CMS-Magazin RADAR Nr. 10 April 2020

christophmerianstiftung

Die Gletscher schmelzen, die Bäume sterben, der Meeresspiegel steigt, die Erderwärmung nimmt zu: Der Klimawandel bewegt die Menschen. Er treibt manche auf die Strasse, die Stimmberechtigten wählen immer häufiger grüne Parteien, und der Basler Grosse Rat sah sich sogar veranlasst, den Klimanotstand auszurufen. Statt kühlen Kopf zu bewahren, sind die Diskussionen um das Klima und die zu ergreifenden Massnahmen fundamental und oft emotional. Manch einer mag schon gar nichts mehr davon hören. Und jetzt widmet auch noch die Christoph Merian Stiftung (CMS) ihre neueste RADAR-Ausgabe dem Thema Nachhaltigkeit … Warum? Ganz egal, ob man in der Klimadiskussion einen Hype sieht oder ein endlich erlangtes Bewusstsein für den Zustand unserer Welt, die Frage bleibt: Was bedeutet der Klimawandel für eine Stiftung wie die CMS? Was kann sie tun? Was muss sie tun? Was tut sie bereits? Die Antworten darauf sind vielfältig. Davon handelt das vorliegende RADAR, das nicht auf die soziale oder ökonomische, sondern eben auf die ökologische Nachhaltigkeit fokussiert.

Das Magazin der Christoph Merian Stiftung

Im Kleinen Grosses bewirken

Wie nachhaltig ist die CMS?

Nr. 10


Editorial

Inhalt

Ökologie

versus

Ökonomie

Liebe Leserin, lieber Leser

Die Gletscher schmelzen, die Bäume sterben, der Meeresspiegel

steigt, die Erderwärmung nimmt zu: Der Klimawandel bewegt die

Menschen. Er treibt manche auf die Strasse, die Stimmberechtigten

wählen immer häufiger grüne Parteien, und der Basler Grosse Rat

sah sich sogar veranlasst, den Klimanotstand auszurufen. Statt

kühlen Kopf zu bewahren, sind die Diskussionen um das Klima und

die zu ergreifenden Massnahmen fundamental und oft emotional.

Manch einer mag schon gar nichts mehr davon hören. Und jetzt

widmet auch noch die Christoph Merian Stiftung (CMS) ihre neueste

RADAR-Ausgabe dem Thema Nachhaltigkeit … Warum? Ganz

egal, ob man in der Klimadiskussion einen Hype sieht oder ein

endlich erlangtes Bewusstsein für den Zustand unserer Welt, die

Frage bleibt: Was bedeutet der Klimawandel für eine Stiftung wie

die CMS? Was kann sie tun? Was muss sie tun? Was tut sie bereits?

Die Antworten darauf sind vielfältig. Davon handelt das vorliegende

RADAR, das nicht auf die soziale oder ökonomische, sondern

eben auf die ökologische Nachhaltigkeit fokussiert.

Klar ist: Die CMS setzt sich seit Jahren aus Überzeugung stark

für ökologische Themen ein und verfolgt eine auf Nachhaltigkeit

ausgerichtete Strategie. Sie bewirtschaftet ihre landwirtschaftlichen

Pachtbetriebe, die Merian Gärten und den Landschaftspark

Gellertgut seit Langem biologisch nach den strengen ökologischen

Vorgaben von Bio Suisse (Knospe-Label). Sie engagiert sich mit Projekten

für mehr Biodiversität im städtischen Siedlungsgebiet. Sie

unterstützt zahlreiche kleinere und grössere Initiativen in der Region,

die nachhaltiges Wirtschaften und Leben fördern und etablieren

wollen, zum Beispiel den Impact Hub Basel. Sie vernetzt sich

mit Forschungsprojekten und schafft mit der Mitfinanzierung von

Studien Entscheidungsgrundlagen für künftige Massnahmen im

Bereich Biodiversität. Und sie hat sich auch beim Ausbau ihres

Hauptsitzes für nachhaltiges Bauen entschieden.

Doch zufrieden zurücklehnen dürfen wir uns noch lange nicht.

Was tun wir in unseren eigenen Immobilien, wie bewirtschaften

wir den Wald, wie organisieren wir unsere Mobilität? Wie viel wollen

wir in nachhaltige Lösungen investieren? Wie viel können wir

investieren? Das ist ein ständiges Abwägen. Wir sind uns unserer

Verantwortung bewusst. In diesem RADAR geben wir Ihnen einen

Einblick in unsere Bestrebungen – und auch in die Dilemmata, in

denen wir bei solchen Entscheiden stecken. Wir wünschen Ihnen

eine anregende Lektüre.

Dr. Lukas Faesch

Präsident der Kommission der Christoph Merian Stiftung

Carte blanche für Jan Bachmann

Für die zehnte Ausgabe des Stiftungsmagazins

hat die CMS den Basler Comiczeichner und freien

Gestalter Jan Bachmann mit der Illustration beauftragt.

Sie liess dem Künstler dabei freie Hand.

In Bild und Wort zeigt Bachmann im ersten Bund

seine Sicht auf die Welt und ihren ökologischen

Zustand. Er weist auf Ungereimtheiten und

Widersprüche hin — mal bitterernst, mal augenzwinkernd.

Jan Bachmann (geboren 1986) ist in

Basel aufgewachsen und studierte an der Deutschen

Film- und Fernsehakademie in Berlin. 2017

war Bachmann mit einem Stipendium von Atelier

Mondial in Kairo. Im selben Jahr gewann er den

Comic-Förderpreis der Schweizer Städte. Sein

jüngstes Werk «Der Berg der nackten Wahrheiten»

erschien am 1. Oktober 2019 im Schweizer

Comic-Verlag Edition Moderne.

4 Für eine enkelgerechte

Zukunft

Gedanken zur Nachhaltigkeit

6 Nachhaltig bewirtschaften,

aber wie?

- Gutsbetrieb Schlatthof

- Merian Gärten

- Waldbesitz im Jura

10 Mehr Ökologie in Basel

und Umgebung

Von der CMS unterstützte

Förderprojekte

13 Dreispitz entdecken

Geschichte vor Ort erleben

14 Steuerschulden bis zum Hals

Praxisstudie der Hochschule

für Soziale Arbeit FHNW

16 Einblicke

Aktuelles aus den Institutionen

der CMS

2



Im Dilemma

Nachhaltig

für die

Nachkommenden

Nachhaltigkeit, nachhaltiges Denken und Handeln

gehören zu den Kernaufgaben der Christoph Merian

Stiftung (CMS). Und dies nicht erst seit gestern, sondern

seit 1857. «Mein Wille ist es, dass das Capital

ganz erhalten werde, und nur die Zinsen und der

Ertrag der Güter für wohltätige und nützliche städtische

Zwecke jährlich verwendet werden sollen

[...].» Mit diesem Satz in seinem Testament verpflichtete

Christoph Merian die Verantwortlichen

seiner Stiftung zu einer nachhaltigen Bewirtschaftung

des Stiftungsvermögens. Dahinter stand sein

Wunsch, «dass diese Stiftung auch noch spätern

Generationen durch Gottes Segen und die Einsicht

der Behörden zum Nutzen und Frommen dienen

möge». In diesem ebenso ökonomischen wie philanthropischen

Kontext bedeutet «nachhaltig»,

das Vermögen im Sinne eines auf ewig angelegten

Stiftungszwecks zu erhalten und darüber hinaus

mit Blick auf die Inflation auch zu mehren.

Christoph Merian hat sich aber nicht nur zur

Nachhaltigkeit bei der Vermögensbewirtschaftung

geäussert, sondern sich auch mit Weitblick für eine

nachhaltig wirkende Förderung ausgesprochen:

Zukunftsoffen enthielt er sich einer einengenden

Zweckbestimmung, um eine «bessere und zeitgemässere

Verwendung der Mittel» nicht zu vereiteln.

Bloss, was bedeutet Nachhaltigkeit heute, wo der Begriff

inflationär verwendet und damit oft verwässert und

weichgespült wird? Und wie soll sich eine Stiftung wie

die CMS konkret nachhaltig verhalten? Wie kann sie sich

in der Klimadiskussion engagieren, wie in ihrem Handeln

vorbildlich sein? Welchen Beitrag kann sie zum Schutz

der Umwelt leisten?

Hier beispielhaft ein paar wenige Fragen, wie sie sich für

uns im Alltag stellen:

• Wie gross ist eigentlich der CO 2 -Ausstoss der CMS-

Immobilien? Wie kann dieser technisch verringert

werden? Wie kann die Reduktion finanziert werden,

ohne dass die Erträge darunter leiden?

• Wie verhält es sich mit der Mobilität? Soll die Stiftung

konsequent auf elektrische Fahrzeuge setzen? Kann

sie mit Fördermitteln ein Benzinauto einer Behindertenorganisation

finanzieren oder müsste sie nicht

darauf bestehen, dass die Partnerorganisation ein

Elektroauto anschafft?

• Wie gehen wir mit Pächtern landwirtschaftlicher

Flächen um? Die Gutsbetriebe der Stiftung werden

allesamt mit dem Knospe-Label biologisch bewirtschaftet.

Können oder müssen wir dies nicht auch von

Dritten verlangen?

• Dürfen wir nach Kopenhagen fliegen, um uns Beispiele

von sozialem Wohnungsbau anzuschauen?

• Wie sollen wir unsere Wälder im Sinne der Nachhaltigkeit

bewirtschaften?

• Welche nachhaltigen Kriterien wenden wir bei den

Finanzanlagen an? Kann man, soll man zum Beispiel

in Nestlé-Aktien investieren? Welches Nachhaltigkeitsprodukt

welcher Bank kann garantieren, dass es nur in

Firmen investiert, die rundum nachhaltig sind? Und

was würde dies für die Renditeerwartung bedeuten?

• Wie können wir leben, was wir postulieren?

Die Liste der offenen Fragen könnte leicht verlängert

werden. Aber schon die wenigen Beispiele führen mitten

ins Dilemma der CMS: Wie kann der Spagat zwischen

klimaneutralem, nachhaltigem Verhalten und einer im

Dienst der Philanthropie stehenden Vermögensbewirtschaftung

gelingen? Um es vorwegzunehmen, wir haben

kein Patentrezept. Aber wir haben einen Prozess gestartet,

um nicht nur unser Denken, sondern vor allem unser

Handeln auf Nachhaltigkeit einzustellen. Gemeinsam mit

einer externen Beratungsfirma untersuchen wir in den

drei Bereichen Vermögensbewirtschaftung, Förderung

und Dienste die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und

ökologischen Dimensionen der Nachhaltigkeit. Daraus

leiten wir jeweils Aussagen zu folgenden Themengruppen

ab: sozialer Zusammenhalt, Diversität, Zielgruppen,

Wirtschaftlichkeit, Kosten und Lebenszyklus, Vermögensbewirtschaftung,

Energie und Klima, Ressourcen und

Umwelt, Natur und Kulturgut. Aus diesen Themengruppen

wiederum ergeben sich konkrete Themen und detailliertere

Unterthemen. Zu jedem dieser Unterthemen

wird ein internes Steuerungsinstrument (Leitbild, Strategie,

Qualitätsmanagement, Beschaffungsgrundlagen,

Energiekonzept, Umweltkonzept) bezeichnet, in dem

Aussagen respektive Verhaltensregeln festgehalten sind.

Das klingt nun sehr abstrakt. Was es konkret bedeutet,

verdeutlicht das folgende Beispiel:

Die CMS hat 2017 ihren Hauptsitz an die St. Alban-Vorstadt

12 verlegt und das historische Vorderhaus bezogen.

Das Hinterhaus, in dem sich bis vor Kurzem die Schulzahnklinik

befand, soll nun für die Stiftung hergerichtet

werden. In Anwendung der Nachhaltigkeitsstrategie

wurde zunächst geprüft, ob der Bau mit vertretbarem

Aufwand saniert werden kann oder abgebrochen werden

muss. Unter Abwägung aller Faktoren entschloss sich die

CMS für einen Neubau, und zwar einen Neubau unter

Verwendung von Buchenholz. Als grosse Waldbesitzerin

4


Im Dilemma

hat sich die CMS bei Fagus Suisse beteiligt, einem Unternehmen,

das den nachwachsenden Rohstoff Buche als

Baustoff fördern möchte. Die CMS wollte konsequent

sein und errichtet nun einen Holzbau mit maximalem

Holzeinsatz von Buche für die Tragkonstruktion sowie

von Fichte und Lärche für die Fassade und den Innenraum.

Als Energiequellen dienen die Fernheizung und

eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach. Nachhaltiges

Planen geht aber noch weiter: Materialien werden auf

ihre Herkunft geprüft, auf ihre graue Energie bei der

Herstellung, auf ihre Lebensdauer und ihre dereinstige

Entsorgung.

Genau dies soll unser Nachhaltigkeitskonzept ermöglichen:

eine bewusste Abwägung zwischen der rein

finanziellen Betrachtung einer Investition einerseits und

einer nachhaltigen Klima- und Umweltverträglichkeit

andererseits. Manchmal wird der Entscheid eher für die

kostengünstigere statt die maximal nachhaltige Variante

ausfallen, aber dem Entscheid geht immer eine

fundierte Prüfung und zu begründende Evaluation voraus.

Die Kunst wird sein, den Aufwand für die bewusste

Entscheidungsfindung unbürokratisch und effizient zu

gestalten.

Im Vordergrund der Anstrengungen für die Nachhaltigkeit

steht unser Liegenschaftenportfolio. Hier haben wir die

grösste Hebelwirkung. Aber auch bei den Finanzanlagen

werden wir uns verstärkt mit dem Nachhaltigkeitsaspekt

auseinandersetzen. Wir sind überzeugt, dass nachhaltige

Finanzanlagen langfristig sinnvoll sind.

Sie sehen: Nachhaltigkeit beschäftigt uns intensiv. Und

das nicht nur auf der vermögensbewirtschaftenden Seite,

sondern auch in der Förderung. Aus diesem Grund haben

wir bereits vor drei Jahren unter dem Titel «Lebensraum

Stadt» einen interdisziplinären Förderbereich geschaffen.

Er befasst sich vor allem mit dem Thema «Nachhaltige

Entwicklung», wobei der Gleisbogen im Dreispitz eine

ideale Plattform für verschiedenste Projekte sein wird. Aber

auch die Handlungsfelder «Umgang mit Ressourcen» und

«Digitalisierung» stehen im Förderfokus. Für die nächste

Förderperiode haben wir die personellen Ressourcen für

diesen Förderschwerpunkt verstärkt und wollen auch mehr

Fördermittel zur Verfügung stellen.

Auf die immer komplexer werdenden Fragestellungen in

Bezug auf die Nachhaltigkeit gibt es keine einfachen

Lösungen. Entscheidend ist, dass man sich mit ihnen

auseinandersetzt und auch im Kleinen Grosses bewirkt.

Das möchten wir tun.

Dr. Beat von Wartburg, Direktor

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Landbesitz

Höfe, Gärten, Wald

Der Grundbesitz der CMS umfasst eine Fläche von rund neun Quadratkilometern in den

Kantonen Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Aargau und Jura. Davon sind mehr als 80 Prozent

Wald und Landwirtschaft (inkl. Familiengärten). Die Flächen im Siedlungsraum, zu

denen auch Pärke und die Merian Gärten zählen, machen mit 1,6 Quadratkilometern 18

Prozent des Grundbesitzes aus.

Bei der Bewirtschaftung dieser Gebiete stellt sich für die CMS jeweils die Frage, wie

ökonomische Anforderungen zu ihrem Anspruch an ökologische Nachhaltigkeit passen.

Und umgekehrt. Wir zeigen dieses Spannungsfeld anhand dreier Beispiele, dem Schlatthof

in Aesch, den Merian Gärten in Brüglingen und dem Wald bei der Löwenburg in

Pleigne (JU).

Landwirtschaft:

Biobetriebe im harten Umfeld

Vor mehr als 20 Jahren hat die CMS ihre Bauernbetriebe auf biologische

Bewirtschaftung nach den Auflagen von Bio Suisse umgestellt.

Der Schlatthof in Aesch ist einer der fünf Höfe und ein Pionierbetrieb.

Warum der Hof seither mehr Tiere halten muss, sein Biofleisch nicht

immer unter dem Knospe-Label vermarkten kann und das Pächterehepaar

der grünen Welle skeptisch gegenübersteht.

scy. Oberhalb von Aesch liegt der grösste biologisch bewirtschaftete

Bauernhof im Baselbiet. Mit seinen rund

110 Hektaren gehört der Schlatthof sogar zu den grössten

der rund 7 000 Biobetriebe der Schweiz, die nach den

Richtlinien von Bio Suisse produzieren. 1930 hat die CMS

den Hof erworben. In den Anfangszeiten wurde er noch

konventionell bewirtschaftet, 1997 wurde umgestellt,

seit 1999 hat er das Knospe-Label.

André und Elsbeth Leimgruber leben und arbeiten

seit 31 Jahren auf dem Schlatthof, seit drei Jahren

sind sie Pächter des CMS-Gutes. Sie haben die Anfänge

der Umstellung hautnah miterlebt. André Leimgruber

erinnert sich: «Weil es in der Schweiz keine vergleichbar

grossen Biohöfe gab, schauten die Stiftungskommission

der CMS und wir uns Anfang der 90er-Jahre Höfe in

Deutschland und Österreich an. Die Herrmannsdorfer

Landwerkstätten etwa in der Nähe von München. Besonders

interessierte uns die Direktvermarktung – und ob das

eine Möglichkeit wäre, den Zwischenhandel auszuschalten

und kostendeckend biologisch zu produzieren.» Der

Bio-Grossbetrieb im Münchner Umland mit integrierter

Käserei, Metzgerei, Bäckerei, Brauerei, Beiz und Hofladen

war in den 80er-Jahren ein Pionier. Ein ähnliches Modell

kam für den Schlatthof allerdings nicht infrage. Eine

Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz riet dem

Schlatthof von Direktvermarktung ab, dafür sei der Hof

zu klein, zu abgelegen und die Arbeit zu personalintensiv.

Nichts für kleinräumige Schweizer Verhältnisse.

Die CMS liess sich bezüglich ihrer Pläne von den Landwirtschaftlichen

Forschungsanstalten des Bundes und

vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL)

beraten. 1997 wagte sie die Umstellung, trotz Bedenken:

«Jene Generation in der Stiftung und auch hier auf dem

Hof, die den Krieg noch erlebt hat, tat sich erst schwer

mit der Vorstellung einer extensiven Landwirtschaft. Die

waren auf Maximalerträge aus, was der Biolandbau

eben gerade nicht bringt», erinnert sich André Leimgruber.

Gemurrt hätten nach der Umstellung auch

Angestellte auf dem Hof, weil Unkraut nicht mehr mit

Spritzmitteln bekämpft werden durfte, sondern mühsam

von Hand ausgerissen werden musste. Denn chemischsynthetische

Pestizide sind im Biolandbau tabu.

Die Umstellung auf Bio-Suisse-Kriterien bedeutete

aber nicht nur den Verzicht auf Pestizide und Mineraldünger.

Wer biologisch wirtschaftet, ist einer ganz anderen

Philosophie verpflichtet. In Biobetrieben muss eine

möglichst geschlossene Kreislaufwirtschaft geschaffen

werden: Pflanzen sollen mit betriebseigenem Dünger wie

Kompost oder Gülle der eigenen Tiere gedüngt, Futtermittel

für die Tiere möglichst selbst angebaut werden. Und

natürlich müssen die Tiere möglichst artgerecht mit viel

Auslauf gehalten werden. Zentral im Biolandbau aber ist

die Sorgfalt im Umgang mit dem Boden zur Erhaltung der

Fruchtbarkeit und der Biodiversität.

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Landbesitz

Um die Bio-Suisse-Auflagen zu erfüllen und ein Gleichgewicht

der Nutzungen zu erreichen, musste der Schlatthof

den Ackerbau reduzieren und zusätzliche Tiere anschaffen.

Nur so war die Düngung der Betriebsflächen

mit eigener Gülle möglich. Es kamen also 50 zusätzliche

Mutterkühe zu den bisher nur 7 dazu. Für sie brauchte es

zusätzliche Stallungen. Die Anzahl der Schweine (rund

300) und Mastrinder (70) blieb etwa gleich.

Umgestellt wurde auch die Fruchtfolge. Raps

und Zuckerrübenkulturen wurden durch Wiesen für

den Futteranbau ersetzt. Das bedauert André Leimgruber

manchmal noch heute, so sehr das Pächterehepaar

hinter der Umstellung steht: «Zuckerrüben sind eine tolle

Kultur! Und früher zumindest waren die sehr einträglich.»

Die sinkenden Preise für Landwirtschaftsprodukte

sind auch im Biolandbau eine grosse Herausforderung.

Leimgrubers könnten gemäss Bio-Suisse-

Richtlinien wegen der Hofgrösse eigentlich noch viel

mehr Schweine halten. Das zahlt sich aber nicht aus. Der

Preis für Schweinefleisch mit Knospe-Label ist dramatisch

gesunken. Umgekehrt ist manchmal «Bio» drin, wo

kein «Bio» draufsteht: Aus Preisgründen verkaufen die

Leimgrubers ihre Rinder nicht unter dem Knospe-Label,

sondern an die beiden Vermarktungsgesellschaften Swiss

Black Angus und Swiss Prime Beef. Die eine beliefert die

Migros in der Westschweiz, die andere ausgewählte

Gastronomiebetriebe. Ist das nicht schade? André Leimgruber:

«Klar. Aber solange der Biomarkt nicht besser

läuft, zählt für mich der Preis und nicht das Label.»

Seit die CMS den Leimgrubers den Betrieb zur

Pacht übergeben und ihnen damit auch den Zugang zu

Bundessubventionen ermöglicht hat, würden sie zwar

noch mehr arbeiten als früher, als sie noch Angestellte

der CMS waren, sagen sie. «Aber wir sind gut aufgestellt.

Und für die konventionell wirtschaftenden Bauern wird

es in Zukunft noch schwieriger.»

Die Leimgrubers sind aus Überzeugung Biobauern.

Mit grüner Politik haben sie allerdings wenig am

Hut. «Viel heisse Luft», sagt Elsbeth Leimgruber. Viele

links-grüne Politiker würden den Fleischkonsum verteufeln

und überhaupt mächtig auf der Landwirtschaft

herumhacken. Oder die Grünliberalen: «Die fordern den

internationalen Freihandel, der auch uns einheimischen

Biobauern extrem zu schaffen macht. Das ist vielleicht

liberal. Aber sicher nicht grün.»

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Landbesitz

Merian Gärten:

Ökologie hat ihren Preis

und ihren Lohn

Seit 2010 bewirtschaften die Merian Gärten ihr Areal biologisch nach den

Auflagen von Bio Suisse. 2012 erhielten sie die Knospe-Zertifizierung, als

erster botanischer Garten der Schweiz. Die entsprechende Garten- und

Parkpflege ist anspruchsvoll. Sie hat ihren Preis – aber auch ihren Lohn:

bessere Bodenfruchtbarkeit und mehr Biodiversität, neues fachliches

Know-how und einen guten Ruf.

scy. «Die Gärten biologisch bewirtschaften? Das geht

doch nicht!» Viele Gärtnerinnen und Gärtner – und zwar

nicht nur die eigenen – waren 2010 skeptisch, als die CMS

ankündigte, den damaligen Merian Park auf biologische

Bewirtschaftung umzustellen. Doch das Gärtnerteam

stellte sich der Herausforderung. Die Gärten sollten die

Zertifizierung mit der Bio-Knospe erhalten, damit die

CMS den Merian Park und den Brüglinger Hof zu den

heutigen Merian Gärten zusammenlegen konnte. Der

Hof inmitten des Areals hätte sein Bio-Label verloren,

wenn der Rest der neuen Gesamtanlage nicht ebenfalls

biologisch bewirtschaftet worden wäre. Als Pionierin des

biologischen Landbaus, die schon in den 1990er-Jahren

ihre landwirtschaftlichen Gutsbetriebe umgestellt hatte,

war für die CMS der Verzicht auf das Knospe-Label in

Brüglingen undenkbar. Damals hatte die Umstellung

erst einmal ein radikales Umdenken bedeutet: Im Bio-

Landbau stehen nicht die einzelne Pflanze und ihre

Schönheit im Vordergrund, sondern der Erhalt der Biodiversität

und der Bodenfruchtbarkeit. Weil chemisch-

synthetische Pestizide und Dünger verboten sind, kul-

tivieren Bio-Landwirtschaftsbetriebe robuste Sorten:

Topaz-Äpfel etwa anstelle empfindlicher Mode-Äpfel.

Nun stellte sich die Frage, was die Umstellung für die

Merian Gärten und ihre sieben teils international

bekannten Pflanzensammlungen bedeuten würde. Die

1 500 Bartiris-Sorten? Die Rhododendren? Auf empfindliche

Sorten verzichten und damit die Reputation der

Sammlung aufs Spiel setzen?

Nein. Als botanischer Garten bemühen sich

die Merian Gärten, in ihren Sammlungen und im ge-

samten Sortiment die Sortenvielfalt zu erhalten und

gesunde und schöne Pflanzen zu kultivieren. Aber die

Umstellung hatte ihren Preis in einem ganz wörtlichen

Sinn. Nicht nur chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel

und Dünger waren verboten, sondern auch das

Dämpfen der Erde in den Irisbeeten mit heissem Wasserdampf:

weil dabei ausser den lästigen Winden auch

Kleinstlebewesen abgetötet werden. Pflege und Förderung

der Biodiversität in den Gärten unter Einhaltung

der Auflagen von Bio Suisse bringen mit sich, dass im

Sommer mehr Einsatzstunden bei den Gartenhilfskräften

anfallen, die nichts anderes tun als jäten und

den Boden auflockern. Desgleichen erfordern die Auflagen

bei Pilzbefall und Schädlingsbekämpfung sehr viel

mehr vorausschauendes Eingreifen, auch mehr Kenntnisse

über Pflanzen und Bodenbeschaffenheit und sanftere

Mittel. Das ist aufwendig und anspruchsvoll, erweitert

aber auch die Fachkenntnisse des Gärtnerteams.

Für die Rhododendren haben die Merian

Gärten mit Bio Suisse eine Ausnahmebewilligung ausgehandelt:

Vorübergehend darf im kalkigen Boden eine

begrenzte Menge an Torf einarbeitet werden, bis ein

geeignetes anderes Substrat gefunden wird, das den

Boden saurer macht. Hierzu machen die Merian Gärten

seit einigen Jahren Substrattests. So schön die Pflanzen

auch sind: «Heute würden wir die Schenkung aus den

70er-Jahren wohl nicht mehr annehmen, weil die Pflanzen

eine andere Bodenbeschaffenheit brauchen, als sie

natürlicherweise in der Brüglinger Ebene vorkommt.

Aber die Rhododendren gehören zu unserer Geschichte

und unseren Highlights, die wir auch unter dem Bio-

Pflegeregime unbedingt erhalten möchten», sagt Bettina

Hamel, Geschäftsleitern der Merian Gärten. Ausnahmebewilligungen

erhalten die Merian Gärten auch, wenn sie

zur Ergänzung ihrer Sammlungen und Sortimente neue

Sorten anpflanzen. Zum Beispiel im Arzneipflanzengarten

oder in Zusammenarbeit mit ProSpecieRara bei alten

Gemüsesorten, die nachweislich noch nicht in Bio-Qualität

erhältlich sind. Dann darf auch eine konventionell

angezogene Pflanze ins Sortiment aufgenommen werden.

Wird diese Sorte dann während zwei Jahren in den

Merian Gärten nach den Knospe-Prinzipien kultiviert, ist

sie «Bio».

Die vorwiegend auf Landwirtschaftsbetriebe

ausgerichtete Zertifizierungsbehörde von Bio Suisse

kontrolliert jährlich und lernt im ungewohnten Terrain

eines botanischen Gartens ebenso dazu wie die

Wald:

Auswirkungen des Klimawandels

Die CMS besitzt insgesamt 340 Hektaren Wald. Davon gehören 150

Hektaren zum historischen Gut Löwenburg in Pleigne im Jura, ihrem

grössten Landwirtschaftsbetrieb. Doch der Wald ist in einem schlechten

Zustand. Das hat mit dem Klimawandel zu tun, aber auch mit der

Aufforstungspolitik der 60er-Jahre. Jetzt muss einiges ausgebügelt

werden.

scy. Der Wald des Gutshofs Löwenburg auf dem jurassischen

Hochplateau über dem Lützeltal ist für Schweizer

Verhältnisse riesig und mit 150 Hektaren fast so gross

wie der Hardwald in Muttenz. Die Schäden sind für Laien

von blossem Auge sichtbar: überall kahle Lichtungen

mit Baumstümpfen von Rottannen, die gefällt werden

mussten, weil ihnen der Borkenkäfer zusetzte. Oder

schwächelnde Buchen, wegen denen der Kanton Jura im

letzten Sommer Katastrophenalarm ausrief («catastrophe

forestière»). Im Forst der Löwenburg trafen die Klima-

schäden sehr viele Rottannen – oder «gemeine Fichten»,

wie sie korrekt heissen. Die Art stammt ursprünglich aus

Skandinavien, gedeiht vor allem in kühlen Regionen und

verträgt Trockenheit und Hitze schlecht. Die letzten, sehr

heissen Sommer auch im Jura haben die Bäume anfällig

gemacht, sie können Schädlinge wie den Borkenkäfer

nicht mehr abwehren.

Dass es im Löwenburger Wald so viele serbelnde

Rottannen gibt, ist nicht bloss der Natur zuzuschreiben.

«Das ist auch die Folge einer rein ökonomisch

gefärbten Aufforstungspolitik in den 60er-Jahren», konstatiert

Rolf Bolliger, ehemaliger Betriebsleiter der

Löwenburg. Bolliger ist Präsident des Forstreviers «Triage

forestier du Haut-Plateau» und vertritt heute die CMS in

der Forstkommission. Nach dem Erwerb durch die CMS

im Jahr 1956 hätten die damals Verantwortlichen begonnen,

gut 40 Hektaren Weideland in grossem Umfang mit

Rottannen aufzuforsten. Aus rein ökonomischen Erwägungen

wählte man die ursprünglich ortsfremden

Bäume, weil sie schnell wachsen, das Holz als Baustoff

begehrt war und gute Erträge abwarf. Bern war zu jener

Zeit noch Standortkanton der Löwenburg und musste,

nachdem für den Autobahnbau der A1 durch das Grauholz

eine immense Waldfläche abgeholzt worden war,

Ersatzflächen aufforsten. Dafür gab es hohe Subventionen

von Bund und Kanton. Bolliger: «Als die Verantwortlichen

der Löwenburg bei den Berner Behörden die Aufforstung

von Weideland beantragten, war man allerorts

sehr einverstanden. Das war eine ganz andere Zeit.»

In den 80er- und 90er-Jahren erwachte dann das ökologische

Gewissen, auch als Folge des fortschreitenden

Waldsterbens. Der Wald wurde nicht mehr nur als Ertragsquelle

verstanden, sondern als wichtige und gefährdete

ökologische Lebensgrundlage. Der Förster der Löwenburg

begann, Lücken mit Linden, wilden Kirschen und Wildbirnen

aufzuforsten, um den Wald wieder in seiner ursprünglichen

Zusammensetzung wachsen zu lassen. Die

scharf akzentuierten Fichtenwaldränder versuchte man

Schritt für Schritt – auch im Interesse einer möglichst hohen

Biodiversität von Flora und Fauna – wieder in einen

gestuften Waldrand zurückzuführen.

Seither ist der Holzpreis massiv gesunken und

hat sich nur wenig erholt. Obwohl Holz als Baustoff zunehmend

interessant wird, ist die maschinelle «Ernte»

der Bäume im Jura weit teurer als in leicht zugänglichen

Wäldern. Dazu haben im Rahmen des Freihandels Holzimporte

aus Billigländern wie den baltischen Staaten

dem Schweizer Holzmarkt schwer zugesetzt. Wer heute

sogenanntes Schwachholz als Industrieholz verkaufen

wolle, lege pro Kubikmeter rund 15 bis 20 Franken drauf,

sagt Bolliger. «Den Wald als Renditeobjekt gibt es so

nicht mehr. Fehlende Erträge verunmöglichen geeignete,

eigentlich notwendige Massnahmen gegen die Folgen

des Klimawandels.»

Was also tun mit all dem Schwachholz, das

herumliegt? Wie den Wald ökologisch und nachhaltig

pflegen? Alternativen wie etwa Wärme- und Stromproduktion

mit sogenannten Hackschnitzelanlagen

erfordern relativ viel Kapital, das zum Teil nur ungern

investiert wird. Der Löwenburg-Wald ist, zusammen mit

allen Wäldern des Forstreviers Haut-Plateau, seit 2008

FSC-zertifiziert, muss also nach den ökologischen Auflagen

des internationalen Forest Stewardship Council

(FSC) gepflegt werden: keine Monokulturen, sondern Aufforstungen

mit standortgerechten einheimischen Arten.

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Landbesitz

Verantwortlichen der Merian Gärten. Bio Suisse kontrolliert

auch die Tierhaltung in den Merian Gärten, der

Schafe, Hühner, Kaninchen und Bienen, und soziale Faktoren

wie die Arbeitsverhältnisse. Bei der Tierhaltung

schneiden die Merian Gärten regelmässig hervorragend

ab. «Der Kontrolleur sagte uns schon, wenn er ein Huhn

wäre, würde er am liebsten bei uns leben», lacht Bettina

Hamel.

Bio-Suisse-Auflagen sind das eine – die CMS-

Verpflichtung zu nachhaltigem Wirtschaften das andere.

Im 2012 neu erstellten Lehmhaus gibt es auf den Toiletten

nur kaltes Wasser und Vorhänge statt elektrisch

betriebener Storen. Die Heckenschneidmaschinen sind

keine Benziner mehr, demnächst soll für die Bewässerung

Regenwasser effizienter genutzt werden. Auch die

Arbeitskleider wurden nach Nachhaltigkeitskriterien

ausgesucht. Bei jeder Entscheidung spielen heute ökologische

Erwägungen eine Rolle, und manchmal stehen

ihnen ökonomische Faktoren diametral entgegen. Bei

der Neuanschaffung von Maschinen etwa, wenn das

Elektromodell doppelt so teuer ist und es schnell um

Zehntausende von Franken geht. «Das ist ein anspruchsvoller

Prozess», sagt Bettina Hamel, die auch Mitglied

der Geschäftsleitung der CMS ist. «Aber wir sind auf dem

richtigen Weg und daran, umfassende Leitlinien für die

ganze Stiftung auszuarbeiten.»

Das kostet und bringt in den nächsten Jahrzehnten nichts

ein. Dort, wo der betroffene Wald als Schutzwald definiert

ist, beteiligen sich Bund und Kantone finanziell an den

notwendigen Eingriffen.

Die CMS ist in Übereinstimmung mit ihren

Nachhaltigkeitszielen bereit, für künftige Generationen

in eine nachhaltige Waldpflege zu investieren. Sie wird

demzufolge mit ihrem Waldbesitz, vor allem in den

schwierigen Regionen, in den nächsten Jahren vorwiegend

rote Zahlen schreiben. Trotzdem sind Investitionen

in die Infrastruktur vorgesehen, zum Beispiel in das Waldwegnetz

als wichtige Voraussetzung für eine nachhaltige

Bewirtschaftung. Zurzeit läuft zudem im Rahmen der

Revision des Wirtschaftsplanes der Löwenburger Waldungen

eine quantitative und qualitative Analyse des

Waldbestands. Sie wird die Basis bilden für alle künftigen

Massnahmen.

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Projektförderung

Für mehr Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit spielt für die CMS eine wichtige Rolle.

Bei vielen Projekten liegt der Fokus auf der Förderung von Biodiversität.

Hier eine Auswahl.

Pilotprojekt Sesselacker

Mehr Biodiversität

im städtischen Raum

Das ökologische Pilotprojekt in der CMS-eigenen Überbauung

Sesselacker mit ihren über 200 Wohnungen und

vielen Freiflächen am Fusse des Bruderholzes ist nicht nur

ein Beispiel für das finanzielle Engagement der CMS in

Sachen Nachhaltigkeit. Es zeigt auch, wie wichtig es ist,

dass sich die CMS mit Know-how und Personalressourcen

in wichtige nationale Forschungsprojekte einbringt und

sich auf dieser Ebene vernetzt: Nach einem von verschiedenen

Fachgremien und der Universität Bern organi-

sierten Symposium über Biodiversität und Immobilien,

an dem auch die CMS teilnahm, initiierte ein Initiativ-

komitee im Jahr 2018 unter der Leitung des Forums Bio-

diversität das Projekt «Siedlungsnatur gemeinsam

gestalten». Ziel ist es, in fünf nationalen Pilotprojekten

Wissens- und Handlungsgrundlagen zu entwickeln, wie

die Wahrnehmung und Bewertung von Biodiversität bei

allen beteiligten Akteuren verbessert und ein neues Entscheidungsverhalten

erreicht werden kann. Eines der fünf

nationalen Pilotprojekte ist jenes im Basler Sesselacker.

Auch dicht überbaute Siedlungsgebiete bergen

ein Potenzial für die Erhaltung und Förderung der Biodiversität,

das bisher zu wenig ausgeschöpft wird. Durch

bauliche Massnahmen, eine nachhaltige Siedlungspflege

und die gezielte Vernetzung von Grünräumen könnte

vieles verbessert werden – nicht nur für die bedrängte

Flora und Fauna, sondern auch in Bezug auf die Lebensqualität

der hier lebenden Menschen.

Für die gesamte Wohnüberbauung Sesselacker

wird nun eine Bestandsaufnahme durchgeführt, eine

qualitative Abschätzung des aktuellen ökologischen

Werts vorgenommen und unter Einbezug der relevanten

Akteurinnen und Akteure ein Gesamtkonzept zur Auf-

wertung ausgearbeitet. Drei Wissenschaftlerinnen

leiten das breit abgestützte, interdisziplinäre Projekt.

Vonseiten der CMS sind drei Abteilungen involviert:

Liegenschaften, Finanzen und Natur. Projektpartner sind

das Bürgerspital Basel und die Stadtgärtnerei, welche die

Grünräume auf und um den Sesselacker bewirtschaften.

Ebenfalls beigezogen werden die Hauswarte der Siedlung

Sesselacker sowie im Verlauf des Projekts die Mieterinnen

und Mieter. Die Erhaltung und schonende Nutzung

unserer Lebensgrundlagen ist Teil der Strategie der CMS.

Als Besitzerin bedeutender Grünflächen im städtischen

Raum hat die Stiftung eine grosse Verantwortung und

bewirtschaftet heute schon ihre Merian Gärten und das

Gellertgut ökologisch nachhaltig. Vom Pilotprojekt Sesselacker

erhofft sich die CMS wertvolle Erkenntnisse für

ihre anderen Grünräume in der Stadt.

Ein Impact Hub

jetzt auf dem Dreispitz

Das globale Netzwerk Impact Hub wurde 2005 in London

gegründet, um Start-ups und Kreative international

besser zu vernetzen und sie bei ihren ökologischen und

sozialen Engagements zu unterstützen. Nach Zürich,

Bern, Genf und Lausanne hat auch Basel seinen Hub:

auf dem Dreispitz.

Der Impuls für den Basler Impact Hub kam

weder von der einheimischen Politik noch aus der Wirtschaft

noch von einzelnen Basler Organisationen, sondern

von einer jungen Generation hochqualifizierter,

global vernetzter und engagierter Einzelpersonen. Ihr

Ziel ist allerdings das Gegenteil von Einzelmaskendasein:

nämlich mit Schwarmwissen, also kollektiver Intelligenz

und Zusammenarbeit, Lösungen im Nachhaltigkeitsbereich

für die Probleme unserer Zeit zu finden. Und das

hochprofessionell – und lustvoll.

Doch von vorne: 2013 kam die aus Singapur

stammende Expertin für Menschenrechte und nachhaltige

Lieferketten, Connie Low, nach ihrem Studium in

London zu Novartis und vermisste den Londoner Impact

Hub. Zusammen mit dem aus der Region stammenden

Unternehmensentwickler André Moeri, der schon den

Swiss Innovation Park in Allschwil aufgebaut und geleitet

hat, und der Anwältin Hanna Byland gründete sie den

Verein Impact Hub Basel. Ein Zukunftslabor für Nachhaltigkeit,

das möglichst viel innovatives Wissen zusammentragen

und produktiv umsetzen sollte. Unter dem

Label «Impact Hub» arbeiten Start-ups auf der ganzen

Welt in einem globalen Netzwerk an einer sozial und öko-

logisch nachhaltigen Wirtschaft der Zukunft – angelehnt

an die Ziele der Agenda 2030 der Vereinten Nationen. Die

Londoner Zentrale des 2005 gegründeten Netzwerks

überprüft die Qualität der lokalen Netzwerke und erteilt

nach Prüfungsverfahren das Okay für den lokalen Start

unter dem geschützten Label. Mittlerweile gibt es weltweit

über 100 Impact Hubs. Sie alle funktionieren nach

demselben Prinzip: gemeinsam genutzte Räume (Cowor-

king), vernetzte Communities, Programme und Events

zu gesellschaftlich relevanten Themen.

Die CMS und andere Stiftungen haben den

Verein Impact Hub Basel beim Aufbau unterstützt. Nach

einer intensiven Vorbereitungsphase hat der Basler Hub

mit der Eröffnung seines Coworking- und Eventgebäudes

an der Münchensteinerstrasse 274a auf dem Dreispitz im

November 2019 nun richtig losgelegt: Neben diversen

Organisationen und einzelnen Akteuren arbeiten seit

Januar fünf Start-ups aus den Bereichen Gesundheit,

Kreislaufwirtschaft und Bildung im Coworking Space des

Impact Hub Basel und werden in einem Jahresprogramm

mit Coachings und Workshops von einem Team von 30

Freiwilligen und Angestellten unterstützt. Im Februar hat

das Team auch das erste Basler Zero Waste Café eröffnet,

das «Café spurlos», ebenfalls an der Münchensteinerstrasse

274a. Das Projekt soll aufzeigen, wie auch in

der Gastronomie mit Recherche, Innovation und En-

gagement nachhaltig gewirtschaftet werden kann –

ohne Abfallberge.

Ergänzend zum «Café Spurlos» wird während

drei Jahren ein Zero Waste Innovation Lab (ZEWIL) aufgebaut

und betrieben. Im ZEWIL sollen praxistaugliche

Lösungen zur Abfallvermeidung erarbeitet und vermittelt

werden. Die Nähe zum «Café Spurlos» bietet die

Chance, dass Produkte und Prozesse dort gleich im

Tagesgeschäft getestet und im ZEWIL weiter optimiert

werden können.

Langzeitstudie zum Biolandbau

Ein biologisch wirtschaftender Agrarbetrieb trägt zu

mehr Biodiversität bei. Zum Beispiel leben dort mehr

Spinnen und Insekten, die für das ökologische Gleichgewicht

wichtig sind. Zu diesem Ergebnis kam das Forschungsinstitut

für biologischen Landbau (FiBL) in einer

ersten Studie bereits 1993 bis 1995, als zwei Bauernbetriebe

der Region verglichen wurden: der schon länger

biologisch wirtschaftende Bruderholzhof in Oberwil und

der damals noch konventionell bewirtschaftete Schlatt-

hof in Aesch.

Seit 1997 hat der Schlatthof auf Biolandbau

umgestellt. Jetzt führt das FiBL ein Nachfolgeprojekt

durch, das die Artenvielfalt von Flora und Fauna auf dem

Schlatthof vor und nach der Umstellung dokumentiert.

Für die Projektarbeit werden auch Studierende beigezogen.

Die Untersuchung soll 2023 abgeschlossen sein. Das

international anerkannte FiBL wird die Ergebnisse dieser

in der Schweiz einzigartigen Untersuchung auch in den

internationalen Wissenschaftsdiskurs einspeisen.

Future Planter

Biodiversität

auch auf dem Balkon

Jede Baslerin, jeder Basler könnte mit ganz einfachen

Mitteln mehr zur Biodiversität beitragen. Fast die Hälfte

der über 600 einheimischen Wildbienenarten ist heute

bedroht – und damit auch die Bestäubung von Kultur-

und Wildpflanzen, die für das Gleichgewicht des Öko-

systems existenziell sind.

Wer in Basel nur schon auf dem Balkon Pflanzen

hält, soll bald auf dem Internet auf einer kostenlosen

Webanwendung Empfehlungen erhalten, welche Pflanzen

für die Förderung der Biodiversität am geeignetsten

wären. Diese Idee hat die Stiftung Green Advance lanciert,

die national mit zahlreichen Partnern und Fachstellen

zusammenarbeitet und erste Anwendungs-

empfehlungen bereits für Zürich, Cham und Zug zur

Verfügung stellt. Bis 2022 soll die Abfrage in 50 grösseren

Schweizer Gemeinden möglich sein. Voraussetzung dafür

sind standortspezifische Erhebungen von Wildbienen.

Jene für Basel ist aktuell in Vorbereitung.

10


Projektförderung

Umwelt Plattform

Einfach mehr Basel!

Der Verein Umwelt Plattform will aufzeigen und vermitteln,

dass man sich für eine suffiziente, also genügsame

und nachhaltige Lebensweise ohne Ressourcenverschleiss

und Umweltbelastung nicht kasteien muss,

sondern durchaus auch mit Lust und Spass agieren kann.

Er ist seit 2016 aktiv, mittlerweile in sechs Schweizer

Städten. Die rund 50 Mitglieder unterschiedlichen Alters

engagieren sich mit humorvollen Aktionen und mit verschiedenen

Partnern, in Basel etwa in Zusammenarbeit

mit dem Amt für Umwelt und Energie und neben der

CMS mit weiteren Sponsoren. Sie sind letztes Jahr in

Basel bereits mit Schnitzeljagden zum Wildkräuter

sammeln, Zeitschenken-Aktionen in der Weihnachtszeit

und Aktivitäten auf dem Matthäusmarkt und in der

Markthalle in Erscheinung getreten. Für dieses Jahr sind

weitere Pop-up-Events an frequentierten Orten in Basel

geplant.

Dokumentation

des Landschaftswandels

Auf seiner Website www.regionatur.ch dokumentiert

der Verein Natur und Landschaft der Region Basel seit

fünf Jahren zusammen mit zahlreichen Partnern den

Wandel unseres Lebensraums in den letzten 500 Jahren.

Mit historischen und aktuellen Karten, zahlreichen Informationen,

Abbildungen und Links informiert die Website

Fachpersonen, Schülerinnen und Schüler und die Öffentlichkeit

über die Landschaftsveränderungen in der Region.

Insgesamt stehen 290 Module und 8 000 Bilder zur

Verfügung. Der Einstieg ins Programm erfolgt über Orte

oder Themen.

Nachhaltige Ernährung

mit 4seasons

Armutsbetroffene haben häufig mit gesundheitlichen

Problemen zu kämpfen, die auch auf einer schlechten

Ernährung mit ungesunden Lebensmitteln beruhen können.

Der Verein 4seasons will dem entgegenwirken und

bietet Menschen mit kleinem Budget Kochkurse, Exkursionen

und Workshops an, in denen vermittelt wird, wie

auch mit sehr wenig Geld gesund und saisongerecht

gekocht werden kann. Zum einen werden die Angebote

über soziale Institutionen an spezifische Zielgruppen

vermittelt, zum anderen werden die Kurse öffentlich

ausgeschrieben. Der Verein organisiert ausserdem gemeinsame

Kochevents und leistet damit einen Beitrag

zur sozialen Integration. Nach einer erfolgreichen Startphase

will 4seasons mit neuen Angeboten für die breite

Öffentlichkeit weitermachen.

11



Dreispitz

Der Dreispitz als

Schauplatz künstlerischer

Interventionen

Initiiert von der CMS, beleuchten die Kunstschaffenden Isabelle

Stoffel, Benedikt Wyss und Samuel Leuenberger zusammen mit

weiteren Akteurinnen und Akteuren den Dreispitz mitten in

seiner Transformation: «Dreispitz entdecken» lautet das Motto

der verschiedenen Aktionen, die 2020 und 2021 der Öffentlichkeit

präsentiert werden.

tri. Mit dem Audio-Video-Walk «Freizone Dreispitz» führen die Regisseurin

Isabelle Stoffel und das Theaterkollektiv Recycled Illusions im Mai

2020 Besucher und Besucherinnen über einen Teil des Dreispitz. Ausgestattet

mit Kopfhörern und einem Tablet gehen sie auf eine Reise in

die mehr als 100-jährige Geschichte des Logistikareals. Mit Stimmen und

Geräuschen, Bildern und Videosequenzen erzählt Stoffel Geschichten

vom Quartier am Rand der Stadt, stellt bisher wenig Bekanntes ins

Rampenlicht, widmet sich den diversen Mikrokosmen auf dem Dreispitz.

Sie führt uns über ein Gebiet, auf dem hinter dicken Mauern Konsumgüter

wie Tabak, Rum und Autos zollfrei gelagert wurden. Wie haben

das die Menschen, die hier gearbeitet haben, erlebt? Heute wohnt man

in architektonisch herausragenden Bauten zwischen den Lagerhallen,

andere studieren hier Kunst. Der Alltag ist von Lastwagen geprägt, die

Güter bewegen. Was verraten ihre Wege über unser heutiges Konsumverhalten?

Die Antworten auf diese Fragen verwandeln die Reise in die

Vergangenheit in eine Reise in die Zukunft.

Isabelle Stoffel und ihrem Team von Recycled Illusions ist es

gelungen, etliche Personen in ihr Stück zu integrieren, deren Biografien

eng mit dem Dreispitz in Verbindung stehen. Sie kommen zu Kurzauftritten

und beleben auf diese Weise den Rundgang, der damit zu einem

Ausflug wird, in dem sich Geschichte und Gegenwart, Realität und Fiktion

wie in einem Tagtraum vermischen.

«Explorers Film Club»

«Freizone Dreispitz»

Ganz anders nähern sich die Kuratoren Benedikt Wyss und Samuel Leuenberger

mit ihrem «Explorers Film Club» dem Dreispitz. Sie laden in den

kommenden vierzehn Monaten vier internationale Filmkünstlerinnen

und Filmkünstler ein, jeweils vier Wochen bei Atelier Mondial auf dem

Dreispitz zu leben und das Areal subjektiv zu entdecken. Historische

Vorlage für diese Konstellation bietet «The Explorers Club». So heisst

eine internationale Forschervereinigung mit Sitz in New York, die eine

Vielzahl wegweisender Entdecker-Leistungen für sich in Anspruch

nimmt, darunter die Erstbesteigung des Mount Everest, den ersten

Atlantiküberflug und die erste Mondlandung. Ihr Kernthema lautet:

«terra incognita» – unbekanntes Land. Die Verbindung zum Dreispitz

liegt nahe, denn auch hier handelt es sich um weitgehend unbekanntes

Land. Gerade das ehemalige Zollfreilager, aber auch weitere grosse Teile

des Gebiets waren lange eine geschlossene Zone in der Stadt. Bis heute

kennen viele den Dreispitz nur vom Vorbeifahren.

Durch die Brille der vier Filmschaffenden lässt sich das Areal

neu entdecken, öffnen sich neue Perspektiven auf die Stadt. Die vor Ort

gefertigten Filme erleben auf dem Dreispitz ihre Premiere. Den Anfang

macht am 29. Mai die Niederländerin Puck Verkade, wohnhaft in London,

die den Dreispitz mit schrägem Humor und einer Vorliebe fürs Absurde

thematisiert. Nach drei weiteren Premieren werden die Kuratoren im

Sommer 2021 aus dem gesamten Material eine Überblicksausstellung

zusammenstellen, die in Kooperation mit dem Kunsthaus Baselland, das

künftig auch auf dem Dreispitz zu Hause sein wird, während der Art Basel

gezeigt wird. Parallel dazu entsteht ein «Logbuch», das sich inklusive

Smartphone-Video-App als Forschungstagebuch versteht und Einblick

in den Arbeitsalltag der Beteiligten gibt. Begleitet wird der «Explorers

Film Club» vom Basler Kulturwissenschaftler Michel Massmünster. Er

wird für die Zürcher Hochschule der Künste analysieren, wie unterschiedliche

Akteure über die künstlerische Arbeit zu einer Auseinandersetzung

mit einem städtischen Areal gelangen.

Audio-Video-Walks «Freizone Dreispitz»:

7. bis 24. Mai 2020, jeweils Donnerstag bis Sonntag zwischen 18 und 21.30 Uhr

Filmpremieren «Explorers Film Club»:

Puck Verkade am 29. Mai 2020 im Club Elysia, weitere: September 2020, Februar und Juni 2021

Mehr Informationen unter www.dreispitz.ch

13


Studie

Amtliche

Steuereinschätzungen

Nicht-Abgabe Folge einer allgemeinen Lebenskrise, ausgelöst durch

Trennung, Stellenverlust oder gesundheitliche Probleme. Eine spezifische

Gruppe sind Selbstständigerwerbende, die nicht nur mit dem Ausfüllen

der Steuererklärung, sondern allgemein mit den buchhalterischen

Anforderungen einer selbstständigen Erwerbstätigkeit überfordert sind.

Eine dritte Gruppe sind Personen mit Wissensdefiziten oder einer Verweigerungshaltung.

Sie bekunden seit Beginn der Steuerpflicht Mühe

mit dem Ausfüllen der Steuererklärung und geben zum Teil an, noch nie

eine solche abgegeben zu haben. Oft sind hier Personen mit psychischen

Problemen vertreten.

Was motiviert Steuerpflichtige,

ihre Steuererklärung wieder auszufüllen?

Bei Herrn W. kam vieles zusammen: Zuerst die Trennung von

seiner Partnerin, später der Stellenverlust und schliesslich seine

Suchterkrankung. Herrn W.s Situation steht beispielhaft

dafür, wie eine Lebenskrise zur Überforderung bei scheinbar

Alltäglichem führen kann; so auch beim Ausfüllen und Einreichen

der Steuererklärung.

Tatsache jedoch ist: Eine nicht eingereichte Steuererklärung

kann fatale Konsequenzen haben. Eine Betreibung mit

Pfändung bis auf das Existenzminimum wird wahrscheinlich,

ebenso die damit verbundenen Folgeerscheinungen wie soziale

Ausgrenzung, gesundheitliche Probleme oder Schwierigkeiten

am Arbeitsplatz.

Etwa zwei Drittel der Befragten reichen die Steuererklärung heute wieder

ein. Die Motivationsgründe dafür sind zwar individuell, jedoch lassen sich

auch hier Tendenzen ausmachen. Oftmals stand am Anfang der Motivation

eine positive Veränderung der Lebensumstände, wie zum Beispiel

eine neue Beziehung oder der Antritt einer neuen Arbeitsstelle. Bezeichnend

dafür steht die Aussage von Herrn M.: «Geholfen hat es dann im

Endeffekt, dass mir die jetzige Frau über den Weg gelaufen ist. Das ist

eigentlich die grosse Veränderung im Leben gewesen: Zuverlässiger

Umgang [...] und tatsächlich auch das erledigen, was zu erledigen ist.»

Bei der Frage nach der Erreichbarkeit Betroffener sind sowohl

die soziale Integration (Beruf, Familie) als auch die strukturelle Integration

(Bezug zu öffentlichen Akteuren wie Sozialhilfe, Regionale Arbeitsvermittlungszentren

RAV) von entscheidender Bedeutung. In der Stadt

Basel besteht ein breites Angebot an Möglichkeiten, günstig oder kostenlos

Unterstützung beim Ausfüllen der Steuererklärung zu erhalten.

Soziale Beratungsstellen unterstützen beim Ausfüllen einfacher Steuererklärungen

oder verweisen an kostengünstige Angebote wie zum Beispiel

«GGG Steuern». Einzelne Stellen bieten entsprechende Kurse an. Es

zeigte sich jedoch auch, dass Hilfsangebote in einer akuten Krisensituation

oft nicht aufgesucht werden.

Die meisten Steuerbetreibungen beruhen

auf Einschätzungen

Steuerschulden sind in der Schweiz das Schuldenproblem Nummer eins.

Für das Steuerjahr 2015 wurden gut 6000 Betreibungen gegen natürliche

Personen eingeleitet. Fast zwei Drittel davon (61 % oder 3 780 Betreibungen)

basierten dabei auf einer sogenannten amtlichen Einschätzung.

Mehr als 70 Prozent aller Einschätzungen enden in einer Betreibung. Die

Steuerverwaltung nimmt eine amtliche Steuereinschätzung dann vor,

wenn «die steuerpflichtige Person trotz Mahnung ihre Verfahrenspflichten

nicht erfüllt». 1 Dies ist beispielsweise der Fall, wenn die Steuererklärung

gar nicht oder unvollständig abgegeben wird.

Das Forschungsprojekt

Vor diesem Hintergrund lancierte die Hochschule für Soziale Arbeit

FHNW im Herbst 2018 die Praxisstudie «Amtliche Steuereinschätzungen

im Kanton Basel-Stadt». Das Pionierprojekt wurde von der CMS finanziert

und von der FHNW in enger Zusammenarbeit mit der Budget- und

Schuldenberatungsstelle Plusminus Basel durchgeführt. Ziel war es,

Einblicke in die Lebensrealitäten von Betroffenen zu erhalten und daraus

konkrete Massnahmen abzuleiten, welche die Anzahl der Steuereinschätzungen

und die damit verbundenen Folgen reduzieren. Für dieses

Vorhaben wurden verschiedene methodische Zugänge gewählt (siehe

rechts in Lila). Die Studie richtete ihren Fokus bewusst auf die Praxis

und arbeitete zu diesem Zweck mit einer Begleitgruppe, bestehend aus

unterschiedlichen zentralen Akteuren. So sollte sichergestellt werden,

dass zielführende Massnahmen zur Reduktion der amtlichen Steuereinschätzungen

gefunden und die damit verbundenen Folgen im Anschluss

an das Projekt in der Praxis umgesetzt und mitgetragen würden.

Weshalb reichen Steuerpflichtige

ihre Steuererklärung nicht ein?

Was ist zu tun?

Die Ergebnisse der Studie wurden in einer Begleitgruppe diskutiert,

bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern von Basler Sozialberatungsstellen

und Stellen der kantonalen Verwaltung sowie der CMS. Die

Gruppe evaluierte, was in der bisherigen Praxis und hinsichtlich bestehender

Angebote gut funktioniert hat und wo Entwicklungsbedarf

besteht. Dabei haben sich verschiedene Themen herauskristallisiert, die

über die Begleitgruppentreffen hinaus in Arbeitsgruppen weiterverfolgt

werden: Steuerbezug und Veranlagung, Koordination und Ausbaubedarf

von Hilfsangeboten sowie Verbesserung der Erreichbarkeit von Risikogruppen.

Nun geht es darum, die umsetzbaren Massnahmen in den

Arbeitsgruppen zu entwickeln und in Zusammenarbeit mit den relevanten

Akteuren zu realisieren.

Christian Eckerlein und Dr. Christoph Mattes,

Hochschule für Soziale Arbeit FHNW

FORSCHUNGSDESIGN

19 themenzentrierte Interviews mit Betroffenen,

Auswertung statistischer Daten durch

das Statistische Amt des Kantons Basel-Stadt,

schriftliche Umfrage bei Basler Beratungsstellen

zum bestehenden Hilfsangebot zum

Ausfüllen der Steuererklärung, zwei Austauschtreffen

mit einer Begleitgruppe

(bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern

Basler Sozialberatungsstellen, Stellen

der kantonalen Verwaltung sowie der CMS).

Aus den 19 Interviews geht hervor, dass eine nicht erfolgte Steuerdeklaration

meist mit einer allgemeinen Vernachlässigung administrativer

und finanzieller Angelegenheiten einhergeht. Auch wenn es hierfür keine

eindeutig identifizierbaren Gründe gibt, lassen sich schemenhaft drei

verschiedene Konstellationen unterscheiden: In vielen Fällen ist die

1 Gesetz über die direkten Steuern (StG) § 158 Abs. 2 StG / Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer

(DBG) Art. 130 Abs. 2.

14


Studie

Ein Weg aus der

Schuldenspirale

Der 33-jährige Marco Conti* hat sich nach einer privaten Krise

und früher Vaterschaft sehr jung hoch verschuldet. Den grössten

Teil machten Steuerschulden aus. Die Schuldenberatungsstelle

Plusminus hat ihm bei der Schuldensanierung geholfen.

RADAR hat ihn im Januar zum Gespräch getroffen.

Wo lebten Sie nach dem Tod Ihrer Mutter?

Ich habe eine Frau kennengelernt und bin zu ihr gezogen. Als ich 23 Jahre

alt war, haben wir einen Sohn bekommen. Eigentlich ein Wunschkind.

Ich habe alles bezahlt. Mein niedriger Lohn reichte aber hinten und vorne

nicht, und meine damalige Frau wollte nicht arbeiten. Es wurde immer

schlimmer mit den Schulden und den Betreibungen. Wir haben uns später

getrennt – und ich sass mit 30 Jahren auf einem Schuldenberg von

rund CHF 100 000. Fast die Hälfte davon waren Steuerschulden.

Und dann?

Meine Brüder haben mir geholfen. Zuerst wollten wir das Problem selber

lösen, aber schliesslich sind wir zur Schuldenberatung von Plusminus

gegangen.

Wie lief das ab bei Plusminus?

Die Beraterin hat zuerst ein ausführliches Gespräch mit uns geführt und

dann gemeinsam mit uns einen Plan für eine Schuldensanierung innerhalb

von 36 Monaten aufgestellt. Ich wollte bewusst keinen Privatkonkurs

anmelden, sondern die Sache wirklich abschliessen und Schulden

zurückzahlen. Das war für mich auch psychologisch wichtig. Das Nachlassgericht

hat dem Sanierungsplan zugestimmt: Die rund CHF 30 000

Krankenkassenschulden muss ich gemäss Gesetz ganz zurückzahlen.

Und dann noch zusätzliche CHF 20 000 an die anderen Gläubiger. Der

Rest wurde mir erlassen.

Plusminus, Budget- und Schuldenberatung BaseI

RADAR: Herr Conti, weshalb haben Sie überhaupt

Schulden gemacht?

Marco Conti: Als ich im dritten Lehrjahr war, ist meine Mutter gestorben.

Der Stiefvater hat mich und meine Brüder dann rausgeworfen. Das hat

mich total aus der Bahn gehauen. Ich habe die Lehrabschlussprüfung

nicht bestanden, jobbte danach temporär und machte immer mehr

Schulden: Krankenkasse und vor allem Steuern. Vorher hatte das alles

meine Mutter erledigt und bezahlt. Ich hatte keine Ahnung, wie mit Geld

umgehen und wie das mit der Steuererklärung läuft. Am Anfang habe

ich der Steuerverwaltung einfach den Lohnausweis eingeschickt, später

wuchs mir alles über den Kopf. Ich reichte nichts mehr ein und stopfte

die Steuererklärung, alle Rechnungen und Betreibungen in eine Schublade.

Wie zahlen Sie das ab?

Ich arbeite in der Produktionsstrasse eines grossen Unternehmens und

verdiene CHF 4 250 pro Monat. Seit zweieinhalb Jahren zahle ich jeden

Monat CHF 900 an die Gläubiger zurück, plus den 13. Monatslohn und

Boni. Nach Abzug der Alimente für meinen Sohn, der laufenden Steuern,

der Krankenkasse und Kosten für das U-Abo bleiben mir noch knapp

CHF 1 600 für die restlichen Lebenshaltungskosten – einschliesslich der

berufsbedingten auswärtigen Verpflegung. Aber nur, weil ich gratis wohne.

Bis vor Kurzem bei meinem Bruder. Der ist jetzt aber weggezogen.

Jetzt wohne ich bei meinem leiblichen Vater als Notlösung. Diesen Mai

ist die Schuldensanierung abgeschlossen. Ich bin überglücklich! Dann

werden auch die Einträge im Betreibungsregister gelöscht, und ich kann

mir endlich eine eigene Wohnung suchen und ganz neu anfangen.

Keine Angst, wieder in dieselbe Situation zu kommen?

Nein. Ich habe sehr viel gelernt und gehe mit meinen Ausgaben und Verpflichtungen

jetzt sorgfältig um.

Was raten Sie Menschen in einer ähnlichen Situation?

Unbedingt früher Hilfe holen bei Beratungsstellen wie Plusminus. Und

dann fände ich es auch gut, wenn die Steuern direkt vom Lohn abgezogen

würden.

Interview: Sylvia Scalabrino

* Name geändert

15


Aktuell

Am Abgrund

Postcards

Postkarten sind wie gute Popsongs. Sie sind auf Anhieb

verständlich, und sie lösen unterschiedliche Erinnerungen

und Gefühle aus. Wenn zehn Menschen dieselbe

Postkarte von einem Strand in Rimini anschauen, erinnert

sich eine Frau vielleicht an ihre ersten Sommerferien

mit ihrem Freund, eine andere denkt an die schmerzhafte

Begegnung mit einer Feuerqualle, ein Jugendlicher

träumt von einer ausschweifenden Strandparty und eine

Familie erinnert sich an den gerissenen Keilriemen auf

der Autostrada Adriatica kurz vor Faenza. Ich selbst erinnere

mich bei Rimini-Postkarten immer an die beste

Tagliata di Manzo vom Grill, die ich je hatte. Frau Fischer

und ich hatten eine bestimmte Osteria zu unserem Ferienstammlokal

erklärt und verbrachten jeden Abend

dort. Als wir abreisten, schenkte uns der Padrone zwei

wunderschöne Porzellanteller.

Postkarten haben etwas Anrührendes und

Sentimentales. Diese einfache und direkte Art, Gefühle

und Stimmungen auszudrücken, gefällt mir. Eine Postkarte

muss einen besonderen Zauber haben, sie muss

visuell und emotional stimulieren. Sie kurbelt das Fernweh

an und stillt vorübergehend die Sehnsucht.

Der Mann, der hier einen äusserst waghalsigen Weg eingeschlagen

hat, ist Christoph Fischer, Künstler, Zeichner

und Illustrator. Er kommt gerade aus dem Urwald von

Ecuador und blickt nun von seinem wackeligen Standpunkt

aus auf die Dachlandschaft der Aarauer Altstadt.

Besorgt hoffen wir, dass die lose gestapelte Büchermauer

nicht nachgibt und er sein Gleichgewicht halten kann.

Christoph Fischer ist am Träumen, und im

Traum ist alles möglich: Dinge kommen zusammen,

die nicht zusammengehören, Proportionen verschieben

sich, Materialien verhalten sich ungewohnt, die Zeit

läuft anders, aus etwas Schönem kann unvermittelt

etwas Gefährliches werden.

Christoph Fischer hat das Comic-Stipendium

der Deutschschweizer Städte, mit dem er 2019 ausgezeichnet

wurde, genutzt, um aus über 450 in Tagebüchern

skizzierten und notierten Träumen eine Auswahl zu

treffen und diese als grossformatige Bleistiftzeichnungen

umzusetzen. In «Während ich schlief», der neuesten Publikation

des Cartoonmuseums Basel im Christoph Merian

Verlag, sehen wir diese Traumbilder, dazu erläuternde

Kurztexte und Filzstiftskizzen des 1976 in Luzern geborenen

Künstlers. Das Buch begleitet die Retrospektive

«Christoph Fischer. Der Welt abgeschaut» im Cartoonmuseum,

in der bis 1. Juni 2020 auch die Originale seiner

Traumbilder zu sehen sind.

www.cartoonmuseum.ch

Marktstand

Als botanischer Garten sind die Merian Gärten spezialisiert

auf Sortenvielfalt bei Zier- und Nutzpflanzen. Allein

im Bauerngarten wachsen über 150 einzigartige Gemüsesorten

von ProSpecieRara. Von Frühling bis Spätherbst

finden Sie besondere Sorten immer donnerstags frisch

aus den Gärten an unserem Marktstand.

Das Angebot wechselt mit den Jahreszeiten.

Bereits im April gibt es karottenförmige Radieschen

«Candela di fuoco», lila-weisse und knollenartige Mairüben

«Rose de Verdun» oder den milden, mehrköpfigen

Strauchkohl (Ewiger Kohl), alles ProSpecieRara-Sorten.

Ab Mitte Mai sollten Lattich, Rettich, Schnitt- und Blattsalat

erhältlich sein, falls nicht das Wetter oder Schädlinge

den Ernteplan durcheinanderbringen. Die raren

Sorten aus dem Bauerngarten unterscheiden sich in

Farbe, Form und Geschmack deutlich vom Gemüse aus

dem Supermarkt.

Nicht nur Gemüse findet sich am Marktstand:

Je nach Ernte gibt es reife Äpfel, Quitten und Kürbisse

und gelegentlich auch Kräuterteemischungen, hausgemachte

Konfitüren aus Quitten oder Beeren sowie Sirup.

Äusserst beliebt sind die Eier der mit grosszügigem Auslauf

gehaltenen Hühner und der Merian-Gärten-Honig.

Die Produkte der Merian Gärten gibt es nicht in grossen

Mengen, dafür sind es spezielle Sorten, die tolle Geschmackserlebnisse

in Bio-Qualität bieten und sich auf

dem Teller bestens präsentieren lassen.

Marktstand auf dem Brüglingerhof, ca. Mai bis Oktober

jeweils donnerstags, 10 bis 12.30 Uhr

www.meriangaerten.ch

Beat Schlatter, «Postcards»

www.merianverlag.ch

Redaktion: Carlo Clivio, Elisabeth Pestalozzi, Kommunikation CMS

Texte: Dr. Tilo Richter (tri); Sylvia Scalabrino (scy)

Gestaltung: BKVK, Basel — Vanessa Serrano, Beat Keusch

Korrektorat: Dr. Rosmarie Anzenberger, Basel

Druck und Bildbearbeitung: Gremper AG, Basel/Pratteln

Auflage April 2020: 3 500 Exemplare; erscheint dreimal jährlich

Illustrationen erster Bund: Jan Bachmann

Bildnachweis: Alex Urosevic, Involt (S. 13, oben), Explorers Film Club & Puck Verkade (S. 13, unten), Plusminus (S. 15),

Maya & Daniele, Zürich (S. 16, links), Christoph Fischer (S. 16, Mitte), Kathrin Schulthess (S. 16, rechts)

St. Alban-Vorstadt 12

Postfach

CH-4002 Basel

T + 41 61 226 33 33

kommunikation@cms-basel.ch

www.cms-basel.ch

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