PARNASS 01/2020 Leseprobe

medeccoparnass

K U N S T M A G A Z I N

JAN VAN EYCK

Der Genter Altar

Heft 1/2020 | März–April | www.parnass.at | Ö/DE: EUR 18,– | CH: SFR 31,– | Österreichische Post AG | MZ 02Z032769 M | PARNASS Verlag GesmbH | Loquaiplatz 12 | 1060 Wien

FRIEDENSREICH

HUNDERTWASSER

Imagine Tomorrow

IM PORTRÄT

Ugo Rondinone

Jakob Lena Knebl

Carola Dertnig

NIEDERÖSTERREICH

Kunst- und Kulturraum

TALLINN

Cityspot




ANTONY GORMLEY

IN HABIT

PARIS MARAIS

MÄRZ – APRIL 2020

ANTONY GORMLEY, LEVEL, 2019, CAST IRON, 49,5 x 186,7 x 33,9 CM, © THE ARTIST


SILVIE AIGNER

CHEFREDAKTEURIN

Foto: © christianjungwirth.com

EDITORIAL

ARTLIFE

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alle Infos dazu finden

Sie auf unserem

Online-Portal

WWW.PARNASS.AT

COVER

JAN VAN EYCK

Verkündigung des Herrn,

ca. 1434–1436 (Detail)

Öl auf Holz auf Leinwand übertragen

92,7 × 36,7 cm

Andrew W. Mellon Collection,

National Gallery of Art, Washington, D.C.

Man hat den Eindruck, Ausstellungen, Eröffnungen Museumsneubauten, begrünte Fußballstadien

und vieles andere kommen ohne das Quantum Eventkultur heute nicht mehr aus. Doch braucht die

Kunst die Vermarktung als maximierte publikumswirksame Erlebnisware überhaupt? Es scheint, allein

die Besucherrekorde und die Präsenz des einen oder anderen VIP dokumentieren die Qualität

einer Ausstellung und die Relevanz der Schau. Bitte das nicht falsch zu verstehen – natürlich ist man

interessiert daran, dass Ausstellungen auch ihr Publikum erreichen und zum Diskurs anregen – doch

manchmal hat man den Eindruck, das Marketing ist allzu präsent. Dabei übersieht man oft, dass hinter

Ausstellungen langjährige Forschungsarbeiten stehen, wissenschaftliche Erkenntnisse oder künstlerische

Auseinandersetzungen. Künstler sind keine Eventkultur-Produzenten, ebenso wenig wie die

Kunstwissenschaftler, Kunsthistoriker und Restauratoren. Dieser Wunsch, alles zum Event zu machen,

hat auch die Jan van Eyck-Ausstellung in Gent ein wenig erfasst. Gent ist eine wunderschöne

Stadt und die Ausstellung ein visueller Augenschmaus. Auch in Brügge huldigt man dem Maler und

seiner Zeit anhand von Meisterwerken – es lohnt in diesem Frühjahr, nach Belgien zu fahren. Doch

unter dem Titel „OMG van Eyck was here“, der sich der in den sozialen Medien gebräuchlichen Abkürzung

für „Oh my God“ bedient, gibt es von Bier bis zur Lichtshow einfach alles. Unter anderem

auch Wandmalerei im öffentlichen Raum, wobei sich Graffitikünstler an Motiven van Eycks versuchen

– das konnte nur schiefgehen. Auch der Mehrwert der Lichtshow, in der die wunderbaren Tafeln

des Genter Altars als digitale Kopie von Robotern im säkularisierten mittleren Kirchenschiff der

gotischen Kirche St. Nikolas bewegt werden, hat sich mir nicht erschlossen. Tröstlich, dass gleich im

Kirchenschiff daneben eine Bar ist. Herausragend in diesem Zusammenhang die Schokoladenmanufaktur

von Nicolas Vanaise, die heute von einem Nachfahren des ehemaligen Gründers geführt wird.

Er ist Kunsthistoriker und Archäologe und macht wunderbare Schokolade – aktuell nach Motiven

aus den Bildern van Eycks, gefüllt mit jenen Kräutern und Früchten, die der Maler so detailgetreu

in seinen Bildern malte. Und ehrlich, bei belgischer Schokolade kann man nicht standhaft bleiben.

Der Besuch in Gent erfüllte mir darüber hinaus endlich den Wunsch, zwei Künstler, die in und um

Gent leben und arbeiten und deren Werk ich seit Langem schätze, in ihren Ateliers zu besuchen:

Peter Buggenhout, mit dem ich seine Ausstellung bei Antwerpen besuchte, und Kris Martin, der

demnächst mit einer großen Einzelausstellung im S.M.A.K in Gent vertreten sein wird.

In Wien gibt es demnächst mit dem Künstlerhaus und der MQ-Libelle zwei spektakuläre Neueröffnungen

– womit wir wieder beim Event angelangt sind.

Auch wir setzen den PARNASS 2020 in Szene, mit einem neuen Papier. Unser Magazin wird dadurch

etwas voluminöser, garantiert jedoch das, was uns wichtig ist – eine noch bessere Bildqualität.

Viel Spaß beim Lesen!

PA R NASS 01/2020 3


JAN UND HUBERT VAN EYCK Genter Altar, 1432 – Seite 32

INHALT

JAN VAN EYCK

32 Der Genter Altar

46 Künstler: Peter Buggenhout und Kris Martin

54 Axel Vervoordt – Kanaal

FRIEDENSREICH

HUNDERTWASSER

56 Hundertwasser und Schiele

im Leopold Museum

64 Kunst Haus Wien – Museum Hundertwasser

4 PA R NASS 01/2020


Inhalt

Jan und Hubert van Eyck, Genter Altar, 1432 (Detail), Saint-Bavo’s Cathedral Ghent © Lukasweb.be-Art in Flanders vzw | Ingeborg G. Pluhar | Brillen-Nase, 1970 (Detail), © Ingeborg G. Pluhar / Courtesy zs art Galerie, Wien / SAMMLUNG VERBUND, Wien | Alois Riedl, Ohne Titel, 1993 (Detail), Courtesy

W&K – Wienerroither & Kohlbacher | Walter Angerer-Niketa, Ikarus, 2015 (Detail), © zs art galerie, Courtesy zs art galerie | Gottfried Salzmann, © Foto: Galerie Welz | Courtesy Galerie Welz | Dorothea Tanning, Spannung, 1942 (Detail), © The Estate of Dorothea Tanning/VG Bild-Kunst, Bonn 2019,

Foto: Jochen Littkemann, Berlin | Gemäldegalerie Staatliche Kunstsammlungen Dresden | Foto: Oliver Killig

JOURNAL

8 Newsflash

10 MQ Libelle

16 Das neue Künstlerhaus

24 The Beginning – Albertina modern

26 Ulrike Lunacek im Interview

28 KOLUMNE: Aber Hallo!

IM PORTRÄT

70 Ugo Rondinone

76 Jakob Lena Knebl

84 Carola Dertnig

SPECIALS

90 Kunst- und Kulturraum

Niederösterreich

ART & DESIGN

110 Show Off – Austrian Fashion Design

SAMMLUNGEN

116 Sammlung Hahnloser

122 Sammlung Josef Dvorak

AUSSTELLUNGEN

124 Feministische Avantgarde

Sammlung Verbund

127 Ganymed in Power

Kunsthistorisches Museum Wien

FEMINISTISCHE AVANTGARDE – Seite 124

128 The Cindy Sherman Effect

Kunstforum Wien

130 Gelebt – Ingeborg Strobl

mumok

132 Into the Night

Belvedere

134 Maruša Sagadin und

Thomas Reinhold

Christine König Galerie

136 Walter Angerer-Niketa & Ray Malone

ZS Art Galerie

138 Ekaterina Shapiro-Obermair

Akademie der bildenden Künste Wien

140 Alois Riedl

Wienerroither & Kohlbacher

144 Peter Pongratz

Galerie Artecont Wien, Galerie Welz,

Strabag Kunstforum

146 Gottfried Salzmann

Galerie Welz

150 Stephan Balkenhol und Tony Cragg

Galerie Thaddaeus Ropac

152 Bruno Gironcoli, Tobias Pils,

Elfie Semotan

Galerie am Stein

154 Paweł Althamer

Lentos Kunstmuseum Linz

156 Human Capital

Innsbruck International

158 Tone Fink

Landesgalerie Burgenland

160 Don’t Miss

Ausstellungen im Frühjahr

162 Fantastische Frauen

Schirn Kunsthalle Frankfurt

166 Wiedereröffnung Gemäldegalerie

Staatliche Kunstsammlungen Dresden

172 Edward Hopper

Fondation Beyeler

BEETHOVEN 2020

174 Beethoven Bewegt

178 The Lobkowicz Collections

BUNDESLÄNDER HIGHLIGHT

182 Graz

CITYSPOT

186 Tallinn

KUNSTMARKT

194 Dorotheum – Rückblick 2019

196 Rudolf Polanszky – im Kinsky

198 Auktionen

TERMINE

202 Kunsttermine im Überblick

208 Vorschau / Impressum

ALOIS RIEDL – Seite 140 WALTER ANGERER-NIKETA – Seite 136

GOTTFRIED SALZMANN – Seite 146 FANTASTISCHE FRAUEN – Seite 162

WIEDERERÖFFNUNG IN DRESDEN – Seite 166

DIE NÄCHSTE AUSGABE ERSCHEINT IM MAI 2020

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet.

Sämtliche Personen bezeichnungen gelten sowohl für männliche als auch für weibliche Kunstschaffende.

PA R NASS 01/2020 5


Bruno Gironcoli

Tobias Pils

Elfie Semotan

14. 2. 2020 – 16. 5. 2020

Eröffnung Freitag 14. 2. 2020 19 Uhr

Es spricht Ferdinand Schmatz


Galerie am Stein

Monika Perzl

Stift Reichersberg

4981 Reichersberg am Inn 1


NEWSFLASH

NEUER REKTOR DER

WIENER AKADEMIE DER

BILDENDEN KÜNSTE

ANGELOBT

Seit Jänner 2020 ist das neue

Rektorenteam der Akademie der

bildenden Künste inauguriert.

Johan Frederik Hartle folgte Eva

Blimlinger als Rektor nach, der promovierte

Philosoph und Kunsttheoretiker

leitet das Haus gemeinsam

mit den beiden Vizerektorinnen

Ingeborg Erhart, verantwortlich

für Kunst und Lehre, und Celestine

Kubelka, die Finanzen, Personal und

Sonderprojekte übersieht. Hartle

übernimmt gewissermaßen eine

Baustelle – seit zwei Jahren ist der

Universitätsbetrieb wegen der Sanierung

des Hauses am Schillerplatz auf

mehrere Orte ausgelagert und findet

nun vor allem am ehemaligen Standort

Wirtschaftsuniversität statt.

Johan Frederik Hartle | Foto: Viktor Brázdil

IMAN ISSA TRITT

NACHFOLGE VON

MONICA BONVICINI AN

Die ägyptisch-amerikanische

Künstlerin Iman Issa wurde als

neue Professorin für Bildhauerei

an die Akademie der bildenden

Künste Wien berufen. Sie tritt die

Nachfolge von Monica Bonvicini an.

Über Iman Issa heißt es in der

offiziellen Presse mitteilung: „Ihre

Arbeit verschränkt postkonzeptuelle

Perspektiven der Gegenwartskunst

mit politischen Kontexten, die ihren

Ursprung jenseits des nordatlantischen

Dominanzraums haben und es

insofern ermöglichen, universalistische

Narrative sowohl fortzusetzen

als auch herauszufordern.“

Cecilia Alemani | Courtesy The High Line | Foto: Liz Ligon

CECILIA ALEMANI

KURATIERT DIE

VENEDIG-BIENNALE 2021

Die Italienerin Cecilia Alemani,

1977 in Mailand geboren, wird

die 59. Kunst-Biennale in Venedig

kuratieren. Bisher zeichnete sie

für international vielbeachtete Projekte

als Leiterin von High Line

Art in New York verantwortlich,

wo sie unter anderem mit Künstlern

wie El Anatsui, John Baldessari,

Phyllida Barlow, Carol Bove,

Sheila Hicks, Rashid Johnson,

Barbara Kruger, Zoe Leonard, Faith

Ringgold, Ed Ruscha, Nari Ward

und Adrián Villar Rojas zusammenarbeitete.

2017 hatte Alemani

bereits den italienischen Pavillon der

Biennale geleitet, 2013 kuratierte ihr

Ehemann Massimiliano Gioni die

55. Venedig-Biennale.

Iman Issa | Foto: © Daniel Ammann

8 PA R NASS 01/2020


A.R.

15.2.2020

— 10.5.2020

PENCK

FOTO: GERRIT SCHREURS


Kunstszene

EINE LIBELLE IST GELANDET

Ein luftiges, schwirrendes Gebilde über dem MQ. Wien hat einen attraktiven neuen

Stadtsalon und konsumfreie öffentliche Terrassen mit spektakulärem Panoramablick.

BRIGITTE GROIHOFER

Wien, die Stadt mit dem rückwärtsgewandten

Blick: Man glaubt es kaum, doch vor nun bereits

38 Jahren gab es den ersten Wettbewerb für

die Planung des MuseumsQuartiers in Wien,

das heute Europas größtes Kulturareal ist, und

Laurids und Manfred Ortner waren die Architekten

der großen Neubauten (mumok, Leopold

Museum, Kunsthalle Wien). 2001 wurde das MQ

eröffnet. Die ersten Überlegungen zu einem Pavillon

auf dem Leopold Museum gab es schon 2008.

Laurids Ortner meint dazu: „Die Idee war naheliegend,

dass man auf den schweren weißen Kubus,

das Leopold Museum, etwas draufsetzt, eine

freiere Form, und diese, um dem Spirit des MQ als

‚Art in Progress‘ zu entsprechen, als Gesamtkunstwerk

entwickelt, als Verbindung von Architektur

und den freien Künsten, und nicht, wie üblich, im

Nachhinein Kunst am Bau hinzufügt.“ Daher waren

von Beginn an die beiden Künstlerinnen – Eva

Schlegel für die Glasfassade und Brigitte Kowanz

für die Lichtinstallation – bei der Entwicklung

der Form und des Gesamtkonzeptes dabei.

Das Temporäre, das Ephemere, das einem gläsernen

Pavillon anhaftet, hat in Wien Tradition,

und die Aufgabe hat durch seine freie Form

Architekten aller Zeiten zu Glanzleistungen inspiriert,

so auch Laurids Ortner, der mit der Libelle

„ein pfiffiges Gute-Laune-Projekt, ein Schmuckstück,

das gute Stimmung verbreitet und das sich

von den streng kubischen Formen der Museen abhebt“,

geschaffen hat. Und wieder sind zwölf Jahre

vergangen, und das Projekt hat zahlreiche Transformationen

durchlebt, bis es nun in seiner endgültigen

Form als schwirrendes, luftiges Gebilde,

als poetisches Gesamtkunstwerk, der Öffentlichkeit

als neue Location übergeben wird. Von keinen

der sonst üblichen Störungen und Widerstände

behindert, wurde das Projekt von Beginn

an, wie Laurids Ortner meint, „wegen seiner charmanten

Harmlosigkeit, die scheinbar niemandes

Interessen verletzte, in keinen fremden Gehegen

wilderte, mit Zuneigung aufgenommen“.

10

PA R NASS 01/2020


Kunstszene

linke Seite | MQ LIBELLE | Rendering, 2019 | © O&O Baukunst

rechte Seite | MQ LIBELLE | Aufbau, 2020 | © Eva Schlegel

Es erinnert an die visionären Projekte von

„Haus-Rucker-Co“ in den 1970er-Jahren, wie

die Nike, 1977 in Linz, oder an die Oase, 1972

für die Dokumenta 5 in Kassel. Die Poesie, die

diesen Projekten innewohnte, findet sich in der

Libelle, dem „Megaloprepus coerulatus“, wieder.

Für Laurids Ortner war bei der Aufgabenstellung

der Blick von oben auf die Dachlandschaft

des MQ Ausgangspunkt und Inspiration. „Ohne

Bild aus der Luft gibt es keine Vorstellung von

der Besonderheit des Areals und von der einzigartigen

städtebaulichen Situierung.“ Ortner

sieht die dem Himmel zugewandten Flächen der

Museumsbauten als gleichrangige fünfte Fassade.

Denn das MuseumsQuartier als Ganzes lässt

sich ob seiner Größe nur in Luftaufnahmen kommunizieren,

und vom Himmel her wird auch die

Libelle als schlangenförmiges gläsernes Gebilde

in ihrer Gesamtheit als neues Wahrzeichen

wahrgenommen werden. Das Farbkonzept besteht

„nur“ aus den „Nichtfarben“ Grau und

Weiß. Die Schwere des darunter liegenden steinernen

Kubus des Leopold Museums wird nach

oben zu gebrochen und immer heller. Keine Farbe,

keine Begrünung der Dachterrasse, sondern

weiße sandgestrahlte Betonplatten, keinerlei Anmutung

eines Dachgartens, keine Werbe- oder

Logo aufschriften auf Sonnenschirmen sollen

die in den Himmel übergehende Helligkeit der

Dachhaut stören. „Farbe bringen die Besucher“,

so Laurids Ortner. Pure Architektur und Antithese

auf die Bestandsarchitektur.

Die Konstruktion, die Statik, war die eigentliche

große Herausforderung für die Architekten.

Denn unter dem Dach befinden sich ausgerechnet

jene Museumsräume mit der größten

Spannweite, die nicht weiter belastbar sind.

Schon allein deshalb war die Figur der Libelle,

das Aufsetzen ihrer Beinchen auf wenige mögliche

Punkte, nämlich auf die Wände der Räume,

die einzige Möglichkeit. Ihr Skelett ist ein Stahlbau,

eine in sich geschlossene Konstruktion, die

man theoretisch auch als Ganzes fix und fertig

auf das Gebäude hätte stellen können.

Erreichbar ist die Libelle durch zwei außen an

die südliche Fassade des Leopold Museums angefügte

Panorama-Lifte, die jeweils 21 Personen

25 Meter hoch auf die insgesamt drei Aussichtsterrassen

mit insgesamt 1.100 Quadratmeter,

zugelassen für insgesamt 450 Personen,

bringen. Von dort aus kann man – barriere- und

konsumfrei – über Rampen die Terrassen oder

den niveaugleichen 215 Quadratmeter großen

stützenfreien multifunktionalen Veranstaltungsraum

für 300 Personen, einen neuen Stadtsalon,

ansteuern. Er ist technisch und akustisch für alle

Arten von Belebung gerüstet. Mit sechs Meter

breiten elektrischen Schiebetüren öffnet er sich

in Richtung des Kaiserforums. Der Blick über die

Dächer in Richtung des historischen Stadtkerns

bis hin zum Kahlenberg ist atemberaubend.

MQ LIBELLE

AM LEOPOLD MUSEUM

Eröffnungswoche: Di 21. bis So 26. April

Bauherr

MuseumsQuartier E+B GesmbH,

Direktor Dr. Christian Strasser, MBA

Architektur

O&O Baukunst

Projektleitung

Laurids Ortner und Willi Fürst

Kunstinstallationen

Brigitte Kowanz (Lichtkreise)

Eva Schlegel (Fassade O. T. verschleiert)

PA R NASS 01/2020 11


Kunstszene

STRAHLENDE

LICHT- UND LUFTBRÜCKEN

DIE LICHTKREISE VON BRIGITTE KOWANZ

Die aus den geometrischen Grundformen

der MQ Libelle abstrahierten

drei großen Lichtkreise aus Stahl

formen ein sichtbares Zeichen für

das MQ. Sie schweben auf schrägen

Stützen über dem Dach des Leopold

Museums und ragen mit einem Durchmesser

von 8,40, 10,50 und 13,50

Metern weithin über die Gebäudekanten

hinaus. Ein wichtiger Aspekt ist

zudem die Dichotomie des Lichtes.

Die Lichtkreise treten bei Tag und bei

Nacht unterschiedlich in Erscheinung.

Tagsüber tritt die skulpturale, materielle

Seite in den Vordergrund. »Mir

war wichtig, dass sich der Beitrag auf

das konkrete Gebäude bezieht, auf

dessen konstruktive Grundlagen. Der

Kreis ist eine unendliche Form, sehr

reduziert. Eine Linie, die in diesem Fall

aber in den Raum geht. Die Lichtkreise

bilden Lichtinseln auf der Terrasse,

Lichtportale über den Dächern der

Stadt und des Museumsquartiers,

sie sind ein Lichtzeichen auf weite

Distanz«, so Brigitte Kowanz.

Foto: © Hertha Hurnaus Foto: © Studio Brigitte Kowanz


Kunstszene

NUR EIN ZART

HAUCHENDER

FLÜGELSCHLAG

EVA SCHLEGEL UND DIE KÜNSTLERISCHE

GESTALTUNG DER LIBELLENHAUT

»Ausgehend vom Flügel einer Libelle,

wie ein zarter Schleier oder der

Faltenwurf eines Satintuches, soll

die architektonische Form umhüllt

werden«, meint Eva Schlegel zu

ihrem Konzept. Die Außenfassade

besteht aus 60 Gläsern, je 4,20 Meter

hohen und in der Regel 1,40 Meter

breiten einzelnen Scheiben, Verbund-

Sicher heitsgläsern aus jeweils drei

Scheiben, jede einzelne ist ein Unikat

und gekrümmt. Jede Einheit ist mittels

Digitaldruck mit einem bestimmten

Motiv bedruckt. Die weißen Punkte

sind durchsichtig, ein Teil ist grau, mit

weißen Punkten bedruckt. Zum Teil

sind sie von innen durchsichtig und

von außen undurchsichtig, damit man

die Hinterbauten nicht sieht. Die Produktion

war aufwendig und erforderte

einige Testläufe, denn Präzision bei

den Verläufen von grau zu durchsichtig

waren der Künstlerin wichtig.

Bedruckt wurden die Gläser im flachen

Zustand, erst danach wurden sie

gehärtet und gekrümmt und zu einem

VSG Glas zusammengefügt. Schlegel

sieht ihren Entwurf als ideale Paarung

von hartem Glas mit der Abstraktion

eines Schleierstoffes, als vertikalen

Vorhang, das Motiv abstrahiert durch

die Auflösung in circa 12 Millimeter

große Punkte – keinesfalls als Ornament,

daher »kein Verbrechen im Sinne

von Adolf Loos«, denn der Vorhang

hat ja eine schützende Funktion.

Foto: © Eva Schlegel

PA R NASS 01/2020

13


DIE LIBELLE

EIN SYMBOL

FÜR DAS MQ

Das 2001 eröffnete Museums-

Quartier zählt mit 90.000

Quadratmetern zu den

weltweit großen Museums- und

Kulturarealen. Seit 2011 ist

Christian Strasser Direktor des

MuseumsQuartiers Wien.

Seit 2014 arbeitete er an der

Realisierung der MQ Libelle.

Nun wird sie im April am Dach

des Leopold Museums eröffnet.

PARNASS traf Christian Strasser

in seinem Büro im MQ.

SILVIE AIGNER

EVA SCHLEGEL UND CHRISTIAN STRASSER

Libelle Glasfassade, 2019

© eSeL.at | Lorenz Seidler

PARNASS: Die MQ Libelle eröffnet im April und

setzt eine neue Landmark im MuseumsQuartier

(MQ) Was war die Intention, noch einen

weiteren Freiraum im Areal zu etablieren?

CHRISTIAN STRASSER: Wir haben das Glück,

dass das MQ mit jährlich rund 4,5 Millionen

Besucherinnen und Besuchern hervorragend

angenommen wird, was keine Selbstverständlichkeit

ist. Es wird international gerne als Role

Model für ein gut funktionierendes Kulturareal

gesehen. Das ist einerseits den hervorragenden

Kultureinrichtungen zu verdanken, aber auch

dem Faktum, dass sich das Publikum gerne im

MQ aufhält, auch nachdem die Museen geschlossen

haben. Das MQ erfüllt mit seinen Freiflächen

das Bedürfnis der Menschen, zusammenzukommen

und miteinander zu reden. Es ist wichtig,

einen Raum zu schaffen, wo man nicht zwangsläufig

konsumieren muss, sondern sich auch einfach

treffen kann. Wir haben daher überlegt, wie

wir diese Situation noch verbessern können und

wie wir noch mehr Raum für gute Gespräche

und Kreativität anbieten können. Aufgrund der

dichten Verbauung können wir nicht in die Breite

wachsen, daher kam es zur Wiederaufnahme

des bereits rudimentär vorhandenen Konzepts

eines architektonischen Objekts am Dach des

Leopold Museums.

P: Ist die MQ Libelle der letzte Puzzlestein in

diesen Überlegungen? CS: Nein, definitiv nicht,

aber sie ist ein wichtiger Puzzlestein. Der Blick

vom Dach ist einzigartig, und das Besondere ist,

dass man mitten im Kaiserforum, im Herzen der

Stadt steht. Die MQ Libelle ist auch ein Symbol

für das MQ selbst: eine besondere Welt, wo man

keinen Eintritt zahlen muss, eine wunderbare

Zeit haben und nun zusätzlich auch noch den

schönen Ausblick auf die Stadt genießen kann.

Und dieser ist für alle frei zugänglich. Die MQ Libelle

ist auch ein Leuchtturm, der zeigt, dass wir

stolz sind auf unsere Kunst und Kultur. Das senden

wir in die Welt und empfangen

vice versa kulturelle Signale. Wir

wollen in der Zukunft diesen Gedanken

des Austausches verstärken

und uns als Initiator verschiedener

Netzwerke internationaler Kunstund

Kulturareale positionieren.

P: Welche Überlegungen stehen

hinter diesem Vorhaben?

CS: Ich bin überzeugt, dass in Zukunft

Kunst, Kultur und Bildung

einen noch wichtigeren Stellenwert

bekommen werden. Um unseren

Lebensstil zu erhalten, gilt es,

Innovationen zu fördern und kreative

und interessante Menschen zu

vernetzen – und das über alle Sparten

hinweg, ähnlich wie im Wien

um 1900, eine Epoche, die aktuell

in der Ausstellung im Leopold

Museum zu sehen ist. Kunst und

Kultur schaffen eine Basis, Neues anzuregen

und Neues zu denken. Das MQ ist in diesem Zusammenhang

ein Glücksfall. Es birgt viel Kreativpotenzial

in sich, hat hervorragende Institutionen,

aber auch Künstler, die hier temporär

arbeiten und sich einbringen. Dort, wo kreative

Leute sind, ziehen auch wieder kreative Leute

hin. Hier muss man ansetzen. Die MQ Libelle

ist auch ein Symbol für Zusammenarbeit, die

mir sehr wichtig ist und das MQ auszeichnet. Es

ist hier gelungen, das Bauwerk nicht durch die

Kunst zu behübschen, sondern gemeinsam mit

den beiden Künstlerinnen Brigitte Kowanz und

Eva Schlegel und den Architekten Laurids und

Manfred Ortner ein Gesamtkonzept zu erarbeiten.

Dadurch ist ein ästhetisch sehr feines, einzigartiges,

ikonisches Bauwerk entstanden.

P: Die MQ Libelle ist ein Raum für Veranstaltungen,

umgeben von einer großen Freifläche. Was

wird am Dach des Leopold Museums passieren?

CS: Wir werden auch die MQ Libelle zu Beginn

immer wieder öffnen, sodass die Räume zunächst

auch außerhalb der Veranstaltungen zugänglich

sind. Im Herbst wollen wir mit einem Programm

starten – einem diskursiven Format mit Lesungen,

Lyrik, Diskussionen und vielem mehr. Eine feine

Kulturschiene, die wir gemeinsam mit dem Leopold

Museum entwickeln wollen. Die MQ Libelle

wird definitiv keine Erweiterung der Ausstellungsflächen

des MQ oder des Leopold Museums sein,

dafür ist sie auch architektonisch nicht gedacht.

Natürlich kann man zur Ankündigung oder Ergänzung

von einzelnen Ausstellungen Objekte,

Skulpturen aufstellen, so wie wir das auch im

Hof des MQ machen. Aber es muss Sinn machen

und eine gute Ergänzung sein. Ebenso kann man

die MQ Libelle natürlich auch für Veranstaltungen

mieten. Darüber hinaus wird es einen kleinen

Gastgarten geben, wo man konsumieren kann.

Aber die Terrasse ist immer offen und frei zugänglich

– und der Ausblick konsumfrei zu genießen.

14 PA R NASS 01/2020


Eugen von Blaas. Junges Mädchen mit Blumenkorb. 1898. Öl auf Holz. 81,6 ×49 cm (Detail).

AUKTIONEN IN ZÜRICH VOM 23. – 27. MÄRZ 2020

Gemälde Alter Meister, Gemälde des 19. Jh., Bücher und Buchmalerei

Vorbesichtigung: 18. – 22. März 2020

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Kunstszene

DAS NEUE KÜNSTLERHAUS

Drei Jahre wurde renoviert, ehe das neue Künstlerhaus

Anfang März wiedereröffnen kann. Die

57 Millionen Euro, die das Projekt Renovierung,

Erweiterung und Modernisierung letztlich

beanspruchte, die Schätzung lag zunächst bei

30 Millionen, wurden zur Gänze von Hans Peter

Haselsteiner getragen. Der Unternehmer wird

auch bis auf Weiteres für die laufenden Kosten,

die Betriebskosten wie etwaige Kosten der Instandhaltung

Sorge tragen. „Es war mir ein dringendes

Anliegen, nicht nur die Sammlung Essl

von der Randlage in Klosterneuburg in die Bundeshauptstadt

zu bringen, um sie hier einem breiten

Publikum zugänglich zu machen. Ich wollte

unbedingt auch dieses so wichtige Gebäude

wiederbeleben, das seit vielen Jahren dem Verfall

preisgegeben war“, erklärte Haselsteiner Anfang

Februar, als das Haus seinen beiden neuen

Nutzern, der Albertina modern und der Künstlerhaus-Vereinigung,

übergeben wurde. Der Weg

dahin war kein unumstrittener. „Ich halte es für

eine Verpflichtung von wohlhabenden Menschen,

die in Österreich wohlhabend wurden,

ihren Reichtum außerhalb der Steuerpflicht zu

einem gewissen Teil für die Gesellschaft einzusetzen,

der sie ihren Reichtum zu verdanken haben.

Es wäre nur schön, wenn man wenigstens nicht

beschimpft würde“, erklärte sich Haselsteiner

und führte aus, dass eine Zweidrittelmehrheit der

Künstlervereinigung das Projekt begrüßt hätte,

es mit dem anderen Drittel aber immer wieder zu

problembehafteten Auseinandersetzungen kam.

Auch die Rolle der Albertina führte wiederholt

zu Kritik, ebenso wie die bis Redaktionsschluss

noch ungeklärte Zukunft des brut-Theaters. Der

Französische Saal, der Anfang der 1970er-Jahre

zum Theater umgebaut wurde, ist vorerst noch

in Haselsteiners Hand. Doch was hier in Zukunft

geplant ist, ist noch offen. Die Frage wurde

akut, als um den Jahreswechsel 2018/19 die enorme

Kostensteigerung der Sanierung aufgrund

der baurechtlichen Bestimmungen bekannt wurde,

sowie der Umstand, dass diese zusätzlichen

Kosten weder durch die Stadt Wien noch durch

das brut-Theater gedeckt sind. Haselsteiner sieht

sich nicht in der Verantwortung, diese zu übernehmen,

doch er möchte sich zunächst nicht

drängen lassen, was die Entscheidung der Nutzungsmöglichkeiten

betrifft. „Wenn Sie als Mäzen

aktiv werden, muss etwas in irgendeiner Weise

Ihr Herz berühren“, so Haselsteiner, der den

brut-Betrieb schätzt, wie er selbst sagt, aber ihm

emotional dennoch nicht „nah genug“ sei.

GESCHICHTE

Bis 2015 war die 1861 gegründete Gesellschaft bildender

Künstlerinnen und Künstler Österreichs

Alleineigentümerin der ihr 1865 geschenkweise

überlassenen Liegenschaft am Karlsplatz

und des von ihr erbauten Künstlerhaus-Gebäudes.

Seit 2015 hält sie als Minderheiteneigentümerin

26 Prozent in der Künstlerhaus Besitzund

Betriebs GmbH.

Die Geschichte des Künstlerhauses war stets

eine des Wandels. Bereits wenige Jahre nach der

Eröffnung 1868 wurden am Kernbau des Architekten

August Weber seitliche Anbauten, der

Deutsche und eben auch der Französische Saal,

vorgenommen. Sodann wurde der Haupteingang

mehrfach zwischen Karlsplatz und Bösendorferstraße

hin und her verlegt, und die ursprünglichen

Raumgrößen wurden variiert. 1948/49

funktionierte man den Deutschen Saal zum Kino

um, 1955 wurden die Fenster im Obergeschoß zugemauert

und die Innengestaltung aus Seidenbespannungen,

Holzvertäfelungen und Stuckornamenten

wurde bis 1962 nach und nach entfernt.

Nachdem die Vereinsmitglieder bereits ab 1906

einen Neubau erwogen, brachte die angespannte

Finanzlage der Künstlervereinigung von 1925 bis

1931 die Idee auf, das Gebäude zu einem Apartmenthaus

umzuwidmen. Die Architekten Theiß

& Jaksch sowie Max Hegele sprachen sich für einen

groß angelegten Umbau aus. 1963 stimmte das

Bundesdenkmalamt schließlich dem Abriss des

Künstlerhauses zu, und Architekt Karl Schwanzer

plante die Errichtung des neuen IBM Headquarters

an dessen Stelle, eine Idee, die allerdings auf

breiten Unmut stieß. Das Künstlerhaus blieb in

der Hand der Künstler. Durch Vermietungen an

die Wiener Festwochen, das Wien Museum, das

Kunsthistorische Museum und viele andere konnten

weitere radikale bauliche Veränderungen in

den letzten Jahrzehnten abgewehrt, doch auch nötige

Renovierungen nicht vollzogen werden. Von

der baulichen Originalsubstanz blieben letztlich

nur die Fassaden sowie der Eingangsbereich mit

Treppenhaus erhalten. Hier wurde anhand restauratorischer

Befundungen vorbildlich restauriert.

Die Ausstellungsflächen erfuhren indessen eine

technische Modernisierung und räumliche Erweiterung.

Wobei die unteren Geschoße, auch das zuletzt

ungenützte Kellergeschoß, künftig durch die

Albertina modern programmiert wird, die hier, so

ihr Direktor Klaus Albrecht Schröder, „eine wechselnde

Schausammlung in Themenausstellungen“

etablieren möchte. Das Obergeschoß wird von der

Künstlerhaus Vereinigung bespielt. Herzstück ist

der ehemalige Plastikersaal, der zentrale Saal im

ersten Stock, er wurde überbaut und soll als „Factory“

ein multifunktionaler Raum für den Verein

sein, der auch Platz für Screenings, Performances

und Vorträge schafft. PW

unten | KÜNSTLERHAUS | Außen Frontansicht | © Robert Bodnar

rechte Seite | KÜNSTLERHAUS | Innen Eingangshalle | © Ana Skobe


PA R NASS 01/2020

17


Kunstszene

»DA TREFFEN EBEN

INDIVIDUALANARCHISTEN AUFEINANDER.«

Peter Zawrel, Generalsekretär der Gesellschaft bildender Künstlerinnen und Künstler Österreichs, über den langen

Weg bis zur Sanierung des Wiener Künstlerhauses, das nun auch die „Albertina modern“ beherbergt.

THOMAS TRENKLER

PARNASS: Sie haben unter anderem das allererste

Donaufestival organisiert, das niederösterreichische

Landesmuseum und von 1999

bis 2011 den Filmfonds Wien geleitet. Was hat

Sie danach bewogen, sich um das Künstlerhaus

zu kümmern? PETER ZAWREL: Ich wollte

eigentlich nach Deutschland gehen, doch dazu

kam es nicht, aufgrund einer politisch motivierten

Bestellung. In dieser Zeit, im Sommer 2012,

rief mich Michael Pilz an, der seit einem halben

Jahr Präsident der Künstlervereinigung war. Wir

kannten uns von Besprechungen, weil das Stadtkino

ins Künstlerhaus übersiedeln sollte. Pilz

bot mir die Geschäftsführung an. Und ich dachte

mir: Das ist eine interessante Aufgabe.

P: Sie sollten endlich die Sanierung des desolaten

Gebäudes in die Wege leiten. War das

nicht ein Himmelfahrtskommando? PZ: Dass

es schwierig werden würde, hat mich nicht abgeschreckt.

Nicht absehbar war jedoch, welche

Dimensionen die Sache annehmen würde.

P: Unter Ihrem Vorgänger Peter Bogner schlug

man vor, dass die Stadt und der Bund je ein

Drittel der Kosten übernehmen sollten. Doch

die Politik zierte sich. Wann wussten Sie, dass

man einen anderen Weg gehen muss? PZ: Ich

begann am 1. Februar 2013. Und eine Woche später

wusste ich es. Diese Drittellösung war immer

eine Schimäre gewesen. Nur wollte das niemand

wahrhaben. Anfangs war man davon ausgegangen,

dass die Sanierung 20 Millionen Euro kosten

würde. Die Künstlervereinigung wollte also

etwa sieben Millionen beisteuern. Daher stand

bereits seit einem Jahrzehnt mehr oder weniger

illegal ein Baugerüst vor dem Künstlerhaus –

um Werbeeinnahmen zu lukrieren. Es hätte allerdings

bis 2030 stehen müssen. Hinzu kam,

dass die Beamten freundlicherweise wiederholten,

was sie schon meinem Vorgänger gesagt hatten:

eine vernichtende Absage. Warum hätte der

Bund Millionen ins Künstlerhaus investieren

sollen? Im Gegensatz zu den 1990er-Jahren gab

es keinen Bedarf mehr an Ausstellungsflächen.

Denn mittlerweile war das Museumsquartier

realisiert worden.

KÜNSTLERHAUS | Prunkstiege in der Eingangshalle | © Robert Bodnar

18

PA R NASS 01/2020


Robert Klemmer, Laufender Klemmer (Detail), 1970, Sammlung Ph. Konzett, Wien © Estate Robert Klemmer


EY

AN

JAN UND HUBERT VAN EYCK

Genter Altar, 1432, (Detail Mitteltafel), Öl auf Holz

Saint-Bavo’s Cathedral Ghent © Lukasweb.be-Art in Flanders vzw

Foto: Dominique Provost

32 PA R NASS 01/2020


CK

PA R NASS 01/2020 33


DIE

ANBETUNG

DES LAMMES

DER GENTER ALTAR

Er gilt als eines der bedeutendsten

Kunstwerke der europäischen Malerei.

Nun kommt der Genter Altar

nach mehrjähriger Restaurierung in

die St.-Bavo-Kathedrale zurück. Nach

Jahrhunderten ist durch die Restaurierung

erstmals die Original-Malerei

wieder zur Gänze sichtbar. So auch das

Heilige Lamm mit seinem berückenden

Schmollmund und dem wieder

freigelegten menschlichen Antlitz. Das

im 14. Jahrhundert gemalte Lamm hat

mittlerweile eine Fangemeinde und einen

eigenen Instagram-Account. Von Jan van

Eyck sind weltweit nur 20 Werke erhalten.

Mehr als die Hälfte davon ist, ebenso

wie die restaurierten Tafeln des Altars,

nun im Genter Museum für Schöne

Künste zu sehen, neben Werken seiner

Zeitgenossen. Ein kunsthistorisches

Feuerwerk!

SILVIE AIGNER

Jan van Eyck (1390–1441) war schon zu Lebzeiten

berühmt. Sein Ruf reichte über die Niederlande

hinaus, bis nach Spanien und Italien. Als

Jan van Eyck starb, schrieb Philipp der Gute,

Herzog von Burgund, in dessen Diensten der

Maler stand: „Seinesgleichen werden wir nicht

mehr finden.“ Jan van Eyck selbst musste sich

seiner Bedeutung bewusst gewesen sein. So signierte

er in einer Zeit, als die niederländischen

Künstler nur durch ihre Mitgliedschaft in einer

Gilde bekannt waren, bereits seine Bilder mit

großem Selbstbewusstsein und zuweilen auch

mit präzisen Datumsangaben, die auch Monat

und Tag der Vollendung vermerkten, sowie mit

dem Satz „ALS ICH CAN“ (So gut ich kann). Es

wird sein Credo. Ein Maler, der es sich zum Ziel

gesetzt hat, die Natur so zu malen wie noch nie

jemand zuvor. Die Brüder Hubert (um 1380/85–

1426) und Jan van Eyck gehörten neben ihrem

JAN UND HUBERT VAN EYCK | Genter Altar, 1432,

(Details Außen- und Innenflügel), Öl auf Holz

beide | Saint-Bavo’s Cathedral Ghent

© Lukasweb.be-Art in Flanders vzw


Jan van Eyck

PA R NASS 01/2020

35


Jan van Eyck

JAN UND

HUBERT VAN EYCK

Genter Altar, 1432

(Details Innenflügel)

Öl auf Holz

beide | Saint-Bavo’s

Cathedral Ghent

© Lukasweb.be-Art

in Flanders vzw

36

PA R NASS 01/2020


»REISEN VERSCHAFFTEN IHM ZUGANG

ZU FREMDLÄNDISCHEN LANDSCHAFTEN

UND IHRER VEGETATION.«

Zeitgenossen Robert Campin in Tournai und

dessen Schüler Rogier van der Weyden zu den

führenden Vertretern einer nördlichen Renaissance,

die um 1420 eine neue Art der Tafelmalerei

entwickelten – in einer Kombination von Illusionismus

und religiöser Symbolik – und die

religiösen Motive in ein realistisches Umfeld

setzten, das die Architektur und die Landschaft

ihrer Gegenwart wiedergab. Doch Jan van Eyck

überragte seine Zeitgenossen und setzte mit seiner

Kunst neue Maßstäbe. Auch wenn er nicht,

wie der Chronist und Künstler Giorgio Vasari

fälschlicherweise schrieb, die Ölmalerei erfunden

hatte, so perfektionierte er die Maltechnik

und setzte den Farben Substanzen zu, die

sie schneller trocknen ließen. So konnte er in

rascher Folge mehrere transparente Schichten

übereinander malen, was den Bildern Tiefe und

Leuchtkraft verlieh.

MALERSTAR UND DIPLOMAT –

WER WAR JAN VAN EYCK?

Jan van Eyck war Hofmaler Philipps des Guten

(1396–1467), Herzog von Burgund. Und seit

1425 im hohen Rang des „valet de chambre“. Der

extravagante Herzog und seine Gesellschaft umgaben

sich mit den besten Künstlern. Gleichzeitig

florierten die flämischen Handelsstädte Gent

und Brügge, und reiche Kaufleute und Politiker

nahmen sich den Glanz des Hofes zum Vorbild.

Das war das kreative Umfeld Jan van Eycks, zwischen

Hof und Stadt, zwischen Kunst und Handwerk.

Doch ist über das Leben und die Ausbildung

des Künstlers wenig bekannt. Die Familie

stammt wahrscheinlich aus der Stadt Maaseik

im damaligen Fürstbistum Lüttich. Bekannt ist,

dass er einen älteren Bruder, Hubert, hatte, als

auch mit Lambert und Margareta zwei jüngere

Geschwister, die alle, so wird vermutet, künstlerisch

tätig waren. Zahlungen belegen, dass Jan

van Eyck zunächst im Dienst des Herzogs Johann

von Bayern-Straubing (1374–1425) am Hof in

Den Haag stand und nac––h dessen Tod 1425

nach Brügge zog und in die Dienste von Philipp

dem Guten, Herzog von Burgund, eintrat. Für

ihn war er zunächst mehrere Jahre in Lille tätig,

wo die Herzöge von Burgund in der ersten Hälfte

des 15. Jahrhunderts ihre Residenzen modernisieren

ließen. Vermutlich 1432 oder 1433 heiratete

er seine Frau Margarete. Ihr Porträt, das van

Eyck 1439 malte, ist das erste bekannte Porträt

einer Künstlerfrau (Groeningemuseum, Brügge).

Jan van Eyck bewegt sich sein Leben lang in den

höchsten Kreisen, er ist geschätzt und wird gut

bezahlt. Vor allem die Entlohnung für seine geheimen

Reisen und diplomatischen Missionen

im Auftrag des Herzogs waren fürstlich, wie eine

Quittung von 1426 dokumentiert, die besagt,

dass Jan van Eyck von seiner „loingtain voiage

secret“ (geheimen weiten Reise) zurückgekehrt

war. Für eine weitere Reise 1428 bekam er eine

Zahlung, die dem Dreifachen seines Jahresgehaltes

entsprach. Es waren wohl weit entfernte

Reiseziele, wie architektonische Details in seinen

Werken zeigen; man vermutet, dass der Maler

auch Jerusalem besuchte. Belegt ist die Reise

mit einer burgundischen Delegation nach Portugal,

wo er für die bevorstehende Hochzeit von

Philipp dem Guten und Isabel von Portugal zwei

Porträts der Braut malte, die getrennt voneinander

– eines über den Seeweg, das andere über den

Landweg – an Philipp den Guten gesendet wurden.

Während die Delegation und Jan van Eyck

auf die Antwort des Herzogs warteten, bereisten

sie Santiago de Compostela und Granada. Die

Bilder van Eycks von Isabel müssen Philipp dem

Guten gefallen haben, denn die Antwort war positiv

und Isabel de Portugal wurde die dritte Frau

des Herzogs.

Wenn die Zahlung nicht erfolgt, „wird es belieben,

aus diesem Grund den Dienst zu verlassen,

was zu unserem großen Missfallen wäre“, so die

Aufforderung des Herzogs in einem Schreiben an

seine Beamten 1435, Jan van Eyck unverzüglich

seinen Lohn zu bezahlen. Allerdings hatte Philipp

von Burgund diesen 1434 um mehr als das

Siebenfache erhöht, zahlbar aus den Einnahmen

der Tuchmacherei von Wervik. Die Rechnungskammer

in Lille verzögerte aber die Zahlung,

was zu Beschwerden Jan van Eycks führte, der androhte,

seinen Dienst beim Herzog zu quittieren.

Philipp der Gute wollte seinen Hofmaler jedoch

PA R NASS 01/2020 37


IMAGINE

TOMORROW

HUNDERTWASSER UND SCHIELE IM LEOPOLD MUSEUM

56 PA R NASS 01/2020


FRIEDENSREICH HUNDERTWASSER | 127 Almhütten auf grünem Platz, 1951 | Aquarell auf weiß grundiertem Packpapier, 35 × 67 cm

Die Hundertwasser gemeinnützige Privatstiftung, Wien | Foto: Leopold Museum, Wien / Manfred Thumberger | © 2020 Namida AG, Glarus, Schweiz

„Ich träume oft wie Schiele, mein Vater, von Blumen, die rot sind, und Vögeln und fliegenden Fischen und Gärten in Samt und

Smaragdgrün und Menschen, die weinend in Rotgelb und Meerblau gehen“, schreibt Friedensreich Hundertwasser 1951 in seinem

poetischen Text „Ich liebe Schiele“ und offenbart seine Bewunderung für den frühen österreichischen Expressionisten. Die

lebenslange Beschäftigung Hundertwassers mit Egon Schiele stellt das Leopold Museum nun zum 20. Todestag Hundertwassers

in den Mittelpunkt einer umfangreichen Ausstellung. Dabei ergeben sich interessante Parallelen in den Biografien.

KARLA STARECEK

PA R NASS 01/2020 57


Friedensreich Hundertwasser

Es beginnt im Jahr 1948: Egon Schiele ist in

zwei bemerkenswerten Ausstellungen in Wien

präsent: In der Albertina stellt Direktor Otto

Benesch eine Schau mit Papierarbeiten zusammen,

die seitdem in ihrem Umfang und ihrer

Vollständigkeit nicht mehr erreicht wurde, und

in der Neuen Galerie Wien, in den Räumen

der späteren Galerie nächst St. Stephan, wird

Schiele, unter der Leitung von Otto Kallir in einer

Schau mit 30 Gemälden und einem Katalog

gewürdigt. Auch auf der Biennale in Venedig ist

der früh verstorbene österreichische Expressionist

vertreten – Anlass für diese dichte Präsenz

Schieles ist sein 30. Todesjahr. 1948

kommt der 20-jährige, künstlerisch

begabte Friedrich Stowasser an die

Akademie der bildenden Künste in

Wien und wird in die Klasse von

Robin Christian Andersen aufgenommen,

einem ehemaligen Mitglied

der Neukunstgruppe in der

Zeit vor und während des Ersten

Weltkriegs – und somit gleichalt-

riger Kollege von Egon Schiele. Hundertwasser,

wie sich Stowasser ab Mitte 1950 nennen wird,

entdeckt Schiele für sich, studiert sein Werk,

arbeitet sich an seinen Zeichnungen ab, spielt

mit Linie, Kontur und Ausdruck. Später, aus

Paris, schreibt er an seine Mutter, Schiele sei sein

wahrer Lehrer – nicht Andersen.

Die Ausstellung im Leopold Museum geht

von dieser „imaginären Begegnung“ von

Friedensreich Hundertwasser und Egon Schiele

aus. Zu Lebzeiten sind sich diese beiden bedeutenden

österreichischen Künstler niemals begegnet,

doch für den Jüngeren wird Schiele sein

Lehrer, sein Bruder, sein Kunstgott. Jüngst im

Hundertwasser-Archiv aufgetaucht ist ein Originalfoto

von Anton Josef Trčka, Schiele zeigend.

Und in Hundertwassers Wohn- und

Arbeitsräumen in Venedig und Neuseeland hängen

(immer noch) großformatige Schiele-Reproduktionen

an der Wand – und sonst nichts anderes.

Egon Schiele blickte Hundertwasser beim

Arbeiten bis zuletzt über die Schulter.

1949 reist Hundertwasser nach Italien und anschließend

nach Paris. In seiner Begeisterung

für Schiele propagiert er den nach dem Zweiten

Weltkrieg international noch so gut wie Un-

In der kunsthistorischen Literatur ist die

Auseinandersetzung Hundertwassers

mit dem Werk Schieles zwar bekannt,

dennoch führte dieses Wissen bisher zu

keiner umfänglicheren Darstellung und

Analyse der Analogien, die zwischen

diesen beiden Künstlern existieren.

Zahlreiche Korrespondenzen zwischen

den Protagonisten ergeben sich sowohl in

formalästhetischer wie auch in motivischer

Hinsicht. Neben dem Umgang mit Linie

und Fläche berühren sich ihre Œuvres in

spezifischen Themenkomplexen, etwa der

animistisch aufgefassten Natur, der Rolle

des Künstlers als Prophet beziehungsweise

Priester, dem Verhältnis von Individuum

und Gesellschaft oder der anthropomorphisierenden

Auffassung von gebauter

Umwelt, die hier wie dort als natürlich

gewachsener Organismus erscheint.

In meinem Programm für das Leopold

Museum intendiere ich immer wieder

derartige Dialogausstellungen, um neue

Zugänge und Blickwinkel auf vermeintlich

bekannte Kunstpositionen zu eröffnen.

HANS-PETER WIPPLINGER

Direktor Leopold Museum

linke Seite | EGON SCHIELE | Selbstbildnis mit hochgezogener nackter Schulter, 1912 | Öl auf Holz, 42,2 × 33,9 cm

Leopold Museum, Wien | Foto: Leopold Museum, Wien / Manfred Thumberger

rechte Seite | FRIEDENSREICH HUNDERTWASSER | 107 Selbstbildnis, 1951 | Aquarell auf grundiertem Packpapier, 41 × 33 cm

Die Hundertwasser Gemeinnützige Privatstiftung, Wien | Foto: Leopold Museum, Wien / Manfred Thumberger | © 2020 Namida AG, Glarus, Schweiz

58



UGO

RONDINONE

JOHN SILVIS

Mit seinen eindrucksvollen öffentlichen Installationen

„Human Nature“ (2013, Rockefeller

Plaza, New York) und „Seven Magic Mountains“

(2016, Las Vegas, Nevada) schafft der Künstler

Ugo Rondinone dauerhafte Kunsterfahrungen

im Zentrum der Stadt und ortsspezifische

Kunst interventionen in der Natur, die den Betrachter

sowohl aufregen als auch verunsichern.

Seine vielfältige Atelierpraxis, welche Malerei,

Zeichnung, Fotografie, Installationen und Skulptur

umfasst, ist definiert durch die bewusste Gegenüberstellung

von Großformat und Intimität

oder durch Kontrapunktierung von dynamischen

künstlichen Farben mit gedämpften Naturtönen

der Wüstenlandschaft. Diese Strategien sind zutiefst

deckungsgleich mit dem Gefühl der Zerrissenheit

im gegenwärtigen globalen Klima.

Rondinones mit Spannung erwartete Einzelausstellung

im Wiener Belvedere 21. Museum

für zeitgenössische Kunst, „Akt in der Landschaft“,

wird am 30. April 2020 eröffnet und

verschiedene Komponenten seiner Atelierpraxis

zeigen. Durch seine Fähigkeit, den Umfang

seiner Arbeit zu verändern und zu mobilisieren

und vertraute Themen neu zu interpretieren,

schaffen seine poetischen Werke transformative

Wahrnehmungsverschiebungen. Neben unzähligen

Museumsausstellungen ist er durch mehrere

namhafte Galerien vertreten, darunter Eva

Presenhuber (Zürich), Barbara Gladstone (New

York) und Galerie Krobath (Wien). Der in der

Schweiz geborene Künstler arbeitet seit 1998 in

New York. Ich habe mit ihm in seinem Atelier in

Harlem gesprochen, das in einer umgebauten romanischen

Kirche untergebracht ist, die er 2011

erworben hat und die als Zentrum seines kreativen

Schaffens fungiert, dazu zählen auch subventionierte

Gastateliers und Gästewohnungen.

PARNASS: Die kommende Ausstellung „Akt in

der Landschaft“ vereint Minimalismus, Land

Art, klassische Akte und Konzeptkunst in einem

einzigartigen Tableau, das die Stärken Ihrer

multidimensionalen Praxis hervorhebt. Wie

geht diese Synthese auf unsere Beziehung zur

Natur ein? UGO RONDINONE: Die bevorstehende

Ausstellung bringt meine Erdenlandschaften

mit den nackten Figuren, die ich 2009 geschaffen

habe, zusammen. Ich habe vierzehn Tänzerinnen

und Tänzer in ihren besten Jahren geschaffen, die

in passiven, sitzenden Positionen rund um die

Galerie posieren. Sie sind aus klarem Wachs, in

einzelnen Teilen gegossen und mit Erde versehen,

die aus verschiedenen Teilen der Welt stammt

und mit dem klaren Wachs vermischt ist. Sie werden

zu „Knochen der Welt“, sie sind nicht an einen

Ort gebunden, sondern repräsentieren etwas

Globales. Ich stelle sie mir als eine Art Ökosystem

vor. Die menschliche Gestalt verschwindet in

der Natur – die Nacktheit der Figuren ist durch

die Brauntöne der großen Landschaftspaneele getarnt.

Das Organische steht einer geraden Linie

gegenüber. Ich habe begonnen, diese Kontraste

in den Landschaften der 1990er-Jahre, den „Wanderzeichnungen“,

zu verstärken. Ich war damals in

Österreich, und der Ausflug in die Natur diente

mir als primäre Inspirationsquelle. Die Feierlichkeit,

die Stille und die Loslösung von der Gesellschaft

erlebte ich bei meinen Waldspaziergängen.

70 PA R NASS 01/2020


Im Porträt

UGO RONDINONE | Installation »thank you silence«, M – Museum Leuven, 2013 | Courtesy Studio Rondinone

PA R NASS 01/2020 71


Im Porträt

P: Ich schätze das hohe handwerkliche Niveau

der einzelnen Projekte sehr. Sie handhaben verschiedene

Medien, von der Malerei über Stein

bis hin zum Bronzeguss, mit Leichtigkeit. Was

mir auffällt, ist, wie sich die Bilder entwickeln

und aufeinander aufbauen. Gehen Sie auf diese

Art bewusst an die Arbeit heran? UR: Ich sehe

Kunst als zwei Gruppen von Arbeiten. Entweder

geht es um den Blick nach innen oder um

den Blick nach außen, entweder sind sie von der

Natur inspiriert oder sie beziehen ihre Inspiration

aus der inneren Welt. Sie haben also zwei

Gruppen, die nicht miteinander in Beziehung

UGO RONDINONE

30. April bis 27. September 2020

BELVEDERE 21

ARSENALSTRASSE 1 | 1030 WIEN

WWW.BELVEDERE.AT

30. April bis 30. Mai 2020

GALERIE KROBATH

ESCHENBACHGASSE 9 | 1010 WIEN

WWW.GALERIEKROBATH.AT

stehen: Die eine Gruppe schaut mit geschlossenen

Augen nach innen, die andere Gruppe von

Bildern schaut auf die Natur. Bei den selbstreflektierenden

Fenstern, den geschlossenen Türen

und Backsteinmauern oder auch den passiven Figuren,

die sich nicht auf den Betrachter einlassen,

geht es beispielsweise darum, sich dem Inneren

zuzuwenden. Die anderen Werke begannen

mit der Landschaft. Dann kamen die Sonnen-/

Sternbilder, die ich mit Horizonten, Bäumen

und Himmel weiter ausbaute. Die neueren Sonnenstrahl-Skulpturen,

wie auch die Bilder der

Natur von früher, sind in ihrer Funktion sehr

ursprünglich, weil man deutlich sieht, was sie repräsentieren.

Sie haben eine kindliche Qualität,

die jeden anspricht.

P: Unabhängig von Medium und Maßstab

sind die von Ihnen gewählten Motive sehr verwandt:

Sonne, Wolken, Regenbogen, Fenster,

Totems und Tiere. Diese sind jeder Kultur vertraut.

Das Zimmer der fünfundvierzig Clowns,

„Vocabulary of Solitude“, ist eine eindringliche

Installation, mit der ich vor allem deshalb gerungen

habe, weil jeder Clown eine alltägliche

Handlung darstellt, wie zum Beispiel essen,

denken, träumen. Könnten Sie bitte die

Bedeutung der Clownfiguren und ihre Verbindung

zur Feinfühligkeit Ihrer Arbeit erklären?

UR: Den ersten Ansatz zu dieser Idee gab es Mitte

der 1990er-Jahre, als ich mich als Figur in

UGO RONDINONE

NUDE (XXX), 2010

Foto: Stefan Altenburger

Courtesy Studio Rondinone

»SIE WERDEN ZU ›KNOCHEN DER WELT‹,

SIE SIND NICHT AN EINEN ORT GEBUNDEN, SONDERN

REPRÄSENTIEREN ETWAS GLOBALES.«

UGO RONDINONE

72 PA R NASS 01/2020


Im Porträt

PA R NASS 01/2020 73


Im Porträt

überstellung der Landschaft und der Clowns aktivierte

also das Vokabular der Polarität, das in

meiner Arbeit vorhanden ist. Wenn ich etwas

Kleines mache, wird das nächste Werk als Ausgleich

überdimensioniert sein.

P: Die Sprache spielt in Ihrer Arbeit eine bedeutende

Rolle. Ein grundlegendes Beispiel

dafür ist die produktive Reihe von fiktiven illustrierten

Tagebüchern eines jungen schwulen

Mannes, mit der Sie in den 1990er-Jahren

begonnen haben. Wann haben Sie angefanrechte

Seite | UGO RONDINONE | PARNASS Atelierbesuch in New York, 2020 | Foto: John Silvis

linke Seite | UGO RONDINONE | Ausstellungsansicht »Vocabulary of Solitude« Museum Boijmans

Van Beuningen, 2016 | Foto: Stefan Altenburger, Courtesy Studio Rondinone

Wachs goss und auf den Boden der Galerie an

die Wand lehnte. Stellen Sie sich einen leeren

Raum mit einem Holzboden, weißen Wänden

und dieser Wachsfigur vor. Im selben Jahr drehte

ich einen Film über Clowns; die Filme wurden

als vier Projektionen auf die Innenwände

eines zweiten Raums in der Ecke der Galerie geworfen,

und an der Außenwand war ein riesiges

Landschaftsgemälde. Zu diesem Zeitpunkt hatte

ich zwei Gruppen von Gemälden entwickelt:

die Landschaften aus vergrößerten Skizzen und

die Sonnenbilder. Ich wollte beide Serien zusammen

verwenden, aber die Clowns sollten in

einem anderen Medium sein. Der Ton der Videos

war eine verlangsamte Aufnahme von atmenden

Menschen. Es klang, als wären sie unter

Wasser. Das war also der Ursprung der Clownfigur,

und diese wurde zur Metapher für einen

passiven Charakter. Der Clown repräsentierte

auch jemanden, der sich nicht an die Regeln

hält. Anfangs fühlte sich das wie ein Schutz für

mich selbst an oder wie ein Schild. Diese Gegen-

74 PA R NASS 01/2020


gen, ausgeschriebene Daten als Titel für das

Werk zu verwenden, und was hat diese Idee

ausgelöst? UR: Die Daten waren eine Reaktion

auf meine persönliche Situation. Mein erster

Freund starb plötzlich an Aids, und als Schwuler

1989 gab es diese Angst, dass du der Nächste sein

könntest. Für mich wurde die Idee eines Datums

zu einem Mahnmal. Ich beschloss, das Atelier

hinter mir zu lassen und den Rest meines Lebens

zu genießen. Hinaus zu gehen in die Natur und

das Wandern wurden wesentlich für meine Lebensqualität.

Es gab mir die Freiheit, das zu tun,

was ich wollte. Das Datum wurde auch zu einem

Tagebuch. Ich war es, der die Realität dieser Momente

erfahren hat und ebenso, wie sich die Realität

je nach Perspektive verändern kann. So

begann ich, mit Tinte große Landschaftsbilder

nach meinen Skizzen zu malen, die für mich sehr

privat waren und immer noch sind. 1991 fing ich

an, mein erstes figuratives Tagebuch zu erstellen,

das den Alltag eines jungen schwulen Mannes in

Zürich und Wien beschrieb. Die Zeichnungen

sind cartoonartig und zeigen eine andere Dimension

der Realität. Sie waren so völlig anders als

die Landschaften und Sonnenbilder. Ich glaube,

dass Kunst über die Definition von Sprache hinausgeht

und die visuelle Realität triggert, in welchem

sprachlichen Status auch immer man sich

zu dieser Zeit befindet. Es ist wie eine leere Leinwand,

die es einem erlaubt, sich der Fluidität der

Sprache anzupassen. Das Vokabular selbst verändert

sich mit der Zeit, aber die Resonanz der

Sprache der visuellen Kunst bleibt die gleiche.

PA R NASS 01/2020 75


A

R

T

&

D

E

S

I

G

SHOW

O F F

AUSTRIAN

FASHION

DESIGN

Design made in Austria. Seit

Mitte Februar lädt das MAK mit

der Ausstellung „Show Off “ ein,

sich auf multiplen Ebenen mit der

Geschichte des österreichischen

Modedesigns auseinanderzusetzen.

SILVIE AIGNER

N

110 PA R NASS 01/2020


Art & Design

In den 1980er-Jahren entwickelte sich eine subkulturelle

Szene in den Bereichen Tanz, Musik,

Mode und Design. New Wave, Punk, die

Neue Deutsche Welle, Gruppen wie Minisex und

Blümchen Blau, Falco, Hansi Lang oder Tom

Pettings Herzattacken formten den Sound einer

Alternativkultur, die mit der „Arenabesetzung“

1976 ihren Anfang genommen hatte. Der Zeitgeist

fand seine Entsprechung in den neu gegründeten

Medien wie „WIENER“ und „Der Falter“. Sie wurden

zum Sprachrohr der jungen Generation und

der Avantgardekultur. Diese traf sich in der boomenden

Lokal szene, deren Typus von Architekten

wie Coop Himmelblau (Reiss-Bar, 1977, Krah-

Krah, 1980), oder Hermann Czech (Kleines Café,

Wunder-Bar und Salzamt) neu geprägt wurde. Das

U4 wurde zur Anlaufstelle der Underground-Szene,

in der nicht nur legendäre Musiker auftraten,

sondern auch die Modeszene vertreten war. Peter

Weibel attestierte Wien in dem Buch „Idealzone

Wien“, das 1998 im Falter Verlag erschien, in der

Zeit der „schnellen Jahre 1978 bis 1985“ einen Aufschwung

in Richtung Urbanität: „Die Stadt begann

aufzuleben. Erstmals entstand eine Wiener

Szene, die über drei Kaffeehäuser hinausging“, so

Weibel. Diese soziokulturellen Rahmenbedingungen

sind Teil der Ausstellung. Erste Ausgaben des

Magazins „WIENER“ sind ebenso vertreten wie die

Magazine „ahead“, „Flair“, „Diva“ oder „Indie“.

Videos lassen legendäre Shows der U-Mode aufleben.

Ein historischer Abriss zu Modeinitiativen

und ein Einblick in das Archiv der Modeexpertin

Brigitte Winkler erweitern den Blick auf

die österreichische Mode szene. Kuratiert wurde

die Ausstellung von Ulrike Tschabitzer-Handler

gemeinsam mit Andreas Bergbaur, mit Brigitte

Winkler als wissenschaftlicher Beraterin. Sie

gestalteten den Parcours durch 40 Jahre Designgeschichte

als Fashion-Zeitreise von der österreichischen

Mode avantgarde der 1980er-Jahre bis

heute. Der Architekt Gregor Eichinger entwickelte

dafür ein gelungenes Raum-Setting, das die

Besucher mittels diverser multimedialer Displays

und Erzählstränge durch die Ausstellung führt,

wie die Videoinstallation „talking heads“, die mehr

als 20 Persönlichkeiten aus der Szene in Interviews

zu Wort kommen lässt.

Naturgemäß ist auch die Modeausbildung an der

Universität für angewandte Kunst ein wichtiges

Thema, deren 40-jährige Geschichte von der Künstlergruppe

Lumine multimedial in Szene gesetzt

wird. Mit dem Schritt, mit Karl Lagerfeld den ersten

international gefeierten Designer an die Angewandte

zu holen, löste der damalige Rektor Oswald

Oberhuber in den 1980er-Jahren einen radikalen

Innovationsschub aus. Es folgten weitere international

bekannte Stars wie Jil Sander, Jean-Charles

de Castelbajac, Vivienne Westwood, Helmut Lang,

Raf Simons oder Lucie & Luke Meier.

Gleichsam als Entrée zur zentralen Ausstellungshalle

führt der Rundgang zu den revolutionären

Entwürfen Rudi Gernreichs, einem amerikanischen

Designer österreichischer Abstammung.

1922 in Wien geboren, floh er 1938 vor den Nationalsozialisten

in die USA. Durch seine ungewöhnlichen

und mutigen Entwürfe wurde er bald zu

einem der einflussreichsten Modeschöpfer seiner

Zeit. Seine Ideen wie der Monokini oder die

Unisex-Mode provozierten Skandale, wurden jedoch

bald zum Trend und sind heute selbstverständliches

Mode-Repertoire. 2000 widmete ihm

die Neue Galerie in Graz eine Personalausstellung.

In der Ausstellung im MAK bildet der Fokus auf die

historische Position Rudi Gernreich eine Verbindung

zwischen dem österreichischen und internationalen

Design, ebenso wie die zweite Modeikone

Helmut Lang. Lang, der in New York lebt und

heute nur noch künstlerisch tätig ist, galt als der

Mode-Star der heimischen Szene. Herzstück der

Schau ist eine überdimensionale, 6,5 Meter hohe,

leichte und offen strukturierte Skulptur im zentralen

Raum der MAK-Ausstellungshalle. Der

sogenannte „Tetristower“ von Gregor Eichinger

ist auf mehreren Ebenen zugänglich und erlaubt

eine unmittelbare Begegnung mit rund 250

Mode objekten: Bekleidung, Schuhe, Taschen sowie

Schmuck-Accessoires von rund 60 Designern.

Darüber hinaus zeigen großflächige Prints von 34

Modefotografen auch die visuelle Ausdruckskultur

von Mode. Viele der vertretenen Fotografen arbeiten

im internationalen Kontext und haben dazu

beigetragen, österreichisches Modedesign auch

außerhalb Österreichs zu verankern.

SHOW OFF.

AUSTRIAN FASHION DESIGN

bis 12. Juli 2020

MAK – MUSEUM FÜR ANGEWANDTE KUNST

STUBENRING 5 | 1010 WIEN

WWW.MAK.AT

linke Seite

CAROLIN HOLZHUBER

SYNCHRONICITY_SYNC 6, Synchronicity FW 19/20

© Warren Du Preez and Nick Thornton Jones

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RUDI GERNREICH

The Original Thong, Triangle Jacquard Knit Top, 2019

Model: Kerolyn Soares

© Foto: Oliver Hadlee Pearch

Courtesy of Rudi Gernreich LLC, New York und

Rudi Gernreich GmbH, Luzern

PA R NASS 01/2020 111


Art & Design

VOM HELMUT LANG-

ARCHIV ZUM AUFBAU

EINER MODESAMMLUNG

CHRISTOPH THUN-HOHENSTEIN IM GESPRÄCH

UTE PLOIER

MANMACHINE

© Günter Parth

SILVIE AIGNER

Mit Show Off gelingt nun eine erste große Ausstellung

zum Thema Mode im MAK. Ein Auftakt für

weitere Ausstellungen und für den Aufbau einer

Sammlung. Erste Schritte wurden mit der Einrichtung

des Helmut Lang-Archivs gesetzt. 2010 hat

Helmut Lang dem Museum als einziger Institution

weltweit in einer großzügigen Schenkung sein

gesamtes Grafik- und Corporate-Archiv und einen

repräsentativen Ausschnitt seiner Ready-to-Wear-

Kollektionen von 1984 bis 2005 überlassen. Nun

soll das MAK auch im Bereich Mode sichtbarer

werden. Wir trafen Christoph Thun-Hohenstein

zum Gespräch.

PARNASS: Bereits bei Ihrer Antrittspressekonferenz

2011 betonten Sie, dass Mode in Zukunft

im MAK einen bedeutenderen Platz einnehmen

muss. Wie sehr wird die österreichische Mode

heute auch international wahrgenommen, und

was kann das Museum dazu beitragen?

CHRISTOPH THUN-HOHENSTEIN: Viele Museen im

Bereich der angewandten Kunst haben eine veritable

Modesammlung. Aufgrund historischer Entwicklungen

hat der Bereich Mode bisher im MAK

keine Tradition gehabt. Bereits in meiner Funktion

als Leiter von departure – der Kreativ Agentur

der Stadt Wien – habe ich mich sehr für Mode und

insbesondere für die österreichische Mode eingesetzt.

Es war daher eines meiner zentralen Anliegen,

Modedesign auch im MAK sichtbarer zu machen.

Wir haben erste Schritte mit dem Helmut

Lang-Archiv gesetzt und schließen nun mit der

Überblicksausstellung zu 40 Jahre Modedesign

in Österreich an Es ist wichtig, durch eine große

Ausstellung darauf hinzuweisen, dass österreichische

Mode einiges zu bieten hat, und dass man sich

näher damit beschäftigen soll. Es ist auch unserer

heutigen Zeit geschuldet, dies vermehrt zu tun.

P: Spielen Sie darauf an, dass Mode einer der

größten Umweltsünder ist? TH: Ja, die gesamte

Mode- und Textilindustrie hat einen großen ökologischen

Fußabdruck. Und es müssen alle Bemühungen

dahin gehen, sie nachhaltiger zu machen.

Uns geht es auch in der Ausstellung darum,

bewusst zu machen, wie sehr die Billigmode oder

„Fast-Fashion“ die Umwelt belastet. Doch die

Mode kann und muss umweltfreundlicher werden.

Aber auch wir, die Konsumenten, sind aufgefordert,

ein neues Bewusstsein zu entwickeln, was

nicht immer nur eine Frage des Geldes ist. Wenn

ich mir ein Kleidungsstück eines lokal ansässigen

Modedesigners kaufe, werde ich dies auch ganz

anders behandeln und wertschätzen als ein billiges

Kleidungsstück einer Modekette. Die Ausstellung

soll zeigen, dass es auch regional Mode gibt, für die

man sich interessieren könnte und sollte.

112 PA R NASS 01/2020


Vienna

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Wien | Tuchlauben 8 | www.akris.com


VIELEN DANK

FÜR IHR INTERESSE.

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