Balancer Nr. 78, 1/2020

BALANCEKommunikation

Der „Balancer“ berichtet als Fach- und Vereinszeitschrift über die Aktivitäten von BALANCE, bekennt sich zu dessen Leitbild und Grundsätzen und thematisiert besonders relevante Themen und Ereignisse, die Menschen mit Behinderungen betreffen. Der „Balancer“ folgt inhaltlich dem Bekenntnis des Art. 7 der Bundesverfassung, nach welchem es ein Grundrecht aller Menschen ist, gleichberechtigt und ohne Diskriminierung zu leben. Der Balancer ist ein einzigartiges Zeitschriften-Projekt in Österreich und besteht aus einer inklusiven Redaktion, in der Profi-JournalistInnen und Fachkräfte schreiben, aber auch Laien und Menschen mit Behinderungen mit Unterstützung Texte verfassen und die Themen gemeinsam bestimmen.

Zeitschrift von BALANCE . Verein BALANCE – Leben ohne Barrieren . Ausgabe Nr. 78 . 1/2020, Jahrgang 23

Thema

Wearables - Technik am Körper

Vorgestellt

Brigitte Balic

Corona

Im Notbetrieb


2

EDITORIAL / VOR DEN VORHANG

BALANCER 78, 1/2020

Editorial

Von Helga Hiebl

Unser Leben hat sich verändert, weltweit. Die Ereignisse der letzten

Wochen, die Ausbreitung eines Virus und die notwendigen Maßnahmen

dazu, haben uns überrascht und unser Leben auf den Kopf

gestellt. Auch in dieser Ausgabe ist die Pandemie inhaltlich angekommen.

Wir berichten von den drastischen Veränderungen bei

BALANCE und wie wir mit der Krise umgehen. Vom Krisenstab und

vielen Maßnahmen zum Schutz der BewohnerInnen, Tagesstruktur-TeilnehmerInnen

und MitarbeiterInnen. Die Tagesstrukturen

laufen nur noch im Notbetrieb. Dort wo es möglich ist, erledigen

KollegInnen ihre Arbeit teilweise im Home Office, MitarbeiterInnen

der Tagesstruktur unterstützen die KollegInnen im Wohnbereich.

Der BALANCE Krisenstab hat seine Arbeit aufgenommen und

viele Maßnahmen zum Schutz der BewohnerInnen, Tagesstruktur-

TeilnehmerInnen und MitarbeiterInnen eingeführt. Brigitte Balic

erzählt in ihrem Artikel aus dem Notbetrieb der Tagesstruktur, ein

Text des Obmanns richtet sich an die MitarbeiterInnen und ob man

Sport angesichts von Home Office und Ausgangsbeschränkungen

lieber zuhause machen möchte oder nicht, dazu gibt es schließlich

ein engagiertes Pro und Contra.

Wir stehen am Beginn eines Marathons, das ist nicht einfach,

vielleicht sollten wir die Situation wie der Straßenkehrer Beppo in

dem bezaubernden Buch Momo angehen und immer nur an den

nächsten Schritt denken: Schritt, Atemzug, Besenstrich und ehe

man es sich versieht, ist die ganze Straße geschafft!

Gemeinsam und miteinander können wir das bewältigen!

Inhalt

Vorgestellt

03 Brigitte Balic

BALANCE Intern

04 Kommentar des Obmanns

BALANCE Pinnwand

05 Zahlenlabyrinth

05 Unterwegs mit den Öffis

05 Mailnachrichten von

Tagesstruktur-TeilnehmerInnen

06 Helden des Olymp – Athene

07 Das Chancengleichheits-Forum

07 Politische Karikatur:

Des Kaisers neue Patschen

Von Christian Zuckerstätter

Thema: Wearables – Technik am Körper

08 ArmbandärztIn, Butler und die

Vermessung des Ich

11 Meine liebsten technischen

AssistentInnen

Gesundheit und Technik

14 Computerspiele gegen Demenz

„Das Vergessen ausspielen“

BALANCE Kunst

12 VOI fesch – bringt die Kunst ins Rollen …

16 Josef Masterhofer „Gefährlicher Wolf“

10/2018

Unterstütztes Wohnen

18 Die Wohngemeinschaft Boltenstern

Timeout – Auszeit mit chriz

20 Die schöne neue Welt des Smartphones

Tagesstruktur

22 Corona: Im Notbetrieb

Impulstanz

24 … ja, so’n DING!

Das Cover

Das Bild am Cover stammt von Michaela Kollarik.

Titel: „grün“, 2/2018

Interbalance

28 Assistierende Technik: Von Sensoren im

Körper bis zur gedanken gesteuerten

Computermaus

Pro & Contra

30 Sport zu Hause

31 Impressum

Michaela Kollarik ist 1975 geboren, seit 2001 Mitglied der

KünstlerInnengruppe bildBalance und arbeitet im Atelier Maria

Ponsee

Foto: A.Berger


BALANCER 78, 1/2020

VORGESTELLT

3

9Fragen an

Brigitte Balic

Vor 25 Jahren, im Oktober 1994, startete

sie in der BALANCE Tagesstruktur

SoHo (damals Beschäftigungstherapie

Sonnenhof) als Praktikantin. Im selben

Jahr noch wurde sie als Mitarbeiterin

(damals „Beschäftigungstherapeutin“)

angestellt und wenige Jahre

später hat sie die Standortleitung im

Haus übernommen.

„Ich habe nie aufgehört, dazuzulernen

und keinen Tag bereut! Ich bin Lebensgefährtin,

Mutter und Großmutter

und Schwester von zwei Brüdern und

einer Schwester, einer tollen Frau, die

mit dem Down-Syndrom geboren

wurde und die mein Leben und meine

Lebenseinstellungsehr geprägt hat.“

1

Ein

guter Tag bei BALANCE beginnt …

wenn ich das Haus TAGS SoHo betrete und gleich mal von

allen Seiten freundlich begrüßt werde.

2 Welche Barrieren hast du in deinem Leben überwinden können?

Da gab es schon einige Herausforderungen, aus denen ich

auch lernen durfte – bin ja auch schon etwas länger auf

dieser Welt. ; )

3 BALANCE ist besonders, weil …

ich viel Spielraum habe zur Entwicklung und Umsetzung

eigener Ideen, weil ich auch Rahmen habe, die mir die Sicherheit

geben in meiner Arbeit, die ich auch brauche. Weil

Mitsprache und auch Wertschätzung in der Organisation

gelebt werden und nicht nur am Papier stehen. Weil ich

gemeinsames Dazulernen mag. Und weil ich weiß, dass es

schon ganz besonders ist und ein Glück, dass mir in 25 Arbeitsjahren

nie langweilig geworden ist, dass ich mit so

vielen tollen Menschen zusammenarbeiten kann, dass ich

nichts bereuen werde, wenn ich dann in meiner Pension an

die BALANCE-Zeit zurückdenken werde.

4 Eine

Tagesstruktur leiten ist …

aktuell herausfordernd, da Corona-Krise. Insgesamt aber

für mich Arbeit mit Menschen und die Möglichkeit, Werte

und Haltungen zu vermitteln. Herausforderung immer wieder,

aber auch ganz viel Freude. In meinem Fall jedenfalls

Zusammenarbeit mit tollen Menschen.

5 Lebenskreis 1: Am wohlsten fühle ich mich körperlich wenn …

ich es schaffe, auf Ausgleich zu achten zwischen Arbeit

und Freizeit. Ein Spaziergang im Wald oder Garteln in

meinem Garten am Wochenende. Eine Arbeitspause mit

Kaffee und dabei gemeinsam Lachen mit KollegInnen und

Tagesstruktur-TeilnehmerInnen.

6

Lebenskreis 2: Meinen Alltag im Griff habe ich am besten, wenn …

egal was ich mache, ich mich dafür in den Spiegel schauen

kann.

7 Lebenskreis 3: Gute soziale Beziehungen lebe ich mit …

glücklicherweise vielen Menschen.

8

Lebenskreis 4: Meine liebste wertgeschätzte Rolle in der Gesellschaft

ist …

wenn es mir gelingt, dass durch eine Intervention, die ich

setze, eine Person neue Möglichkeiten für sich erkennen

kann.

Foto: Robert Bagehr

9 Lebenskreis 5: Meine Lieblingsgeschichte aus meinem Leben handelt

von …

meiner Schwester, ohne die ich ganz sicher nicht wäre, was

ich bin.


4 BALANCE INTERN

BALANCER 78, 1/2020

Kommentar

des Obmanns

Sehr geehrte Damen und Herren,

geschätzte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von BALANCE!

Täglich werden über die Medien neue Zahlen, Erkenntnisse, Empfehlungen,

Verordnungen und Gesetze zur Coronasituation verbreitet. Die Österreicherinnen

und Österreicher sind in unterschiedlichem Ausmaß davon

betroffen.

Während ich mich, der ich zur Gruppe der eigentlich Gefährdeten auf

Grund meines Alters gehöre, relativ leicht durch Abschottung schützen

kann, gibt es Personengruppen, die sich zur Aufrechterhaltung der Versorgung,

Ordnung, Betreuung, Pflege und medizinischen Betreuung täglich

der Möglichkeit infiziert zu werden aussetzen müssen.

Wenn von diesen „Heldinnen und Helden der Krise“, wie diese Personen

mit Recht immer öfter bezeichnet werden, gesprochen wird, denke ich

auch an Sie.

Ob im direkten Kontakt mit unseren Nutzerinnen und Nutzern, ob in

der Reinigung, in der Administration, den Leitungen oder im Krisenstab, Sie

alle sind in diesen Tagen einer enormen psychischen Belastung ausgesetzt.

Die Corona-Situation, die sich täglich, ja stündlich ändern kann, verursacht

Unsicherheit, bereitet Sorgen – Sorgen, ob die im Krisenplan vorgesehenen

Maßnahmen im Anlassfall entsprechen und wie weit Sie, jede und jeder,

davon betroffen sind. Aber auch Sorgen um die eigene Gesundheit und die

Gesundheit in der Familie und im persönlichen Umfeld.

In den regelmäßigen Besprechungen mit Frau Ondricek habe ich den

Eindruck gewonnen, dass auf allen Ebenen, in allen Bereichen, große Bereitschaft,

Engagement und Solidarität bestehen, gemeinsam unsere Nutzerinnen

und Nutzer und BALANCE durch diese Krise zu führen.

Ich selbst kann wenig dazu beitragen. Was ich aber kann, ist, Ihnen allen für

Ihren Einsatz, gerade auch jetzt in diesen Krisenzeiten, im Namen des gesamten

Vorstandes herzlich zu danken.

Rudolf Wögerer

Obmann


5

Zahlenlabyrinth

Von Maximilian Berger, Nutzer der Tagesstruktur ELFPlus

Finden Sie einen Weg durch das Labyrinth. Die Zahlen von 1–15

müssen in aufsteigender Reihenfolge jeweils genau einmal

durchlaufen werden. Ein Wegstück darf nur einmal durchlaufen

werden. An Kreuzungen darf sich der Weg berühren. Es gibt

mehrere Lösungen. Eine Lösung finden Sie auf Seite: 6

8 7

5 7

14

5 6 3

6 10 3

4

8 5 8 14

2 3

7

3 1

12 5

2 15

3 3

9 10

Unterwegs

mit den Öffis

1

1

11 14 15

13

Pinn

wand.

BALANCE Fußballturnier:

Ich finde es schade, dass kein BALANCE Fußballturnier

in diesem Jahr stattfindet wegen des

Corona Virus. Aber wir halten alle zusammen in

der Tagesstruktur wie auch in Österreich und

nächstes Jahr greifen wir dann an und holen uns

den 1. Platz für BALANCE! (daga)

Eine Mailnachricht eines

Tagestruktur-Teilnehmers

an einen Mitarbeiter:

Hallo Karli!

Andreas Ich bin - bleiben zu Hause

Ich bin Ruhig

Ich bin Arbeit-Sonnenhof Leider

Schade

Ich bin sehr traurig

Ich bin warten Arbeit Sonnenhof

Warten Termin Arbeit Sonnenhof

18.3-13.4.2020 4 Wochen zu Hause

Ich bin FAD

Liebe Grüße Andreas

Von Gitti Wallner

Wenn ich keine AssistentIn dabeihabe und ich alleine mit dem Bus fahren möchte,

kommt es auf die FahrerIn an, ob ich mitfahren kann oder nicht. Manche steigen aus

und helfen, manche fahren einfach weiter und lassen mich bei der Station stehen.

Ich beschwere mich zwar dann meistens, aber habe noch nie eine Antwort bekommen.

Die FahrerInnen behaupten immer, ich dürfe nicht ohne Begleitung mitfahren,

aber das steht nirgendwo geschrieben und das finde ich arg, aber ich kämpfe weiter

darum und werde mich durchsetzen. Und das geht anderen auch so. Ohne Begleitung

dürfe ich nicht einsteigen, sagen sie und ich sage darauf, sie sind eigentlich

verpflichtet, mich mitzunehmen. Es kommt daher immer auf die FahrerIn an. Manche

haben gar kein Problem damit, die haben ein Herz für Menschen mit Behinderungen,

manche aber sind total ungut.

Ich würde gerne einmal jemand von den Wiener Linien einladen oder dazu befragen.

Auch die Intervalle sind im Winter beim 26A oder 12A teilweise sehr groß,

manche fahren auch ziemlich wild, ich habe mich bereits fast verletzt, weil der Bus

so scharf in die Kurve gefahren ist. Vielleicht antwortet mir doch noch irgendwann

jemand …

Notbetrieb in der

Tagesstruktur SoHo:

Ich bin in der Notbetriebs-

Gruppe in der Tagesstruktur

SoHo. Wir sind immer 5-6 Personen

in der Küche und kochen

täglich von Montag bis Freitag

für die Menschen im Wohnverbund

verschiedene Sachen.

Auch am Nachmittag haben

wir Angebote wo man mitmachen

kann. Es macht auch sehr

viel Spaß und ich treffe immer

fröhliche Leute. (daga)


Helden des Olymp –

Athene

Von Pia Wolf

Die alten Götter-Mythen der Antike erleben heute eine Wiederauferstehung

in modernen Fantasy-Geschichten. Viele

junge Menschen kommen mit den Göttersagen in Fantasy-

Büchern, -Filmen oder -Spielen in Kontakt und wissen gar

nicht, was wirklich hinter diesen Mythen steht. So auch bei

Athene.

Hier der ursprüngliche Mythos: Athene ist die Tochter des

Zeus, der wiederum gehört zu den großen drei der Göttermythologie,

nämlich Zeus, Hades und Poseidon. Zeus ist

nebenbei auch noch der König der Götter, der viele Nachkommen,

GöttInnen wie HalbgöttInnen hat. Athene aber ist

seine Lieblingstochter, weil sie eine „Kopfgeborene“ ist. Ihre

Weisheit gilt als Zeichen ihrer Geburt und sie wird als eine

der jungfräulichen Göttinnen angesehen.

Bekannt sind ihre Klugheit und Weisheit, weniger bekannt

ist, dass sie auch als gefürchtete Heerführerin galt. Aber obwohl

sie eine Kriegsgöttin ist, strebt sie eher Strategien an,

Kriege zu verhindern. In der griechischen Mythologie wird

sie meist in imposanter Rüstung dargestellt. Die Künste und

das Handwerk liegen ihr aber ebenso sehr am Herzen.

Das Trojanische Pferd und Odysseus

Athene war auch die Schutzherrin von einigen großen griechischen

Helden, so führte sie Perseus bei der Enthauptung

der Medusa und galt als Schutzherrin des berühmten Odysseus.

Im Trojanischen Krieg kämpfte sie also für die Griechen

– die List mit dem Trojanischen Pferd, die zur Eroberung von

Troja führte, war ebenfalls von Athene initiiert. Nach und

während seiner großen Irrfahrt half und unterstützte Athene

Odysseus immer wieder und half am Schluss schließlich

bei seiner Heimkehr sich gegen die vielen Freier, die Odysseus

tot glaubten und den Thron übernehmen wollten, zu

wehren und sorgte für Frieden.

Der Mythos weitererzählt

Diese alten Mythen wurden neu erzählt von Rick Riordan

in seiner Reihe „Die Helden vom Olymp“ (2005). Der Held

seiner Geschichten ist Percy Jackson, der als ganz normaler

Teenager plötzlich erfährt, dass er der Sohn des griechischen

Gottes Poseidon ist. Die Erzählungen hatte Riordan sich für

seinen Sohn Haley als Gute-Nacht-Geschichten ausgedacht,

der sich für die griechischen Sagen begeisterte, wegen seiner

Legasthenie und Aufmerksamkeitsstörung aber Schwierigkeiten

beim Lesen hatte.

Im Zeichen der Athene

Im Percy-Jackson-Universum darf natürlich eine ebenbürtige

Partnerin nicht fehlen, sie heißt Annabeth und ist die

Tochter von Athene. Die beiden lernen sich bei verschiedenen

Abenteuern kennen und lieben. So wie Athene ist sie

sehr klug, begabt in logischem Denken und behält stets einen

kühlen Kopf. Aber mehr soll nicht verraten werden. Wer

diese spannende Buchreihe liest, wird so wie ich auch Gefallen

an den alten ursprünglichen Geschichten finden.

Der Autor Rick Riordan war viele Jahre lang Lehrer für Englisch

und Geschichte. Mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen

lebt er in San Antonio, USA, und widmet sich inzwischen

ausschließlich dem Schreiben. Seine Percy-Jackson Serie hat

den Buchmarkt im Sturm erobert und ist in 32 Länder verkauft

worden: „Die Helden vom Olymp“

Nach der Reihe über die griechischen Götter widmete er

sich dann 2010–2012 den altägyptischen Gottheiten, 2016

schließlich begann er mit einer Reihe über die nordischen

Götter. Über die Romane hinaus wurden seine Geschichten

auch in Graphic Novels verarbeitet und zwei Geschichten

wurden sogar in Hollywood verfilmt.

Aus der Reihe

„Die Helden vom Olymp“

3. Band „Im Zeichen

der Athene“

ISBN:9783551314802

Umfang:608 Seiten

Verlag: Carlsen,

www.carlsen.de

Erscheinungsdatum: 2015

Gebundene Ausgabe

bei Thalia: € 18,4

Zahlenlabyrinth

Eine Lösung von Seite 5

8 7

5 7

14

3 3

5 6 3

6 10 3

4

9 10

8 5 8 14

2 3

2 15

7

3 1

12 5

1

1

11 14 15

13


BALANCER 78, 1/2020 PINNWAND 7

Das

Chancengleichheits-

Bis jetzt gibt es das Chancengleichheitsforum noch nicht. Dieses

Forum soll eine Gruppe von Menschen mit Behinderungen

sein, die Dienstleistungen des Fonds Soziales Wien in Anspruch

nehmen und den FSW bei seiner Arbeit beraten. Die Mitglieder

werden dann Wiener Behindertenräte genannt.

Forum

Von Gitti Wallner

Beim Diskussionsforum in der Tagesstruktur, bei

dem alle TeilnehmerInnen der Tagesstruktur dabei

sein können, habe ich erstmals davon gehört,

dass es so etwas in Zukunft geben soll. Alle 14 Tage

kriegen wir bei diesem Forum alle relevanten aktuellen

Infos, die uns betreffen, z. B. über Seminare, Fortbildungen

etc. David hat dann auch organisiert, dass die dafür

verantwortliche Person, Frau Jutta Rozinski, zu uns

gekommen ist und uns alles bei Kaffee und Plundergebäck

erklärt hat. Das habe ich sehr nett gefunden. Und

dann hat sie uns das Konzept des Chancengleichheits-

Forums vorgestellt und erklärt, dass nur die teilnehmen

dürfen, die beim Fonds Soziales Wien KundInnen

sind, also eine Leistung in Anspruch nehmen (auch

über Organisationen wie z. B. BALANCE).

Da mich das sehr interessiert, habe ich mich mit

ihr zusammengesetzt und im Dezember einen Termin

ausgemacht. Sie hat mich nach meiner Motivation gefragt,

warum ich mich aufstellen lassen möchte und

ich habe geantwortet: „Weil ich mich für andere Menschen,

die sich nicht so ausdrücken können wie ich,

oder weil sie Angst haben, dass sie ihren Platz verlieren,

einsetzen möchte.“ Außerdem ist es mir wichtig,

für die Rechte und gegen Ungerechtigkeiten zu kämpfen,

z. B. warum einige so viel zahlen müssen. Und dass

es für manche schwer ist, diesen Betrag aufzubringen.

Das Thema Krankenstand ist mir auch sehr wichtig. Ab

dem 51. Tag wird man von der Tagesstruktur abgemeldet.

Man kann sich dann zwar wieder auf die Warteliste

setzen lassen, aber es ist nicht garantiert, dass man

den gleichen Tagesstruktur-Platz wieder bekommt.

Seit September 2011 bin ich außerdem bereits im Mitspracheteam

TAGS SoHo und daher weiß ich auch ungefähr,

was auf mich zukommt und habe Erfahrung in

der Vertretungsarbeit.

Der Wiener Behindertenbeirat soll 2020 als Beratungsgremium

für den Fonds Soziales Wien eingerichtet

werden und es werden ihm Mitsprachekompetenzen

eingeräumt. Im Mai 2020 werden dann die

VertreterInnen gewählt. Wahlberechtigt werden alle

KundInnen des Fonds Soziales Wien sein. Ich war die

einzige KandidatIn von BALANCE, bin aber leider in

der Vorauswahl dann doch nicht ausgewählt worden.

Gewählt wird man für fünf Jahre. Unterstützend zum

Behindertenrat gibt es eine Begleitgruppe. Die Begleitgruppe

schaut darauf, dass das Projekt gut geplant

wird.

Ich finde das total toll, dass es dieses Angebot bald

geben wird. Wir hoffen, dass damit die Anliegen

von Menschen mit Behinderungen besser vertreten

werden. Schauen wir einmal, ob sich dann etwas für

uns verbessert.

Kontakt für Fragen:

Jutta Rozinski

selbtsvertretung@fsw.at

Politik-Karikatur:

Des Kaisers neue

Patschen

Von Christian Zuckerstätter


8

Thema

WEARABLES – TECHNIK AM KÖRPER

BALANCER 78, 1/2020

ArmbandärztIn,

Butler und die

Vermessung

des Ich

Sogenannte Wearables (devices), also

am Körper tragbare Geräte wie z. B.

Fitnessarmbänder und -uhren sowie

Smartwatches werden immer beliebter.

Sie zeichnen unsere Gesundheitsdaten

auf, helfen uns beim Training, ersetzen

Autoschlüssel oder steuern das Ein- und

Ausschalten von Lampen zuhause. Die

Assistenz am Handgelenk ist aber mehr

als nur ein interessantes und nützliches

Gadget (technisches Gerät), für manche

Menschen kann so ein Armband

Lebensqualität und Bewegungsfreiheit

bedeuten oder sogar lebensrettend sein.

Von Helga Hiebl


Thema

BALANCER 78, 1/2020 WEARABLES – TECHNIK AM KÖRPER

9

Melinda K. ist 23 Jahre alt und Epileptikerin. Aus Angst vor einem Anfall auf offener Straße, was

ihr schon einmal passierte, traut sie sich seit einiger Zeit nicht mehr alleine unterwegs zu sein.

Ihr Leben ist dadurch extrem eingeschränkt. Bei jedem noch so kurzen Weg muss sie begleitet

werden. Für eine junge Frau in ihrem Alter bedeutet das, sich nicht mit FreundInnen treffen

können oder jemand kennen lernen, sich verlieben, all das ist ihr verwehrt.

Seit kurzem bekam sie durch Spendengelder ein Epicare Armband finanziert, das ihr Leben

komplett verändert hat. Dieses Armband erkennt epileptische Anfälle, erfasst ob die TrägerIn

gestürzt ist und setzt im Fall einer Bewusstlosigkeit oder eines Anfalls einen automatischen

Notruf an eine eingespeicherte Telefonnummer z. B. an Angehörige ab. Mittels GPS können

diese sofort die Person orten und Hilfe schicken.

Mit dieser technischen Unterstützung ist Melinda nun unterwegs, ganz alleine in den Öffis,

in Cafés oder Lokalen. Selbstbewusstsein und Lebensfreude sind zurückgekehrt, die positive

Veränderung in ihrem Leben spürbar. Melinda hat sich verändert, aus einer stillen, verunsicherten

Person ist eine selbstständige und selbstbewusste junge Frau geworden. Ihre technische

Unterstützung am Armband gibt ihr Sicherheit und sie möchte sie nicht mehr missen.

Die Vermessung des Ich

Aber nicht nur Melinda schwört und vertraut auf ein technisches Wunderwerk am Arm, aktuell

liegt der NutzerInnenanteil von Wearables in Österreich bei 20 Prozent, Tendenz rasant

steigend. Smartwatches, Activitytracker und Fitnessarmbänder werden immer beliebter. Die

anfängliche Skepsis der ÖsterreicherInnen bezüglich Datenschutz ist am Sinken, hemmungslos

werden von Nahrungsaufnahme, Gewicht, Schritten, Puls, Blutdruck, ja sogar Schlafkontrolle

über sich selbst Daten gesammelt, ausgewertet und akribisch verfolgt. Die Vermessung

des Ich ist im Gange. Die Faszination der Beschäftigung mit dem eigenen Körper und der Selbstoptimierung

kurbelt die Wirtschaft und die Entwicklung von immer besseren Meßgeräten

mit immer neuen Funktionen gewaltig an.

Die Entwicklung intelligenter technischer Assistenzsysteme macht immer größere Fortschritte.

Glaubt man den EntwicklerInnen, werden diese intelligenten Uhren und Armbänder

bald schon Erstdiagnosen von ÄrztInnen ersetzen, bereits jetzt können manche Uhren den

Herzschlag und Blutsauerstoff so genau messen, dass sie einen unmittelbar bevorstehenden

Schlaganfall oder Herzinfarkt voraussagen können. Wie verbreitet am Körper tragbare Assistenzsysteme

sind, zeigen uns die Absatzzahlen. Bereits jetzt werden vom Erfinder der Smartwatches

mehr Uhren verkauft als in der gesamten Schweiz Uhren abgesetzt werden, Tendenz

steigend.

Die Faszination der Technik am Armband ergreift also immer mehr Menschen, auch solche,

die nicht zu einer Risikogruppe wie Melinda gehören. Vor allem SportlerInnen haben Gefallen

an den Möglichkeiten gefunden und optimieren damit ihre persönlichen Trainingsleistungen.

Aber wie sinnvoll ist es, uns permanent zu „monitoren“?

Der smarte Coach als Datenstaubsauger

Die Uhr am Handgelenk vibriert, eine Meldung erscheint: „Zeit für ein Glas Wasser!“ oder „Geh

ein paar Schritte!“ Die ständige Überwachung kann auch stressen. Denn der Coach am Handgelenk

erzeugt Druck, besonders wenn die Aktivität auch noch mit anderen zum Wettbewerb

wird. Ungeachtet der realen Situation erstellt der Fitnesstracker permanent ein Datenbild

von uns selbst, die Faszination der vielen Messungen lässt dabei außer Acht, dass die meisten

Messwerte vor allem von billigen Geräten nur sehr ungenaue Ergebnisse liefern bzw. nur Geschäftsmodelle

dahinterstecken, die uns dazu bringen wollen, selbst hochsensible Daten zu

Werbezwecken freiwillig preiszugeben. Zum Glück steht beim ausufernden Sammeln von Daten

die rasante Entwicklung der Technik dieser oft selbst im Weg. Denn mit den im Halbjahrestakt

immer neueren und besseren Fitnessarmbändern und -uhren wechseln die KonsumentInnen,

ähnlich wie bei Smartphones, diese sehr häufig, manchmal sogar mehrmals im Jahr. Die

Daten lassen sich so dann schwer auf längere Zeit hin verfolgen bzw. einer Person zuordnen.

Der Stress der Selbstoptimierung

Über möglicherweise unerwünschte Wirkungen dieses Trends forschte bereits 2016 die österreichische

Kulturwissenschaftlerin Heike Peschl. Sie untersuchte die Prozesse von exzessiver

Selbstüberwachung durch Programme und stellte eine hohe Tendenz einer bereitwilligen

Aufgabe von Eigenständigkeit an eine anonyme Führung fest. So hilfreich bestimmte Daten

sein können, so psychisch krankmachend können die permanenten Aufzeichnungen von


10

Thema

KÖRPERBILDER WEARABLES – TECHNIK AM KÖRPER

BALANCER 78, 1/2020

Körperdaten werden, wenn der digitale Coach sich regelmäßig zu Wort meldet und Selbstoptimierung

fordert. Der Leistungsbegriff schleicht sich so in das Leben und prägt den Gedanken:

So wie ich bin, bin ich nicht gut genug. Und ganz schleichend und unbemerkt geraten wir

immer mehr in Abhängigkeit einer virtuellen FührerIn.

Daher ist es gut, wie bei allen Dingen, Maß und Ziel beizubehalten. Bewusst messfreie

Tage einschieben wirkt Wunder und führt vom virtuellen „besseren Ich“ wieder zurück zum

realistischen Selbstbild – zum „Sein“ und möglicher Selbstentwicklung.

Verhaltensweisen umlernen

Nicht gerauchte Zigaretten: 2.200, wiedererlangte Lebenszeit: 110 Tage, rauchfreie Zeit: 1 Jahr,

2 Monate, 15 Tage leuchtet auf der Smoke-free-App in frühlingsgrün. Selina G. ist stolz und teilt

ihre Daten gerne auf Twitter und Facebook und erntet bewundernde und aufmunternde Likes

und Kommentare. Abseits von Fitnessdaten gaben in Umfragen 60 Prozent der Personen an,

dass sie Messungen zum Beenden von schlechten Gewohnheiten verwenden würden. Rauchen,

Alkoholkonsum einschränken, Gewichtsabnahme sind die häufigsten Problemfelder, die

Menschen zu genauen Aufzeichnungen und in die Hände von digitalen Coaches treibt und

dabei durchaus erfolgreich. Untersuchungen zeigen, dass diese oft mit Scham und Intimität

verbundenen Probleme tatsächlich damit leichter in den Griff zu kriegen sind. Die Aufzeichnungen

lösen zwar zuerst überwiegend schlechte Gefühle aus, aber mittelfristig gelingt es

vielen, ihre Verhaltensweisen umzulernen. Sind diese Ziele erreicht und die neue Gewohnheit

etabliert, beenden die meisten die Selbstvermessung.

Der Comlink des Knight Rider

Wer in den 80er-Jahren die Serie des unerschrockenen Michael Knight mit seinem intelligenten

Auto K.I.T.T. auf VerbrecherInnenjagd verfolgte, dem wird rückblickend sicher schon aufgefallen

sein, dass der Held der Serie bereits damals die erste Smartwatch getragen hat, lange

noch bevor die meisten der EntwicklerInnen in Cupertino überhaupt geboren waren. Damit

konnte er seinen K.I.T.T. rufen, steuern, als Telefon benutzen, also all das, was jetzt mit den gängigen

Smartwatches möglich ist – gut, das Auto kommt heute noch nicht selbst angefahren,

wenn man in die Uhr hineinruft, aber immerhin auf- und absperren funktioniert schon einwandfrei.

Science Fiction ist nicht zum ersten Mal die Vorreiterin technischer Errungenschaften

und bisher hat sich immer bewahrheitet: Das, was der Mensch sich ausdenken kann, kann

er auch irgendwann realisieren.

Stück für Stück mehr Freiheit

Viele Menschen beschleicht ein unangenehmes Gefühl, dass sie mit diesen Geräten ja permanent

überwacht werden könnten. Das ist nicht von der Hand zu weisen, aber trifft auf jedes

GPS-fähige Gerät - auch auf das ganz normale Smartphone - zu. Wir werden lernen müssen,

damit zu leben und umzugehen und uns unsere Freiräume bewusst zu schaffen, indem wir

diese Geräte auch einmal ausschalten, unerreichbar bleiben, uns Auszeiten gönnen.

Doch zurück zu Melinda. „Meine mobile Assistenz am Arm gibt mir so viel mehr Freiheit.

Ich fühle mich nun endlich sicher. Meine Familie und FreundInnen sind ebenso glücklich mit

dieser Lösung, weil sie wissen, dass ich im Notfall sofort Hilfe bekomme.” Der Einsatz dieser

Technik ist gerade für Menschen mit Behinderungen gut geeignet, so wie auch gute Rollstühle

über die Jahre immer besser, leichter und kompakter geworden sind besteht kein Zweifel, dass

es in Zukunft Assistenzsysteme geben wird, mit denen immer mehr Personen sich Stück für

Stück ihre Freiheit und Selbstständigkeit erobern werden können.

Wearables mit GPS, exakten Messdaten und Sturzerkennung sind oft noch teuer, manchmal

unerschwinglich, aktuell aber besonders gefragt – genauso wie SprachassistentInnen. Egal

ob für die Gesundheit, zum Sport oder für die eigene Sicherheit, zur Kommunikation oder

Selbstständigkeit, unsere kleinen tragbaren BegleiterInnen werden uns bei unseren Zielen unterstützen

und ein Großteil der Menschen wird das nutzen (können) wie heute die Smartphones.

Behinderungen sind manchmal halt einfach nur Barrieren und es ist eine Frage der Technik,

diese zu beseitigen.


Thema

BALANCER 78, 1/2020 WEARABLES – TECHNIK AM KÖRPER

11

Meine liebsten

technischen

AssistentInnen

Meine technischen Hilfsmittel, auf welche ich

nicht verzichten wollen würde, sind beim Computern

der Kopfstab, mit dem ich schreibe und

das zweite Hilfsmittel ist der Trackball, mit dem

steuere ich die Maus und die dritte Variante ist die

Bildschirmtastatur, so kann ich ohne Probleme am

Computer arbeiten.

— Andi Tettinger

Ich vermisse eine elektrische/mechanische Aufstehhilfe:

Ich bräuchte dringend eine elektrische Aufstehhilfe,

wenn es mir nicht so gut geht. Dabei wird

man angegurtet, dann drückt man auf einen Knopf

und wird dann automatisch aufgerichtet. Man

braucht es, um einfacher aus dem Bett in den Rollstuhl

oder aufs WC zu kommen. Leider wurde diese

für mich von der Krankenkasse bereits zweimal abgelehnt.

Auch ein Drehteller könnte mir helfen.

Nicht mehr missen möchte ich mein Smartphone.

Da kann ich Telefonnummern, die ich brauche,

einfach einspeichern, wenn ich unterwegs bin.

Früher hatte ich ein Handy, bei welchem ich mich

gar nicht ausgekannt habe. Jetzt hingegen bin ich

froh, denn mit meinem Smartphone da kenne ich

mich super aus. Ich kann ins Internet, da kann ich

immer nachschauen wann z. B. eine barrierefreie

Straßenbahn fährt oder ob es gerade eine Störung

gibt, der Aufzug nicht funktioniert und ich einen

Umweg fahren muss.

— Gitti Wallner

Foto: BALANCE Archiv


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VOI fesch

bringt die Kunst

ins Rollen …

Die im vorigen Balancer vorgestellte

Firma VOI fesch hat, so scheint’s, ein

Abonnement auf „Pfooohhh-Effekte“

Von Christian Zuckerstätter

Seit dieser Vorstellung ist nicht viel Zeit vergangen. Und VOI

fesch macht erneut auf sich aufmerksam – mit einer großartigen

Kunst-Aktion. Beim VOI fesch Kunstpreis 2020 werden,

wie schon bei der ersten derartigen Aktion vor zwei Jahren,

Menschen mit Behinderung aufgerufen, ihre Entwürfe einzureichen.

Diesmal für die Gestaltung von Sattelschleppern.

Jawohl, ihr habt richtig gelesen – die Gestaltung von Sattelschleppern.

Eine famose Idee, denn Sattelschlepper bieten

eine riesengroße, zumeist „ungenutzte“ Fläche, die ständig

auf Achse ist, sich tausende Kilometer durch die Lande bewegt

und somit von einer Vielzahl an Menschen gesehen

wird. Wahrgenommen wird diese Fläche – und damit der

ganze Sattelschlepper – insbesondere dann, wenn sie einen

„Eyecatcher“ trägt. Was könnte ein besserer Eyecatcher sein

als ein Kunstwerk? Und nachdem sich VOI fesch das Ziel gesetzt

hat, die Kunst von Menschen mit Behinderung sichtbar

zu machen, ergibt eines das andere. Und dass es nicht nur

beim Ziel bleibt, sondern die Sache auch tatsächlich umgesetzt

wird, unterstreicht die Großartigkeit der Aktion!

Damit verbunden ist natürlich auch ein Werbe-Effekt.

Das hat die Firma Servoking GmbH erkannt, hat den Kunstpreis

2020 als Mitinitiator erst möglich gemacht und ist zum

starken Partner bei der diesjährigen Aktion geworden. Servoking

ist in Österreich die Nr. 1 für Lösungen in der Transportkühlung

und Partner von Thermo King, weltweit führend

bei Temperaturreglersystemen in der Transportbranche.

Weiters „mit an Bord“ ist die Firma Gradinger, die Folienbeklebungen

in Top-Qualität fertigt. Ja, die intensive und

konstruktive Zusammenarbeit mit starken und kooperativen

Partnern ist wesentliche Grundvoraussetzung dafür, dass

eine so groß angelegte Aktion auch tatsächlich realisiert

werden kann.


BALANCER 78, 1/2020 Kunst

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Foto: voifesch

Die wichtigsten Eckpunkte der Aktion

Die Aktion startete Mitte des Vorjahres. Aufgerufen wurden

österreichweit alle künstlerisch talentierten Menschen

mit Behinderung. Ihre Aufgabe: auf der über die VOI-fesch-

Website anforderbaren A1-Vorlage war ein Entwurf für die

Gestaltung der Sattelschlepper anzufertigen. Die teilnehmenden

KünstlerInnen konnten die Arbeiten in ihrem gewohnten

Umfeld anfertigen und per Post einsenden. Einsendeschluss

war der 18. Oktober.

Daraufhin wählte eine siebenköpfige Jury, der unter anderem

auch die erfolgreiche Künstlerin Iris Kopera aus dem

bildBalance-Atelier Wien angehörte, aus der gewaltigen

Zahl von 285 Einsendungen in einem ganz bestimmt alles

andere als einfachen Auswahlverfahren 33 Entwürfe aus, die

in die Endausscheidung kamen. Diese Entwürfe waren dann

bis 15. März dieses Jahres auf der VOI-fesch-Homepage „ausgestellt“

und die BesucherInnen der Homepage konnten

mittels digitaler Kreuzerl für ihre drei Lieblings-Entwürfe

stimmen. Unter den finalen 33 waren auch – oho oho!! – die

Kunstwerke von zwei bildBalance-Künstlerinnen: „Afrikanische

Tänzerinnen“ von Bettina Onderka und „Rot“ von Lisi

Hinterlechner!

All diese Stimmen, die auf der VOI-fesch-Homepage abgegeben

wurden, werden unter dem Titel „Public Voting“

ausgewertet. In einer Kombination aus Public Voting und

Jury-Wertung wird dann die Gesamtwertung erstellt. Dann

stehen die Top-15 sowie die ersten drei der Gesamtwertung

fest. Abgesehen davon, dass alle TeilnehmerInnen schon

durchs Mitmachen allein gewonnen haben, ist es natürlich

schon etwas Besonderes, unter die besten 15 gewählt zu

werden. Außerdem winken den ersten Dreien auch Geldpreise.

Daher wird das Ergebnis bestimmt von allen mit Hochspannung

erwartet.

Ich hatte nicht vor, mich an der Abstimmung zu beteiligen

und das war auch gut so. Denn ich hätte mich außerstande

gesehen, aus dieser Vielzahl höchst attraktiver Entwürfe

bloß drei auszuwählen. Alle interessierten Speditions-

Unternehmen, die Sattelschlepper in ihrer Flotte haben und

diese mit VOI feschen Kunstwerken bedrucken lassen wollen,

haben genau diese schwere Wahl. Ihnen werden in erster

Linie die Top-15-Kunstwerke angeboten, aber auch alle

anderen Entwürfe stehen ihnen zur Wahl. Und für jedes verwendete

Motiv gehen 500,– € an die/den KünstlerIn!

Das große Finale

Alles steuert auf die Preisverleihung am 5. Mai 2020 zu. Das

ist nicht zufällig ein besonderer Tag. Der 5. Mai ist Welttag

der Inklusion. An diesem Tag werden die ersten – bereits

bedruckten – Sattelschlepper als bunte, fahrende Inklusionsbotschafter

ein deutliches Statement für eine inklusive

Gesellschaft setzen und bei der Preisverleihung auffahren.

Die Preisverleihung findet am 5. Mai 2020 ab 18:00 im

Gironcoli-Kristall-Saal im STRABAG HAUS in der Donau-City-

Straße 9 im 22. Wiener Gemeindebezirk statt. Ein Event, den

mitzuerleben sich mit Sicherheit lohnt.


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GESUNDHEIT UND TECHNIK

KÖRPERBILDER BALANCER 78, 1/2020

Computerspiele

gegen Demenz

„Das Vergessen

ausspielen“

Von Helga Hiebl

Viele von uns verbringen seit der Covid-19-Pandemie

einen Großteil der Zeit in den eigenen vier Wänden,

diese Situation ist für ältere und bewegungseingeschränkte

Personen normaler Alltag. Dass ewiges Zuhausesitzen

gesundheitlich nicht gerade förderlich ist,

wissen wir intuitiv zumeist, aber dass sehr lange Reizarmut

ohne neue Eindrücke sogar die Gehirnsubstanz

der grauen Masse verringert, war bisher nicht bekannt.

Zum Glück ist das aber nicht irreparabel, man kann dagegen

etwas tun, z. B. Computerspiele spielen.

In einer bereits 2017 veröffentlichten Studie kanadischer

Wissenschaftler konnte nachgewiesen werden,

dass wenn bestimmte Computerspiele über einen längeren

Zeitraum gespielt werden, sich unser Gehirn verjüngen

kann.

Für den Versuch teilte man 55- bis 75-jährige Personen

in drei zufällige Gruppen. Eine Gruppe sollte regelmäßig

über ein halbes Jahr die 3D-Version von Super

Mario 64 spielen, eine andere Gruppe ebenfalls über

den Computer Klavier spielen lernen, die dritte Gruppe

hatte keine Aufgabe. Keine der TeilnehmerInnen hatte

Vorerfahrungen mit Computerspielen oder Klavier

spielen, lernten also eine für sie völlig neue Sache.

Zu Beginn der Studie wurde die Menge an grauer

Gehirn-Substanz an drei verschiedenen Stellen im Gehirn

gemessen und ein Gedächtnistest durchgeführt.

Die Graue Substanz besteht vor allem aus Nervenzellkörpern.

Eine Abnahme hat Anteil an Alterskrankheiten

wie Demenz oder Alzheimer. Weiße Substanz besteht

hingegen vor allem aus Leitungsbahnen. Mehr graue

Substanz in bestimmten Hirnarealen wird mit höheren

Intelligenzwerten in Verbindung gebracht.

Nach sechs Monaten wurden die ProbandInnen

wieder gemessen und getestet. Bei der Gruppe der Super-Mario-SpielerInnen

waren deutliche Zunahmen

von grauer Hirnsubstanz im Hippocampus feststellbar.

Das ist die Region, die unsere räumliche Wahrnehmung

betrifft, unsere Orientierung durch Visualisierung innerer

Karten z. B., ebenso verbesserten sich erstaunlicherweise

die Strukturen im Gehirn, die für Bewegung

und Gleichgewicht zuständig sind. Anscheinend unterscheidet

unser Gehirn nicht, ob wir uns im echten oder

virtuellen Raum bewegen.


BALANCER 78, 1/2020

GESUNDHEIT UND TECHNIK 15

Foto: Adobe Stock – Robert Kneschke

Bei den KlavierspielerInnen konnten ebenfalls verbesserte

Gedächtnisleistungen festgestellt werden und besonders

die Hirnregionen, die für Planung und Entscheidungen zuständig

sind, verbesserten sich. Bei der Gruppe, die keine

Aufgaben verfolgte, nahm die graue Substanz ebenso wie

die Gedächtnisleistung ab.

Ob man nun 3D-Spiele spielt oder doch lieber ein Musikinstrument

lernt, ist wohl Geschmacksache, wichtig im

Kampf gegen Demenz bleibt jedenfalls, aktiv zu bleiben

und neugierig auf Neues zu sein, denn Neues zu lernen

hält unser Gehirn frisch und jung. Faszinierend bleibt die

Erkenntnis, dass Bewegung und Gleichgewicht wie räumliche

Orientierung rein virtuell trainiert werden können.

Der Einsatz von Computerspielen als Therapie gegen Demenz

ist vielversprechend und wer weiß, vielleicht sind

Playstation, Switch und Co bald fixe Ausstattung in diversen

SeniorInnen-Residenzen und die jungen GamerInnen

werden bald schon von ihren Omis und Opas an die Wand

gespielt.

https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/

journal.pone.0187779



Kunst

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18 KÖRPERBILDER Unterstütztes Wohnen

BALANCER 78, 1/2020

Die

Wohngemeinschaft

Boltenstern

... einmal mehr präsentiert sich

mir die unglaubliche Vielfalt, die

an den vielen BALANCE-Standorten

lebt ... wiederum in ganz anderem

Gesicht.

von Christian Zuckerstätter

Diesmal bin ich am Boltenstern gelandet und fand ein kleines,

gemütliches und eigenständiges Universum vor. Die

Wohngemeinschaft Boltenstern ist ein feines Nest für

derzeit elf BewohnerInnen. Davon leben sieben unmittelbar

in der Wohngemeinschaft und vier in den sogenannten Trainingswohnungen.

Die Trainingswohnungen werden ihrem Namen voll gerecht

und bieten BewohnerInnen, die in eigene Wohnungen ausziehen

wollen die Gelegenheit, vorerst in einer „Trainingswohnung“ das

eigenständige Wohnen zu trainieren. Mit der Sicherheit, noch in unmittelbarer

Nachbarschaft der Wohngemeinschaft zu sein.

Trainingswohnungen sind voll ausgestattete kleine Garçonnièren.

Sie verfügen über eine eigene Küche, WC und Badezimmer und können

von den BewohnerInnen selbst eingerichtet werden. Das ist eine

ganz tolle Übergangs-Wohnform, in der sich Menschen, die schon

lange nicht mehr – oder sogar noch nie – alleine gewohnt haben,

Schritt für Schritt wieder an eine eigenständige Existenz gewöhnen

können. Eben mit dem Sicherheitsnetz der benachbarten Wohngemeinschaft,

die jederzeit aufgesucht werden kann, wenn einmal unerwünschte

Einsamkeit aufkommt. Die durchschnittliche „Verweildauer“

in den Trainingswohnungen beträgt drei bis vier Jahre.


BALANCER 78, 1/2020 Unterstütztes Wohnen 19

Leben am Boltenstern

Die BewohnerInnen sind überwiegend männlich und von

der Art ihrer Beeinträchtigung her stark durchmischt. Zum

Teil wohnen Personen mit autistischer Wahrnehmung am

Boltenstern, zum Teil nonverbale BewohnerInnen, auch

Menschen mit Borderline-Syndrom waren schon an Bord.

Das macht sehr gut klar, wie groß die Herausforderung

für die BetreuerInnen am Boltenstern ist. Das erklärt auch

ihre auf den ersten Blick große Zahl – insgesamt verrichten

acht BetreuerInnen und zwei IntensivbetreuerInnen ihren

Dienst. Sie arbeiten natürlich nicht gleichzeitig, sondern

lösen einander ab.

Rund um die Uhr ist jeweils einE BetreuerIn im Einsatz.

Nur bei der morgendlichen Dienstübergabe und in

der intensiven Abendzeit zwischen 16:30 h und 20:30 h

sind zwei BetreuerInnen anwesend. In dieser Zeit kommt

viel zusammen. Die BewohnerInnen kehren von ihrem Tagwerk

heim, das gemeinsame Abendessen wird zubereitet,

verzehrt und zu guter Letzt wenden sich alle dem individuellen

Tagesausklang zu.

Hier wird schnell die Vielschichtigkeit des Betriebs

sichtbar. Das gemeinsame Abendessen betrifft nämlich

nicht alle BewohnerInnen. BewohnerInnen von Trainingswohnungen

kochen, wenn sie wollen und es schon können,

für sich selbst. Auch den Einkauf erledigen sie eigenständig.

In der Küche erhalten sie Unterstützung, bis sie

alles selbstständig können. Und es bedarf oft einiger

Übung, bis sich die Leute trauen, den Herd selbstständig zu

bedienen. Sie haben die Wahl, ob sie in der Wohnungsküche

für sich selbst kochen oder in der Wohngemeinschafts-

Küche für alle BewohnerInnen.

In der Wohngemeinschaft gibt es bei allen Tätigkeiten

für den gemeinsamen Haushalt Arbeitsteilung. Das

erstreckt sich sowohl auf den Küchendienst als auch auf

alle Haushaltsarbeiten wie aufräumen, staubsaugen und

Ähnliches. Bei allen Arbeiten erhalten die BewohnerInnen

so viel Unterstützung wie für sie notwendig ist. Das ist

sehr unterschiedlich. Manche BewohnerInnen sind sehr

selbstständig, andere wiederum brauchen bei allen

Tätigkeiten Unterstützung. Aber alles ist ein Lernprozess.

Nichts bleibt, wie es ist.

BetreuerInnen die BewohnerInnen, dass sich möglichst

viele anschließen, um die Gemeinschaft zu fördern.

Im Wohnraum herumstehende Musikinstrumente,

wie etwa eine Djembe, sprechen den Musiker in mir sofort

an und sprechen eine deutliche Sprache. Ja, es wird auch

musiziert, wenn sich ein paar Leute dafür zusammenfinden.

Es geht aber zumeist von den BewohnerInnen aus und

passiert spontan. Bei Freizeitaktivitäten, die über die vier

Wände der Wohngemeinschaft hinausgehen, sind kleine

und große Aktivitäten zu unterscheiden. Große Aktivitäten

finden etwa fünfmal im Jahr statt.

Diese Aktionen werden von BewohnerInnen und BetreuerInnen

gemeinsam geplant und natürlich auch ausgeführt.

Ziele sind dann etwa: Burgen besichtigen, Konzerte

besuchen, Städte bereisen und erkunden oder – ja, auch

das wurde schon gemacht – auf Wanderschaft mit Lamas

gehen. Einzelaktionen zu zweit, also der BetreuerInnen mit

ihren BezugsklientInnen, finden auch regelmäßig statt.

Und sich spontan ergebende kleine Aktionen – meist Lokalbesuche

oder Einkaufstouren – werden von den BetreuerInnen

nur selten begleitet.

Aufgaben und Ziele der Wohngemeinschaft

Boltenstern

Großes Ziel – insbesondere bei BewohnerInnen mit Problemen

– ist es, einen Gesinnungswandel, selbstverständlich

im positiven Sinn, herbeizuführen. Eine spürbare Entlastung

für die tägliche Arbeit der BetreuerInnen hat die von

BALANCE eingerichtete Stelle für intensive Einzelbetreuung

gebracht. Zu den Aufgaben der BetreuerInnen zählt

auch die Arbeit mit den Angehörigen, die sich zumeist in

kleiner Runde als zielführend erweist. Die Wohngemeinschaft

Boltenstern ist eine Übergangs-Wohngemeinschaft

im sozialpädagogischen Sinn. Ihr erklärtes Ziel ist, dass alle

ihre BewohnerInnen einen eigenen Weg in allen Lebensbereichen

finden.

Illustration: Nina Ober

Tagwerk und Freizeitgestaltung

Untertags sind alle BewohnerInnen entweder in Tagesstrukturen

tätig oder sie besuchen Schulungen. Einen bezahlten

Job übt keiner von ihnen aus. Abends kehren alle

müde heim, verbringen bei Zubereitung und Verzehr des

Abendessens noch gemeinsame Zeit miteinander und haben

danach eher das Bedürfnis nach Ruhe.

Gemeinsame Aktivitäten sind bei den derzeitigen BewohnerInnen

eher die Ausnahme. Das liegt stark daran,

dass zurzeit viele AutistInnen, die ja vorzugsweise lieber

für sich sind, die Wohngemeinschaft bewohnen. Aber auch

sie lernen hinsichtlich sozialer Kontakte dazu, im eigenen

Tempo und auch entsprechend der eigenen individuellen

Möglich keiten. Und natürlich gibt es unter den Bewohner-

Innen Freundschaften und kleine Gruppen, die sich zusammentun,

etwa um Spiele zu spielen. Dabei motivieren die


20 Timeout – KÖRPERBILDER Auszeit mit chriz

BALANCER 78, 1/2020

Die schöne

neue Welt des

Smartphones

Was einmal als mobiles Telefongerät

namens Handy die Welt eroberte,

beherrscht heute in vielen

Ver kleidungen unseren Alltag – als

Computer, als Fotoapparat, als

Walkman, als Fernsehgerät, als

Kalender … ja, und telefonieren kann

man auch damit.

Von Christian Zuckerstätter

Es ist fast schon unwirklich für mich, dass ich – als

61er-Jahrgang – in einer handylosen Welt aufwuchs.

In einer Welt der – heute Festnetz genannten –

baulich fix installierten Telefonleitungen, einer Welt der

Vierteltelefonanschlüsse, wo jeweils vier Telefon-Nu tzer-

Innen sich einen Anschluss teilten und es nicht selten

vorkam, dass man nicht telefonieren konnte, weil einer der

anderen drei gerade telefonierte und damit die Leitung

besetzte. Heutzutage, wo jeder überall, wo er auch ist, selbst

am Klo, telefonieren kann und selbstverständlich auch

erreichbar ist, ist die handylose Zeit ganz und gar nicht mehr

vorstellbar.

Das ist somit längst Schnee von gestern. In letzter Zeit

überkommt es mich aber immer öfter, mich an die Zeit davor

zurückzuerinnern. Und es sind durchaus schöne Erinnerungen.

Das mag vorerst merkwürdig anmuten, daher möchte

ich in der Folge gerne einige dieser Erinnerungen an „die

gute alte Zeit“ hervorkramen.

Prähandysche Geschichten

So geschah es etwa im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrtausends,

dass ich mit meiner Frau den Sommer im Kleingarten

meiner Eltern in der Nähe der Alten Donau verbrachte,

und die Geburt unserer ersten Tochter unmittelbar bevorstand.

Telefonanschluss gab‘s im Garten natürlich keinen

und bis zur nächsten Telefonzelle waren es fünf Minuten zu

Fuß. Das war mir zu lang für den Fall, dass es bei meiner Frau

losging und ich dringend die Rettung rufen wollte.

Doch eine Lösung war schnell gefunden. Mein Onkel

borgte uns sein Funkgerät. Dann begann eine Serie von Arbeitsschritten

– allem voran montierte ich eine Antenne am

Dach, damit wir einwandfrei senden konnten. Und mit einer

Reihe von Testläufen stellten wir sicher, dass der Funkkontakt

tadellos funktionierte und das Gerät jederzeit einsatzbereit

war. Wenngleich alles dann völlig unspektakulär ablief,

als wir bei den ersten Anzeichen der Geburt mit dem

Taxi ins Spital fuhren, war das ganze Drumherum für uns –

mitten in Wien – ein richtiggehendes Abenteuer, das uns

immer in wunderbarer Erinnerung bleiben wird.

Die zweite Geschichte geschah ein paar Jahre vorher.

Wieder sind meine damalige Frau und ich die HauptdarstellerInnen.

Wir verbrachten einen grandiosen und unvergesslichen

Urlaub in Island. Kernstück unserer Reise war die Durchquerung

des isländischen Hochlandes. Natürlich zu Fuß, wie

sonst. Eine Tour, die nur wenige auf sich nahmen – in den

sechs Tagen, die wir unterwegs waren, meine Frau mit dreißig,

ich mit vierzig Kilo am Rücken, trafen wir einen einzigen

Wanderer. Es war eine unbeschreibliche Tour durch ursprüngliche

landschaftliche Schönheit, geprägt durch die

natürlichen Urgewalten Feuer und Eis. Mit Ausnahme der

Vögel, die hoch über uns kreisten, trafen wir auf keine anderen

Tiere. Auch auf Pflanzen stießen wir nur äußerst selten.

Das schreibe ich alles, um zu unterstreichen, wie elementar

sich die Welt uns damals präsentierte. Es war atemberaubend

klar, einfach und schön. Wenn ich mir heute


BALANCER 78, 1/2020 Timeout – Auszeit mit chriz 21

Illustration: Nina Ober

vorstelle, inmitten dieser Welt mein Smartphone zu zücken,

um nachzuschauen, wie der Berg links neben mir heißt oder

wie das Wetter in zwei Stunden sein wird, beutelt es mich

richtiggehend. Das hätte viel kaputtgemacht. Es war damals

alles viel uriger, viel direkter, viel „echter“, es war alles einfach

1:1 erlebbar, ohne Wenn und Aber. Natürlich, wenn der

nahegelegene Gletscher plötzlich gekalbt hätte oder einer

der uns umgebenden Vulkane ausgebrochen wäre, hätten

wir den Riesenvorteil gehabt, einen Hubschrauber rufen zu

können, der uns rausholt. Aber ohne diese Möglichkeit zur

Hilfeleistung war‘s für uns echter. Und es war, ich kann‘s

nicht oft genug wiederholen, wunderwunderwunderwunderschön

… ja, das waren Abenteuer von gestern.

Die neue Ära – bequemer und nüchterner

Das, was für uns vor rund drei Jahrzehnten noch nicht einmal

vorstellbar war, ist uns mittlerweile so schnell zur Selbstverständlichkeit

geworden, dass wir es gar nicht mehr bewusst

wahrnehmen. Um das zu unterstreichen, eine kurze Schilderung

vom letzten Segeltörn: wir segelten an der kroatischen

Insel Pag entlang und fuhren in eine große Bucht ein. Schon

von weitem sahen wir eine winzig kleine Ortschaft, vor der

ein paar Boote vor Anker lagen. Einer an Bord nahm sein

Smartphone zur Hand, hatte mit ein paar Klicks den Plan des

Ortes vor sich, zeigte nach vorn und verkündete: „Die Gossn

da vurn rauf, erste Gossn links is glei a Lidl“. Alle nahmen

das mit größter Gelassenheit auf, nur mir fiel die Kinnlade

herunter und mein Mund blieb lange sperrangelweit offen.

Wir segeln in eine Bucht, in der keiner von uns jemals zuvor

war, wir wissen von der Gegend in der wir uns befinden

haargenau nichts. Aber wir brauchen das „Neuland“ nicht zu

erforschen, ja nicht mal zu betreten, denn das Kastl in der

Hand meines Kameraden weiß lange vor unserer Landung

bereits alles – wo Geschäfte sind, wo es Wasser gibt, wo wir

Strom laden können, wo wir tanken können, wo das nächste

Klo ist und vieles mehr. Klar ist das bequem, aber es ist auch

unsagbar langweilig. Und es ist ernüchternd und desillusionierend

in höchstem Maß.

Sich vorzustellen, was hinter diesem Phänomen unserer

Zeit steckt, lehrt einen das Fürchten. Rechneranlagen mit

gewaltiger technischer Leistungsfähigkeit, die von jedem

bekannten Flecken unseres Planeten jede erdenkliche Information

speichern und via Satellit zu allen einzelnen Empfängern

senden. Und das sind heutzutage eben schon fast alle

BewohnerInnen zumindest der reichen Länder unserer Welt,

die ihre Smartphones in Händen halten.

Das verleitet uns alle zu beeindruckender, aber im

Grunde völlig sinnloser Informationsbeschaffung. Aber haben

die Menschen einmal diese Möglichkeit, kann sich dem

kaum wer entziehen. So bekam ich – wieder zurück am Segelboot

– laufend mit, wie einzelne Crew-Mitglieder

während einer Flaute zum Beispiel nachschauten, wie das

Wetter in ihrer Heimatgemeinde ist oder – ja, selbst so weit

ging es – wieviel Grad es in ihrer Wohnung hatte. Ich hab

kein Wort herausgebracht, aber still für mich hab ich geschrien:

haut‘s doch weg diese Dinger und kehrt‘s zurück ins

Hier und Jetzt, über uns der blaue Himmel und rund um uns

das Meer, das der sanfte Wind kräuselt – es ist soooo schön

hier!

Wo bleibt die konstruktive Langeweile?

Da, wo das Smartphone vordergründig hilft, sinnlos vergeudete

Zeit zu nutzen, nimmt sie uns in Wahrheit das, was jeder

Mensch dringend braucht, nämlich das Gefühl einfach

zu SEIN … Ich bin, ich sitze im Zug, ich schau beim Fenster

raus, schau mir die Landschaft an, schau ins Narrnkastl, versinke

in Gedanken, weiß nachher gar nicht, woran ich gedacht

hab … Das sind elementar wichtige Phasen unserer

Existenz. Und das scheinbare „die Zeit nutzen“ hindert uns

daran, unbewusst an uns zu arbeiten. Somit ist die scheinbar

sinnvoll genutzte Zeit in Wahrheit vergeudete Zeit. Und

dieses vermeintliche „die Zeit nicht ungenutzt vergehen lassen“

hat – mithilfe des Smartphones – in furchterregendem

Tempo um sich gegriffen.

Symptomatische Beobachtungen für dieses Phänomen

unserer Zeit sind auf jeder x-beliebigen Fahrt mit der U-Bahn

zu machen. Im Schnitt hat nur jeder fünfte Passagier seinen

Blick NICHT auf sein Smartphone geheftet. Selbst junge Liebespaare

sitzen zumeist wortlos nebeneinander, den Blick

auf ihre Geräte geheftet. Gesprächsstoff gibt es, wenn sie

einander zeigen, was sie gerade am Monitor haben. Ansonsten

sprechen sie nicht miteinander, sie tauschen keine Zärtlichkeiten

aus, ja selbst Blickkontakte sind zum Luxus geworden.

Angesichts solcher Szenen ist mir immer wieder zum

Losheulen.

Manchmal nimmt die „Smartphonitis“ aber auch kabarettistische

Züge an. Etwa dann, wenn vier kräftig gebaute

Männer auf einer U-Bahn-Plattform stehen, die Köpfe dicht

aneinandergedrängt, alle den Blick auf EINEN Monitor mit

10 cm Bildschirmdiagonale geheftet und aufmerksam ein

Fußball-Match verfolgen, natürlich lautstark begleitet von

deftigen Sprüchen. Wenn sich einmal diese Möglichkeit bietet,

ist es natürlich kein Thema mehr, nach Hause zu fahren

– heutzutage kann jeder TV-Receiver zumindest 24 Stunden

rückwirkend jede Sendung 1:1 abspielen – und das Match mit

einstündiger „Verspätung“ bequem am großen Fernsehbildschirm

zu sehen. Nein, es MUSS live geschaut werden. Und

es wird live geschaut!!

Große Aufgabe für die öffentliche Hand

Es ist schon klar und deutlich abzusehen, dass die Entwicklung

des Smartphones weiter und weiter gehen wird. In

Richtungen, von denen wir heute noch keinerlei Vorstellung

haben. So wären etwa als Ergänzung zum Smartphone Brillen,

die auf der Innenseite kleine Monitore haben, bestimmt

schon Realität, wenn das nicht viel zu nah für die Augen

wäre. Die Vorstellung, dass dieses Hindernis jemals überwunden

werden könnte, unterstreicht die unheilvolle Seite

des Ganzen. Der Mensch würde immer weiter von der Realität

abgedrängt werden und wäre dadurch auch leichter

kontrollierbar.

Wenn wir bedenken, welche enormen Auswirkungen das

smarte Phone schon heute auf unseren Alltag hat, wird

schnell klar, dass es bereits jetzt höchst an der Zeit ist, das

ganze Phänomen – jawohl, es kann zurecht als „Phänomen“

bezeichnet werden – gründlich wissenschaftlich zu untersuchen,

daraus die erforderlichen gesellschaftspolitischen

Schritte abzuleiten und natürlich auch verantwortungsbewusst

in die Tat umzusetzen. GLÜCK AUF!


22 TAGESSTRUKTUR

BALANCER 78, 1/2020

Corona:

Im Notbetrieb

Seit 18.03.2020 ist es auch bei uns soweit: Wir

arbeiten im „Corona-Notbetrieb“. Was bedeutet

das für die TagesstrukturteilnehmerInnen, für ihre

Angehörigen und was für die MitarbeiterInnen?

Von Brigitte Balic, Standortleitung TAGS SoHo

Der BALANCE-Krisenstab reagierte – und reagiert immer

noch – schnell auf offene Fragen der Leitungen. Sie informierten

und informieren zu Veränderungen und sorgen für

notwendige Rahmenbedingungen. Damit konnte ich als

Leitung relativ zeitnah die Fragen der Tagesstruktur-TeilnehmerInnen

und MitarbeiterInnen beantworten und laufend

aktuelle Informationen weitergeben. Was zur Beruhigung

der Situationen beigetragen hat.

Den MitarbeiterInnen gelang es, dass alle TagesstrukturteilnehmerInnen,

die mit keiner oder wenig Unterstützung

in ihren Wohnungen leben, Bedingungen in ihrem Zuhause

vorfinden, wo sie die Unterstützung erhalten, die sie

brauchen, um auch zuhause bleiben zu können. So wurde

z. B. für eine Person Essen auf Rädern organisiert oder ein

zusätzlicher Heimhilfedienst oder überhaupt ein vorübergehender

Wohngemeinschafts-Platz.

Vorerst bedeutete das erstmal für alle große Unsicherheit.

Die Tagesstruktur-TeilnehmerInnen und ihre Angehörigen

hatten deshalb erstmal auch viele Fragen: z. B. „Was passiert

mit Fehltagen, die entstehen, wenn wir keine Tagesstruktur

besuchen können?“ oder „Haben wir nach der Corona-Krise

noch einen Tagesstrukturplatz?“.

Die MitarbeiterInnen stellten sich ebenfalls viele Fragen:

z. B. „Wo werde ich arbeiten, wenn die Tagesstruktur im

Notbetrieb und alle NutzerInnen zuhause sind?“, „Wie kann

ich im Vorfeld unterstützen, dass alle NutzerInnen gut versorgt

sind, wenn sie nicht in die Tagesstruktur kommen?“,

„Wie bringe ich meine Arbeit und meine persönliche Situation

mit meinen Kindern und anderen Familienangehörigen,

die ebenfalls von dieser Veränderung betroffen sind, unter

einen Hut?“

Veränderungen im Notbetrieb

MitarbeiterInnen der Tagesstruktur SoHo – und anderer

Tagesstruktur-Standorte – arbeiten nun in BALANCE-Wohngemeinschaften

mit. Die Organisation dazu – mit dem Hintergrund:

wo braucht der Wohnbereich Unterstützung und

wo können MitarbeiterInnen aus dem Tagesstrukturbereich

auch gut einspringen? – gelang innerhalb sehr kurzer Zeit.

Wie ich denke, auch aufgrund der hohen Flexibilität der

MitarbeiterInnen.

Am Vormittag von Montag bis Freitag ist die Tagesstruktur

SoHo für drei Stunden besetzt durch jeweils eine

MitarbeiterIn und/oder Leitung, um telefonischen Kontakt

mit den Tagesstruktur-TeilnehmerInnen und deren Angehörigen

aufrechterhalten zu können. Außerdem haben Angehörige

und Tagesstruktur-TeilnehmerInnen die Möglichkeit,

jederzeit über Diensthandy mit mir zu sprechen.

Die Tagesstruktur-Räumlichkeiten (Küche und zwei

Werkräume) stehen den BewohnerInnen des am selben Gelände

befindlichen Wohnverbundes Sonnenhof zur Verfügung.

Freizeitaktivitäten oder gemeinsames Kochen mit

ausreichend Abstand zueinander ist damit gut möglich.


BALANCER 78, 1/2020

TAGESSTRUKTUR

23

Foto: BALANCE Archiv

Mein Arbeitstag im Corona-Notbetrieb

Es ist Montag und ich komme am Morgen in die Tagesstruktur.

Erstmal Hände desinfizieren, Fieber messen und Temperatur

dokumentieren.

Im Büro setze ich mich zu meinem PC. Frau S., die Mutter

einer Tagesstruktur-Teilnehmerin hat eine E-Mail geschickt

mit Grüßen von ihrer Tochter und im Anhang ein

Herz-Bild, das diese für uns gemalt hat. Sie bedankt sich für

meine Nachfrage, wie es allen gehe in der Familie. Ich freue

mich über die Zeichnung und drucke sie gleich aus. Ich gehe

die Liste durch, die wir als Team noch vor dem Notbetrieb

erstellt haben, mit den Namen aller Tagesstruktur-TeilnehmerInnen,

die sehr engmaschigen Kontakt brauchen. Bevor

ich Frau I. von der Liste anrufen kann, läutet das Telefon.

Frau P. ist dran. Das Telefon ist auf Lautsprecher gestellt, sodass

Mutter und Tochter gemeinsam mit mir sprechen

können. „Alle sind gesund.“ P. ist es wichtig, dass sie täglich

anrufen kann, erzählt die Mutter. „Der Tag läuft dann viel

besser für meine Tochter.“ – „Ja, stimmt“, meint Frau P. Jetzt

Anruf bei Frau I.: Die Heimhilfe war heute schon da und hat

Essen im Supermarkt gekauft, erfahre ich. „Ja, ich bin gesund,

nur ein wenig langweilig ist mir“. An diesem Vormittag

spreche ich noch mit mehreren Tagesstruktur-TeilnehmerInnen

und Angehörigen. Alle sind gesund. Einigen ist langweilig,

manche haben Sorge, dass sie nicht wiederkommen können.

Sie fragen nach, wann sie wieder an bestimmten Angeboten

teilnehmen können. Sie vermissen es, mit ihrer Sportgruppe

unterwegs sein zu können … Viele wollen wissen,

was im Haus der Tagesstruktur los ist. Sie vermissen ihre

KollegInnen und BetreuerInnen. Viele freuen sich, wenn sie

wieder mit „ihrer Betreuerin“ sprechen können.

Ich mache eine kurze Pause und gehe in die Küche. Dort

ist gute Stimmung. Zwei KollegInnen und vier BewohnerInnen

aus dem Wohnverbund sind mit der Zubereitung des

Mittagessens beschäftigt. Ich werde freundlich begrüßt.

Auch hier ist es Thema unter den BewohnerInnen, dass es

derzeit keinen Tagesstruktur-Betrieb gibt. Eine Bewohnerin

erzählt mir, während sie Äpfel in kleine Stücke schneidet:

„Keine Arbeit im Fuchsenfeld, ich bin traurig, aber ich arbeite

jetzt hier. Später wieder Fuchsenfeld.“ Ich tausche mich mit

meinen KollegInnen aus und erfahre, dass es ihnen gut geht.

Mir ist wichtig zu erfahren, wie es den KollegInnen in ihrem

neuen Arbeitsumfeld geht. Nicht alle sehe ich derzeit

persönlich. Ich kontaktiere sie daher auch telefonisch. Nach

dem Mittagessen telefoniere ich mit meiner Kollegin N. Sie

ist bereits gut angekommen in „ihrer WG“, erfahre ich. Sie

fragt nach, wie es bestimmten Tagesstruktur-TeilnehmerInnen

geht. Wir tauschen uns dazu aus. In einem Gespräch mit

einem anderen Kollegen erfahre ich einiges über seine Arbeit

in einer sozialpädagogischen BALANCE-Einrichtung und

von wieder einem anderen Kollegen über seine Arbeit mit

Menschen mit sehr hohem Unterstützungsbedarf. Bei allen

klingt Wertschätzung gegenüber den KollegInnen der

Wohngemeinschaften durch, wenn sie über dieses für sie

neue Arbeitsfeld sprechen. Umgekehrt erfahre ich von meinen

Leitungskollegen im Wohnverbund, dass die KollegInnen

im Wohnbereich dankbar sind über die gute Unterstützung

durch Tagesstruktur-MitarbeiterInnen, sogar einen besonders

personenzentrierten Zugang hervorheben. Ich merke,

wie ich mich freue, dass diese beiden Bereiche bei BA-

LANCE Wohnen und Tagesstruktur mit gegenseitiger Wertschätzung

gesehen werden.

Ich habe noch einige Büroarbeiten zu erledigen. Am

Weg zum Kopierer gehe ich durch die Textil-Werkstatt. Dort

sitzen einige BewohnerInnen vom Wohnverbund Sonnenhof

mit zwei MitarbeiterInnen in gutem Abstand voneinander

und schneiden buntes Papier. Ich erfahre, es wird Dekoration

für die Wohngemeinschaft hergestellt. Gemeinsam wurde

auch ein Wochenplan gemacht mit Angeboten für die Nachmittage.

Morgen wird jedenfalls gesungen und übermorgen

steht gemeinsame Bewegung am Plan. Ich merke, ich bin

schon ein bisserl stolz auf meine KollegInnen, die da so fein

für Struktur sorgen.

Bevor ich nachhause gehe, dokumentiere ich noch Anrufe,

die ich heute getätigt habe. Das ist wichtig, damit meine

Kollegin, die morgen Vormittag Dienst macht, weiß, mit

wem am Vortag gesprochen wurde und was.

Am Ende meines Arbeitstages telefoniere ich noch mit

meinem Kollegen und Stellvertreter. Wir sprechen über Organisatorisches,

was noch zu tun ist. Herr K. arbeitet während

des Notbetriebs auch in einer Wohngemeinschaft mit.

Er erzählt mir von seinem Tag und von seinem Vormittag in

der Tagesstruktur SoHo im Austausch mit Tagesstruktur-

TeilnehmerInnen. Er berichtet mir von Geschichten von NutzerInnen

und Sorgen der Angehörigen. Wir wissen beide,

dass es wichtig ist, in Kontakt zu bleiben. In Kontakt bleiben

mit den NutzerInnen, den Angehörigen und den MitarbeiterInnen

der Tagesstruktur SoHo.

Wichtig ist dieses im Kontakt bleiben auch als Vorbereitung

für einen guten Start für gute Zusammenarbeit für die

Zeit nach Corona. Ich freue mich jetzt schon auf das Stück

Normalität in meinem Arbeits-Leben, wo ich in der Früh in

die Tagesstruktur komme und gleich mal von allen Seiten

angesprochen werde. Wo gemeinsam gearbeitet, gelacht,

diskutiert, geplant und evaluiert wird.

Bis dahin bleiben wir weiter im telefonischen Austausch.

Ich denke nach über positive Auswirkungen, die diese

Veränderung auch mit sich bringen. Z. B. über die gegenseitige

Wertschätzung der beiden Bereiche Wohnen und Tagesstruktur

bis hin zu guten und offenen Gesprächen mit

Tagesstruktur-TeilnehmerInnen und ihren Angehörigen,

MitarbeiterInnen und KollegInnen.


24 EDITORIAL IMPULSTANZ / VOR DEN VORHANG

KÖRPERBILDER BALANCER 78, 1/2020

… ja, so’n DING!

Am 9. Juli 2020 startet (hoffentlich) wieder das diesjährige

IMPULSTANZ-Festival. Zum Lust machen hier nun ein

Bericht eines IMPULSTANZ-Workshops vom Sommer 2019.

von Christian Zuckerstätter

… zawusch, war ein Jahr vorüber und abermals lud das

IMPULSTANZ-Festival zum Mitmachen. Diesmal in besonderem

Maße, denn einer der thematischen Schwerpunkte

war INKLUSION. Unter diesem Motto wurde eine große Zahl

von Workshops angeboten. Einer davon zog mich stärker an

als alle anderen, denn dieser Workshop – „DING, inklusiver

Tanz und Improvisation“ – wurde von Sonja Brown und Inge

Kaindlstorfer, den zwei Betreuerinnen, die bei BALANCE früher

die Gruppe tanzMontage leiteten, durchgeführt.

Auf der IMPULSTANZ-Homepage war über den

Workshop einleitend zu lesen: „Wir trainieren den

erweiterten Körper, indem wir DINGE, den Raum

und andere Menschen einbeziehen. Ausgewählte

Improvisations-Strukturen mit Themen von Nähe

und Berührung zu PartnerInnen schaffen eine

Atmosphäre, in der das in-Beziehung-Treten direkt

erlebbar wird …“

Darunter kann man sich vieles vorstellen, oder auch nichts.

Und der Workshop bot sowohl als auch. Inge und Sonja

„verführten“ einerseits zu einer großen Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten

und legten andererseits den TeilnehmerInnen

absolut nichts nahe. Es blieb den TeilnehmerInnen

selbst überlassen, wie und wo sie sich ausdrückten,

ob laut oder leise, ob im Sitzen, Liegen, Stehen oder Gehen.

Über weite Strecken beschränkten sie ihre leitende Funktion

darauf, uns zu animieren, die folgende Passage einzeln,

paarweise oder in der Gruppe durchzuführen. Oder darauf,

anzuregen, ob die folgende Übung unter Zuhilfenahme eines

der herumliegenden DINGE durchgeführt wird oder rein

mit dem eigenen Körper.

„Der von uns eröffnete Raum ermöglicht, mit

einem Objekt in Kontakt zu treten – sei es allein

mit dem DING oder in den verschiedensten

Konstellationen von Mensch und DING. Wir

probieren unterschiedliche Platzierungen der

Objekte und Menschen im Raum aus … ungeachtet

der vermeintlichen Stille des Objektes, das von sich

aus ja nicht in Bewegung geht, fantasieren wir über

fliegende, kreischende, kriechende und rezitierende

Objekte … anhand dieser Lebendigkeit des DINGs

erforschen wir die unterschiedlichen Möglichkeiten

des Kontakts: kompositionell räumlich,

dialogisierend, in Berührung agierend, einverleibend,

zum Objekt werdend … die Erfahrungen mit dem

DING erweitern unser Bewegungsvokabular und

eröffnen neue Perspektiven der Wahrnehmung.“

Ausgangspunkt des Workshops ist die Arbeit der Performance-Gruppe

lux flux unter der Leitung von Inge Kaindlstorfer.

Lux flux ist eine Gruppe von PerformerInnen mit und

ohne Behinderungen, die im Bereich von zeitgenössischem

Tanz und Performance trainieren und forschen. Folgender

Auszug aus dem DING-Programmtext beschreibt hervorragend

das Grundprinzip ihrer Arbeit:

„Unsere Arbeit bewegt sich im Spannungsfeld

zwischen kodiertem Verhalten und Anarchie …

die Virtuosität liegt in der Kontextualisierung

von alltäglichen, fehlerhaften und persönlichen

Äußerungen … am Ausgangspunkt der Arbeit

stehen Selbstbestimmung und Inklusion als

gesellschaftspolitische Haltung.“

Eine hochgestochen klingende, aber genauso wundervolle

Beschreibung dessen, was im Workshop ablief. Das Alltägliche

wird, bewusst ausgeführt – verfremdet oder auch

nicht – zur Kunstform. Und die bewusste Wahrnehmung des

eigenen Verhaltens, wie auch des Verhaltens der anderen in

der Gruppe unter diesen Bedingungen kann wahrhaft als

bewusstseinserweiternd bezeichnet werden.

Virtuos war auch die Leitung des Workshops. Inge und

Sonja führten nicht vom Feldherrnhügel aus mit Anleitungen

wie „Jetzt tuats des und des …“, sondern von innen heraus.

Sie waren zumeist Teil der oder einer Gruppe und leiteten

den Workshop großteils nonverbal. Keine leichte Aufgabe,

aber machbar, was sehr angenehm zu erleben war.


Foto: Flavio de Pina

BALANCER 78, 1/2020 IMPULSTANZ 25


26 IMPULSTANZ

BALANCER 78, 1/2020

Sich selbst neu wahrnehmen – von innen heraus

und mit den Augen der Gruppe

Ganz wichtiges Element des Workshops war selbstverständlich

das Miteinander. Es gab am Beginn jedoch keine Vorstellrunde,

wo alle sagen, wer sie sind und warum sie am

Workshop teilnehmen, sondern es blieb der Gruppe überlassen,

im Laufe der Woche zusammenzuwachsen und sich

kennen zu lernen. Und dies geschah auf sehr angenehme,

natürliche Art und Weise. Bei mir war es so, dass ich jeden

Tag eine andere Partnerin hatte, mit der ich die Paarübungen

machte. Ich hatte durchwegs weibliche Partnerinnen,

da „Männchen“, wie bei Veranstaltungen dieser Art durchwegs

üblich, in der verschwindenden Minderheit sind. DING

hatte im Schnitt gut zwanzig TeilnehmerInnen. Davon waren

vier Männer, somit rund ein Fünftel.

Wie schon beim vorjährigen Workshop erlebte ich wieder,

wie schnell und ungezwungen man in diesem Rahmen

interessanten Menschen nahekommt. Am zweiten Tag etwa

hatte ich bei den Paarübungen stets dieselbe junge Partnerin.

So ein Workshop ist schon recht dicht gepackt, wohl

auch mit der Absicht, dass ein gewisser „Zug“ drinnen ist, der

bis zum Abend anhält. Somit hatten wir den ganzen Tag über

keine Gelegenheit zum Plaudern. Wohl aber danach. Wir trafen

einander bei der Straßenbahn-Haltestelle und hatten ein

Stück gemeinsamen Weges.

Trotz dichtem Gedränge kamen wir dazu, einander ein

bisschen voneinander zu erzählen. Dabei erfuhr ich von ihr,

dass sie aus Hawaii stammt und – unglaublich, aber wahr –

genauso alt ist wie meine jüngste Tochter. So wurde mir wieder

vor Augen geführt, was ein ganz wichtiger Faktor ist, der

das IMPULSTANZ-Festival zu einem großen und unvergesslichen

Ereignis macht – es bringt Menschen zu gemeinsamem

Erleben – unabhängig von ihrer Herkunft, ihres Alters und –

danke und bravo für den Inklusions-Schwerpunkt – ihrer

körperlichen Verfassung.

IMPULSTANZ eröffnet eine andere Dimension

Bei meiner Teilnahme im Jahr zuvor wähnte ich mich in

einem Paralleluniversum, 2019 kam mir eine neue Dimension

in den Sinn – eine Analogie, die mir sehr, sehr gut gefällt.

Das Miteinander von sooo vielen „gleichgesinnten“, positiven

Menschen mit grenzenloser Freude an der Bewegung,

am Tanz bildet die unverrückbare Basis für eine Woche, in

der vieles, nein alles passieren kann – raus aus dem Alltag

und geradewegs rein in die vierte, fünfte oder sechste Dimension!

Sollte ich dieses Jahr wieder teilnehmen, was ich

sehr hoffe, und wieder einen Artikel darüber verfassen, werden

mir langsam aber sicher die Superlative ausgehen. Dann

werde ich mich wohl einer beherzten, bodenständigen „ursuper,

toll“-Ausdrucksweise zuwenden.

Bei alledem spielt natürlich der Umstand eine sehr große

Rolle, dass IMPULSTANZ Menschen anzieht, die aufeinander

zugehen, die offen sind und bereit, sich weiter zu öffnen.

Das spürt man von der ersten Begegnung an am weitläufigen

Festival-Gelände. Und von der ersten Begegnung an

stellt sich ein wohlig-warmes Gefühl im Bauch ein – einfach

wunderschön!

Sehr angenehm spiegelt sich das auch bei jeder einzelnen

Begegnung mit den IMPULSTANZ-MitarbeiterInnen wider.


BALANCER 78, 1/2020

IMPULSTANZ

27

Foto: Flavio de Pina

Als ich zum Beispiel am ersten Tag vor Beginn des Workshops

zu einem „Schalter“ ging, um mich anzumelden, wusste ich

gar nicht, ob es eine Vereinbarung zwischen BALANCE und

IMPULSTANZ puncto Bezahlung gab. Da in diesem Jahr erstmals

nach dem „pay as you wish“-Prinzip verrechnet wurde,

blickte ich gar nicht durch. Die junge Dame lachte mich

freundlich an und meinte, wenn ich das bis zum nächsten

Tag klären kann, gibt’s überhaupt kein Problem. Den IMPUL-

STANZ-Anhänger, den ich vom Vorjahr mithatte, nahm sie

erfreut entgegen, steckte die neue Karte ein und ließ mich

passieren. Am nächsten Tag wusste ich Bescheid und ging

zur selben Dame. Sie lachte mich sonnig an und sagte, kurz

nachdem ich da war, hat sie das Mail gefunden, in dem alles

besprochen wurde. Somit: „Alles klar. Viel Spaß beim

Workshop!“.

So einfach kann alles gehen, wenn die mood stimmt!

Das klingt viel einfacher, als es ist, wie jeder weiß, der häufig

Veranstaltungen besucht. IMPULSTANZ ist jedenfalls durchweht

von einem gesunden und kräftigen Geist, der sich

durchzieht durch das gesamte Festival mit all seinen „Abzweigungen“

– von den großen Sälen bis hin zu den Toiletten.

Ja, auch die Klos boten eine Innovation. Neben Damenund

Herren-Klos gab es auch geschlechtsneutrale WCs, in

die alle gehen konnten. Eine sehr angenehme und praktische

Innovation, wie ich finde.

… bis hin zum großen Finale!

Ja, das war für mich heuer neu – die Teilnahme an der Abschluss-Aufführung.

Ein wahrhaft krönender Abschluss. Alle

von unserem Workshop, die Zeit und Lust hatten mitzumachen,

trafen einander am Samstag kurz vor der „Generalprobe“.

Da wir ja stark auf Improvisation setzten, gab es bei

uns nicht viel zu proben. Wir vereinbarten lediglich, welche

Elemente unseres Workshops wir zeigen wollten und in welcher

Reihenfolge wir sie zur Aufführung bringen. Das war

schnell getan und wir machten uns schon auf den Weg zur

Halle, fanden dort alles noch sehr entspannt vor, warteten

ab, bis die Gruppe, die gerade am Proben war, abgeschlossen

hatte und waren schon dran mit unserer kleinen – jetzt in

der Tat – Generalprobe.

Es war ein erhebendes Gefühl, sich „in der Arena“ vor

noch leeren Rängen zu bewegen. Wir kamen zügig voran

und waren in den Bewegungen sehr entschlossen und sicher.

Den Abschluss unserer Darbietung bildete die „Walze“. Eine

Form, die wir während des Workshops öfter gemacht hatten

und die ich sehr gern mochte. Dabei bewegt sich die ganze

Gruppe quer durch die Arena, nicht gehend, nicht rollend,

sondern frei, wie es aus dem Moment entstand, aber geschlossen,

mit allen in Kontakt bleibend und unter Mitnahme

auf dem Weg befindlicher DINGE – ohne fixe Choreographie

– durch den Raum. Als ich aus der Bewegung heraus

einmal kurz aufsah, traf mein Blick den Blick eines Afrikaners,

der am Mischpult stand. Und in seinen Augen sah ich Wohlwollen

und Freude – ein großer Moment für mich.

Nach uns holten sich noch ein paar Gruppen den letzten

Schliff für ihren Auftritt und bald schon wurden die Pforten

geöffnet. In Kürze war die Halle gesteckt voll. Und es

ging schon los. Der Mann aus Afrika, den ich gerade eben

erwähnt hab, betrat als Conférencier die Arena. Und ich

realisierte offenen Mundes, dass der Mann, mit dem ich gerade

zuvor Blickkontakt hatte, niemand anderer war als die

lebende Legende Ismael Ivo, IMPULSTANZ-Mitbegründer

und -„Schirmherr“. Charmant und gewandt führte er durch

das ganze folgende Programm, das abwechslungsreicher

und bunter gar nicht hätte sein können. Zwischen perfekt

arrangierten, geschmeidigen Tanzvorführungen, wie etwa

einer Tango-Gruppe und artistischen Darbietungen, wie von

zwei fliegengewichtigen jungen Frauen, die am Seil zu

schweben schienen, „walzten“ wir durch die Arena. Ein wohltuender

Kontrapunkt zu perfekten Tänzen und akrobatischen

Einlagen, der vom Publikum um nichts weniger honoriert

wurde.

Unser Auftritt bescherte uns großartige, unbeschreiblich

tolle Gefühle und hatte nur einen einzigen Nachteil – er

war allzu bald vorbei und lag viiiiiiel zu schnell hinter uns.

Unter tosendem Applaus, der starke Zustimmung signalisierte,

„tröpfelten“ wir von der Bühne in den Zuschauerraum,

wo wir einander alsbald aus den Augen verloren. Während

mir Gedanken kamen wie „Ist das alles um mich herum grad

wirklich wahr?“ hatte ich Mühe, nicht die Bodenhaftung zu

verlieren.

Schneller Szenenwechsel: danach im Auditorium zu sitzen

– wir hatten noch dazu Plätze in der ersten Reihe – und

die nachfolgenden Darbietungen aufmerksam und neugierig

zu beobachten war schon auch ein riesengroßer Genuss!

Es war schlussendlich wiederum eine grandiose, enorm bereichernde

Woche, für die ich mich sehr gerne wiederhole:

danke Inge, danke Sonja und danke IMPULSTANZ, danke,

danke, danke …


28

interbalance

BALANCER 78, 1/2020

Assistierende Technik:

Von Sensoren im Körper bis zur

gedanken gesteuerten

Computermaus

Geschäftsführer Jürgen Schnabler

bezeichnet seine Firma Mechatron

als Hilfsmittelversorger mit assistierender

Technik: sie stellt Kommunikations-

und Lesehilfen genauso wie

Software und Tastaturen her, die

Menschen mit Behinderungen mehr

Selbstbestimmung ermöglichen.

Interview: Jürgen Plank, David Galko

Sie sind seit rund 22 Jahren im Bereich technische

Hilfsmittel für Menschen mit Behinderungen tätig. Wie

kam es dazu?

Jürgen Schnabler: Durch einen persönlichen Schicksalsschlag,

durch einen Onkel mit Schlaganfall. So ist das Geschäft

in die Gänge gekommen, wir waren im Jahr 1997 die

ersten in Österreich, die körperbehinderten Menschen wieder

eine Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht haben. Ich

habe damals für den Onkel eine Kommunikationsmöglichkeit

über das Fernsehgerät gebaut.

Wer entwickelt jetzt die Produkte?

Vor dem Jahr 2000 haben wir alles selbst entwickelt. Inzwischen

gibt es schon sehr gute Anbieter als Vorlieferanten,

bei denen wir die Komponenten bestellen und dann individuell

an die einzelnen Menschen anpassen. Rund zehn Prozent

sind noch eigene Entwicklungen.

Wenn ihr ein neues Gerät entwickelt habt: wie wird

das getestet?

Im Normalfall kommen die Anforderungen zu uns, das heißt,

dass wir nicht aktiv auf den Markt gehen. Die Bedürfnisse

werden eher von Seiten des Marktes an uns kommuniziert

und wir finden dann eine Lösung. Durch neue Problemstellungen

ergeben sich dann neue Produkte, die maximal in

Kleinserien ausgerollt werden können.

Kommunikation mittels

Augensteuerung

Welche Produkte verkauft ihr am häufigsten?

Es gibt bei uns fünf Produktsparten, das größte Gebiet sind

die Kommunikationshilfsmittel, insbesondere bei den Augensteuerungssystemen

sind wir Marktführer in Österreich

und haben namhafte Kooperationen mit Versicherungen

und Kostenträgern. Dann haben wir assistierende Technologien,

das sind Umgebungssteuerungssysteme, Stichwort

Smart Homes. Sicherheitstechnik, etwa für Krankenhäuser,

da machen wir Rufsysteme für Menschen mit Behinderungen

zugänglich. Da gehört auch die epileptische Anfallserkennung

dazu. Und wir haben auch anbahnende Kommunikationsgeräte,

das geht in Richtung iPad-Bundles und in

den Schulbereich. Und wir stellen geeignete Tastaturen und

Mäuse her.

Zur Person

Jürgen Schnabler (47) ist Radio- und Fernsehmechanikermeister.

Außerdem ist er Ingenieur

für technische Informatik, Automatisierungstechniker

und Mechatroniker. Der sechsfache

Vater hat selbst einen 19jährigen Sohn, der

eine Körperbehinderung hat. Schon vor der

Geburt des Sohnes war Schnabler im Bereich

technischer Hilfsmittel für Menschen mit Behinderungen

tätig.

www.mechatron.at


BALANCER 78, 1/2020 interbalance 29

Foto: Archiv Mechatron

Wie funktioniert die epileptische Anfallserkennung?

Da gibt es drei Möglichkeiten: man platziert zum Beispiel einen

Sensor in der Matratze, im Bett, der erkennt dann größere

Anfälle. Das gibt es auch mit einem Funkarmband im mobilen

Bereich im Haus. Und außer Haus gibt es ein System,

das über eine App und das Smartphone funktioniert und die

Position und den Alarm bekannt gibt.

Was hat sich für euch in den letzten 15 Jahren durch

die Digitalisierung verändert?

Das ist für uns ein sehr interessantes Thema, es gibt eine

Tochterfirma von uns, Life Systems. Das ist eine abgespaltete

Firma, die sich auf die älter werdende Gesellschaft fokussiert

hat. Da wurde eine digitale Plattform zur besseren Betreuung

von Menschen im Alter entwickelt. Da spielt auch

das Thema AAL (Ambient Assisted Living) mit Sensorik eine

Rolle. Dass man eine Sturzerkennung bereitstellt. Oder dass

man erkennt, ob die Person von einem Toilettengang eh wieder

zurückgekommen ist. Mit den digitalen Möglichkeiten

ist die Planung des Alltags leichter möglich geworden.

In Japan gibt es schon Roboter, die im Haushalt alten

Menschen helfen und kommunizieren können. Sehen Sie

so eine Entwicklung auch bei uns?

Da gibt es glaube ich unterschiedliche Ansätze. Roboter sollen

ja Alltagstätigkeiten erleichtern und mit Getränken oder

Essen versorgen. Und sie sollen auch ‚Liebe spenden’, da gibt

es ja Robben, die man kuscheln kann und die singen einem

dann Udo Jürgens vor. Mit diesem Thema beschäftigen wir

uns weniger, da hat Österreich noch Nachholbedarf.

Eine andere Vision für die Zukunft: in Schweden

etwa lassen sich Menschen freiwillig Chips einpflanzen.

Gibt es in eurem Bereich auch ein Anwendungsgebiet

dafür, um Daten und Informationen auf diese Weise zu

übertragen?

Alles, was der Menschheit auf ethisch vertretbaren Wegen

dienlich ist, ist zu überlegen. Vor allem wenn man an

die Wegläufer-Thematik denkt, also an Alzheimer- und DemenzpatientInnen.

Solche PatientInnen wollen oft keine Gegenstände

am Körper tragen bzw. entfernen diese. Da wird

es unweigerlich so weit kommen, dass solche Technik in diesem

Fall Verwendung findet.

Im Einsatz: Gesichtserkennung

Kommt es auch zu ganz individuellen Lösungen, also:

wird auch mal nur ein Stück eines Gerätes produziert?

Ja, das ist denkbar, ist heute aber eher unüblich. Das war

eher früher so. Ein aktuelles Thema ist etwa: eine Institution

ist eben wegen der Wegläufer-Thematik an uns herangetreten.

Da geht es um Menschen, die ständig 1:1 betreut werden

müssen und nichts am Körper tragen wollen. Da haben

wir ein Gesichtserkennungssystem entwickelt und die Leute

werden dazu aufgefordert, dass sie wieder umkehren. Bzw.:

es wird der Fluchtweg ein wenig erschwert, ohne dass man

die Menschen ihrer Freiheit beraubt.

Wie geht es im Falle einer solchen Anfrage weiter?

Da wird ein Prototyp entwickelt, der kommt dann in einem

Best-Practice-Beispiel zum Einsatz und wenn sich das herumspricht,

wollen so ein Produkt dann mehrere Leute.

Steuerung mittels Gedanken?

Augensteuerung gibt es bereits, wie könnte es weitergehen?

Gibt es schon Produkte, die sich mit Gedanken

steuern lassen?

Ja, das versuchen wir seit einigen Jahren immer wieder. Wir

hatten so ein System schon in der Firma, es ist aber noch

nicht so, dass man das für den Alltagsgebrauch ausrollen

kann. Man muss sich vorstellen, dass man dafür entweder

Elektroden am Kopf tragen muss, die in einer Salzwasser-Lösung

getränkt sind. Oder man implantiert die Elektroden in

die Gehirnrinde. Rein technisch funktioniert das schon, man

kann tatsächlich nur durch den Willen, durch die Vorstellungskraft,

etwa eine Maus steuern. Das funktioniert, aber

es ist noch nicht alltagstauglich.

Machen solche Entwicklungen für Sie die Faszination

am Beruf aus?

Ja, das sind sicher ungeahnte Möglichkeiten, die wir vor

20 Jahren noch nicht gehabt haben. Gedankensteuerung

wird wahrscheinlich nicht so schnell marktfähig werden.

Aber hätten wir damals schon die Augensteuerung gehabt,

hätte das vielen Menschen das Leben damals schon erleichtert.

Damals hat man noch mit Schaltern gearbeitet, die am

Kopf montiert waren.

Wie sieht es in Bezug auf die Kosten für KundInnen

aus?

Wir haben Kooperationen, etwa mit der Beamtenversicherung

oder mit der Eisenbahnerversicherung. Wir führen da

auch ein kleines Depot für Hilfsmittel, das heißt: wenn jemand

etwas benötigt, wird es ausgegeben. Wenn jemand

ein Hilfsmittel nicht mehr benötigt oder wenn es adaptiert

werden muss, wird es von uns zurückgenommen oder angepasst.

Das ist wirtschaftlich ein großer Nutzen, weil so

Ressourcen eingespart werden können. Ein ähnliches Modell

gibt es für die AUVA (Allgemeine Unfallversicherungsanstalt),

wenn also jemand einen Unfall hat. Mittlerweile

steuert die Krankenkasse auch immer öfter etwas bei, das

war früher nicht so. Aber die ist durchaus zahlungsbereit,

wenn der Bedarf gegeben ist.

Wie viel Prozent steuert die Krankenkasse ungefähr

bei, kann man das benennen?

Ja, ich habe da eine Statistik gemacht, für die letzten dreißig

Jahre. Die Gebietskrankenkassen übernehmen zwischen 0

und 30 Prozent. Oder es kommt Geld vom Unterstützungsfond

der Gebietskrankenkasse, das sind zwei verschiedene

Bereiche. Der Rest finanziert sich dann eben über Magistratsämter.

Der übliche Weg ist so: man geht zur Krankenkasse,

bei der man versichert ist. Wenn die Krankenkasse

nicht bezahlt, geht man zum Unterstützungsfond der Krankenkasse.

Mit diesem Bescheid geht man zur Bezirkshauptmannschaft,

zum Sozialministeriumsservice bzw. zur Pensionsversicherung.

Alles, was noch übrigbleibt, versucht man

über gemeinnützige Strukturen wie Licht ins Dunkel abzudecken.


30

Pro & Contra

BALANCER 78, 1/2020

Sport

zu Hause

Pro

Von Marie Shirin Glade, Mitarbeiterin TAGS ELFPlus

Auch in Zeiten wie diesen, wo in Österreich und vielen anderen

Ländern eine Ausgangsbeschränkung wegen eines Virus

(COVID-19) herrscht, darf die eigene Struktur und auch die

Bewegung nicht vernachlässigt werden. Deswegen sollte sich

jeder die Zeit nehmen, Sporteinheiten auch zu Hause einzuplanen.

Sport zu Hause bringt meiner Meinung nach sehr viele

Vorteile mit sich: keine Kosten für ein Fitnessstudio, keine

Wegzeit bis dorthin und auch der Stau vor Laufbändern oder

anderen Geräten entfallen. Die Trainingszeiten sind zu Hause

natürlich auch zeitlich viel flexibler, denn Fitnessstudios haben

Öffnungszeiten. Ein weiterer Vorteil beim Sport zu Hause

ist, dass keine komischen Blicke geerntet werden, wenn einem

die Puste ausgeht und das Schnaufen beginnt bzw. lauter

wird. Außerdem kann das eigene Badezimmer zum Waschen

nach einem Workout benutzt werden und keine Dusche, die

mit vielen weiteren fremden Personen geteilt werden muss.

Auch kann zu Hause neben dem Sport die Lieblingsserie weiterverfolgt

werden.

Eventuell haben einige nicht so viele Ideen, wie sie diese

Sporteinheiten verbringen, mir ging es anfangs nicht anders.

Es gibt zur Inspiration diverse DVDs und auf Online-Plattformen

verschiedenste Videos von Yoga, Pilates bis hin zu Kraftsport

und vieles mehr. Ebenso gibt es Apps mit Vorschlägen

für tägliche, aber auch abwechslungsreiche Workouts.

Wenn jemandem der Schritt von der Couch zur Sportmatte

schwerfällt, gibt es auch hier ein paar Tipps und Tricks.

Ein täglicher Wecker, der an die Sporteinheit erinnert oder

auch Belohnungen, die sich jeder selbst in Aussicht stellt, können

helfen. Meine Belohnung nach einem Workout ist ein kleines

Stückchen Schokolade. Um trotzdem nicht den Sport auszulassen,

kann auch eine Spielekonsole helfen. Für die meisten

Konsolen gibt es mittlerweile Spiele, bei denen Körpereinsatz

gezeigt werden muss. Ich selbst greife hin und wieder auf so

etwas zurück. Dabei wird ein Bewegungssensor auf den Oberschenkel

gebunden, einen hält man in den Händen. Somit

kann die Konsole deine Bewegungen erkennen. Der Vorteil ist,

dass es nicht nur Spiele gibt, bei denen du irgendwelche Sportarten

ausführst, sondern auch wirklich eine Spielfigur bist,

mit der du laufen, Dinge einsammeln kannst und auch gegen

niedliche Monster „kämpfen“ musst, indem Kniebeugen oder

Ähnliches gemacht werden müssen.

Zum Abschluss will ich noch erwähnen, dass eine Sportmatte

oder ein rutschfester Teppich beim Sport wichtig sind;

denn dadurch ist die Rutschgefahr geringer und es schont die

Gelenke und vor allem ist die Nachbarin oder der Nachbar unter

euch nicht verärgert. Viel Spaß und #stayhome.

5 KG

Contra

Von Jürgen Plank

„No sports.“ Dieses Zitat wird Winston Churchill

zugeschrieben. Ob es authentisch ist, weiß man

nicht. Es soll eine Reporterfrage, wie Churchill es

denn mit dem Sport halte, beantwortet haben. Weder

Sport im Freien noch im Haus also. So apodiktisch

wie der einstige Premierminister bin ich nicht,

ich mache durchaus Sport, aber jedenfalls nicht zu

Hause. Tennis, Radfahren, Fußball, Schwimmen,

Wandern – geht alles nicht in den eigenen vier

Wänden. Schach ist auch ein Sport, aber für mich

in Corona-Zeiten kein adäquater, weil zu passiver

Ersatz. Ein Sitzsport.

Klar, Jane Fonda hat uns in den 1980er-Jahren

charmant Aerobic schmackhaft gemacht und ins

Haus geliefert: alle sollten lächelnd vor dem Fernseher

mitturnen. Aber: Wer besitzt denn heute

noch einen VHS-Videorecorder zum Abspielen der

Kassetten? Für mich sind die 1980er-Jahre eher mit

einem der Gerüche der Kindheit verknüpft: käsig

müffelnde Turnsaal-Umkleiden in der Volksschule,

ohne Duschen, nur ein paar Fenstern. Wunderbar

wurden die Turnstunden freilich, sobald die Wiese

neben der Schule aufgesucht wurde. Fußball an der

frischen Luft! Großartig – und ein Erlebnis, das mit

anderen Menschen verbindet. Auf Reisen habe ich

später immer die Wuchtel gekickt: am Strand in

Mexiko, in den Bergen Nepals oder einen Hügel hinauf

und hinunter in Indonesien! Unvergessliche

Erlebnisse, die mit den Mitspielenden verbunden

sind.

Mit wem könnte denn Sport in der Wohnung

verbinden? Eben.

Ein absurder Trend der letzten Jahre geht noch

weiter in die falsche Richtung: E-Sport. Das E steht

für electronic. E-Sport geht so: ComputerspielerInnen

treten gegeneinander etwa im Spiel „Fifa 20“

an und kämpfen virtuell um Meisterschaftstitel.

Längst halten sich „richtige“ Fußballklubs wie Real

Madrid, Bayern München und Manchester United

usw. Profi-E-Sportmannschaften. Der pickelige

Nerd, der nächtelang die Maus drückt und gleichzeitig

Chips futtert, ist zwar ein Bild von gestern,

die E-Sportler von heute sind Profis und leben vom

Bedienen des Joysticks. Aber es wird ja noch absurder:

Längst sitzen Menschen vor Bildschirmen und

schauen anderen beim E-Sport zu!

Verrückt. Deshalb ist für mich – nach Churchill –

klar: „no sports at home“. So können Sie mich ab

sofort zitieren.

3 KG

1 KG


BALANCER 78, 1/2020

Veranstaltungen

31

Foto: Jeremy Wade & Eva Egermann Future Clinic For Critical Care © Emilia Milewska

Design: CIN CIN, Vienna

Performances von

Cie. Dada Masilo, Akram Khan Dance Company,

Wim Vandkeybus / Ultima Vez, Maria Tembe & Panaibra

Gabriel Canda, Liquid Loft / Chris Haring, Lisbeth

Gruwez & Claire Chevallier / Voetvolk, Cie. Michiel

Vandevelde und vielen mehr

Workshops und Research Projects von

Vera Rosner*, Perel*, Tanja Erhart & Katharina Senk,

Sonja Browne & Inge Kaindlstorfer*, Attila Zanin*,

Maria F. Scaroni, Cristina Caprioli, Francesca

Harper, Angélique Willkie, Miguel Gutierrez und

vielen mehr

Vienna International Dance Festival

9. Juli – 9. August 2020

DanceAbility Teacher Training mit Alito Alessi

* Für die All-Abilities-Workshops gilt „zahle, was es dir wert ist“.

Impressum

Medieninhaber, Herausgeber, Verleger:

Verein BALANCE – Leben ohne Barrieren, 1130 Wien, Hochheimgasse 1,

T 01/8048733-8105, F DW 8050

E-Mail: h.hiebl@balance.at

Internet: www.balance.at

Chefredaktion: Mag. Helga Hiebl

Redaktion: David Galko, Iris Kopera,

Mag. Jürgen Plank, Cornelia Renoldner, Mag. Andrej Rubarth, Andreas

Tettinger und Brigitte Wallner, Pia Wolf, Christian Zuckerstätter

Versand: Tagesstruktur-Standort ELF

Grafische Gestaltung: Frau Ober

Redaktionsadresse: Zeitschrift Balancer, Hochheimgasse 1, 1130 Wien,

T 01/804 87 33-8105,

E-Mail: h.hiebl@balance.at

Erscheinungsweise: 1/4-jährlich

Erscheinungsort: Wien

Offenlegung nach § 25 Mediengesetz: Eigentümer: BALANCE,

gemeinnütziger, überparteilicher, nicht-konfessioneller Verein.

Vorstand: OSR, Dir. Rudolf Wögerer, Obmann; SD Edeltraut Frank-Häusler,

Obmann Stellevrtreterin; Marianne Kühtreiber, Obmann Stellvertreterin;

Dr. Karl Katary, Schriftführer; Irmtraut Vaclavic, Schriftführer Stellvertreterin;

Gertrud Bartsch, Kassierin; SenRat DI Harald Haschke, Kassierin Stellvertreter;

Dipl.-Vw. Herbert Kopper; Leo Josef Neudhart; Susanne Pisek; Dr. Wilhelm

Holubetz, Irene Pautsch

Geschäftsführung: Marion Ondricek,

Blattlinie: Der „Balancer“ berichtet als Fach- und Vereinszeitschrift über die

Aktivitäten von BALANCE, bekennt sich zu dessen Leitbild und Grundsätzen

und thematisiert besonders relevante Themen und Ereignisse, die Menschen

mit Behinderungen betreffen. Der „Balancer“ folgt inhaltlich dem Bekenntnis

des Art. 7 der Bundesverfassung, nach welchem es ein Grundrecht aller

Menschen ist, gleichberechtigt und ohne Diskriminierung zu leben.

Inklusive Redaktion: Als Grundvoraussetzung für eine zukünftige inklusive

Gesellschaft werden Selbstbestimmung und Selbsttätigkeit der BALANCE-

KlientInnen unterstützt. Gemäß diesem Anspruch setzt sich das Redaktionsteam

des „Balancers“ zu gleichen Teilen aus BewohnerInnen, Tagesstruktur-TeilnehmerInnen

und MitarbeiterInnen zusammen.


Kunst in Zeiten von Corona

Rudi Egger „CORONA“, 2020, Mischtechnik auf Papier 29,5x21cm

Verein BALANCE – Leben ohne Barrieren

Hochheimgasse 1, 1130 Wien

Bankverbindung Spendenkonto:

Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien AG

UID: ATU38152717

BIC RLNWATWW, IBAN AT96 3200 0000 0747 9868

Spenden an BALANCE sind absetzbar: SO 1481

Österreichische Post AG /

Sponsoring.Post

GZ: 08Z037718S

Nr. 78/2020, Jahrgang 23

Verlagspostamt 1130 Wien

Erscheinungsort Wien

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