Neues soziales Wohnen

JovisVerlag

ISBN 978-3-86859-619-9

Neues

soziales

Wohnen

POSITIONEN ZUR IBA_WIEN 2022

IBA_Wien 2022 und future.lab (Hg.)


Positionen zur

IBA_Wien 2022

Dimensionen

Wohn- und Bodenpolitik

9

10

Neues soziales Wohnen

Vorwort

Warum eine IBA für Wien?

Überlegungen zu einer

ungewöhnlichen Aktion

42

48

Sozialer Wohnbau zwischen Wachstum

und Immobilienpreissteigerungen

in der Metropolregion

Christof Schremmer

Was schert mich eure Not?

Wolfgang Förster

Thomas Ritt

14

18

IBA weiter gefasst

Rudolf Scheuvens

Neues soziales Wohnen im Kontext

aktueller gesellschaftlicher

Herausforderungen

Ingrid Breckner

54

58

Die neue Widmungskategorie

„Geförderter Wohnbau“ als

Instrument der Bodenpolitik

Markus Kinschner

Aktive Bodenpolitik zur preisgünstigen

Wohnraumversorgung

23

Soziale Wohnungspolitik in Wien

Daniel Glaser

64

Jean-David Gerber

Neues soziales Wohnen in der Stadtregion

28

100 Jahre Wiener Gemeindebau

Tischgespräch mit Christof Schremmer, Axel Priebs, Kurt Puchinger,

Rudolf Scheuvens und Renate Zuckerstätter-Semela

Marion Müller, Constanze Wolfgring

72

Wohnen als Anlageprodukt

Justin Kadi

76

Gemeinnützige Bauvereinigungen.

Partner der Wohnungs- und

Stadtentwicklungspolitik in Wien

Bernd Rießland

80

Effekte der Niedrigzinspolitik

auf den Wohnungsmarkt

Elisabeth Springler

84

Bodenpolitik: Wohin geht die Reise?

Christiane Thalgott


Ökologie

Gesellschaft

90

Im Wohnbau geht es heiß her!

Magdalena Holzer, Simon Tschannett

130

Alles bleibt anders. Wie wir in einer sozial

nachhaltigen Stadt wohnen.

94

Grün-blaue Infrastruktur in

einer dichter werdenden Stadt

Katrin Hagen

136

Marie Glaser

Städtische Großwohnhausanlage und sozialer

Städtebau: Neues soziales Wohnen im Bestand

100

Soziale Aspekte des Klimawandels

Astrid Felderer, Therese Stickler

140

Christoph Reinprecht

Migration, Stadt und Wohnen

104

Biotope City Wienerberg

Tischgespräch mit Alexandra Adam, Anita Aigner, Stefan Almer,

Daniele Karasz, Johannes Pointl und Amila Širbegović

112

Spaziergang

Smart City Wien. Strategien machen glücklich,

wenn man rechtzeitig darauf schaut, dass

man sie hat, wenn man sie braucht.

Thomas Madreiter

148

152

Was macht die Digitalisierung

mit der Gesellschaft?

Jens S. Dangschat

Gesundheit und Wohnen

118

Innovationen im urbanen Mobilitätslabor

am Beispiel des aspern.mobil LAB

Martin Berger

156

Carmen Roll

Diversität, Migration und

Nachbarschaft im sozialen Wohnbau

124

Build for more with less. Wie wir in Zukunft

bauen können, ohne die Welt zu zerstören.

Werner Sobek

160

Daniele Karasz

Gemeinsam geht mehr. Das Recht auf Wohnen

umsetzen und Wohnen für alle vorantreiben.

Elisabeth Hammer

164

Schwarz/Weiß

Wouter Vanstiphout


Internationale

Perspektiven

Interpretationen

Quartiere

172

Wie europäische Städte Wohnungs politik machen.

Bernadette Luger, Victoria Mlango (UIV)

214

Das Quartier als Projektionsfläche.

Was soll und was kann es leisten?

184

Was tun gegen die europäische Wohnungskrise?

Michaela Kauer

218

Marcus Menzl

Mehr als „sozialer Wohnungsbau“!

188

Von der Krise zum Empowerment

Interview mit Hulya Ertas und David Madden

224

Uli Hellweg

Quartiersentwicklung

193

Europaweiter Kampf um leistbares Wohnen

Tischgespräch mit Kurt Hofstetter, Michael Kerbler, Robert Korab,

Senka Nikolic, Claudia Nutz, Cornelia Schindler und Sarah Zeller

198

Karin Zauner-Lohmeyer

Eine Stadtregion erfindet sich neu

232

Mix it! Zutaten für die Nutzungsmischung

in neuen Stadtteilen

IBA 2027 StadtRegion Stuttgart

Silvia Forlati

204

Das IBA ResearchLab. Eine subjektive Zwischenbilanz

Simon Güntner, Christoph Reinprecht

236

Neue Wege der Quartiersentwicklung.

aspern Seestadt als role model?

Peter Hinterkörner, Claudia Nutz

242

Die GrätzlGenossenschaft

Robert Korab

247

Wohnbauprojekte und die Quartiersdimension

Massimo Bricocoli

Bestände

252

Zukunft Bestand. Annäherung an eine wenig

beachtete Option der Stadtentwicklung

Angelus Eisinger

256

Pocket Mannerhatten

Interview mit Florian Niedworok und Gesa Witthöft

260

Herausforderungen in der Entwicklung

der gründerzeitlichen Bestände

Verena Mörkl, Klaus Wolfinger

264

Per-Albin-Hansson-Siedlung

Spaziergang

272

Blumen des Gemeindebaus

Andreas Rumpfhuber


Ausblick

278

Architektur

Neues soziales Wohnen vor dem Hintergrund

von Individualisierung, Globalisierung und

sozialen Medien

Bart Lootsma

324

328

Damit es besser bleibt. Eine proaktive

IBA zum Thema Wohnen

Kurt Hofstetter

Visionen zum Thema Neues soziales Wohnen

282

Von der Politik und vom Bauen. Aus „Sonne, Luft und

Licht“ wird „sozial, nachhaltig und kostengünstig“

332

Margrit Hugentobler

Selbstverständlich IBA, wenn auch anders …

Patrick Gmür

Kunibert Wachten

284

Fragliches (oder verbotenes) Vokabular

Cuno Brullmann

288

Die Zukunft des Wohnens reparieren

Angelika Fitz

Modelle

294

Träger-, Nutzungs- und Finanzierungsmodelle

neuer Wohnbauinitiativen

Christoph Laimer

335

342

Autor*innen und Redakteur*innen

Impressum

298

Emanzipatorisches Wohnen

343

Danksagung

Tischgespräch mit Raimund Gutmann, Eva Kail,

Andreas Konecny und Marie-Noëlle Yazdanpanah

306

Prozesskultur und Konzeptverfahren

Robert Temel

310

Apfelbaum. Inklusives Leben und

Wohnen in Hernals

Interview mit Michael Deutsch und Karin Riebenbauer

314

Vita cooperativa. Lokale genossenschaftliche

Impulse zur nachhaltigen Entwicklung

Christian Peer, Emanuela Semlitsch

318

Stadtfreundschaft! Über intersektionale Solidarität

im sozialen Wohnbau

Gabu Heindl


aspern Seestadt

8


Vorwort

Neues soziales

Wohnen

Im Rahmen einer Zwischenpräsentation bietet die

IBA_Wien 2022 „Neues soziales Wohnen“ erste

Einblicke in die bisherigen und laufenden Aktivitäten

rund um das Kernthema dieser Internationalen

Bauausstellung. Die interessierten Wiener*innen

und die internationalen Besucher*innen erhalten

dabei einen Überblick über das Ergebnis der

Qualifizierungsphase und über die bereits in Umsetzung

befindlichen IBA-Quartiere und -Kandidaten.

Die IBA_Wien stellt dabei weniger die rein

baulich-architektonischen Innovationen in den

Vordergrund, sondern betont vor allem die Öffnung

von Räumen für Diskurse, das Anstoßen kleiner,

aber nachhaltig wirksamer Veränderungen in den

bestehenden Systemen der Stadt und das Zusammenführen

von Akteur*innen, oftmals in neuen

und noch ungeübten Konstellationen.

In den vergangenen Jahren konzipierten die

IBA_Wien und das future.lab der TU Wien gemeinsam

verschiedene Formate, die die Vernetzung

städtischer Akteur*innen und das Vorantreiben des

fachlichen und öffentlichen Diskurses zu drängenden

Fragen der Stadtentwicklung zum Ziel hatten.

Diese Themen finden sich letztlich auch im Aktionsrahmen

der IBA_Wien wieder, die sich damit den

Herausforderungen stellt, die vor dem Hintergrund

sozialer, demographischer, klimatischer, politischer

und technologischer Veränderungen entstehen

und die nicht nur Wien, sondern eine Vielzahl an

Städten in Europa und darüber hinaus betreffen.

Die vorliegende Publikation beleuchtet theoretische

Perspektiven und praktische Handlungsansätze

im Umgang mit diesen Themen: Das Kapitel

Dimensionen greift die Diskussionsstränge auf,

die die ersten vier Jahre der IBA_Wien hervorgebracht

haben, und bündelt den theoretischen

Diskurs um wohn- und bodenpolitische, ökologische

und gesellschaftliche Aspekte des Wohnens.

Das Kapitel Interpretationen behandelt konkrete

Ansätze, bei denen die Entwicklung des städtischen

Raums stärker im Zentrum steht – zu Fragen

der Architektur, der Entwicklung von Quartieren

und Nachbarschaften, zum Umgang mit Beständen

und neuen Modellen im Kontext des Wohnbaus.

Im Abschnitt Internationale Perspektiven soll

schließlich der Blick über den Wiener Tellerrand

zeigen und würdigen, wie andere Städte den nur

scheinbar selbsterklärenden Begriff des „sozialen

Wohnens“ interpretieren und angesichts der lokalen

Herausforderungen darauf reagieren.

In dieser Publikation kommen natürlich nur einige

aus der Vielzahl an Personen zu Wort, die über

konkretes Engagement und innovative Ideen, über

offenen Diskurs und nicht selten über Herzblut die

inhaltlichen Ansprüche der IBA_Wien mit Leben

und Inhalten füllen. Ihnen allen sei an dieser Stelle

großer Dank und Wertschätzung ausgesprochen!

Kurt Hofstetter (IBA_Wien),

Madlyn Miessgang, Kerstin Pluch,

Rudolf Scheuvens und

Constanze Wolfgring (future.lab)

9


Wolfgang Förster

Warum eine IBA für

Wien? Überlegungen zu

einer ungewöhnlichen

Aktion

Welche Überlegungen führten zur IBA_Wien?

Eine berechtigte Frage, wenn man sich

die Hintergründe anderer Internationaler

Bauausstellungen vor Augen führt.

1 Das Konzept für eine IBA in

Wien wurde vom Autor 2013

dem damaligen Wohnbaustadtrat

Michael Ludwig vorgestellt.

Unmittelbarer Auslöser war

die aktuelle IBA Hamburg.

Vielleicht ist die einfachste Antwort diese: Am Beginn

jeder IBA steht ein Unbehagen; etwa über

einen Missstand, der sich seit längerer Zeit nicht

beheben ließ. Zum Beispiel das „schmutzige“ Erbe

alter Industrieregionen, das zur IBA Emscher Park

im Ruhrgebiet führte. Oder die Unzufriedenheit mit

problematischen städtischen Entwicklungen, wie

den profitgetriebenen Kahlschlagsanierungen in

deutschen Städten, die zunehmend Bürgerproteste

hervorriefen, bis die IBA Berlin 1977–1987 unter dem

Stichwort „Stadtreparatur“ die bewohner*innenorientierte

„behutsame Stadterneuerung“ entwickelte.

Tatsächlich haben sich Internationale Bauausstellungen

im 20. Jahrhundert als Instrumente der

Innovation bewährt (vgl. IBA_Wien 2017). Dies

gilt schon für die Vorläufer der modernen IBAs, die

Werkbundsiedlungen (Stuttgart 1927, Breslau 1929,

Wien, Prag und Zürich 1928–1932), ebenso wie für

die Berliner Interbau 1957. In diesen wie auch anderen

Fällen verstand sich die konzentrierte Bemühung

um Innovation als Reaktion auf bestehende Defizite.

Was bisher mit herkömmlichen Mitteln nicht gelöst

werden konnte, sollte nun als konzertierte, meist

auch zusätzlich finanzierte Aktion einer Lösung zugeführt

werden und zugleich Vorbild für ähnliche

Situationen werden. All das trifft auf die IBA_Wien

ganz offensichtlich nicht zu, setzt das Thema Neues

soziales Wohnen doch genau dort an, wo die Stadt

besonderes Know-how besitzt.

Dennoch: eine IBA Neues soziales Wohnen gerade in

Wien! 1 Dass Wien weltweit als Vorzeigestadt für

sozialen Wohnbau anerkannt ist 2 , bleibt hier ebenso

unbestritten wie die Sinnhaftigkeit jener Instrumente

und Einrichtungen, die die Stadt in einem nunmehr

hundertjährigen Prozess dafür entwickelt hat. Doch

besteht nicht gerade bei einem derartigen Erfolgsmodell

auch die Gefahr einer kritiklosen Fortführung

vermeintlich bewährter Prozesse, der Verselbständigung

allgemein akzeptierter Verfahren, der Verkrustung

von Strukturen und Institutionen, die sich

gegen jede Neuerung als „Sand im Getriebe“ wehren?

Zudem sieht sich auch

Wien einer Reihe von

neuartigen Herausforderungen

gegenüber,

denen das vorhandene

Instrumentarium

möglicherweise nicht

gewachsen sein wird.

Als Beispiele seien

genannt: ein seit dem

19. Jahrhundert nicht

mehr gekanntes Stadtwachstum,

steigende

Zuwanderung, demographische

Entwicklungen, die zu einer Zunahme

sowohl der jungen als auch der ältesten Bevölkerungsgruppen

führen, gesellschaftliche Diversität

mit unterschiedlichen Lebensstilen, stärkere soziale

Polarisierung mit der Gefahr einer für Wien neuen

sozialräumlichen Segregation, neue Formen der

Arbeit und damit oft eine Schwächung der sozialen

Absicherung, ja vielleicht sogar ein nahes Ende des

klassischen Wohlfahrtsstaats der Nachkriegszeit, in

dem mehrere Generationen aufgewachsen sind, und

daraus entstehende – oft auch politisch geschürte –

Konflikte, schließlich noch der Klimawandel …

2 Siehe dazu u. a. die nach

dem Wiener Vorbild gestaltete

Charter for Sustainable Housing,

die unter Wiener Leitung entwickelt

und 2015 von der UNECE

beschlossen wurde.

Was bisher mit herkömmlichen Mitteln

nicht gelöst werden konnte, sollte nun

als konzertierte, meist auch zusätzlich

finanzierte Aktion einer Lösung zugeführt

werden und zugleich Vorbild

für ähnliche Situationen werden. All das

trifft auf die IBA_Wien ganz offensichtlich

nicht zu, setzt das Thema Neues

soziales Wohnen doch genau dort an, wo

die Stadt besonderes Know-how besitzt.

10


Wolfgang Förster Warum eine IBA für Wien? Überlegungen zu einer ungewöhnlichen Aktion

Mit anderen Worten: Was Stadtrat Michael Ludwig

und mir – und all jenen, die wir davon überzeugen

konnten – fehlte, war Innovation. Wir erkannten: In

Zeiten der Sharing Economy, der Wiederentdeckung

der Commons (vgl. Avermaete et al. 2018; Krytyka

Polityczna 2015), der Fluchtbewegungen 3 , der

Fridays for Future konnte Wohnbau nicht business

as usual bleiben.

Angesichts dieser weltweit gespürten Unsicherheiten

lässt sich auch ein deutlicher Paradigmenwechsel

in der Architektur(-ausbildung) feststellen,

der sich am besten mit dem Thema der Architekturbiennale

Venedig 2000 beschreiben lässt: Less

Aesthetics More Ethics (Fuksas 2001). Dies führte in

Wien u. a. zur Ausweitung des „Dreisäulenmodells“

(Planungsqualitäten, Ökologie, Ökonomie) der Bauträgerwettbewerbe

im geförderten Wohnbau zum

„Viersäulenmodell“ durch Ergänzung der Qualitätskriterien

zur sozialen Nachhaltigkeit im Jahr 2007 4 .

Dass ein Mehr an sozialer Verantwortung nicht zu

einer Verringerung der ästhetischen Qualitäten führen

muss, zeigen mittlerweile zahlreiche nach diesem

Modell durchgeführte Bauträgerwettbewerbe.

Weiterentwicklung des IBA-Gedankens. Somit

lässt sich die IBA_Wien auch als Gegenmodell – oder

Weiterentwicklung – zu allen bisherigen Internationalen

Bauausstellungen charakterisieren. Es geht

nicht mehr „nur“ darum, bestehende Defizite zu

beseitigen, sondern um ein proaktives Handeln

angesichts bereits absehbarer neuer Herausforderungen.

Aufbauend auf einem allgemein akzeptierten

und gut funktionierenden System des geförderten

Wohnbaus soll dieses für das 21. Jahrhundert fit

gemacht werden – vom Ansatz her quasi eine „IBAneu“.

Hier muss die IBA auch das Risiko auf sich

nehmen, bisweilen Sand im Getriebe zu sein. Dass

ein solches Zwischenfunken nicht überall sofort

auf Begeisterung stößt, ist Teil dieses Risikos, weil –

scheinbar – an jahrzehntelang aufgebauten Systemen

gerüttelt wird. Mittlerweile scheinen aber die meisten

Wohnbauträger und sonstige mit (gefördertem)

Wohnbau Befassten die Einsicht zu teilen, dass die

IBA_Wien eine Chance darstellt, gemeinsam diesen

Wohnbau unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts

weiterzuentwickeln. Es hat sich gelohnt, viel

Zeit und Energie in Diskussionsprozesse zu investieren;

vor allem die bewusst breit und offen angelegten

IBA-Talks und ähnliche Formate haben tausende Fachleute

– zugegebenermaßen eher einen Expert*innenkreis

als eine breitere Öffentlichkeit, die ja auch noch

erreicht werden muss! – miteinbezogen.

Das Quartier als Handlungsebene. Mittlerweile

sind wohl auch manche Skeptiker*innen überzeugt,

dass die lange Diskussionsphase zu Greifbarem –

sprich: konkreten innovativen Wohnprojekten –

geführt hat. Ob Neu Leopoldau, Quartier am Seebogen,

Berresgasse oder Biotope City: Die IBA_Wien

hat bereits jetzt neuen Wohnquartieren ihren Stempel

aufgedrückt. Bewusst wird hier von Quartieren –

oder auf Wienerisch Grätzln – gesprochen, denn

auf dieser größeren Ebene müssen die urbanen

Herausforderungen gelöst werden; so geht es etwa

nicht mehr bloß um die „leistbare Wohnung“, leistbar

für alle muss vielmehr der Stadtteil sein: neben

den Wohnkosten auch Freizeit, Spiel und Sport,

Erholung, Natur, Kultur, Kommunikation, Mobilität …

Und dazu bedarf es der Mitwirkung aller Beteiligten,

einschließlich der dort Wohnenden. Neues soziales

Wohnen als Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt,

das zeigt diese IBA genau, muss weit über

das eigentliche Wohnhaus hinausgehen.

3 Im Jahr 2018 waren weltweit

fast 26 Millionen Menschen

auf der Flucht – mit steigender

Tendenz (vgl. UNHCR 2019).

4 Die Kriterien zur sozialen

Nachhaltigkeit wurden vom

Autor im Jahr 2007 definiert.

Bewusst wird von Quartieren — oder auf

Wienerisch Grätzln — gesprochen, denn auf

dieser größeren Ebene müssen die urbanen

Herausforderungen gelöst werden;

so geht es etwa nicht mehr bloß um die

„leistbare Wohnung“, leistbar für alle muss

vielmehr der Stadtteil sein: neben den

Wohnkosten auch Freizeit, Spiel und Sport,

Erholung, Natur, Kultur, Kommunikation,

Mobilität … Und dazu bedarf es der Mitwirkung

aller Beteiligten, einschließlich der

dort Wohnenden.

11


Ingrid Breckner

Neues soziales Wohnen

im Kontext aktueller

gesellschaftlicher

Herausforderungen

Das Thema Wohnen stand in Europa lange nicht mehr so

zentral auf der Tagesordnung gesellschaftspolitischer Diskurse

wie dies gegenwärtig der Fall ist. Insbesondere in Großstädten

mit hohem Zuzugsdruck stellt die neue Wohnungs -

frage eine große Herausforderung aktueller Stadtpolitik dar.

Es wird protestiert gegen steigende Bestands- und Neubaumieten

und die Verdrängung von Haushalten mit niedrigen

und mittleren Einkommen in periphere Wohnlagen mit unzureichender

infrastruktureller Versorgung.

In einem solchen gesellschaftspolitischen

Spiegel wird erkennbar,

inwiefern eine Internationale Bauausstellung

zum Neuen sozialen Wohnen

selbst in Wien sinnvoll ist, das im internationalen

Vergleich aufgrund seines

langjährig gepflegten kommunalen

Wohnungsbestandes immer wieder

als Mekka des sozialen Wohnens hervorgehoben

wird.

In Berlin wurde trotz anhaltenden Streits und der

Androhung juristischer Klagen – nach einem erfolgreichen

Bürgerbegehren zur Verstaatlichung

großer privater Wohnungsunternehmen – eine zeitlich

befristete Deckelung der Wohnkosten in allen

Wohnungsbeständen beschlossen. Hamburg und

andere deutsche Großstädte versuchen, mit einer Erneuerung

und intensiveren Anwendung

des Erbbaurechts steigende

Bodenpreise zumindest abzufedern

und so bezahlbaren Neubau zu

ermöglichen. Andererseits verweigern

einige deutsche Finanzämter

privaten Vermieter*innen bezahlbaren

Wohnraums, Werbungskosten

in Verbindung mit der Vermietung

abzusetzen, wenn sie nicht bereit

sind, Mieten deutlich über dem

Niveau der lokalen Mietspiegel zu

verlangen und tragen so zum weiteren

Anstieg von Wohnkosten bei.

Welche gesellschaftlichen Entwicklungen haben in

europäischen Großstädten zu einer solchen Zuspitzung

der Wohnungsfrage geführt? Die Beantwortung

dieser einfachen Frage erfordert eine tiefere

Auseinandersetzung mit sozialen, wirtschaftlichen,

politischen und kulturellen gesellschaftlichen

Entwicklungsdynamiken, die auch auf städtischen

Wohnungsmärkten ihre Spuren hinterlassen. In

einem solchen gesellschaftspolitischen Spiegel wird

erkennbar, inwiefern eine Internationale Bauausstellung

zum Neuen sozialen Wohnen selbst in

Wien sinnvoll ist, das im internationalen Vergleich

aufgrund seines langjährig gepflegten kommunalen

Wohnungsbestandes immer wieder als Mekka des

sozialen Wohnens hervorgehoben wird.

Demographische und soziokulturelle Trigger

der Wohnungsfrage. Seit mindestens 30 Jahren

wissen wir, dass die Bevölkerung in vielen europäischen

Ländern stagniert oder sogar schrumpft,

wenn die Geburtenzahlen Sterbeziffern trotz ansteigender

Lebenserwartung nicht mehr ausgleichen

(vgl. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

2017). Nationale Durchschnittswerte lenken

jedoch von der Tatsache ab, dass die Bevölkerungsentwicklung

räumlich sehr unterschiedlich verläuft:

In den meisten europäischen Ländern existieren

urbane Wachstumspole mit anhaltendem nationalem

und internationalem Zuzug junger, gut ausgebildeter

Menschen, die sich leichtere Zugänge zu zukunftsfähigen

Ausbildungs- und Arbeitsplätzen erhoffen.

So erhöhte sich die Einwohner*innenzahl Wiens im

Zeitraum 2009–2019 um 217.356 Personen (vgl. Statistik

Austria 2019) und in Berlin im selben Zeitraum

18


Ingrid Breckner Neues soziales Wohnen im Kontext aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen

sogar um mehr als 350.000 Personen (vgl. Blanken 2019). Das sind Wachstumsraten

in der Dimension von Großstädten, die sich in erhöhter Nachfrage nach

Wohnraum, Grünräumen und Infrastruktur niederschlagen. Sie werden schon

seit einigen Jahren unter dem Stichwort der Reurbanisierung diskutiert und

untersucht, die sich auch in Mittelzentren und im Umfeld kompakter Kleinstädte

feststellen lässt (vgl. Scholich 2019; Matthes 2016). Vorwiegend ländlich geprägte

Räume mit mangelhafter Infrastrukturausstattung sind jedoch in vielen europäischen

Ländern durch Bevölkerungsschrumpfung gekennzeichnet. Unternehmen

und Dienstleistern fehlen vor allem in schrumpfenden Gebieten zunehmend

Arbeitskräfte. Sie hoffen, deren Mangel durch Zuwanderung ausgleichen zu

können. Gelingt es, jüngere Menschen aus dem nationalen Umfeld, dem europäischen

Ausland oder aus Drittstaaten anzulocken, wird der Bevölkerungsrückgang

durch sie und ihre oftmals höheren Geburtenraten zwar abgemildert, aber allen

Prognosen zufolge langfristig nicht gestoppt. Zuwanderung trägt zur Verjüngung

und kulturellen Vielfalt der Bevölkerung bei, bei gleichzeitig fortschreitender

Alterung. Deshalb ist in Bezug auf nationale Durchschnittswerte zwar nach wie

vor der Diagnose zuzustimmen, dass die Bevölkerung in wirtschaftlich stabilen

europäischen Ländern weniger, älter und bunter wird (vgl. Eichner 2003). Dennoch

verweisen alle Studien zum demographischen Wandel darauf, dass es notwendig

ist, Entwicklungen der Bevölkerungszahl, ihrer Altersstruktur und kultureller

Diversität räumlich differenziert zu betrachten, um jeweils regional angemessene

Handlungskonzepte in der Wohnungs-, Umwelt- und Infrastrukturpolitik

zu konzipieren und umzusetzen. Wachstumsinseln mit jüngerer und heterogenerer

Bevölkerung entstehen nur dort, wo Arbeitsplätze das notwendige Einkommen

absichern, bedarfsgerechte Infrastruktur die Erziehung von Kindern, gesundheitliche

Versorgung, Kommunikation und Mobilität sowie die Versorgung alter

Menschen erleichtert und wo Toleranz und interkulturelle Verständigung das Zusammenleben

trotz steigender Diversität unterstützen. Bevölkerungsschrumpfung

geht häufig mit Ressentiments und politischer Resignation einher und

erfordert auch deshalb Maßnahmen, die zu einer grundlegenden Vitalisierung

betroffener Regionen beitragen.

Seit sich das Sparen infolge unattraktiver

Zinsniveaus kaum mehr lohnt, konzentrieren

sich in wirtschaftlichen und sozialen

Wachstumsregionen auch lukrative Investitionsmöglichkeiten

in gewerbliche und

Wohnimmobilien, für deren Herstellung

und Finanzierung die erforderlichen Unternehmen

und Dienstleister bereitstehen.

Bevölkerungswachstum allein ist jedoch nirgendwo

ein Garant für ausgeglichene soziale Lebenslagen.

Auch auf Wachstumsinseln leben jüngere und ältere

Menschen in prekären Einkommensverhältnissen.

Wohnungsmärkte sind in Wachstumsregionen durch

überdurchschnittlich steigende Wohnkosten insbesondere

in privaten Beständen gekennzeichnet.

Sie ergeben sich aus der hohen Nachfrage nach

Wohnraum, die nicht nur durch Zuwanderung, sondern

auch durch die steigenden Anteile von Einpersonenhaushalten

bedingt ist. Gleichzeitig etablierte

sich vielfach ein frei finanziertes Luxussegment

auf dem Wohnungsmarkt mit überdurchschnittlichem

Flächenkonsum, da Investor*innen von besser

situierten Nachfragegruppen profitieren wollen,

die sich größere Wohnungen in attraktiven Lagen

leisten können. Schwierigkeiten der Wohnraumversorgung

entstehen in allen gesellschaftlichen

Räumen für Nachfragegruppen mit geringen Einkommen

und solche, die aufgrund ihrer Herkunft,

kinderreicher Haushalte oder gesundheitlicher Einschränkungen

in der Konkurrenz um die allerorts

unzureichenden bezahlbaren Wohnungen nicht

berücksichtigt werden, weil es genügend andere

Nachfragende gibt.

Ökonomische und politische Dimensionen

aktueller städtischer Wohnungsnot. Städtische

Wohnungsnot kann in der europäischen Gegenwart

nicht allein demographisch erklärt werden.

Zukunftsfähige Arbeitsmärkte entwickelten sich

auch während der jüngsten technologischen Transformationsprozesse

zuerst in urbanen Zentren und

deren Umfeld, die schon immer als Labore gesellschaftlichen

Wandels fungierten.

Sie sind infolge anhaltender wirtschaftspolitischer

Unterstützung

gut erschlossen, versammeln notwendige

Qualifikationen und bieten –

trotz urbaner Belastungen durch

Lärm und schlechte Luft – attraktive

Lebensbedingungen für diejenigen

Menschen, die beruflichen

Erfolg und die vielfältigen urbanen

Qualitäten dem „Glück im Grünen“

vorziehen. Seit sich das Sparen

infolge unattraktiver Zinsniveaus

kaum mehr lohnt, konzentrieren sich in wirtschaftlichen

und sozialen Wachstumsregionen auch

lukrative Investitionsmöglichkeiten in gewerbliche

und Wohnimmobilien, für deren Herstellung und

Finanzierung die erforderlichen Unternehmen und

Dienstleister bereitstehen.

19


An der Schanze

22


Daniel Glaser

Soziale

Wohnungspolitik

in Wien

Wien gilt gemeinhin als Hauptstadt des sozialen Wohnbaus, da rund 60 %

der Wienerinnen und Wiener in Wohnungen wohnen, die mit Wohnbauförderung

errichtet oder saniert wurden. Nicht alle diese Wohnungen können

dem sozialen Wohnbau zugerechnet werden, da die soziale Bindung

bereits abgelaufen ist oder, wie im Fall von thermischen Sanierungen,

nie bestanden hat. Der Anteil des sozialen Wohnbaus – also der dauerhaft

sozial gebundenen Wohnungen – beträgt daher „nur“ rund 40 % des Gesamtwohnungsbestandes

bzw. rund 45 % des Hauptwohnsitzwohnungsbestandes

und setzt sich aus rund 220.000 Gemeindewohnungen und

rund 185.000 Wohnungen im Eigentum von gemeinnützigen Wohnbauvereinigungen

zusammen.

Der kommunale und gemeinnützige Wohnbau stellt

sicher, dass Wohnungen, die mit Wohnbauförderung

errichtet werden, zum Großteil auch dauerhaft

sozial gebunden bleiben. Das hat zur Folge, dass der

Anteil des sozialen Wohnbaus in Wien kontinuierlich

wächst, da geförderte Wohnungen nicht nach

20 oder 30 Jahren aus der sozialen Bindung fallen.

So konnte Wien in den vergangenen 50 Jahren die

Zahl der dauerhaft sozial gebundenen Wohnungen

von rund 210.000 im Jahr 1970 auf rund 400.000

heute fast verdoppeln und hat damit nachhaltig

Strukturen geschaffen, die in der Lage sind, breite

Bevölkerungsschichten mit leistbarem Wohnraum

zu versorgen.

Diese langfristige Betrachtung zeigt sehr gut den

Fokus des Wiener Modells des sozialen Wohnbaus.

Es geht primär um die Förderung eines Wohnungsmarktsegmentes,

das außerhalb der Marktlogik

funktioniert, bei dem die Höhe der Mieten nicht

von den Renditeerwartungen der Investor*innen

abhängig ist. Um eine derartige Wohnungspolitik

umsetzen zu können, sind folgende zwei Aspekte

wesentlich: Erstens braucht es dafür Investor*innen,

die freiwillig auf Rendite verzichten, also beispielsweise

kommunale oder gemeinnützige Bauträger,

und zweitens braucht es dafür Grundstücke, die

nach qualitätsgeleiteten Vergabeverfahren, also beispielsweise

Konzeptvergaben, zu leistbaren Konditionen für die Errichtung von

geförderten Wohnungen zur Verfügung gestellt werden.

Keine Rendite mit der Miete. Investor*innen, die freiwillig auf Rendite verzichten,

also kommunale und gemeinnützige Bauträger, sind für die Effizienz des

Wiener Modells des sozialen Wohnbaus essenziell. Sie gewährleisten, dass Wohnbaufördermittel

tatsächlich zum Ausbau des sozialen Wohnungsbestandes und

zur Reduktion der Mieten eingesetzt werden und nicht zur Kompensation entgangener

Rendite gewinnorientierter Investor*innen. Abbildung 1 zeigt den relativ

simplen Zusammenhang zwischen Miethöhe und Renditeerwartung, der mittels der

angegebenen Renditeformel für Immobilieninvestitionen berechnet werden kann.

Die im sozialen Wohnungsneubau gesetzlich gedeckelte Nettomiete in Höhe von

gegenwärtig 4,97 €/m² (jährliche Indexierung) ermöglicht gemeinnützigen Bauträgern

die Rückzahlung aller eingesetzten Fremd- und Eigenmittel über einen

Zeitraum von maximal 40 Jahren. Das entspricht bei gegenwärtigen Gesamtbaukosten

(ohne Grundstückskosten) in der Höhe von 2.100 €/m² einer Mietrendite

von rund 2,75 %. Setzt man hingegen bei gleichen Gesamtbaukosten eine für

gewinnorientierte Bauträger bereits sehr niedrige Rendite von 5 % an, so führt

das zu einer monatlichen Nettomiete von 9 €/m².

monatliche Nettomiete

=

Investitionskosten

12

12 x monatliche Nettomiete

Mietrendite =

x

Investitionskosten

Zinssatz

100

x 100

1 Renditeformel für

Immobilieninvestitionen

23


30

Vorgartenstraße 158, 1963


Marion Müller, Constanze Wolfgring 100 Jahre Wiener Gemeindebau

Heinz-Nittel-Hof, 1979

31


36

Reumannhof, 1925


Marion Müller, Constanze Wolfgring 100 Jahre Wiener Gemeindebau

Karl-Seitz-Hof, 1928

37


Verkehrsfläche

13 %

Bauland

46 %

Hamburg

Grünland

33 %

Flächennutzung in Wien und

Hamburg; Quelle: Hamburg (2018):

Statistisches Amt für Hamburg und

Schleswig-Holstein; Wien (2018): MA

28, MA 37, MA 41; Berechnung: MA 23

Gewässer

5 %

Gewässer

8 %

Grünland

45 %

Wien

Bauland

36 %

Verkehrsfläche

14 %

Mit Beiträgen von Jean-David Gerber,

Justin Kadi, Markus Kinschner,

Bernd Rießland, Thomas Ritt, Christof

Schremmer, Elisabeth Springler und

Christiane Thalgott


Die Dynamiken auf dem Bodenmarkt, allen voran die

zunehmende Kommodifizierung von Wohnraum seit der

Finanzkrise 2008, wirken sich europaweit massiv auf die

Leistbarkeit des Wohnens aus. Dies zieht eine Reihe an

Reaktionen nach sich und wirft eine Fülle an Fragen auf:

Welche bodenpolitischen Instrumente stehen zur Verfügung

oder sind erforderlich, um Einfluss auf die Preisentwicklung

zu nehmen? Welche Handlungsspielräume

haben Städte, Kommunen und andere Akteur*innen,

um die Leistbarkeit des Wohnens sicherzustellen? Wie

kann leistbares Wohnen über kommunale Grenzen und

Ländergrenzen hinweg gedacht werden? Welche

Wechselwirkungen bestehen zwischen Finanz- und

Wohnpolitik? Wohn- und Bodenpolitik

981.008

Erwerbstätige

gesamt

Bruttoregionalprodukt pro

Kopf 2017 im Vergleich;

Einpendler*innen

263.025

26,8 %

Einpendler*innen

72,2 %

Wiener*innen

Auspendler*innen

94.153

Quelle: Eurostat, Statistik

Austria, MA 51; Berechnung:

MA 23

Wien

50.000

€/Kopf 30.000

€/Kopf

22.000

€/Kopf

Erwerbstätige in Wien,

Pendler*innen nach und

aus Wien; Quelle: Eurostat,

Statistik Austria, MA 51;

Berechnung: MA 23

Wien

EU-

Durchscnitt

Bukarest


Neu Leopoldau

52


53


Tischgespräch

Neues soziales

Wohnen in der

Stadtregion

Gespräch mit Axel Priebs, Kurt

Puchinger, Christof Schremmer

und Renate Zuckerstätter-

Semela; Gesprächsleitung:

Rudolf Scheuvens

Axel Priebs ist Universitätsprofessor

am Institut für Geographie

und Raumforschung der

Universität Wien. Er war zuvor

sowohl wissenschaftlich (u. a. an

der Universität Kopenhagen, Promotion

an der Universität Kiel)

als auch in der Planungspraxis

(in den Stadtregionen Bremen,

Berlin und Hannover) tätig.

Scheuvens: Die Internationale Bauausstellung

Wien stellt sich den Herausforderungen eines

Neuen sozialen Wohnens in einer Stadt, die unter

starkem Wachstumsdruck steht. Was bedeutet

dies bezogen auf die Sicherung leistbaren Wohnraumes,

was bezogen auf den Umgang mit Beständen

und was bezogen auf die Entwicklung neuer

städtischer Quartiere? Eine Frage bleibt dabei

immer ein wenig ausgeklammert. Es ist jene nach

der Relevanz des IBA-Themas für die Entwicklung

der Stadtregion. Denn eines ist offensichtlich:

Nicht nur Wien wächst. Die gesamte Region

steht unter einem starken Wachstumsdruck,

der vom Grundsatz her ein spezifisches,

strategisches und regional abgestimmtes

Handeln erfordern würde. In dieser

Gesprächsrunde wollen wir uns Fragen

widmen, die sich, abgeleitet aus den

Zielsetzung der IBA_Wien „Neues soziales

Wohnen“, bezogen auf eine regionale

Perspektive ergeben.

Schremmer: Stadt- und Umlandregionen wachsen in

erheblichem Ausmaß, langsamer als in den letzten

drei Jahren, aber doch kontinuierlich. Das Problem

der regionalen Herausforderung ist, das Wachstum

speziell in den Umlandgemeinden dorthin zu lenken,

wo man es aus raumplanerischer Sicht gerne haben

würde: in gut erschlossenen Bereichen, sowohl was

den Verkehr als auch die soziale Infrastruktur anbelangt.

Wir haben derzeit gegenläufige Tendenzen,

die das verhindern. Es gibt große Flächenreserven

in Lagen, die in regionaler Hinsicht unbrauchbar

sind. Es gibt Bauträger- und auch Individualinteressen.

Diese Akteur*innen sind auf der Suche nach

günstigem Bauland und gehen genau in die Flächen

hinein, die am „ungünstigsten“ gelegen sind. Gleichzeitig

gibt es bei vorhandenen gut gelegenen

Flächenreserven Hemmnisse, diese zu nutzen.

Das ist eine klassische Baulandmobilisierungsherausforderung,

einerseits von den Zuschnitten,

Verfügbarkeiten und der Eigentümer*innenschaft

her, vor allem aber auch hinsichtlich der Preisentwicklungserwartungen.

Die davon betroffenen

Gemeinden stehen teilweise stark auf der Bremse,

was wiederum diverse Ursachen hat, wie zum Beispiel

Integrationsängste, Verkehrsängste, Umweltprobleme

etc. Unter dem Aspekt einer nachhaltigen

regionalen Entwicklung, wo wir Flächensparen

und nachhaltige Mobilitätsanforderungen unter einen

Hut bringen möchten und sollten, ist dies auch im

Hinblick auf Klimaschutz ein Riesenproblem.

Priebs: Als jemand, der noch ein bisschen die

Außensicht hat, fällt mir immer wieder auf, dass

das Thema Region hier kaum präsent ist, politisch

nicht, auch fachlich wenig. Wien ist eine große

Stadt, wo viel passiert, aber meine Wahrnehmung

ist, dass viele Aktivitäten und Diskurse an der

Stadtgrenze enden. Und die Stadtgrenze ist hier

auch eine Systemgrenze – ein Begriff, der mir in

verschiedener Hinsicht passend erscheint. Und

ich habe den Eindruck, dass man in Wien immer

noch ziemlich entspannt ist, weil man noch relativ

viele eigene Baulandreserven hat. Allerdings gibt

es hier in Wien auch einige positive Ansätze, es

gibt zum Beispiel eine Untersuchung der Planungsgemeinschaft

OST (PGO), in der die Potenziale für

Wohnungsbau in der größeren Stadtregion ermittelt

wurden, da spielt die S-Bahn eine wichtige Rolle.

Der U-Bahn-Verkehr in Wien ist spitze, aber wir

wissen alle, der endet an der Stadtgrenze. Und die

S-Bahn ist weit hinter ihren Möglichkeiten, es

gibt die Stammstrecke, die wirklich großstädtisches

Format hat, im Takt von wenigen Minuten fährt,

aber die Linien im Umland sind nicht mal richtig

auf der Streckenspinne dargestellt. Das ist nur

eine Äußerlichkeit, aber ich bin überzeigt, dass die

S-Bahn noch viel Potenzial hat und an den S-Bahnhöfen,

den bestehenden sowie möglichen neuen,

viel an sinnvoller Baulandentwicklung passieren

könnte, wenn man wollte.

64


Tischgespräch Neues soziales Wohnen in der Stadtregion

Puchinger: Der Punkt ist, dass die Metropolregion funktional ziemlich integriert

ist. Die Funktionen sind verschachtelt, was das Arbeits- und das soziale Leben

anbelangt. Die Situation auf dem Grundstücks- und Wohnungsmarkt hingegen

ist total fraktioniert, im Wesentlichen durch eine Landesgrenze. Das ist der entscheidende

Punkt. Im Grunde genommen ist das ein geschlossenes System, ein

„Prisoner’s dilemma“. Kooperation geht nur, wenn der Leidensdruck auf beiden

Seiten gleich groß ist. Aber offensichtlich ist der Leidensdruck noch zu klein,

um sich wirklich politisch zu entscheiden, eine in der Region gemeinsame Wohnungspolitik

zu entwickeln. Aus unserer Sicht muss das eine geförderte Wohnungspolitik

sein. Wir kriegen ein Prozent Lohnsummensteuer jährlich, d.h. wir

haben im Durchschnitt ungefähr 550 Millionen Euro Wohnbaufördermittel

zur Verfügung, die dann für Neubau, für Sanierung und ein schmaler Bereich für

individuelle Unterstützungen eingesetzt werden. Das Thema der Agglomeration

Wien, Niederösterreich, Burgenland ist meines Erachtens planerisch durchgearbeitet.

Die Werke aus den 1980ern und 1990ern haben immer noch Gültigkeit,

weil sich an den Systemgrenzen nichts geändert hat. Wir haben die PGO, die

aber zu groß ist. Wie komme ich also in der Struktur der PGO zu einer Zwischenebene,

wo ich genau diese Teilbereiche, die in die Agglomeration hineinfallen, auch

politisch sichtbar mache? Das ist ja immer der Punkt. Warum sollte ich als Wienerin

oder Wiener in Niederösterreich etwas machen? Dort wählt mich ja keiner.

Scheuvens: Nicht nur Wien, sondern die

Stadtregion steht unter einem starken Wachstumsdruck.

Wie geht die Region damit um?

Was gibt es an Abstimmungsprozessen? Renate

Zuckerstätter-Semela, wie nehmen Sie das

im Rahmen des Stadt-Umland-Managements

(SUM) wahr? Wie laufen Diskurse ab, wo sehen

Sie die Herausforderungen?

Zuckerstätter-Semela: Ich sehe es keinesfalls nur als

Wiener Thema. Ich habe im Vorfeld dieses Gesprächs

ein paar wohnbaurelevante Artikel aus den Niederösterreichischen

Nachrichten (NÖN) herausgesucht:

„Jetzt kommt ein riesiger Wohnpark“ – so die Schlagzeile.

Schaut man genauer hin, dann handelt es sich

um zwölf Doppelhäuser, die die Wogen hochschlagen

lassen. Der Leidensdruck in den niederösterreichischen

Gemeinden ist enorm, aber zum Teil auf eine

andere Weise als in Wien. Die Bodenpreise gehen gewaltig

nach oben, je enger es in der Stadtregion wird.

Das betrifft vor allem die Gunstlagen, aber nicht nur

diese, sondern auch das Segment der Mittelschicht,

das keine teuren Grundstücke kaufen kann, sondern

auf die weniger teuren angewiesen ist. Die Schere

von Markt und Angebot geht aber kontinuierlich weiter

auseinander. Und wir können dies aktuell kaum

beeinflussen und steuern.

Auf der anderen Seite stehen die Bestände, vor allem

jene der 1970er und 1980er Jahre. Die dort lebenden

Menschen werden immer älter. Mitunter sind sie

überfordert, ihre großen Häuser und Grundstücke zu

Renate Zuckerstätter-Semela; Foto: Lukas Gächter

pflegen. Welche Alternativen gibt es für sie? In die Stadt

zu ziehen, geht sich finanziell meist nicht aus. Wenn

man ein Haus am äußeren Gürtel der Stadtregion

verkauft, kann man sich in Wien nicht mal eine kleine

Eigentumswohnung leisten. Die sogenannte Systemgrenze

ist eine ganz relevante Frage in unserer Stadtregion,

nicht nur legistisch oder politisch. Es treffen

auch unterschiedliche gesellschaftspolitische Vorstellungen

aufeinander. In Niederösterreich – und in weiten

Teilen Österreichs – ist nach wie vor das Eigentum das

Rezept. Dass es ein großes Segment der Bevölkerung

gibt, das dafür in drei Leben nicht genug verdienen

wird oder nichts geerbt hat, ist wieder ein anderes

Thema. Expertise liegt stapelweise auf, wir wüssten

ja, was gut und gescheit wäre. Wir müssen uns auf die

Akteur*innen konzentrieren. Wer sind die Akteur*innen

in diesem Feld? In Niederösterreich ist es das Land,

mit der Wohnbauförderung, Bedarfszuweisung, mit

der Rahmengesetzgebung für die Raumordnung, aber

vor allem sind das in Niederösterreich die Gemeinderät*innen

und die Bürgermeister*innen. Es sind die

Gemeinden mit ihrer Autonomie in der Raumordnung,

die entscheiden. Und die können teilweise gar nicht

so entscheiden, dass es in unserem Sinne läuft, weil die

Grundstücke nicht verfügbar sind, die gescheit wären,

weil die Leute sie horten, weil es ja keine Zinsen mehr

gibt für Einlagen auf der Bank usw. Und die, die schon

dort sind und die ländliche Idylle gesucht haben, die

Ruhe und vor allem den Raum um sich, die orientieren

sich mit ihren Ansprüchen und Wünschen an das

Leben an den obersten zehn Prozent der Bevölkerung

und nicht an den unteren 30 Prozent.

65


70

Axel Priebs, Christof

Schremmer (v.l.n.r.);

Foto: Lukas Gächter


Tischgespräch Neues soziales Wohnen in der Stadtregion

Scheuvens: Was könnten Zugänge sein, bei

denen wir vielleicht auch die IBA_Wien oder

eine Nach-IBA-Zeit nutzen können? Wie können

wir über die IBA Prozesse und Diskurse

in Gang setzen, die wir brauchen, um neuen

Schwung reinzubringen?

Puchinger: Die Orientierung in Richtung des Sozialen

im Quartier ist meines Erachtens exportierbar.

Quartier – und so versteht es die IBA_Wien – als neue

Form des sozialen Zusammenlebens, der Entwicklung

und der Bewältigung der Fragen, die durch

höheres Alter usw. aufgeworfen werden, kann schon

etwas Attraktives sein. Das ist ein Thema, das man

auch regional thematisieren und diskutieren kann,

in Niederösterreich, in Eisenstadt, in Neusiedl und

in Wiener Neustadt sowieso. Dort muss nicht jedes

Projekt 3.000 Wohneinheiten umfassen, es geht darum,

solche (Quartiers-)Strukturen und das Bewusst -

sein zu schaffen, dass Wohnen im Grunde genommen

ein Menschenrecht ist und eine dienstleistungsorientierte

Angelegenheit. Deswegen bin ich auch

sehr dafür, zu sagen „Wir brauchen mehr Zeit zum

Wohnen – sonst können wir ja die ganzen Angebote

im Quartier nicht wahrnehmen!“

Schremmer: Wir hatten schon öfter die Diskussion, ein qualitatives Quartiersdenken

im Sinne einer Dorfentwicklung im Umland von Wien, sozusagen eine

moderne Dorfvision, zu entwickeln. Wenn man zwischen den Einfamilienhäusern

irgendwo etwas Verdichtetes hineinstellt, hat man zwar eine leicht höhere

Dichte, aber noch lange kein integriertes, sozial versorgtes und auch kulturell

integriertes Gebiet, das diese Lebensqualität hat, die man eigentlich anstrebt.

Scheuvens: Es darf eben nicht nur um Fragen der Dichte gehen. Dies wird

sehr deutlich an dem, was Christof Schremmer gerade sagte. Bedarf es

dafür nicht guter und inspirierender Beispiele? Hier wäre der projektbezogene

Ansatz – wie bei einer IBA – hilfreich, um zu verdeutlichen, wie

über die Auseinandersetzung mit ortsspezifischen Strukturen auch neue

räumliche und neue soziale Qualitäten geschaffen werden können.

Zuckerstätter-Semela: Das müssen erlebbare Bilder sein. Wir hatten eine Exkursion

am ehemaligen OMV-Gelände, Neu Leopoldau, bei der Gerasdorfer Straße –

für meine Begriffe eine wirklich gelungene neue Wohnsiedlung. Da waren einige

Bürgermeister*innen aus dem Umland dabei, unter anderem einer, der Wien

eigentlich immer ein bisschen skeptisch sah. Er war begeistert. Und so etwas wäre

in einer Gemeinde mit 10–15.000 Einwohner*innen im Umland auch umsetzbar.

Das muss man aber spüren können, da muss man durchgehen können. Der Bürgermeister

hat das selbst erleben können, dass es kein Horror ist, wenn irgendwo

ein mehrgeschoßiges Gebäude entsteht.

Puchinger: Zum „Bild der Region“: Schön wäre es auch, durch „Umwegbilder“

eine Sicht auf eine Region zu erzeugen. Man könnte zum Beispiel eine Karte von

den Weinbaugebieten der Ostregion erstellen – so ein Rotgipfler hält zusammen!

Mit Bevölkerungsverteilung und Haltestellen des öffentlichen Verkehrs erzeugst

du keine Bilder im Kopf.

Priebs: Gute Beispiele zu zeigen, finde ich super, das bringt immer zusammen.

Das mit dem Wein finde ich auch gut. Man muss wissen, was die Region eint

oder was positiv besetzte Dinge sind, die man gemeinsam macht. Da kommt man

natürlich schnell auch zum Thema Erholung, vielleicht auch Sport, zum Beispiel

auch zum Thema Radwege. In Kopenhagen sind Radschnellwege ein riesiger

Erfolg, das wird auch hier tendenziell stärker werden, gerade für Leute, die ins

Umland ziehen, für Berufspendler*innen und für den Freizeitradverkehr. Mit

E-Bikes werden das auch längere Strecken sein. Zuletzt: Was kann man für die

IBA_Wien, auch in einem relativ überschaubaren Rahmen schaffen? Ich finde

Beispiele gut, wo um die Bahnhöfe herum etwas entsteht. Das ist ein Thema, das

für viele Gemeinden relevant ist, wo die Infrastruktur, häufig aber auch ein städtebauliches

Problem vorhanden ist. Das können Kristallisationspunkte für neue

Stadtteile und interessante regionale Entwicklungen sein.

71


Wohn- und Bodenpolitik

Priv. Hauptmieten err. vor 1945

PM err. 1945 - 1980

PM err. 1980 - 2000/10

PM Neubau

GBV err. bis 1980

GBV err. 1980-2000/10

GBV Neubau

GEM err. vor 1945

GEM err. nach 1945

2010

2017

3 Erst- und Wiedervermietungen

Wien 2010 und 2017; Quellen: Statistik

Austria (Mikrozensus), Berechnungen

GBV-Verband (Eva Bauer)

Der mit Abstand größte Anteil der Mietvertragsabschlüsse

findet sich im privaten

Wohnungssektor. Sie stiegen in diesem

Zeitraum signifikant auf einen Anteil von

über 68 % der jährlichen Erst- und Wiedervermietungen

pro Jahr.

ein, während demgegenüber im GBV- und Gemeindewohnbau längere Mietvertragsdauern

verhältnismäßig häufiger vorkommen.

Diese Entwicklungen und insbesondere das gestiegene Preisniveau im unreglementierten

Wohnungssektor haben zwei Entwicklungen zur Folge. Erstens waren

gewerbliche Bauträger in den letzten Jahren bereit, deutlich höhere Grundstückspreise

zu bezahlen, wodurch es zu einem starken Preisanstieg für gewidmetes

Bauland und Bauhoffnungsland auf das drei- bis fünffache innerhalb von

wenigen Jahren gekommen ist. Zweitens kann sich eine zunehmende Zahl von

Haushalten die gestiegenen Wohnungspreise nicht mehr leisten. Sie stehen in

einer Warteschlange, um in preisgeregelte Wohnungen,

die insbesondere von GBV angeboten werden, umzuziehen.

Wohnungspolitische Maßnahmen – zielgerichtet und

nachhaltig. Im Rahmen der Wiener Bauordnungsnovelle

wurde im Vorjahr die Widmungskategorie „Geförderter

Wohnbau“ eingeführt, die zweifellos einen Quantensprung

für den geförderten Wohnbau darstellt. Dies nicht nur

deshalb, weil auf den entsprechend

gewidmeten Flächen nunmehr eine

Grundstückspreisobergrenze von maximal 188 € pro m 2

oberirdischer Bruttogrundfläche zur Anwendung kommt,

sondern auch, weil bei Neuwidmung ein Anteil geförderter

Wohnnutzfläche von im Regelfall zwei Drittel der neu

ausgewiesenen Fläche vorzusehen ist.

Bei diesem neuen Instrument wird künftig darauf zu achten

sein, dass diese an der knappen Ressource Bauland

ansetzenden Preisdämpfungsmaßnahmen auch nachhaltig

zur Umsetzung gelangen. Dabei sind mehrere Punkte zu beachten:

Angesichts des stark gesunkenen Preisniveaus ist es wirtschaftlich möglich,

bei dem gemäß Wiener Wohnbauförderungs- und Wohnhaussanierungsgesetz

(WWFSG) 1989 geregelten Baurechtszins von 0,68 € pro m 2 BGF Grundankäufe

Mit der starken Ausweitung des gewerblichen,

freifinanzierten Wohnbaus kam es zu

einer Gewichtsverschiebung zwischen dem

reglementierten Mietwohnungssektor [...]

und dem überwiegend unreglementierten

Miet- und Eigentumswohnungssektor.

78


Bernd Rießland Gemeinnützige Bauvereinigungen. Partner der Wohnungs- und Stadt entwicklungspolitik in Wien

bis zu einer Höhe von etwa 600 € pro m 2 wirtschaftlich

zu refinanzieren und damit die preisdämpfende

Wirkung – bei Kauf ist eine Preisobergrenze von

188 € festgelegt – zu unterlaufen. Bei der Errichtung

von geförderten Wohnungen durch gewerbliche

Bauträger oder institutionelle Anleger*innen gelten

die Beschränkungen der Miete gemäß WWFSG

1989 nur während der Förderdauer. Dies kann im

positiven Fall über vierzig Jahre wirken. Es ist aber

möglich, die Wohnungen in freier Preisbildung abzuverkaufen

und damit das Wohnbauförderungsregime

zu verlassen.

Bei der geförderten Errichtung von Wohnungen

durch GBV gelten neben den vertraglich einzuhaltenden

Förderungsbestimmungen insbesondere

die gesetzliche Entgeltbeschränkung durch das

Kostendeckungsprinzip des Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetzes

(WGG). Durch diese doppelte Verpflichtung

ist ein geförderter Wohnbau zu leistbaren

Konditionen durch GBV langfristig gesichert.

146.971

174.128

Das wohnungspolitische Ziel der Sicherung eines

ausreichenden Angebots leistbarer Mietwohnungen

am Wiener Wohnungsmarkt ist daher nur über die

ausschließliche Vergabe von Wohnbauförderungsmitteln

an die GBV zu gewährleisten. Zusätzlich

ist nach Möglichkeit der gemäß Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz

vorgesehene Abverkauf von sozial

gebundenen Wohnungen vertraglich durch die*den

Förderungsgeber*in auf selbstgenutztes Wohnungseigentum

zu beschränken. Es spricht daher einiges

für eine noch engere Partnerschaft zwischen

den GBV und der Stadt Wien. Neben dem Gemeindewohnbau

sind gemeinnützige Wohnungsunternehmen

wesentliche verlässliche

Partner zur nachhaltigen Sicherung

eines ausreichenden leistbaren

Wohnungsangebotes. Das verpflichtet

die GBV auch, ihre Erfahrungen

in der Stadtentwicklung – unter

Berücksichtigung anderer Funktionen

einer Stadt – wahrzunehmen

und angesichts neuer Herausforderungen

einer organischen und

wirtschaftlichen Stadtentwicklung

weiterzuentwickeln. Dies reicht von der Berücksichtigung

erforderlicher städtischer Funktionen

bis zu Angeboten für Arbeitsplätze in einer durchmischten

Stadt mit einer sich grundlegend verändernden

Arbeitswelt und ihren ökonomischen

Auswirkungen auf die Haushalte und damit zusammenhängend

auch auf die Gestaltung neuer

Formen leistbaren Wohnens.

Im Rahmen der Wiener Bauordnungsnovelle

wurde im Vorjahr die

Widmungskategorie „Gebiete für den

geförderten Wohnbau“ eingeführt, die

zweifellos einen Quantensprung für

den geförderten Wohnbau darstellt.

47.544

45.675

109.876

63.180

64.049

90.843

83.874

88.447

82.849

89.766

46.568

41.956

43.465

58.538

44.654

71.137

4 Mietvertragsdauer nach

Rechtsform in Wien (Wohneinheiten

als Hauptmiete);

Quelle: Statistik Austria (Mikrozensus

2018), Berechnungen

GBV-Verband (Eva Bauer)

< 2 Jahre

2–5 Jahre

5–10 Jahre

10–20 Jahre

20–30 Jahre

> 30 Jahre

Private Miete

GBV Miete

Gemeinde Miete

Literatur

Stadt Wien (2019): Daten und Fakten

zur Migration 2019 – Wiener Bevölkerung.

https://www.wien.gv.at/

menschen/integration/datenfakten/bevoelkerung-migration.

html (Abgerufen: Dezember 2019)

79


Christiane Thalgott

Bodenpolitik:

Wohin geht

die Reise?

Gerät die europäische

Stadt unter die Räder

der kapitalistischen

Ökonomie?

Das Primat der Ökonomie, anstelle

des gesellschaftlichen Miteinanders,

wird als Ungerechtigkeit und

politisches Versagen bewertet und

führt zu Politikverdrossenheit.

Überlegungen und Handlungsnotwendig -

keiten für unsere Städte. Boden ist unverzichtbar,

nicht vermehrbar, er lässt sich nicht transportieren,

allerdings zerstören. Trotzdem werden Immobilien

und Boden heute wie sonstige Waren überall

gehandelt, international, an der Börse, aber auch

auf dem Schwarzmarkt.

Seit dem Börsencrash 2008 und der Niedrigzinspolitik

in der EU suchen internationale Anleger*innen

neue und andere Anlagemöglichkeiten für ihr Geld

als Aktien o. ä.; weniger volatil und

gerne reale Werte, wie Wohnungen,

Häuser, Wälder und Felder.

Sie bevorzugen Länder mit einer

sicheren Regierung, sicheren

Justiz, sicheren Ökonomie, gerne

in Europa.

Das führt in städtischen und ländlichen Kontexten zu

bisher unbekannten Problemen. Die Bewohner*innen

erleben, dass ihre Heimat von internationalen

Gesellschaften aufgekauft wird, Preise für Miete

und Pacht steigen, und so die bekannte Umgebung

sich verändert und ihre Einflussmöglichkeiten sich

verringern. Das Primat der Ökonomie, anstelle des

gesellschaftlichen Miteinanders, wird als Ungerechtigkeit

und politisches Versagen bewertet und führt

zu Politikverdrossenheit. Der biblische Auftrag

„Macht Euch die Erde untertan“ kann so doch nicht

gemeint gewesen sein.

Das Planungsrecht und Bodenrecht in Deutschland.

Trotz des Postulats in Artikel 14.2 Grundgesetz:

„Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich

dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ sieht das

deutsche Planungsrecht eine deutlich einseitige

Ausrichtung zum Schutz des privaten Eigentums

bei Entschädigung und Enteignung (immer zum

Marktwert, nicht zum Ertragswert) vor. Die

jährlichen Bodenwertsteigerungen (bis zu 10 %)

unterliegen keiner Besteuerung, aber übertreffen

die jährlichen Einkommenszuwächse (max. 2–3 %)

erheblich, sodass ein immer größerer Teil des Einkommens

gerade der jüngeren Haushalte der Mittelschicht

für Miete bezahlt werden muss. Mit dem

Arbeitseinkommen allein ist Wohneigentum schwer

oder nicht mehr erreichbar, wohingegen sich der

Wert des vorhandenen Wohneigentums im Schlaf

vermehrt. Immer deutlicher und lauter stellt sich

in der Gesellschaft die Gerechtigkeitsfrage. Städte

mit großen eigenen oder zumindest beeinflussbaren

Wohnungsbeständen, wie Wien, haben heute

die Möglichkeit, den Wohnungsmarkt für ihre

Bewohner*innen zu beeinflussen und ihn damit

teilweise der internationalen Finanzialisierung zu

entziehen. In anderen Städten wie z. B. Berlin führt

die Ökonomisierung des Wohnungsmarktes zu

großen politischen Protesten und entsprechenden

Aktivitäten, den Wohnungsmarkt durch kommunale

Eingriffe, wie Mietendeckel, Erhaltungssatzungen,

aber auch (Rück-)Kauf von Bestandswohnungen

und Neujustierung der Mieten bei den eigenen Beständen

zu beeinflussen. Die heftige gesellschaftspolitische

Diskussion und die von vielen Bürger*innen

akzeptierte und sogar unterstützte Forderung:

„Enteignet Deutsche Wohnen & Co“ in Berlin (eine

Wohnungsgesellschaft, die allein in Berlin 116.000

Einheiten besitzt) hat zu Reaktionen im Umgang

mit den Mieter*innen und den Mieten bei einigen

der großen Wohnungsgesellschaften geführt,

nachdem sich die öffentliche Diskussion und die

befürchteten politischen Reaktionen letztlich auch

auf die Aktienkurse auswirken.

84


Christiane Thalgott Bodenpolitik: Wohin geht die Reise?

Gesellschaftlicher Friede statt Rendite um jeden Preis, ist die neue Devise.

Und München? In München hat das Wohnungsthema im politischen Diskurs im

20. Jahrhundert parteiübergreifend eine große Rolle gespielt. Ein kurzer Exkurs:

München war im 19. Jahrhundert eine Residenz- und Handwerker*innenstadt.

Terraingesellschaften entwickelten Bauland für bürgerliche Bauherr*innen nach

Gelegenheiten. Erst Ende des 19. Jahrhunderts hatte man sich auf eine Gesamtplanung

für die Stadt eingelassen, die allein für die Wasser- und Abwasserversorgung

unerlässlich geworden war. Nach einem städtebaulichen Wettbewerb

hat Theodor Fischer den Staffelbauplan erarbeitet, der letztendlich 1904 beschlossen

wurde. Er steuerte die Stadtentwicklung bis 1980. Die Wohnungsnot der

ärmeren Bevölkerung war um die Jahrhundertwende und verstärkt nach dem

Krieg 1918 unvorstellbar groß. Der Krieg hatte die Finanzierungsmodelle der Terraingesellschaften,

die den bürgerlichen Wohnungsbau mit der Entwicklung ganzer

Stadtteile wie Haidhausen, Bogenhausen und Gärtnerplatzviertel bestimmt

hatten – und in dem die Einkommensschwachen zum „Trockenwohnen“

unter kamen –, zerschlagen. Daraufhin ergriff die Stadt die Initiative, gründete

zwei eigene Wohnungsbaugesellschaften und baute große Siedlungen mit vielen

hundert Geschoßwohnungen, in Harlachingen, Neuhausen, Giesing u. a. mit

2.300 bis 5.000 Wohnungen jährlich in den Jahren 1925–1929, um die Wohnungsnot

zu lindern. In der Zeit des Nationalsozialismus ging die Wohnungsbautätigkeit

zunächst auf 500 bis 1.300 Wohnungen pro Jahr zurück, um erst 1939–1941 wieder

auf ca. 3.000 Wohnungen im Jahr anzusteigen. In der Zeit entstanden im Wesentlichen

Siedlungen mit weniger Geschoßwohnungsbau und vielen Eigenheimen für

gesundes Wohnen mit Stall und Garten – ungeeignete Ziele für den Bombenkrieg.

Immer deutlicher und lauter stellt sich

in der Gesellschaft die Gerechtigkeitsfrage.

Städte mit großen eigenen oder

zumindest beeinflussbaren Wohnungsbeständen,

wie Wien, haben heute die

Möglichkeit, den Wohnungsmarkt für

ihre Bewohner*innen zu beeinflussen

und ihn damit teilweise der internationalen

Finanzialisierung zu entziehen.

Wiederaufbau und Bauboom – Drama der Neuen

Heimat und das Ende der Gemeinnützigkeit.

Nach 1945 herrschte durch die Zerstörung der Stadt

und den Zuzug an Flüchtlingen wieder eine unvorstellbare

Wohnungsnot. 1945 begann bereits die

Reparatur des Bestandes, kleinere und größere Neubaugebiete

wurden von privaten und öffentlichen

Münchner Wohnungsbaugesellschaften mit öffentlicher

Förderung entwickelt. Anfangs entstanden so

2.600 Wohnungen im Jahr, bis 1975

waren es 17.000 Wohnungen jährlich.

Die Stadt hatte nur sehr begrenzt

eigene Flächen und war auf Kooperationen

mit privaten Grundeigentümer*innen

angewiesen. In den

1960er Jahren wurde mit Neuperlach

– mit 25.000 Wohnungen und

ebenso vielen Arbeitsplätzen – das

größte Neubauprojekt auf den Weg

gebracht. Die gewerkschaftseigene

gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft

Neue Heimat war mit der

Umsetzung der Gesamtmaßnahme

durch die Stadt betraut, sie bot vermeintlich Gewähr

für eine langfristige soziale Bindung. Nach 1982

wurde die Neue Heimat zerschlagen und verkauft:

Größenwahn, Korruption, unkluge Auslandsgeschäfte,

aber auch die abnehmende Nachfrage waren die

Ursachen. Neuperlach war noch nicht ganz fertiggestellt

und bekam neue, nicht mehr gemeinnützige,

Eigentümer*innen. In der Folge wurde 1989 die

Gemeinnützigkeit für die Wohnungswirtschaft mit

der allgemeinen Gewinnbeschränkung und Reinvestitionspflicht

ganz abgeschafft.

Die Olympischen Spiele 1972 bescherten der Stadt

nochmal einen Boom privater Wohnungsbauaktivitäten,

der erst Ende der 1970er Jahre abflaute. Das

Thema Bodenspekulation hat die Stadt München

und ihre Oberbürgermeister (OB) immer beschäftigt;

in bundesweit beachteten Aktionen wollte OB Dr.

Hans Vogel 1972 als Bauminister, aus diesen Münchner

Erfahrungen heraus, grundsätzliche Änderungen

im Bodenrecht umsetzen: Er wollte eine Bodenwertzuwachssteuer

einführen sowie das Bodeneigentum

– es sollte bei der öffentlichen Hand bleiben – und

Nutzungsrechte trennen. Leider war er damit erfolglos.

„Rettet unsere Städte jetzt!“, war die aufrüttelnde

Parole, die das Thema publikumswirksam auf den

Punkt brachte. OB Georg Kronawitter prangerte die

mit der Bodenspekulation erzielbaren leistungslosen

Gewinne – die den Grundeigentümer*innen im

Schlaf zufallen – pressewirksam und laut an. Seine

Forderung lautete: Bei jedem neuen Bebauungsplan

sollte der*die Grundeigentümer*in 40 % geförderten

Wohnungsbau leisten. Solch starke Eingriffe in die

Verfügung von Grund und Boden erschwerten die

Zusammenarbeit mit den privaten Wohnungsunternehmen.

Gleichzeitig geriet der kostengünstige

gründerzeitliche Wohnungsbestand unter Veränderungsdruck.

Denn München war, als attraktiver

Verwaltungs- und Universitätsstandort, ein Hotspot

für Zuzügler*innen, die in den gründerzeitlichen

Miethausquartieren jede umgewandelte teure

Eigentumswohnung und Bürofläche sofort belegten.

Alle verfügbaren gesetzlichen Instrumente wie die

Ausweisung von Entwicklungsbereichen bei Bahnflächen,

von Sanierungsgebieten und Erhaltungssatzungen

konnten diesen beklagten Trend zum

Mietenanstieg und zur Gentrifizierung nur bedingt

bzw. auf Zeit stoppen.

SoBoN – Sozialgerechte Bodennutzung für alle

Neubaugebiete. Anfang der 1990er Jahre wurde

dann die gesetzliche Grundlage für die städtebaulichen

Verträge geschaffen und die SoBoN, die

sozialgerechte Bodennutzung, für alle Neubaugebiete

eingeführt: Die Planungsbegünstigten werden

an den Kosten für Planung, Erschließung und

Infrastruktur beteiligt und müssen 40 % kostengünstigen

Wohnungsbau errichten. Dazu standen,

85


Die Herausforderung des Klimawandels ist zweifelsohne

eine der großen unserer Zeit. Während der Klimawandel

einst ein abstraktes Thema war, das in erster Linie Fachleute

beschäftigte, so haben konkrete, spürbare Konsequenzen

wie eine steigende Anzahl an Hitzetagen dazu

geführt, dass das Thema in der Breite der Bevölkerung

angekommen ist. Neben ökologischen Effekten hat der

Klimawandel auch wesentliche sozialräumliche Implikationen:

Welche Personengruppen und Stadtteile sind

vom Klimawandel besonders betroffen? Welche Maßnahmen

können vonseiten der Stadtentwicklung ergriffen

werden, um die Auswirkungen abzuschwächen? An

welchen Hebeln kann im Bereich des Bauens, der Mobilität

und der Freiraumgestaltung angesetzt werden?

Welche Rolle spielen konkrete Projekte für das Aufzeigen

alternativer Lösungen? Ökologie

2004

955.190 m

2010

1.173.940 m

Länge der Radverkehrsanlagen

in Wien in Meter; Quelle: MA 28,

MA 46

2017

1.378.940 m


Eistage in Wien

2

1960

1990

16

2015

42

1960

20

16

1990

2015

2

Hitzetage in Wien

18 %

24 %

Hitzetage und Eistage in

Wien; Quelle: ZAMG –

Klimaabteilung

24 %

34 %

7 %

München

2017

12 %

38 %

32 %

30 %

34 %

Zürich

2015

21 %

28 %

3 %

29 %

25 %

Wien

2019

1993

40 %

Modal Split im Vergleich;

Quelle: München: infas; Wien:

Wiener Linien; Zürich: Stadt

Zürich – Tiefbau- und Entsorgungsdepartement

Mit Beiträgen von Martin Berger,

Astrid Felderer, Katrin Hagen,

Magdalena Holzer, Thomas Madreiter,

Werner Sobek, Therese Stickler und

Simon Tschannett


Ökologie

Deutlich wurde, dass die wahre Herausforderung

und die größte Dringlichkeit

im dichten Stadtbestand liegt

und hier auch kleine Maßnahmen

gesetzt werden müssen, die das Bewusstsein

fördern und ein Umdenken

sowohl bei der Bevölkerung als auch

bei den Stakeholdern ermöglichen.

Die Stadtbewohner*innen müssen

ermächtigt werden, sich ihre Stadt

zurückzuerobern.

Inzwischen ist die von zahlreichen Wissenschafter*innen

eingeklagte Dringlichkeit des Handlungsbedarfs

und die Bedeutung von Grün und Wasser

in den Städten auch in der Politik angekommen. Die

Auswirkungen des Klimawandels werden – selbst

bei Erfüllung aller notwendigen Klimaschutzmaßnahmen

– noch langfristig nachwirken bzw. sind

teilweise bereits jetzt irreversibel. Während sich die

Klimapolitik lange Zeit vor allem auf den Klimaschutz

fokussiert hat, gibt es spätestens seit dem Pariser

Abkommen im Jahr 2015 auf allen Ebenen auch ein

klares politisches Bekenntnis zur Notwendigkeit von

Maßnahmen zur Adaption an den Klimawandel.

Die EU-Strategie zur Anpassung an den Klimawandel

(Europäische Kommission 2013, 2) hält fest, dass es

billiger ist, „[...] frühe, durchdachte Anpassungsmaßnahmen

zu treffen, als den Preis dafür zu bezahlen,

dass keine Anpassung erfolgte.“ Sie hebt in diesem

Zusammenhang auch die Bedeutung von grüner

Infrastruktur in Städten hervor. Die Österreichische

Strategie zur Anpassung an den Klimawandel (vgl.

Lebensministerium 2012) betont die negativen

Effekte von Hitzewellen auf die Gesundheit und die

Wichtigkeit von Maßnahmen zu dessen Reduktion.

Auch sie hebt diesbezüglich die Bedeutung von

grüner und blauer Infrastruktur in dicht bebauten

Gebieten hervor. Die Stadt Wien hat die Notwendigkeit

von Maßnah men zur Adaption an den Klimawandel

und die entsprechende Bedeutung von Grün und

Wasser in ihren diversen Strategien fest verankert.

Im Klimaschutzprogramm KliP II (MDKLI 2009, 105 ff.)

wird explizit eine „langfristige Grün- und Freiraumsicherung“

und Grünraumvernetzung

empfoh len. Der Stadtentwicklungsplan

STEP 2025 (vgl. Magistratsabteilung

18 2014a) und der Urban Heat

Island Strategieplan (vgl. Magistratsabteilung

22 2015) gehen ganz konkret

auf die städtebauliche Ebene ein

und formulieren sowohl klare Ziele

als auch Ansätze für Maßnahmen.

Wenig überraschend spielen auch

hier der Grün- und Freiraum sowie

Wasser eine entscheidende Rolle.

Wie lassen sich diese Forderungen

mit der fortlaufenden Verdichtung

der Städte und dem damit verbundenen

Bedarf an neuem Wohnraum

vereinbaren? Diese Frage war auch Thema der

internationalen Tagung Urban densification – the

challenge for open space, die im September 2017

vom Forschungsbereich Landschaftsplanung und

4 Bosco verticale in Mailand, 2014;

Copyright: Boeri Studio

Gartenkunst an der TU Wien organisiert wurde.

Die Vortragenden aus Stadtentwicklung und Praxis

haben spannende Ansätze präsentiert und diskutiert,

welche aufgezeigt haben, dass dies kein Widerspruch

sein muss (vgl. TU Wien 2018). Straßenraster

und Straßenräume können neu gedacht und neue

öffentliche Flächen temporär und dauerhaft geschaffen

werden, so wie es z. B. bei den Superblocks in

Barcelona oder der Gran Vía in Madrid geschieht.

Landschaftsarchitekten wie De Urbanisten und

Dreiseitl zeigen in ihren Projekten das Potenzial und

den Mehrwert einer bewussten Integration von

anfallendem Regenwasser in die Stadtgestaltung

anstelle der üblichen Ableitung in die Kanalisation. 2

Architekt*innen wiederum integrieren die Begrünung

direkt in ihre Gebäude und vereinen Grünraum und

Wohnraum sowohl in kleinem als auch großem Maßstab,

wie z. B. beim Bosco verticale 4 in Mailand. In

Singapur erreichen derartige Gebäude-Landschaften

schwindelerregende Höhen und visionäre Dimensionen

– aber leider auch nur eine begrenzte und

privilegierte Bevölkerungsschicht.

Deutlich wurde, dass die wahre Herausforderung

und die größte Dringlichkeit im dichten Stadtbestand

liegt und hier auch kleine Maßnahmen gesetzt

werden müssen, die das Bewusstsein fördern und

ein Umdenken sowohl bei der Bevölkerung als auch

bei den Stakeholdern ermöglichen. Die Stadtbewohner*innen

müssen ermächtigt werden, sich ihre

Stadt zurückzuerobern, indem der öffentliche Raum

wieder zu dem wird, was er sein sollte: öffentlich

und nutzbar. Es geht dabei sowohl um das unmittelbare

Wohnumfeld als auch um eine stadtweite

Vernetzung. Begrünung, die Integration von Wasser

und somit auch die Schaffung eines angenehmen

Mikroklimas spielen hier unter sozialen und gesundheitlichen

Aspekten eine entscheidende Rolle.

96


Katrin Hagen Grün-blaue Infrastruktur in einer dichter werdenden Stadt

4 Water plaza in Rotterdam,

2013; Copyright: De Urbanisten

2013/pallesh + azarfane

2 Vision für die Smart City Paris 2050;

Copyright: Vincent Callebaut Architectures 2015

Die Stadt Wien hat das weitgehend erkannt und

bietet in ihren Fachkonzepten Grün- und Freiraum

(vgl. Magistratsabteilung 18 2015), Öffentlicher

Raum (vgl. Magistratsabteilung 18 2017) und Mobilität

(vgl. Magistratsabteilung 18 2015a) des STEP 2025

spannende und zum Teil auch sehr konkrete Ansätze.

Die ökologische und stadtklimatische Bedeutung der

städtischen Grün- und Freiräume allgemein und

deren soziale Relevanz werden in allen Fachkonzepten

und Studien deutlich herausgestellt. Sowohl

die wesentliche Funktion von Straßenbäumen als

auch die Notwendigkeit der Schaffung von Grünverbindungen

mit Aufenthaltsqualität in der Stadtstruktur

werden explizit erwähnt. Quer über alle

Fachkonzepte sticht das Potenzial des Straßenraums

als „urban geprägte, öffentliche Freiräume, die

grundsätzlich für alle jederzeit zugänglich sind und

im Wesentlichen im öffentlichen Eigentum sind.“

(Magistratsabteilung 18 2017, 6) für eine Umwandlung

zu grüner Infrastruktur besonders ins Auge. Das

erwähnte Urban Fabric Projekt unterstreicht dessen

Potenzial auch unter mikroklimatischen Aspekten.

Es wurde untersucht, welche stadtgestalterischen

Maßnahmen für die jeweiligen Stadtstrukturen den

größten mikroklimatischen Effekt erzielen und somit

Priorität bei zukünftigen Entwicklungen haben sollten.

Dabei hat sich ein besonders großes Potenzial in

der Begrünung der Straßen gezeigt. Neue Mobilitätskonzepte

ermöglichen zudem ein komplettes Umdenken des Straßenraumes,

wie wir ihn heute vorfinden. Im Rahmen des Forschungsprojektes Begleitendes

Living Lab für die Realisierung grün-blauer Infrastrukturmaßnahmen in der

Smart City Wien (LiLa4Green 2018–2021) 5 wurden die drei genannten Fachkonzepte

und der Urban Heat Island Strategieplan Wien (basierend auch auf den

Ergebnissen des Urban Fabric Projektes) hinsichtlich ihrer unterschiedlichen

Aussagen zu Freiraumqualität im Straßenraum eingehend untersucht. Dabei

ließen sich interessante Überschneidungen und Ergänzungen erkennen, die als

Themenblöcke zusammengefasst wurden und in Form von konsensualen

Planungsprinzipien eine positive zukünftige Entwicklung unterstützen können.

Neben stadtgestalterischen Planungsprinzipien – die auch eine Umstrukturierung

bzw. Umnutzung bestehender Straßenräume sowie temporäre und multifunktionale

Ansätze beinhalten – geht es auch um die Bewusstseinsförderung

und die Einbindung von Anrainer*innen bis hin zum Überdenken und Diskutieren

bestehender gesetzlicher Rahmenbedingungen. Gerade die letztgenannten

Aspekte sind wesentlich für eine erfolgreiche Weiterentwicklung. Obwohl die

Notwendigkeit von Maßnahmen erkannt wurde, gibt es eine Vielzahl an sozialen,

technischen, gesetzlichen und administrativen Hürden in deren tatsächlicher

Umsetzung. Das Projekt LiLa4Green widmet sich diesbezüglich aktuell der sozialen

Fragestellung und involviert Anwohner*innen und Entscheidungsträger*innen

im Rahmen eines Living Labs in das Ausloten von Potenzialen und in die

97


Thomas Madreiter

Smart City Wien.

Strategien machen glücklich, wenn

man rechtzeitig darauf schaut, dass

man sie hat, wenn man sie braucht.

Die CO 2

-neutrale Stadt ist kein Zukunftsthema,

sondern ein Gegenwartsthema.

Die bereits bestehende

Bausubstanz und heute bzw. in naher

Zukunft errichtete Gebäude und

Infrastruktur bestimmen die Geschicke

einer Stadt langfristig – bis weit ins

nächste Jahrhundert!

1 Die Smart City Wien Rahmenstrategie:

Eine Dachstrategie, auf die

zahlreiche weitere Strategiedokumente

und Maßnahmenprogramme

referenzieren; Quelle: Magistrat

der Stadt Wien 2019; Copyright:

The Gentlemen Creatives

Sämtliche Metropolen dieser Welt sehen sich mit enormen Herausforderungen

konfrontiert: Unser Lebensstil verbraucht zu viele Ressourcen und erhitzt

das Klima auf der Erde. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wurden wir sukzessive

abhängiger von (fossilen) Energiequellen und nicht-nachhaltigen Mobilitätsund

Produktionsformen.

Warum überhaupt Smart City Wien? Das trifft vor allem die schwächeren Mitglieder

unserer Gesellschaft. Dabei kommt die Klimakrise auf leisen Sohlen, passiert

in vielen kleinen Schritten. Hierzulande blieb sie für die Mehrheit der Menschen im

Alltag lange Zeit unmerklich. Und doch gefährden und verengen ihre Konsequenzen

in Summe die künftigen Lebenschancen unserer Kinder und Kindeskinder gewaltig.

Wien ist heute eine der Städte mit der weltweit höchsten Lebensqualität. Der bereits

stattfindende Klimawandel mit der damit einhergehenden sommerlichen Überhitzung

betrifft Wien – u. a. aufgrund seiner geographischen Lage und des großflächigen,

sehr dichten gründerzeitlichen Baubestandes – besonders stark. Klimaschutz

und eine bestmögliche Anpassung an den Klimawandel sind daher Voraussetzungen

dafür, dass Wien auch künftig zu den lebenswertesten Städten der Welt zählt.

Wien macht sich auf den Weg. Derzeit werden 75 % der weltweiten CO 2

-Emissionen

durch das Verbrennen fossiler Energieträger in Städten verursacht. Wien

hat den Ernst der Lage erkannt. 2014 hat der Gemeinderat ergänzend zu den sehr

erfolgreichen Klimaschutzprogrammen der Stadt eine ganzheitliche, langfristige

Smart City Rahmenstrategie für Wien beschlossen. Diese gibt Struktur und ist das

Fundament, auf das weitere Konzepte zur Stadtentwicklung, zum Klimaschutz

oder zur intelligenten Digitalisierung unserer Stadt aufsetzen. Sie formuliert eine

gemeinsame Vision und zeichnet mögliche Wege vor, die zum Ziel führen. Ihr

zentraler Anspruch lautet:

Digitale

Agenda Wien

Fachkonzept

Mobilität

Fachkonzept

Grün- und Freiraum

„Hohe Lebensqualität für alle Wienerinnen und Wiener bei größtmöglicher

Ressourcenschonung durch umfassende soziale und technische Innovationen.“

Wien ist im globalen Vergleich eine der reichsten Städte, Österreich eines der

reichsten Länder weltweit. Gerade deshalb ist es nur fair, dieses Kapital auch

dafür einzusetzen, im Klimaschutz voranzugehen und Lösungswege aufzuzeigen!

Stadtentwicklungsplan

Klimaschutzprogramm

Gesundheitsziele

Wien 2050

Innovatives Wien

2050

Städtisches

Energieeffizienzprogramm

Auf europäischer Ebene laufen derzeit die politischen und organisatorischen Vorbereitungen

für das neunte EU-Rahmenprogramm für Forschung und Entwicklung

– Horizon Europe – mit einem voraussichtlichen Volumen von rund 100 Mrd. €

für die Jahre 2021 bis 2027. Die Europäische Kommission wird dieses umfassende

Programm an wenigen „Missionen“ ausrichten. Europa bündelt damit immense

Finanzmittel, um die dringlichsten Probleme unserer Zeit zu lösen. Einer von fünf

Schwerpunkten wird „Klimaneutrale und smarte Städte“ sein!

112


Thomas Madreiter Smart City Wien. Strategien machen glücklich, wenn man rechtzeitig darauf schaut, dass man sie hat, wenn man sie braucht.

Wir Bürgerinnen und Bürger können viel tun!

Die Smart City Wien muss ihren Bewohner*innen

eine glaubwürdige Perspektive bieten. Sie muss

die Stadt in jeder Hinsicht besser machen – wirtschaftlich,

ökologisch und im sozialen Miteinander.

Um der Smart City Wien ein Gesicht zu geben, sie

lebendig und erfahrbar zu machen, brauchen wir

verständliche Projekte, welche die Menschen für

den Wandel gewinnen. Hier gibt es sehr ermutigende

Signale! Haben sich doch bereits viele innovative

Menschen zur Smart City Wien bekannt und bereits

über 60 Projekte umgesetzt. Zahlreiche weitere

Initiativen sind auf dem Weg.

Viele Bürgerinnen und Bürger haben bereits erkannt,

dass schlussendlich jede und jeder von uns

eine Verantwortung für das (zukünftige) Klima unseres

Planeten trägt. Alle sind eingeladen mitzuhelfen,

alle sollten dazu beitragen, Lösungen zu finden

und in die Tat umzusetzen. Ob mit einer Jahreskarte

für die öffentlichen Verkehrsmittel, bewussterem

Fleischkonsum, Bürger*innen-Solarkraftwerken

oder schlicht mit Engagement in ihrem Bezirk. Es

gibt viele Ansatzpunkte und Einrichtungen der

Stadt Wien, die dabei unterstützen. Insbesondere

die heute Jungen, die 2050 noch mitten im Leben

stehen werden, fordern nun entschiedene Schritte

in der Klimapolitik, eine echte Veränderung. Auch

immer mehr verantwortungsvolle oder zukunftsorientierte

Unternehmen möchten sich diesen

Herausforderungen stellen.

Politik und Verwaltung müssen strukturell wirksam

tätig sein. Wirtschaftliche und gesellschaftliche

Systeme sind so zu gestalten, dass die mittelund

langfristigen Ziele der Smart City Wien für alle

Akteurinnen und Akteure erkennbar und erreichbar

sind. Über die infrastrukturellen Must-haves

hinaus sind Angebote zu schaffen und Anreize

zu setzen, sodass zukunftsfähige Verhaltensweisen

gefördert werden. Die Wirtschaft braucht dazu

Planungssicherheit und Wettbewerbsbedingungen,

die ein ressourcenschonendes Wirtschaften

attraktivieren.

Man kann nicht erwarten, dass jede und jeder

von sich aus versucht, gegen den Strom zu schwimmen.

Bildlich gesprochen haben Politik und Verwaltung

daher diesen Strom so zu lenken, dass es

allen möglichst leichtfällt, sich in die richtige

Richtung zu bewegen. Das konsequente Umsetzen

der Smart City Wien Rahmenstrategie ist dafür

unverzichtbar.

Wo steht Wien derzeit? Mit der bereits 2014 beschlossenen Smart City Wien

Rahmenstrategie (vgl. Magistrat der Stadt Wien 2014) entwickelte Wien die Smart

City-Initiative der EU (DG Energy) (vgl. European Commission 2019) ganzheitlich

weiter, indem die technologischen Ziele – sei es im IKT- oder im Energiebereich –

als Unterstützung für umfassendere gesellschaftliche Ziele interpretiert wurden.

Technologie wird somit nicht als Selbstzweck verstanden. Stattdessen soll sie langfristig

ein gutes Leben in der Stadt für alle Bevölkerungsschichten und -gruppen

bei radikaler Schonung natürlicher Ressourcen begünstigen.

Getragen wird diese Vision auch aus der Überzeugung heraus, dass der Standort

Wien angesichts zunehmender globaler Herausforderungen gerade als Anbieter

sozial verträglicher, aber technisch funktionierender Lösungen seine Position

in einem kompetitiven Umfeld optimieren kann: Eine ambitionierte Klimapolitik

ist heutzutage ein Standortfaktor und schafft so die Arbeitsplätze der Zukunft.

2019 beschloss der Wiener Gemeinderat bereits

eine erste Aktualisierung der Smart City Wien Rahmenstrategie

(vgl. Magistrat der Stadt Wien 2019).

Wien setzt damit international neuerlich Maßstäbe.

Denn die globale Klimaentwicklung erfordert,

insbesondere auch auf städtischer Ebene, noch

raschere, ambitionierte Antworten. Inhaltliche

Grundlage für diese Aktualisierung waren daher

einerseits das Klimaschutzabkommen von Paris und

die UN-Agenda für nachhaltige Entwicklung 2030

(vgl. Vereinte Nationen 2015), zu denen

sich die Stadt Wien 2016 verpflichtet hat.

Andererseits flossen eigene Erkenntnisse

aus einem umfassenden, wissenschaftlich

begleiteten und vollständig

transparenten Monitoring der ersten

Umsetzungsschritte seit 2014 in die Aktualisierung

ein (vgl. Magistratsabteilung

18 2018).

Ziel war und ist eine umsichtige und

vorausschauende kommunale Langzeitstrategie

auf der Höhe aktueller Anforderungen

und Erkenntnisse. Damit

liegt auch eine solide Grundlage für

zukünftige internationale Aktivitäten,

etwa im Rahmen von Horizon Europe

(vgl. European Commission 2019a), vor.

Der Prozess dauerte inklusive politischer

Begutachtung und Beschlussfassung nur

rund 14 Monate und konnte überwiegend

mit stadteigenen Ressourcen bestritten

werden. 150 Personen waren aktiv

beteiligt – 46 % davon Frauen. Das Feedback von

rund 100 Expertinnen und Experten aus Verwaltung,

Wirtschaft und Forschung wurde bei einem großen

„Forum“ abgeholt, der gesamte Prozess von einem

international besetzten Expert*innenbeirat begleitet.

Die Smart City Wien muss ihren

Bewohner*innen eine glaubwürdige

Perspektive bieten. Sie muss

die Stadt in jeder Hinsicht besser

machen — wirtschaftlich, ökologisch

und im sozialen Miteinander. Um

der Smart City Wien ein Gesicht zu

geben, sie lebendig und erfahrbar

zu machen, brauchen wir verständliche

Projekte, welche die Menschen

für den Wandel gewinnen. Hier

gibt es sehr ermutigende Signale!

Haben sich doch bereits viele

innovative Menschen zur Smart City

Wien bekannt und bereits über

60 Projekte umgesetzt.

113


Marie Glaser

Alles bleibt anders.

Wie wir in einer sozial

nachhaltigen Stadt

wohnen.

Über unser Wohnen heute sprechen – was bedeutet

das eigentlich? Der aktuelle gesellschaftliche,

politische und wirtschaftliche Kontext ist ein ganz

anderer als er es vor 20, 30 oder 50 Jahren war.

Wohnformen reagieren auf veränderte Lebensstile,

Arbeits-, Mobilitäts- und Kommunikationsformen.

Welche Entwicklungen gilt es zu beachten und

welche Impulse gilt es zu setzen, wenn wir eine

neue Baukultur, die zukunftsgerichtet und nachhaltig

ist, verfolgen wollen? Was wir heute planen,

bestimmt die Lebenswelt unserer Enkel*innen.

Ihre Anliegen sollten in unsere Pläne deshalb schon

heute einfließen.

Unsere Gesellschaft verändert sich dynamischer

und rascher als die gebauten Formen, die, einmal

gebaut, eine Dauer von 50, 60 oder gar 100 Jahren

aufweisen. Der Wohnungsbau ist ein träges Element

im Gefüge der Stadt. Wir leben zum größeren

Teil in Gebäuden, die bereits bestehen – viele

stammen aus den 1960er und 1970er Jahren

oder später. Das bedeutet auch, dass wir zum Großteil

in gebauten Lebensvorstellungen und standardisierten

Entwürfen des Wohnens von vor

50 Jahren leben.

Diese Vorstellungen waren bereits damals eine Vorstellung der Norm und

schon damals nicht das einzig gültige gelebte Modell des Zusammenlebens.

Heute entspricht dieses Modell schon lange nicht mehr der gelebten Realität

bzw. den Wohnbedürfnissen. Das Problem kommt oftmals damit in die

Welt, dass Planende, Immobilienentwickler*innen und Bauträger eine nicht

ganz zeitgemäße Vorstellung davon haben, was Menschen in einer Wohnung,

in einer Siedlung, in einer Nachbarschaft tun möchten. Sie bauen ihren

Vorstellungen gemäß und bleiben damit schon im Rahmen ihrer Vorstellungswelten

und Konvention festgehalten. Sie, die Entscheidungsträ -

ger*innen, fragen viel zu selten, für wen sie eigentlich bauen und welche

Wohnbedürfnisse aus den gelebten Realitäten erwachsen und wie sie

sich verändern.

Die Frage lautet: Wie kann die Zukunft des Wohnens

unter den gegebenen Bedingungen aussehen?

Was könnte Neues soziales Wohnen, eine Wohnung,

ein Haus, eine Siedlung sein, jenseits der Formen,

die wir kennen?

Wohnen in einer sozial nachhaltigen Stadt bedeutet,

zu einem angemessenen Preis in einer angenehmen,

sicheren und gesunden Umgebung in Nachbarschaft

zu anderen Menschen zu leben. Es bedeutet

auch, Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln zu

haben, das kulturelle Angebot nutzen zu können,

den öffentlichen Raum vielfältig zu benutzen – und

dies für alle Bürger und Bürgerinnen gleichermaßen.

Dies wird kaum jemand bestreiten, und dass es eine

komplexe Aufgabe ist, an dieser sozialen Nachhaltigkeit

der Stadt Stück um Stück weiter zu bauen,

ebenfalls nicht. Das demokratische Prinzip in einer

Stadt für Menschen (vgl. Gehl 2015), alle Ansprüche

gleichermaßen zu berücksichtigen, heißt, auf die

Vielfalt der Bewohnerinnen und Bewohner einzugehen,

ihre Wohnbedürfnisse und -praktiken zu

kennen und ausreichend Räume für deren Wandel

und Entwicklung zu lassen bzw. zu schaffen. Dass

zwischen der Wirklichkeit und diesen Idealbedingungen

natürlich ein Unterschied besteht und es

zu Interessenskonflikten der Akteur*innen, die Stadt

machen und leben, kommt, beobachten wir allerorten:

private Eigentümer*innen, die als Vermietende

Rendite erzielen wollen; große institutionelle

130


Marie Glaser Alles bleibt anders. Wie wir in einer sozial nachhaltigen Stadt wohnen.

1 Volksabstimmung vom 27.

November 2011: Bis ins Jahr 2050

soll der Anteil gemeinnütziger

Wohnungen in der Stadt Zürich

ein Drittel der Mietwohnungen

betragen.

Anleger wie Versicherungen oder Banken, die

längerfristig planen und eine Rendite erwirtschaften

müssen; und Städte und Gemeinden sowie gemeinnützige

Wohnbauträger, die längerfristig und gemeinwohlorientiert

agieren und mit Gewinnverzicht

vermieten. Klugen zukunftsorientierten Planungen

im Wohnen muss es gelingen, eine langfristige

Bodenpolitik und aktive Wohnpolitik zu etablieren

und einen Interessensausgleich zwischen diesen

unterschiedlichen Interessen, der (maximalen) Rendite

auf der einen Seite bzw. dem Mehrwert für das

Gemeinwohl und erschwinglichem Wohnraum auf

der anderen Seite auszuhandeln bzw. auch zu verordnen.

Dass dies gelingen kann, zeigen Städte mit

einem stark angespannten Wohnungsmarkt, die seit

Jahren Land vorausschauend ankaufen und aktive

Wohnpolitik betreiben, um allen Menschen Platz in

der Stadt zu bieten. Strategien hierfür können u. a.

die Weiterentwicklung von zielführenden planerischen,

rechtlichen und ökonomischen Instrumenten

zum Flächensparen und deren Umsetzung in der

Praxis sein. Beispiele wären u. a. ein Vorkaufsrecht

der Gemeinden, die Festlegung eines Mindestanteils

an günstigen Wohnungen bzw. an gemeinnützigen

Wohnungen, die Einrichtung von Zonen für preisgünstige

Wohnungen (mit Vorgaben beim maximalen

Jahresmietzins pro Quadratmeter), eine Mehrwertabgabe

bei Neu- und Umzonungen, die Durchführung

von Architekturwettbewerben und Bauausschreibungen

oder auch die Gründung einer eigenen

Aktiengesellschaft, die Wohnbauten realisiert.

oder Hausgemeinschaften. Die Städte suchen nach

Lösungen, die ihrem Kontext und den jeweiligen

rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen

entsprechen. Die Stadt Zürich beispielsweise

unternimmt (gemäß dem Votum der Züricher Stimmbürgerinnen

und -bürger zu einem wohnpolitischen

Grundsatzartikel in der Gemeindeordnung) Anstrengungen,

um den Anteil preisgünstiger Wohnungen

in der Stadt bis 2050 auf ein Drittel zu erhöhen,

insbesondere Familienwohnungen und Wohnungen

für ältere Menschen zu erhalten und ökologisch

vorbildliche Wohnungen auch im preisgünstigen

Segment bereitzustellen. 1 Dank des in den letzten

Jahren zusätzlich errichteten gemeinnützigen

Wohnungsbaus durch Genossenschaften und auch

durch die Kommune selbst ist das Wohnen in Zürich

für Familien und andere Gruppen mit kleineren

Einkommen wieder attraktiver geworden. Ablesen

lässt sich dies auch an der Abnahme der Einpersonen -

haushalte seit der Jahrtausendwende. In Zürich

sind derzeit 45 % der Haushalte von Singles bewohnt

und der Anteil nimmt weiter ab. Die nachhaltige

Lösung des Problems der Wohnungsknappheit hier

ist allerdings damit noch nicht auf dem Tisch – zuerst

müssen Fragen des haushälterischen Umgangs

mit dem Boden, der Verteilung von Wohnraum, von

Belegungsrichtlinien und Wohnflächenverbrauch

sowie von Ausgestaltung der nachhaltig notwendig

geforderten Innenentwicklung und Verdichtung

unter Einbezug aller Stakeholder des Wohnungsmarktes

geklärt werden.

Eine dringende aktuelle Frage ist die

nach der Bezahlbarkeit des Wohnraums

für große Teile der Bevölkerung

in den urbanen Zonen. Derzeit

verknappt sich das Angebot auf

dem Wohnungsmarkt in den großen

Städten, Sanierungen und Ersatzneubauten

werden durchgeführt,

was zur Folge hat, dass weiterhin

preisgünstiger Wohnraum nach und

nach verschwindet. Eine gute und

Wir leben zum größeren Teil in Gebäuden,

die bereits bestehen — viele stammen aus

den 1960er und 1970er Jahren oder später.

Das bedeutet auch, dass wir zum Großteil

in gebauten Lebensvorstellungen und

standardisierten Entwürfen des Wohnens

von vor 50 Jahren leben.

preislich angemessene Wohnung in der Stadt zu finden, wird immer schwieriger.

Die Wohnungsknappheit trifft besonders gesellschaftliche Gruppen mit einem

durchschnittlichen bis niedrigem Einkommen. Geringverdienende wie zum

Beispiel Seniorinnen und Senioren mit geringen Pensionen, Alleinerziehende,

Studierende und Großfamilien sowie benachteiligte Gruppen von Ausländerinnen

und Ausländern können sich kaum Wohnraum in der Stadt leisten. Die stark

steigenden Immobilienpreise und Mietzinse in vielen wachsenden Großstädten

wie München, Zürich oder Hamburg – Tendenz weiterhin steigend – verstärken

die soziale Ungleichheit und die soziale Segregation zwischen Stadtvierteln. Sie

bedrohen die teils über Jahre gewachsenen sozialen Netze in Nachbarschaften

Die Veränderungen auf dem Wohnungsmarkt

sind Ausdruck eines

großen und dynamischen gesellschaftlichen

Wandels. Dessen Merkmale

sind: Globalisierung, Migration,

demographischer Wandel, Individualisierung

und Pluralisierung von

Lebensstilen, Entwicklung neuer

Informations- und Kommunikationstechnologien

sowie neuer Transporttechnologien,

zunehmende Mobilitätsanforderungen

und -bedürfnisse, gewandelte

Geschlechterverhältnisse sowie massive Veränderungen

in der Arbeitswelt. Durch die Flexibilisierung,

Ausdifferenzierung und Pluralisierung der Gesellschaft

erweitern sich Handlungsoptionen ebenso

wie Handlungsnotwendigkeiten. Dieser Wandel

spiegelt sich auch im Wohnen: Unsere Wohnund

Haushaltsformen differenzieren sich aus und

führen zu neuen und vielfältigen Wohnansprüchen

und -bedürfnissen. Die Wohnung verändert ihre

131


134


Quartiershäuser

Sonnwendviertel

135


Gesellschaft

Širbegović: Wenn schon sehr kleiner Wohnraum

zur Verfügung gestellt wird, muss es an anderen

Stellen Qualitäten geben. Eine SMART-Wohnung

eignet sich beispielsweise nicht sehr gut für

eine Kindergeburtstagsfeier. Dafür werden

Gemeinschaftsräume benötigt. In verschiedenen

IBA-Quartieren wurde das Konzept der bauplatzübergreifenden

Gemeinschaftsräume entwickelt

und ausprobiert: Neu Leopoldau, In der

Wiesen Süd und Biotope City. Hier geht es darum,

anstelle gleich ausgestatteter Gemeinschaftsräume

aufeinander abgestimmte Angebote zu

schaffen, die vielfältige Nutzungen ermöglichen

und dadurch auch nicht leer stehen.

Aigner: Der Trend zum „kleiner“ und „enger“ sollte

aber auch nicht schöngeredet werden. Ich fände es

spannend, von Anfang an, aber auch im existierenden

Gemeindebau oder geförderten Wohnbau das Modell

der Selfmanagers zu etablieren. Das spießt sich vielleicht

zunächst mit den bürokratisch-pragmatischen

Strukturen einer öffentlichen, zentralistischen Wohnungsverwaltung.

Aber eine Stärkung der Selbstverwaltung

von Mieter*innen zahlt sich immer aus

– nicht nur, weil diese Form von direkt oder indirekt

bezahltem Engagement für das Haus den sozialen

Zusammenhalt der Bewohner*innen stärkt.

Širbegović: In der Praxis holt man sich dann in

Wien normalerweise zusätzliche Akteur*innen

dazu, wie ein Stadtteilmanagement. Doch

wichtig wäre auch, wie man Menschen selbst

dazu bringt, aktiv zu werden. In der Berresgasse

gibt es dazu ein spannendes Projekt, die Grätzl-

Genossenschaft. Diese wurde basierend auf dem

Konzept der sozialen Nachhaltigkeit in Zusammenarbeit

mit einem Bauträger konzipiert.

Zu Beginn als Top-down-Konzept entwickelt,

soll es im Endeffekt als Bottom-up-Projekt funktionieren.

Diese GrätzlGenossenschaft 6 soll schlussendlich

allen, unabhängig von Herkunft, Einkommen

oder anderen Kategorisierungen, gehören.

Die Idee ist, dass durch die Gemeinschaft

der Alltag finanziell leichter zu bewältigen ist.

Almer: In diesem Zusammenhang möchte ich auch

die Initiative Sei dabei 7 der MA 17 nennen, die kleine

nachbarschaftliche Projekte förderte.

6 Die GrätzlGenossenschaft wird

als sozial orientiertes, gewerbliches

Dienstleistungsunternehmen

definiert. Mit dem Zusammenschluss

von Bewohner*innen und

Gewerbetreibenden soll nicht nur

Wohnraum leistbar, sondern auch

das Teilen von Ressourcen und

eine gemeinschaftliche Lebensweise

Teil eines kostengünstigen

Lebens werden. Die Grätzl -

Genossenschaft soll dauerhaft im

Grätzl präsent bleiben und den

Mitgliedern wirtschaftliche

Vorteile bringen. Konkret sollen

gemeinschaftlich nutzbare Räume

(z. B. Werkstatten, Räume für

Veranstaltungen usw.), gemeinsame

Angebote (z. B. Kinderbetreuung,

Haustierbetreuung,

Carsharing etc.) und Interessen

(z. B. Freizeitaktivitäten) geteilt

werden. Weitere Informationen

sind zu finden unter www.

graetzl genossenschaft.at.

Vgl. Beitrag von Robert Korab auf

Seite 242.

7 Die Magistratsabteilung 17 -

Integrations- und Diversitätsangelegenheiten

förderte im Rahmen

der Aktion Sei Dabei. Wien für dich

– du für Wien Projekte, die zum

besseren Miteinander in der Stadt

beitragen.

146

Kerstin Pluch, Alexandra Adam (v.l.n.r);

Foto: Lukas Gächter


Tischgespräch Migration, Stadt und Wohnen

Širbegović: Am Anfang waren diese Projekte wie Sei dabei sehr präsent,

man hat dann aber immer weniger von ihnen gehört. Ich denke, dass

immer wieder auf solche Projekte und Möglichkeiten hingewiesen und

gezeigt werden muss, was möglich ist und woran gearbeitet wird. Doch

wie schaffen wir es, von diesen Einzelprojekten dorthin zu kommen, wo

ein Wohnen für alle möglich ist? Wo es keine Quoten und Sonderprojekte

mehr braucht?

Pointl: Ich denke, dass es einen Anstoß wie z. B. mit den Soliwohnungen, allerdings

größer skaliert, braucht. Auch könnte es Quartierszentren geben, die gewisse

Zielgruppen ansprechen. Ich möchte hier von einem Projekt erzählen, das in

Zusammenarbeit mit der TU Wien von einer zugewanderten Studentin entwickelt

wurde. Sie hat eine Karte von Wien mit allen Anknüpfungspunkten, von Sprachangeboten

bis zur Wohndrehscheibe, gezeichnet. Ausgehend von einem Bedürfnis, das

sie bei ihrer Ankunft in Wien selbst hatte, war es ihr ein Anliegen, dies zu kommunizieren.

Sie hat das speziell für diese Zielgruppe entwickelt, und ich bin

schon der Meinung, dass es derzeit diese Tools bzw. diese Unterstützung braucht,

weil es bei den Gegebenheiten des Marktes derzeit nicht anders geht.

Aigner: Ich finde auch, dass es um Wohnen für alle gehen muss. Allerdings gibt

es in jeder Gesellschaft Menschen, die unsere Unterstützung brauchen, im günstigsten

Fall in Form von Soliwohnungen. Dieses Konzept auch in den Gemeindebau

zu integrieren wäre ideal.

Širbegović: In diesem Zusammenhang finde ich auch die bereits genannte

Initiative Housing First sehr vielversprechend. Diese ist unsichtbar, denn

für die Personen, die wohnungslos werden, ist es meistens sehr wichtig,

nicht diesen Stempel Housing First oder Soliwohnung zu bekommen. Aber

ich denke, wir brauchen hier viele verschiedene Möglichkeiten, die noch

erprobt werden müssen.

Almer: Solche Unterstützungen braucht es! Mit manchen Ereignissen, wie z. B. der

Fluchtbewegung 2015, von der wir alle überrascht waren, können wir nicht

rechnen. Diese sind von vielen Faktoren abhängig. Deswegen müssen wir flexibel

bleiben, um schnell auf Situationen reagieren zu können.

Adam: Ich denke, dass die Bedürfnisse der Migrant*innen oft gar nicht so unterschiedlich

sind. Egal ob Geflüchtete, Zugewanderte aus Österreich oder der EU –

alle brauchen Wohnraum, der leistbar und in einem guten Zustand ist. Toll finde

ich, dass die Wohndrehscheibe jetzt in die Guglgasse zur Wohnberatung und zur

Mieterhilfe zieht. Dadurch ist dann alles an einem Ort und man findet sowohl für

den geförderten als auch den privaten Wohnungsmarkt sowie den Gemeindebau

Unterstützung. Das ist ein erster Schritt, um den Zugang zu erleichtern.

Anita Aigner; Foto: Lukas Gächter

Daniele Karasz ist wissenschaftlicher

Mitarbeiter und Lektor am Institut für

Kultur- und Sozialanthropologie der

Universität Wien. Seine Forschungs- und

Publikationstätigkeit fokussiert sich

auf die interdisziplinäre Schnittstelle

zwischen Wohnen, transnationaler

Migration und Stadtentwicklung.

Johannes Pointl ist praktizierender

Architekt, Urbanist und, zusammen

mit Nina Kolowratnik, Initiator des Forschungsprojektes

Fluchtraum Österreich.

Er realisierte selbständige Architekturprojekte

in Österreich und Griechenland

und hat zu städtebaulichen Projekten

Amila Širbegović ist Architektin und

Stadtforscherin. Sie arbeitet, forscht und

lehrt an den Schnittstellen zwischen

Stadtplanung, Migration und Raumproduktion.

Seit 2018 ist sie Teil des Teams

der IBA_Wien.

Karasz: Ich bin zwar auch der Meinung, dass eine Begleitung notwendig ist.

Aber das langfristige Ziel wäre schon, weg vom Zielgruppendenken zu kommen.

Wir müssen weg vom Denken in speziellen (migrantischen) Gruppen, hin zur

Frage des Zugangs.

147


Daniele Karasz

Diversität, Migration

und Nachbarschaft im

sozialen Wohnbau

Der Text diskutiert die Bedeutung von Migration und Diversität für die Planung und

Verwirklichung sozialer Wohnbauten in Wien. Ausgangspunkt bildet die Politik der

sozialen Nachhaltigkeit als vierte Säule im geförderten Wohnbau. Seit ihrer Einführung

2009 prägt diese den Wiener Planungsdiskurs entscheidend mit. Im Kontext der Ziele

der sozialen Nachhaltigkeitspolitik thematisiert der Beitrag das Zusammenspiel von

Diversität, Migration und Nachbarschaft anhand von vier assoziativen Begriffspaaren:

Diversität und Gemeinschaft; planbare und nicht planbare Aspekte; Bewohner*innen-

Identität und -Mobilität; „reale“ und „virtuelle“ Nachbarschaften. Die Diskussion dieser

dialektischen Paare unterstreicht Chancen und Herausforderungen für die Planung

im sozialen Wohnbau. Besprochen werden diese anhand des Zusammenspiels von

Diversität und Nachbarschaft in „interkulturellen“ Wohnbauten am Nordbahnhof und

im Stadtteil Monte Laa.

Soziale Nachhaltigkeit und Migration. Die beiden Anthropologinnen Abram

und Weskalnys (2013) beschreiben das Versprechen als zentralen Aspekt jedes

Planungsprozesses. Ihrem Gedanken folgend, geht mit jeder architektonischen

Planung nicht nur das Versprechen einer architektonischen Form und einer

funktionalen Anordnung einher, Planung beinhaltet auch das Versprechen einer

möglichst dauerhaften Konstellation sozialer Beziehungen. Seit 2009 wurde im

Wiener Wohnbau versucht, die Planung von dauerhaften, sozialen Beziehungen

auf explizite Weise zu formulieren, indem die soziale Nachhaltigkeit zur vierten

Qualitätssäule im Rahmen von Bauträgerwettbewerben wurde.

1 Dies konnte eine Diskussion

verdeutlichen, die im Jänner

2014 im Rahmen einer Lehrveranstaltung

am Institut für Kulturund

Sozialanthropologie der

Universität Wien stattfand. Sie

wurde in Kooperation mit der

Baugruppe Wohnprojekt Wien

am Nordbahnhof organisiert sowie

mit der Initiative Gemeinsam

Bauen & Wohnen und a palaver –

Architektur im Radio, einer

Sendung auf Radio Orange.

Als zentrale Ziele der sozialen Nachhaltigkeit wurden 2009 neben niedrigen Kosten

u. a. Alltagstauglichkeit der Wohnhausanlagen, soziale Durchmischung, Mitbestimmung

und Identitäts- bzw. Gemeinschaftsbildung formuliert sowie ein

Wohnangebot für immer vielfältigere Wohnbedürfnisse durch flexibel nutzbare

Grundrisse und Gemeinschaftsflächen (vgl. Gutmann/Huber 2014).

Mehrere dieser Ziele der Nachhaltigkeitspolitik waren zumindest implizit mit

älteren Planungsdiskursen zu Fragen der Migration und kulturellen Differenz im

sozialen Wohnbau verknüpft. Dies wird nicht zuletzt anhand der Geschichte „interkultureller“

Wohnbauten in Wien unterstrichen, welche seit der Etablierung von

Bauträgerwettbewerben 1995 einige der Ziele der vierten Säule vorwegnahmen.

Viele der im „interkulturellen“ Wohnungsbau gesetzten Maßnahmen wurden

später in anderen Planungskontexten übernommen. Auf großer Skala implementiert

wurde der „interkulturelle“ Wohnbau in Wien schließlich 2010, im Zuge der

Etablierung von sozialer Nachhaltigkeit als vierte Qualitätssäule. Allein im Jahr 2010

wurden am Nordbahnhof und auf den Mautner-Markhof-Gründen ca. 1.000 Wohnungen

in „interkulturellen“ Wohnbauten geplant (vgl. wohnfonds_wien 2011).

156


Daniele Karasz Diversität, Migration und Nachbarschaft im sozialen Wohnbau

In ihrer Entstehung ist die vierte Säule der sozialen

Nachhaltigkeit also weitaus stärker mit Fragen der

Migration und Diversität verknüpft, als es auf ersten

Blick erscheinen mag.

Diversität und Gemeinschaft. Die Politik der

sozialen Nachhaltigkeit im Zuge von Bauträgerwettbewerben

formuliert zwei zentrale Planungsziele,

die zumindest potenziell in einem

Spannungsverhältnis zueinander stehen: soziale

Durchmischung und Gemeinschaft. Trotz aller

gewollter Verschiedenheit soll eine gemeinsame,

geteilte Identität als Bewohner*innen einer

Wohnhausanlage entstehen.

Die mit der doppelten Zielsetzung einhergehenden

Herausforderungen sind am klarsten am Fall der

Baugruppen im geförderten Wohnbau zu veranschaulichen.

Sie verkörpern gleichsam die Planungsideale

der Partizipation, des Gemeinschaftslebens

und der Identifikation mit der Wohnhausanlage.

Zugleich erscheint die soziale Durchlässigkeit in

Baugruppen vielfach kaum gegeben. Als Folge

stehen Baugruppen seit Jahren unter Druck, sozial

durchmischter sein zu sollen, ohne partizipative

Prinzipien aufzugeben. 1

Dies ist nicht zuletzt deshalb von Bedeutung, da

Armut im politischen Diskurs vielfach ethnisiert wird.

Diese Überlappung lässt sich auch im Planungsdiskurs

wiederfinden, etwa im Fall von „interkulturellen“

Wohnbauten. So wurden 2010 bei der Planung

von „interkulturellen“ Wohnbauten am Wiener

Nordbahnhof mehrfach die Kategorien niedriges

Haushaltseinkommen und „migrantisch“

gleichgesetzt (vgl. Karasz 2018). Diese

Überlappung lässt sich als implizite

Annahme auch auf die Planung sozialer

Nachhaltigkeit in anderen, nicht explizit

„interkulturellen“, geförderten Wohnbauten

übertragen.

Die Gleichsetzung von „arm“ und „migrantisch“

beinhaltet jedoch zugleich eine

Chance für den Wiener Wohnbau. Selbst

wo ökonomische Kriterien implizit mit kulturellen

Aspekten verschränkt wurden, ist das Haushaltseinkommen

bis heute die fundamentale Planungsund

Vergabekategorie geblieben. Im Unterschied

zu anderen Wohnbautraditionen, wie etwa dem

multikulturellen Wohnbau in den Niederlanden (vgl.

van der Horst/Ouwehand 2012) oder jenem in

Kanada (vgl. Qadeer 2009), gelten in Wien stets

unumgänglich festgelegte Einkommensgrenzen als

Voraussetzung für die Wohnungsvergabe. Die Chance

und Planungsaufgabe liegt genau darin, die ökonomischen

Parameter als dominantes Kriterium im Wiener

Wohnungsbau beizubehalten.

Planbare und nicht planbare

Aspekte. Die Herausforderung,

Planung nicht verstärkt zu kulturalisieren

bzw. zu ethnisieren, ergibt

sich nicht zuletzt dadurch, dass Migrationsthemen

und Debatten über

kulturelle Unterschiede den politischen

Diskurs der letzten Jahre sehr

stark geprägt haben. So konnte eine

Langzeitstudie im Stadtteil Monte Laa aufzeigen, dass

diese Diskurse das Zusammenleben in Wohnquartieren

belasten können (vgl. Karasz 2018a).

Die Planung im Wiener sozialen Wohnbau

hat nicht zuletzt die langfristige

Identifikation der Bewohner*innen

mit ihrem Wohnquartier zum Ziel, wie

auch eine langfristig bestehende, aktive

Hausgemeinschaft.

Die Politik der sozialen Nachhaltigkeit

im Zuge von Bauträgerwettbewerben

formuliert zwei zentrale Planungsziele,

die zumindest potenziell in einem

Spannungsverhältnis zueinander

stehen: soziale Durchmischung und

Gemeinschaft.

In Monte Laa sind in den letzten 18 Jahren ca. 3.150 Wohneinheiten entstanden.

Im Stadtteil wurden zwei Forschungsprojekte im Rahmen der Wohnbauforschung

durchgeführt, in den Jahren 2011 und 2018 (vgl. Karasz et al. 2011; Karasz

2018a). Im Mittelpunkt beider Forschungsprojekte standen wohnbiographische

Interviews mit über vierzig Bewohner*innen. Etwa die Hälfte der Personen wurde

sowohl 2011 als auch 2018 befragt.

Die Gegenüberstellung der Gespräche zeigte einerseits klar auf, dass gewisse

gemeinschaftsfördernde Maßnahmen im Stadtteil ihre Ziele erreichen konnten.

Dies gilt insbesondere für Projekte, welche die Beziehung des neuen Stadtteils

Monte Laa mit dessen städtischem Umfeld thematisierten. Hervorzuheben ist auf

städtischer Seite die Arbeit der Gebietsbetreuung Stadterneuerung.

Trotz alldem veränderte sich das Erleben des erweiterten Wohnumfeldes durch

die interviewten Bewohner*innen Monte Laas zwischen 2011 und 2018 zum

Negativen (vgl. Karasz 2018a). Anders

als im Jahr 2011 dominierte 2018 die

Differenzierung in „muslimische“

und „nicht-muslimische“ Stadtteile

die Interviews. Es sticht hervor,

dass 2018 gerade der gewachsene

Stadtteil Innerfavoriten von vielen

Bewohner*innen Monte Laas als

bedrohlich, „fremd“ und „muslimisch“

erlebt wurde.

Als Folge dieses gewandelten Erlebens hatten sich die Alltagswege mancher

Bewohner*innen verändert. Einige nutzten 2018, anders als sieben Jahre davor,

für dieselben Wege keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, sondern ihren PKW.

Andere hatten ihre Einkaufsorte in andere, weiter entfernte Stadtteile verlagert

und zum Teil sogar ins Wiener Umland. Aus vielen Interviews geht unzweifelhaft

hervor, dass dieses veränderte Erleben des erweiterten Wohnumfeldes stark

von der medialen Berichterstattung beeinflusst wurde, insbesondere seit der

sogenannten „Flüchtlingskrise“ 2015.

157


Bernadette Luger, Victoria Mlango (UIV)

Wie europäische

Städte Wohnungs -

politik machen.

Amsterdam

+14 %

Berlin

+11 %

Vielerorts stehen Städte vor maßgeblichen wohnungspolitischen

Herausforderungen: Leistbarer

Wohnraum wird zur Mangelware, zeitgleich

schrumpft der kommunale Wohnungsbestand. Das

Thema Wohnen wird zu einem gesellschaftlichen

Konfliktfeld, das den

sozialen Frieden und die Lebensqualität

in den Städten maßgeblich

mitbestimmt. Wien stellt sich diesen

Herausforderungen und legt mit der

IBA_Wien den Schwerpunkt auf die

innovative Weiterentwicklung des

sozialen Wohnens.

In fünf übergeordneten Themenbereichen

werden die Handlungsansätze von sechs

europäischen Städten – Amsterdam, Berlin, Köln,

München, Paris und Prag – gegenübergestellt. Ziel

ist keine vollständige Analyse der Gesamtstrategien

einzelner Städte in ihrem jeweiligen Kontext,

sondern ein Querschnitt europäischer wohnungspolitischer

Handlungsansätze, bei ähnlichen

Problemstellungen unter doch unterschiedlichen

Voraussetzungen.

Wie gehen europäische Großstädte mit

der angespannten Wohnungsmarktlage

um? Welche wohnungspolitischen

Lösungsansätze werden entwickelt? Mit

welchem Instrumentarium wird Herausforderungen

und dem wachsenden Bedarf

an leistbarem Wohnraum begegnet?

Paris Ile-de-France

+5 %

München

+13 %

Köln

+9 %

Wien

+13% %

Prag

+5 %

Paris

+0,4 %

Paris

Ballungsraum

+5 %

Bevölkerungswachstum in den letzten zehn Jahren.

Quelle: Amsterdam: Daten aus 2009 und 2019, Amsterdam,

Department for Research, Information & Statistics;

Berlin: Daten aus 2009 und 2018, AfS, Einwohnerregister;

Köln: Daten aus 2008 und 2018, Stadt Köln, Amt

für Stadtentwicklung und Statistik, Statistisches Informationssystem;

München: Daten aus 2009 und 2018,

Landeshauptstadt München, Statistisches Amt München;

Paris: Daten aus 2006 und 2016, Volkszählungen Paris;

Prag: Daten aus 2009 und 2018, Czech Statistical Office;

Wien: Daten aus 2009 und 2019, Statistik Austria.

172


Bernadette Luger, Victoria Mlango (UIV) Wie europäische Städte Wohnungs politik machen.

Preispolitik: Was kostet Wohnen? In vielen

europäischen Städten werden Wohnkosten aktuell

diskutiert. Anlass dafür sind drastisch steigende

Mietpreise. Vor allem in den Ballungsräumen spitzt

sich die Situation zu: Zu wenig leistbarer Wohnraum

steht zu vielen Wohnungssuchenden gegenüber.

Zugleich etabliert sich Wohnen als Anlageform.

Aufgrund der Niedrigzinspolitik und billiger Kredite

investieren Anleger*innen vermehrt in Immobilienprojekte.

Durch die steigende Nachfrage nach

Vorsorgewohnungen wird das verfügbare

Angebot an bezahlbarem

Wohnraum zusätzlich reduziert.

Speziell bei einkommensschwächeren

Menschen sorgt der Mangel an

erschwinglichen Wohnungen für

prekäre Lebensverhältnisse. Fehlt

preiswerter Wohnraum, führt dies

zu räumlicher Verdrängung und

sozialer Ausgrenzung.

Der Senat von Berlin beschloss im

Oktober 2019 einen Mietendeckel

für 1,5 Millionen Berliner Mietwohnungen (vgl. Senat

von Berlin 2019; Senatsverwaltung für Stadtentwicklung

und Wohnen 2019). Ausgenommen von

der Deckelung sind öffentlich geförderte Wohnungen,

sogenannte Sozialwohnungen, Wohnungen

mit Mietpreisbindung und Neubauten ab 2014. Das

Einkommen der Mieter*innen spielt für den Mietendeckel

keine Rolle. Die Mietpreise orientieren

sich am Mietpreisspiegel 2013: Je nach Ausstattung

und Alter des Gebäudes darf zwischen 3,92 und

maximal 9,80 € Nettokaltmiete pro Quadratmeter

verlangt werden. Die Lage der Wohnung bestimmt

über Zu- oder Abschläge. Unter der Voraussetzung,

dass zulässige Mietobergrenzen nicht überschritten

werden, dürfen ab 2022 Mieten jährlich um einen

Inflationsausgleich von 1,3 % steigen. Werden energetische

Modernisierungen oder Umbaumaßnahmen

zur Barrierefreiheit durchgeführt, können Mieten bis

maximal 1 € pro Quadratmeter erhöht werden. Neun

Monate nach Inkrafttreten des Gesetzes können

Mietpreissenkungen beantragt werden. Liegen die

Mieten über 120 % der Mietentabelle, werden diese

an der zulässigen Obergrenze gekappt.

Die Region Paris (Île-de-France) profitiert grundsätzlich

von einem starken sozialen Wohnbausektor:

1,3 Millionen Wohnungen, und somit rund ein Viertel

des Wohnraums der Region um die Hauptstadt,

sind Sozialwohnungen. Dennoch übersteigt der Bedarf

den verfügbaren erschwinglichen Wohnraum.

Wie kann der Mietpreisanstieg

verlangsamt

werden? Löst

Preispolitik die Wohnungsnot?

Wieviel

sozialen Wohnungsbau

braucht es? Und

wer baut eigentlich?

Angebot und Nachfrage scheinen auseinanderzudriften: Während 70 % der Anspruchsberechtigten

die höchste Förderrate zusteht, entsprechen nur rund 31 %

der Wohnungen dieser Kategorie. Seit 2000 haben sich die Immobilienpreise in

Paris verdreifacht, die Kluft zum Haushaltseinkommen nimmt kontinuierlich

zu. Noch vor 30 Jahren lebten Anspruchsberechtigte im Durchschnitt rund acht

Jahre im sozialen Wohnbau, bis 2013 erhöhte sich die Belegungsdauer bereits

auf 14,5 Jahre. Der soziale Wohnungsbau in Paris ist darauf ausgelegt, dass die

Inanspruchnahme zeitlich begrenzt ist. Die Veränderung in der Wohnmobilität

verzögert allerdings die Neuvergabe der Wohnungen. Ende 2018 warteten

bereits rund 720.000 Haushalte auf preiswerten Wohnraum.

In Prag wurde, wie in den meisten Städten des ehemaligen Ostblocks,

in den 1990er Jahren nach dem Zusammenbruch des

Kommunismus der Großteil der kommunalen Wohnungen

privatisiert. Der übrige Bestand der Gemeindewohnungen ist

ungleich auf das Stadtgebiet verteilt. Heute beträgt der Anteil

des sozialen Wohnbaus am Mietwohnungsmarkt knapp 16 %.

84 % der Wohnungen werden also zu marktüblichen Preisen

vermietet und sind nicht gedeckelt. Gleichzeitig ging der Bau

neuer sozialer Wohnungen in den letzten Jahrzehnten drastisch

zurück. Zwischen 2009 und 2018 wurden von insgesamt mehr

als 50.000 neu gebauten Wohnungen lediglich 472 gefördert

errichtet. Der Anteil des geförderten Wohnbaus am Wohnneubauvolumen

beträgt demzufolge knapp 0,9 %. In der Prager Wohnpolitik zeichnet

sich nach Jahren der Stagnation nun aber eine Trendwende ab: Die Privatisierungswelle

wird gestoppt, zeitgleich ist geplant, neuen sozialen Wohnungsbau

zu errichten. Im Unterschied zu anderen europäischen Städten wird in Prag

geförderter Wohnbau ausschließlich von der Kommune und nicht von gemeinnützigen

Gesellschaften entwickelt. Finanziert wird die Wohnbauoffensive über

den Affordable Housing Development Fund, in den die Erträge früherer Privatisierungen

flossen. Nach Schätzungen des Prague Institute of Planning and

Development stehen derzeit rund zwei Milliarden tschechische Kronen 1 für den

Bau leistbaren Wohnraums zur Verfügung.

In Wien fließen jährlich rund 650 Millionen Euro

in die Wohnbauförderung. Die Stadt investiert so

rund fünf Prozent ihres Gesamtbudgets in leist -

baren Wohnraum. Sozialer Wohnbau ist in Wien

nicht ausschließlich einkommensschwachen

Bevölkerungsgruppen vorbehalten. Wien hat seit

jeher den Anspruch, sozialen Wohnbau breiten

Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen. Die

Einkommens-Schwellenwerte sind so gestaltet,

dass in etwa 75 % der Wiener*innen anspruchsberechtigt

sind. Insgesamt gibt es in Wien über

die Stadt verteilt rund 220.000 Gemeindewohnungen

und ca. 200.000 dauerhaft sozial gebundene

Wohneinheiten von gemeinnützigen Wohnbauvereinigungen.

Der hohe Anteil geförderter Wohnungen

wirkt auch preisdämpfend auf das Segment der

freifinanzierten Mietwohnungen.

Urban Innovation Vienna (UIV)

ist Wiens Kompetenzzentrum

für städtische Zukunftsfragen.

Kernaufgabe von Urban Innovation

Vienna ist es, im Dialog mit

Politik, Verwaltung, Wirtschaft

und Forschung innovative

Strategien zur Bewältigung

der vielfältigen Aufgaben und

Herausforderungen, mit denen

Metropolen konfrontiert sind, zu

erarbeiten.

1 Das entspricht knapp

78 Millionen € (Stand:

Dezember 2019).

173


Internationale Perspektiven

Bodenmobilisierung und städtische Infrastruktur: Der Schlüssel für leistbares

Wohnen? Immer knapper werdende Flächenressourcen treiben in den stark

wachsenden Städten die Preise für Grund und Boden in die Höhe. Flächen zu

vertretbaren ökonomischen Konditionen bilden indes die Grundvoraussetzung

für leistbaren Wohnraum. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Stadtentwicklung

benötigt kommunale Ressourcen für die Errichtung von technischer, sozialer

und grüner Infrastruktur.

Welche Möglichkeiten stehen Städten

zur Mobilisierung geeigneter Flächen

zur Verfügung? Wie können Investor*innen

an den Kosten für Infrastrukturleistungen

beteiligt werden?

Amsterdam

Wer ist in Amsterdam Zielgruppe

bzw. für eine geförderte

Wohnung anspruchsberechtigt?

Die Vergabe sozialer Wohnun-

gen in Amsterdam ist nach Einkommen

gestaffelt: 80 %

der Sozialwohnungen werden

an Mieter*innen mit einem Haushaltseinkommen

von bis

zu 39.055 € pro Jahr (brutto) vergeben,

10 % stehen für Mieter*innen

mit einem Haushaltseinkommen

von bis zu 43.574 €

pro Jahr (brutto) zur Verfügung.

Der Rest wird an Bewohner*innen

vergeben, die über den

Einkommensgrenzen liegen,

wobei Haushalte mit spezifischen

Bedürfnissen (z. B. Großfamilien)

prioritär behandelt werden.

Köln befindet sich in der privilegierten

Situation, rund ein Drittel der

Grundstücke der Stadt zu besitzen.

Nur die Kirchen verfügen über einen

ähnlich großen Grundbesitz. Zwar

verteilt sich das städtische Eigentum

mehrheitlich auf Natur- und Landschaftsschutzgebiete

sowie ausgedehnte Flächen

des Kölner Waldes, aber dennoch gilt: Befinden sich

Baugründe in städtischer Hand, können mit der

Vergabe der Grundstücke Bedingungen an die Bauträger

gestellt werden. Auf diese Weise wird die

Bauwirtschaft an der Umsetzung stadtentwicklungspolitischer

Ziele beteiligt. Findet die Vergabe der

Grundstücke über einen Verkauf statt, stärken die

gewonnenen Einnahmen kurzfristig das Haushaltsbudget

der Stadt. In Köln werden derzeit vermehrt

ungenützte und leerstehende städtische Immobilien

veräußert. Der Verkauf ermöglicht die Entwicklung

von dringend notwendigen Wohnbauprojekten.

Werden Grundstücke nicht verkauft, sondern im

Erbbaurecht 2 vergeben, erwirkt die Stadt eine langfristigere

Steuerungsmöglichkeit. So kann nach

Ablauf der vereinbarten Nutzungsdauer die Fläche

erneut und unter neuen Bedingungen vergeben

werden. Der Gestaltungsspielraum der öffentlichen

Hand bleibt bestehen. 2016 führte Köln das Vergabeinstrument

des sogenannten Konzeptverfahrens ein.

Mit dem Vergabeverfahren werden Grundstücke an

Bauwerber*innen mit den besten Projektideen

Durchschnittliche Haushaltsgröße

Quelle: Amsterdam: Amsterdam,

Department for Research, Information

& Statistics; Berlin: AfS, Berlin Brandenburg,

Mikrozensus 2018; Köln: Stadt

Köln, Amt für Stadtentwicklung und

Statistik, Statistisches Informationssystem;

München: Landeshauptstadt

München, Statistisches Amt München;

Paris: Volkszählungen Paris; Prag:

Czech Statistical Office (EU-SILC); Wien:

Statistik Austria.

Amsterdam

(2019)

1,95

verkauft, nicht an Höchstbieter*innen. Die

Beurteilung der Konzepteinreichungen orientiert

sich an den Zielsetzungen der Stadt, die u. a.

lauten: leistbarer Wohnraum, nachhaltige Energiekonzepte

und soziale Mischung in den Quartieren.

Wie sich Konzeptverfahren bestmöglich auch

im Erbbaurecht anwenden lassen, wird in Köln

derzeit diskutiert.

Um die noch verfügbaren Flächen der Stadt vor

Bodenspekulation zu schützen, werden auch in

München seit 2010 Konzeptausschreibungen durchgeführt.

Grundstücke sollen nicht mehr wie bisher

zu dem höchsten Preis, sondern nach dem besten

Konzept zu einem festen Preis vergeben werden

(vgl. Landeshauptstadt München 2017). Städtische

Flächen werden grundsätzlich im Erbbaurecht vergeben,

nur noch in Ausnahmefällen werden Flächen

verkauft (z. B. im München Modell Eigentum 3 ). Seit

den 1990er Jahren steht München vor der Herausforderung,

Sozialwohnungen durch den Auslauf von

Bindungen zu verlieren. Anfang der 1990er Jahre

standen zwar noch ausreichend Grundstücke für

den Bau neuer leistbarer Wohnungen zur Verfügung,

jedoch fehlten die kommunalen Ressourcen für

die Errichtung der notwendigen Infrastrukturen. Das

vor 25 Jahren eingeführte Instrument der Sozialgerechten

Bodennutzung, kurz SoBoN, basiert auf

dem Grundprinzip, Planungsbegünstigte an den Kosten

und Lasten, die durch die kommunale Bauleitplanung

ausgelöst werden, zu beteiligen. So können

zwei Drittel des Bruttobodenwertzuwachses der

neu ausgewiesenen Baulandflächen abgeschöpft

werden. Die SoBoN wird bei allen Bebauungsplänen

angewandt, die zu Investitionskosten bei der Stadt

München führen und eine deutliche Bodenwertsteigerung

für planungsbegünstigte Eigentümer*innen

auslösen.

Berlin

(2018)

1,79

Wien

(2018)

2,22

Köln

(2018)

1,88

München

(2018)

1,86

Prag

(2018)

2,09

Paris Innenstadt

(2016)

1,88

176


Bernadette Luger, Victoria Mlango (UIV) Wie europäische Städte Wohnungs politik machen.

Mit dem Runden Tisch Liegenschaftspolitik entstand 2012 in Berlin ein

Diskussionsformat, in dem über unterschiedliche Themenfelder der Liegenschaftspolitik

diskutiert und beraten wird. Das Format ist als mehrstufiger

Diskussionsprozess angelegt und wird von der Initiative Stadt Neudenken

organisiert und moderiert. Ziel des Runden Tischs ist es, die Zivilgesellschaft

am Prozess der Neuausrichtung der Liegenschaftspolitik zu beteiligen. In

enger Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung erarbeiten in sogenannten

Werkstätten (vgl. Runder Tisch Liegenschaftspolitik 2017) Vertreter*innen der

Zivil gesellschaft gemeinsam mit Expert*innen konkrete Handlungsansätze zu

Themenschwerpunkten wie Konzeptverfahren oder Erbbaurechten. 2013

präsentierte der Runde Tisch einen Forderungskatalog (vgl. Runder Tisch Liegenschaftspolitik

2013) an die Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhauses.

Darin wird ein radikales Umdenken in der Berliner Liegenschaftspolitik gefordert:

Beim Verkauf landeseigener Grundstücke soll sich zukünftig die Vergabe

nach der möglichen Erfüllung stadtentwicklungspolitischer Zielsetzungen

richten und nicht nach zu erzielenden Höchstpreisen. Neben Diskussionsformaten

implementiert Berlin auch konkrete Maßnahmen. 2014 wurde mit

dem Berliner Modell der kooperativen Baulandentwicklung (vgl. Senatsverwaltung

für Stadtentwicklung und Wohnen 2018) ein Instrument zur Kostenbeteiligung

eingeführt. Bei Bauvorhaben mit mehr als 5.000 Quadratmeter

„Geschossfläche Wohnen“, die eine Aufstellung oder Änderung des Bebauungsplans

verursachen, müssen Bauträger anteilig für Herstellungskosten und

Flächenabtretungen aufkommen. Dies betrifft Erschließungsmaßnahmen ebenso

wie soziale Einrichtungen und Parkflächen. Die Höhe der Kostenbeteiligung

hängt von der Größe des Bauvorhabens und den spezifischen Erfordernissen

des jeweiligen Grundstücks ab. Auch die planungsbedingte Bodenwertsteigerung

wird in der Beurteilung der Angemessenheit und der Höhe der Kostenbeteiligung

herangezogen. Den Bauträgern steht es frei, ihren Anteil durch die Zahlung

eines Betrags abzugelten oder die einzelnen Bauleistungen selbst durchzuführen.

Die Aufstellung des Bebauungsplans ist an den Abschluss eines städtebaulichen

Vertrags geknüpft, der die Verpflichtungen der Bauträger gegenüber der

Stadt verbindlich regelt.

So wie auch in Berlin, wurde der Stadt Wien mit der

Bauordnungsnovelle 2014 das Instrument des

städtebaulichen Vertrags eingeräumt. So werden

privatrechtliche Vereinbarungen zwischen der Stadt

und Grundstückseigentümer*innen ermöglicht. Über

das Instrument können Liegenschaftseigentümer*innen

an den durch die Baulandschaffung entstehenden

Infrastrukturkosten und der Umsetzung der in

der Bauordnung für Wien genannten Planungsziele

beteiligt werden. Während das Instrument in Berlin

bei allen Umwidmungen, die gewissen Kriterien

entsprechen, systematisch angewandt wird, werden

städtebauliche Verträge in Wien derzeit nur bei

wenigen Großprojekten abgeschlossen. Die reine

Abschöpfung der Widmungsgewinne, wie dies in

München über die SoBoN erwirkt wird, ist nicht Ziel

der städtebaulichen Verträge in Wien. Diesbezügliche

Wertsteigerungen sind in Österreich auf Bundesebene

über die Immobilienertragssteuer geregelt

(vgl. Wiegand 2018).

München

Wer ist in München Zielgruppe bzw. für eine geförderte Wohnung

anspruchsberechtigt? Nach dem München Modell liegt die Einkommensgrenze

eines Einpersonenhaushalts für die Vergabe öffentlich

geförderter Wohnungen bei 38.700 € pro Jahr (brutto). Nach dieser

Regelung sind zwischen 50 und 60 % der Münchner Haushalte förderberechtigt.

Um das soziale Gleichgewicht in der Stadt zu bewahren

und die „Münchner Mischung“ dauerhaft zu gewährleisten, verfolgt

München vielfältige Förderkonzepte: der Konzeptionelle Mietwohnungsbau

(KMB) orientiert sich beispielsweise an zielgruppenspezifischen

Merkmalen anstatt an Einkommensgrenzen.

2 In Österreich Baurecht

3 Das München Modell Eigentum

bietet vor allem familiengerechte

Eigentumswohnungen, gelegentlich

auch Reihenhäuser. Die Stadt München

unterstützt den Immobilienerwerb

zusätzlich mit einem Kinderzuschuss

in Höhe von 10.000 Euro je Kind. Die

Immobilien werden von Bauträgern

angeboten oder können von Selbstbauern

im Rahmen einer Baugemeinschaft

errichtet werden (vgl. Landeshauptstadt

München 2019).

Mit der Bauordnungsnovelle 2018 führte Wien die

Widmungskategorie „Geförderter Wohnbau“ ein.

Werden künftig Flächen in Wohn- oder gemischten

Baugebieten gewidmet oder bestehende Baudichten

erhöht, sind in der Regel zwei Drittel der Grundstücksflächen

für leistbaren geförderten Wohnbau

vorgesehen. Die Deckelung der maximalen Grundkosten

sowie ein im Grundbuch eingetragenes

Veräußerungsverbot beugen Boden- und Immobilienspekulation

vor.

177


192

Smarter Together


Karin Zauner-Lohmeyer

Europaweiter Kampf

um leistbares Wohnen

Wohnraummangel, steigende Mieten,

ausufernde Immobilienspekulation:

Warum die Europäische Bürgerinitiative

Housing for All 1 notwendiger ist denn je.

Auf den ersten Blick ist es dem Wortlaut des Gesetzes

nach eindeutig: Jeder Mensch hat das Recht

auf Wohnen. Konkret: „Jeder hat das Recht auf

einen Lebensstandard, der seine

und seiner Familie Gesundheit und

Wohl gewährleistet, einschließlich

Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche

Versorgung und notwendige

soziale Leistungen, sowie das Recht

auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit,

Krankheit, Invalidität oder

Verwitwung, im Alter sowie bei

anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel

durch unverschuldete

Umstände“. 1948 hat man in der Allgemeinen

Erklärung der Menschenrechte – genauer

in Artikel 25, Absatz 1 – diesen minimalen Grundkonsens

der Weltgemeinschaft definiert.

Sie müssen die Städte verlassen, weil sie

sich das Wohnen dort nicht mehr leisten

können und lange Strecken in Kauf nehmen,

um an den Arbeitsplatz zu gelangen.

Rund 82 Mio. Europäer*innen sind mittlerweile

von Wohnkosten überbelastet oder

müssen in gesundheitsgefährdenden,

unzumutbaren Wohnverhältnissen leben.

Mehr nicht. Denn einklagbar ist dieses Recht nicht. Nicht zuletzt deshalb verabschiedete

die Europäische Union (damals noch: Europäische Gemeinschaft) 1996

die Europäische Sozialcharta. Erst 15 Jahre später hat Österreich diese Charta

ratifiziert, also in staatliches Recht übernommen. Aber: Österreich hat sich Ausnahmen

bedungen und Vorbehalte gegen die Artikel 30 (Recht auf Schutz vor

Armut) und 31 (Das Recht auf Wohnen) der Charta angemeldet. Und das, obwohl

eine Charta nicht mehr als eine Willenserklärung ist, die keinerlei Basis schafft,

individuell materielles Recht einzuklagen (wie dies etwa eine EU-Richtlinie oder

-Verordnung ermöglichte). Diese beiden Punkte gelten in Österreich also nicht,

anders als etwa in Finnland, Frankreich, Norwegen, den Niederlanden, Schweden

oder Italien, um nur einige zu nennen.

Vom Recht in die Realität. Von Lissabon bis Stockholm, von London bis Budapest:

Wohnen ist in den Metropolen Europas für viele Menschen mittlerweile unbezahlbar

geworden. Der Mangel an leistbarem Wohnraum ist dramatisch. Allein in Deutschland

fehlen laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung rund 1,9 Mio. bezahlbare

Wohnungen (vgl. Holm et al. 2018). Zudem wurden seit 1997 mehr als 700.000

kommunale Wohnungen privatisiert (vgl. Voigtländer 2007) – günstiger Wohnraum,

der den Städten spürbar fehlt. Rechnet man die Privatisierungen von landes- und

bundeseigenen Wohnungen sowie aus den Beständen von einstmals im Bundesbesitz

befindlichen Immobilienunternehmen dazu, sind es noch deutlich mehr.

1 Mit einer Unterschrift auf www.housingforall.eu

fordern Sie bessere EU-Gesetze, damit mehr bezahlbarer,

kommunaler und gemeinnütziger Wohnbau geschaffen

werden kann. Dies umfasst:

1. die Erleichterung des Zugangs für alle zu

gefördertem Wohnbau

2. keine Anwendung der Maastricht-Kriterien auf

öffentliche Investitionen in bezahlbaren und

sozialen Wohnbau

3. besserer Zugang zu EU-Finanzmitteln für kommunale

und gemeinnützige Wohnbauträger

4. soziale und wettbewerbsgerechte Regeln für

Kurzzeitvermietungen über Online-Plattformen

5. kleinräumige statistische Erfassung des Wohnbedarfs

in Europa

Ziel ist es, bis zum 18. März 2020 mehr als eine Million

Unterschriften zu sammeln. Ist die Initiative erfolgreich,

müssen die Anliegen von der EU-Kommission behandelt

werden und die Organisator*innen dürfen im EU-Parlament

vorsprechen.

193


Internationale Perspektiven

Hofer: Die Genossenschaften in Zürich ersetzen nur

dann Siedlungen durch Neubauten, wenn nachher

deutlich mehr Menschen in den Wohnungen leben.

Da Neubauwohnungen auch bei sozial orientierten

Bauträgern deutlich grösser sind als die Minimalwohnungen

aus den vierziger und fünfziger Jahren,

führt dies zu einem zusätzlichen Druck, erheblich

zu verdichten. Abgesehen davon verlangt die Ökonomie

größere Bauten. Mit drei Geschoßen und 15

Wohnungen ist ein Bauprojekt nicht zu bezahlbaren

Preisen realisierbar.

Simon-Philipp: Was ich mir nicht mehr vorstellen kann, sind klassische

Werkswohnungen. Denkbar sind aber Modelle, bei denen beispielsweise ein

bestimmter Teil des Unternehmensgewinns in den Wohnungsbau fließt.

Schiller: Wäre eine Werkssiedlung auf dem Fabrikdach denkbar?

Stadt bauen auf dem Industriegelände?

Simon-Philipp: Ja, schon eher. Man müsste untersuchen, wie viele Wohnungen

auf „Restflächen“ gebaut werden könnten. Auf Parkplätzen, eingeschoßigen

Gewerbebauten etc. Wahrscheinlich das Doppelte der bisherigen Anzahl – ohne

Qualitätsverlust, sogar mit Gewinn.

Simon-Philipp: Wir brauchen dazu mehr Innovation,

den Mut, neue Dinge umzusetzen. Zum Beispiel

beim Thema Stellplätze – hierfür braucht es

neue Lösungen und gelungene Beispiele, damit die

Menschen sehen, wie Qualität aussehen kann. Da

verspreche ich mir viel von der IBA. Sie kann Motor

für neue Ideen und Entwicklungen sein. Aber sie

braucht dafür die Bereitschaft zur Veränderung bei

den Menschen. Vielleicht gelingt das eher durch ein

iteratives Vorgehen, wie zum Beispiel in Heilbronn

oder Mannheim.

Schiller: Wie ist das in eher ländlich geprägten

Gebieten der Region Stuttgart? Kann auch dort

Stadt neu entstehen?

Simon-Philipp: Ein gutes Beispiel ist Freiberg am

Neckar, eine Gemeinde, die mit einer Überdeckelung

der Autobahn ein neues urbanes Stadtquartier entwickeln

will. Ebenso die Flandernhöhe in Esslingen,

wo ein dichtes, gemischt genutztes Transformationsprojekt

entstehen soll.

Hofer: An vielen Orten stimmt das „ländliche

Bild“ in der Region auch gar nicht. Wenn neben

dem beschaulichen Dorfzentrum eine Textilfabrik

steht, in der 4.000 Menschen arbeiteten,

könnten wir uns ja auch an diesen Strukturen

orientieren. Es ist mir aber schon bewusst, dass der

Diskurs über Dichte hier auf noch größere mentale

Widerstände stößt als in den urbaneren Gebieten.

Diese zu überwinden braucht Zeit, die wir als

IBA mit dem klaren Endpunkt im Jahre 2027 nicht

haben. Es gilt also die Orte zu finden, an denen

exemplarisch Beispielhaftes entstehen kann.

Der Weißenhof mit seiner langen Nachwirkung ist da

ein gutes Beispiel.

Schiller: Welche Rolle spielen die starken Industrieunternehmen

der Region Stuttgart in Bezug

auf den Wohnungsbau?

Gebler: Wir kooperieren verstärkt mit den örtlichen

sozialen Trägern wie etwa Pflegeeinrichtungen:

Mitarbeiter*innen dieser sehr wichtigen Einrichtungen

können sich aktuell in Stuttgart kaum noch

mit Wohnraum versorgen. Wir schaffen durch

die Vermietung von Genossenschaftswohnungen

gute Voraussetzungen, die Versorgung unserer

Bewohner*innen mit ambulanten Pflegeleistungen

nachhaltig zu sichern. In Stuttgart-Rot werden

wir so bis 2025 eine 24-Stunden-Versorgungssicherheit

in der ambulanten Pflege umsetzen können.

Zudem passen diese Menschen sehr gut zu der von

uns angestrebten ausgeglichenen Mieter*innenmischung.

Parallel hierzu entwickeln wir entsprechend

dem veränderten Nachfragebedarf neue Modelle

des Wohnens und Zusammenlebens, beispielsweise

mit Clusterwohnen, eingestreuten Wohngemeinschaften

für Menschen mit Handicap oder Interimswohnen

für Studierende.

Simon-Philipp: Eine wie auch immer geartete Verflechtung

von Industrie und Dienstleistungs bereich

mit der Wohnungswirtschaft, mit einer Finanzierung

neuer Wohnmodelle bis hin zu temporären Wohnformen,

finde ich sehr interessant. Man muss diesbezüglich

aber in Quartieren mit stabilen Nachbarschaften

denken – ein Boardinghouse schafft diese nicht.

Hofer: Bei großen Projekten in Zürich arbeiten die

Genossenschaften mit einem ganzen Netzwerk von

Partner*innen aus dem Sozialbereich, die einzelne

Wohnungen in den Häusern mieten. Dies sind zum

Beispiel Stiftungen für studentisches und betreutes

Wohnen für Menschen mit Einschränkungen,

Wohnungen für Flüchtlingsfamilien und sogar ein

Kinderheim hat zwei Großwohnungen für Wohngruppen

gemietet, um ein zusätzliches Angebot neben

der traditionellen Heiminfrastruktur zu schaffen. Auf

die Region Stuttgart und die Frage der Werkswohnungen

übertragen, könnte ich mir solche Modelle

gut vorstellen: Ein Unternehmen stellt vielleicht

Ostfildern Scharnhauser

Park; Foto: Nils Schubert

202


IBA 2027 StadtRegion Stuttgart Eine Stadtregion erfindet sich neu

das Grundstück bereit oder beteiligt sich an einem

gemeinwohlorientierten Wohnbauträger und erhält

dafür Kontingente für seine Mitarbeiter*innen.

Wichtig ist hier sicher wieder die Dimension des Projekts.

Eine Mischung mit anderen Nutzer*innengruppen

muss möglich sein. Die reine Werkssiedlung ist

bei den heutigen dynamischen Arbeitsverhältnissen

nicht mehr zeitgemäß und sozial problematisch.

Schiller: Was sollte die IBAʼ27 zum Diskurs über

das Thema Wohnen beitragen?

Simon-Philipp: Die IBA in der Region Stuttgart sollte

eine Antwort auf die Frage finden: Wie kann es gelingen,

in Metropolregionen guten, innovativen und

gleichzeitig kostengünstigen Wohnraum zu schaffen?

Im Vergleich zu Paris oder London ist Wohnen bei uns immer noch kostengünstig.

Wie können wir das halten – auch in enger Verknüpfung mit Mobilität? Die

IBA kann einen Beitrag zur Komplexität von Stadt leisten.

Gebler: Ich wünsche mir die Transformation unserer Quartiere hin zu einem gesellschaftlichen

Miteinander, das nicht ausgrenzt, sondern inkludiert. Die Stärken

nutzen, neue Wohnvielfalt zusammen mit Bestehendem zeigen. Ich kann mir vorstellen,

dass wir durch die Verbindung alter und neuer Nutzungsformen starke

Quartiere entwickeln können – mit allen Gesellschaftsgruppen und mit einer

Mischung, die die Nachbarschaft und die Hilfe zur Selbsthilfe stärkt. Die IBA sollte

zeigen, dass dieser Transformationsprozess gelingen kann.

Hofer: Wir möchten mit der IBA Begeisterung auslösen, trotz der vielen Hindernisse,

die es eventuell auf dem Weg gibt. Es gilt, die oft konträren wirtschaftlichen,

teils abstrakten Interessen von privaten Investor*innen, Kommunen und

aller am Bau Beteiligten zusammenzubringen.

203


Neubau auf

bekannten

Potenzialflächen

55 %

Geänderte Nutzung

bestehender Gebäude,

Mobiliisierung und Umbau

10 %

Weiterentwicklung

des Gebäudebestandes

27 %

Bisher nicht für Bebauung

vorgesehene Flächen

8 %

Gesamt Wien

+0,7 %

Wie in Wien Wohnungen

bereits gestellt werden

2014 bis 2025; Quelle:

Stadtplanung Wien

-3 %

-2 %

-1 %

0 %

1 %

2 %

3 %

Bevölkerungswachstum

2019 in

Wien nach Bezirken;

Quelle: Stadt Wien

Mit Beiträgen von Massimo Bricocoli,

Silvia Forlati, Uli Hellweg,

Peter Hinterkörner, Robert Korab,

Marcus Menzl und Claudia Nutz


Wohnbau darf nicht isoliert betrachtet, sondern muss in einen

größeren Maßstab eingebettet werden. Bei der Umsetzung inklusiver,

nutzungsdurchmischter und lebendiger Quartiere legt

die Stadt Wien einen hohen Stellenwert auf bauplatzübergreifende

Perspektiven und die frühzeitige Einbindung der Beteiligten,

vom Bezirk über den Bauträger bis zu den Bewohner*innen.

Bauträger sind zunehmend mit einem breiter werdenden

Aufgabenfeld konfrontiert – sie werden von Wohnbau- zu

Quartiersbauträgern. Welches Know-how und welche Prozesse

sind hierfür vorhanden oder müssen erst entwickelt werden?

Was kann das Quartier leisten? Welche Rolle spielen von Bewohner*innen

ausgehende Bottom-up-Initiativen für die Entwicklung

des Stadtteils? Wie werden Häuser zum Grätzl und wie

werden Quartiere zu Stadt? Quartiere

363.000

501.000

2011

2012

852.000

Jahreskarten

2019

Einführung der

365-Euro-Jareskarte

für den gesamten öffentlichen

Verkehr im

Wiener Stadtgebiet

Jahreskarte

Wiener*in

Gültig seit

01/05/2012

Anzahl der Jahreskartenbesitzer*innen

seit 2011; Quelle:

Wiener Linien


Hofstetter: Im Zuge der Gesamtentwicklung der IBA_Wien „Neues soziales

Wohnen“ hat sich immer mehr herauskristallisiert, dass wir im Gegensatz

zu bisherigen IBAs von Einzelprojekten zur Quartiersentwicklung kommen.

Im Lichte des Themas Neues soziales Wohnen würde es auch wenig

Sinn machen, nur die Einzelprojekte für sich zu betrachten. Auch wenn es

sich dabei zu einem guten Teil um strahlende Projekte handelt, müssen

wir vor allem das Augenmerk darauf legen, was die Gebäude für das

Quartier tun sollen und wollen.

Wien feiert gerade 100 Jahre Gemeindebau. Wenn wir zurückschauen

in eine total durchmischte Stadt vor 100 Jahren

mit allen Vor- und Nachteilen, die im Laufe der Zeit radikale

Veränderungen erfahren hat – die komplette Entmischung,

die Charta von Athen, der motorisierte Individualverkehr –,

die diese durchmischten Strukturen zerschnitten haben, und

jetzt wieder zurückkommen zu der Vorstellung einer durchmischten

Stadt mit lebendigen Quartieren, ist es wichtig, sich

zu überlegen, wie wir uns weiterentwickeln und wie die

Ziele und Prozesse dafür aussehen.

Gespräch mit Michael Kerbler,

Robert Korab, Senka Nikolic,

Claudia Nutz, Cornelia Schindler

und Sarah Zeller; Gesprächsleitung:

Kurt Hofstetter

1 Gleis 21 ist ein 2019 fertiggestelltes

Baugruppenprojekt

im Sonnwendviertel, das als

Quartiershaus unter anderem

mit dem Ziel konzipiert wurde,

als Impulsträger für neue soziale

Quartiere zu fungieren. Das

Projekt fußt auf den Grundlagen

„solidarisch wohnen“, „g’scheit

genießen“ und „medial gestalten“

und ist Bestandteil des

IBA-Kandidaten Quartiershäuser

Sonnwendviertel.

Tischgespräch

Quartiersentwicklung

Michael Kerbler, Sie vertreten die Baugruppe

Gleis 21 1 , wo wir heute auch zu Gast sein dürfen.

Ich möchte Sie bitten, uns ein wenig über Gleis

21 und seine Positionierung im Sonnwendviertel

zu berichten: Welcher Beitrag geht von

Ihrem Projekt, bei dem Sie an der Planung

beteiligt waren und in dem Sie jetzt leben, für

die Entwicklung des Quartiers aus? Was

sind die Merkmale einer funktionierenden

Quartiersentwicklung?

Kerbler: Sie haben auf 100 Jahre Gemeindebau hingewiesen. Wir verstehen uns

mit dem Konzept, das wir gemeinschaftlich entwickelt haben, nicht als Gemeindebau,

sondern als Gemeinschaftsbau. Die Gesellschaft hat in diesen 100 Jahren

der Veränderung einen Bogen gemacht – von dem Gemeindebau, der durchaus

auch kleindörfliche Strukturen hat, über die Individualisierung und Vereinzelung

(wenn man es negativ nimmt) zurück dahin, dass man wieder gemeinschaftlich

oder gemeinsam, auch generationenübergreifend wohnt. Wir können die Probleme,

die sich in einer Stadt ergeben, nur gemeinschaftlich lösen. Wie kann Gleis

21 ein Katalysator sein? Wir wollen hier mit der Erdgeschoßzone etwas dazu beitragen,

ein Ort des Dialogs zu sein, eine Agora zu entwickeln, eine Begegnungszone,

die aber unter Mitwirkung der Leute aus der Umgebung – dem Grätzl, dem

Viertel, dem Bezirk – entsteht.

Hofstetter: Wie sind Sie mit den doch recht straffen

Anforderungen, die an die Quartiershäuser aus

der Planungsphase herangetragen wurden, umgegangen?

Wo lagen für Sie die Schwierigkeiten?

Kerbler: Aufgrund unserer Überlegungen für die Erdgeschoßnutzung

haben wir das Vorkaufsrecht für dieses

Grundstück bekommen. Wenn wir gewusst hätten, was

es bedeutet, eine, vor allem ökonomisch, funktionierende

Situation herzustellen, dann hätten wir wahrscheinlich

auch im Erdgeschoß Wohnungen gebaut mit

einem handtuchgroßen Garten, wie das manche im

Umfeld gemacht haben. Das hat etwas von einem Marathonlauf

mit einem bleischweren Rucksack. Solange

das Viertel nicht fertig ist, ist es einfach wahnsinnig

schwer, hier Nutzer*innen oder Mieter*innen zu kriegen.

Die erste Frage, die Interessent*innen nach Wie

geht es Ihnen? stellen, ist: Wie groß ist die Frequenz?

Tischgespräch mit Michael

Kerbler, Robert Korab, Senka

Nikolic, Claudia Nutz, Cornelia

Schindler and Sarah Zeller;

Gesprächs leitung: Kurt

Hofstetter

224


Tischgespräch Quartiersentwicklung

2 Die Sargfabrik wurde 1996

auf dem Areal einer ehemaligen

Sargfabrik im 14. Wiener Gemeindebezirk

fertiggestellt und ist

Österreichs größtes selbstverwaltetes

Wohn- und Kulturprojekt.

Die Miss-Sargfabrik wurde im

Jahr 2000 als Erweiterung des

Wohnprojekts in unmittelbarer

Nachbarschaft errichtet.

Cornelia Schindler, Claudia Nutz,

Robert Korab, Senka Nikolic,

Michael Kerbler, Sarah Zeller,

Kurt Hofstetter, Kerstin Pluch

(v.l.n.r.); Foto: Lukas Gächter

Wir haben einen finanziellen Polster geschaffen,

um die Leerstände zu überbrücken. Ohne das

könnte es leicht passieren, dass es eine finanzielle

Belastung wird.

Hofstetter: Robert Korab, wie haben Sie das

bei der Sargfabrik 2 gemacht?

Korab: Wir haben in der Sargfabrik als Betrieb engagierter

Laien angefangen und es hat einige Jahre

gedauert, bis wir vom Laienbetrieb zum professionell

geführten, gemeinwohlorientierten, gemeinnützigen

Betrieb geworden sind. Dieses erste Stadium

haben wir nur mit großer Anstrengung finanziell

durchgehalten. Es ist schon ein Erfolg, mit so hohen

Ansprüchen an die Wirksamkeit für das Quartier

und den Bezirk einen wirtschaftlich ausgeglichenen

Betrieb durchzuhalten. Das geht zum Beispiel auch

nicht ohne Subventionen für die Kultur. Es ist eine

wichtige Frage, wie Quartiersbelebung leistbar ist

und bleiben kann, und ich denke, das geht nur, wenn

es auch wirtschaftlich überlebensfähig ist. Nur aus

zivilgesellschaftlichem Engagement heraus geht es

nicht. Das ist meines Erachtens generell eine wichtige

Frage: Wer trägt die Quartiersentwicklung?

Kerbler: Da spielen auch die Rechtsmaterien eine

wesentliche Rolle, das Mietrechtsgesetz und das

Wohnungseigentumsgesetz. Dass die Stadt zu einer

klaren, rechtlich fundierten Absicherung solcher

Projekte kommt, ist Grundvoraussetzung für derartige

künftige Projekte und Voraussetzung, um an

einem Quartier der Zukunft zu bauen.

Nutz: Wenn man sich anschaut, wie früher große

Neubauquartiere entstanden sind, dann ist das über

die Jahrzehnte relativ etabliert: Es gibt einen städtebaulichen

Plan, der ist, hauptsächlich in den letzten

Jahrzehnten, sehr stark räumlich, aber auch immer

inhaltlich gedacht. Im Prinzip ist es ein großes Bild.

Aber was dann passiert ist, ist dass man es wie

bei einem Puzzle gemacht hat – man hat das Bild

gestanzt, dann jedem ein Teil in die Hand gegeben

und gesagt, jetzt baut es schön zusammen, in der

Erwartung, dass dann wieder dieses Gesamtbild

entsteht. Es ist aber eher wie so ein Rubik’s Cube

– wenn man auf einer Seite dreht, verdreht dreht

sich hinten schon wieder was. Diese Komplexität

hat es, und es stellt sich die Frage, wie man dieser

Komplexität begegnet. Interessant ist es, die unterschiedlichen

Ansätze zu vergleichen. Zum Beispiel

225


4 Der Online-Service Raumteiler auf imGrätzl.at.

Im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsprojekts

Mischung: Nordbahnhof entwickelte die Plattform

imGrätzl.at den Online-Service Raumteiler, der

besonders Ein-Personen-Unternehmen bei deren

Raumsuche unterstützt. Raumhabende und Raumsuchende,

die bereit sind, Gewerbeflächen zu

teilen, werden online vernetzt und können sogenannte

Gewerbe-WGs gründen. Der Erfolg dieses

Tools ist ein Zeichen dafür, dass hier ein sonst kaum

wahrgenommener Vernetzungsbedarf vorhanden

ist. Siehe www.imgraetzl.at/wien/raumteiler.

3 Die Nordbahnhalle, eine ehemalige Lagerhalle mitten im neuen Stadtteil

Nordbahnhof Wien, wurde von 2017 bis 2019 vom F&E-Projekt Mischung:

Nordbahnhof als Impulslabor in den Bereichen Co-Working und Co-Making

aktiviert. Daraus konnten wesentliche Erkenntnisse gewonnen werden.

Was wird gebraucht? Statt Monofunktionalität werden auch im kleinsten

Maßstab und innerhalb der funktionalen Kategorie des Arbeitens Kombinationen

unterschiedlicher „Raummodule“ gesucht und individuell kombiniert:

Lager und Büroarbeitsplatz und – warum eigentlich nicht? – eine Miniwerkstattoption

dazu.

Gemeinschaftlich nutzbare Infrastrukturen spielen hier eine wesentliche

komplementäre Rolle: Besprechungsräume, Küchen, Schauräume, Verkaufs-

oder multifunktionale Räume (Veranstaltungen, Ausstellungen,...) sollten

nach Bedarf und auf Zeit „dazugeschaltet“ werden können.

Die Ausdifferenzierung spiegelt sich in den Nutzungsstrukturen der Einheiten

wider. Die Möglichkeit des Raumteilens bietet einen wesentlichen Spielraum:

Raummodule können von unterschiedlichen Ein-Personen-Unternehmen

geteilt oder exklusiv genutzt werden. Ausdifferenzierte Zeitmuster aufgrund

von Teilzeittätigkeiten, Kombinationen mit Sorgearbeit usw. kennzeichnen

die Nutzung dieser Räume. Da möglicherweise nicht alle gleichzeitig regelmäßig

anwesend sind, können bereits Einheiten von 20 m 2 genug Raum für

drei Arbeitsplätze bieten. Somit ist in Zellen- sowie auch Großraumstrukturen

eine Nutzungsdichte möglich, die die Kosten pro Arbeitsplatz noch leistbarer

machen kann; Foto: Markus Fattinger

Einbindung von kooperativen Organisationsformen

der Nicht-Wohnnutzungen und Bündelung

der Nachfrage durch hybride Vernetzungen. Die

Möglichkeit, größere und kleinere Gewerbeflächen

kooperativ zu nutzen und die Kosten zu teilen, ist

für viele geringverdienende Ein-Personen-Unternehmen

und nicht profitorientierte Initiativen die

einzige Chance, sich einen Arbeitsplatz außerhalb

der Wohnung zu leisten. Nicht nur Raum, auch eine

Community wird gesucht. Der regelmäßige Kontakt

mit anderen Gleichgesinnten ist letztendlich eine

große Motivation, das Arbeiten von zu Hause – wo es

am günstigen ist – zu verlagern.

Die Bündelung der Nachfrage ist in der Praxis abhängig von der Initiative und

der Risikobereitschaft Einzelner, die sich bereit erklären, sowohl die Hauptmiete

als auch das Leerstandsrisiko zu übernehmen. In dem Modell des beruflichen

Raumunternehmens (vgl. Buttenberg et al. 2014; Kerekes 2018) wird der Verwaltungs-

und Koordinationsaufwand der Bündelung entsprechend belohnt. Der

professionelle Betrieb von kooperativen Arbeitsräumen ergibt ab einer gewissen

Anzahl an Arbeitsplätzen bzw. einer gewissen Größe Sinn: ab ca. 500 m² laut

Erfahrungswerten aus Wien. Durch Selbstorganisation können auch kleinteilige

Flächen für „kleine“ Nutzer*innen zugänglich gemacht und leistbar werden.

Entsprechende Kommunikationsstrukturen und Instrumente werden benötigt,

um Raumangebote unter 500 m 2 und kleinteilige Raumnachfragen aufeinander

abzustimmen und miteinander zu vernetzen. 4

Entwicklung von leistbaren Mietmodellen auch für gewerbliche Flächen.

Die Modelle des Raumteilens zählen zu den Möglichkeiten, die Kosten für Einzelne

zu senken. Sie setzen jedoch voraus, dass die Gesamtmiete und die Finanzierung

der Investitionskosten für den Innenausbau im Rahmen bleiben. Das

ist eine besondere Herausforderung im Neubau. Dazu wurden in Wien in den

letzten Jahren zwei Querfinanzierungsmodelle getestet: vertikale Querfinanzierung

innerhalb eines Gebäudes durch Wohnungen in den oberen Geschoßen

(Quartiershäuser im Sonnenwendviertel) oder horizontale Querfinanzierung

dank eines zentralisierten Erdgeschoßmanagements (Seestadt und Nordbahnhof

– zweite Phase). Diese Modelle sind bislang Einzelfälle. Die Leistbarkeit bleibt

eine wesentliche Herausforderung. Finanzierungs- und Förderungsinstrumente

werden benötigt, die Leistbarkeit dieser Flächen für diese Zielgruppen sichern.

Abgestimmtes Zeitmanagement und Steuerung des Prozesses. Kleinteiligkeit

(oder die Möglichkeit dazu) muss sehr früh im Projekt festgelegt werden und erhöht

die Baukosten (mehrere Einheiten erfordern mehr Haustechnik usw.). Bauträger

möchten gerne Monate, manchmal auch Jahre im Voraus wissen (und vertraglich

festlegen), für wen sie gewerbliche Flächen planen und bauen. Eine langfristige

Planung mit Ein-Personen- und Mikrounternehmen ist schwierig und geht an der

Lebensrealität dieser Zielgruppen vorbei. Es besteht keine Planungssicherheit, weil

die Nutzer*innen in der Planungsphase noch nicht bekannt sind und Planer*innen

und Bauträger die Raumanforderungen nicht im Voraus – auch aufgrund mangelnder

Recherchen und Erfahrungswerte – definieren können. Die Erfahrungen aus

dem Testlauf Mix it! 5 im Rahmen des F&E-Projekts Mischung: Nordbahnhof zeigten,

dass man durch eine passende Kommunikation Interessent*innen für solche

Nutzungen bereits frühzeitig in das Projekt einbinden kann. Trotzdem ist hier ein

erhöhter Kommunikations- und Begleitaufwand zu berücksichtigen.

234


Silvia Forlati Mix it! Zutaten für die Nutzungsmischung in neuen Stadtteilen

Aus Sicht der Bauträger ist diese Art der kleinteiligen Nachfrage trotz möglicher

Rentabilität durch dichte Nutzung nicht strukturiert genug. Das Vermieten an

mehrere „Kleine“ wird im Vergleich zu einem „großen Einzelmieter“ als Leerstandsrisiko

eingeschätzt. Das Potenzial der Summe wird nicht erkannt: Erfahrungen

zeigen, dass einzelne „kleine“ Mieter*innen immer wieder abspringen

und neue Nachmieter*innen für diese kleinen Flächen relativ schnell gefunden

werden können. Einzelne Nachmieter*innen für große Gewerbeflächen sind

hingegen viel schwieriger zu finden. Die Herausforderung liegt hier in den passenden

Verwaltungsstrukturen für die kleinteilige Vermietung sowie in der Schaffung

einer anderen Perspektive für die Risikoabschätzung des Leerstandes.

Schaffung von Anreizen und Bottom-linked-Instrumenten zur Verstärkung

der individuellen Initiativen. Der Mehrwert dieser Nutzungen liegt in einer

übergeordneten Perspektive. Die Verantwortung der Sicherstellung kleinteiliger

Flächen für Gewerbe und Produktion in der Stadt kann nicht nur bei den Bauträgern

und bei Modellen der Querfinanzierung liegen. Eine Zusammenarbeit und

Koordination der Stadtplanung mit der Wirtschafts- und Standortförderung ist Teil

der Aufgabe. Eine besondere Herausforderung der Kleinteiligkeit ist die Unterstützung

von kooperativen Andockräumen und Raumteilern sowie deren Aktivierung.

Hier ist die Schaffung von Instrumenten, die Bottom-up-, also nutzer*innenbasierte

Initiativen mit übergeordneten städtebaulichen Strategien verbinden, eine

zentrale Aufgabe der öffentlichen Hand. Neue Bottom-linked-Modelle der Förderung,

die das Ermöglichen („enabling“) zum Ziel haben, könnten hier aus vielen

getrennten Mosaiksteinen ein großes Ganzes schaffen.

5 Prototyp Mix it! schafft leistbaren Raum, der auf verschiedene Nutzungen adaptierbar und

kaum leerstandsgefährdet ist. Großflächige Lokale können in mehrere Raummodule geteilt

werden, die zwei bis drei Personen gemeinsam nutzen. Die Räume richten sich an unterschiedliche

Branchen, von Fotografie bis Büroarbeit, von Leichtproduktion bis Verkauf. Die Vermietung

steht, wie bei einer Wohngemeinschaft, auf vielen Beinen. Gleichzeitig werden weder

Raumunternehmen noch ein übergeordnetes Möblierungskonzept benötigt. Jeder Raum bietet

Platz für eine Minigemeinschaft, die selbstständig entscheiden kann, wo was Platz findet.

Für den Stadtteil bedeutet Mix it! Nutzungs- und Angebotsvielfalt. Außerdem entsteht eine

Gemeinschaft, die ein Impuls für den Stadtteil sein kann.

Um diesen Impuls sichtbar zu machen, ist Mix it! im Erdgeschoß angesiedelt. Je nach Lage des

Raums ist die Nutzung eine andere (klassische Büros oder Ateliers eher im hinteren Bereich,

Geschäftslokale mit eigenen Schaufenstern an der Straße). Direkt beim Eingang befinden sich

ein Gemeinschaftsbereich mit Sitz- und Besprechungsmöglichkeiten sowie ein gemeinsames

Schaufenster. Hier ist Platz für Austausch, Vernetzung und Kennenlernen. Dieser Eingangsbereich

kann ebenso als Andockmöglichkeit für den Stadtteil gesehen werden.

Die Pakete sind All-in-Preise zwischen 280 und 450 Euro pro Monat. Für die Vermietung

können Einzelverträge oder Raumverträge mit Untermietmöglichkeit abgeschlossen bzw.

ein Trägerverein gegründet werden.

Im Rahmen des Online-Services Raumteiler wurde Ende 2018 ein Testcall abgewickelt. Es kristallisierte

sich eine Gruppe von Ein-Personen-Unternehmen heraus, die schon in einer früheren

Phase bereit war, ins Projekt einzusteigen. Somit wurde die Möglichkeit einer frühzeitigen Einbindung

der Unternehmer*innen bei der Vermietung kleinteiliger Gewerbeflächen bewiesen.

Der Prototyp Mix it! wurde im Rahmen von Mischung: Nordbahnhof von imGrätzl.at (Mirjam

Mieschendahl), TU Wien (Silvia Forlati) und EGW Heimstätte (Julian Junker) entwickelt.

Literatur

Buttenberg, Lisa; Overmeyer, Klaus; Spars, Guido (Hg.) (2014):

Raumunternehmen. Wie Nutzer selbst Räume entwickeln.

Berlin: Jovis.

Eichmann, Hubert; Nocker, Matthias (2015): Die Zukunft der Beschäftigung

in Wien – Trendanalysen auf Branchenebene. Wien: Forschungsund

Beratungsstelle Arbeitswelt. https://www.wien.gv.at/wirtschaft/

standort/pdf/beschaeftigung-trendanalysen-branchen.pdf (Abgerufen:

Oktober 2019)

Forlati, Silvia; Peer, Christian (Hg.) (2017): Mischung: Possible! Wege

zur zukunftsfähigen Nutzungsmischung. Wien: Abteilung für

Wohnbau und Entwerfen, Fachbereich Soziologie, TU Wien. https://

www.smartcities.at/assets/Uploads/Mischung-Possible-Auflage-2.pdf

(Abgerufen: September 2019)

Kerekes, Thomas (2018): Schwerpunkt Raumunternehmen. In: Raumteiler

Festival. Die Nordbahnhalle als Schmelztiegel für kooperative

Nutzungskonzepte und leistbare Gewerbeflächen. Wien: Abteilung für

Wohnbau und Entwerfen, Fachbereich Soziologie, TU Wien. https://

blog.imgraetzl.at/wp-content/uploads/2019/04/MPN_Dokumentation-

Raumteiler-Festival.pdf (Abgerufen: September 2019)

Läpple, Dieter (2016): Produktion zurück in die Stadt. Ein Plädoyer. In:

Bauwelt, 35, 22–29.

MaccreanorLavington; Peter Brett Associates; Harrington, Graham

(2014): Accomodating Growth in Town Centres. London: Greater

London Authority. https://www.london.gov.uk/sites/default/files/

gla_migrate_files_destination/AccommodatingGrowthInTown

Centres2014_2.pdf (Abgerufen: September 2019)

Novy, Andreas; Strickner, Alexandra; Plank, Leonhard; Lutter,

Johannes; Bartik, Herbert (2018): Alltagsökonomie – Systemische

Innovationen für neue urbane Gestaltungsräume. Konferenzprogramm.

https://www.wu.ac.at/fileadmin/wu/d/i/mlgd/News/

alltagsoekonomie_2018.pdf (Abgerufen: November 2018)

Streeruwitz, Lina; Vlay, Bernd; Vögele, Heike (2017): Mischkonstellationen.

In: Forlati, Silvia; Peer, Christian (Hg.): Mischung: Possible! Wege

zur zukunftsfähigen Nutzungsmischung. Wien: Abteilung für Wohnbau

und Entwerfen, Fachbereich Soziologie, TU Wien.https://www.smartcities.at/assets/Uploads/Mischung-Possible-Auflage-2.pdf

(Abgerufen:

September 2019)

Peer, Christian (2018): Geteilte Räume. Urbane Mischung für mehr

gesellschaftlichen Zusammenhalt. In: Raumteiler Festival. Die Nordbahnhalle

als Schmelztiegel für kooperative Nutzungskonzepte

und leistbare Gewerbeflächen. Wien: Abteilung für Wohnbau und

Entwerfen, Fachbereich Soziologie, TU Wien. https://blog.imgraetzl.at/

wp-content/uploads/2019/04/MPN_Dokumentation-Raumteiler-

Festival.pdf (Abgerufen: September 2019)


Robert Korab

Die Grätzl-

Genossenschaft

Günstiger Leben

durch Vernetzen &

Teilen in der Wohnhausanlage

und im

Stadtteil

Die Wiener Wohnungspolitik und der Wiener soziale

Wohnbau sichern seit einem Jahrhundert das

Grundrecht auf günstiges Wohnen für die in Wien

lebenden Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht,

sozialem Stand, kultureller und religiöser

Zugehörigkeit.

zen und Teilen kostengünstiger zu gestalten. Ziel ist

es, Konsum- und Dienstleistungsqualität mit weniger

Verausgabung und unnötigem Individualbesitz zu

erreichen und daneben auch das lokale Kleingewerbe

und private Initiativen und Zusammenschlüsse im

Grätzl zu fördern.

Die Grätzlgenossenschaftsidee knüpft an

den Geist der Genossenschaftsbewegung

des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts

an und will die Organisationsform der

Konsument*innengenossenschaft

wiedererwecken, um das Alltagsleben

durch Vernetzen und Teilen kostengünstiger

zu gestalten.

Seit der Liberalisierung der Märkte in den 1980er

Jahren, verstärkt aber seit der Finanzkrise 2008, geht

auch in Österreich die Vermögensschere rapide auf,

die Lebenshaltungskosten wachsen schneller als

die realen Einkommen. Günstiges Wohnen alleine

reicht nicht mehr, um den Lebensstandard halten

zu können und nicht vom

sozialen Abstieg bedroht zu

sein. „Leistbares Leben“ ist für

wachsende Teile der Bevölkerung

zur Herausforderung im

Alltag geworden.

Diesen Bedarf spricht das

Konzept der Bildung lokaler

Grätzlgenossenschaften an, das

im Zuge des Bauträgerwettbewerbs

Berresgasse von raum

& kommunikation vorgestellt

wurde. Die Grätzlgenossenschaftsidee knüpft an den

Geist der Genossenschaftsbewegung des späten 19.

und frühen 20. Jahrhunderts an und will die Organisationsform

der Konsument*innengenossenschaft

wiedererwecken, um das Alltagsleben durch Vernet-

Die Genossenschaft als wirtschaftliche Solidargemeinschaft.

Das Genossenschaftswesen ist im

19. Jahrhundert entstanden, anfangs als Einkaufsgenossenschaften

von Arbeiter*innen, zur gegenseitigen

Unterstützung in Notlagen und um Sondergewinne

des Handels auszuschließen, später auch als

Zusammenschluss von Manufakturen und Handwerker*innen

zur Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit

sowie als wirtschaftlicher Verbund der

Ende des 18. Jahrhunderts in Besitz des bewirtschafteten

Landes gekommenen Klein- und Mittelbauern

und -bäuerinnen.

In den vergangenen 20 Jahren erlebt die Genossenschaftsbewegung

in verschiedensten Formen einen

Aufschwung. Sie ist Teil einer regionalen und lokalen

Gegenbewegung zu den Konzentrationstendenzen

der globalen Marktwirtschaft. Die Anerkennung der

1 Schema GrätzlGenossenschaft;

Copyright: raum &

kommunikation GmbH

vernetzen teilen sparen

Die GrätzlGenossenschaft

Bisher

wenig

Austausch

separate

Nutzung

volle

Kosten

242


Robert Korab Die GrätzlGenossenschaft

Genossenschaftsidee als UNESCO-Weltkulturerbe

im Jahr 2016 würdigt insbesondere deren Beitrag

zum sozialen Zusammenhalt weltweit als Ausdruck

bürgerschaftlichen Engagements jenseits von privaten

und staatlichen Wirtschaftsformen. Sie unterstreicht

die Bedeutung der Genossenschaft als einer

an sozialen Werten orientierten Bewegung, die auf

ideellen Grundsätzen wie Solidarität, Verantwortung

und Demokratie aufbauend eine alternative Wirtschaftsform

bildet.

Die Wirkung genossenschaftlicher Organisationsformen

geht somit weit über den bloßen ökonomischen

Nutzen für die Mitglieder hinaus. Die International

Co-operative Alliance (ICA) nennt auf ihrer Homepage

als sieben Grundsätze einer Genossenschaft

(vgl. International Co-operative Alliance 2019):

+ freiwillige und offene Mitgliedschaft

+ demokratische Kontrolle durch die Mitglieder

+ wirtschaftliche Beteiligung der Mitglieder

+ Autonomie und Unabhängigkeit

+ Ausbildung, Fortbildung und Information

+ Kooperation mit anderen Genossenschaften

+ Vorsorge für die Allgemeinheit

Diese Werte sprechen vieles an, was für den Zusammenhalt

der Gesellschaft und die Inklusion der

Bewohner*innen einer Stadt wichtig ist: Demokratie

und Gemeinschaft, wirtschaftliche Teilhabe

und persönliche Entwicklungschancen, Bildung und

Kooperation. In diesem Sinn ist die GrätzlGenossenschaft

nicht nur eine Wirtschaftsgemeinschaft

ihrer Mitglieder, sie strahlt darüber hinaus auch

im Sinne des Neuen sozialen Wohnens in der Rolle

einer Gemeinwesenbildung in den Stadtteil aus.

Vernetzen – Teilen – Sparen mit der Grätzl-

Genossenschaft. Gemäß der Leitidee „einfach günstig

leben“ sollen die Bewohner*innen im Stadtentwicklungsgebiet

Hirschstetten-Berresgasse (Neubau

und bestehende Siedlungen und Wohnhausanlagen)

durch gemeinsame Nutzung und Beschaffung und

durch die Bildung lokaler Netzwerke Kosten sparen.

Für die lokalen Gewerbetreibenden soll der Zugang

zur Bevölkerung vor Ort verbessert und die lokale

Wertschöpfung erhöht werden.

Die zu diesem Zweck gegründete GrätzlGenossenschaft

ist eine demokratisch organisierte privatwirtschaftliche

Unternehmensform, in der alle Mitglieder

weitgehend gleiche Rechte und Pflichten haben. Die

Mitglieder sind mit ihren Geschäftsanteilen Teilhaber*innen

am genossenschaftlichen Unternehmen

und damit Träger*innen der Genossenschaft.

Sie verwalten und kontrollieren das genossenschaftliche

Geschehen unmittelbar in der Generalversammlung

und mittelbar durch die aus ihren Reihen

gewählten Organe.

Warum Genossenschaft? Im Vergleich zu anderen

Unternehmensformen bietet die Genossenschaft

folgende Vorteile:

+ problemloser Eintritt von Mitgliedern mit

kostengünstiger Zeichnung,

Kündigung und Übertragung von

Geschäftsanteilen

+ flexible Gestaltung der Kooperation

in der Satzung

+ Synergien durch Kooperationen

nutzen, dabei Selbständigkeit

erhalten

+ kein fixiertes Stammkapital –

Offenheit für neue Kooperationspartner*innen

+ hohe wirtschaftliche Sicherheit aufgrund

laufender Betreuung und Prüfung durch den

Revisionsverband

+ beschränkte Haftung der Mitglieder

Die Anerkennung der Genossenschaftsidee

als UNESCO-Weltkulturerbe im Jahr

2016 würdigt insbesondere deren Beitrag

zum sozialen Zusammenhalt weltweit

als Ausdruck bürgerschaftlichen

Engagements jenseits von privaten und

staatlichen Wirtschaftsformen.

Zweck und Ziele der GrätzlGenossenschaft. Die GrätzlGenossenschaft

+ ist zugleich betriebswirtschaftlich und gemeinschaftlich orientiert. Sie

ist darauf ausgerichtet, Erträge zu erwirtschaften, welche wieder in

die Genossenschaft fließen und allen Mitgliedern der Genossenschaft

zugutekommen.

+ ist selbstorganisiert und wird von den Mitgliedern (Bewohner*innen und

lokale Gewerbetreibende) getragen. Sie ist eine Nutzer*innengenossenschaft

und agiert niederschwellig direkt von Mensch zu Mensch.

+ übernimmt die Organisation, Vermittlung und Erbringung von geldwerten

Services für ihre Mitglieder. Sie nutzt, bewirtschaftet und organisiert eigene

und externe Räume für Aktivitäten ihrer Mitglieder im Grätzl. Sie bietet ihren

Mitgliedern diese Services und Räume stark vergünstigt bis kostenlos.

+ bietet den organisatorischen Rahmen für die gemeinsame Anschaffung von

Ressourcen, die im Alltag benötigt werden (Werkzeug, Lebensmittel, Transportfahrzeuge,

Dienstleistungen, ...).

+ fördert die lokale Ökonomie als Drehscheibe und Vernetzungsplattform für

wirtschaftliche Aktivitäten ihrer Mitglieder im Grätzl (Netzwerk Gewerbetreibende,

Produzent*innen und Kund*innen) und trägt damit zur Stärkung und

Aufwertung des gesamten Grätzls bei.

+ fördert nachbarschaftliches Engagement, Vernetzung und gegenseitige Hilfe

im Grätzl. Das soll die Zufriedenheit der vor Ort lebenden und arbeitenden

Bevölkerung mit ihrem Lebensumfeld steigern.

+ wirkt im gesamten Grätzl inklusive der angrenzenden Siedlungen. Sie soll

bereits vor Besiedlung des neuen Stadtquartiers Berresgasse mit Bewohner*innen

und Gewerbetreibenden aus den angrenzenden Siedlungen gegründet

werden und damit später die Integration des Neubauquartiers in die

bestehenden Siedlungen und Wohnhausanlagen erleichtern.

243


Viele Bestände der Nachkriegszeit und in den gründerzeitlichen

Quartieren sind in die Jahre gekommen. Die Transformation dieser

Bestände ist herausfordernd: Sie darf nicht auf die bauliche

Nachrüstung und Nachverdichtung reduziert werden, sondern

muss unter Berücksichtigung der demographischen Strukturen,

der freiräumlichen Qualitäten, der sozialräumlichen Spezifika

und des Zusammenlebens der Bewohner*innen erfolgen.

Gleichzeitig ist es naheliegend, bei der Frage nach leistbarem

Wohnraum die Bestandsquartiere mit ihren bestehenden Infrastrukturen

ganz besonders in den Blick zu nehmen. Welche

Chancen und Potenziale für die Stadtentwicklung liegen in der

Bestandsentwicklung? Und welche Rolle spielt der Bestand im

Hinblick auf leistbares und soziales Wohnen? Bestände

Gesamt Wien

2. Bezirk

11. Bezirk

Öffentliche Radabstellplätze in

Wien 2020, Fahrradabstellplätze

je 1000 Einwohner*innen;

Quelle: MA 46, Statistik Austria


Gesamt

Wien

+ 8,0 %

2. Bezirk

+ 8,5 %

22. Bezirk

+ 17,0 %

10. Bezirk

+ 11,9 %

6. Bezirk

+ 1,9 %

Entwicklung des Wohnungsbestandes

zwischen 2001 und 2022 in Prozent;

Quelle: Statistik Austria, Gebäude- bzw.

Häuser- und Wohnungszählungen

1991–2001, Registerzählung 2011

Österreich

63,5 %

27,5 %

Europa

Asien

6,5 %

Afrika

1,5 %

Wien

Bevölkerung nach Geburtsland 2019,

Quelle: Statistik Austria, Statistik des

Bevölkerungsstandes und Berechnung

Stadt Wien Wirtschaft, Arbeit und

Statistik.

Amerika

1 %

Mit Beiträgen von Angelus Eisinger,

Verena Mörkl, Andreas Rumpfhuber

und Klaus Wolfinger


266


Klaus Lukas ist seit Abschluss seiner

Ausbildung zum Diplomierten

Sozialarbeiter in Wien 10, Grenzackerstraße,

im Bewohner*innen-Zentrum

Bassena 10 tätig, das

ehemals dem Verein Wiener Jugendzentren

angehörte und nun von

wohnpartner betrieben wird.

Christoph Reinprecht ist Professor

für Soziologie an der Universität

Wien, assoziierter Wissenschafter

am Centre de la Recherche sur

l’Habitat an der École Nationale

d’Architecture Paris-Val de Seine und

Mitglied des wissenschaftlichen

Beirats der IBA_Wien „Neues soziales

Wohnen“.

Mobilität

Reinprecht: Es gibt ein Spannungsfeld vom Luxus zum knappen Gut. Für die, die

hier eingezogen sind, war das im Grunde genommen ein hoher Sprung: Sie sind

in Wohnungen mit einer im Vergleich zur vorhergehenden Wohnsituation hohen

Qualität gezogen und waren glücklich und stolz. Das war sozusagen ein reales Aufsteigen

auf der sozialen Leiter. Diejenigen, die heute einziehen, ziehen eigentlich

in ein Segment unter den Rahmenbedingungen der Knappheit. Eine immer wiederkehrende

Klage von Älteren ist, dass die Neuzugezogenen so unzufrieden wären

und sich über alles Mögliche beschweren. Das liegt nicht daran, dass sie undankbar

sind, sondern dass sie unterschiedliche Referenzen mitbringen. Für die einen war

die Referenz die Gründerzeit, Substandard. Die Referenz heute ist ein Wohnungsmarkt

mit unterschiedlichen knappen Segmenten. Es geht nicht nur um eine neue

Generation, sondern um unterschiedliche Kontexte, die man moderieren muss.

Lukas: Im Zeitzeug*innenbuch 1 haben viele gesagt „Wir haben in einer Zimmer-Küche-Wohnung

gewohnt und wir sind da eingezogen und ich habe mich

gefühlt wie in einem Palais, ich bin durchgegangen durch die Wohnung, ich habe

gehen können in der Wohnung, ich war nicht in einem Raum gebunden, sondern

ich habe herumgehen und mich bewegen können.“

Skudnigg: Eine Besonderheit in der Per-Albin-Hansson-Siedlung ist der Generationenwechsel

innerhalb der Siedlung selbst: Viele Familien sind in den ersten Teil

der Siedlung gezogen und als ihre Kinder als Erwachsene dann die Reihenhäuser

übernommen haben, sind die Eltern in den moderneren Teil gezogen. Später

ziehen sie dann ins Pensionist*innenwohnhaus gegenüber, die Kinder ziehen in

deren Wohnung und die Enkelkinder bleiben im Reihenhaus, und so weiter. Das

rennt über Generationen, die bleiben in dem Grätzl. Letztens hat uns ein Bewohner

erzählt: „Wunderbar, jetzt schau ich von meiner Wohnung ins Pensionistenwohnhaus,

da zieh’ ich bald ein und dann schau ich auf meine alte Wohnung.“

Das macht das Besondere aus.

Lukas: Es hat einfach ein bisschen einen Dorfcharakter, und dieser Dorfcharakter hat

ja auch was sehr Angenehmes, auch das schätzen die Bewohner*innen hier sehr.

Skudnigg: Früher ist man mit dem 67er in die Stadt

gefahren und hat damit den Reumannplatz gemeint,

seit der U1 heißt „in die Stadt fahren“ wirklich in die

Stadt fahren, also nicht mehr zum Reumannplatz,

sondern zum Karlsplatz. Das Zentrum hat sich sozusagen

verschoben.

Lukas: Auf dieser Strecke hier, wo jetzt eine

U-Bahn-Station ist, gab es früher zwei Straßenbahnstationen,

das war also zum Gehen nicht so weit. 500

Meter, sagen manche Rollstuhlfahrer*innen, sind

schon extrem weit, wenn man keinen elektrischen

Rollstuhl hat, sondern auf Muskelkraft angewiesen ist.

Außerdem spielt das klarerweise tiefere Niveau eine

Rolle, das Bergabfahren ist zwar kein Problem, aber

manche schaffen es kaum, von der U-Bahn wieder

hinaufzukommen, im Winter ist die Situation noch

verschärft. Daher gibt es immer wieder die Wünsche

nach Bussen in dieser doch relativ weitläufigen Siedlung.

Manche wünschen sich sogar wieder den

Umbau her, weil da die Ersatzlinie 67E gefahren ist

und die hatte unheimlich viele Stationen und da hat

man es wirklich nicht weit gehabt. Das war toll.

Girardi-Hoog: Was wir im Zuge der IBA_Wien auf

jeden Fall bearbeiten möchten, sind die Möglichkeiten

zur aktiven Mobilität. Was brauchen speziell

Ältere um diese Wege zu meistern? Wir werden das

zielgruppenspezifisch angehen, weil das auch Zukunftsthemen

sind, dass die Leute weniger auf das

Auto angewiesen sind und auch im Alltag lange und

mühsame Strecken besser meistern.

267


Bestände

Nicht zu vergessen ist, dass sich auch

der allgemeine Diskurs über adäquaten

Wohnraum und sein Wohnumfeld

in den letzten 50 Jahren verschoben

hat. Dies trifft insbesondere das

Gemeindebaumodell und die Idee der

Bereitstellung von Wohnraum für alle

mit dem Ziel einer gerechten Ressourcenverteilung

und einer sozial durchmischten

Stadt. Es ist erst der Diskurs,

der die Bewohnerinnen und Bewohner

derartiger Wohnanlagen zu „Modernisierungsverlierer*innen“

macht.

sie aktivieren würde. 50 Jahre nach ihrer Fertigstellung verschwinden die Anlagen

von der Straße aus gesehen hinter einem dichten Wald. Im Inneren ist die

oftmals exquisite und differenzierte Bepflanzung zur vollen Pracht gewachsen.

Der Raum der Quartiere ist vielfach erstaunlich, manchmal unheimlich ruhig

und beschaulich. Man trifft kaum jemanden, sieht man vom

Betreuungspersonal für den Grünraum ab, der im Sommer geschäftig

den Rasen kurz hält und den üppigen Baumwuchs pflegt.

Und die Wege in den Quartieren sind heute noch so lang und

monoton wie damals.

Die Betonbauten sind auch ins Alter gekommen. Will man sie

ausschließlich quantifiziert beurteilen, so entsprechen sie in

ihrer thermischen und akustischen Performanz oder auch in

der Erschließung der Wohnungen nicht mehr dem Stand der

Technik. Die Grundrisse jedoch, mit all den Eigenheiten des frühen

Betonfertigteilbaus, sind immer noch gut geschnitten und in

den besseren Beispielen oftmals dem derzeitigen Neubau schon

alleine in der Raumausnutzung und -organisation überlegen,

da die Planung in den Nachkriegsjahren noch nicht den derzeitigen

überbordenden Industrienormen entsprechen musste. Kurz,

die Anlagen als auch die Gebäude selbst haben

ihren eigenen Charme und ihre Qualitäten, wie

jedes in die Jahre gekommene Gebäude und

Quartier. Entgegen der in Wien oftmals idealisierten Gründerzeit

ist ihre Besonderheit jedoch noch zu entdecken und zu aktivieren.

50 Jahre sind aber auch an den Bewohnerinnen und Bewohnern

der Anlage nicht spurlos vorübergegangen. Der verliebte Mann

aus Ambros’ Lied wird heute ein 75-jähriger Pensionist sein. Er

wird vielleicht doch noch seine Rose angesprochen oder sich

später (hoffentlich) glücklich verliebt haben. Statistisch gesehen

wird er geheiratet und 1,6 Kinder gezeugt haben. Er wird bis

zu seiner Pension wahrscheinlich im gleichen Betrieb angestellt

gewesen sein. Und lebt er heute noch in der Anlage, liegt die

Wahrscheinlichkeit, dass er immer noch die sozialdemokratische

Partei wählt, bei 50 %.

Die mir vorliegenden Zahlen exemplarischer Anlagen aus dem

Jahre 2015 zeigen eine im städtischen Vergleich durchschnittliche Arbeitslosenund

Pensionist*innenquote . Dem Vernehmen nach ist auch die Wohnzufriedenheit

in den Anlagen durchschnittlich hoch. Gleichzeitig ähneln die Visualisierungen

der Wahlbezirke der Großwohnanlagen Wiens heute einem Kippbild, das sich

nicht mit der gesamten Stadt vergleichen lässt. Hier wird besonders deutlich,

wie das vormalige Klientel der Sozialdemokratischen Partei heute tendenziell der

rechtsnationalen Freiheitlichen Partei zugetan ist. Die Wahlergebnisse der letzten

Nationalratswahl von zum Beispiel 38:35, 42:35, 39:34 % und auch umgekehrt färben

die Wahlsprengel der Großwohnanlagen einmal rot und ein andermal blau.

Nicht zu vergessen ist, dass sich auch der allgemeine Diskurs über adäquaten

Wohnraum und sein Wohnumfeld in den letzten 50 Jahren verschoben hat. Dies

trifft insbesondere das Gemeindebaumodell und die Idee der Bereitstellung von

Wohnraum für alle mit dem Ziel einer gerechten Ressourcenverteilung und einer

sozial durchmischten Stadt. Es ist erst der Diskurs, der die Bewohnerinnen und

Es ist ein Topos, den man nicht einfach

so abtun kann, sondern unbedingt

ernst nehmen muss. Jedoch muss

man den kursierenden, oftmals rein

ideologisch geleiteten Narrativen und

den allgegenwärtigen eindimensionalen

Lösungen des herbeigeredeten

„Problems Großwohnanlage“ […]

entgegentreten und damit auch ein

Stück Arbeit zur Ehrenrettung dieser

Anlagen leisten, ihr Potenzial herausarbeiten

und damit auch eine mögliche

Zukunft zu skizzieren beginnen.

274


Andreas Rumpfhuber Blumen des Gemeindebaus

Bewohner derartiger Wohnanlagen zu „Modernisierungsverlierern“

macht. Exemplarisch für diesen

Diskurs ist die Diskussion darüber, wer das Anrecht

auf eine Gemeindebauwohnung hat und wer nicht.

2012 wurde zum Beispiel der grüne Nationalratsabgeordnete

Peter Pilz öffentlich von den Freiheitlichen

und „ihren Medien“ angegriffen, als Besserverdienender

in einem Gemeindebau zu wohnen und

damit jemandem Bedürftigen leistbaren Wohnraum

wegzunehmen. Eine derartige Debatte definiert den

Gemeindebau ganz allgemein im Sinne neoliberaler

Ideen als exklusiven Wohnraum für diejenigen der

Gesellschaft, die als Verlierer*innen gelten und sich

am freien Markt keine Wohnung leisten können. Eine

derartige Debatte produziert bei den Bewohnerinnen

und Bewohnern tendenziell Aggression gegenüber

dem eigenen „Schicksal“ und der eigenen, nun

als trist erkannten Lebenssituation: also zum Beispiel

keine „brauchbare“ Ausbildung zu haben, nicht

genug zu verdienen, um sich eine Wohnung auf dem

freien Markt leisten zu können, in keiner glücklichen

Partnerschaft zu leben oder gar vereinsamt zu sein.

Auf städtebaulicher Ebene qualifizieren sich die Wiener Großwohnanlagen als

autofreie Stadtteilzentren. In den Eigentumsverhältnissen, ihrer Extension und

vergleichsweise geringen Bebauungsdichte qualifizieren sie sich für Nachverdichtung

bzw. Weiterbauen, das das derzeitige Wohnungsangebot in Relation

zum aktuellen Bedarf ergänzt, und insbesondere auf die Belebung der Anlagen

durch eine programmatische Durchmischung abzielt. Im Weiterbauen

und Verdichten kann der Zwischenraum der Anlagen unter Einbeziehung des

gewachsenen Grünraums räumlich neu strukturiert werden und überschaubare

Nachbarschaften schaffen. Gleichzeitig braucht es auch eine positive Vision

für die Großwohnanlagen und das städtische Zusammenleben, das dem vorherrschenden

neoliberalen Diskurs und insbesondere der negativen Konnotation

der Anlagen etwas entgegenstellt. Eine Vision, die sich unter anderem von der

bedarfsorientierten und hierarchischen Idee der sozialistischen Verwaltungspraxis

verabschiedet und, wie dies schon der austromarxistische Vordenker Otto

Bauer 1919 forderte, den Gemeindebau in eine Selbstverwaltung entlässt (vgl.

Bauer 1919). Eine Vision, die sich vom „wienerischen“ Lamento, wie es in Wolfgang

Ambros’ Lied expliziert wird, abwendet, und sich der affirmativen Haltung

Donna Summers annähert und damit die Blumen des Gemeindebaus sprießen lässt.

Zusammenfassend stellen die Großwohnanlagen

der Nachkriegsjahre ein dichtes Geflecht an unterschiedlichen

Aspekten dar, die es für allfällige

Interventionen zu berücksichtigen

gilt. Zum einen sind es der serielle

Städtebau, die Architektur und die

Freiraumplanung der Anlagen,

die die ökonomisch-industrielle

Ideologie der Nachkriegsjahre spiegelt.

Zum anderen sind es weiche

Fakten, wie der spezifische Diskurs

über das Erbe der Moderne, sowie

im Allgemeinen über sozialen

Wohnungsbau. Will man die städtischen

Siedlungen Ernst nehmen, so

plädiere ich dafür ihre Potenziale,

aber auch ihre Defizite nicht nur

zu quantifizieren, sondern insbesondere zu qualifizieren.

In der Qualifizierung der Großwohnanlagen

werden die Möglichkeitsräume dieser Quartiere

für die Zukunft der Stadt und ihrer Bevölkerung

erst sichtbar.

Will man die städtischen Siedlungen

ernst nehmen, so plädiere ich dafür

ihre Potenziale, aber auch ihre Defizite

nicht nur zu quantifizieren, sondern

insbesondere zu qualifizieren. In der

Qualifizierung der Großwohnanlagen

werden die Möglichkeitsräume dieser

Quartiere für die Zukunft der Stadt

und ihrer Bevölkerung erst sichtbar.

Literatur

Bauer, Otto (1919): Der Weg zum

Sozialismus, Kapitel 4. Die Arbeiterausschüsse.

Werkausgabe, 2,

104–108.

Durth, Werner (2012): Große Wohnsiedlungen

als Bestandteil der

europäischen Stadt. In: Weidemüller,

Dagmar (Hg): Klimaschutz

und Energiewende. Potentiale der

großen Wohnsiedlungen. Berlin:

Kompetenzzentrum Großsiedlungen

e.V., 10–25.

275


Angelika Fitz

Die Zukunft des

Wohnens reparieren

Wien hat in den vergangenen hundert Jahren auf dem Gebiet

des sozialen Wohnbaus eigene Maßstäbe gesetzt, sowohl was

die programmatischen Ansprüche als auch die kontinuierliche

Umsetzung betrifft. Groß war die Verwunderung und vielerorts

auch die Skepsis, als das Wohnbauressort der Stadt Wien die

IBA_Wien 2022 „Neues soziales Wohnen“ ankündigte, hatten die

zuletzt prägenden IBAs doch vor allem auf die Kompensation

von großen Defiziten gesetzt.

1 Vgl. Postheroisch ins Offene,

So hatte die IBA 1987 in Berlin einen Paradigmenwechsel im Umgang mit der

bestehenden Stadt betrieben oder die IBA Emscherpark in den 1990er Jahren die

strukturellen und landschaftlichen Wunden der Industrialisierung verarztet und

in ein neues, vielversprechendes Leben entlassen. Läuft die IBA_Wien Gefahr, keine

neue Programmatik zu finden, sich keiner neuen Aufgabe zu stellen, sondern

einen Status quo zu feiern? Gerade in Zeiten, in denen das „Wiener Modell“ international

auf großes Interesse stößt, könnten Beharrungskräfte vor Ort zunehmen.

Vielleicht ist die IBA_Wien aber auch Symptom einer neuen Art von Internationaler

Bauausstellung des 21. Jahrhunderts, die in erster Linie versucht, zukünftigen

Herausforderungen proaktiv zu begegnen. Dies geschieht nicht mehr im

Geist der Moderne, wie in Stuttgart Weißenhof in den 1920er Jahren, als man sich

daran machte, die Zukunft des Wohnens neu zu erfinden. In Abgrenzung zu einer

solchen Haltung beschreibt sich die aktuell laufende IBA Heidelberg selbst als

„postheroisch“. 1 Auch die IBA_Wien reagiert weder auf riesige Defizite der Vergangenheit,

noch erfindet sie die Zukunft neu. Eher wird „die Zukunft repariert“.

Diese Begrifflichkeit verwenden Elke Krasny und ich in unserer 2019 publizierten

Forschungsarbeit Critical Care zum Thema einer neuen Care-Ethik in Architektur

und Stadtplanung (vgl. Fitz/Krasny 2019).

Bericht zur Zwischenpräsentation

der IBA Heidelberg, Bauwelt

13.2018. Eine „postheroische

Haltung“ wurde im Kuratorium

der IBA Heidelberg, dem die

Autorin von 2015 bis 2018

angehörte, wiederholt thematisiert.

Angelika Fitz war auch

am Konzept für die Zwischenpräsentation

der IBA Heidelberg

beteiligt.

Unter Berufung auf Vordenkerinnen der Care-Theorie

wie Joan Tronto, Berenice Fisher oder María Puig

de la Bellacasa plädieren wir für eine Haltung des

Sorgetragens in den Feldern Architektur und Stadtplanung.

Eine solche Haltung nimmt ihren Ausgang

beim Vorhandenen und beginnt ihr Tun inmitten der

Dinge. „Während moderne Architektur sich an der

Tabula-rasa-Ideologie mit ihrem Mantra einer auf

Fortschritt beruhenden besseren Zukunft orientierte,

geht die Care Perspektive von dem aus, was ist,

und arbeitet daran, die Zukunft zu reparieren.“ (Fitz/

Krasny 2019, 22) Was für eingeübte Innovationssucher*innen

aufs Erste unspektakulär klingen mag,

kann höchst transformativ wirksam werden. Denn

die Reparatur der Zukunft braucht neben einer

ethischen und politischen Haltung neue Rahmenbedingungen

für das Planen und Bauen und zwar

politisch, ökonomisch, rechtlich und technologisch

sowie neue Akteur*innenkonstellationen, bevorzugt

mit verstärkten Schnittstellen zwischen dem, was

wir landläufig top-down und bottom-up nennen.

Beginnen inmitten der Dinge heißt also, nicht

weiterzumachen wie bisher. Das aktuelle Wiener

Modell des geförderten Wohnbaus mit seinen vier

Säulen Architektur, Ökonomie, Ökologie und soziale

Nachhaltigkeit begegnet der Wohnungsfrage nicht

nur quantitativ in einem beeindruckenden Ausmaß,

sondern auch qualitativ. Welche Fragen aber

bleiben offen bzw. auf welche Fragen braucht es

neue Antworten, um die Zukunft zu reparieren? Ist

die Leistbarkeit unter den (globalen) Bedingungen

von Neoliberalismus, Bodenspekulation und Austeritätspolitik

wirklich noch für alle gegeben, auch

für Neuankommende? Wie können angesichts des

Baubooms in der wachsenden Stadt Quartiere mit

vielfältigen Nutzungen und lebendigen öffentlichen

Räumen statt nur Siedlungen entstehen? Und was

bedeutet klimagerechtes Bauen jenseits von Wärmedämmung?

Um neue Antworten auf solche Fragen zu

bekommen, braucht es einen internationalen Wissenstransfer,

und dieser steht seit jeher im Zentrum

der Arbeit des Architekturzentrum Wien. Gemeinsam

mit der IBA_Wien entwickelte das Az W zwei neue

Veranstaltungsformate. Die Vortragsreihe IBA meets

architects holt internationale Architekt*innen nach

Wien, die experimentelle Projekte in den Bereichen

Wohnbau, Quartiersentwicklung und Nachhaltigkeit

realisieren. Ziel ist es, die erprobte Praxis im

Wiener Wohnbau durch Außenperspektiven positiv

288


Angelika Fitz Die Zukunft des Wohnens reparieren

zu irritieren und blinde Flecken zu bearbeiten. Um eine Rückbindung der internationalen

Fallbeispiele und Diskussionen an die Wiener Situation zu ermöglichen,

übernehmen bei jedem Vortrag Wiener Architekt*innen die Respondenz.

Als zweites Veranstaltungsformat konzipiert das Az W mehrere Symposien, die

sich mit unorthodoxen bis tabuisierten Themen im sozialen Wohnbau der Gegenwart

beschäftigten, darunter eines zum Selbstbau und ein anderes zum Seriellen

Bauen. Was waren die bisherigen Erkenntnisse dieser Auseinandersetzungen? Es

folgen einige Beispiele.

Zukunft im Quartier. Schnell gebraucht werden Wohnungen, in naher Zukunft

gewünscht werden lebendige Stadtquartiere mit einer Vielzahl von verschiedenen

Nutzungen. In diesem Spannungsfeld befinden sich aktuell viele wachsende

Städte. Dass in Wien Stadtplanung und Wohnbau in zwei verschiedenen Ressorts

angesiedelt sind und auch die IBA_Wien nicht ressortübergreifend aufgestellt

wurde, erleichtert die Sache nicht. Andererseits hat die Stadtentwicklung in

Wien in den letzten Jahren zahlreiche Konzepte und Verfahren erprobt, um die

Nutzungsmischung in den großen Stadterweiterungsgebieten zu erhöhen. Die

Palette reicht von Konzeptverfahren 2 für Quartiershäuser und Baugruppen bis

zu Erdgeschoßagenturen. Mit dem Einblenden der Quartiersperspektive in die

Ausschreibung von Bauträgerwettbewerben und der Begleitung von bauplatzübergreifenden

Quartierswerkstätten hat die IBA_Wien diese Anstrengungen verstärkt.

Erste Erfolge sind vor allem in Richtung einer kleinteiligen Ansiedlung von

Handel und Gewerbe zu verzeichnen. Was hingegen weitgehend unbearbeitet

bleibt, sind kulturelle Infrastrukturen in den großen Stadterweiterungsgebieten,

und das kann nicht an private Baugruppen delegiert werden, auch wenn diese

wichtige Beiträge leisten.

Die Diskussionen rund um die Nordbahnhalle 3

machen das Vakuum deutlich. Von 2017 bis 2019

4 Haus der Statistik. Illustration von

etablierte ein Forschungskonsortium, dem auch

raumlabor aus einer Broschüre der

das Architekturzentrum Wien angehört und das

Initiative Haus der Statistik aus dem Jahr

von der TU Wien geleitet wird, im Entwicklungsgebiet

Nordbahnhof mit der Nordbahnhalle einen

2016. Die Initiative startet 2015, 2018

wurde die Koop 5 gegründet; Copyright:

ZUsammenKUNFT Berlin eG

kulturelle Nutzungen, die das neue Quartier in Zu-

temporären Ort für soziale, wirtschaftliche und

kunft bereichern sollten. Die Nutzungsintensität der

Co-Working- und Co-Making-Bereiche in diesem

ehemaligen Lagerhaus, vor allem aber der Veranstaltungsräume

mit ihren großzügigen Raumhöhen,

übertraf alle Erwartungen und wird aktuell durch

die Formierung einer Bürger*inneninitiative zum Erhalt

des Ortes unterstrichen. Was für ein Ort könnte

das sein? Könnte er auch im Neubau Platz finden?

Und wie gelingt es, dass ein solcher Ort weder den

paternalistischen Geist der historischen Volkshäuser

atmet noch in die prekären Verhältnisse einer rein

selbstorganisierten, unterfinanzierten Szene rutscht?

Es braucht neue Schnittstellen zwischen top-down

und bottom-up. Hier lohnt sich ein Blick nach Berlin,

wo die Initiative Haus der Statistik 4 (vgl. Fitz/Krasny

2019) nicht nur in der Umnutzung und Nachverdichtung

der Nachkriegsmoderne neue Maßstäbe setzt,

sondern vor allem eine neue Akteur*innenkonstellation

zustande gebracht hat. Ein breites Bündnis aus

3 Adaption der Nordbahnhalle

2017 durch das Forschungs- und

Entwicklungsprojekt Mischung:

Nordbahnhof mit den Partnern

TU Wien (Lead), Architekturzentrum

Wien, EGW, StudioVlayStreeruwitz,

imGrätzl.at, unterstützt

vom Klima- und Energiefond;

Copyright: Architekturzentrum

Wien; Foto: Lisa Rastl

2 Vgl. Beitrag von Robert Temel

auf Seite 306.

289


Das System des Wohnbaus befindet sich in ständiger Weiterentwicklung

– neue Möglichkeiten der Qualitätssicherung, wie

etwa Konzeptverfahren, erweitern das Repertoire der Stadtentwicklung.

Parallel dazu entwickeln sich zunehmend alternative

Modelle der Trägerschaft, der Nutzung und der Finanzierung.

Sie zielen auf kollektives, selbstbestimmtes und -organisiertes

Wohnen ab oder darauf, Wohnraum den konventionellen Marktlogiken

zu entziehen und dadurch langfristige Leistbarkeit des

Wohnens sicherzustellen. Welche Impulse können von solchen

Initiativen für die etablierten Routinen der Stadtentwicklung

und die Standards im Wohnbau ausgehen? Welcher Prozesse und

Plattformen bedarf es, um die Zusammenarbeit zwischen

Akteur*innen der Verwaltung und der Zivilgesellschaft abzustimmen?

Inwieweit sind Anpassungen des (förder-)rechtlichen

Instrumentariums erforderlich? Modelle

Mit Beiträgen von Gabu Heindl,

Christoph Laimer, Christian Peer,

Emanuela Semlitsch und Robert Temel


25,4 %

Wohnbaufläche

62 % der österreichischen

Gurken wurden 2017 in

Wien geerntet; Quelle:

Stadt Wien, Das Rote Wien

in Zahlen

76.878

1945-2000

Anteil der Wohnbaufläche

an der

Gesamtfläche;

Quelle: Statistik

Austria, MA23, MA 41

55.186

bis 1944

Jahreskarte

24.548

seit 2001

Wiener*in

Gültig seit

01/05/2012

152.717

Wohngebäude

180.553

Gebäude

(inkl. jene mit

fehlender

Information zur

Bauperiode)

Anzahl der Gebäude in WIen

(nach Errichtungsjahren) 2019;

Quelle: Statistik Austria, GWR


Modelle

302

Yella Yella!

Nachbar_innentreff,

Que[e]rbau

Wien; Foto: Lukas

Gächter


Tischgespräch Emanzipatorisches Wohnen

Yazdanpanah: Andererseits finde ich es auch wichtig, dass es neben

dieser Freiwilligkeit in solchen Projekten die Möglichkeit gibt, bezahlte

Tätigkeiten zu übernehmen. Im Einküchenhaus z. B. gab es immer den

Vorwurf, dass es wieder Frauen sind, die diese Arbeiten – Kochen etc. –

übernehmen, aber die Arbeit war immerhin bezahlt. Und das macht den

großen Unterschied aus. Neben all den Idealen der Freiwilligkeit muss

es solche Möglichkeiten geben, um genügend Personen in so einen Prozess

zu integrieren.

Gutmann: Ich finde, wir brauchen eine Renaissance des Solidaritätsbegriffs.

Dieser Begriff ist jetzt vor allem bei kirchlichen Institutionen wie der Caritas

angesiedelt, ich finde aber, dass man den Begriff der Solidarität auch unabhängig

von Religion sehen und als Teil der ganz normalen Gesellschaft etablieren muss.

Dafür braucht es strukturelle Angebote, Möglichkeitsräume, wo sich Personen

animiert fühlen, mitzutun und sich zu beteiligen. Die Menschen haben so viele

Talente und die wollen sie auch einbringen.

Yazdanpanah: In Zusammenhang mit dem Gemeindebau wird oft davon

geredet, dass es im Gegensatz zu seinen Anfängen heute keine Gemeinschaft

mehr gibt. Entspricht das den Tatsachen? Wenn ja, was sind die

Gründe dafür und wie können das nachbarschaftliche Zusammenleben

und die Partizipation gefördert werden?

Gutmann: Das entspricht ein bisschen dem ganz normalen Lauf der Dinge. In

einem Projekt gibt es unterschiedlichste Phasen: Es gibt eine euphorische

Startphase, wo viele Bedürfnisse und Ideen zusammengetragen und artikuliert

werden. Man kennt es ja von sich selbst, man ist jung, wird älter, kommt

in andere Lebensphasen – und das ist in einem Projekt auch so. Man sollte meines

Erachtens weniger Angst vor dieser Veränderung haben und das mehr als

Normalität ansehen.

4 Weitere Infos unter

www.mehralswohnen.ch/

hunziker-areal/quartierteil.

Kail: Es entwickeln sich aber durchaus auch neue

Formen des nachbarschaftlichen Zusammenlebens.

Beim Projekt Mehr als Wohnen 4 am Hunziker Areal in

Zürich-Leutschenbach gibt es z. B. einen Block, der

aus WGs mit 14-Zimmer-Wohneinheiten besteht –

sogenannte Clusterwohnungen. Dabei handelt es

sich um kleinere Einheiten mit privatem Zimmer,

Bad und WC, wo Jungfamilien oder Studierende

wohnen, die sich dann alle eine große gemeinsame

Küche teilen. Das ist ein sehr spannender Ansatz,

bei dem es um das Spannungsfeld zwischen Nähe

und Distanz geht. Der Flächenverbrauch ist in Summe

nicht weniger als bei einer herkömmlichen Wohnung,

es ist auch nicht zwangsläufig billiger. Aber

die Nachfrage nach diesem System ist sehr hoch,

was darauf schließen lässt, dass der Bedarf nach

Wohnen in Gemeinschaft, aber mit der Möglichkeit

für Privatheit, vorhanden ist. In weiterer Folge

wäre es nun wichtig, anhand solcher Initiativen

zu reflektieren, was sich bewährt hat und welche

Formen und Konzepte sich ins Mainstreamwohnen

übertragen lassen.

Yazdanpanah: Generell ist das Spannungsfeld

zwischen dem „Mainstreamwohnen“

und emanzipatorischen Initiativen ja ein interessantes

Thema: An wen richtet sich „emanzipatorisches

Wohnen“ eigentlich? Wer ist

die Zielgruppe?

Andreas Konecny arbeitet mit Gruppen in unterschiedlichen Kontexten zu

den Themen Arbeiten und Wohnen, ist ausgebildeter Mediator und Betriebswirt.

Als Obmann von Que[e]rbau Wien zählt er zu den Initiator*innen einer

Baugruppe in der Seestadt und er begleitet derzeit eine zweite Gruppe im

Wildgarten am Rosenhügel.

Marie-Noëlle Yazdanpanah ist Historikerin, Kulturwissenschafterin und

Filmpädagogin. Sie forscht zu Konsumkultur, visueller Kultur und Frauen mit

dem Schwerpunkt auf Wien in den 1920ern und 1930ern. Sie ist wissenschaftliche

Mitarbeiterin am Ludwig Boltzmann Institut für Digital History, wo

sie zu visueller und Stadtkultur arbeitet. Für die Ausstellung Das Rote Wien

1919–1934 (2019/20) im Wien Museum hat sie die Bereiche Frauenpolitik und

Wohnprojekte für und von Frauen im Roten Wien kuratiert.

Gutmann: Ich habe bereits einige Projekte mit

unterschiedlichen Communities betreut und mir ist

aufgefallen, dass in etwa ein Drittel der Personen an

Angeboten des emanzipatorischen Wohnens interessiert

ist und sich vorstellen kann, selbst so zu wohnen.

Ein weiteres Drittel unterstützt diese Angebote

grundsätzlich, hat aber weniger Interesse das selbst

in Anspruch zu nehmen und einem weiteren Drittel

ist das vollkommen egal – weil sie einerseits andere

Sorgen haben oder vielleicht eher auf das Einfamilienhaus

am Land hinarbeiten. Es ist aber auch zu

beobachten, dass Personen, die vielleicht zu Beginn

im ersten Drittel sind, nach zehn Jahren nicht automatisch

immer noch dort sind. Das kann sich über

die Jahre natürlich verändern.

303


Modelle

Wenn wir das Proletariat weniger über organisierte Fabriksarbeit verstehen als

darüber, wer in der Gesellschaft besitzlos, ohne Rechte und im Alltag als Gruppe

vulnerabel ist, dann umfasst dieser alte Begriff heute eine vielfältige Gemeinde.

Das reicht vom Prekariat und einer abstiegsgefährdeten Mittelschicht über

die Working Poor (vielfach Frauen in schlecht bezahlter Reproduktionsarbeit),

Alleinerziehende, Menschen mit Migrationserfahrung, Menschen, die diskriminiert

werden, sei es rassistisch, heterosexistisch oder als Behinderte. (Und gleich

dazugesagt: Niemand soll aus sozialem

Wohnbau ausziehen müssen,

wenn er oder sie zeitweise nicht zu

den „Armen“ zählt.) Statt mit einer

klassischen parteisozialistischen

Durchstrukturierung quasi „von der

Internationale bis zur Bezirks-Sektion“

haben wir es heute mit einer

Intersektionale zu tun: mit Überschneidungen

des Betroffenseins von

Marginalisierungserfahrungen —

und mit Verhältnissen zwischen den

von verschiedenen Marginalisierungserfahrungen

Betroffenen. Vor dem Hintergrund solcher Konflikt- und Bündnismöglichkeiten

stellt sich das Problem der Gemeinde in einem nachdrücklichen

Sinn, von der lokal-globalen Ebene des Kommunalen bis hin zu Commons

als Gemein-Eigentum in Selbstverwaltung.

Bleibt die gewichtige Frage: Was ist der Bau der Gemeinde der Zukunft? Hat

der Gemeindebau künftig statt Waschküchen Solarkraftwerke im Zentrum? Wird

er, rundum begrünt, in Turmform in die Höhe wachsen, wie es schon frühe kommunistische

Kunstwerke und sozialdemokratische Filme imaginierten? Das

Bauen der Zukunft muss die ökologische und die soziale Frage verbinden. Solche

Visionen wollen ganz materialistisch angegangen sein. Zum einen über

das Material: Für den Gemeindebau

der Zukunft wird Boden nicht

mehr unnötig versiegelt oder neu

erschlossen, kein Sand, der knapp

ist, für Stahlbeton, kein Holz, das

anderswo gebraucht wird, kein Sty -

rodur mit seiner Zukunfts-Schrott-

Hypothek mehr verbaut, solange

in der Stadt ungenutzter Wohnraum

vorhanden und Wohnqualität

so eklatant ungerecht verteilt ist.

Genaugenommen wird ein Großteil

des Gemeindebaus der Zukunft gar

nicht gebaut: Anstelle von Neubau

wird es um Umwandlung gehen.

Und da zeigt sich in materialistischer Sicht das Umbauen der Bauten (und der

Gemeinde, der Gesellschaft) als eine Sache sozialer und politischer Prozesse, die

auch Konflikte sind — und nicht nur als „Planungsutopie“. Schlicht gesagt: Der

Gemeindebau der Zukunft sind die Umbauten all der Spekulationsgebäude, die

vergemeinschaftet und zum Gemeindebau umfunktionalisiert werden, es ist der

kollektive Umbau von nicht genutztem Privateigentum zu kommunal verwaltetem

und genutztem Gemeingut.

Der Gemeindebau der Zukunft liegt

in all den guten Lagen, die heute aufgrund

von Grundstückspreisspekulation

dem Privatwohnbau vorbehalten

sind. Er bietet den verschiedensten

Wohn- und Arbeitsformen Platz: ob

anonymes, fremdverwaltetes oder

selbstverwaltetes, kollektives Wohnen,

Co-Housing, schlüsselfertig oder offen

für Selbstbau.

320

Im Begriff „Sozialer Wohnbau“ steckt fast

notwendig die implizite Vermutung,

dass es ja auch einen nicht-, vielmehr:

unsozialen Wohnbau gibt, einen, der

gegen die Interessen Bedürftiger gerichtet

ist, einen, der nicht für alle in der Gesellschaft

da ist – einen, der nachgerade asozial

ist, weil er die Gesellschaft schädigt.

Wenn aber schon Neubau, dann soll er anstelle neoliberaler

Profitmaschinen oder Luxus-Macht-Architekturen

für die Happy Few eher die Macht der

Vielen materialisieren. Wir würden ganz anders über

stolze hohe Häuser diskutieren, wenn mit ihnen

eigentlich der Gemeindebau der Zukunft angesprochen

wäre. Der Gemeindebau der Zukunft liegt in all

den guten Lagen, die heute aufgrund

von Grundstückspreisspekulation

dem Privatwohnbau vorbehalten

sind. Er bietet den verschiedensten

Wohn- und Arbeitsformen Platz:

ob anonymes, fremdverwaltetes

oder selbstverwaltetes, kollektives

Wohnen, Co-Housing, schlüsselfertig

oder offen für Selbstbau. Er

wird auch Raumpolster beinhalten,

frei programmierbare Räume für

zukünftige Tätigkeiten, deren Raumbedarf

und Raumwünsche wir noch

nicht kennen. Gemeindebau für die Vielen — für die

Intersektionale — ist keine Frage von Typologien

oder Turmhöhen, er kann auch niedrig sein, aber

eines muss er sein, nämlich in Hinblick auf rassistische,

geschlechts- und klassenbezogene Machtverhältnisse:

solidarisch.

Literatur

Tockner, Lukas (2017): Mieten in

Österreich und Wien. 2008 bis

2016. Wien: AK Wien. https://www.

arbeiterkammer.at/infopool/

wien/Mieten_in_Oesterreich_und_

Wien_2008_bis_2016.pdf

(Abgerufen: Dezember 2019)


Apfelbaum

321


Impressum

Neues soziales Wohnen.

Positionen zur IBA_Wien 2022.

Erscheint anlässlich der Zwischenpräsentation

der IBA_Wien 2022 „Neues soziales Wohnen

© 2020 by ovis Verlag GmbH

Das Copyright für die Texte liegt bei den

Autor*innen. Das Copyright für die Abbildungen

liegt bei den Fotograf*innen/Inhaber*innen

der Bildrechte. Die abgedruckten Beiträge

spiegeln die Ansichten und Auffassungen der

jeweiligen Autor*innen wider.

Alle Rechte vorbehalten.

Herausgeber*innen

IBA_Wien 2022 und future.lab

Projektteam

Kurt Hofstetter (IBA_Wien 2022)

Madlyn Miessgang, Kerstin Pluch,

Rudolf Scheuvens, Constanze Wolfgring

(future.lab, TU Wien)

Konzeption und Redaktion

Madlyn Miessgang, Kerstin Pluch,

Rudolf Scheuvens, Constanze Wolfgring

Lektorat und Korrektorat

Nina Mayerhofer, Kerstin Pluch,

Constanze Wolfgring

Übersetzung

Regina Thaller (Interview “Von der Krise zum

Empowerment” sowie die Beiträge von Massimo

Bricocoli, Carmen Roll und Wouter Vanstiphout)

Druck und Bindung

Print Alliance HAV Produktions GmbH

Papier

MunkenPolar Rough 100 g

Schriften

Judson, Akko Pro

Schrägluftbilder: Stadt Wien MA 18 / Christian Fürthner;

Luftbilder: Stadt Wien – data.wien.gv.at, im Rahmen

von Open Government Data

Bibliographische Information der Deutschen

Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek

verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Infografik, Planbearbeitung, Gestaltung und Satz

Rafael Essl, Madlyn Miessgang, Kerstin Pluch

Bildbearbeitung

Lukas Gächter, Madlyn Miessgang

Cover

Madlyn Miessgang

ovis Verlag GmbH

Kurfürstenstraße 15/16

10785 Berlin

Deutschland

www.jovis.de

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ISBN 978-3-86859-619-9

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