Vom Ruhrgebiet zur Metropole Ruhr

JovisVerlag

ISBN 978-3-86859-584-0

Herausgegeben von

Karola Geiß-Netthöfel, Dieter Nellen und Wolfgang Sonne

für den Regionalverband Ruhr (RVR)

V O M

R U H R G E B I E T

Z U R M E T R O P O L E

R U H R

SVR KVR RVR

1920–2020


REPRÄSENTANZ

UND EDITION

Grußwort

ARMIN LASCHET

10

Das Ruhrgebiet

ist mehr als eine Stadt

JOSEF HOVENJÜRGEN

12

Das Ruhrgebiet braucht

handlungsfähige Kommunen –

und einen handlungsfähigen

Regionalverband

FRANK BARANOWSKI

14

Geschichte und

Programm Ruhr 20 | 21+

Konstitution einer

Industriemetropole

KAROLA GEI -NETTHÖFEL

DIETER NELLEN

WOLFGANG SONNE

16

Fragen an

Karola Geiß-Netthöfel,

Direktorin des

Regionalverbands Ruhr

22

Im Dienste der Region

Haus des Siedlungsverbands

Ruhrkohlenbezirk

RUTH HANISCH

28

GESCHICHTE UND

GEGENWART

Der Siedlungsverband

Ruhrkohlenbezirk in den

Jahren 1920–1945

HEINZ WILHELM HOFFACKER

48

Vom SVR zum RVR:

Geschichte des Verbands in den

Jahren 1945–2020

HANNAH RUFF

68

Von Robert Schmidt zur

IGA Metropole Ruhr 2027

WOLFGANG GAIDA

HELMUT GROTHE

100

Verbands-, Regionaldirektor*innen und

Vorsitzende der Verbandsversammlung

105

Direkte Wahl

Der lange parlamentarische

Weg zum »Gesetz zur Stärkung

des Regionalverbands Ruhr«

REINER BURGER

106

RVR 20 | 21+

LEITSTRATEGIE UND

PROGRAMMAGENDA

Grüne Städte-

Landschaft der Zukunft

NINA FRENSE

SABINE AUER

120

Landschafts entwicklung

und strategische Großprojekte

NINA FRENSE

SABINE AUER

131

Herausforderung Klimaresilienz

Anpassung an den Klimawandel

und Klimaschutz in

der Metropole Ruhr

WOLFGANG BECKRÖGE

154

Neue Wege zur Zukunftsgestaltung

der Metropole Ruhr

Regional planung und Regional entwicklung

unter einem Dach

MARTIN TÖNNES

MARIA T. WAGENER

162

Der neue Regionalplan Ruhr

Blaupause für die Zukunft

der Metropole Ruhr

MICHAEL BONGARTZ

166

Mobilität der Zukunft

Die vernetzte Metropole Ruhr

MARTIN TÖNNES

MARIA T. WAGENER

THOMAS POTT

175




Route der Industriekultur

BARRY GAMBLE

ULRICH HECKMANN

184

Für eine starke Kulturund

Sportmetropole Ruhr

STEFANIE REICHART

192

Wissensmetropole Ruhr

regional verankert,

international vernetzt

CLAUDIA HORCH

201

Stadt der Städte

Kampagnenkompetenz für

die Metropole Ruhr

THORSTEN KRÖGER

206

Regionale Öffentlichkeitsarbeit

für die Metropole Ruhr:

Marketing und vieles mehr

CHRISTIAN RAILLON

212

RVR-Beteiligungsunternehmen sind in der

Metropole Ruhr breit aufgestellt

MARKUS SCHLÜTER

217

WANDEL DURCH

KULTUR – KULTUR

DURCH WANDEL

Zur Industriekultur des

Ruhrgebiets

aus globaler Perspektive

MARION STEINER

236

Finden, was nicht gesucht wurde

Urbane Künste Ruhr als

Wahrnehmungsverstärkerin

für die Besonderheiten des

Ruhrgebiets

BRITTA PETERS

240

Johan Simons zu Fragen von Kultur

an der Ruhr: »Wir brauchen Leute,

die viel von Kunst wissen«

ESSAYS

Metropole Ruhr

Doch nur eine

Wunschvorstellung?

CLAUS LEGGEWIE

260

Architektur Städtebau

Ruhr 1920 2020+

WOLFGANG SONNE

266

Transformation in einer

»verspäteten« Region

STEFAN SIEDENTOP

277

Der Einsatz Grüner

Infrastruktur im Ruhrgebiet

ein wichtiger Beitrag

zur Umsetzung der

EU-Biodiversitätsstrategie

STEFAN LEINER

282

Die IBA und ihre Folgen

DIETER NELLEN

291

Postmontan industrielle

Kulturlandschaft Ruhr

CHRISTOPH ZÖPEL

300

ANHANG

Herausgeber

314

Ausgewählte Literatur

316

Bildverzeichnis

320

Ruhrorte

Verzeichnis der Fotografien

von Matthias Koch

323

Impressum

324

DIETER NELLEN

247


Grußwort

ARMIN LASCHET

10

Das Ruhrgebiet

ist mehr als eine Stadt

JOSEF HOVENJÜRGEN

12

Das Ruhrgebiet braucht

handlungsfähige Kommunen –

und einen handlungsfähigen

Regionalverband

FRANK BARANOWSKI

14

Geschichte und

Programm Ruhr 20 | 21+

Konstitution einer

Industriemetropole

KAROLA GEI -NETTHÖFEL

DIETER NELLEN

WOLFGANG SONNE

16

Fragen an

Karola Geiß-Netthöfel,

Direktorin des

Regionalverbands Ruhr

22

Im Dienste der Region

Haus des Siedlungsverbands

Ruhrkohlenbezirk

RUTH HANISCH

28


R E P R Ä S E N T A N Z

U N D E D I T I O N


REPRÄSENTANZ UND EDITION

Grußwort

ARMIN LASCHET

ist Ministerpräsident des

Landes Nordrhein-Westfalen.

Am 5. Mai 2020 wird der Regionalverband Ruhr (RVR)

100 Jahre alt. Das ist ein rundes, stolzes Jubiläum.

Damit ist das Ruhrgebiet in Gestalt des RVR-Vorläufers

Siedlungs verband Ruhrkohlenbezirk (SVR) sogar älter als

unser Land, das 2021 erst sein 75-jähriges Bestehen feiert.

Der SVR verband die beiden preußischen Pro vinzen

Rheinland und Westfalen und war aufgrund seiner

Bedeutung als einheitliches Energie- und Produktionszentrum

nicht zwischen beiden aufteilbar. Auch deshalb

spielte das Montanrevier an der Ruhr nach dem Zweiten

Weltkrieg eine zentrale Rolle bei der ökonomischen

und politischen Neuordnung Westdeutschlands. Nicht

zuletzt diese herausragende Bedeutung war ein wichtiges

Motiv zur Gründung Nordrhein-Westfalens durch die

britische Besatzungsmacht. Das Ruhrgebiet ist also nicht

nur der geografische Mittelpunkt und das traditionelle

öko nomische Zentrum unseres Landes, sondern

sozusagen auch der Grund für seine Existenz: Ohne das

Revier gäbe es keine Einheit von Rheinländern und

Westfalen und wäre Nordrhein-Westfalen nicht gegründet

worden. Und so führt eine direkte Linie vom 100-

jährigen Verbandsjubiläum des RVR 2020 zum 75-jährigen

Landes jubiläum 2021.

Es gibt also allen Grund, 100 Jahre RVR zu feiern. Mit der

Gründung des SVR im Jahr 1920 begann nicht nur die

Zeit der Selbstverwaltung an Rhein, Ruhr, Emscher und

Lippe. Das immer schneller wachsende Konglomerat

aus Groß- und Kleinstädten erhielt erstmals so etwas wie

eine innere Struktur und Ordnung, die in Konkurrenz

zur traditionellen Fremdbestimmung der Region durch

die preußischen Provinzhauptstädte beziehungsweise

die Reichshauptstadt Berlin trat. Jener Akt in Richtung

Selbstbestimmung des Reviers war eine unabding bare

Voraussetzung für die Funktion des Ruhrgebiets als

Nukleus der deutschen Wirtschaft. Nach dem Untergang

der NS-Diktatur wandelte sich das rheinisch-westfälische

Revier von der Waffenschmiede des Reichs zum Herzen

und Motor des deutschen Wirtschaftswunders. Dank

dieser Leistung wurde das junge Nordrhein-Westfalen

nicht nur im politischen Sinne früh zum »Kernland« der

jungen Bonner Republik.

Es wäre jedoch falsch, das vor uns liegende Jubiläum nur

aus nostalgisch verklärter Dankbarkeit zu feiern. Der enge

Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Landes

und der Prosperität seiner Kernregion war durchaus

ambivalent. Denn mit dem allmählichen Strukturwandel

des Montansektors verbanden sich ganz automatisch

auch Belastungen für die Wirtschaftskraft Nordrhein-

Westfalens und für seinen Staatshaushalt. Dieser Strukturwandel

wurde über Jahrzehnte zur großen politischen

und sozialen Herausforderung des ganzen Landes, ja,

Deutschlands insgesamt. Er gelang ohne große soziale

Brüche oder gar Unruhen wie in anderen Montanregionen

Europas und brachte neben schmerzhaften Einschnitten

auch viele positive Ergebnisse.

In den vergangenen Jahrzehnten ist viel erreicht worden.

Das Ruhrgebiet, dieser riesige Schmelztiegel, in dem Zuwanderung

immer eine wichtige Rolle gespielt hat, steht

wie kaum eine andere Region Deutschlands für Wandel,

Veränderung und Erneuerung. Wir haben in Deutschland

keine zweite Metropolregion mit mehr als fünf Millionen

Einwohnern. Wir haben keine zweite derart dichte

Hochschullandschaft, und die Kultur- und Freizeitangebote

sind in ihrer Vielfalt kaum zu überbieten. Bei all dem

Positiven ist jedoch auch klar: Hochschulen, Urbanität,

Ökologie und Breitbandversorgung sind zwar wichtige

Standortfaktoren, ersetzen aber keine industrielle Basis.

Der Wechsel von Bergbau und Schwerindustrie zu industriellen

Mischformen, zu Dienstleistungen, Forschung

und mittelständischen Strukturen ist noch immer

Gegenwart, und schon erleben wir eine neue industrielle

Revolution in Gestalt der Digitalisierung.

Angesichts dieser Herausforderung, die man als Chance

begreifen muss, darf nicht wieder versucht werden, die

Dinge künstlich aufzuhalten, sich an Überkommenes zu

klammern und die vorhandenen finanziellen Ressourcen

in die Vergangenheit zu investieren. Es ist keine Zeit

zu verlieren. Vor allem müssen die Menschen rechtzeitig

auf den vor ihnen liegenden Weg mitgenommen werden.

Man darf ihnen keine Angst machen. Man sollte ihnen

Mut machen.

10


 GRU WORT

Das Ruhrgebiet hat Zukunft, weil es bei allen Problemen

ein riesiges Reservoir an Chancen und Potenzialen besitzt:

In Bereichen wie Start-ups, Umwelt- und Gesundheitswirtschaft,

Logistik und Verkehr oder auch Automatisierung

und Informationssicherheit gehört es zu

den führenden Regionen Deutschlands. Hier können wir

Lösungen für die großen Zukunftsfragen finden. Hier

kann ein Ballungsraum entstehen, in dem Arbeiten und

Wohnen, Kultur und Bildung, Naherholung und Tourismus,

Industrie und Mittelstand sowie eine klimaneutrale

Verkehrsinfrastruktur eng miteinander verwoben sind

und sich nicht gegenseitig ausschließen.

Das bedeutet nicht, dass wir die Herausforderungen,

die all das mit sich bringt, unterschätzen. Die Landesregierung

hat den Prozess einer neuen Ruhr-Konferenz

eingeleitet. Unser Ansatz ist: Geht es dem Ruhrgebiet

und seinen Menschen gut, geht es dem ganzen Land gut.

Die Ruhr-Konferenz ist eine lohnende Investition in

die Zukunft Nordrhein-Westfalens.

Das Revier auf diesem Weg zu begleiten, Probleme zu

erkennen und zu lösen, Ideen und Visionen zu entwickeln

und zukunftsorientierte Maßnahmen in die

Praxis umzusetzen, all das wird wie in den zurückliegenden

100 Jahren eine zentrale Aufgabe des RVR sein.

An seine wechselvolle Geschichte zu erinnern, ist die

Intention des vorliegenden Jubiläumsbands, dem ich

weite Verbreitung und viele aufmerksame Leser wünsche.

Ich gratuliere dem Regionalverband Ruhr herzlich zu

seinem schönen Jubiläum und wünsche ihm, dem

gesamten Ruhrgebiet und allen hier lebenden Menschen

alles Gute für die Zukunft!

Glückauf,

Nordrhein-Westfalen!

11


REPRÄSENTANZ UND EDITION

Geschichte und

Programm

Ruhr 20 | 21+

Konstitution

einer

Industriemetropole

GEI

KAROLA

-NETTHÖFEL

DIETER

NELLEN

WOLFGANG

SONNE

16


Geschichte und Programm Ruhr 20 | 21+

Der heutige Regionalverband Ruhr (RVR) ist der Rechtsnachfolger

des Kommunalverbands Ruhrgebiet (KVR,

1979–2004) und des Siedlungsverbands Ruhrkohlenbezirk

(SVR, 1920–1979). Letzterer verdankt seine Gründung

einem Gesetzesbeschluss der verfassungsgebenden

preußischen Landesversammlung am 5. Mai 1920 mit

Inkrafttreten zum 15. Juni desselben Jahres.

Schritt zur Eingemeindung vollzogen wurde, wurde

im Ruhrgebiet entsprechend dem polyzentrischen Stadtwachstum

der Weg der Verbandsbildung einzelner

Städte gegangen.

Deutsche und

europäische Geschichte

Die Verbandsversammlung tagte erstmalig am 3. September

1920 im Essener Saalbau. Sie wählte den dortigen

Beigeordneten Dr. Robert Schmidt zum Verbandsdirektor.

Dessen 1912 auftragsweise verfasste Denkschrift betreffend

Grundsätze zur Aufstellung eines General-Siedelungsplanes

für den Regierungsbezirk Düsseldorf (rechtsrheinisch)

in der damaligen preußischen Rheinprovinz bildete

die konzeptionelle Grundlage einer vorrangig funktionalen

Raumplanung in der neuen Organisation

und für deren ökonomisch bestimmte Gebietskulisse.

Die staatliche Konstituierung des SVR als kommunaler

Zweckverband dokumentiert 1920 zweifellos den

Gestaltungswillen fortschrittlicher Kräfte in der Frühphase

der Weimarer Republik. Noch mehr gab es einen

funktionalen Anlass: Die Region sollte, musste für die

Reparationsforderungen der Alliierten bei der Kohleproduktion

konditioniert werden.

Zeitgleich begann an der Ruhr der Aufstieg der rheinischwestfälischen

Industrieprovinz zu einer national bedeutenden

Wirtschaftsregion. Der Begriff Ruhrgebiet

verbindet sich dabei schnell mit einem martialischen

Sozialnimbus und einer bis heute resistenten Außenwahrnehmung

gegenüber der tatsächlichen vielfältigen

Lebenswirklichkeit der Region. Im Gegenzug und dank

seiner quantitativen Größe und polyzentrischen

Urbanität definiert sich das Ruhrgebiet im 21. Jahrhundert

als »Metropole Ruhr«, als »Stadt der Städte« in der

Mitte Nordrhein-Westfalens und als Teil der Metropolregion

Rhein-Ruhr. Zwischen 1985 und 1995 bewarb man

sich national als »Starkes Stück Deutschland«.

An der Ruhr wurde im Zuge der Schwerindustrialisierung

fast das gesamte 20. Jahrhundert hindurch deutsche

und europäische Geschichte geschrieben. Sie reicht weit

über das administrative Erbe Preußens und den eigenen

regionalen Horizont hinaus. Sie baut auf einer mit Europa

vernetzten mittelalterlichen Kloster- und Stadtkultur

auf – so war etwa das Stift Essen mit dem römischdeutschen

sowie dem byzantinischen Kaiserhaus familiär

verknüpft und die Kaufleute der Hansestädte Dortmund

oder Duisburg trieben Handel von Brügge bis Nischni

Nowgorod.

Die kaiserliche Reichsgründung 1871, die national

bestimmende Militarisierung mit der »Ruhr als Waffenschmiede

des Deutschen Reiches«, zwei für ganz Europa

verheerende Weltkriege und schließlich der daraus

folgende einhegende Impuls durch die Montanunion

als Keim europäischer Friedensarchitektur haben hier –

auch nach dem durchgängigen Urteil der internationalen

Geschichtsschreibung und publizistischen Öffentlichkeit

– ihren industriehistorischen Ausgangspunkt.

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert steht das Ruhrgebiet

zudem in einer besonderen Dialektik von

Traditionswahrung und Modernisierung. Es ist ein international

führender Ort postindustrieller Transformation

seiner ehedem montan geprägten Vergangenheit sowie

ein Modell nachhaltiger Stadt- und Regionalentwicklung.

Die angestrebte internationale Profilierung von Raum

und postindustrieller Landschaft ist die gedankliche

Grundlage der UNESCO-Bewerbung als »Industrielle Kulturlandschaft

Ruhrgebiet«.

Erhellend ist hier der Vergleich mit einer anderen

deutschen Metropole, die ebenfalls 1920 einen epochalen

Verwaltungsschritt vollzog: Berlin. Nachdem 1912 ein

dem späteren SVR vergleichbarer Zweckverband Groß-

Berlin geschaffen worden war, um die Stadtplanung

der wachsenden Großstadt und ihrer Umlandgemeinden

zu koordinieren, wurde 1920 die Stadtgemeinde Groß-

Berlin gegründet. Während in Berlin entsprechend dem

kohärenten flächendeckenden Stadtwachstum der

Der Prozess der baulichen, mentalen, kulturellen und

sozialökonomischen Konversion zieht weltweites Interesse

auf sich. Die polyzentrale und regionale Urbanität,

die die Gebiete der Zwischenstadt mit den verdichteten

Zentren der klassischen europäischen Stadt verbindet,

repräsentiert immer mehr ein international gängiges Metropolenmuster.

Das Ruhrgebiet ist – anders als zeitweise

politisch verordnet – nicht ein nur noch mentales oder

ökonomisches Ereignis. Seine Geschichte hat zwar einen

17


REPRÄSENTANZ UND EDITION

Im Dienste

der Region

Haus des

Siedlungsverbands

Ruhrkohlenbezirk

RUTH HANISCH

studierte Kunstgeschichte an der Universität Wien.

1997 bis 2002 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin der

Professur für Geschichte des Städtebaus an der ETH Zürich

tätig. 2003 promovierte sie über »Das Bild des Hafens in

der Architektur des 18. Jahrhunderts« an der Universität Wien.

Ihre Habilitationsschrift wurde 2018 unter dem

Titel Moderne vor Ort. Wiener Architektur 1889–1938

im Böhlau Verlag veröffentlicht.

28


Im Dienste der Region

Verwaltungsgebäude des

Siedlungsverbands Ruhrkohlenbezirk

an der Kronprinzenstraße

in Essen 1929.

»Das Gebäude durfte nicht einen stadtbeherrschenden

Zentralausdruck hervorrufen wie etwa ein Rathaus,

es durfte nicht einen repräsentativ-monumentalen Eindruck

erwecken wie ein Regierungsgebäude, es durfte

nicht die gleichmäßige, zur Beschäftigung von Hunderten

ausgewertete Art eines Bürogebäudes tragen. Es galt,

hier etwas Eigenes, der neuen Organisation besonders

Entsprechendes zu schaffen.« Philipp Rappaport, Erster

Beigeordnete des Siedlungsverbands, triangulierte so im

Geleitwort der Publikation des Hauses 1930 den Anspruch

des Bauherrn an sein Dienstgebäude. Der sollte sich eben

nicht auf etablierte Typologien berufen. Nicht Rathaus,

nicht Regierungsgebäude, nicht Bürohaus – ein Verbandshaus

war gefordert. Das stellte den Architekten vor

die Herausforderung, nicht nur eine moderne Formensprache

für eine bestehende Typologie zu entwickeln,

also ein modernes Rathaus oder ein modernes Bürohaus,

sondern einen neuen Typus, der nicht nur den funktionalen

Bedürfnissen eines Regionalverbands entsprach,

sondern auch die regionale Idee an einem Ort versinnbildlichen

sollte. Architektur und Regionalplanung sind

auf vielfältige Weise verbunden: Die Planung schafft den

Rahmen für die Architektur, das Bauen prägt die Region.

Die Maßstäbe sind unterschiedlich, der Einzelbau richtet

sich an die dreidimensionale menschliche Wahrnehmung;

die Region ist ein abstraktes Modell, das sich der

Alltagswahrnehmung des Einzelnen vielfach entzieht.

Das Baugrundstück an der Kronprinzenstraße lag nahe

am Hauptbahnhof und garantierte so durch die fußläufige

Anbindung die Verbundenheit mit der gesamten

Region. Es war ein interessanter Ort für den Neubau des

Verbands: An der schräg gegenüberliegenden Ecke stand

das Gebäude der Emschergenossenschaft von Wilhelm

Kreis, auf dem unmittelbaren Nachbargrundstück hatte

Georg Metzendorf soeben das sogenannte Ruhrhaus, den

Sitz des Ruhrverbands, fertiggestellt. In gewisser Hinsicht

war die Stelle für den Bau dieses weiteren Verbandsgebäudes

prädisponiert, denn sowohl die Emschergenossenschaft

als auch der Ruhrverband waren regionale

Verbände zur Abwasserent- beziehungsweise Wasserversorgung

des Reviers, deren Arbeit sich in Vielem mit

dem Regionalverband berührte; kurze Amtswege

waren bei der Administration der Region sicherlich von

Vorteil. Beide Nachbargebäude stellten architektonische

Interpretationen eines Baus für einen regionalen Verwaltungsverband

dar: Der »Palast« für die 1899 gegründete

Emschergenossenschaft war noch vor dem Ersten Weltkrieg

1909/10 errichtet worden. Kreis hatte sich bei seiner

Interpretation eines Verbandsgebäudes mit der Rathaustypologie

mit Turm und Vorhalle auseinandergesetzt,


REPRÄSENTANZ UND EDITION


Im Dienste der Region

Das sanierte Verwaltungsgebäude

an der Kronprinzenstraße,

Herbst 2019.


GESCHICHTE UND GEGENWART

Beibehaltung der bisherigen Verwaltungsstrukturen im Ruhrgebiet zu

akzeptieren, so war auf keinen Fall zuzugestehen, dass Düsseldorf ebenfalls

einbezogen werden sollte. Aus Dortmund kamen im Nachhinein noch

Ein wände, die man bei der Besprechung am 2. Dezember 1919 nicht vorgetragen

hatte. Man fühlte sich irgendwie überrumpelt. Das Zusammenspiel

von preußischen Ministerien und Essener Kommunalführung habe letztlich

nur zur Rechtfertigung einer bereits beschlossenen Sache geführt. Doch

blieb diese Kritik ohne Folgen. Von höchster Regierungsebene fand der

projek tierte Siedlungsverband ganz offiziell Unterstützung. Als Reichskanzler

Gustav Bauer im Februar das Ruhrgebiet bereiste, forderte er eine schnelle

Verwirklichung: Der Verband sei wegen der wirtschaftlichen Einheit des

Ruhrgebiets geboten.

Regierung und Parlament

Preußens billigen den

Gesetzesentwurf zum SVR

1920

Die preußische Regierung beschäftigte sich mit dem Gesetzesentwurf am

27. Januar 1920 und billigte ihn. Der Text war entsprechend den Änderungswünschen

der Gemeinden angepasst worden, hatte aber seine Grundstruktur

behalten. Am 31. Januar wurde das Gesetz eingebracht, die erste Lesung in

der verfassunggebenden preußischen Landesversammlung fand am 3. Februar

statt. Robert Schmidt war eigens nach Berlin gereist und hatte noch vor

Beginn der Beratungen in einem Vortrag vor Abgeordneten die Notwendigkeit

des Verbands begründet: Das Ruhrgebiet sei und bleibe eine dynamische

Region. Es werde nicht zur Ruhe kommen. Es bewege sich wie eine Walze

langsam nach Norden. Überlieferte staatliche Ordnungsmodelle taugten nicht.

Nur etwas Neues wie der Siedlungsverband könne eine solche Aufgabe lösen.

Änderungswünsche der Parlamentarier bezogen sich dann vor allem auf

Paragraf 1 des Gesetzes, in dem der Aufgabenbereich des Verbands definiert

wurde. Die Vorlage enthielt noch die Regelung, dass eine nachträgliche

Kompetenzerweiterung des Verbands durch staatliche Übertragung von

Aufgaben möglich sein sollte. Mit großer Mehrheit beschloss die verfassunggebende

Versammlung etwas anderes: Paragraf 1 bedeutete die endgültige

Aufgabenbeschreibung. Eine spätere Änderung dieser Bestimmungen sollte

dann nur noch durch einen parlamentarischen Beschluss möglich sein, nicht

aber mehr durch einfache Entscheidung der preußischen Regierung. Veränderungen

am grundsätzlichen Charakter des Siedlungsverbands konnten

also nur noch auf dem Wege der Gesetzgebung vorgenommen werden. Dies

ist die wichtigste Veränderung an dem von Hans Luther, Walter Bucerius

und Robert Schmidt ausgearbeiteten Entwurf. Der innere Aufbau des SVR war

wie ursprünglich vorgesehen identisch mit der Struktur einer preußischen

Provinz: Verbandsversammlung (Provinziallandtag), Verbandsausschuss

(Provinzialausschuss), Verbandsdirektor (Landeshauptmann) und als staatliche

Aufsichtsbehörde das Verbandspräsidium (Oberpräsident). Am 5. Mai

1920 verabschiedete die verfassunggebende preußische Landesversammlung

das Gesetz über den Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk einstimmig.

54


Der Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk in den Jahren 1920–1945

Der preußische Innenminister Carl

Severing misstraut dem Ruhrgebiet

Innerhalb der preußischen Regierung, die von der Koalition aus SPD, Zentrum

und DDP getragen wurde, kam es in der Folgezeit aber noch einmal zu einer

Auseinandersetzung, die das Thema Ruhrprovinz zum Inhalt hatte. Die

Aufsicht über den SVR wurde vom Ministerium für Volkswohlfahrt ausgeübt,

zum hier interessierenden Zeitpunkt geführt von Adam Stegerwald (Zentrum

und katholischer Gewerkschafter). Das preußische Innenministerium unter

Carl Severing (SPD) hatte bezüglich dieser Regelung Vorbehalte und wollte

nicht nur in die Staatsaufsicht beim SVR mit einbezogen werden, sondern es

wollte auch zustimmungspflichtig sein bei der Besetzung der Führungsposi

tionen Verbandsdirektor und Verbandspräsident. Begründet hatte Severing

sein Anliegen mit der möglichen Gefahr eines Ausbaus des SVR über Siedlungsaufgaben

hinaus zu einer Ruhrprovinz. Dies hätte »für den Bestand des

preußischen Staates unabsehbare Folgen«.

1920

Die endgültige Fassung des Paragrafen 1 der Verbandsordnung schien Severing

also keine Garantie für unerwünschte Entwicklungen zu sein. Hintergrund

seines Misstrauens waren seine politischen Erfahrungen im Ruhrgebiet,

die im Mai 1920 noch frisch waren. Er hatte als Staatskommissar Anfang 1919

die großen Streikbewegungen, die eine Sozialisierung des Ruhrbergbaus

zum Ziel gehabt hatten, beenden müssen. Die nächste ungleich schwierigere

und mit zahlreichen Toten verbundene Aufgabe stellte sich ihm mit dem

Kapp-Putsch am 13. März 1920. Als Reaktion auf den Putsch war es zu einem

reichsweiten Generalstreik und im Ruhrgebiet darüber hinaus zur Bildung der

Roten Ruhrarmee gekommen, die zeitweilig das ganze Revier unter ihre Kontrolle

bringen konnte. Reichswehr, aber auch Freikorps, die zuvor noch den

Putsch unterstützt hatten, schlugen die Rote Ruhrarmee im April 1920 blutig

nieder. Severing, der wegen der Vorgänge im Ruhrgebiet in seiner Heimatstadt

Bielfeld wiederholt überfallen und nur dank der Kampffestigkeit einiger

Parteifreunde den Angriff überlebt hatte, blieb dem Revier gegenüber

deswegen prinzipiell zutiefst misstrauisch. Stegerwald überging zunächst

Severings Wunsch und erst im Januar 1921 kam es zu einem Kompromiss.

Zum ersten Verbandsdirektor des SVR wurde schließlich Robert Schmidt

gewählt, als erster Verbandspräsident der Hamborner Oberbürgermeister

Paul Mülhens bestellt. Damit war der Siedlungsverband mitten in einer

Phase turbulenter politischer Umbrüche erst einmal etabliert. Aber die

Zeitläufte blieben schwierig: galoppierende Inflation und Währungszusammenbruch

bis Ende 1923; Besetzung des Ruhrgebiets durch französische

und belgische Truppen von Januar 1923 bis August 1925. Erst danach kehrte

eine gewisse Ruhe ein. Zunächst einmal musste der SVR sich als Institution

konsolidieren und seine Strukturen aufbauen. Danach konnte er mit

Planungsarbeiten beginnen.

55


GESCHICHTE UND GEGENWART

1944

gebaut, wurde die Versorgung mit Arbeitskräften, Material und Treibstoffen

organisiert. Bis Ende 1944 konnte etwa 90 Prozent der noch im Ruhrgebiet

verbliebenen Bevölkerung in Bunkern Schutz finden. Menschen, die nicht in

den allgemeinen Arbeitsprozess eingebunden waren, wurden in weniger

vom Luftkrieg gefährdete Regionen evakuiert. Ein Opfer des Bombenkriegs

wurde Verbandsdirektor Albert Lange. Am 16. Januar 1945 griffen in Gelsenkirchen

Tiefflieger den Zug an, in dem sich Lange befand. Er überlebte nicht.

Philipp August Rappaport:

Zwangsarbeit und Überleben

In tödlicher Gefahr befand sich seit September 1944 auch Philipp August

Rappaport. Obwohl wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 als Beigeordneter

des SVR aus dem Dienst entfernt, war er zunächst bis zu einem gewissen Grad

vor Verfolgung geschützt, weil er eine »arische«, nicht jüdische Ehefrau hatte.

Nachdem die Familie von Freunden unterstützt zunächst vor Repressionen

nach Mecklenburg ausgewichen war, kehrte sie nach Essen zurück. Rappaport

erhielt private Planungsaufträge verschiedener Industrieunternehmen.

Doch nach der Reichspogromnacht 1938 wurde es schwieriger. Im September

66


Der Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk in den Jahren 1920–1945

1945

Verwaltungsgebäude des

Siedlungsverbands Ruhrkohlenbezirk

im Jahre 1945.

1944 schließlich spielte auch der Schutz durch die nicht jüdische Ehepartnerin

keine große Rolle mehr. Die Gestapo deportierte im Rahmen der sogenannten

September-Aktion jüdische Ehepartner in Arbeitslager, so auch Rappaport.

Er wurde in das Lager Vorwohle gebracht, in die Nähe von Holzminden.

Zu diesem Zeitpunkt war er fast 66 Jahre alt. Schwere Arbeit im Rahmen von

Asphalt- und Zementproduktion hätte ihn angesichts der absichtlich mangelhaften

Versorgung körperlich bald ruiniert. Doch seine berufliche Qualifikation

bewahrte ihn vor diesem Schicksal. Er wurde mit dem Zeichnen von

Plänen für den Barackenbau beauftragt. Als die alliierten Verbände Anfang

1945 immer schneller vorrückten, wurde das Lager Vorwohle verlegt, die

Insassen wurden in Marsch gesetzt. Rappaport nutzte die Gelegenheit, sich

zunächst zu verstecken und dann zu fliehen. Er kehrte nach Essen zurück.

Mitglieder der Bekennenden Kirche versteckten ihn. Noch am 14. März 1945

war sein erstes Versteck bei einem Bombenangriff zerstört worden. Aber es

war nur noch eine kurze Zeit im Untergrund zu überstehen. Am 31. März 1945

drangen amerikanische Truppen in den Essener Norden ein und am 11. April

wurde die Stadt von Dillgardt, Oberbürgermeister Essens seit 1937, dem

amerikanischen General Ridgway offiziell übergeben. Nur wenige Tage später,

am 24. April 1945, erhielt Rappaport dann von der bereits im Aufbau befindlichen

britischen Militärverwaltung die Ernennung zum Direktor des

Siedlungsverbands Ruhrkohlenbezirk und noch im selben Jahr legte er die

Denkschrift Der Wiederaufbau der deutschen Städte vor.

67


GESCHICHTE UND GEGENWART

Vom SVR zum RVR:

Geschichte

des Verbands in

den Jahren

1945–2020

HANNAH RUFF

ist Referentin beim LWL-Archivamt für Westfalen

(Archivberatung digitale Archivierung) und arbeitet für das Archiv im

»Haus der Geschichte des Ruhrgebiets« (Bochum), wo sie in der

Hauptsache für den Bestand des SVR / KVR / RVR zuständig ist.

68


Vom SVR zum RVR: Geschichte des Verbands in den Jahren 1945–2020

Der SVR 1945–1979:

Wiederaufbau 1945–1958

»Wenn der Kommunalverband im

Ruhrgebiet nicht schon bestände,

müsste er heute geschaffen werden.«

PHILIPP RAPPAPORT, 1949

1945

Der Zweite Weltkrieg endete im Ruhrgebiet bereits im April 1945 und

hinterließ vor allem in den größeren Städten eine materielle wie auch gesellschaftlich-organisatorische

Trümmerlandschaft. Um ein Mindestmaß

an Ver sorgung und Stabilität zu gewährleisten, war die britische Militärregierung

auf eine Zusammenarbeit mit der lokalen Zivilverwaltung angewiesen.

Für den Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk (SVR) bedeutete das eine nahtlose

Fortführung seiner Arbeit, wenn auch unter stark veränderten Rahmenbedingungen:

Statt der in der Verbandsordnung vorgesehenen vorausschauenden

Planungsaufgaben sollte der Verband aus Sicht der Briten nun vor allem

im Bereich des dringend benötigten Wohnungsbaus tätig werden. Der durch

den Tod Albert Langes im Januar 1945 vakant gewordene Posten des Verbandsdirektors

wurde noch Ende April kommissarisch mit dem 1933 entlassenen

Ersten Beigeordneten Philipp Rappaport besetzt, der ebenso zum Kommissar

für den Bergarbeiterwohnungsbau sowie zum Leiter für die Zentralstelle für

das Wohnungswesen in der britischen Zone mit Sitz in Lemgo berufen wurde.

Trümmer der am 10. April 1945 von

deutschen Soldaten gesprengten

Eisenbahnbrücke über die Ruhr,

Kettwig, Januar 1948. Kettwig ist

seit 1975 ein Stadtteil von Essen.

Es waren ebendiese aus den Kriegsfolgen geborenen Herausforderungen,

die die Arbeit des Verbands bis in die Mitte der 1950er Jahre prägten und

damit auch noch Rappaports Nachfolger Sturm Kegel (Verbandsdirektor von

1951 bis 1957) beschäftigen sollten. Die allgegenwärtige Zerstörung der

Infrastruktur – Wohn- und Industriegebäude, Straßen- und Schienennetze,

Versorgungs leitungen aller Art – betraf auch den Verband selbst. Das Verbandsgebäude

und damit auch die Akten und Pläne als Grundlage seiner

Arbeit waren zu großen Teilen durch Bombentreffer und ihre Folgeschäden

unbrauchbar geworden. Die Koordination des Wiederaufbaus, die eher

Koordination des Mangels denn koordinierte Planung war, fand so in provisorisch

eingerichteten Arbeitsräumen, verteilt über die Stadt Essen, statt. Auch

69


GESCHICHTE UND GEGENWART

Die zwischen 1948 und 1953

erbaute Glückauf-Siedlung in

Essen-Katernberg.

Kegel wie Umlauf sahen den Verband vor allem als entscheidende Vermittlungsinstanz

zwischen den Kräften, die sich im engen Raum an der Ruhr

entfalten wollten: Zwischen den Städten und Kreisen, der Montanindustrie

und der Wasserwirtschaft einen im Grundsatz auf Freiwilligkeit basierenden

Ausgleich zu erzielen, der eine gesunde Entwicklung des Ruhrgebiets im

oben genannten Sinne ermöglichte, stellte ihre Leitlinie für die Verbandstätigkeit

dar.

Auch mit den Kehrseiten des erfolgreichen Wiederaufbaus und Wirtschaftswachstums

musste sich der Verband aufgrund der ihm zugewiesenen Aufgaben

auseinandersetzen: Der Verbandsdirektor war als Höhere Forstbehörde

für den Erhalt und die Aufforstung des Privatwaldes ebenso zuständig wie

für die Erhaltung des Baumbestandes »im Interesse der Volksgesundheit«.

Im sowieso schon dürftigen Waldbestand des Ruhrgebiets hatte es, verursacht

durch Kriegswirtschaft und den Mangel an Brennstoffen in der unmittelbaren

Nachkriegszeit, einen besonderen Kahlschlag gegeben, dem es Einhalt zu

gebieten galt.

Aber auch die ökologischen Folgen der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung,

die im Ruhrgebiet vor allem auf einem Ausbau montan- und chemieindus trieller

Großanlagen beruhte, waren gravierend, wurden aber entweder nicht

wahr- oder bewusst in Kauf genommen. Der ökonomischen Aufbauarbeit

wurde politisch höchste Priorität gegenüber allen anderen Belangen eingeräumt,

sodass ein etwaiger Schutz der Natur nur aus wirtschaftlicher Perspektive

vertretbar erschien und sich in der Regel auf die ländlichen Gebiete

beziehungsweise auf die dort verortete Landwirtschaft bezog. Deren Vertreter

verstanden es bereits früh, sich eine starke Interessenvertretung aufzubauen,

die vehement für ihre Belange eintrat. So wurden beispielsweise die Auswirkungen

der immensen Luftbelastung durch den industriellen Schadstoffausstoß

bis zum Ende der 1950er Jahre nur in Bezug auf Nutzpflanzen und

-vieh wissenschaftlich untersucht. Mögliche gesundheitliche Folgen für die

Bevölkerung blieben ein weitgehend unerforschtes Feld, es galt das Prinzip

der Ortsüblichkeit: Wer in die Nähe einer industriellen Anlage ziehe, wisse

schließlich, dass der Himmel dort weniger blau sei. Der stärksten Interessenvertretung

der von der Luftverschmutzung besonders betroffenen Ruhr-

74


Vom SVR zum RVR: Geschichte des Verbands in den Jahren 1945–2020

gebietsbevölkerung, den Gewerkschaften, war vor allem ein Schutz und Erhalt

der industriellen Arbeitsplätze wichtig, sodass sie Forderungen nach Luftreinhaltungsgesetzen

skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden. Noch 1958

sprach sich Fritz Steinhoff (SPD), im selben Jahr zum Vorsitzenden der ersten

Nachkriegs-Verbandsversammlung gewählt, als Ministerpräsident deutlich

gegen ein Gesetz zum Immissionsschutz in Nordrhein-Westfalen aus.

Kokerei und Zeche Friedrich Heinrich,

Kamp-Lintfort 1958. Im Vordergrund

mit Kohle beladene Güterwagen.

1952

Mit der »Begrünungsaktion Ruhrkohlenbezirk«, die 1952 eingeleitet und bis

1981 fortgeführt wurde, sollte zumindest den schlimmsten Folgen Abhilfe

geschaffen werden. Mit massiven Anpflanzungen von als rauchhart geltenden

und besonders widerständigen Gehölzen auf Halden, Ödland und Brachflächen,

aber auch an den innerstädtischen Straßen und zur Einfassung von

industriellen Anlagen, sollte nicht etwa ein ästhetischeres Stadtbild

geschaffen, sondern eine verbesserte Luftqualität erzielt werden. Hier wurde

mit staat lichen und kommunalen Mitteln versucht, die Folgekosten der

privaten Wirtschaft in einem gewissen Maß zu übernehmen. Die Idee Kegels,

der das Thema der Luftreinhaltung als sehr wichtig erachtete, stattdessen das

Ver ursacherprinzip anzuwenden und eine Zwangsgenossenschaft aller

industriellen Produzenten von Luftschadstoffen zu gründen, scheiterte am

Widerstand aus Politik und Wirtschaft.

Halde bei Beeckerwerth aus

Bergematerial, Schutt,

Schlacke und Kies nach 23-jähriger

Laubholzbepflanzung, 1954.

75


GESCHICHTE UND GEGENWART

Flamingos im Westfalenpark, 1969,

im Hintergrund das Werk Phoenix der

Dortmund-Hörder-Hüttenunion AG.

Dortmund-Marten,

Zeche Germania, 1954.

Einen solchen Bedarf zu bedienen setzte sich Dietrich Springorum, seit

1967 beim Verband für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, zum Ziel:

»Mit Optimismus und dem Vorzeigen dessen, was sein könnte wenn, sollte

den Folgen der Bergbaukrise begegnet, sollte Resignation überwunden,

sollten neue Horizonte aufgezeigt werden.« Formuliert wurde dieser Satz

zwar im Hinblick auf die nie realisierte Ruhr-Expo, er lässt sich aber ebenso

als Leitlinie einer neuen Form von Öffentlichkeitsarbeit verstehen, die

eine Neuausrichtung des Blicks auf das Ruhrgebiet von innen und außen

anstoßen wollte. Die neu gegründete Abteilung war dem Verbandsdirektor

unmittelbar zugeordnet und erfuhr dessen Unterstützung, auch wenn die

ungewohnte Vorgehensweise teilweise zu heftigen Kontroversen mit der

Verbands versammlung (Kosten und Planung der Ruhr-Expo) oder den Presseabteilungen

der Städte (fehlende Abstimmung bei eigenwilligen Kampagnen)

führte. Dass der bisher geführte marketingtechnische Verdrängungswettbewerb

unter den Städten weder für den einzelnen noch für die Region in

der Gesamtheit Erfolge zeitigte, war das Ergebnis einer 1971 im SVR-Auftrag

durchgeführten sozialwissenschaftlichen Studie von Friedrich Landwehrmann.

Auch wenn die Zusammenarbeit mit dem SVR in einigen Bereichen

durchaus als Bereicherung angesehen wurde (Schulführer Ruhrgebiet,

Industriestandort Ruhr, Veranstaltungskalender Kultur Information Ruhr),

schienen einigen Stadtvertretern die teils utopisch, teils provozierend

ausgerichteten Ausstellungen, Projekte und Veröffentlichungen genauso

fremd und ablehnenswert zu sein wie die zeitgleich sich artikulierenden

Ansprüche der ersten Nachkriegsgeneration.

88


Vom SVR zum RVR: Geschichte des Verbands in den Jahren 1945–2020

Essen, Zeche Zollverein, Schacht XII,

Blick auf Fördergerüst und

Koks kohlenbunker, 1960er Jahre.

1976

Statt in Hochglanzprospekten zu betonen, dass es hier ja auch grün sei,

hielt der Verband den Zeitpunkt für gekommen, die artifizielle Basis des Ruhrgebiets,

die ja schon immer auch Faszination ausgelöst habe, durch künstlerische

Überhöhung zum An ziehungs punkt der Region umzugestalten, kurzum

den »Charakter der Industrielandschaft […] konsequent zu nutzen.« Was

heute als Industriekultur zahl reiche Besucher ins Ruhrgebiet zieht, mutete

1969 noch reichlich abstrakt und wenig überzeugend an. Dennoch brachte

der Verband die Idee in die Welt, Fortschritt und Experimentierfreude sollten

die neuen Markenzeichen des einstigen Reviers werden. In diesem Sinn

wurden Ausstellungen mit teils renommierten – etwa Arnold Bode, Gründer

der documenta in Kassel – teils noch unbekannten Kulturschaffenden – wie

Roland Günter und HA Schult – konzipiert, die jedoch eher ein intellektuelles

Publikum ansprachen. Größere Erfolge erzielte der SVR mit seiner Wanderausstellung

Ruhrgebiet – heute schon Zukunft, die 1971 aus einer Zusammenarbeit

mit dem Goethe-Institut in Rom hervorging und auch an weiteren

Standorten in Frankreich, Italien und England gezeigt wurde. 1976 konnte die

Ausstellung auf Einladung der Sowjetunion in Rostow und Donezk als erste

Präsentation einer bundesdeutschen Region gezeigt werden. Trotz oder wegen

des großen Zuspruchs – es kamen ca. 300.000 Besucher – wurde der dritte

Ausstellungstermin im litauischen Vilnius durch die sowjetischen Behörden

abgesagt. Das diente nicht nur der Werbung für das Ruhrgebiet im Ausland,

sondern auch für die Arbeit des Siedlungsverbands auf landespolitischer

Ebene: »[D]er existenz gefährdete Aussteller erzielt mit römischem Aha-Effekt

Rückkoppelungs wirkungen zu Hause. Gezielte Indiskretionen in Rom bringen

daheim Schlagzeilen und parlamentarische Anfragen«, so Springorums Fazit.

89


GESCHICHTE UND GEGENWART

Im Ergebnis stabilisierte sich der Raum Ruhrgebiet im gesellschaftlichen

Bewusstsein, sodass im Endeffekt auch die teils scharfen Angriffe auf den

KVR von Innenminister Behrens nicht zu einer Schwächung führten.

Schrittweise Stärkung

der institutionellen Klammer

der Region

Die Reformbemühungen in Bezug auf die administrative Organisation des

Ruhrgebiets wurden auch nach dem Wechsel Clements in die Bundespolitik

2002 fortgeführt. Fritz Behrens, unter dem neuen Ministerpräsidenten

Peer Steinbrück (SPD) weiterhin verantwortlich für die Entwicklung der

Verwaltungsstrukturreform, zog lediglich eine auf Freiwilligkeit basierende

interkommunale Kooperation in Betracht.

Doch weder dies noch eine umfassende Strukturreform der Verwaltung

waren kurzfristig realisierbar, sodass sich die Regierungskoalition auf eine

Kom promisslösung einigte. Mit dem 2004 verabschiedeten »Gesetz zur

Stärkung der regionalen und interkommunalen Zusammenarbeit der Städte,

Gemeinden und Kreise in Nordrhein-Westfalen« wurde der Regional -

verband Ruhr (RVR) zum 1. Oktober 2004 Rechtsnachfolger des KVR. Als erster

Regional direktor des neuen Verbands wurde Heinz-Dieter Klink (SPD) gewählt,

bis zu dessen Amtsantritt am 1. März 2005 führte die CDU-Politikerin Christa

Thoben den Verband durch die Übergangszeit. Statt eines Verbandsausschusses

besaß der RVR zunächst einen Vorstand, der sich aus den Vorsitzenden

der Ver tretungen der Mitgliedskörperschaften und den Vorsitzenden

der in der Verbandsversammlung gebildeten Fraktionen zusammensetzte.

Im neuen Gesetz über den RVR war den Kommunen auch eine Beendigung

der Mitgliedschaft, erstmals zum 1. Oktober 2009, eingeräumt worden. Auch

wenn im Endeffekt bis heute kein Mitglied davon gebraucht gemacht hat,

sorgte dieser Passus vor allem in den ersten Jahren für Austrittstendenzen

einzelner Kommunen.

Im Hinblick auf die Aufgaben ging der Verbandsspitze die Reform nicht weit

genug, denn statt der Kompetenz zur Landesplanung war lediglich die

Aufstellung sogenannter Masterpläne zum Auftrag geworden. Die CDU bemängelte

eine vorschnelle Entscheidung und einen Vorgriff auf eine umfassende

Verwaltungsreform – die Debatte kam auch in der Folge nicht zur Ruhe.

98


Vom SVR zum RVR: Geschichte des Verbands in den Jahren 1945–2020

Ein entscheidender Fortschritt in Bezug auf die seit Jahren geforderte echte

Stärkung des Verbands konnte 2007 mit dem »Gesetz zur Übertragung der

Regionalplanung für die Metropole Ruhr auf den Regionalverband Ruhr«

verzeichnet werden. Danach wurde der Regionaldirektor als zuständige staatliche

Regionalplanungsbehörde und die Verbandsversammlung als regionaler

Planungsträger gesetzlich verankert. Mit Inkrafttreten des Gesetzes, das

auf den Zeitpunkt der Bekanntmachung des Ergebnisses der Kommunalwahl

2009 terminiert war, besaß der Verband endlich wieder die Möglichkeit und

die Mittel, den Zweck, zu dem er 1920 ursprünglich ins Leben gerufen worden

war, zu erfüllen: die einheitliche räumliche Entwicklung der Region zu

fördern. Mit der Wahl Karola Geiß-Netthöfels (SPD) zur Regionaldirektorin

in der Nachfolge von Heinz-Dieter Klink leitet seit 2011 zum ersten Mal in

der Geschichte des Verbands eine Frau dessen Geschicke.

Direktwahl des

Ruhrparlaments

2020

Während bereits das Gesetz von 2007 mit der Abschaffung des Vorstands

und der Reinstallation eines gewählten Verbandsausschusses einen Schritt

in Richtung regionalpolitischen Ausgleichs innerhalb der Verbands strukturen

vorsah, konnte mit dem 2015 verabschiedeten »Gesetz zur Stärkung

des Regionalverbands Ruhr« ein weiterer Erfolg in dieser Hinsicht erreicht

werden. Das Gesetz erweiterte nicht nur den Katalog der freiwilligen

Auf gaben hinsichtlich regional bedeutsamer Kooperationsprojekte, der

Förderung des Klimaschutzes und der Nutzung erneuerbarer Energien,

der Verkehrsentwicklungsplanung sowie der Vernetzung der Europaarbeit;

es ermöglichte zudem insbesondere die Direktwahl der Mitglieder

der Verbandsversammlung durch die Bürger der Mitglieds kommunen.

Mit diesem Meilenstein, der mit der Kommunalwahl 2020 stattfindenden

direkten Wahl des Ruhrparlaments, besteht für die Region erstmals

die Möglichkeit, die Geschicke für ihre Entwicklung in die eigenen Hände

zu nehmen und ihre Zukunft zu gestalten.

99


GESCHICHTE UND GEGENWART

in Nord-Süd-Richtung gegliedert. Für die West-Ost-Achse entlang des Rhein-

Herne-Kanals und der Emscher wurde im GEP ’66 das regionalplanerische

Ziel der »Verdichtungsräume der Schwerindustrie« formuliert. Eine Zielformulierung,

die freiraumplanerisch erst mit der Konzeption zum Emscher

Landschaftspark aufgelöst werden konnte.

Nach dem Verlust der Planungshoheit für die Regionalplanung 1979 wurde

das Konzept der Regionalen Grünzüge im informellen Konzept »Regionales

Freiraumsystem Ruhrgebiet« (RFR’85) weiterentwickelt. Das RFR ’85

wurde langfristiges Leitbild der Freiraumentwicklung und war als Leitlinie

für die Fortschreibung des Verzeichnisses der Verbandsgrünflächen

und alle freiraumbezogenen Dienstleistungen des Kommunalverbands

Ruhrgebiet (KVR) sowie für seine Liegenschaftspolitik gedacht.

Der Siedlungsverband Rurkohlenbezirk (SVR) machte auch neben der Regionalplanung

gegen Ende der 1960er Jahre Freiraum- und Freizeitpolitik

mit zu seinem zentralen Aufgabenfeld. So entstand 1967 ein Freizeitkonzept

mit den als Revierparks bezeichneten fünf Freizeitparks. Die Revierparks

wurden zum Markenzeichen eines Parkkonzepts, das in Lage, Zielgruppe,

Programm und Ausstattung an die Volksparkidee der 1920er Jahre anknüpfte.

Regionales Grünflächensystem

aus dem Atlas zur

Regionalplanung von 1960.

Das Landschaftsgesetz (LG) »NW 1975« verpflichtete die Kreise und kreisfreien

Städte, rechtsverbindliche Landschaftspläne (LP) aufzustellen. Die Er-

arbeitung der Entwürfe dafür wurde weitgehend dem SVR / KVR übertragen.


Von Robert Schmidt zur IGA Metropole Ruhr 2027

Das förmliche Aufstellungsverfahren oblag den Trägern der Landschaftsplanung.

Im Verbandsgebiet waren räumlich bedingt 49 LP aufzustellen.

Bis zum Anfang der 1990er Jahre hatte der KVR für seine Verbandsmitglieder

42 Planentwürfe erarbeitet. Neben originären Zielen der LP für die Sicherung

und Entwicklung von Natur und Landschaft lagen nun mit den LP um -

fassende ökologische Grundlagen für alle Planungsebenen vor. Der Geltungsbereich

der LP NW gilt jedoch nur für den landschaftlichen Außenbereich.

Um das freiraumplanerische Vakuum zur Bauleitplanung auszufüllen,

wurde beim SVR / KVR ab 1975 die Freiflächenplanung entwickelt: formal

unver bindliche Planungen mit Zielaussagen zur Grünflächenentwicklung

und deren Nutzung. Der KVR beauftragte als Gesamtkoordinator dafür

freie Planungsbüros. Bis Mitte der 1980er Jahre wurden 26 solcher Freiflächen

pläne als Grundlage für die kommunale Planung erarbeitet.

Jenseits der Möglichkeiten der LP wurde 1986 das »Naturschutzprogramm

Ruhrgebiet« (NSPR) initiiert. Das gemeinsam vom Land (MURL), der

Landes anstalt für Ökologie, den Bezirksregierungen und dem KVR entwickelte

Programm förderte konkrete Biotopentwicklungsmaßnahmen in

der Emscher zone. Das Programm war neben den Kommunen auch offen

für Bürger, Vereine und Verbände. Die Geschäftsführung oblag dem KVR.

Im Zeitraum von 1986 bis 1995 wurden nach diesem Programm in der

Emscherzone insgesamt rund 25,6 Millionen Euro für ökologische Maßnahmen

investiert.

Herne, geplanter Standort des

Revierparks Gysenberg, 1963.

103


GESCHICHTE UND GEGENWART

Eine lange Vorgeschichte

gescheiterter Großreformen

Anläufe für umfassende Reformen gab es dort mehrfach. Ende der 1990er

Jahre wollte Ministerpräsident Wolfgang Clement die Landschaftsverbände

und die Bezirksregierungen auflösen und den RVR-Vorläufer Kommunalverband

Ruhr (KVR) nach dem Ende der IBA durch eine Agentur ersetzen. Doch

nach heftigem Widerstand ließ Rot-Grün den Plan fallen. Allerdings verloren

die Landschaftsverbände dann die Zuständigkeit für den Straßenbau. Diese

Aufgabe bündelte das Land 2001 im neu gegründeten Landesbetrieb Straßenbau

Nordrhein-Westfalen (Straßen.NRW) mit Hauptsitz in Gelsenkirchen.

Nach dem Regierungswechsel im Jahr 2005 wollte die schwarz-gelbe Landesregierung

unter Ministerpräsident Jürgen Rüttgers das Land ebenfalls neu

ordnen. Es sollte ein großer Wurf werden. Die fünf Regierungsbezirke sowie

die beiden Landschaftsverbände sollten zu drei Regionalpräsidien für das

Rheinland, das Ruhrgebiet und für Westfalen zusammengelegt werden.

Doch der Reformeifer erlahmte auch diesmal. Wieder waren aus Westfalen

die heftigsten Bedenken gekommen. Von dem Landesteil bleibe mit der

Bildung eines Regierungsbezirks Ruhr nur noch »Restfalen« übrig, hieß es.

So beließ man es dann lieber bei der Aufteilung des Ruhrgebiets auf die

Regierungs bezirke Düsseldorf, Arnsberg und Münster.

Wie 2005 im Koalitionsvertrag angekündigt, erhielt der RVR aber im

Oktober 2009 die staatliche Planungshoheit von den drei Bezirksregierungen

zurück. Nach einer Auszeit von 34 Jahren ist der älteste Kommunalverband

Deutschlands seither wieder zuständig, wofür er mit dem Visionär

Robert Schmidt an der Spitze 1920 unter dem Namen Siedlungsverband

Ruhrkohlenbezirk (SVR) gegründet worden war: die Regionalplanung.

Auch hier stößt man auf einen Ruhrgebietswiderspruch, der sich später als

produktiv erweisen sollte: Der Urbanisierungsmotor SVR bewirkte just

mit seiner größten Tat, der Errichtung von fünf Grüngürteln, dass das Ruhrgebiet

eben nicht zu einer großen Stadt zusammenwuchs.

110


Direkte Wahl

Eine Metropole nach

menschlichem Maß

Heute gibt es genau deshalb die Chance, den größten Ballungsraum Deutschlands

beispielhaft zu einer auch unter den Bedingungen des Klimawandels

lebenswerten Metropole neuen Typs, zu einer Metropole nach menschlichem

Maß weiterzuentwickeln. Es geht um einen Gegenentwurf zu den wuchernden

Mega-Moloch-Citys dieser Welt. Der Regionalplan, der dann als planungsrechtlicher

Rahmen für die RVR-Mitgliedskommunen dient, ist für dieses

ehrgeizige Projekt das zentrale Steuerungsinstrument. Denn einmal verabschiedet,

hängt von ihm für Jahre und Jahrzehnte ab, wo Wohnraum gebaut,

wo Gewerbe angesiedelt wird und wie viele Arbeitsplätze entstehen, wo und

wieviel (neues) Grün notwendig ist.

Nach der Rückübertragung der Planungshoheit ist die Direktwahl der Verbandsversammlung

die zweite bedeutsame Stärkung für den RVR. Sie kann zur

Überwindung der vielbeklagten Kirchturmpolitik beitragen – eben weil ihre

Vertreter nicht mehr von den Kreistagen und Räten entsandt werden, sondern

per Listenwahl zu ihrem Mandat kommen.

NRW-Landtag in der Landeshauptstadt

Düsseldorf:

zuständig für das RVR-Gesetz.


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA

Grüne Städte-

Landschaft

der Zukunft

NINA FRENSE

ist Beigeordnete im Regionalverband Ruhr

für den Bereich Umwelt und Grüne Infrastruktur

und verantwortet die Handlungsfelder

Klima, Umwelt, Regionalparks,

Flächenmanagement und RVR Ruhr Grün

sowie das Dekadenprojekt Internationale

Gartenausstellung 2027 für den RVR.

SABINE AUER

ist Diplom-Ingenieurin Landschaftsund

Freiraumplanung und

seit 2008 im Regionalverband Ruhr,

Bereich Umwelt und Grüne

Infrastruktur, für konzeptionelle

Entwicklung und Kommunikation

verantwortlich.

120


Grüne Städte- Landschaft der Zukunft

Die Große Transformation

der Metropole Ruhr

Wir leben im Zeitalter des Anthropozäns, in dem der

Mensch global wesentliche ökologische und atmo -

s phärische Veränderungsprozesse beeinflusst. Klimawandel

und Artensterben erfordern nach wissenschaftlichen

Erkenntnissen schnelles und entschlossenes

Handeln. Es geht nun um das große Ganze, um das Fortbestehen

einer lebensfähigen Umwelt und die Frage,

was die Metropole Ruhr dazu beitragen kann, damit

der Menschheit die Große Transformation zu einer

klimaverträglichen Gesellschaft noch gelingt.

Die Herausforderungen sind in unserer dicht besiedelten

Region mit mehreren Zentren besonders groß. Wir haben

einen hohen Bedarf an Mobilität, aber einen unzureichend

ausgebauten Nahverkehr ohne zentrale, einheitliche

Steuerung. Viele Menschen nutzen daher das Auto,

auch für kurze Strecken, noch viel zu häufig. Mit Beendi

gung des Steinkohlenbergbaus und der Abwanderung

damit vernetzter großer Industrien haben sich soziale

Lagen verändert. Das, was hier über die integrierende

harte Arbeit besonders gut funktionierte, ein sich

Begeg nen auf Augenhöhe, droht aus dem Gleichgewicht

zu geraten. Aus- und Abgrenzungstendenzen könnten

stattdessen Raum gewinnen. All das ist nicht ruhrgebiets

spezifisch, sondern in seiner Gesamtheit typische

Folge von De-Industrialisierungsprozessen. Es taugt

daher nicht als Aufreger und sollte auch nicht Nährboden

für populistische Forderungen sein, aber es zwingt uns

zum Handeln.

Die Stadt der Zukunft ist reich an

urbanem Grün. Städte-Landschaft in Essen,

mit Blick über den Krupp-Park.


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA

Strategisches

Liegenschaftsmanagement

Eine besondere Stärke des RVR ist es, dass er mit gesamtregionaler

und kooperativer Perspektive alle Planungsebenen

vom Regionalkonzept bis zur lokalen Baustelle

inklusive eines systematischen Pflegemanagements

unter einem Dach vereint. Auf eigenen Flächen und

in Kooperation mit den Kommunen und Kreisen gestaltet

er Halden und Landmarken, Parks und Landschaften

für Freizeit, Erholung und Tourismus. Rad- und Wanderwege

ver netzen diese Flächen und machen sie in der

regionalen Städte-Landschaft erlebbar. Das dichte regionale

Radwegenetz mit Anschluss an die städtischen

Wegebeziehungen setzt ein klares Signal für zukunftsfähige

umweltfreundliche und klimaschonende

Alltags- und Freizeit-Mobilität. Diese dienstleistungsorientierte

Zusammenarbeit mit den Kommunen wird

in den nächsten Jahren weiter intensiviert.

Der RVR sichert durch Grunderwerb Freiraum vor baulicher

Inanspruchnahme und entwickelt diesen

systematisch als Teil des Regionalen Freiraumsystems

und nach Qualitätsmaßstäben einer multifunktionalen

Grünen Infrastruktur.RUHR. Die Liegenschaften des

RVR in der Metropole Ruhr umfassen rund 18.000 Hektar

Gesamt fläche. Auf diesen Flächen kann er nicht nur

mit Modellprojekten gestalterische Maßstäbe setzen

sowie Natur- und Umweltschutz fördern, sondern er

betreibt zielgerichtete gemeinwohlorientierte Vorsorge,

damit auch zukünftige Generationen eine lebenswerte

Umwelt in der Metropole Ruhr vorfinden. Auf

seinen Waldflächen und insbesondere auf ehemaligen

Flächen der Montanindustrie, wie zu Radwegen

um gebauten Bahntrassen und als Landmarken gestalteten

Berge halden, leistet der RVR einen wesentlichen

Beitrag zur landschaftsbezogenen und für alle

Bevölkerungs schichten erschwinglichen Freizeit-,

Erholungs- und Tourismusnutzung.


Grüne Städte- Landschaft der Zukunft

Nachhaltige urbane Waldnutzung:

Ökologie und Teilhabe –

Klima- und Umweltschutz

Der RVR gehört mit 15.600 Hektar Waldbesitz zu den

größten Körperschaftswaldbesitzenden Deutschlands.

Der Eigenbetrieb Ruhr Grün bewirtschaftet rund 20

Prozent der Waldflächen der Metropole Ruhr mit rund

115 Forst bediensteten und Auszubildenden. Die Städte-

Landschaft umfasst unterschiedliche Waldtypen:

großflächige Buchen-, Eichen- und Kiefernwälder in der

Haard und dem Naturpark Hohemark; den Emscherbruch

im ehemaligen Überschwemmungsgebiet der

Emscher; Stadtwälder wie in Witten und Industriewälder

aus Pionierbaumarten wie Robinie und Birke auf

eins tigen Zechenarealen wie Rheinelbe in Gelsenkirchen

oder auf Bergehalden wie der Schurenbachhalde in

Essen. Die Waldbewirtschaftung und -pflege ist in dieser

Region in besonderem Maße der Multifunktionalität

und der Nachhaltigkeit für alle Ökosystemleistungen

des Waldes verpflichtet.

So entsteht für die gesamte Fläche ein nachhaltiger Dreiklang

aus Ressourcennutzung für den nachwachsenden

Rohstoff Holz, integrativem Naturschutz mit arten- und

strukturreichen Wäldern und der Erholungsfunktion.

Da sich Sport- und Freizeitnutzungen immer stärker

differenzieren, wird auch die Ausstattung von Waldwegen

und Aufenthaltsbereichen zunehmend anspruchsvoller.

Die Herausforderungen für die Zukunft sind der fortgeführte

Umbau in vielfältige, strukturreiche Waldbestände

zur Anpassung an den Klimawandel mit längeren Trockenphasen

und extremeren Stürmen und die gebietsangepasst

gesteuerte Kombination von Naturschutz und

attraktiven Freizeiterlebnissen. Waldumbau labiler Bestände

und Aufforstungen zu standortgerechten strukturierten

Mischbeständen spielen dabei eine wichtige Rolle. 5

Nachhaltige Waldbewirtschaftung ist bereits heute ein

effektiver Beitrag zum Klimaschutz. Waldflächen in der

Metropole Ruhr speichern jährlich mehr als 800.000

Tonnen CO₂. Als Zukunftstrend wird der RVR-Eigen betrieb

Ruhr Grün nicht nur auf verbandseigenen Flächen, sondern

noch stärker als Dienstleister für die kommu nalen

Wälder seiner Verbandsmitglieder im Einsatz sein.

Der Weltbiodiversitätsrat IPBES hat in seinem Bericht

vom 4. Mai 2019 deutlich gemacht, dass das Artensterben

derzeit bis zu 100 Mal schneller voranschreitet als in den

letzten zehn Millionen Jahren und wichtige Lebensgrundlagen

des Menschen gefährdet. So sind eine Million

von acht Millionen auf der Erde vorkommenden Tierund

Pflanzenarten akut in den nächsten Jahrzehnten vom

Aussterben bedroht. 6 Die Förderung der Biodiversität ist

daher essenziell für eine zukunftsfähige Metropole Ruhr

und die Strategie Grüne Infrastruktur.RUHR des RVR.

1660 Hektar verbandseigener Wald und Freiflächen liegen

in Schutzgebieten nach der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie,

mit der sich die Europäische Union der UN-Biodiversitätskonvention

von Rio 1992 verpflichtet hat. 800 Hektar

liegen in Vogelschutzgebieten. RVR Ruhr Grün betreut

insgesamt 93 Naturschutzgebiete auf rund 4550 Hektar

Fläche, zumeist in enger Kooperation mit den sieben biologischen

Stationen im Ruhrgebiet. Auf ausgewählten

Flächen werden modellhafte Naturschutzmaßnahmen wie

die Waldweide mit Pfauenziegen oder die Grünlandbeweidung

mit Heckrindern umgesetzt. Auch Bauprojekte im

urbanen Raum wie die Erneuerung der Revierparks setzen

vielfältige Maßnahmen zum Arten- und Biotopschutz um.

links: Brücken sind Landschaftskunst

und Symbole für das regionale Radwegenetz.

Errichtung der preisgekrönten

Grimberger Sichel über den Rhein-

Herne-Kanal mit Schwimmkran 2008

durch den RVR.

rechts: Die nachhaltige urbane Waldnutzung

in RVR-Wäldern berücksichtigt

ökologische, ökonomische und soziale

Kriterien, wie das PEFC-Siegel bestätigt.


Der Zollverein Park vermittelt

die landschaftliche Dimension

des industriellen Erbes. Das

Programmziel »Arbeiten im Park«

des Emscher Landschaftsparks

hat sich auf dem UNESCO-

Welterbe-Areal erfüllt: Neben

Museen und Kulturinstitutionen

haben sich auch Wirtschaftsunternehmen

und die Folkwang

Universität der Künste mit einem

Bildungscampus angesiedelt.


LANDSCHAFTS ENTWICKLUNG UND STRATEGISCHE GROSSPROEKTE

Landschaftsentwicklung

und strategische

Großprojekte

NINA FRENSE

ist Beigeordnete im Regionalverband Ruhr

für den Bereich Umwelt und Grüne Infrastruktur

und verantwortet die Handlungsfelder Klima,

Umwelt, Regionalparks, Flächenmanagement und

RVR Ruhr Grün sowie das Dekadenprojekt Internationale

Gartenausstellung 2027 für den RVR.

SABINE AUER

ist Diplom-Ingenieurin Landschaftsund

Freiraumplanung und seit 2008

im Regionalverband Ruhr, Bereich

Umwelt und Grüne Infrastruktur,

für konzeptionelle Entwicklung und

Kommunikation verantwortlich.

131


oben: Gäste und Einheimische

schätzen den weiten Panoramablick

vom Haldentop, hier

Halde Großes Holz in Bergkamen.

mittig: Die Halde Beckstraße mit

dem Tetraeder in Bottrop wurde

zum identitätsstiftenden Symbol

für Kultur, Landschaft und

Tourismus in der Metropole Ruhr.

unten: Das Haldenerlebnis gibt

Veranstaltungen einen spektakulären

Rahmen. Hier ein Konzert

der Boredoms zur Ruhrtriennale 2012

auf der Halde Haniel in Bottrop.

rechts: Haldenvielfalt in Topo grafie,

Material und Bewuchs ermöglicht

unterschiedliche Funktionen

und Nutzungsschwer punkte für

die zukünftige Gestaltung.


LANDSCHAFTS ENTWICKLUNG UND STRATEGISCHE GROSSPROEKTE

Haldenlandschaft

Metropole Ruhr

Bergehalden erzählen die Geschichte vom Wandel des

Steinkohlenreviers zur grünen Städte- und Kulturlandschaft

in essenzieller Weise. Sie haben die Wahrnehmung

des Ruhrgebiets ikonografisch verändert,

hin zu einer kulturell enorm vielfältigen, lebenswerten

und erlebnisreichen Region. Gäste erleben auf einem

Haldengipfel immer noch das Überraschungs moment

eines weithin grünen Rundumblicks. Im kleinteiligen

Raummosaik der polyzentrischen Metro pole, besonders

im natürlicherweise reliefarmen Emschertal, sind

die Halden starke, orientierunggebende Zeichen.

Als »Panoramen der Industriekultur« und Landmarken

im Emscher Landschaftspark sind sie hoch attraktiv

für Freizeit nutzung und Tourismus.

Der RVR hat bereits in den 1950er Jahren maßgeblich

Pionierarbeit im Bereich Haldenbegrünung geleistet und

seine Expertise ist bis heute international in anderen

Bergbaufolgelandschaften gefragt. Die Öffnung für

die Bevölkerung zur Erholung und die gestalterische

Überhöhung mittels künstlerischer Landmarken begann

im Rahmen der IBA Emscher Park in den 1980er Jahren.

2019 ist der RVR Eigentümer von 38 Halden mit 1300 Hektar

Fläche. Verhandlungen zur Übernahme von rund 20

weiteren Halden nach Abschluss des Steinkohlebergbaus

laufen derzeit. Für diese Halden wurden in einem Konzept

Potenziale und Gestaltungsoptionen für Freizeit, Erholung,

Tourismus, Imagebildung / Landmarken, Biodiversität

und Ökologie, Wald, energetische Nutzung (Wind, Sonne),

gewerbliche und weitere Nutzungen untersucht.

Auf dieser Grundlage sollen auch die vorhandenen Halden,

je nach Funktionszuweisung, mit Freizeitinfrastruktur

und einheitlichen Leitsystemen ertüchtigt werden. Da sich

die Freizeitnutzungen immer weiter ausdifferen zieren,

vom Wandern und Radfahren hin zu diversen Trendsportarten

wie Mountainbiken oder Kiten, werden auch die

Halden insgesamt vielfältiger und multifunktionaler

gestaltet werden. Denn die Haldenlandschaft ist herausragender

Teil des Netzwerks Grüne Infrastruktur.RUHR.

Rahmen-Nutzungskonzept zur Weiterentwicklung

von 24 Halden in der Metropole Ruhr (Topografien).

137


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA

IGA Metropole Ruhr 2027

Die Internationale Gartenausstellung (IGA) Metropole

Ruhr 2027 beantwortet mit ihren Projekten die Leitfrage

»Wie wollen wir morgen leben?«. Als aktuelles Dekadenprojekt

der Stadt- und Landschaftsentwicklung in

der Metropole Ruhr führt sie damit den Strukturwandel

im Sinne der Großen Transformation fort, bringt

das regionale Netzwerk der Grünen Infrastruktur zur

Reife und entwickelt Lebensqualität für die Zukunft.

An diesem weltgrößten Gartenfestival wird die gesamte

Region teilhaben. Verbunden sind damit sowohl ein

nachhaltiger Imagegewinn als auch ein neuer Schub an

Investitionen in die Städte-Landschaft.

Die Ebene »Unsere Gärten« präsentiert die gesamte

Metropole als neue grüne, touristisch erlebbare Städte-

Landschaft. So wird die Grüne Infrastruktur als lebendiges

und nutzbares Netzwerk aus Parks, Gartenkunst,

Stadtraumbegrünung, Wegenetz und Wasserachsen

greifbar. Auf der Mitmachebene »Mein Garten« kommen

lokale Initiativen, urbane Gärten, Kleingartenvereine

oder künstlerische Interventionen im Stadtraum zur

Geltung. Sie zeigen, wie wichtig bürgerschaftliches

Engagement und das gemeinsame Gestalten für die Stadt

der Zukunft sind und welche neuen Bildungs- und Teilhabemodelle

dafür gefunden werden können.

Auf drei Ebenen wirken dafür der RVR, Kommunen,

Kreise und lokale Initiativen regional zusammen:

Drei »Zukunftsgärten« – in Duisburg, Gelsenkirchen und

Dortmund – bilden die internationalen Schaufenster

und Innovationslabore für Kernthemen wie Klimaresilienz,

umweltfreundliche Mobilität, integrierte Stadtentwicklung,

neuartige Bauweisen mit voll recycelbaren

Materialien oder die »Essbare Stadt«. Sie zeigen außerdem

gärtnerische Blumen- und Leistungsschauen und

sind Spielorte der Hauptevents. Zwei weitere Zukunftsgärten

ohne Blumenschau – in Bergkamen / Lünen

und in Herne / Herten / Recklinghausen / Castrop-Rauxel –

ergänzen die internationale Ebene.

Der Bereich Umwelt und Grüne Infrastruktur im RVR

ist Initiator für die IGA Metropole Ruhr 2027. Er hat den

Entwicklungsprozess mit den Mitgliedskörperschaften

und dem Land Nordrhein-Westfalen moderiert und

sorgt für die Nachhaltigkeit und die Einbindung der IGA-

Projekte in die regionalen Strategien zur Freiraumentwicklung.

Eine Durchführungsgesellschaft steuert die

Umsetzung bis zum Event 2027. Alle dauerhaften Elemente

der IGA Metropole Ruhr 2027 sind der nachhaltigen

Nutzung als Grüne Infrastruktur.RUHR verpflichtet. Über

ihr Mobilitätskonzept kann die IGA multimodale Knotenpunkte

entwickeln und umweltfreundliche Verkehrsmittel

fördern. Es zeichnet sich bereits ab, dass die Investitionen

weitreichende wirtschaftliche und soziale Effekte

und starke Innovationsimpulse erzielen werden.


LANDSCHAFTS ENTWICKLUNG UND STRATEGISCHE GROSSPROEKTE

oben: Das Raumkonzept der

dezentralen IGA Metropole Ruhr 2027

umfasst drei Ebenen.

links: Die Blumenschauen in den

Zukunftsgärten sind Attraktionen für

internationale Gäste ebenso wie

für Menschen aus der Metropole Ruhr.

unten: Die Zukunftsgärten der IGA

sind visionäre Raumlabore für

globale Herausforderungen der grünen

Stadtentwicklung.


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA

160


Herausforderung Klimaresilienz

links: Fotovoltaik-Dachanlagen.

oben: Windkraftanlagen.

161


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA

Neue Wege zur

Zukunftsgestaltung

der Metropole Ruhr

Regionalplanung

und Regionalentwicklung

unter einem Dach

MARTIN TÖNNES

war von 2011 bis 2019

Beigeordneter des Bereichs

Planung im Regionalverband Ruhr.

MARIA T. WAGENER

leitet seit 2010 das Referat

Regionalentwicklung

im Regionalverband Ruhr.

162


Neue Wege zur Zukunftsgestaltung der Metropole Ruhr

Der Regionalverband Ruhr (RVR) besitzt als regionaler

»Kümmerer« und Gestalter von Planungsprozessen eine

fast 100 Jahre währende Tradition, insbesondere in

Bezug auf die Freiraumentwicklung und die Sicherung

von Grünzügen. In den vergangenen zehn Jahren erfolgten

mehrere Novellen des RVR-Gesetzes, die zu einem

Aufgaben- und Bedeutungszuwachs des RVR beziehungsweise

der regionalen Handlungsebene führten. Seit der

Rückübertragung der Regionalplanungskompetenz

2009 ist eine enge Verzahnung zwischen formeller und

in formeller Planung für die Stadt- und Regionalentwicklung

in der Metropole Ruhr möglich: nicht zuletzt

dadurch, dass der RVR nun auch personell beziehungsweise

als Organisationseinheit Regionalentwicklung und

Regionalplanung unter einem Dach vereint.

Bei der Neuaufstellung des Regionalplans Ruhr erprobt

der RVR in kooperativer Zusammenarbeit mit den

53 Kommunen des Verbandsgebiets eine neue Form

der strategischen Regionalplanung, bei der informelle

Planungsinstrumente integraler Bestandteil sind.

Der hierfür angestoßene umfangreiche Beteiligungsprozess,

der sogenannte Regionale Diskurs, 1 setzt seit

2011 auf Transparenz und Kooperation auf Augenhöhe

und beinhaltet verschiedene Formate und miteinander

vernetzte Stränge: stadt- und teilregionale Gespräche,

Regionalforen und Fachdialoge, einen Ideenwettbewerb

Zukunft Metropole Ruhr, 2 informelle Planungen mit

Regionalanalysen, Netzwerke und ergänzende Konzepte,

begleitet durch einen kommunalen Arbeitskreis sowie

einen Beirat. In diesem Prozess gehen die relevanten

Agierenden den Weg in die Zukunft der Metropole Ruhr

gemeinsam und gestalten den Erarbeitungsprozess

zum Regionalplan Ruhr aktiv mit.

Rund 2500 Personen sind am bisherigen Prozess

des Regionalen Diskurses beteiligt und haben mit ihrem

jeweiligen spezifischen Fachwissen die Zukunftsentwicklung

für die Metropole Ruhr ergänzt und bereichert.

Mehr als 30 Mal erfolgten Gremienbefassungen im Planungsausschuss

des RVR unter der fachkundigen Leitung

des Vorsitzenden Oberbürgermeister Bernd Tischler

sowie in der Verbandsversammlung des RVR zu den einzelnen

Schritten und Inhalten des Regionalen Diskurses.

Regionalforum Wege.


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA

oben: Flächen für bestehendes und neues Wohnen in der Metropole Ruhr.

unten: Neue Räume für neue Arbeitsplätze.

170


Der neue Regionalplan Ruhr

Gleichzeitig und darüber hinaus soll der Regionalplan

Ruhr eine Zukunftssicherung für die Ansiedlung von

Großbetrieben schaffen, die mehr als 100.000 Quadratmeter

Betriebsfläche benötigen. Um die künftige Ansiedlung

solch flächenintensiver Betriebe zu ermöglichen,

werden im Regionalplan Ruhr regional bedeutsame

Regionale Kooperationsstandorte als zusätzliches Angebot

für die Wirtschaft dargestellt, die internationale

Aufmerksamkeit auf sich ziehen sollen und mit denen

die Region in den Wettbewerb um die Ansiedlung dieser

Großbetriebe eintreten kann.

Diese Regionalen Kooperationsstandorte sollen möglichst

von mehreren Kommunen gemeinsam entwickelt

und vermarktet werden. Diese Maßnahme dient dazu,

die Metropole Ruhr durch attraktive Flächenangebote

im Standortwettbewerb mit anderen Regionen zu

wappnen. Insgesamt konnten Flächen im Umfang von

1300 Hektar mit optimalen Standortbedingungen

gefunden und im Regionalplan Ruhr für die Ansiedlung

solcher Betriebe ausgewiesen werden.

Das Ruhrgebiet verfügt über landesbedeutsame Häfen

in Dortmund, Duisburg, Hamm, Rheinberg, Voerde

und Wesel. Dies sind zentrale Orte des Güterumschlags

und haben für die exportorientierte Wirtschaft eine

große Bedeutung. Der Regionalplan Ruhr soll diejenigen

Flächen in den Binnenhäfen sichern, die für den

Güterumschlag benötigt werden und wegen ihrer Lage,

Anbindung und Größe insgesamt für das Land Nordrhein-Westfalen

von besonderer Bedeutung sind.

Neben den Hafenflächen erfordert die wirtschaftliche

Entwicklung einer Region auch die ausreichende Versorgung

mit Bodenschätzen, gerade auch aus heimischen

Lagerstätten. Der Regionalplan Ruhr soll dafür sorgen,

dass die für die Versorgung der Wirtschaft benötigten

Bodenschätze an der Erdoberfläche vor dem Zugriff

durch andere bauliche Nutzungen geschützt werden.

Die hierfür benötigten Flächen werden unter Be-

rücksichtigung des künftigen Bedarfs für die nächsten

25 Jahre durch den Regionalplan gesichert.

Vielfältige Landschaften

für Erholung und Freizeit

Neben den Flächen für Wohnen und ausreichende

Arbeitsplätze wird die Bedeutung einer Region insbesondere

auch durch freiraumbezogene Erholungsangebote

und Freizeitqualitäten geprägt, also durch sogenannte

weiche Standortfaktoren. Auch in diesem Punkt kann der

Regionalplan Ruhr beeindruckende Fakten vorweisen:

Trotz der hohen baulichen Dichte im Kernbereich des

Verbandsgebiets verfügt die Metropole Ruhr über ein vielfältiges

und umfangreiches Freiraumangebot.

Der Entwurf des Regionalplans Ruhr umfasst 215.000

Hektar überwiegend landwirtschaftlich genutzte Freiräume.

Dieses umfangreiche Freiraumsystem wird

ergänzt durch rund 90.000 Hektar Wald- beziehungsweise

Waldentwicklungsflächen, die das Freizeit-

und Erholungsangebot in der Metropole Ruhr nachhaltig

bestimmen. In dem dicht besiedelten Ballungsraum

der Kernzone sollen die letzten zusammenhängenden

Freiraumsysteme als sogenannte Regionale Grünzüge

vor einer weiteren Inanspruchnahme und Reduzierung

geschützt werden. Der Umfang dieses Freiraumsystems

im Entwurf des Regionalplans Ruhr umfasst rund

108.000 Hektar. Ziel ist es, insbesondere deren Durchgängigkeit

zu erhalten, um zusammenhängende Wegeverbindungen

sichern oder anlegen zu können und

Tieren Wanderungskorridore zu bieten. Zudem übernimmt

dieses Freiraumsystem wichtige Klimafunktionen

für die Siedlungsräume. Hinzu kommen Wasserflächen

und Kanäle mit rund 11.300 Hektar, die für Freizeit

und Erholung ebenfalls eine große Bedeutung haben.

Lebensräume für

schützenswerte

Tiere und Pflanzen

Die von schutzwürdigen Tieren und Pflanzen benötigten

Lebensräume erfahren über den Regionalplan Ruhr

besondere Beachtung. Innerhalb der Wälder und der für

die Landwirtschaft vorgesehenen Flächen werden im

Entwurf des Regionalplans Ruhr schutzwürdige Bereiche

mit einem Umfang von 84.000 Hektar festgelegt, innerhalb

derer langfristig Naturschutzgebiete ausgewiesen

werden sollen.

Neue Mobilität

in der Metropole Ruhr

Die Metropole Ruhr verfügt über eine leistungsfähige

Straßeninfrastruktur mit 616 Kilometern Bundesautobahnen,

558 Kilometern Bundesstraßen, 2154 Kilometern

Landesstraßen und regional bedeutsamen Straßen für

die Sicherung der Mobilität für die Wirtschaft und die

Menschen. Die Korridore für die Straßen werden aus der

Bundesverkehrs- und der Landesverkehrswegeplanung

übernommen und sollen mit dem Regionalplan gesichert

werden. Es werden jedoch nicht nur Straßentrassen

171


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA

Mobilitätsangebote in immer schnelleren Innovationszyklen

weiterentwickeln, prägen die Diskussion um eine

zukünftige integrierte Mobilitätsentwicklungsplanung.

Die klassischen Herausforderungen des wachsenden

Verkehrsaufkommens, die immer disperseren Siedlungsund

Verkehrsstrukturen, das steigende Wirtschaftsverkehrsaufkommen

sowie die daraus resultierenden

Handlungsfelder Klimaschutz und Klimaanpassung,

Lärmreduktion, Luftreinhaltung und Investitionsrückstau

sind mit Unwägbarkeiten verbunden: Welche

technischen Entwicklungen werden sich durchsetzen?

Wie wird der demografische Wandel bewältigt? Welche

Infrastrukturen müssen weiterentwickelt und optimiert

werden? Wie kann mit dem Instandhaltungsrückstau

umgegangen werden beziehungsweise wie kann die

Effizienz der bestehenden Infrastrukturen im Personenund

Wirtschaftsverkehr erhöht werden?

Gleichzeitig ergeben sich neue Handlungsfelder und

-möglichkeiten: Durch die Digitalisierung und Vernetzung

kann Verkehr besser gesteuert werden, Individuen

können sich multimodal vernetzen. Sharing-Angebote,

Mobilstationen respektive Mobility-Hubs oder autonomes

beziehungsweise automatisiertes Fahren können

auch auf regionaler Ebene zu mehr Effizienz in der inte

grierten Siedlungs- und Verkehrsentwicklung führen.

Die innovative Metropole Ruhr

auf dem Weg zu einer

zukunftsorientierten regionalen

Mobilität im Personenund

Wirtschaftsverkehr

Von ländlich geprägten Räumen bis zu international

bedeutenden Großstädten sind nahezu alle siedlungsstrukturellen

Raumtypen in der Metropole Ruhr

vertreten; untereinander sind die Städte eng vernetzt.

Die Ansprüche, die aus diesen Verflechtungen an

die Mobilität für die Menschen und Wirtschafts -

unter nehmen, aber auch an die Metropole Ruhr als

Transitregion gestellt werden, sind vielfältig: der Weg

von der Kleinstadt zum Arbeiten in das benachbarte

Oberzentrum, abends ins Theater des übernächsten

Ober zentrums, vom Wohnort zum Studieren an eine der

zahlreichen Hochschulen oder der Warentransport

durch Logistikunternehmen und Kurier-, Express-

und Paketdienste innerhalb der Metropole Ruhr. Ziel des

Regionalen Mobilitätsentwicklungskonzepts ist es,

den hieraus resultierenden Chancen und Herausforderungen

Rechnung zu tragen sowie die unterschiedlichen

Raum typen zu berücksichtigen und geeignete Hand-

lungs ansätze und konkrete Modellprojekte zu entwickeln.

Dabei werden auch gesellschaftliche Trends und Entwicklungen

Einfluss auf das Mobilitätsverhalten haben.

links: Dortmunder Hauptbahnhof.

rechts: U-Bahnhof Rathaus Süd, Bochum.


Mobilität der Zukunft

Der Prozess zum

erfolgreichen Konzept

Die Zukunft der Mobilität in der Metropole Ruhr wird

sich zwischen lokaler Zuständigkeit und regionaler

Identität entscheiden. Dies erfordert einen intensiven

Dialog, um am Ende des Bearbeitungsprozesses ein

umsetzungsorientiertes und realistisches, aber auch

visionäres Mobilitätsentwicklungskonzept zu verabschieden.

Dabei sind die Handelnden – begonnen bei

den Städten, Gemeinden und Kreisen über die Verbände,

Kammern, Aufgabentragenden im ÖPNV (SPNV und ÖSPV)

bis hin zu Bundes- und Landesinstitutionen und insbesondere

der Wirtschaft – in den Dialog- und Planungsprozess

einbezogen. Damit wird die Grundlage geschaffen,

um gemeinsam die Handlungsansätze zu entwickeln,

Maßnahmen abzuleiten und die erarbeiteten Modellprojekte

umzusetzen sowie einen regelmäßigen Dialog

zu initiieren. Weder die Handlungsansätze noch die

erarbeiteten Modellprojekte zielen darauf ab, allein vom

RVR in Federführerschaft erarbeitet beziehungsweise

umgesetzt zu werden. Vielmehr ist die Konzeption

so angelegt, dass sich die unterschiedlichen Parteien in

den Prozess einbringen und gerade die regional

Tätigen Handlungsansätze und -optionen mitgestalten

und federführend in der Umsetzung übernehmen.

Das Regionale Mobilitätsentwicklungskonzept soll

und kann nicht die kommunale Verkehrsentwicklungsplanung

ersetzen. Aber für die Zukunft muss gelten,

dass die kommunale Verkehrsentwicklungsplanung in

ein Konzept für die Gesamtregion eingebunden ist und

hierbei einen wesentlichen Beitrag zur gesamtregionalen

Mobilität leistet. So, wie die Mobilität der Menschen

und der Güter nicht an Stadtgrenzen endet, besteht in der

Metropole Ruhr zu Recht die Erwartungshaltung, dass

regionale Mobilitätsplanung und Mobilitätspolitik konkret

geplant und umgesetzt werden.

Modellprojekt »Bahnhöfe

als Willkommensorte

für die Metropole Ruhr«

Die erarbeiteten Modellprojekte spiegeln den integrierten,

übergreifenden Ansatz des regionalen Mobilitätsentwicklungskonzepts

wider. Viele der Modellprojekte

sind eng miteinander verzahnt und können unter einer

gemeinsamen Gesamtstrategie umgesetzt werden.

Ein Beispiel hierfür ist das Modellprojekt »Bahnhöfe als

Willkommensorte für die Metropole Ruhr«.


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA

Route der

Industriekultur

BARRY GAMBLE

ist unabhängiger Welterbe-Berater,

unter anderem für das Welterbe-Projekt

»Industrielle Kulturlandschaft Ruhrgebiet«

im Auftrag der Stiftung Industriedenkmalpflege

und Geschichtskultur.

ULRICH HECKMANN

ist Leiter des Referats Industriekultur

im Regionalverband Ruhr.

184


Route der Industriekultur

Ikone und System des

industriellen Erbes

Die Metropole Ruhr ist der größte industriell geprägte

Ballungsraum Europas. Wandel und Transformation

waren von Anfang an eng mit der Industrialisierung des

Ruhrgebiets verknüpft: ein rasanter Prozess ständiger

Veränderungen, der eine ganze Region und ihre Menschen

tief greifend umformte. Ende der 1950er Jahre

setzte ein Wandlungsprozess ein, der den Rückgang des

Bergbaus einleitete und etwa 15 Jahre später auch die

Stahlindustrie erfasste.

Im Zuge des Strukturwandels der 1970er Jahre entwickelten

sich die Industriedenkmalpflege und neue Planungskonzepte,

unter anderem die der erhaltenden Erneuerung.

Dazu gehörte auch ein thematisch weitreichender

Begriff von Industriekultur, der nicht nur das Industriedenkmal

als bauliches Objekt einschloss, sondern die

alltagskulturellen Lebensbereiche wie Siedlungen, Gärten,

Sport und Freizeit sowie Vereinswesen damit verknüpfte.

Erste industriehistorische Meilensteine waren der Erhalt

der Maschinenhalle der Zeche Zollern 1969 – zugleich

die Geburtsstunde der Industriedenkmalpflege – sowie

die Gründung der Industriemuseen durch die beiden

Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe

in Nordrhein-Westfalen. Auch die Erhaltung der

Siedlung Eisenheim in Oberhausen und das damit verbundene

zivilgesellschaftliche Engagement für die

Sicherung dieser Arbeitendensiedlung waren Ausdruck

eines allmählich einsetzenden Wertewandels. Diese

gesell schaft liche Wertschätzung konzentrierte sich zunächst

auf lokale Aktivitäten und einzelne Standorte.

Zeche Zollern in

Dortmund-Bövinghausen.


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA

Kulturmetropole Ruhr:

Nachhaltigkeit und Netzwerke

als spartenübergreifendes Festival der Künste konzipiert,

bespielt seit 2002 diesen Entwicklungen folgend industriekulturelle

Orte mit herausragenden internationalen

Produktionen. Der Erfolg der IBA führte zu weiteren

strukturpolitischen Ergebnissen: 2006 erhielt Essen –

stellvertretend für die Gesamtregion – den Zuschlag für

die Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2010. RUHR.2010

entwickelte unter dem Leitthema »Wandel durch Kultur –

Kultur durch Wandel« ein regionalumfassendes und

imagestarkes Programm mit internationaler Ausstrahlung,

das zugleich eine identitätsstiftende Wirkung

nach innen hatte und städteübergreifende Koopera tionen

und Netzwerke generierte.

Die Impulse von RUHR.2010 sollten bewahrt bleiben,

das programmatische Erbe des Großprojekts, auch nach

dessen Ende, finanziell und konzeptionell gesichert

werden. Der RVR als maßgeblicher Mitinitiator von

RUHR.2010 stellt gemeinsam mit dem Land Nordrhein-

Westfalen hierfür seit 2012 jährlich 4,8 Millionen Euro im

Rahmen der sogenannten Nachhaltigkeitsvereinbarung

zur Verfügung. Die Profilierung der Kulturmetropole

Ruhr setzt sich unter anderem über Urbane Künste Ruhr,

das European Center for Creative Economy (ecce), die

Netzwerke der regionalen Theater- und Museumslandschaft

– mit fließendem Übergang zur touristischen

links: Das Rheingold (2015), Regie: Johan Simons,

Musikalische Leitung: Teodor Currentzis,

Jahrhunderthalle, Bochum.

rechts: Carré (2016), CHORWERK RUHR, Bochumer

Symphoniker, Musikalische Leitung: Michael Alber,

Florian Helgath, Matilda Hofman, Rupert Huber,

Jahrhunderthalle, Bochum.


Für eine starke Kultur- und Sportmetropole Ruhr

Sportmetropole Ruhr:

Neuausrichtung

und Formatentwicklung

Vermarktung – und identitätsstiftende Veranstaltungsformate

fort. Gleichzeitig gilt es der Region, etwa

durch die Initiierung und Förderung innovativer Formate

und Kooperationen, neue Entwicklungsimpulse

zu geben. Anspruchsvolle regionale Kooperationsprojekte

be dürfen einer ergebnisorientierten Netzwerkarbeit.

Deshalb moderiert und unterstützt der RVR

diese, berät und wirkt bei der kooperativen Projektentwicklung

mit: so zum Beispiel bei den Kulturnetzwerken

der RuhrKunst Museen, der RuhrBühnen oder des

Netzwerks literatur gebiet.ruhr. Zehn Jahre nach

der Kultur hauptstadt gilt es zu untersuchen, wie nachhaltig

wirkende Netzwerkstrukturen nicht nur

als einzelne Modell projekte, sondern als spartenübergreifende

Zukunftsperspektive zu begreifen sind.

Auch auf der internationalen Sportbühne nimmt die

Metropole Ruhr seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle ein.

Breiten- und Spitzensport sind im Ruhrgebiet gleichermaßen

zu Hause. Die Metropole Ruhr ist seit Jahrzehnten

Austragungsort (inter-)national bedeutender Sportwettkämpfe

und -veranstaltungen. Dies zeigt sich nicht

nur in den Erfolgen der großen Vereine und olympischen

Athlet*innen, sondern auch in der breiten Sportlandschaft

mit ihren vielen Agierenden. Als wichtiger Partner

im Netzwerk der handelnden Verbände, Sportbünde,

Vereine und Kommunen koordiniert der RVR sportpolitisch

relevante Fragestellungen für die Region.

Als Impulsgeber für eine eigenständige Formatentwicklung

positioniert sich der RVR auch im Sport. Nach

der gescheiterten Olympiabewerbung Rhein-Ruhr 2012

erfolgte die strategische Neuausrichtung der sportpolitischen

Aktivitäten. Der Fokus wurde hierbei

verstärkt auf die Entwicklung eines Eigenformats mit

authentischem Bezug zur Region gelegt. Konzipiert

wurden dazu 2012/13 die Ruhr Games, die sich mittlerweile

als Europas größtes Sportfestival für Jugendliche

etabliert haben.

Politik und Partizipation

Parlamentarisches Leitorgan für die regionalen kulturund

sportpolitischen Entwicklungen ist der Kulturund

Sport ausschuss des RVR. Er setzt kulturpolitische

Rahmenbedingungen und gibt wichtige Entwicklungsimpulse,

zum Beispiel hinsichtlich der Nachhaltigkeitsvereinbarung,

der Kultur- und Sportförderung und

der strategischen Entscheidungen der künftigen Kulturund

Sportpolitik. Die turnusmäßigen Fachkonferenzen

der Kultur- und Sportbeigeordneten im plantieren

zudem die kommunale Beratungskompetenz auf regionaler

Ebene. Die vom RVR und vom Land Nordrhein-

Westfalen jährlich veranstaltete Kulturkonferenz Ruhr

ist Plattform für den Diskurs und partizipative

Ideenschmiede künftiger Kulturpolitik gemeinsam

mit der Kulturszene.

195


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA

»Wissen, Wandel, Wir-Gefühl«: Der Bochumer Stadtmarketing-Slogan

trifft den Nerv der Wissensmetropole

Ruhr. Für eine zukunftsorientierte Regionalentwicklung

sind Bildung und Wissenschaft, Forschung und Innovation

von zentraler Bedeutung. Der Regionalverband

Ruhr (RVR) engagiert sich für die Wissensmetropole

Ruhr, um das Innovationssystem Ruhr zu stärken, ein

chancengerechtes Bildungssystem zu entwickeln und

so das Fachkräftepotenzial von morgen zu sichern.

Der RVR

· bringt Agierende aus Bildung, Wissenschaft,

Wirtschaft, Politik und Gesellschaft

in den Dialog,

· beteiligt sich an regionalen Initiativen,

die die Wissensmetropole Ruhr stärken,

profilieren und kommunizieren,

· moderiert und verstetigt regionale

Entwicklungsprozesse,

· initiiert und begleitet gemeinsame Projekte,

· legt die Grundlage für den Transfer

guter Praxis.

Die Initiative Wissensmetropole Ruhr zielt darauf,

das Ruhrgebiet als eine der wichtigsten Wissenschafts-

und Innovationsregionen Europas weltweit zu positionieren.

In einem Arbeitsprozess mit den Agierenden

der Wissensmetropole Ruhr wurden drei strategische

Handlungsfelder definiert:

· Bildungssystem verbessern und

Bildungsgerechtigkeit erhöhen;

· Stärken der Wissensmetropole Ruhr

für eine wissensbasierte Entwicklung nutzen;

· Fachkräftepotenzial von morgen sichern.

Die Besonderheit der Wissensmetropole Ruhr ist, dass

Bildung in ihr einen hohen Stellenwert hat, und zwar

in allen Phasen der Bildungsbiografie. Die Schaffung

eines durchlässigen, chancengerechten Bildungssystems

von der frühkindlichen Bildung bis zu lebenslangem

Lernen ist die Basis einer wissensorientierten Entwicklungsstrategie

Ruhr. Ihre Maßnahmen und Projekte sind

datenbasiert, sie fundieren auf regionalen Berichten,

Studien und Analysen.


Wissensmetropole Ruhr – regional verankert, international vernetzt

Bildungsregion Ruhr:

Bildungssystem verbessern,

Bildungsgerechtigkeit erhöhen,

datenbasiert handeln

Mit der Veröffentlichung des ersten regionalen Bildungsberichts

hat der RVR den politischen Auftrag erhalten,

die Bildungs- und Wissensmetropole Ruhr zu stärken und

weiterzuentwickeln. Der Bildungsbericht Ruhr bildet

die Grundlage für regionales Handeln. Er hat die Herausforderungen

und Chancen der Bildungsregion Ruhr

transparent gemacht. Der RVR entwickelt gemeinsam mit

RuhrFutur und den Kommunen die regionale Bildungsberichterstattung

stetig weiter. Dabei arbeiten kommunale

Fachleute eng mit Wissenschaftler*innen von

Ruhrgebietshochschulen, IT.NRW, Transferagenturen

und weiteren Expert*innen zusammen.

Die 2013 gegründete und von der Stiftung Mercator

geförderte Bildungsinitiative RuhrFutur ist bei der Entwicklung

der Bildungsregion Ruhr die wichtigste regionale

Partnerin. RuhrFutur nimmt die gesamte Bildungsbiografie

vom frühkindlichen Bereich bis zur Hochschule

in den Blick und widmet sich den Querschnittsthemen

durchgängige Sprachbildung sowie Daten und Analyse.

Land, Kommunen, Hochschulen und Zivilgesellschaft

haben sich in RuhrFutur zusammengeschlossen,

um das Bildungssystem Ruhr nachhaltig zu verändern.

Ziel von RuhrFutur ist es, allen Kindern, Jugendlichen

und jungen Erwachsenen in der Region gleiche Chancen

auf Bildungszugang, -teilhabe und -erfolg zu eröffnen.

Da die nachhaltige Veränderung des Bildungssystems

in der Metropole Ruhr nur gelingt, wenn alle relevanten

Agierenden daran mitwirken, wurde gemeinsam eine

Kooperationsvereinbarung erarbeitet, aus der sukzessive

konkrete Vorhaben abgeleitet werden.

Mit seinen Formaten unterstützt der RVR die kommunalen

Bildungsinstitutionen, greift Impulse aus den Städten

auf und bietet eine Plattform für Austausch, Vernetzung

und Kommunikation. Zusammen mit den Bildungsbüros

hat der RVR Formate wie das Bildungsforum Ruhr

(weiter-)entwickelt, bei dem sich Bildungsfachleute

austauschen und ihre Themen unter anderem beim Land

platzieren. Die Bildungsforen finden zweimal jährlich

statt und greifen aktuelle Themen auf, wie 2015 in

Mülheim die Gestaltung des Übergangs von der Schule in

den Beruf. 2016 fand ein Bildungsforum zur Integration

neu Zugewanderter in das Bildungssystem statt, 2017

zum Übergang von der Kita in die Grundschule, 2018

zur Gestaltung des Ganztags in der Primarstufe und 2019

zu den Chancen der Digitalisierung. In Workshops

werden gute Praxisbeispiele vorgestellt, können Aspekte

vertieft und Kontakte geknüpft werden. Im Rahmen

der Bildungsforen Ruhr begegnen sich die unterschiedlichen

Bildungsakteur*innen auf Augenhöhe.

Das Fraunhofer Institut für

Materialfluss und Logistik ist

Teil des Wissenschafts- und

Technologiecampus Dortmund.

203


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA

Erwachen eines Metropolenbewusstseins, das als

identitätsstiftendes Lebensgefühl die Menschen erfasst.

Unverzichtbar hierfür war und ist das Vorhandensein

im Idealfall begeisternder, auf jeden Fall jedoch

erlebbarer tatsächlicher, ideeller und / oder kommu

nikativer »Verortungen des Metropolitanen«.

Da ihre ausgeprägte kommunale Polyzentralität das

bestimmende Charakteristikum der Metropole Ruhr

bildet, können diese Verortungen nur mit Maßnahmen,

Projekten und Strukturen gelingen, die diese Be -

son derheit als Botschaft transportieren oder gar gezielt

inszenieren, indem sie die spezifische Qualität, den

Mehrwert der Vielfalt im Gemeinsamen zeigen:

Die Metropole Ruhr ist mehr als die Summe ihrer Teile,

aber nur in ihrer Vielfalt existent.

Dies zu verdeutlichen, war und ist die wichtigste Aufgabe

des RVR im Rahmen seines im vorgenannten Sinn

sehr umfassend verstandenen gesetzlichen Auftrags zur

regionalen Öffentlichkeitsarbeit, die er auf vielfältige

Weise erfüllt, sei es als Impulsgeber, Koordinator,

Netzwerker oder Projektträger. Zu ihr gehört, über den

klassischen Einsatz aller relevanten Kommunikationsinstrumente

und Kanäle (online wie Print) weit

hinaus, ein sehr viel breiteres Leistungsspektrum, das

von vielen Stellen im Verband unter Einschluss seiner

Tochter unternehmen erbracht wird.

Um zu verdeutlichen, was hiermit gemeint ist, seien

nur als wenige Beispiele die identitätsstiftenden regionalen

Großevents wie die Kulturhauptstadt 2010, die IGA

Metropole Ruhr 2027, aber auch Leuchtturmprojekte

genannt: etwa die Haldenereignisse oder infrastrukturelle

regionale Verbundprojekte wie die Route der Industriekultur;

im Mobilitätsbereich der Radschnellweg Ruhr

(RS1) oder das radrevier.ruhr; aber auch Messeauftritte

wie bei der ITB oder der Expo Real – eine Liste also,

die sich mit zahlreichen weiteren Nennungen erweitern

ließe und vom RVR mit immer neuen Projekten aktualisiert

und fortgeschrieben wird.

All das sind Verortungen des Metropolitanen und somit

Katalysatoren für das Entstehen und Lebendighalten

eines starken Metropolenbewusstseins der Menschen in

der einzigartigen Städtelandschaft der Metropole Ruhr.

Diese mit seiner Standortkampagne bewerben zu

können, bedeutet somit für den RVR zugleich, die Früchte

der eigenen Öffentlichkeitsarbeit zu ernten. Was für

ein doppelter Erfolg!

100 Jahre Ruhrgebiet. Die andere

Metropole. Im Mittelpunkt der

europäischen Märkte. Mehr als

die Summe aller Teile. Mehr als die

Einheit in der Vielheit. Ein Plakat

von Uwe Loesch.

214


Regionale Öffentlichkeits- arbeit für die Metropole Ruhr: Marketing und vieles mehr

215


Der Glaselefant in Hamm:

Die ehemalige Kohlenwäsche der

Zeche Maximilian wurde 1984

im Rahmen der Landesgartenschau

umfunktioniert.


RVR-BETEILIGUNGS UNTERNEHMEN sind in der Metropole Ruhr breit aufgestellt

RVR-Beteiligungsunternehmen

sind in der

Metropole Ruhr

breit aufgestellt

MARKUS SCHLÜTER

ist Beigeordneter des Bereichs

Wirtschaftsführung im Regionalverband Ruhr.

217


RVR 20 | 21+ LEITSTRATEGIE UND PROGRAMMAGENDA

Mehrwerte

Neben dem positiven Image, das die Region bei den

Besuchenden erreicht, hat der Tourismus in der Region

auch als Wirtschaftsfaktor eine inzwischen bedeutende

Rolle eingenommen. 145 Millionen Tagesreisende

und 27,4 Millionen Übernachtungsgäste tragen zu einem

Gesamtbruttoumsatz im Bereich Tourismus in Höhe

von 5,5 Milliarden Euro bei (Erhebung für 2014).

Attraktionen, die Tourist*innen anziehen, vergrößern

aber auch für die hier lebenden Bürger*innen das

Angebot an Naherholung und Freizeitmöglichkeiten.

Dieser Aspekt gewinnt insofern an Bedeutung, als

das Ruhrgebiet mit anderen Regionen in einem starken

Wettbewerb um Fachkräfte steht.

Lichtdesign bei Nacht auf der

Zeche Zollverein im Rahmen

der Extraschicht im Juni 2019.

Mit Blick auf ihr facettenreiches Aufgabengebiet ist die

RTG gut gerüstet. Den gezielten Ausbau der Tourismusinfrastruktur

in Zusammenarbeit mit der kommunalen

Akteurschaft, dem RVR, der Wirtschaft und der Kultur

versteht sie als ihren Auftrag. Bei der Vermarktung der

touristischen Angebote ist die Digitalisierung in der Kommunikation

mittlerweile die Grundlage allen Handelns.

Die AGR-Gruppe

Bereits Ende der 1950er Jahre wurde vom damaligen

Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk (SVR) ein Arbeitskreis

Ruhr zur Sammlung und Beseitigung fester Abfallstoffe

unter Beteiligung von 24 Gebietskörperschaften ein-

berufen. Neben Grundlagenforschung und Beratungstätigkeit

zählte auch die Entwicklung eines Gesamt konzepts,

für die Abfallbeseitigung zu den Gründen für die

Befassung mit dem Thema für den Vorläufer des RVR.

Vielfältige Geschäftsfelder

bei Entsorgung

und Aufbereitung

Ab 1982 wurde die Abteilung »Abfallwirtschaft« des RVR

in die AGR Abfallentsorgungs-Gesellschaft Ruhrgebiet mbH

in Herten überführt. Die AGR-Gruppe deckt seitdem die

wichtigen Bereiche von der Abfallannahme über die Abfallbehandlung

bis hin zur Abfallentsorgung ab. Heute besteht

die Struktur der AGR-Gruppe aus fünf Geschäftsfeldern:

Kreislaufwirtschaft und Logistik, thermische Behandlung

von Abfällen, Deponiemanagement, Umweltdienstleistungen

und die Gewinnung von Sekundärstoffen. Für rund

30 Kommunen der Metropole Ruhr leistet die AGR-Gruppe

einen wichtigen Beitrag zur Daseinsvorsorge, indem

sie im Rahmen der thermischen Verwertung von Abfällen

Strom und Fernwärme erzeugt sowie Sekundärrohstoffe

224


RVR-BETEILIGUNGS UNTERNEHMEN sind in der Metropole Ruhr breit aufgestellt


WANDEL DURCH KULTUR – KULTUR DURCH WANDEL

Zur

Industriekultur

des Ruhrgebiets

aus globaler

Perspektive

MARION STEINER

ist Profesora Asociada am Institut

für Geografie der Pontificia Universidad

Católica de Valparaíso, Chile.

236


Zur Industriekultur des Ruhrgebiets aus globaler Perspektive

Voller Bewunderung schauen Menschen aus aller Welt heute auf das Ruhrgebiet

eine Region, die sich in Zeiten großer wirtschaftlicher Krisen selbst neu erfunden

und aus der Not eine Tugend gemacht hat. Einen wesentlichen Teil ihres materiellen

industriellen Erbes hat sie erhalten können, und auf symbolischer Ebene ist ihr

Gründungsmythos zu einem identitätsstiftenden Narrativ avanciert, das sogar in

ein regionales Tourismusprogramm übersetzt wurde.

Mit Blick auf den dauerhaften Erhalt des industriellen Erbes im Ruhrgebiet ist es

als großer Erfolg zu werten, dass in dieser institutionell extrem zersplitterten Region

viele Zuständigkeiten mittlerweile verbindlich geregelt sind. Auf kultureller Ebene

sind die Herausforderungen aber vielleicht sogar noch größer. Zu Recht wird seit

Jahren kritisiert, die Industriekultur des Ruhrgebiets mutiere immer mehr zu einem

Abziehbildchen der Region, was weder der Härte der einst hier geleisteten Arbeit und

ausgefochtenen Kämpfe noch dem emanzipatorischen Geist der Anfangszeit der

Industriekultur-Bewegung gerecht werde. 1 So wichtig es war, das industrielle Erbe

zu ästhetisieren, damit es gesellschaftliche Anerkennung erfuhr, so sehr droht

nun der ursprüngliche Impetus einer gesellschaftlich-aufklärerischen Hinterfragung

etablierter Kontexte im Industriekultur-Hype unterzugehen. Gleichzeitig stellen

viele ehemalige Arbeiterfamilien im Ruhrgebiet – wie auch im Rust Belt der USA

oder den englischen Midlands – fest, dass die Lebenswege ihrer Kinder und Kindeskinder

in einem krassen Gegensatz zu dem einstigen Leitbild vom sozialen Aufstieg

stehen. Diese negativen Erfahrungen einer Bevölkerungsgruppe machen ihre

Identitätsbe hauptung noch schmerzhafter. Internationale Forschungen beschäftigt

mittlerweile die Frage, inwiefern sich dies auf die politischen Präferenzen in

diesen Regionen auswirkt, denn ausgerechnet hier haben bei den letzten Wahlen

über durchschnittlich viele Menschen für Trump, den Brexit oder die AfD gestimmt. 2

Arbeiter im Stahlwerk der Hüttenwerke

Oberhausen AG (HOAG), 1961.


WANDEL DURCH KULTUR – KULTUR DURCH WANDEL

Netzwerke und Initiativen

Die Unterstützung und Stärkung der lokalen Netzwerke gehört seit jeher zu den Aufgaben

von Urbane Künste Ruhr und ist bis heute zentraler Bestandteil aller Aktivitäten.

Mit der Einrichtung des Residenzprogramms »Zu Gast bei Urbane Künste Ruhr«,

das in Kooperation mit dem Netzwerk KunstVereineRuhr geführt wird, initiieren und

pflegen wir den Austausch zwischen regionalen und internationalen Kunstschaffenden.

Dazu gehören auch zwei Jahresresidenzen, die lose mit dem 2015 gemeinsam

mit dem Ringlokschuppen Ruhr in Mülheim an der Ruhr ins Leben gerufenen

Projekt »Silent University« – eine offene Plattform für geflüchtete Akademiker*innen

nach einer Idee des kurdischen Künstlers Ahmet Öğüt – verknüpft sind.

Gemeinsame Gegenwart

Ansonsten bestehen die wesentlichen Änderungen unter meiner Leitung in dem

Versuch, die verschiedenen Aktivitäten von Urbane Künste Ruhr in zwei Ausstellungsformaten

zu bündeln: im temporären Ruhr Ding und dem permanenten Emscherkunstweg.

Beide sprechen neben den Anwohner*innen der Region auch ein erweitertes

Kunstpublikum an, das über den Besuch und die unterschiedlichen Facetten

der künstlerischen Auseinandersetzungen in vielfältiger Weise mit den Realitäten

der Region konfrontiert wird. Beide Großprojekte werden durch zahlreiche

Gesprächs veranstaltungen, aber auch durch Literatur- und Musikabende begleitet.

Die Veranstaltungsreihe Wandersalon bereitet seit März 2018 das jeweilige Ruhr

Ding vor, für den Emscherkunstweg möchten wir künftig das Programm »Vor Ort«

etablieren, das sich punktuell mit einzelnen Werken befassen wird.

Die Fußgängerbrücke Slinky springs to Fame

von Tobias Rehberger in Oberhausen, entstanden

zur Emscherkunst.2010 und inzwischen Teil

des Emscherkunstwegs.


Finden, was nicht gesucht wurde

Langfristig, um das Prinzip des Bündelns und Zusammenhänge-Herstellens noch

weiter zu verfeinern, sind Überlappungen von beiden Formaten geplant. Schon

jetzt beziehen wir in unsere Irrlichter-Touren zum Ruhr Ding – wann immer thematisch

und infrastrukturell möglich – Werke des Emscherkunstwegs mit ein. Je engmaschiger

sich das in Zukunft gestalten lässt, umso besser. Die Überschneidung befruchtet

beide Projekte und trägt dazu bei, die historische Isolation und strukturelle Benachteiligung

der Emschergebiete aufzubrechen. Denn am Ende handelt es sich um

eine Region mit einer gemeinsamen Geschichte und Zukunft – und vor allem mit

einer gemeinsamen Gegenwart.

Das Monument for a Forgotten Future von

Douglas Gordon und Olaf Nicolai mit Mogwai in

Gelsenkirchen, entstanden zur Emscherkunst.2010

und inzwischen Teil des Emscherkunstwegs.


ESSAYS

Metropole Ruhr

Doch nur eine

Wunschvorstellung?

CLAUS LEGGEWIE

ist Politikwissenschaftler und

Ludwig-Börne-Professor an der

Universität Gießen. Er war von 2007 bis 2017

Direktor des Kulturwissenschaftlichen

Instituts und leitete dort unter

anderem zahlreiche wissenschaftliche

Projekte zur »KlimaKultur«.

260


Metropole Ruhr

Symposien und Konferenzen zum Thema Metropole Ruhr enden meist in der gegenseitigen

Versicherung der Teilnehmer, man sei zwar noch ein gutes Stück von einem

metropolenfähigen Kollektivbewusstsein entfernt, werde das Ziel aber bestimmt in

absehbarer Zeit erreichen. Wenn man aus dieser Perspektive auf das Ruhrgebiet oder

das Revier oder die Metropole Ruhr blickt (schon wie man das Objekt der Begierde nennt,

hat eine Bedeutung!), hilft für das Abstecken des Erwartungshorizonts zunächst die

Rückversicherung im historischen Erfahrungsraum: als Naturlandschaft mit Fluss und

weiter beachtlicher landwirtschaftlicher Nutzfläche; als industrielles Kraftzentrum;

als polyzentrische, aus Dörfern gewachsene Stadt; als Arena eines tief greifenden

Strukturwandels, im Abschied befindlich von den prometheischen Technologien der

Kohlenschächte, Hochöfen und Walzwerke, die das Bild des Reviers weiter bestimmen.

Menschen aus ganz verschiedenen Regionen Europas sind in den Schmelztiegel

gezogen, in dem die meiste Zeit eine akzeptable Betriebstemperatur tolerierter Diversität

herrschte.

Am Ruhrgebiet wird das 2018 besiegelte Ende des Bergbaus nicht spurlos und unsentimental

vorbeigehen, aber es birgt im Hinblick auf seine Menschen und seinen Wissensschatz

genügend Potenzial, um nicht als ein kulturell abgefundenes Krisengebiet

Der Landschaftspark

Duisburg-Nord aus der Luft.


ESSAYS

Zweitens ist da die Ansicht, dass das Ruhrgebiet sich vor allem durch seine Zwischenräume,

Infrastrukturen, Industrieanlagen und seinen Netzcharakter auszeichne,

der es von anderen Stadtregionen unterscheide. Völlig verloren gehen bei dieser

Ansicht die zahlreichen Kernstädte und Ortskerne mit ihren spezifischen architektonischen

und städtebaulichen Qualitäten.

Und drittens gibt es eine geradezu groteske Geschichtsblindheit: In fast allen Selbstdarstellungen

scheint das Ruhrgebiet überhaupt erst mit der Industrialisierung

im 19. Jahrhundert zu entstehen. Vergessen wird dabei die bedeutende mittelalterliche

Geschichte der freien Reichs- und Hansestädte am Hellweg, der Klöster und Abteien,

der frühneuzeitlichen Herrensitze und Wasserschlösser oder des bürgerlichen

Unternehmertums in Zeiten der Aufklärung.

Vor diesem Hintergrund scheint es gar reizvoll, einmal eine Architektur- und Städtebaugeschichte

des Ruhrgebiets ohne Montan- und Stahlindustrie zu schreiben:

Es kämen nicht wenige Bauten und Stadtteile zusammen! Doch es geht nicht darum,

das eine gegen das andere auszuspielen. Was ansteht, ist eine Architektur- und

Städtebaugeschichte des Ruhrgebiets, die sich aus den Klauen der Montan- und

Stahlindustriegeschichte befreit und die ganze Breite, Vielfalt und historische Tiefe

der gebauten Umwelt in dieser Region in den Blick nimmt. Ich glaube, dass diese

vielfältige Geschichte gerade für die heutigen Probleme und Anforderungen die weitaus

fruchtbareren Anregungen und Bezugspunkte geben kann.

Zwei Dinge gibt es noch zu bedenken, wenn hier Architektur und Städtebau zu

Zeiten des Siedlungsverbands Ruhrkohlenbezirk (SVR) – Kommunalverbands Ruhrgebiet

(KVR) – RVR behandelt werden. Erstens: Die entscheidenden Entwicklungs schübe

im Ruhrgebiet waren 1920 bereits gelaufen. Der größte Bevölkerungsanstieg war

bereits geschehen, die prägenden Industriebetriebe waren bereits gegründet, viele


Architektur Städtebau Ruhr 1920 2020+

Stadterweiterungen waren bereits angelegt, die Ausbildung von Großstadtzentren mit

kommunalen und kulturellen Einrichtungen und Bauten war längst in vollem Gange.

Die Zeit nach 1920 war weniger durch Aufbruchsdynamik als vielmehr durch Konsolidierung

geprägt; der SVR hatte mit seiner Freiflächenpolitik einen Anteil daran.

Zweitens: Auch wenn der SVR aus städtebaulichen Überlegungen heraus entstand –

die Denkschrift Robert Schmidts von 1912 war hier entscheidend – und bis in die 1960er

Jahre hinein von Bauingenieuren wie Schmidt, dem ersten Verbandsdirektor, und

Architekten wie Philipp Rappaport, dem nach dem Zweiten Weltkrieg wieder eingesetzten

Verbandsdirektor, geleitet wurde, so lagen die Aufgaben des SVR eher im regionalplanerischen

als im städtebaulichen und architektonischen Bereich. Städtebau

wurde primär durch die Kommunen bestimmt, Architektur mehrheitlich privatwirtschaftlich

errichtet. Dies gilt es im Hinterkopf zu behalten, wenn über Architektur

und Städtebau zu Zeiten des SVR / KVR / RVR gehandelt wird.

Was könnten die Konturen einer Architektur- und Städtebaugeschichte des Ruhrgebiets

seit 1920 sein, die sich im Streiflicht heutiger Interessen und Fragestellungen

zeigen? In den 1920er Jahren ist es sicherlich erst einmal die Kontinuität der

Aufgaben und Projekte.

Viele Kommunen setzten seinerzeit den Prozess der Errichtung repräsentativer Rathäuser

und Stadtplätze fort, der im Kaiserreich begonnen hatte. Zu den markantesten

Projekten gehörten der Weiterbau der Rathausplätze in Herne und Mülheim an der

Ruhr, das Rathaus in Witten, das Rathaus und der Friedensplatz in Oberhausen,

das Rathaus in Bochum und das Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen. Das SVR-Verwaltungsgebäude

von Alfred Fischer in Essen als tatsächlich vom Verband errichtetes

Gebäude fügte sich in diese Reihe ein.

links: Hans-Sachs-Haus in

Gelsenkirchen, 1924–1927,

Alfred Fischer: großstädtischer

multifunktionaler und

repräsentativer Verwaltungs -

sitz der Kommune.

rechts: Lichtburg in Essen,

1928, Ernst Bode: ein

innenstädtischer Kulturbau

für die moderne Großstadt.


ESSAYS

Der Einsatz Grüner

Infrastruktur im

Ruhrgebiet

ein wichtiger

Beitrag zur

Umsetzung der

EU-Biodiversitätsstrategie

STEFAN LEINER

ist Leiter der Abteilung

Biodiversität in der Generaldirektion

Umwelt der EU-Kommission.

282


Der Einsatz Grüner Infrastruktur im Ruhrgebiet – ein wichtiger Beitrag zur Umsetzung der EU-Biodiversitätsstrategie

Die Grüne Infrastruktur (GI) ist ein Netzwerk natürlicher und naturnaher Flächen

mit verschiedenen Umweltmerkmalen. Dieses Netzwerk soll strategisch geplant und

ausgelegt werden, um ein breites Spektrum an Nutzen und Vorteilen für Menschen

und Natur (die sogenannten Ökosystemdienstleistungen) bereitzustellen. GI umfasst

Grünflächen – oder blaue Flächen im Falle von aquatischen Ökosystemen – und andere

physische Elemente in Land- (einschließlich Küsten-) und Meeresgebieten. Auf dem

Land findet sich GI sowohl im urbanen als auch im ländlichen Raum.

Die EU ist Vertragspartnerin des »Übereinkommens über die biologische Vielfalt« der

Vereinten Nationen. Die derzeitigen EU-Aktivitäten zur Umsetzung dieses Übereinkommens

orientieren sich an der EU-Biodiversitätsstrategie für 2020. Diese Strategie wurde

2011 von der EU verabschiedet. Sie hat zum Ziel, den Verlust der biologischen Vielfalt

und der von den Ökosystemen erbrachten Dienstleistungen bis 2020 zu stoppen und

diese nach Möglichkeit wiederherzustellen. Gleichzeitig sollen die Anstrengungen zur

Eindämmung des globalen Verlustes der biologischen Vielfalt intensiviert werden.

In der grünen Städte-Landschaft der

Metropole Ruhr sind die Halden multifunktionale

Bausteine der Grünen Infrastruktur.


ESSAYS

Das Ruhrgebiet ist wieder da – mit einer innovativen und diversifizierten Wirtschaftsstruktur

und mit einer neuen, nachhaltigen Stadtqualität, aufbauend auf GI. In

der gesamten Region hat sich die Lebensqualität stark verbessert, zum Großteil dank

der Optimierung verschiedener Ökosystemdienstleistungen, darunter Hochwasserschutz

und Mikroklimaregulierung, aber auch kultureller Dienstleistungen wie

Erholungsmöglichkeiten oder der ästhetischen Qualität der Landschaft. Außerdem

helfen die Projekte bei der Umsetzung des EU-Naturschutzrechts (EU-Habitat- und

Vogelschutzrichtlinie), indem sie die Artenvielfalt erhöhen, Biotope miteinander vernetzen,

seltenen Tierarten zugutekommen, aquatische Biotope bereichern und die

Wiederbelebung der Flussufer renaturierter Flüsse ermöglichen. Die Initiativen wecken

zudem ein neues Verständnis für »Industrienatur« und städtische Wildnis sowie für

deren Ökosystemleistungen und haben den Zugang zu städtischer Natur, einschließlich

Naturschutzgebieten, stark verbessert. Alle Projekte sind groß angelegte strategische

GI-Initiativen, die über Verwaltungsgrenzen hinwegreichen. Sie zeigen, wie die

Entwicklung grüner und blauer Infrastruktur als strategischer Faktor in der Transformation

einer gesamten Region erfolgreich eingesetzt werden kann.

Dass GI in einer polyzentrischen, postindustriellen Region wie dem Ruhrgebiet derart

effektiv zum Einsatz gebracht werden konnte, ist ein schlagender Beweis und ein Vorzeigebeispiel

für die Vorteile der GI sowie von naturbasierten Ansätzen – selbst in jenen

Gebieten, die zunächst nicht als Europas Hotspots für Biodiversität gesehen werden.

Wir brauchen mehr Beispiele wie diese, damit wir weiterhin effektiv daran arbeiten

können, im Einklang mit der Natur zu leben – zum Wohle der Natur und der Menschen!

Industrienatur, die Natur auf ehemaligen Flächen

der Montanindustrie und Bahnanlagen, ist bundesweit

ein Alleinstellungsmerkmal der Metropole Ruhr und

besitzt aufgrund ihrer hohen Arten- und Strukturvielfalt

eine sehr hohe Bedeutung für die urbane Biodiversität.

Hier die ehemalige Schachtanlage 4/8 im Landschaftspark

Duisburg-Nord.


Der Einsatz Grüner Infrastruktur im Ruhrgebiet – ein wichtiger Beitrag zur Umsetzung der EU-Biodiversitätsstrategie

oben: Das Leitbild im Projekt

»Freiheit Emscher« der Städte Bottrop

und Essen nimmt den Ost-West-

Grünzug des Emscher Landschaftsparks

und die Wasserachse des Rhein-Herne-

Kanals als Ausgangspunkte für die

zukünftige Stadtentwicklung. Ganz im

Sinne der grünen Infrastruktur bündeln

sich hier Freiraum- und Stadtentwicklung,

Ökologie und Wasserwirtschaft.

unten: Das Projekt »Freiheit Emscher«

vernetzt Halden, Wälder, Parks und

Stadtquartiere zu einer städteübergreifenden

Landschaft. An der Wasserachse

von Rhein-Herne-Kanal und

umgebauter Emscher werden ehemalige

große Kohlenreserveflächen zu attraktiven

Stadtquartieren mit Wasserlage.

Gelebter Wandel in der Metropole Ruhr.


ESSAYS

Die IBA befriedigte auch bei weiteren Schichten das schlummernde Bedürfnis nach

Verortung und die inzwischen zunehmend virulente Sehnsucht nach Heimat. Ihre

»Meistererzählung« beförderte die Zukunftsrelevanz von Vergangenheit ins regionale

Gedächtnis und erzeugte dank dieser Dialektik eine plausible Modernität. So entstand

eine postindustrielle Identität im Einklang mit der im Grunde jungen Vergangenheit

der Region. Wandel und Transformationen wurden nicht mehr als Bedrohung, sondern

Chance wahrgenommen. Auch die Außenwahrnehmung der Region erhielt dadurch

Authentizität und kommunikatives Charisma.

Die Industriegeschichte an Rhein und Ruhr geriet also insgesamt zu einer großen

Erzählung, verzichtete dabei aber auf larmoyante Nostalgie und folkloristische

Kostümierung. Das von der IBA ebenfalls architektonisch und teilweise konzeptionell

initiierte Ruhr Museum mit seinem räumlichen Transfer in die ehemalige Kohlenwäsche

des Zollvereins wurde gut eine Dekade später die Adresse einer noch weiterreichenden

Historiografie. Die IBA-Idee eines »Nationalparks der Industriekultur«

blieb demgegenüber reine Gedankenkonstruktion.

links: Folkwangbrücke, Essen.

rechts: Eröffnungsfeier zum

Kulturhauptstadtjahr 2010 mit

Blick auf das Gelände des

Welterbes Zollverein.

Lichtkunstprojektion auf das

Sanaa-Gebäude, Essen.


Die IBA und ihre Folgen

Dekonstruierende Zwischenspiele

Zweifellos hatten manche nach der IBA-Dekade auf den transitorischen Charakter

und die Vergänglichkeit dieser großen Landesinitiative gesetzt. Auch dem KVR war nur

noch eine schwindende Rolle zugedacht, nachdem neben dem Defizit an regionaler

Planungskompetenz die Spielräume für neue Leitprojekte zunehmend auf die IBA als

Steuerungsinstrument der Landesregierung übergegangen waren. Diese war allerdings

1998/99 – noch von der IBA stimuliert – mit dem Versuch gescheitert, die korporative

Struktur des KVR durch eine rein aufgabenbezogene Agentur Ruhr zu ersetzen. Der KVR

hatte sich seiner Selbstauflösung verweigert.

Wenig später verfolgte dann eine als Nachfolgeorganisation konstituierte Landes-

GmbH technokratische Modernisierungsziele. Regionale Wirtschaftsförderung wurde

als bestimmendes Handlungscluster entdeckt, die inzwischen unverzichtbare Präsenz

der Metropole Ruhr auf der internationalen Immobilienbühne forciert. Die Agentur

wirkte weiterhin da nachhaltig, wo sie – wie beim Emscher Landschaftspark, Kultur

und Tourismus – personell inhaltliche Kontinuität wahrte oder gar die qualifizierte Erweiterung

des Emscher Landschaftsparks im Dortmunder Süden ermöglichte.

IBA Emscher Park als Bezugspunkt

für die Ruhrtriennale

Das Erbe der IBA blieb gegen alle dekonstruierenden Tendenzen resistent. Denn bereits

in ihrer zweiten Hälfte hatte die IBA ab 1995 nicht nur die Aufwertung des baulichen

Erbes betrieben, sondern nach geeigneten Bildern und Bespielungen (z. B. mit Musik im

Industrieraum, Ausstellungen wie Sonne, Mond und Sterne oder The Wall von CHRISTO

im Gasometer Oberhausen) gesucht. Dabei war für die IBA Kultur kein selbstreferenzielles

Ereignis. Der Themenbereich diente eher als Vehikel des politisch gewollten Strukturwandels,

und damit letztlich als Instrument, um regionale Transformation und

objektbezogene Konversion mit sichtbarer Originalität und Authentizität zu versehen.

Dennoch oder gerade deshalb wurde die IBA der konzeptionelle Ausgangs- und Bezugspunkt

für die Gründung der sogenannten Ruhrtriennale, mit der seit 2002 unter

der Leitung einer jeweils für drei Jahre gewählten Intendanz im jährlichen Rhythmus

eines Festivals die großen und kleinen Hallen der Industriegeschichte kulturell

inszeniert werden.

Der seinerzeit zuständige Minister Michael Vesper hat das 2004 nach dem Ende der

ersten Triennale unter Gerard Mortier so definiert: »Die Ehrfurcht vor erhaltener

Bausubstanz reicht nicht aus, diese einst durch Arbeit und Leben gefüllten Räume zu

revitalisieren. Eine rein museale Nutzung von Industriearchitektur fördert keinen

Erneuerungsprozess, schafft keine neuen Strukturen und erst recht keine Identität,

sie unterstützt nicht die notwendige Dynamik, die zum Strukturwandel notwendig ist.

Die entstandenen Lücken müssen gefüllt, die Orte belebt, die Räume entdeckt und

angenommen werden«.

295


ESSAYS


POSTMONTAN INDUSTRIELLE Kulturlandschaft Ruhr

Ruhr

An die Stelle des Begriffs Ruhrgebiet kann der Begriff Agglomeration Ruhr treten.

Agglomeration ist eine Bezeichnung für verdichtete Räume mit deutlich mehr als einer

Million Einwohnern und einer Bevölkerungsdichte von über 1000 Einwohnern pro

Quadratkilometer. Rankings von Agglomerationen beziehungsweise Ballungsräumen

werden häufig auch als Rankings von Metropolen bezeichnet. Ob eine Agglomeration

eine Metropole ist, wird davon bestimmt, inwieweit sie metropolitane Funktionen

erfüllt. Metropolitane Cluster umfassen nach Hans Heinrich Blotevogels Definitionen

die Ebenen: Entscheidung und Kontrolle, Innovation und Wettbewerb, Gatewayfunktion,

Symbolbedeutung. Ob oder inwiefern die postmontane Agglomeration Ruhr

diese metropolitane Funktionen erfüllt, wird ihre Entwicklung zeigen. Der Begriff

Metropole Ruhr steht heute eher für eine siedlungsräumliche Zielsetzung denn für

einen erreichten Zustand.

Beim Gebrauch des eher raumwissenschaftlich-fachlichen Begriffs Agglomeration

Ruhr ist die Frage berechtigt, warum nicht Ruhr ein zutreffender Name für diese

Agglomeration ist. Er war nach dem Ersten Weltkrieg für das durch Frankreich und

Belgien besetzte Gebiet gebräuchlich – als La Ruhr. Seit Ende der 1940er Jahre wird er

verwandt, wenn über Ruhr affirmativ gesprochen wird – wohl erstmals mit den

Ruhrfestspielen, dann 1965 mit der Ruhr-Universität, beim Entwicklungsprogramm

Ruhr 1968, beim Ruhrbischof, mit der Ruhrtriennale bis zum Regionalverband Ruhr.

Die »Stadt der Städte«:

Ruhr als dezentralisierte Kommune

Ruhr wäre der Name für eine Stadt. Siedlungsgeografisch sind verdichtete Räume

Städte. Als politische Einheit ist eine Stadt eine Kommune. Beides gilt im 21. Jahrhundert

auch für Ruhr. Siedlungsgeografisch ist der Ballungsraum Ruhr eine große Stadt, polyzentral

mit einer Hierarchie unterscheidbarer Stadtteile und Quartiere. Jeder dieser

Siedlungsräume kann ein Zentrum bilden, mit je eigenen unterschiedlichen Funktionen

und Profilen. Was das verwaltungsterritorial und damit kommunal-rechtlich bedeutet,

erfordert noch der Klärung. Letztlich sollte aus dem rheinisch-westfälischen Industriegebiet,

das zur postmontanen Agglomeration Ruhr wurde – beide vom SVR hin zum

RVR kommunalverbandlich gerahmt –, eine dezentralisierte Kommune werden.

Die siedlungs- und identitätsgeschichtliche Polyzentralität muss hierbei berücksichtigt

werden. Urbane Polyzentralität und landschaftliche Vielfalt gehen dabei ineinander

über. Aktuell wird das mit »Stadt der Städte« des RVR – Glückwunsch zu seinem

100-jährigen Bestehen in 2020 – zutreffend auf den Punkt gebracht.

Über dem Ruhrgebiet.

Nachtbild aus der Vogelperspektive.

305


ANHANG

Impressum

© 2020 by jovis Verlag GmbH

Das Copyright für die Texte liegt bei den Autoren.

Das Copyright für die Abbildungen liegt bei den

Fotografen / Inhabern der Bildrechte.

Alle Rechte vorbehalten.

Vom Ruhrgebiet zur Metropole Ruhr

SVR KVR RVR 1920–2020

Bibliografische Information der Deutschen

Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

jovis Verlag GmbH

Kurfürstenstraße 15/16

10785 Berlin

herausgegeben von Karola Geiß-Netthöfel,

Dieter Nellen und Wolfgang Sonne

zum 100-jährigen Bestehen des SVR / KVR / RVR

Koordination im Rahmen des Gesamtprojektes

RVR 2020: Thorsten Kröger, Patric Daas

www.jovis.de

jovis-Bücher sind weltweit im ausgewählten Buchhandel

erhältlich. Informationen zu unserem internationalen

Vertrieb erhalten Sie von Ihrem Buchhändler oder unter

www.jovis.de.

Konzeption: Dieter Nellen, Wolfgang Sonne

ISBN 978-3-86859-584-0

Bildredaktion und allgemeine Projektassistenz:

Sarah Müller

Redaktionsteam: Sabine Auer, Sarah Müller,

Dieter Nellen, Tana Petzinger, Wolfgang Sonne

Bildstrecken: Matthias-Koch-Fotografie, Düsseldorf

Lektorat: Miriam Seifert-Waibel

Gestaltung, Satz und Lithografie: labor b designbüro

Druck und Bindung: Grafisches Centrum Cuno, Calbe

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