Architekturpolitik in Finnland

JovisVerlag

ISBN 978-3-86859-617-5

Turit Fröbe

Architekturpolitik

in Finnland

Wie Baukulturelle Bildung

gelingen kann


7 Einleitung

17 Baukultur in Finnland

und Deutschland

Strukturelle und

historische Voraussetzungen

27 Baukultureller Anspruch in

Finnland und Deutschland –

ein subjektiver Eindruck

43 Die finnische Architekturpolitik

ein Lernprozess

48 Besonderheiten der

finnischen Architekturpolitik

von 1998

54 Lokale und regionale

Architekturpolitiken

62 APOLI2020

67 Fazit: Architekturpolitische

Prozesse

73 Architektur als

Bürgerbildung

76 Archinfo Finland

83 Architekturwettbewerbe

als Bürgerbildung

93 Fazit: Baukulturelle

Bürgerbildung

99 Architektur im finnischen

Bildungssystem

100 Architecture Education

im regulären Schulsystem

112 Architecture Education

in der Basic Education in

the Arts

121 Fazit: Baukultur ins

Bildungssystem!

129 Institutionen der

Architecture Education

Architecture Education an

den Universitäten

136 ARKKI, Lastu und Co.

143 Jüngere Tendenzen der

finnischen Architecture

Education

153 Fazit: Baukulturelle Aus-,

Fort- und Weiterbildung

161 Architekturpolitische

Programme als Förderer

der Architecture Education

für Kinder und Jugendliche

in Finnland

Gastbeitrag Jaana Räsänen

171 Schlussbetrachtung

177 Empfehlungen

185 Literaturverzeichnis

191 Bildnachweise


Ich danke meinen Gesprächspartnerinnen

und Gesprächspartnern, die mich mit

Informationen, Einblicken und Materialien

versorgt haben, ganz herzlich für ihre

Unterstützung!

Ohne Ihre Hilfe hätte diese Publikation

nicht entstehen können!


Einleitung

Seit Jahren gilt Finnland als Vorreiter für alles, was mit Baukulturpolitik

und dem Themenkomplex Baukulturelle Bildung

zu tun hat. Als eines der ersten Länder Europas hat

sich Finnland 1998 eine offizielle Architekturpolitik gegeben,

die bis heute international rezipiert wird und nicht nur ins

Schwedische und Englische, sondern auch ins Französische,

Spanische, Deutsche und später ins Arabische übersetzt

wurde. 1 Einen prominenten Part innerhalb des Programms

nahm die „architecture education“ ein mit dem Ziel, die Allgemeinbildung

bzw. das öffentliche Bewusstsein für Architektur

zu verbessern, weshalb ab 2001 in Finnland zeitweise

dazu übergegangen wurde, im Englischen den Terminus

„civic education in architecture“ 2 zu verwenden.

Die Civic Education in Architecture wurde notwendig,

da 1995 das Recht auf eine angemessen gestaltete und gesunde

Umgebung im Grundrechtekatalog der finnischen Verfassung

verankert worden war und sich an das Recht auch

Bürgerpflichten knüpften. 3 Per Verfassung wurden die Bürgerinnen

und Bürger dazu verpflichtet, Sorge für das kulturelle

Erbe zu tragen und an Entscheidungsprozessen, die das

eigene Lebensumfeld betreffen, teilzuhaben. 4 Um sie in die

Lage zu versetzen, diese Pflichten einlösen zu können, war

es notwendig, baukulturelles Wissen bzw. eine baukulturelle

Allgemeinbildung in die Gesellschaft zu bringen. Mit der

1998 deklarierten Architekturpolitik wurde die Baukulturelle

Bildung zur lebenslangen zivilen Lernaufgabe deklariert.

7


Abb. 1


Bewusstsein für Architektur ausgeprägt ist, ist laut Riikka

Mäkikoskela auch darauf zurückzuführen, dass „die Finnen

traditionell ihre Häuser mit der eigenen Hand gebaut haben.

Sie sind mit Architektur, dem Bauen, dem Handwerk vertraut.

Wenn du heiratest und eine Familie gründest, musst

du in Finnland ein Haus für deine Familie bauen“. 6

Ganz anders sind die gesellschaftlichen Ausgangsbedingungen

für Architektur in Deutschland. Zwar wird den Deutschen

regelmäßig ein grundsätzliches Interesse an Baukultur

attestiert, was mit den leidenschaftlich geführten Debatten

in der Presse belegt wird. Diese beziehen sich jedoch in der

Regel auf herausragende Spektakel-Architekturen, Rekonstruktionen

oder Bauskandale. Tendenziell herrscht in der

Gesellschaft ein „eingeschränkter Begriff von Architektur“

vor, der dazu führt, dass „die Bauten des täglichen Gebrauchs

gar nicht unter architektonischen Gesichtspunkten wahrgenommen

werden“ 7 . Entsprechend werden Architektur und

Städtebau von der großen Mehrheit der Bürgerinnen und

Bürger als Spezial-Disziplinen betrachtet, die nichts oder

wenig mit der eigenen Lebenswirklichkeit zu tun haben.

Dass die Deutschen ein relativ distanziertes Verhältnis

zu ihrer Baukultur haben, dürfte unter anderem historisch

bedingt sein. Das Thema Baukultur ist in weiten Teilen des

Landes an eine Verlusterfahrung gekoppelt. Viele Städte haben

während des Zweiten Weltkriegs weite Teile ihrer Altbausubstanz

verloren und wurden in aller Eile, einem mehr

oder weniger modernen Leitbild folgend, wieder aufgebaut.

Wie präsent dieses Trauma des Verlustes auch heute noch

ist, lassen die nicht abreißen wollenden Rekonstruktionsdebatten,

die landauf, landab geführt werden, erahnen.

Vielerorts wurde das Paradigma des Besser-nicht-sogenau-Hinsehens

bereits im Wiederaufbau in die Stadtgestalt

eingeschrieben, indem lediglich die stadtbildprägenden

Baukultur in Finnland und Deutschland

21


Abb. 4


Abb. 8

Abb. 9


sein scheint als in der deutschen Baukultur. Zu einer radikalen

Neudefinition dessen, was öffentlicher Raum sein kann,

ist es mit der jüngsten Architektur-Ikone Helsinkis, der im

Dezember 2018 eröffneten Zentralbibliothek Oodi von ALA

Architects, gekommen. (Abb. 8) Dass der Neubau, der als

eines der Schlüsselprojekte anlässlich des 100-jährigen Jubiläums

der finnische Unabhängigkeit geplant wurde, 17 programmatischen

Charakter hat, lässt schon seine Positionierung

im Kulturviertel Helsinkis vis-à-vis des Parlamentes, in

unmittelbarer Nähe zu Stephen Halls 1998 fertiggestelltem

Kiasma Museum of Contemporary Art und Alvar Aaltos 1971

eröffneter Finlandia-Halle, dem Wahrzeichen Helsinkis, erahnen.

Oodi ist nicht nur eine Ode, wie der Name übersetzt

lautet, an das Buch und das Lesen, sondern, wie Tommi

Laitio, Geschäftsführer des Ressorts Kultur und Freizeit der

Stadt Helsinki im Rahmen der Eröffnungsfeier sagte, ,,auch

ein Symbol für die Ziele, die wir als Gesellschaft haben.“ 18

Dass eine finnische Bibliothek durchaus dafür prädestiniert

ist, eine solche Bedeutungsträgerin zu werden, verdeutlicht

Beate Detlefs. Sie erläutert, warum Bibliotheken das Konzentrat

der finnischen Werte – soziale Begegnung, das Teilen

von Ressourcen und Gemeinschaftsgeist – verkörpern

und stellt dar, dass das Bibliothekswesen konsequent in die

nationalen Bildungs- und Kulturstrategien des Landes eingebunden

ist und einen anderen Stellenwert in der Gesellschaft

hat, der sich auch in den staatlichen Fördersummen

spiegelt, die in Finnland bei 54,55 Euro pro Kopf jährlich

lagen – im Vergleich dazu lag die Summe in Deutschland

bei 8,21 Euro. 19 Tatsächlich setzt Oodi neue Maßstäbe und

zeigt, was eine Bibliothek in der heutigen und zukünftigen

Gesellschaft leisten kann. Das Konzept ist aus einem

Partizipationsprozess hervorgegangen, in dessen Rahmen

die Bürgerinnen und Bürger 2012 sowohl online als auch

Baukultur in Finnland und Deutschland

35


Die finnische

Architekturpolitik

ein Lernprozess

Das architekturpolitische Programm der finnischen Regierung

vom 17. Dezember 1998 ist eine kleine, reich bebilderte

Broschüre mit nur 28 Seiten, die – was wesentlich und auch

neuartig war – durch die aktive Kooperation zweier Ministerien,

des Ministry of Education (heute Ministry of Education

and Culture) und des Ministry of the Environment,

zustande gekommen ist. Angestoßen wurde der Prozess von

den Architektenverbänden und Architekturinstitutionen, die

schon in den 1980er Jahren begonnen hatten, ein architekturpolitisches

Programm zu fordern. 1 Ausgeführt wurde die

Arbeit unter der Leitung des National Council for Architecture

und des Ministry of Education mit aktiver Unterstützung

der Finnish Association of Architects SAFA. 2 Zwei

Arbeitsgruppen, die vom Ministerium eingesetzt wurden,

waren verantwortlich für die Erstellung der Inhalte: Von

Februar 1996 bis Juni 1997 entwickelte die erste Kommission

unter Leitung von Prof. Tore Tallqvist die Grundzüge des

43


und werde fortgesetzt. Es wird jedoch explizit darauf hingewiesen,

dass nicht genügend Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten

für Lehrkräfte verfügbar seien. 28 Dem Bericht ist

außerdem zu entnehmen, dass die Maßnahmen 13 bis 15 nach

Einschätzung der Arbeitsgruppe nicht vorangekommen sind:

Es sei bislang nicht gelungen, die Architecture Education in

die Erwachsenenbildung zu integrieren, Entscheidungsträgerinnen

und -träger und gewählte Vertreterinnen und Vertreter

der Kommunen fortzubilden und die Grundlagen der

Architektur- und Baugeschichte in der beruflichen Ausbildung

zu stärken. Auch die Maßnahme 16, in der Architekturausbildung

die Möglichkeit zu schaffen, die Forschungstätigkeit

durch experimentelles Planen und Bauen zu ergänzen,

erfordere weitere Maßnahmen. 29

Da erst neun der insgesamt 24 Maßnahmen erfolgreich

umgesetzt werden konnten, empfiehlt die Monitoring-Group,

die architekturpolitische Arbeit fortzusetzen, und schlägt

neun Folgemaßnahmen vor. Dazu gehört unter anderem, alle

drei Jahre einen Bericht über die Fortschritte der Implementierung

des architekturpolitischen Programms zu erstellen. 30

Des Weiteren sprechen sich die Autorinnen und Autoren

für die Einrichtung eines Information and Promotion Centres

für die Architektur aus, zu dessen Kernaufgaben das

Fördern der finnischen Architektur und Kultur, aber auch

die Verbesserung des architektonischen Bewusstseins gehören

solle (Forderung 6). Unter 7 und 8 werden explizit die

Forderungen aus dem architekturpolitischen Programm von

1998 erneuert, die vorsehen, die Architecture Education in

den Schulcurricula, in der Erwachsenenbildung und in der

Schulung von Politikerinnen und Politikern sowie Entscheidungsträgerinnen

und -trägern zu intensivieren. 31

Einen Eindruck davon, wie gut die Architecture Education

zu dem Zeitpunkt in Finnland bereits aufgestellt

52

Die finnische Architekturpolitik – ein Lernprozess


Abb. 12

6


es auf der Webseite des Ministry of Education and Culture

über den neu angestoßenen APOLI2020-Prozess heißt, aus

folgendem Grund: „Während in den letzten Jahren das Programm

auf der lokalen Ebene Fortschritte gemacht hat, ist

das nationale Programm nie upgedatet worden.“ 52

APOLI2020

Im Mai 2019 wurde bekannt gegeben, dass geplant sei, die

nationale Architekturpolitik einer Revision zu unterziehen

und bis zum Herbst 2020 ein neues architekturpolitisches

Programm, APOLI2020, zu entwickeln. Auf die Frage, warum

es eines neuen Programmes bedürfe, antwortete Petra

Havu, die als leitende Ministerialberaterin im Ministry of

Education and Culture, Abteilung für Kunst und Kulturpolitik

verantwortlich für den APOLI2020-Prozess ist: „Hier in

Finnland haben wir das Problem, dass unsere Architekturpolitik

20 Jahre zurückliegt. Wir haben kein Netzwerk mehr

[…] 20 Jahre sind einfach eine lange Zeit. Die Gesellschaft

hat sich verändert – nicht komplett, aber sie hat sich doch

verändert – und wenn das Dokument so alt ist, verliert es

seine Gültigkeit, weil sich die Bedingungen drum herum so

stark verändert haben. Eine 20 Jahre alte Architekturpolitik

ist zu alt, um noch implementiert werden zu können – denn

es ist noch nicht alles implementiert worden! […] Wir haben

auch eine neue Regierung, neue Minister – die wollen natürlich

die Politik auch verändern. Hinzu kommt, dass auch

andere Themen relevant sind als vor 20 Jahre – Themen,

die nicht an Regierungen gekoppelt sind.“ 53 Havu berichtete,

dass für den APOLI2020-Prozess ein komplett neues Netzwerk

aufgebaut werden musste, da die Akteurinnen und Akteure,

die vor 20 Jahren die Architekturpolitik entwickelten,

62

Die finnische Architekturpolitik – ein Lernprozess


heute im Ruhestand seien oder woanders arbeiteten. „Wenn

es kein Netzwerk gibt, und die Leute nicht daran gewöhnt

sind miteinander zu kooperieren, ist es sehr schwierig, die

richtigen Partnerinnen und Partner zu finden, um so eine

Zusammenarbeit aufzubauen. Auch in Finnland ist jedes

Ministerium unabhängig – aber wir haben jetzt eine gute Kooperation

mit dem Ministry of Environment und haben nun

die richtigen Ansprechpartnerinnen und -partner gefunden,

mit denen wir sehr gut zusammenarbeiten. Aber am Anfang

war es recht mühsam. Man muss verhandeln und Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter der unterschiedlichsten Ebenen

treffen. Es braucht ein gemeinsames Verständnis. Das ist

zeitaufwendig, da wir natürlich alle viel auf dem Tisch haben

und nur in kleinen Schritten vorangekommen sind.“ 54

Die Webseite des Ministry of Education and Culture

gibt Auskunft darüber, dass der neuen Arbeitsgruppe 21

ständige Mitglieder angehören, die ein breites Spektrum an

Fachwissen in Bezug auf die gebaute Umwelt mitbringen. 55

Zusätzlich sei geplant, in dem Prozess weitere Expertinnen

und Experten zu konsultieren und Interessengruppen einzubeziehen.

Der Prozess wird geschäftsführend von Archinfo

Finland organsiert; als erste Vorsitzende der Arbeitsgruppe

fungiert Riitta Kaivosoja, Generaldirektorin des Ministry

of Education and Culture, die Stellvertreterposition teilen

sich Petra Havu vom Ministry of Education and Culture und

Harri Hakaste vom Ministry of the Environment. 56

Hanna Harris, seit 2016 Direktorin von Archinfo Finland,

das mit der Geschäftsführung betraut ist, berichtete

im persönlichen Gespräch von den langwierigen Vorarbeiten,

die im Vorfeld der eigentlichen Policy-Arbeit stattfanden.

Den Auftakt für die Gespräche mit dem Ministry of

Education and Culture, an dem Archinfo Finland andockte,

bildete die Konferenz „More Architecture – Architecture as

Die finnische Architekturpolitik – ein Lernprozess

63


Frage, wie und mithilfe welcher Methoden in den vergangenen

20 Jahren daran gearbeitet wurde, die Architektur zur

Bürgerbildung zu machen. Bevor in den folgenden Kapiteln

der Fokus auf die Implementierung der Architecture Education

in das Bildungssystem gerichtet wird, sollen zuvor zwei

Einzelaspekte näher betrachtet werden: die Einrichtung des

2013 gegründeten Architecture Information Centre (Archinfo

Finland), das sich in besonderem Maße der architektonischen

Bürgerbildung widmet, und das 2012 reformierte

System für Architekturwettbewerbe.

Archinfo Finland

Als größter Erfolg des architekturpolitischen Programms

von 1998 kann zweifellos die Gründung des Architecture

Information Centre Finland, heute Archinfo Finland, im Jahr

2013 bezeichnet werden, mit dem die dritte Implementierungswelle

ihren Ausgang nahm. Archinfo Finland ist ein

bemerkenswertes Lehrstück, das veranschaulicht, dass es

keiner Großimmobilien und personalstarker Institutionen

bedarf, um Architektur zu kommunizieren und das baukulturelle

Bewusstsein in der Gesellschaft zu verbessern,

sondern dass es möglich ist, mit wenig Personal große Wirkung

zu erzielen, wenn es gelingt, die Ressourcen klug einzusetzen,

Kooperationen aufzubauen und dafür zu sorgen,

dass die Arbeit über Multiplikatorinnen und Multiplikatoren

weitergetragen wird.

Mit der Einrichtung von Archinfo Finland wurde eine

der zentralen Forderungen der Architekturpolitik von 1998

erfüllt, die Architektur als Bestandteil von Kunst und Kultur

den anderen Künsten gleichzustellen 9 und ihr damit auch

gleichberechtigten Zugang zu der Förderpolitik des Ministry

76

Architektur als Bürgerbildung


of Education and Culture zu gewähren. 10 Archinfo Finland

ist das jüngste von insgesamt acht Art Information Centres,

die jeweils einer eigenen Kunstsparte – Literatur, Musik, Zirkus,

Film, Tanz, Theater und zeitgenössischer Kunst – gewidmet

sind. 11 Zu seinen wichtigsten Aufgaben gehört die

Architekturkommunikation, die Verbesserung des architektonischen

Bewusstseins in der Gesellschaft sowie die Förderung

und Bewerbung der finnischen Architektur im In- und

Ausland. 12 Von Beginn an fungierte die Einrichtung auch als

zentrale Anlaufstelle für den Bereich Architecture Education.

So konzipiert Archinfo Finland für den schulischen und außerschulischen

Bereich Projekte und Konzepte, wie später

noch eingehender dargestellt wird, kommuniziert Best-

Practice-Beispiele und koordiniert das Netzwerk der Akteurinnen

und Akteure. 13 Darüber hinaus sammelt und veröffentlicht

Archinfo Finland Architekturpolitiken und bietet

Städte- und Gemeindevertreterinnen und -vertretern eine

Netzwerkplattform und Informationsaustausch an und sieht

sich als Initiatorin von Prozessen und Diskussionen. 14

Wie die anderen Art Information Centres gehört Archinfo

Finland zum Ministry of Education and Culture und

erhält, wie Tiina Valpola, Gründungsdirektorin der Institution

im Ruhestand, beschreibt, einen signifikanten Teil ihrer

Finanzierung vom Ministerium. „Diese umfasst sowohl

die Grundlagenarbeit als auch nationale und internationale

Projekte, muss aber jedes Jahr neu beantragt werden.“ 15 Obwohl

die Art Information Centres beim Ministerium angesiedelt

sind, handelt es sich um vollkommen unabhängige

Akteure, die alle in unterschiedlicher Weise an ihren eigenen

Themen arbeiten. Laut Valpola bestätigte Petra Havu

vom Ministry of Education and Culture, dass es zwar einmal

jährlich ein Treffen mit den Art Information Centres

gebe, dass das Ministerium diese jedoch nicht kontrolliere.

Architektur als Bürgerbildung

77


Abb. 14


der Stadt, die zwischen 1863 und 2017 als Ergebnis von Architekturwettbewerben

entstanden sind, vorgestellt. (Abb. 14)

Mari Koskinen, die als Wettbewerbsexpertin für SAFA tätig

ist, wies im persönlichen Gespräch darauf hin, dass es

heute schwierig wäre, so ein System neu zu etablieren. Das

Prinzip funktioniere heute nur, weil sowohl die Klientel als

auch die Planerinnen und Planer bereits daran gewöhnt seien.

Heutzutage seien alle tendenziell kontrollorientierter.

Die Developer wünschen laut Koskinen einen „weichen Prozess“

und ziehen es vor, mit Leuten zusammenarbeiten, die

sie bereits kennen. In einem Wettbewerb habe man dagegen

weniger Kontrolle – man wisse nicht, wer teilnehme und

wer gewinne, sondern nur, dass man das bestmögliche Ergebnis

bekommt. Wettbewerbe seien in Finnland auch aus

dem Grunde hochgeschätzt, da „fast jeder große Name in

der finnischen Architektur durch einen Wettbewerb seinen

Durchbruch hatte. Und viele sind zu diesem Zeitpunkt noch

sehr jung gewesen.“ 33

Zu den Besonderheiten des finnischen Wettbewerbswesens

gehört, dass seit 2012 im Rahmen der meisten Verfahren

die eingegangenen Beiträge im Internet der Öffentlichkeit zugänglich

gemacht werden. Dass Wettbewerbsbeiträge ausgestellt

werden, ist keine Besonderheit, sondern beispielsweise

auch in den Richtlinien für deutsche Planungswettbewerbe

vorgesehen. 34 In der Regel finden diese Präsentationen wie

in Deutschland jedoch erst nach der Juryentscheidung statt.

In Finnland aber werden die Beiträge der Öffentlichkeit

zugänglich gemacht, bevor die Expertenjury die Pläne zu

Gesicht bekommt. Die teilnehmenden Architekturbüros erklären

sich damit einverstanden, dass ihre Beiträge auf der

Wettbewerbs-Webseite der Öffentlichkeit zugänglich gemacht

werden und das Feedback als Input für die Beurteilung

genutzt wird. 35 Über dieses außergewöhnliche Verfahren

Architektur als Bürgerbildung

85


sich in beiden Fächern der Pflichtstundenanteil auf zwei. Zusätzlich

sind insgesamt acht Wahlpflichtkurse vorgesehen, in

denen die Schülerinnen und Schüler aus dem Gesamtspektrum

der fünf Fächer wählen dürfen. Drei davon entfallen

auf die Klassenstufen 1–6, wobei eine Stunde in der 3. und

zwei in der 4. Klasse absolviert werden sollen. Fünf weitere,

drei in der 8. und zwei in der 9. Klasse, entfallen auf die

sogenannte Lower Secondary Education. 24 Theoretisch ist

es also möglich, dass die Schüler nach der 7. Klasse keinen

Kunstunterricht mehr haben, da er von da an nicht mehr

obligatorisch ist.

Da die Stadt Kuopio 2007 bereits in ihrer ersten lokalen

Architekturpolitik unter Maßnahme 16 das Ziel verfolgte, die

Architecture Education in Schulen, Kindergärten und in der

Berufsausbildung zu verbessern, 25 und dieses Ziel auch in

der zweiten Auflage der Architekturpolitik von 2017 erneuert

wurde, 26 ist davon auszugehen, dass im Rahmen des Unterrichts

in Visual Arts oder Crafts die Themen Architektur und

Built Environment durchaus eine Rolle spielen werden. Dass

Schulen für die Vermittlung baukultureller Inhalte auch Kooperationen

mit externen Partnerinnen und Partnern oder

Einrichtungen suchen, ging auch aus den Gesprächen mit

den Gründerinnen der beiden Architekturschulen für Kinder

hervor. Pihla Meskanen, Gründerin von ARKKI, berichtete

davon, dass ihre Schule mit Helsinkis Nachbarstädten Espoo

und Vantaa im Rahmen des Cultural Education Plans kooperiere.

Von beiden Städten wird ARKKI seit fünf Jahren laut

Meskanen für die Kooperation bezahlt, die für die Schulen

schließlich kostenlos ist. Auch Mervi Eskelinen, Leiterin der

Lastu School in Lapinlahti, berichtete im Gespräch von einer

Kooperation mit einer Upper Secondary School in Lapinlahti,

die regelmäßig durchgeführt werde, sofern sich genügend

Schülerinnen und Schüler anmeldeten. Wie flexibel das

106

Architektur im finnischen Bildungssystem


System der Wochenarbeitsstunden ausgelegt werden kann,

zeigt sich in ihrer Darstellung auf die Frage, welchen Umfang

diese Kurse haben: „Das Schuljahr ist unterteilt in fünf

Phasen und davon unterrichten wir eine, so dass wir auf

etwa fünf Stunden Unterricht pro Woche kommen.“ 27 Wenn

also laut Stundenverteilungsplan in einer Jahrgangsstufe eine

Wochenstunde Visual Arts vorgesehen ist, heißt das nicht,

dass die Schülerinnen und Schüler einmal pro Woche für 45

Minuten Kunstunterricht haben, sondern die Stunden lassen

sich clustern, wie es beispielsweise auch aus dem sogenannten

Epochenunterricht der Waldorfschulen bekannt ist, so

dass eine intensivere Arbeit möglich wird.

Obwohl es auf den ersten Blick so erscheint, als habe

die Architecture Education im Rahmen des neuen National

Core Curriculum for Basic Education eine Kürzung erfahren,

wurde in Gesprächen mit Hanna Harris, Lotta Leskelä,

Jaana Räsänen, Pihla Meskanen und Mervi Eskelinen deutlich,

dass das neue Curriculum mit Verweis auf die neu geschaffenen

„multidisziplinären Lernmodule“ auch Potenziale

für die Architecture Education birgt. Diese bieten „exzellente

Möglichkeiten [...] für Kooperationen zwischen der Schule

und der Gesellschaft drum herum“ 28 . So berichtete Pihla

Meskanen beispielsweise von einer Kooperation mit einer

Schule in Mittelfinnland, die Architektur als Fach einrichten

wollte. „Sie haben das neue Curriculum so interpretiert, dass

sie verschiedene Wahlfächer angeboten haben. Wir haben

daraufhin einen Lehrplan mit ihnen entwickelt und hatten

im ersten Jahr einmal pro Woche jeweils für vier Stunden

einen Architekten dort. Inzwischen führen die Lehrkräfte den

Unterricht mit dem gemeinsam erarbeiteten Material allein

weiter.“ Ein ganz ähnliches Projekt betreue ARKKI derzeit

auch an einer Schule in Helsinki in einem von der Regierung

unterstützten Projekt, das in drei Klassen stattfinde. „Jeden

Architektur im finnischen Bildungssystem

107


Freitag gehen Architektinnen und Architekten in den Unterricht

und arbeiten dort den ganzen Tag gemeinsam mit den

Lehrkräften. Es werden dann keine Fächer unterrichtet, sondern

sie verbinden über die Architektur andere Inhalte miteinander.“

29 Außerdem sieht das Curriculum vor, wie Räsänen

bemerkt, dass alle möglichen Umgebungen als Lernumgebungen

genutzt werden. 30 So sollen laut Curriculum für die Basic

Education nicht nur die Innen- und Außeneinrichtungen der

Schule genutzt werden, sondern auch die Natur und die gebaute

Umgebung, 31 was der Architecture Education wiederum

neue Möglichkeiten offeriert. 32

Dass an den Schulen die Architektur auch ohne explizite

Erwähnung in den National Core Curricula durchaus

präsent zu sein scheint, mag zum einen darauf zurückzuführen

sein, dass sie in den vergangenen 20 Jahren infolge

der Architekturpolitik von 1998 begonnen hat, einen relativ

selbstverständlichen Part innerhalb der Kunsterziehung

einzunehmen. Es wird aber auch der Tatsache geschuldet

sein, dass Architektur und Architekturgeschichte aufgrund

ihrer herausragenden Bedeutung für den Nation-Building-Prozess

traditionell gut verankert sind in der finnischen

Lehrkräftebildung. So berichtete Riikka Mäkikoskela,

Geschäftsführende Direktorin der Finnish Association of

Art Schools for Children and Young People, an der University

of Helsinki sei der Fachbereich Kunstgeschichte stark

auf Architekturgeschichte ausgerichtet: „Die Studierenden

beklagen sich manchmal, dass sie hauptsächlich Architektur-

und Kunstgeschichte studieren.“ 33 Einen hohen Architekturgeschichtsanteil

in der Kunstgeschichte im Rahmen

des Lehramtsstudiums Kunst bestätigten auch Lotta Leskelä,

Kuratorin der Bildungsabteilung im Alvar Aalto Museum

in Jyväskylä, die an der University of Lappland in Rovaniemi

ausgebildet wurde, 34 und Henna Haavisto, die als

108

Architektur im finnischen Bildungssystem


Kunstlehrerin an der Aurinkolahti Primary School in Vuosaari

tätig ist und an der Aalto University in Espoo studierte.

Auch sie habe viel Architekturgeschichte studiert, berichtete

Haavisto – am meisten über Stadt und Architektur habe sie

jedoch in einem Seminar über Environmental Education gelernt,

das ein Pflichtkurs im Lehramtsstudium gewesen sei

und sinngemäß „Space and Environment“ hieß: „Wir haben

viel in Helsinki-City studiert, haben uns die Architektur angesehen

und haben Vorlesungen darüber bekommen, wie

und von wem die Architektur Helsinkis gebaut wurde, und

sind durch verschiedene Zeiten und Stiele gegangen. Es war

ein größerer Kurs, ein Vier-Credits-Kurs, denke ich. Es gab

Exkursionen und wir lernten verschiedene Räume, Gebäude

und einige Architektinnen und Architekten kennen, die über

ihre Projekte gesprochen haben, sind aber auch an die wichtigsten

Gesetze herangeführt worden, die man kennen muss,

wenn es um Architektur geht.“ 35 Mikko Hartikainen von der

Finnish National Agency of Education betonte zudem im Gespräch,

die Kunstlehrerausbildung in Finnland sei traditionell

immer schon breit ausgerichtet gewesen. Es handele

sich weniger um eine Fine-Art-Ausbildung, sondern vielmehr

um eine Visual Culture Education. In diesem Rahmen habe

beispielsweise die Environmental Education seit den späten

1960er, frühen 1970er Jahren immer eine herausragende Rolle

eingenommen, die, wie auch Pirkko Pohjakallio-Koskinen

in ihrem 2010 erschienenen Artikel „Mapping Environmental

Education Approaches in Finnish Art Education“ beschreibt,

seit 1970 unterschiedlichsten Wandlungen unterlag. 36

Zu den Überraschungen, welche die Auseinandersetzung

mit dem finnischen Schulsystem in Bezug auf die Architecture

Education zutage brachte, gehört die Erkenntnis,

dass der Kunstunterricht im finnischen Schulsystem weniger

präsent ist, als gemeinhin angenommen wird. So hat das

Architektur im finnischen Bildungssystem

109


Deutschland genau umgekehrt. Es mutet fast überraschend

an, dass die Baukulturelle Bildung in den Rahmenlehrplänen

präsent ist, da sie im realen Schulleben nach wie

vor kaum Berücksichtigung findet. Zwar steht eine Studie

zur Situation der Baukulturellen Bildung an deutschen

Schulen gegenwärtig noch aus, so dass kaum zuverlässige

Aussagen über Qualität und Quantität der Architektur

vermittlung möglich sind. Es kann jedoch angenommen

werden, dass die Situation annähernd vergleichbar sein

dürfte mit jener an Schweizer Schulen, in denen Schülerinnen

und Schüler, wie eine Studie jüngst zutage gebracht

hat, höchstens punktuell mit Themen der Baukulturellen

Bildung in Berührung kommen. 68 Da die Baukulturelle

Bildung in Deutschland bislang mehr oder weniger

keinen Eingang in die Lehrkräftebildung gefunden hat, ist

es gegenwärtig vom privaten Interesse der einzelnen

Lehrkräfte abhängig, ob Schülerinnen und Schüler im

Laufe ihrer Schulzeit im regulären Unterricht mit Architektur

oder Baukultur in Berührung kommen. Einzig

die Bauhaus-Universität Weimar unterhielt lange Zeit

eine vorbildliche Kooperation zwischen dem Studiengang

Architektur und dem künstlerischen Lehramt, 69 die

jedoch ein Einzelfall geblieben ist und derzeit nur noch

rudimentär in Form einer Ringvorlesung zu existieren

scheint.

Das Curriculum für die Basic Education in the Arts

zeigt außerdem, dass die Architecture Education in Finnland

inhaltlich erheblich weiter gefasst ist als das, was gegenwärtig

in Deutschland unter dem Schlagwort Baukulturelle

Bildung firmiert. Architecture Education ist in Finnland

122


tatsächlich als Civic Education angelegt und darauf ausgerichtet,

eine baukulturelle Allgemeinbildung in die

Gesellschaft zu tragen, die es bedarf, um Verantwortung

in Planungsprozessen, welche die eigene Umgebung

betreffen, übernehmen oder den Schutz des gebauten Erbes

gewährleisten zu können, wie es im „Land Use and

Building Act“, aber auch im Grundrechtekatalog der Verfassung

festgelegt ist. Im Gegensatz dazu wird die

Baukulturelle Bildung in Deutschland zum großen Teil

noch mit dem Basteln, Bauen und Konstruieren gleichgesetzt,

was auch die Angebote, die in der 2019 erschienenen

Studie der Wüstenrot Stiftung Bildungsorte und

Lernwelten der Baukultur porträtiert werden, größtenteils

spiegeln. 70 Dieser Zugang hat zweifellos eine Berechtigung,

da das Basteln und Bauen zu den zentralen ästhetischen

Praktiken gehört, mit denen sich Kinder die Welt

aneignen und erkunden. Es wäre jedoch zu begrüßen,

wenn die Projekte stärker mit baukulturellen Inhalten und

Lernzielen verbunden würden und, wie in Finnland,

stärker darauf fokussieren, ein übergeordnetes Verständnis

für den gebauten Raum und die Architektur zu fördern.

Auffällig ist insgesamt, dass in den deutschen Projekten

und Konzepten die Perspektive Kind viel zu selten Berücksichtigung

findet. Dabei bringen Kinder bereits umfangreiches

Wissen über Architektur und gebauten Raum

mit und sind sowohl in ihren Wohnumfeldern als auch

in der Schule Spezialisten für den gebauten Raum.

Zu begrüßen ist aber, dass in den letzten Jahren auch in

Deutschland immer häufiger das Potenzial des realen

Stadtraums als Lernort entdeckt und zunehmend in die

Projekte einbezogen wurde. 71

123


Institutionen der

Architecture Education

Architecture Education

an den Universitäten

Die Architecture Education ist an den finnischen Universitäten

respektive in den Lehramtsstudiengängen weniger

gut verankert, als es angesichts der Rolle, welche die Architektur

im Bildungssystem einnimmt, zu erwarten wäre. 1

Mehrere der befragten Akteurinnen und Akteure gaben an,

es gebe an dieser Stelle noch großen Bedarf, und äußerten

sich ähnlich wie Pihla Meskanen: „Die Universitäten waren

immer abgeschlossene Einheiten, die sich eigenständig für

ihre Themen entschieden haben. Wir haben nur drei Universitäten

für Architektur und vielleicht drei oder vier für

das Lehramtsstudium.“ 2 Zwar ist deutlich geworden, dass

die Architekturgeschichte, wie bereits im 4. Kapitel beschrieben,

einen hohen Stellenwert innerhalb der Ausbildung von

Kunstlehrenden hat und es auch Lehrveranstaltungen im

Bereich der Built Environment Education gibt. Eine systematische

Einbindung der Architecture Education in das

Lehramtsstudium, wie in der Architekturpolitik von 1998

129


Abb. 19


Jüngere Tendenzen der finnischen

Architecture Education

Welche Methoden und Strategien gegenwärtig in Finnland

genutzt werden, um Architektur zu vermitteln, lässt

sich auch am Beispiel der beiden bedeutendsten Architekturmuseen

des Landes studieren, dem Museum of Finnish

Architecture in Helsinki und dem Alvar Aalto Museum in

Jyväskylä. Beide Institutionen bieten ein umfangreiches

Vermittlungsprogramm für Kinder und Jugendliche an und

schulen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, respektive

Lehrkräfte. Das Museum of Finnish Architecture hat seit

2019 einen neu gestalteten frei zugänglichen Bildungsraum,

den A&0-Raum, in dem aber auch diverse Aktionen und

Workshops stattfinden, zum Beispiel ein regelmäßig angebotener

Toddler-Kurs für Eltern mit Kleinkindern oder der traditionell

im Dezember stattfindende Lebkuchenworkshop,

in dessen Rahmen 300 Kinder eine Lebkuchenmodellstadt

im Stil der 1960er Jahre bauen, die schließlich im Foyer des

Museums ausgestellt wird. 30 Darüber hinaus werden laut Arja-

Liisa Kaasinen, Leiterin der Abteilung Zusammenarbeit und

Engagement, Schülerworkshops für alle Altersstufen angeboten

und kostenlose Informationsmaterialien für Lehrkräfte

zum Herunterladen zur Verfügung gestellt, die sich für

den eigenständigen Gebrauch im Unterricht in den unterschiedlichsten

Klassenstufen eignen. Zum Angebot gehört

laut Kaasinen auch ein Onlinespiel, in dem Kinder und Jugendliche

ihr stilistisches Wissen bezüglich moderner Architektur

testen und gegeneinander antreten können. 31 Neben

diesem Aktionsprogramm, das so oder ähnlich durchaus

zu erwarten wäre, finden sich unter den Lehrmaterialien,

die auf der Webseite heruntergeladen werden können, zwei

bemerkenswerte Konzepte, die zeigen, dass das Museum of

Institutionen der Architecture Education

143


und Lohja 2009 und Lahti und

Helsinki im Jahr 2010.

Die Region Satakunta startete

2013 die dritte Welle der lokalen

Architekturpolitiken. Sie stimmte

mit der bisherigen Politik überein,

indem sie Ziele und Maßnahmen

zur Förderung der Architecture

Education festlegte. Auf Satakunta

folgte 2014 das lokale Programm

der Region Uusimaa, die zweite

Runde von architekturpolitischen

Programmen in Vantaa 2015 und

Kuopio 2017 und schließlich

die Policy der Stadt Kirkkonummi

2017 und die zweite Architekturpolitik

in Jyväskylä 2019. Zum

Zeitpunkt der dritten Welle war die

Architecture Education bereits

ein anerkannter Bildungsbereich,

der als Mittel zur Schaffung eines

besseren Verständnisses der

gebauten Umwelt und zur Entwicklung

partizipativer Fähigkeiten

anerkannt war. Die jüngsten

Architekturpolitiken nahmen das

als Ausgangspunkt. Statt Maßnahmen

der Architecture Education

vorzuschreiben, nutzten sie jene

Methoden und bezogen Kinder und

Erwachsene in den Gestaltungsprozess

lokaler Architekturpolitik

mit ein.

Die Architekturpolitik von

Lahti besagt eindeutig, dass die

Stadt die Verantwortung für

die Entwicklung der Architecture

Education übernimmt. 10 In den

anderen kommunalen und regionalen

Politiken der 2000er und

2010er Jahre wurden sechs

Hauptentwicklungsbereiche für

die Architecture Education

anerkannt:

VERNETZUNG

+ Nutzung der bestehenden und

Schaffung neuer Netzwerke

zur Entwicklung der Architecture

Education 11

+ Förderung der Zusammenarbeit

zwischen verschiedenen

Fachgebieten; lokal, national und

international 12

ARCHITEKTUR IN

SCHULEN

+ Stärkung des Status der

Architecture Education in allen

Stufen vom Kindergarten bis zur

Sekundarstufe II 13

+ Architektur nicht nur im Kunst-

unterricht und der Environmental

Education diskutieren, sondern

sie auch an verschiedene andere

Schulfächer anpassen 14

+ Einbeziehung lokaler Architektinnen

und Architekten sowie Planer und

Planerinnen in den Schulunterricht 15

+ Potenziale von Schulen, die sich auf

Architektur spezialisieren,

erkennen 16

164


UNTERRICHTSMATERIAL

+ Erfassung und Nutzung von

vorhandenem Lehrmaterial, andere

darüber informieren und neues

Material entwickeln 17

+ Veröffentlichung von Karten und

Architekturführern, welche die

lokale Architektur vorstellen und

die gebaute Umgebung als

Lehrmaterial nutzen 18

ARCHITEKTUR ALS HOBBY

+ Entwicklung der Architecture

Education als außerschulische

Aktivität an Visual-Arts-Schools,

in Jugendclubs, Sommerkursen

und Ferienlagern etc. 19

+ Beginn der Architecture Education

im Rahmen der Basic Education

in the Arts 20

PARTIZIPATORISCHE

FÄHIGKEITEN

+ Entwicklung von Fähigkeiten zur

Interaktion und Partizipation;

Kindern und Jugendlichen

Möglichkeiten anbieten, in ihrem

eigenen Umfeld etwas zu bewirken 21

AUSBILDUNG VON

LEHRKRÄFTEN

+ Weiterentwicklung der Lehrkräftefortbildung

und Ermutigung

angehender Lehrkräfte, die

Architektur- und Umwelterziehung

an den Schulen umzusetzen 22

Die Auswirkungen

der Architekturpolitik der

2000er Jahre auf die

Architecture Education

Vergleicht man die Ziele und Maßnahmen

der ersten beiden Wellen

der Architekturpolitik mit dem, was

tatsächlich im Bereich der Architecture

Education geschehen ist, so

scheint es offensichtlich, dass

diese Politik Auswirkungen hatte.

Ein Bericht, der auf einer landesweiten

Umfrage aus dem Jahr 2000

basiert, stellt 200 Initiativen in

Finnland vor, in denen Architecture

Education im Rahmen der

formalen Ausbildung sowie durch

Aktivitäten verschiedener gemeinnütziger

Organisationen durchgeführt

wurde. 23 Es folgte eine

Phase der aktiven Vernetzung. Das

nationale Netzwerk Arkas und

das internationale Netzwerk Playce

wurden gegründet und führten

die Debatte weiter. Nachdem im

Bereich der Kinderkultur 2003

ein eigenes politisches Programm

veröffentlicht wurde, entstand

ein Netzwerk von 20 Kinderkulturzentren

(31 im Jahr 2019) im

ganzen Land, welches die Umsetzung

von Kultur für alle Kinder

fördern soll. In diesem Netzwerk ist

der Bereich Architektur durch

die Lastu School vertreten, die sich

165


von einer lokalen Akteurin zu

einem regionalen Kinderkulturzentrum

entwickelte. 24 Das jüngste

Netzwerk, das Verantwortung für

die Entwicklung der Architecture

Education übernimmt, ist das

Netzwerk der Alvar Aalto Cities. 25

Die Position der Architecture

Education an den Schulen wurde

gestärkt, als 2003 ein obligatorischer

Architekturkurs „Environment,

place and space“ 26 in den Lehrplan

für Visual Arts der Oberstufe

aufgenommen wurde, gefolgt von

einem Pflichtkurs „Environmental

aesthetics, architecture, and

design“ 27 für die Klassenstufen 1–7

im Jahr 2004. Auch Themen,

welche die Inhalte und Ziele von

Schulfächern wie „Responsibility

for the Environment, Wellbeing

and Sustainable Future“ integrierten,

schufen Möglichkeiten, die

Architektur in den Projektwochen

der Schulen in den Mittelpunkt

zu stellen. Das National Core

Curriculum for Basic Education

wurde 2016 erneuert. Anfangs

schien es, als sei die Position der

Architecture Education geschwächt

worden, da der neue Lehrplan

keine 'Pflichtkurse und nicht

einmal eine explizite Erwähnung

von Architektur vorsah. Jetzt,

Ende 2019, ermutigt der neue

Lehrplan jedoch dazu, alle Arten

von Umgebungen als Lernumgebung

zu nutzen, und verpflichtet

die Schulen auch, zumindest

einen Teil ihres Unterrichts als

fächerübergreifende Module zu

gestalten. 28 Dies wird als

eine inspirierende Möglichkeit

gesehen, Architektur in verschiedene

Schulfächer zu integrieren.

Eine neue Phase der Entwicklung

hat begonnen.

Die Finnish Association of

Architects SAFA hat auf den Bedarf

an neuem Lehrmaterial

reagiert und 2005 eine Webseite für

die Architecture Education veröffentlicht,

gefolgt von zwei Lehrbüchern.

Das erste untersucht

Architektur auf verschiedenen

Umweltebenen, 29 der zweite Band

führt in grundlegende Konzepte

der Architektur ein. 30 Im Anschluss

daran haben die verschiedenen

Schulen und Institutionen

wie ARKKI und Lastu – und heute

vor allem das Museum for Finnish

Architecture und das Alvar Aalto

Museum – pädagogisches Material

für den öffentlichen Gebrauch

erstellt.

Seitdem die nationale Architekturpolitik

und der „Land Use and

Building Act“ 1999 die Bürgerinnen

und Bürger zur Teilnahme an

Entscheidungsprozessen, die ihr

eigenes Lebensumfeld betreffen,

166


aufgefordert haben, ist die Architecture

Education als nützliches

Mittel anerkannt, um die für

gesellschaftliche Teilhabe erforderlichen

Kenntnisse und Fähigkeiten

zu erwerben. Die meisten

Akteurinnen und Akteure im

Bereich Architecture Education

trugen zur Entwicklung von

partizipativen Methoden und Prozessen

bei. Die nationalen

und regionalen Arts Councils und

andere öffentlichen Geldgeberinnen

und Geldgeber unterstützten

diese Entwicklung durch die

Lancierung und Finanzierung zahlreicher

Projekte und durch

die Einrichtung von Stellen für

regionale Kunstschaffende, die sich

sowohl der Förderung der Architecture

Education als auch partizipativer

Prozesse widmen.

Das neue National Core

Curriculum for Basic Education hat

die Arbeit der Lehrkräfte verändert

und einen Erneuerungsprozess

in Bezug auf die Lehrkräftebildung

an den Universitäten eingeleitet.

Es bleibt zu hoffen, dass der Architektur

und der gebauten Umwelt

in diesem Prozess genügend

Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Bisher haben Lehrende den

Großteil ihres Wissens und ihrer

Erfahrung aus ergänzenden

und optionalen Fortbildungen

gewonnen, die von verschiedenen

Organisationen im Bereich Bildung

und Kultur gestaltet wurden.

Fazit

Die Wirkmacht der nationalen

Architekturpolitik ruht auf den

Worten des Premierministers – auf

die nicht nur in der regionalen

und kommunalen Architekturpolitik,

sondern auch in zahlreichen

anderen Gesetzgebungen, Strategien,

Vorträgen und Papieren

sowie in Diskussionen und Debatten

Bezug genommen wurde.

Durch all diese Maßnahmen

verbreitete sich die Botschaft über

die Bedeutung der Architecture

Education auf verschiedenen

Ebenen und in verschiedenen Bereichen

der Gesellschaft.

Die Wirkmacht aller lokalen

Beschlüsse basiert auf dem engagierten

Prozess, durch den sie

konzipiert werden. Die beteiligten

Personen haben sich unermüdlich

und engagiert für die Erfüllung

der vereinbarten Ziele eingesetzt.

Die Entscheidungsträgerinnen und

-träger sind sich der Architecture

Education und ihres Potenzials bewusst

geworden. Im Laufe der Jahre

haben die Kommunen, Städte und

Regionen Architekturvermittlerinnen

167


ist, das nahezu alle Bereiche des Zusammenlebens betrifft.

Je mehr Ressorts, Institutionen, Verbände und Akteurinnen

und Akteure in den Prozess eingebunden werden, umso

wahrscheinlicher ist, dass sie später die Bereitschaft zeigen,

sich aktiv an der Umsetzung zu beteiligen und diese

mitzutragen.

Um so viele Akteurinnen und Akteure wie möglich aktiv

in den Prozess einbinden zu können, ist es empfehlenswert,

wie in Finnland die Ergebnisse der Arbeitsgruppe einem

erweiterten Akteurskreis zur Kommentierung vorzulegen.

Das Beispiel Finnland lehrt, dass es sinnvoll ist, Verantwortlichkeiten

in den Leitlinien eindeutig zu definieren

und entsprechend zu adressieren.

* * *

Die Verabschiedung der Baukulturellen Leitlinien des

Bundes sollte nicht als das Ende des Prozesses, sondern als

der eigentliche Auftakt betrachtet werden, mit dem die

Zusammenarbeit zwischen den Ministerien, den Akteurinnen

und Akteuren und Interessenverbänden aus der Politik

und Zivilgesellschaft erst beginnt.

Die Erfahrungen aus Finnland zeigen, dass es sinnvoll wäre,

den Prozess im regelmäßigen Turnus – etwa alle drei

oder vier Jahre – zu evaluieren und die Leitlinien auf dieser

Basis einer regelmäßigen Revision zu unterziehen. Dadurch

wird gewährleistet, dass der Leitlinienprozess ein vitaler

Lernprozess bleibt.

178


Es braucht durchgehend Verantwortliche, die sich des

Themas annehmen, um einen kontinuierlichen Umsetzungsprozess

und eine regelmäßige Weiterentwicklung der

Leitlinien zu unterstützen; um die Öffentlichkeitsarbeit

in den Bundesländern, Regionen oder Kommunen vorzunehmen;

und um bei der Entwicklung lokaler Leitlinien

und deren Revision Beratung und Hilfestellung geben zu

können. In Finnland wurde dazu zunächst die Stelle eines

Special Advisors for Architecture (2004–2012) eingerichtet,

bevor Archinfo Finland den Prozess fachlich begleitete.

* * *

Um das baukulturelle Bewusstsein in der Gesellschaft

langfristig zu verbessern, sollte in den Baukulturellen

Leitlinien des Bundes die Empfehlung ausgesprochen

werden, die Baukulturelle Bildung systematischer in das

Bildungssystem zu integrieren. Den effizientesten und

demokratischsten Weg bietet die Integration der Baukulturellen

Bildung in das Schulsystem, was in den deutschen

Rahmenlehrplänen bereits vorgesehen ist.

Um zu gewährleisten, dass die Lehrkräfte den Anforderungen

gerecht werden können, sollte die Baukulturelle Bildung

in die Lehramtsstudiengänge an den Universitäten und

Pädagogischen Hochschulen und insbesondere in die künstlerische

Lehrkräftebildung integriert werden. Es wäre zudem

sinnvoll, die Weichen zum Aufbau einer Fachwissenschaft

im Bereich der Baukulturellen Bildung zu stellen mit dem

Ziel, aus der Praxisforschung eine Fachdidaktik, aber auch

Lehrmaterialien und Fortbildungskonzepte zu entwickeln.

179


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