie Brown ist auf dem

Weg durch die Stadt, um für das Weihnachtsfest einen Christbaum

zu besorgen; ermahnt von allen Familienmitgliedern, er möge bitte

den schönsten Baum aussuchen und nicht wie im Jahr zuvor den

offenbar hässlichsten, den es zu erwerben gab. Charlie Brown läuft

durch die winterlich-weihnachtliche Stadt und murmelt gebetsmühlenartig

seine Litanei auf: »Diesmal suche ich den schönsten,

den größten, den wunderbarsten Baum der ganzen Stadt. Diesmal

suche ich …« Er hat den Weihnachtsmarkt längst erreicht, läuft

immer noch beseelt von der Idee vom schönsten Baum der Stadt

für seine Familie, als er plötzlich stockt. Vor ihm lehnt ein kleiner,

verkrüppelter, nahezu nadelloser Baum an einem Zaun. Es dauert

einen Moment, bis Charlie Brown mit ihm zu sprechen beginnt:

»Fühlst du dich auch immer so alleine, so ausgegrenzt, so einsam?«

Man ahnt es. Genau diesen Baum wird Charlie Brown voller Stolz

und mit einer gehörigen Portion Glückseligkeit nach Hause tragen.

Als Kind habe ich geweint ob der Schimpftiraden (»Charlie

Brown, du Holzkopf!«), die er über sich ergehen lassen musste. Diesen

kleinen Jungen begann ich nämlich genauso zu lieben wie meine

besten Freunde. Ich war noch sehr klein damals, aber innerlich

muss ich gespürt haben: Charlie Brown und ich, wir sind Seelenverwandte.

Was fieberte ich den Sonntagen entgegen, wenn nach

Flipper oder vor Bonanza – so genau weiß ich das nicht mehr – eine

Folge der Peanuts ausgestrahlt wurde. Zu einer Zeit, als es nur drei

Programme gab, der Fernseher ein halber Schrank war und die Bilder

schwarzweiß ins Wohnzimmer flimmerten.

Natürlich schloss ich sie alle in mein Herz: Snoopy, Charlie

Browns Hund, ein Beagle mit permanentem Hunger, einem Hang

zur Faulenzerei, Schriftstellerei und Fantastik. Linus, nach Snoopy

Charlies zweitbester Freund, mit dem sich trefflich philosophieren

lässt und der versessen darauf ist, in der Halloweennacht einmal

dem Großen Kürbis zu begegnen. Lucy, die selbsternannte Psychiaterin,

die Charlie Brown bis aufs Blut reizt, Schröder, der Beethoven-Narr,

der immer zu spät die Annäherungsversuche von Lucy

bemerkt und all die anderen, die in der Welt ohne Erwachsene eine

Rolle spielen.

Charles M. Schulz

Snoopy

Aus dem Englischen

von Matthias Wieland

Carlsen Verlag, 79.- Euro

Alle habe ich geliebt, aber Charlie Brown, den ewigen Verlierer,

den melancholischen Optimisten, den Pechvogel, der herhalten

muss für die bösen Streiche der Mädchen, allen voran Lucys, der

Junge mit der unerfüllten Liebe; diesen Charlie Brown habe ich immer

geliebt. Verstanden habe ich seine Tiefgründigkeit allerdings

erst, als ich altersbedingt eine ähnliche Haarpracht hatte wie Charlie.

Um die Peanuts-Comicstrips nicht zu verpassen, hielt ich sogar

lange an einem Abonnement einer Tageszeitung fest, die von Jahr

zu Jahr uninspirierender und niveauloser wurde. Einmal am Tag

(und dann bereits am frühen Morgen) über eine kleine Rasselbande

zu schmunzeln war mir das Abo wert.

Die Leidenschaft für Comicstrips hatte ich gemeinsam mit dem

Vater von Charles Monroe Schulz, dem Schöpfer der Peanuts. Er

kaufte sich jeden Sonntag gleich vier Zeitungen – und zwar nur der

Cartoons wegen. Vielleicht wurde beim genialen Peanuts-Erfinder

ja damals bereits der Grundstein für eine so einmalige Karriere gelegt?

Fast fünfzig Jahre lang erschienen Tag für Tag, Woche für Woche

die Bilder. Barack Obama bezeichnete die Peanuts als »unsere tägliche

Schmusedecke« und erklärte sie zu einem amerikanischen

Heiligtum. An dieser Stelle ist ein wenig Pathos vielleicht sogar angebracht.

Bald 18.000 Comicstrips veröffentlichte Schulz bis zum

Ende seiner Karriere, alle selbst gezeichnet und handgelettert. Auf

dem Höhepunkt seines Schaffens zum 25-jährigen Jubiläum 1975

wurden die Peanuts in 1.600 Zeitungen veröffentlicht und von rund

90 Millionen Menschen gelesen.

Vor etwas mehr als 20 Jahren, am 13. Februar 2000, erschien der

letzte Schulz’sche Comicstrip. In ihm beschreibt Schulz noch einmal

das Glück, Charlie Brown und seine Freunde so lange zeichnen

zu dürfen. »Das war die Erfüllung meines Kindheitstraumes.« Und

er bedankt sich mit den Worten: »Charly Brown, Snoopy, Linus,

Lucy ... Wie kann ich sie jemals vergessen?« Wenige Stunden zuvor

war er im Alter von 77 Jahren verstorben.

Im Internet kursiert seit einiger Zeit ein Cartoon, das möglicherweise

nicht von Schulz ist, aber es hätte gut zu ihm gepasst. Da sitzen

Charlie Brown und Snoopy auf einem Steg und schauen aufs

Wasser.

»Eines Tages werden wir alle sterben, Snoopy.«, sagt Charlie

Brown.

»Ja, stimmt!«, erwidert dieser. »Aber an jedem anderen Tag leben

wir!«

Thomas Schmitz

48 KUDU


Kleines

KUDU-Rätsel

Wie Peanuts-sicher

sind Sie?

Sie haben die Feuertaufe bestanden und unser erstes kleines literarisches KUDU-Rätsel mit

Bravour gelöst. Ihnen war klar: Der Schauspieler und Kanzlersohn Matthias Brandt nannte

seine au tobiographischen Erzählungen Raumpatrouille. Der Stammkunde aus Robert Seethalers

Trafikant war kein anderer als Sigmund Freud und Joachim Meyerhoff wuchs in Schleswig-Holstein

auf dem Gelände einer psychiatrischen Anstalt auf. Sein Vater war Direktor dieser

Klinik. Allen zehn Gewinnern einen herzlichen Glückwunsch. Die KUDU-Buchpakete sind

an Sie unterwegs.

Aus gegebenem Anlass widmen wir uns in unserem KUDU-Rätsel den etwas in die Jahre gekommenen,

aber ewig jungen Peanuts und verneigen uns vor Charles Monroe Schulz.

NEU

Klappe auf –

Ton an!

ISBN 978-3-473-32965-6

Erwachsene spielen bei den Peanuts wohl eher eine untergeordnete Rolle, sind sie doch in den

nahezu 18.000 Comicstrips, die Schulz im Laufe seines Lebens geschaffen hat, nie zu sehen.

Trotzdem erfährt man ab und an etwas über sie. Zum Beispiel weiß der aufmerksame Peanuts-Leser,

welchen Beruf Charlie Browns Vater hatte.

War er

a) Maurer?

b) Metzger?

c) Frisör?

Lange Zeit war Charlie Brown verliebt in ein kleines Mädchen. Ihm schrieb er lange Briefe,

die er nie abschickte. Eine unerreichte Liebe und ein Gesicht, das der Leser nie gesehen hat.

Von welchem Mädchen ist die Rede?

a) Das kleine Mädchen mit den roten Schuhen

b) Das Mädchen mit den roten Haaren

c) Das Mädchen mit dem roten Roller

Können Sie sich an Linus erinnern, den Jungen mit der Schmusedecke? Richtig übersetzt war

der amerikanische Ausdruck nie. Wenn er auch dasselbe meint, korrekt übersetzt heißt das

lebensnotwendige Linus-Utensil

a) Steppdecke

b) Kuscheldecke

c) Sicherheitsdecke

Wir sind uns sicher, Sie lösen unser Rätsel! Bitte schicken Sie die richtigen Antworten an

die Buchhandlung, die Ihnen KUDU überreicht hat. Dann haben Sie die Chance, eins von fünf

„Snoopy“-Büchern von Charles M. Schulz aus dem Carlsen Verlag zu gewinnen.

Ihre Lösungen hätten wir gerne bis spätestens 31. August 2020.

Bevor wir Ihnen die Daumen drücken, eine kleine, nicht unwichtige Anmerkung:

der Rechtsweg* ist ausgeschlossen.

Viel Glück, jetzt sind die Daumen gedrückt!

Vor- und Nachname:

Adresse:

Telefon / E-Mail:

TEILNEHMER/in

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© 2020 Ravensburger Verlag GmbH, Illustration: Ursula Weller

Kikerikiii

ISBN 978-3-473-32964-9

Auf jeder Doppelseite ertönt beim

Öffnen einer Klappe ein Sound.

Weitere Klappen vermitteln

spielerisch Wissen.

Warum?

... kräht der Hahn?

Ihre KUDU-Buchhandlung:

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

LÖSUNGEN

Frage 1: . . . . . . . . . . . . . Frage 2: . . . . . . . . . . . . . Frage 3: . . . . . . . . . . . . .

*Teilnahmeberechtigt sind alle natürlichen Personen ab Vollendung des 18. Lebensjahres. Jeder Teilnehmer/jede Teilnehmerin darf am Gewinnspiel nur ein

Mal teilnehmen. Hiervon ausgenommen sind Mitarbeiter der Buchwert GmbH & Co.KG, der angeschlossenen Buchhandlungen und der Agentur erste Liga. Die

Gewinnspielteilnahme erfolgt durch Abgabe dieses Teilnahmeabschnitts inkl. der Angabe Ihrer Daten (vollständiger Name, Wohnadresse, Email-Adresse) in

der ausführenden Buchhandlung oder durch das Senden Ihrer Daten per E-Mail an Ihre KUDU-Buchhandlung.

Die personenbezogenen Daten werden ausschließlich zur Durchführung des Gewinnspiels verwendet. Eine Weitergabe der Daten an unbeteiligte Dritte erfolgt

nicht. Die Gewinner werden unter allen Teilnehmern von der KUDU-Redaktion ausgelost und im Anschluss benachrichtigt. Die Gewinne können nicht umgetauscht

oder bar ausgezahlt werden. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

KUDU

49


mehr lesen, wissen, können

Ein Foto

und seine Geschichte

»mehr lesen, wissen, können« – eine Weile kam ich fast jeden Tag

an diesem Satz vorbei. Er gehörte zu einer alten DDR-Leuchtreklame,

die an der Fassade des LKG-Gebäudes in Leipzig hing: Ein

stilisierter Mensch reckte froh ein Buch in die Luft und darunter

war jener Slogan zu lesen. Die Leuchtreklame stammte aus dem

Jahr 1964; einer Zeit, in der diese Art der Werbung sich in der DDR

zu einer eigenen Kunstform entwickelt hatte.

Die Leipziger Kommissons- und Großbuchhandelsgesellschaft

(LKG) war die wichtigste Buchauslieferung in der DDR und trug

entscheidend zur Versorgung der Bevölkerung mit dem gedruckten

Wort bei. Als ich Ende der 1990er Jahre in Leipzig studierte, lag das

wuchtige Gebäude an meinem Weg in die Innenstadt, wo ich einen

Nebenjob als Buchhändler hatte. Zu diesem Zeitpunkt leuchtete

die Lichtwerbeanlage – so die offizielle Bezeichnung – schon lange

nicht mehr, das Areal stand leer und verfiel; ein Schicksal, das es

mit zahlreichen Leipziger Industriebauten teilte.

Doch jedes Mal war ich fasziniert von dem sieben Meter hohen

»Buchmännchen«, wie es genannt wurde: Die elegante Gestaltung,

die Ahnung, wie es in früheren Zeiten nachts schon von weitem

sichtbar gewesen sein musste und natürlich die Aussage »mehr lesen,

wissen, können«, die mit vier Worten die Macht der Bildung

und der Bücher beschreibt – das alles beeindruckte mich sehr. An

einem sonnigen Samstagmorgen, als das Licht perfekt war, photografierte

ich die Reklametafel; was sich aber als gar nicht so einfach

herausstellte, denn die optimale Perspektive erhielt man nur, indem

man sich mitten auf die stark befahrene Prager Straße stellte.

Ein paar wütend hupende Autos später war alles erledigt.

Wenn ich dieses Bild heute anschaue, habe ich sofort wieder diesen

Morgen im Kopf. Das wunderbare Licht, die dicht an mir vorbeifahrenden

Autos, das Klicken des Auslösers. Und ich erinnere

mich daran, mit welcher Begeisterung ich damals durch Leipzig

lief und radelte. Ich hatte diese wunderbare Stadt schnell ins Herz

geschlossen und konnte mich nicht sattsehen an den unzähligen

Gründerzeitgebäuden und den vielen Details einer wechselhaften

Stadtgeschichte. Gekoppelt war dies mit einem manchmal fast ungläubigen

Staunen, denn nur wenige Jahre zuvor wäre es mir als

Süddeutschem nicht möglich gewesen, in dieser Stadt zu studieren.

Sie lag in einem anderen Land, zu dem ich keinen Zutritt hatte.

Nun war ein ganzer Staat verschwunden, leerstehende Gebäude

und marode Leuchtreklamen erinnerten noch an ihn. Der Werbespruch

»mehr lesen, wissen, können« wirkte dabei wie eine Mahnung:

Denn jener Staat hatte seinen Bürgen genau vorgeschrieben,

was sie zu lesen und zu wissen hatten. Und das hat glücklicherweise

nicht funktioniert.

Heute, über zwanzig Jahre nachdem das Photo aufgenommen

wurde, ist das Gebäude saniert; Wohnungen und Büros sind hier

entstanden. Auch das Buchmännchen leuchtet wieder und nachts

sieht man es schon von weitem, dieses »mehr lesen, wissen, können«.

Uwe Kalkowski

Literaturblog Kaffeehaussitzer

50 KUDU


Wenn Lesen WOW! macht

Der könnte die hässliche Katze bestimmt

vertreiben. Oder ein Wildschwein? Oder ein

Elefant? Auch wenn der bestimmt auf dem

Dachboden keinen Platz finden würde!

schreit jemand über ihm. Ein Eichhörnchen

klettert flink über den Baumstamm. Kurz bevor die Nuss in die

Tiefe fällt, bekommt das Eichhörnchen sie in die Pfoten.

Dann starrt es Vincent an.,

Gerade als Vincent

die hässliche Katze

schon fast vergessen

hat, plumpst ihm eine

große Haselnuss auf

die Krallen.

Beinahe hätte Vincent

seinen Ast losgelassen.

Wer war denn das?

66

ISBN 978-3-7432-0581-9

ISBN 978-3-7432-0565-9

ISBN 978-3-7432-0020-3

Dachtest du,

der Hahn ist eine?

TREFFER!

„Schmatz!

Schmatz!

Schmatz!“

Dachtest du, die Raupe

ist eine?

Raupe

„Ta-daa!“

Dachtest du, der

Has e ist eine?

DANEBEN.

TREFFER!

„Och, schade!“

Aber dafür ist eine unter dem Laub!

„Oh, super!“

Das ist Felsi Taube. Felsi ist

ein großer Naturfan.

Er verkleidet sich gern als

Tier oder Pflanze.

„Du bist sehr

kreativ!“

10 11

Hintergrund: © 10 FACE / Shuerstock.com

Illustraonen: Raimund Frey, Ben Wood,

Fréderic Bertrand, Falk Holzapfel

www.loewe-wow.de

76 \

Wie sollten wir denn

sonst beweisen, dass wir

einen neuen Bug entdeckt hatten?

ISBN 978-3-7432-0580-2

KUDU

51


Vier Freundinnen.

Zwei Sommer am

Atlantik. Eine Geschichte

von Liebe und

Freundschaft, Zufall

und Schicksal.

320 Seiten, geb. mit Schutzumschlag

€ 20,- [D], ISBN 978-3-328-60110-4

Penguin Verlag

Kann man mit einem

Herzen voller Geheimnisse

lieben? Die ergreifende

Geschichte einer Frau, die

auf der Suche nach der

Wahrheit zu sich selbst

findet.

416 Seiten, geb. mit Schutzumschlag

€ 20,- [D], ISBN 978-3-442-31494-2

Goldmann Verlag

Höhepunkte des Bücherfrühlings 2020

Nichts ist je vergessen –

Ein junger Kommissar

und eine Mordserie,

die tief in die dunkle

Vergangenheit führt.

400 Seiten, geb. mit Schutzumschlag

€ 20,- [D], ISBN 978-3-7645-0719-0

Blanvalet Verlag

»Ich habe mich gefragt,

wer die Lücke füllen kann,

die James Baldwins Tod

gelassen hat. Jetzt weiß

ich es: Ta-Nehisi Coates.«

Toni Morrison

544 Seiten, geb. mit Schutzumschlag

€ 24,- [D], ISBN 978-3-89667-658-0

Blessing Verlag

6 CDs, 450 Min., gelesen von Oliver Wnuk

€ 20,- [D], ISBN 978-3-8371-5032-2

Random House Audio

2 MP3, 950 Min., gelesen von Sabin Tambrea

€ 24,- [D], ISBN 978-3-8371-4998-2

Random House Audio

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