18.03.2020 Aufrufe

Vom Ruhrgebiet zur Metropole Ruhr

ISBN 978-3-86859-584-0

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Herausgegeben von<br />

Karola Geiß-Netthöfel, Dieter Nellen und Wolfgang Sonne<br />

für den Regionalverband <strong>Ruhr</strong> (RVR)<br />

V O M<br />

R U H R G E B I E T<br />

Z U R M E T R O P O L E<br />

R U H R<br />

SVR KVR RVR<br />

1920–2020


REPRÄSENTANZ<br />

UND EDITION<br />

Grußwort<br />

ARMIN LASCHET<br />

10<br />

Das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong><br />

ist mehr als eine Stadt<br />

JOSEF HOVENJÜRGEN<br />

12<br />

Das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> braucht<br />

handlungsfähige Kommunen –<br />

und einen handlungsfähigen<br />

Regionalverband<br />

FRANK BARANOWSKI<br />

14<br />

Geschichte und<br />

Programm <strong>Ruhr</strong> 20 | 21+<br />

Konstitution einer<br />

Industriemetropole<br />

KAROLA GEI -NETTHÖFEL<br />

DIETER NELLEN<br />

WOLFGANG SONNE<br />

16<br />

Fragen an<br />

Karola Geiß-Netthöfel,<br />

Direktorin des<br />

Regionalverbands <strong>Ruhr</strong><br />

22<br />

Im Dienste der Region<br />

Haus des Siedlungsverbands<br />

<strong>Ruhr</strong>kohlenbezirk<br />

RUTH HANISCH<br />

28<br />

GESCHICHTE UND<br />

GEGENWART<br />

Der Siedlungsverband<br />

<strong>Ruhr</strong>kohlenbezirk in den<br />

Jahren 1920–1945<br />

HEINZ WILHELM HOFFACKER<br />

48<br />

<strong>Vom</strong> SVR zum RVR:<br />

Geschichte des Verbands in den<br />

Jahren 1945–2020<br />

HANNAH RUFF<br />

68<br />

Von Robert Schmidt <strong>zur</strong><br />

IGA <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> 2027<br />

WOLFGANG GAIDA<br />

HELMUT GROTHE<br />

100<br />

Verbands-, Regionaldirektor*innen und<br />

Vorsitzende der Verbandsversammlung<br />

105<br />

Direkte Wahl<br />

Der lange parlamentarische<br />

Weg zum »Gesetz <strong>zur</strong> Stärkung<br />

des Regionalverbands <strong>Ruhr</strong>«<br />

REINER BURGER<br />

106<br />

RVR 20 | 21+<br />

LEITSTRATEGIE UND<br />

PROGRAMMAGENDA<br />

Grüne Städte-<br />

Landschaft der Zukunft<br />

NINA FRENSE<br />

SABINE AUER<br />

120<br />

Landschafts entwicklung<br />

und strategische Großprojekte<br />

NINA FRENSE<br />

SABINE AUER<br />

131<br />

Herausforderung Klimaresilienz<br />

Anpassung an den Klimawandel<br />

und Klimaschutz in<br />

der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

WOLFGANG BECKRÖGE<br />

154<br />

Neue Wege <strong>zur</strong> Zukunftsgestaltung<br />

der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

Regional planung und Regional entwicklung<br />

unter einem Dach<br />

MARTIN TÖNNES<br />

MARIA T. WAGENER<br />

162<br />

Der neue Regionalplan <strong>Ruhr</strong><br />

Blaupause für die Zukunft<br />

der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

MICHAEL BONGARTZ<br />

166<br />

Mobilität der Zukunft<br />

Die vernetzte <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

MARTIN TÖNNES<br />

MARIA T. WAGENER<br />

THOMAS POTT<br />

175


<br />

Route der Industriekultur<br />

BARRY GAMBLE<br />

ULRICH HECKMANN<br />

184<br />

Für eine starke Kulturund<br />

Sportmetropole <strong>Ruhr</strong><br />

STEFANIE REICHART<br />

192<br />

Wissensmetropole <strong>Ruhr</strong> –<br />

regional verankert,<br />

international vernetzt<br />

CLAUDIA HORCH<br />

201<br />

Stadt der Städte<br />

Kampagnenkompetenz für<br />

die <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

THORSTEN KRÖGER<br />

206<br />

Regionale Öffentlichkeitsarbeit<br />

für die <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong>:<br />

Marketing und vieles mehr<br />

CHRISTIAN RAILLON<br />

212<br />

RVR-Beteiligungsunternehmen sind in der<br />

<strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> breit aufgestellt<br />

MARKUS SCHLÜTER<br />

217<br />

WANDEL DURCH<br />

KULTUR – KULTUR<br />

DURCH WANDEL<br />

Zur Industriekultur des<br />

<strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s<br />

aus globaler Perspektive<br />

MARION STEINER<br />

236<br />

Finden, was nicht gesucht wurde<br />

Urbane Künste <strong>Ruhr</strong> als<br />

Wahrnehmungsverstärkerin<br />

für die Besonderheiten des<br />

<strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s<br />

BRITTA PETERS<br />

240<br />

Johan Simons zu Fragen von Kultur<br />

an der <strong>Ruhr</strong>: »Wir brauchen Leute,<br />

die viel von Kunst wissen«<br />

ESSAYS<br />

<strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

Doch nur eine<br />

Wunschvorstellung?<br />

CLAUS LEGGEWIE<br />

260<br />

Architektur Städtebau<br />

<strong>Ruhr</strong> 1920 2020+<br />

WOLFGANG SONNE<br />

266<br />

Transformation in einer<br />

»verspäteten« Region<br />

STEFAN SIEDENTOP<br />

277<br />

Der Einsatz Grüner<br />

Infrastruktur im <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> –<br />

ein wichtiger Beitrag<br />

<strong>zur</strong> Umsetzung der<br />

EU-Biodiversitätsstrategie<br />

STEFAN LEINER<br />

282<br />

Die IBA und ihre Folgen<br />

DIETER NELLEN<br />

291<br />

Postmontan industrielle<br />

Kulturlandschaft <strong>Ruhr</strong><br />

CHRISTOPH ZÖPEL<br />

300<br />

ANHANG<br />

Herausgeber<br />

314<br />

Ausgewählte Literatur<br />

316<br />

Bildverzeichnis<br />

320<br />

<strong>Ruhr</strong>orte<br />

Verzeichnis der Fotografien<br />

von Matthias Koch<br />

323<br />

Impressum<br />

324<br />

DIETER NELLEN<br />

247


Grußwort<br />

ARMIN LASCHET<br />

10<br />

Das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong><br />

ist mehr als eine Stadt<br />

JOSEF HOVENJÜRGEN<br />

12<br />

Das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> braucht<br />

handlungsfähige Kommunen –<br />

und einen handlungsfähigen<br />

Regionalverband<br />

FRANK BARANOWSKI<br />

14<br />

Geschichte und<br />

Programm <strong>Ruhr</strong> 20 | 21+<br />

Konstitution einer<br />

Industriemetropole<br />

KAROLA GEI -NETTHÖFEL<br />

DIETER NELLEN<br />

WOLFGANG SONNE<br />

16<br />

Fragen an<br />

Karola Geiß-Netthöfel,<br />

Direktorin des<br />

Regionalverbands <strong>Ruhr</strong><br />

22<br />

Im Dienste der Region<br />

Haus des Siedlungsverbands<br />

<strong>Ruhr</strong>kohlenbezirk<br />

RUTH HANISCH<br />

28


R E P R Ä S E N T A N Z<br />

U N D E D I T I O N


REPRÄSENTANZ UND EDITION<br />

Grußwort<br />

ARMIN LASCHET<br />

ist Ministerpräsident des<br />

Landes Nordrhein-Westfalen.<br />

Am 5. Mai 2020 wird der Regionalverband <strong>Ruhr</strong> (RVR)<br />

100 Jahre alt. Das ist ein rundes, stolzes Jubiläum.<br />

Damit ist das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> in Gestalt des RVR-Vorläufers<br />

Siedlungs verband <strong>Ruhr</strong>kohlenbezirk (SVR) sogar älter als<br />

unser Land, das 2021 erst sein 75-jähriges Bestehen feiert.<br />

Der SVR verband die beiden preußischen Pro vinzen<br />

Rheinland und Westfalen und war aufgrund seiner<br />

Bedeutung als einheitliches Energie- und Produktionszentrum<br />

nicht zwischen beiden aufteilbar. Auch deshalb<br />

spielte das Montanrevier an der <strong>Ruhr</strong> nach dem Zweiten<br />

Weltkrieg eine zentrale Rolle bei der ökonomischen<br />

und politischen Neuordnung Westdeutschlands. Nicht<br />

zuletzt diese herausragende Bedeutung war ein wichtiges<br />

Motiv <strong>zur</strong> Gründung Nordrhein-Westfalens durch die<br />

britische Besatzungsmacht. Das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> ist also nicht<br />

nur der geografische Mittelpunkt und das traditionelle<br />

öko nomische Zentrum unseres Landes, sondern<br />

sozusagen auch der Grund für seine Existenz: Ohne das<br />

Revier gäbe es keine Einheit von Rheinländern und<br />

Westfalen und wäre Nordrhein-Westfalen nicht gegründet<br />

worden. Und so führt eine direkte Linie vom 100-<br />

jährigen Verbandsjubiläum des RVR 2020 zum 75-jährigen<br />

Landes jubiläum 2021.<br />

Es gibt also allen Grund, 100 Jahre RVR zu feiern. Mit der<br />

Gründung des SVR im Jahr 1920 begann nicht nur die<br />

Zeit der Selbstverwaltung an Rhein, <strong>Ruhr</strong>, Emscher und<br />

Lippe. Das immer schneller wachsende Konglomerat<br />

aus Groß- und Kleinstädten erhielt erstmals so etwas wie<br />

eine innere Struktur und Ordnung, die in Konkurrenz<br />

<strong>zur</strong> traditionellen Fremdbestimmung der Region durch<br />

die preußischen Provinzhauptstädte beziehungsweise<br />

die Reichshauptstadt Berlin trat. Jener Akt in Richtung<br />

Selbstbestimmung des Reviers war eine unabding bare<br />

Voraussetzung für die Funktion des <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s als<br />

Nukleus der deutschen Wirtschaft. Nach dem Untergang<br />

der NS-Diktatur wandelte sich das rheinisch-westfälische<br />

Revier von der Waffenschmiede des Reichs zum Herzen<br />

und Motor des deutschen Wirtschaftswunders. Dank<br />

dieser Leistung wurde das junge Nordrhein-Westfalen<br />

nicht nur im politischen Sinne früh zum »Kernland« der<br />

jungen Bonner Republik.<br />

Es wäre jedoch falsch, das vor uns liegende Jubiläum nur<br />

aus nostalgisch verklärter Dankbarkeit zu feiern. Der enge<br />

Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Landes<br />

und der Prosperität seiner Kernregion war durchaus<br />

ambivalent. Denn mit dem allmählichen Strukturwandel<br />

des Montansektors verbanden sich ganz automatisch<br />

auch Belastungen für die Wirtschaftskraft Nordrhein-<br />

Westfalens und für seinen Staatshaushalt. Dieser Strukturwandel<br />

wurde über Jahrzehnte <strong>zur</strong> großen politischen<br />

und sozialen Herausforderung des ganzen Landes, ja,<br />

Deutschlands insgesamt. Er gelang ohne große soziale<br />

Brüche oder gar Unruhen wie in anderen Montanregionen<br />

Europas und brachte neben schmerzhaften Einschnitten<br />

auch viele positive Ergebnisse.<br />

In den vergangenen Jahrzehnten ist viel erreicht worden.<br />

Das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>, dieser riesige Schmelztiegel, in dem Zuwanderung<br />

immer eine wichtige Rolle gespielt hat, steht<br />

wie kaum eine andere Region Deutschlands für Wandel,<br />

Veränderung und Erneuerung. Wir haben in Deutschland<br />

keine zweite Metropolregion mit mehr als fünf Millionen<br />

Einwohnern. Wir haben keine zweite derart dichte<br />

Hochschullandschaft, und die Kultur- und Freizeitangebote<br />

sind in ihrer Vielfalt kaum zu überbieten. Bei all dem<br />

Positiven ist jedoch auch klar: Hochschulen, Urbanität,<br />

Ökologie und Breitbandversorgung sind zwar wichtige<br />

Standortfaktoren, ersetzen aber keine industrielle Basis.<br />

Der Wechsel von Bergbau und Schwerindustrie zu industriellen<br />

Mischformen, zu Dienstleistungen, Forschung<br />

und mittelständischen Strukturen ist noch immer<br />

Gegenwart, und schon erleben wir eine neue industrielle<br />

Revolution in Gestalt der Digitalisierung.<br />

Angesichts dieser Herausforderung, die man als Chance<br />

begreifen muss, darf nicht wieder versucht werden, die<br />

Dinge künstlich aufzuhalten, sich an Überkommenes zu<br />

klammern und die vorhandenen finanziellen Ressourcen<br />

in die Vergangenheit zu investieren. Es ist keine Zeit<br />

zu verlieren. Vor allem müssen die Menschen rechtzeitig<br />

auf den vor ihnen liegenden Weg mitgenommen werden.<br />

Man darf ihnen keine Angst machen. Man sollte ihnen<br />

Mut machen.<br />

10


 GRU WORT<br />

Das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> hat Zukunft, weil es bei allen Problemen<br />

ein riesiges Reservoir an Chancen und Potenzialen besitzt:<br />

In Bereichen wie Start-ups, Umwelt- und Gesundheitswirtschaft,<br />

Logistik und Verkehr oder auch Automatisierung<br />

und Informationssicherheit gehört es zu<br />

den führenden Regionen Deutschlands. Hier können wir<br />

Lösungen für die großen Zukunftsfragen finden. Hier<br />

kann ein Ballungsraum entstehen, in dem Arbeiten und<br />

Wohnen, Kultur und Bildung, Naherholung und Tourismus,<br />

Industrie und Mittelstand sowie eine klimaneutrale<br />

Verkehrsinfrastruktur eng miteinander verwoben sind<br />

und sich nicht gegenseitig ausschließen.<br />

Das bedeutet nicht, dass wir die Herausforderungen,<br />

die all das mit sich bringt, unterschätzen. Die Landesregierung<br />

hat den Prozess einer neuen <strong>Ruhr</strong>-Konferenz<br />

eingeleitet. Unser Ansatz ist: Geht es dem <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong><br />

und seinen Menschen gut, geht es dem ganzen Land gut.<br />

Die <strong>Ruhr</strong>-Konferenz ist eine lohnende Investition in<br />

die Zukunft Nordrhein-Westfalens.<br />

Das Revier auf diesem Weg zu begleiten, Probleme zu<br />

erkennen und zu lösen, Ideen und Visionen zu entwickeln<br />

und zukunftsorientierte Maßnahmen in die<br />

Praxis umzusetzen, all das wird wie in den <strong>zur</strong>ückliegenden<br />

100 Jahren eine zentrale Aufgabe des RVR sein.<br />

An seine wechselvolle Geschichte zu erinnern, ist die<br />

Intention des vorliegenden Jubiläumsbands, dem ich<br />

weite Verbreitung und viele aufmerksame Leser wünsche.<br />

Ich gratuliere dem Regionalverband <strong>Ruhr</strong> herzlich zu<br />

seinem schönen Jubiläum und wünsche ihm, dem<br />

gesamten <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> und allen hier lebenden Menschen<br />

alles Gute für die Zukunft!<br />

Glückauf,<br />

Nordrhein-Westfalen!<br />

11


REPRÄSENTANZ UND EDITION<br />

Geschichte und<br />

Programm<br />

<strong>Ruhr</strong> 20 | 21+<br />

Konstitution<br />

einer<br />

Industriemetropole<br />

GEI<br />

KAROLA<br />

-NETTHÖFEL<br />

DIETER<br />

NELLEN<br />

WOLFGANG<br />

SONNE<br />

16


Geschichte und Programm <strong>Ruhr</strong> 20 | 21+<br />

Der heutige Regionalverband <strong>Ruhr</strong> (RVR) ist der Rechtsnachfolger<br />

des Kommunalverbands <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> (KVR,<br />

1979–2004) und des Siedlungsverbands <strong>Ruhr</strong>kohlenbezirk<br />

(SVR, 1920–1979). Letzterer verdankt seine Gründung<br />

einem Gesetzesbeschluss der verfassungsgebenden<br />

preußischen Landesversammlung am 5. Mai 1920 mit<br />

Inkrafttreten zum 15. Juni desselben Jahres.<br />

Schritt <strong>zur</strong> Eingemeindung vollzogen wurde, wurde<br />

im <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> entsprechend dem polyzentrischen Stadtwachstum<br />

der Weg der Verbandsbildung einzelner<br />

Städte gegangen.<br />

Deutsche und<br />

europäische Geschichte<br />

Die Verbandsversammlung tagte erstmalig am 3. September<br />

1920 im Essener Saalbau. Sie wählte den dortigen<br />

Beigeordneten Dr. Robert Schmidt zum Verbandsdirektor.<br />

Dessen 1912 auftragsweise verfasste Denkschrift betreffend<br />

Grundsätze <strong>zur</strong> Aufstellung eines General-Siedelungsplanes<br />

für den Regierungsbezirk Düsseldorf (rechtsrheinisch)<br />

in der damaligen preußischen Rheinprovinz bildete<br />

die konzeptionelle Grundlage einer vorrangig funktionalen<br />

Raumplanung in der neuen Organisation<br />

und für deren ökonomisch bestimmte Gebietskulisse.<br />

Die staatliche Konstituierung des SVR als kommunaler<br />

Zweckverband dokumentiert 1920 zweifellos den<br />

Gestaltungswillen fortschrittlicher Kräfte in der Frühphase<br />

der Weimarer Republik. Noch mehr gab es einen<br />

funktionalen Anlass: Die Region sollte, musste für die<br />

Reparationsforderungen der Alliierten bei der Kohleproduktion<br />

konditioniert werden.<br />

Zeitgleich begann an der <strong>Ruhr</strong> der Aufstieg der rheinischwestfälischen<br />

Industrieprovinz zu einer national bedeutenden<br />

Wirtschaftsregion. Der Begriff <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong><br />

verbindet sich dabei schnell mit einem martialischen<br />

Sozialnimbus und einer bis heute resistenten Außenwahrnehmung<br />

gegenüber der tatsächlichen vielfältigen<br />

Lebenswirklichkeit der Region. Im Gegenzug und dank<br />

seiner quantitativen Größe und polyzentrischen<br />

Urbanität definiert sich das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> im 21. Jahrhundert<br />

als »<strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong>«, als »Stadt der Städte« in der<br />

Mitte Nordrhein-Westfalens und als Teil der Metropolregion<br />

Rhein-<strong>Ruhr</strong>. Zwischen 1985 und 1995 bewarb man<br />

sich national als »Starkes Stück Deutschland«.<br />

An der <strong>Ruhr</strong> wurde im Zuge der Schwerindustrialisierung<br />

fast das gesamte 20. Jahrhundert hindurch deutsche<br />

und europäische Geschichte geschrieben. Sie reicht weit<br />

über das administrative Erbe Preußens und den eigenen<br />

regionalen Horizont hinaus. Sie baut auf einer mit Europa<br />

vernetzten mittelalterlichen Kloster- und Stadtkultur<br />

auf – so war etwa das Stift Essen mit dem römischdeutschen<br />

sowie dem byzantinischen Kaiserhaus familiär<br />

verknüpft und die Kaufleute der Hansestädte Dortmund<br />

oder Duisburg trieben Handel von Brügge bis Nischni<br />

Nowgorod.<br />

Die kaiserliche Reichsgründung 1871, die national<br />

bestimmende Militarisierung mit der »<strong>Ruhr</strong> als Waffenschmiede<br />

des Deutschen Reiches«, zwei für ganz Europa<br />

verheerende Weltkriege und schließlich der daraus<br />

folgende einhegende Impuls durch die Montanunion<br />

als Keim europäischer Friedensarchitektur haben hier –<br />

auch nach dem durchgängigen Urteil der internationalen<br />

Geschichtsschreibung und publizistischen Öffentlichkeit<br />

– ihren industriehistorischen Ausgangspunkt.<br />

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert steht das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong><br />

zudem in einer besonderen Dialektik von<br />

Traditionswahrung und Modernisierung. Es ist ein international<br />

führender Ort postindustrieller Transformation<br />

seiner ehedem montan geprägten Vergangenheit sowie<br />

ein Modell nachhaltiger Stadt- und Regionalentwicklung.<br />

Die angestrebte internationale Profilierung von Raum<br />

und postindustrieller Landschaft ist die gedankliche<br />

Grundlage der UNESCO-Bewerbung als »Industrielle Kulturlandschaft<br />

<strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>«.<br />

Erhellend ist hier der Vergleich mit einer anderen<br />

deutschen <strong>Metropole</strong>, die ebenfalls 1920 einen epochalen<br />

Verwaltungsschritt vollzog: Berlin. Nachdem 1912 ein<br />

dem späteren SVR vergleichbarer Zweckverband Groß-<br />

Berlin geschaffen worden war, um die Stadtplanung<br />

der wachsenden Großstadt und ihrer Umlandgemeinden<br />

zu koordinieren, wurde 1920 die Stadtgemeinde Groß-<br />

Berlin gegründet. Während in Berlin entsprechend dem<br />

kohärenten flächendeckenden Stadtwachstum der<br />

Der Prozess der baulichen, mentalen, kulturellen und<br />

sozialökonomischen Konversion zieht weltweites Interesse<br />

auf sich. Die polyzentrale und regionale Urbanität,<br />

die die Gebiete der Zwischenstadt mit den verdichteten<br />

Zentren der klassischen europäischen Stadt verbindet,<br />

repräsentiert immer mehr ein international gängiges <strong>Metropole</strong>nmuster.<br />

Das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> ist – anders als zeitweise<br />

politisch verordnet – nicht ein nur noch mentales oder<br />

ökonomisches Ereignis. Seine Geschichte hat zwar einen<br />

17


REPRÄSENTANZ UND EDITION<br />

Im Dienste<br />

der Region<br />

Haus des<br />

Siedlungsverbands<br />

<strong>Ruhr</strong>kohlenbezirk<br />

RUTH HANISCH<br />

studierte Kunstgeschichte an der Universität Wien.<br />

1997 bis 2002 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin der<br />

Professur für Geschichte des Städtebaus an der ETH Zürich<br />

tätig. 2003 promovierte sie über »Das Bild des Hafens in<br />

der Architektur des 18. Jahrhunderts« an der Universität Wien.<br />

Ihre Habilitationsschrift wurde 2018 unter dem<br />

Titel Moderne vor Ort. Wiener Architektur 1889–1938<br />

im Böhlau Verlag veröffentlicht.<br />

28


Im Dienste der Region<br />

Verwaltungsgebäude des<br />

Siedlungsverbands <strong>Ruhr</strong>kohlenbezirk<br />

an der Kronprinzenstraße<br />

in Essen 1929.<br />

»Das Gebäude durfte nicht einen stadtbeherrschenden<br />

Zentralausdruck hervorrufen wie etwa ein Rathaus,<br />

es durfte nicht einen repräsentativ-monumentalen Eindruck<br />

erwecken wie ein Regierungsgebäude, es durfte<br />

nicht die gleichmäßige, <strong>zur</strong> Beschäftigung von Hunderten<br />

ausgewertete Art eines Bürogebäudes tragen. Es galt,<br />

hier etwas Eigenes, der neuen Organisation besonders<br />

Entsprechendes zu schaffen.« Philipp Rappaport, Erster<br />

Beigeordnete des Siedlungsverbands, triangulierte so im<br />

Geleitwort der Publikation des Hauses 1930 den Anspruch<br />

des Bauherrn an sein Dienstgebäude. Der sollte sich eben<br />

nicht auf etablierte Typologien berufen. Nicht Rathaus,<br />

nicht Regierungsgebäude, nicht Bürohaus – ein Verbandshaus<br />

war gefordert. Das stellte den Architekten vor<br />

die Herausforderung, nicht nur eine moderne Formensprache<br />

für eine bestehende Typologie zu entwickeln,<br />

also ein modernes Rathaus oder ein modernes Bürohaus,<br />

sondern einen neuen Typus, der nicht nur den funktionalen<br />

Bedürfnissen eines Regionalverbands entsprach,<br />

sondern auch die regionale Idee an einem Ort versinnbildlichen<br />

sollte. Architektur und Regionalplanung sind<br />

auf vielfältige Weise verbunden: Die Planung schafft den<br />

Rahmen für die Architektur, das Bauen prägt die Region.<br />

Die Maßstäbe sind unterschiedlich, der Einzelbau richtet<br />

sich an die dreidimensionale menschliche Wahrnehmung;<br />

die Region ist ein abstraktes Modell, das sich der<br />

Alltagswahrnehmung des Einzelnen vielfach entzieht.<br />

Das Baugrundstück an der Kronprinzenstraße lag nahe<br />

am Hauptbahnhof und garantierte so durch die fußläufige<br />

Anbindung die Verbundenheit mit der gesamten<br />

Region. Es war ein interessanter Ort für den Neubau des<br />

Verbands: An der schräg gegenüberliegenden Ecke stand<br />

das Gebäude der Emschergenossenschaft von Wilhelm<br />

Kreis, auf dem unmittelbaren Nachbargrundstück hatte<br />

Georg Metzendorf soeben das sogenannte <strong>Ruhr</strong>haus, den<br />

Sitz des <strong>Ruhr</strong>verbands, fertiggestellt. In gewisser Hinsicht<br />

war die Stelle für den Bau dieses weiteren Verbandsgebäudes<br />

prädisponiert, denn sowohl die Emschergenossenschaft<br />

als auch der <strong>Ruhr</strong>verband waren regionale<br />

Verbände <strong>zur</strong> Abwasserent- beziehungsweise Wasserversorgung<br />

des Reviers, deren Arbeit sich in Vielem mit<br />

dem Regionalverband berührte; kurze Amtswege<br />

waren bei der Administration der Region sicherlich von<br />

Vorteil. Beide Nachbargebäude stellten architektonische<br />

Interpretationen eines Baus für einen regionalen Verwaltungsverband<br />

dar: Der »Palast« für die 1899 gegründete<br />

Emschergenossenschaft war noch vor dem Ersten Weltkrieg<br />

1909/10 errichtet worden. Kreis hatte sich bei seiner<br />

Interpretation eines Verbandsgebäudes mit der Rathaustypologie<br />

mit Turm und Vorhalle auseinandergesetzt,


REPRÄSENTANZ UND EDITION


Im Dienste der Region<br />

Das sanierte Verwaltungsgebäude<br />

an der Kronprinzenstraße,<br />

Herbst 2019.


GESCHICHTE UND GEGENWART<br />

Beibehaltung der bisherigen Verwaltungsstrukturen im <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> zu<br />

akzeptieren, so war auf keinen Fall zuzugestehen, dass Düsseldorf ebenfalls<br />

einbezogen werden sollte. Aus Dortmund kamen im Nachhinein noch<br />

Ein wände, die man bei der Besprechung am 2. Dezember 1919 nicht vorgetragen<br />

hatte. Man fühlte sich irgendwie überrumpelt. Das Zusammenspiel<br />

von preußischen Ministerien und Essener Kommunalführung habe letztlich<br />

nur <strong>zur</strong> Rechtfertigung einer bereits beschlossenen Sache geführt. Doch<br />

blieb diese Kritik ohne Folgen. Von höchster Regierungsebene fand der<br />

projek tierte Siedlungsverband ganz offiziell Unterstützung. Als Reichskanzler<br />

Gustav Bauer im Februar das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> bereiste, forderte er eine schnelle<br />

Verwirklichung: Der Verband sei wegen der wirtschaftlichen Einheit des<br />

<strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s geboten.<br />

Regierung und Parlament<br />

Preußens billigen den<br />

Gesetzesentwurf zum SVR<br />

1920<br />

Die preußische Regierung beschäftigte sich mit dem Gesetzesentwurf am<br />

27. Januar 1920 und billigte ihn. Der Text war entsprechend den Änderungswünschen<br />

der Gemeinden angepasst worden, hatte aber seine Grundstruktur<br />

behalten. Am 31. Januar wurde das Gesetz eingebracht, die erste Lesung in<br />

der verfassunggebenden preußischen Landesversammlung fand am 3. Februar<br />

statt. Robert Schmidt war eigens nach Berlin gereist und hatte noch vor<br />

Beginn der Beratungen in einem Vortrag vor Abgeordneten die Notwendigkeit<br />

des Verbands begründet: Das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> sei und bleibe eine dynamische<br />

Region. Es werde nicht <strong>zur</strong> Ruhe kommen. Es bewege sich wie eine Walze<br />

langsam nach Norden. Überlieferte staatliche Ordnungsmodelle taugten nicht.<br />

Nur etwas Neues wie der Siedlungsverband könne eine solche Aufgabe lösen.<br />

Änderungswünsche der Parlamentarier bezogen sich dann vor allem auf<br />

Paragraf 1 des Gesetzes, in dem der Aufgabenbereich des Verbands definiert<br />

wurde. Die Vorlage enthielt noch die Regelung, dass eine nachträgliche<br />

Kompetenzerweiterung des Verbands durch staatliche Übertragung von<br />

Aufgaben möglich sein sollte. Mit großer Mehrheit beschloss die verfassunggebende<br />

Versammlung etwas anderes: Paragraf 1 bedeutete die endgültige<br />

Aufgabenbeschreibung. Eine spätere Änderung dieser Bestimmungen sollte<br />

dann nur noch durch einen parlamentarischen Beschluss möglich sein, nicht<br />

aber mehr durch einfache Entscheidung der preußischen Regierung. Veränderungen<br />

am grundsätzlichen Charakter des Siedlungsverbands konnten<br />

also nur noch auf dem Wege der Gesetzgebung vorgenommen werden. Dies<br />

ist die wichtigste Veränderung an dem von Hans Luther, Walter Bucerius<br />

und Robert Schmidt ausgearbeiteten Entwurf. Der innere Aufbau des SVR war<br />

wie ursprünglich vorgesehen identisch mit der Struktur einer preußischen<br />

Provinz: Verbandsversammlung (Provinziallandtag), Verbandsausschuss<br />

(Provinzialausschuss), Verbandsdirektor (Landeshauptmann) und als staatliche<br />

Aufsichtsbehörde das Verbandspräsidium (Oberpräsident). Am 5. Mai<br />

1920 verabschiedete die verfassunggebende preußische Landesversammlung<br />

das Gesetz über den Siedlungsverband <strong>Ruhr</strong>kohlenbezirk einstimmig.<br />

54


Der Siedlungsverband <strong>Ruhr</strong>kohlenbezirk in den Jahren 1920–1945<br />

Der preußische Innenminister Carl<br />

Severing misstraut dem <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong><br />

Innerhalb der preußischen Regierung, die von der Koalition aus SPD, Zentrum<br />

und DDP getragen wurde, kam es in der Folgezeit aber noch einmal zu einer<br />

Auseinandersetzung, die das Thema <strong>Ruhr</strong>provinz zum Inhalt hatte. Die<br />

Aufsicht über den SVR wurde vom Ministerium für Volkswohlfahrt ausgeübt,<br />

zum hier interessierenden Zeitpunkt geführt von Adam Stegerwald (Zentrum<br />

und katholischer Gewerkschafter). Das preußische Innenministerium unter<br />

Carl Severing (SPD) hatte bezüglich dieser Regelung Vorbehalte und wollte<br />

nicht nur in die Staatsaufsicht beim SVR mit einbezogen werden, sondern es<br />

wollte auch zustimmungspflichtig sein bei der Besetzung der Führungsposi<br />

tionen Verbandsdirektor und Verbandspräsident. Begründet hatte Severing<br />

sein Anliegen mit der möglichen Gefahr eines Ausbaus des SVR über Siedlungsaufgaben<br />

hinaus zu einer <strong>Ruhr</strong>provinz. Dies hätte »für den Bestand des<br />

preußischen Staates unabsehbare Folgen«.<br />

1920<br />

Die endgültige Fassung des Paragrafen 1 der Verbandsordnung schien Severing<br />

also keine Garantie für unerwünschte Entwicklungen zu sein. Hintergrund<br />

seines Misstrauens waren seine politischen Erfahrungen im <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>,<br />

die im Mai 1920 noch frisch waren. Er hatte als Staatskommissar Anfang 1919<br />

die großen Streikbewegungen, die eine Sozialisierung des <strong>Ruhr</strong>bergbaus<br />

zum Ziel gehabt hatten, beenden müssen. Die nächste ungleich schwierigere<br />

und mit zahlreichen Toten verbundene Aufgabe stellte sich ihm mit dem<br />

Kapp-Putsch am 13. März 1920. Als Reaktion auf den Putsch war es zu einem<br />

reichsweiten Generalstreik und im <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> darüber hinaus <strong>zur</strong> Bildung der<br />

Roten <strong>Ruhr</strong>armee gekommen, die zeitweilig das ganze Revier unter ihre Kontrolle<br />

bringen konnte. Reichswehr, aber auch Freikorps, die zuvor noch den<br />

Putsch unterstützt hatten, schlugen die Rote <strong>Ruhr</strong>armee im April 1920 blutig<br />

nieder. Severing, der wegen der Vorgänge im <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> in seiner Heimatstadt<br />

Bielfeld wiederholt überfallen und nur dank der Kampffestigkeit einiger<br />

Parteifreunde den Angriff überlebt hatte, blieb dem Revier gegenüber<br />

deswegen prinzipiell zutiefst misstrauisch. Stegerwald überging zunächst<br />

Severings Wunsch und erst im Januar 1921 kam es zu einem Kompromiss.<br />

Zum ersten Verbandsdirektor des SVR wurde schließlich Robert Schmidt<br />

gewählt, als erster Verbandspräsident der Hamborner Oberbürgermeister<br />

Paul Mülhens bestellt. Damit war der Siedlungsverband mitten in einer<br />

Phase turbulenter politischer Umbrüche erst einmal etabliert. Aber die<br />

Zeitläufte blieben schwierig: galoppierende Inflation und Währungszusammenbruch<br />

bis Ende 1923; Besetzung des <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s durch französische<br />

und belgische Truppen von Januar 1923 bis August 1925. Erst danach kehrte<br />

eine gewisse Ruhe ein. Zunächst einmal musste der SVR sich als Institution<br />

konsolidieren und seine Strukturen aufbauen. Danach konnte er mit<br />

Planungsarbeiten beginnen.<br />

55


GESCHICHTE UND GEGENWART<br />

1944<br />

gebaut, wurde die Versorgung mit Arbeitskräften, Material und Treibstoffen<br />

organisiert. Bis Ende 1944 konnte etwa 90 Prozent der noch im <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong><br />

verbliebenen Bevölkerung in Bunkern Schutz finden. Menschen, die nicht in<br />

den allgemeinen Arbeitsprozess eingebunden waren, wurden in weniger<br />

vom Luftkrieg gefährdete Regionen evakuiert. Ein Opfer des Bombenkriegs<br />

wurde Verbandsdirektor Albert Lange. Am 16. Januar 1945 griffen in Gelsenkirchen<br />

Tiefflieger den Zug an, in dem sich Lange befand. Er überlebte nicht.<br />

Philipp August Rappaport:<br />

Zwangsarbeit und Überleben<br />

In tödlicher Gefahr befand sich seit September 1944 auch Philipp August<br />

Rappaport. Obwohl wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 als Beigeordneter<br />

des SVR aus dem Dienst entfernt, war er zunächst bis zu einem gewissen Grad<br />

vor Verfolgung geschützt, weil er eine »arische«, nicht jüdische Ehefrau hatte.<br />

Nachdem die Familie von Freunden unterstützt zunächst vor Repressionen<br />

nach Mecklenburg ausgewichen war, kehrte sie nach Essen <strong>zur</strong>ück. Rappaport<br />

erhielt private Planungsaufträge verschiedener Industrieunternehmen.<br />

Doch nach der Reichspogromnacht 1938 wurde es schwieriger. Im September<br />

66


Der Siedlungsverband <strong>Ruhr</strong>kohlenbezirk in den Jahren 1920–1945<br />

1945<br />

Verwaltungsgebäude des<br />

Siedlungsverbands <strong>Ruhr</strong>kohlenbezirk<br />

im Jahre 1945.<br />

1944 schließlich spielte auch der Schutz durch die nicht jüdische Ehepartnerin<br />

keine große Rolle mehr. Die Gestapo deportierte im Rahmen der sogenannten<br />

September-Aktion jüdische Ehepartner in Arbeitslager, so auch Rappaport.<br />

Er wurde in das Lager Vorwohle gebracht, in die Nähe von Holzminden.<br />

Zu diesem Zeitpunkt war er fast 66 Jahre alt. Schwere Arbeit im Rahmen von<br />

Asphalt- und Zementproduktion hätte ihn angesichts der absichtlich mangelhaften<br />

Versorgung körperlich bald ruiniert. Doch seine berufliche Qualifikation<br />

bewahrte ihn vor diesem Schicksal. Er wurde mit dem Zeichnen von<br />

Plänen für den Barackenbau beauftragt. Als die alliierten Verbände Anfang<br />

1945 immer schneller vorrückten, wurde das Lager Vorwohle verlegt, die<br />

Insassen wurden in Marsch gesetzt. Rappaport nutzte die Gelegenheit, sich<br />

zunächst zu verstecken und dann zu fliehen. Er kehrte nach Essen <strong>zur</strong>ück.<br />

Mitglieder der Bekennenden Kirche versteckten ihn. Noch am 14. März 1945<br />

war sein erstes Versteck bei einem Bombenangriff zerstört worden. Aber es<br />

war nur noch eine kurze Zeit im Untergrund zu überstehen. Am 31. März 1945<br />

drangen amerikanische Truppen in den Essener Norden ein und am 11. April<br />

wurde die Stadt von Dillgardt, Oberbürgermeister Essens seit 1937, dem<br />

amerikanischen General Ridgway offiziell übergeben. Nur wenige Tage später,<br />

am 24. April 1945, erhielt Rappaport dann von der bereits im Aufbau befindlichen<br />

britischen Militärverwaltung die Ernennung zum Direktor des<br />

Siedlungsverbands <strong>Ruhr</strong>kohlenbezirk und noch im selben Jahr legte er die<br />

Denkschrift Der Wiederaufbau der deutschen Städte vor.<br />

67


GESCHICHTE UND GEGENWART<br />

<strong>Vom</strong> SVR zum RVR:<br />

Geschichte<br />

des Verbands in<br />

den Jahren<br />

1945–2020<br />

HANNAH RUFF<br />

ist Referentin beim LWL-Archivamt für Westfalen<br />

(Archivberatung digitale Archivierung) und arbeitet für das Archiv im<br />

»Haus der Geschichte des <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s« (Bochum), wo sie in der<br />

Hauptsache für den Bestand des SVR / KVR / RVR zuständig ist.<br />

68


<strong>Vom</strong> SVR zum RVR: Geschichte des Verbands in den Jahren 1945–2020<br />

Der SVR 1945–1979:<br />

Wiederaufbau 1945–1958<br />

»Wenn der Kommunalverband im<br />

<strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> nicht schon bestände,<br />

müsste er heute geschaffen werden.«<br />

PHILIPP RAPPAPORT, 1949<br />

1945<br />

Der Zweite Weltkrieg endete im <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> bereits im April 1945 und<br />

hinterließ vor allem in den größeren Städten eine materielle wie auch gesellschaftlich-organisatorische<br />

Trümmerlandschaft. Um ein Mindestmaß<br />

an Ver sorgung und Stabilität zu gewährleisten, war die britische Militärregierung<br />

auf eine Zusammenarbeit mit der lokalen Zivilverwaltung angewiesen.<br />

Für den Siedlungsverband <strong>Ruhr</strong>kohlenbezirk (SVR) bedeutete das eine nahtlose<br />

Fortführung seiner Arbeit, wenn auch unter stark veränderten Rahmenbedingungen:<br />

Statt der in der Verbandsordnung vorgesehenen vorausschauenden<br />

Planungsaufgaben sollte der Verband aus Sicht der Briten nun vor allem<br />

im Bereich des dringend benötigten Wohnungsbaus tätig werden. Der durch<br />

den Tod Albert Langes im Januar 1945 vakant gewordene Posten des Verbandsdirektors<br />

wurde noch Ende April kommissarisch mit dem 1933 entlassenen<br />

Ersten Beigeordneten Philipp Rappaport besetzt, der ebenso zum Kommissar<br />

für den Bergarbeiterwohnungsbau sowie zum Leiter für die Zentralstelle für<br />

das Wohnungswesen in der britischen Zone mit Sitz in Lemgo berufen wurde.<br />

Trümmer der am 10. April 1945 von<br />

deutschen Soldaten gesprengten<br />

Eisenbahnbrücke über die <strong>Ruhr</strong>,<br />

Kettwig, Januar 1948. Kettwig ist<br />

seit 1975 ein Stadtteil von Essen.<br />

Es waren ebendiese aus den Kriegsfolgen geborenen Herausforderungen,<br />

die die Arbeit des Verbands bis in die Mitte der 1950er Jahre prägten und<br />

damit auch noch Rappaports Nachfolger Sturm Kegel (Verbandsdirektor von<br />

1951 bis 1957) beschäftigen sollten. Die allgegenwärtige Zerstörung der<br />

Infrastruktur – Wohn- und Industriegebäude, Straßen- und Schienennetze,<br />

Versorgungs leitungen aller Art – betraf auch den Verband selbst. Das Verbandsgebäude<br />

und damit auch die Akten und Pläne als Grundlage seiner<br />

Arbeit waren zu großen Teilen durch Bombentreffer und ihre Folgeschäden<br />

unbrauchbar geworden. Die Koordination des Wiederaufbaus, die eher<br />

Koordination des Mangels denn koordinierte Planung war, fand so in provisorisch<br />

eingerichteten Arbeitsräumen, verteilt über die Stadt Essen, statt. Auch<br />

69


GESCHICHTE UND GEGENWART<br />

Die zwischen 1948 und 1953<br />

erbaute Glückauf-Siedlung in<br />

Essen-Katernberg.<br />

Kegel wie Umlauf sahen den Verband vor allem als entscheidende Vermittlungsinstanz<br />

zwischen den Kräften, die sich im engen Raum an der <strong>Ruhr</strong><br />

entfalten wollten: Zwischen den Städten und Kreisen, der Montanindustrie<br />

und der Wasserwirtschaft einen im Grundsatz auf Freiwilligkeit basierenden<br />

Ausgleich zu erzielen, der eine gesunde Entwicklung des <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s im<br />

oben genannten Sinne ermöglichte, stellte ihre Leitlinie für die Verbandstätigkeit<br />

dar.<br />

Auch mit den Kehrseiten des erfolgreichen Wiederaufbaus und Wirtschaftswachstums<br />

musste sich der Verband aufgrund der ihm zugewiesenen Aufgaben<br />

auseinandersetzen: Der Verbandsdirektor war als Höhere Forstbehörde<br />

für den Erhalt und die Aufforstung des Privatwaldes ebenso zuständig wie<br />

für die Erhaltung des Baumbestandes »im Interesse der Volksgesundheit«.<br />

Im sowieso schon dürftigen Waldbestand des <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s hatte es, verursacht<br />

durch Kriegswirtschaft und den Mangel an Brennstoffen in der unmittelbaren<br />

Nachkriegszeit, einen besonderen Kahlschlag gegeben, dem es Einhalt zu<br />

gebieten galt.<br />

Aber auch die ökologischen Folgen der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung,<br />

die im <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> vor allem auf einem Ausbau montan- und chemieindus trieller<br />

Großanlagen beruhte, waren gravierend, wurden aber entweder nicht<br />

wahr- oder bewusst in Kauf genommen. Der ökonomischen Aufbauarbeit<br />

wurde politisch höchste Priorität gegenüber allen anderen Belangen eingeräumt,<br />

sodass ein etwaiger Schutz der Natur nur aus wirtschaftlicher Perspektive<br />

vertretbar erschien und sich in der Regel auf die ländlichen Gebiete<br />

beziehungsweise auf die dort verortete Landwirtschaft bezog. Deren Vertreter<br />

verstanden es bereits früh, sich eine starke Interessenvertretung aufzubauen,<br />

die vehement für ihre Belange eintrat. So wurden beispielsweise die Auswirkungen<br />

der immensen Luftbelastung durch den industriellen Schadstoffausstoß<br />

bis zum Ende der 1950er Jahre nur in Bezug auf Nutzpflanzen und<br />

-vieh wissenschaftlich untersucht. Mögliche gesundheitliche Folgen für die<br />

Bevölkerung blieben ein weitgehend unerforschtes Feld, es galt das Prinzip<br />

der Ortsüblichkeit: Wer in die Nähe einer industriellen Anlage ziehe, wisse<br />

schließlich, dass der Himmel dort weniger blau sei. Der stärksten Interessenvertretung<br />

der von der Luftverschmutzung besonders betroffenen <strong>Ruhr</strong>-<br />

74


<strong>Vom</strong> SVR zum RVR: Geschichte des Verbands in den Jahren 1945–2020<br />

gebietsbevölkerung, den Gewerkschaften, war vor allem ein Schutz und Erhalt<br />

der industriellen Arbeitsplätze wichtig, sodass sie Forderungen nach Luftreinhaltungsgesetzen<br />

skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden. Noch 1958<br />

sprach sich Fritz Steinhoff (SPD), im selben Jahr zum Vorsitzenden der ersten<br />

Nachkriegs-Verbandsversammlung gewählt, als Ministerpräsident deutlich<br />

gegen ein Gesetz zum Immissionsschutz in Nordrhein-Westfalen aus.<br />

Kokerei und Zeche Friedrich Heinrich,<br />

Kamp-Lintfort 1958. Im Vordergrund<br />

mit Kohle beladene Güterwagen.<br />

1952<br />

Mit der »Begrünungsaktion <strong>Ruhr</strong>kohlenbezirk«, die 1952 eingeleitet und bis<br />

1981 fortgeführt wurde, sollte zumindest den schlimmsten Folgen Abhilfe<br />

geschaffen werden. Mit massiven Anpflanzungen von als rauchhart geltenden<br />

und besonders widerständigen Gehölzen auf Halden, Ödland und Brachflächen,<br />

aber auch an den innerstädtischen Straßen und <strong>zur</strong> Einfassung von<br />

industriellen Anlagen, sollte nicht etwa ein ästhetischeres Stadtbild<br />

geschaffen, sondern eine verbesserte Luftqualität erzielt werden. Hier wurde<br />

mit staat lichen und kommunalen Mitteln versucht, die Folgekosten der<br />

privaten Wirtschaft in einem gewissen Maß zu übernehmen. Die Idee Kegels,<br />

der das Thema der Luftreinhaltung als sehr wichtig erachtete, stattdessen das<br />

Ver ursacherprinzip anzuwenden und eine Zwangsgenossenschaft aller<br />

industriellen Produzenten von Luftschadstoffen zu gründen, scheiterte am<br />

Widerstand aus Politik und Wirtschaft.<br />

Halde bei Beeckerwerth aus<br />

Bergematerial, Schutt,<br />

Schlacke und Kies nach 23-jähriger<br />

Laubholzbepflanzung, 1954.<br />

75


GESCHICHTE UND GEGENWART<br />

Flamingos im Westfalenpark, 1969,<br />

im Hintergrund das Werk Phoenix der<br />

Dortmund-Hörder-Hüttenunion AG.<br />

Dortmund-Marten,<br />

Zeche Germania, 1954.<br />

Einen solchen Bedarf zu bedienen setzte sich Dietrich Springorum, seit<br />

1967 beim Verband für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, zum Ziel:<br />

»Mit Optimismus und dem Vorzeigen dessen, was sein könnte wenn, sollte<br />

den Folgen der Bergbaukrise begegnet, sollte Resignation überwunden,<br />

sollten neue Horizonte aufgezeigt werden.« Formuliert wurde dieser Satz<br />

zwar im Hinblick auf die nie realisierte <strong>Ruhr</strong>-Expo, er lässt sich aber ebenso<br />

als Leitlinie einer neuen Form von Öffentlichkeitsarbeit verstehen, die<br />

eine Neuausrichtung des Blicks auf das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> von innen und außen<br />

anstoßen wollte. Die neu gegründete Abteilung war dem Verbandsdirektor<br />

unmittelbar zugeordnet und erfuhr dessen Unterstützung, auch wenn die<br />

ungewohnte Vorgehensweise teilweise zu heftigen Kontroversen mit der<br />

Verbands versammlung (Kosten und Planung der <strong>Ruhr</strong>-Expo) oder den Presseabteilungen<br />

der Städte (fehlende Abstimmung bei eigenwilligen Kampagnen)<br />

führte. Dass der bisher geführte marketingtechnische Verdrängungswettbewerb<br />

unter den Städten weder für den einzelnen noch für die Region in<br />

der Gesamtheit Erfolge zeitigte, war das Ergebnis einer 1971 im SVR-Auftrag<br />

durchgeführten sozialwissenschaftlichen Studie von Friedrich Landwehrmann.<br />

Auch wenn die Zusammenarbeit mit dem SVR in einigen Bereichen<br />

durchaus als Bereicherung angesehen wurde (Schulführer <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>,<br />

Industriestandort <strong>Ruhr</strong>, Veranstaltungskalender Kultur Information <strong>Ruhr</strong>),<br />

schienen einigen Stadtvertretern die teils utopisch, teils provozierend<br />

ausgerichteten Ausstellungen, Projekte und Veröffentlichungen genauso<br />

fremd und ablehnenswert zu sein wie die zeitgleich sich artikulierenden<br />

Ansprüche der ersten Nachkriegsgeneration.<br />

88


<strong>Vom</strong> SVR zum RVR: Geschichte des Verbands in den Jahren 1945–2020<br />

Essen, Zeche Zollverein, Schacht XII,<br />

Blick auf Fördergerüst und<br />

Koks kohlenbunker, 1960er Jahre.<br />

1976<br />

Statt in Hochglanzprospekten zu betonen, dass es hier ja auch grün sei,<br />

hielt der Verband den Zeitpunkt für gekommen, die artifizielle Basis des <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s,<br />

die ja schon immer auch Faszination ausgelöst habe, durch künstlerische<br />

Überhöhung zum An ziehungs punkt der Region umzugestalten, kurzum<br />

den »Charakter der Industrielandschaft […] konsequent zu nutzen.« Was<br />

heute als Industriekultur zahl reiche Besucher ins <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> zieht, mutete<br />

1969 noch reichlich abstrakt und wenig überzeugend an. Dennoch brachte<br />

der Verband die Idee in die Welt, Fortschritt und Experimentierfreude sollten<br />

die neuen Markenzeichen des einstigen Reviers werden. In diesem Sinn<br />

wurden Ausstellungen mit teils renommierten – etwa Arnold Bode, Gründer<br />

der documenta in Kassel – teils noch unbekannten Kulturschaffenden – wie<br />

Roland Günter und HA Schult – konzipiert, die jedoch eher ein intellektuelles<br />

Publikum ansprachen. Größere Erfolge erzielte der SVR mit seiner Wanderausstellung<br />

<strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> – heute schon Zukunft, die 1971 aus einer Zusammenarbeit<br />

mit dem Goethe-Institut in Rom hervorging und auch an weiteren<br />

Standorten in Frankreich, Italien und England gezeigt wurde. 1976 konnte die<br />

Ausstellung auf Einladung der Sowjetunion in Rostow und Donezk als erste<br />

Präsentation einer bundesdeutschen Region gezeigt werden. Trotz oder wegen<br />

des großen Zuspruchs – es kamen ca. 300.000 Besucher – wurde der dritte<br />

Ausstellungstermin im litauischen Vilnius durch die sowjetischen Behörden<br />

abgesagt. Das diente nicht nur der Werbung für das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> im Ausland,<br />

sondern auch für die Arbeit des Siedlungsverbands auf landespolitischer<br />

Ebene: »[D]er existenz gefährdete Aussteller erzielt mit römischem Aha-Effekt<br />

Rückkoppelungs wirkungen zu Hause. Gezielte Indiskretionen in Rom bringen<br />

daheim Schlagzeilen und parlamentarische Anfragen«, so Springorums Fazit.<br />

89


GESCHICHTE UND GEGENWART<br />

Im Ergebnis stabilisierte sich der Raum <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> im gesellschaftlichen<br />

Bewusstsein, sodass im Endeffekt auch die teils scharfen Angriffe auf den<br />

KVR von Innenminister Behrens nicht zu einer Schwächung führten.<br />

Schrittweise Stärkung<br />

der institutionellen Klammer<br />

der Region<br />

Die Reformbemühungen in Bezug auf die administrative Organisation des<br />

<strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s wurden auch nach dem Wechsel Clements in die Bundespolitik<br />

2002 fortgeführt. Fritz Behrens, unter dem neuen Ministerpräsidenten<br />

Peer Steinbrück (SPD) weiterhin verantwortlich für die Entwicklung der<br />

Verwaltungsstrukturreform, zog lediglich eine auf Freiwilligkeit basierende<br />

interkommunale Kooperation in Betracht.<br />

Doch weder dies noch eine umfassende Strukturreform der Verwaltung<br />

waren kurzfristig realisierbar, sodass sich die Regierungskoalition auf eine<br />

Kom promisslösung einigte. Mit dem 2004 verabschiedeten »Gesetz <strong>zur</strong><br />

Stärkung der regionalen und interkommunalen Zusammenarbeit der Städte,<br />

Gemeinden und Kreise in Nordrhein-Westfalen« wurde der Regional -<br />

verband <strong>Ruhr</strong> (RVR) zum 1. Oktober 2004 Rechtsnachfolger des KVR. Als erster<br />

Regional direktor des neuen Verbands wurde Heinz-Dieter Klink (SPD) gewählt,<br />

bis zu dessen Amtsantritt am 1. März 2005 führte die CDU-Politikerin Christa<br />

Thoben den Verband durch die Übergangszeit. Statt eines Verbandsausschusses<br />

besaß der RVR zunächst einen Vorstand, der sich aus den Vorsitzenden<br />

der Ver tretungen der Mitgliedskörperschaften und den Vorsitzenden<br />

der in der Verbandsversammlung gebildeten Fraktionen zusammensetzte.<br />

Im neuen Gesetz über den RVR war den Kommunen auch eine Beendigung<br />

der Mitgliedschaft, erstmals zum 1. Oktober 2009, eingeräumt worden. Auch<br />

wenn im Endeffekt bis heute kein Mitglied davon gebraucht gemacht hat,<br />

sorgte dieser Passus vor allem in den ersten Jahren für Austrittstendenzen<br />

einzelner Kommunen.<br />

Im Hinblick auf die Aufgaben ging der Verbandsspitze die Reform nicht weit<br />

genug, denn statt der Kompetenz <strong>zur</strong> Landesplanung war lediglich die<br />

Aufstellung sogenannter Masterpläne zum Auftrag geworden. Die CDU bemängelte<br />

eine vorschnelle Entscheidung und einen Vorgriff auf eine umfassende<br />

Verwaltungsreform – die Debatte kam auch in der Folge nicht <strong>zur</strong> Ruhe.<br />

98


<strong>Vom</strong> SVR zum RVR: Geschichte des Verbands in den Jahren 1945–2020<br />

Ein entscheidender Fortschritt in Bezug auf die seit Jahren geforderte echte<br />

Stärkung des Verbands konnte 2007 mit dem »Gesetz <strong>zur</strong> Übertragung der<br />

Regionalplanung für die <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> auf den Regionalverband <strong>Ruhr</strong>«<br />

verzeichnet werden. Danach wurde der Regionaldirektor als zuständige staatliche<br />

Regionalplanungsbehörde und die Verbandsversammlung als regionaler<br />

Planungsträger gesetzlich verankert. Mit Inkrafttreten des Gesetzes, das<br />

auf den Zeitpunkt der Bekanntmachung des Ergebnisses der Kommunalwahl<br />

2009 terminiert war, besaß der Verband endlich wieder die Möglichkeit und<br />

die Mittel, den Zweck, zu dem er 1920 ursprünglich ins Leben gerufen worden<br />

war, zu erfüllen: die einheitliche räumliche Entwicklung der Region zu<br />

fördern. Mit der Wahl Karola Geiß-Netthöfels (SPD) <strong>zur</strong> Regionaldirektorin<br />

in der Nachfolge von Heinz-Dieter Klink leitet seit 2011 zum ersten Mal in<br />

der Geschichte des Verbands eine Frau dessen Geschicke.<br />

Direktwahl des<br />

<strong>Ruhr</strong>parlaments<br />

2020<br />

Während bereits das Gesetz von 2007 mit der Abschaffung des Vorstands<br />

und der Reinstallation eines gewählten Verbandsausschusses einen Schritt<br />

in Richtung regionalpolitischen Ausgleichs innerhalb der Verbands strukturen<br />

vorsah, konnte mit dem 2015 verabschiedeten »Gesetz <strong>zur</strong> Stärkung<br />

des Regionalverbands <strong>Ruhr</strong>« ein weiterer Erfolg in dieser Hinsicht erreicht<br />

werden. Das Gesetz erweiterte nicht nur den Katalog der freiwilligen<br />

Auf gaben hinsichtlich regional bedeutsamer Kooperationsprojekte, der<br />

Förderung des Klimaschutzes und der Nutzung erneuerbarer Energien,<br />

der Verkehrsentwicklungsplanung sowie der Vernetzung der Europaarbeit;<br />

es ermöglichte zudem insbesondere die Direktwahl der Mitglieder<br />

der Verbandsversammlung durch die Bürger der Mitglieds kommunen.<br />

Mit diesem Meilenstein, der mit der Kommunalwahl 2020 stattfindenden<br />

direkten Wahl des <strong>Ruhr</strong>parlaments, besteht für die Region erstmals<br />

die Möglichkeit, die Geschicke für ihre Entwicklung in die eigenen Hände<br />

zu nehmen und ihre Zukunft zu gestalten.<br />

99


GESCHICHTE UND GEGENWART<br />

in Nord-Süd-Richtung gegliedert. Für die West-Ost-Achse entlang des Rhein-<br />

Herne-Kanals und der Emscher wurde im GEP ’66 das regionalplanerische<br />

Ziel der »Verdichtungsräume der Schwerindustrie« formuliert. Eine Zielformulierung,<br />

die freiraumplanerisch erst mit der Konzeption zum Emscher<br />

Landschaftspark aufgelöst werden konnte.<br />

Nach dem Verlust der Planungshoheit für die Regionalplanung 1979 wurde<br />

das Konzept der Regionalen Grünzüge im informellen Konzept »Regionales<br />

Freiraumsystem <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>« (RFR’85) weiterentwickelt. Das RFR ’85<br />

wurde langfristiges Leitbild der Freiraumentwicklung und war als Leitlinie<br />

für die Fortschreibung des Verzeichnisses der Verbandsgrünflächen<br />

und alle freiraumbezogenen Dienstleistungen des Kommunalverbands<br />

<strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> (KVR) sowie für seine Liegenschaftspolitik gedacht.<br />

Der Siedlungsverband Rurkohlenbezirk (SVR) machte auch neben der Regionalplanung<br />

gegen Ende der 1960er Jahre Freiraum- und Freizeitpolitik<br />

mit zu seinem zentralen Aufgabenfeld. So entstand 1967 ein Freizeitkonzept<br />

mit den als Revierparks bezeichneten fünf Freizeitparks. Die Revierparks<br />

wurden zum Markenzeichen eines Parkkonzepts, das in Lage, Zielgruppe,<br />

Programm und Ausstattung an die Volksparkidee der 1920er Jahre anknüpfte.<br />

Regionales Grünflächensystem<br />

aus dem Atlas <strong>zur</strong><br />

Regionalplanung von 1960.<br />

Das Landschaftsgesetz (LG) »NW 1975« verpflichtete die Kreise und kreisfreien<br />

Städte, rechtsverbindliche Landschaftspläne (LP) aufzustellen. Die Er-<br />

arbeitung der Entwürfe dafür wurde weitgehend dem SVR / KVR übertragen.


Von Robert Schmidt <strong>zur</strong> IGA <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> 2027<br />

Das förmliche Aufstellungsverfahren oblag den Trägern der Landschaftsplanung.<br />

Im Verbandsgebiet waren räumlich bedingt 49 LP aufzustellen.<br />

Bis zum Anfang der 1990er Jahre hatte der KVR für seine Verbandsmitglieder<br />

42 Planentwürfe erarbeitet. Neben originären Zielen der LP für die Sicherung<br />

und Entwicklung von Natur und Landschaft lagen nun mit den LP um -<br />

fassende ökologische Grundlagen für alle Planungsebenen vor. Der Geltungsbereich<br />

der LP NW gilt jedoch nur für den landschaftlichen Außenbereich.<br />

Um das freiraumplanerische Vakuum <strong>zur</strong> Bauleitplanung auszufüllen,<br />

wurde beim SVR / KVR ab 1975 die Freiflächenplanung entwickelt: formal<br />

unver bindliche Planungen mit Zielaussagen <strong>zur</strong> Grünflächenentwicklung<br />

und deren Nutzung. Der KVR beauftragte als Gesamtkoordinator dafür<br />

freie Planungsbüros. Bis Mitte der 1980er Jahre wurden 26 solcher Freiflächen<br />

pläne als Grundlage für die kommunale Planung erarbeitet.<br />

Jenseits der Möglichkeiten der LP wurde 1986 das »Naturschutzprogramm<br />

<strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>« (NSPR) initiiert. Das gemeinsam vom Land (MURL), der<br />

Landes anstalt für Ökologie, den Bezirksregierungen und dem KVR entwickelte<br />

Programm förderte konkrete Biotopentwicklungsmaßnahmen in<br />

der Emscher zone. Das Programm war neben den Kommunen auch offen<br />

für Bürger, Vereine und Verbände. Die Geschäftsführung oblag dem KVR.<br />

Im Zeitraum von 1986 bis 1995 wurden nach diesem Programm in der<br />

Emscherzone insgesamt rund 25,6 Millionen Euro für ökologische Maßnahmen<br />

investiert.<br />

Herne, geplanter Standort des<br />

Revierparks Gysenberg, 1963.<br />

103


GESCHICHTE UND GEGENWART<br />

Eine lange Vorgeschichte<br />

gescheiterter Großreformen<br />

Anläufe für umfassende Reformen gab es dort mehrfach. Ende der 1990er<br />

Jahre wollte Ministerpräsident Wolfgang Clement die Landschaftsverbände<br />

und die Bezirksregierungen auflösen und den RVR-Vorläufer Kommunalverband<br />

<strong>Ruhr</strong> (KVR) nach dem Ende der IBA durch eine Agentur ersetzen. Doch<br />

nach heftigem Widerstand ließ Rot-Grün den Plan fallen. Allerdings verloren<br />

die Landschaftsverbände dann die Zuständigkeit für den Straßenbau. Diese<br />

Aufgabe bündelte das Land 2001 im neu gegründeten Landesbetrieb Straßenbau<br />

Nordrhein-Westfalen (Straßen.NRW) mit Hauptsitz in Gelsenkirchen.<br />

Nach dem Regierungswechsel im Jahr 2005 wollte die schwarz-gelbe Landesregierung<br />

unter Ministerpräsident Jürgen Rüttgers das Land ebenfalls neu<br />

ordnen. Es sollte ein großer Wurf werden. Die fünf Regierungsbezirke sowie<br />

die beiden Landschaftsverbände sollten zu drei Regionalpräsidien für das<br />

Rheinland, das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> und für Westfalen zusammengelegt werden.<br />

Doch der Reformeifer erlahmte auch diesmal. Wieder waren aus Westfalen<br />

die heftigsten Bedenken gekommen. Von dem Landesteil bleibe mit der<br />

Bildung eines Regierungsbezirks <strong>Ruhr</strong> nur noch »Restfalen« übrig, hieß es.<br />

So beließ man es dann lieber bei der Aufteilung des <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s auf die<br />

Regierungs bezirke Düsseldorf, Arnsberg und Münster.<br />

Wie 2005 im Koalitionsvertrag angekündigt, erhielt der RVR aber im<br />

Oktober 2009 die staatliche Planungshoheit von den drei Bezirksregierungen<br />

<strong>zur</strong>ück. Nach einer Auszeit von 34 Jahren ist der älteste Kommunalverband<br />

Deutschlands seither wieder zuständig, wofür er mit dem Visionär<br />

Robert Schmidt an der Spitze 1920 unter dem Namen Siedlungsverband<br />

<strong>Ruhr</strong>kohlenbezirk (SVR) gegründet worden war: die Regionalplanung.<br />

Auch hier stößt man auf einen <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>swiderspruch, der sich später als<br />

produktiv erweisen sollte: Der Urbanisierungsmotor SVR bewirkte just<br />

mit seiner größten Tat, der Errichtung von fünf Grüngürteln, dass das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong><br />

eben nicht zu einer großen Stadt zusammenwuchs.<br />

110


Direkte Wahl<br />

Eine <strong>Metropole</strong> nach<br />

menschlichem Maß<br />

Heute gibt es genau deshalb die Chance, den größten Ballungsraum Deutschlands<br />

beispielhaft zu einer auch unter den Bedingungen des Klimawandels<br />

lebenswerten <strong>Metropole</strong> neuen Typs, zu einer <strong>Metropole</strong> nach menschlichem<br />

Maß weiterzuentwickeln. Es geht um einen Gegenentwurf zu den wuchernden<br />

Mega-Moloch-Citys dieser Welt. Der Regionalplan, der dann als planungsrechtlicher<br />

Rahmen für die RVR-Mitgliedskommunen dient, ist für dieses<br />

ehrgeizige Projekt das zentrale Steuerungsinstrument. Denn einmal verabschiedet,<br />

hängt von ihm für Jahre und Jahrzehnte ab, wo Wohnraum gebaut,<br />

wo Gewerbe angesiedelt wird und wie viele Arbeitsplätze entstehen, wo und<br />

wieviel (neues) Grün notwendig ist.<br />

Nach der Rückübertragung der Planungshoheit ist die Direktwahl der Verbandsversammlung<br />

die zweite bedeutsame Stärkung für den RVR. Sie kann <strong>zur</strong><br />

Überwindung der vielbeklagten Kirchturmpolitik beitragen – eben weil ihre<br />

Vertreter nicht mehr von den Kreistagen und Räten entsandt werden, sondern<br />

per Listenwahl zu ihrem Mandat kommen.<br />

NRW-Landtag in der Landeshauptstadt<br />

Düsseldorf:<br />

zuständig für das RVR-Gesetz.


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA<br />

Grüne Städte-<br />

Landschaft<br />

der Zukunft<br />

NINA FRENSE<br />

ist Beigeordnete im Regionalverband <strong>Ruhr</strong><br />

für den Bereich Umwelt und Grüne Infrastruktur<br />

und verantwortet die Handlungsfelder<br />

Klima, Umwelt, Regionalparks,<br />

Flächenmanagement und RVR <strong>Ruhr</strong> Grün<br />

sowie das Dekadenprojekt Internationale<br />

Gartenausstellung 2027 für den RVR.<br />

SABINE AUER<br />

ist Diplom-Ingenieurin Landschaftsund<br />

Freiraumplanung und<br />

seit 2008 im Regionalverband <strong>Ruhr</strong>,<br />

Bereich Umwelt und Grüne<br />

Infrastruktur, für konzeptionelle<br />

Entwicklung und Kommunikation<br />

verantwortlich.<br />

120


Grüne Städte- Landschaft der Zukunft<br />

Die Große Transformation<br />

der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

Wir leben im Zeitalter des Anthropozäns, in dem der<br />

Mensch global wesentliche ökologische und atmo -<br />

s phärische Veränderungsprozesse beeinflusst. Klimawandel<br />

und Artensterben erfordern nach wissenschaftlichen<br />

Erkenntnissen schnelles und entschlossenes<br />

Handeln. Es geht nun um das große Ganze, um das Fortbestehen<br />

einer lebensfähigen Umwelt und die Frage,<br />

was die <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> dazu beitragen kann, damit<br />

der Menschheit die Große Transformation zu einer<br />

klimaverträglichen Gesellschaft noch gelingt.<br />

Die Herausforderungen sind in unserer dicht besiedelten<br />

Region mit mehreren Zentren besonders groß. Wir haben<br />

einen hohen Bedarf an Mobilität, aber einen un<strong>zur</strong>eichend<br />

ausgebauten Nahverkehr ohne zentrale, einheitliche<br />

Steuerung. Viele Menschen nutzen daher das Auto,<br />

auch für kurze Strecken, noch viel zu häufig. Mit Beendi<br />

gung des Steinkohlenbergbaus und der Abwanderung<br />

damit vernetzter großer Industrien haben sich soziale<br />

Lagen verändert. Das, was hier über die integrierende<br />

harte Arbeit besonders gut funktionierte, ein sich<br />

Begeg nen auf Augenhöhe, droht aus dem Gleichgewicht<br />

zu geraten. Aus- und Abgrenzungstendenzen könnten<br />

stattdessen Raum gewinnen. All das ist nicht ruhrgebiets<br />

spezifisch, sondern in seiner Gesamtheit typische<br />

Folge von De-Industrialisierungsprozessen. Es taugt<br />

daher nicht als Aufreger und sollte auch nicht Nährboden<br />

für populistische Forderungen sein, aber es zwingt uns<br />

zum Handeln.<br />

Die Stadt der Zukunft ist reich an<br />

urbanem Grün. Städte-Landschaft in Essen,<br />

mit Blick über den Krupp-Park.


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA<br />

Strategisches<br />

Liegenschaftsmanagement<br />

Eine besondere Stärke des RVR ist es, dass er mit gesamtregionaler<br />

und kooperativer Perspektive alle Planungsebenen<br />

vom Regionalkonzept bis <strong>zur</strong> lokalen Baustelle<br />

inklusive eines systematischen Pflegemanagements<br />

unter einem Dach vereint. Auf eigenen Flächen und<br />

in Kooperation mit den Kommunen und Kreisen gestaltet<br />

er Halden und Landmarken, Parks und Landschaften<br />

für Freizeit, Erholung und Tourismus. Rad- und Wanderwege<br />

ver netzen diese Flächen und machen sie in der<br />

regionalen Städte-Landschaft erlebbar. Das dichte regionale<br />

Radwegenetz mit Anschluss an die städtischen<br />

Wegebeziehungen setzt ein klares Signal für zukunftsfähige<br />

umweltfreundliche und klimaschonende<br />

Alltags- und Freizeit-Mobilität. Diese dienstleistungsorientierte<br />

Zusammenarbeit mit den Kommunen wird<br />

in den nächsten Jahren weiter intensiviert.<br />

Der RVR sichert durch Grunderwerb Freiraum vor baulicher<br />

Inanspruchnahme und entwickelt diesen<br />

systematisch als Teil des Regionalen Freiraumsystems<br />

und nach Qualitätsmaßstäben einer multifunktionalen<br />

Grünen Infrastruktur.RUHR. Die Liegenschaften des<br />

RVR in der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> umfassen rund 18.000 Hektar<br />

Gesamt fläche. Auf diesen Flächen kann er nicht nur<br />

mit Modellprojekten gestalterische Maßstäbe setzen<br />

sowie Natur- und Umweltschutz fördern, sondern er<br />

betreibt zielgerichtete gemeinwohlorientierte Vorsorge,<br />

damit auch zukünftige Generationen eine lebenswerte<br />

Umwelt in der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> vorfinden. Auf<br />

seinen Waldflächen und insbesondere auf ehemaligen<br />

Flächen der Montanindustrie, wie zu Radwegen<br />

um gebauten Bahntrassen und als Landmarken gestalteten<br />

Berge halden, leistet der RVR einen wesentlichen<br />

Beitrag <strong>zur</strong> landschaftsbezogenen und für alle<br />

Bevölkerungs schichten erschwinglichen Freizeit-,<br />

Erholungs- und Tourismusnutzung.


Grüne Städte- Landschaft der Zukunft<br />

Nachhaltige urbane Waldnutzung:<br />

Ökologie und Teilhabe –<br />

Klima- und Umweltschutz<br />

Der RVR gehört mit 15.600 Hektar Waldbesitz zu den<br />

größten Körperschaftswaldbesitzenden Deutschlands.<br />

Der Eigenbetrieb <strong>Ruhr</strong> Grün bewirtschaftet rund 20<br />

Prozent der Waldflächen der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> mit rund<br />

115 Forst bediensteten und Auszubildenden. Die Städte-<br />

Landschaft umfasst unterschiedliche Waldtypen:<br />

großflächige Buchen-, Eichen- und Kiefernwälder in der<br />

Haard und dem Naturpark Hohemark; den Emscherbruch<br />

im ehemaligen Überschwemmungsgebiet der<br />

Emscher; Stadtwälder wie in Witten und Industriewälder<br />

aus Pionierbaumarten wie Robinie und Birke auf<br />

eins tigen Zechenarealen wie Rheinelbe in Gelsenkirchen<br />

oder auf Bergehalden wie der Schurenbachhalde in<br />

Essen. Die Waldbewirtschaftung und -pflege ist in dieser<br />

Region in besonderem Maße der Multifunktionalität<br />

und der Nachhaltigkeit für alle Ökosystemleistungen<br />

des Waldes verpflichtet.<br />

So entsteht für die gesamte Fläche ein nachhaltiger Dreiklang<br />

aus Ressourcennutzung für den nachwachsenden<br />

Rohstoff Holz, integrativem Naturschutz mit arten- und<br />

strukturreichen Wäldern und der Erholungsfunktion.<br />

Da sich Sport- und Freizeitnutzungen immer stärker<br />

differenzieren, wird auch die Ausstattung von Waldwegen<br />

und Aufenthaltsbereichen zunehmend anspruchsvoller.<br />

Die Herausforderungen für die Zukunft sind der fortgeführte<br />

Umbau in vielfältige, strukturreiche Waldbestände<br />

<strong>zur</strong> Anpassung an den Klimawandel mit längeren Trockenphasen<br />

und extremeren Stürmen und die gebietsangepasst<br />

gesteuerte Kombination von Naturschutz und<br />

attraktiven Freizeiterlebnissen. Waldumbau labiler Bestände<br />

und Aufforstungen zu standortgerechten strukturierten<br />

Mischbeständen spielen dabei eine wichtige Rolle. 5<br />

Nachhaltige Waldbewirtschaftung ist bereits heute ein<br />

effektiver Beitrag zum Klimaschutz. Waldflächen in der<br />

<strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> speichern jährlich mehr als 800.000<br />

Tonnen CO₂. Als Zukunftstrend wird der RVR-Eigen betrieb<br />

<strong>Ruhr</strong> Grün nicht nur auf verbandseigenen Flächen, sondern<br />

noch stärker als Dienstleister für die kommu nalen<br />

Wälder seiner Verbandsmitglieder im Einsatz sein.<br />

Der Weltbiodiversitätsrat IPBES hat in seinem Bericht<br />

vom 4. Mai 2019 deutlich gemacht, dass das Artensterben<br />

derzeit bis zu 100 Mal schneller voranschreitet als in den<br />

letzten zehn Millionen Jahren und wichtige Lebensgrundlagen<br />

des Menschen gefährdet. So sind eine Million<br />

von acht Millionen auf der Erde vorkommenden Tierund<br />

Pflanzenarten akut in den nächsten Jahrzehnten vom<br />

Aussterben bedroht. 6 Die Förderung der Biodiversität ist<br />

daher essenziell für eine zukunftsfähige <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

und die Strategie Grüne Infrastruktur.RUHR des RVR.<br />

1660 Hektar verbandseigener Wald und Freiflächen liegen<br />

in Schutzgebieten nach der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie,<br />

mit der sich die Europäische Union der UN-Biodiversitätskonvention<br />

von Rio 1992 verpflichtet hat. 800 Hektar<br />

liegen in Vogelschutzgebieten. RVR <strong>Ruhr</strong> Grün betreut<br />

insgesamt 93 Naturschutzgebiete auf rund 4550 Hektar<br />

Fläche, zumeist in enger Kooperation mit den sieben biologischen<br />

Stationen im <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>. Auf ausgewählten<br />

Flächen werden modellhafte Naturschutzmaßnahmen wie<br />

die Waldweide mit Pfauenziegen oder die Grünlandbeweidung<br />

mit Heckrindern umgesetzt. Auch Bauprojekte im<br />

urbanen Raum wie die Erneuerung der Revierparks setzen<br />

vielfältige Maßnahmen zum Arten- und Biotopschutz um.<br />

links: Brücken sind Landschaftskunst<br />

und Symbole für das regionale Radwegenetz.<br />

Errichtung der preisgekrönten<br />

Grimberger Sichel über den Rhein-<br />

Herne-Kanal mit Schwimmkran 2008<br />

durch den RVR.<br />

rechts: Die nachhaltige urbane Waldnutzung<br />

in RVR-Wäldern berücksichtigt<br />

ökologische, ökonomische und soziale<br />

Kriterien, wie das PEFC-Siegel bestätigt.


Der Zollverein Park vermittelt<br />

die landschaftliche Dimension<br />

des industriellen Erbes. Das<br />

Programmziel »Arbeiten im Park«<br />

des Emscher Landschaftsparks<br />

hat sich auf dem UNESCO-<br />

Welterbe-Areal erfüllt: Neben<br />

Museen und Kulturinstitutionen<br />

haben sich auch Wirtschaftsunternehmen<br />

und die Folkwang<br />

Universität der Künste mit einem<br />

Bildungscampus angesiedelt.


LANDSCHAFTS ENTWICKLUNG UND STRATEGISCHE GROSSPROEKTE<br />

Landschaftsentwicklung<br />

und strategische<br />

Großprojekte<br />

NINA FRENSE<br />

ist Beigeordnete im Regionalverband <strong>Ruhr</strong><br />

für den Bereich Umwelt und Grüne Infrastruktur<br />

und verantwortet die Handlungsfelder Klima,<br />

Umwelt, Regionalparks, Flächenmanagement und<br />

RVR <strong>Ruhr</strong> Grün sowie das Dekadenprojekt Internationale<br />

Gartenausstellung 2027 für den RVR.<br />

SABINE AUER<br />

ist Diplom-Ingenieurin Landschaftsund<br />

Freiraumplanung und seit 2008<br />

im Regionalverband <strong>Ruhr</strong>, Bereich<br />

Umwelt und Grüne Infrastruktur,<br />

für konzeptionelle Entwicklung und<br />

Kommunikation verantwortlich.<br />

131


oben: Gäste und Einheimische<br />

schätzen den weiten Panoramablick<br />

vom Haldentop, hier<br />

Halde Großes Holz in Bergkamen.<br />

mittig: Die Halde Beckstraße mit<br />

dem Tetraeder in Bottrop wurde<br />

zum identitätsstiftenden Symbol<br />

für Kultur, Landschaft und<br />

Tourismus in der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong>.<br />

unten: Das Haldenerlebnis gibt<br />

Veranstaltungen einen spektakulären<br />

Rahmen. Hier ein Konzert<br />

der Boredoms <strong>zur</strong> <strong>Ruhr</strong>triennale 2012<br />

auf der Halde Haniel in Bottrop.<br />

rechts: Haldenvielfalt in Topo grafie,<br />

Material und Bewuchs ermöglicht<br />

unterschiedliche Funktionen<br />

und Nutzungsschwer punkte für<br />

die zukünftige Gestaltung.


LANDSCHAFTS ENTWICKLUNG UND STRATEGISCHE GROSSPROEKTE<br />

Haldenlandschaft<br />

<strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

Bergehalden erzählen die Geschichte vom Wandel des<br />

Steinkohlenreviers <strong>zur</strong> grünen Städte- und Kulturlandschaft<br />

in essenzieller Weise. Sie haben die Wahrnehmung<br />

des <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s ikonografisch verändert,<br />

hin zu einer kulturell enorm vielfältigen, lebenswerten<br />

und erlebnisreichen Region. Gäste erleben auf einem<br />

Haldengipfel immer noch das Überraschungs moment<br />

eines weithin grünen Rundumblicks. Im kleinteiligen<br />

Raummosaik der polyzentrischen Metro pole, besonders<br />

im natürlicherweise reliefarmen Emschertal, sind<br />

die Halden starke, orientierunggebende Zeichen.<br />

Als »Panoramen der Industriekultur« und Landmarken<br />

im Emscher Landschaftspark sind sie hoch attraktiv<br />

für Freizeit nutzung und Tourismus.<br />

Der RVR hat bereits in den 1950er Jahren maßgeblich<br />

Pionierarbeit im Bereich Haldenbegrünung geleistet und<br />

seine Expertise ist bis heute international in anderen<br />

Bergbaufolgelandschaften gefragt. Die Öffnung für<br />

die Bevölkerung <strong>zur</strong> Erholung und die gestalterische<br />

Überhöhung mittels künstlerischer Landmarken begann<br />

im Rahmen der IBA Emscher Park in den 1980er Jahren.<br />

2019 ist der RVR Eigentümer von 38 Halden mit 1300 Hektar<br />

Fläche. Verhandlungen <strong>zur</strong> Übernahme von rund 20<br />

weiteren Halden nach Abschluss des Steinkohlebergbaus<br />

laufen derzeit. Für diese Halden wurden in einem Konzept<br />

Potenziale und Gestaltungsoptionen für Freizeit, Erholung,<br />

Tourismus, Imagebildung / Landmarken, Biodiversität<br />

und Ökologie, Wald, energetische Nutzung (Wind, Sonne),<br />

gewerbliche und weitere Nutzungen untersucht.<br />

Auf dieser Grundlage sollen auch die vorhandenen Halden,<br />

je nach Funktionszuweisung, mit Freizeitinfrastruktur<br />

und einheitlichen Leitsystemen ertüchtigt werden. Da sich<br />

die Freizeitnutzungen immer weiter ausdifferen zieren,<br />

vom Wandern und Radfahren hin zu diversen Trendsportarten<br />

wie Mountainbiken oder Kiten, werden auch die<br />

Halden insgesamt vielfältiger und multifunktionaler<br />

gestaltet werden. Denn die Haldenlandschaft ist herausragender<br />

Teil des Netzwerks Grüne Infrastruktur.RUHR.<br />

Rahmen-Nutzungskonzept <strong>zur</strong> Weiterentwicklung<br />

von 24 Halden in der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> (Topografien).<br />

137


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA<br />

IGA <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> 2027<br />

Die Internationale Gartenausstellung (IGA) <strong>Metropole</strong><br />

<strong>Ruhr</strong> 2027 beantwortet mit ihren Projekten die Leitfrage<br />

»Wie wollen wir morgen leben?«. Als aktuelles Dekadenprojekt<br />

der Stadt- und Landschaftsentwicklung in<br />

der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> führt sie damit den Strukturwandel<br />

im Sinne der Großen Transformation fort, bringt<br />

das regionale Netzwerk der Grünen Infrastruktur <strong>zur</strong><br />

Reife und entwickelt Lebensqualität für die Zukunft.<br />

An diesem weltgrößten Gartenfestival wird die gesamte<br />

Region teilhaben. Verbunden sind damit sowohl ein<br />

nachhaltiger Imagegewinn als auch ein neuer Schub an<br />

Investitionen in die Städte-Landschaft.<br />

Die Ebene »Unsere Gärten« präsentiert die gesamte<br />

<strong>Metropole</strong> als neue grüne, touristisch erlebbare Städte-<br />

Landschaft. So wird die Grüne Infrastruktur als lebendiges<br />

und nutzbares Netzwerk aus Parks, Gartenkunst,<br />

Stadtraumbegrünung, Wegenetz und Wasserachsen<br />

greifbar. Auf der Mitmachebene »Mein Garten« kommen<br />

lokale Initiativen, urbane Gärten, Kleingartenvereine<br />

oder künstlerische Interventionen im Stadtraum <strong>zur</strong><br />

Geltung. Sie zeigen, wie wichtig bürgerschaftliches<br />

Engagement und das gemeinsame Gestalten für die Stadt<br />

der Zukunft sind und welche neuen Bildungs- und Teilhabemodelle<br />

dafür gefunden werden können.<br />

Auf drei Ebenen wirken dafür der RVR, Kommunen,<br />

Kreise und lokale Initiativen regional zusammen:<br />

Drei »Zukunftsgärten« – in Duisburg, Gelsenkirchen und<br />

Dortmund – bilden die internationalen Schaufenster<br />

und Innovationslabore für Kernthemen wie Klimaresilienz,<br />

umweltfreundliche Mobilität, integrierte Stadtentwicklung,<br />

neuartige Bauweisen mit voll recycelbaren<br />

Materialien oder die »Essbare Stadt«. Sie zeigen außerdem<br />

gärtnerische Blumen- und Leistungsschauen und<br />

sind Spielorte der Hauptevents. Zwei weitere Zukunftsgärten<br />

ohne Blumenschau – in Bergkamen / Lünen<br />

und in Herne / Herten / Recklinghausen / Castrop-Rauxel –<br />

ergänzen die internationale Ebene.<br />

Der Bereich Umwelt und Grüne Infrastruktur im RVR<br />

ist Initiator für die IGA <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> 2027. Er hat den<br />

Entwicklungsprozess mit den Mitgliedskörperschaften<br />

und dem Land Nordrhein-Westfalen moderiert und<br />

sorgt für die Nachhaltigkeit und die Einbindung der IGA-<br />

Projekte in die regionalen Strategien <strong>zur</strong> Freiraumentwicklung.<br />

Eine Durchführungsgesellschaft steuert die<br />

Umsetzung bis zum Event 2027. Alle dauerhaften Elemente<br />

der IGA <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> 2027 sind der nachhaltigen<br />

Nutzung als Grüne Infrastruktur.RUHR verpflichtet. Über<br />

ihr Mobilitätskonzept kann die IGA multimodale Knotenpunkte<br />

entwickeln und umweltfreundliche Verkehrsmittel<br />

fördern. Es zeichnet sich bereits ab, dass die Investitionen<br />

weitreichende wirtschaftliche und soziale Effekte<br />

und starke Innovationsimpulse erzielen werden.


LANDSCHAFTS ENTWICKLUNG UND STRATEGISCHE GROSSPROEKTE<br />

oben: Das Raumkonzept der<br />

dezentralen IGA <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> 2027<br />

umfasst drei Ebenen.<br />

links: Die Blumenschauen in den<br />

Zukunftsgärten sind Attraktionen für<br />

internationale Gäste ebenso wie<br />

für Menschen aus der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong>.<br />

unten: Die Zukunftsgärten der IGA<br />

sind visionäre Raumlabore für<br />

globale Herausforderungen der grünen<br />

Stadtentwicklung.


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA<br />

160


Herausforderung Klimaresilienz<br />

links: Fotovoltaik-Dachanlagen.<br />

oben: Windkraftanlagen.<br />

161


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA<br />

Neue Wege <strong>zur</strong><br />

Zukunftsgestaltung<br />

der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

Regionalplanung<br />

und Regionalentwicklung<br />

unter einem Dach<br />

MARTIN TÖNNES<br />

war von 2011 bis 2019<br />

Beigeordneter des Bereichs<br />

Planung im Regionalverband <strong>Ruhr</strong>.<br />

MARIA T. WAGENER<br />

leitet seit 2010 das Referat<br />

Regionalentwicklung<br />

im Regionalverband <strong>Ruhr</strong>.<br />

162


Neue Wege <strong>zur</strong> Zukunftsgestaltung der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

Der Regionalverband <strong>Ruhr</strong> (RVR) besitzt als regionaler<br />

»Kümmerer« und Gestalter von Planungsprozessen eine<br />

fast 100 Jahre währende Tradition, insbesondere in<br />

Bezug auf die Freiraumentwicklung und die Sicherung<br />

von Grünzügen. In den vergangenen zehn Jahren erfolgten<br />

mehrere Novellen des RVR-Gesetzes, die zu einem<br />

Aufgaben- und Bedeutungszuwachs des RVR beziehungsweise<br />

der regionalen Handlungsebene führten. Seit der<br />

Rückübertragung der Regionalplanungskompetenz<br />

2009 ist eine enge Verzahnung zwischen formeller und<br />

in formeller Planung für die Stadt- und Regionalentwicklung<br />

in der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> möglich: nicht zuletzt<br />

dadurch, dass der RVR nun auch personell beziehungsweise<br />

als Organisationseinheit Regionalentwicklung und<br />

Regionalplanung unter einem Dach vereint.<br />

Bei der Neuaufstellung des Regionalplans <strong>Ruhr</strong> erprobt<br />

der RVR in kooperativer Zusammenarbeit mit den<br />

53 Kommunen des Verbandsgebiets eine neue Form<br />

der strategischen Regionalplanung, bei der informelle<br />

Planungsinstrumente integraler Bestandteil sind.<br />

Der hierfür angestoßene umfangreiche Beteiligungsprozess,<br />

der sogenannte Regionale Diskurs, 1 setzt seit<br />

2011 auf Transparenz und Kooperation auf Augenhöhe<br />

und beinhaltet verschiedene Formate und miteinander<br />

vernetzte Stränge: stadt- und teilregionale Gespräche,<br />

Regionalforen und Fachdialoge, einen Ideenwettbewerb<br />

Zukunft <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong>, 2 informelle Planungen mit<br />

Regionalanalysen, Netzwerke und ergänzende Konzepte,<br />

begleitet durch einen kommunalen Arbeitskreis sowie<br />

einen Beirat. In diesem Prozess gehen die relevanten<br />

Agierenden den Weg in die Zukunft der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

gemeinsam und gestalten den Erarbeitungsprozess<br />

zum Regionalplan <strong>Ruhr</strong> aktiv mit.<br />

Rund 2500 Personen sind am bisherigen Prozess<br />

des Regionalen Diskurses beteiligt und haben mit ihrem<br />

jeweiligen spezifischen Fachwissen die Zukunftsentwicklung<br />

für die <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> ergänzt und bereichert.<br />

Mehr als 30 Mal erfolgten Gremienbefassungen im Planungsausschuss<br />

des RVR unter der fachkundigen Leitung<br />

des Vorsitzenden Oberbürgermeister Bernd Tischler<br />

sowie in der Verbandsversammlung des RVR zu den einzelnen<br />

Schritten und Inhalten des Regionalen Diskurses.<br />

Regionalforum Wege.


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA<br />

oben: Flächen für bestehendes und neues Wohnen in der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong>.<br />

unten: Neue Räume für neue Arbeitsplätze.<br />

170


Der neue Regionalplan <strong>Ruhr</strong><br />

Gleichzeitig und darüber hinaus soll der Regionalplan<br />

<strong>Ruhr</strong> eine Zukunftssicherung für die Ansiedlung von<br />

Großbetrieben schaffen, die mehr als 100.000 Quadratmeter<br />

Betriebsfläche benötigen. Um die künftige Ansiedlung<br />

solch flächenintensiver Betriebe zu ermöglichen,<br />

werden im Regionalplan <strong>Ruhr</strong> regional bedeutsame<br />

Regionale Kooperationsstandorte als zusätzliches Angebot<br />

für die Wirtschaft dargestellt, die internationale<br />

Aufmerksamkeit auf sich ziehen sollen und mit denen<br />

die Region in den Wettbewerb um die Ansiedlung dieser<br />

Großbetriebe eintreten kann.<br />

Diese Regionalen Kooperationsstandorte sollen möglichst<br />

von mehreren Kommunen gemeinsam entwickelt<br />

und vermarktet werden. Diese Maßnahme dient dazu,<br />

die <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> durch attraktive Flächenangebote<br />

im Standortwettbewerb mit anderen Regionen zu<br />

wappnen. Insgesamt konnten Flächen im Umfang von<br />

1300 Hektar mit optimalen Standortbedingungen<br />

gefunden und im Regionalplan <strong>Ruhr</strong> für die Ansiedlung<br />

solcher Betriebe ausgewiesen werden.<br />

Das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> verfügt über landesbedeutsame Häfen<br />

in Dortmund, Duisburg, Hamm, Rheinberg, Voerde<br />

und Wesel. Dies sind zentrale Orte des Güterumschlags<br />

und haben für die exportorientierte Wirtschaft eine<br />

große Bedeutung. Der Regionalplan <strong>Ruhr</strong> soll diejenigen<br />

Flächen in den Binnenhäfen sichern, die für den<br />

Güterumschlag benötigt werden und wegen ihrer Lage,<br />

Anbindung und Größe insgesamt für das Land Nordrhein-Westfalen<br />

von besonderer Bedeutung sind.<br />

Neben den Hafenflächen erfordert die wirtschaftliche<br />

Entwicklung einer Region auch die ausreichende Versorgung<br />

mit Bodenschätzen, gerade auch aus heimischen<br />

Lagerstätten. Der Regionalplan <strong>Ruhr</strong> soll dafür sorgen,<br />

dass die für die Versorgung der Wirtschaft benötigten<br />

Bodenschätze an der Erdoberfläche vor dem Zugriff<br />

durch andere bauliche Nutzungen geschützt werden.<br />

Die hierfür benötigten Flächen werden unter Be-<br />

rücksichtigung des künftigen Bedarfs für die nächsten<br />

25 Jahre durch den Regionalplan gesichert.<br />

Vielfältige Landschaften<br />

für Erholung und Freizeit<br />

Neben den Flächen für Wohnen und ausreichende<br />

Arbeitsplätze wird die Bedeutung einer Region insbesondere<br />

auch durch freiraumbezogene Erholungsangebote<br />

und Freizeitqualitäten geprägt, also durch sogenannte<br />

weiche Standortfaktoren. Auch in diesem Punkt kann der<br />

Regionalplan <strong>Ruhr</strong> beeindruckende Fakten vorweisen:<br />

Trotz der hohen baulichen Dichte im Kernbereich des<br />

Verbandsgebiets verfügt die <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> über ein vielfältiges<br />

und umfangreiches Freiraumangebot.<br />

Der Entwurf des Regionalplans <strong>Ruhr</strong> umfasst 215.000<br />

Hektar überwiegend landwirtschaftlich genutzte Freiräume.<br />

Dieses umfangreiche Freiraumsystem wird<br />

ergänzt durch rund 90.000 Hektar Wald- beziehungsweise<br />

Waldentwicklungsflächen, die das Freizeit-<br />

und Erholungsangebot in der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> nachhaltig<br />

bestimmen. In dem dicht besiedelten Ballungsraum<br />

der Kernzone sollen die letzten zusammenhängenden<br />

Freiraumsysteme als sogenannte Regionale Grünzüge<br />

vor einer weiteren Inanspruchnahme und Reduzierung<br />

geschützt werden. Der Umfang dieses Freiraumsystems<br />

im Entwurf des Regionalplans <strong>Ruhr</strong> umfasst rund<br />

108.000 Hektar. Ziel ist es, insbesondere deren Durchgängigkeit<br />

zu erhalten, um zusammenhängende Wegeverbindungen<br />

sichern oder anlegen zu können und<br />

Tieren Wanderungskorridore zu bieten. Zudem übernimmt<br />

dieses Freiraumsystem wichtige Klimafunktionen<br />

für die Siedlungsräume. Hinzu kommen Wasserflächen<br />

und Kanäle mit rund 11.300 Hektar, die für Freizeit<br />

und Erholung ebenfalls eine große Bedeutung haben.<br />

Lebensräume für<br />

schützenswerte<br />

Tiere und Pflanzen<br />

Die von schutzwürdigen Tieren und Pflanzen benötigten<br />

Lebensräume erfahren über den Regionalplan <strong>Ruhr</strong><br />

besondere Beachtung. Innerhalb der Wälder und der für<br />

die Landwirtschaft vorgesehenen Flächen werden im<br />

Entwurf des Regionalplans <strong>Ruhr</strong> schutzwürdige Bereiche<br />

mit einem Umfang von 84.000 Hektar festgelegt, innerhalb<br />

derer langfristig Naturschutzgebiete ausgewiesen<br />

werden sollen.<br />

Neue Mobilität<br />

in der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

Die <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> verfügt über eine leistungsfähige<br />

Straßeninfrastruktur mit 616 Kilometern Bundesautobahnen,<br />

558 Kilometern Bundesstraßen, 2154 Kilometern<br />

Landesstraßen und regional bedeutsamen Straßen für<br />

die Sicherung der Mobilität für die Wirtschaft und die<br />

Menschen. Die Korridore für die Straßen werden aus der<br />

Bundesverkehrs- und der Landesverkehrswegeplanung<br />

übernommen und sollen mit dem Regionalplan gesichert<br />

werden. Es werden jedoch nicht nur Straßentrassen<br />

171


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA<br />

Mobilitätsangebote in immer schnelleren Innovationszyklen<br />

weiterentwickeln, prägen die Diskussion um eine<br />

zukünftige integrierte Mobilitätsentwicklungsplanung.<br />

Die klassischen Herausforderungen des wachsenden<br />

Verkehrsaufkommens, die immer disperseren Siedlungsund<br />

Verkehrsstrukturen, das steigende Wirtschaftsverkehrsaufkommen<br />

sowie die daraus resultierenden<br />

Handlungsfelder Klimaschutz und Klimaanpassung,<br />

Lärmreduktion, Luftreinhaltung und Investitionsrückstau<br />

sind mit Unwägbarkeiten verbunden: Welche<br />

technischen Entwicklungen werden sich durchsetzen?<br />

Wie wird der demografische Wandel bewältigt? Welche<br />

Infrastrukturen müssen weiterentwickelt und optimiert<br />

werden? Wie kann mit dem Instandhaltungsrückstau<br />

umgegangen werden beziehungsweise wie kann die<br />

Effizienz der bestehenden Infrastrukturen im Personenund<br />

Wirtschaftsverkehr erhöht werden?<br />

Gleichzeitig ergeben sich neue Handlungsfelder und<br />

-möglichkeiten: Durch die Digitalisierung und Vernetzung<br />

kann Verkehr besser gesteuert werden, Individuen<br />

können sich multimodal vernetzen. Sharing-Angebote,<br />

Mobilstationen respektive Mobility-Hubs oder autonomes<br />

beziehungsweise automatisiertes Fahren können<br />

auch auf regionaler Ebene zu mehr Effizienz in der inte<br />

grierten Siedlungs- und Verkehrsentwicklung führen.<br />

Die innovative <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

auf dem Weg zu einer<br />

zukunftsorientierten regionalen<br />

Mobilität im Personenund<br />

Wirtschaftsverkehr<br />

Von ländlich geprägten Räumen bis zu international<br />

bedeutenden Großstädten sind nahezu alle siedlungsstrukturellen<br />

Raumtypen in der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

vertreten; untereinander sind die Städte eng vernetzt.<br />

Die Ansprüche, die aus diesen Verflechtungen an<br />

die Mobilität für die Menschen und Wirtschafts -<br />

unter nehmen, aber auch an die <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> als<br />

Transitregion gestellt werden, sind vielfältig: der Weg<br />

von der Kleinstadt zum Arbeiten in das benachbarte<br />

Oberzentrum, abends ins Theater des übernächsten<br />

Ober zentrums, vom Wohnort zum Studieren an eine der<br />

zahlreichen Hochschulen oder der Warentransport<br />

durch Logistikunternehmen und Kurier-, Express-<br />

und Paketdienste innerhalb der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong>. Ziel des<br />

Regionalen Mobilitätsentwicklungskonzepts ist es,<br />

den hieraus resultierenden Chancen und Herausforderungen<br />

Rechnung zu tragen sowie die unterschiedlichen<br />

Raum typen zu berücksichtigen und geeignete Hand-<br />

lungs ansätze und konkrete Modellprojekte zu entwickeln.<br />

Dabei werden auch gesellschaftliche Trends und Entwicklungen<br />

Einfluss auf das Mobilitätsverhalten haben.<br />

links: Dortmunder Hauptbahnhof.<br />

rechts: U-Bahnhof Rathaus Süd, Bochum.


Mobilität der Zukunft<br />

Der Prozess zum<br />

erfolgreichen Konzept<br />

Die Zukunft der Mobilität in der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> wird<br />

sich zwischen lokaler Zuständigkeit und regionaler<br />

Identität entscheiden. Dies erfordert einen intensiven<br />

Dialog, um am Ende des Bearbeitungsprozesses ein<br />

umsetzungsorientiertes und realistisches, aber auch<br />

visionäres Mobilitätsentwicklungskonzept zu verabschieden.<br />

Dabei sind die Handelnden – begonnen bei<br />

den Städten, Gemeinden und Kreisen über die Verbände,<br />

Kammern, Aufgabentragenden im ÖPNV (SPNV und ÖSPV)<br />

bis hin zu Bundes- und Landesinstitutionen und insbesondere<br />

der Wirtschaft – in den Dialog- und Planungsprozess<br />

einbezogen. Damit wird die Grundlage geschaffen,<br />

um gemeinsam die Handlungsansätze zu entwickeln,<br />

Maßnahmen abzuleiten und die erarbeiteten Modellprojekte<br />

umzusetzen sowie einen regelmäßigen Dialog<br />

zu initiieren. Weder die Handlungsansätze noch die<br />

erarbeiteten Modellprojekte zielen darauf ab, allein vom<br />

RVR in Federführerschaft erarbeitet beziehungsweise<br />

umgesetzt zu werden. Vielmehr ist die Konzeption<br />

so angelegt, dass sich die unterschiedlichen Parteien in<br />

den Prozess einbringen und gerade die regional<br />

Tätigen Handlungsansätze und -optionen mitgestalten<br />

und federführend in der Umsetzung übernehmen.<br />

Das Regionale Mobilitätsentwicklungskonzept soll<br />

und kann nicht die kommunale Verkehrsentwicklungsplanung<br />

ersetzen. Aber für die Zukunft muss gelten,<br />

dass die kommunale Verkehrsentwicklungsplanung in<br />

ein Konzept für die Gesamtregion eingebunden ist und<br />

hierbei einen wesentlichen Beitrag <strong>zur</strong> gesamtregionalen<br />

Mobilität leistet. So, wie die Mobilität der Menschen<br />

und der Güter nicht an Stadtgrenzen endet, besteht in der<br />

<strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> zu Recht die Erwartungshaltung, dass<br />

regionale Mobilitätsplanung und Mobilitätspolitik konkret<br />

geplant und umgesetzt werden.<br />

Modellprojekt »Bahnhöfe<br />

als Willkommensorte<br />

für die <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong>«<br />

Die erarbeiteten Modellprojekte spiegeln den integrierten,<br />

übergreifenden Ansatz des regionalen Mobilitätsentwicklungskonzepts<br />

wider. Viele der Modellprojekte<br />

sind eng miteinander verzahnt und können unter einer<br />

gemeinsamen Gesamtstrategie umgesetzt werden.<br />

Ein Beispiel hierfür ist das Modellprojekt »Bahnhöfe als<br />

Willkommensorte für die <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong>«.


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA<br />

Route der<br />

Industriekultur<br />

BARRY GAMBLE<br />

ist unabhängiger Welterbe-Berater,<br />

unter anderem für das Welterbe-Projekt<br />

»Industrielle Kulturlandschaft <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>«<br />

im Auftrag der Stiftung Industriedenkmalpflege<br />

und Geschichtskultur.<br />

ULRICH HECKMANN<br />

ist Leiter des Referats Industriekultur<br />

im Regionalverband <strong>Ruhr</strong>.<br />

184


Route der Industriekultur<br />

Ikone und System des<br />

industriellen Erbes<br />

Die <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> ist der größte industriell geprägte<br />

Ballungsraum Europas. Wandel und Transformation<br />

waren von Anfang an eng mit der Industrialisierung des<br />

<strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s verknüpft: ein rasanter Prozess ständiger<br />

Veränderungen, der eine ganze Region und ihre Menschen<br />

tief greifend umformte. Ende der 1950er Jahre<br />

setzte ein Wandlungsprozess ein, der den Rückgang des<br />

Bergbaus einleitete und etwa 15 Jahre später auch die<br />

Stahlindustrie erfasste.<br />

Im Zuge des Strukturwandels der 1970er Jahre entwickelten<br />

sich die Industriedenkmalpflege und neue Planungskonzepte,<br />

unter anderem die der erhaltenden Erneuerung.<br />

Dazu gehörte auch ein thematisch weitreichender<br />

Begriff von Industriekultur, der nicht nur das Industriedenkmal<br />

als bauliches Objekt einschloss, sondern die<br />

alltagskulturellen Lebensbereiche wie Siedlungen, Gärten,<br />

Sport und Freizeit sowie Vereinswesen damit verknüpfte.<br />

Erste industriehistorische Meilensteine waren der Erhalt<br />

der Maschinenhalle der Zeche Zollern 1969 – zugleich<br />

die Geburtsstunde der Industriedenkmalpflege – sowie<br />

die Gründung der Industriemuseen durch die beiden<br />

Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe<br />

in Nordrhein-Westfalen. Auch die Erhaltung der<br />

Siedlung Eisenheim in Oberhausen und das damit verbundene<br />

zivilgesellschaftliche Engagement für die<br />

Sicherung dieser Arbeitendensiedlung waren Ausdruck<br />

eines allmählich einsetzenden Wertewandels. Diese<br />

gesell schaft liche Wertschätzung konzentrierte sich zunächst<br />

auf lokale Aktivitäten und einzelne Standorte.<br />

Zeche Zollern in<br />

Dortmund-Bövinghausen.


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA<br />

Kulturmetropole <strong>Ruhr</strong>:<br />

Nachhaltigkeit und Netzwerke<br />

als spartenübergreifendes Festival der Künste konzipiert,<br />

bespielt seit 2002 diesen Entwicklungen folgend industriekulturelle<br />

Orte mit herausragenden internationalen<br />

Produktionen. Der Erfolg der IBA führte zu weiteren<br />

strukturpolitischen Ergebnissen: 2006 erhielt Essen –<br />

stellvertretend für die Gesamtregion – den Zuschlag für<br />

die Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2010. RUHR.2010<br />

entwickelte unter dem Leitthema »Wandel durch Kultur –<br />

Kultur durch Wandel« ein regionalumfassendes und<br />

imagestarkes Programm mit internationaler Ausstrahlung,<br />

das zugleich eine identitätsstiftende Wirkung<br />

nach innen hatte und städteübergreifende Koopera tionen<br />

und Netzwerke generierte.<br />

Die Impulse von RUHR.2010 sollten bewahrt bleiben,<br />

das programmatische Erbe des Großprojekts, auch nach<br />

dessen Ende, finanziell und konzeptionell gesichert<br />

werden. Der RVR als maßgeblicher Mitinitiator von<br />

RUHR.2010 stellt gemeinsam mit dem Land Nordrhein-<br />

Westfalen hierfür seit 2012 jährlich 4,8 Millionen Euro im<br />

Rahmen der sogenannten Nachhaltigkeitsvereinbarung<br />

<strong>zur</strong> Verfügung. Die Profilierung der Kulturmetropole<br />

<strong>Ruhr</strong> setzt sich unter anderem über Urbane Künste <strong>Ruhr</strong>,<br />

das European Center for Creative Economy (ecce), die<br />

Netzwerke der regionalen Theater- und Museumslandschaft<br />

– mit fließendem Übergang <strong>zur</strong> touristischen<br />

links: Das Rheingold (2015), Regie: Johan Simons,<br />

Musikalische Leitung: Teodor Currentzis,<br />

Jahrhunderthalle, Bochum.<br />

rechts: Carré (2016), CHORWERK RUHR, Bochumer<br />

Symphoniker, Musikalische Leitung: Michael Alber,<br />

Florian Helgath, Matilda Hofman, Rupert Huber,<br />

Jahrhunderthalle, Bochum.


Für eine starke Kultur- und Sportmetropole <strong>Ruhr</strong><br />

Sportmetropole <strong>Ruhr</strong>:<br />

Neuausrichtung<br />

und Formatentwicklung<br />

Vermarktung – und identitätsstiftende Veranstaltungsformate<br />

fort. Gleichzeitig gilt es der Region, etwa<br />

durch die Initiierung und Förderung innovativer Formate<br />

und Kooperationen, neue Entwicklungsimpulse<br />

zu geben. Anspruchsvolle regionale Kooperationsprojekte<br />

be dürfen einer ergebnisorientierten Netzwerkarbeit.<br />

Deshalb moderiert und unterstützt der RVR<br />

diese, berät und wirkt bei der kooperativen Projektentwicklung<br />

mit: so zum Beispiel bei den Kulturnetzwerken<br />

der <strong>Ruhr</strong>Kunst Museen, der <strong>Ruhr</strong>Bühnen oder des<br />

Netzwerks literatur gebiet.ruhr. Zehn Jahre nach<br />

der Kultur hauptstadt gilt es zu untersuchen, wie nachhaltig<br />

wirkende Netzwerkstrukturen nicht nur<br />

als einzelne Modell projekte, sondern als spartenübergreifende<br />

Zukunftsperspektive zu begreifen sind.<br />

Auch auf der internationalen Sportbühne nimmt die<br />

<strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle ein.<br />

Breiten- und Spitzensport sind im <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> gleichermaßen<br />

zu Hause. Die <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> ist seit Jahrzehnten<br />

Austragungsort (inter-)national bedeutender Sportwettkämpfe<br />

und -veranstaltungen. Dies zeigt sich nicht<br />

nur in den Erfolgen der großen Vereine und olympischen<br />

Athlet*innen, sondern auch in der breiten Sportlandschaft<br />

mit ihren vielen Agierenden. Als wichtiger Partner<br />

im Netzwerk der handelnden Verbände, Sportbünde,<br />

Vereine und Kommunen koordiniert der RVR sportpolitisch<br />

relevante Fragestellungen für die Region.<br />

Als Impulsgeber für eine eigenständige Formatentwicklung<br />

positioniert sich der RVR auch im Sport. Nach<br />

der gescheiterten Olympiabewerbung Rhein-<strong>Ruhr</strong> 2012<br />

erfolgte die strategische Neuausrichtung der sportpolitischen<br />

Aktivitäten. Der Fokus wurde hierbei<br />

verstärkt auf die Entwicklung eines Eigenformats mit<br />

authentischem Bezug <strong>zur</strong> Region gelegt. Konzipiert<br />

wurden dazu 2012/13 die <strong>Ruhr</strong> Games, die sich mittlerweile<br />

als Europas größtes Sportfestival für Jugendliche<br />

etabliert haben.<br />

Politik und Partizipation<br />

Parlamentarisches Leitorgan für die regionalen kulturund<br />

sportpolitischen Entwicklungen ist der Kulturund<br />

Sport ausschuss des RVR. Er setzt kulturpolitische<br />

Rahmenbedingungen und gibt wichtige Entwicklungsimpulse,<br />

zum Beispiel hinsichtlich der Nachhaltigkeitsvereinbarung,<br />

der Kultur- und Sportförderung und<br />

der strategischen Entscheidungen der künftigen Kulturund<br />

Sportpolitik. Die turnusmäßigen Fachkonferenzen<br />

der Kultur- und Sportbeigeordneten im plantieren<br />

zudem die kommunale Beratungskompetenz auf regionaler<br />

Ebene. Die vom RVR und vom Land Nordrhein-<br />

Westfalen jährlich veranstaltete Kulturkonferenz <strong>Ruhr</strong><br />

ist Plattform für den Diskurs und partizipative<br />

Ideenschmiede künftiger Kulturpolitik gemeinsam<br />

mit der Kulturszene.<br />

195


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA<br />

»Wissen, Wandel, Wir-Gefühl«: Der Bochumer Stadtmarketing-Slogan<br />

trifft den Nerv der Wissensmetropole<br />

<strong>Ruhr</strong>. Für eine zukunftsorientierte Regionalentwicklung<br />

sind Bildung und Wissenschaft, Forschung und Innovation<br />

von zentraler Bedeutung. Der Regionalverband<br />

<strong>Ruhr</strong> (RVR) engagiert sich für die Wissensmetropole<br />

<strong>Ruhr</strong>, um das Innovationssystem <strong>Ruhr</strong> zu stärken, ein<br />

chancengerechtes Bildungssystem zu entwickeln und<br />

so das Fachkräftepotenzial von morgen zu sichern.<br />

Der RVR<br />

· bringt Agierende aus Bildung, Wissenschaft,<br />

Wirtschaft, Politik und Gesellschaft<br />

in den Dialog,<br />

· beteiligt sich an regionalen Initiativen,<br />

die die Wissensmetropole <strong>Ruhr</strong> stärken,<br />

profilieren und kommunizieren,<br />

· moderiert und verstetigt regionale<br />

Entwicklungsprozesse,<br />

· initiiert und begleitet gemeinsame Projekte,<br />

· legt die Grundlage für den Transfer<br />

guter Praxis.<br />

Die Initiative Wissensmetropole <strong>Ruhr</strong> zielt darauf,<br />

das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> als eine der wichtigsten Wissenschafts-<br />

und Innovationsregionen Europas weltweit zu positionieren.<br />

In einem Arbeitsprozess mit den Agierenden<br />

der Wissensmetropole <strong>Ruhr</strong> wurden drei strategische<br />

Handlungsfelder definiert:<br />

· Bildungssystem verbessern und<br />

Bildungsgerechtigkeit erhöhen;<br />

· Stärken der Wissensmetropole <strong>Ruhr</strong><br />

für eine wissensbasierte Entwicklung nutzen;<br />

· Fachkräftepotenzial von morgen sichern.<br />

Die Besonderheit der Wissensmetropole <strong>Ruhr</strong> ist, dass<br />

Bildung in ihr einen hohen Stellenwert hat, und zwar<br />

in allen Phasen der Bildungsbiografie. Die Schaffung<br />

eines durchlässigen, chancengerechten Bildungssystems<br />

von der frühkindlichen Bildung bis zu lebenslangem<br />

Lernen ist die Basis einer wissensorientierten Entwicklungsstrategie<br />

<strong>Ruhr</strong>. Ihre Maßnahmen und Projekte sind<br />

datenbasiert, sie fundieren auf regionalen Berichten,<br />

Studien und Analysen.


Wissensmetropole <strong>Ruhr</strong> – regional verankert, international vernetzt<br />

Bildungsregion <strong>Ruhr</strong>:<br />

Bildungssystem verbessern,<br />

Bildungsgerechtigkeit erhöhen,<br />

datenbasiert handeln<br />

Mit der Veröffentlichung des ersten regionalen Bildungsberichts<br />

hat der RVR den politischen Auftrag erhalten,<br />

die Bildungs- und Wissensmetropole <strong>Ruhr</strong> zu stärken und<br />

weiterzuentwickeln. Der Bildungsbericht <strong>Ruhr</strong> bildet<br />

die Grundlage für regionales Handeln. Er hat die Herausforderungen<br />

und Chancen der Bildungsregion <strong>Ruhr</strong><br />

transparent gemacht. Der RVR entwickelt gemeinsam mit<br />

<strong>Ruhr</strong>Futur und den Kommunen die regionale Bildungsberichterstattung<br />

stetig weiter. Dabei arbeiten kommunale<br />

Fachleute eng mit Wissenschaftler*innen von<br />

<strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>shochschulen, IT.NRW, Transferagenturen<br />

und weiteren Expert*innen zusammen.<br />

Die 2013 gegründete und von der Stiftung Mercator<br />

geförderte Bildungsinitiative <strong>Ruhr</strong>Futur ist bei der Entwicklung<br />

der Bildungsregion <strong>Ruhr</strong> die wichtigste regionale<br />

Partnerin. <strong>Ruhr</strong>Futur nimmt die gesamte Bildungsbiografie<br />

vom frühkindlichen Bereich bis <strong>zur</strong> Hochschule<br />

in den Blick und widmet sich den Querschnittsthemen<br />

durchgängige Sprachbildung sowie Daten und Analyse.<br />

Land, Kommunen, Hochschulen und Zivilgesellschaft<br />

haben sich in <strong>Ruhr</strong>Futur zusammengeschlossen,<br />

um das Bildungssystem <strong>Ruhr</strong> nachhaltig zu verändern.<br />

Ziel von <strong>Ruhr</strong>Futur ist es, allen Kindern, Jugendlichen<br />

und jungen Erwachsenen in der Region gleiche Chancen<br />

auf Bildungszugang, -teilhabe und -erfolg zu eröffnen.<br />

Da die nachhaltige Veränderung des Bildungssystems<br />

in der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> nur gelingt, wenn alle relevanten<br />

Agierenden daran mitwirken, wurde gemeinsam eine<br />

Kooperationsvereinbarung erarbeitet, aus der sukzessive<br />

konkrete Vorhaben abgeleitet werden.<br />

Mit seinen Formaten unterstützt der RVR die kommunalen<br />

Bildungsinstitutionen, greift Impulse aus den Städten<br />

auf und bietet eine Plattform für Austausch, Vernetzung<br />

und Kommunikation. Zusammen mit den Bildungsbüros<br />

hat der RVR Formate wie das Bildungsforum <strong>Ruhr</strong><br />

(weiter-)entwickelt, bei dem sich Bildungsfachleute<br />

austauschen und ihre Themen unter anderem beim Land<br />

platzieren. Die Bildungsforen finden zweimal jährlich<br />

statt und greifen aktuelle Themen auf, wie 2015 in<br />

Mülheim die Gestaltung des Übergangs von der Schule in<br />

den Beruf. 2016 fand ein Bildungsforum <strong>zur</strong> Integration<br />

neu Zugewanderter in das Bildungssystem statt, 2017<br />

zum Übergang von der Kita in die Grundschule, 2018<br />

<strong>zur</strong> Gestaltung des Ganztags in der Primarstufe und 2019<br />

zu den Chancen der Digitalisierung. In Workshops<br />

werden gute Praxisbeispiele vorgestellt, können Aspekte<br />

vertieft und Kontakte geknüpft werden. Im Rahmen<br />

der Bildungsforen <strong>Ruhr</strong> begegnen sich die unterschiedlichen<br />

Bildungsakteur*innen auf Augenhöhe.<br />

Das Fraunhofer Institut für<br />

Materialfluss und Logistik ist<br />

Teil des Wissenschafts- und<br />

Technologiecampus Dortmund.<br />

203


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA<br />

Erwachen eines <strong>Metropole</strong>nbewusstseins, das als<br />

identitätsstiftendes Lebensgefühl die Menschen erfasst.<br />

Unverzichtbar hierfür war und ist das Vorhandensein<br />

im Idealfall begeisternder, auf jeden Fall jedoch<br />

erlebbarer tatsächlicher, ideeller und / oder kommu<br />

nikativer »Verortungen des Metropolitanen«.<br />

Da ihre ausgeprägte kommunale Polyzentralität das<br />

bestimmende Charakteristikum der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

bildet, können diese Verortungen nur mit Maßnahmen,<br />

Projekten und Strukturen gelingen, die diese Be -<br />

son derheit als Botschaft transportieren oder gar gezielt<br />

inszenieren, indem sie die spezifische Qualität, den<br />

Mehrwert der Vielfalt im Gemeinsamen zeigen:<br />

Die <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> ist mehr als die Summe ihrer Teile,<br />

aber nur in ihrer Vielfalt existent.<br />

Dies zu verdeutlichen, war und ist die wichtigste Aufgabe<br />

des RVR im Rahmen seines im vorgenannten Sinn<br />

sehr umfassend verstandenen gesetzlichen Auftrags <strong>zur</strong><br />

regionalen Öffentlichkeitsarbeit, die er auf vielfältige<br />

Weise erfüllt, sei es als Impulsgeber, Koordinator,<br />

Netzwerker oder Projektträger. Zu ihr gehört, über den<br />

klassischen Einsatz aller relevanten Kommunikationsinstrumente<br />

und Kanäle (online wie Print) weit<br />

hinaus, ein sehr viel breiteres Leistungsspektrum, das<br />

von vielen Stellen im Verband unter Einschluss seiner<br />

Tochter unternehmen erbracht wird.<br />

Um zu verdeutlichen, was hiermit gemeint ist, seien<br />

nur als wenige Beispiele die identitätsstiftenden regionalen<br />

Großevents wie die Kulturhauptstadt 2010, die IGA<br />

<strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> 2027, aber auch Leuchtturmprojekte<br />

genannt: etwa die Haldenereignisse oder infrastrukturelle<br />

regionale Verbundprojekte wie die Route der Industriekultur;<br />

im Mobilitätsbereich der Radschnellweg <strong>Ruhr</strong><br />

(RS1) oder das radrevier.ruhr; aber auch Messeauftritte<br />

wie bei der ITB oder der Expo Real – eine Liste also,<br />

die sich mit zahlreichen weiteren Nennungen erweitern<br />

ließe und vom RVR mit immer neuen Projekten aktualisiert<br />

und fortgeschrieben wird.<br />

All das sind Verortungen des Metropolitanen und somit<br />

Katalysatoren für das Entstehen und Lebendighalten<br />

eines starken <strong>Metropole</strong>nbewusstseins der Menschen in<br />

der einzigartigen Städtelandschaft der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong>.<br />

Diese mit seiner Standortkampagne bewerben zu<br />

können, bedeutet somit für den RVR zugleich, die Früchte<br />

der eigenen Öffentlichkeitsarbeit zu ernten. Was für<br />

ein doppelter Erfolg!<br />

100 Jahre <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>. Die andere<br />

<strong>Metropole</strong>. Im Mittelpunkt der<br />

europäischen Märkte. Mehr als<br />

die Summe aller Teile. Mehr als die<br />

Einheit in der Vielheit. Ein Plakat<br />

von Uwe Loesch.<br />

214


Regionale Öffentlichkeits- arbeit für die <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong>: Marketing und vieles mehr<br />

215


Der Glaselefant in Hamm:<br />

Die ehemalige Kohlenwäsche der<br />

Zeche Maximilian wurde 1984<br />

im Rahmen der Landesgartenschau<br />

umfunktioniert.


RVR-BETEILIGUNGS UNTERNEHMEN sind in der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> breit aufgestellt<br />

RVR-Beteiligungsunternehmen<br />

sind in der<br />

<strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

breit aufgestellt<br />

MARKUS SCHLÜTER<br />

ist Beigeordneter des Bereichs<br />

Wirtschaftsführung im Regionalverband <strong>Ruhr</strong>.<br />

217


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA<br />

Mehrwerte<br />

Neben dem positiven Image, das die Region bei den<br />

Besuchenden erreicht, hat der Tourismus in der Region<br />

auch als Wirtschaftsfaktor eine inzwischen bedeutende<br />

Rolle eingenommen. 145 Millionen Tagesreisende<br />

und 27,4 Millionen Übernachtungsgäste tragen zu einem<br />

Gesamtbruttoumsatz im Bereich Tourismus in Höhe<br />

von 5,5 Milliarden Euro bei (Erhebung für 2014).<br />

Attraktionen, die Tourist*innen anziehen, vergrößern<br />

aber auch für die hier lebenden Bürger*innen das<br />

Angebot an Naherholung und Freizeitmöglichkeiten.<br />

Dieser Aspekt gewinnt insofern an Bedeutung, als<br />

das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> mit anderen Regionen in einem starken<br />

Wettbewerb um Fachkräfte steht.<br />

Lichtdesign bei Nacht auf der<br />

Zeche Zollverein im Rahmen<br />

der Extraschicht im Juni 2019.<br />

Mit Blick auf ihr facettenreiches Aufgabengebiet ist die<br />

RTG gut gerüstet. Den gezielten Ausbau der Tourismusinfrastruktur<br />

in Zusammenarbeit mit der kommunalen<br />

Akteurschaft, dem RVR, der Wirtschaft und der Kultur<br />

versteht sie als ihren Auftrag. Bei der Vermarktung der<br />

touristischen Angebote ist die Digitalisierung in der Kommunikation<br />

mittlerweile die Grundlage allen Handelns.<br />

Die AGR-Gruppe<br />

Bereits Ende der 1950er Jahre wurde vom damaligen<br />

Siedlungsverband <strong>Ruhr</strong>kohlenbezirk (SVR) ein Arbeitskreis<br />

<strong>Ruhr</strong> <strong>zur</strong> Sammlung und Beseitigung fester Abfallstoffe<br />

unter Beteiligung von 24 Gebietskörperschaften ein-<br />

berufen. Neben Grundlagenforschung und Beratungstätigkeit<br />

zählte auch die Entwicklung eines Gesamt konzepts,<br />

für die Abfallbeseitigung zu den Gründen für die<br />

Befassung mit dem Thema für den Vorläufer des RVR.<br />

Vielfältige Geschäftsfelder<br />

bei Entsorgung<br />

und Aufbereitung<br />

Ab 1982 wurde die Abteilung »Abfallwirtschaft« des RVR<br />

in die AGR Abfallentsorgungs-Gesellschaft <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> mbH<br />

in Herten überführt. Die AGR-Gruppe deckt seitdem die<br />

wichtigen Bereiche von der Abfallannahme über die Abfallbehandlung<br />

bis hin <strong>zur</strong> Abfallentsorgung ab. Heute besteht<br />

die Struktur der AGR-Gruppe aus fünf Geschäftsfeldern:<br />

Kreislaufwirtschaft und Logistik, thermische Behandlung<br />

von Abfällen, Deponiemanagement, Umweltdienstleistungen<br />

und die Gewinnung von Sekundärstoffen. Für rund<br />

30 Kommunen der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> leistet die AGR-Gruppe<br />

einen wichtigen Beitrag <strong>zur</strong> Daseinsvorsorge, indem<br />

sie im Rahmen der thermischen Verwertung von Abfällen<br />

Strom und Fernwärme erzeugt sowie Sekundärrohstoffe<br />

224


RVR-BETEILIGUNGS UNTERNEHMEN sind in der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> breit aufgestellt


WANDEL DURCH KULTUR – KULTUR DURCH WANDEL<br />

Zur<br />

Industriekultur<br />

des <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s<br />

aus globaler<br />

Perspektive<br />

MARION STEINER<br />

ist Profesora Asociada am Institut<br />

für Geografie der Pontificia Universidad<br />

Católica de Valparaíso, Chile.<br />

236


Zur Industriekultur des <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s aus globaler Perspektive<br />

Voller Bewunderung schauen Menschen aus aller Welt heute auf das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> –<br />

eine Region, die sich in Zeiten großer wirtschaftlicher Krisen selbst neu erfunden<br />

und aus der Not eine Tugend gemacht hat. Einen wesentlichen Teil ihres materiellen<br />

industriellen Erbes hat sie erhalten können, und auf symbolischer Ebene ist ihr<br />

Gründungsmythos zu einem identitätsstiftenden Narrativ avanciert, das sogar in<br />

ein regionales Tourismusprogramm übersetzt wurde.<br />

Mit Blick auf den dauerhaften Erhalt des industriellen Erbes im <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> ist es<br />

als großer Erfolg zu werten, dass in dieser institutionell extrem zersplitterten Region<br />

viele Zuständigkeiten mittlerweile verbindlich geregelt sind. Auf kultureller Ebene<br />

sind die Herausforderungen aber vielleicht sogar noch größer. Zu Recht wird seit<br />

Jahren kritisiert, die Industriekultur des <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s mutiere immer mehr zu einem<br />

Abziehbildchen der Region, was weder der Härte der einst hier geleisteten Arbeit und<br />

ausgefochtenen Kämpfe noch dem emanzipatorischen Geist der Anfangszeit der<br />

Industriekultur-Bewegung gerecht werde. 1 So wichtig es war, das industrielle Erbe<br />

zu ästhetisieren, damit es gesellschaftliche Anerkennung erfuhr, so sehr droht<br />

nun der ursprüngliche Impetus einer gesellschaftlich-aufklärerischen Hinterfragung<br />

etablierter Kontexte im Industriekultur-Hype unterzugehen. Gleichzeitig stellen<br />

viele ehemalige Arbeiterfamilien im <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> – wie auch im Rust Belt der USA<br />

oder den englischen Midlands – fest, dass die Lebenswege ihrer Kinder und Kindeskinder<br />

in einem krassen Gegensatz zu dem einstigen Leitbild vom sozialen Aufstieg<br />

stehen. Diese negativen Erfahrungen einer Bevölkerungsgruppe machen ihre<br />

Identitätsbe hauptung noch schmerzhafter. Internationale Forschungen beschäftigt<br />

mittlerweile die Frage, inwiefern sich dies auf die politischen Präferenzen in<br />

diesen Regionen auswirkt, denn ausgerechnet hier haben bei den letzten Wahlen<br />

über durchschnittlich viele Menschen für Trump, den Brexit oder die AfD gestimmt. 2<br />

Arbeiter im Stahlwerk der Hüttenwerke<br />

Oberhausen AG (HOAG), 1961.


WANDEL DURCH KULTUR – KULTUR DURCH WANDEL<br />

Netzwerke und Initiativen<br />

Die Unterstützung und Stärkung der lokalen Netzwerke gehört seit jeher zu den Aufgaben<br />

von Urbane Künste <strong>Ruhr</strong> und ist bis heute zentraler Bestandteil aller Aktivitäten.<br />

Mit der Einrichtung des Residenzprogramms »Zu Gast bei Urbane Künste <strong>Ruhr</strong>«,<br />

das in Kooperation mit dem Netzwerk KunstVereine<strong>Ruhr</strong> geführt wird, initiieren und<br />

pflegen wir den Austausch zwischen regionalen und internationalen Kunstschaffenden.<br />

Dazu gehören auch zwei Jahresresidenzen, die lose mit dem 2015 gemeinsam<br />

mit dem Ringlokschuppen <strong>Ruhr</strong> in Mülheim an der <strong>Ruhr</strong> ins Leben gerufenen<br />

Projekt »Silent University« – eine offene Plattform für geflüchtete Akademiker*innen<br />

nach einer Idee des kurdischen Künstlers Ahmet Öğüt – verknüpft sind.<br />

Gemeinsame Gegenwart<br />

Ansonsten bestehen die wesentlichen Änderungen unter meiner Leitung in dem<br />

Versuch, die verschiedenen Aktivitäten von Urbane Künste <strong>Ruhr</strong> in zwei Ausstellungsformaten<br />

zu bündeln: im temporären <strong>Ruhr</strong> Ding und dem permanenten Emscherkunstweg.<br />

Beide sprechen neben den Anwohner*innen der Region auch ein erweitertes<br />

Kunstpublikum an, das über den Besuch und die unterschiedlichen Facetten<br />

der künstlerischen Auseinandersetzungen in vielfältiger Weise mit den Realitäten<br />

der Region konfrontiert wird. Beide Großprojekte werden durch zahlreiche<br />

Gesprächs veranstaltungen, aber auch durch Literatur- und Musikabende begleitet.<br />

Die Veranstaltungsreihe Wandersalon bereitet seit März 2018 das jeweilige <strong>Ruhr</strong><br />

Ding vor, für den Emscherkunstweg möchten wir künftig das Programm »Vor Ort«<br />

etablieren, das sich punktuell mit einzelnen Werken befassen wird.<br />

Die Fußgängerbrücke Slinky springs to Fame<br />

von Tobias Rehberger in Oberhausen, entstanden<br />

<strong>zur</strong> Emscherkunst.2010 und inzwischen Teil<br />

des Emscherkunstwegs.


Finden, was nicht gesucht wurde<br />

Langfristig, um das Prinzip des Bündelns und Zusammenhänge-Herstellens noch<br />

weiter zu verfeinern, sind Überlappungen von beiden Formaten geplant. Schon<br />

jetzt beziehen wir in unsere Irrlichter-Touren zum <strong>Ruhr</strong> Ding – wann immer thematisch<br />

und infrastrukturell möglich – Werke des Emscherkunstwegs mit ein. Je engmaschiger<br />

sich das in Zukunft gestalten lässt, umso besser. Die Überschneidung befruchtet<br />

beide Projekte und trägt dazu bei, die historische Isolation und strukturelle Benachteiligung<br />

der Emschergebiete aufzubrechen. Denn am Ende handelt es sich um<br />

eine Region mit einer gemeinsamen Geschichte und Zukunft – und vor allem mit<br />

einer gemeinsamen Gegenwart.<br />

Das Monument for a Forgotten Future von<br />

Douglas Gordon und Olaf Nicolai mit Mogwai in<br />

Gelsenkirchen, entstanden <strong>zur</strong> Emscherkunst.2010<br />

und inzwischen Teil des Emscherkunstwegs.


ESSAYS<br />

<strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

Doch nur eine<br />

Wunschvorstellung?<br />

CLAUS LEGGEWIE<br />

ist Politikwissenschaftler und<br />

Ludwig-Börne-Professor an der<br />

Universität Gießen. Er war von 2007 bis 2017<br />

Direktor des Kulturwissenschaftlichen<br />

Instituts und leitete dort unter<br />

anderem zahlreiche wissenschaftliche<br />

Projekte <strong>zur</strong> »KlimaKultur«.<br />

260


<strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

Symposien und Konferenzen zum Thema <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> enden meist in der gegenseitigen<br />

Versicherung der Teilnehmer, man sei zwar noch ein gutes Stück von einem<br />

metropolenfähigen Kollektivbewusstsein entfernt, werde das Ziel aber bestimmt in<br />

absehbarer Zeit erreichen. Wenn man aus dieser Perspektive auf das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> oder<br />

das Revier oder die <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> blickt (schon wie man das Objekt der Begierde nennt,<br />

hat eine Bedeutung!), hilft für das Abstecken des Erwartungshorizonts zunächst die<br />

Rückversicherung im historischen Erfahrungsraum: als Naturlandschaft mit Fluss und<br />

weiter beachtlicher landwirtschaftlicher Nutzfläche; als industrielles Kraftzentrum;<br />

als polyzentrische, aus Dörfern gewachsene Stadt; als Arena eines tief greifenden<br />

Strukturwandels, im Abschied befindlich von den prometheischen Technologien der<br />

Kohlenschächte, Hochöfen und Walzwerke, die das Bild des Reviers weiter bestimmen.<br />

Menschen aus ganz verschiedenen Regionen Europas sind in den Schmelztiegel<br />

gezogen, in dem die meiste Zeit eine akzeptable Betriebstemperatur tolerierter Diversität<br />

herrschte.<br />

Am <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> wird das 2018 besiegelte Ende des Bergbaus nicht spurlos und unsentimental<br />

vorbeigehen, aber es birgt im Hinblick auf seine Menschen und seinen Wissensschatz<br />

genügend Potenzial, um nicht als ein kulturell abgefundenes Krisengebiet<br />

Der Landschaftspark<br />

Duisburg-Nord aus der Luft.


ESSAYS<br />

Zweitens ist da die Ansicht, dass das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> sich vor allem durch seine Zwischenräume,<br />

Infrastrukturen, Industrieanlagen und seinen Netzcharakter auszeichne,<br />

der es von anderen Stadtregionen unterscheide. Völlig verloren gehen bei dieser<br />

Ansicht die zahlreichen Kernstädte und Ortskerne mit ihren spezifischen architektonischen<br />

und städtebaulichen Qualitäten.<br />

Und drittens gibt es eine geradezu groteske Geschichtsblindheit: In fast allen Selbstdarstellungen<br />

scheint das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> überhaupt erst mit der Industrialisierung<br />

im 19. Jahrhundert zu entstehen. Vergessen wird dabei die bedeutende mittelalterliche<br />

Geschichte der freien Reichs- und Hansestädte am Hellweg, der Klöster und Abteien,<br />

der frühneuzeitlichen Herrensitze und Wasserschlösser oder des bürgerlichen<br />

Unternehmertums in Zeiten der Aufklärung.<br />

Vor diesem Hintergrund scheint es gar reizvoll, einmal eine Architektur- und Städtebaugeschichte<br />

des <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s ohne Montan- und Stahlindustrie zu schreiben:<br />

Es kämen nicht wenige Bauten und Stadtteile zusammen! Doch es geht nicht darum,<br />

das eine gegen das andere auszuspielen. Was ansteht, ist eine Architektur- und<br />

Städtebaugeschichte des <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s, die sich aus den Klauen der Montan- und<br />

Stahlindustriegeschichte befreit und die ganze Breite, Vielfalt und historische Tiefe<br />

der gebauten Umwelt in dieser Region in den Blick nimmt. Ich glaube, dass diese<br />

vielfältige Geschichte gerade für die heutigen Probleme und Anforderungen die weitaus<br />

fruchtbareren Anregungen und Bezugspunkte geben kann.<br />

Zwei Dinge gibt es noch zu bedenken, wenn hier Architektur und Städtebau zu<br />

Zeiten des Siedlungsverbands <strong>Ruhr</strong>kohlenbezirk (SVR) – Kommunalverbands <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong><br />

(KVR) – RVR behandelt werden. Erstens: Die entscheidenden Entwicklungs schübe<br />

im <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> waren 1920 bereits gelaufen. Der größte Bevölkerungsanstieg war<br />

bereits geschehen, die prägenden Industriebetriebe waren bereits gegründet, viele


Architektur Städtebau <strong>Ruhr</strong> 1920 2020+<br />

Stadterweiterungen waren bereits angelegt, die Ausbildung von Großstadtzentren mit<br />

kommunalen und kulturellen Einrichtungen und Bauten war längst in vollem Gange.<br />

Die Zeit nach 1920 war weniger durch Aufbruchsdynamik als vielmehr durch Konsolidierung<br />

geprägt; der SVR hatte mit seiner Freiflächenpolitik einen Anteil daran.<br />

Zweitens: Auch wenn der SVR aus städtebaulichen Überlegungen heraus entstand –<br />

die Denkschrift Robert Schmidts von 1912 war hier entscheidend – und bis in die 1960er<br />

Jahre hinein von Bauingenieuren wie Schmidt, dem ersten Verbandsdirektor, und<br />

Architekten wie Philipp Rappaport, dem nach dem Zweiten Weltkrieg wieder eingesetzten<br />

Verbandsdirektor, geleitet wurde, so lagen die Aufgaben des SVR eher im regionalplanerischen<br />

als im städtebaulichen und architektonischen Bereich. Städtebau<br />

wurde primär durch die Kommunen bestimmt, Architektur mehrheitlich privatwirtschaftlich<br />

errichtet. Dies gilt es im Hinterkopf zu behalten, wenn über Architektur<br />

und Städtebau zu Zeiten des SVR / KVR / RVR gehandelt wird.<br />

Was könnten die Konturen einer Architektur- und Städtebaugeschichte des <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>s<br />

seit 1920 sein, die sich im Streiflicht heutiger Interessen und Fragestellungen<br />

zeigen? In den 1920er Jahren ist es sicherlich erst einmal die Kontinuität der<br />

Aufgaben und Projekte.<br />

Viele Kommunen setzten seinerzeit den Prozess der Errichtung repräsentativer Rathäuser<br />

und Stadtplätze fort, der im Kaiserreich begonnen hatte. Zu den markantesten<br />

Projekten gehörten der Weiterbau der Rathausplätze in Herne und Mülheim an der<br />

<strong>Ruhr</strong>, das Rathaus in Witten, das Rathaus und der Friedensplatz in Oberhausen,<br />

das Rathaus in Bochum und das Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen. Das SVR-Verwaltungsgebäude<br />

von Alfred Fischer in Essen als tatsächlich vom Verband errichtetes<br />

Gebäude fügte sich in diese Reihe ein.<br />

links: Hans-Sachs-Haus in<br />

Gelsenkirchen, 1924–1927,<br />

Alfred Fischer: großstädtischer<br />

multifunktionaler und<br />

repräsentativer Verwaltungs -<br />

sitz der Kommune.<br />

rechts: Lichtburg in Essen,<br />

1928, Ernst Bode: ein<br />

innenstädtischer Kulturbau<br />

für die moderne Großstadt.


ESSAYS<br />

Der Einsatz Grüner<br />

Infrastruktur im<br />

<strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> –<br />

ein wichtiger<br />

Beitrag <strong>zur</strong><br />

Umsetzung der<br />

EU-Biodiversitätsstrategie<br />

STEFAN LEINER<br />

ist Leiter der Abteilung<br />

Biodiversität in der Generaldirektion<br />

Umwelt der EU-Kommission.<br />

282


Der Einsatz Grüner Infrastruktur im <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> – ein wichtiger Beitrag <strong>zur</strong> Umsetzung der EU-Biodiversitätsstrategie<br />

Die Grüne Infrastruktur (GI) ist ein Netzwerk natürlicher und naturnaher Flächen<br />

mit verschiedenen Umweltmerkmalen. Dieses Netzwerk soll strategisch geplant und<br />

ausgelegt werden, um ein breites Spektrum an Nutzen und Vorteilen für Menschen<br />

und Natur (die sogenannten Ökosystemdienstleistungen) bereitzustellen. GI umfasst<br />

Grünflächen – oder blaue Flächen im Falle von aquatischen Ökosystemen – und andere<br />

physische Elemente in Land- (einschließlich Küsten-) und Meeresgebieten. Auf dem<br />

Land findet sich GI sowohl im urbanen als auch im ländlichen Raum.<br />

Die EU ist Vertragspartnerin des »Übereinkommens über die biologische Vielfalt« der<br />

Vereinten Nationen. Die derzeitigen EU-Aktivitäten <strong>zur</strong> Umsetzung dieses Übereinkommens<br />

orientieren sich an der EU-Biodiversitätsstrategie für 2020. Diese Strategie wurde<br />

2011 von der EU verabschiedet. Sie hat zum Ziel, den Verlust der biologischen Vielfalt<br />

und der von den Ökosystemen erbrachten Dienstleistungen bis 2020 zu stoppen und<br />

diese nach Möglichkeit wiederherzustellen. Gleichzeitig sollen die Anstrengungen <strong>zur</strong><br />

Eindämmung des globalen Verlustes der biologischen Vielfalt intensiviert werden.<br />

In der grünen Städte-Landschaft der<br />

<strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> sind die Halden multifunktionale<br />

Bausteine der Grünen Infrastruktur.


ESSAYS<br />

Das <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> ist wieder da – mit einer innovativen und diversifizierten Wirtschaftsstruktur<br />

und mit einer neuen, nachhaltigen Stadtqualität, aufbauend auf GI. In<br />

der gesamten Region hat sich die Lebensqualität stark verbessert, zum Großteil dank<br />

der Optimierung verschiedener Ökosystemdienstleistungen, darunter Hochwasserschutz<br />

und Mikroklimaregulierung, aber auch kultureller Dienstleistungen wie<br />

Erholungsmöglichkeiten oder der ästhetischen Qualität der Landschaft. Außerdem<br />

helfen die Projekte bei der Umsetzung des EU-Naturschutzrechts (EU-Habitat- und<br />

Vogelschutzrichtlinie), indem sie die Artenvielfalt erhöhen, Biotope miteinander vernetzen,<br />

seltenen Tierarten zugutekommen, aquatische Biotope bereichern und die<br />

Wiederbelebung der Flussufer renaturierter Flüsse ermöglichen. Die Initiativen wecken<br />

zudem ein neues Verständnis für »Industrienatur« und städtische Wildnis sowie für<br />

deren Ökosystemleistungen und haben den Zugang zu städtischer Natur, einschließlich<br />

Naturschutzgebieten, stark verbessert. Alle Projekte sind groß angelegte strategische<br />

GI-Initiativen, die über Verwaltungsgrenzen hinwegreichen. Sie zeigen, wie die<br />

Entwicklung grüner und blauer Infrastruktur als strategischer Faktor in der Transformation<br />

einer gesamten Region erfolgreich eingesetzt werden kann.<br />

Dass GI in einer polyzentrischen, postindustriellen Region wie dem <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> derart<br />

effektiv zum Einsatz gebracht werden konnte, ist ein schlagender Beweis und ein Vorzeigebeispiel<br />

für die Vorteile der GI sowie von naturbasierten Ansätzen – selbst in jenen<br />

Gebieten, die zunächst nicht als Europas Hotspots für Biodiversität gesehen werden.<br />

Wir brauchen mehr Beispiele wie diese, damit wir weiterhin effektiv daran arbeiten<br />

können, im Einklang mit der Natur zu leben – zum Wohle der Natur und der Menschen!<br />

Industrienatur, die Natur auf ehemaligen Flächen<br />

der Montanindustrie und Bahnanlagen, ist bundesweit<br />

ein Alleinstellungsmerkmal der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> und<br />

besitzt aufgrund ihrer hohen Arten- und Strukturvielfalt<br />

eine sehr hohe Bedeutung für die urbane Biodiversität.<br />

Hier die ehemalige Schachtanlage 4/8 im Landschaftspark<br />

Duisburg-Nord.


Der Einsatz Grüner Infrastruktur im <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> – ein wichtiger Beitrag <strong>zur</strong> Umsetzung der EU-Biodiversitätsstrategie<br />

oben: Das Leitbild im Projekt<br />

»Freiheit Emscher« der Städte Bottrop<br />

und Essen nimmt den Ost-West-<br />

Grünzug des Emscher Landschaftsparks<br />

und die Wasserachse des Rhein-Herne-<br />

Kanals als Ausgangspunkte für die<br />

zukünftige Stadtentwicklung. Ganz im<br />

Sinne der grünen Infrastruktur bündeln<br />

sich hier Freiraum- und Stadtentwicklung,<br />

Ökologie und Wasserwirtschaft.<br />

unten: Das Projekt »Freiheit Emscher«<br />

vernetzt Halden, Wälder, Parks und<br />

Stadtquartiere zu einer städteübergreifenden<br />

Landschaft. An der Wasserachse<br />

von Rhein-Herne-Kanal und<br />

umgebauter Emscher werden ehemalige<br />

große Kohlenreserveflächen zu attraktiven<br />

Stadtquartieren mit Wasserlage.<br />

Gelebter Wandel in der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong>.


ESSAYS<br />

Die IBA befriedigte auch bei weiteren Schichten das schlummernde Bedürfnis nach<br />

Verortung und die inzwischen zunehmend virulente Sehnsucht nach Heimat. Ihre<br />

»Meistererzählung« beförderte die Zukunftsrelevanz von Vergangenheit ins regionale<br />

Gedächtnis und erzeugte dank dieser Dialektik eine plausible Modernität. So entstand<br />

eine postindustrielle Identität im Einklang mit der im Grunde jungen Vergangenheit<br />

der Region. Wandel und Transformationen wurden nicht mehr als Bedrohung, sondern<br />

Chance wahrgenommen. Auch die Außenwahrnehmung der Region erhielt dadurch<br />

Authentizität und kommunikatives Charisma.<br />

Die Industriegeschichte an Rhein und <strong>Ruhr</strong> geriet also insgesamt zu einer großen<br />

Erzählung, verzichtete dabei aber auf larmoyante Nostalgie und folkloristische<br />

Kostümierung. Das von der IBA ebenfalls architektonisch und teilweise konzeptionell<br />

initiierte <strong>Ruhr</strong> Museum mit seinem räumlichen Transfer in die ehemalige Kohlenwäsche<br />

des Zollvereins wurde gut eine Dekade später die Adresse einer noch weiterreichenden<br />

Historiografie. Die IBA-Idee eines »Nationalparks der Industriekultur«<br />

blieb demgegenüber reine Gedankenkonstruktion.<br />

links: Folkwangbrücke, Essen.<br />

rechts: Eröffnungsfeier zum<br />

Kulturhauptstadtjahr 2010 mit<br />

Blick auf das Gelände des<br />

Welterbes Zollverein.<br />

Lichtkunstprojektion auf das<br />

Sanaa-Gebäude, Essen.


Die IBA und ihre Folgen<br />

Dekonstruierende Zwischenspiele<br />

Zweifellos hatten manche nach der IBA-Dekade auf den transitorischen Charakter<br />

und die Vergänglichkeit dieser großen Landesinitiative gesetzt. Auch dem KVR war nur<br />

noch eine schwindende Rolle zugedacht, nachdem neben dem Defizit an regionaler<br />

Planungskompetenz die Spielräume für neue Leitprojekte zunehmend auf die IBA als<br />

Steuerungsinstrument der Landesregierung übergegangen waren. Diese war allerdings<br />

1998/99 – noch von der IBA stimuliert – mit dem Versuch gescheitert, die korporative<br />

Struktur des KVR durch eine rein aufgabenbezogene Agentur <strong>Ruhr</strong> zu ersetzen. Der KVR<br />

hatte sich seiner Selbstauflösung verweigert.<br />

Wenig später verfolgte dann eine als Nachfolgeorganisation konstituierte Landes-<br />

GmbH technokratische Modernisierungsziele. Regionale Wirtschaftsförderung wurde<br />

als bestimmendes Handlungscluster entdeckt, die inzwischen unverzichtbare Präsenz<br />

der <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> auf der internationalen Immobilienbühne forciert. Die Agentur<br />

wirkte weiterhin da nachhaltig, wo sie – wie beim Emscher Landschaftspark, Kultur<br />

und Tourismus – personell inhaltliche Kontinuität wahrte oder gar die qualifizierte Erweiterung<br />

des Emscher Landschaftsparks im Dortmunder Süden ermöglichte.<br />

IBA Emscher Park als Bezugspunkt<br />

für die <strong>Ruhr</strong>triennale<br />

Das Erbe der IBA blieb gegen alle dekonstruierenden Tendenzen resistent. Denn bereits<br />

in ihrer zweiten Hälfte hatte die IBA ab 1995 nicht nur die Aufwertung des baulichen<br />

Erbes betrieben, sondern nach geeigneten Bildern und Bespielungen (z. B. mit Musik im<br />

Industrieraum, Ausstellungen wie Sonne, Mond und Sterne oder The Wall von CHRISTO<br />

im Gasometer Oberhausen) gesucht. Dabei war für die IBA Kultur kein selbstreferenzielles<br />

Ereignis. Der Themenbereich diente eher als Vehikel des politisch gewollten Strukturwandels,<br />

und damit letztlich als Instrument, um regionale Transformation und<br />

objektbezogene Konversion mit sichtbarer Originalität und Authentizität zu versehen.<br />

Dennoch oder gerade deshalb wurde die IBA der konzeptionelle Ausgangs- und Bezugspunkt<br />

für die Gründung der sogenannten <strong>Ruhr</strong>triennale, mit der seit 2002 unter<br />

der Leitung einer jeweils für drei Jahre gewählten Intendanz im jährlichen Rhythmus<br />

eines Festivals die großen und kleinen Hallen der Industriegeschichte kulturell<br />

inszeniert werden.<br />

Der seinerzeit zuständige Minister Michael Vesper hat das 2004 nach dem Ende der<br />

ersten Triennale unter Gerard Mortier so definiert: »Die Ehrfurcht vor erhaltener<br />

Bausubstanz reicht nicht aus, diese einst durch Arbeit und Leben gefüllten Räume zu<br />

revitalisieren. Eine rein museale Nutzung von Industriearchitektur fördert keinen<br />

Erneuerungsprozess, schafft keine neuen Strukturen und erst recht keine Identität,<br />

sie unterstützt nicht die notwendige Dynamik, die zum Strukturwandel notwendig ist.<br />

Die entstandenen Lücken müssen gefüllt, die Orte belebt, die Räume entdeckt und<br />

angenommen werden«.<br />

295


ESSAYS


POSTMONTAN INDUSTRIELLE Kulturlandschaft <strong>Ruhr</strong><br />

<strong>Ruhr</strong><br />

An die Stelle des Begriffs <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> kann der Begriff Agglomeration <strong>Ruhr</strong> treten.<br />

Agglomeration ist eine Bezeichnung für verdichtete Räume mit deutlich mehr als einer<br />

Million Einwohnern und einer Bevölkerungsdichte von über 1000 Einwohnern pro<br />

Quadratkilometer. Rankings von Agglomerationen beziehungsweise Ballungsräumen<br />

werden häufig auch als Rankings von <strong>Metropole</strong>n bezeichnet. Ob eine Agglomeration<br />

eine <strong>Metropole</strong> ist, wird davon bestimmt, inwieweit sie metropolitane Funktionen<br />

erfüllt. Metropolitane Cluster umfassen nach Hans Heinrich Blotevogels Definitionen<br />

die Ebenen: Entscheidung und Kontrolle, Innovation und Wettbewerb, Gatewayfunktion,<br />

Symbolbedeutung. Ob oder inwiefern die postmontane Agglomeration <strong>Ruhr</strong><br />

diese metropolitane Funktionen erfüllt, wird ihre Entwicklung zeigen. Der Begriff<br />

<strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong> steht heute eher für eine siedlungsräumliche Zielsetzung denn für<br />

einen erreichten Zustand.<br />

Beim Gebrauch des eher raumwissenschaftlich-fachlichen Begriffs Agglomeration<br />

<strong>Ruhr</strong> ist die Frage berechtigt, warum nicht <strong>Ruhr</strong> ein zutreffender Name für diese<br />

Agglomeration ist. Er war nach dem Ersten Weltkrieg für das durch Frankreich und<br />

Belgien besetzte Gebiet gebräuchlich – als La <strong>Ruhr</strong>. Seit Ende der 1940er Jahre wird er<br />

verwandt, wenn über <strong>Ruhr</strong> affirmativ gesprochen wird – wohl erstmals mit den<br />

<strong>Ruhr</strong>festspielen, dann 1965 mit der <strong>Ruhr</strong>-Universität, beim Entwicklungsprogramm<br />

<strong>Ruhr</strong> 1968, beim <strong>Ruhr</strong>bischof, mit der <strong>Ruhr</strong>triennale bis zum Regionalverband <strong>Ruhr</strong>.<br />

Die »Stadt der Städte«:<br />

<strong>Ruhr</strong> als dezentralisierte Kommune<br />

<strong>Ruhr</strong> wäre der Name für eine Stadt. Siedlungsgeografisch sind verdichtete Räume<br />

Städte. Als politische Einheit ist eine Stadt eine Kommune. Beides gilt im 21. Jahrhundert<br />

auch für <strong>Ruhr</strong>. Siedlungsgeografisch ist der Ballungsraum <strong>Ruhr</strong> eine große Stadt, polyzentral<br />

mit einer Hierarchie unterscheidbarer Stadtteile und Quartiere. Jeder dieser<br />

Siedlungsräume kann ein Zentrum bilden, mit je eigenen unterschiedlichen Funktionen<br />

und Profilen. Was das verwaltungsterritorial und damit kommunal-rechtlich bedeutet,<br />

erfordert noch der Klärung. Letztlich sollte aus dem rheinisch-westfälischen Industriegebiet,<br />

das <strong>zur</strong> postmontanen Agglomeration <strong>Ruhr</strong> wurde – beide vom SVR hin zum<br />

RVR kommunalverbandlich gerahmt –, eine dezentralisierte Kommune werden.<br />

Die siedlungs- und identitätsgeschichtliche Polyzentralität muss hierbei berücksichtigt<br />

werden. Urbane Polyzentralität und landschaftliche Vielfalt gehen dabei ineinander<br />

über. Aktuell wird das mit »Stadt der Städte« des RVR – Glückwunsch zu seinem<br />

100-jährigen Bestehen in 2020 – zutreffend auf den Punkt gebracht.<br />

Über dem <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong>.<br />

Nachtbild aus der Vogelperspektive.<br />

305


ANHANG<br />

Impressum<br />

© 2020 by jovis Verlag GmbH<br />

Das Copyright für die Texte liegt bei den Autoren.<br />

Das Copyright für die Abbildungen liegt bei den<br />

Fotografen / Inhabern der Bildrechte.<br />

Alle Rechte vorbehalten.<br />

<strong>Vom</strong> <strong><strong>Ruhr</strong>gebiet</strong> <strong>zur</strong> <strong>Metropole</strong> <strong>Ruhr</strong><br />

SVR KVR RVR 1920–2020<br />

Bibliografische Information der Deutschen<br />

Nationalbibliothek<br />

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese<br />

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;<br />

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über<br />

http://dnb.d-nb.de abrufbar.<br />

jovis Verlag GmbH<br />

Kurfürstenstraße 15/16<br />

10785 Berlin<br />

herausgegeben von Karola Geiß-Netthöfel,<br />

Dieter Nellen und Wolfgang Sonne<br />

zum 100-jährigen Bestehen des SVR / KVR / RVR<br />

Koordination im Rahmen des Gesamtprojektes<br />

RVR 2020: Thorsten Kröger, Patric Daas<br />

www.jovis.de<br />

jovis-Bücher sind weltweit im ausgewählten Buchhandel<br />

erhältlich. Informationen zu unserem internationalen<br />

Vertrieb erhalten Sie von Ihrem Buchhändler oder unter<br />

www.jovis.de.<br />

Konzeption: Dieter Nellen, Wolfgang Sonne<br />

ISBN 978-3-86859-584-0<br />

Bildredaktion und allgemeine Projektassistenz:<br />

Sarah Müller<br />

Redaktionsteam: Sabine Auer, Sarah Müller,<br />

Dieter Nellen, Tana Petzinger, Wolfgang Sonne<br />

Bildstrecken: Matthias-Koch-Fotografie, Düsseldorf<br />

Lektorat: Miriam Seifert-Waibel<br />

Gestaltung, Satz und Lithografie: labor b designbüro<br />

Druck und Bindung: Grafisches Centrum Cuno, Calbe<br />

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