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Nr. 21 - Mai / Juni 2009

Provence: Cassis, eine Frage des Gleichgewichts Bretagne: Halbinsel Quiberon Ardennen: Charleville-Mézières: Dichterleben und Marionettenkunst Atlantikküste: La Rochelle, die Schöne und ihre zwielichtige Vergangenheit Zentralmassiv: die Natur als Kunstraum Rezept: Carré d'agneau aux herbes

Provence: Cassis, eine Frage des Gleichgewichts
Bretagne: Halbinsel Quiberon
Ardennen: Charleville-Mézières: Dichterleben und Marionettenkunst
Atlantikküste: La Rochelle, die Schöne und ihre zwielichtige Vergangenheit
Zentralmassiv: die Natur als Kunstraum
Rezept: Carré d'agneau aux herbes

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Das erste deutschsprachige Frankreich-Magazin nr. <strong>21</strong> · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong><br />

Provence<br />

Mediterrane Lebensart in Cassis<br />

Bretagne<br />

Sonnenverwöhnte Halbinsel Quiberon<br />

Paris<br />

Romantische Inseln<br />

inmitten der Weltstadt<br />

Kunst<br />

Ungewöhnliches Rendezvous<br />

im Zentralmassiv<br />

Atlantik La Rochelle und das Erbe des Sklavenhandels<br />

Verkehr Frankreichs Flughäfen im <strong>21</strong>. Jahrhundert<br />

Genuss Was Barack Obama mit Dijon-Senf zu tun hat<br />

www.frankreicherleben.de<br />

Deutschland 4,90 €<br />

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Midi-Pyrenäen<br />

Ein herrliches Panorama<br />

für Ihre Ferien<br />

Grandiose Landschaften...<br />

Felskessel<br />

Cirque de<br />

Gavarnie<br />

Canal du<br />

Midi<br />

Pyrenäengipfel<br />

Pic du Midi<br />

Rocamadour<br />

Sensationelle Sehenswürdigkeiten...<br />

Lourdes<br />

Viadukt von<br />

Millau<br />

Moissac am<br />

Jakobsweg<br />

Toulouse<br />

Vielseitiges Können...<br />

Laguiole-Messer<br />

und Roquefort<br />

Festival Jazz<br />

in Marciac<br />

Toulouse-Lautrec<br />

Albi<br />

Färberwaid<br />

Für die Planung Ihres Urlaubs oder eines<br />

Wochenendes in Midi-Pyrenäen<br />

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Editorial<br />

Jahr mehr Neugierige anzieht.<br />

Eine schöne Erfolgsgeschichte.<br />

Liebe Leserin, lieber Leser,<br />

haben Sie bisher immer gelesen, dass Paris einst aus<br />

der kleinen Siedlung Lutetia auf der Ile de la Cité hervorgegangen<br />

sei? Diese These galt über Jahrzehnte als<br />

bewiesen. Doch nun fanden Archäologen heraus, dass<br />

meine Heimatstadt schon zu Beginn von den<br />

alten Römern als moderne Großstadt geplant<br />

war. Die Geschichte vom kleinen Dorf,<br />

das langsam eine Weltmetropole wurde,<br />

soll also gar nicht stimmen. Sie können sich<br />

vorstellen, dass diese Erkenntnis für Furore<br />

sorgte. Ein Spaziergang auf der Seine-Insel<br />

ist deshalb aber nicht weniger romantisch<br />

geworden, sondern gehört<br />

unverändert zu einem Erlebnis<br />

während eines Aufenthaltes in Paris,<br />

das man nicht verpassen sollte.<br />

Um Erkenntnis- bzw. Horizonterweiterung<br />

geht es diesen<br />

Sommer auch im Zentralmassiv.<br />

Dort findet schon zum<br />

dritten Mal ein Ereignis der ganz<br />

besonderen Art statt: Kunstinstallationen<br />

mit lokalem Bezug und<br />

internationalem Anspruch stehen im<br />

Spannungsfeld mit unberührter, wilder<br />

Natur. Die Einöde lebt, könnten böse<br />

Zungen nun vom Zentralmassiv behaupten.<br />

Fakt ist aber, dass die « Horizons » getaufte<br />

Veranstaltung moderne Kunst in ein ungewöhnliches<br />

Umfeld stellt, was jedes<br />

Lieben Sie die Provence genauso sehr wie ich?<br />

Leider verliert diese Region gerade in der Hochsaison<br />

durch den Ansturm der vielen Touristen vielerorts ihren<br />

ursprünglichen Charme. Aber es gibt auch noch einige<br />

Ecken, die weniger überlaufen sind. Cassis am Mittelmeer<br />

ist ein solcher Ort. Das Meer ist ohnehin sehr<br />

präsent in dieser Ausgabe. Denn auch La Rochelle und<br />

die Halbinsel Quiberon ziehen einen Teil ihrer Reize<br />

natürlich aus der Lage am Meer. Als Kontrastprogramm<br />

sei Charleville-Mézières in den<br />

Ardennen empfohlen. Die Stadt hat bei vielen<br />

Franzosen kein sehr vorteilhaftes Image,<br />

überrascht bei einem Besuch jedoch positiv.<br />

Vielleicht fahren Sie zur Abwechslung<br />

beim nächsten Mal nicht über Nordfrankreich<br />

bzw. Metz nach Paris,<br />

sondern via Charleville-Mézières?<br />

Wenn Sie dagegen lieber mit dem Flugzeug<br />

nach Frankreich reisen, wird Sie unser Bericht<br />

über die Zukunft der französischen Airports<br />

interessieren. Einen Teil Frankreichs, den<br />

man – Kreuzfahrten ausgenommen – nur<br />

mit dem Flugzeug erreichen kann, sind die<br />

Überseegebiete. Leider machen sie seit einigen<br />

Monaten eher negative Schlagzeilen. Aber auch<br />

hier gilt ein Spruch, den man neuerdings häufig<br />

hört: In der Krise liegt auch eine Chance. In diesem<br />

Sinne, viel Spaß bei der Lektüre dieser Ausgabe.<br />

Titelblatt: Cassis (Provence)<br />

Jean-Charles Albert<br />

Chefredakteur<br />

jc.albert@frankreicherleben.de<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 3


Inhalt<br />

Paris · 24<br />

Halbinsel Quiberon · 14<br />

Cassis · 34<br />

Charleville-<br />

Mézières · 42<br />

La Rochelle · 52<br />

Gustave Eiffel · 68<br />

Zentralmassiv · 58<br />

Lillet · 86<br />

4 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Frankreich heute<br />

14 · Quiberon<br />

52 · La Rochelle<br />

40 · Hotel<br />

42 · Charleville-Mézières<br />

24, 82 · Paris<br />

58 · Zentralmassiv<br />

Unterwegs in Frankreich<br />

34 · Cassis<br />

14 Halbinsel Quiberon<br />

Rauer Westen, sanfter Osten<br />

Von drei Seiten vom Atlantik umspült und dank eines<br />

Mikroklimas von der Sonne verwöhnt, ist die Halbinsel<br />

Quiberon ein Stück Bretagne wie im Bilderbuch.<br />

24 Paris<br />

Idyllische Inseln inmitten einer Weltstadt<br />

Die Ile de la Cité und die Ile Saint-Louis sind kleine<br />

Oasen der Ruhe. Egal ob für einen gemütlichen<br />

Spaziergang oder ein romantisches Picknick am<br />

Ufer, der Besuch der Seine-Inseln lohnt.<br />

34 Cassis<br />

Eine Frage des Gleichgewichts<br />

Östlich von Marseille gelegen, lockt das provenzalische<br />

Fischerdorf mit einem verträumten Hafen, einer pittoresken<br />

Altstadt und einer atemberaubenden Umgebung.<br />

40 Hotel<br />

The Regent Grand Hotel Bordeaux<br />

42 Charleville-Mézières<br />

Dichterleben und Marionettenkunst<br />

Mit den Museumsprojekten zu Arthur Rimbaud<br />

und dem Marionettenfestival <strong>2009</strong> zielt die Ardennenstadt<br />

auf internationale Aufmerksamkeit.<br />

52 La Rochelle<br />

Die Schöne und ihre zwielichtige Vergangenheit<br />

Kein Zweifel, die Hafenstadt am Atlantik ist schön und zu Recht<br />

bei Touristen beliebt. Sie trägt aber auch an einem unrühmlichen<br />

Erbe. Die Stadt war ein Drehpunkt des Sklavenhandels.<br />

58 Zentralmassiv<br />

Die Natur als Kunstraum<br />

Jeden Sommer strömen Künstler und Kunstliebhaber<br />

ins Massif du Sancy, um moderne Kunst in freier Natur<br />

zu inszenieren bzw. zu betrachten. Das ungewöhnliche<br />

Kunst-Event « Horizons <strong>2009</strong> » lädt ein.<br />

68 Gustave Eiffel<br />

Vom Mann, der keinen deutschen<br />

Namen tragen wollte.<br />

Der Erbauer des Eiffelturms stammt aus einer deutschen<br />

Familie. Wer war der Mann, dessen berühmtestes Bauwerk<br />

dieser Tage seinen 120. Geburtstag feiert?<br />

74 Überseegebiete<br />

Frankreichs DOM/TOM in der Krise<br />

Es fing in Guadeloupe an, schlug dann über nach Martinique<br />

und La Réunion: Monatelang machten Frankreichs<br />

Überseegebiete mit sozialen Unruhen Schlagzeilen.<br />

Demnächst soll ein runder Tisch nach Lösungen suchen.<br />

76 Flughäfen<br />

Welche Zukunftsperspektiven haben<br />

Frankreichs Flughäfen?<br />

Der Airport Paris-CDG setzt dazu an, die Nummer 1 in Europa<br />

zu werden, in Nantes und Brive-la-Gaillarde werden neue<br />

Flughäfen konstruiert, andere Städte bauen ihre Kapazitäten<br />

aus. Aber es gibt auch Sorgenkinder in der Branche.<br />

82 Der Bauch von Paris<br />

Ein Besuch beim Großmarkt der Hauptstadt<br />

Aus den legendären Les Halles im 1. Arrondissement von<br />

Paris ist vor den Toren der Stadt längst ein moderner, hocheffizienter<br />

Umschlagplatz für Lebensmittel geworden.<br />

Art de vivre<br />

86 Lillet<br />

Ein Aperitif für Kenner<br />

Zwei Brüder erfanden vor 140 Jahren einen likörhaltigen<br />

Aperitif, der mit seinem Zusatz exotischer<br />

Kräuterextrakte in der ganzen Welt beliebt ist. Und<br />

manchmal hilft dabei auch das Kino nach.<br />

88 Chantals Rezept<br />

Carré d’agneau aux herbes<br />

90 Genuss<br />

Scharfmacher, der echte Senf aus Dijon<br />

Früher eine Würzpaste für die Armen ist der Dijon-<br />

Senf heute eine Delikatesse, auf die nicht einmal<br />

der US-amerikanische Präsident verzichten will.<br />

3 Editorial<br />

6 On en parle<br />

12 Frankreichkalender<br />

51 Abonnement<br />

66 Kulturschock<br />

84 Kulturszene<br />

92 Frankreich praktisch<br />

93 Arte-Programm<br />

94 Leserbriefe<br />

94 Impressum<br />

95 Nachbestellungen<br />

98 Vorschau<br />

Frankreich erleben im Internet:<br />

www.frankreicherleben.de<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 5


On En Parle<br />

Neues Erscheinungsbild für Air France<br />

Es ist lange her, dass sich das Erscheinungsbild von Air France<br />

verändert hat. Nun ist es aber soweit. Die Heckflosse der Flugzeuge<br />

trägt zwar auch in Zukunft die Trikolore, die Streifen<br />

sind am unteren Ende nun aber angeschrägt. Die größte Modifizierung<br />

betrifft allerdings den Schriftzug der Airline: Der<br />

Name der Fluggesellschaft wird nun in einem Wort geschrieben,<br />

gefolgt von einem schrägen roten Balken. Aus Kostengründen<br />

werden die Flugzeuge sukzessive bei Wartungsarbeiten<br />

umlackiert. Neue Maschinen werden natürlich sofort mit<br />

dem neuen Design ausgeliefert.<br />

Stade de France<br />

als Exportschlager<br />

Seit der Fußballweltmeisterschaft 1998 in Frankreich ist das Stade<br />

de France in Saint-Denis – im nördlichen Ballungsraum von Paris –<br />

weltbekannt. Doch das Stadion glänzt nicht nur mit seiner beeindruckenden<br />

Architektur, sondern auch mit seinem wirtschaftlichen Erfolg,<br />

ermöglicht durch die Durchführung diverser Veranstaltungen.<br />

Nun wollen sich die Betreiber ihr Know-how auf dem internationalen<br />

Markt zunutze machen und sich auch um das Management anderer<br />

Stadien bemühen. Ein erster Erfolg ist bereits verbucht: ein Betreibervertrag<br />

für das neue Fußballstadion von Kapstadt, das gerade für<br />

die WM 2010 errichtet wird. Langfristig peilt man den Betrieb von<br />

fünf bis zehn Stadien weltweit an.<br />

Frankreich bewirbt sich<br />

für die Fußball-EM 2016<br />

Der französische Fußballverband hat seine Kandidatur für die EM 2016 bekannt<br />

gegeben. Allein – und nicht zusammen mit Italien, wie ursprünglich in Erwägung<br />

gezogen – will man dieses Sportevent nach Frankreich holen. Die Bewerbung sieht<br />

vor, zwölf Stadien zu nutzen, die zum Teil neu gebaut, zum Teil renoviert werden<br />

müssen. Das Budget beläuft sich auf rund 100 Millionen Euro. Die potentiellen<br />

französischen Austragungsstädte sollen bis Jahresende bestimmt werden. Die Entscheidung,<br />

in welchem Land die EM 2016 stattfindet, wird am 27. <strong>Mai</strong> 2010 fallen.<br />

6 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Frankreichs<br />

Goldbären sind<br />

Fruchterdbeeren<br />

Während das bekannteste Produkt<br />

von Haribo in Deutschland die<br />

Goldbären sind, lieben die Franzosen<br />

vor allem « La Fraise Tagada »,<br />

ein Fruchtgummi mit Erdbeergeschmack, das den Primavera<br />

Erdbeeren auf dem deutschen Heimatmarkt des<br />

Unternehmens ähnelt. Dieses Jahr feiert die Süßigkeit<br />

mit Kultstatus ihren 40. Geburtstag. Erfunden wurden<br />

die Fruchtbeeren einst nicht am Hauptsitz, sondern von<br />

der französischen Filiale. Vielleicht ist dies auch einer der<br />

Gründe, warum das Produkt nie den Sprung über den<br />

Rhein schaffte.<br />

Parc Astérix feiert 20. Geburtstag<br />

Der Parc Astérix, nordöstlich von Paris im Departement Oise gelegen,<br />

wird dieses Jahr 20 Jahre alt. Grund genug für die Betreiber,<br />

diesen Anlass mit besonderen Aktionen eine ganze Saison lang<br />

zusammen mit den Besuchern des Freizeitparks zu feiern. Über<br />

fehlenden Zuspruch kann sich die Einrichtung ohnehin nicht beklagen:<br />

1,8 Millionen Erwachsene und Kinder besuchten Asterix,<br />

Obelix & Co. im letzten Jahr – ein Zuwachs von elf Prozent im<br />

Vergleich zum Vorjahr. Dieses Jahr ist der Park jeden Tag bis zum<br />

31. August sowie an den Wochenenden bis Ende Oktober geöffnet.<br />

Kurze Freude für faule Schüler<br />

++ Nur eine Woche lang blieb eine neue Internetsei<br />

te, auf der Schüler ihre Hausaufgaben und Referate<br />

aus schreiben konnten, im Netz. Es genügte<br />

eine Be schreibung der Aufgabenstellung und für<br />

einen geringen Preis von fünf bis 30 Euro bekamen<br />

die faulen Schüler die fertigen Arbeiten per E-<strong>Mai</strong>l<br />

zurück. Die Empörung ließ aber nicht lange auf<br />

sich warten, so dass die Seite nach acht Tagen<br />

wieder abgeschaltet werden musste.<br />

Immer mehr schnelle Inter net anschlüsse<br />

++ Schon 17,7 Millionen Haushalte<br />

verfügen in Frankreich über einen schnellen<br />

Internetzugang, eine Steigerung von 14 Prozent<br />

im Vergleich zu der Situation von vor einem<br />

Jahr. Durch die starke Konkurrenz von Anbietern<br />

wurden die Angebote für die Internetnutzer<br />

immer interessanter, was einen Boom von<br />

Breitbandanschlüssen auslöste.<br />

Kampf gegen ungebetene Mithörer<br />

++ Es mag unglaublich klingen, aber die Orte,<br />

an denen die wichtigsten Entscheidungen für die<br />

Französische Republik getroffen werden, wie das<br />

Büro des Präsidenten, des Premierministers usw.,<br />

sind bis jetzt nicht speziell gegen nach richtendienstliche<br />

Methoden des Mithörens gesichert<br />

gewesen. Die französischen Behörden wollen<br />

nun endlich für mehr Vertraulichkeit sorgen,<br />

insbesondere durch den kurzfristigen Einbau von<br />

Störsendern.<br />

Airbus A380 für Air Austral ++<br />

Großes Flugzeug für kleine Airline: Der Homecarrier<br />

von La Réunion, Air Austral, hat die Absicht<br />

bekundet, zwei Airbusse A380 zu erwerben.<br />

Mit Ryanair nach Carcassonne ++<br />

Es kommt wieder Schwung in den Low-Cost-Verkehr<br />

zwischen Deutschland und Frankreich. Ab<br />

dem 5. <strong>Mai</strong> will die irische Billigfluggesellschaft<br />

Ryanair die Strecke Hahn-Carcassonne dreimal<br />

pro Woche bedienen.<br />

Rezeptfreie Medikamente im Auf ­<br />

wind ++ Selbstmedikation scheint in Frank reich<br />

immer beliebter zu werden. Während der all gemeine<br />

Medikamentenkonsum im letz ten Jahr um<br />

0,3 Prozent leicht fiel, stieg der Verkauf von nicht<br />

verschreibungspflichtigen Medikamenten um 2,7<br />

Prozent an.<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 7


On En Parle<br />

Wasserkaraffe als<br />

Krisengewinner<br />

Die Wasserkaraffe, die<br />

Rest aurants oder Bars auf<br />

Nach frage ihren Gästen<br />

kostenlos anbieten müssen,<br />

ist zum Ge winner der<br />

Wirt schafts krise<br />

ge wor den. Die<br />

Nach frage nach<br />

einer solchen Karaffe<br />

ist in der letzten Zeit in<br />

der Gastronomie um 15<br />

Prozent angestiegen, während<br />

die Bestellung von Mineralwasser<br />

und anderen Getränken zurückging.<br />

Kosenamen<br />

sind in Mode<br />

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts<br />

TNS-Sofrès rufen zwar acht von zehn<br />

Franzosen ihren Lebenspartner regelmäßig beim<br />

Vornamen, sechs von zehn benutzen aber auch<br />

Kosenamen. Der meistbenutzte ist chéri, gefolgt<br />

von mon coeur, bébé und amour. Auch Tiernamen<br />

sind beliebt wie ma puce (dt. mein Floh), ma biche<br />

(dt. mein Reh), mon poussin (dt. mein Küken) oder<br />

mon canard (dt. meine Ente).<br />

L ouvre: Bemalte Rückwand<br />

auf da Vinci-Gemälde<br />

Ein Konservator des Louvre machte eine sensationelle Entdeckung:<br />

Beim Abhängen eines Werkes von Leonardo da Vinci<br />

spürte er auf der Rückwand des Gemäldes zwei Zeichnungen<br />

auf. Sie zeigen einen Pferdekopf sowie die Hälfte eines<br />

Schädels. Weitergehende Untersuchungen haben nicht nur die<br />

Existenz dieser beiden Zeichnungen bestätigt, sondern noch<br />

eine dritte zum Vorschein gebracht: ein Jesuskind mit einem<br />

Schaf. Der Fund ist sensationell, da Zeichnungen auf den<br />

Rückseiten von Gemälden nicht nur sehr selten vorkommen,<br />

sondern auf Werken von da Vinci sogar bisher völlig unbekannt<br />

waren. Weitere Recherchen werden momentan durchgeführt,<br />

um mehr über den Ursprung dieser Zeichnungen<br />

herauszufinden.<br />

Erste Bibliothek<br />

für Blinde und<br />

Sehbehinderte<br />

Mehr als 20.000 Werke in Blindenschrift,<br />

2.500 auf CD überspielte und 2.000 mit Großbuchstaben<br />

gedruckte Bücher: Im 7. Pariser<br />

Arrondissement wurde die erste Bibliothek für<br />

blinde und sehbehinderte Menschen eröffnet –<br />

pünktlich zum 200. Geburtstag des Erfinders<br />

der Blindenschrift, Louis Braille. Seine sterblichen<br />

Überreste ruhen seit 1952 im Pantheon<br />

von Paris.<br />

8 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


On En Parle<br />

Mehr Gleichstellung bei den Sozialisten<br />

Bei den politischen Parteien ist beim Thema Gleichberechtigung zwischen<br />

den Geschlechtern die Sozialistische Partei (PS) besser aufgestellt<br />

als die konservative Regierungspartei UMP. Denn nicht nur an der<br />

Spitze der PS steht eine Frau, auch 22 der 46 Führungsposten der Partei<br />

sind in Frauenhand. Bei der UMP gibt es dagegen nur zwei Frauen in<br />

dem neuen 14-köpfigen Führungsteam.<br />

Testbesuche bei Frankreichs Ärzten<br />

Generalüberholung<br />

des Pariser<br />

Musée de l’Homme<br />

Schon seit 1937 gibt es das Musée de<br />

l’Homme im Palais de Chaillot unweit<br />

des Eiffelturms. Seit seiner Eröffnung<br />

ist es der Ethnographie gewidmet. Doch<br />

in den letzten zehn Jahren gingen die<br />

Besucherzahlen um die Hälfte zurück.<br />

Eine konzeptionelle Neuausrichtung<br />

wurde also unausweichlich. Daher wird<br />

das Museum bis 2012 umgebaut. Die<br />

neue Ausstellung soll eine zeitgenössische<br />

Wahrnehmung der Menschheit<br />

ermöglichen und Themen wie die Urgeschichte,<br />

die menschliche Anatomie, die<br />

Erforschung des Gehirns oder künstliche<br />

Intelligenz in Form von Robotern<br />

stärker in den Vordergrund stellen. Die<br />

Kosten für diese Generalüberholung<br />

sind mit 52 Millionen Euro angesetzt.<br />

Franzosen, die in wirtschaftlich ungeordneten bzw. schwierigen Verhältnissen<br />

leben, haben oft nur eine medizinische Grundsicherung,<br />

die Couverture Maladie Universelle (CMU). Im Krankheitsfall<br />

sehen sie sich zunehmend Diskriminierungen ausgesetzt, da ihnen<br />

einige Ärzte eine Behandlung verweigern. Um diesem Trend entgegenzuwirken,<br />

hat das Parlament nun Testbesuche bei Ärzten legalisiert.<br />

So will man schwarzen Schafen aus dem Gesundheitswesen<br />

auf die Schliche kommen. Denn niemand soll wegen seines Status als<br />

CMU-Patient, noch aus anderen Gründen – wie zum Beispiel seiner<br />

ethnischen Herkunft – diskriminiert werden dürfen.<br />

Schönstes Buch der<br />

Welt f ür Frankreichs<br />

Nationalbibliothek<br />

« Michelangelo: La Dotta Mano » gilt als das schönste Buch der Welt.<br />

Ein Bildband, der 20,7 Kilo wiegt und nur 33-mal auf der Welt existiert.<br />

Er zeigt die wertvollsten Werke des Ausnahmekünstlers und wurde von<br />

dem gemeinnützigen Verlag Fondazione Marilena Ferrari herausgegeben.<br />

Nun erhielt es die französische Nationalbibliothek als Spende.<br />

10 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Weitere Luxustoilette<br />

für die Hauptstadt<br />

Die Betreiber der luxuriösen<br />

Design toilette « Point WC » auf den<br />

Champs-Elysées werden eine weitere<br />

öffentliche Toilette dieser Art<br />

in Paris eröffnen. Der Ort ist nicht<br />

weniger renommiert: Le Carrousel<br />

du Louvre.<br />

Egal ob Sie nach wohltuender Erholung<br />

oder aktivem Erlebnisurlaub suchen –<br />

machen Sie diesen Sommer Ferien mit<br />

p&v – Groupe Pierre & Vacances. Als<br />

Europas Nummer 1 für Feriendörfer und<br />

Apartments garantiert p&v seit über 40<br />

Jahren individuelle Urlaubserlebnisse in<br />

Frankreich, Italien und Spanien – mit über<br />

300 Feriendörfern, Residenzen und Hotels.<br />

Frauen verdienen<br />

weniger als Männer<br />

Nicolas Sarkozy machte die Gleichstellung von Männern<br />

und Frauen im Berufsleben zu einer seiner politischen<br />

Prioritäten. Doch es geht auf diesem Gebiet nicht<br />

wirklich voran. Noch immer sind die Gehälter weiblicher<br />

Angestellter in Unternehmen mit mehr als zehn<br />

Mitarbeitern um 27 Prozent geringer als die der Männer.<br />

Dabei haben sogar 46 Prozent der französischen Frauen<br />

gegenüber nur 41 Prozent der Männer das Abitur.<br />

Shopping mit<br />

gutem Gewissen<br />

Ein neuer Konzeptstore namens « Merci » hat in Paris (111, boulevard<br />

Beaumarchais, 3. Arrondissement) seine Tore geöffnet.<br />

Auf den ersten Blick ist dort alles so wie anderswo auch. Möbel,<br />

Dekorationsgegenstände, Modeartikel und weitere Produkte sind<br />

im Angebot. Doch im Gegensatz zu anderen Geschäften werden<br />

die erwirtschafteten Gewinne nach Abzug der Gehälter und Steuern<br />

komplett an humanitäre Projekte überwiesen. Die Gründer<br />

Marie-France und Bernard Cohen sind aber mitnichten kapitalismusfeindliche<br />

Idealisten. Sie sind die Erfinder der Modemarke<br />

Bonpoint, ein Luxuslabel für Kindermode, mit der sie gut Geld<br />

verdienten. Mit dem neuen Projekt möchten die beiden etwas von<br />

ihren eigenen Erfolgen an die Menschen zurückgeben. Der Shop<br />

wurde aber erst möglich, als vor kurzem ein gesetzliches Verbot<br />

fiel, wonach nur maximal fünf Prozent des Umsatzes eines Unternehmens<br />

gespendet werden durften.<br />

Aquitantien:<br />

Meava Residenz<br />

Bleu Marine<br />

1 Woche im Studio<br />

für bis zu 3 Personen<br />

ab 170 E<br />

Normandie<br />

Residenz Port Guillaume<br />

1 Woche im Studio für 2 P. ab 260 E<br />

Bretagne<br />

Feriendorf Port-Bourgenay<br />

1 Woche im Studio für bis zu 3 P. ab 310 E<br />

Elsass<br />

Residenz Le Clos d´Eguisheim<br />

1 Woche im Studio für bis zu 4 P. ab 410 E<br />

Ardèche<br />

Feriendorf Le Rouret en Ardèche<br />

1 Woche im Studio für 2 P. ab 350 E<br />

Côte d´Azur<br />

Club-Residenz Les Issambres<br />

1 Woche im Studio für 4 P. ab 300 E<br />

FERIENDÖRFER -<br />

mehr Spaß inklusive:<br />

Direkt am<br />

Strand<br />

• Kinder- und Jugend-Clubs<br />

• Sport- und Freizeitaktivitäten<br />

• Internationales Entertainment<br />

Information, Katalog, Reservierung:<br />

Tel: 01805 - 90 10 11*<br />

(*0,14 Euro/Min. vom dt. Festnetz)<br />

www.pv-holidays.de


Frankreichkalender<br />

Das antike Paris<br />

Paris, bis 31.01.2010<br />

Les Floralies<br />

Nantes, 08.05. – 19.05.<strong>2009</strong><br />

D-Day <strong>2009</strong><br />

Bayeux, 05.06. – 07.06.<strong>2009</strong><br />

Mit dreidimensionalen Darstellungen<br />

des lateinischen Forums, der antiken<br />

Therme und des ehemaligen Amphitheaters<br />

zeichnet eine Ausstellung in<br />

der Krypta von Notre-Dame ein Porträt<br />

des Paris aus den ersten Jahrhunderten<br />

nach Christus. Da die antiken<br />

Wurzeln der Hauptstadt nicht oft<br />

gewürdigt werden, ist die Ausstellung,<br />

die in Zusammenarbeit mit dem<br />

Pariser Musée Carnavalet konzipiert<br />

wurde, eine schöne Gelegenheit, sich<br />

der ersten Phase der Stadtgründung<br />

von Paris zu vergewissern. Die bemerkenswerte<br />

Schau ist didaktisch aufgebaut<br />

und lässt Lutetia, wie die Römer<br />

die Stadt einst nannten, eindrucksvoll<br />

wieder lebendig werden.<br />

Antike Krypta des Kirchplatzes<br />

Notre-Dame<br />

7, place du Parvis Notre-Dame<br />

75004 Paris<br />

Telefon: +33 (0)1 55 42 50 10<br />

www.carnavalet.paris.fr<br />

Di – So 10.00 – 18.00 Uhr<br />

An Feiertagen geschlossen<br />

4,00 Euro, ermäßigt 3,00 Euro<br />

« Die Macht der Blumen » – was für<br />

ein frühlingshaftes Thema! Lassen<br />

Sie sich in Nantes von den blühenden<br />

Schönheiten verführen. Schon seit 50<br />

Jahren versammeln die « Floralies »<br />

alle fünf Jahre die Blumenliebhaber<br />

Europas. Die acht Ausstellungshallen<br />

sind jeweils einem eigenen<br />

Thema gewidmet und präsentieren<br />

den Besuchern die verschiedensten<br />

Züchtungen und floralen Neuheiten.<br />

In der Ausstellung <strong>2009</strong> gibt es<br />

einige Innovationen, zum Beispiel<br />

die Wahl der besten französischen<br />

Blumenhändler. Dazu kommen drei<br />

Tanzveranstaltungen pro Tag und<br />

eine romantische Lichtshow bei Einbruch<br />

der Dämmerung.<br />

Expo Nantes Atlantique<br />

Parc de la Beaujoire<br />

44300 Nantes<br />

Telefon: +33 (0)2 40 52 08 11<br />

www.comites-des-floralies.com<br />

Täglich 9.30 – 23.00 Uhr<br />

20,00 Euro, ermäßigt 9,00 Euro<br />

ab 17.00 Uhr 18,00 Euro,<br />

ermäßigt 6,00 Euro<br />

Bayeux war die erste französische Stadt,<br />

die im Zweiten Weltkrieg durch die Alliierten<br />

befreit wurde. Anlässlich des 65.<br />

Jahresstages der Landung in der Normandie<br />

wird für dieses Jahr eine Reihe<br />

von Veranstaltungen vorbereitet. Neben<br />

dem alljährlichen Veteranentreffen gibt<br />

es einen öffentlichen Ball, ein riesiges<br />

Picknick und viele Konzerte. Für die<br />

Parade sind mehr als 250 originale Militärfahrzeuge<br />

des D-Days angekündigt.<br />

Außerdem hält sich hartnäckig das Gerücht,<br />

dass der amerikanische Präsident<br />

an den Feiern teilnehmen wird.<br />

Bayeux und Umgebung<br />

Office de Tourisme<br />

Pont Saint-Jean<br />

14400 Bayeux<br />

Telefon: +33 (0)2 31 51 28 28<br />

www.bayeux-bessin-tourism.com<br />

05.06.<strong>2009</strong>: Ab 23.00 Uhr Feuerwerke<br />

entlang der Küste<br />

06.06.<strong>2009</strong>: « Soirée de la Libération »,<br />

ab 19.00 Uhr Place de Gaulle<br />

07.06.<strong>2009</strong>: « Bayeux, 1ère ville libérée<br />

de France », ab 15.00 Uhr Historisches<br />

Zentrum der Stadt<br />

Kostenlos<br />

12 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Soulac 1900<br />

Soulac-sur-Mer, 06.06 – 07.06.<strong>2009</strong><br />

Maurice Denis und<br />

die Bretagne<br />

Pont-Aven & Ploézal,<br />

06.06. – 05.10.<strong>2009</strong><br />

Un siècle de<br />

paysages sublimés<br />

Céret, 20.06. – 31.10.<strong>2009</strong><br />

Erleben Sie für ein Wochenende die<br />

Belle Epoque! Seit fünf Jahren kehrt<br />

der kleine Badeort Soulac-sur-Mer am<br />

ersten <strong>Juni</strong>wochenende zu den Anfängen<br />

des 20. Jahrhunderts zurück. Sonnenschirmbewehrte<br />

Damen in langen<br />

Kleidern werden am Arm würdiger<br />

Herren, die klassische hohe Hüte tragen,<br />

durch die Stadt flanieren. Nein,<br />

das ist kein Drehort für den nächsten<br />

Kostümfilm und die verkleideten Leute<br />

sind keine Schauspieler. Jeder, der<br />

will, kann dabei mitmachen, den Badeort<br />

am Atlantik in die Belle Epoque<br />

zurück zu verwandeln. Kostüme und<br />

Accessoires können vor Ort gekauft<br />

oder geliehen werden. Auch sollte man<br />

die zahlreichen musikalischen Aufführungen<br />

und den Feinschmeckermarkt<br />

nicht verpassen.<br />

Zentrum von Soulac-sur-Mer<br />

Office de Tourisme<br />

68, rue de la Plage<br />

37780 Soulac-sur-Mer<br />

Telefon : +33 (0)5 56 09 86 61<br />

www.soulac1900.fr<br />

Kostenlos<br />

Zwei Ausstellungen im Museum von<br />

Pont-Aven und dem Manoir de la Roche<br />

Jagu werfen einen neuen Blick auf<br />

die Werke des bretonischen Künstlers<br />

Maurice Denis (1870 – 1943). Er gehört<br />

zu den größten Theoretikern und<br />

Malern der modernen Kunst. Schon<br />

als Kind hat ihn die wilde Natur der<br />

Bretagne tief beeindruckt, was sich<br />

in seinen späteren Bildern deutlich<br />

widerspiegelt. Der erste Teil der Ausstellung<br />

ist den Landschaften der südlichen<br />

Bretagne gewidmet, die eng mit<br />

Denis’ theoretischen Arbeiten verbunden<br />

sind (Museum von Pont-Aven).<br />

Der intimere zweite Teil (Roche Jagu)<br />

zeigt 100 Werke, die während der<br />

Aufenthalte des Malers an der Côte de<br />

Granit Rose entstanden.<br />

Musée des Beaux Arts de Pont-Aven<br />

Place de l’Hôtel de Ville<br />

29930 Pont-Aven<br />

Telefon: +33 (0)2 98 06 14 43<br />

Domaine départemental<br />

de la Roche Jagu<br />

22260 Ploézal<br />

Telefon: +33 (0)2 96 95 62 35<br />

Pont-Aven : 6,00 Euro, ermäßigt 4,00 Euro;<br />

Ploézal 4,00 Euro, ermäßigt 3,00 Euro<br />

Was verbindet das Werk von Pablo Picasso,<br />

Georges Braque, Francis Picabia,<br />

Max Jacob, Marc Chagall und Raoul<br />

Dufy mit den Bildern heutiger Maler<br />

aus der Umgebung von Céret? Ganz<br />

bestimmt die Leidenschaft für die<br />

schönen Landschaften um die südfranzösische<br />

Kleinstadt. Seit 100 Jahren übt<br />

die Stadt einen besonderen Reiz auf die<br />

unterschiedlichsten Maler aus. Die 250<br />

Werke der 50 Künstler, die in Céret nun<br />

ausgestellt werden, sind ein Beleg dafür.<br />

« Un siècle de paysage sublimés » unterstreicht<br />

die Bedeutung der zeitgenössischen<br />

Maler, die mit ihrer Kunst die<br />

Geschichte von Céret weiter schreiben.<br />

Und vielleicht erklärt die Ausstellung<br />

uns, was die besondere Empfänglichkeit<br />

der Maler für Céret ausmacht.<br />

Musée d’art moderne de Céret<br />

8, boulevard Maréchal Joffre<br />

66400 Céret<br />

Telefon: +33 (0)4 68 87 27 76<br />

www.musee-ceret.com<br />

Mo – So 10.00 – 19.00 Uhr<br />

Ab 1. Oktober Mo – So 10.00 – 18.00 Uhr<br />

8,00 Euro, ermäßigt 6,00 Euro<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 13


Unterwegs in Frankreich Halbinsel Quiberon<br />

Halbinsel Quiberon<br />

Wie ein schmales Band reicht die<br />

Halbinsel Quiberon auf halbem Wege<br />

zwischen Lorient und Vannes in den<br />

Atlantischen Ozean. Es ist ein Stück<br />

Bretagne wie aus dem Bilderbuch –<br />

mit einer felsigen und wilden Küste,<br />

schmucken Orten mit regionaltypischen<br />

Häusern aus Granitstein und Booten in<br />

geschützten Buchten. Die Anzahl der<br />

Sonnenstunden im Jahr kann dank<br />

eines vorteilhaften Mikroklimas mit der<br />

Mittelmeerküste fast mithalten. Eine<br />

Reisereportage aus einem Paradies<br />

an der bretonischen Südküste.<br />

14 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Rauer Westen, sanfter Osten<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 15


Unterwegs in Frankreich Halbinsel Quiberon<br />

16 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


S. 14/15: Blick auf die Côte Sauvage.<br />

Linke Seite oben: Wiesen prägen das Hinterland der Westküste. Von<br />

den einstigen Wäldern der Halbinsel ist kaum etwas übriggeblieben.<br />

Unten: Obwohl das Baden an der gesamten Côte Sauvage<br />

untersagt ist, missachten gerade Wellenreiter dieses Verbot.<br />

Oben: An einem schönen Sonnentag kann man sich kaum vorstellen,<br />

wie stürmisch es an der Côte Sauvage werden kann.<br />

Rechte Spalte von oben nach unten: Verlassenes Haus an der Pointe du Percho; kleine<br />

Strandbucht an der Westküste; an der Pointe du Conguel ganz im Süden der Halbinsel.<br />

S. 18/19: Château Turpault am Ortseingang von Quiberon – leider nicht zu kaufen.<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 17


Unterwegs in Frankreich Halbinsel Quiberon<br />

Schon seit Stunden sind Yannick, Olivier und Luik mit<br />

ihren Brettern auf dem Meer draußen. Immer wieder<br />

paddeln sie den Wellen entgegen, um dann seelenruhig<br />

auf den perfekten Moment für den nächsten Wellenritt in<br />

Richtung Küste zu warten. Ist dieser Augenblick gekommen,<br />

gleiten sie geradezu graziös über das Meer, bis sie schließlich<br />

kurz vor dem Strand abdrehen und sich ins Wasser fallen<br />

lassen. Ein faszinierendes Schauspiel. Ich könnte stundenlang<br />

dem Treiben an diesem wunderschönen frühsommerlichen<br />

Tag zuschauen. Neben den drei Jungs tummelt sich<br />

noch ein Dutzend weiterer Surfer in der Bucht, einem bekannten<br />

und beliebten Spot für Wellenreiter.<br />

Ansonsten gibt es hier wenig Trubel. Ein paar Sonnenhungrige<br />

haben es sich auf Strandlaken bequem gemacht<br />

und eine Frau tollt mit ihrem Hund im Wasser herum. Die<br />

Hauptsaison hat noch nicht begonnen, der Strand ist fast<br />

menschenleer. Nichts stört die Postkartenidylle. Wer schon<br />

immer nach einer Bretagne wie im Bilderbuch gesucht hat,<br />

wird hier an der Westküste der Halbinsel Quiberon sein<br />

Paradies finden. Zerklüftete Buchten mit goldfarbenen<br />

Stränden, vom Wind gezeichnete Wiesen oberhalb der<br />

Steilküste und ein türkisgrün schimmernder Ozean, dessen<br />

Wellen beständig gegen die Felsen klatschen. Es ist genau<br />

so, wie man sich die Bretagne vorstellt: wild und rau und<br />

dennoch irgendwie sanft – zumindest an einem schönen<br />

Sonnentag. Denn mögen die Wellen auch hoch sein und<br />

der Wind kräftig wehen, dank des Golfstroms sind große<br />

Temperaturschwankungen und extreme klimatische Bedingungen<br />

an der bretonischen Südküste unbekannt.<br />

Es fällt mir nicht leicht, mich von der kleinen Bucht zu<br />

trennen. Doch auch die restliche Côte Sauvage (dt. Wilde<br />

Küste), wie die Westküste der Halbinsel treffend heißt, will<br />

entdeckt werden. Ich mache mich zunächst auf den Weg an<br />

die Spitze der Pointe du Percho. Die ins Meer ragende Felszunge<br />

ist der nördliche Ausgangspunkt der Wilden Küste.<br />

Ein verlassenes und bis auf die Grundmauern verfallenes<br />

Haus ist stummer Zeuge der unwirtlichen Lebensbedingungen.<br />

18 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


An einem sonnigen Tag – mit über 2.000 Sonnenstunden<br />

pro Jahr kein seltenes Phänomen – mag man es kaum<br />

glauben, doch die weit in den Atlantik ragende Halbinsel<br />

Quiberon ist den Kräften der Natur vollkommen schutzlos<br />

ausgeliefert. Das Meer und der Wind können hier schalten<br />

und walten wie sie wollen, was dem Ort gerade an stürmischen<br />

Herbst- und Wintertagen eine ganz besondere Aura<br />

verleiht. Doch auch an einem friedlich wirkenden Tag sollte<br />

man die Natur nicht unterschätzen. Warnschilder weisen<br />

daraufhin, dass das Baden entlang der gesamten Côte Sauvage<br />

untersagt ist. Gefährliche Strömungen und Strudel<br />

könnten das Vergnügen im Meer schnell zu einem tödlichen<br />

Unterfangen werden lassen. Man sollte sich als Tourist nicht<br />

von dem türkisgrünen Wasser mit den schönen Wellen und<br />

den Surfern verleiten lassen. Schon manch ein Urlauber fand<br />

durch leichtsinniges Verhalten ein schreckliches Ende.<br />

Von der Pointe du Percho zieht sich ein leicht zu begehender<br />

Wanderweg oberhalb der Steilküste bis in den<br />

Süden der Halbinsel. Auch ich folge diesem Weg einige<br />

Kilometer. Die Szenerie ist einfach perfekt. Immer wieder<br />

fällt mein Blick auf den weiten Ozean. Die felsige Steilküste<br />

wird ab und zu durch kleine Buchten unterbrochen. Die<br />

Sonne hüllt alles in ein warmes Licht. Zum Glück ist die<br />

Westküste von jeglicher Urbanisierung verschont geblieben.<br />

So wird ein Ausflug entlang der Küste zu einem puren Naturerlebnis.<br />

Wenn man die spröde Landschaft auf sich wirken lässt,<br />

bekommt man schnell eine Vorstellung davon, warum das<br />

Leben auf diesem Fleckchen Erde nicht immer einfach gewesen<br />

sein kann. Insbesondere zu Zeiten, als die Menschen<br />

noch stärker von der Natur abhängig waren. Dabei ist die<br />

Halbinsel schon lange menschliches Siedlungsgebiet. Erste<br />

Spuren davon reichen bis zu 5.000 Jahre zurück. Im 5. Jahrhundert<br />

v. Chr. kamen dann die Veneter nach Quiberon,<br />

bevor sie von den Römern besiegt wurden. Im Mittelalter<br />

beheimatete die Halbinsel schließlich eines der wichtigsten<br />

Jagdreviere der bretonischen Herzöge. Die einst dichten<br />

Wälder wurden seit dem 18. Jahrhundert jedoch stark<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 19


Unterwegs in Frankreich Halbinsel Quiberon<br />

abgeholzt, so dass sie heute fast verschwunden sind. Wiesen,<br />

Felsen und Dünen prägen nun die Landschaft. Das<br />

Jahr 1882 läutete schließlich die Moderne ein: Mit dem<br />

Bau der Eisenbahn entstand eine bequeme Verbindung zum<br />

« Festland », was in Folge Touristen auf die Halbinsel lockte.<br />

Schon 1924 wurde die Gemeinde Quiberon im Süden<br />

der Halbinsel als Luftkurort ausgezeichnet.<br />

Dorthin will auch ich mich jetzt begeben. Theoretisch<br />

bräuchte ich dafür einfach nur dem Wanderweg entlang<br />

der Küste zu folgen. Doch mein Auto steht noch auf einem<br />

Parkplatz unweit der Pointe du Percho. Deshalb kehre ich<br />

wieder um und nähere mich im geruhsamen Tempo auf vier<br />

Rädern der Kapitale der Halbinsel über die Küstenstraße<br />

– nicht ohne unterwegs immer wieder kurz auf einem der<br />

zahlreichen Parkplätze anzuhalten und die Landschaft der<br />

Côte Sauvage in mich aufzusaugen.<br />

Am Ortseingang von Quiberon erhebt sich rechts der<br />

Straße das Château Turpault, ein malerisch auf einem<br />

Felsen gelegenes Herrenhaus mit großem Garten. Da es<br />

sich in Privatbesitz befindet, ist dem Besucher der Zugang<br />

verwehrt. Dafür lässt das Motiv das Herz aller Hobbyfotografen<br />

höher schlagen. Kaum eine Postkarte der Halbinsel,<br />

die nicht dieses Motiv zeigt. Der schlossartige Baustil mit<br />

diversen Türmchen, die fantastische Lage auf einer felsigen<br />

Landzunge mit dem rauen Atlantik im Hintergrund, alles<br />

ist einfach perfekt. Gebaut wurde das Haus Anfang des 20.<br />

Jahrhunderts von einem Herrn Turpault, dem Besitzer einer<br />

Spinnerei. Seit 1967 wird das Haus aber von der Familie Richard<br />

bewohnt. Zu gerne würde ich an die Tür klopfen und<br />

fragen, ob ich ihnen das Haus nicht abkaufen könnte – auch<br />

wenn ich die finanziellen Mittel dafür eigentlich gar nicht<br />

habe. Doch das wäre wahrscheinlich zwecklos, denn dies<br />

versuchte bereits der französische Rockstar Johnny Hallyday<br />

mit seiner Frau. Er bekam eine freundliche Absage von<br />

den Eigentümern. Die Familie weiß wohl genau, was für<br />

einen einmaligen Schatz sie ihr Eigen nennt.<br />

Es gehört zu den touristischen Stärken der Halbinsel<br />

Quiberon, mehrere Facetten eines perfekten Urlauberglücks<br />

auf wenigen Kilometern zu vereinen. Während die Côte<br />

Sauvage alle Naturliebhaber in ihren Bann zieht, erinnert<br />

das Treiben im Ort Quiberon in den Sommermonaten an<br />

den hektischen Trubel der Côte d’Azur. Man teilt also nicht<br />

nur die Anzahl der Sonnenstunden mit der berühmten<br />

Mittelmeerküste. Der Rummel trifft sicherlich nicht den<br />

Geschmack von jedermann, er ist aber auch ein Teil der<br />

touristischen Realität auf der Halbinsel.<br />

Das Herzstück bildet dabei der Boulevard Chanard,<br />

der die Grande Plage (dt. Großer Strand) säumt. Allerdings<br />

scheint der Strand in der Hochsaison kaum groß genug zu<br />

sein, um alle Gäste aufzunehmen. Es ist ein buntes Völkchen,<br />

das sich hier in den Sand legt: Familien mit Kleinkindern gehören<br />

genauso dazu wie Teenager, die sich mit vorsichtigen<br />

DER ERSTE SCHLITTEN,<br />

DER NICHT RUTSCHT.<br />

DER CITROËN C5. EXKLUSIV MIT INTELLIGENTEM SNOWMOTION-SYSTEM.<br />

Erleben Sie den CITROËN C5 jetzt mit neuem SnowMotion-System. Einer Innovation, die Ihnen bei allen Witterungsbedingungen optimale Traktion<br />

garantiert. Das HYDRACTIVE III+ Fahrwerk (je nach Version) passt sich dabei automatisch an die Straßenverhältnisse und Ihren Fahrstil an. Für optimale<br />

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weitere Innovationen jetzt bei einer Probefahrt.


Flirtversuchen an das andere Geschlecht heranwagen. Am<br />

Boulevard selbst liegen die üblichen Bistros und Cafés, die<br />

man in solchen Badeorten gewöhnlich findet.<br />

Doch der Ort Quiberon hat nicht nur einen Strand, sondern<br />

gleich mehrere. Besonders lohnenswert sind die Strände<br />

ganz im Süden der Halbinsel an der Pointe du Conguel.<br />

Dorthin fahre ich nach einer kleinen Erholungspause in<br />

einem Café weiter. Die Straße passiert dabei das Institut<br />

de thalassothérapie. Denn die Halbinsel ist ebenfalls für<br />

ihre Thalassotherapiezentren berühmt. Schließlich gilt die<br />

Bretagne als die Wiege dieser heute in Frankreich äußerst<br />

populär gewordenen Kurform, bei der die heilsamen Kräfte<br />

des Meeres Beschwerden lindern oder auch einfach nur<br />

beim Entspannen helfen sollen. Für Badeorte wie Quiberon<br />

sind diese Zentren ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, helfen<br />

sie doch, die Hotelbetten außerhalb der Sommermonate zu<br />

belegen.<br />

Kurz vor der Pointe du Conguel endet die Straße<br />

schließlich an einem großen Parkplatz. Ich stelle mein<br />

Fahrzeug ab und spaziere zu der rund einen Kilometer entfernten<br />

Südspitze der Halbinsel. Hier finde ich ein wenig<br />

die Ruhe und Atmosphäre der Côte Sauvage wieder, wenn<br />

die Landschaft selbst auch weniger spektakulär ist. Der<br />

Strand ist bei FKK-Anhängern beliebt – hier im isolierten<br />

Süden wird das Nacktbaden akzeptiert. Von der Pointe du<br />

Conguel genieße ich schließlich ein 360-Grad-Panorama<br />

mit der kleinen Ile d’Houat und der großen Belle-Ile-en-<br />

Mer im Süden, der friedlichen Baie de Quiberon im Osten<br />

und dem offenen Meer im Westen. Erneut entdecke ich eine<br />

Bretagne, wie sie klischeehafter kaum sein könnte. Allerdings<br />

sollte man nicht zu windempfindlich sein, denn meist<br />

weht eine kräftige Brise über diese schmale Landzunge im<br />

äußersten Süden der Halbinsel.<br />

Nach einer erneuten kurzen Pause auf einem Felsen am<br />

Strand mache ich mich schließlich auf den Rückweg. Statt<br />

der malerischen Küstenstraße entlang der Côte Sauvage<br />

wähle ich nun eine Strecke entlang der Ostküste. Keine<br />

Frage, die Halbinsel Quiberon ist hier weniger aufregend<br />

als im Westen, dennoch nicht ohne Charme. Die kleinen<br />

Steinhäuser, der ständige Blick aufs Meer, die klare Luft<br />

und die sanften Farben lassen ein typisch bretonisches Lebensgefühl<br />

aufkommen. Unterwegs passiere ich den Port<br />

Haliguen, ein kleiner Hafen, den wegen seiner geschützten<br />

Lage schon die Veneter und Römer schätzten und den heute<br />

vor allem Freizeitkapitäne ansteuern; außerdem Saint-<br />

Julien, einen Vorort von Quiberon, an dessen Stränden es<br />

geruhsamer zugeht, sowie das Kap Beg Rohu, wo sich seit<br />

1966 die nationale Segelschule Frankreichs (Ecole nationale<br />

de voile) befindet, dank derer die Segelsportler des Landes<br />

immer wieder viele Medaillen bei Olympischen Spielen<br />

und anderen Wettkämpfen einheimsen. Schließlich Saint-<br />

Pierre-Quiberon, einem vor allem bei Familien beliebten<br />

www.citroen-c5.de<br />

CITROËN C5.<br />

Bestes Auto <strong>2009</strong><br />

in der Kategorie<br />

Mittelklasse, Import<br />

Kraftstoffverbrauch innerorts 7,5 l/100 km, außerorts 4,8 l/100 km, kombiniert 5,8 l/100 km.<br />

CO 2 -Emissionen kombiniert 153 g/km (RL 80/1268/EWG).


Unterwegs in Frankreich Halbinsel Quiberon<br />

Oben links: Strandsegler bei<br />

Penthièvres. Hier ist die Halbinsel<br />

nur einige hundert Meter breit.<br />

Oben rechts: Port Haliguen an der<br />

Ostküste. Die geschützte Lage wussten<br />

schon die Veneter und Römer zu schätzen.<br />

Rechts: Der kleine Fischerhafen<br />

von Portivy. Bei Ebbe liegen<br />

die Boote auf Grund.<br />

Badeort, liegt er doch auf der zum Osten hin geschützten<br />

Seite der Halbinsel.<br />

Bevor ich die Halbinsel aber wieder verlasse, unternehme<br />

ich noch einen Abstecher zurück zur Westküste – nach<br />

Portivy. Im Gegensatz zu den anderen Orten liegt das kleine<br />

Fischerdorf im Schatten der Besucherströme. Die Straße<br />

schlängelt sich durch den Ort mit seinen weißen Häusern<br />

mit dunklen Dächern, bis ich schließlich am kleinen Hafenbecken<br />

ankomme. Der Kontrast zum Boulevard Chanard<br />

von Quiberon könnte nicht größer sein: Ein paar Fischerboote<br />

dümpeln im stark tideabhängigen Hafen vor sich hin,<br />

die Dorfbewohner gehen in aller Ruhe ihrem Alltag nach<br />

und am Ufer laden zwei, drei Bistros zum Verweilen ein.<br />

Hier zeigt sich die Bretagne von einer ganz unaufgeregten,<br />

bodenständigen Gelassenheit – unspektakulär und dennoch<br />

einmalig schön. Ich entschließe mich, in einem der Bistros<br />

zu Abend zu essen und die Stimmung noch ein wenig auf<br />

mich wirken zu lassen.<br />

Doch irgendwann wird es Zeit, endgültig aufzubrechen.<br />

Zurück auf der Landstraße in Richtung « Festland » passiere<br />

ich – wie schon am Morgen – bei Penthièvre die schmalste<br />

Stelle der Halbinsel – ein nur wenige Meter breites mit Gras<br />

bewachsenes Sandband. Am Ufer haben Strandsegler ihr<br />

perfektes Refugium gefunden. Die Sonne steht bereits ganz<br />

im Westen und wird bald malerisch im Ozean untergehen.<br />

Erneut eine perfekte Postkartenidylle.<br />

22 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


N12/E50<br />

Brest<br />

Saint-Brieuc<br />

N164<br />

Die<br />

<br />

Halbinsel Quiberon erreicht man<br />

am besten über Rennes und Vannes.<br />

Die Anreise nach Rennes erfolgt aus<br />

dem süddeutschen Raum, Österreich<br />

und der deutschsprachigen Schweiz via<br />

Paris. Aus Nord- und Westdeutschland<br />

bietet sich alternativ die neue Autobahnverbindung<br />

entlang der Ärmelka<br />

nal küste an, auf der man auch den<br />

staugeplagten Pariser Großraum umfahren<br />

kann. Ab Vannes geht es über<br />

die Schnellstraße N165 nach Auray, wo<br />

man auf die D768 biegt, die bis auf die<br />

Halb insel führt. Gerade in den Sommermonaten<br />

Juli und August kann es auf<br />

der Zufahrtsstraße sehr voll werden<br />

und der Verkehr schnell ins Stocken<br />

geraten.<br />

Quiberon …<br />

… Berlin 1.565 km<br />

… Köln 995 km<br />

… Wien 1.745 km<br />

… Hamburg 1.415 km<br />

… München 1.345 km<br />

… Zürich 1.115 km<br />

Die nächsten Flughäfen sind in Lorient,<br />

Rennes und Nantes. Zu den drei Air ports<br />

gibt es jedoch keine direkten Flug verbindungen<br />

aus Deutschland, Österreich<br />

und der Schweiz. Air France bietet<br />

aus dem deutschsprachigen Raum<br />

Quimper<br />

N165/E60<br />

Lorient<br />

Quiberon<br />

aber Umsteigeverbindungen via Paris<br />

und Lyon an.<br />

Direkte Zugverbindungen aus dem<br />

deutsch sprachigen Raum bestehen<br />

nicht. Von Paris aus verkehren TGV-Züge<br />

nach Auray, von wo aus ganzjährig<br />

Busse nach Quiberon fahren. In den<br />

Som mer monaten Juli und August<br />

pendelt außerdem mehrmals täglich<br />

ein Regionalexpress (TER) zwischen<br />

Auray und Quiberon, der auf der Halbinsel<br />

an insgesamt fünf Bahnhöfen hält.<br />

D768<br />

Rennes<br />

N24<br />

Vannes<br />

N165/E60<br />

la Baule<br />

St. Nazaire<br />

Nantes<br />

A83<br />

www.quiberon.com<br />

Office de Tourisme<br />

14, rue de Verdun<br />

56170 Quiberon<br />

Telefon: +33 (0)2 97 30 58 22<br />

Auf den meist recht einsam gelegenen<br />

Park plätzen entlang der Côte Sauvage<br />

wer den leider immer wieder Fahrzeuge<br />

auf ge brochen. Möglichst keine Wertsachen<br />

im Auto lassen.<br />

A11/E60<br />

A8<br />

La R<br />

Lesetipps zu Ausflügen in der Umgebung<br />

Ausgabe <strong>Nr</strong>. 11<br />

Belle-Ile-en-Mer – Raues<br />

Eiland im Atlantik<br />

Südlich von der<br />

Halb in sel Qui beron<br />

ge le gen, ist<br />

Belle-Ile -en- Mer<br />

die größte der<br />

b re to n i schen<br />

Inseln. Vor<br />

allem ist sie auch die vielfältigste,<br />

bietet das Eiland doch zahlreiche<br />

natürliche Attraktionen wie kleine Häfen,<br />

schroffe Felsbuchten, feine Sandstrände,<br />

grüne Hügel und türkis far benes Wasser.<br />

Geradezu ideal für alle, die gerne zu Fuß<br />

oder mit dem Fahr rad unterwegs sind.<br />

Ausgabe <strong>Nr</strong>. 16<br />

Die wilde Schönheit der<br />

Halbinsel Rhuys<br />

Die Halbinsel<br />

Rhuys trennt<br />

den Golf von<br />

Morbihan an<br />

der breto nischen<br />

Süd küste<br />

vom At lan tik.<br />

Es ist ein Re fugium für Urlauber, aber<br />

auch für Zugvögel, die die seichten Gewässer<br />

der Region als Zwischenstation<br />

nutzen. Reizvolle Lichtverhältnisse und<br />

ab wechslungsreiche Landschaftsformen<br />

sind auch für Fotografen verlockend. Eine<br />

Reise in Bildern.<br />

Ausgabe <strong>Nr</strong>. 19<br />

Carnac – Die mys tische<br />

Aura von Hinkelsteinen<br />

Unweit der<br />

H a l b i n s e l<br />

Q u i b e r o n<br />

befindet sich<br />

eine der großartigsten<br />

Ansammlungen<br />

von Menhiren in ganz Europa. Der<br />

Umstand, dass die genaue Bedeutung<br />

dieser Steinreihen bis heute nicht<br />

abschließend geklärt werden konnte,<br />

verstärkt die Anziehungskraft dieser<br />

sonderbaren Sehenswürdigkeit. Sie lohnt<br />

auf jeden Fall einen Abstecher.<br />

Bor<br />

E<br />

Informationen zur Bestellung dieser und anderer Ausgaben finden Sie auf Seite 97.<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 23


Unterwegs in Frankreich Paris<br />

Ile de la Cité & Ile Saint-Louis<br />

Idyllische Inseln<br />

inmitten einer<br />

Weltstadt<br />

Ein Spaziergang über die Ile de la Cité und<br />

die Ile Saint-Louis führt nicht nur ins Herz der<br />

französischen Hauptstadt, sondern auch zu<br />

ihren Ursprüngen. Trotz ihrer zentralen Lage<br />

sind die beiden Inseln ein Hafen der Ruhe<br />

inmitten des Großstadtverkehrs. Ein idealer<br />

Ort für einen Stadtrundgang.<br />

Pariskenner wissen es: In der Seine-Metropole<br />

lässt man sein Fahrzeug am besten irgendwo stehen.<br />

Der Verkehr ist dicht und chaotisch, Parkplätze<br />

sind rar und teuer. Doch selbst wenn man sein<br />

Auto geparkt hat, ist es in Paris nicht leicht, den Verkehr<br />

zu vergessen. Autos sind allgegenwärtig, selbst<br />

wenn immer mehr Stadtviertel verkehrsberuhigt werden.<br />

Doch es gibt auch einige Oasen der Ruhe in der<br />

Weltstadt. Zwei befinden sich sogar mitten im Herzen<br />

der Metropole: die beiden Seine-Inseln. Denn obwohl<br />

sie sehr zentral liegen, befinden sie sich weitgehend<br />

abseits der Autoströme. Die Gassen sind zu eng für<br />

Durchgangsstraßen und der Fluss schottet sie zusätzlich<br />

von der restlichen Stadt ab. Gerade an einem warmen<br />

Sommerabend wird ein Bummel über die Ile de la<br />

Cité und die Ile Saint-Louis zu einem romantischen<br />

Erlebnis.<br />

24 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Blick auf die<br />

Ile Saint-Louis<br />

(Bildmitte) und die<br />

Ile de la Cité (rechts).<br />

Das Hochhaus<br />

im Hintergrund<br />

gehört zur Université<br />

Denis Diderot.<br />

Dies würde aber auch bedeuten, dass die<br />

Ile de la Cité nicht mehr « die » Keimzelle<br />

des heutigen Paris wäre, sondern nur ein<br />

Bestandteil eines größeren Masterplans. Die<br />

Römer sollen die Entwicklung der neuen<br />

Stadt entlang einer Nord-Süd-Achse vorgesehen<br />

haben, die über die Ile de la Cité führte<br />

und im Süden bis zum Pantheon ging – entlang<br />

dem heutigen Petit-Pont und der Rue<br />

Saint-Jacques. Eine Erkenntnis, die einer<br />

Revolution gleichkommt.<br />

Doch selbst wenn die Ile de la Cité nicht<br />

mehr der alleinige Geburtsort der französischen<br />

Hauptstadt sein sollte, ein ganz besonderer<br />

Ort bleibt sie – zusammen mit der<br />

Schwesterinsel Saint-Louis – allemal. Beide<br />

Inseln haben dabei jedoch ihren ganz eigenen<br />

Charakter. Während sich auf der Ile de<br />

la Cité viele bedeutende Gebäude befinden,<br />

etwa die Kathedrale Notre-Dame, der Palais<br />

de Justice, die Präfektur von Paris oder das<br />

Hôpital de l’Hôtel-Dieu, geht es auf der Ile<br />

Saint-Louis mit ihren Wohnhäusern und<br />

kleinen Läden viel beschaulicher zu.<br />

Ein König als Schwerenöter:<br />

Wie ein Park zu<br />

seinem Namen fand<br />

Archäologen in Aufruhr: Nicht ein Dorf,<br />

sondern ein römischer Masterplan<br />

bildete den Ursprung von Paris<br />

Bei einem solchen Spaziergang wandelt man zugleich auf<br />

historisch bedeutendem Boden, gilt die Ile de la Cité doch als<br />

Geburtsort von Paris. Allerdings haben neueste Forschungsergebnisse<br />

erstaunliche Erkenntnisse hervorgebracht. Lange<br />

Zeit gingen Archäologen und Historiker davon aus, dass sich<br />

die Stadt Paris aus der kleinen Siedlung Lutetia des Stammes<br />

der Parisii heraus entwickelte und sich anschließend kreisförmig<br />

um das Dorf herum vergrößerte. Doch diese allgemein<br />

anerkannte These gerät nun ins Wanken. Nach neuesten<br />

Erkenntnissen wurde Paris von den alten Römern im 1. Jahrhundert<br />

geplant, und zwar als große Stadt. Danach würde<br />

am Anfang also nicht ein kleines Dorf, sondern ein urbanes<br />

Großprojekt der Römer stehen.<br />

Ein guter Ausgangspunkt für einen<br />

Rundgang über die beiden Inseln ist die äußerste<br />

Westspitze der Ile de la Cité. Der Square du Vert<br />

Galant bietet zudem einen schönen Blick über die Seine in<br />

Richtung Westen. Von seiner Form her erinnert der kleine<br />

Park an den Bug eines Schiffes. In den Wintermonaten ist<br />

der Park oft vom Hochwasser der Seine überspült. In den<br />

Sommermonaten kommen die Pariser gerne zum Picknicken<br />

hierher. Auch Angler machen es sich an den Ufern<br />

bequem. Der Name geht auf Heinrich IV. zurück. Galant<br />

bedeutet Schwerenöter bzw. Liebhaber. Dem König wurde<br />

nachgesagt, ständig seine weibliche Umgebung betört<br />

haben zu wollen. Dabei mussten die Damen jedoch einiges<br />

aushalten, denn der Atem des Königs galt als äußerst<br />

unangenehm – Heinrich IV. liebte Knoblauch über alles.<br />

Bevor man sich wieder auf das Straßenniveau zurück<br />

begibt, sollte man unter dem Pont Neuf hindurchgehen.<br />

Die Brücke ist die älteste erhaltene der Stadt und war die<br />

erste, die ohne Häuser am Rand und mit Bürgersteigen<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 25


Unterwegs in Frankreich Paris<br />

für die Fußgänger errichtet wurde. Eine große Neuheit<br />

zur damaligen Zeit. Bei der Grundsteinlegung am 31.<br />

<strong>Mai</strong> 1578 sahen die Pariser einen weinenden Heinrich III.<br />

Der König war ganz in schwarz gekleidet, da er am Morgen<br />

einem Gedenkgottesdienst für zwei seiner Lieblingsgünstlinge<br />

beigewohnt hatte, die bei einem Duell tragisch<br />

ums Leben gekommen waren. Das Volk taufte die Brücke<br />

daraufhin Pont des Pleurs (dt. Brücke der Tränen). Doch<br />

nach der Fertigstellung der Flussüberquerung im Jahre<br />

1607, die sich wegen der Religionskriege lange verzögert<br />

hatte, bestimmte der dann herrschende Heinrich IV. den<br />

Namen Pont Neuf. Fast vier Jahrhunderte später, 1985,<br />

verhüllte Christo den Pont Neuf. Ab 1999 wurde die<br />

Brücke schließlich saniert, so dass sie nun wieder in ihrer<br />

ursprünglichen Schönheit erstrahlt.<br />

Eine Statue in der Statue:<br />

Die Rache eines Künstlers<br />

Die Statue von Heinrich IV., die in Verlängerung<br />

der Brücke vor dem Eingang zum Square du Vert Galant<br />

an der Place du Pont Neuf steht, birgt übrigens ein<br />

Geheimnis. Für ihre Herstellung hatte man eine Napoleon-Statue,<br />

die zuvor den Obelisken der Place Vendôme<br />

schmückte, eingeschmolzen. Da der Künstler aber überzeugter<br />

Bonapartist war, versteckte er eine kleine Statue<br />

von Napoleon im rechten Arm der neuen Statue. In den<br />

Bauch des Pferdes legte er zudem heinrichfeindliche<br />

Liedtexte.<br />

Wenn man von der Statue von Heinrich IV. aus in<br />

Richtung Osten geht, gelangt man auf einen der schönsten<br />

und ruhigsten Plätze von Paris, den viele Touristen<br />

übersehen: die Place Dauphine. Sein Bau geht ebenfalls<br />

auf Heinrich IV. zurück, der hier neben der Place des Vosges<br />

im Marais einen zweiten königlichen Platz schuf. Ursprünglich<br />

war der Platz an allen Seiten geschlossen. Erst<br />

1874 wurde die Ostseite abgerissen, wohinter bereits seit<br />

1854 der Justizpalast errichtet wurde. Heute säumen einige<br />

nette Restaurants die Place Dauphine, in denen gerne<br />

Anwälte verkehren. Der Palais de Justice liegt schließlich<br />

gleich um die Ecke.<br />

Eine Adresse für Rambos im Dienste<br />

des Volkes: 36 Quai des Orfèvres<br />

Wendet man sich anschließend der südlichen Uferstraße<br />

zu, dem Quai des Orfèvres, passiert man bei der<br />

Hausnummer 36 eine landesweit bekannte Adresse. Hier<br />

haben die berühmtesten Polizeieinheiten des Landes ihren<br />

Sitz: die « Crim » (Brigade Criminelle en charge des<br />

homicides, des enlèvements et des attentats), die sich um<br />

Tötungsdelikte, Entführungen und Attentate kümmert,<br />

die « Stups » (Brigade des Stupéfiants), die Drogendelikten<br />

nachgeht, und die Brigade Anti-Gang gegen die<br />

organisierte Kriminalität und andere Verbrechen. Einige<br />

Regisseure und Romanautoren ließen sich von dieser<br />

26 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Oben: Place Dauphine zwischen dem Square du Vert Galan und dem Justizpalast.<br />

Linke Seite von oben nach unten: Die äußerste Westspitze der Ile de la Cité, im Sommer ein beliebter Picknickplatz;<br />

Statue von Heinrich IV. an der Place du Pont Neuf; der Pont Neuf und seine Verzierungen; Square du Vert Galan.<br />

Unten: 36 Quai des Orfèvres, Dienstsitz mehrerer polizeilicher Spezialeinheiten; Place du Parvis Notre-Dame, immer belebt mit Touristen.<br />

legendären Adresse geradezu inspirieren, darunter auch<br />

Georges Simenon.<br />

Folgt man der Uferstraße, gelangt man kurz danach<br />

zur Präfektur. Die Pariser kommen vor allem hierher, um<br />

ihren Führerschein abzuholen; Fremde, um ihre Aufenthaltsgenehmigung<br />

zu beantragen oder verlängern zu lassen.<br />

Ältere Franzosen erinnern sich bei diesem Gebäude<br />

an den 15. August 1944, als hier ein Streik der Polizei<br />

begann. Zehn Tage später war Paris von den Nazis befreit.<br />

Eine Gedenktafel am Eingang an der Rue de la Cité erinnert<br />

heute an diese historischen Ereignisse.<br />

Die anschließende Place du Parvis Notre-Dame wird<br />

natürlich von der weltberühmten Kathedrale dominiert.<br />

Interessant ist aber auch das Gebäude an der Nordseite des<br />

Platzes. Es ist das älteste Krankenhaus der Stadt. Im 7. Jahrhundert<br />

baute man in ganz Frankreich sogenannte Hôtels-<br />

Dieu, in denen Pilger untergebracht wurden. Daraus entwickelten<br />

sich im Laufe der Geschichte Krankenhäuser. Der<br />

gute Ruf des Hôpital de l’Hôtel-Dieu in Paris verbreitete<br />

sich schnell über die Stadtgrenze hinaus. Unter Heinrich IV.<br />

versorgte man innerhalb dieser Mauern bis zu 1.300 Patienten,<br />

im 18. Jahrhundert bis zu 9.000. Das aktuelle Gebäude<br />

stammt aus der Zeit des Zweiten Kaiserreichs.<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 27


Unterwegs in Frankreich Paris<br />

Die Ostspitze der Ile de la Cité:<br />

Eine Krypta gegen das Vergessen<br />

Oben: Rückansicht der weltberühmten Kathedrale Notre-<br />

Dame. An der äußersten Spitze befindet sich der Square<br />

de l’Ile-de-France mit der Krypta. Unten: Pont Saint-Louis,<br />

im Sommer bevölkert mit Künstlern und Touristen.<br />

Nach dem obligatorischen Besuch von Notre-Dame<br />

sollte man seinen Spaziergang am Ufer fortsetzen.<br />

Zwischen dem Gotteshaus und der Seine erstreckt<br />

sich ein kleiner schöner Park, der Square Jean XXIII.<br />

Die Verlängerung – nach Überquerung des Quai de<br />

l’Archevéché – heißt Square de l’Ile-de-France. Sie bildet<br />

die östliche Spitze der Ile de la Cité. Von dort aus<br />

genießt man einen schönen Blick auf die Rückfront der<br />

Kirche. Außerdem befindet sich hier eine Gedenkstätte:<br />

eine unterirdische Krypta, die an die im Zweiten Weltkrieg<br />

deportierten Menschen erinnert. Diese am 12.<br />

April 1962 von Général de Gaulle eingeweihte Stätte<br />

ist ein Mahnmal wider das Vergessen. An den Wänden<br />

der Krypta finden sich Zitate von Louis Aragon, Robert<br />

Desnos, Paul Eulard, Jean-Paul Sartre und Antoine de<br />

Saint-Exupéry.<br />

Nun sind es nur noch wenige Schritte bis zum Pont<br />

Saint-Louis. Die verkehrsberuhigte und in den Sommermonaten<br />

von Kleinkünstlern und Touristen bevölkerte<br />

Brücke ist die einzige Verbindung zwischen den<br />

beiden Seine-Inseln. Die Ile Saint-Louis wirkt ganz<br />

anders als die Ile de la Cité. Hier stehen keine herrschaftlichen<br />

Bauten und es gibt keine grünen Parks. Die<br />

Uferstraßen und die enge Hauptstraße in der Inselmitte<br />

werden von einer Blockrandbebauung gesäumt. Die<br />

Fassaden der Häuser wirken sehr einheitlich, so dass<br />

28 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Interaktiv<br />

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Unterwegs in Frankreich Paris<br />

ein harmonisches Gesamtbild entsteht. Während auf<br />

der Ile de la Cité diverse Institutionen ihren Sitz haben,<br />

gibt es auf der Ile Saint-Louis vor allem Wohnungen.<br />

Die Eglise Saint-Louis ist das einzige öffentliche Gebäude<br />

auf der Insel.<br />

Ile Saint-Louis:<br />

Eine Insel für Besser verdienende<br />

Um auf der Ile Saint-Louis zu leben, bedarf es allerdings<br />

eines dicken Portemonnaies. Schon ein Blick auf die<br />

Wohnungsanzeigen in den Schaufenstern der örtlichen<br />

Immobilienagenturen macht dies deutlich. Der Wert<br />

von Eigentumswohnungen geht schnell in die Millionen.<br />

Hier kostet ein simples Studio das Gleiche, was im Rest<br />

des Landes ein großes Loft wert wäre. Wenn einmal ein<br />

ganzes Haus zum Verkauf steht, wird der Preis erst gar<br />

nicht angezeigt. Nähere Informationen dazu verrät einem<br />

der Immobilienmakler lieber in einem persönlichen Gespräch,<br />

vorausgesetzt, man wirkt solvent genug.<br />

Doch trotz der hohen Preise konnte sich die Ile Saint-<br />

Louis eine recht authentische Atmosphäre bewahren.<br />

Zwar musste manche Bäckerei oder Fleischerei inzwischen<br />

Geschäften mit Produkten weichen, die bei Touristen beliebter<br />

sind, doch insgesamt kann man nicht von einem<br />

Ausverkauf der Seele der Insel sprechen. Umso weiter man<br />

in den Osten der Insel vordringt, desto weniger wird auch<br />

der Trubel. Hier wirkt Paris fast kleinstädtisch.<br />

Eine Zeitlang war die Ile Saint-Louis sogar in zwei<br />

Hälften aufgeteilt. Um 1360 hatte man einen Kanal gebaut,<br />

der sich auf der Höhe der heutigen Rue Poulletier<br />

befand und die Ile Saint-Louis zweiteilte. Im 17. Jahrhundert<br />

wurde dieser aber wieder zugeschüttet, um zusätzlichen<br />

Baugrund zu schaffen. Erst seit dieser Zeit heißt<br />

die Insel Saint-Louis. Davor lautete der Name Ile Notre-<br />

Dame.<br />

Sonnenwiese und Picknickplatz:<br />

Die Ufer der Ile Saint-Louis<br />

Hinter dem Pont Saint-Louis sollte man unbedingt zur<br />

Seine hinuntergehen. Von der fast auf Flussniveau liegenden<br />

Promenade ergibt sich ein wunderschöner Blick auf die<br />

Umgebung. Sonnenanbeter liegen tagsüber auf den Pflastersteinen.<br />

Abends trifft man sich hier mit Freunden zum<br />

Picknick – manchmal einfach nur mit einer Flasche Wein,<br />

manchmal luxuriös mit Decke und Picknickkorb. Geselligkeit<br />

wird groß geschrieben. Folgt man anschließend dem<br />

südlichen Ufer in Richtung Osten, taucht vor einem der<br />

Pont de la Tournelle ab. Auf dem Pylon der Brücke steht<br />

eine Statue von Sainte-Geneviève, der inoffiziellen Schutzheiligen<br />

der französischen Hauptstadt.<br />

Auf der anderen Uferseite sieht man das berühmte Restaurant<br />

« La Tour d’Argent ». Es ist eines der teuersten Etablissements<br />

des Landes. Als Gast genießt man bei einem<br />

Diner dafür einen traumhaften Ausblick auf Notre-Dame.<br />

30 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Ile Saint Louis – Paris<br />

Hôtels de charme<br />

Hôtel de LUTECE<br />

65 rue St Louis en l’ile<br />

+33 (0)1 43 26 23 52<br />

Geht man auf der Uferstraße weiter, die nun nicht mehr<br />

Quai d’Orléans, sondern Quai de Béthune heißt, erreicht<br />

man die Hausnummer 24. Hier lebte und starb Georges<br />

Pompidou. Der Zufall wollte es, dass François Mitterrand<br />

fast gegenüber auf dem anderen Ufer wohnte, und zwar etwas<br />

weiter westlich in der kleinen Rue de Bièvre.<br />

Arabische Superlative an der Seine:<br />

Ein Stadtpalais für 60 Millionen Euro<br />

Für den Rückweg bietet sich die nördliche Uferstraße<br />

an. Das Stadtpalais am Quai d’Anjou mit der Hausnummer<br />

1 sorgte kürzlich für viel Aufsehen. Es wurde von<br />

einem Sohn des Scheichs von Katar für rund 60 Millionen<br />

Euro erworben. Das unter Denkmalschutz stehende<br />

Gebäude ist ein schönes Beispiel für die Architektur des<br />

18. Jahrhunderts. Der neue Eigentümer gilt als ein großer<br />

Liebhaber Frankreichs und Bewunderer der Kunst. Zur<br />

Freude des Staates will er gut 20 Millionen Euro in die Renovierung<br />

und den Erhalt des Hauses stecken. Alles könnte<br />

also zum Besten stehen, gäbe es nicht den – angesichts des<br />

Oben: Diverse<br />

Boutiquen säumen<br />

die Rue Saint-<br />

Louis-en-l’Ile, die<br />

Magistrale der<br />

Ile Saint-Louis.<br />

Linke Seite von<br />

oben nach unten:<br />

An den Ufern der Ile<br />

Saint-Louis; Baustile<br />

aus verschiedenen<br />

Epochen vermischen<br />

sich auf der Ile de la<br />

Cité; Ausflugsboote<br />

passieren die Inseln<br />

fast im Minutentakt;<br />

das Dekor vieler<br />

Läden erinnert an<br />

eine andere Zeit.<br />

Unten: Stadtpalais<br />

am Quai d’Anjou,<br />

erworben von<br />

einem Sohn des<br />

Scheichs von Katar.<br />

59 rue St Louis en l’ile<br />

+33 (0)1 43 26 13 35<br />

Hôtel<br />

HENRI IV<br />

Rive Gauche<br />

Hôtel<br />

des<br />

Deux-Iles<br />

9-11 rue St Jacques<br />

+33 (0)1 43 33 20 20<br />

Ein gemütliches Refugium im<br />

Herzen des historischen Paris<br />

www.hoteldelutece.com<br />

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Unterwegs in Frankreich Paris<br />

Kaufpreises durchaus legitimen – Wunsch des Hausherren,<br />

das Gebäude auch mit modernem Komfort auszustatten.<br />

Ein Ansinnen, das den Denkmalschützern zuwider ist.<br />

Die Stadtverwaltung von Paris weigert sich beispielsweise,<br />

eine Tiefgarage unter dem Garten zu genehmigen,<br />

für die eine Mauer aus dem 18. Jahrhundert durchbrochen<br />

werden müsste. Die ganze Affäre um die Umbaupläne<br />

des Stadtpalais füllen inzwischen Ordner mit über 4.000<br />

Seiten. Das Kulturministerium beobachtet jegliche Baumaßnahmen<br />

mit Argusaugen. Der neue Eigentümer hätte<br />

sich wahrscheinlich mehr Diskretion gewünscht, sah sich<br />

inzwischen aber sogar gezwungen, Journalisten durch das<br />

Anwesen zu führen, um sein Projekt zu erläutern. Allerdings<br />

beruhigt sich die ganze Affäre inzwischen langsam.<br />

Beide Seiten bemühen sich mittlerweile um einvernehmliche<br />

Lösungen. Der Prinz plant keine getönten Scheiben<br />

mehr und vielleicht nimmt er auch von seinen Plänen zum<br />

Bau eines Fahrstuhls zugunsten des Erhalts einer alten<br />

Steintreppe wieder Abstand.<br />

Berthillon:<br />

Das beste Eis der Stadt<br />

Oben: Der erste Innenhof der Hausnummer 51 der Rue Saint-<br />

Louis-en-l’Ile. Unten links: Eine Sonnenuhr im zweiten Innenhof.<br />

Unten rechts: Berthillon ist für sein leckeres Eis bekannt.<br />

Wenn man danach noch Lust auf einen Abstecher auf<br />

die Rue Saint-Louis-en-l’Ile, der Magistrale im Inselinneren,<br />

hat, sollte man nicht die Librairie Ulysse in der Hausnummer<br />

26 verpassen. Auf nur 27 Quadratmetern präsentiert<br />

der Buchladen mehr als 20.000 Reisebücher. In der<br />

Hausnummer 51 bietet sich die Möglichkeit, in zwei Innenhöfe<br />

eines der Gebäude zu gelangen. Ein Pol der Ruhe<br />

inmitten der Weltstadt. Den krönenden Abschluss dieses<br />

Spaziergangs bietet aber die berühmteste Eisdiele von Paris:<br />

Berthillon in der Hausnummer 29-31. Seit 1954 bietet<br />

der Laden diverse Eissorten einer anderswo unerreichten<br />

Qualität an. Gerade an warmen Tagen bilden sich lange<br />

Schlangen vor dem Geschäft. Es gibt keinen Pariser, der<br />

diese Eis nicht liebt.<br />

32 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Square du<br />

Vert Galant<br />

PONT NEUF<br />

PLACE<br />

DAUPHINE<br />

VOIE GEORGES POMPIDOU<br />

QUAI DE L’HORLOGE<br />

Hôtel<br />

de Ville<br />

RUE DE RIVOLI<br />

18 .<br />

17.<br />

19.<br />

8. 9. 10 .<br />

2.<br />

16 . 1. 3. 20.<br />

11.<br />

7. 4.<br />

6.<br />

15.<br />

5. 12 .<br />

14. 13 .<br />

ILE DE LA CITÉ<br />

QUAI DES ORFÈVRES<br />

BOULEVARD DU PALAIS<br />

QUAI DU MARCHÉ NEUF<br />

QUAI DE LA CORSE<br />

RUE DE LA CITÉ<br />

Hôpital<br />

Hôtel-Dieu<br />

PLACE DU PARVIS<br />

NOTRE DAME<br />

QUAI AUX FLEURS<br />

SEINE<br />

Notre<br />

Dame<br />

SQUARE<br />

JEAN XXIII<br />

PT. S. LOUIS<br />

QUAI DE BOURBON QUAI D’ANJOU<br />

SQUARE DE<br />

L'ILE DE<br />

FRANCE<br />

RUE SAINT LOUIS EN L’ILE<br />

QUAI D’O RLEANS QUAI DE BÉTHUNE<br />

ILE SAINT-LOUIS<br />

BOULEVARD SAINT-GERMAIN<br />

BOULEVARD HENRI IV<br />

Aus<br />

<br />

Norddeutschland erreicht man Paris am besten über die<br />

Route Aachen – Liège – Valenciennes. Aus Süddeutschland und<br />

Österreich bietet sich die Strecke über Saarbrücken/Straßburg –<br />

Metz – Reims an. Aus der Schweiz geht es über Dijon nach Paris.<br />

Lesetipp für einen<br />

Abstecher Unterwegs<br />

Paris …<br />

… Berlin 1.060 km<br />

… Köln 490 km<br />

… Wien 1.240 km<br />

… Hamburg 905 km<br />

… München 840 km<br />

… Zürich 660 km<br />

Zahlreiche Fluggesellschaften bieten (oft mehrmals täglich)<br />

Direktflüge von vielen Städten in Deutschland, Österreich<br />

und der Schweiz nach Paris an, darunter Lufthansa, Austrian,<br />

Swiss, Air France, Air Berlin, Niki und EasyJet. In Paris gibt es zwei<br />

internationale Flughäfen, CDG und Orly, die beide gut an den<br />

öffentlichen Nahverkehr angeschlossen sind. Die meisten<br />

Flüge aus dem deutschsprachigen Raum landen in CDG.<br />

Aus Köln fährt der Thalys, aus Frankfurt und Saarbrücken<br />

der ICE, aus München und Stuttgart der TGV und aus Zürich<br />

der Lyria in wenigen Stunden mehrmals täglich nach Paris<br />

(Gare du Nord bzw. Gare de l’Est). Außerdem bestehen<br />

Nachtzugverbindungen aus dem deutschsprachigen Raum<br />

an die Seine, etwa ab Berlin und Hamburg.<br />

www.parisinfo.com<br />

Ausgabe 17<br />

Ile de la Cité: Die Sainte-Chapelle in Schönheitskur<br />

Sie ist eines der Schmuck stücke der fran zö si schen Hauptstadt.<br />

Die Sainte-Chapelle (dt. heilige Ka pelle) ist vor<br />

allem wegen ihrer einzig artigen mittel alter lichen Buntglas<br />

fenster berühmt. 2008 be gann ein umfangreiches<br />

Rest aur ierungs vor haben, das bis 2013 dauern soll.<br />

Informationen zur Bestellung dieser<br />

und anderer Ausgaben finden Sie<br />

auf Seite 97.<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 33


Unterwegs in Frankreich Cassis<br />

34 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Cassis<br />

Eine Frage des Gleichgewichts<br />

Rund 20 Kilometer von Marseille entfernt befindet sich das<br />

Fischerdorf Cassis. Dank einer respektvollen Distanz zu den<br />

Ferienzentren der Côte d’Azur weiter im Osten konnte sich<br />

der Ort ein Gleichgewicht zwischen Ursprünglichkeit und<br />

touristischer Entwicklung bewahren. Vor der Haustür locken<br />

das blaue Mittelmeer, die weltberühmten Calanques und<br />

eine der höchsten Steilküsten Europas.<br />

Der Südosten Frankreichs ist<br />

eine Region der Superlative<br />

und der Klischees. Nirgendwo<br />

sonst im Land ist das Klima so mild,<br />

die Lebensqualität so hoch, das Leben<br />

aber auch so teuer. Schon beim Hören<br />

der Worte « Côte d’Azur » und « Provence<br />

» geraten viele Menschen auf der<br />

ganzen Welt ins Schwärmen. Kein<br />

Landstrich verkörpert das französische<br />

Savoir-vivre besser als diese Region.<br />

Viele Kommunen nutzen dieses positive<br />

Image natürlich gerne für ihre eigene<br />

touristische Entwicklung. Dabei<br />

wird manchmal nicht vor den schlimmsten<br />

Klischees haltgemacht, schließlich<br />

geht es um viel Geld. So verwundert es<br />

nicht, dass einige bereits den Ausverkauf<br />

der provenzalischen Seele beklagen.<br />

Denn die Côte d’Azur und die<br />

Provence kann man auch mit zubetonierten<br />

Küsten und einem zersiedelten<br />

Hinterland, mit Orten, durch die sich<br />

im Sommer die Autoschlangen quälen,<br />

und mit einer durch Werbetafeln verschandelten<br />

Landschaft assoziieren.<br />

Cassis hat der Versuchung, sein<br />

Glück durch schnelles Geld zu finden,<br />

bis heute jedoch relativ gut widerstanden.<br />

Natürlich strömen auch<br />

hierher viele Besucher – gerade in<br />

den Sommermonaten. Dies ist nicht<br />

erstaunlich, da es an Reizen nicht<br />

mangelt: mehr als 320 Sonnentage<br />

jährlich, eine einmalige Lage zwischen<br />

dem Cap Canaille und dem Massif des<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 35


Unterwegs in Frankreich Cassis<br />

Im Uhrzeigersinn: Cap Canaille vom Meer<br />

aus gesehen; Boulespieler unter Platanen;<br />

typisch provenzalische Häuserfassaden;<br />

Château de Cassis, heute ein Hotel.<br />

Rechte Seite: Blick vom Cap Canaille.<br />

S. 34/35: Der Hafen von Cassis mit dem<br />

Château oberhalb der Steilküste.<br />

Calanques, eine gut erhaltene Altstadt,<br />

ein kleiner pittoresker Hafen und<br />

renommierte Weingüter in der Umgebung.<br />

Doch bisher hält sich der Trubel<br />

in annehmbaren Grenzen.<br />

Ob dies immer so bleiben wird, ist<br />

abzuwarten. Schon jetzt merkt man<br />

einigen Boutiquen in der Altstadt an,<br />

dass sie es vor allem auf zahlungsfreudige<br />

Touristen abgesehen haben und<br />

Produkte anbieten, die mit einem authentischen<br />

provenzalischen Lebensgefühl<br />

nur noch wenig gemeinsam<br />

haben. Natürlich kann Cassis nicht<br />

in der Steinzeit verharren und ist der<br />

Wunsch der Bürger nach wirtschaftlichem<br />

Wohlstand durch den Tourismus<br />

legitim. Man muss nur hoffen, dass<br />

das heutige Gleichgewicht dabei nicht<br />

eines Tages aus den Fugen gerät.<br />

Wenn man in einem der Cafés am<br />

Hafen unter freiem Himmel Platz<br />

genommen hat, verfliegen solche<br />

Gedanken allerdings schnell wieder.<br />

Die Szenerie ist einfach zu schön für<br />

pessimistische Reflexionen. Obwohl<br />

die große Mittelmeermetropole Marseille<br />

nur wenige Kilometer entfernt<br />

liegt, fühlt man in Cassis nichts vom<br />

hektischen Großstadttreiben. In Cassis<br />

gehen die Uhren noch langsamer,<br />

das Lebensgefühl ist entspannt und<br />

geruhsam. Sicherlich einer der Gründe,<br />

warum auch viele Marsaillais gerne<br />

hierher kommen bzw. gleich ihren<br />

Zweitwohnsitz hier genommen haben.<br />

Bestärkt wird dieser idyllische<br />

Eindruck durch die einzigartige Lage<br />

in einer Bucht zwischen zwei landschaftlichen<br />

Höhepunkten: dem Cap<br />

Canaille im Osten, das sich bis Ciotat<br />

hinzieht und mit einer der höchsten<br />

Steilküsten des Kontinents – 394 Meter<br />

über dem Meeresspiegel erheben<br />

sich die Felswände – aufwartet, und<br />

dem Massif des Calanques im Westen,<br />

dessen fjordähnliche Buchten, Calanques<br />

genannt, Weltruhm genießen.<br />

Wer den Charme des Ortes verstehen<br />

will, sollte deshalb auch die Umgebung<br />

erkunden. Eine Fahrt zum Cap<br />

Canaille ist garantiert ein unvergessliches<br />

Erlebnis. Von der Küstenstraße<br />

zwischen Cassis und Ciotat eröffnet<br />

sich ein traumhafter Panoramablick<br />

auf die gesamte Bucht. Von hier oben<br />

sieht man auch, wie unverbaut die<br />

Umgebung von Cassis – anders als an<br />

vielen Stellen des Mittelmeeres – ist.<br />

Die natürliche Schönheit wurde bewahrt.<br />

Ausreichend viele Parkbuchten<br />

machen das Anhalten entlang der<br />

Strecke einfach. Wer gut zu Fuß ist,<br />

sollte den Wanderweg entlang der<br />

Steilküste nutzen. Auf rund 15 Kilometern<br />

schlängelt er sich an der Felskante<br />

entlang. Allerdings ist der Weg<br />

nur wenig gesichert, so dass er gerade<br />

für Menschen mit Höhenangst eine<br />

Herausforderung darstellt.<br />

Aber auch von « unten », vom Meer<br />

oder von Cassis aus, wirkt die Steilwand<br />

des Cap Canaille überwältigend.<br />

Besonders betörend ist dabei das Spiel<br />

der Farben, das die Felsen je nach<br />

Tageszeit in einem anderen Farbton<br />

leuchten lässt – in diversen Ockertönen<br />

während des Tages, rötlich in<br />

36 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


der Abenddämmerung vor dem Sonnenuntergang.<br />

Der Kontrast zu dem<br />

blauen Meer und den grünen Pinien<br />

inspirierte viele Maler und Fotografen.<br />

Denn Cassis ist auch ein Ort der<br />

Kunst. Der Verein « L’Art et la Manière<br />

» organisiert von April bis Oktober<br />

an einem Sonntag im Monat unter<br />

dem Namen « Place aux Peintres » eine<br />

Ausstellung mit Künstlern.<br />

Ein anderer Ausflug sollte unbedingt<br />

zu den Calanques westlich des<br />

kleinen Hafenstädtchens führen. Denn<br />

zwischen Cassis und Marseille erstrecken<br />

sich fjordähnliche Buchten, die teilweise<br />

nur vom Meer aus erreicht werden<br />

können. Das Wasser schimmert hier<br />

von dunkelblau bis türkisgrün. Sandige<br />

Strände locken Badelustige an. Beeindruckend<br />

sind auch die Felsformationen,<br />

die aus weißem Kalksandstein<br />

bestehen und über 120 Millionen Jahre<br />

lang von Wind und Wasser geformt<br />

wurden. Ein kleines Paradies.<br />

Es verwundert nicht, dass eine derartige<br />

Naturschönheit Neider anlockt.<br />

Denn obwohl die Calanques allgemein<br />

als die Calanques von Cassis bekannt<br />

sind, « beansprucht » auch Marseille<br />

einen Teil für sich. Aber zum Glück<br />

bleibt es bei einer freundschaftlichen<br />

« Auseinandersetzung », denn die Gegend<br />

ist groß genug, um beiden Kommunen<br />

bei der Tourismuswerbung zu<br />

helfen. Und als Besucher kann einem<br />

das ohnehin egal sein. Hier lassen sich<br />

problemlos mehrere Tage verbringen<br />

– entweder auf einem der vielen Wanderwege<br />

oder gemütlich am Strand in<br />

einer der Buchten.<br />

Zurück in Cassis bietet sich ein<br />

Bummel entlang des kleinen Hafens<br />

an. Noch immer fahren die Fischer<br />

von hier aus hinaus aufs Meer und<br />

trocknen am Ufer ihre Fischernetze.<br />

Besonders maritim geht es Ende <strong>Juni</strong><br />

zu, wenn während der Fête de la Mer<br />

et des Pêcheurs (dt. Fest des Meeres<br />

und der Fischer) Schiffstaufen stattfinden<br />

und überall die kulinarischen Errungenschaften<br />

der Region angeboten<br />

werden.<br />

Lohnend ist auch ein Rundgang<br />

durch die Altstadt mit ihren kleinen<br />

Gassen und vielen Läden. Durch die<br />

Enge der Straßen und dank der Platanen<br />

findet man dort in den heißen<br />

Sommermonaten ein wenig Schatten<br />

und Abkühlung. Und natürlich darf<br />

man das Château de Cassis nicht verpassen.<br />

Es thront oberhalb der Stadt<br />

und wurde auf den Resten einer Festung<br />

aus dem 8. Jahrhundert errichtet.<br />

Am Ende des 15. Jahrhunderts beherbergte<br />

die Burg um die 250 Menschen.<br />

Heute ist das Anwesen in Privatbesitz<br />

und dient als Hotel.<br />

Bei einem Stadtbummel kann es<br />

einem passieren, dass man auf eine<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 37


Bourges<br />

Unterwegs in Frankreich Cassis<br />

Bern<br />

71/E11<br />

A89/E70<br />

kleine Gruppe neugieriger Touristen<br />

trifft, die den Worten eines Mannes<br />

lauscht: Jean-Pierre Cassely. Er ist<br />

ein großer Kenner und Liebhaber der<br />

Region und hat diverse Bücher über<br />

Cassis und seine Umgebung verfasst.<br />

Doch seine größte Leidenschaft ist es,<br />

Fremde durch die Stadt zu führen und<br />

Montluçon<br />

dabei manche Anekdote aus der Stadt-<br />

A71/E11<br />

geschichte oder kleine Geheimnisse<br />

zu verraten. Wer mehr über den Ort<br />

erfahren möchte, sollte ruhig an einem<br />

der Stadtrundgänge teilnehmen. Aber<br />

A72/E70<br />

auch ohne Führung wird man sich der<br />

Schönheit<br />

Clermontdieses<br />

Fischerdorfes nicht<br />

Ferrand<br />

entziehen können. Hoffentlich noch<br />

viele Jahre A75/E11 lang.<br />

Chalon-sur-Seine<br />

A6/E15<br />

Lyon<br />

Lausanne<br />

Genève<br />

Annecy<br />

Chamébry<br />

le Mont-Dore<br />

St. Etienne<br />

Abendstimmung am Hafen<br />

von Cassis, der bis heute von<br />

Fischern frequentiert wird.<br />

Grenoble<br />

Valence<br />

x<br />

e<br />

A81/E80<br />

Narbonne<br />

Perpignan<br />

A9/E15<br />

Aus<br />

<br />

den meisten Regionen Deutschlands<br />

und der Schweiz erreicht man<br />

Cassis über die Rhône-Tal-Autobahn,<br />

aus Österreich und dem äußersten Südosten<br />

Deutschlands über Norditalien<br />

und die Côte d’Azur. Cassis hat eine<br />

eigene Ausfahrt an der Autobahn A50<br />

von Marseille nach Toulon. Schöner ist<br />

es jedoch, sich dem Ort über eine der<br />

beiden Küstenstraßen zu nähern: Aus<br />

dem Westen (Marseille) über die D559,<br />

aus dem Osten (La Ciotat) über die<br />

D141 entlang des Cap Canaille.<br />

A75/E11<br />

Cassis …<br />

Lodève<br />

… Berlin 1.540 km … Hamburg 1.530 km<br />

Montpellier<br />

… Köln 1.070 km … München 1.060 km<br />

… Wien 1.340 km<br />

… Zürich Aigues-Mortes 710 km<br />

Der nächste Bézier Flughafen ist in Marseille.<br />

Luft hansa bietet Nonstopverbindungen<br />

ab Frankfurt a.M. und München sowie<br />

am Wochenende im Sommer von<br />

Düsseldorf und Stuttgart in die Mittelmeer<br />

metropole an. Germanwings bedient<br />

die Strecke ab Köln/Bonn, EasyJet<br />

ab Basel/Mulhouse. Air France bindet<br />

Marseille via Paris an den deutschsprachigen<br />

Raum an.<br />

AP7/E15<br />

Collioure<br />

Port-Vendres<br />

Banyuls-sur-Mer<br />

38 · Frankreich erleben Cerbère · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong><br />

A9/E15<br />

Es gibt nach Cassis keine direkten Office de Tourisme<br />

Zug verbindungen aus dem deutsch-<br />

Quai des Moulins<br />

sprachigen Raum. Aus Paris verkehrt<br />

A7/E15<br />

der TGV in drei Stunden nach Marseille.<br />

Von dort fahren Vorortzüge (TER)<br />

nach Cassis. Interessant kann auch<br />

der Autozug aus Deutschland nach<br />

Avignon sein.<br />

13260 Cassis<br />

Telefon: +33 (0)4 42 01 67 82<br />

Place aus Peintres<br />

www.peindreacassis.com<br />

Stadtrundgänge mit Jean-Pierre<br />

www.ot-cassis.com<br />

Orange<br />

Cassely<br />

www.provence-insolite.com<br />

A9/E15<br />

Avignon<br />

Nîmes<br />

A51/E712<br />

A54/E805 Arles<br />

Cannes<br />

A1/E30<br />

Aix-en-Provence<br />

A8/E80<br />

A52<br />

A8/E80<br />

A55<br />

A57<br />

Marseille<br />

A50<br />

Saint-Tropez<br />

Toulon<br />

Cassis<br />

Nice


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Unterwegs in Frankreich Hotel<br />

The Regent Grand Hotel Bordeaux<br />

Luxusherberge im Herzen der Weinmetropole<br />

Place de la Comédie, Bordeaux – dies ist keine Adresse<br />

wie jede andere. Hier befindet man sich an einem der<br />

renommiertesten Orte der Weinkapitale. In der Mitte<br />

gleitet die neue ultramoderne Straßenbahn über den zur<br />

Fußgängerzone umgewandelten Platz, zur Garonne hin erhebt<br />

sich das altehrwürdige Grand Théâtre mit seinen zwölf<br />

korinthischen Säulen und gegenüber steht das Grand Hotel<br />

der Stadt. So waren es die Bordelais jedenfalls seit Jahrzehnten<br />

gewohnt – bis zum Jahr 1990, in dem das alte Grand<br />

Hotel wegen Renovierungsmaßnahmen geschlossen wurde.<br />

Doch anstatt kurz danach wie geplant im neuen Glanz wiedereröffnet<br />

zu werden, fiel das Gebäude in einen über ein<br />

Jahrzehnt dauernden Dornröschenschlaf. Bordeaux hatte<br />

sein Grand Hotel verloren. Ein Umstand, der viele Bordelais<br />

mit Schmerz erfüllte.<br />

Umso größer war die Freude und Erwartungshaltung,<br />

als um die Jahrtausendwende eine Immobilienfondsgesellschaft<br />

aus der Region das Gebäude kaufte und kurz danach<br />

mit den Planungen für ein neues Grand Hotel im Herzen<br />

der Stadt begann. Doch die Bordelais mussten sich erneut in<br />

Geduld üben, denn der Eröffnungstermin wurde mehrmals<br />

nach hinten verschoben. Schließlich war es im Dezember<br />

2007 dann endlich soweit: Als The Regent Grand Hotel<br />

Bordeaux und nicht als Radisson SAS wie ursprünglich<br />

40 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


A10/E5<br />

Rennes<br />

N24<br />

Le Mans<br />

Orleans<br />

Vannes<br />

N165/E60<br />

A11/E501<br />

Angers<br />

A28/E502<br />

A10/E5-E60<br />

Chambord<br />

la Baule<br />

A11/E60<br />

A86/E60<br />

Tours<br />

Cheverny<br />

A71/E9<br />

St. Nazaire<br />

Nantes<br />

A83<br />

geplant – beide Marken gehören zur Rezidor Cholet Hotel Group,<br />

die das Haus betreibt – öffnete das neue Luxushotel seine<br />

Pforten. Endlich wurde eine Wunde im Herzen der Weinmetropole<br />

wieder geschlossen. Die Bordelais hatten ihr<br />

Grand Hotel zurück.<br />

Wenn auch die ersten Monate nicht ganz reibungslos<br />

verliefen und sogar bis heute, bald zwei Jahre nach der Eröffnung,<br />

noch immer nicht alles fertig ist – der Spa- und Wellnessbereich<br />

des Hotels wird nach letzten Informationen erst<br />

im Herbst <strong>2009</strong> eingeweiht –, hat sich das Warten durchaus<br />

gelohnt. Jedenfalls dann, wenn man Hotels, die den Charme<br />

ehrwürdiger Hotelpaläste verströmen, zu schätzen weiß.<br />

La Rochelle<br />

Denn obwohl das Haus und die Zimmer von Grund auf er-<br />

E5/A10<br />

neuert wurden, hat man als Gast nicht den Eindruck, in einem<br />

A83<br />

N11/E601<br />

A87<br />

Niort<br />

« neuen » Hotel zu logieren. Die Innenausstattung wurde vom<br />

bekannten französischen Designer E602/A837 Jacques Garcia gestaltet,<br />

der neoklassische mit modernen Designelementen mischte.<br />

Heraus kam ein Hotel, das mit viel Plüsch und üppiger Dekoration<br />

für einen edlen Gesamteindruck sorgt. Ein Hotel, das<br />

sich nicht hinter den großen Hotelpalästen der französischen<br />

Hauptstadt und anderswo in der Welt verstecken muss.<br />

Monts<br />

Chenonceau<br />

Einige der Zimmer bieten einen schönen Blick auf das<br />

Grand Théâtre. Wer Bouges-le-Château die notwendigen finanziellen Mittel<br />

für die 110 Quadratmeter große Suite Royale hat, darf sich<br />

A20/E9<br />

sogar über eine exklusive Dachterrasse mit Blick über die<br />

A71/E11<br />

Dächer von Bordeaux und einen Whirlpool freuen. Für<br />

A10/E5<br />

« Normalreisende » bleibt aber wohl eher die Wahl zwischen<br />

zwei Zimmertypen: Chambre Supérieure und Chambre<br />

Sarzay<br />

Deluxe. Poitiers Leider liegen viele Zimmer jedoch zu Innenhöfen,<br />

so dass sich der Ausblick auf die nächste Hauswand beschränkt.<br />

Ansonsten bietet The Regent Grand Hotel Bordeaux natürlich<br />

alle Annehmlichkeiten, die man von einem solchen<br />

Luxushotel erwarten darf. Angefangen vom kostenlosen<br />

WLAN-Zugang über Satellitenfernsehen bis zum Marmorbad.<br />

Eine Brasserie, eine Bar und ein Feinschmeckerrestaurant<br />

stehen für das leibliche Wohl der Gäste zur Verfügung.<br />

Und wer das Hotel gar nicht mehr verlassen möchte, kann<br />

in einer hoteleigenen<br />

Limoges<br />

« Fashion Avenue » shoppen gehen.<br />

Letzteres wäre aber schade, denn schließlich liegt auch das<br />

Goldene AngoulêmeDreieck, wie Bordeaux’ exklusives Einkaufsviertel<br />

heißt, gleich um die Ecke.<br />

A85<br />

Bourges<br />

Montlu<br />

Bordeaux<br />

E5/A10<br />

A89/E70<br />

Libourne<br />

The Regent Grand Hotel Bordeaux<br />

2-5, place de la Comédie<br />

33000 Bordeaux<br />

Telefon: +33 (0)5 57 30 44 44<br />

www.theregentbordeaux.com<br />

Arcachon<br />

E5-E70/A63<br />

A52/E72<br />

DZ ab 390 Euro, <strong>Juni</strong>orsuite ab 560 Euro, gelegentlich<br />

Sonderangebote, Preis für die Suite Royale auf Anfrage<br />

150 Zimmer, Feinschmeckerrestaurant, kostenloses WLAN<br />

Donostia-<br />

S. Sebastian<br />

Biarritz<br />

Bayonne<br />

Toulouse<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 41


Unterwegs in Frankreich Charleville–Mézières<br />

Charleville-Mézières<br />

Dichterleben und Marionettenkunst<br />

« Sie wollen nach Charleville-Mézières? Was<br />

wollen Sie denn da? » Solcherlei verwunderte<br />

Fragen schlugen mir entgegen, als ich Bekannten<br />

von meinen Reiseplänen berichtete.<br />

Man sagte mir, Charleville-Mézières sei eine<br />

graue Garnisonsstadt im Norden des Landes,<br />

die unter dem Strukturwandel und den Truppenverlagerungen<br />

leide. Ich hatte aber von<br />

einigen spannenden Sehenswürdigkeiten gehört,<br />

die ich gerne mit eigenen Augen sehen<br />

wollte, und machte mich auf den Weg in die<br />

Ardennen. Ich fand ein beeindruckendes Museumsprojekt<br />

über den Dichter Rimbaud und<br />

lernte einiges über das weltgrößte Festival der<br />

Marionettenkunst.<br />

Bei meiner Einfahrt in die Hauptstadt des Departements<br />

Ardennen gelange ich ganz von selbst auf den<br />

zentralen Platz der Stadt, die Place Ducale. Charleville<br />

ist im frühen 17. Jahrhundert auf dem Reißbrett entstanden<br />

und die Planer konzipierten die Place Ducale als<br />

dominierenden Platz der Stadt. Mit den Bauarbeiten war<br />

Clément Métezeau betraut, der Bruder des weitaus bekannteren<br />

Baumeisters Louis Métezeau, der in Paris die berühmte<br />

Place des Vosges erbaute. Manche fragen sich deshalb,<br />

ob es ein Zufall ist, dass die Place Ducale der Place des<br />

Vosges von Paris so ähnlich sieht – und wer sich da vielleicht<br />

von wem inspirieren ließ.<br />

Der rechteckige Platz ist rundherum von Bürgerhäusern<br />

umgeben, deren Fassaden zum Teil restauriert sind. Einige<br />

sind noch dunkel verfärbt und zeugen vom Autoverkehr, der<br />

sich früher einmal hier entlangquälte. Das ist aber vorbei,<br />

die Place Ducale ist nun zum größten Teil verkehrsberuhigt.<br />

An dem heißen Sommertag strebe ich eines der Cafés unter<br />

42 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


den kühlen Bogengängen rund um den Platz an, von wo aus<br />

sich das Treiben auf der Place Ducale in aller Ruhe betrachten<br />

lässt. Ich werde an den nächsten Tagen noch häufiger<br />

hierher kommen und den Charme des Platzes schätzen<br />

lernen. Charleville-Mézières ist keine Touristenstadt und<br />

die Place Ducale mit ihren Cafés und Bars wird von den<br />

Bewohnern in einer alltäglichen Selbstverständlichkeit genutzt,<br />

die an so vielen malerischen Orten von touristischer<br />

Folkore verdrängt worden ist.<br />

So prächtig die Place Ducale auch ist, Charleville-<br />

Mézières größte Attraktion ist doch der Dichter Arthur<br />

Rimbaud, dessen eindringliche Poesie für die französische<br />

Literatur von so großer Bedeutung ist. Er wurde hier 1854<br />

geboren, verlebte seine Kindheit in der Stadt und ist nach<br />

seinem frühen Tod auch hier beerdigt worden. Heute gibt es<br />

in Charleville-Mézières überall Hinweise auf den berühmten<br />

Sohn. Vor allem aber erweisen zwei Museumsprojekte<br />

Arthur Rimbaud die Referenz.<br />

Da ist zum einen das Musée Rimbaud in der alten<br />

Mühle an der Maas, nur wenige Schritte von der Place<br />

Ducale entfernt. Dort werden im Erdgeschoss persönliche<br />

Gegenstände, Fotos und Manuskripte des Dichters gezeigt.<br />

In den beiden oberen Etagen finden wechselnde Ausstellungen<br />

statt, die sich nicht nur auf die Person Rimbauds,<br />

sondern auch auf Themen seiner Dichtung beziehen. Das<br />

Musée Rimbaud ist mit seiner zentralen Lage zwar ziemlich<br />

repräsentativ, unterscheidet sich aber mit seiner Konzeption<br />

nicht von den vielen Museen an anderen Orten, die<br />

berühmten Personen gewidmet sind.<br />

Die wirkliche Rimbaud-Attraktion von Charleville-<br />

Mézières befindet sich ein paar Schritte weiter am Quai<br />

Rimbaud. Dort reiht sich in der Nummer 7 die <strong>Mai</strong>son des<br />

Ailleurs bescheiden in die Front der anderen Bürgerhäuser<br />

ein. Dabei ist die <strong>Mai</strong>son des Ailleurs eines jener visionären<br />

Museumsprojekte, für die die französische Kulturlandschaft<br />

so berühmt ist. Das Haus erzählt von den zahlreichen Reisen<br />

des Dichters, die für sein Leben und seine Poesie von<br />

grundsätzlicher Bedeutung waren. Darauf spielt auch der<br />

Name des Museums an: <strong>Mai</strong>son des Ailleurs – Das Haus<br />

des Anderswo.<br />

In dem dreigeschossigen Bürgerhaus aus dem frühen 19.<br />

Jahrhundert bewohnte Arthur Rimbaud mit seiner Mutter<br />

ein paar Zimmer der oberen Etage. Inzwischen ist das<br />

ganze Gebäude Rimbaud gewidmet. Das Besondere ist,<br />

dass im Hause konsequent auf gegenständliche Exponate<br />

verzichtet wird. Das Treppenhaus und die Räume sind leer.<br />

Gefüllt werden sollen sie von der Phantasie der Besucher.<br />

Jeder Raum ist einer Reise des Dichters gewidmet und lässt<br />

den Besucher über das Hören und Sehen die Atmosphäre<br />

verspüren, die zu den jeweiligen Stationen gehören: Charleville,<br />

Marseille, London, Brüssel, Aden, Harar.<br />

Im ersten Raum setze ich mich auf den wohl einzigen<br />

Gegenstand im gesamten Haus, eine Bank aus einem<br />

Zugabteil des 19. Jahrhunderts. Über Lichtinstallationen<br />

und Musik werde ich auf eine Reise geschickt. Das Wohin<br />

ist dabei nicht wichtig, denn der Raum ist schlicht dem<br />

Linke Seite: Schattige Cafés an der Place<br />

Ducale laden zum Verweilen ein.<br />

Ganz oben: Blick über die Maas auf die Alte<br />

Mühle, heute Sitz des Musée Rimbaud.<br />

Oben links: Die Statue des Stadtgründers Charles<br />

de Conzague auf der Place-de-l‘Hôtel de Ville.<br />

Oben rechts: Vorderansicht des Musée Rimbaud.<br />

Unten: Manche Häuser an der Place Ducale<br />

warten noch auf ihre Restaurierung.<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 43


Unterwegs in Frankreich Charleville–Mézières<br />

Oben: Das Ausstellungskonzept der <strong>Mai</strong>son des Ailleurs setzt ganz auf visuelle und akustische Effekte.<br />

Rechte Seite: Der Frankokanadier Michel A. Thérien als poète en résidence der <strong>Mai</strong>son des<br />

Ailleurs. Im Gartenhäuschen fertigte er u.a. auch Kaligraphien seiner Gedichte.<br />

« Non-lieu » gewidmet, dem « Nicht-Hier ». Es ist der Ort,<br />

der für das Fernweh steht und für die Sehnsucht, ganz<br />

woanders zu sein und dort das Glück zu finden. Stimmengewirr,<br />

das Rattern von Schienen und Fetzen exotischer<br />

Musik klingen durch den Raum. Auf der Wand spielen<br />

Lichtflecke miteinander Fangen und sehen aus wie gleißendes<br />

Sommerlicht.<br />

Ich verspüre den Impuls, aufzustehen und wie gewöhnlich<br />

den nächsten Ausstellungsraum zu betreten. Aber dieses<br />

Museum ist keine Ausstellung, durch die man wandeln<br />

kann, um sich in aller Ruhe die Exponate anzusehen. Hier<br />

ist man Teil des Konzepts. Die <strong>Mai</strong>son des Ailleurs beginnt<br />

ihre Erzählung erst, wenn man sich Zeit gibt, die Lichter,<br />

Töne und Farben auf sich wirken zu lassen. In manchen<br />

Zimmern werden aus dem Off Texte von Rimbaud eingespielt,<br />

in anderen herrscht vollkommene Stille. Dafür werden<br />

Schriftzeilen an die Wand geworfen und wechseln sich<br />

mit dramatischen Farbspielen ab. Die <strong>Mai</strong>son des Ailleurs<br />

ist ein leeres Gebäude und dennoch voll von Sinneseindrücken.<br />

Es bleibt einem nichts anderes übrig, als zu verharren<br />

und sich von den Impressionen von Raum zu Raum treiben<br />

zu lassen, so wie sich Rimbaud vielleicht auch von Reiseziel<br />

zu Reiseziel treiben ließ.<br />

Im Erdgeschoss gibt es eine kleine Bibliothek, deren<br />

Fenster auf einen winzigen, von hohen Mauern eingefassten<br />

Garten zeigen. Eine Angestellte ist freundlich zu Auskünften<br />

bereit. « Ja », sagt sie, « das Museumskonzept der <strong>Mai</strong>son<br />

des Ailleurs ist etwas Besonderes. Aber ich will Ihnen nicht<br />

44 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


verheimlichen, dass es für uns am Anfang auch gewöhnungsbedürftig<br />

war. » Sie lacht und deutet auf den Tresen,<br />

wo Informationsblätter in verschiedenen Sprachen ausliegen.<br />

« Sie verstehen schon, ein Museum ohne Exponate – das ist<br />

doch kein Museum. Das einzig Reelle, was ich den Leuten<br />

anbieten kann, ist das Informationsmaterial. » Und doch<br />

wissen die Besucher das Ausstellungskonzept zu schätzen.<br />

« Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie die Besucher<br />

am Anfang eher befremdet sind. Die meisten aber kommen<br />

nach dem Rundgang begeistert zurück und viele erzählen<br />

mir von ihren Eindrücken. Das ist eine schöne Erfahrung,<br />

die ich von meiner Arbeit vorher so nicht kannte. »<br />

Die würdige Dame deutet durch das offene Fenster auf<br />

einen Herrn, der im Garten einen Kaffee trinkt. « Das ist<br />

Michel Thérien, unser derzeitiger poète en résidence », gibt<br />

sie mir stolz zu verstehen. An der hinteren Gartenmauer<br />

befindet sich ein Häuschen, das für mehrere Wochen im<br />

Jahr Künstlern aus dem französischsprachigen Raum zur<br />

Verfügung gestellt wird. Sie werden zu Veranstaltungen<br />

eingeladen, die nicht nur, aber auch auf Rimbaud oder seine<br />

Dichtung Bezug nehmen.<br />

Das macht mich neugierig und ich bitte den Gast um<br />

ein Gespräch. Monsieur Thérin lächelt freundlich und<br />

schnell fangen wir an zu plaudern. « Es ist natürlich eine<br />

Ehre für mich, in der <strong>Mai</strong>son des Ailleurs zu Gast zu sein.<br />

Zwar ist mir die Dichtung Rimbauds ziemlich fern, aber<br />

von dem Gebäude geht eine Inspiration aus, der ich mich<br />

gar nicht verschließen kann », sagt er mir. Thérien ist eingeladen,<br />

in Charleville-Mézières Lesungen zu halten, und<br />

arbeitet an Gedichten, die er zu diesem Anlass präsentieren<br />

will. Er bittet mich zu sich in das Gartenhaus und liest mir<br />

daraus vor. Auch das ist die <strong>Mai</strong>son des Ailleurs – da treffen<br />

sich zwei Fremde und werden über das Thema Rimbaud für<br />

einen Augenblick zu Freunden. Zum Abschied schenkt mir<br />

Michel Thérien einen Vers, den er in bester Kaligraphie auf<br />

einen dicken Bogen Papiers zeichnet. « Ich finde », bemerkt<br />

er dazu, « dass das besonders gut zu Rimbaud und zu seiner<br />

Dichtung passt. »<br />

Dans toute chose<br />

si éphimère soit-elle<br />

nous cherchons toujours<br />

la pérennité des mots.<br />

In allen Dingen,<br />

Wie flüchtig sie auch sein mögen,<br />

Suchen wir doch immer<br />

Die Ewigkeit der Worte.<br />

Nicht nur die Stadt Charleville-Mézières beschäftigt<br />

sich mit Arthur Rimbaud, auch das Departement Ardennen<br />

hat sympathische Sehenswürdigkeiten zu Rimbaud zu<br />

bieten. Eine der sorgfältig ausgeschilderten Touristenstraßen<br />

im Departement ist die Route Rimbaud/Verlaine. Sie<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 45


Unterwegs in Frankreich Charleville–Mézières<br />

führt die Besucher an Schauplätze des Lebens von Arthur<br />

Rimbaud und seines Dichterkollegen Paul Verlaine. Die<br />

beiden verband eine der spektakulärsten Liebes- und Arbeitsbeziehungen<br />

des 19. Jahrhunderts. Die Werke, die sie<br />

dabei schufen, waren Inspiration und Vorbild für eine ganze<br />

Dichtergeneration.<br />

Der 16-jährige Arthur Rimbaud traf 1871 den um vieles<br />

älteren Dichter Paul Verlaine, den er schon lange aus der<br />

Ferne verehrte. Verlaine war zu dieser Zeit ein angesehener<br />

Mann der Pariser Gesellschaft, der Frau und Kinder hatte.<br />

Doch die Begegnung mit Rimbaud änderte sein ganzes Leben.<br />

Er verließ aus Liebe zu Rimbaud seine Familie, wofür<br />

er von der Pariser Gesellschaft geächtet wurde, und begab<br />

sich mit Rimbaud auf eine zweijährige Reise, die sie nach<br />

England und Belgien führte, die im Eigentlichen aber eine<br />

Höllenfahrt war, bei der heftige Streits von Phasen intensiven<br />

gemeinsamen Arbeitens abgelöst wurden.<br />

Nach zwei Jahren hatten sich die Dichter so sehr entzweit,<br />

dass es zum Äußersten kommt. Verlaine bekommt<br />

einen Tobsuchtsanfall und versucht, seinen Freund zu erschießen.<br />

Rimbaud kann flüchten, Verlaine wird von der<br />

Polizei gefasst und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Die<br />

gleichermaßen selbstzerstörerische wie fruchtbare Episode<br />

der beiden Dichter nahm damit ihr Ende – und sie sahen<br />

einander nie wieder. Noch heute wird häufig mehr über<br />

das skandalbehaftete Liebesverhältnis gesprochen als über<br />

die unerhörte literarische Produktivität der beiden Dichter.<br />

Manch einer ist sogar der Meinung, dass die beiden in<br />

dieser Zeit so abhängig voneinander waren, dass sie zwar<br />

ohneeinander nicht schreiben konnten, miteinander aber<br />

dafür umso größere Werke zustande brachten.<br />

Wer sich heute auf die Spuren dieser beiden Dichter<br />

begeben möchte, muss nicht unbedingt ihre Dichtungen<br />

kennen. Denn die Route Rimbaud/Verlaine ist vor allem<br />

eine schöne Gelegenheit, die anmutige hügelige Landschaft<br />

des Departements Ardennen zu entdecken. Auf ruhigen<br />

Nebenstraßen führt die Route an bezaubernden ehemaligen<br />

Klöstern, uralten Gehöften und gut erhaltenen Kirchen<br />

vorbei.<br />

Mein Ziel auf der Route Rimbaud/Verlaine ist das<br />

Musée Verlaine in <strong>Juni</strong>ville. Verlaine und Rimbaud sahen<br />

sich zwar nach ihrer Trennung 1873 nie wieder, lebten aber<br />

zeitweise nur ein paar Dutzend Kilometer voneinander entfernt.<br />

Rimbaud wohnte manchmal bei seiner Mutter in dem<br />

kleinen Dorf Roche, während sich Verlaine von 1880 bis<br />

1882 in <strong>Juni</strong>ville niederließ, wo er einen Bauernhof erworben<br />

hatte. Er hatte sich im Gefängnis dem Glauben zugewandt,<br />

war aber auch mehr denn je dem Alkohol verfallen.<br />

In <strong>Juni</strong>ville verbrachte er seine Tage im Dorfgasthof Lion<br />

d’Or. Am Nachmittag schrieb er, am Abend soff er. Zwei<br />

Jahre ging das exzessive Leben so, bis Verlaine nach dem<br />

Bankrott seines Bauernhofs die Ardennen wieder Richtung<br />

Paris verließ.<br />

In <strong>Juni</strong>ville hat man dem Dichter, der erst ab den<br />

1890er-Jahren landesweite Anerkennung erfuhr, ein Museum<br />

gewidmet. Es ist ganz durch Privatinitiative aufgebaut<br />

46 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


worden und zeigt damit eine Parallele zum Leben Verlaines,<br />

der in seinem Leben oft von privaten Gönnern unterstützt<br />

wurde. Der alte Dorfgasthof ist eigentlich ein Museum<br />

über das Dorfleben im 19. Jahrhundert – mit der Besonderheit,<br />

dass alle Gegenstände von Verlaine benutzt worden<br />

sind. Die Räume sind in den Zustand versetzt worden, die<br />

der Gasthof zu Verlaines Jahren in <strong>Juni</strong>ville hatte, und man<br />

glaubt in der Wirtsstube fast, den Geruch von Branntwein<br />

und Ruß in der Nase zu haben.<br />

Das Museum wird von Marc Gaillot betreut, der mich<br />

herumführt und mich fragt: « Was wissen Sie von Verlaine? »<br />

Als ich « Nicht viel… » antworte, erlebe ich einen Vortrag,<br />

wie ich ihn in noch keinem Museum gehört habe. Mit Begeisterung<br />

erzählt Gaillot die Lebensgeschichte Verlaines,<br />

beschreibt sein Verhältnis zu Rimbaud, schimpft auf die<br />

Leute, die sich mehr für die Skandale als für die Dichtung<br />

der beiden interessieren und berichtet mit Eifer von den Jahren<br />

des Aufbaus des Museums. Als ich das Gebäude wieder<br />

verlasse, schwirrt mir der Kopf vom Crashkurs zur französischen<br />

Literaturgeschichte. Vor allem aber kann ich mich<br />

auf dem Rückweg nach Charleville-Mézières einer gewissen<br />

Ehrfurcht vor so viel Dichterverehrung nicht erwehren.<br />

In der Stadt habe ich eine Verabredung mit Alain Tourneux,<br />

dem Direktor der städtischen Museen von Charleville-Mézières.<br />

Ich will ihn zu den Rimbaud-Museen befragen,<br />

aber während ich in dem mit Papieren vollgestopften<br />

Büro im Musée de l’Ardenne sitze, komme ich kaum zu<br />

Wort. Monsieur Tourneux ist ein Mann mit Visionen, die<br />

<strong>Mai</strong>son des Ailleurs zeugt davon. Natürlich denkt er dabei<br />

grenzüberschreitend. In Zusammenarbeit mit deutschen,<br />

englischen und südfranzösischen Universitäten und Kultureinrichtungen<br />

ist er im Begriff, ein weiteres Aufsehen<br />

erregendes Projekt umzusetzen: den Parcours Rimbaud.<br />

An neun Orten, an denen sich Rimbaud aufgehalten<br />

hat, darunter London, Stuttgart, Marseille und das äthiopische<br />

Harar, werden Videokameras installiert, die miteinander<br />

über das Internet verbunden sind. Schaut ein Besucher<br />

auf den Bildschirm, sieht er, was am anderen Ort gerade<br />

geschieht – wird dabei aber auch selbst von einer Kamera<br />

gefilmt. Das « être d’ailleurs », das Anderswosein, das das<br />

Leben Rimbauds so sehr bestimmt hat, wird hier noch einmal<br />

aufgegriffen. « Wir sind erst am Anfang des Projektes<br />

und haben noch einige Probleme mit dem Internet und den<br />

Servern », gibt Tourneux zu, « aber der erste Teil funktioniert<br />

bereits! »<br />

Er führt mich zu einer Wand im Innenhof des an die<br />

Place Ducale grenzenden Musée de l’Ardenne, wo in eine<br />

Metalltafel die Silhouette Rimbauds eingelassen ist. Dahinter<br />

befindet sich ein Bildschirm. Ich schaue hinein und<br />

blicke geradewegs in den Garten der <strong>Mai</strong>son des Ailleurs<br />

am anderen Ende der Stadt. Da ist zwar weiter niemand zu<br />

sehen, aber die Idee ist, erklärt mir der Direktor begeistert,<br />

dass im Idealfall am anderen Ende der Leitung ebenfalls<br />

ein Besucher in die Kamera schaut. Später sollen sich die<br />

Leitungen abwechseln, und die Besucher der teilnehmenden<br />

Museen werden virtuell miteinander verbunden sein.<br />

Das Musée Verlaine<br />

in <strong>Juni</strong>ville ist der<br />

ehemalige Gasthof<br />

Lion d’Or, in dem Paul<br />

Verlaine dichtete<br />

und zechte.<br />

Linke Seite: Der Garten<br />

der <strong>Mai</strong>son des Allieurs<br />

wird vom Bildschirm<br />

des Musée de<br />

l‘Ardenne eingefangen<br />

– erste Station des<br />

« Parcours Rimbau ».<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 47


Unterwegs in Frankreich Charleville–Mézières<br />

Ein Projekt, das zeigt, wie bereitwillig sich manche Museen<br />

heute der modernen Technik öffnen. Es ist aber auch<br />

ein Beispiel für die Fähigkeit der französischen Kulturverwaltungen,<br />

eine gewisse Marke zu kreieren. Die Mischung<br />

traditioneller Museumskonzepte wie das Musée Rimbaud<br />

oder die Route Rimbaud/Verlaine mit der reflektierenden,<br />

modernen Ausstellungsweise der <strong>Mai</strong>son des Ailleurs und<br />

des Parcours Rimbaud lässt mir die « Marke » Rimbaud sehr<br />

sympathisch werden.<br />

Bevor sich der Direktor im Musée de l’Ardenne von mir<br />

verabschiedet, weist er auf noch eine ganz andere Attraktion<br />

von Charleville-Mézières hin. Denn die Ardennenstadt<br />

ist das Zentrum der französischen Marionettenkunst und<br />

nennt sich selbst die « Welthauptstadt des Marionettenspiels<br />

». Nirgendwo sonst sieht man so viele Geschäfte, die<br />

Marionetten verkaufen, nirgendwo sonst gibt es so viele<br />

Marionettenspieler und vor allem: Nirgendwo sonst ist eine<br />

ganze Stadt dem Marionettenspiel so verfallen wie die Bevölkerung<br />

von Charleville-Mézières.<br />

Ein Nationales Institut für Marionettenkunst muss<br />

natürlich hier seinen Sitz haben. Das 1981 gegründete<br />

staatliche Institut residiert in einem alten Gebäude auf<br />

der Place Winston Churchill, vor dem sich zu jeder vollen<br />

Stunde Touristen versammeln. An der Fassade des Marionetteninstituts<br />

zeigt eine zehn Meter große Puppenspieluhr<br />

dann die Mittelalter-Sage der « Quatre Fils Aymon » (dt.<br />

Sage von den Haimonskindern). Das Institut ist Wand an<br />

Wand zum Musée de l’Ardenne gebaut. Eine Glasscheibe<br />

ermöglicht es, vom Inneren des Musée de l’Ardenne aus in<br />

das Uhrwerk zu schauen und zu beobachten, wie die riesige<br />

Mechanik die Figuren bewegt, die die Besucher draußen an<br />

der Fassade bestaunen.<br />

Es ist hauptsächlich dem Marionettenspieler Jacques<br />

Félix zu verdanken, dass das Marionettenspiel in Charleville-Mézières<br />

heute so eine enorme Bedeutung hat. Als<br />

17-Jähriger hatte er sich bei einem lothringischen Marionettenspieler<br />

ausbilden lassen und spielte während der Jahre<br />

des Zweiten Weltkriegs in seiner Heimatstadt für die Kinde,<br />

die aus den großen Städten für die Ferien auf das Land<br />

geschickt wurden. In den Zeiten von Krieg und Leid wollte<br />

er bei den Kleinen Freude und Lachen verbreiten – und bei<br />

den Großen mit seinen Puppen Geschichten erzählen, die<br />

die deutschen Besatzer sonst nicht geduldet hätten. Er warb<br />

nach dem Krieg so emsig für das Marionettenspiel, das er<br />

immer auch als Theater für Erwachsene verteidigte, dass er<br />

schon 1948 einen Zuschuss der Stadt einstreichen konnte.<br />

1961 gelang es ihm und seinen Mitstreitern, das erste<br />

internationale Marionettenfestival in Charleville-Mézières<br />

zu veranstalten. Seitdem ist die Stadt aus der Marionettenszene<br />

nicht mehr wegzudenken. Seit bald 50 Jahren wird<br />

das Festival alle drei Jahre veranstaltet und wird von Mal zu<br />

Mal größer und bedeutender. Die Stadt mit ihren 50.000<br />

Einwohnern steht dann zehn Tage lang Kopf, 150.000<br />

Besucher werden – meist in Privatquartieren – beherbergt,<br />

und auf den Straßen reiht sich ein buntes Spektakel an das<br />

andere. Im Herbst <strong>2009</strong> findet das Festival das nächste Mal<br />

statt und es werden Puppenspielertruppen aus nicht weniger<br />

als 25 Ländern erwartet. Darunter eine Frauengruppe<br />

aus dem Iran, die ihre Kunst zum ersten Mal außer Landes<br />

zeigt.<br />

Als ich von der besonderen Marionettentradition in<br />

Charleville-Mézières hörte, dachte ich an die typischen<br />

Puppen, die an langen Fäden hängend vor schwarzen Vorhängen<br />

bewegt werden. Doch ich werde eines Besseren<br />

48 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Oben links: Julie und Antoine, Studenten der staatlichen Hochschule<br />

für Marionettenkunst, improvisieren ein Theaterstück.<br />

Großes Foto: Die iranische Gruppe Yase Taman wird zum<br />

Marionettenfestival <strong>2009</strong> zum ersten Mal in Frankreich auftreten.<br />

Foto links: Das Figurentheater Tübingen wird ebenfalls<br />

auf dem Marionettenfestival zu Gast sein.<br />

Linke Seite: Die « Grand Marionnette » des Institut International de<br />

la Marionnette spielt zu jeder vollen Stunde die mittelalterliche<br />

Haimonssage nach, die sich in den Ardennen zugetragen haben soll.<br />

belehrt. Marionettenaufführungen sind heute ein hochkreatives<br />

Spiel mit Formen und Figuren. Längst wird der<br />

Puppenspieler nicht mehr hinter den Vorhängen versteckt,<br />

sondern ist oft Teil des Stücks, wenn die Grenze zwischen<br />

Marionettenspiel und Schauspiel verschwimmt.<br />

Im Institut International de la Marionnette erfahre<br />

ich, dass sich in Charleville-Mézières die einzige staatliche<br />

Hochschule für Marionettenkunst des Landes, ja wenn<br />

nicht gar Europas, befindet. Sie wurde 1987 gegründet und<br />

ist eine ziemlich exklusive Veranstaltung: An ihr werden<br />

pro Ausbildungsgang nur 16 Studenten betreut. Die Schule<br />

ist in einem alten Gebäude aus dem 18. Jahrhundert untergebracht.<br />

Als ich vorbeischlendere, sehe ich durch die geöffneten<br />

Fenster, dass in der Werkstatt noch gearbeitet wird. Die<br />

Studenten geben bereitwillig Auskunft über ihre Arbeit.<br />

Die junge Studentin Julie erzählt mir, dass sie sich ein<br />

Jahr lang auf den Concours vorbereitet hat. « Die Aufnahmeprüfungen<br />

sind hart und dauern drei Tage », sagt sie.<br />

« Man muss eine Mappe mit Entwürfen einreichen und<br />

eine siebentägige Hospitanz absolvieren. » Wenn man<br />

dann angenommen ist, dauert das Studium drei Jahre, in<br />

denen die Studenten in der Herstellung von Marionetten,<br />

dem Marionettenspiel und der Regie unterrichtet werden.<br />

Die Abschlussprüfung ist natürlich ein selbstgeschriebenes<br />

Stück, mit selbstgefertigten Puppen. Julie und ihr<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 49


A6/E15<br />

Unterwegs in Frankreich Charleville–Mézières<br />

Kommilitone Antoine sind im ersten Jahr und beschäftigen<br />

sich gerade mit dem Material Schaumstoff. « Dieses<br />

Material erhöht die Beweglichkeit der Puppen und lässt<br />

uns ganz eigene Geschichten erzählen », erklären sie mir.<br />

Sie lassen sich nicht lange bitten und improvisieren für<br />

mich ein kurzes Stück, das mich gar nicht daran zweifeln<br />

lässt, dass in den beiden große Talente schlummern.<br />

Mit dem Besuch in der Hochschule für Marionettenkunst<br />

verabschiede ich mich von Charleville-Mézières. Ich<br />

fuhr in eine kleine nordfranzösische Garnisonsstadt, von<br />

der man mir erzählte, es lohne sich nicht, sie zu besuchen.<br />

Was ich gefunden habe, ist aber eine kleine Stadt, die ungewöhnliche<br />

Geschichten zu erzählen hat und die es auf<br />

beeindruckende Weise versteht, ihren kulturellen Reichtum<br />

zu pflegen und sehr lebendig zu erhalten. Da sage noch einmal<br />

einer, Charleville-Mézières sei keine Reise wert!<br />

Aus<br />

<br />

Norddeutschland erreicht man<br />

Charle ville-Mézières über Aachen und<br />

Belgien. Aus Süddeutschland, Österreich<br />

und der Schweiz erfolgt die Anreise<br />

am besten über die Autobahn<br />

A4 (Straßburg/Saarbrücken-Paris) bis<br />

Metz. Von dort über die A30 und A31<br />

nach Longwy und anschließend per<br />

Land straße entlang der französischbel<br />

gi schen Grenze nach Charleville-<br />

Mézières.<br />

Charleville-Mézières …<br />

… Berlin 890 km<br />

… Hamburg 730 km<br />

… Köln 330 km … München 715 km<br />

Calais Dunkerque<br />

… Wien 1.085 km … Zürich 560 km<br />

Die französischen Ardennen verfügen<br />

Boulogneüber keinen eigenen Flughafen. Roubaix Die<br />

nächsten aus dem deutschsprachigen<br />

Raum angeflogenen Flughäfen<br />

Lille<br />

sind in<br />

Paris, Brüssel und Luxemburg.<br />

Es gibt keine direkten Zugverbindungen<br />

aus dem deutschsprachigen Arras Raum in<br />

die französischen Ardennen. Ver bindungen<br />

über Luxemburg bzw. Belgien<br />

sind zeitraubend und bedürfen des<br />

mehrmaligen Amiens Umsteigens. Charlesville-<br />

Mézières ist aber ans französische TGV-<br />

Netz angeschlossen.<br />

www.charleville-mezieres.org<br />

A1/E15-E19<br />

Lesetipp für einen Abstecher Unterwegs<br />

Ausgabe 18<br />

Im sagenhaften Grün der Ardennen<br />

« Aktivurlaub in den Ardennen » – mit<br />

diesem Werbeslogan macht das kleine<br />

Departement im Norden Frankreichs<br />

seit längerem auf sich aufmerksam.<br />

Die Mittelgebirgslandschaft mit ihren<br />

Informationen zur Bestellung<br />

sanften Hügeln und grünen Bergketten<br />

dieser und anderer Ausgaben Antwerpen liegt eigentlich ein bisschen abseits der<br />

finden Sie auf Seite 97.<br />

üblichen Touristenströme.<br />

Gent<br />

Musée Paul Verlaine<br />

1, rue de pont Paquis Bruxel<br />

08310 <strong>Juni</strong>ville<br />

Telefon: +33 (0)3 24 39 68 00<br />

Zum 150. Geburtstag Rimbauds wurde<br />

2006 ein bemerkenswertes Kunst pro jekt<br />

im Internet lanciert. Auf www.rim baudarthur.fr<br />

Liege werden die User höchst virtuos<br />

durch die Lebens- und Schaffensstationen<br />

Das nächste Marionettenfestival findet<br />

des be rühm ten Dichters<br />

vom 18. bis 27. September Charlroi <strong>2009</strong> statt.<br />

www.festival-marionnette.com<br />

geführt.<br />

Charleville-Mézières<br />

A4/E25<br />

Luxembourg<br />

A34/E46<br />

A13/E5<br />

Musée Rimbaud & <strong>Mai</strong>son des Ailleurs<br />

Quai Arthur Rimbaud<br />

08000 Charleville-Mézières<br />

Telefon: +33 (0)3 24 32 44 65<br />

A16<br />

Musée de l’Ardenne<br />

31, place Ducale<br />

08000 Charleville-Mézières<br />

Telefon:<br />

PARIS<br />

+33 (0)3 24 32 44 60<br />

A4/E50<br />

A4/E50<br />

A26/E17<br />

Reims<br />

Châlons-en-<br />

Champagne<br />

A4/E50<br />

A31/E<strong>21</strong>-E23<br />

Metz<br />

A4<br />

Saarbrücken<br />

Nancy<br />

A11/E50<br />

50 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong><br />

A5/E54<br />

A26/E17


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Unterwegs in Frankreich La Rochelle<br />

La Rochelle<br />

Eine der schönsten und beliebtesten<br />

Hafenstädte der französischen Atlantikküste<br />

ist La Rochelle. Schon immer richteten die<br />

Bürger der Stadt ihren Blick über das Meer<br />

hinaus. Es entstand eine Weltoffenheit, die<br />

man bis heute bei den Einheimischen spürt.<br />

Bei allem Glanz sollte jedoch nicht vergessen<br />

werden, dass sich der Wohlstand der<br />

Hafenstadt zu einem großen Teil auf einen<br />

grausamen Dreieckshandel mit Sklaven<br />

zwischen Europa, Afrika und Amerika gründet.<br />

Ein Thema, das lange Zeit verdrängt wurde,<br />

inzwischen aber recht offensiv von der<br />

Stadtverwaltung angegangen wird.<br />

La Rochelle ist ein ganz besonderer Ort. Nicht wie<br />

Paris, das mit seiner Größe und seinen Sehenswürdigkeiten<br />

der Superlative in die Welt hinausstrahlt.<br />

Auch nicht wie Biarritz oder Nizza, die als legendäre Seebäder<br />

den internationalen Jetset anziehen. Und auch nicht wie<br />

Bordeaux, das sich selbstverliebt an seiner eigenen Schönheit<br />

ergötzt. Nein, La Rochelle ist anders und dennoch nicht weniger<br />

besonders. Es ist wohlhabend, weltoffen und von einer<br />

kulturellen Agilität, die man an der französischen Atlantikküste<br />

nicht oft findet. Und die Hafenstadt ist vor allem<br />

schön. Man braucht dafür nur am alten Hafenbecken mit<br />

seinen bei Sonne weiß leuchtenden und bei Regen leicht<br />

morbide wirkenden Häuserfassaden entlang zu spazieren,<br />

um dem Charme der Stadt zu erliegen.<br />

Kein Wunder also, dass sich hier viele Pariser wohl fühlen.<br />

Sie fliehen nach dem Ende der Berufstätigkeit gerne<br />

nach La Rochelle, das mit dem TGV in weniger als drei<br />

Stunden erreicht werden kann, um hier ihren Wohnsitz<br />

zu nehmen. In der Stadt am Meer mit der überschaubaren<br />

Größe, dem milden Klima und dem attraktiven Kulturleben<br />

lässt es sich gut leben. Gerade die im Französischen als<br />

52 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Die Schöne und<br />

ihre zwielichtige<br />

Vergangenheit<br />

gauche caviar bezeichneten linken Eliten des Landes wissen<br />

diese Vorzüge zu schätzen. Denn La Rochelle pflegt keinen<br />

lauten und aufdringlichen Luxus wie die Côte d’Azur.<br />

Wohlstand ist hier allgegenwärtig und dennoch nur in dosierter<br />

Menge nach außen hin sichtbar.<br />

Zu der linksliberalen Grundhaltung der Stadt passt<br />

auch, dass jeden Sommer wieder die sozialistische Partei<br />

Frankreichs ihren großen Jahreskongress hier abhält. Schon<br />

die französische Bezeichnung dafür, université d’été du parti<br />

socialiste (dt. Sommeruniversität der Sozialistischen Partei),<br />

klingt verheißungsvoll, zumindest spannender als « Parteitag<br />

». Drei Tage lang geben sich dann die Größen der Partei<br />

die Klinke in die Hand und diskutieren mit der Basis über<br />

politische Projekte und Perspektiven – wenn auch wegen<br />

der Dauerkrise in der Partei seit der Machtübernahme von<br />

Nicolas Sarkozy in bescheidenerer Tonart.<br />

Doch die Schönheit und die hohe Lebensqualität der<br />

Stadt sind nicht nur in Paris bekannt. Auch viele ausländische<br />

Touristen kommen jedes Jahr nach La Rochelle. Sie<br />

schätzen die Altstadt und das malerische Hafenbecken genauso<br />

wie die Nähe zu schönen Stränden und den Inseln im<br />

Atlantik vor den Toren der Stadt. Sie besuchen<br />

gerne die örtlichen Museen oder das neue<br />

Aquarium, das seit seiner Eröffnung im Dezember<br />

2000 zu einer beliebten Sehenswürdigkeit wurde. Der<br />

moderne Bau liegt etwas abseits des alten Hafenbeckens<br />

und ist der Mittelpunkt eines neuen Stadtviertels mit zahlreichen<br />

Wohnungen am Wasser, das der Hafenstadt auch<br />

ein zeitgenössisches Gesicht verleiht.<br />

La Rochelle verkörpert irgendwie also die ideale Stadt,<br />

einen Ort, der eigentlich alles zu haben scheint. Doch wo<br />

viel Licht ist, gibt es meist auch Schatten. La Rochelle bildet<br />

zu dieser Regel keine Ausnahme. Denn das Gewissen<br />

der Hafenstadt hat einige sehr dunkle Flecken. Viele der<br />

schönen Fassaden, die heute die Häuser des malerischen<br />

Vieux Port säumen, stammen aus einer Zeit, die aus heutigem<br />

Verständnis nicht gerade als ruhmreich bezeichnet werden<br />

kann. Eine Epoche, in der die Rochelais, wie die Bewohner<br />

heißen, ein kleines Vermögen mit dem Handel von Sklaven<br />

anhäuften. Ein Kommerz, der von Europa nach Afrika, von<br />

Afrika nach Amerika und von Amerika wieder nach Europa<br />

führte. Von diesem Dreieckshandel profitierten vor allem<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 53


Unterwegs in Frankreich La Rochelle<br />

S. 52/53: Blick auf den Vieux<br />

Port von La Rochelle.<br />

Rechts: Gemälde vom Hafen<br />

von Edouard Pinel aus dem<br />

19. Jahrhundert (Musée<br />

du Nouveau Monde).<br />

Unten: Der Cours des Dames<br />

und Quai Duperré am Vieux<br />

Port. Zahlreiche Lokalitäten<br />

laden zum Verweilen ein.<br />

Rechte Seite: Der Tour Saint-<br />

Nicolas, Tour de la Chaîne und<br />

Tour de la Lanterne gehören<br />

zu den Wahrzeichen der Stadt.<br />

die Europäer. Und La Rochelle war eines der Hauptzentren<br />

dieses Handels.<br />

Schon im 16. Jahrhundert waren die Spanier auf diesem<br />

Gebiet aktiv. Es wird vermutet, dass auch aus La Rochelle<br />

das erste Handelsschiff im Jahre 1594 in Richtung Gabon<br />

aufbrach. Sicher ist aber auf jeden Fall, dass die erste belegte<br />

französische Expedition 1643 ihren Ausgang in La<br />

Rochelle nahm. Die Idee hinter diesem Handel war simpel:<br />

Mit Waren beladene Schiffe verließen Europa in Richtung<br />

Afrika. Dort wurden die mitgebrachten Produkte gegen<br />

Menschen eingetauscht. Diese wurden mit den Schiffen<br />

dann bei unwürdigen Zuständen, die viele nicht überlebten,<br />

über den Atlantik gebracht, um in Amerika als Sklaven<br />

verkauft bzw. erneut gegen Waren eingetauscht zu werden.<br />

Schließlich brauchten die Überseekolonien tüchtige Arbeitskräfte.<br />

Die Schiffe kehrten anschließend mit Zucker,<br />

Kaffee, Baumwolle, exotischen Hölzern und anderen Erzeugnissen<br />

aus der neuen Welt nach Europa zurück.<br />

Dieser Sklavenhandel wurde auf französischem Boden<br />

im Jahre 1670 durch ein Dekret von Colbert offiziell gemacht.<br />

Kurz danach, 1672, stieg auch Bordeaux in diesen<br />

lukrativen Handel ein. 1688 folgten Nantes und Saint-Malo.<br />

Doch der richtige « Durchbruch » kam erst 1716, als ein<br />

königliches Dekret einen freien Sklavenhandel garantierte.<br />

Zur Ehre von La Rochelle muss jedoch gesagt werden,<br />

dass der Hafen zwar ein wichtiger, aber nicht der größte<br />

Nutznießer des Dreieckshandels war. Dieser zweifelhafte<br />

Ruhm kommt der Rivalin im Norden, Nantes, zu, über deren<br />

Hafen rund 40 Prozent der Expeditionen durchgeführt<br />

wurden. Erst mit großem Abstand folgten Bordeaux, Le<br />

Havre und eben La Rochelle, die alle um den zweiten Platz<br />

wetteiferten, zusammen aber gerade einmal 30 Prozent der<br />

Expeditionen abwickelten.<br />

54 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


La Rochelle profitierte dabei von dem Umstand, dass<br />

sich die Stadt schon seit dem 16. Jahrhundert gute Handelsbeziehungen<br />

in die Karibik aufgebaut hatte. Aus diesem<br />

Grund steuerten die meisten Schiffe während des späteren<br />

Dreieckshandels vor allem die Insel Hispaniola an, die<br />

heute die Dominikanische Republik und Haiti beheimatet.<br />

Fast alle bedeutenden Familien von La Rochelle beteiligten<br />

sich damals an diesem Kommerz. Oftmals unterhielten sie<br />

auch eigene Plantagen in den Überseegebieten. Und fast<br />

alle herrschaftlichen Stadthäuser stammen aus dieser Epoche.<br />

Man verdiente gut mit diesem Geschäft zwischen drei<br />

Kontinenten. Aber auch andere mit diesem Handel in Zusammenhang<br />

stehende Branchen entwickelten sich prächtig,<br />

etwa der Schiffsbau oder die Zuckerraffinerien.<br />

Gleichwohl schienen Gewissensbisse kaum zu existieren.<br />

Selbst für die Kirche hatten Schwarze keine Seele.<br />

Man sah in diesen Menschen eine Ware wie jede andere.<br />

Außerdem bekam die heimische Bevölkerung im Alltag<br />

kaum etwas von den menschenunwürdigen Sklaventransporten<br />

mit, fanden sie doch zwischen Afrika und den Kolonien<br />

in der neuen Welt statt. Zuhause landeten vor allem<br />

begehrte Erzeugnisse aus der Karibik. Zumindest ließ sich<br />

das menschliche Elend dahinter gut verdrängen. Es ging<br />

vor allem um Profit.<br />

Die Konzentration auf Hispaniola wurde den Rochelais<br />

später jedoch zum « Verhängnis ». Denn mit der Gründung


Unterwegs in Frankreich La Rochelle<br />

Oben: Blick aufs neue Aquarium. Im Umfeld entstand in den letzten Jahren ein neuer Stadtteil. Unten links: Blick auf die Hafeneinfahrt<br />

vom Meer aus. Unten rechts: Die zentrale Lage von La Rochelle macht den Hafen heute bei Hobbykapitänen beliebt.<br />

der ersten schwarzen Republik im Westen der Insel im<br />

Jahre 1804, der Geburtsstunde des Staates Haiti, kam der<br />

Dreieckshandel von La Rochelle aus nach einigen Unterbrechungen<br />

und Störungen in den Jahren zuvor plötzlich<br />

und endgültig zum Erliegen, während Städte wie Bordeaux<br />

und Nantes den Kommerz noch bis in die Mitte des 19.<br />

Jahrhunderts fortsetzen konnten.<br />

Eher als die Nachbarstädte begann man in La Rochelle<br />

auch mit der Aufarbeitung dieses Kapitels der eigenen<br />

Geschichte. Nicht ohne Grund befindet sich das Musée du<br />

Nouveau Monde in einem alten Stadthaus einer bekannten<br />

Handelsfamilie. So lässt sich heute nicht nur der in dieser<br />

Zeit angehäufte Wohlstand besser erahnen, sondern es sorgen<br />

auch regelmäßige Ausstellungen dafür, dass die Geschichte<br />

an einem authentischen Ort nicht in Vergessenheit gerät.<br />

Wenn man heute durch die Straßen von La Rochelle<br />

schlendert und das maritime Lebensgefühl genießt, sollte<br />

man sich nicht für den Besuch der Stadt schämen. Natürlich<br />

ist die Zeit des Dreieckshandels nur eine Epoche<br />

in der langen Vergangenheit von La Rochelle, die neben<br />

Tiefen selbstverständlich auch Höhen kannte. Und es ist<br />

eine Zeit, die schon lange vergangen ist, für die heutige<br />

Generationen nicht verantwortlich sind. Es schadet aber<br />

nicht, auch an diesen dunklen Zeitabschnitt zu denken,<br />

um sich der Zerbrechlichkeit moderner Werte bewusst zu<br />

werden.<br />

Ansonsten werden die schmucken Gassen und Arkaden<br />

der Altstadt, die malerisch vor sich hin schaukelnden Segelboote<br />

im Hafenbecken und die vielen Sehenswürdigkeiten,<br />

wie die beiden markanten Türme Tour de la Chaîne und<br />

Tour Saint-Nicolas, zwischen denen früher nachts eine<br />

Kette gespannt wurde, um die Hafeneinfahrt zu versperren,<br />

schnell die Gedanken in die schöne Gegenwart befördern.<br />

Und La Rochelle hat dies mehr als verdient!<br />

56 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


N165/E60<br />

N24<br />

Lorient<br />

Vannes<br />

N165/E60<br />

A11/E501<br />

Aus<br />

<br />

den meisten deutschen Regionen<br />

sowie aus Österreich erreicht man La<br />

Rochelle am besten via Brüssel bzw.<br />

Metz, Paris und Tours. Aus der Schweiz<br />

sowie dem äußersten Südwesten<br />

Deutschlands sollte man Frankreich<br />

weiter südlich durchqueren. Von der<br />

Autobahn A10 (Paris-Bordeaux) führt<br />

eine Schnellstraße nach La Rochelle.<br />

La Rochelle …<br />

… Berlin 1.515 km<br />

… Köln 945 km<br />

… Wien 1.695 km<br />

… Hamburg 1.365 km<br />

… München 1.295 km<br />

… Zürich 975 km<br />

Zum Flughafen von La Rochelle gibt<br />

es aus dem deutschsprachigen Raum<br />

keine direkten Flugverbindungen. Er ist<br />

auch nicht ans Flugnetz von Air France<br />

angebunden. Die nächsten größeren<br />

Flughäfen sind in Bordeaux und Nantes,<br />

die beide mit Air France via Paris bzw.<br />

Lyon aus dem deutschsprachigen<br />

Raum angeflogen werden.<br />

Es bestehen keine direkten Bahnverbindungen<br />

aus dem deutsch-<br />

Quiberon<br />

sprachigen Raum nach La Rochelle.<br />

la Baule<br />

Aus Paris verkehren TGV-Züge in die<br />

Hafen stadt. Die Fahrzeit beträgt St. Nazaire weniger<br />

als drei Stunden.<br />

www.larochelle-tourisme.com<br />

Office de Tourisme<br />

2, quai Georges Simenon<br />

17000 La Rochelle<br />

Telefon: +33 (0)5 46 41 14 68<br />

Musée du Nouveau Monde<br />

10, rue Fleuriau<br />

17000 La Rochelle<br />

Telefon: +33 (0)5 46 41 46 50<br />

Aquarium<br />

Quai Louis Prunier<br />

17000 La Rochelle<br />

Telefon: +33 (0)5 46 34 00<br />

www.aquarium-larochelle.com<br />

Nantes<br />

A83<br />

Angers<br />

A11/E60<br />

A87<br />

Cholet<br />

A83<br />

N11/E601 Niort<br />

La Rochelle<br />

E5/A10<br />

E602/A837<br />

A86/E60<br />

Lesetipp zu einem Ausflug in der Umgebung<br />

Ausgabe <strong>Nr</strong>. 19<br />

Ile de Ré – Diskreter<br />

Luxus mit maritimem<br />

Flair<br />

Manche nennen<br />

die Ile de<br />

Ré das « Saint-<br />

Tropez der Atl<br />

a n t i k k ü s te ».<br />

Doch der<br />

Ver gleich beschreibt den Charme<br />

des kleinen Eilands vor der Küste von<br />

La Rochelle nur unzureichend. Zwar<br />

ist ein gewisser Wohlstand nicht zu<br />

übersehen und die Orte auf der Insel<br />

wirken sehr gediegen, doch Luxus<br />

wird auf der Ile de Ré nicht protzig<br />

zur Schau gestellt. Vielmehr konnte<br />

sich die Insel eine eher heimelige<br />

Atmosphäre bewahren. Hübsche<br />

Dörfer und viel Natur verzaubern die<br />

Besucher.<br />

Bordeaux<br />

E5/A10<br />

A89/E70<br />

Libourne<br />

Informationen zur Bestellung dieser und anderer Ausgaben finden Sie auf Seite 97.<br />

E5-E70/A63<br />

A52/E72<br />

Donostia-<br />

S. Sebastian<br />

Biarritz<br />

Bayonne<br />

Pau<br />

Ta


Unterwegs in Frankreich Zentralmassiv<br />

Zentralmassiv:<br />

die natur<br />

als kunstraum<br />

Zum dritten Mal wird in diesem Sommer das<br />

Massif du Sancy im Regionalpark der Vulkane<br />

der Auvergne westlich von Clermont-Ferrand<br />

zum Schauplatz moderner Kunst unter freiem<br />

Himmel. Horizons <strong>2009</strong> heißt das Ereignis, bei<br />

dem vom 1. Juli bis zum 20. September Neugierige<br />

die monumentalen Werke von elf<br />

Künstlern auf sich wirken lassen können.<br />

Ein altes französisches Sprichwort besagt: « Quand on<br />

n’a pas de pétrole, on a des idées » (dt. « Wenn man<br />

kein Öl hat, hat man Ideen »). Wenn man keine natürlichen<br />

Reichtümer besitzt, muss man nach diesem geflügelten<br />

Wort im Leben nicht zwangsläufig scheitern. Es<br />

reicht aus, einen guten Einfall im richtigen Moment zu haben.<br />

Wenn man inmitten der Vulkane der Auvergne lebt,<br />

Bürgermeister einer kleinen Kommune ist und eine touristische<br />

Entwicklung der Heimat gewünscht ist, bedarf es in<br />

der Tat eines innovativen Ansatzes. In der heutigen Zeit<br />

reicht es kaum aus, nur eine unberührte Natur und den authentischen<br />

Charme einer Gegend in den Vordergrund zu<br />

stellen. Zu viele Orte weltweit behaupten bereits von sich,<br />

die schönste Landschaft, die grünste Natur oder die interessantesten<br />

Museen zu besitzen. Man muss also einen anderen<br />

Einfall haben.<br />

Die Auvergne gilt seit jeher – ob zu Recht oder nicht –<br />

als eine isolierte Region, die man nur schwer mit dem Auto<br />

oder dem Zug erreichen kann. Doch selbst wenn dies heute<br />

58 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Ein Werk von der Horizons 2008:<br />

« Les empreintes du ciel » von Gilles<br />

Brusset. Mit 250 reflektierenden Platten<br />

soll ein Bezug zwischen Himmel<br />

und Erde hergestellt werden.<br />

dank eines Ausbaus der Infrastruktur nicht mehr wirklich<br />

stimmt, bleibt dem Landstrich aus touristischer Sicht trotzdem<br />

das Handicap, weit vom Meer entfernt und abseits der<br />

beliebtesten Touristengegenden Frankreichs zu liegen. Die<br />

Reichtümer mögen in der Auvergne vielleicht begrenzt sein,<br />

die Ideen sind es jedenfalls nicht.<br />

Die Bürgermeister von zehn Kommunen im Massif du<br />

Sancy westlich von Clermont-Ferrand (ab diesem Sommer<br />

sogar elf) haben deshalb zusammengesessen und überlegt,<br />

wie man die Naturschönheiten der Region so in Szene<br />

setzen könnte, dass neue Zielgruppen damit angesprochen<br />

würden. Heraus kam ein ungewöhnliches Projekt: Kunst<br />

in freier Natur, weit abseits der üblichen Zentren der modernen<br />

Kunstszene. Die Schönheit der Natur soll dabei<br />

im Einklang mit den Reizen der Exponate stehen, die von<br />

Künstlern aus der ganzen Welt für einen Sommer geschaffen<br />

werden. Felder, Wälder, Seen, Vulkane, Wasserfälle werden<br />

somit zum integralen Bestandteil kreativen Schaffens.<br />

Ein Ansatz, der durchaus als mutig anzusehen ist. Es<br />

war nicht unbedingt einfach, zumindest am Anfang, internationale<br />

Künstler von der Notwenigkeit zu überzeugen, in<br />

die Provinz zu reisen, um dort ihre Werke in freier Landschaft<br />

auszustellen. Genauso bedurfte es einiger Überzeugungsarbeit<br />

bei der heimischen Landbevölkerung, die eigenen<br />

Felder und Wälder Künstlern zur Verfügung zu stellen.<br />

Denn ein Großteil der Werke wird auf Privatgrundstücken<br />

ausgestellt.<br />

Nathalie Fort vom örtlichen Fremdenverkehrsamt<br />

erinnert sich noch gut an die Anfänge: « 2007, als wir die<br />

erste Ausgabe des Events planten, waren einige Mitbürger<br />

ganz und gar nicht von dem Vorhaben überzeugt. Für sie<br />

war die Natur an sich kostbar genug. Kunst würde nach<br />

ihrer Meinung diese pure Schönheit nur stören ». Doch die<br />

Organisatoren versuchten zu überzeugen. Mit Erfolg, wie<br />

Nathalie betont: « Es entwickelte sich alsbald ein Vertrauensverhältnis<br />

zwischen den Bewohnern und den Künstlern.<br />

Heute sind einige der skeptischsten Mitbürger die größten<br />

Botschafter des Events geworden. Die Menschen freuen<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 59


Unterwegs in Frankreich Zentralmassiv<br />

sich, dass man sich für ihre Heimat interessiert, sie genießen<br />

die neue Aufmerksamkeit ». In nur drei Jahren hat sich die<br />

Veranstaltung in den Herzen der Einheimischen verankert,<br />

sie ist zu ihrem « Baby » geworden.<br />

So auch für Suzanne, eine 87 Jahre alte Frau, die auf<br />

einer einsamen Farm lebt. Für sie ist Kunst etwas sehr Abstraktes:<br />

« Kunst? Ich wusste noch nicht einmal, was das<br />

sein soll. In meinem ganzen Leben war ich noch nie in einem<br />

Museum. Als man uns dann erzählte, dass Kunstwerke<br />

auf unseren Feldern aufgestellt werden würden, dachte<br />

ich nicht, dass das irgendjemanden interessieren könnte.<br />

Außerdem befürchtete ich, dass die Werke und der Trubel<br />

die Kühe stören könnten. » Zunächst dachte Suzanne<br />

außerdem, wie viele andere in der Gegend, dass Kunst automatisch<br />

Malerei bedeutet. Und wie sollte man Gemälde<br />

auf Feldern ohne Wände ausstellen wollen? Natürlich ein<br />

Irrtum. Dieses Jahr wollen sogar Suzannes Enkelkinder für<br />

eine Woche ins Zentralmassiv kommen.<br />

Die Werke der Horizons sind immer nur für einen<br />

Sommer gemacht. Die Vergänglichkeit ist Teil des Konzepts.<br />

Ein Komitee aus Volksvertretern und Künstlern<br />

bzw. Kunstexperten wählt die Werke, die zuvor auf der<br />

Basis fest definierter Kriterien eingereicht wurden, für die<br />

kommende Saison aus. Eingeladen werden ausschließlich<br />

Künstler, die eine solide Erfahrung in der internationalen<br />

oder zumindest nationalen Kunstszene nachweisen können.<br />

Ihre Projekte müssen zudem wenigstens drei Monate die<br />

klimatischen Verhältnisse des Massif du Sancy unbeschadet<br />

überstehen können, einen Zusammenhang mit der örtlichen<br />

Landschaft und Kultur aufweisen und aus natürlichen Ressourcen<br />

aus der Gegend oder aus recyclebaren Materialen<br />

bestehen.<br />

Kostenmäßig werden für diesen Sommer rund 160.000<br />

Euro veranschlagt (ohne Gehälter). Eine stolze Summe für<br />

ein paar kleine Kommunen in einer nicht gerade reichen<br />

Region. Die Unterstützung des Staates, der Region und<br />

des Departements beträgt zusammen gerade einmal 15.000<br />

Euro. Erschwerend kommt hinzu, dass die Kunstwerke frei<br />

zugänglich sind, also keine Zusatzeinnahmen durch Eintrittsgelder<br />

erzielt werden können. Dennoch scheint sich<br />

das Engagement auszuzahlen. Jedes Jahr kommen mehr Besucher<br />

ins Zentralmassiv, die dieses Event nicht verpassen<br />

wollen. Diesen Sommer werden über 200.000 Neugierige<br />

erwartet, die natürlich Geld während ihres Aufenthaltes<br />

ausgeben und damit die lokale Wirtschaft unterstützen.<br />

Die elf Künstler der Horizons <strong>2009</strong> selbst erhalten jeweils<br />

8.000 Euro, womit sie sowohl die Kosten ihres Kunstwerks<br />

als auch die eigenen Ausgaben für die Anreise und<br />

Verpflegung tragen müssen. Sogar ihre Bildrechte an den<br />

Werken werden damit zu einem großen Teil abgegolten.<br />

Letzteres ist durchaus ungewöhnlich, da diese Rechte bei<br />

anderen Veranstaltungen normalerweise signifikante Zusatzeinnahmen<br />

für die Künstler abwerfen. Die Organisatoren<br />

möchten aber, dass die Werke einer möglichst breiten<br />

Masse bekannt gemacht werden. Und die Künstler spielen<br />

das Spiel mit.<br />

60 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


FRANZÖSISCH<br />

heute<br />

«relooké»<br />

Das Verbandsorgan der<br />

Vereinigung<br />

der Französischlehrerinnen<br />

und<br />

-lehrer e. V.<br />

jetzt im neuen Format<br />

1<br />

<strong>2009</strong><br />

Vereinigung der Französischlehrerinnen und -lehrer e. V.<br />

FRANZÖSISCH<br />

heute<br />

Rechte Seite: « Eaux vives et<br />

autres sons de cloches » von<br />

François Klein (Horizons 2008).<br />

Linke Seite: Ein weiteres Werk<br />

der Horizons 2008: « Still life<br />

with tree » der Deutschen<br />

Cornelia Konrads.<br />

40. Jahrgang<br />

43558<br />

ISSN 0342-2895<br />

Französischunterricht<br />

aus Lernersicht<br />

Die vorrangigen Ziele der VdF lauten:<br />

– zur Verbreitung der französischen<br />

Sprache und Kultur beizutragen,<br />

– den Unterricht der Nachbarsprache<br />

Französisch inhaltlich und<br />

didaktisch zu fördern.<br />

In den letzten Jahren war die VdF<br />

an der Fortbildung von ca. 5000<br />

Lehrer/innen für Französisch alleine<br />

oder mit unterschiedlichen Partnern<br />

beteiligt.<br />

In nahezu allen Bundesländern ist die<br />

VdF durch Landesverbände vertreten.<br />

Das 4 mal im Jahr erscheinende Heft<br />

französisch heute versteht sich als<br />

ein Forum für den Informations -<br />

fluss zwischen Theorie und Praxis<br />

des Französischunterrichts.<br />

www.fapf.de<br />

Adresse der Geschäftsstelle:<br />

VdF<br />

Am Haanes 15a · 35440 Linden<br />

Tel. 06403-963663


Unterwegs in Frankreich Zentralmassiv<br />

62 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Die elf Werke verteilen sich auf das Gebiet der elf beteiligten<br />

Kommunen. Die Entfernung zwischen den am<br />

weitesten auseinander liegenden Orten beträgt aber nicht<br />

mehr als eine Viertelstunde mit dem Auto. Um aber genug<br />

Zeit für jedes einzelne Kunstwerk zu haben, sollte man ruhig<br />

zwei bis drei Tage für den Besuch im Massif du Sancy<br />

einplanen. Kleine Gästehäuser oder Hotels stehen in ausreichendem<br />

Maße zur Verfügung. Wanderfreunden ist der<br />

« Chemin des crêtes » (ca. sechs Stunden) zu empfehlen, der<br />

zu den Kratern der Vulkane der Auvergne führt. Während<br />

der Horizons <strong>2009</strong> kann man unterwegs aber nicht nur<br />

die einmalige Landschaft genießen, sondern passiert auch<br />

einige der Kunstwerke. Ansonsten ist eine Besichtigung<br />

mit dem eigenen Fahrzeug das Einfachste. Ein kostenloser<br />

Plan, in dem die Ausstellungsstücke eingezeichnet sind,<br />

wird in den örtlichen Fremdenverkehrsämtern verteilt.<br />

Wer schon bei der ersten oder zweiten Ausgabe der Horizons<br />

dabei war, weiß, dass es gerade das Zusammenspiel<br />

zwischen Kunstwerk und Natur ist, das diese Ausstellung<br />

so außergewöhnlich macht. Zu den Höhepunkten im letzten<br />

Sommer gehörte ein Werk von Antoine Quenardel und<br />

Jean-Philipe Teyssier. Die beiden versahen sieben Strohrollen<br />

am Ortsausgang von Egliseneuve-d’Entraigues mit<br />

bemalten Planen, auf denen typische Aktivitäten aus der<br />

Region dargestellt waren. Nach der Ausstellung wurden die<br />

Planen zur Herstellung von Taschen weiterbenutzt, so dass<br />

der Umweltschutzgedanke der Veranstalter erfüllt wurde.<br />

Auch das Werk der deutschen Künstlerin Cornelia Konrads<br />

mit dem Titel « Still life with tree » sorgte im letzten<br />

Sommer für Aufsehen. Ein Haus schien dabei im Untergrund<br />

unterzugehen bzw. aus ihm hervorzukommen. Ein<br />

Baum wuchs symbolträchtig aus einem Fenster heraus. Die<br />

Künstlerin wollte damit an den vulkanischen Ursprung der<br />

Gegend erinnern. Das Dach des Hauses wurde zudem nach<br />

der traditionellen Bauweise des Zentralmassivs gedeckt.<br />

Das Werk erfüllte durch seinen lokalen Bezug perfekt die<br />

Auswahlkriterien der Ausstellung.<br />

In diesem Sommer sind viele Frauen unter den Künstlern,<br />

insgesamt beteiligt an sieben der elf Projekte, sowie<br />

Teilnehmer aus Russland, Israel, Spanien, Deutschland,<br />

den USA und natürlich Frankreich. Und auch <strong>2009</strong> setzen<br />

sich die Künstler wieder mit den geografischen Gegebenheiten<br />

des Massif du Sancy auseinander. Das Werk « Bouillonnement<br />

» spielt mit der Imagination des Betrachters: Aus<br />

einem Teich vor einem Wasserfall steigen große Seifenblasen<br />

aus Plastik empor, die abends sogar beleuchtet werden.<br />

« The Diamond of Sancy » ist ein übergroßer Diamant in<br />

einem Krater. Mit seinem Werk « Sédimentation » will ein<br />

Künstler die Besonderheiten der Landschaft mit Leinentüchern<br />

in verschiedenen Farben betonen.<br />

Das Team aus den USA ruft mit seinem Werk « Weaving<br />

the Landscape » die Tradition der Produktion von Spitze in<br />

der Region ins Gedächtnis. Ein überdimensioniertes Spitzendeckchen<br />

mit einem Durchmesser von über 15 Metern<br />

wird dafür auf dem Rücken eines Berges angebracht, nachdem<br />

es zuvor mit Hilfe der lokalen Schulen der Produktion<br />

Linke Seite von oben nach unten: Beim Werk « Bouillonnement »<br />

von Aurélie Barbey und Laura Ruccolo steigen Seifenblasen<br />

aus Plastik aus dem Teich vor einem Wasserfall empor, die<br />

abends beleuchtet werden. « Weaving the Landscape » des<br />

US-amerikanischen Team Greenmeme (Freya Bardell und<br />

Brian Howe) erinnert an die Tradition der Herstellung von<br />

Spitze im Zentralmassiv. Die Seebrücke von Tanya Preminger<br />

endet in einer Spirale. Ein übergroßer Diamant bildet das<br />

Werk « The Diamond of Sancy » von Maja Spasova.<br />

Rechte Seite oben: Die bemalten Strohballen der<br />

Künstler Antoine Quenardel und Jean-Philipe Teyssier<br />

sorgten im letzten Sommer für Aufsehen. Unten:<br />

« <strong>Mai</strong>ntenant » von Christian Hasucha (Horizons 2008).<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 63


Le Havre<br />

ans<br />

Unterwegs in Frankreich Zentralmassiv<br />

A29/E44<br />

von Spitze hergestellt wurde.<br />

A1/E15-E19<br />

A131<br />

Ungewöhnlich Rouenist auch das Exponat « House of Travel »<br />

A13/E5<br />

des Deutschen Alexander Callsen. Auf einem Feld bei<br />

Saint-Diéry erhebt sich ein zwischen sechs und zwölf Meter<br />

hoher Nachbau des « Haus des Reisens » vom Berliner Alexanderplatz.<br />

Das « Haus des Reisens » war Teil der urbanen<br />

Neugestaltung des berühmten Platzes nach dem Zweiten<br />

A28/E402<br />

A13/E5<br />

Weltkrieg und beherbergte bis zum Fall der Mauer den Sitz<br />

der wichtigsten Reiseagentur der DDR sowie das Büro der<br />

PARIS<br />

Interflug. Für den Hamburger Künstler, der in Berlin lebt,<br />

symbolisiert es die Moderne der DDR, die den Menschen<br />

heute so fremd geworden ist. Um diese Entfremdung zu<br />

verdeutlichen, platziert Callsen die Ikone der sozialistischen<br />

Architektur in die Berge A11/E50 des Massif du Sancy. Ein<br />

A5/E54<br />

inszenierter Bruch zwischen Betonarchitektur und Natur.<br />

A6/E15<br />

Die überwältigende Mehrheit der Besucher im Sommer<br />

Orleans<br />

A16<br />

A4/E50<br />

2008 gab bei Umfragen an, im A10/E5 nächsten Jahr wiederkommen<br />

zu wollen. Es ist deshalb nicht schwer vorherzusagen,<br />

dass auch die dritte Ausgabe der Horizons bestimmt ein Erfolg<br />

werden wird. Suzanne, Nathalie, die elf Bürgermeister<br />

der beteiligten Kommunen und viele andere in der Region<br />

wird es freuen. In der Tat, in der Auvergne gibt es vielleicht<br />

kein Öl, tolle Ideen aber allemal.<br />

Sens<br />

Auxerre<br />

A5/E54<br />

Troyes<br />

Reims<br />

A26/E17<br />

Charleville-<br />

Mézières<br />

Das Werk « House of Travel »<br />

von Alexander Callsen<br />

wird allen Berlinern sofort<br />

bekannt vorkommen. Es ist<br />

ein Nachbau des « Haus des<br />

Reisens » vom Alexanderplatz<br />

inmitten von Kuhwiesen.<br />

Châlons-en-<br />

Champagne<br />

A5/E17-E54<br />

A31/E17-E<strong>21</strong><br />

A28/E502<br />

A10/E5-E60<br />

Chambord<br />

Tours<br />

Monts<br />

A10/E5<br />

Poitiers<br />

Das Massif du Sancy Cheverny<br />

liegt westlich von A71/E9<br />

Clermont-Ferrand, wohin sich aus den<br />

A85<br />

Chenonceau meisten Regionen Deutschlands eine<br />

Anreise via Mulhouse, Beaune und Dijon<br />

bzw. aus Österreich, der Schweiz sowie<br />

dem äußersten Südosten Deutschlands<br />

Bouges-le-Château<br />

via Genf und Lyon anbietet. Von<br />

Clermont-Ferrand gelangt<br />

A20/E9<br />

man über<br />

die D942 und D27 bzw. D2089 und D983<br />

ins Massif du Sancy.<br />

Le Mont-Dore … Sarzay<br />

… Berlin 1.390 km … Hamburg 1.340 km<br />

… Köln 870 km … München 960 km<br />

… Wien 1.390 km … Zürich 650 km<br />

Vézelay<br />

französische TGV-Netz angebunden. Es<br />

bestehen aber gute Verbindungen mit<br />

dem Corail (vergleichbar dem IC). Im<br />

Massif du Sancy haben zwei Orte einen<br />

Bahnhof: La Bourboule und Le Mont-<br />

Dore. Bourges<br />

www.horizons-sancy.com<br />

A71/E11<br />

Office de Tourisme du Sancy<br />

6, avenue du Général Leclerc<br />

63240 Le Mont-Dore<br />

Telefon: +33 (0)4 73 65 35 51<br />

Montluçon<br />

A6/E15<br />

Avallon<br />

Die Horizons <strong>2009</strong> findet vom 1. Juli bis<br />

Dijon<br />

zum 20. September auf dem Gebiet<br />

A38<br />

der Kommunen Besse/SuperBesse, La<br />

Bourboule, Chambon-sur-Lac, Chastreix,<br />

Egliseneuve-d‘Entraigues, Le Mont-Dore,<br />

Murat-le-Quaire, Murol, Picherande,<br />

Saint-Diéry und Saint-Nectaire statt.<br />

Die Werke sind frei zugänglich. Chalon-sur-Seine Das<br />

Fremdenverkehrsamt bietet einen<br />

kostenlosen Plan mit der genauen Lage<br />

der jeweiligen Ausstellungsstücke an.<br />

oulême<br />

Der nächste Flughafen ist in Clermont-<br />

Ferrand. Aus dem deutschsprachigen<br />

Raum existieren allerdings keine<br />

Direktflüge in die Hauptstadt der<br />

Auvergne. Air France bietet Flüge<br />

aus Deutschland, Limoges Österreich und der<br />

Schweiz in die Stadt über die Drehkreuze<br />

in Paris und Lyon an.<br />

A89/E70<br />

A71/E11<br />

Clermont-<br />

Ferrand<br />

A75/E11<br />

A72/E70<br />

A6/E15<br />

Lyon<br />

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64 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong><br />

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Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 65


Kulturschock<br />

66 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Die Kunst der<br />

richtigen Begrüßung<br />

Arme Angela... Es mag merkwürdig klingen, aber dies<br />

war meine erste Reaktion, als ich damals im Fernsehen<br />

das erste offizielle Treffen von Angela Merkel und Nicolas<br />

Sarkozy im Hof des Elysée-Palastes in Paris verfolgte.<br />

Nicht, dass ich im Entferntesten geglaubt hätte, dass sich unser<br />

Präsident, der auf der staatstragendsten Freitreppe des Landes<br />

auf die deutsche Kanzlerin wartete, ihr gegenüber uncharmant<br />

verhalten könnte. Noch, dass er sich innerlich sagen könnte,<br />

dass er das Gala-Essen lieber mit jemand anderem verbringen<br />

würde. Nein, mein Mitleid hatte viel banalere Ursachen und<br />

bezog sich auf eine Alltäglichkeit der deutsch-französischen<br />

Beziehungen. Denn egal, ob Präsident und Kanzlerin oder einfach<br />

nur französischer und deutscher Bürger, die gleiche Frage<br />

stellt sich immer wieder: Wie begrüßt man aneinander, ohne<br />

einen Fauxpas zu begehen?<br />

Als Angela Merkels Limousine vor dem roten Teppich anhielt<br />

und sich die Autotür in einem Blitzlichtgewitter öffnete,<br />

dachte ich mir, dass sicher auch Deutschlands Staatsoberhaupt<br />

vor diesem Dilemma stehen müsste. Denn wenn sich Franzosen<br />

und Deutsche begegnen, gibt es am Anfang immer<br />

diesen Moment der Unsicherheit. Wie würde das Gegenüber<br />

den Kontakt wohl einleiten? Würde Sarkozy, wie sein Amtsvorgänger,<br />

Merkel mit einem höflichen Handkuss – wobei<br />

die Hand aber nicht wirklich mit dem Mund berührt werden<br />

darf – empfangen oder eher mit einem Küsschen rechts und<br />

links auf die Wange begrüßen, so wie es Franzosen mit guten<br />

Freunden üblicherweise machen? Oder würde er ihr gar nur<br />

die Hand reichen, was wohl in Deutschland gute Sitte wäre?<br />

Die Kunst der richtigen Begrüßung ist keine leichte.<br />

Wie oft ist es mir schon passiert, dass ich einem Deutschen<br />

gegenüberstand und nicht wusste, wie ich mich verhalten<br />

sollte. Die in Deutschland unter guten Freunden oft<br />

vorherrschende Umarmung gibt es in meiner Kultur nicht.<br />

Die ganze Angelegenheit ist weniger trivial, als man meinen<br />

mag. So geschah es häufig, dass mir gute französische Freunde<br />

in Deutschland ihre guten deutschen Freunde vorstellten,<br />

beispielsweise anlässlich eines gemeinsamen Abendessens.<br />

Als Franzose sind die guten Freunde guter Freunde zugleich<br />

gute eigene Freunde. In Frankreich würde ich sie also genauso<br />

begrüßen, wie meine eigenen guten Freunde.<br />

Anfangs ging ich deshalb unbefangen an diese Herausforderung<br />

heran und setzte zum obligatorischen Küsschengeben<br />

an. Doch ohne zu wissen, wie mir geschah, spürte ich dann<br />

plötzlich die Hand meines Gegenübers auf meinem Rücken.<br />

Was sollte das bedeuten? Schnell musste ich reagieren und<br />

meinen Kopf, der bereits auf die Wange meines Gegenübers<br />

zielte, geschickt wieder zur Seite hin bewegen. Schließlich<br />

wollte ich weder meine « neuen » Freunde in Verlegenheit bringen,<br />

noch mich gänzlich blamieren.<br />

Doch selbst dann war die Hürde noch nicht wirklich<br />

genommen. Denn wie umarmt man sein Gegenüber richtig?<br />

Schließlich wurde uns das nie beigebracht. Während diese<br />

Geste für Deutsche ganz natürlich erscheint, war sie für mich<br />

äußerst exotisch. Soll man seine Hand nur sachte auflegen<br />

oder soll man den Rücken leicht streicheln oder lieber leicht<br />

klopfen? Oder muss man sein Gegenüber sogar an die Brust<br />

drücken? Wie lange soll man in dieser Position überhaupt innehalten?<br />

Fragen über Fragen. Und selbst wenn ich inzwischen<br />

ein wenig mehr Übung darin habe, bleibt dieser Moment der<br />

Begrüßung unverändert ein schwieriger Augenblick für mich,<br />

in dem ich mich sehr verunsichert fühle.<br />

Deshalb tröstet es mich ein wenig, wenn mir meine deutschen<br />

Freunde ihrerseits von ihrer Verunsicherung in Frankreich<br />

erzählen. Denn selbst die Kunst des Küsschengebens ist<br />

nicht ganz banal. Zunächst verwundert es viele Deutsche, dass<br />

man nicht nur bei einem Treffen zu zweit oder zu dritt diese<br />

Begrüßungsart wählt, sondern auch bei größeren Gruppen. So<br />

kann es bei einer Einladung zu einer Party passieren, dass man<br />

am Anfang erst einmal zehn bis zwanzig Leute mit Küsschen<br />

begrüßen muss. Gleiches Szenario jeden Morgen am Arbeitsplatz,<br />

wo man zumindest den engeren Kollegen selbstverständlich<br />

auf diese Art und Weise einen guten Tag wünscht.<br />

Aber die schwierigste Hürde – gerade für Ausländer – ist die<br />

Frage nach der richtigen Anzahl der Küsschen. Sind es zwei,<br />

drei oder vier? Eine fehlende Synchronisation kann nämlich<br />

genauso zu peinlichen Situationen führen, wie eine missratene<br />

Umarmung.<br />

Es gibt diverse Thesen zu diesem Thema. Manche behaupten,<br />

dass man im hektischen Paris zwei Küsschen gibt, in der<br />

geruhsameren Provinz dagegen vier. In der Realität trifft man<br />

häufig jedoch auch drei Küsse an, egal ob Hauptstadt oder Provinz.<br />

Um ehrlich zu sein, es gibt keine wirkliche Regel. Alles<br />

hängt vom Moment ab, von den Vorlieben der Beteiligten, von<br />

der Atmosphäre. Nur Männer untereinander haben es einfach.<br />

Wenn sie weder verwandt, noch extrem eng befreundet sind,<br />

geben sie sich einfach die Hand. Wie einfach das Leben doch<br />

sein könnte...<br />

Angela und Nicolas haben sich übrigens mit Küsschen<br />

auf die Wange begrüßt. Allerdings weiß ich nicht mehr, wie<br />

viele es waren. Aber hat man diese Grundsatzfrage zwischen<br />

Deutschen und Franzosen erst einmal geklärt, wird jedes neue<br />

Treffen zu einem Kinderspiel.<br />

Die Zeichnung in der letzten Ausgabe war eine Reminiszenz an Edward Hopper. Und dieses Mal?<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 67


Frankreich heute Gustave Eiffel<br />

68 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


120 Jahre Eiffelturm:<br />

Wer war Gustave Eiffel?<br />

Zur Pariser Weltausstellung von 1889 wurde er am<br />

15. <strong>Mai</strong> als unbestrittene Hauptattraktion eröffnet:<br />

der Eiffelturm. Das Wahrzeichen von Paris feiert nun<br />

seinen 120. Geburtstag, was die Pariser Stadtverwaltung<br />

zum Anlass nimmt, mit einer Ausstellung dem Mann zu<br />

gedenken, dessen Name zwar weltberühmt, dessen<br />

Lebensweg den meisten aber unbekannt ist.<br />

Oft sind Jubiläen mehr oder weniger<br />

verpflichtende Anlässe,<br />

eines Ereignisses zu gedenken,<br />

nur weil der Kalender es gerade fordert.<br />

Selten sind sie Gelegenheit, etwas<br />

wirklich Neues zu erfahren. So hätte es<br />

auch anlässlich der Feierlichkeiten zum<br />

120. Geburtstag des Eiffelturms werden<br />

können. Ein Konzert, eine Lichtshow,<br />

ein Fototermin für die VIPs – das<br />

hätte es gewesen sein können. Die<br />

Stadtverwaltung von Paris, die den Betrieb<br />

des Eiffelturms längst an ein privates<br />

Unternehmen vergeben hat, jedoch<br />

immer noch Eigentümerin des<br />

Turmes ist, wollte aber mehr als einen<br />

feierlichen Abend.<br />

Sie widmet dem Bauwerk und vor<br />

allem seinem Erbauer deshalb eine große<br />

Ausstellung, in der man einen Mann<br />

kennenlernen kann, der mit seinem bemerkenswerten<br />

Erfindergeist nicht nur<br />

100 Brücken entworfen hat (darunter<br />

auch eine futuristische Unterwasserbrücke<br />

im Ärmelkanal!), sondern der auch<br />

für seine Versuche in der Erforschung<br />

der Aerodynamik berühmt ist. Gustave<br />

Eiffel entwickelte sogar schon vor 100<br />

Jahren ein erstes Jagdflugzeug und ist<br />

vielleicht ein den wirklichen physikalischen<br />

Gesetzen verhaftetes Gegenstück<br />

zu Jules Verne. Jemand, der die<br />

Gesellschaft der Zukunft imaginieren<br />

konnte.<br />

Die Ausstellung « Gustave<br />

Eiffel, le Magicien du fer » (dt.<br />

Gustave Eiffel, der Eisenzauberer)<br />

zeigt den Konstrukteur<br />

als einen Mann, der sein Leben<br />

lang die Grenzen des technisch<br />

Machbaren austestete. Gleichzeitig<br />

wird darauf verwiesen,<br />

wie sehr er ein Kind des konservativen<br />

Bürgertums war, dessen<br />

Gewohnheiten und gesellschaftliche<br />

Codes er durch seinen Lebensstil repräsentiere.<br />

Eiffel war ein Lebemann. Sein<br />

enormer Geschäftssinn brachte ihm<br />

schnell ein beträchtliches Vermögen<br />

ein, das ihm ein sorgenfreies Leben ermöglichte.<br />

In den 1890er-Jahren besaß<br />

er mehrere Häuser in bester Lage. Sein<br />

Hauptwohnsitz in der Pariser Rue Rabelais<br />

war ein prächtiges Gebäude, das<br />

für seine luxuriöse Möblierung bekannt<br />

war. Außerdem gehörten ihm die « Villa<br />

Salles » an der Côte d’Azur, die « Villa<br />

Claire » im schweizerischen Vevey und<br />

schließlich das « Château des Bruyères »<br />

in Sèvres, in der unmittelbaren Umgebung<br />

von Paris, das für ihn ein Ort der<br />

Stille und des Rückzugs bildete.<br />

Ich, Gustave Eiffel!<br />

Eiffel war ein eitler Mann. Im<br />

Laufe seines Lebens kreierte er einen<br />

wahren Kult um sich selbst, posierte<br />

für die Fotografen und schnitt tatsächlich<br />

alle von ihm in den Zeitungen erschienen<br />

Beiträge und Notizen aus, um<br />

sie fein säuberlich zu ordnen und zu<br />

archivieren. Kein einziger Brief, kein<br />

einziger Artikel über ihn, der nicht<br />

so behandelt wurde. Am deutlichsten<br />

wird die Selbstverliebtheit in seiner<br />

dreibändigen Biographie, die sein<br />

wissenschaftliches und industrielles<br />

Schaffen nach zeichnet. Er hat sie von<br />

eigener Hand verfasst und spricht darin<br />

von sich selbst durchgehend in der<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 69


Frankreich heute Gustave Eiffel<br />

dritten Person. In dem Kapitel über den<br />

Eiffelturm schreibt er beispielsweise:<br />

« Der Turm ist das Hauptwerk des<br />

Monsieur Eiffel und symbolisiert seine<br />

Stärke und seine große Fähigkeit,<br />

Schwierigkeiten zu überwinden. »<br />

Wer kann es aber Eiffel verdenken,<br />

sich an seinem Genie zu erfreuen? Der<br />

Mann war schlicht und einfach ein außergewöhnlicher<br />

Zeitgenosse. Das unterstrich<br />

auch der Pariser Bürgermeister<br />

Bertrand Delanoë bei der Ausstellungseröffnung:<br />

« Europa, Asien, Amerika<br />

und Afrika, sie alle tragen die Spuren<br />

des genialen Geistes von Gustave Eiffel.<br />

Ein Erfinder, der mit großen Kunstwerken<br />

dazu beigetragen hat, die Technikgeschichte<br />

der Welt neu zu schreiben. »<br />

Die erste Karriere<br />

als Konstrukteur und<br />

Geschäftsmann<br />

In der zweiten Hälfte des 19.<br />

Jahrhunderts entwarf Eiffel landauf,<br />

landab kühne Stahlgebäude: Brücken<br />

und Viadukte, Dachkonstruktionen<br />

für Kirchen und Wohnhäuser sowie<br />

für öffentliche Gebäude (zum Beispiel<br />

das Kaufhaus Le Bon Marché<br />

in Paris). Die Karriere begann mit<br />

dem ersten großen Auftrag, den er als<br />

Angestellter für ein belgisches Unternehmen<br />

1858 übernahm: den Bau<br />

der Eisenbahnbrücke von Bordeaux.<br />

Mit ihrer Länge von 500 Metern war<br />

sie eine der wichtigsten Konstruktionen<br />

des damaligen Frankreichs. Die<br />

große Herausforderung, die dieser<br />

Auftrag bedeutete, meisterte der erst<br />

26-jährigen Eiffel mit Bravour. Der<br />

gute Ruf, den er sich mit dem Bau<br />

erwarb, ließ weitere Großaufträge<br />

folgen.<br />

1866 eröffnete er sein eigenes<br />

Konstruktionsbüro in Levallois-<br />

Perret bei Paris und perfektionierte<br />

fortan die Bauingenieurskunst. Seine<br />

Methode, Brücken ohne Gerüst zu<br />

bauen und ihre zwei Teile bis zum<br />

Zusammenfügen in der Mitte frei<br />

schwebend zu errichten, war eine<br />

Premiere in der damaligen Zeit.<br />

Außerdem interessierte sich Gustave<br />

Eiffel schon damals für die Berech-<br />

Die Krönung einer Karriere:<br />

der Eiffelturm<br />

Die Idee, einen gigantischen Turm zu errichten, um den<br />

technischen Fortschritt zu feiern (und vielleicht auch, um<br />

sich seiner zu vergewissern), war schon seit 1830 in Amerika<br />

und Europa im Umlauf. Konkret wurde sie anlässlich<br />

der Pariser Weltausstellung von 1889. Gustave Eiffel war<br />

davon anfangs gar nicht überzeugt. Als ihm 1884 zwei seiner<br />

Ingenieure, Maurice Köchlin und Emile Nouguier, das<br />

Projekt vorstellten, winkte er ab. Erst als er die Entwürfe<br />

von Stephen Sauvestre sah, begann er sich für den Turm zu<br />

begeistern und enthusiastisch einzusetzen.<br />

Damals wurde für Paris das Projekt eines « Sonnenturms »<br />

geplant. Er sollte ein monumentales Glanzstück der Bauingenieurskunst<br />

sein sowie eine Art Kurort für Kranke, denn<br />

Ende des 19. Jahrhunderts ging man davon aus, dass Luft in<br />

einigen hundert Metern Höhe heilend wirke. Den Wettbewerb<br />

für dieses Vorhaben gewann Eiffel. Er überzeugte mit<br />

seinem Vorschlag, auf dem Marsfeld einen Turm zu errichten,<br />

der am Sockel eine Seitenlänge von 125 Metern haben<br />

würde und 300 Meter in die Höhe reichen sollte.<br />

Eiffels unternehmerisches Geschick schlug auch bei dem<br />

Turm voll durch. Er hatte sich die Konstruktionsweise auf<br />

seinen Namen patentieren lassen und finanzierte das Projekt<br />

fast vollständig aus eigenen Mitteln. Im Gegenzug erhielt er<br />

das Recht, den Turm 20 Jahre lang wirtschaftlich zu nutzen.<br />

Die Bauarbeiten begannen am 1. Januar 1887 und dauerten<br />

nur 26 Monate. Eine technologische Meisterleistung.<br />

Der heikelste Moment war die Verbindung der vier<br />

Grundpfeiler auf der ersten Etage. Hier musste millimetergenau<br />

gearbeitet werden, damit die Stabilität des Turms<br />

nicht gefährdet würde. Die Ingenieure stellten tausende<br />

Berechnungen an und ließen von jedem der 18.000 verschiedenen<br />

Bauteile eine Zeichnung anfertigen. Eiffels Fabrik in<br />

Levallois lieferte auf dieser Basis die Bauelemente. Am 31.<br />

März 1889, ganz so wie Eiffel es vorgesehen hatte, waren die<br />

Bauarbeiten abgeschlossen und der Konstrukteur ließ auf der<br />

Spitze die französische Fahne hissen. Während der sechs<br />

Monate der Weltausstellung besuchten 1.953.122 Menschen<br />

den Turm, was als ein unglaublicher Erfolg gefeiert wurde.<br />

70 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


nungen von Windeffekten und begründete<br />

mit seinen Untersuchungen<br />

die Aerodynamik.<br />

Im <strong>Mai</strong> 1875 beteiligte sich<br />

Eiffel an einer internationalen Ausschreibung<br />

für eine wichtige Eisenbahnbrücke<br />

über den Douro in Portugal.<br />

Er entwarf einen Bogen von<br />

160 Metern, der wieder ohne Baugerüst<br />

errichtet werden sollte. Die<br />

Technik war so innovativ, dass seine<br />

Firma in der Folge einen Großauftrag<br />

nach dem anderen bekam.<br />

Darunter die Eisenbahnbrücke von<br />

Cantal, deren Viadukt das Truyère-<br />

Tal in einer Höhe von 122 Metern<br />

überspannt.<br />

Der gute Ruf Eiffels machte ihn<br />

landesweit bekannt, so dass andere<br />

große Köpfe auf ihn aufmerksam<br />

wurden. 1879 bat ihn der Bildhauer<br />

Frédéric-Auguste Bartholdi, für die<br />

New Yorker Freiheitsstatue die Statik<br />

zu berechnen. Zur gleichen Zeit<br />

verfolgte der geschäftstüchtige Konstrukteur<br />

eine ganz andere – ziemlich<br />

lukrative – Idee. Er entwickelte<br />

transportable Brücken, die in ihre<br />

Einzelteile zerlegt und einfach von<br />

einem Ort zum anderen transportiert<br />

werden konnten. Der Erfolg in der<br />

ganzen Welt war riesig und bescherte<br />

Eiffel ein erstes hübsches Vermögen.<br />

Noch bis in die 1940er-Jahre wurden<br />

die transportablen Brücken à la Eiffel<br />

produziert.<br />

Der Panama-Skandal<br />

als Wendepunkt<br />

Im Jahr 1887, als die Arbeiten zum<br />

Eiffelturm schon gut vorangeschritten<br />

waren, unterzeichnete Eiffel den wichtigsten<br />

Vertrag in seinem Leben als<br />

Geschäftsmann – den Bau der Schleusen<br />

des Panama-Kanals. In seiner<br />

beharrlichen Art hatte er die Auftraggeber<br />

von seinem Konzept überzeugen<br />

können. Da die Passage auf einer<br />

Ebene nicht möglich war, wollte er<br />

zehn Schleusen bauen, um die Höhenunterschiede<br />

des Kanals überwinden<br />

zu können. Die Gesellschaft, die den<br />

Bau des Panama-Kanals betrieb, war<br />

finanziell schon angeschlagen, bot ihm<br />

Seite 68: Pariser Impressionen des<br />

Fotokünstlers Man Ray: « La Ville » (1936).<br />

Seite 69: Portrait Gustave Eiffels<br />

aus dem Jahre 1889.<br />

Linke Seite: Fotographie<br />

eines Blitzeinschlages in den Eiffelturm am 3. <strong>Juni</strong> 1902.<br />

Oben links und rechts: Futuristische Entwürfe für den Eiffelturm zur Weltausstellung 1900.<br />

Trotzdem gaben die Vorgaben für die Weltausstellung<br />

von 1900 den Architekten die Freiheit, bei ihren neuen Entwürfen<br />

den Eiffelturm umzugestalten oder gar abzureißen.<br />

Nicht wenige Vorschläge sahen genau das vor. Eines der<br />

verrücktesten Projekte darunter war sicherlich, den Turm<br />

als eine Art Aufhängung für eine gigantische Plattform zu<br />

benutzen, auf der in 300 Metern Höhe ein ganzes Dorf mit<br />

Straßen und Begrünung errichtet werden sollte. Selbst ein<br />

Wasserfall war vorgesehen, der sich von der Plattform in<br />

die Seine ergießen sollte.<br />

Letztlich rettete eine ganz praktische Überlegung den<br />

Eiffelturm vor dem Abriss: Man benötigte ihn, um auf<br />

seiner Spitze ein System für die kabellose Telegraphie zu<br />

installieren. Während des Ersten Weltkrieges war diese<br />

Technik von entscheidendem strategischen Vorteil: Dank<br />

der sicheren Kommunikation, die über den Telegraphen ermöglicht<br />

wurde, konnte General Gallieni 1914 die Marne-<br />

Gegenoffensive geheim koordinieren. Bis 1930 war der Eiffelturm<br />

das höchste Gebäude der Welt, bis es vom Chrysler<br />

Building in New York abgelöst wurde.<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 71


Frankreich heute Gustave Eiffel<br />

Eiffelturm oder Bonickausenturm?<br />

Die Geschichte ist so unglaublich, dass man sie für einen<br />

Witz halten muss. Es ist aber wahr: Beinahe hätte der Eiffelturm<br />

Bonickausenturm geheißen. Eiffel wurde nämlich nicht<br />

mit dem Namen Gustave Eiffel geboren. Am 15. Dezember<br />

1832 kam er in Dijon als Gustave Bonickausen zur Welt. Er<br />

entstammte einer deutschen Familie aus dem Rheinland.<br />

Der Nachname ist in Frankreich durch den Geburtsnamen<br />

vorgegeben und es ist – außer durch Heirat oder Adoption<br />

– fast unmöglich, ihn zu ändern. Nur ein langes behördliches<br />

Verfahren erlaubt es, einen anderen Nachnamen<br />

anzunehmen. Der Prozess ist sehr kompliziert und bedarf<br />

immer eines besonderen Anlasses. Gustave Bonickausen,<br />

dessen Familie sich schon länger Eiffel nannte, erklärte<br />

diese Absicht 1878 in einem Schreiben an den Justizminister.<br />

Darin bat er, seinen Namen offiziell in Gustave Eiffel<br />

ändern zu dürfen. Der neue Nachname erinnerte an die<br />

Ursprungsregion seiner Vorfahren, die Eifel. Hier der Text<br />

des Schreibens, dessen Original heute im Nationalarchiv<br />

aufbewahrt wird. 1880 gaben die Behörden seiner Bitte<br />

statt – neun Jahre vor dem Bau des Turmes, den alle Welt<br />

als Eiffelturm kennt.<br />

«<br />

Paris, 30. Oktober 1878<br />

(…) Mein glaubhaftes Interesse, das sich Ihnen, Herr Minister,<br />

sicherlich leicht erschließt, ist der Umstand, dass der Name<br />

Bonickausen einen deutschen Klang hat, der Zweifel an meiner<br />

Nationalität als Franzose aufkommen lassen kann, und dass<br />

dieser einfache Zweifel mir den größten persönlichen wie wirtschaftlichen<br />

Nachteil einbringt.<br />

Seit dem letzten Krieg sind die Gefühle der Antipathie gegen<br />

die Deutschen, die aus den schmerzhaften Ereignissen der Jahre<br />

1870 und 1871 herrühren, derart negativ, dass sie, wie Sie<br />

wissen, einen generellen Verdacht gegen Ausländer dieser Nationalität<br />

hervorrufen; so sehr, dass man zögert, einen Auftrag oder<br />

eine Bestellung bei einem Deutschen aufzugeben. Mehr noch,<br />

wir sind heute diesen unglücklichen Zeiten noch immer so nah,<br />

dass es eine Beleidigung ist, wenn man eine Person « Preuße »<br />

nennt. (…)<br />

Unter diesen Umständen, darin werden Sie mir zweifellos<br />

zustimmen, Herr Minister, ist es von besonderer Dringlichkeit<br />

für das Wohl meiner Familie, meine hier vorgetragene Bitte zu<br />

prüfen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass der Unterschied zu<br />

den Sie täglich erreichenden Anträgen auf Namensänderung darin<br />

besteht, dass meine Bitte aus keinerlei Eitelkeit heraus gestellt<br />

wird (…), denn ich ersuche Sie nur, den einen Namen tragen zu<br />

dürfen, für den meine Familie seit Generationen bekannt ist. Ich<br />

bitte Sie um die Erlaubnis, einen Namen ablegen zu dürfen, der<br />

nicht mehr gebräuchlich ist, den jedermann ignoriert und den ich<br />

zu ändern bitte, um mich von Unannehmlichkeiten zu befreien,<br />

den die deutsche Herkunft dieses Namens für mich bedeutet. Ich<br />

spreche hier aus einem Gefühl, das Sie, glaube ich, gut nachempfinden<br />

können. Ich füge hinzu, dass keine dritte Person gegen<br />

meine Bitte etwas einzuwenden hat und dass niemand damit<br />

den geringsten Eigennutz verbindet.<br />

Aus diesen Gründen bitte ich in aller Form um die Erlaubnis,<br />

in meinem und meiner Kinder Nachnamen den Namen Bonickhausen<br />

zu löschen und in der Zukunft den folgenden Namen<br />

tragen zu dürfen: Eiffel.<br />

In der Hoffnung, dass Sie sich meinem Ersuchen mit Wohlwollen<br />

annehmen, bin ich mit aller Ehrerbietung, Herr Minister,<br />

Ihr achtungsvoller und sehr ergebener Diener<br />

G. Bonickausen genannt Eiffel.<br />

»<br />

Links: Ein großer Erfolg für Gustave<br />

Eiffel: Die spektakuläre Montage der<br />

Brücke über den Douro im Jahre 1875.<br />

Rechte Seite: Queransicht des ersten<br />

Windkanals, den Gustave Eiffel für<br />

seine Forschungen errichten ließ.<br />

Ausstellung<br />

« Gustave Eiffel, le Magicien du fer »<br />

06. <strong>Mai</strong> bis 31. August <strong>2009</strong><br />

Hôtel de Ville, Paris<br />

72 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


aber ein Honorar von 125 Millionen<br />

Francs. Das war 15-mal mehr, als er<br />

für den Bau des Eiffelturms erhalten<br />

hatte. Eiffel akzeptierte umgehend.<br />

Die Arbeiten wurden per Anteilszeichnung<br />

von Gläubigern finanziert,<br />

jedoch scheiterte das Konstrukt und<br />

führte zum « Skandal von Panama »,<br />

infolgedessen die Baugesellschaft<br />

Konkurs anmelden musste und viele<br />

kleine Sparer um ihr Erspartes gebracht<br />

wurden. Als man Unregelmäßigkeiten<br />

im Management feststellte, geriet auch<br />

Eiffel unter den Verdacht der Untreue,<br />

wurde aber später von allen Vorwürfen<br />

frei gesprochen. Wenn er die Kalkulation<br />

auch sehr zu seinen Gunsten<br />

aufgestellt hatte, funktionierten seine<br />

Schleusen doch einwandfrei. Das<br />

Panama-Abenteuer hinterließ deutliche<br />

Spuren und im Alter von 61 Jahren<br />

entschied sich Eiffel, seine Tätigkeit<br />

als Geschäftsmann ruhen zu lassen und<br />

sich fortan der Forschung zu widmen.<br />

Die zweite Karriere: der<br />

Wissenschaftler Eiffel<br />

Seit den 1890er-Jahren begann<br />

Gustave Eiffel eine rege Forschungstätigkeit<br />

und wendete sich vor allem dem<br />

Phänomen des Windes zu, mit dem<br />

er als Konstrukteur schon so häufig zu<br />

kämpfen hatte. Er stellte eine Reihe von<br />

Experimenten an und nutzte dabei seinen<br />

Eiffelturm. Auf der zweiten Etage<br />

installierte er einen « Fall-Apparat », um<br />

aus 115 Metern Höhe das Verhalten von<br />

Luftwiderstand und Fallgeschwindigkeit<br />

zu untersuchen. Die bahnbrechenden<br />

Erkenntnisse, die er aus diesen Experimenten<br />

zog, stellten die physikalischen<br />

Gewissheiten seiner Zeit auf den Kopf.<br />

Lange schon hatte ihn die Idee<br />

umgetrieben, Wind selbst zu erzeugen,<br />

um ihn untersuchen zu können.<br />

Dementsprechend ließ er auf dem<br />

Marsfeld von Paris eine Windmaschine<br />

errichten, die wohl der erste Windkanal<br />

der Geschichte war. Er testete in ihm<br />

verschiedene Flugzeugmodelle auf ihre<br />

aerodynamischen Eigenschaften hin.<br />

Er erkannte zum Beispiel, dass die<br />

Welle die beste Form ist, dem Wind zu<br />

widerstehen, und nicht, wie man bis dahin<br />

angenommen hatte, die Spitze. Er<br />

zeigte auch, dass der Windwiderstand<br />

bei um 37 Grad geneigten Flächen<br />

am geringsten ist. 1912 baute Eiffel in<br />

Auteuil eine Windmaschine, die eine<br />

Windgeschwindigkeit von bis zu 100<br />

Stundenkilometern erzeugen konnte.<br />

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, untersuchte<br />

das Labor hauptsächlich die<br />

Windeigenschaften von Panzern. Dort<br />

konstruierte Eiffel auch den ersten<br />

Jagdflieger. Das Fluggerät ging aber nie<br />

in Produktion, weil der Prototyp mit<br />

der Unerfahrenheit seines ersten Testpiloten<br />

zerschellte.<br />

Am 27. Dezember 1923 starb Gustave<br />

Eiffel in Paris im Alter von 91<br />

Jahren. Bei seiner Beisetzung begleitete<br />

eine große Menschenmenge den Sarg<br />

zum Friedhof Levallois-Perret. Er wäre<br />

vermutlich sehr stolz darauf gewesen,<br />

dass sein Turm ihn um so viele Jahrzehnte<br />

überlebte und zum Wahrzeichen<br />

von Paris – und eigentlich ganz Frankreichs<br />

– geworden ist.<br />

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Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 73


Frankreich Heute Überseegebiete<br />

Überseegebiete<br />

in der Krise<br />

Die französischen Überseedepartements (DOM) und -territorien (TOM) wurden in den letzten<br />

Monaten von sozialen Unruhen erschüttert. Zahlreich gingen die Menschen dort auf die Straße<br />

und ein Generalstreik legte das öffentliche Leben lahm. Zwar hat sich die Situation inzwischen<br />

wieder beruhigt, doch ist der Reflex, einfach mehr Geld aus Paris zu überweisen, eine wirkliche<br />

Lösung der Probleme?<br />

La Gwadloup sé tan nou, la Gwadloup a pa ta yo (dt.<br />

Guadeloupe gehört uns, Guadeloupe gehört nicht<br />

Euch). Diesen Spruch sah man in letzter Zeit oft bei<br />

Demonstrationen auf der Karibikinsel. Angefangen hatte alles<br />

mit der Ausrufung eines Generalstreiks am 19. Januar<br />

durch ein « Kollektiv gegen das teure Leben », hinter dem<br />

sich die wichtigsten Gewerkschaften der Insel verbargen.<br />

Wenn es bei den Kundgebungen vor allem um einen Protest<br />

gegen die zu hohen Lebenshaltungskosten ging, schwang bei<br />

diesen Plakaten auch ein Aufruf zur Unabhängigkeit mit.<br />

Auf jeden Fall zeigen die Ereignisse der jüngsten Zeit, dass<br />

sich die französischen Überseegebiete allgemein in einer<br />

starken Krise befinden.<br />

Es wird höchste Zeit, dass dies das französische Mutterland<br />

erkennt. Mehr und mehr Politiker in Paris nehmen<br />

die Probleme der Überseegebiete aber inzwischen ernst.<br />

Und auch die französische Bevölkerung ist langsam für<br />

die Situation sensibilisiert, selbst wenn das französische<br />

Fernsehen in der Berichterstattung den Generalstreik und<br />

die Demonstrationen auf den Straßen am Anfang völlig zu<br />

ignorieren versuchte.<br />

Es wäre allerdings zu simpel, die letzten Monate nur<br />

mit einem konfliktgeladenen Verhältnis zwischen Mutterland<br />

und « Kolonien », als die sich die meisten DOM/TOM<br />

selbst gar nicht sehen, zu erklären. Im Mutter land merkt<br />

man aber, dass die Präsenz rund um den Erdball teuer<br />

werden kann, noch teurer als heute schon. Die 2,5 Millionen<br />

Franzosen, die in den Überseegebieten leben, fordern<br />

schließlich die Solidarität der ganzen Nation. Sie kämpfen<br />

dagegen, aufgrund der geografischen Distanz zu Bürgern<br />

zweiter Klasse zu werden. Sie wollen in der allgemeinen<br />

Weltwirtschaftskrise nicht vergessen werden.<br />

Besonders erschreckt hat viele aber, welche Ausmaße<br />

die sozialen Spannungen in Guadeloupe annehmen konnten.<br />

Das Departement war tagelang komplett lahmgelegt.<br />

Auslöser waren Proteste gegen einen zu hohen Benzinpreis.<br />

Barrieren blockierten infolge die Straßen, so dass bald kein<br />

Warenverkehr mehr möglich war. Dies führte zur Schließung<br />

von Geschäften, da sie keinen Nachschub mehr erhielten.<br />

Ebenso die Tankstellen. Die Einwohner mussten<br />

manchmal kilometerweit laufen, um ihrer Arbeit nachgehen<br />

zu können. Manche Betriebe stellten ihre Aktivitäten<br />

sogar ganz ein. Die Post lieferte keine Briefe mehr aus. Eine<br />

ganze Insel versank im Chaos.<br />

Acht lange Tage passierte gar nichts. Die französischen<br />

Medien nahmen von diesem Chaos noch nicht einmal rich-<br />

74 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


tig Notiz. Wie ist ein solches Schweigen zu erklären? Wenn<br />

nicht damit, dass es sich bei Guadeloupe um ein Departement<br />

in Übersee handelt. Man stelle sich vor, ein Departement<br />

im Mutterland würde tagelang blockiert. Es wäre<br />

wohl wenig wahrscheinlich, dass die Ordnungskräfte nicht<br />

eingegriffen oder die Politiker keine Maßnahmen zur Konfliktlösung<br />

eingeleitet hätten. Und mit Sicherheit hätten die<br />

Medien groß davon berichtet. Dies zeigt, mit welcher Ignoranz<br />

die Überseegebiete teilweise zu kämpfen haben.<br />

Es dauerte nicht lange und die Spannungen dehnten<br />

sich auf andere Überseedepartements aus, zuerst nach Martinique,<br />

dann nach La Réunion. Die Unruhen wurden zu<br />

einer Krise der DOM/TOM. Nach einigen konfliktreichen<br />

Wochen, während derer sich die Medien schließlich immer<br />

mehr des Themas annahmen, kam es zu einer scheinbaren<br />

« Lösung » des Problems: Der französische Staat erhöhte<br />

seine Zahlungen an die Überseegebiete. So, wie er es in<br />

früheren Jahren in ähnlichen Krisen immer getan hat. Die<br />

Gemüter wurden damit erst einmal beruhigt. Aber wie lange<br />

wird das anhalten? Liegen die Probleme nicht viel tiefer?<br />

<strong>2009</strong> werden jedenfalls 16,7 Milliarden Euro in die<br />

Überseegebiete fließen, bei einem Gesamthaushalt Frankreichs<br />

von 292<br />

Milliarden Euro,<br />

also etwas weniger<br />

als sechs Prozent.<br />

Keine kleine Summe,<br />

insbesondere<br />

wenn man bedenkt,<br />

dass nur<br />

rund vier Prozent<br />

der Franzosen in<br />

den DOM/TOM<br />

leben. Dennoch<br />

reicht das Geld für<br />

eine ausreichende<br />

w i r t scha f t l ic he<br />

Mayotte wird das 101. französische Departement<br />

Entwicklung der<br />

Ü b erseegebiete<br />

nicht aus. Was ist<br />

der Grund dafür? Wird das Geld nicht richtig eingesetzt?<br />

Oder ist die Wurzel der Probleme vielleicht gar nicht ökonomischer<br />

Art? Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo<br />

dazwischen.<br />

Unstrittig ist jedoch die wirtschaftliche Misere in den<br />

Überseedepartements. In Guadeloupe beträgt die Arbeitslosenquote<br />

über 22 Prozent, in Martinique um die <strong>21</strong> Prozent,<br />

in La Réunion über 24 Prozent, während sie für ganz<br />

Frankreich bei nur rund 8,5 Prozent liegt. Der Unterschied<br />

ist eindeutig. Und obwohl die Überseedepartements als<br />

gleichwertiger Bestandteil des Mutterlandes – kein Franzose<br />

würde die Bezeichnung « Kolonie » akzeptieren – gelten,<br />

sind sie in Zollfragen nicht gleichgestellt.<br />

Denn in fiskalischen Angelegenheiten sind sie nicht Teil<br />

des europäischen Gemeinschaftsgebiets, sondern « Ausland<br />

». Exportprodukte aus dem französischen Mutterland<br />

werden deshalb nicht selten empfindlich teuer. Bei Kosmetikartikeln<br />

wird zum Beispiel rund 30 Prozent des Warenwertes<br />

als Zoll erhoben. Die im Vergleich zum Mutterland<br />

in den Überseegebieten viel höheren Lebenshaltungskosten<br />

gewinnen noch zusätzlich an Brisanz, da die dortigen Einkommen<br />

nicht mithalten können.<br />

Das ökonomische Gefälle zeigt sich auch beim Bruttoinlandsprodukt<br />

pro Einwohner: 15.747 Euro für die<br />

DOM gegenüber 28.7<strong>21</strong> Euro für ganz Frankreich. Lange<br />

Zeit hat das Mutterland die Überseegebiete ermutigt, eine<br />

recht einseitige, auf dem Export (Zucker, Bananen, Rum<br />

etc.) aufbauende Wirtschaft zu entwickeln, was zu einer<br />

großen Abhängigkeit führte. Auch im Tourismus wird dies<br />

sichtbar. Ein Beispiel bieten dafür zwei Inseln im Indischen<br />

Ozean: Während das unabhängige Mauritius Touristen aus<br />

aller Welt empfängt, reisen ins benachbarte französische La<br />

Réunion fast nur Franzosen. Auf der anderen Seite darf aber<br />

nicht verschwiegen werden, dass der Lebensstandard in den<br />

Überseegebieten meist viel höher als in der unmittelbaren<br />

Nachbarschaft ist. Zudem ist die Infrastruktur besser.<br />

Doch die Spannungen der letzten Monate zeigen<br />

noch mehr als die wirtschaftlichen Probleme. Sie machen<br />

deutlich, dass die<br />

Dass man der Frage nach den französischen Überseegebieten<br />

vorurteilsfrei begegnen sollte und die Lage komplexer ist, als viele denken,<br />

zeigt ein anderes Beispiel. Am letzten Märzwochenende fand eine<br />

Volksabstimmung auf der Komoreninsel Mayotte, die im Indischen Ozean<br />

zwischen Madagaskar und Mosambik liegt und bisher unter dem Schutz<br />

Frankreichs steht, statt. Dabei sprachen sich 95,2 Prozent der Einwohner aus,<br />

ein französisches Überseedepartement zu werden und damit enger an<br />

Frankreich heranzurücken. Der Anschluss ist für 2011 vorgesehen. Damit wird<br />

es für die 186.000 Einwohner, die zu 95 Prozent Moslems sind, auch wichtige<br />

kulturelle Neuerungen geben: So wird die Polygamie abgeschafft und das<br />

gesetzliche Heiratsalter von 15 auf 18 Jahre angehoben.<br />

Beziehungen mit<br />

dem Mutterland<br />

und die Strukturen<br />

in den Überseegebieten<br />

ganz neu<br />

durchdacht werden<br />

müssen. Oft liegt<br />

die Macht in den<br />

DOM/TOM in<br />

den Händen weniger<br />

großer Familien.<br />

Ihre Vorfahren<br />

machten manchmal<br />

sogar Geld<br />

mit dem Sklavenhandel.<br />

Die Preise<br />

von Konsumgütern<br />

werden außerdem in vielen Fällen von einigen wenigen<br />

Konzernen bestimmt, da es an einem echten Wettbewerb<br />

auf den Inseln fehlt. Die Bevölkerung weiß das und fordert<br />

immer lautstärker Veränderungen. Auch das kam in den<br />

Unruhen der letzten Monate zum Ausdruck.<br />

Eine Neudefinition der Beziehungen zwischen dem<br />

Mutterland und den DOM/TOM wird jedoch schwierig<br />

werden. Schließlich erhalten die Überseegebiete viel Geld<br />

aus Paris. Doch Veränderungen sind wichtig, denn jegliche<br />

Erhöhung der Transferleistungen hatte bisher immer nur einen<br />

kurzfristigen Effekt. Nicolas Sarkozy will deshalb einen<br />

großen runden Tisch für die Überseegebiete einberufen, zu<br />

dem alle wichtigen Akteure eingeladen werden. Dann wird<br />

man sicherlich leidenschaftlich über die Zukunft diskutieren.<br />

Bleibt abzuwarten, ob alle Beteiligten die Chance auf<br />

nachhaltige Veränderungen wagen werden.<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 75


Frankreich Heute Flughäfen<br />

Welche Zukunftsperspektiven<br />

haben Frankreichs Flughäfen?<br />

Flughäfen sind ein wichtiger Mosaikstein in der Infrastruktur eines modernen Landes. Für abgelegene<br />

Regionen sind sie oft sogar eine notwendige Voraussetzung, um im internationalen<br />

Konkurrenzkampf überleben zu können. Der Luftverkehr gilt allgemein als Wachstumsbranche.<br />

Auch in Frankreich ist auf vielen Airports ein weiterer Ausbau der Kapazitäten geplant, manche<br />

Flughäfen kämpfen allerdings ums Überleben.<br />

Frankreich ist flächenmäßig eines der größten Länder<br />

Europas. Es erstaunt daher nicht, dass das Land über<br />

mehr als 460 Flugplätze verfügt. Zählt man die französischen<br />

Überseegebiete noch hinzu, kommt die Französische<br />

Republik sogar auf genau 486 Start- und Landeplätze<br />

weltweit. Diese Zahlen mögen die Vermutung nahelegen,<br />

dass der Luftverkehr in Frankreich eine sehr dynamische<br />

Branche ist. Dies ist grundsätzlich nicht falsch, doch sieht<br />

die Realität etwas differenzierter aus.<br />

Denn zunächst wird natürlich nur ein Bruchteil dieser<br />

Flugplätze im Linienverkehr angeflogen. Außerdem konzentriert<br />

sich dieser sehr einseitig auf die beiden Flughäfen<br />

von Paris und einige wenige Provinzstädte, insbesondere im<br />

Süden Frankreichs. Denn die Dominanz der französischen<br />

Hauptstadt ist so erdrückend, dass sich in der Nordhälfte<br />

des Landes kaum ein anderer Flughafen etablieren konnte.<br />

Selbst die im Großraum über eine Million Einwohner<br />

zählende Stadt Lille verfügt nur über einen kleinen Airport<br />

mit wenigen Inlandsverbindungen und kaum internationalen<br />

Zielen, der einer Stadt dieser Größe im europäischen<br />

Vergleich kaum würdig ist. Während in Deutschland die<br />

Flughäfen von Frankfurt am <strong>Mai</strong>n, München, Düsseldorf,<br />

Berlin-Tegel und Hamburg locker die 10-Millionen-<br />

Passagiergrenze überspringen und Stuttgart und Köln diese<br />

Schallmauer fast erreichen, schafft dies in Frankreich außerhalb<br />

von Paris gerade einmal der Flughafen von Nizza.<br />

76 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Paris: CDG auf dem Weg zur<br />

Nummer 1 in Europa<br />

Vor ein paar Jahren wurde heftig diskutiert, ob man<br />

im Umkreis von Paris einen dritten Flughafen bauen<br />

sollte. Inzwischen ist diese Idee erst einmal verworfen<br />

worden. Man setzt nun auf den weiteren Ausbau des<br />

Airports Paris-Charles de Gaulle nordöstlich der Kapitale.<br />

Die Flughafenbetreibergesellschaft hat dafür gerade<br />

ihren Investitionsplan für die Jahre <strong>2009</strong> bis 2013<br />

vorgestellt. Danach will sie 2,54 Milliarden Euro in die<br />

Infrastruktur stecken. Das Geld fließt unter anderem<br />

in den Bau eines neuen Satelliten, den Abschluss der<br />

Sanierung des Terminal 1, die Grundsanierung des<br />

Terminal 2B sowie die Zusammenführung der Terminals<br />

2A und 2C. Außerdem unterstützt man die<br />

Idee einer Schnellbahnverbindung (CDG Express) ins<br />

Zentrum von Paris (Gare de l’Est). Momentan wird<br />

die Realisierbarkeit überprüft. Eine Inbetriebnahme<br />

könnte 2015 erfolgen. Das Ziel ist klar: Eines Tages<br />

möchte Paris-CDG London-Heathrow als größten<br />

Flughafen Europas ablösen. Bis dahin muss man sich<br />

mit dem Titel des größten Airports Kontinentaleuropas<br />

begnügen.<br />

Viele Regionalflughäfen im Süden des Landes generieren<br />

einen Großteil ihrer Passagiere außerdem aus dem Verkehr<br />

von und nach Paris und sind nur mittelmäßig an andere europäische<br />

Metropolen und Drehkreuze angebunden. Eine<br />

einseitige Ausrichtung, die für eine langfristige Prosperität<br />

nicht ohne Gefahren ist. Einige kleine Airports befinden<br />

sich zudem in der totalen Abhängigkeit nur weniger Low-<br />

Cost-Airlines. Die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit<br />

vieler französischer Flughäfen ist also gerechtfertigt und<br />

wird regelmäßig gestellt.<br />

Rosige Zustände in Paris<br />

Für die beiden großen Pariser Flughäfen ist die Situation<br />

dagegen relativ einfach: 2008 vereinten sie auf sich allein 60<br />

Prozent der nationalen Passagiere. Außerdem existieren auf<br />

dem Flughafen Paris-Charles de Gaulle (CDG), dem größten<br />

Flughafen Kontinentaleuropas, noch etliche Wachstumsreserven,<br />

was einen klaren Wettbewerbsvorteil zu den großen<br />

europäischen Rivalen London-Heathrow und Frankfurt am<br />

<strong>Mai</strong>n darstellt, die selbst unter Kapazitätsengpässen leiden.<br />

Die staatliche Flughafengesellschaft Aéroport de Paris<br />

(ADP) kann sich zudem über eine Monopolstellung im direkten<br />

Umkreis der Hauptstadt freuen, die sogar gesetzlich<br />

abgesichert ist. Zwar hat sich in Beauvais in der Picardie ein<br />

Drehkreuz von einigen Billigfluggesellschaften entwickelt,<br />

aufgrund der Entfernung und der schlechten Erreichbarkeit<br />

stellt der kleine Flughafen aber kein wirklich ernst zu nehmendes<br />

Problem für ADP dar, auch wenn er in den letzten<br />

Jahren beeindruckende Wachstumszahlen verzeichnete. So<br />

ist es nicht erstaunlich, dass in Paris weiterhin kräftig in die<br />

Flughäfen investiert wird.<br />

Staatlich oder privat: Wo liegt<br />

die Zukunft in der Provinz?<br />

Acht weitere Flughäfen, Nizza, Lyon, Marseille, Toulouse,<br />

Basel/Mulhouse, Bordeaux, Nantes und Beauvais,<br />

wickeln weitere 26 Prozent des nationalen Flugaufkommens<br />

ab, so dass magere 14 Prozent für die restlichen Airports<br />

übrig bleiben. Doch wie kann man den mittelgroßen<br />

Flughäfen Entwicklungsmöglichkeiten und den kleinen<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 77


Frankreich Heute Flughäfen<br />

Airports einen Ausbau ihrer Aktivitäten erlauben? Dieser<br />

Frage ging bereits 2002 eine Expertengruppe der Vereinigung<br />

französischer Flughäfen nach. Ihr Ergebnis: Eine<br />

Reform der Trägerschaft und Verwaltung der Flughäfen sei<br />

notwendig.<br />

Im Jahre 2004 wurde deshalb ein Gesetz erlassen, das<br />

die kleineren Flughäfen in die « Unabhängigkeit » entließ.<br />

Außer den Pariser und den zwölf größten Regionalflughäfen<br />

wurde das Management in die Hände der lokalen<br />

Gebietskörperschaften gelegt, zunächst meist in die der<br />

örtlichen Industrie- und Handelskammern, die wiederum<br />

eine weitere Privatisierung vorantreiben dürfen. Eine neue<br />

Zukunft dank privatem Engagement wird also angestrebt.<br />

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dieser einmal angestoßene<br />

Prozess in Zukunft noch weiter ausgebaut wird. Kann<br />

man aber wirklich von einer Zukunftsperspektive sprechen,<br />

wenn der Staat sich zuvor die Rosinen unter den Flughäfen<br />

herausgepickt hat?<br />

Der erbitterte Kampf um Passagiere<br />

Aber nicht nur der ungleiche Wettbewerb zwischen den<br />

großen und den kleinen Airports ist hart, auch der TGV<br />

mischt kräftig im Kampf um Passagiere mit. Da der französische<br />

Staat kontinuierlich auf den Ausbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes<br />

gesetzt hat, ist die Bahn selbst auf längeren<br />

Strecken inzwischen der Verkehrsträger erster Wahl, sogar bei<br />

Geschäftsreisenden. Seitdem der TGV für die 800 Kilometer<br />

von Paris nach Marseille nur noch drei Stunden benötigt, lässt<br />

sich mit dem Flugzeug auf dieser Strecke eigentlich keine Zeit<br />

mehr einsparen, rechnet man die Anreise zum Flughafen und<br />

die erforderlichen Wartezeiten mit ein. 2008 konnte die Bahn<br />

deshalb auch einen Marktanteil von 73 Prozent für Reisen<br />

zwischen beiden Städten verbuchen, und dies mit wachsender<br />

Tendenz.<br />

Welche Überlebensstrategien gibt es dann aber überhaupt<br />

für die kleinen Airports? Sie haben meist nicht die Möglichkeit<br />

Toulouse: TGV-Anbindung anstatt neuem Flughafen?<br />

Schon lange wird in der Heimatstadt von Airbus darüber diskutiert, ob die<br />

Stadt einen neuen Flughafen braucht, da einem Ausbau der Kapazitäten am derzeitigen<br />

Standort enge Grenzen gesetzt sind. Man hatte sogar schon einige mögliche<br />

Standorte nordöstlich der Hauptstadt der Region Midi-Pyrénées ins Auge gefasst,<br />

nicht ohne Proteste bei den Anrainern hervorzurufen. 2007 verkündete der Verkehrsminister<br />

dann das Ende dieser Planungen. Es scheint, dass man jetzt eher auf<br />

den Bau einer TGV-Verbindung statt auf den Bau eines neuen Flughafens setzt,<br />

obwohl neue Stimmen inzwischen einen Standort im Süden der Stadt ins Gespräch<br />

bringen. Im kommenden September wird jedenfalls erst einmal eine Terminalerweiterung<br />

am jetzigen Flughafen eingeweiht, die Halle D. Damit erhöht sich die<br />

Jahreskapazität auf 8,5 Millionen Passagiere.<br />

78 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Nantes: Neuer Flughafen für den<br />

Nordwesten des Landes<br />

Seit 30 Jahren wird darüber diskutiert, nördlich von Nantes<br />

bei Notre-Dame-des-Landes einen neuen Flughafen zu bauen,<br />

der den jetzigen Airport der Hauptstadt der Pays de la Loire ersetzen<br />

soll. Manche träumen sogar von neuen interkontinentalen<br />

Verbindungen über den Atlantik. Eine Vision, die wohl eher<br />

unwahrscheinlich ist. Auf jeden Fall soll der Airport aber die<br />

Isolation der Bretagne reduzieren. Zunächst würde der Flughafen<br />

mit einer Tram ans Zentrum von Nantes angeschlossen,<br />

später könnten weitere Zugverbindungen in andere bretonische<br />

Städte hinzukommen. Zurzeit werden geotechnische Untersuchungen am Standort durchgeführt.<br />

Der Airport könnte, sollte es schließlich zum Bau kommen, 2015 fertig sein.<br />

wie Paris und zum Teil auch Lyon, dem zweiten Drehkreuz<br />

von Air France, auf einen internationalen Umsteigeverkehr zu<br />

setzen. Viele suchen deshalb ihr Glück im boomenden Low-<br />

Cost-Verkehr. Beauvais ist dafür geradezu ein Vorzeigemodell.<br />

Allerdings kein repräsentatives, denn die Nähe zu Paris gibt<br />

dem Flughafen ein ungewöhnlich attraktives Einzugsgebiet,<br />

über das andere kleine Airports kaum verfügen. Dennoch gibt<br />

es für viele Städte keine großen Alternativen. In Nîmes etwa<br />

war der Low-Cost-Verkehr die einzige Chance, den Flughafen<br />

überhaupt am Leben zu erhalten, nachdem Air France kurz<br />

nach der Eröffnung des neuen Terminals infolge der Inbetriebnahme<br />

der TGV-Strecke von Paris ans Mittelmeer ihre<br />

Verbindungen in die Stadt völlig einstellte.<br />

Doch die Strategie ist nicht ungefährlich. Denn meist<br />

macht sich ein Flughafen von ein, zwei Billigfluggesellschaften<br />

abhängig. Entscheidet sich eine Airline später zur Aufgabe<br />

des Standorts, ist die Zukunft des gesamten Airports bedroht.<br />

Auch sind die Märkte, aus denen die Passagiere kommen,<br />

nicht selten sehr einseitig. Viele kleine Flughäfen wie Carcassonne<br />

oder La Rochelle leben fast ausschließlich von Billigfliegern<br />

aus Großbritannien. Doch gerade in der aktuellen Wirtschaftskrise<br />

und durch die Abwertung des Britischen Pfunds<br />

ist es fraglich, ob auch in Zukunft noch immer genauso viele<br />

Briten ihre Zweitwohnsitze in Frankreich behalten können.<br />

Ohne sie wird es aber auch weniger Nachfrage nach Flügen in<br />

die französische Provinz geben.<br />

Die grüne Herausforderung<br />

Eine weitere Herausforderung ist der Umweltschutz. Der<br />

französische Staat hat sich in einer « Accords du Grenelle de<br />

l’Environnement » genannten Vereinbarung verpflichtet, den<br />

durch Flugzeuge verursachten Schadstoffausstoß bis 2020 um die<br />

Hälfte zu verringern. Außerdem sollen sich die Umweltbilanzen<br />

Brive-la-Gaillarde: Neuer Airport fürs Périgord<br />

In Brive-la-Gaillarde will man am boomenden Low-<br />

Cost-Verkehr teilhaben und beschloss daher den Bau<br />

eines neuen Flughafens am Standort Souillac. Die Bauarbeiten<br />

sind bereits in vollem<br />

Gange. Die Eröffnung ist<br />

für 2010 vorgesehen. Als<br />

Kunden erwartet man vor<br />

allem Billigfluggesellschaften<br />

aus Großbritannien,<br />

ist das Périgord doch ein<br />

beliebter Zweitwohnsitz für<br />

die Insulaner.<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 79


Frankreich Heute Flughäfen<br />

der Flughäfen selbst und der am Luftverkehr beteiligten<br />

Firmen verbessern. Auch mit den lärmgeplagten Anrainern<br />

scheint der Staat endlich ein Mitgefühl zu entwickeln: So soll<br />

sich diese Belastung ebenfalls um die Hälfte reduzieren. Erreichen<br />

will man diese Ziele aber vor allem durch technologischen<br />

Fortschritt. Daher rührt auch die Unzufriedenheit vieler<br />

Umweltverbände, die darin vor allem Lippenbekenntnisse sehen.<br />

So oder so, der Flugverkehr wird sich in den kommenden<br />

Jahren diesen Herausforderungen stellen müssen. Dies wird<br />

nicht ohne Auswirkungen für die kleinen Airports bleiben, die<br />

meist nicht über die gleichen finanziellen Ressourcen wie die<br />

großen verfügen.<br />

In diesem Zusammenhang wird die bessere Vernetzung<br />

der verschiedenen Verkehrsträger noch mehr an Bedeutung<br />

gewinnen. Schon heute sind die Flughäfen Paris-CDG und<br />

Lyon direkt ans französische Hochgeschwindigkeitsnetz angeschlossen.<br />

Weitere Airports mögen folgen. Da gleichzeitig<br />

das Hochgeschwindigkeitsnetz kontinuierlich ausgebaut wird,<br />

könnten Inlandsflüge zukünftig mehr und mehr durch den<br />

Zug ersetzt werden. Dies bedeutet für viele mittelgroße und<br />

kleine Flughäfen im Land aber auch, dass ihr oftmals mit<br />

Abstand wichtigstes Standbein, der Flugverkehr von und nach<br />

Paris, zunehmend wegbrechen könnte. Städte wie Nîmes und<br />

Béziers machten diese Erfahrung bereits bei der Eröffnung der<br />

neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke ans Mittelmeer.<br />

Gewinner und Verlierer<br />

Die Zukunftsperspektiven der französischen Flughäfen<br />

sind deshalb sehr unterschiedlich. Die beiden Airports der<br />

französischen Hauptstadt werden sich wohl kaum Sorgen<br />

machen müssen. Auf der Gewinnerseite stehen auch Flughäfen<br />

in Regionen mit finanzkräftigen Urlaubern wie Nizza<br />

oder einer dynamischen Wirtschaft wie in Lyon und Toulouse.<br />

Der Airport von Beauvais hat bewiesen, dass man<br />

auch im Low-Cost-Geschäft eine sichere Zukunftsperspektive<br />

aufbauen kann, wenn die Rahmenbedingungen,<br />

wie die Nähe zu einem wichtigen Einzugsgebiet, stimmen.<br />

Schwieriger sieht es in Regionen aus, in denen sich heute<br />

mehrere passagierschwache Flughäfen das Leben untereinander<br />

schwer machen. Dies gilt etwa für die Bretagne<br />

und die Normandie. Der politische Wille, interregionale<br />

Flughäfen in diesen Regionen aufzubauen (siehe unten),<br />

ist deshalb zu begrüßen. Ob sie jedoch von Erfolg gekrönt<br />

sein werden, muss erst noch abgewartet werden. Schwierig<br />

könnte es auch für einige Flughäfen werden, die in der<br />

Abhängigkeit von nur einer oder vielleicht zwei Billigfluggesellschaften<br />

sind. Der Boom dieses Sektors wird nicht<br />

ewig andauern. Konsolidierungsmaßnahmen der Airlines<br />

könnten manch ein Opfer auf Flughafenseite fordern. Die<br />

aktuelle Wirtschaftskrise lässt dies bereits erahnen.<br />

Deauville oder Caen: Ein Zentralflughafen für die Normandie<br />

Wegen der Nähe zu Paris konnte sich in der Normandie ein großer<br />

Flughafen nie richtig entwickeln. Obendrein verteilt sich der magere<br />

Verkehr auf fünf Standorte: Caen, Cherbourg, Deauville, Le Havre und<br />

Rouen. Deshalb einigten sich die beiden Regionen Haute-Normandie<br />

und Basse-Normandie auf die Förderung eines zentralen Flughafens<br />

der Region. Zurzeit kämpfen Caen und Deauville um diesen Titel. Für<br />

Deauville spricht die zentrale Lage; für Caen, dass es der Flughafen mit<br />

den aktuell höchsten Passagierzahlen in der Region ist.<br />

80 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Sprachtraining. Landeskunde. Vokabelhilfen.<br />

Frankreich erLesen.<br />

<br />

Artikel aus führenden französischsprachigen Zeitungen<br />

<br />

Ac T uALi TÉ<br />

<br />

l’accueil des détenus de<br />

Guantánamo<br />

Page 2<br />

Économie<br />

<br />

est née<br />

<br />

<br />

Pages 4–5<br />

<br />

<br />

vivait mieux que moi<br />

à mon âge»<br />

<br />

l’égalité des sexes<br />

Pages 6– 7<br />

ffff<br />

<br />

<br />

Quand les ados dorment<br />

trop peu<br />

<br />

Pages 8–9<br />

cuLTu R e<br />

<br />

devenu l’indien Winnetou<br />

des Allemands<br />

Page 10<br />

<br />

<br />

route pour la France<br />

Page 12<br />

<br />

Pages 6 et 7<br />

<br />

Pages 4, 5 et 12<br />

<br />

www.sprachzeitungen.de<br />

<br />

Le mouvement social, qui a<br />

poussé les Guadeloupéens et<br />

leurs voisins martiniquais à<br />

faire la grève générale contre la<br />

«vie chère», aura aussi encouragé<br />

les indépendantistes antillais<br />

à relever la tête. Pour certains<br />

militants de la séparation d’avec<br />

la France, c’est le moment venu<br />

pour faire entendre leur voix,<br />

après deux décennies de calme.<br />

1 Depuis son enfance, Luc<br />

Reinette n’a pas changé d’avis.<br />

Figure de l’indépendantisme<br />

guadeloupéen, l’ancien dirigeant<br />

de l’Alliance révolutionnaire caraïbe<br />

(ARC), aujourd’hui âgé de<br />

59 ans, croit toujours à un avenir<br />

détaché de la métropole.<br />

2 selon Luc Reinette, la crise<br />

sociale qui paralyse l’île depuis<br />

plus d’un mois a redonné vigueur<br />

à la revendication nationale. elie<br />

Domota, figure de proue du collectif<br />

LKP, n’est-il pas lui-même<br />

indépendantiste? Les états généraux<br />

et la visite annoncée du<br />

président de la République, nicolas<br />

sarkozy, en avril, seront à<br />

coup sûr une nouvelle occasion<br />

de mettre la question sur la table.<br />

Les formations indépendantistes<br />

et le parti communiste guadelou-<br />

<br />

<br />

<br />

Légende Le cheF-Lieu der Hauptort – le Français<br />

de métropole (f.) der Kontinentalfranzose –<br />

un département d’outre-mer ein französisches<br />

Überseedepartement<br />

0 – 2 Le retour h.: das Comeback – les indépendantistes<br />

h.: die Befürworter der unabhängigkeit<br />

von Frankreich – la grève générale contre la «vie<br />

chère» der Generalstreik gegen die hohen Lebenshaltungskosten<br />

(vgl. Rdlp 3/<strong>2009</strong>, s. 3) – détaché<br />

losgelöst – la métropole h.: das französische Mutterland<br />

– paralyser h.: lahmlegen – vigueur (f.)<br />

Kraft, energie – revendication (f.) Forderung –<br />

la figure de proue (f.) die Galionsfigur, (fig.) der<br />

führende Kopf – le collectif LKP (gewerkschaftliches<br />

streikkollektiv gegen die Ausbeutung durch<br />

die profiteure, vgl. Rdlp 3/<strong>2009</strong>, s. 3) – les états<br />

généraux gem.: die am 19. Februar von staatspräsident<br />

sarkozy einberufenen Generalstände der<br />

Überseegebiete – renoncer verzichten<br />

• Sprachzeitungen •<br />

World and Press • Read On • Revue de la Presse • Revista de la Prensa • Presse und Sprache<br />

Carl Ed. Schünemann kg · Zweite Schlachtpforte 7 · 28195 Bremen<br />

die Ergänzung zur Sprachzeitung<br />

für Ihren Unterricht<br />

als Lehrkraft!<br />

<br />

Jour de marché ordinaire à Point-à-Pitre, le chef-lieu de la Guadeloupe.<br />

Depuis 1946, l’île antillaise forme un département d’outremer<br />

(DOM). Aujourd’hui, 51 % des Français de métropole seraient<br />

prêts à lui accorder l’indépendance. Même s’ils sont 68 % à penser que<br />

la Guadeloupe contribue au rayonnement international de la France.<br />

|Photo: Graphicos<br />

<br />

<br />

loupe sont très majoritairement<br />

attachés à la France avec plus de<br />

80 % d’opinions défavorables sur<br />

le sujet.<br />

2 paradoxalement, une nette<br />

majorité des Français de métropole<br />

(68 %) considèrent la Guadeloupe<br />

comme un atout pour la<br />

France, car elle contribue à son<br />

rayonnement international. ils<br />

péen viennent de rédiger un projet<br />

commun. Le message est clair.<br />

«Aucun d’entre nous n’a renoncé<br />

à l’indépendance nationale!»<br />

proclame Luc Reinette.<br />

3 À la Guadeloupe, cette revendication<br />

s’est manifestée plus<br />

violemment qu’à la Martinique,<br />

même si elle n’a jamais rassemblé<br />

la majorité de la population.<br />

elle est née chez les agriculteurs<br />

et les étudiants, dans une critique<br />

de la départementalisation.<br />

en 1946, une loi transforme les<br />

colonies de Guadeloupe, de<br />

Martinique, de la Réunion et de<br />

Guyane en départements français<br />

d’outre-mer. en 1963 est créé<br />

le premier parti ouvertement<br />

indépendantiste, le Groupe d’organisation<br />

nationale de la Guadeloupe<br />

(Gong). parallèlement,<br />

les militants de la séparation<br />

d’avec la France investissent les<br />

syndicats. Sous l’impulsion de<br />

Louis Théodore, l’union des travailleurs<br />

agricoles est fondée, en<br />

1970. Trois ans plus tard apparaît<br />

l’union générale des travailleurs<br />

de Guadeloupe, qui rejette le cadre<br />

de la République française.<br />

Bestellen Sie Ihr kostenloses Probeexemplar.<br />

1 C’esT Le sondage qui dérange,<br />

en métropole comme aux Antilles.<br />

Alors que la grève générale<br />

en Guadeloupe ne semble pas<br />

prendre fin, le sondage Opinion<br />

Way à paraître samedi dans le<br />

Figaro Magazine donne une nouvelle<br />

dimension à ce conflit. À une<br />

majorité (51 %), les métro-<br />

Suite page 2<br />

3 Violemment gewalttätig, h.: heftig – la départementalisation<br />

gem.: die verwaltungstechnische<br />

Aufteilung der inseln in Überseedepartements<br />

– (l’île de) la Réunion (zu Frankreich<br />

gehörende insel im indischen ozean) – Guyane<br />

(Französisch-Guyana) – investir h.: belagern –<br />

syndicat (m.) Gewerkschaft – sous l’impulsion de<br />

unter Betreiben von – rejeter ablehnen – le cadre<br />

h.: der politische Rahmen<br />

Leserservice: Telefon +49(0)4 <strong>21</strong> . 369 03-76 · www.sprachzeitungen.de<br />

favorables à l’indépendance de<br />

la Guadeloupe. Les résultats sont<br />

encore plus nets auprès des électeurs<br />

de nicolas sarkozy au premier<br />

tour de l’élection présidentielle,<br />

qui se prononcent à 58 % en<br />

faveur de la sécession. preuve que<br />

le conflit a durablement frappé<br />

les esprits hexagonaux. À l’initants<br />

de la Guade-<br />

ne sont que 32 % à la percevoir<br />

comme un poids financier. plus<br />

généralement, les causes de ce<br />

conflit sont dues, pour 74 % des<br />

métropolitains contre 87 % des<br />

Guadeloupéens, aux inégalités et<br />

à la vie chère. À noter que l’héritage<br />

colonial et la ségrégation ne<br />

sont perçus comme cause essentielle<br />

que par 13 % des habitants<br />

de l’Hexagone. Les Antillais sont,<br />

eux, deux fois moins nombreux<br />

(5 %) à y voir les raisons de l’embrasement<br />

social actuel.<br />

26-2-<strong>2009</strong> © Le Figaro


Frankreich Heute Rungis<br />

Der Bauch von Paris - Ein Besuch im Großmarkt von Rungis<br />

Die französische Hauptstadt<br />

ist ein unersättlicher Schlund,<br />

der jeden Tag mit Tonnen<br />

von Lebensmitteln gestopft<br />

werden will. Die Waren, die<br />

Restaurants, Fleischer oder<br />

Lebensmittelhändler täglich<br />

ihren Kunden anbieten,<br />

kommen direkt aus Rungis,<br />

dem größten und umsatzstärksten<br />

Großmarkt Frankreichs.<br />

Ein paar Kilometer<br />

vor Paris werden auf einer<br />

Fläche von nicht weniger<br />

als 232 Hektar all die Lebensmittel<br />

umgeschlagen, die<br />

die Hauptstädter später auf<br />

ihren Tellern finden. Dieses<br />

Jahr feiert die Anlage ihr<br />

40-jähriges Bestehen.<br />

Um einen echten Eindruck von<br />

Rungis zu bekommen, muss<br />

man früh aufstehen. Sehr früh<br />

sogar, oder besser gar nicht erst ins Bett<br />

gehen. Während in der Hauptstadt noch<br />

alle schlafen, wird 15 Autominuten von<br />

Paris entfernt, in der Nähe zum Flughafen<br />

Orly, die Nacht zum Tag gemacht.<br />

Am sehr frühen Morgen erlebt Rungis<br />

dann den Gipfel der Betriebsamkeit.<br />

Man muss den Großmarkt von Rungis<br />

gesehen haben, um eine Vorstellung von<br />

seiner Größe zu bekommen. Eigentlich<br />

stehen hier Gemüse- und Obsthändler,<br />

Fleisch- und Fischstände einträchtig<br />

nebeneinander, wie auf jedem anderen<br />

Markt auch. Nur, dass eben alles riesige<br />

Ausmaße hat.<br />

Der Pariser Großmarkt war nicht<br />

immer schon in Rungis zentralisiert.<br />

Reges Markttreiben gibt es in Paris seit<br />

800 Jahren und lange befand sich der<br />

Großmarkt im legendären Viertel Les<br />

Halles im 1. Arrondissement. Der Umzug<br />

von dort nach Rungis wurde 1959<br />

per Dekret von General de Gaulle angeordnet.<br />

1964 begannen die Bauarbeiten<br />

vor den Toren der Stadt, bis am 29.<br />

Februar 1969 der Transfer des Marktes<br />

losging, den die Pariser heute noch den<br />

« Umzug des Jahrhunderts » nennen.<br />

Vier Tage wurden benötigt, um 20.000<br />

Menschen, 1.000 Unternehmen, 10.000<br />

Kubikmeter Ausstattungsmaterial,<br />

5.000 Tonnen Ware und 1.500 LKW<br />

nach Rungis zu bringen. Anfangs war<br />

sogar geplant, die französische Armee<br />

für den Transport zu aktivieren. Da der<br />

Umzug reibungslos verlief, konnte auf<br />

diese Hilfe aber verzichtet werden.<br />

Die heute unablässig zirkulierenden<br />

LKW in Rungis werden von 30.000<br />

Arbeitern in sogenannten Sektoren<br />

be- und entladen. Der eindrucksvollste<br />

unter ihnen ist wohl der Sektor « Meeresfrüchte<br />

», in dessen gekühlten Hallen<br />

die Arbeiter spezielle wärmende Kleidung<br />

tragen. Hier findet man so gut<br />

wie alle Arten Fische und Krustentiere.<br />

Viele von ihnen wurden erst ein paar<br />

82 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Stunden zuvor aus dem Atlantik gefischt<br />

und finden sich noch am gleichen Tag<br />

auf den Tellern der Pariser Restaurants<br />

wieder. Im Jahr 2008 wurde, vor allem<br />

zu Weihnachten, besonders viel Lachs<br />

verkauft. Von den 6.500 Tonnen Salzund<br />

Süßwasserfischen, die in Rungis<br />

im Dezember umgeschlagen wurden,<br />

zählte man allein 4.000 Tonnen Lachs.<br />

Barsch und der Kabeljau nahmen in der<br />

Hitparade der meistverkauften Fische<br />

die Plätze zwei und drei ein. Trotz der<br />

Wirtschaftskrise wurden auch mehr als<br />

70 Tonnen Hummer zu Weihnachten<br />

verkauft.<br />

In der Halle für Fleischprodukte<br />

sind die Auslagen überwältigend. Hier<br />

warten Tausende Viehhälften auf ihre<br />

Abnehmer. Über dem Ganzen liegt<br />

eine leicht morbide Stimmung, die<br />

beinahe etwas Poetisches hat: Das<br />

unablässige Kommen und Gehen der<br />

Fleischer, die die schweren Tierhälften<br />

auf den Schultern tragen, wirkt wie<br />

ein makabrer Tanz. Für einen noch<br />

etwas schläfrigen Besucher ein bizarres<br />

Schauspiel. Etwas weiter in den<br />

Hallen für Blumen und Pflanzen formen<br />

riesige Auslagen ein Blütenmeer.<br />

Dort erfährt man, dass die Franzosen<br />

für das Weihnachtsfest 2008 die<br />

Nordmanntanne mit den haltbaren<br />

Nadeln besonders goutierten. Mehr als<br />

370.000 wurden davon verkauft.<br />

Der Großmarkt von Rungis wird<br />

in erster Linie von Händlern und Gastronomen<br />

genutzt, und natürlich von<br />

den Personen aus dem Lebensmittel<br />

verarbeitenden Gewerbe. Sie alle haben<br />

eine Berechtigungskarte, um in Rungis<br />

einkaufen zu können. Es ist aber ein offenes<br />

Geheimnis, dass es immer wieder<br />

gewiefte Leute gibt, die sich Zutritt zu<br />

Rungis verschaffen, auch wenn sie von<br />

Berufs wegen nicht hinein dürften. Sie<br />

haben dann einen Freund, der in Rungis<br />

arbeitet, oder kennen nur den Freund<br />

eines Freundes etc. Besonders auffällig<br />

ist das vor manchen Feiertagen, am 1.<br />

<strong>Mai</strong> zum Beispiel.<br />

In Frankreich ist es am <strong>Mai</strong>feiertag<br />

allgemeine Tradition, sich gegenseitig<br />

<strong>Mai</strong>glöckchen zu schenken. Nur<br />

an diesem Tag hat jeder Franzose das<br />

Recht, ohne jede Genehmigung oder<br />

Gewerbeauflage auf der Straße Blumen<br />

zu verkaufen. In den Städten multipliziert<br />

sich deshalb am 1. <strong>Mai</strong> die Zahl<br />

der Blumenverkäufer und die glücklichsten<br />

unter ihnen ergattern einen der<br />

gut frequentierten Plätze vor Passagen<br />

oder Bäckereien, an denen sie hohe<br />

Umsätze erreichen können. Doch um<br />

die <strong>Mai</strong>glöckchen verkaufen zu können,<br />

müssen sie erst einmal an Ware<br />

kommen. So sind an den Tagen vor<br />

dem 1. <strong>Mai</strong> merkwürdigerweise sehr<br />

viel mehr « Händler » in den Hallen von<br />

Rungis unterwegs als sonst. Niemand<br />

stört sich aber daran, was dem sonst so<br />

perfekt durchorganisierten Ablauf im<br />

Marktgeschehen von Rungis eine sympathische<br />

Note verleiht.<br />

Mit seinem Umsatz von 7,6 Milliarden<br />

Euro ist Rungis ein weltweites<br />

Vorbild für die Organisation von<br />

Großmärkten. Dabei ist Rungis längst<br />

nicht mehr nur ein lokaler Großmarkt.<br />

Heute werden immer mehr internationale<br />

Abnehmer ins Visier genommen.<br />

65 Prozent der Verkäufe werden zwar<br />

noch innerhalb der Ile de France versendet<br />

und 25 Prozent gehen in die<br />

französischen Provinzen. Aber bereits<br />

zehn Prozent machen mittlerweile die<br />

Verkäufe ins Ausland aus.<br />

Außerdem hat Rungis mit einigem<br />

Erfolg ein weiteres Geschäftsfeld<br />

erschlossen. Man gründete das Beratungsunternehmen<br />

« Rungis Consultant<br />

», das für Kunden aus Fernost<br />

(zum Beispiel aus China und Vietnam)<br />

sowie weiteren asiatischen Ländern<br />

(Kasachstan und Indien) und auch aus<br />

Europa (Russland, Portugal) Knowhow<br />

zum Betrieb von Großmärkten<br />

zur Verfügung stellt. In London wurde<br />

sogar eine Außenstelle der Unternehmensberatung<br />

gegründet, die scherzhaft<br />

« Botschaft von Rungis » genannt<br />

wird. In China wird in diesem Jahr das<br />

Shangai Xijiao International Agricultural<br />

Products Trading Center eröffnet,<br />

das sich voll und ganz am Konzept von<br />

Rungis orientiert. Ständig besuchen<br />

auch Vertreter internationaler Institutionen<br />

Rungis und lassen sich über<br />

das Erfolgskonzept informieren. Die<br />

Weltbank gehört genauso dazu wie die<br />

Welternährungsorganisation und die<br />

Europäische Kommission.<br />

Im Inland ist die Expertise von<br />

Rungis ebenfalls gefragt, denn täglich<br />

werden vom « Service des Nouvelles du<br />

Marché » die Preise bekannt gegeben,<br />

die an den Verkaufsständen in Rungis<br />

verlangt wurden. In langen Listen<br />

wird genau dokumentiert, für welche<br />

Produkte welcher niedrigste und<br />

höchste Preis gegolten hat, welcher<br />

Durchschnittspreis sich daraus ergibt<br />

und welche Abweichungen auftreten.<br />

Diese Liste ist zwar keine offizielle<br />

Statistik, dient aber für die übrigen<br />

Märkte im Land oft als Referenz. Bei<br />

all diesen Entwicklungen kann man<br />

also konstatieren: Der Bauch von Paris<br />

hat längst auch eine Menge mit dem<br />

Kopf von Paris zu tun.<br />

Linke Seite: Blick in eine Markthalle von Rungis. Unten: Der Großmarkt bei seiner Eröffnung 1969.<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 83


Kulturszene<br />

Erik Satie:<br />

Avant-dernières pensées<br />

CD von harmonia mundi<br />

CDs<br />

Der Pianist Alexandre Tharaud macht Furore. Regelmäßig<br />

werden seine Aufnahmen von der Kritik gefeiert.<br />

So auch die neueste Einspielung, in der er Werke des<br />

französischen Komponisten Erik Satie präsentiert. Im<br />

Zentrum der CD 1 stehen die sechs Gnossiennes – wunderbar zarte Klavierstücke,<br />

die vom ersten Ton an eine reiche Gefühlswelt eröffnen. Darum<br />

gruppiert Tharaud leichte und humorvolle Klavierstücke. Von « Picadally »<br />

sagt Tharaud, dass es sich wohl um den ersten Ragtime aus französischer<br />

Feder handele. Die CD 2 gibt einen Überblick über Kabarett-Chansons<br />

und kleinere Gesangskompositionen von Satie, die von der Sängerin Juliette<br />

virtuos interpretiert werden. Ein wahrer Schatz ist das aufwendig gestaltete<br />

Begleitbuch zur CD.<br />

Madame aime<br />

CD von Warner<br />

14 legendäre französische Schauspielerinnen (darunter Emmanuelle Béart<br />

und Nathalie Baye) präsentieren in Zusammenarbeit mit der Frauenzeitschrift<br />

Figaro Madame 14 Liebeslieder – ein Muss für jeden Verehrer des französischen<br />

Chansons. Die Kompilation « Madame aime » (dt. « Frau liebt ») besticht<br />

durch ihre Originalität und die musikalische Qualität. Die Neueinspielungen<br />

von Hits wie «Les histoires d’A. » der Band Rita Misouko lohnen sich vor<br />

allem deshalb, weil die Interpretationen der gestandenen Schauspielerinnen<br />

den Chansons eine ganz eigene Note verleihen. Frauen werden dieses Album<br />

lieben – und ihre Männer bestimmt auch!<br />

Film<br />

Ricky<br />

Frankreich 2008, 90 min • Originaltitel: Ricky • Ein Film von Fançois Ozon<br />

mit Alexandra Lamy, Sergi Lopez, Mélusine Mayance, Arthur Peyret, André<br />

Wilms u.a. • Kinostart: 14. <strong>Mai</strong> <strong>2009</strong>, im Verleih von Concorde<br />

Eine ganz gewöhnliche Frau und ein ganz gewöhnlicher Mann<br />

verlieben sich ineinander – und bringen nicht nur ein Baby, sondern<br />

gleich ein Wunder hervor! Über das Wunder der Liebe, die<br />

Überwindung von Einsamkeit und die Entstehung einer Familie<br />

hat Frankreichs vielleicht aufregendster Regisseur ein fantastisches<br />

Märchen gedreht. In dem Film steht mit Alexandra Lamy einmal mehr eine starke<br />

Frauen- und Mutterfigur im Mittelpunkt, an deren Seite Sergi Lopez brilliert. Ein<br />

fulminanter Genremix, der mit dem unerwarteten Einsatz grandioser Spezialeffekte<br />

und einer nie gesehenen Mischung aus Realismus und Fantasy besticht: Ein Film,<br />

der Flügel verleiht!<br />

84 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Bücher<br />

François Gantheret:<br />

Das Gedächtnis des Wassers<br />

Roman, 180 Seiten, dtv<br />

Ein Kriminalfall vor der eindrucksvollen Kulisse der Savoyer Alpen und zugleich<br />

eine zarte Liebesgeschichte. 30 Jahre nach dem gewaltsamen Tod seiner<br />

Jugendliebe Claire kehrt Paul in seinen Heimatort zurück. Überraschend trifft<br />

er auf die Konzertpianistin Béatrice, die Claire erstaunlich ähnlich sieht. Er<br />

spürt, dass nicht nur sein und ihr Leben, sondern das Schicksal des ganzen<br />

Dorfes von dem nicht aufgeklärten Tod Claires bestimmt wird. Ein bezwingender<br />

Roman über Liebe, Täuschung, die Macht der Verdrängung sowie die<br />

Macht der Erinnerung.<br />

Simone Weil: Und dennoch Leben<br />

Autobiographie, 316 Seiten, Aufbau Verlag<br />

Sie ist eine der bekanntesten Politikerinnen Europas und verkörpert vor allem eines:<br />

das Streben nach Unabhängigkeit und Freiheit. Nach ihrer Deportation durch<br />

die Nazis und dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird die dreifache Mutter in den<br />

1970er-Jahren zur « Madame le Ministre » unter Premierminister Jacques Chirac.<br />

Ihr Kampf um die « Loi Veil », die Legalisierung der Abtreibung, geht in die Geschichtsbücher<br />

ein. Neben Helmut Kohl und François Mitterrand wird sie als erste<br />

Präsidentin des EU-Parlaments zur Galionsfigur der europäischen Einigung. Mit<br />

ihren Erinnerungen gewährt sie einen guten Einblick in das politische Frankreich<br />

der letzten Jahrzehnte. Faszinierend.<br />

Jean-Louis Cohen und Tim Benton:<br />

Le Corbusier: Le Grand<br />

Bildband, 624 Seiten, Phaidon<br />

Mit diesem Werk erscheint eine einzigartige visuelle Biographie eines<br />

der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Der riesige, neun<br />

Kilogramm schwere Band bietet anhand von mehr als 2.000, teilweise<br />

bisher unveröffentlichten Fotografien, Zeichnungen und Dokumenten<br />

einen einmaligen Einblick in Leben und Werk Le Corbusiers. Er legt<br />

offen, welche Ereignisse und Freundschaften (u.a. zu Josephine Baker,<br />

Fernand Léger oder Pablo Picasso) in seinem Leben eine Rolle gespielt haben. Der opulente Band ist<br />

ein einzigartiges Kompendium und ein Must-Have für jeden, der sich für Architektur und Design<br />

interessiert.<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 85


Art de Vivre Aperitif<br />

Lillet:<br />

Ein Aperitif für Kenner<br />

Um als echter Bewohner von Bordeaux<br />

zu gelten, genügt es, in den Lokalen<br />

Südwestfrankreichs einen Lillet zu bestellen.<br />

Das Getränk, das seit 1887 im nahen<br />

Podensac hergestellt wird, ist ein Aperitif<br />

auf Weinbasis, der mit Fruchtlikör, Zucker<br />

und Chinarindenextrakt versetzt ist. Eine<br />

köstliche Mischung von afrikanischen<br />

und südamerikanischen Pflanzen mit<br />

den Weinen aus Bordeaux.<br />

Was für eine kuriose Geschichte dieser Lillet doch<br />

hat! Wie viele lokale Spezialitäten hätte er durch<br />

die Marktmacht der großen Getränkekonzerne<br />

und die Angleichung der Geschmäcker aus den Regalen verschwinden<br />

können. Doch den Lillet gibt es seit über 100<br />

Jahren und er ist aus dem Südwesten Frankreichs nicht wegzudenken.<br />

Mehr noch, im November 2006 brachen Telefonleitung<br />

und Website des Herstellers unter einem unerwarteten<br />

Nachfrageschub zusammen.<br />

Wenige Tage zuvor war in Großbritannien und den USA<br />

der neueste James-Bond-Film in die Kinos gekommen: « Casino<br />

Royale ». Darin bestellt der britische Geheimagent wie<br />

gewöhnlich seinen Cocktail, der nach der literarischen Vorlage<br />

von Ian Flemming eigentlich folgendermaßen zusammengesetzt<br />

sein soll: drei Teile Gin, ein Teil Wodka, ein halbes<br />

Teil Lillet. Bis zu « Casino Royale » hatten die Regisseure<br />

das (von Flemming übrigens frei erfundene) Rezept ignoriert<br />

und den jeweiligen Barkeeper im Film anstatt Lillet einen<br />

anderen Aperitif verwenden lassen. In « Casino Royale » wird<br />

zum ersten Mal die Originalrezeptur beachtet, und der Lillet<br />

erscheint auf der Bildfläche. Das heißt in diesem Fall: auf der<br />

Kinoleinwand und somit im Blickfeld von Millionen potentieller<br />

Konsumenten auf der ganzen Welt.<br />

86 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Kurios dabei: Das alles war gar kein inszenierter<br />

Marketing-Gag. Zwar war der Lillet schon seit den<br />

1980er-Jahren in den USA beliebter als in Frankreich.<br />

Der Aperitif musste aber in den letzten Jahrzehnten<br />

einen deutlichen Umsatzrückgang verzeichnen. Mit<br />

« Casino Royale » kam der Lillet wieder groß in Mode<br />

und die kleine Firma aus Podensac war Dank des James-<br />

Bond-Filmes gerettet, ohne dies jedoch zuvor beeinflusst<br />

zu haben.<br />

Dass der Lillet in Bordeaux erfunden wurde, ist<br />

ganz und gar kein Zufall. Im 18. Jahrhundert war die<br />

aufstrebende Hafenstadt bedeutender Umschlagplatz für<br />

exotische Gewürze und Kräuter, die in Europa bis dato<br />

unbekannt waren. Rohrzucker von den Antillen, Curaçao-Orangen<br />

aus Haiti, Chinarinde aus Peru, Sternanis<br />

aus China, Bourbon-Vanille – all das waren Ingredienzien<br />

für neue, verführerische Getränke.<br />

Die Brüder Paul und Raymond Lillet, beide Ingenieure,<br />

gründeten 1872 ein kleines Unternehmen, in dem sie<br />

Liköre, Limonaden, Sirups und Fruchtgelees produzierten.<br />

Außerdem waren sie als Händler für Wein, Cognac,<br />

Armagnac, Absinth und anderes Hochprozentiges tätig.<br />

Für sie waren die aus Übersee eintreffenden exotischen<br />

Zutaten Grundlage für eine Erweiterung ihrer Produktpalette.<br />

Nicht zuletzt durch Mischungen mit ihren Vorräten<br />

an Weiß- und Rotweinen konnten sie sich einen<br />

immensen neuen Markt schaffen.<br />

Ab 1887 arbeiteten sie an dem Rezept für einen neuen<br />

Aperitif, den sie ab 1895 nach und nach in den Handel<br />

brachten. Zuerst trug er noch den Namen « Kina Lillet »,<br />

da der Lillet mit Extrakten von Chinarinde versehen ist,<br />

der vom südamerikanischen Kina-Kina-Baum stammt.<br />

Dessen chininhaltige Rinde war schon von den Ureinwohnern<br />

Perus als Medikament genutzt worden. Der Erfolg<br />

des neuen Aperitifs ließ nicht lange auf sich warten<br />

und das Getränk avancierte schnell zu einem typischen<br />

Produkt der Gironde. Die Reklame tat ihr Übriges und<br />

verband den Lillet geschickt mit dem hohen Ansehen der<br />

Weine der Region.<br />

Heute findet man den Lillet in wirklich jedem Lokal<br />

in Bordeaux und der Gironde, er wird aber genauso<br />

in den Cocktailbars auf der ganzen Welt geführt. Man<br />

trinkt ihn meist pur und gekühlt auf Eis. Die bekannteste<br />

Variante ist der weiße Lillet auf der Grundlage von<br />

Weißwein. Es ist immer ein Vin des Graves, einer der<br />

typischen lieblichen Weine aus den Bordeaux-Anbaugebieten.<br />

Er ist von schöner goldener Farbe und besticht<br />

durch ein Aroma von Orangen, Limetten, Minze und<br />

Honig. Der rote Lillet dagegen gewinnt seine rubinrote<br />

Farbe durch die Grundlage von Rotwein aus dem Côtes<br />

de Bourg und hat ein Aroma von Orangen, Vanille, Gewürzen<br />

und Beerenfrüchten.<br />

Aber ganz gleich, welcher Lillet serviert wird – man<br />

sollte ihn unbedingt auf Eis und mit einem Stück Zi tro ne<br />

genießen. Oder aber, wie der berühmte englische Geheimagent,<br />

als Zutat für einen belebenden Cocktail.<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 87


Art de vivre Chantals Rezept<br />

«Das Lammkotelett ist für mich eines<br />

der Gerichte, die den Beginn des Sommers<br />

ankündigen. Das Fleisch lässt an die<br />

saftigen Wiesen der Normandie denken<br />

und die Kräuter haben den typischen<br />

Duft der Provence. Diese delikate Kombination<br />

weckt die Sinne und lässt die<br />

Vorfreude auf die heiße Jahreszeit<br />

»<br />

umso<br />

größer werden. Bon appétit!<br />

Chantal, Kochexpertin von Frankreich<br />

erleben, beantwortet gerne Ihre Fragen:<br />

chantal@frankreicherleben.de<br />

Für 4 Personen<br />

Vorbereitungszeit: 30 min<br />

Garzeit: 45 min<br />

Carré d’agneau<br />

aux herbes<br />

88 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Zutaten<br />

8 Lammkoteletts, zu einem Bund gewickelt<br />

50 g Paniermehl<br />

50 g Parmesan<br />

70 g Walnusskerne<br />

4 Knoblauchzehen<br />

1 Strauß glatte Petersilie<br />

1 Strauß Estragon<br />

4 EL Olivenöl<br />

Salz und Pfeffer<br />

Für die Garnitur<br />

4 kleine (oder<br />

2 große, halbierte)<br />

grüne Paprikas<br />

5 Tomaten<br />

2 Knoblauchzehen<br />

2 EL Olivenöl<br />

Salz und Pfeffer<br />

Zubereitung<br />

•<br />

Die Tomaten waschen, entkernen und in Würfel<br />

schneiden. Salzen und pfeffern und fünf bis zehn<br />

Minuten mit zwei gehackten Knoblauchzehen in<br />

zwei Esslöffel Olivenöl andünsten. Die Tomatenmasse<br />

vom Herd nehmen und abkühlen lassen.<br />

• In der Küchenmaschine oder mit einem Pürierstab die<br />

Petersilie, den Estragon, die vier Knoblauchzehen, die<br />

Walnüsse, den Parmesan, das Paniermehl und vier Esslöffel<br />

des Olivenöls zu einer glatten Masse verarbeiten.<br />

• Die Lammkoteletts salzen und pfeffern. Die Kräuterfarce<br />

als dicke Schicht auf den Koteletts verteilen.<br />

Eine Kasserole oder eine feuerfeste Form mit einem<br />

Film Olivenöl bestreichen, die Koteletts darauf<br />

legen und im Backofen bei 230 Grad garen lassen.<br />

Für rosiges Fleisch beträgt die Garzeit 45 Minuten,<br />

für durchgegartes Fleisch 50 bis 55 Minuten.<br />

• Während der Garzeit der Koteletts die Paprikaschoten<br />

in gesalzenem Wasser zehn Minuten<br />

kochen lassen. Die Schoten danach mit den<br />

gedünsteten Tomatenwürfeln füllen und zehn<br />

Minuten bei 230 Grad im Ofen gratinieren.<br />

• Die Lammkoteletts aus dem Ofen nehmen und einige<br />

Minuten ruhen lassen. Die Koteletts vom Rücken<br />

lösen und mit den gefüllten Paprikas servieren.<br />

Weinempfehlung<br />

•<br />

Zu diesem Fleischgericht empfiehlt sich ein Rotwein aus<br />

der Côte de Provence oder ein Coteaux du Languedoc.<br />

Tipp<br />

•<br />

Damit die Koteletts besonders zart und saftig werden,<br />

sollten sie als Rückenstück zu einem Bund gewickelt<br />

werden. Der Fleischer kann dies dementsprechend<br />

vorbereiten. Es lässt sich aber auch ganz einfach selbst<br />

bewerkstelligen: Einen Lammrücken an der Ober- und<br />

Unterseite so aufschneiden, dass die Koteletts nicht<br />

ganz vom Rücken gelöst sind. Dann die Koteletts nach<br />

außen zu einem Bund aufdrehen (siehe Abbildung).<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 89


Art de vivre Genuss<br />

Scharfmacher<br />

Der echte Senf aus Dijon<br />

Senf ist eine Pflanze, die man auf allen<br />

Kontinenten findet. Aber Achtung:<br />

Es gibt solchen Senf und solchen.<br />

Nicht jeder schmeckt gleich, vor allem<br />

existieren große Qualitätsunterschiede<br />

zwischen den Marken. Manch scheinbares<br />

Originalprodukt entpuppt sich<br />

bei genauerer Betrachtung als eine<br />

billige Kopie. Man sollte seinen Senf<br />

also sorgfältig auswählen. Für Franzosen<br />

ist ohnehin nur der Senf aus Dijon ein<br />

echter Senf. Zu Recht?<br />

Besonders aufregend ist das Thema « Senf » nicht. Als es<br />

in der Redaktion zum ersten Mal auf den Tisch kam,<br />

fand sich niemand, der den Artikel schreiben wollte.<br />

Ganz anders bei den Reportagen zu Paris oder der Bretagne,<br />

die immer ihre Abnehmer finden. Aber beim Senf senkten bei<br />

der Redaktionskonferenz alle nur ihre Köpfe und kritzelten<br />

eifrig in den Notizblöcken. Es kam, wie es kommen musste:<br />

Der Chefredakteur vergab das Thema per Direktive… an<br />

mich. Manchmal bin ich wirklich vom Pech verfolgt. Okay,<br />

Senf… und wie weiter? Mir fiel zu diesem Thema nichts weiter<br />

ein. Aber ich krempelte meine Ärmel hoch und stürzte<br />

mich, etwas ungläubig noch, in die Arbeit. Vielleicht gibt es ja<br />

doch etwas Spannendes am Senf zu entdecken?<br />

Meine erste überraschende Erkenntnis: Senf kann etwas<br />

sehr Staatstragendes haben. Das mag erstaunen, aber es<br />

gibt durchaus Situationen, in denen Senf eine Schlüsselrolle<br />

zukommt. Vor allem dann, wenn derjenige, der nach Senf<br />

verlangt, niemand Geringeres als der Präsident der Vereinigten<br />

Staaten von Amerika ist. So geschehen an Bord der<br />

legendären Airforce One beim ersten Flug mit Barack Obama.<br />

Die Reise wurde von einem amerikanischen Fernsehteam<br />

gefilmt, das dabei auch die Szene einfing, als der neue<br />

Präsident nach Senf für seinen Hamburger verlangte.<br />

90 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Offensichtlich hatte man an alles gedacht, nur nicht<br />

daran. Sein Vorgänger wird Senf wohl nicht gemocht haben,<br />

jedenfalls befand sich kein einziges Senfglas an Bord,<br />

nicht einmal eines dieser kleinen Aluminiumtütchen für<br />

unterwegs. Der mächtigste Mann der Welt musste seinen<br />

Hamburger ohne Senf genießen. Nun gut, dieses Vorkommnis<br />

wird den Weltenlauf nicht beeinflusst haben, aber<br />

für den Moment dürfte der Präsident ziemlich « bedient gewesen<br />

sein ». Die entsprechende französische Redewendung<br />

« la moutarde me monte au nez » bezieht sich wortwörtlich<br />

auf diese Situation: « Ihm stieg der Senf in die Nase ». Oder<br />

eben gerade nicht.<br />

Was man den Franzosen neidlos lassen muss: Wenn es<br />

um ihre Kultur geht, machen sie aus jeder eigentlich bedeutungslosen<br />

Episode eine Geschichte mit Gewicht. Der<br />

Bürgermeister von Dijon nämlich, François Rebsamen, sah<br />

im Fernsehen die Bilder mit Obama und ergriff sofort die<br />

Initiative. Aufgrund des unerfüllten Senfbegehrens des<br />

amerikanischen Präsidenten schrieb Rebsamen einen Brief<br />

ans Weiße Haus, in dem er mitteilte, dass die Bürger von<br />

Dijon berührt und stolz wären, dass der Präsident eine so<br />

ausgeprägte Vorliebe für ein Produkt habe, für das Dijon in<br />

der ganzen Welt bekannt sei. Den Brief begleitete natürlich<br />

eine stattliche Lieferung von Dijon-Senf.<br />

Ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht, aber seitdem<br />

ich von dieser Geschichte erfahren habe, betrachte<br />

ich das Senfglas bei mir zu Hause mit anderen Augen. Als<br />

ich mich davon überzeugt hatte, dass das Glas in meinem<br />

Kühlschrank auch wirklich den Schriftzug « Moutarde de<br />

Dijon » trug, war ich ein bisschen stolz darauf, auf der anderen<br />

Seite des Atlantiks den amerikanischen Präsidenten zu<br />

wissen, der das gleiche Produkt auf seinem Frühstückstisch<br />

stehen hat. Doch dann kamen mir Zweifel. Ist es wirklich<br />

der gleiche Senf? Dass das überhaupt nicht gesagt ist, musste<br />

ich bei meinen Recherchen zu diesem Thema mit Entsetzen<br />

feststellen.<br />

Eigentlich könnte alles ganz einfach sein, denn zunächst<br />

einmal ist Senf nichts weiter als ein Korn der Pflanze Sinapis<br />

campestris. Man hat ausgerechnet, dass ein Kilogramm<br />

von ihr 500.000 Senfkörner ergibt. Senfmangel braucht<br />

man bei solchen Zahlen also nicht zu befürchten. Genutzt<br />

wird die Pflanze nicht erst seit gestern. Schon die Chinesen,<br />

die alten Griechen und die Römer kannten die Würzpaste,<br />

die wir heute kurz als Senf bezeichnen. Sie war lange Zeit<br />

das scharfmachende Gewürz der Armen, denn Pfeffer war<br />

selten und teuer. Wollte man scharf essen, aß man Senf. So<br />

war das überall auf der Welt. So weit, so gut.<br />

In Frankreich wird Senf ebenfalls seit langem angebaut.<br />

Eine königliche Anordnung von 1390 belegt das. Schon<br />

damals war die Gegend um Dijon für ihren Senfanbau bekannt,<br />

denn der Boden ist für das Wachstum der Pflanze<br />

besonders gut geeignet. So wundert es auch nicht, dass in<br />

Dijon 1643 der offizielle Beruf des Essig- und Senfmachers<br />

eingeführt wurde. Im Jahre 1752 gelang es einem von ihnen,<br />

das traditionelle Rezept entscheidend zu verbessern.<br />

Er hatte die Idee, die Senfkörner vor dem Zermahlen in<br />

einem Saft aus grünen Weintrauben einzuweichen, was die<br />

Fermentierung der Senfkörner verbesserte und den Senf<br />

schärfer werden ließ.<br />

Inzwischen ist in Frankreich die Herstellung von Senf<br />

durch ein Gesetz von 1937 genau geregelt. Es bestimmt, wie<br />

der Verarbeitungsprozess durchgeführt werden muss, und<br />

nicht zuletzt ihm ist es zu verdanken, dass der Dijon-Senf<br />

den Ruf des « wahren Senfs » erhielt. Aber dummerweise<br />

ist der Gesetzestext an einer Stelle unpräzise. Er verlangt<br />

nämlich nicht, dass die Senfkörner auch wirklich aus der<br />

Umgebung von Dijon oder aus Burgund stammen müssen.<br />

Eine Appellation d’origine controllée, also die berühmte kontrollierte<br />

Herkunftskennung, gibt es für Senf nicht. Deshalb<br />

kann jeder auf der Welt, sei es in den USA, Russland,<br />

Deutschland oder China, einen Senf produzieren, der ganz<br />

offiziell den Namen « Dijon-Senf » trägt, der aber weder in<br />

Dijon produziert sein, noch aus Pflanzen der Region gewonnen<br />

werden muss. Dass der Geschmack dadurch sehr<br />

verschieden ausfallen kann, liegt auf der Hand.<br />

Das kümmert zwar die wenigsten Konsumenten, aber<br />

für die Stadt Dijon ist es ein Problem. Denn der Lebensmittelkonzern<br />

Amora-<strong>Mai</strong>lle, der in der ganzen Welt<br />

mit seinem « echten » Dijon-Senf wirbt, hat kürzlich die<br />

Schließung von drei Senffabriken in Burgund angekündigt,<br />

darunter auch die von Dijon. Die Senfhauptstadt der Welt<br />

liefe Gefahr, zur Senfwaise zu werden, gäbe es da nicht den<br />

einen letzten unabhängigen Hersteller, die Firma Fallot, die<br />

in Dijon die Jahrhunderte alte Senfmachertradition aufrechterhält.<br />

Noch zumindest.<br />

So sollte man also genau auf das Etikett schauen, wenn<br />

man einen Senf aus Dijon kaufen möchte. Da ich das nun<br />

alles weiß, hätte ich allen Grund zu fragen: Monsieur Obama,<br />

könnte es sein, dass Ihr Dijon-Senf vielleicht… aus<br />

Amerika stammt?<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 91


Frankreich praktisch<br />

Autobahngebühren<br />

Welche Spur ist beim Bezahlen die richtige<br />

Während in der Schweiz und Österreich Autobahngebühren<br />

erhoben werden, kennen die Deutschen dies<br />

nur von ihren Reisen ins Ausland, unter anderem nach<br />

Frankreich. Doch im Gegensatz zu den beiden Alpenländern<br />

erwirbt man in Frankreich keine Vignette,<br />

sondern zahlt eine entfernungsabhängige Gebühr. Ein<br />

Netz von Mautstellen überspannt das ganze Land.<br />

Wo sind die Mautstellen<br />

Die Mautstellen (Péages) befinden sich überwiegend<br />

am Anfang und am Ende mautpflichtiger Autobahnen<br />

sowie an den Ab- und Zufahrten. Nur auf wenigen<br />

Autobahnen, wie beispielsweise der A13 von<br />

Paris in die Normandie, bezahlt man die Gebühr<br />

abschnittsweise, passiert also diverse Mautstellen<br />

unterwegs.<br />

Welche Fahrzeugklassen gibt es<br />

Die Tarife sind nach Fahrzeugklassen gestaffelt.<br />

Insge samt gibt es fünf:<br />

Klasse 1: alle üblichen Pkw, einschließlich<br />

Großraumlimousinen, SUV und<br />

Pkw mit einfachen Anhänger<br />

Klasse 2: Pkw mit Wohnwagen, kleine Wohnmobile<br />

und kleine Transporter<br />

Klasse 3: kleine Lkw, Reisebusse, große<br />

Transporter und große Wohnmobile<br />

Klasse 4: Große Lkw und Reisbusse<br />

Klasse 5: Motorräder<br />

An den großen Maustellen gibt es meist drei oder<br />

vier Arten von Spuren:<br />

1. Spuren, die mit einem grünen Pfeil gekennzeichnet<br />

sind: Diese Schalter sind mit Personal<br />

besetzt. Man kann seine Autobahngebühr sowohl<br />

mit Bargeld als auch Kreditkarte bezahlen.<br />

2. Spuren, die mit einem « CB » für carte bancaire<br />

gekennzeichnet sind: Dahinter verbergen sich<br />

Automaten, die ausschließlich Kreditkarten<br />

akzeptieren. In den einen Schlitz schiebt man<br />

sein Ticket, in den zweiten seine Kreditkarte.<br />

Wenn man eine Quittung wünscht, muss man<br />

den Knopf « Reçu » drücken. Achtung: Es<br />

werden Visa und Mastercard, teilweise auch<br />

AMEX, aber keine EC-Karten akzeptiert!<br />

3. Spuren, die mit Münzen oder einem Euroschein<br />

gekennzeichnet sind: Dies sind Automaten, die<br />

ausschließlich Bargeld akzeptieren. Man wirft<br />

die passende Summe Münzen in einen Trichter.<br />

Diese Spuren findet man meist nur an kurzen<br />

Mautabschnitten. Die Mautsumme wird vorher<br />

auf Schildern angezeigt.<br />

4. Spuren, die mit einem « t » für télépéage gekennzeichnet<br />

sind: Diese Spuren sind für Vielfahrer<br />

reserviert, die in ihrem Fahrzeug einen kleinen<br />

Sender haben. Die Abbuchung der Autobahngebühren<br />

erfolgt automatisch.<br />

Wie hoch sind die Gebühren<br />

Die Höhe der Autobahngebühren ist entfernungsabhängig.<br />

Manche Autobahnen sind teurer als<br />

andere. Im Internet kann man die Mautgebühren<br />

der geplanten Reiseroute im Vorfeld ermitteln<br />

(www.autoroutes.fr).<br />

Sind alle Autobahnen mautpflichtig<br />

Nein, aber die meisten. Ausnahmen bilden Autobahnen<br />

im Großraum von großen und mittelgroßen<br />

Städten (zum Beispiel Paris, Lyon, Marseille, Toulouse),<br />

in Grenznähe (zum Beispiel Rheintal-Autobahn<br />

im Elsass) sowie einige wenige andere Strecken<br />

(zum Beispiel die A84 von Caen nach Rennes).<br />

92 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


Arte-Programm<br />

Montag, 04.05.<strong>2009</strong>, <strong>21</strong>.00 Uhr<br />

Vincent, François, Paul<br />

und die anderen<br />

Film von Claude Sautet, Frankreich/Italien 1974<br />

Seit vielen Jahren treffen sich die alten Freunde Vincent,<br />

Paul und François am Wochenende mitsamt ihren<br />

Familien in Pauls Landhaus. Mittlerweile sind die drei an<br />

der Schwelle zum 50. Lebensjahr angelangt – Zeit, eine<br />

erste große Lebensbilanz zu ziehen. Und die sieht nicht<br />

gut aus. So wird das traditionelle gemeinsame Wochenende<br />

zu einer bittersüßen, melancholisch-heiteren Abrechnung,<br />

aus der niemand ungeschoren davonkommt...<br />

Montag, 11.05.<strong>2009</strong>, <strong>21</strong>.00 Uhr<br />

Sie küssten und sie schlugen ihn<br />

Film von François Truffaut, Frankreich 1959<br />

Der 13-jährige Antoine wächst in lieblosen Verhältnissen<br />

bei Mutter und Stiefvater auf. Statt in die Schule<br />

zu gehen, streunt er lieber mit seinem Freund Rémy in<br />

Paris herum. Als er eines Tages beim Diebstahl einer<br />

Schreibmaschine erwischt wird, kommt er in eine Erziehungsanstalt.<br />

Der Kultfilm von François Truffaut begründete<br />

1959 die Nouvelle Vague. Im Anschluss (22.40<br />

Uhr) sendet ARTE eine Dokumentation zu dieser Stilrichtung<br />

im Kino.<br />

Sonntag, 17.05.<strong>2009</strong>, 20.15 Uhr<br />

Philippe Noiret,<br />

Grand Seigneur des Kinos<br />

Themenabend<br />

Philippe Noiret war einer der begabtesten und beliebtesten<br />

Schauspieler seiner Zeit. Als er im November<br />

2006 starb, ging eine Welle der Trauer durch Frankreich.<br />

Der Themenabend zeichnet in einem eindrucksvollen<br />

Porträt Noirets Laufbahn nach und beleuchtet die Wirkung<br />

des Künstlers über seinen Tod hinaus.<br />

Montag, 18.05.<strong>2009</strong>, <strong>21</strong>.00 Uhr<br />

Violette Nozière<br />

Film von Claude Chabrol, Frankreich/Kanada 1978<br />

Die Verfilmung eines spektakulären Kriminalfalles<br />

des Nouvelle-Vague-Regisseurs Claude Chabrol mit Isabelle<br />

Huppert. ARTE zeigt diesen Spielfilm innerhalb<br />

eines Programmschwerpunkts anlässlich des Filmfestivals<br />

in Cannes. Das diesjährige 62. Festival vom 13. bis 24.<br />

<strong>Mai</strong> <strong>2009</strong> beehrt Isabelle Huppert als Juryvorsitzende.<br />

Mehr Informationen zu den Sendungen finden Sie im Arte-Magazin oder unter: www.arte.tv<br />

Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong> · 93


Leserbriefe · Impressum<br />

Jedes Mal lese ich Ihre Zeitschrift<br />

mit Begeisterung und bin<br />

vom ersten Heft an Abonnent.<br />

Seit ich mit 18 Jahren den Führerschein<br />

machte, verbringe ich jedes<br />

Jahr Urlaube in Frankreich. Gerne<br />

übernachten wir dabei in kleineren<br />

Familienhotels, oft « Logis de<br />

France » angeschlossen. Vielleicht<br />

können Sie gelegentlich auch<br />

Chambre d’hôte in Ihrem Magazin<br />

vorstellen? Nun hätte ich noch eine<br />

Frage: In Frankreich gibt es immer<br />

mehr Tankstellen mit einem<br />

24-Stunden-Service. Allerdings<br />

kann man an diesen Tankstellen<br />

mangels Tankwart bzw. Kassierer<br />

nur mit Geldkarten bezahlen. Ich<br />

habe es schon mehrfach versucht,<br />

an solchen Zapfsäulen zu tanken,<br />

konnte aber mit meiner Kreditkarte<br />

noch nie die Zapfsäule dazu<br />

bringen, Sprit abzugeben. Kann<br />

man mit deutschen Kreditkarten<br />

an diesen Einrichtungen nicht<br />

tanken? Oder gibt es einen Trick<br />

bzw. mache ich etwas falsch?<br />

Dirk Sornberger, Dittweiler<br />

Redaktion: In der Tat, einige dieser<br />

Tank automaten akzeptieren keine<br />

deutschen Kreditkarten. Es gibt aber<br />

Trost: Preisgünstige Tankstellen an Supermärkten<br />

haben während der üblichen<br />

Öffnungszeiten oft auch Zapf säulen,<br />

wo die Bezahlung an einem Kassenhäuschen<br />

erfolgen kann. Dort funktionieren<br />

dann auch die deutschen<br />

Kredit karten.<br />

In den allgemeinen Informationen<br />

über Burgund haben Sie<br />

eine wichtige Zugverbindung vergessen.<br />

Es gibt im Département<br />

Saône-et-Loire die TGV-Station<br />

« Le Creusot - Montceau-les-<br />

Mines - Montchanin TGV », kurz<br />

Le Creusot TGV. Von diesem<br />

Bahnhof, ca. 25 Kilometer von<br />

Chalon-sur-Saône entfernt, fahren<br />

regelmäßig Züge nach Paris Gare<br />

de Lyon und Lyon, sowie einzelne<br />

Züge nach Marseille St. Charles<br />

und Lille Europe. Diese Anbindung<br />

nach Paris in 1h 20min ist<br />

äußerst effizient und für Urlauber<br />

interessant.<br />

Wolf Dammeier, Celle<br />

Seit Ihrer ersten Ausgabe<br />

finde ich immer wieder Ziele<br />

meiner vielen Frankreichreisen<br />

in Ihrem Magazin wieder und<br />

freue mich über die schönen Fotos<br />

und die guten Berichte, die mich<br />

an schöne Zeiten in Frankreich<br />

erinnern. 1999 war ich allein als<br />

Individualtouristin auf der Ile de<br />

la Reunion. Ich durfte dort eine<br />

tolle Gastfreundschaft und eine<br />

ungekannte Offenheit erleben. Es<br />

war superschön. Gerne würde ich<br />

erfahren, ob auch heute, zehn Jahre<br />

später, noch diese unvergleichliche<br />

Stimmung herrscht, oder ob<br />

der zunehmende Tourismus dem<br />

Gebiet und den Menschen die<br />

Unbekümmertheit genommen hat.<br />

Planen Sie vielleicht einmal einen<br />

Bericht über diese tolle Insel?<br />

Elvira Höhle, Isernhagen<br />

Redaktion: Für die Zukunft ist das nicht<br />

ausgeschlossen. Mit Guadeloupe<br />

hatten wir kürzlich zum ersten Mal<br />

ein Überseedepartement in unserem<br />

Reiseteil. Auch in dieser Ausgabe gibt<br />

es einen Bericht über die DOM/TOM.<br />

Hat Ihnen unser Magazin gefallen? Haben Sie Verbesserungsvorschläge<br />

oder Anregungen? Schreiben Sie uns. Wir sind gespannt auf Ihre Meinung!<br />

Per E-<strong>Mai</strong>l:<br />

Leserbriefe<br />

leserbriefe@frankreicherleben.de<br />

Per Brief: Frankreich erleben - Leserbriefe - Globus Medien GmbH -<br />

Erich-Weinert-Straße 22 · 10439 Berlin<br />

Per Fax: +49 (0)30 920372065<br />

Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe in gekürzter Fassung zu veröffentlichen.<br />

Impressum<br />

Frankreich erleben ist das Ergebnis von Teamarbeit. Neben den Autoren<br />

und Fotografen tragen auch die Lektoren, Grafiker und alle anderen<br />

Mitarbeiter zur Qualität der einzelnen Artikel bei. Daher sind keine einzelne<br />

Personen am Ende eines Artikels hervorgehoben, sondern findet die<br />

Nennung im Impressum statt.<br />

Frankreich erleben erscheint im Verlag<br />

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ISSN: 1861-4256<br />

Herausgeber: Markus Harnau<br />

Chefredakteur (V.i.S.d.P.): Jean-Charles Albert<br />

Redaktionsbüro:<br />

Ajc Presse · 57, rue Chantecrit · 33300 Bordeaux<br />

Telefon: +33 (0)1 75 439 440 · Fax: +33 (0)1 75 434 549<br />

Mitarbeiter dieser Ausgabe:<br />

Jean-Julien Bault, Sten Beneke, Chantal Cobac, Dominique Cache, Kristina<br />

von Domarus, Stefanie Dracker, Andrea Garbe, Dr. Jan Grasshoff, Lilian<br />

Grenier, Olivier Huonnic, Noémie Mayaudon, Dr. Petra Morich, Ina Muñoz,<br />

Gérard Rival, Serge Robin, Ester Segura, Susanne Ziegler<br />

Layout: Werner Hasselbach Design<br />

Anzeigen Deutschland, Österreich und Schweiz:<br />

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Bezugspreise beinhalten, wo erforderlich, die gesetzliche Mehrwertsteuer.<br />

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Bildnachweise (nach Seiten, Anordnung von links nach rechts, oben nach unten): Titel:<br />

Serge Robin, Ajc Presse • S.3: Ajc Presse • S.4: Serge Robin, Ajc Presse; JanParis,<br />

Globus Medien; CDT Ardennes; Serge Robin, Ajc Presse; Jean Schormans, Réunion des<br />

Musées Nationaux (RMN) (Musée d’Orsay); Globus Medien; Pernaud Ricard; Office<br />

du Tourisme du Sancy • S. 6-11: Air France; Stade de France, Macary, Zublena und<br />

Regembai, Costantini Architext, F. Aguilhon; iStock, Dan Thornberg; Haribo; Parc Astérix;<br />

iStock, Emre Arican; E.Lambert, C2RMF Musée du Louvre; iStock, Ericsphotography;<br />

iStock, Edwin Verin; Musée de l’Homme; RPP Brigitte de Roquemaurel / Emilie Claudon<br />

- Marilena Ferrari-FMR; Point WC • S.12-13: DR • S.14-23: Globus Medien • S.24-38:<br />

Serge Robin, Ajc Presse • S.40-41: The Regent Grand Hotel Bordeaux • S.42-48: Sten<br />

Beneke, Globus Medien • S.49: Klaus Kühn, salto.lamento, Figurentheater Tübingen •<br />

S.52-53: Globus Medien • S.54: Musée du Nouveau Monde; Globus Medien • S.55-56:<br />

Globus Medien • S.58-64: Office du Tourisme du Sancy • S.66-67: Chantal Cobac fur Ajc<br />

Presse • S.68: Man Ray Trust, Adagp, Musée d’Art Moderne, Parisienne de Photographie,<br />

Ladet • S.69: Jean Schormans, RMN (Musée d’Orsay) • S.70: Gabriel Loppé, Hervé<br />

Lewandowski, RMN (Musée d’Orsay) • S.71: Henri Toussaint, Hervé Lewandowski,<br />

RMN (Musée d’Orsay); Jost R.Samson, Atelier photographique des Archives Nationales,<br />

site de Paris F.12 4445 • S.72: Hervé Lewandowski, RMN (Musée d’Orsay) • S.73:<br />

V.Langonnet, Jean-Michel Seguin, Laboratoire aérodynamique Eiffel, Cstb • S.74:<br />

Fotolia, photallery S.76-80: Aéroports Paris, Toulouse, Nantes, Brive, Caen, Deauville<br />

• S.82-83: Service Communication du Marché de Rungis • S.84-85: DR • S.86-87:<br />

Pernaud Ricard • S.88-89: M.A, Ajc Presse • S.90-91: iStock, Alasdair Thomson; iStock,<br />

fotoIE • S.92: Autoroute de France • S.93: Arte, DR • S.98: Serge Robin, Ajc Presse;<br />

Jean-Julien Bault, Ajc Presse<br />

94 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


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Übersicht der<br />

Reisethemen,<br />

nach<br />

Regionen<br />

geordnet:<br />

7<br />

9<br />

8<br />

6<br />

5<br />

1<br />

10<br />

2<br />

12<br />

4<br />

3<br />

11<br />

13<br />

1 Paris und Umgebung <strong>Nr</strong>.<br />

14<br />

Paris: Das Grand Palais erwacht aus dem<br />

20<br />

Dornröschenschlaf<br />

An den Ufern der Seine – Für drei Euro mit dem 19<br />

Mietfahrrad entlang der Seine<br />

Les Palaces, rosige Zeiten für Pariser<br />

18<br />

Luxusherbergen<br />

Die Sainte-Chapelle in Schönheitskur 17<br />

Tuilerien - Paris träumt vom Wiederaufbau seines 17<br />

alten Stadtschlosses<br />

Kunst - Musée du Montparnasse 16<br />

Alle 20 Arrondissements 15<br />

Stadtentwicklung - Neue Hochhäuser für Paris? 14<br />

Cité de l’Immigration - Ein notwendiges Museum 13<br />

Vaux-le-Vicomte - Wenn Größenwahn zum<br />

12<br />

Verhägnis wird<br />

Barbizon - Nabel der französischen<br />

12<br />

Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts<br />

Fontainebleau - Kleines Paradies der Glückseligkeit 12<br />

Parc de Sceaux - Wenn der Park im Mittelpunkt steht 12<br />

Rambouillet - Ein Schloss für den Präsidenten 12<br />

Saint-Germain-en-Laye - Sinnbild eines elitären 12<br />

Lebensgefühls<br />

Parc de Saint-Cloud - Schlosspark ohne Schloss 12<br />

Auvers-sur-Oise - Van Goghs letzte Ruhestätte 12<br />

Chantilly - Schloss, Pferde, Schlagsahne 12<br />

Pierrefonds - Beschaulichkeit versus Monumentalität 12<br />

Kommunalpolitik - Paris erlebt eine<br />

12<br />

Fahrradrevolution<br />

Fondation Le Corbusier - Das Erbe eines<br />

12<br />

polarisierenden Architekten<br />

Gastronomie - Preiswert essen in Paris 12<br />

Paris La Défense - Paris‘ futuristisches Gesicht 10<br />

Paris 14e - Stadtspaziergang durch das 14.<br />

9<br />

Arrondissement<br />

Paris-CDG - Hinter den Kulissen des Pariser<br />

8<br />

Flughafens Charles-de-Gaulle<br />

Opéra National de Paris - Eine Bühne für das<br />

7<br />

Publikum<br />

Paris Rive Gauche - Zukünftiges 7<br />

Restaurant - Café Marly, Pariser Chic im Louvre 6<br />

Shoppingtour - Auf Einkaufstour durch Paris mit 6<br />

einem der legendärsten Autos Frankreichs, der Ente<br />

Palais-Royal - Die Renaissance des Shoppings 6<br />

Avenue Montaigne - Nächtlicher Bum mel über die 6<br />

Pariser Luxusmeile<br />

Kaufhäuser - Mythos Grands Magasins: vom<br />

6<br />

«Paradies der Damen» zum Konsumtempel<br />

<strong>Mai</strong>son de Balsac, Musée Gustave Moreau,<br />

5<br />

Fondation Cartier<br />

Mac/Val - Zeitgenössischer Kunst tempel in einem 3<br />

Vorort von Paris<br />

Gastronomie - Chez Antoine 1<br />

Pariser Bistros 1<br />

Die Gewächs häuser von Auteuil 1<br />

Interview - Anne Hidalgo 1<br />

Märkte - Jedem seinen Markt 1<br />

Stadtteile - Spaziergang durch eine sinnliche<br />

1<br />

Metropole<br />

Hotel<br />

Hôtel des Académies et des Arts, Paris 11<br />

Kube Rooms and Bars, Paris 2<br />

2 Nordfrankreich <strong>Nr</strong>.<br />

Côte d’Opale - Immer am Ärmelkanal entlang 14<br />

Centre Historique Minier - Die Geschichte des<br />

14<br />

Bergbaus erleben<br />

Amiens - Kleine Kapitale der Picardie 14<br />

Baie de Somme - Paradies für Menschen und Vögel 14<br />

Karneval in Dünkirchen - Eine ganze Stadt feiert mit 13<br />

urigem Humor<br />

La Piscine - Ein Schwimmbecken als Eintrittskarte in 10<br />

die Welt der Kunst<br />

Auf Lille 2004 folgt lille3000, die Verwandlung 6<br />

geht weiter<br />

Lille - Frankreichs flämische Metropole 2<br />

Hotel<br />

L‘Hermitage Gantois, Lille 5<br />

3 Elsass / Lothringen / Champagne <strong>Nr</strong>.<br />

Rosheim – Idylle am Fuß der Vogesen 19<br />

Ardennen - Im sagenhaften Grün der Ardennen 18<br />

Elsass - Goethes amour fou in Sesenheim 17<br />

Gedenkkult - Charles de Gaulle, wohin man schaut 17<br />

Le Chocolat, Schokoladenmuseum Straßburg 16<br />

Vittel - Vom Kurort zur Weltmarke 15<br />

Plombières-les-Bains - Thermale Freuden in den 12<br />

Vogesen<br />

Straßburg - Stadterneuerung als politisches<br />

11<br />

Leitmotiv<br />

Wein - Jean-Paul Schmitt, ein Winzer mit Charakter 10<br />

und charaktervollen Weinen<br />

Madeleines, die süße Verführung aus Commercy 10<br />

Metz - Im Osten etwas Neues 9<br />

Burgen - Auf den Spuren des Mittelalters 8<br />

Elsässische Weinstraße - Eine Weingegend zeigt 8<br />

sich volksnah<br />

Mulhouse - Europäische Hauptstadt der<br />

8<br />

Technikmuseen<br />

Dominikanerkloster Guebwiller - Wo Musik Grenzen 8<br />

überwindet<br />

Golf im Elsass - Geheimtipp unter Golfern 8<br />

Dorfleben - Eine Reise zu den fünf schönsten<br />

8<br />

Dörfern des Elsass<br />

Colmar - Der Zauber der Nacht 8<br />

Sainte-Marie-aux-Mines - Besuch einer Silbermine 8<br />

aus dem 16. Jahrhundert<br />

Bugatti in Molsheim - Die Wiederentdeckung einer 8<br />

automobilen Legende<br />

Straßburg - Wenn Fachwerkhäuser auf Glaspaläste 8<br />

treffen<br />

Skifahren in den Vogesen - Mittelgebirge hinter der 7<br />

Grenze<br />

Elsass - Hochburg der Weihnachtsmärkte 6<br />

Wein - Champagner, Lebensgenuss pur 5<br />

Stockweiher - der Wolf im Schafspelz 3<br />

Hotel<br />

Le Château-Fort, Sedan 16<br />

Le Prestige Impérial, Plombières-les-Bains 12<br />

Le Domaine du Lac, Guebwiller 9<br />

4 Burgund / Jura <strong>Nr</strong>.<br />

Burgund: Der Pilgerhügel von Vézelay 20<br />

Anis de Flavigny, der Erfolg kleiner weißer Bonbons 18<br />

Morvan - Einst vergessen, heute ein grüner Schatz 17<br />

Bibracte - Galliens Hauptstadt vom Staub befreit 17<br />

Guédelon - Die spinnen, die Burgunder! 17<br />

Wein - Montrachet, ein Wein der Extraklasse 17<br />

Skifahren im Jura - Landstrich der Geruhsamkeit 7<br />

Saline Royale - Salz des Lebens: die königliche 7<br />

Saline von Arc-et-Senans<br />

Burgund - Mit dem Hausboot auf dem Canal du 2<br />

Nivernais<br />

Wein - Chablis, weißes Gold des Burgund 1<br />

Jura - Hundeschlittenfahren im hohen Norden... 1<br />

des Jura<br />

5 Loire-Tal <strong>Nr</strong>.<br />

Loire-Schlösser: Skandale, Anekdoten, Petitessen 20<br />

Loir-Tal - Die Poesie der Natur 14<br />

Wein - AOC Touraine, der Siegeszug des Sauvignon 12<br />

Wein - Vouvray 9<br />

Gastronomie - Chez Miton, Chahaignes 3<br />

Wein - Jasnières du Loir 3<br />

Fahrradtouren - Mit dem Fahrrad entlang der Loire 3<br />

Höhlenwohnungen - Moderne Troglodyten am Loir 3<br />

Als Schlossherr im Jahr 2006... 3<br />

Die etwas anderen Schlösser 3<br />

Wein - Domaine de Beauséjour 3<br />

6 Normandie <strong>Nr</strong>.<br />

Honfleur: Hafenromantik und Künstlerflair 20<br />

Les Bains des Docks, Le Havres weißer Badetempel 18<br />

Mont-Saint-Michel - Übers Watt zum Klosterberg 16<br />

La Hague - Eine Reise ans Ende der Welt 16<br />

Pays d’Auge & Côte Fleurie - Natur und Luxus 16<br />

Spuren der Geschichte - Die Normandie unter<br />

16<br />

Wilhelm dem Eroberer<br />

Mont-Saint-Michel - Die spektakuläre Rettung des 10<br />

Klosterbergs<br />

Trouville-sur-Mer - Bäderarchitektur vom Feinsten 8<br />

Camembert-Herstellung 3<br />

Le Havre - Frankreichs neuestes Weltkulturerbe 3<br />

7 Bretagne <strong>Nr</strong>.<br />

Carnac – Die mystische Aura von Hinkelsteinen 19<br />

Halbinsel Rhuys - Die wilde Schönheit der Bretagne 16<br />

Belle-Ile-en-Mer - Raues Eiland im Atlantik 11<br />

Le Pays des Abers - Die Bretagne im Kleinformat mit 9<br />

Fjorden wie im hohen Norden<br />

Rennes - Geschichtsträchtig und weltoffen 9<br />

Nantes-Brest-Kanal - Und aus der Mitte entspringt 9<br />

ein Kanal<br />

Bretonische Lebensart - Mehr als nur Klischees? 9<br />

Lichouseries, zuckersüße Köstlichkeiten aus der 9<br />

Bretagne<br />

Bretagne - Thalassotherapie: die heilsamen Kräfte 2<br />

des Meeres<br />

Hotel<br />

Grand Hôtel Barrière, Dinard 6<br />

8 Nördliche Atlantikküste <strong>Nr</strong>.<br />

Ile de Ré – Diskreter Luxus mit maritimem Flair 19<br />

Saint-Nazaire - Der Blick nach vorne 11<br />

Nantes - Eine Stadt organisiert ihre kul turelle<br />

4<br />

Metamorphose<br />

Inseln - Ile de Noirmoutier und Ile d‘Yeu - das Leben 4<br />

vor der Küste<br />

Aquarium von La Rochelle 2<br />

Hotel<br />

Le Richelieu, Ile de Ré 19


9 Südliche Atlantikküste <strong>Nr</strong>.<br />

Cannelés, knackige Hülle mit weichem Kern 17<br />

Bassin d’Arcachon - Eine Bootsfahrt, die ist lustig... 16<br />

Bordelais - Eine kleine Revolution: die Winery 15<br />

Biarritz - Vom Fischerdorf zum legendären Seebad 14<br />

Pont de Pierre - Die schönste Annäherung an<br />

13<br />

Bordeaux<br />

Typisch Bordeaux - Wenn Kleinigkeiten zum<br />

13<br />

Markenzeichen werden<br />

Bordeaux-Saint-Michel - Bodenständig und populär 13<br />

Stadterneuerung Bordeaux - Wenn das <strong>21</strong>.<br />

13<br />

Jahrhundert auf das 18. Jahrhundert trifft<br />

Bordeaux Rive Droite - Ein Ufer auf Identitätssuche 13<br />

Ein Traumwochenende im Bordelais 5<br />

Cordouan - Das kleine Versailles im Atlantik 5<br />

Portraits - Salzbauern, Austernzüchter,<br />

4<br />

Kiwiproduzenten, die Berufe entlang der Küste<br />

Hossegor - Wo Architektur den legendären Ruf eines 4<br />

Seebades begründet<br />

La Leyre - « Wenn du die Region wirklich kennen 4<br />

lernen möchtest, interessiere dich für die Leyre...»<br />

Wein - Bordelais: Les Vignobles Peyvergès 2<br />

Bordeaux - Das Erwachen einer schlafenden<br />

1<br />

Schönheit<br />

Hotel<br />

Seeko’o Hotel, Bordeaux 13<br />

Les Sources de Caudalie, Bordelais 3<br />

10 Zentralfrankreich / Pyrenäen <strong>Nr</strong>.<br />

Corrèze: Die Gärten der Colette 20<br />

Dordogne-Tal - Frankreich wie im Bilderbuch 18<br />

Rouffignac - Die Höhle der 100 Mammuts 18<br />

Périgueux, Brantôme, Bergerac, Sarlat - Unterwegs 18<br />

in den Städten des Périgord<br />

Cordes-sur-Ciel - Am Ende einer langen Reise 17<br />

Albi - Die ziegelrote Stadt am Tarn 15<br />

Lascaux - Weltberühmte Felszeichnungen von 15<br />

Zerstörung bedroht<br />

Moissac - Ein Glanzlicht der europäischen<br />

13<br />

Kunstgeschichte<br />

Toulouse - Weltoffenheit und Lebenslust 12<br />

Erinnerungskultur - Versuch einer Zustandsbeschreibung<br />

11<br />

am Beispiel von Oradour-sur-Glane<br />

Roquefort, le roi des fromages 11<br />

Skifahren im Zentralmassiv - Land der erloschenen 7<br />

Vulkane<br />

Skifahren in den Pyrenäen - Bergkette zwischen 7<br />

zwei Meeren<br />

Land der Katharer - Von Foix nach Carcassonne 4<br />

Viadukt von Millau - Die Brücke über den Wolken 1<br />

Hotel<br />

Hôtel Garonne, Toulouse 10<br />

11 Alpen / Rhône-Tal <strong>Nr</strong>.<br />

Lyon - Fête des Lumières 2008 18<br />

Wein - Rhone-Tal, ein Weingebiet mit Vielfalt 16<br />

Briançon - Stade auf mehreren Etagen 15<br />

Annecy - Zwischen Urbanität und Alpenromantik 14<br />

Les 3 Vallées - Grenzenloses Wintersportvergnügen 13<br />

Barcelonnette - Einmal Mexiko und zurück 12<br />

Route des Grandes Alpes - Höhenrausch und<br />

11<br />

Fernsicht<br />

Grenoble - Frankreichs Alpenmetropole auf<br />

11<br />

Schönheitskur<br />

Evian, Thonon, Aix-les-Bains - Legendäre Kurbäder 11<br />

der Belle Epoque<br />

Yvoire - Mittelalterliches Flair am Genfer See 10<br />

Flusskreuzfahrt - Freizeitstress und Langsamkeit, 10<br />

Tagebuch einer Flusskreuzfahrt auf der Rhone<br />

Skifahren in den Südalpen - Dem Mittelmeer so nah 7<br />

Skifahren in den Nordalpen - Gebirge der Superlative 7<br />

Wein - Die Wahrheit über den Beaujolais Nouveau 7<br />

Lyon - Eine Stadt entdeckt die Magie des Lichts 3<br />

Hotel<br />

l’ermitage, Lyon 18<br />

Collège Hôtel, Lyon 14<br />

Hameau Albert 1er, Chamonix 7<br />

12 Languedoc-Roussillon <strong>Nr</strong>.<br />

Côte Vermeille: Die rote Küste 20<br />

Aigues-Mortes – Später Ruhm für die Stadt der 19<br />

«Toten Wasser»<br />

Flusskreuzfahrt - Freizeitstress und Langsamkeit, 10<br />

Tagebuch einer Flusskreuzfahrt auf der Rhone<br />

Cevennen - Das Rätsel der Höhle von Trabuc 7<br />

Musée du Désert - Auf den Spuren des eigenen 6<br />

Namens<br />

Narbonnaise - Ein Morgen mit Gérard beim<br />

4<br />

Aalfang...<br />

Bambouseraie - Die Poesie eines 150 Jah re alten 4<br />

Bambusgartens<br />

Hotel<br />

Château L’Hospitalet, Narbonne 20<br />

Domaine de Verchant, Montpellier 17<br />

13 Côte d’Azur / Provence <strong>Nr</strong>.<br />

Wein: Côtes du Ventoux: Ein Wein und sein Berg 19<br />

Aix-en-Provence - Auf den Spuren von Cézanne 18<br />

Marseille - Panier-Viertel, Marseille pur 16<br />

Mougins - Picassos letzter Wohnort 13<br />

Nizza - Kunst erobert die Stadt 11<br />

Die Provence wie im Film - Auf den Spuren von 10<br />

«Jean Florette» und «Manons Rache»<br />

Flusskreuzfahrt - Freizeitstress und Langsamkeit, 10<br />

Tagebuch einer Flusskreuzfahrt auf der Rhone<br />

Luberon - Eine Reise zu den Farben der Provence 10<br />

Massif de la Sainte-Baume - Auf dem Dach der 10<br />

Provence<br />

Camargue - Land zwischen Fluss und Meer 9<br />

Circuit du Var - Erste Formel-1-Fahrschule der Welt 6<br />

Marseille - 10 Gründe, die Hafenstadt zu mögen 5<br />

Calissons aus Aix-en-Provence 2<br />

Confiserie - Wo Blüten zu süßen Köstlichkeiten 2<br />

werden<br />

Villages perchés - Wo Dörfer auf Gipfeln thronen 2<br />

Saint-Tropez - Wo der Luxus zu Hause ist 2<br />

Hotel<br />

Dolce Frégate, Saint-Cyr-sur-Mer 15<br />

HI, Nizza 8<br />

Le Delos, Bandol 4<br />

14 Korsika <strong>Nr</strong>.<br />

Calvi - Perle im Nordwesten Korsikas 8<br />

Restaurant - A Pineta, Ajaccio 5<br />

Mit der Eisenbahn durch Korsikas Bergwelt 5<br />

Gorges de la Restonica, Korsikas alpine Seite 5<br />

Städtevergleich - Bastia versus Ajaccio 5<br />

Wenn Landstraßen zu Traumstraßen werden 5<br />

Hotel<br />

Casadelmar, Porto-Vecchio 1<br />

15 Überseegebiete (DOM/TOM) <strong>Nr</strong>.<br />

Guadeloupe – Ein Stück Frankreich in der Karibik 19<br />

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Provence<br />

Und ewig lockt der Lavendel<br />

Foie gras<br />

Kulinarische Spezialität<br />

oder Tierquälerei?<br />

Atlantikküste<br />

Die schönsten Strände am Ozean<br />

Paris<br />

Insider-Tipps fürs Szeneviertel Marais<br />

... und viele<br />

weitere Themen<br />

Nancy<br />

Auf Entdeckungstour in Lothringen<br />

Ausgabe <strong>Nr</strong>. 22 - Juli / August <strong>2009</strong> erscheint am 24. <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong><br />

98 · Frankreich erleben · <strong>Mai</strong> / <strong>Juni</strong> <strong>2009</strong>


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