Wo geht die Reise heute hin? – Foto-Ausstellung zu dem Projekt "Demenz-Theater-Sprechstunde"

Erpho

Mit Fotos von Michael Hagedorn.
Die „Demenz-Theater-Sprechstunde“ ist ein Projekt des Ensembles Freudige Füße (www.freudige-fuesse.de).

Wo geht die Reise heute hin?

Foto-Ausstellung zu dem Projekt „Demenz-Theater-Sprechstunde“

mit Fotos von Michael Hagedorn

Begleitheft zur Ausstellung


www.freudige-fuesse.de


Sehr verehrte Besucherinnen und Besucher der Ausstellung,

ich schreibe dieses kleine Grußwort in einer schwierigen Zeit, in der

Besuche von Ausstellungen eine Zeitlang nicht möglich sein werden.

Das ist bitter, gerade für die an den wichtigen Projekten von „Freudige

Füße“ Beteiligten. Die Bezirksregierung Münster hat das Projekt

„Demenz-Theater-Sprechstunde“ 2018 und 2019 sehr gerne unterstützt

und es konnte ja auch durchgeführt werden.

Nun muss ich die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung zum

Projekt eher als Leserinnen und Leser dieser Broschüre begrüßen. Die

wunderbaren Fotos aus dem Projekt zeigen, wieviel verloren ginge,

wenn wir solche warmherzigen und tuchfühlenden Projekte nicht mehr

durchführen könnten. Damit zeigt die digitale Version des Heftes auch,

wie wichtig Kulturförderung ist – für alle, aber auch für die, die sonst

wenig Chancen haben, die Freude und Wärme, die Kreativität und Anregungen

der Kultur zu erfahren.

© Bezirksregierung Münster

Freuen wir uns auf die schöne Zeit nach dieser schwierigen Zeit, die uns vielleicht den Wert vieler Dinge

neu begreifen lehrt, die sonst selbstverständlicher sind.

Herzlichst

Georg Veit

Kulturdezernent der Bezirksregierung Münster


Demenz-Theater-Sprechstunde

In Bocholt, Havixbeck, Metelen und Warendorf gab es von September 2018 bis Oktober 2019 das Projekt

„Demenz-Theater-Sprechstunde“. Initiiert durch das Ensemble „Freudige Füße“ trafen sich dort alle vier

Wochen Menschen mit demenzieller Veränderung und Angehörige zu einer Theater-Sprechstunde, bei der

ihre Visionen und ihre Spiellust im Vordergrund stand. Die Frage „Wo geht die Reise heute hin?“ war das

verbindende Element – mit Hilfe des Theaters an Orte reisen. Woanders hin… Dahinter stand die Idee, das

an anderen Orten immer andere Regeln für alle herrschen. Im Urlaub und auf Reisen ist immer alles offen

und alles möglich. Das Theaterspielen öffnet aufgrund seiner situativen Anlage unmittelbare und unbelastete

Begegnungsräum. Diese sind neue Räume für alle Beteiligten. Mit dieser Kraft sind die Gruppen unterwegs

gewesen.

Ensemble „Freudige Füße“

Die „Demenz-Theater-Sprechstunde“ ist ein Projekt des Ensembles „Freudige Füße“ . Unter der Leitung von

Erpho Bell und Michael Ganß waren die Schauspielerin Gabriele Schönstädt und der Schauspieler Reinhard

Schlusemann an der Entwicklung der Sprechstunden beteiligt.


Zu der Foto-Ausstellung

Der Abschluss der „Demenz-Theater-Sprechstunde“ erfolgte in vier Werkstattaufführungen. Diese wurden

von dem Hamburger Fotografen Michael Hagedorn begleitet, selbst Initiator der Kampagne „Konfetti im Kopf“.

16 seiner Fotos wurden zu einer Foto-Ausstellung zusammengestellt, in der jeweils vier Bilder die Arbeit an

einem der beteiligten Orte zeigen.

Kooperationspartner

Das Projekt wäre ohne die zahlreichen Kooperationspartner so nicht möglich gewesen. In Bocholt wurde das

Projekt in Kooperation mit dem Fachbereich Kultur und Bildung und dem Fachbereich Soziales der Stadt

Bocholt durchgeführt; in Havixbeck mit dem Netzwerk Miteinander-Füreinander e.V.; in Metelen mit der

Kulturetage Metelen und der Kulturinitiative Metelen; in Warendorf mit der Stadt Warendorf und dem Malteser

Marienheim.

Förderer

Unterstützt wurde das Projekt durch das Förderprogramm der Regionalen Kulturpolitik (RKP) des Landes NRW

und die Kulturstiftung des LWL sowie die Foto-Ausstellung zusätzlich durch die Gräfin Viola Bethusy-Huc Stiftung

und die Stiftung der Stadtsparkasse Bocholt zur Förderung von Wissenschaft, Kultur und Umweltschutz.


Bocholt

„Wo geht die Reise heute hin?“ Sogleich

fliegen Reinhard die Ziele entgegen. „In die

Wärme ans Meer!“ „Mitten in der Wüste!“

„Ans Ende der Welt!“ Schon geht’s auf

die Reise. Mit einem Vierspänner. Die vier

schwarzen Araber galoppieren ungestüm

los, da ist festhalten angesagt und dann

heben sie ab. „Schau mal da unten wie klein

schon alles aussieht.“ Höher geht’s, immer

höher, bis sich die Sterne anfassen lassen.

„Wie glatt die sich anfühlen. „Wie die fun-

keln!“ „Wer die wohl jeden Tag putzt?“

Achtung! Gut festhalten! Wir landen.“ Und

schon steht die Reisegruppe Mitten der

Wüste und geht auf Entdeckungsreise durch

den tiefen Wüstensand. „Schau, da hinten.

Siehst du es auch?“ „Eine Oase.“ „Boah! Da

sind ja Palmen.“ „Und ein Apfelbaum voller

dicker roter Äpfel.“ Im Dauerlauf zeigt sich,

die Oase ist weiter weg als gedacht. Zum

Glück lädt ein Beduine zum Tee in sein Zelt.

„Der spült den Sand aus den Zähnen.“ „Wir

hatten auch immer viele Gäste“, erzählt

Brigitte. Schlesische Köstlichkeiten werden

serviert und schmecken allen gut, in dem

kleinen Haus im Riesengebirge. Gestärkt

wandert die Gruppe auf die Schneekoppe.

Von da oben geht’s mit Skiern durch den

Wald direkt ans warme Mittelmeer, wo schon

ein Fischer mit seinem Boot wartet.


Havixbeck

„Einmal um die ganze Welt…“ und rasant

geht es los. Mit einem Motorboot rasen wir

über das Meer – mitten durch die Karibik.

Zuerst wollen wir einen Cocktail trinken.

Anker auswerfen und Pause machen. Die

Robben spielen um das Schiff herum. „Die

wollen nur spielen.“ Aber: „Nicht füttern!“

Entspannt genießen wir gemeinsam den

Sonnenuntergang. Als nächstes wollen wir

nach Kuba. Dort gibt es Zigarren für alle.

Dicke Rauchschwaden füllen den Raum. Wer

macht die schönsten Rauchkringel? Dann

noch schnell einen Piratenschatz finden.

„Geld ist wichtig!“ Für den Tages-Ausflug

nach China müssen wir uns schnell um-

ziehen. Wir wandern die chinesische Mauer

entlang. Aufeinander zu und voneinander

weg. Dann machen wir ein Picknick. Es gibt

natürlich Reis. „Stäbchen essen kann ich

nicht.“ Genussvoll lassen wir die Bein bau-

meln. „Die wollen nicht mehr immer. Jetzt

schon.“ Dann machen wir doch einfach

Musik. Gabriele dirigiert. Ein karibischer

Rhythmus entsteht mit Tabletts, Bechern,

einem Besen und dem Mülleimer. Klang und

Strahlen füllen den Raum. Das ist ein guter

Grund, mal kurz das Tanzbein zu schwingen.

Und dann noch einmal an den Strand. Kurz

durchatmen, bevor der Alltag ruft. Die Pa-

pageien schreien. Das Motorboot treibt auf

den Wellen. Und zurück in den Gruppenraum

des Netzwerks Füreinander-Miteinander an

der Dirkesallee 5 – Eingang hinter dem

Gebäude. „Das hat Spaß gemacht, danke!“


Metelen

Praktisch. Direkt im Ärztehaus befindet sich die Kulturetage Metelen e.V. In die Kulturetage ist sogar ein

Wartezimmer inmitten der Kunst integriert. Genau der richtige Ort für die Demenz Theatersprechstunde.

Um kein Theaterspiel in der Kulturetage zu verpassen, kommt die 80-jährige Frau Becker bei Sonne, Wind

und Wetter 45 Minuten zu Fuß unterstützt von ihrem Rollator. Jede Woche freut sie sich aufs miteinander

spielen, aber auch auf den austauschen mit den anderen, darauf eine schöne Zeit haben. Wider Erwarten

ist sie die ersten Male die einzige Teilnehmerin und so spielen wir zu dritt miteinander, das was uns einfällt.

Die Anderen fragen sich, wie soll das Gehen, zusammen mit meinem Angehörigen mit Demenz, Theater

zu spielen, wo alles andere im Alltag nicht mehr gut funktioniert. Nach einigen Impulsen in der Öffent-

lichkeitsarbeit, entstand dann doch Neugierde. So dass wir dann in einer lebendigen Gruppe gemeinsame

Ideen entwickelten, aus denen im miteinander spielen unsere Geschichten entstehen und sich aus dem

Spiel weiterentwickeln. Zwei Stunden vergehen wie im Flug.


Warendorf

Der Sophiensaal ist groß. Ein großer leerer Raum mit einer kleinen Bühne. Wir sitzen im Stuhlkreis. Und

eine Rose wandert von Mensch zu Mensch. Zuerst als Geschenk – leuchtende Augen begleiten diesen Gruß

der Liebe. Dann wird die Rose plötzlich zum Besen, zur Bürste, zum Rasierer, zum Fernglas… und Gabriele

nimmt das Ruder in die Hand. Wohin sollen wir heute? Eine Reise quer durch Deutschland wird beschlos-

sen. Der Stuhlkreis verwandelt sich in zwei Zugabteile. Alle 12 Plätze sind gut gefüllt. „Wir lassen den Dom

in Kölle…“ und schon steht der Zug in Köln. Der Dom schaut durchs Fenster und lädt heute persönlich zu

einem Kennenlernen ein. „Sie sind aber noch nicht alt.“ Und der Dom gibt zurück: „Danke, Sie auch nicht.“

Nach kurzem Verweilen geht es an den Rhein. Dort ist das „schöne Leben“. Mit Wein und Brot wird das Le-

ben gefeiert. Noch schnell einen Ausflug ans Meer – mit den Füßen durch das Watt laufen und den Matsch

zwischen den Zehen fühlen. „Ich gehe da nicht rein…“ Dann doch lieber auf einen hohen Berg in den Alpen.

Der Aufstieg bis zur Alm ist anstrengend. Doch gemeinsam schaffen wir viel. Mit dem Blick in die Ferne die

Seele baumeln lassen. Und dabei auch die Ferne erforschen. Mit unseren Ferngläsern sehen wir das, was

wir sehen wollen. Und dann ist der Tag schon wieder vorbei. Zurück in den Zug und zurück nach Warendorf.


Christian schaut zurück…

Christian und seine Mutter Brigitte waren in Bocholt Teilnehmende der Demenz Theatersprechstunde.

Seine Erfahrungen mit dem Theaterprojekt fast Christian wie folgt zusammen:

Für mich war die Theaterarbeit angenehm, sehr abwechslungsreich und hat mir Freude bereitet. Beim

Theaterspielen hat meine Mutter immer viel gelacht. Ihre Freude und ihr Lachen zu sehen, hat mir immer

Kraft geschenkt. Kraft die ich mit in die nächsten Tage nehmen konnte. Das Theaterspielen ist nicht nur

für die Menschen mit Demenz etwas Gutes, sondern auch für die Pflegenden und Betreuenden. Beide profi-

tieren gleichermaßen von der Theaterarbeit.

Gelernt habe ich in dem Projekt, besser mit der Demenz umgehen zu können. Im Theaterspielen konnte ich

ganz anderes mit der Demenz meiner Mutter umgehen als sonst und habe einiges davon auch mit in den

Alltag genommen. Auch habe ich durch das Theaterprojekt besser verstehen können, was in meiner Mutter

vorgeht und wie sie agiert. Ich habe bei jedem Treffen Neues über sie erfahren. Das war sehr bereichernd.

Im Theaterspiel kommen die Menschen mit Demenz aus ihrer eigenen Welt heraus und haben die Gelegen-

heit etwas anderes und sie Bereicherndes zu machen. Etwas zu machen, was zu Hause nicht möglich ist.

Dadurch haben sie neue Erfahrungen, sowie neue und andere Begegnungen.


Ich habe den Eindruck: zu Hause fühlen sich Menschen mit Demenz manchmal wie ein Tiger im Käfig. Im

Theaterspiel öffnet sich ein freies Feld, in dem alle Ideen der Demenzbetroffenen Platz haben und gelebt

werden können.

Mutter hat sich immer sehr auf das Theaterspielen gefreut. Wenn wir in der JUNGEN UNI angekommen sind

und sie die anderen Mitspieler gesehen hat, wusste sie, dass sie diese kennt und konnte sie sich immer dar-

an erinnern, dass sie schon mal dort gewesen war. Und nach dem Theaterspielen konnte sich meine Mutter

noch lange an die schönen und humorvollen Momente und die im Spiel geweckte Erinnerungen erinnern.

Der Humor, der im Miteinander da war, den konnte meine Mutter gut verstehen und sich immer wieder

selbst humorvoll in die Gruppe einbringen. Ihr Humor ist ja auch nicht weg, nur zeigt er sich nicht mehr

so oft. Durch das Theaterspielen wird er wieder freigelegt. Es waren für uns beide lustige und freudevolle

Stunden.

Was ganz Besonderes ist, im Alltag komme ich immer wieder in Situationen in denen ich meine Mutter, ich

sag´s mal drastisch „bescheißen“ muss, damit sie bestimmte Dinge nicht macht. Im Theaterspiel muss ich

das nie, weil man gemeinsam in eine andere, eine freie Welt eintaucht, in der alles sein darf und richtig ist.


Michael Hagedorn

Seit 1999 beschäftige ich mich in meiner Fotografie schwerpunktmäßig mit dem Thema Alter. Seit Ende

2005 arbeite ich intensiv an einer großen freien Fotodokumentation zum Thema Demenz. In meinem

Langzeitprojekt dokumentiere ich Betreuungs- und Entlastungskonzepte im gesamten Bundesgebiet und

begleite Betroffene und Angehörige über den gesamten jahrelangen Verlauf ihrer Demenz.

Alles, womit man sich intensiv auseinandersetzt, hat unmittelbar mit einem selbst zu tun. Bei meiner foto-

grafischen Arbeit rund ums Thema Alter reizt mich die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Zukunft.

Wenn es mir gelingt, mit meiner Fotografie und den Geschichten der Menschen, die ich durch sie erfahrbar

mache, mehr Verständnis zu wecken für die Gefühle und Bedürfnisse von Menschen mit Demenz und ihren

Angehörigen, ein neues, mehr dem Menschen zugewandtes Denken und Fühlen zu befördern, dann habe ich

viel erreicht in dieser Arbeit, die beginnt sich zu einem Lebensprojekt zu entwickeln.

Neben diesem Langzeitprojekt und anderen freien Projekten arbeite ich für Printmedien wie GEO, MARE,

DIE ZEIT, konzipiere und fotografiere Imagekampagnen für Unternehmen, Stiftungen, Ministerien, sowie in

der Werbung.

Michael Hagedorn | info@michaelhagedorn.de | www.michaelhagedorn.de


Freudige Füße

Erpho Bell arbeitete als Dramaturg an den städtischen Theatern in Bremerhaven, Moers und Münster. Seit

2010 ist er freischaffender Theatermacher, Autor und Dozent. Er hat die künstlerische Leitung der Kampa-

gne „Demenz und wir – zusammen leben in Bremerhaven“ und inszeniert regelmäßig Stücke mit Menschen

mit Demenz „Über Schiffe gehen. Ein Theaterprojekt mit Menschen mit Demenz“ (Bremerhaven 2014),

„Füreinander – Zueinander – ICH“ (Münster 2019), „Demenz-Theater-Sprechstunde“ (Bocholt, Havixbeck,

Metelen & Warendorf 2018/2019). Er entwickelt regelmäßig performative Konzepte für den öffentlichen

Raum schreibt Theaterstücke, Libretti und Kinderbücher.

Michael Ganß ist Künstler, Diplom Kunsttherapeut und -pädagoge sowie Gerontologe.Er engagiert sich

seit Mitte der 1980 Jahre in der Begleitung und Therapie von Menschen mit Demenz, in Fortbildungen, in

der konzeptionellenBegleitung von Institutionen und in der Forschung. Er ist wissenschaftlicher Mitarbei-

ter an der Medical School Hamburg – MSH und geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift „demenz.

Das Magazin“. Er forscht und publiziert zu Themen der Kunsttherapie & Altenpflege; zu der Dokumentation,

Forschung und Kommunikation der Kunsttherapie sowie zu museumspädagogischen Konzepten für Men-

schen mit Demenz.


Einfach tief eintauchen | Bericht aus den Westfälischen Nachrichten vom 9. Februar 2019

Theo Homölle möchte das himmlische Reich aufsuchen. Aber nur vorübergehend, wie der 81-Jährige ver-

sichert. Für einen dauerhaften Aufenthalt ist er einstweilen nicht bereit. Ferien auf dem Bauernhof – auch

das kommt für ihn in Betracht. Gisela Goebeler zieht eine Reise zum Mond vor, ihr Enkel Sebastian hat

Interesse an einem Wüstentrip. Worum es hier geht? Um eine Gruppe von Menschen mit vielfach außergewöhnlichen

Reisewünschen? Mag sein. Tatsächlich aber handelt es sich um den Beginn eines bemerkens-

werten Theatervormittages in Warendorf. Die Akteure: Menschen mit Demenz, Verwandte, die sie lieben,

und mittendrin drei Theatermacher, die an diesem Morgen spüren, dass die Vorbereitung des Projekts jede,

aber auch wirklich jede Mühe wert war. Eine Sternstunde des Demenz-Theaters.

Was ihn erwartet, wenn er an Demenz Erkrankte und deren Angehörige zum Theaterspiel einlädt, weiß

Erpho Bell nie. Möglich, dass der erfahrene Dramaturg aus Havixbeck zehn spielfreudige Menschen empfängt,

vielleicht auch nur die Hälfte. An vier Orten des Münsterlandes ermuntert Bell zum freien Theaterspiel.

Ob in Metelen, Havixbeck, Bocholt oder Warendorf – überall erklärt er, weshalb er sich mit Lei-

denschaft dem Projekt verschrieben hat,mit demenziell Erkrankten und deren Angehörigen Theater zu

spielen. Und wenn er dann noch erzählt, dass die Zusammenarbeit in eine Aufführung münden kann, aber


nicht muss, dann ahnt er, dass in Kürze eine Frage wie diese gestellt wird: „Halten Sie es für eine gute Idee,

kranke Menschen öffentlich vorzuführen?“ Bells ungefähre Antwort: Ja! Natürlich! Doch sie werden nicht

vorgeführt, sie führen auf, nehmen am Leben teil, empfinden tief Freude. Was kann falsch sein an einem

Theaterabend mit Hauptakteuren, die schonlange keinen Applaus mehr bekommen? In der Regel wird den

meisten Zweiflern erst in diesem Moment bewusst, dass ihre Kritik letztendlich dieses bedeutet: Wer an

Demenz erkrankt, hat sich aus dem öffentlichen Leben zu verabschieden. So kaltherzig und respektlos war

das doch gar nicht gemeint!

Ein Dienstagmorgen im Warendorfer Sophiensaal, einem der stilvollsten Veranstaltungsräume der Stadt:

Bell ist bereits anwesend, an diesem Tag begleitet von seinen Theaterkollegen Michael Ganß und Gabriele

Schönstädt. Die Münsteranerin spielt Helga Weber, die Leiterin einer Reise mit erstaunlich abwechslungsreichen

Zielen. Das Team trifft gerade ein. Ganz vorn Theo Homölle, seit einer Weile Bewohner des Senioren-

zentrums Malteser Marienheim, ein Mann mit lebhaften Augen und einem Mund, den er liebend gern zum

Lachen gebraucht.

Hinter ihm Friedlinde Oblau (89) und Tochter Friedegund Henning (66), zwei Frauen, die, selbst wenn sie woll-

ten, nicht leugnen könnten, dass sie Mutter und Tochter sind. Es folgen Gisela Goebeler und Sebastian, ihr

19-jähriger Enkel. Weil er eine Verletzung auskurieren muss, hat er Zeit, seine Großmutter zu begleiten.


„Ist doch für meine Oma“, sagt er und legt einen Arm um ihre Schultern. Zum Schluss treffen Natalia Bacic

und ihre Schwiegermutter ein. Die 74-jährige Agnes Bacic ist Rollstuhlfahrerin, ihren Gesichtszügen ist

nicht zu entnehmen, wie sie sich fühlt. Bei Theo Homölle ist das anders, obwohl auch ihm nicht ganz klar ist,

was ihn gleich erwartet. „Theater?“, fragt er. „Theater spiele ich nicht. Ich habe zu Hause mit sechs Kindern

Theater gehabt.“ Der 81-Jährige lacht und steckt damit, wie vermutlich immer, genug die Hälfte der Gruppe

an.

Wenn man bedenkt, dass Theo Homölle eigentlich gar nicht spielen wollte, erweist er sich in den nächsten

eineinhalb Stunden als erstaunlich kreativ. Selbstverständlich lenkt er den Bus, in dem – Bell und seine

Theaterfreunde haben mit Stühlen einen Bus simuliert – alle anderen schon Platz genommen haben. Frie-

degund Henning streicht rasch das weiße Haar ihrer vor ihr sitzenden Mutter glatt. Ein Tausch der Rollen?

„Absolut“, bestätigt die 66-Jährige. Obwohl – so ganz stimmt das an diesem Vormittag nicht. Bell und seine

Kollegen erleben, dass sich die an Demenz Erkrankten und ihre Angehörigen zunehmend auf Augenhöhe

begegnen. Auf dem Bauernhof, dem ersten Ziel der Reise, füttern sie Hühner und lachen über ein Pferd, das

reichlich tollpatschig über die Wiese trabt.


Das Himmelreich hat sich Theo Homölle ganz anders vorgestellt, nicht dominiert von einem Harfe spielen-

den und in bemerkenswert hoher Frequenz singenden Engel namens Erpho Bell. „Das klingt ja, als ob eine

Katze heulen würde!“ Und in der Wüste fächelt Natalia Bacic ihrer Schwiegermutter mit einem schwarzen

Spitzenschal kühlende Luft zu und liest in ihrem Gesicht. Der gemeinsame Gesang vor ein paar Minuten am

Klavier der Oase hat sie berührt.

„Sie liebt nichts so sehr wie Musik“, erklärt die Schwiegertochter. Agnes Bacic nickt. „Heilig, heilig“: Kein

anderes Lied übertrifft dieses. Die Reise zum Mond verschiebt die Gruppe auf das nächste Treffen. Gisela

Goebeler hat nichts dagegen. „Das war eine Traumreise“, sagt sie zur Freude ihres Enkels, der wieder behut-

sam ihre Schulter drückt. Theo Homölle spricht eine Art Schlusswort: „Ich bin angenehm überrascht und

möchte mich bedanken. So wie hier muss Frieden gelebt werden.“ Den drei Theatermachern wird in diesem

Moment wahrscheinlich noch ein bisschen wärmer ums Herz. Dieser Vormittag in Warendorf hat sie bestä-

tigt: Das Projekt ist richtig und gut.


Besondere Momente erleben, die der Alltag so nicht hergibt | Bericht aus Die Glocke vom 3. April 2019

Das Auswendiglernen von Texten, das Einstudieren von Szenen– mit klassischer Bühnenarbeit hat das De-

menz-Projekt wenig gemein. Es ist vielmehr Improvisationstheater, das von den Profis Gabriele Schönstädt

und Erpho Bell gesteuert wird. Zwei Rosen werden weitergereicht, und sie zaubern jeweils ein Lächeln in die

Gesichter derjenigen, die sie für den Moment in den Händen halten.

„Liebe, Freundschaft, Frieden“ – so lautet das Motto am Dienstagmorgen im Sophiensaal, wo sich die Teil-

nehmer des Demenz-Theaterprojekts eingefunden haben […]. „Liebe ist das Einzige, was größer wird, wenn

wir sie verschenken“, sagt Projekt-Leiter Erpho Bell und ermutigte die Akteure zur Teilnahme. […] Für Thea-

terpädagogin Gabriele Schönstädt ist der Moment gekommen, die Stuhlkreisrunde aufzulösen und zu einem

„Spaziergang durch den königlichen Rosengarten“ zu animieren. Zu Walzerklängen wird auf dem imaginären

Schlossplatz getanzt; später wird zur Tafel gerufen.

Sich seinem Gegenüber öffnen, sich begrüßen, umarmen, einen anderen anbeten, sich küssen und glücklich

sein – gestenreich werden Gefühle zum Ausdruck gebracht. […] Ein geheimer Gang führt in den Märchenwald.

Erpho Bell stimmt Wolfsgeheul an, und Gabriele Schönstädt lässt als Rapunzel ihr Haar herunter. Auf das

Erscheinen des Prinzen wartet die Runde vergebens. Stattdessen wird mit den Bremer Stadtmusikanten

ein weiteres Märchen in den Mittelpunkt gerückt. Die Projektteilnehmer erleben einmal mehr besondere

Momente, die der Alltag so nicht hergibt.


Impressum

Herausgeber: Freudige Füße GbR, c/o Erpho Bell, Freiherr-von-Twickel-Straße 20, 48329 Havixbeck

www.freudige-fuesse.de

Fotos der Foto-Ausstellung „Demenz-Theater-Sprechstunde“: Michael Hagedorn (www.michaelhagedorn.de)

Foto Seite 18: Gunnar A. Pier

Demenz-Theater-Sprechstunde

In Kooperation mit: Fachbereich Kultur und Bildung & Fachbereich Soziales der Stadt Bocholt | Netzwerk Miteinander-Füreinander

e.V. Havixbeck | Kulturetage Metelen & Kulturinitiative Metelen | Stadt Warendorf & Malteser Marienheim Warendorf

Mit Unterstützung von: Förderprogramm der Regionalen Kulturpolitik (RKP) des Landes NRW & Kulturstiftung des LWL

& die Foto-Ausstellung zusätzlich durch: Gräfin Viola Bethusy-Huc Stiftung & Stiftung der Stadtsparkasse Bocholt zur Förderung

von Wissenschaft, Kultur und Umweltschutz.


Die Demenz-Theater-Sprechstunde ist ein Projekt des Ensembles:

In Kooperation mit:

Das Projekt Demenz-Theater-Sprechstunde wurde gefördert von:

Die Foto-Ausstellung wurde unterstützt von:

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