Offene Kirche Elisabethen - Die Kirche für alle

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Die Offene Kirche Elisabethen in Basel ist die Kirche für alle. Alle Menschen guten Glaubens, die Lebenssinn suchen, jede Lebensweise und Orientierung, dürfen ankommen und zuhause sein. Die ist ein Bericht über unsee Are im 2019.

Basel im Gespräch

Basel im Gespräch

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mung wissenswerte Aspekte. Darum verzichten wir auf die Einzelheiten der Diskussion,

die sehr engagiert, um nicht zu sagen emotional geführt wurde und quer zu den typischen

politischen Lagern. Eher sichtbar war der Stadt-Land-Graben, dessen wechselseitige Animositäten

und natürlich die grosse Sorge um das Geld, wieder einmal von Basler Seite

Richtung Landkanton. Vielleicht auch eine Retourkutsche des wuchtigen Neins des Baselbiets

zur Kantonsfusion im Jahr 2014, wo das Ergebnis umgekehrt war und die Fronten

etwas ähnlich verliefen.

«INTEGRATION HEISST DAS WIR-GEFÜHL DER DEMOKRATIE FÖRDERN» – BiG vom 26. März 2019

Am 26. März diskutierten bei der 18. Ausgabe von «Basel

im Gespräch» (BiG) Menschen mit Migrationshintergrund

das Thema «Integration»: die Nationalrätin und Ärztin

Yvette Estermann, die Nationalrätin und Juristin Sibel Arslan,

der Transportunternehmer und Präsident des Prattler

Einwohnerrates Hasan Kanber und der deutsch-israelische

Psychologe und Integrationsexperte Ahmad Mansour.

Sibel Arslan: Die Integrationsdiskussionen führen wir oft

nur einseitig, in Richtung der MigrantInnen. Ich würde

lieber eine Partizipationsdebatte führen. Das schliesst Beidseitigkeit

ein. Partizipation fordert Toleranz füreinander,

doch man hüte sich vor falscher Toleranz. Ein Kopftuch

für Kinder muss von der Freiheit der Religion her beurteilt

werden und nicht als Zwang gesehen werden. Schwimmen

für Knaben und Mädchen ist Pflicht. Die Menschenrechte

sind universell gültig. Sie bauen auf Regeln, die ein gutes

Zusammenleben ermöglichen. Wir können nicht nur sagen,

dass sie sich integrieren müssen, sondern das muss beidseitig

funktionieren. Wir sollten Menschen mit Migrationshintergrund

einbinden.

Stossend ist: Wir fragen die Leute noch immer, woher sie

kommen. Das ist doch unwichtig. In der Türkei zieht man

in ein Quartier und trifft sich im Kaffee beim ersten Mal.

Da beginnt die Integration. Es ist wichtig, die Möglichkeiten

aufzuzeigen, die Menschen abzuholen. Den Menschen

eine Chance geben und die Migration selber als Chance für

uns zu begreifen.

Ahmad Mansour: Ich kam mit 28 nach Deutschland. In

Parallelgesellschaften zu gehen, wo meine Werte geteilt

werden, wäre sehr einfach gewesen für mich. Ich merkte,

dass die verschiedenen Lebensformen ganz schnell hingenommen

werden. Aber so kann kein gesellschaftliches

Leben stattfinden, wenn wir alles immer wieder neu verhandeln

müssen. Es gibt Grundwerte, die gelten für alle.

Und die sind nicht verhandelbar. Wer so redet, wird jedoch

ganz schnell mit Vorwürfen der Fremdenfeindlichkeit konfrontiert.

Vielerorts werde ich als islamfeindlich betitelt.

Aber ich bin selber Muslim. Was soll das? Ich bin Bürger

dieses Landes (Deutschland) und ich möchte, dass man

mir auf Augenhöhe begegnet, genauso wie ich möchte, dass

wir den Migranten auf Augenhöhe begegnen. Ich treffe

tagtäglich Flüchtlinge. Und ich nehme sie ernst. Ich habe

alle Arten von Menschen getroffen. Dankbare, engagierte,

gut Deutsch sprechende. Ich gehe nicht zu den Leuten und

sage nicht «ihr armen Opfer», ich nehme sie ernst. Und wo

es harzt, da muss eine klare Sprache gesprochen werden.

Das Problem patriarchaler Strukturen gibt’s überall. Es

gibt patriarchale Strukturen, die religiös bedingt sind oder

kulturell bedingt sind. In jeder Religionsgemeinschaft muss

das benannt werden. Zum Antisemitismus findet sich überall.

Ich bestehe aber darauf, über islamischen Antisemitismus

zu reden, weil die Bekämpfungsmöglickeit anders ist.

Ich war jüngst bei einer Tagung von deutschen Integrationsbeauftragten

eingeladen: Ich war irritiert, zu sehen, dass

diese Leute die Probleme teilweise gar nicht sehen. Was

heisst denn Integration? Das ist doch mehr als Arbeit und

Sprach erwerb minus Kriminalität. Integration ist Ankommen

in der Gesellschaft. Warum soll ich das jemandem

anbieten, der seine Werte im Patriarchat, im Islamismus etc.

hat, der die hiesige Werteordnung umstossen möchte? Wenn

jemand so viel zurückgelassen hat, um hierherzukommen,

soll er die neue Werteordnung annehmen. Das ist die Bringschuld.

Das funktioniert nur, wenn er emotionale Zugangspunkte

hat. Wenn jemand, der oder die Integrationsarbeit

leisten möchte und von nur ein paar Islamisten spricht,

hat er/sie die Arbeit nicht verstanden. Mich schockiert die

Na ivität der meisten deutschen sog. «Integrationsbeauftragten»:

Dinge wie Gleichberechtigung werden relativiert.

Ich frage mich, ob einer von denen je mit einem Migranten

gesprochen hat. Wenn ich dann aber mit den Menschen

rede, die ihre Ängste äussern, dann kommen erstaunliche

Dinge zutage: Immigranten haben zum Teil Angst vor der

Entfremdung ihrer eigener Kinder durch die Integration.

Bei Integration geht es um Werte wie Gleichberechtigung,

Antisemitismus, Freiheit der Frau, etc. Die Werte hier sind

oftmals anders als die Werte dort. Und dann heisst es irgendwann

zu entscheiden: Schenken wir den Flüchtlingen

einfach nur Teddys bei Ankunft oder sagen wir ihnen auch,

AHMAD MANSOUR (3. V.L. STEHEND) WAR WIEDER EINMAL GAST BEI «BIG».

was hier gilt? Sie sind herzlich willkommen, aber sie haben

auch Pflichten.

Warum kommen die Migranten und Flüchtlinge nach Europa?

Für Freiheit, Wohlstand, bessere Gesundheit. Warum

hat Europa das erreicht? Wegen der Aufklärung. Da waren

Menschen, die nicht einfach Ja sagten. Wohlstand und

Freiheit gibt es nur als Paket mit aufklärerischen Werten.

Wir müssen heute Integrationsarbeit so professionalisieren,

dass einerseits die Mehrheitsgesellschaft sich öffnet, und

andererseits bei den Migranten hiesige Wertehaltung einfordern,

Werte transparent kommunizieren und Werteverweigerer

sanktionieren. Ein Wir-Gefühl für Demokratie vor

allem bei neu Dazugekommenen stützen, sonst polarisiert

sich diese Gesellschaft. Das ist gefährlich.

Yvette Estermann: Ich bin 1993 in die Schweiz gekommen.

Und einen Mann zu haben, war förderlich für meine Integration.

Diese ist jedoch nie abgeschlossen. Zuerst kam

die Sprache, aber das emotionale Ankommen war schwer.

Im Tessin wäre es vielleicht etwas einfacher gewesen. Die

Schwester meines Mannes hat mir sehr geholfen, sie hat

mir gezeigt, wie man Rösti macht. Sich integrieren muss

man wollen. In der Politik, im Gespräch mit der Bevölkerung,

begegne ich inzwischen Einheimischen, die manchmal

nicht mehr den Mut haben, sich zu wehren, wenn sie

mit etwas nicht einverstanden sind. Viele Schweizer sind zu

mir gekommen und haben das gesagt. Wenn man das aber

laut sagt, werden wir als Rassisten hingestellt. Ohne Regeln

können wir aber nicht zusammenleben. Ich kenne Fälle, wo

man Straftaten unter den Tisch gekehrt hat, aus Angst vor

dem Rassismusvorwurf.

Ich finde es wichtig, die Leute zu fragen, woher man kommt.

Wenn man mich fragt, bin ich stolz auf meine slawischen

Wurzeln. Wichtig ist, was man jetzt macht für die Nachbarschaft

und die Gesellschaft. Wir machen die Zukunft

unseres Landes gemeinsam. Für jene, die hier arbeiten

wollen, müssen wir offen sein. Aber auch Probleme sollen

wir ansprechen können. Wir können nicht unsere Gesetze

allen Kulturen und Religionen anpassen. Zu unseren Gesetzen

müssen wir stehen.

Offene Kirche Elisabethen – 2019 Offene Kirche Elisabethen – 2019

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