Glaubensvorbilder_Leseprobe

voiceofhope.de

GLAUBENSVORBILDER

GLAUBENSVORBILDER

Glaubens-

vorbilder

1

C. H. Spurgeon

• GLAUBENSVORBILDER •


2


M. Luther

3


A. Carmichael

• GLAUBENSVORBILDER


4


J. H. Taylor

LESEPROBE


Charles Spurgeon

Der Fürst der Prediger

1

C. H. Spurgeon

• GLAUBENSVORBILDER •

Jetzt unter www.voh-shop.de oder 02265 9974922 bestellen

BUCH

MP3-CD

Bestell-Nr.: 875.431 | Seiten: 144 | Preis: 9,90€

Bestell-Nr.: 875.471 | Laufzeit: 3h 27min | Preis: 12,90€

Christian Timothy George


Charles Spurgeon war ein

einfacher Bauernjunge und

wurde später einer der bekanntesten

Prediger der Welt.

Er mischte sich unter Adlige

und Bettler, um seinen Auftrag

von Gott, nämlich Menschen

das Evangelium zu predigen,

auszuführen. Voller Eifer, mit

Liebe und Klarheit predigte er,

um die Herzen von Arm und

Reich, von Groß und Klein

gleichermaßen mit der Frohen

Botschaft zu erreichen. Man

sagt, dass sogar die Königin

kam, um dem »Fürsten der

Prediger« zuzuhören. Aber

Charles größte Aufmerksamkeit

galt dem König aller

Könige, Jesus Christus. – Für

Ihn lebte er. Ihm diente er.

Die Geschichte wird Charles

Haddon Spurgeon für immer

als »Fürsten der Prediger«

kennen.


Vater der Waisen

Metropolitan Tabernacle,

London – Sonntagmorgen, 1877

7

Charles war dreiundvierzig Jahre alt. Seine Augen blickten weiser als

zuvor, sein Gesicht war gezeichnet vom stürmischen Wetter des Lebens.

Zwanzig Jahre waren vergangen seit dem tragischen Vorfall in der

Surrey Gardens Music Hall, doch die Erinnerung daran war immer noch

frisch in Spurgeons Gedanken. Er hatte sich von diesem tragischen Unglück

nie ganz erholen können. Jedes Mal, wenn eine größere Menschenmenge

zusammenkam, klopfte sein Puls heftig, seine Beine zitterten und

waren wie gelähmt.

Charles stand vor seiner Gemeinde. »Unser Bibeltext an diesem Morgen

ist im Alten Testament zu finden, in dem Buch von Habakuk. ›O

Herr, belebe Dein Werk!‹ Als die Katastrophe in der Surrey Gardens Music

Hall geschah, sank ich in eine tiefe Krise. Es war der tiefste Punkt meines

Lebens. Wochenlang blieb ich in Isolation und fand keinen Gefallen an

Speise, Schlaf oder an der Schrift.«

Susannah schloss ihre Augen. Diese Erinnerung schlug sie nieder.

Das Unglück hatte ihren Ehemann emotional so übermannt, dass sie daran

zweifelte, ob er jemals wiederhergestellt werden könnte.

»Doch eines Tages«, fuhr Charles fort, »als ich durch meinen Garten

schritt, kam mir dieser Text in den Sinn: ›O Herr, belebe Dein Werk!‹ Es traf

mich wie eine Ladung schwerer Ziegelsteine – Predigen ist nicht mein

4


VATER DER WAISEN

Werk, Predigen ist Gottes Werk! Gott hat mich zu dieser Pflicht berufen.

Gott liefert die Hilfsmittel für diese Arbeit. Als ich dann im Schatten

eines Baumes saß, erhob ich meinen Kopf zum Himmel und betete: ›O

Gott, belebe Dein Werk! Nur Du kannst es tun; ich bin viel zu schwach.

Nur Du kannst die Splitter meines zerbrochenen Lebens zusammenfügen.

Nur du kannst meine Niedergeschlagenheit vertreiben.‹«

Charles hielt inne. Er schaute in die Augen der Versammelten. Vielen

von ihnen stand die Angst vor Tragödien im Gesicht geschrieben.

»Vielleicht sitzt du heute Morgen hier«, sprach er gütig, »und ringst um

Kraft zum Überleben. Gemeinsam mit David wanderst du durchs Tal

der Todesschatten. Ich habe eine frohe Botschaft für dich, liebe Seele.

Jesus Christus hat die größte Freude daran, Niedergeschlagene aufzurichten.

Wenn Gott in dir ein Werk beginnt, dann ist Er fähig, gewillt

und kompetent, es zu vollenden. Gott zeichnet nie einen Entwurf für ein

Projekt, das Er nicht imstande wäre auszuführen! Liebe Seele, bete doch

darum, dass Gott Sein Werk in deinem Leben beleben möge!«

Charles schloss den Gottesdienst mit einem Lied und Gebet ab. Er

ging zurück in sein Arbeitszimmer, das sich in der Kirche befand, und

betete, dass der Heilige Geist seine Worte gebrauchen möge, um seine

Gemeinde zu ermutigen.

Da klopfte es an der Tür. »Herein«, sagte Charles.

Ein Diakon trat ein. »Pastor Spurgeon, du hast einen Besucher. Er

wohnte heute Morgen dem Gottesdienst bei und verlangt dich zu sprechen.

Ich fragte nach seinem Namen, doch er wies meine Frage ab. Soll

ich ihn fortschicken?«

Charles klappte das Buch zu, in welchem er gelesen hatte. »Unser

Heiland hat niemals Menschen fortgeschickt«, sagte er. »Auch wir sollten

das nicht tun. Bringe ihn herein!«

Der Fremde schritt durch die Tür. Er war groß und adrett gekleidet.

Seine glänzenden Schuhe verrieten etwas von seinem Status; sein Hut

war vom Feinsten in London. Irgendwas an ihm wirkte sehr vertraut.

Der Fremde trat ins Zimmer, schloss die Tür und verriegelte sie.

»Was machen Sie da?«, erkundigte sich Charles und stand auf.

Der Fremde antwortete nicht. Schritt für Schritt kam er auf den Tisch

zu, an dem Charles stand. Der Hut auf seinem Kopf hinderte Charles

daran, ihm in die Augen sehen zu können.

»Wer ist dieser Eindringling?«, wunderte sich Charles.

5


CHARLES H. SPURGEON

Spannung erfüllte den Raum. »Kennen wir uns, Sir?«, fragte Charles.

Es kam keine Antwort.

»Möchten Sie mir etwas antun?!«

Mit der Gewandtheit eines Athleten sprang der Fremde in Aktion und

setzte seine Faust fest unter Charles‘ Brustkorb. Charles krümmte sich

unter dem Hieb, verblüfft über den plötzlichen Angriff. Doch irgendwie

war er nicht zu sehr überrascht. Der Stoß war ihm irgendwie vertraut.

»Henry? Bist du es?«

Der Fremde brach in schallendes Gelächter aus und zog seinen Hut

ab.

»Wie in alten Zeiten, was, Charles?«, sagte er und half seinem Freund

auf.

Ja, es war wie in alten Zeiten. Zu sehr wie in alten Zeiten. »Es ist weitaus

einfacher, einen alten dicken Mann zu schlagen, als einen jungen

dicken Mann«, antwortete Charles. »Jetzt gibt es mehr Angriffsfläche an

mir, um zu boxen.«

Henry umarmte Charles fest und schaute sich ihn genau an. »Das

Leben hat von dir seinen Tribut gefordert, alter Freund.«

»Die Jahre waren gütiger mit dir«, antwortete Charles.

Henry sah sich im Pastorenzimmer um. »Du hast ein ziemlich gutes

Predigtamt hier«, sagte er. »Ich wusste immer, dass Gott dir das Verlangen

deines Herzens erfüllen würde. Als ich dich heute Morgen predigen

hörte, erinnerte ich mich an deine erste Predigt in Teversham – das ist so

lange her! Weißt du noch, wie aufgeregt du warst?«

Charles erinnerte sich. »Ich habe gute Erinnerungen an jene Tage,

jene ersten Früchte meines Predigtdienstes – die dunklen, weiten Felder,

die langen, schmutzigen Wege, die grüne Landschaft von Cambridge.«

»Deine Predigt war wirklich gut«, sagte Henry. »Du hast immer noch

denselben Funken, an den ich mich erinnere. Wie hat Gott dich zu dieser

Gemeinde in London gebracht?«

Charles zog einen Stuhl heran für Henry. »Als ich nach London zog,

war ich der Pastor der New Park Street Baptist Church. Letztendlich kamen

so viele Leute, dass wir gezwungen waren, eine andere Kirche zu

bauen. Der Bau des Metropolitan Tabernacle begann 1859. Es war ein

kostspieliges Projekt. Durch Gottes Gnade haben wir es finanzieren können,

ohne in Schulden zu versinken. Aber genug von mir, Henry. Wie

hast du die letzten siebenundzwanzig Jahre verlebt?«

6


VATER DER WAISEN

»Ich verließ Cambridge, kurz nachdem du Pastor in Waterbeach wurdest.

Ich wollte Jura studieren; also zog ich nach London, um meinem

Abschluss nachzugehen.«

»Was ist denn mit jenem Mädchen passiert? Das, mit dem du dich

heimlich getroffen hast –«, fragte Charles. »Hast du es geheiratet?«

Henry lächelte. »Nein, ich habe jemand anderes getroffen – aber das

ist eine lange Geschichte.«

»Erzähl mir die Kurzfassung!«, bat Charles, gespannt zu erfahren, in

wen sich Henry verliebt hatte.

Henry gab nach. »Ich habe dir sehr dafür zu danken – du hast einmal

eine junge Frau ermutigt, den Gottesdienst zu besuchen und Die Pilgerreise

zu lesen …«

»Mary?«, rief Charles aus. »Sie hatte das röteste Haar, das ich je gesehen

habe – und unzählige Sommersprossen!« Charles war sprachlos.

»Sie hat zwar mit sehr geringem Bildungsniveau angefangen – doch

nun ist es eine ganz andere Geschichte. Sie ist eine hingegebene Christin.

Es hat nicht lange gedauert, bis ich sie gefragt habe, ob sie mich heiraten

wolle!«

Charles schüttelte seinen Kopf in freudiger Fassungslosigkeit.

»Was ist mit dir, Charles? Wen hast du geheiratet?«

Charles nahm einen Bilderrahmen vom Tisch und reichte ihn Henry.

»Ihr Name ist Susannah. Sie ist die allererstaunlichste und talentierteste,

hilfreichste Frau der Welt! Sie ist ein Juwel unter den Frauen!«

Henry zog ein kleines Päckchen aus seiner Tasche und reichte es

Charles. »Das ist für dich«, sagte er. »Als ich Mary erzählte, dass ich

hierherkommen würde, um dich predigen zu hören, da bestand sie darauf,

dass ich dir das geben sollte.«

Charles löste die Schleife und riss die Verpackung auf. »Sie sagte, du

würdest es mögen.«

Charles grinste. Er mochte es in der Tat. Die Inschrift lautete: »Für

Charles, den Mann, der mich zum Lesen angeregt hatte. Danke, dass Sie

das Ende geheim gehalten haben. Mary«

Charles legte das Exemplar der Pilgerreise auf seinen Tisch. »Was

macht Mary zurzeit?«

Henry war sehr stolz auf sie. »Sie ist Lehrerin.«

»Lehrerin?«, fragte Charles. »Was unterrichtet sie denn?«

7


CHARLES H. SPURGEON

»Wie du weißt, besteht in London hoher Bedarf im Dienst an den

Kindern. Überall gibt es Waisenkinder.«

Charles wusste das. Er liebte die Waisen von London sehr. »Es bricht

mir das Herz, sie zu sehen«, sagte er. »Manchmal schleichen sie sich in

den Gottesdienst – vor allem im Winter –, um sich aufzuwärmen. Sie

kennen weder die Liebe ihrer Eltern, noch die Behaglichkeit eines Hauses.

Viele fegen Schornsteine, um zu überleben, und oft sterben sie verfrüht

wegen der elendigen Bedingungen. Wie lange arbeitet Mary schon

unter Kindern?«

»Jeden Samstag versammelt sie einige von ihnen und bringt ihnen

Lesen und Schreiben bei. Das gibt ihnen etwas, wovon sie später leben

können.«

»Ich hätte es liebend gern, wenn unsere Gemeinde diese Waisen in

gewisser Weise fördern könnte …«, seufzte Charles.

Henry dachte nach. »Vielleicht wäre da etwas …«, sagte er. »Zurzeit

arbeite ich mit einer Witwe namens Mrs. Hillyard, die gerade eine hohe

Geldsumme geerbt hat. Sie möchte 20.000 Pfund in den Dienst für Gott

spenden, doch sie weiß nicht, wo sie es einbringen soll. Sie fragte mich,

ob ich von einer Not wisse, wofür sie ihre Spende beisteuern könnte.«

Charles dachte einen Moment nach. »Wenn es jemanden in der Stadt

gibt, der das Geld wirklich braucht, dann sind es die Waisenkinder.«

Charles hatte eine Idee. »Was wäre, wenn wir ein Waisenhaus für sie

bauen könnten?«

»Ein Waisenhaus?«, fragte Henry.

»Wir könnten das in der Nähe unserer Kirche errichten lassen. Es würde

ihren physischen und emotionalen Bedürfnissen nachkommen; doch

was das Wichtigste ist: Wir könnten ihnen die Bibel nahebringen und

für sie eine christliche Umgebung schaffen, wo sie aufwachsen könnten.«

In diesem Gedanken lag Enthusiasmus, und Henry wurde davon angesteckt.

»Charles, ich möchte dir etwas erzählen: Als wir gemeinsam

in Cambridge waren, verehrte ich dich als einen hervorragenden Bibelschüler.

Du konntest die kompliziertesten theologischen Lehren in der

einfachsten Sprache vermitteln, so dass sogar Leute wie ich sie verstehen

konnten. Du hast die ewigen Wahrheiten für einfältige Köpfe umgeformt.

Guter Rat für allerlei Leute – das Buch, das du mit Anfang zwanzig

geschrieben hast – hat so eine Veränderung in mein Leben gebracht. Du

hattest immer Mitleid gegenüber benachteiligten Menschen. Ein Waisen-

8


VATER DER WAISEN

haus wäre die natürliche Ausweitung deines Predigtamtes und Predigerherzens.

Du wärest ein Vater für sie, Charles – der Vater, den sie nie

gehabt haben!«

Charles brauchte Zeit, um diese Idee auszubrüten. »Gott könnte dich

heute genau aus diesem Grund hergeschickt haben«, antwortete er.

Henry lächelte. »Du hast niemals an Zufälle geglaubt, stimmt’s?«

Charles schüttelte den Kopf. »Bei Gott gibt es keine Zufälle. Lass uns

mit Ihm über diese Idee sprechen, und wenn Er uns gestattet, das Waisenhaus

zu bauen, dann werden wir es tun.«

Henry reichte Charles eine Visitenkarte. »Falls du mir schreiben

möchtest – hier ist meine Adresse.«

Charles stand auf und begleitete Henry zur Tür. »Ich danke dir sehr

fürs Vorbeikommen!«

Thomas war zwölf Jahre alt. Es war nicht einfach, Sohn eines Predigers

zu sein – besonders, wenn der Vater Charles Haddon Spurgeon war.

Die Erwartungen waren extrem hoch. Wann immer er und sein Bruder

Charles in Konflikte gerieten, erfuhr es die ganze Welt.

»Papa, kommst du mit?«, fragte Thomas, als er in die Kutsche stieg.

»Nein, ich mache einen Spaziergang, Jungs«, antwortete er. »Passt

auf, dass ihr eure Mutter wohlbehalten nach Hause zurückbringt! Wir

sehen uns später.« Charles küsste seine Frau zum Abschied und ging die

Straße hinunter.

»Hat Papa irgendwas?«, fragte Thomas.

Susannah legte ihre Hand auf seine Schulter. »Deinem Vater geht es

gut«, antwortete sie. »Er braucht nur etwas Zeit, allein mit dem Herrn.«

Thomas war skeptisch.

Die Pferde setzten die Kutsche mit einem Ruck in Bewegung. »Habe

ich euch schon einmal erzählt, was euer Vater über diese Pferde sagte?«,

fragte Susannah.

Die Zwillinge schüttelten ihre Köpfe.

»Wie ihr wisst«, begann sie, »liebt euer Vater diese Tiere. Jeden Sonntag

ziehen sie uns treu und brav zur Kirche. Eines Tages kam ein Mann

auf Papa zu und tadelte ihn dafür, dass er die Pferde an einem Sonntag,

dem Tag des Herrn, so hart arbeiten ließ. Euer Vater hat kleinliche Kritik

nie gemocht, und oft hat er seinen Humor eingesetzt, um die Angriffe

umzuleiten. Als er die Beschwerde dieses Mannes hörte, sah Charles ihn

9


CHARLES H. SPURGEON

an und entgegnete: ›Diese Pferde fallen nicht in große Sünde, wenn sie

mich jeden Sonntag zur Kirche ziehen. Weißt du, meine Pferde sind jüdisch;

sie feiern ihren Sabbat am Samstag.‹«

Thomas und sein Bruder brachen in schallendes Gelächter aus. »Hat

Papa das wirklich gesagt?«, fragte Tom.

»Jungs, wenn ihr nur die Hälfte von allem wüsstet, was euer Vater

schon alles gesagt hat …« Susannah grinste.

Charles schlenderte planlos durch die Straßen von London. Er hatte kein

Ziel im Sinn – und er beeilte sich nicht. Er ging an kleinen Jungen vorbei,

die Zeitungen verkauften und riefen: »Die Erfindung des Telefons verändert

die Welt! Lesen Sie hier alles darüber!«

Block für Block durchstreifte Charles. »Was würdest Du mich tun lassen

bezüglich des Waisenhauses?«, betete er. »In dieser Stadt gibt es so

viele Kinder, die Errettung brauchen.«

Nachdem er die Themse überquert hatte, fühlte Charles einen

schmerzenden Schlag in seinen Knien. Seine Knie waren nie sehr stark,

wie die von Henry; doch in letzter Zeit bereiteten sie ihm oft entsetzliche

Schmerzen. Charles setzte sich auf eine Bank.

»Entschuldigen Sie, Sir, Sie können hier nicht sitzen!«

Charles konnte nicht verstehen, wo die Stimme herkam.

»Ich sagte, Sie können hier nicht sitzen!«

»Und warum nicht?«, fragte Charles. »Dem Herrn gehört die Erde und

was sie erfüllt.«

Plötzlich erschien ein Kind hinter der Bank.

»Sie können hier nicht sitzen, weil Sie die Banksteuer nicht gezahlt

haben!«

»Die Banksteuer?«, fragte Charles. »Ich habe noch nie von so einer

Steuer gehört!«

Das Kind beharrte darauf.

»Wenn Sie auf meiner Bank sitzen möchten, dann müssen Sie Bankgebühren

zahlen!«

Charles war fasziniert. »Und was beträgt die Gebühr, junger Mann?«

»Es kommt darauf an, wie lange Sie hier sitzen möchten.«

»Verstehe«, sagte Charles. »Gut, dann lass mich sehen, wie viel Geld

ich habe.« Er griff in seine Tasche und zog einige Pence heraus. »Wie

lange darf ich dafür hier sitzen?«

10


VATER DER WAISEN

»Fünf Minuten«, antwortete das Kind, »und keine Sekunde länger!«

Charles war beeindruckt von der Pfiffigkeit des Jungen.

»Ich zahle diese Gebühr an dich unter einer Bedingung«, entgegnete

er. Das Kind war Bedingungen nicht gewohnt.

»Ich zahle dir dieses Geld, wenn du dich zu mir auf die Bank setzt.«

Der Junge willigte ein. »Na gut«, sagte er und schnappte sich das

Geld.

»Also, wo wohnst du?«, fragte Charles.

Keine Antwort.

»Du brichst unsere Abmachung«, sagte Charles.

»Sie haben nicht gesagt, dass ich Fragen beantworten muss, während

ich mit Ihnen auf der Bank sitze«, erwiderte der Junge. »Fragen kosten

Sie etwas zusätzlich, Mister.«

Charles lächelte und griff in seine Tasche. »Ich bin bereit, für die Antworten

zu zahlen«, sagte er und gab ihm noch einen Penny.

»Ich bin ein Waisenkind«, antwortete er. »Ich fege Schornsteine.«

»Wie heißt du?«, fragte Charles. Der Junge gab keine Antwort, bis

Charles ihm eine weitere Münze zusteckte.

Er hustete. »Mein Name ist Edward.«

»Gut, Edward. Ich heiße Charles Spurgeon, und ich bin Pastor.«

Charles hatte nicht mehr viele Münzen übrig; deshalb entschied er

sich für die wichtigsten Fragen. »Bist du jemals in der Kirche gewesen?«

»Einmal«, sagte Edward, »als ich noch klein war – bevor meine Eltern

mich fortschickten.«

»An was aus der Kirche erinnerst du dich noch?«

Er hielt inne. »Dort sangen sie – wie Engel.«

Charles schaute Edward an. Er schien zu reif für sein junges Alter.

Seine Arme waren dünn und schmutzig. Seine Kleidung war schlicht,

zerfleddert und ungewaschen. Seinen Augen fehlte die kindliche Lebensfreude

– deren Funkeln ist längst verloschen. »Wie oft fegst du

Schornsteine?«, fragte er.

»Jeden Tag«, entgegnete er. »Obwohl, manchmal gibt unser Meister

uns einen Tag frei. Aber an meinem freien Tag lerne ich eigentlich lesen!«

»Und wer ist dein Lehrer?«

Edward kannte ihren Namen nicht. »Sie hat langes rotes Haar«, antwortete

er mit einem Husten.

»Mary«, dachte Charles.

11


CHARLES H. SPURGEON

Charles konnte das Geräusch von Edwards Husten nicht ertragen.

Er wusste, dass Schornsteinfeger einen hohen Anteil an Ruß einatmeten

– oft fatale Mengen! »Edward«, sprach er, »wenn du alles in der Welt

machen könntest, was würdest du tun?«

Edward war nie zuvor nach so etwas gefragt worden.

»Alles in der Welt?«, fragte er.

»Alles«, sagte Charles. »Ganz egal, was es kosten würde.«

Edward schaute in Charles Augen. Beinahe wäre eine Spur von Hoffnung

durchgebrochen. »Ich wollte immer eine Sache …«, sagte er. »In

der Nacht, wenn alle schlafen, dann träume ich davon.«

»Wovon träumst du, Edward?«

»Schiffe«, antwortete er. »Große, weiße, wunderschöne Schiffe, die

im frischen, salzigen Meerwasser treiben. Ich würde eine riesige Besatzung

haben. Und sie alle würden meine Anweisungen befolgen.«

»Ah. Und wie würdest du so ein Schiff nennen?«, fragte Charles.

Edward hatte keinen Namen im Kopf. »Müssen alle Schiffe einen Namen

haben?«

»Nun, gute Schiffe haben Namen«, entgegnete Charles. »Ein Schiff

ohne Namen ist wie ein Hund ohne Halsband – es könnte jedem gehören.

Also Edward, wie würdest du dein Schiff nennen?«

Edward durchsuchte in seinem Kopf alle Wörter, die er kannte, bis er

das perfekte gefunden hatte. »Freiheit! – Es würde riesige, weiße, offene

Segel haben, die es ins blaue Unbekannte wehen würden – weg von

Schornsteinen, Städten und Ruß.« Edward lächelte bei dem Gedanken.

»Und es würde nur eine Regel auf meinem Schiff geben: Niemand würde

jemals husten dürfen.«

Charles brach das Herz, doch er erzwang sich ein Lächeln. »Ein Schiff

wie dieses würde sehr weit kommen«, sprach er. »Besonders, wenn du

der Kapitän wärest.«

Edward glaubte das auch.

»Ich möchte, dass du etwas für mich tust«, sagte Charles, als er in seine

Aktentasche griff. Er kritzelte eine kurze Notiz auf einen Schmierzettel

und verschloss ihn in einem Kuvert. »Würdest du einen Botengang

für mich machen, Edward?«

»Mister, das wird Sie etwas kosten!«

Charles hatte das erwartet. »Oh, dies ist ein sehr wichtiger Botengang«,

beteuerte er. »Ich bin bereit, den Höchstpreis zu zahlen!«

12


VATER DER WAISEN

Charles entnahm seiner Tasche einen ordentlichen Schein und reichte

ihn Edward, der ihn flott in seine Tasche steckte. »Wenn du die Straße hinunterläufst,

findest du einen Laden«, sagte er. »Oberhalb der Tür hängt

ein großes blaues Schild. Kennst du den Laden?«

»Ja, den kenne ich.«

Charles gab Edward den Umschlag. »Gib dies dem Angestellten hinter

dem Schalter – er ist mein Freund.«

Edward sprang von der Bank. »Ihre Nachricht wird schneller als der

Blitz zugestellt!« Der Junge war überwältigt von dem Auftrag. Nie im

Leben hatte ihm jemand so viel Geld gezahlt. Er rannte die Straße hinunter,

so schnell ihn seine kleinen Füße tragen konnten. Charles sah ihn

hinter der Abbiegung verschwinden.

Charles‘ Knie hatten sich erholt, sodass er wieder aufstehen konnte.

Edward kam ganz außer Atem und erschöpft beim Laden an. Er öffnete

die Tür und ging hinein. Tatsächlich stand ein Angestellter hinter

dem Tresen, wie Charles gesagt hatte. Edward sauste auf ihn zu und

händigte ihm das Kuvert aus. »Dies ist für Sie, Sir.«

»Von wem kommt es?«, fragte der Angestellte.

»Das ist von Mr. Spurgeon.«

Der Name allein brachte ein Lächeln ins Gesicht des Angestellten.

»Danke sehr, mein Junge«, sagte er und tätschelte seinen Kopf. Edward

hielt seinen Auftrag für erfüllt, drehte sich um und rannte zur

Tür.

»Komm zurück!«, schrie der Angestellte. Er lief ihm nach.

Edward war entsetzt. »Bin ich in Gefahr? Vielleicht zahlt Mr. Spurgeon

mir jetzt die Banksteuer heim, die ich ihm berechnet habe.« Er blieb

wie angewurzelt stehen, und der Angestellte zerrte ihn zurück in den

Laden.

»Warte hier, junger Bursche«, sagte der Angestellte. »Und wage es ja

nicht wegzulaufen!« Edward wartete.

Der Angestellte verschwand hinterm Schalter. Minuten verstrichen,

und die Stille wurde qualvoll für Edwards Ohren. Er überlegte, ob er

weglaufen sollte. »Wenn ich jetzt gehe, wird mich niemand einfangen.«

Doch bevor er seinen Fluchtplan durchdacht hatte, kam der Angestellte

mit einem außergewöhnlichen Gegenstand in den Händen zurück.

Edward betrachtete es genauer. Es war weiß, geschwungen und

hatte einen Mast – ein Schiff!

13


CHARLES H. SPURGEON

Edward war sprachlos. Er heftete seine Augen auf das wunderschöne

Schiff. Es sah allemal seetauglich aus. »Warte einen Moment«, dachte

Edward. Er schaute sich im Laden um. »Das ist kein gewöhnliches Kaufhaus.«

Plüschtiere kleideten die Wände aus – Drachen, Tiger, Elefanten.

Burgen, Süßwaren und Comics waren in den Gangreihen verteilt. Kleine

Autos und fahrende Züge füllten den Fußboden. »Das ist ein Spielwarenladen.«

Der Angestellte setzte das Modellschiff auf die Theke. »Gemäß diesem

Brief«, sagte er nun, indem er die Worte erneut las, »gehört dieses

Schiff dir.«

Edwards Augen öffneten sich riesengroß, als er mit seiner Hand an

der Backbordseite des hölzernen Schiffes entlangfuhr.

»Es ist eins unserer allerfeinsten«, fuhr der Angestellte stolz fort.

Edward griff nach dem Steuerrad des Kapitäns und drehte am Ruder.

Es schwang sich von einer Seite auf die andere. »Es ist ausgezeichnet«,

rief er.

»Nun, fast ausgezeichnet …«, sagte der Angestellte, als er den letzten

Satz der Notiz las. Spurgeons Handschrift war schwer zu entziffern.

»Ah, natürlich«, ergänzte er und griff in eine Schublade unterhalb der

Theke. Er zog einen dünnen Malpinsel heraus und tunkte ihn in ein Fass

mit schwarzer Tinte. Mit ruhiger Hand malte er ein Wort auf eine Schiffseite.

»So, das dürfte reichen.«

Edward wartete, bis die Tinte getrocknet war. Es kam ihm vor wie

eine Ewigkeit. Endlich drehte der Angestellte das Schiff um. Obwohl er

kaum lesen konnte, fuhr Edward mit seinen Augen die geschwungenen

Buchstaben entlang. Es waren die schönsten Buchstaben, die er jemals

gesehen hatte – es waren seine Buchstaben! Er sprach das Wort in seinem

Kopf vor, bevor es ihm über die Lippen huschte – Freiheit!

Charles wachte schweißgebadet und zitternd auf. Das Kissen unter seinem

Nacken war nass von Schweiß.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Susannah, die von seiner ruckartigen

Bewegung geweckt wurde. »Wieder ein Albtraum?«

Charles nickte. »Es war entsetzlich«, flüsterte er. »Hunderte von Waisenkindern

rannten – und fielen an Klippen hinunter. Ihre Gesichter waren

schwarz von Ruß, und – und sie starben alle!«

Inzwischen wusste Susannah genau, wie sie ihren Mann nach einem

14


VATER DER WAISEN

Albtraum beruhigen konnte; sie war geübt darin. Sie schlang ihre Arme

um ihn und hielt ihn fest an sich gedrückt. »Es war nicht real«, erinnerte

sie ihn.

Charles dachte an Edward. »Susie, ich habe heute ein Kind getroffen,

einen Waisenjungen.«

»Du hast schon viele Waisenkinder getroffen«, erwiderte sie.

»Ja, aber dieses Mal war es anders. Es war, als wenn Gott ihn mir

aus einem gewissen Grund geschickt hätte. Ich denke, wir können ihnen

helfen, Susie.«

»Wie?«, fragte sie.

Charles wusste, wie. »Ich bin sofort wieder zurück«, sagte er und

sprang aus dem Bett.

In seinem Arbeitszimmer suchte Charles krampfhaft nach einem

Blatt Papier. Er fand eines; das Licht der Laterne flackerte Schatten darauf.

Charles blinzelte, als er schrieb:

Lieber Henry,

ich grüße dich im Namen unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus. Mir

wurde klar, dass wir das Waisenhaus eröffnen sollen. Teile Mrs. Hillyard

mit, dass ich sie gerne treffen würde, um die Projektdetails mit ihr zu besprechen

(Johannes 14,18).

Gott segne dich,

C. H. Spurgeon

Charles faltete den Brief zusammen und ging zurück ins Bett. Er schlüpfte

unter die Decke. »Wir können sie retten«, sagte er.

»Wie?«

»Als ich ein Junge war«, flüsterte Charles, »lag auf dem Kaminsims

meiner Großmutter eine Flasche, in der ein ausgewachsener Apfel steckte.

Als ich den Apfel betrachtete, konnte ich nicht verstehen, wie er in die

Flasche hineingekommen war. Der Flaschenhals war viel zu schmal, als

dass der große Apfel da hindurchgerutscht sein könnte.«

Susannahs Augen wurden schwer, und sie konnte sich nicht konzentrieren;

doch sie zwang ihre Ohren dazu, aufmerksam zu sein.

»Ich habe stunden- und tagelang gegrübelt und versucht, das Problem

zu lösen. Eines Tages, es war im nächsten Sommer, sah ich durch

15


CHARLES H. SPURGEON

Zufall unter einem Ast ein anderes Fläschchen hängen. In dieser Flasche

wuchs ein kleiner Apfel, der durch den Flaschenhals gesteckt worden

war, als er noch hindurchpasste. Aus war es mit dem großen Geheimnis.«

Susannah schloss die Augen, und ihr Atem wurde immer regelmäßiger.

»Nichts in dieser Welt konnte den Apfel verletzen oder beschädigen,

weil er in der Glaswand geschützt war.« Charles hielt inne. Er selbst

wurde auch wieder schläfrig. »Wenn wir die Waisen schützen können,

solange sie jung sind«, murmelte er, »dann könnten sie überleben.«

Susannah antwortete nicht – sie war eingeschlafen. »O Herr, belebe

Dein Werk in dieser Stadt!«, betete Charles und folgte ihr ins Land der

Träume.

16


GLAUBENSVORBILDER

Martin Luther

Das Feuer der Reformation


2


M. Luther

Jetzt unter www.voh-shop.de oder 02265 9974922 bestellen

BUCH

MP3-CD

Bestell-Nr.: 875.432 | Seiten: 144 | Preis: 9,90€

Bestell-Nr.: 875.472 | Laufzeit: 3h 33min | Preis: 12,90€

Christian Timothy George


Kennst du ihn, den Reformator,

Familienvater und Liederdichter,

den Bibelübersetzer und

redegewandten Prediger? Wer

war er? Warum wurde er verfolgt?

Was hatte er entdeckt?

Warum nennt man ihn Reformator,

und was geschah vor

500 Jahren?

Die bekannte Autorin schildert

in diesem Buch das eindrückliche

Leben von Martin Luther,

seine Suche nach Gott, seine

Gefangennahme und Entführung

zur Wartburg, die Übersetzung

der Bibel und vor allem

die Entdeckung der Wahrheit

im Evangelium – einer Wahrheit,

die sich wie ein Lauffeuer

in der ganzen Welt verbreitete.

Martin Luthers Hingabe im

Kampf für die Wahrheit ist es

wert, nachgeahmt zu werden.

Diese Geschichte lässt sein

Lebensbild vor den Augen der

Kinder und Jugendlichen lebendig

werden.


Ein Kardinalsschiff

3

Martin war in der Nacht vor seinem ersten Schultag so aufgeregt,

dass er kaum schlief. Während er sich auf seiner Strohmatratze neben

seinen kleinen Brüdern drehte und wälzte, versuchte er, sich keine

Sorgen wegen der Geschichten zu machen, die sein Kamerad ihm über

den strengen Lehrer erzählt hatte. Martin gab sich Mühe, nicht an den

langen, ermüdenden Weg zu denken. Einige Teile des Fußpfades zum

Schulhaus hinauf waren sehr steil. Doch als er in den Schlaf sank, fand

er endlich Trost in der Tatsache, dass einer der großen Jungen beauftragt

worden war, ihn zu tragen, wenn er zu müde würde.

Letzten Endes war es nur das eine steile Stück am Ende, wo Martin

Hilfe brauchte: der lange Aufstieg, bevor der Schulhausturm aus der

Ferne zu sehen war. Nikolaus hatte bemerkt, dass Martin müde und um

einiges langsamer geworden war. Er hob den Jungen auf seine Schultern

und lief schneller. »Wenn wir uns nicht beeilen, Martin, dann kommen

wir zu spät; und wenn es etwas gibt, was der Lehrer hasst, dann

ist es Unpünktlichkeit. Wir müssen jederzeit pünktlich sein. Der Lehrer

schlägt diejenigen, die zu spät erscheinen.«

Martin schluckte. Günthers Geschichten waren dann also wahr!

Nikolaus lächelte seinen kleinen Schützling an und lachte. »Mach dir

darüber keine Sorgen … Du wirst dich an die strenge Art des Lehrers

gewöhnen, und du wirst lernen, ein guter Schüler zu sein. Disziplin ist

nur ein Teil des Schülerdaseins, Martin. So, ich höre auf zu reden. Ich

brauche meine Kraft, um die anderen Jungen einzuholen. Die sind uns

nun schon ziemlich weit voraus.« Nikolaus machte dann größere und

schnellere Schritte, und bald liefen sie schon neben den anderen Burschen

her und waren nicht mehr weit von der Schulhaustür entfernt.

Der kräftige junge Mann setzte Martin ab, sodass er das letzte Stück al-

20


Ein Kardinalsschiff

lein gehen konnte. Darüber war er froh; denn er wollte nicht aussehen

wie ein kleiner Junge, der zur Schule getragen wird. Und als sie im Hof

ankamen, begann gerade die Glocke im Turm zu läuten. Martin war erleichtert,

an seinem ersten Schultag nicht zu spät gekommen zu sein.

Das wäre kein guter Anfang gewesen!

Als das Läuten der Glocke aufgehört hatte, waren alle Jungen, vom

Kleinsten bis zum Größten, in einer Reihe aufgestellt; sie standen adrett

und aufmerksam vor der Schultür. Alle Spielchen waren vorbei,

alles Lachen verstummt. Der Lehrer stand vor ihnen. Er erwartete

ausgezeichnetes Benehmen und fand es auch vor. Sein fester Blick

war streng, sein Schnurrbart tadellos gepflegt. Seine Augen schienen

direkt in die Köpfe der Schüler zu sehen. Zumindest war es das, woran

Martin dachte, als er mit gemischten Gefühlen aus Furcht und Scheu

zu ihm aufsah. Martin konnte sich vorstellen, dass der Lehrer spezielle

Fähigkeiten hatte, um genau zu wissen, was man dachte, oder sogar was

man in wenigen Augenblicken denken würde.

Martin, der der Jüngste und Kleinste von allen war, stand ganz vorne

in der Reihe. Weil er nie zuvor in der Schule gewesen war, bekam er von

seinem Nachbarn einen Rippenstoß, nachdem der Lehrer »Eintreten«

geschrien hatte. Es war Zeit für alle Jungs, hineinzumarschieren und auf

dem Boden Platz zu nehmen. Martin eilte die Stufen zum Klassenraum

hinauf, wo keine Stühle oder Tische zu finden waren. Der einzige Tisch

war der des Lehrers, im hinteren Teil des Zimmers an der Wand, von wo

aus er alles überblicken konnte, was hier vor sich ging. Martin setzte sich

möglichst nah an den warmen Ofen und packte eifrig seine Schultasche

aus.

Es gab ziemlich viele Gesichter im Klassenzimmer, die Martin noch

nicht kannte. Die Jungen kamen von vielen verschiedenen Höfen und

Dörfern. Keine Mädchen waren dabei, weil sie zu Hause bei ihren Müttern

blieben. Die einzige Bildung, die sie empfangen konnten, war: im

Brotbacken, Nähen und in anderen Haushaltsfertigkeiten. Falls die Mütter

lesen und schreiben konnten, dann konnten es die Töchter von ihnen

lernen. Doch es waren nur die Jungen, die in der Schule unterrichtet

wurden. Mädchen bekamen nicht viel von dieser Art Bildung mit.

Martins Bericht über seinen ersten Schultag war ein bisschen verworren.

Das einzige, worin er sich absolut sicher war, war die Tatsache, dass

er sein Mittagessen genossen hatte – jedes einzelne Stückchen und je-

21


MARTIN LUTHER

den Biss davon. Sogar den Strunk des Apfels mitsamt Kerngehäuse und

den Kernen verschwanden in seinem Mund. »Ich bin froh, dass ich auf

deine Anweisungen gehört habe, Mutter«, sagte er bei seiner Ankunft

zuhause. »Ich hätte mein Essen mehrere Male vor der Mittagszeit aufessen

können! Schon an unserer Straßenecke hatte ich Hunger bekommen;

aber ich hielt der Versuchung stand und genoss dann mein Mittagsmahl

umso mehr, als die Essenszeit gekommen war.«

Seine Mutter lächelte und beschloss, am folgenden Morgen ein wenig

zusätzlichen Käse in seine Schultasche zu stecken. »Wir können darauf

verzichten, bei seinem wachsenden Appetit.«

»Günthers Geschichten über die Schläge könnten wahr sein«, dachte

Martin bei sich selbst, als er diese Nacht zu Bett ging; »aber wenigstens

hat mir niemand mein Mittagessen gestohlen.«

Jedoch sollte Martin bald erleben, dass Günther sowohl über die Essensdiebe

als auch über die Schläge die Wahrheit gesagt hatte.

Ein Junge versuchte, ihm den Apfel aus der Hand zu reißen, und

anschließend bekam Martin selbst den brennenden Schmerz durch die

Rute des Lehrers zu spüren. Er litt so sehr auf dem Heimweg, dass Nikolaus

ihn auf seine Schultern heben und den Hügel hinuntertragen

musste, was unüblich war. Martin war gewöhnlich so erfreut darüber,

nach Hause gehen zu können, dass der Rückweg kein großes Problem

für ihn war. Doch jetzt wurde das Schluchzen des kleinen Jungen lauter

und lauter, und die Wunden an seinen Händen nässten immer weiter.

Nikolaus hob ihn behutsam hoch, mit einem tiefen Seufzer. Der kleine

Martin tat ihm Leid, aber er wurde ihm auch ein wenig lästig. »Ich weiß,

dass es schmerzt, Martin; aber jeder fühlt früher oder später die Schärfe

von des Lehrers Rute.«

»Aber es war nicht meine Schuld«, klagte Martin schniefend, als er

sich zu rechtfertigen suchte.

»Du kanntest die Latein-Deklinationen nicht«, erklärte ihm Nikolaus.

»Der Lehrer hat sie mir nie beigebracht«, stieß Martin hervor.

Während seine Mutter Salbe auf die roten Striemen auftrug, die in

den weichen Händen ihres Jungen aufgeplatzt waren, murmelte sie

kopfschüttelnd vor sich hin.

Martin war sich nicht sicher warum – vielleicht dachte sie, dass er

nicht gut genug gelernt habe. Der Gedanke kam ihm, seine Mutter zu

fragen, ob er am nächsten Tag zu Hause bleiben könne; doch als er das

22


Ein Kardinalsschiff

tat, schüttelte sie den Kopf. Er wurde wie gewöhnlich am nächsten Morgen

wieder zur Schule geschickt. Martin schlurfte zurück in den Klassenraum

und strengte sich im Unterricht erneut an, ohne zu wissen, dass

der erzürnte Blick und der Ärger seiner Mutter nicht ihm gegolten hatten.

Sie hatte schon einen Plan, den sie so bald wie möglich umsetzen würde.

Doch vorerst musste ihr kleiner Sohn hier in der Mansfelder Schule

aushalten, bis er alt genug war, um von zu Hause wegzugehen und eine

andere Schule zu besuchen.

Als der Junge das 13. Lebensjahr erreicht hatte, nahte sich der von der

Mutter ersehnte Augenblick.

»Ich schicke ihn nicht mit einem jener herumziehenden Studenten

los«, erklärte sie nachdrücklich. »Man hört entsetzliche Geschichten davon,

wie sie ihre jungen Schützlinge behandeln. Wir müssen ihn auf eine

höhere Schule schicken.«

Hans Luther schaute seine Frau an und nickte zustimmend. »Aber

es gibt keine bessere Schule in Mansfeld«, erklärte er. »Ich bin mit dir

einverstanden, dass Martin große Fähigkeiten hat, und die Schule, die

er zurzeit besucht, ist für ihn nicht gut genug. Was meinst du also, was

wir tun sollten?«

Margarethe legte ihren Plan mit einem Wort dar: »Magdeburg!«

Die dortige Schule hatte einen guten Ruf.

»Du weißt, dass sie in Magdeburg die Jungen trotzdem schlagen,

wenn sie ihr Latein nicht können?«, erinnerte Martins Vater seine Frau.

»Ja, aber wenigstens versuchen sie, ihnen das Latein beizubringen, so

dass sie es können, bevor die Lehrer dies tun!«, erklärte Margarethe mit

mürrischem Gesichtsausdruck.

So wurde Martin nun aus dem kleinen Schulzimmer in Mansfeld

ausgesondert, und er machte seine erste Reise in die größere deutsche

Welt. Die dortige Schule war nicht leichter und letzten Endes bezüglich

der Strafmaßnahmen nicht viel besser. Einige Monate später war Martin

wieder in Mansfeld, um sich von einem schlimmen Fieberanfall zu erholen.

Margarethe Luther war mehr als verärgert: Sie war wütend. »Ist es

zu viel verlangt, jene angeblich so klugen und intelligenten Männer zu

bitten, auf unseren Sohn aufzupassen? Sie hätten ihn richtig ernähren

23


MARTIN LUTHER

sollen; dann wäre er nicht erkrankt! Hat er es dort warm genug gehabt?

Ich denke nicht!« Hans Luther schwieg, während seine Frau fortfuhr,

über alle Professoren von Magdeburg zu schimpfen.

Sobald seine Eltern von der Erkrankung ihres Jungen erfahren hatten,

nahmen sie ihn nach Hause. Martin wurde nun mit guten, hausgemachten

Suppen und Eintöpfen genährt. Seine Mutter wachte über

ihn wie mit Argusaugen, beachtete gebührend jede Veränderung in Gesichtsfarbe

oder Appetit und behandelte ihn mit Arznei und Umschlägen

aus ihrer Hausapotheke.

Eines Morgens fühlte sich Martin erheblich besser, tatsächlich gut genug,

um ein Gespräch mit seiner Mutter über ein Gemälde zu führen,

das er im Magdeburger Dom gesehen hatte.

»Was war auf dem Bild zu sehen?«, fragte seine Mutter, die an seinem

Bettrand saß.

»Es war ein Schiff voller Kardinäle und Bischöfe und anderer Kirchenmänner.

Der Papst war auch dabei, und zwar am Bug. Es waren

keine normalen Bürger an Bord – nicht einmal ein König oder ein Fürst.

Die Priester und Mönche hielten die Ruder, und sie segelten mit dem

Schiff zum Himmel.«

Ein Stirnrunzeln überflog Frau Luthers Gesicht; was dieses Bild darstellte,

hörte sich nicht gut an. Martin fuhr fort: »Alle normalen Männer,

nämlich diejenigen, die nicht Priester oder Mönche waren, schwammen

im Wasser um das Schiff herum. Einige ertranken.«

Margarethe atmete heftig ein. Der von Furcht und Sorge gequälte

Blick im Gesicht ihres Sohnes beunruhigte sie.

Martin erzählte weiter: »Die Mönche warfen den ertrinkenden Menschen

Seile zu, um sie zu retten, damit sie auch in den Himmel kommen

könnten.«

Margarethe seufzte. »Was hat dein Vater dir darüber erzählt, wie

man in den Himmel kommt?«

Martin hielt inne und dachte nach. Als keine Antwort kam, erinnerte

ihn seine Mutter.

»In den Himmel kommt man durch …«

»Ah! Ich weiß«, rief Martin aus, »In den Himmel kommt man durch

Jesus!«

»Richtig!« Frau Luther holte tief Luft. »Wenigstens hat mein Junge

nicht alles Gute vergessen, was wir ihn gelehrt haben!«, rief sie aus, bevor

24


Ein Kardinalsschiff

sie fortfuhr, Martin an die Wahrheiten zu erinnern, die ihm beigebracht

wurden. »Der Himmel gehört denen, deren Sünden vergeben sind. Sie

kommen nicht dorthin, weil ein Mönch ihnen so ein albernes altes Seil

zugeworfen hat. Jesus schenkt einem Sünder Seine Vergebung Ich kann

nicht begreifen, was du in Magdeburg gelernt hast! Alles, was du nach

Hause gebracht zu haben scheinst, sind abergläubische Geschichten und

ein bisschen mehr von der lateinischen Grammatik.«

Als sie ihre Hand auf Martins Stirn legte, stellte sie fest, dass das Fieber

nachgelassen hatte und seine Augen heller und klarer waren als zuvor.

Ihr Sohn war auf dem Weg der Besserung. »Wir behalten dich jetzt

für ein paar Wochen zu Hause; aber wenn das nächste Schuljahr beginnt,

wird es für dich Eisenach sein!«

»Ihr schickt mich auf eine andere Schule?«, fragte Martin.

»Ja, ich habe Verwandte dort. Du wirst nicht bei ihnen wohnen, aber

es wird dennoch besser für dich sein. Falls du wieder erkrankst, können

sie dir helfen. In der Zwischenzeit bleibst du im Wohnheim der Schule.«

Martin war sich nicht so sicher, ob dieser Plan gut war, denn er hatte

schon von der Schule in Eisenach gehört.

»Müssen dort die Jungen nicht für ihr Abendessen singen?«, fragte

er.

Margarethe nickte. »Die Schule gibt den Jungen nicht genug zu essen;

deshalb müssen sie für ihr Essen betteln und vor den Häusern singen,

um ihren Hunger zu stillen. Dein Vater und ich werden helfen, so gut

wir können. Unsere Finanzen sind nicht so groß. Deshalb wirst du mit

den anderen Jungen singen müssen, um etwas zu Essen für dich zu bekommen.

Doch es ist möglich, dass sich die Situation bald ändert. Dein

Vater könnte eines Tages in den Stadtrat gelangen. Dann werden unsere

Verhältnisse besser sein. Doch vorerst müssen wir alle unseren Gürtel

enger schnallen. Du hast eine entzückende Singstimme, Martin. Ich bin

sicher, dass dir das helfen wird.«

Martin war darüber nicht sehr zuversichtlich.

25


MARTIN LUTHER

Amy Carmichael

Retterin bei Nacht

3


A. Carmichael

• GLAUBENSVORBILDER

Jetzt unter www.voh-shop.de oder 02265 9974922 bestellen

BUCH

MP3-CD

Bestell-Nr.: 875.433 | Seiten: 160 | Preis: 9,90€

Bestell-Nr.: 875.473 | Laufzeit: 3h 36min | Preis: 12,90€

Kay Walsh

26


Ein Kardinalsschiff

Der beeindruckende Lebenslauf

einer außergewöhnlichen irischen

Indienmissionarin: Sie war in

Japan, China, Ceylon und kam

schließlich nach Indien. Es klingt

nach einem Abenteuer, und tatsächlich

ist es auch eine sehr spannende

Geschichte, oft mit vielen

Ängsten verbunden, dennoch mit

einem festen Vertrauen auf Gott.

Amy Carmichael ging als Missionarin

nach Indien, angetrieben

von tiefer Liebe und Glauben in

Jesus Christus. Anfangs schien

alles gut und fröhlich zuzugehen,

doch bald erkannte Amy dort eine

Welt von Kindesentführung, Folter

und Zauberei. Aber sie erlebte

auch erstaunliche Gebetserhörungen

und wunderbare Befreiungen.

Zahlreiche Tempelkinder, die als

Opfergabe für hinduistische Götter

preisgegeben wurden, entriss

sie ihrem Verderben und sorgte

für einen Zufluchtsort für sie.

Amys Leben ist gekennzeichnet

von bedingungslosem Gehorsam

gegenüber dem einen Herrn –

Jesus Christus!

27


Gerettet

2

ilfe! Hilfe! Die Strömung hat uns erwischt! Sie ist zu stark für

»Huns«, gellte Normans Stimme. Er packte sein Ruder noch fester

an. Ebenso tat es sein Bruder Ernest. Deren Schwester Amy stand nur

wie erstarrt auf der Stelle und fragte sich, was ihre Eltern sagen würden,

wenn sie herausfänden, dass sie ungehorsam gewesen waren. Wie

oft war es den Carmichael-Kindern schon gesagt worden: »Der Ozean

ist gefährlich! Seid vorsichtig und fahrt auf keinen Fall selbst mit dem

Boot hinaus!« Doch Amy, Norman und Ernest hatten einfach nicht darauf

gehört, und nun wünschten sie sich, sie hätten es doch getan. Die

dunkelgrünen Fluten der See hatten sie in ihren Fängen, und die Kinder

wurden rasch aus der Sicherheit des Hafens hinausgezogen.

Beide Jungen wussten, dass sie sich der Sandbank an der Zufahrt

zum Meer näherten. Auf der anderen Seite lagen die offenen Wasser der

Irischen See.

»Halte dich so fest, wie du kannst, Amy!«, riefen die Jungen ihrer

Schwester zu. Sie tat, was sie sagten. »Mache ich, mache ich. Wir sind

hier auch früher schon mal gerudert, und es ging alles gut. Wir müssen

irgendwie ein bisschen zu weit abgekommen sein. Es ist fast schon

Abendzeit. Vielleicht verhält sich dann die Strömung anders«, antwortete

Amy.

Norman dachte angestrengt nach. »Amy, fang so laut wie möglich an

zu singen! Jemand könnte uns dann hören. Ernest und ich müssen weiterrudern.

Wir können vielleicht das Boot genügend abbremsen, um zu

verhindern, dass wir aufs Meer hinaustreiben.« Amy begann zu singen.

»Was immer ich tu, was immer ich bin,

dennoch weiß ich, dass es Gottes Hand ist,

die mich führt.«

28


Gerettet

Dieses Lied war das Erste, was ihr eingefallen war. Inzwischen hatten

sich über ihnen dunkle Wolken gebildet. Wie klein wirkte ihr Boot auf

den mächtigen Fluten der See!

»Ich kann da vorn etwas sehen. Ich glaube, das ist ein Boot. Ja, es ist

die Küstenwache! Hier rüber! Wir sind hier hinten! – Sie kommen! Wir

sind gerettet!«, schrie Amy.

Wie froh waren die drei, als sie an diesem Abend sicher nach Hause

kamen. Eine erschöpfte Amy rollte sich zusammen, um es sich im Bett

bequem zu machen. Sie liebte ihr altes Haus mit seinen grauen Steinmauern.

Dem Raunen des Windes draußen zu lauschen, machte ihr

Schlafzimmer erst recht gemütlich.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis die Kinder wieder in Schwierigkeiten

waren. Ihr Vater war Miteigentümer der großen Kornmühle in ihrem

Dorf an der Küste. Das bedeutete, dass ein großes Haus mit Garten für

ihn erschwinglich geworden war. Da konnten Amy und ihre vier Brüder

und zwei Schwestern so viel spielen, wie sie wollten. Sie liebte all die

Blumen und Bäume; doch konnte sie es nicht lassen, mit einigen davon

zu experimentieren. Eines Tages genossen sie einige reife Pflaumen vom

Garten. »Lasst uns auch mal die Kerne essen!«, schlug Amy vor.

»Hört auf! Ich sehe schon, was ihr machen wollt.« Die Kinder blickten

auf. Ihr Kindermädchen Bessie stand an der Hintertür. »Wenn ihr

die hinunterschluckt, dann wird ein Pflaumenbaum aus euren Köpfen

wachsen, aus jedem Kern, den ihr gegessen habt!«

»Das hört sich nicht gut an«, sagte einer.

„Ich werde zwölf Kerne essen und schauen, ob ich morgen zwölf

Bäume aus dem Kopf wachsen sehe«, verkündete Amy herausfordernd.

Am nächsten Morgen fragte eine besorgte Bessie: »Geht’s dir gut, Amy?«

»Nein, ich habe Magenschmerzen; es fühlt sich an, als würden in mir

zwölf Pflaumenbäume wachsen.«

Nicht, dass ihr dies eine Lektion erteilt hätte. Einige Tage später

schaukelten Norman, Ernest und Amy an der Eingangspforte. Über

ihnen wehten die hellgelben Blütenstände des Goldregenbaumes hin

und her. »Bessie sagt nur unsinnige Sachen, um uns Angst einzujagen;

da bin ich mir sicher. Sie sagte, wir würden sterben, wenn wir Goldregenschoten

essen würden. Lasst uns zählen, wie viele wir essen können,

bevor wir sterben«, sagte Amy. Wie üblich machten die anderen

beiden mit.

29


AMY CARMICHAEL

Einige Minuten später begann es allen Dreien übel zu werden. Ernest,

der Jüngste, wurde sehr blass. Er rannte ins Haus. »Mama, ich fühle

mich so krank und irgendwie komisch. Ich glaube, das kommt daher,

weil ich vom Goldregenbaum gegessen habe.«

Frau Carmichael rannte erschrocken auf ihn zu. »Amy, Norman,

kommt sofort ins Esszimmer!« Da stand auf einem Tablett das rosa Pulver,

das sie alle kannten und fürchteten. Sie füllte drei Teetassen mit

heißem Wasser und rührte das Pulver ein. Sie alle wussten genau, wie

widerlich das schmecken würde.

»Trinkt es komplett aus, bis auf den letzten Tropfen! Wir werden

bald dieses Gift aus eurem Körper herausbekommen.« Ihre Mutter hatte

Recht damit! Alle drei erbrachen sich mehrmals und waren sehr, sehr

froh, dass ihre Strafe nur darin bestand, früher ins Bett zu gehen, ohne

ihr Abendbrot gegessen zu haben.

Am nächsten Morgen trat Amy nach draußen und atmete tief durch.

»Ich fühle mich jetzt schon viel besser«, dachte sie, »auch wenn Mutter

mir eine ordentliche Standpauke gehalten hat. Ich nehme an, ich habe

das verdient; ich bin ja die Älteste. Doch wenn sie nur wüsste, wie viel

frecher ich sein könnte, dann würde sie mich jetzt überhaupt nicht für

frech gehalten haben.«

Erst dann hörte sie auf einmal ein »Plop« in dem Eimer an der Tür.

Sie schaute hinein und sah dort eine kleine Feldmaus. »Oh, ich kann

dich nicht ertrinken lassen! – Oh nein! Da schellt die Glocke zum Gebet.

Ich muss rechtzeitig da sein, sonst gibt es noch mehr Probleme!« Als sie

das sagte, zog sie schnell die Maus aus dem Wasser und versteckte sie in

ihrer Schürzentasche.

Sie nahm am Tisch Platz, und der Vater begann zu beten. Nach dem

Vaterunser, das sie alle gemeinsam beteten, las er ihnen eine biblische

Geschichte vor. Als er gerade für die Familie und ihre Freunde zu beten

begann, setzte ein quietschendes Geräusch ein. Alle drehten sich zu Amy

um.

»Sie wäre sonst ertrunken! Ich hoffte nur, dass sie leise sein würde.«

Ihre jüngeren Brüder und Schwestern begannen zu kichern. Sie drehte

sich um und rannte hinaus in den Garten, wo sie die Maus freiließ.

»Es ist kein Wunder, dass die Hauslehrerinnen, die ich einstelle, um

euch zu unterrichten, nicht sehr lange bleiben«, sagte der Vater zu seiner

Familie, als die ganze Aufregung sich wieder gelegt hatte. »Diese

30


Gerettet

arme englische Frau aber hatte es nur sehr kurz ausgehalten. Ich erinnere

mich, dass ihr alle gekommen seid, um sie zu verabschieden. Warum

habt ihr das getan? Ich weiß, dass ihr sie nicht mochtet.«

»Wir wollten sicher sein, dass sie auch wirklich geht«, erklärte Amy.

Amys Vater lachte. »Was für spitzbübische Kinder ihr doch seid!«

Eines Morgens hatte Amys Vater interessante Neuigkeiten. »Wir bekommen

einen neuen Nachbarn«, erzählte er ihnen. »Er ist Missionar in

Indien, aber er und seine Familie nehmen sich für ein Jahr Urlaub. Ich

bin sicher, dass er euch viele faszinierende Geschichten erzählen wird;

benehmt euch deshalb gut, wenn er hier ist!«

Die Eltern empfanden es als ein Glück, dass Amy ihren schlimmsten

Streich noch zu einer Zeit ausführte, bevor die neuen Nachbarn eingezogen

waren. Sie wusste, dass ihre Brüder, genau wie sie, eine ganz bestimmte

Stelle im Sinn hatten, wo sie hinaufzuklettern wünschten – das

Dach. Sie entschlossen sich, vom Dachfenster im Badezimmer aus hochzusteigen.

Dieses Dachfenster befand sich genau über der Badewanne

und war ziemlich schmal. Amy musste jedem ihrer Brüder einen starken

Schubs durchs Fenster geben, bevor sie sich selbst durchquetschte.

Nacheinander glitten sie das Schieferdach hinunter, bis sie zur Dachrinne

gelangten.

»Was für eine Aussicht!«, rief Amy aus, als sie auf das Meer hinausschaute.

Bodenlos tiefes blaues Wasser glitzerte im Sonnenschein. Die

Irische See war ein beachtlicher Anblick – besonders vom Dachgipfel

aus.

Alle drei marschierten dann um das Dach herum – lachend und kichernd.

Dieses Spiel machte riesigen Spaß, fanden sie. Als sie die Hausfront

erreichten, schauten sie wieder hinunter. Welchen Ausblick sie aus

diesem Blickwinkel wohl bekommen würden?, fragten sie sich. Es war

ein Anblick, den niemand von ihnen erwartet hatte. Amy rang nach Luft.

Und genauso auch – ihre Eltern!

»Bleibt da stehen, wo ihr seid!«, schrie ihr Vater gellend. »Ich komme

hoch zum Badezimmer und hole euch.« Minuten später waren Amy und

ihre Brüder wieder durch die Dachluke geklettert und hörten sich schon

die nächste Standpauke an.

Eigensinnig, tollkühn, wild – Amy hatte all diese Beschreibungen von

ihrer Person gehört. Jetzt, wo sie sich auf den großen Sessel im Zimmer

ihrer Mutter setzte, überdachte sie einige ihrer vergangenen »Helden-

31


AMY CARMICHAEL

taten«. »Ich bin sehr eigensinnig gewesen, aber es tut mir nicht wirklich

leid; ich genieße es, spannende Dinge zu erleben.«

Doch Amy begriff nicht, dass wegen dieser Dinge, obwohl sie reizvoll

für sie waren, eine Person des Hauses sehr besorgt war. Ihre Mutter saß

vor dem Spiegel ihrer Frisierkommode und setzte sich gerade einen Hut

auf.

»Was machst du da?«, fragte Amy sie.

»Ich mache mich fertig zum Ausgehen«, war die leise Antwort ihrer

Mutter.

Amy schaute auf das Spiegelbild ihrer Mutter und sah die müde, gekränkt

aussehende Miene auf ihrem Gesicht. »Bin ich etwa die Ursache

für diese Miene auf ihrem Gesicht?« Amy überlegte, und als sie dann ein

weiteres Mal in die traurigen Augen ihrer Mutter blickte, hielt sie den

Atem an. »Was habe ich getan?!« Schluchzend rannte Amy quer durchs

Zimmer und warf sich in die Arme ihrer Mutter.

»Es tut mir wirklich leid. Ich kann es nicht ertragen, dich zu kränken.

Ich möchte gut sein.«

Amys Mutter beugte sich vor, um ihre kleine stürmische Tochter zu

umarmen.

»Beruhige dich jetzt. Es ist in Ordnung. Ich weiß, dass du es gut

meinst. Ich wünschte nur, du würdest besser aufpassen. Ich habe jetzt

schon viel zu viele graue Haare!« Amys Mutter lachte, als sie ein weiteres

Mal in den Spiegel schaute.

Amy schniefte leise und lächelte unter Tränen. »Ich will mit allen

diesen dummen Abenteuern und unsinnigen Reibereien aufhören«, versprach

sie sich. – Doch natürlich gab Amy nicht alle ihre alten Manieren

mit einem Mal auf. Dennoch begann sie ihrer Mutter mit den jüngeren

Kindern zu helfen und bemühte sich, ihr durch besseres Benehmen einiges

an Leid zu ersparen – meistens jedenfalls. Um einiges von ihrem

maßlosen Energievorrat loszuwerden, ritt Amy oft auf dem Pony aus. Sie

liebte es, über die festen Sandflächen des nahegelegenen Strandes zu galoppieren,

während ihr dichtes braunes Haar hinter ihr auf und ab wehte.

Wenn das Pony plötzlich erschrak, konnte sie es besänftigen, indem

sie ihm leise ins Ohr sang. Als sie jedoch eines Tages auf der Hauptstraße

ausritt, gelang dieser kleine Trick von Amy nicht. Das Pony bäumte

sich auf, bockte und warf schlussendlich seine junge Reiterin geradlinig

gegen die Seite einer Mauer. Amys Körper wurde dagegengeschmettert

32


Gerettet

und lag dann schwer verletzt auf dem Boden, während das Pony am

Horizont verschwand. Amy war sich kaum des leisen Flüsterns der besorgten

Ärzte bewusst, die gekommen waren, um sie zu behandeln. »Sie

wird für einige Wochen im Bett bleiben müssen«, war die Diagnose. »Das

ist ein ernster Unfall.« Doch als die Verletzungen geheilt waren und das

junge Mädchen wieder gesund war, da ritt sie bald wieder aus.

Und eines Tages, als Amy von einem weiteren energiegeladenen Ponyausritt

zurückkam, bekam sie zufällig den Plan ihrer Eltern für ihre

Zukunft mit.

»Amy wird bald schon zwölf Jahre alt sein«, sagte ihr Vater nickend.

»Sie ist durchaus alt genug, um ins Internat zu gehen, und England ist

nicht so weit entfernt. Ich glaube, das ist genau das, was unser kleines

Mädchen braucht.«

Amy war fasziniert. »Eine Internatsschule könnte lustig werden«,

dachte sie bei sich. Als sie jedoch im Jahr 1879 schließlich dort ankam,

merkte Amy, dass sie eigentlich großes Heimweh hatte – sehr großes

Heimweh sogar.

»Ich möchte nach Hause!«, schluchzte sie eines Nachts in ihr Kissen

im Wohnheim. »Ich will zurück zum Strand, zum Boot und zu meinem

Pony und dem Goldregenbaum! Ich möchte aufs Dach klettern und mit

meinen Brüdern spielen! Ich vermisse sie alle so sehr!«

Die ganze Woche im Internat war sehr schwer für Amy. Es verging

kein einziger Tag, an dem sie Irland nicht vermisste. Doch von allen Tagen

der Woche war der Sonntag der schwierigste.

In Irland hatte ihre Großmutter jeden Sonntagmorgen einen Strauß

süßduftender Blumen für sie gebunden.

»Ich weiß noch, wie ich, als ich noch sehr klein war, diese Blumen in

der Kirche gehalten habe. Sie waren das Einzige, was mich während des

langen Gottesdienstes hatte still sitzen lassen.« Amy seufzte nochmals.

»Ich finde überhaupt nicht, dass das Internat Spaß macht«, stöhnte sie.

»Hier gibt es keine Jungen, und alle sind total streng! Ich vermisse es

sogar, meiner Mutter zu helfen, den alten Menschen im Dorf eine Suppe

anzubieten. Es ist witzig, dass es gerade die alltäglichen Dinge sind, die

ich am meisten vermisse. Wie unsere Sonntagsspaziergänge mit Vater,

und die Katze Daisy zu streicheln. Der einzige Unterricht hier, der ein

bisschen gut ist, ist Biologie. Ich nehme an, das ist so, weil ich Blumen

so sehr liebe.«

33


AMY CARMICHAEL

Zum Glück wusste Amys Mutter, wie sehr ihre Tochter Blumen

liebte, und sie schickte Amy eine Schachtel voll bunter Chrysanthemen

aus ihrem Gewächshaus, um sie aufzuheitern. Mit der Zeit fühlte Amy

sich immer weniger einsam, lebte sich ein und wurde zu ihrer Überraschung

bei den anderen Mädchen beliebt. In gewisser Weise war es das,

was Amy regelrecht zu ihrem nächsten Streich verführte, was ihr somit

auch einigen Ärger mit der Direktorin einhandelte.

»Ich habe gehört, dass dieser Komet ein einmaliger Anblick sein

soll. Jeder sollte sich den ansehen!«, sagte Amys Freundin Meg zu ihr.

»Schade, dass er hier erst nach Mitternacht vorbeifliegen wird. Vielleicht

wird uns die Direktorin erlauben, länger aufzubleiben, damit wir

das sehen können. Frag sie mal, Amy! Du bist mutiger als jede von

uns.«

Fünf Minuten später war Amy aus dem Büro der Direktorin zurück.

»Sie hat die Idee glattweg abgelehnt. Aber ich habe eine andere Idee.

Wenn ich es arrangiere, alle in unserem Wohnheim rechtzeitig zu wecken,

um es zu sehen, dann lasst uns doch dann auf den Dachboden

steigen! Da werden wir durch das große Dachfenster sicher eine gute

Aussicht haben!«

»Das ist großartig!«, antwortete Meg. »Lasst uns das machen! Aber

wie können wir es schaffen, wach zu bleiben?«

»Also, hier ist mein Plan«, flüsterte Amy. »Ich habe alle diese Stücke

Garn zurechtgeschnitten, und die werde ich an je einen eurer Zehen festbinden.«

»An unseren Zehen?«, rief Meg aus.

»Ja, hör zu, ich erzähl dir warum. Wenn ihr alle eingeschlafen seid,

werde ich wach bleiben, und wenn es Zeit ist zum Aufstehen, um auf

den Dachboden zu gehen, dann ziehe ich an allen Fäden; ihr werdet den

Zug an eurem Zeh spüren und alle genau rechtzeitig für die Show aufwachen.«

»Das ist eine geniale Idee, Amy!«, verkündete Meg. »Ich kann es

kaum erwarten, das den anderen zu erzählen!«

Als alle Mädchen mit ihren Baumwollfäden an ihren Zehen im Bett

lagen, ließ Amy sich nieder, um zu warten, bis ›die Luft rein‹ sei. Sobald

sie sich sicher war, dass die Lehrer alle schlafen gegangen sein mussten,

zog sie an den Fäden und weckte den Schlafsaal. Rasch und leise trippelten

alle Mädchen auf den Dachboden.

34


Gerettet

Doch als die Mädchen in diesen Raum traten, erlebten sie zwei

Überraschungen. Als Erstes sahen sie den Glanz des Kometen am klaren

Nachthimmel. Als Zweites entdeckten sie ihre Direktorin und vier

Lehrer, die dort standen und sich ebenfalls den Kometen ansahen.

Die Direktorin schnappte nach Luft und zählte dann rasch eins und

eins zusammen. »Amy – morgen um 9 Uhr treffen wir uns in meinem

Arbeitszimmer! Ich wage zu behaupten, dass du die Anführerin

bist. Habe ich Recht? Alle von euch zurück ins Bett, aber schleunigst!«

Amy seufzte und machte sich mit den anderen auf den Rückweg zum

Schlafsaal. »Das ist ungerecht! Ich gerate immer in Schwierigkeiten«,

murrte sie.

Am nächsten Morgen verließ sie das Büro der Direktorin mit einem

sehr beschämten Ausdruck auf ihrem Gesicht. »Die Direktorin hatte

Recht. Ich bin fast fünfzehn Jahre alt. Ich sollte in meinem Alter keine

Probleme mehr verursachen. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, Gott zu

bitten, dass Er mir hilft, erwachsen zu werden!«, dachte sie. Doch gerade

nach ihrem fünfzehnten Geburtstag geschah etwas umso Besseres.

Bei einer Veranstaltung, zu der Amy und einige Schulfreundinnen

gegangen waren, sang die Versammlung ein Lied über die Liebe Jesu

Christi. Es war eines von Amys Lieblingsliedern und auch das Lieblingslied

ihrer Mutter.

Amy ertappte sich dabei, wie sie über die Worte nachdachte und herauszufinden

versuchte, was sie wirklich bedeuteten. »Ich habe immer

gewusst, dass Jesus mich liebt; aber es war Mutter, die es für mich greifbar

gemacht hat. Ich kann mich nicht immer auf den Glauben meiner

Mutter stützen«, nahm Amy sich vor. »Ich habe nie wirklich darüber

nachgedacht, auf welche Weise ich persönlich Jesus lieben sollte.«

Mr. und Mrs. Carmichael waren begeistert, als sie einige Tage später

einen Brief von Amy erhielten, der davon berichtete, wie sicher sie sich

war, dass ihr vergeben worden war, »durch die Gnade des Guten Hirten«,

wie sie hinzugefügt hatte.

Amy meinte, dass dieses kleine Lied die beste Nachricht war, die sie

jemals gehört hatte, und so war es auch … Doch später in diesem Jahr

erhielt sie noch ein paar gute Neuigkeiten anderer Art. »Kein Internat

mehr! Hurra!«, gellte ihr Ruf, während sie im Schlafsaal herumrannte

und mit dem neuesten Brief ihrer Eltern in der Hand wedelte. »Ich gehe

zurück nach Irland!«

35


AMY CARMICHAEL

Doch obwohl diese Nachricht für Amy gut war, war es für ihre Familie

eine schlechte. Der Grund, warum Amy und ihre Brüder nach Hause

kommen sollten, war, dass das Familienunternehmen schlecht lief. Bald

würden sie nach Belfast ziehen müssen, wo ihr Vater ein kleineres Unternehmen

gründete und die Kinder in die örtliche Schule gingen.

Dann kam eines Morgens Amys Mutter mit erschreckenden Neuigkeiten

in ihr Zimmer. »Was? Lungenentzündung?« Amy rang nach Luft.

Ihre Mutter nickte. Ihr Gesicht war aschfahl, ihre Lippen fest verschlossen.

»Vater hat eine Lungenentzündung!«

»Manchmal genesen Menschen von einer Lungenentzündung«, tröstete

Amy ihre Mutter. Doch im Laufe der folgenden Tage und Wochen

wurde der Zustand von Amys Vater eher schlimmer als besser, und gerade

als die Familie am meisten Hilfe brauchte, kam die finanzielle Katastrophe.

Amy rannte in den Garten, um sich hinter dem Pflaumenbaum zu

verstecken. »Wir sind ruiniert«, schluchzte sie. »Dieser Mann schuldet

Vater sehr viel Geld, aber er kann oder möchte es nicht bezahlen! Doch

Mutter soll mich nicht so weinen sehen«, schalt sie sich selbst.

Dennoch weinte Amy an diesem Abend wieder in ihr Kissen. Die

Lungenentzündung war nicht geheilt worden. Mr. Carmichael war gestorben.

Nachdem die Beerdigung vorbei und der Sarg unter der dunkelbraunen

irischen Erde begraben war, fand Amy ihr Leben ganz, ganz anders

vor, als es einmal gewesen war. Zuvor war sie eins der Kinder gewesen.

Nun war sie diejenige, an die ihre kleinen Brüder und Schwestern sich

mit ihren Sorgen und Ängsten wandten.

Wer aber hörte sich Amys Probleme an? Wer half ihr, wenn sie jeden

Tag irgendwem in die Arme laufen und sie nie wieder loslassen wollte?

Jeden Tag fand sie Worte in der Bibel, die ihr halfen, die Not zu bewältigen.

»Gott ist ein Vater der Waisen.«

Sie wusste das ganz sicher. Sie begann nun, erwachsen zu werden.

Sie begann, Gott zu vertrauen.

36


GLAUBENSVORBILDER

AMY CARMICHAEL

Hudson Taylor

Ein Abenteuer beginnt


4


J. H. Taylor

Jetzt unter www.voh-shop.de oder 02265 9974922 bestellen

BUCH

MP3-CD

Bestell-Nr.: 875.434 | Seiten: 160 | Preis: 9,90€

Bestell-Nr.: 875.474 | Preis: 12,90€

Catherine MacKenzie

38


Gerettet

Wer war Hudson Taylor? Was hat

ihn geprägt, und warum ging er

nach China? China war ein verschlossenes

Land – doch genau

dahin führt das große Abenteuer.

Bereits mit 5 Jahren hatte Hudson

den großen Wunsch, den Armen

von Jesus zu erzählen. Schon als

Kind war er oft krank und hatte

ein sehr schlechtes Sehvermögen.

Gott aber wählte gerade ihn

für eine besondere Aufgabe. Im

Alter von 21 Jahren verließ Hudson

Taylor England und segelte

nach China. Warum nahm er eine

fünfmonatige Reise auf sich, um

auf die andere Seite des Globus

zu gelangen? Er tat es, um den

Chinesen die frohe Botschaft von

Jesus Christus zu erzählen. Diese

Geschichte beschreibt Hudsons

Kindheit und Jugend, sowie das

Leben und Werk dieses großen

Missionars. Hudson Taylor war

ein Mann des Glaubens, der Gott

vertraute, mit einer engen Beziehung

zu Jesus Christus, aus

dessen Gnade er lebte.

39


Der Beginn des Abenteuers

1

Es gibt eine Redensart, die lautet: »Verrückte Hunde und Engländer

gehen in der Mittagssonne spazieren.« Die drückende Hitze der Sonne

in China jagt die meisten Fremden in den Schatten oder in ein kühles

Bad – aber nicht alle.

»Fremder Teufel! Fremder Teufel!« Diese Rufe erschollen überall

auf der belebten chinesischen Straße, wo Menschenmengen aus hohen

Häusern und verfallenen Hütten strömten. Verwahrloste Kinder hörten

zu spielen auf, um herauszufinden, warum die Leute zusammenliefen.

Einige starrten den Fremden furchtlos an, wie er da die Straße entlangging.

Andere hatten Angst und versteckten sich hinter den Röcken ihrer

Mütter oder älteren Schwestern.

Prächtig geschmückte chinesische Tempel und hohe, starke Stadtmauern

täuschten über die furchtbare Armut der meisten Bewohner

Schanghais hinweg. Armut war für die meisten tägliche Realität.

»Fremder Teufel!« Das Geschrei wurde lauter. »Seht ihn euch an mit

seinem komischen gelben Haar und einer Haut, die wie Ziegenmilch

aussieht! Schaut doch bloß seine Augen an, die so hell sind wie eine Blume!

Es ist seltsam, so viele Farben an einer einzigen Person zu sehen.«

Alte Omas und junge Frauen diskutierten mit großem Vergnügen über

jeden Quadratzentimeter dieses sonderbaren Fremdlings. »Seht euch

doch nur die komischen Knöpfe auf der Vorder- und auf der Rückseite

seines Mantels an! Warum hat er sowohl vorne als auch hinten an seiner

Kleidung Knöpfe?«

Die Chinesen trugen nur einfache, locker sitzende Kleidung; aber dieser

Fremde trug pompöses und aufwendig gemachtes Zeug, was keinen

Sinn zu haben schien. Chinesische Männer trugen Zöpfe, die am Rücken

herabhingen, und das übrige Haar war geschoren; doch der Fremde hatte

überall auf dem Kopf Haare, so hell wie Stroh.

40


Der Beginn des Abenteuers

Junge Männer folgten dem gelbhaarigen Fremden mit einigen Schritten

Abstand. Sie trugen große Körbe, die an langen Bambusstangen hingen.

In den Körben lagen die unterschiedlichsten Dinge, die auf einem

der vielen Märkte in Schanghai verkauft werden sollten. Ein Mann trug

die Stange an einem Ende und ein anderer am anderen, und daran hing

der große, schwere Korb, der in der Mitte hin und her schaukelte. Sie

kicherten über den fremden Mann, und der fühlte sich verlegen und

höchst unwohl. Er besah sich seine Kleidung und die der anderen Leute

rings um ihn herum. Er stellte auch fest, dass sie ihn alle anstarrten. In

der Hand trug er ein großes Buch und einige Blätter Papier. »Er will sicher

zum großen Platz, wo man sich gewöhnlich versammelt«, sagte eine

alte Großmutter. »Er muss uns etwas Wichtiges zu sagen haben.«

Magere alte Hühner jagte man mit einem Tritt aus dem Weg, und

Babys band man sich mit Tragetüchern auf den Rücken, während man

dem bleichgesichtigen Fremden folgte.

Die Frauen konnten auf ihren winzigen, gebundenen Füßen nur sehr

schlecht gehen. Überall in China hatten die Eltern ihren Töchtern schon

in sehr frühem Alter die Zehen mit festen Bandagen unter ihren Füßen

festgebunden. Das behinderte das Wachstum der Füße. Man wollte damit

erreichen, dass sie später winzige, zierliche Füße hätten, was die

Chinesen sehr schätzten. Keine Frau mit großen Füßen durfte damit

rechnen, einen Mann zu bekommen. Männer mochten große Füße nicht.

Große Füße galten als unattraktiv. Außerdem war man sich sicher, dass

einem eine Frau mit solch kleinen Füßen nicht davonlaufen konnte. Man

holte sie ganz leicht wieder ein.

Immer mehr Stimmen mischten sich in das allgemeine Gewirr.

»Da kommt er, da kommt er, der ›fremde Teufel‹ mit seinen komischen

Kleidern!« Männer, Frauen, Kinder, Hunde und auch ein oder

zwei schreiende Esel trugen zum Chaos bei. Der junge Fremde räusperte

sich verlegen. Er begriff sehr wohl, dass vor allem seine Kleidung die

Menge so sehr belustigte. Die jungen Männer und Frauen, die Bauern

und Kaufleute, die kleinen Kinder, ja selbst die Babys starrten ihn an.

Ein Schweißtropfen fiel von seiner Nasenspitze. Mit einem weißen Taschentuch

wischte er sich den Schweiß ab, was noch mehr Heiterkeit

hervorrief.

»Haha! Seht ihn nur an, er wischt sein Gesicht mit einer großen weißen

Fahne ab! Die noch weißer ist als sein Gesicht!« Wieder hüstelte er

41


HUDSON TAYLOR

und betete flehentlich darum, dass die Leute doch nicht ihre Zeit damit

verschwendeten, ihn auszulachen, sondern dass sie zuhörten, was Gott

ihnen zu sagen hat.

Als er zu sprechen begann, war die Menge überrascht: Diese schmalen

rosafarbenen Lippen sprachen ein richtig gutes Chinesisch!

»Mein Name ist Hudson Taylor, und ich habe eine sehr lange Reise

gemacht, um euch von dem einen wahren Gott zu erzählen. Er ist es, der

Himmel und Erde und auch euch gemacht hat! Und Er hat allen Menschen

geboten, Ihn zu lieben und Ihm zu dienen; denn Er ist ein heiliger

Gott, der die Sünde hasst. Ich sage euch die Wahrheit.«

Ein chinesischer Kaufmann stand am Rand der Volksmenge. Auch

er war neugierig, zu erfahren, was hier vor sich ging. »Er sagt, dass er

uns die Wahrheit sagen will? Ich habe von diesen fremden Barbaren gehört.

Sie kommen von weit her, weit entfernt vom Reich der Mitte; sie

kommen von dort, wo die Wilden hausen. Sie haben nichts gelernt und

kennen keine Manieren. Darum verstehe ich nicht, warum ihm hier all

die Leute zuhören.« Der junge chinesische Kaufmann legte die Baumwolltücher

nieder, die er an diesem Tag auf dem Markt verkaufen wollte,

und hörte zu, was der Fremde zu sagen habe.

Der erhob nun laut seine Stimme, damit man ihn trotz des Lärms

ringsumher verstehen könne:

»Der Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat und auch den riesigen

Jangtse-Fluss, der bei uns vorbeifließt, will nicht, dass wir ohne

Hoffnung seien. Er liebt uns und will uns unsere Sünden vergeben. Er

will, dass wir zu Ihm zurückkehren und mit Ihm leben. Aber Gott muss

die Sünden mit dem Tod bestrafen! Daher sandte Er Seinen Sohn, Jesus

Christus. Der lebte bei uns auf der Erde; aber Er tat nie eine Sünde. Er

war vollkommen. Er kam als kleines Kind auf die Erde. Er heilte die

Kranken, machte, dass die Lahmen wieder gehen konnten, und erweckte

Tote wieder zum Leben. Er führte ein vollkommenes Leben, anders als

wir es tun; und dann starb Er an Stelle der Sünder, die an Ihn glauben.

Unsere Bosheit fordert Gottes Zorn heraus, und wegen unserer Sünden

haben wir den Tod verdient. Aber Jesus Christus starb, damit wir leben

können, und nach drei Tagen kehrte Er ins Leben zurück! Der Tod hatte

Ihn nicht besiegt.«

Laute des Erstaunens und des Unglaubens waren überall zu hören.

Der chinesische Kaufmann stand nachdenklich da und hielt die Hand

42


Der Beginn des Abenteuers

ans Kinn. Da war etwas Wahres dran. Das merkte er ganz deutlich. Keine

andere Botschaft hatte ihn so ergriffen, wie es die Geschichte von Jesus

tat. Der Kaufmann hatte es schon mit etlichen Religionen versucht,

auch mit dem Buddhismus. Dieser Jesus Christus war anders.

Der Fremde übertönte das allgemeine Gerede. »Wenn ihr Buße tut,

Christus glaubt und vertraut, werdet ihr für immer bei Ihm leben. Wenn

ihr aber nicht an Christus glaubt, werdet ihr nach eurem Tod dem ewigen

Gericht entgegengehen!«

Die Menge verwunderte sich über diese erstaunliche Rede. Einige

lachten über diesen »eigenartigen Fremden« und über seine »törichte

Geschichte«.

Der chinesische Kaufmann nahm seine Baumwolltücher wieder auf

und ging fort, ohne ein Wort zu sagen.

Der junge Missionar Hudson Taylor seufzte, als er den Mann um die

Ecke verschwinden sah. Der Kaufmann blickte noch einmal auf den

schweren schwarzen Anzug zurück und auf das sandfarbene Haar und

fragte sich dabei: »Wer mag dieser Hudson Taylor sein, und weshalb

kommt er zu uns in diese Stadt?«

43


Nehmt euch ihren

Glauben zum Vorbild

»Gedenkt eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr

Ende schaut an und folgt dem Beispiel ihres Glaubens!« (Hebräer 13,7)

Der Schreiber des Hebräerbriefs fordert die Leser auf, an die

geistlichen Lehrer zu gedenken. An die, die das Wort Gottes zu

ihnen gepredigt und es gelehrt haben.

»Gedenkt an sie – an ihr Predigen, ihr Beten, ihren Rat, ihr Vorbild.

Strebt nach der Gnade des Glaubens, durch die sie so gut lebten und

starben. Schaut das Ergebnis ihres Lebenswandels an. Verpflichtet

euch, dem gleichen wahren Glauben zu folgen, in dem eure Lehrer euch

unterwiesen haben.« (Matthew Henry)

Wie dankbar können wir sein, dass in der Vergangenheit viele

geistliche Vorbilder gewesen sind. Einige dieser Vorbilder sind

in Vergessenheit geraten, andere kennen wir noch. Gewisse Prediger

und Autoren sollten wir kennen, und dabei müssen wir ihr

Leben anschauen – wie sie Gott bis ans Ende vertrauten – und

uns ihren Glauben zum Vorbild nehmen.

Tel: +49 2265 99749-22

www.voh-shop.de

Weitere Magazine dieses Users