Schlaflos - Das neue Normal: Eine Loseblattsammlung zum aktuellen Geschehen

Elveashop

Ein Stimmungsbild unserer Zeit. Wir führen die Loseblattsammlung 2021 weiter.
Heute mit: Die theoretische Jugendweihe

Info zur Sammlung:
Viele Menschen sind schlaflos, die Gedanken rotieren. Nicht immer nur um sich selbst, sondern um ihre Freunde, Familien, um überhaupt alles.
Die Loseblattsammlung enthält Gedanken, die diese Menschen mit uns teilen möchten. Die Texte sind bewusst unkommentiert, ungeschönt. Böse, kontrovers, traurig, lustig (ja, auch lustig) nachdenklich, vor allem jedoch authentisch.

Normal ist nicht. Punkt.

Loseblattsammlung © ELVEA

Diese Loseblattsammlung wird in unregelmäßigen Abständen ergänzt.

Es ist noch lange nicht vorbei. Alles, nicht nur das Virus, die Beschränkungen –

genauso wie vielleicht überstürzte Öffnungen, und die ganz persönlichen

Katastrophen oder auch neuen Wege.

Es gibt kein Beispiel, an dem man das Geschehen ausrichten könnte, es wird Fehler

geben, mit großen oder kleinen Auswirkungen. Nichts von dem, was wir alle erleben,

gab es schon einmal.

Die Beiträge erscheinen in umgekehrter Reihenfolge.

Die neuesten am Anfang. Sie wurden nicht lektoriert.

Diese Sammlung begann mit einem Post auf Facebook:

Schlaflos - Das neue Normal - von Christian H. Wege

Was ist Ihre Geschichte?

Was bleibt?

Was bleibt, wenn so viel nicht mehr ist?

Wenn Nähe fehlt, eine kurze Umarmung?

Wenn Besuche nicht sein dürfen?

Wenn es kalt und grau draußen ist

und wir alleine innen sitzen?

Genauso kalt und grau sind unsere Herzen…

Was bleibt, von der Wärme, die früher war?

Und was bleibt, von der Beklemmung jetzt?

Wenn alles vorbei ist, irgendwann…

Wenn nichts mehr ist wie vorher…

Was bleibt uns, außer den Erinnerungen

und der Hoffnung?

A

N

T

J

E

H

A

U

G

G

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Loseblattsammlung © ELVEA

Inhalt

Der Klodeckel 4

Die theoretische Jugendweihe 5

Herzsteine 7

Flockdown 8

Eine unvollständige Momentaufnahme 9

Ich träume 12

Fast normal, das neue Normal 12

Wenn der Herbst sich 16

hinter Masken versteckt 16

Novembergrau 16

Gedankenverloren 17

Gedanken verloren 17

Vom Nonsens der bemühten 18

Ersatzaktivitäten 18

Zeitreisen 20

Gemeinsam haben wir manche Nacht ... 22

Corona – Blues 23

Abschied 26

Was ist das für eine Zeit? 27

Ein ganz normaler Sonntag 27

Das Leben ist schön 29

Ich war noch niemals in New York 30

SchlaflosDas neue Normal 31

Ich träume von einer Welt … 32

Das neue Normal? 33

Als ich ein Kind war … 34

Corona-Welt 36

Das neue Normal? 37

#SchönGerede 38

Gedanken zum Tag 39

Sauer oder enttäuscht? 39

Kindergeburtstag 40

Coronasplitter 40

So wie früher 42

Der Besuch 43

Was ist Ihre Geschichte? 45

© ELVEA 2021

Bilder:

Pixabay

Privat

Kontakt:

elvea@outlook.de

Das ist ein Magazin, bzw. kein

Magazin.

Sind es Erfahrungen oder doch

nicht?

3


April 2021

Der Klodeckel

Mal auf, mal zu, mal bissel auf ...

Barbara Bär

Loseblattsammlung © ELVEA

4

05.04.2021 Es schneit

Wir konzentrieren uns aufs Wesentliche.

Der teure Klodeckel, der, dessen Deckel

sich langsam schließen soll,

Hochtechnologie, knallt ungebremst

runter. Rums.

Unschön ist, mal knallt er runter, mal

nicht.

Bei mir hat er Nettigkeiten drauf. Mal

knallt er, mal nicht, manchmal auch

erst von halber Höhe nach unten. Das

ist nun wiederum gar nicht kalkulierbar.

Dummerweise passiert das mir

häufiger als anderen. Was nach sich

zieht, „was machst du da? Bei mir

knallt es nie“. Das stimmt nicht unbedingt,

aber deswegen Streit, ne, das ist

es nicht wert.

Was ist das Ergebnis? Man starrt nach

getaner Arbeit wie gebannt hinter sich.

Knallt er oder knallt er nicht. Dauert es

länger, weil er vielleicht diesmal nicht

so schnell unten landen möchte, steht

man erwartungsvoll davor. Mensch,

warum knallst du Ding gerade jetzt

NICHT runter.

Ihr gebt mir sicher recht, unhaltbar.

Es schneit immer noch.

Als ich wieder mal, „bei mir passiert

das nie“ überhört habe, war es Zeit.

YouTube anklicken, suchen, nach

‚Reparatur eines Klodeckels mit Absenkautomatik'.

Nur, genau unserer ist

nicht dabei. Hm. Diskutieren, meditieren,

was nun.

Erstmal auseinander nehmen. Nur

was, es ist nichts zum auseinander nehmen,

nur zum draufklicken oder ausrasten

und wegschmeißen. Jetzt knallt

der Deckel wenigstens berechenbar

immer runter.

Wir erkennen ein ‚Spiel‘ zwischen

Scharnier und Deckel.

Es muss etwas dazwischen.

Nach einer Weile sitzt das Teil wieder

fest auf der Schüssel, zwischen

Deckel und Scharnier haben wir blauen

Paketstrick hineingepresst, um das

Spiel zu verringern und man glaubt es

nicht. Der ‚Klodeckel mit Absenkautomatik

und (nunmehr) blauem Paketstrick‘

funktioniert wieder.

Trotzdem, da man dem Frieden nicht

traut, steht Frau nach getaner Arbeit

nach wie vor voller Hoffnung davor…

falls der Deckel doch runterknallt.

Weil es ja nur mir passiert.

Wie schon öfters in letzter Zeit

kommt uns der Gedanke… wenn die

Geschäfte mal wieder geöffnet haben…

gerettet hat uns vermutlich,

man kann den Deckel ja nicht fragen,

blauer Paketstrick.

Vielleicht hält er aber auch nur, um

nicht noch mit rotem verunstaltet zu

werden.

Nichts genaues weiß man ja nicht.

05.04.2021 Es schneit immer

noch…


Ergänzung:

Man muss sich nur zu helfen wissen...

Unterhalten sich 2 Ossis. Man sollte

nicht mehr Ossi sagen aber jeder weiß

halt gleich wer gemeint ist.

Sagt der eine: "Deine Klobrille ist kaputt."

"Ja, ist sie. Sch.... Situation".

"Was hast du gemacht?"

"Russisch repariert."

"Ah gut, sieht bestimmt Sch... aus,

aber es hält".

"Stimmt, brauchst du Ersatzteile?"

Übrigens fühle ich mich als Ossi nicht

diskriminiert. Das muss ich unbedingt

noch anmerken.

Die theoretische

Jugendweihe

Ja, nein, oder doch vielleicht und ich

dreh mich im Kreis

Karin Baumann

Loseblattsammlung © ELVEA

5

Vor ein paar Tagen eine Email. Endlich!

Schon ewig drauf gewartet. Die

Lütte hat dieses Jahr Jugendweihe,

oder auch nicht?

Erlösende Nachrichte! Die Jugendweihe

findet statt. Gut, statt der eigentlich

geplanten sechs Teilnehmer, dürfen

nun nur noch zwei, aus dem eigenen

Haushalt des Jugendlichen, dabei

sein. So what! Hauptsache das Kind

hat ihre Feierstunde.

Aber nö, drei Tage später, nächste

Email. Virus, bla bla, bemüht, bla bla,

leider doch nicht wie gehofft. Kurz

gesagt: Feierstunde entfällt.

Reaktion der Lütten. Auch schon

egal. Bravo!

Aber man bietet uns Ausweichmöglichkeiten

an. Klingt doch gut. Oder

auch nicht.

Die erste Möglichkeit wäre eine

Onlineveranstaltung. Wir würden sogar

fast ein Viertel des Geldes wiederbekommen.

Das musste ja schon im

letzten Jahr bezahlt werden.

Online?Echt jetzt. Ganz sicher nicht.

Also zweite Möglichkeit.

Verschieben auf nächstes Jahr. Wäre

ja möglich, wenn man nicht die Information

hätte, dass noch Feierstunden

vom letzten Jahr ausstehen.

Und dann noch dieser kleine nette

Satz am Schluss… nächstes Jahr wird

die Veranstaltung teurer, der Betrag

müsste zusätzlich gezahlt werden. Ja

ist klar!

Wo bitte ist Variante drei? Stornieren

und Geld zurück? Gab es nicht! Aber

ich habe nett angefragt. Zweimal!

Scheinbar redet man einfach nicht mit

mir…

Was machen wir jetzt mit der Feier?

Improvisation heißt das Zauberwort.

Uns wird was einfallen.

Drama eins erst einmal für beendet

erklärt, kommt Kind und fragt, wie es

mit der Schule weitergeht. Was für

eine interessante Frage.

In der Theorie gab es einen dreiseitigen

Brief. Hybridunterricht und zweimal

in der Woche einen Test. Theorie

ne…. Und dann kommt die Praxis um

die Ecke. Steigende Zahlen und kei‐


ner entscheidet.Und schon gar nicht

sind genügend Tests vorhanden. Was

nun? Eventuell am Ende der Woche

wird eine Entscheidung fallen, damit

die Schulen sich darauf vorbereiten

können. Mir vergeht das Lachen. Vorbereiten?

Am Wochenende auf den

Montag? Das nenn ich doch mal Planungssicherheit.

Wir wissen also ziemlich genau…

das wir mal wieder nichts wissen.

Da macht es besonderen Spaß Elternsprecher

zu sein, weil Fragen beantwortet

ist zur Zeit nicht…

Lassen wir uns überraschen und freuen

uns, dass das eigene Kind in der B-

Gruppe ist und dadurch erst in der

zweiten Woche Präsenzunterricht hat,

oder hätte, vielleicht auch haben wird.

Da sind wir schon beim nächsten

Wort: PRÄSENZUNTERRICHT.

Mitteilung eins lautet, diese ist und

bleibt ausgesetzt.

Kurz überlegt ob das Kind dann doch

besser zu Hause bleibt. Sind ja schon

etwas älter und mein Mann gehört zur

Risikogruppe. Aber nö! Sie vergisst

sonst noch, dass es ein Schulgebäude

gibt. Wollen wir ja auch nicht.

Aber trotzdem, aus Interesse mal

weiter gelesen. Wenn das Kind nicht

am Präsenzunterricht teilnimmt,

braucht man eine Bestätigung vom

Arzt, eventuell wird diese von einem

Amtsarzt geprüft. What? Will der prüfen

ob ich tatsächlich auf die 60 zugehe?

Oder welche Krankheiten mein

Mann im Alter so ausgebrütet hat? Wie

lustig? Aber, was bedeutet dann das

Aussetzen der Präsenzpflicht? Fragen

über Fragen.

Aber spätestens morgen ist alles anders.

Das ist sicher.

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6

Alles neu, alles anders.

Peggy Axmann

Ich hatte es satt. Tingeln von einem

Quereinsteiger-Job in den nächsten.

Dazu abends Studium von zu Hause,

Kinderbetreuung, Freiberuf. Es ging

irgendwie. Aber halt nur irgendwie.

Job Nummer 3 - Zack, neue Coronaregeln,

wieder daheim. Frustration

wird zu Motivation. Da ist plötzlich

Zeit. Mehr Zeit. Und ein Plan. Studium

beenden. Persönliches Ziel: Bis

31. März 7 Studienaufgaben. Dann

wäre ich fertig. Einfach mal fertig.

In einem Monat, ein straffes Pensum.

Wieder wenig schlafen. Viel

lernen, probieren, fluchen, nochmal

von vorn. Typo 3 - Mein Himmel,

meine Hölle. So viele Möglichkeiten,

so wenig Erfahrung. Egal,

durchbeißen, zusammenreißen.

Kind sieht zu. 'Mama, du schaffst

das schon.' - Wie kann Frau da ans

Scheitern denken?

Weiter, immer weiter. Prüfung hier,

Prüfung da. Plötzlich die letzte. So

kurz vorm Ziel. Nur noch diese eine.

Es ist der 15. März. Ich will das

jetzt!

Und dann... Ist es vorbei. Abschlusszeugnis

in der Post. Guter

Schnitt, 1,5. Ist das wahr? Hab ich es

wirklich fertig gemacht? Kann ich

endlich im Lebenslauf vorweisen,

was ich seit 9 Jahren nebenbei gemacht

hab? Gibt es jetzt Chancen?

Bewerbungen... Also ich weiß

nicht, wer diese Frau ist, mit diesem

Lebenslauf. Aber Potential ist da,

Können wohl auch. Ich würde sie

zumindest erstmal in die Auswahl

aufnehmen... Erste Antworten. Vor‐


stellungsgespräche via Videochat und

Telefon. Ich hasse Webcams. Egal

wie man sie dreht und wendet, es gibt

keine gute Einstellung. Da ist nichts

was glänzt. Die Optik überzeugt

nicht. Der Dialekt durch langsameres

Sprechen etwas gemildert. Sächsisch

klingt leider nicht weltgewandt. Aber

die Schreibe - die tut es. Herzlichen

Glückwunsch, wir wollen sehen was

sie können. Deadline 3 Tage.

Ich bin fertig, zittrig und nervös nach

einem Tag und 4 Stunden.

Corona sei Dank. Wo Türen sich

schließen, gehen andere eben auf. Man

muss nur durchgehen. Was da noch

kommt? Keine Ahnung. Was bisher

geschah: Ich hätte es mir selbst nicht

zugetraut. Aber die Devise momentan:

manchmal nicht denken, einfach machen.

Immer weiter.

Loseblattsammlung © ELVEA

Herzsteine

Martine Lestrat

Depri-Stimmung

Keine Lust, neue Texte zu schreiben.

Lesungen werden abgesagt. Akquise

hat zurzeit keinen Sinn. Wegen

Corona. Treffen mit Freundinnen fällt

auch aus. Aber was soll's? Sich

darüber Gedanken zu machen, bringt

nichts.

Muss zur Post. Zu Fuß? Ja, die

zwanzig Minuten mit Bewegung und

frischer Luft werden mir bestimmt

gut tun.

Nach halber Strecke, Regen. Toll!

Passt zur Stimmung …

Aber dann … ein paar Minuten später

entdecke ich ihn: den heutigen

herzlichen Gruß aus der Natur: Ein

Herzstein. Ganz weiß. Glänzend

durch den Regen. Klein, aber wirklich

nicht zu übersehen.

Und schon bildet sich ein Lächeln auf

meinem Gesicht.

7


Flockdown

Heiko Baumann

Loseblattsammlung © ELVEA

Februar 2021

Es ist Winter. Schnee und Kälte haben

uns fest im Griff. Wir sind genau 1 Jahr

in dieser Zeit. Corona. Es klingt ein

bisschen wie.. Krieg. Immer neue Hiobsbotschaften.

Nun sind wir mit der

Verlängerung schon im März und kein

Ende ist in Sicht. Die Menschen sind

unzufrieden und mürrisch, das Warten

zermürbt sie. Warten, ja auf was?

Manch einer zeigt sein wahres Gesicht

und der Ton wird deutlich rauer.

Ich blicke in den Himmel und schaue

eine Weile dem Tanz der Flocken zu,

lasse mich rücklings in eine Schneewehe

fallen und werde ein Schneeengel.

So ruhig, so friedlich, wie die Eiskristalle

langsam und bedächtig im Schein

des Tages zur Erde fallen. Mitten in

mein Gesicht. Aber eiskalt. Genau wie

diese Welt. Ein heißer Tee wird meine

Lebensgeister wecken. Ich starre gedankenverloren

auf den frischen bunten

Rosenstrauß. Jede Woche gibt es

einen Neuen. Ich will das so. Möchte

die Farben in unser Leben lassen und

mit dem lieblichen Duft Hoffnung auf

den Frühling haben. Hoffnung, welch

ein mächtig Wort!

Raus aus dem Flockdown, raus aus

der Kälte..

An dieser Loseblattsammlung schreiben

mit:

Christian H. Wege, Karin Baumann,

Heiko Baumann, Alyssa Marie Baumann,

Dr. Barbara Schlüter, Sabine

Houtrouw, Maria Heine,

Friedhelm Marciniak, Prof. Harald

Braem, Claus Beese, Antje Haugg,

Sylvia Catharina Hess, Martine Lestrat,

Dagmar Finger, Peggy Axmann,

Mrs. McH, Barbara Bär …

8


Eine unvollständige

Momentaufnahme

Barbara Bär

2021. Was ist neu? Nichts. Wir sind

immer noch im Lockdown. Nr. 2,

Nr.3?

Das ist im Ergebnis egal. Irgendwie

versucht man sich an der Normalität,

die viele von uns auch auffrisst.

Ich bin oft im Social Network unterwegs.

Die Postings ändern sich.

Entweder ist die Ausrichtung exzessiv

ins banale, andererseits aggressiv

nach außen. Posts von Frühstücksbrötchen,

Sonnenaufgängen, von früher,

neuen und alten Hobbys. Angst und

Wut gegen alle und jeden.

Stricken als neue oder neu entdeckte

Beschäftigung. Kochen, backen. Auch

bei mir. Gedanken fest halten. Nicht

ablenken lassen. Das ist schon deshalb

notwendig, um sich für das Muster

nicht zu verzählen oder Maschen fallen

zu lassen. Wie die Gedanken fallen

zu lassen. Die schweifen um die Sehnsucht

nach Banalität.

Dem Früher. Ich glaube, das Früher,

wie wir es kennen, wird es nicht geben.

Vielleicht, weil jemand von „Früher"

sich irrational verhalten hat. Leugnet,

was offensichtlich ist, seine Angst hinter

Hohn und Ignoranz versteckt. Wie

werde ich ihm oder ihr „danach“ begegnen?

Jemand anderes trifft man vielleicht

nicht mehr.

Die Dummheit scheint mehr Raum in

den Medien zu bekommen als das neue

Normal. Nein, das stimmt nicht ganz,

die neuen Hobbys und das viele Menschen

plötzlich besseren Sex haben,

wurde gesendet.

Ich komme ins Plaudern. Merkt ihr

Loseblattsammlung © ELVEA

9

das?

Es gibt Gerichte und Behörden die

sich hinter Gesetzen verstecken und

zum Beispiel ein Autokorso von Plauen

nach Chemnitz nicht verhindern.

Der Endpunkt ist eine Demo in

Chemnitz. Die Angst versteckt sich

schon wieder hinter Hohn. Eine

Demo? Die Stadt ist gesperrt. Warum?

Um den Irrsinn zu schützen und

der Dummheit ihr Recht auf Versammlungsfreiheit

zu gewähren.

Manchmal schäme ich mich für diese

Stadt. Diese Kulturhauptstadt. Was

für eine Kultur. Ihr tretet den vielen

Menschen, die mit ihrem Verhalten

andere schützen, ins Kreuz. Ihr habt

alle zu schützen! Menschen, Bürger,

das Leben. Was steht im Vordergrund?

Das Recht auf Leben aller, das

meiner ganzen Familie, meiner Kinder

und Enkel oder andere Teile des

Rechts auf dem Papier?

… der Kaffee ist gleich fertig…

Ich lese gerade einen Post eines

MDR-Moderators, der ein Bildchen

aus früherer Zeit postet. Mit Hashtags

über Hashtags. Seiner Sehnsucht nach

seiner ganz persönlichen Normalität.

Vermutlich ist er als Kulturschaffender

persönlich nicht nur durch die

Einschränkungen in seinem Bewegungsradius

betroffen.

Seine Sendungen sehe ich gern, es

geht darum, Menschen und Vereinen

zu helfen, die sich selbst nicht weiterhelfen

können. Übrigens helfen oft

Unternehmen und Privatpersonen.

Behörden können oft nicht helfen. Sie

würden ja gern, aber... Ihr wisst ja, die

Vorschriften und so. Ich habe keine

Zeit, ein Gärkörbchen fürs Brotbacken

fehlt mir noch, irgendein Versand

wird es mir verschaffen können.

Der Wollkorb ist übervoll, nur die


eine – furchtbar wichtige Farbe fehlt.

Ich bemerke gerade, ich bin wirklich

ins Plaudern gekommen. Obwohl

nichts zusammenzupassen scheint.

Von Kaffeekochen und Irrationalität.

…. Der Kaffee ist fertig…

Nachher gehe ich in die Küche. Meine

Gedanken wieder einsammeln.

Einige Kommentare auf Facebook

Loseblattsammlung © ELVEA

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Claus Beese

Tja, gefangen in Corona, gefangen

im Schneesturm. Gefangen in der

Dummheit der anderen, so sind wir

Gefangene der Zeit. Dieser Zeit. Nur

sie, die Zeit läuft weiter.

Mein holdes Eheweib griff beherzt

zum Topf und füllte ihn halb mit Wasser.

Ich ahnte: Sie will Kartoffeln schälen.

Und ich, was soll ich tun? Die

Langeweile guckt mir aus den

Knopflöchern. Plötzlich wurde es hell

im Oberstübchen. Ein Gedankenblitz.

"Schatz! Ich werde dir beim Kartoffelschälen

helfen."

"???"

"Na , ist doch klar. Du setzt das Messer

an und ich drehe die Kartoffeln."

Freundlich, aber entschieden, wies sie

mir den Weg ins Wohnzimmer. Und

nun? Was soll ich hier alleine machen?

Fernsehen gucken? Ich bin zu alt, für

mich gibt es nichts neues mehr. Fast

alle Spielfilme kann ich mitsprechen,

als hätte ich die Dialoge geschrieben.

Habe ich nicht. Nur sie so oft gesehen,

dass man sie auswendig kann. Zeitung!

Man könnte Zeitung lesen. Wozu

haben wir ein Abo? Draußen ist

Schneesturm, und der Zeitungsbote

sitzt im Warmen zuhause. Bereits gestern

hatte die Zeitung angekündigt,

"dass es aufgrund der Wetterlage zu

Verzögerungen bei der Auslieferungkommen

könnte". Und nun? Was soll

ich tun? Ach, ich könnte auf Facebook

gehen und ein paar Rechte aus

meinem Bekanntenkreis entfernen.

Schiet. Hatte ich letzte Woche schon

erledigt. Manche Boulevardsendungen

im TV behaupten ja, dass während

dieser Zeit die Menschen mehr

Sex hätten. Ich nicht. Meine Frau

steht in der Küche und schält Kartoffeln.

Und ich? Was soll ich denn

bloß machen? Ich hasse Corona. Und

ich hasse den Winter. - Obwohl ..., ich

merke gerade, das lange Hinausstieren

in die flirrenden Schneeflocken ist

fast so beruhigend wie der Blick auf

das Meer. Wunderbar. Ich werde ganz

ruhig ...

Antje Haugg

Vogelgrippe. bei uns gibt es tatsächlich

ein Thema neben Corona. Vogelgrippe.

Ende Januar ein bestätigter

Fall im Landkreis. Sperrzone, Beobachtungszone,

geschlachtete Tiere,

Stallpflicht für die Region. auch für

meine Hühner. die Freigang gewohnt

sind, die nicht verstehen, warum die

Tür jetzt geschlossen bleibt. empörtes,

lang gezogen klagendes Jammern.

sogar meine Seidenhühner, die

wochenlang keinen Fuß in den

Schnee setzen wollten, sind jetzt entrüstet.

denen geht es wie uns - was

verboten ist, das ist wohl plötzlich erstrebenswert.

ja, warum sollte es den

Hühnern besser gehen als uns? geteiltes

Leid als halbes Leid? für solche

Sprichwörter haben sie nichts übrig,

sind eh schon - wie auch ich - genervt

vom grauen Wintertrüb. trauern

der verlorenen Normalität hinterher.

und wie auch wir haben sie keinen

Termin vor Augen, an dem gelockert

wird. das kann dauern, länger wohl


noch als bei uns. bis April vielleicht

oder bis Mai, wenn alle Zugvögel wieder

zurück sind an ihre Brutplätze oder

tot vom Himmel gefallen. erst dann

gibt es wieder Normalität für meine

Hühner. in frühlingsfrischer Erde nach

Würmern scharren, im Garten nach leckerem

Grün suchen, vielleicht auch

vom Hühnerhabicht erwischt werden -

das ist das einzig Gute an der Stallpflicht:

um den müssen wir uns keine

Gedanken machen zu Zeit, meine Hühner

nicht und ich auch nicht. dafür um

Lagerkoller und Langeweile. Huhn ist

da leichter zu bedienen als Mensch:

ein Kopf Salat beschäftigt die Bande

eine Zeitlang, Stroh eingestreut und

Körner darunter hält sie auch bei Laune.

trotzdem: sie kennen die Freiheit

und vermissen sie auch. gibt es eigentlich

Inzidenzwerte für Vogelgrippe?

falls ja, ist der bei uns lächerlich klein

- ein einziger Fall im Landkreis reicht

aus, um alles Geflügel einzusperren.

dauerhaft und ausnahmslos. stellt euch

mal vor, das wäre bei Corona ebenso.

dann wären wir viel aussichtsloser und

hoffnungsloser als aktuell. wir können

zumindest noch davon ausgehen, dass

wir bei niedrigem Inzidenzwert wieder

mehr Freiheiten bekommen. aber abgesehen

davon wissen meine Hühner

eh nichts von Inzidenzwerten...

Loseblattsammlung © ELVEA

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Nach dem Post der Loseblattsammlung:

Und weil es ab und zu eben mal sein

muss, hier das Update Nr. 8 zur Loseblattsammlung.

U.a. mit: Was haben Hühner mit

dem Inzidenzwert zu tun? Richtig!

Nichts. Oder zumindest nicht wirklich

... oder nicht direkt ... oder so.

Die Sammlung lässt immer Raum für

Neues. Ihr seid herzlich eingeladen.

Man kann natürlich auch schicke Bilder

schießen. Keine Frage, oder Brot

backen wie ich. Stricken geht auch.

Oder Kaffee kochen

Die Loseblattsammlung darf immer

gerne geteilt werden.

Juliane Just

Ich stimme für häkeln ... und ganz

ehrlich, wenn wir beim ersten Infizierten

uns alle für mehrere Wochen wirklich

konsequent zu Hause eingebuchtet

hätten (und der Rest der Welt

auch), hätten wir das heutige Problem

gar nicht. Müssten die Hühner dann

aber alleine leiden ...

Barbara Baer

Tja, hast du recht. Nützt aber nix,

jetzt sitzen wir wohl mit dem Hühnern

in einem Boot. Jeder auf seiner Seite.

Getrennt.

Juliane Just

Barbara Baer oh ja, Kaffee! Mal

schauen, ob unserer noch warm ist!

Oder wenigstens anwesend ... am Wochenende,

wenn der Mann im Hause

ist, kann das mal eng werden

Antje Haugg

Kaffee und Strickzeug ist okay .

meine Nachbarin war unlängst in

Pendelquarantäne, sie sagte, den

Hühnern geht es wie ihr - pendeln

zwischen Stall und Arbeit (Legenest).


Loseblattsammlung © ELVEA

Ich träume

Maria Heine (Februar 2021)

Ich träume vom Lächeln, von Luft und von Leben. Vom Wald, um meiner Seele

Frieden zu geben.

Ich träume von Lachen, von Zeit, von Gesprächen.

Von Bildern, in echt und nicht nur wie im Märchen.

Ich träume vom Fliegen, ganz oben am Himmel.

Ich träume von Glöckchen, von Menschengewimmel.

Ich träume vom Tanzen, von Musik und Gesang.

Ich träume von Liedern und ihrem Klang.

Ich träume von Dingen, die nicht mehr sind.

Und fühle mich wieder wie ein Kind.

So schwer ist mein Herz, so düster die Gedanken.

Es ist wie ein Sturm, er bringt mich ins Wanken.

Ich träum einen Traum, wie noch keiner war.

Wann wirds wieder sein?

Werd ichs erleben?

Wann kann ich meiner Seele das Licht wieder

geben?

Fast normal, das neue Normal

Sylvia Catharina Hess

© Sylvia Catharina Hess

November 2020

Auf den ersten Blick alles wie immer.

Ein ganz normaler Tag im Paradies.

Mein Paradies heißt La Palma,

ist eine kleine grüne Insel im Atlantik,

wo ich das Glück habe, in einem Haus

mit großem Garten und kleinem Atelierhaus

einen Teil des Jahres verbringen

zu können. Der Himmel ist ferienblau,

verziert von zerfuselnden Wölkchen,

ein leichter Wind weht die stechende

Sonnenhitze weg. Ich bin seit

ein paar Stunden im Atelier, arbeite

mich durch eine Serie, die ich vor einer

guten Woche angefangen habe. Es

sollen sechs kleinere Bilder werden,

die den Abschluss meines Tránsito-

Zyklus einleiten, an dem ich seit mehr

als zwei Jahren male. Es werden sechs

12


Frauenportraits. Die Frauen haben eine

positive Ausstrahlung, sie sind von

Pflanzen umgeben, Blüten, Blättern,

Zweigen. Hoffnungsbilder.

Loseblattsammlung © ELVEA

In den Trocknungspausen gehe ich

raus, schaue über die Mauer aufs Meer

oder lausche den Gesprächen der Wanderer,

die jetzt nach und nach wieder

mehr werden. Noch liegt der Tourismus

am Boden, viele Restaurants sind

geschlossen oder öffnen nur an wenigen

Tagen in der Woche. Ferienhäuser

stehen leer, Hotels sind noch nicht in

Betrieb. Die Arbeitslosigkeit ist hoch,

die Betroffenen erhalten wenig Entschädigung

oder gar keine. Familien

halten zusammen, helfen sich gegenseitig

mit Lebensmitteln aus eigenem

Anbau, nehmen erwachsene Söhne

und Töchter auf, die ihre Miete nicht

mehr bezahlen können. Der Fremde

bemerkt das in der Regel nicht. Doch

die Veränderungen im Umgang miteinander

sind augenfällig: Die Maskenpflicht

auf öffentlichen Straßen und

Plätzen wird ernst genommen. Wo

man sich in engen Straßen begegnet,

weicht man einander aus. Die Palmeros,

die gewohnt waren, einander bei

jeder Gelegenheit um den Hals zu fallen

und sich zu küssen, begrüßen sich

jetzt auf Abstand. Das alles findet in

der gewohnten freundlichen, ja herzlichen

Art und Weise statt, die ich seit

Jahren kenne und an diesem Menschenschlag

liebe. Gestern bin ich bei

meinen einheimischen Nachbarn ins

Haus gestürmt, um ein paar Einkäufe

abzugeben, die ich für sie gemacht hatte.

Auf dem Sofa saßen die beiden,

zwischen sich eine ältere Frau und eine

alte Dame, beide mit Maske im Gesicht.

Ich fühlte mich sofort schuldig,

hatte ich ja keine Maske an. Coronaleugner,

Coronamaßnahmengegner,

Verschwörungstheroretiker scheint es

13

hier nicht zu geben. Die Menschen

wünschen sich das alte Normal zurück,

dass die Gäste wieder einfliegen,

und haben doch gleichzeitig

Angst, dass die Fallzahlen dann wieder

steigen könnten, Testpflicht hin

oder her. Zur Zeit sind neun aktive

Fälle bekannt, alle werden im eigenen

Haushalt betreut.

Man gewöhnt sich, hier fällt es einer

wie mir leicht. Gewöhnt man sich?

März bis Juli 2020

Der Lockdown traf mich ganz unerwartet,

und er ging tiefer, als ich je zu

befürchten gewagt hätte. Natürlich

hatten wir die steigenden Infektionszahlen

verfolgt, aber ein – von heute

aus gesehen verrückter – Schleier vor

der Realität ließ die Ereignisse nicht

besonders an mich herankommen, obwohl

mein Mann mich täglich mit

neuen Horrormeldungen versorgte.

Dann die Bekanntgabe des Notstands

durch die spanische Regierung, einen

Tag bevor meine Tochter mit Mann

und dreijährigem Töchterchen für

zwei Wochen auf Besuch kommen

sollte. Telefonate hin und her, während

ich die Gästebetten bezog, Rückversicherung

bei einheimischen

Nachbarn, dass die Maßnahmen tatsächlich

auch für die Kanaren gelten

würden, erneute Telefonate, schließlich

einigten wir uns darauf, dass die

Kinder die Reise stornierten. Tränen

und Enttäuschung auf beiden Seiten,

wie waren wir noch auf uns selbst fixiert.

Ich zog die Betten wieder ab

und räumte das Spielzeug meiner Enkelin

weg. Heute wissen wir, dass es

eine kluge Entscheidung war.

Der Rest ist bekannt. Der spanische

Lockdown war strenger als der deutsche,

der kurz darauf folgte. Ich bin

Künstlerin, ich kann Erlebnisse in

Bildern ausdrücken, also verkroch ich


mich ins Atelier und malte mir den

Schock von der Seele. Im Gegensatz

zu jungen Familien, deren Kinder

sechs Wochen lang gar nicht mehr auf

die Straße durften, die teilweise in engen

Wohnungen ohne Balkon zusammengepfercht

waren, ging es uns auf

der Insel gut. Wir haben den Garten, da

fiel es nicht ganz so sehr ins Gewicht,

dass man das Grundstück nur verlassen

durfte, wenn man etwas einkaufen

oder zum Arzt musste, und auch das

war streng reglementiert. Wie in anderen

Ländern hatten nur noch bestimmte

Geschäfte auf, unter anderem musste

der kleine Laden für Künstlermaterial

schließen, und nach kurzer Zeit gingen

mir die Leinwände aus. Die Häfen

waren geschlossen, es gelang mir

nicht, via Internet Nachschub zu bestellen.

Während andere – zum Beispiel

mein Mann – durch die Konzentration

auf das eigene Heim zu kreativen

Höhenflügen ansetzten oder ihre

Häuser renovierten, versank ich in Depression,

aus der ich mich nur herausziehen

konnte, indem ich meinen

Mann in seiner schriftstellerischen Arbeit

unterstützte. Ich zeichnete noch,

aber mir fehlte das großformatige Arbeiten.

Papier war genug da, ich bekam

nichts drauf. Ich war total blockiert.

Nicht weg zu dürfen wie mir

der Sinn danach stand, mich nicht einfach

ins Auto setzen und irgendwohin

fahren zu können, das machte mich

schier verrückt. Ich wollte nach

Deutschland fliegen, aber die Fluggesellschaft

cancelte einen Flug nach

dem anderen. Umbuchen, stornieren,

neu buchen wurde zum neuen Sport.

Nachts wachte ich manchmal auf und

hatte ein tränennasses Gesicht. Ich

lernte völlig neue Seiten an mir kennen...

Andererseits: Die Natur um uns herum

blühte auf. Im Hafen von Tazacorte

Loseblattsammlung © ELVEA

14

schwamm gemütlich ein Wal und

schien sich die gestrandeten Boote

und Yachten anzusehen. In der Stille

nahmen wir den Gesang der Vögel

und das Summen der Insekten intensiver

wahr als sonst. Und mit den verstreichenden

Wochen erschien auch

mir die Insel mit ihren überschaubaren

Coronainfektionen als Hort der

Zuflucht.

Am 11. Mai rief die spanische Regierung

die erste Stufe der Deeskalation

aus, am 22. Mai machten wir eine

erste größere Autofahrt in den Norden

der Insel. Unterwegs blühte überall

der Klatschmohn, er wurde für mich

zum Symbol der Hoffnung. Mein

Künstlerladen durfte wieder öffnen,

ich kaufte Leinwände, ich malte eine

junge Frau mit einem Strauß Klatschmohn

in der Hand vor einem Hintergrund

von Schlafmohnkapseln. Weitere

Lockerungen kamen, und am 1.

Juli schließlich konnten wir nach

Deutschland zurückfliegen. Als ich

meine Tochter zum ersten mal wieder

besuchte, rannte mir meine Enkelin

freudestrahlend entgegen, riss die

Ärmchen hoch, blieb dann plötzlich

stehen, ließ sie wieder sinken und

sagte eifrig: „Omi, Omi, wir müssen

Abstand halten!“ Erst als meine Tochter

ihr beruhigend über den Kopf

strich, bemerkte ich die Tränen in

meinem Gesicht und hörte mich sagen:

„Nicht erschrecken, Schatz, die

Omi weint nur, weil sie sich so sehr

freut, euch wiederzusehen.“

November 2020

Ich gehöre zu den Privilegierten, das

ist mir bewusst. Ich beziehe Pension

aus einem so genannten bürgerlichen

Beruf. Ich beantrage keine Künstlerhilfe,

die ist für alle KollegInnen da,

die von ihrer Kunst allein leben müssen.

In den Wochen in Deutschland


Loseblattsammlung © ELVEA

15

habe ich keine aggressiven Coronaleugner

erlebt. Meine Nachbarn und

die Leute aus dem Städtchen verhielten

sich vorsichtig und rücksichtsvoll.

Ich habe mich nie direkt bedroht gefühlt,

war selbst vorsichtig und hoffte,

mich nirgends anzustecken, so wie alle

aus meinem Umfeld. Meinem Mann

ging das nicht so. Ihm waren in

Deutschland zu viele Menschen. Er

flog bereits Anfang September wieder

auf die Insel. Ich kam vier Wochen

später nach.

Zum neuen Normal gehören die steigenden

Fallzahlen überall in Europa.

Zeitweise geschlossene Gruppen in

der Kita meiner Enkelin. Positiv getestete

Eltern hatten ihr Kind trotzdem in

die Kita geschickt, bis sie verpfiffen

wurden. Wo ist deren Verantwortungsgefühl,

frage ich mich. Das neue Normal

geht einher mit dem täglichen

Sichten der Fallzahlen, den Ereignissen

im deutschen Bundestag und auf

den Straßen in Berlin oder Leipzig. Im

neuen Normal fühle ich mich unwohl,

als in einer Warteschlange hinter mir

ein Mann seine Maske falsch aufhat,

seine Nase ist unbedeckt, sie kommt

mir geradezu obszön vor. Zum neuen

Normal gehört der Lockdown light in

Deutschland, der nicht ausreicht und

wahrscheinlich nächste Woche verschärft

wird. Ich habe einen Flug für

Anfang Dezember, um wie immer

Weihnachten und Silvester mit der Familie

zu feiern. Sicherheitshalber hatte

ich Flexoption gebucht, so kann ich

zweimal umbuchen ohne Aufpreis.

Denn ob ich tatsächlich Weihnachten

in Deutschland sein werde, weiß ich

noch nicht. Aber so belastend die Entscheidung

wird, diesmal bin ich nicht

deprimiert. Ich habe meine Energie auf

die Zukunft gerichtet. Das neue Normal

© Sylvia

ist auch Catharina

das Annehmen Hess

dessen,

was ist, und den Blick auf die Zeit danach

zu richten. Und die wird kommen.

Tránsito heißt Durchreise, Übergang.

Seit März dieses Jahres habe

ich das Gefühl, auf der Durchreise zu

sein, in einer Übergangssituation zwischen

dem gewohnten Leben und einem

anderen, das kommen wird. Ob

wir aus dem neuen Normal dann etwas

für das ganz neue Normal gelernt

haben werden?

© Sylvia - Catharina Hess

Februar 2021

Es schneit und schneit.

In den Gebirgen gibt es den

schönsten Winter seit Jahren.

Und keiner darf hin …


November 2020

Wenn der Herbst sich

hinter Masken versteckt

Alyssa Marie Baumann (13 Jahre)

Bunte Blätter fallen

Drehen sich im Flug

Wind lässt Mühlen kreisen

Und die Welt wird bunter

Sommer ist vergangen

Kälter wird es nun

Und die Masken bleiben

Wie die dunklen Träume

Schließe meine Augen

Da kommt bald dieses Fest

Nur ein Wunsch geblieben

Das alles wird wie es mal war

Dann wäre das Leben wieder normal

Loseblattsammlung © ELVEA

Novembergrau

Sabine Houtrouw

Ich bin gerade sehr nachdenklich

und auch traurig.

Eigentlich müsste ich um diese Uhrzeit

auf Arbeit sein. Bin ich aber

nicht, weil ich im November nicht arbeiten

darf. Alle Gruppen die ich leite,

sind geschlossen. Ich bin zwar Erzieherin

und auch als solche tätig, aber

eben nicht im Kindergarten, nicht in

der Jugendhilfe und auch nicht als Tagesmutter.

Ich leite eine Spielgruppe,

eine Eltern-Kind-Gruppe, 2 Altersgruppen

der Jungschar und eine Jugendgruppe.

Alles über die Woche

verteilt für die evangelische Kirche.

Systemrelevant ist das nicht, denn

im Prinzip ist das Freizeit. Dennoch

fehlen mir die Kinder jetzt schon.

Für die Windelpiraten mit ihren Mamas

bedeutet das, kein Kontakt zu anderen

Müttern und Kindern. Kein geselliger

Austausch über die kleinen

und großen Probleme des Alltags oder

über die Freuden.

Für meine Seeräuber von 1,5 bis 3

Jahren heißt es akzeptieren, dass die

älteren Geschwister im Kindergarten

oder in der Schule sind, sie aber nicht

zu Bine dürfen. Verstehen tun sie das

nicht.

Für die Jungschar Gruppen, ist es

das Aus der Vorbereitung fürs Krippenspiel.

Kein wöchentliches Treffen,

lustiges Toben und keine Lehren zur

Bibel. Wir haben in den letzten Wochen

eine Dankbarkeitsrunde eingeführt.

Einfach um in dem ganzen Negativen

auch was Gutes zu sehen und

zu benennen. Jetzt 4 Wochen Pause

und die Hoffnung auf Dezember. Gewiss

ist nichts.

16


Bei den Jugendlichen war die Stimmung

sehr gedrückt. Sie begreifen am

Besten, was all das hier bedeutet. Wut,

Frust und Enttäuschung darüber,

Freunde die auf anderen Schulen sind,

nun wieder nicht sehen zu dürfen. Ja

wir haben eine WhatsApp Gruppe,

aber das ist kein wirklicher Ersatz.

Diese Gruppe ist etwas besonderes.

Selten hab ich soviel Wertschätzung

erlebt, wie zwischen diesen, doch recht

unterschiedlichen, Jugendlichen.

Ich bin traurig über die Pause, auch

wenn ich den Grund gut verstehe. Wir

werden die Zeit überstehen und danach

wieder neu anfangen. Mir ist klar, dass

es andere Bereiche viel härter trifft.

Bei den Kindern hängt kein Job dran

und keine Existenzangst. "NUR"

Freundschaften, Lachen, Spielen und

fröhliche Kinderzeit. Aber aus der

Sicht von Kinderaugen, ist eben das

ein Teil ihrer Existenz.

Dieser Beitrag soll nicht polarisieren

und auch nicht anklagen. Ich möchte

nur meine Gedanken teilen.

Loseblattsammlung © ELVEA

Gedankenverloren

Gedanken verloren

Karin Baumann

Ich sitze vor meinem Rechner

und starre auf den Bildschirm. Eine

neue Geschichte ist in meinem Kopf.

Und doch schreibe ich kein Wort.

Liebe Windelpiraten und Seeräuberbande,

liebe Jungschar und Jugendgruppe,

ich vermisse euch und freue

mich auf das nächste Treffen. Bleibt

gesund und tapfer. Es wird auch wieder

anders werden.

Gedanken, die um alles Mögliche

kreisen, verhindern, das meine Fantasie

Flügel bekommt.

Ich greif nach dem Tablet und sehe

die unfertige Skizze. Zeichnen lenkt

ab. Oder doch nicht.

Und dann kommen die Zweifel. Die

negativen Gedanken. So kurz davor

aufzugeben.

Doch wie war das? Leben ist jetzt

und hier.

17

Ja es verändert sich alles. Doch das

tut es immer. Leben ist immer.

Die Zeit wird jetzt dunkler, sie wird

kälter.

Doch ich verliere mich in Gedanken.


In März hatten wir einen 18. Geburtstag

zu feiern und wir konnten das Geburtstagskind

nicht mal treffen. Wegen

seiner Erkrankung gehen wir kein Risiko

ein.

Am Donnerstag feiern wir einen 30.

Geburtstag. Sicherlich wird er unvergesslich,

nur auf eine subtile Art.

Einige Monate keine Freunde treffen,

weil reichlich Entfernung dazwischen

liegt. Bei einigen fällt es mir verdammt

schwer. Da kommt dann diese Traurigkeit.

Um mich herum Kurzarbeit, Kündigung,

finanzielle Dramen und ich kann

nicht helfen.

Zuhören, am Telefon, mehr ist nicht

möglich.

Nächste Woche testen sie bei uns den

Hybridunterricht, sprich, unser Baby

ist zu Hause. Vorbereiten auf den

Ernstfall. Unser Baby? Ja, sie wird es

immer für uns sein. Unser Kind und

unser Herzensmensch.

Normal ist anders.

Kinder sind so feinfühlig. Und zu sagen,

wir lassen die Schulen auf wegen

der sozialen Kontakte ist keine Lösung.

Eher im Gegenteil. Wie erklärt

man Sportunterricht mit 50 Kindern in

der Schule ist ok aber zum Verein

nachmittags mit 6 Kindern ist verboten?

Und dann der Umgang der Menschen

untereinander. Wo ist der Respekt?

Wir werden lernen müssen mit dem

Virus zu leben.

Wie?

Loseblattsammlung © ELVEA

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Ich weiß es nicht und das macht

mich gedankenverloren.

Ich habe meine Gedanken verloren.

Vom Nonsens der bemühten

Ersatzaktivitäten

Barbara Bär

Es muss sein, es muss wirklich sein,

entschleunigen sollen die anderen, ich

nicht.

Ein gelebtes Beispiel, Buchmessen.

Wir, als kleiner, wirklich und in echt,

sehr kleiner Buchverlag sehen unsere

Chance gekommen. Keine Standgebühren,

unendliche Weiten der Sichtbarkeit,

wir sind dabei! Einer von

rund 4500 anderen Verlagen sind auf

der Frankfurter Buchmesse … wie

auch immer, dabei.

Dieses Gefühl! Hammer.

Wir haben es wirklich getan!

Wir sind auf das Ersatzmodell – Digitale

Buchmesse – aufmerksam geworden.

Das muss es ein!

Wir treffen zwar keine Menschen,

können uns nur eingeschränkt austauschen,

egal. Wir haben etwas getan.


Wie eingangs erwähnt, entschleunigen

sollen die anderen.

Normalerweise laufen tausende Menschen

durch Gänge, wühlen sich durch

Bücherberge oder Prospekte und gehen

geschafft aber glücklich, im besten

Fall mit vollen Einkaufstaschen, oder

einfach nur mit vielen Eindrücken

nach Hause.

Viele Fans, Autoren, Autoren mit

Fans, Leute – einfach nur so – treffen

sich auf solchen Events, Normalerweise

und in echt. Zum Anfassen.

Nun geht das derzeit eben nicht.

Also, ran an die Tasten.

Anmelden, schauen, kostet es wirklich

nichts? Glücklicherweise kostet

der Basiseintrag wirklich nichts.

Und sonst? Mist, alles was unserer

Meinung nach Sinn macht, kostet echt

Geld. Und das nicht wenig. Naja, so

unerwartet ist diese Erkenntnis nun

auch wieder nicht.

Egal.

Das Hochgefühl – wir sind dabei!

Verflüchtigt sich noch nicht.

Denn wir sind wirklich, im Prinzip,

irgendwie, auf der FBM 2020. Also

der digitalen.

Nun könnte man, Lesungen auf eigenes

Risiko, Erfüllung der Hygienestandards

inbegriffen, veranstalten, als Video

hochladen, einbinden (verlinken)

lassen - für viel Geld versteht sich.

Man könnte kleine Werbebanner einbinden

lassen, nicht selbst! Man muss

es beauftragen. Man könnte zum Beispiel

… die anderen 4499 Verlage anschreiben,

sich anschreiben lassen

oder so.

Man könnte so einiges tun. Nur nicht

mit dem Basiseintrag.

Und doch! Es gab Kontakte, es gab

Kommunikation.

Loseblattsammlung © ELVEA

Angebot der Exklusivrechte

an der Biografie des Drogenbarons

Pablo Escobar. Vertrieben von einem

Generalvertreter in Deutschland. Im

Auftrag des Neffen des Drogenbarons,

der ansonsten aktiv in der mexikanischen

Friedenbewegung agiert.

Es hing sogar ein „Brief“ des Herrn

an der Mail.

Angebote von Manuskripten

aus Portugal, Absender der Mail hatte

ein russisches Kürzel nebst undefinierbarem

Namen. Nicht russisch!

Sondern vielleicht eher als Zahlenrätsel

zu verstehen.

Achso, fast hätte ich noch

vergessen zu sagen, unser Postfach

quillt seitdem über. Mit Spams.

Die schönste Funktion im Basiseintrag

war, woher die Besucher unserer

Seite kamen. Das unser kleiner Verlag

weltweit solches Interesse erzeugen

könnte, also diesen Erfolg hatten wir

nun nicht erwartet.

Der netteste Kontakt, am Ende der

Messe war der mit einer Studentin,

die für ihre Bachelorarbeit das Thema

hatte:

Die Synergieeffekte durch die Verlagerung

von Großveranstaltungen aus

der realen in die digitale Welt, dürften

unbestritten sein.

Frage: Um wieviel Prozent hat sich

Ihr Umsatz gesteigert?

Ich fand sie nett, habe aber nicht darauf

geantwortet. Vermutlich wird sie

denken, wir hätten es einfach nicht

nötig.

19


Oktober 2020

Zeitreisen

Prof. Harald Braem

Loseblattsammlung © ELVEA

durch die Schlucht. Sogar das ständige

Piepsen der Baumaschinen ist verstummt,

die Arbeiten zu der Umgehungsstraße

sind eingestellt worden.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich

lebe und arbeite als Grenzgänger zwischen

den Welten, sowohl räumlich

(auf der Kanareninsel La Palma und in

Nierstein am Rhein), als auch zeitlich

(historische Romane und Science fiction).

Deshalb beschäftige ich mich oft

parallel mit unterschiedlichen Projekten.

Manchmal fühle ich mich dabei

wie der Zauberer Merlin, der gleichzeitig

in Vergangenheit und Zukunft

blicken konnte. Dabei sollte man das

Geheimnis der dritten Dimension nie

vergessen: das bewusste Erleben der

Gegenwart. Eine Blickweise, die meistens

nur von kurzer Dauer ist, weil wir

ständig durch unser Gehirnkino abgelenkt

werden...

Aber bleiben wir beim Thema Zeitreisen.

Ich schreibe Logbuch. Jetzt, in

diesem Moment auch, am 29. September

2020. Und weil ich am Anfang immer

mal ein bisschen zurückblättere,

stoße ich auf den Eintrag vom 29.

März:

Corona-Time. Im Lockdown auf La

Palma, dem strengsten in Europa.

Blauer Himmel, ruhiges Meer, Bilderbuchwetter.

Die Welt ist seltsam ruhig

geworden. Kein Flugzeug am Himmel,

kein Schiff auf dem Meer, keine Autos

im Barranco, kein Motorrad dröhnt

20

Andere Geräusche treten jetzt deutlich

hervor. Die Stimmen von La Punta:

in der Luft Fliegengesumm, ungewohnt

laut manchmal am Ohr, als ob

der Wind fernes Geraune herantragen

würde. Tauben gurren. Ein Hahn

kräht. Schüchterne Pfiffe und Zwitscherrufe

von kleinen Vögeln im Gebüsch.

Der junge Falke wartet

schweigend, bis die Mutter mit Futter

kommt, dann erst beginnt er hektisch

loszuzetern. Eine Amsel keckert kurz

aus der Bougainvillea. Vorhin hat der

weiße Kater mit den blauen Augen

vor dem Tor mit fürchterlichem Knurren

und Geschrei eine fremde Katze

verjagt. Es raschelt in den trockenen

Wedeln der Washingtonien. Wind rüttelt

an der weißgrauen Plane, die Antonios

Bananenplantage schützt. Hört

sich an, als würde dort jemand an den

Stauden vorbeihasten. Ist aber nur der

Wind. Sonst hätte der Hund von oben

längst gebellt. Eine einzelne Lachmöwe

hoch am Himmel mit katzenähnlichen

Schreien. Die Kirchglocke von

Tazacorte. Stimmt die Uhrzeit? Habe

nicht mitgezählt.

Und dann das Meer: Es donnert

rhythmisch, wenn Brandungswellen

an die Felsküste prallen. Das Meer

und der Wind bilden zusammen den

Urton.

Der Wind wirbelt Stimmfetzen heran,

lässt sie wie Spinnfäden durch den

Garten ziehen. Ein Mann schreit auf

palmerische Art ins Handy. Der andere

Nachbar, der mit dem roten Auto.


Ich verstehe fast jedes Wort. Eigentlich

bräuchte er kein Handy, er könnte

seine Meinung auch so über den Barranco

brüllen. Ich gehe ins Haus. Kurze

Unterbrechung: TV-Nachrichten.

Der hessische Finanzminister hat wegen

der Corona-Krise Selbstmord begangen.

Ist aus einem oder vor einen

fahrenden ICE gesprungen. Danach

nur noch weitere deprimierende Meldungen.

Ich schalte ab und gehe lieber

wieder nach draußen, wo der unsichtbare

Nachbar immer noch ins Handy

schreit. Alle Palmeros telefonieren so.

Es sind schließlich Ferngespräche...

Endlich Stille.

Loseblattsammlung © ELVEA

21

Es ist unglaublich, was man in der

Stille alles hören kann. Ein Gecko keckert

leise in seinem Versteck unter

dem Ziegeldach. Kurzes Aufbellen eines

Hundes ohne Antwort. Ein trockenes

Blatt raschelt, vom Wind getrieben,

über die Terrasse. Sofort setzt

wieder das Sausen und Brausen der

Palmwedel ein. Klingt fast wie Meeresbrandung.

Nun kommt die Zeit der Mirlos, wie

die Amseln hier heißen, mit ihrem

Schmelzgesang, begleitet vom Gezwitscher

kleiner Vögel, die mit ihren

Stimmen den hellen Grundsound bilden.

Möwen streifen an der Felsküste

entlang. Lautes, schnatterndes Keckern

aus vier, fünf Schnabelkehlen.

Plötzlich das Geräusch einer Motorsäge.

Der Nachbar mit dem roten

Auto? Nein, es kommt von weiter unten

aus dem grünen Meer der Bananen.

Ausgiebig wird Holz geschnitten,

offenbar dickere Stämme. Intensiv

eine Stunde lang. Am späten

Nachmittag nerven nur noch die Fliegen

mit ihrem Gebrumm, so ruhig ist

es geworden. Ein Telefon klingelt.

Diesmal ist es meins.

Ich halte an dieser Stelle beim Lesen

inne und taste mich in die Gegenwart

zurück bzw. zu ihr vor. Notiere ins

Logbuch:

29. September 2020. Alles, was ich

tue, ist eine Art Zukunftswerkstatt geworden.

Das bedeutet auch: Es gilt,

neue Wege zu wagen. Aber mit Klarheit

und Ruhe. Auf das Wesentliche

konzentriert. Was bleibt einem

Schriftsteller? Weiterschreiben, weil

es die Bestimmung ist. Wie bei Sinnunni,

dem Rufer in der Wüste im alten

Zweistromland, der sich als Dichter

(und vielleicht sogar als Mitverfasser

des legendären Gilgamesch-Epos)

in Uruk die Finger wund schrieb und

mich nach vielen tausend Jahren dazu


animierte, aus dem ältesten Epos der

Welt einen Roman zu formen.

Was habe ich dabei gelernt, als ich

seine Stimme hörte? Wie relativ der

Begriff Zeit ist. Merlin würde genau

verstehen, was ich meine...

Bis vor kurzem war ich noch im 16.

Jahrhundert unterwegs, habe Juan G.

auf seinen abenteuerlichen Reisen zu

den Glücklichen Inseln begleitet, mit

ihm eine Festung in der Bucht von Tazacorte

gebaut, die die reichen Zuckerrohrplantagen

vor Piratenangriffen

schützen sollte, habe mitgebangt, gelitten

und gehofft, als er in tiefster Not

nur noch Gedankenpost an seine geliebte

Yballa senden konnte...

Mit dem nächsten Projekt werde ich

eine Zeitreise unternehmen, die gut

viertausend Jahre umfasst und zu den

ersten Siedlern auf den Kanaren führt,

zu ihren Schicksalen, Kämpfen, Träumen

und Ängsten. Arbeitstitel: „Der

die Adler sieht“. Ich werde das Buch

auf La Palma schreiben (Wo anders als

dort wäre mir das möglich?) und hoffe,

mit dem Roman recht viel pralles Leben

einzufangen. Wenn mir das gelingt,

werde ich meiner mir selbst gestellten

Aufgabe als Botschafter gerecht.

Vamos a ver. Bleibt gesund!

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Gemeinsam haben wir manche

Nacht ...

Claus Beese

Gemeinsam haben wir manche Nacht

in trauter Zweisamkeit verbracht.

Wenn einsam ich am Fenster stand

und schaute auf das stille Land,

sah ich im silbernen Lichterglanz

Elfen und Feen im nächtlichen Tanz.

Nebelfetzen im Novembergrau

segeln trist an mir vorüber.

Mich fröstelt, denn ich weiß genau:

Corona trifft auch dich, mein Lieber.

Wie viele sind schon dran vergangen,

doch hat die Pest erst angefangen.

Keine Feen mehr im nächtlichen

Reigen,

das Grauen will sich nachts mir

zeigen,

wenn meine Seele ist allein,

ob mit oder ohne Mondenschein.

Wenn Gedanken tanzen in meinem

Kopf,

spür ich die Angst, ich armer Tropf.

Ich tue alles, was kann ich noch tun?

Doch leider bin ich nicht immun.

Covid reichlich Beute macht,

jeden Tag und jede Nacht.

Gedanken kreisen im nächtlichen

Reigen,

wollen schlaflos eine neue Welt mir

zeigen.

Ob ich sie will? Ich werde nicht

gefragt.

Pläne werden unendlich vertagt.

Keiner weiß es, wie und wann

ich sie einmal verwirklichen kann.

Wenn nur ein Gedanke mir die

Lösung brächte,

doch bringen sie nur schlaflose

Nächte.

22


September 2020

Corona – Blues

Dr. Barbara Schlüter

Neue Erfahrungen – Eine persönliche

Zwischenbilanz

Loseblattsammlung © ELVEA

Den Winter verbringe ich möglichst

in meiner 2. Heimat auf der kanarischen

Insel La Palma. Da habe ich

mehr Ruhe – sowohl zum Schreiben,

als auch vor den heftigen Gelenkschmerzen,

die mir der deutsche Winter

beschert. Im Januar und Februar

2020 arbeitete ich nicht am 5. Buch.

Sondern mit dem Layouter Uwe Köhl

und mit Barbara Bär von ELVEA, die

tolle Umschläge und einen super Flyer

gestaltete, an den Neuauflagen von

meinen 3 historischen Romanen und

einem Band mit historischen

Mord(s)geschichten. Wir klotzten

richtig ran. Denn alles sollte rechtzeitig

zu der Mitte April in Hannover

stattfindenden Criminale, dem Jahrestreffen

des Schriftstellerverbandes

Syndikat, fertig sein.

Uwe schickte des Weiteren „Gebrauchsanleitungen“

für die Computerei,

meine Kenntnisse wiesen einige

Lücken auf... Bis Anfang März hatten

23

wir es tatsächlich geschafft – ich hatte

über 1000 Seiten korrekturgelesen

und freute mich darauf, nun auf meiner

Insel etwas Urlaub zu machen und

am neuen Roman weiterzuarbeiten.

Nur letzteres gelang – allerdings nur

unter Einsatz strikter Selbstdisziplin

verbunden mit protestantischer Arbeitsethik….

Am Freitag, den 13. März verlebte

ich mit zwei Freundinnen einen wunderbaren

Abend in der Hacienda de

Abajo in Tazacorte. Am Samstag war

ich mit meinem Cousin Wolfgang und

seiner Frau Petra verabredet. Im nahen

Städtchen Los Llanos herrschte

bereits eine seltsame Stimmung. Obwohl

der Lock down erst für die

Nacht vom Sonntag anberaumt war,

hatten schon viele Geschäfte und Restaurants

geschlossen. Meine Verwandten

waren froh, dass sie am

nächsten Tag zurück nach Deutschland

fliegen konnten. Wir tätigten einen

Großeinkauf für mich und fanden

noch ein geöffnetes Restaurant am

Meer.

Das war für die folgenden 6 Wochen

das letzte Mal – sowohl Essen zu gehen

als auch direkt am Meer zu sein.

Und geplante Lesungen fielen selbstverständlich

ebenfalls aus. Sowohl

auf La Palma als auch in Deutschland.

Soviel zu dem tollen Start der Neuauflage

meiner Hannover Romane mit

der Criminale….

Ausgangssperre hieß: Die Wohnung

verlassen durfte man nur um im eigenen

Ort einzukaufen, zur Apotheke zu

gehen, Müll wegzubringen. Letzterer

wird zu Containern für Restmüll,

Plastik und Papier gebracht, die Behälter

für Glas stehen an anderen Stellen.

Das war im Übrigen nach einigen


Wochen eine wirkliche Entscheidung

des Tages: zu welchem der Glasbehälter

breche ich zur Abwechslung denn

heute auf?

Hundebesitzer wurden ums Gassi gehen

glühend beneidet.

Täglich fuhren mehrmals Autos mit

Lautsprecheranlagen durch die Gegend,

die in 3 Sprachen dazu aufforderten,

zu Hause zu bleiben.

Die Guardia Civil kontrollierte an

den Ausfallstraßen, ob jemand unerlaubt

unterwegs war. Da meine Monatskarte

für das Internet abgelaufen

war, wollte ich diese in der Nachbarstadt

erneuern - und wurde von einem

unfreundlichen Polizisten, der meine

Personalien aufnahm und mir eine

hohe Strafe androhte, zurückgeschickt.

Nachdem ich gewendet hatte, wurde

ich erneut angehalten. Ich erklärte alles

erneut. Nun durfte und sollte ich

zur Hauptstadt fahren, da im Nachbarort

auch der Vodafone Shop geschlossen

war. Wenigstens kam ich straflos

davon. Wie wäre das alles gelaufen,

wenn ich nicht leidlich gut Spanisch

beherrschen würde? Das Internetproblem

wurde gelöst, indem ich mich bei

meiner netten Nachbarin Larissa einwählen

durfte. Der Empfang war oft

schlecht, aber es funktionierte.

Larissa legte dann abends auf der

Dachterrasse Musik auf und sang als

Dank für alle, die in der Pandemie das

restliche Leben am Laufen hielten:

z.B. das Pflegepersonal, die Ärzte, die

Angestellten im Supermarkt. Dort

wurde Fieber gemessen, Handschuhe

obligatorisch, Einkaufskarren wurden

desinfiziert, begrenzte Anzahl von Einkaufenden.

Nach zwei Wochen wurde die Ausgangssperre

verlängert… Kommunikation

gab es für Singles wie mich per

Loseblattsammlung © ELVEA

24

Telefon, per Mail und mit meinen

NachbarInnen von Balkon zu Balkon,

wo wir mit einem Sundowner gemeinsam

den Sonnenuntergang beobachteten.

Es war schon seltsam, auf

das Meer zu sehen und nicht dorthin

zu dürfen.

Nach drei Wochen gestand ich: Meine

Stimmung schwankt heftig hin und

her. Das kannte ich bisher von mir

nicht.

Alle grinsten nur – es erging ihnen

genauso.

Ich fing an, morgens in aller Herrgottsfrühe

(die Kanaren sind eine

Stunde vor) auf Bayern 3 Gymnastik

zu machen. Den kleinen Pool hatte

man nach wenigen Corona Tagen gesperrt.

In einer anderen Anlage blieb

er offen – da war ich wirklich neidisch.

Eine Freundin von mir wurde erwischt,

als sie beim Lidl im Nachbarort

eingekauft hatte – war ein teures Vergnügen,

die Strafe betrug 500 €…

Die Ankündigung einer weiteren

Verlängerung nach 4 Wochen empfand

ich als niederschmetternd. Inzwischen

funktionierte mein Drucker

nicht mehr.

Ich bereute, nicht nach Deutschland

zurückgeflogen zu sein, als das noch

möglich war… Aber Ende März wollte

ich mich nicht mitten in den deutschen

Höhepunkt der Pandemie begeben

- zumal bei den chaotischen Zuständen

auf dem Flughafen. Denn auf

La Palma gab es wenig Infek-tionen.

Im inneren Dialog habe ich mir immer

wieder gut zugeredet – (das tue

ich jetzt immer noch). Schließlich

hatte ich es mit einer Terrasse und genügend

Platz sehr komfortabel. Viele

Familien mit Kindern waren auf kleine

Wohnungen ohne Balkon angewie‐


Loseblattsammlung © ELVEA

sen. Das war hart. Ebenfalls hart war

es, dass viele keine Arbeit mehr hatten.

Hotels, Restaurants, Geschäfte, Bars

alles geschlossen.

Die Ausgangssperre hat bei mir ziemliche

Spuren hinterlassen. Ich fühlte

mich dem Eingesperrt sein ausgeliefert

- das war eine seltsame Erfahrung.

Das Flüge immer wieder gestrichen

wurden, verstärkte das Gefühl von

Ohnmacht. Wann und wie komme ich

überhaupt von La Palma weg? Das

fragte nicht nur ich mich. Gerade Ältere

trauten sich den Trip über Teneriffa

nicht zu.

Als das Deutsche Konsulat auf Gran

Canaria informierte, dass es auf absehbare

Zeit keine Direktflüge von den

kleineren Inseln nach Deutsch-land

geben würde, buchte ich dann doch die

Rückreise via Teneriffa. Nach 5 Monaten

und 11 Tagen freute ich mich jetzt

auf zu Hause.

Während meiner letzten Woche durfte

man immerhin eine Stunde vor die

Tür und zum Friseur und zur Fußpflege,

was ich sofort nutzte. Denn ich

musste mich ja auf zwei Wochen häuslicher

Quarantäne in Hannover einrichten.

Am 11. Mai stand ich um 3.30 auf,

gegen 5 Uhr kam die Taxe, die eine

Freundin und mich zum Hafen auf der

anderen Inselseite brachte. Die Fähre

fuhr via Gomera nach Teneriffa. Von

Hafen zum Flughafen. Der war leer bis

auf unseren Flug, der dennoch eine

Stunde Verspätung hatte. Das Boarding

dauerte 3 Stunden, wir hatten

mehr als 20 Rollstuhlfahrer dabei. Wie

die Heringe standen wir in engen Gängen.

Wohlweislich flog ich nur mit

Handgepäck, in dem alle Unterlagen

für den neuen historischen Roman waren

(14 kg…). Auf dem Frankfurter

Flughafen legte ich einen beachtlichen

Sprint hin und erreichte den letzten

verspäteten Zug nach Hannover.

Um 1 Uhr 30 hatte meine Wohnung

mich wieder.

Ich schlafe immer noch schlecht. In

den ersten Monaten hier waren meine

Batterien ziemlich leer. Es hatte sich

einiges angehäuft, nicht nur Erfreuliches…

An Schreiben war nicht zu

denken.

Ich wehre mich gegen eine gewisse

Lethargie und Mutlosigkeit, die immer

mal wieder nach mir greift. Die

Lesungen, den Kontakt zu meinen LeserInnen,

vermisse ich sehr. Es ist wie

ein Schweben im luftleeren Raum. Es

fehlt die Resonanz. Überhaupt gehören

die KünstlerInnen meist zu den

besonders hart Betroffenen.

Der Corona-Blues macht sich wohl

bei Vielen immer mal wieder bemerkbar.

In meinem Freundeskreis gibt es

sehr unterschiedliche Reaktionen. Als

ich wiedergekommen war und mich

gern verabreden wollte, reagierten einige

sehr verhalten – sie hielten sich

strikt mit Treffen zurück. Und ich

dachte anfangs, die wollten nichts

mehr von mir wissen.

Andere weisen auf Widersprüche in

den Maßnahmen hin. Die sehe ich

ebenfalls, wenn ich z.B. die übervollen

Schulbusse beobachte. Es ist

schon beängstigend – wir alle wissen

nicht, wie es weiter-geht: Mit der Pandemie,

mit der Umwelt, mit der Wirtschaft,

mit der Politik. Die Verantwortlichen

machen da so manchen

Spagat. Ich beneide sie nicht. Falsche

Entscheidungen können sich bitter rächen.

25


Mittlerweile weiß ich: Ich muss auf

Sicht fahren. Mittelfristige Planungen

sind obsolet. Das für mich gewohnte

Zugvogel Leben funktioniert aktuell

nicht. Punkt. Also, versuche ich aus jedem

Tag das Beste zu machen. Und

gucke, wo ich anderen eine kleine

Freude bereiten kann. Carpe diem war

schon immer eine gute Einstellung.

Vor allem, wenn ich mir klarmache,

dass ich keine existentiellen Probleme

habe wie derzeit viele andere. Es geht

auch mit weniger. Unsere Eltern,

Großeltern und Urgroßeltern haben

ganz andere Erlebnisse verkraften

müssen. Zwei Weltkriege, Inflation,

Diktatur, Verlust der Heimat, schwerste

Zerstörungen, Tod von Familienangehörigen.

Das waren viele Jahre mit

harten Entbehrungen, für Generationen

gab es so etwas wie eine „normale“

Jugend überhaupt nicht.

Also gehen wir den Herbst und Winter

mit Vernunft an. Das wünsche ich

mir ebenso von Presse und Fernsehen.

So mancher Bericht und zahlreiche

Brennpunkte heizen Ängste noch unnötig

an. Scheinbar gibt es kaum noch

ein anderes Thema als Corona.

Ich versuche, besonnen und vorsichtig

zu sein, um meine Mitmenschen

dadurch zu schützen. Das wünsche ich

mir umgekehrt ebenfalls.

Bleibt gesund!

Loseblattsammlung © ELVEA

Dagmar Finger

Blätter, brüchig vergänglich

Warm gelb, die letzten Strahlen der

Sonne,

Lassen das Adergeflecht

durchschimmern,

In denen vor kurzem noch der Saft

des Lebens floss,

Tropfen des ersten Regens, auf

blutrotem Blatt

Schimmern wie durchsichtige

Perlen, in den Farben des

Regenbogens.

Tanzend, mit dem Wind. In

Harmonie und Abschied fällt

wirbelnd ein Blatt zu Boden.

Legt sich leise auf das Laub.

Verlassen die Bank, schonungslos

den ersten Nachtfrösten ausgesetzt.

Wird keiner hier sitzen, wird

niemand mehr warten.

Du bist nicht mehr da.

Abschied

26


Was ist das für eine Zeit?

Maria Heine

Keine leichte, soviel steht fest.

Für manche die schwerste ihres Lebens.

Sie verändert die Menschen, sie macht

mürbe, sie schlägt aufs Gemüt und

zwar jeden Tag aufs Neue.

Froh kann sein, wer jetzt seine Lieben

um sich hat. Wer menschliche Nähe

hat und ich rede jetzt nicht von der Arbeit.

Wenn man nach Hause kommt und da

ist niemand, das Gefühl kann sich nur

der vorstellen, der es erlebt hat.

Wenn man Angst hat, die Wohnung zu

verlassen und diesen Kampf doch jeden

Tag kämpfen muss, weil man ja

Geld verdienen muss.

Wenn man denkt, die Beine geben

nach, weil man keinen Halt mehr findet.

Wenn das Herz bis zum Hals schlägt

und man nicht weiß, ob man den jeweiligen

Tag überhaupt übersteht.

Das ist im Moment MEINE Realität.

Das ist MEIN Normal.

Und ich wünsche mir, dass es aufhört.

Aber da ist niemand, der zuhört.

Ich bin allein.

Loseblattsammlung © ELVEA

27

Ein ganz normaler Sonntag

Barbara Bär

Im Frühjahr vor dem Lockdown

machten wir unsere erste Wanderung

dieses Jahr. Damals zu den

Greifensteinen im Erzgebirge.

Heute, Mitte September, fuhren wir

nach Annaberg-Buchholz und

„eroberten“ den Pöhlberg. Es war

wunderschön. Nicht zu warm, nicht

zu kalt, steil, schwitzig, immer an der

richtigen Stelle eine Bank… ganz

normal eben.

Sehr viele Menschen waren nicht

unterwegs. Wir mussten daher nicht

so tun, als würden wir lockerflockig

und völlig unangestrengt im

Dauerlauf den Berg hochrennnen

können.

Das können wir nicht. Dh. Wir

wollen es natürlich nicht.

Was ätzend ist, sind Jogger im

Dauerlauf, die sich im Lauf angeregt

unterhalten. Tun sie das immer? Oder

wollen sie uns etwas vormachen?

Keine Ahnung, ob sie nach der

nächsten Biegung immer noch reden,

hören wir ja nicht.

Wir grüßen immer sehr freundlich

von der Seite. Und lassen sie

ungestört passieren.

Einmal kam ich ins Rennen, als wir

auf dem Weg nach oben einen jungen

Mann von oben an uns vorbeilassen

wollten. Er war echt nett, ließ uns

ältere Menschen nicht zum Stehen

kommen und wartete. Ich hätte mich

sehr gern in den Brennesseln am

Wegrand abgeparkt. Es sollte nicht

sein, er war wohl gut erzogen.

Kurz vor dem Berghotel unterhielten

wir uns, Mensch … Elektrolyte. Wir

vermuteten, das wir auf dem Weg

nach oben unverzeihlich viel davon


verloren haben müssen, und wir waren

uns einig, das können wir nur mit

einem Weißbier bekämpfen.

Da plötzlich fiel mir ein, die

Schnuffeltüte, (Maske) hängt noch im

Auto. Einige km in Gegenrichtung und

gefühlte 1000(reale 400) Höhenmeter

entfernt. Schwitz, ächz. Was könnte

man tun?

So tun, als wäre man untröstlich und

mümmelig um ein Weißbier bitten?

Oder das TShirt über die Nase

ziehen… nä, das geht gleich gar nicht.

Es war leicht... gebraucht.

Da kam die Rettung. Der Biergarten

hat geöffnet.

Wir wurden belohnt. Mit einem

gelbflüssigen Elektrolytgetränk und

einer traumhaften Aussicht.

Auf dem Weg nach unten nahmen wir

uns Zeit. Wozu hetzen. Es war ein

wundervoller Tag.

Ausserdem unterhielten sich die

Zehen gerade miteinander, was das

denn alles soll.

Die Knöchel meinten ebenfalls, dass

sie sich nun genug für uns aufgerieben

hätten, nur, das wir da hinaufasten

konnten. Was totaler Unsinn war, denn

plötzlich geht’s wieder zurück.

Wäre ich ein Knöchel, würde ich

vielleicht auch so denken.

Auf dem Weg nach unten trafen wir

noch einen Radfahrer der uns vom

Fussweg klingelte, obwohl die Straße

Autofrei war.

Nun durfte ich in die Brennesseln und

es war mir auch nicht recht.

Die Heimfahrt über waren wir relativ

ruhig. Ok. Die Zehen konnten sich

nicht beruhigen…

Aber, es war ein toller Tag, wir haben

ihn in seiner ganzen Fülle genossen.

Loseblattsammlung © ELVEA

Und trotzdem, so unbeschwert, wie

es bis vor einiger Zeit, unbeachtet,

selbstverständlich war, war es nicht.

Es war einfach ein wundervoller

Tag.

Hier, heute, jetzt.

Nachtrag:

Ich werde mich nicht dafür

entschuldigen oder schämen, meine

Auszeit sogar genossen zu haben.

Trotz und obwohl …

28


August 2020

Das Leben ist schön

Karin Baumann

Heute war wieder so ein Tag, wo ich

über das neue Normal nachdenke.

Ich beobachte die Menschen, sehe,

spüre wie sich alles verändert. Nicht

unbedingt zum Guten. Der Ton wird

rauer.

Wo ist der Respekt denn geblieben?

Ich denke, also bin ich? Verlernt der

Mensch gerade das Denken?

Man könnte es fast meinen, wenn

man dieses so hoch entwickelte

intelligente Wesen in dieser Welt

betrachtet.

Diskussionen statt Hilfe. Die Maske

beschneidet unsere Rechte, sie erstickt

und tötet uns sogar?

Wir haben schon einmal fünf Jahre

eine Maske getragen, haben Kontakte

vermieden, uns isoliert, alles getan um

ja nicht krank zu werden. Denn unser

Enkel war, nein er ist krank. Es war

notwendig, wie viele andere Dinge in

diesem Moment. Und wir haben es

einfach getan. Genau wie wir jetzt

alles tun. Auch damit wir ihn nicht

gefährden.

Läuft alles optimal? Bei Weitem

nicht. Natürlich.

Die Schule hat begonnen und einige

Regeln lassen mich nur den Kopf

schütteln. Kein Abstand, aber Masken

außerhalb der Räume. Bei den

Temperaturen sicher eine Zumutung.

Doch was soll ich sagen, die Kids, sie

machen es einfach. Es ist eben so.

Verschwörung? Die böse Regierung?

Ich möchte da nicht sitzen und

Entscheidungen treffen.

Der Urlaub wieder in Gefahr.

Loseblattsammlung © ELVEA

Für die Betroffenen in den Ländern

natürlich wirtschaftlich eine

Katastrophe. Doch was ist hier

richtig, was ist hier falsch?

Ich habe keine Glaskugel, doch

manchmal wäre es schön.

Ich wünschte es gebe einen

Resetknopf und alles wäre normal.

Den gibt es aber nun einmal nicht.

Also bleibt nur abzuwarten; doch

das kennen wir schon. Geduld ist

gefragt. Wir haben schon einmal fünf

Jahre gewartet, da zwingt uns ein

Virus nicht in die Knie.

Das Leben ist schön. Uns geht es

gut. Wir haben ein Dach über den

Kopf, warmes Essen auf dem Tisch

und Menschen die wir lieben.

Das Leben ist schön.

Die Kleinigkeiten des Seins.

Baden am Morgen im See.

Kinderlachen. Ein gutes Buch. Ein

guter Film.

Der Sternenschnuppenregen in der

Nacht.

Das Leben ist schön.

Haltet an.

Schaut euch um.

Denn das Leben ist schön.

29


Ich war noch niemals in New York

Heiko Baumann

Loseblattsammlung © ELVEA

Irgendwann im Überschwang der

sommerlichen Gefühle machte sich

eine Sehnsucht in uns breit. Wir hatten

Fernweh, wollten verreisen, ganz weit

weg.

Soweit weg ging dann doch nicht,

denn wir leben in einer bizarren Zeit.

Zwar haben wir uns irgendwie an das

neue Normal angepasst, doch es hatte

sich etwas in uns verändert. Wir nahmen

Dinge anders wahr, wurden vor

völlig neue Herausforderungen gestellt,

mussten lernen umzudenken.

Unsere ganze Gefühlswelt hatte sich

auf den Kopf gestellt. Einzig unser

Herz gab den Takt des Lebens an.

Also blieb nur das Meerweh.

Wir saßen bis in die Nacht am Strand

und beobachteten, wie sich die See in

tosenden Wellen und schillernden Farben

wiegte. Wie die Sonne die scharfe

Linie des Horizonts durchschnitt, die

Gischt bedrohlich vor Wut in den Sand

schäumte und das Wasser silber wie

Blei unsere nackten Körper umspielte.

Ein Gefühl von totaler Freiheit

durchflutete die Zeit. Als wir nachts

am Strand lagen, da sahen wir, wie das

Tiefblau und Schwarz des Himmels

die Luft verwirbelte. Wir sahen das

Licht der Sterne, wie es funkelnd und

hell leuchtend durch den Himmel

30

brach und es war, als blickten wir in

die Unendlichkeit. Und wir wünschten

uns, diese Nacht würde nie enden.

Brauchten wir wirklich einen Trip in

die Ferne um glücklich zu sein? Vielleicht

war das so. Die Sehnsucht nach

der Freiheit, die uns vermeintlich so

wichtig ist, schlug lodernde Flammen

in uns. Verstehen wir uns nicht falsch:

diese Reise für zwei Tage war wunderschön,

aber ungleich schwerer als

sonst. Alles war im Zeitraffermodus.

Datenapps erfassten deine Anwesenheit,

Adressen wurden notiert. Immer

wieder Ermahnungen, den MNS zu

verwenden, ausgeklügelte Einbahnstraßensysteme,

eine begrenzte Anzahl

von Personen für das jedes

Event. Verstärkte Hygienemaßnahmen,

ein beklemmendes Gefühl in

alle Richtungen. Das ist es? Das neue

Normal?

Und immer wieder hämmert es in

deinem Kopf: Du tust das für dich und

andere. Trotzdem irgendwie mit einem

mulmigen Gefühl. Der Spaß der

grenzenlosen Freiheit? Wo ist der geblieben?

Statt dessen bleiben bedrückende

Empfindungen zurück und die

bange Frage, was dir wirklich wichtig

ist:

Ein warmes trockenes Zuhause?

Eine Weltreise? Oder doch nur das

Meer?

Corona wird uns noch einige Jahre

begleiten. Auch wenn vieles anders

ist, es wird nicht unsere Träume zerstören.

Denn ich war noch niemals in New

York.

Frühjahr 2020


SchlaflosDas neue Normal

Christian H. Wege

Wie so oft in letzter Zeit, wache ich

nach viel zu wenigen Stunden Schlaf

auf. Warum? Weil mich Sorgen plagen

und Gedanken. Nicht um mich. Ich bin

unwichtig im Ratschluss der Welt.

Meine Gedanken drehen sich um meine

Kinder und all jenen Menschen, die

jetzt in dem neuen Normal leben sollen.

Wir haben um Menschenleben zu retten

beschlossen für eine unbestimmte

Zeit ein neues Normal zu akzeptieren.

Das ist super. Ein Erfolg des Humanismus.

Doch dies hat einen Preis.

Was heißt das?

Neues Normal?

Wir hatten gestern Abend mal wieder

eine Elternbeiratssitzung. Diesmal digital

per Videokonferenz. Für mich als

Mensch, der mit digitalen Medien aufwuchs,

recht normal. Was nicht normal

war, war die Perspektive für die Zukunft

– das neue Normal.

Die Schulen öffnen jetzt, verkündet

jemand, der schon lange keine Schulbank

mehr besucht hat. Hygienevorschriften,

Abstandsregeln, Maskenpflicht,

und all die anderen kleinen

Dinge, die in den letzten zwei Monaten

unser Leben bereichern – all das stand

auf der Themenliste.

Das neue Normal. Das Normal, in

dem manche Klassenzimmer plötzlich

nur noch sechs Schüler haben dürfen,

weil sonst die Vorgaben nicht erfüllt

werden. Die Schulleitung wird ihr

Bestes tun, um es umzusetzen.

Loseblattsammlung © ELVEA

Großartig, nur was macht man mit

dem

Rest?

Teilen. Klar. Lernt ja jeder in Mathe.

Und dann gibt es Schichtbetrieb. Jeder

darf mal ran. Alle paar Wochen in

die Schule, Aufgaben abgeben, neue

Beziehen und dann zu Hause erledigen.

Hausaufgaben XXL. Für mehr

ist in diesem neuen Normal kein Platz

und keine Zeit.

Die Lehrer?

Die müssen sich jetzt um die Präsenzschüler

kümmern. Was ist mit

den Schülern, die gerade Wochen

weise zuhause bleiben sollen? Selbstständig

Arbeiten ist angesagt.

Schließlich gilt es einen Lehrplan zu

erfüllen. Noten müssen gemacht werden,

Leistungsnachweise und Abschlüsse,

und so viel mehr.

„Klar, meine Kinder können das“,

ruf die Lehrerin ganz stolz. Bestimmt.

Auch viele andere können dies – bestimmt.

Meine leider nicht.

Sie gehören zu dem Rest. Und was

wird aus dem?

Werden diese ein Opfer des neuen

Normals? Klar, freiwillig Sitzen bleiben

und hoffen, dass in 1-2 Jahren

vielleicht das neue Normal vorbei

geht. Vielleicht. Aber funktioniert das

so einfach?

Nein, das neue Normal ist nicht

kompatibel zu unserer bestehenden

Gesellschaft. Leistung zählt auch

jetzt. Lehrer schicken Tests nach Hause.

Ich soll mein Kind prüfen und ihm

dabei nicht helfen. Großartig. Und

dann? Bekommt es eine vergleichende

Note. Ja, denn auch im neuen Normal

gilt es. Das alte System von Leistungsvergleich,

von Erfolg und von

all dem anderen. Dies ist es, was mich

schlaflos macht.

31


Wir versuchen als soziales Experiment

ein maximal ineffizientes System,

bei dem sehr viele herunterfallen

werden, da gar nicht die Kapazitäten

da sind, um sie aufzufangen. Gleichzeitig

besteht auch in diesem neuen

Normal das Leistungsprinzip. So wohl

für die Kinder, als auch für all die Erwachsenen,

die weiterhin funktionieren

sollen, auch wenn ihre Lebensgrundlage

auf nicht absehbare Zeit entrissen

ist.

Das macht mich schlaflos. Und doch

bin ich müde. Doch jetzt ... im Morgengrauen

ist es auch schon egal

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Ich träume von einer Welt …

Alyssa Marie Baumann, 13 Jahre

… das neue Normal.

Ich träume von einer Welt, wie sie

einmal war.

Mit Freunden auf der Wiese liegen,

die Köpfe dicht an dicht.

Und sehen einen Ballon fliegen

Wolkenbilder ziehn an uns vorbei.

Spielen, Lachen.,

Blödsinn machen.

Ich sehe Menschen hinter Masken

Wann hat dieser Spuk

denn nun ein Ende?

Ich spiele, lerne

und vermisse

alle meine Freunde hier.

Wenn die Welt nur wieder wäre wie

sie einmal war?

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Das neue Normal?

Karin Baumann

Das neue Normal, was ist schon normal?

Kenn ich eigentlich normal? Eine

berechtigte Frage in meiner Familie.

Doch darum geht es mir gar nicht.

Ich sehe, höre und lese und dann

fängt mein Kopf an zu denken. Ich

spüre die Angst bei einigen und frage

mich: Habe ich Angst?

Ja habe ich. Nicht vor einer Krankheit,

damit habe ich reichlich Erfahrung.

Aber vor dem was um mich herum

passiert. Davor das ich nichts kontrollieren

kann.

Ich habe Angst das meine Familie

und meine Freunde diese Zeit nicht unbeschadet

überstehen, denn ich weiß

das ungewöhnliche Situationen uns

nun einmal verändern.

Ich schaue auf die Kinder und frage

mich, welche Folgen wird es für sie

geben. Ich meine nicht das ihnen Bildung

fehlen wird, ich frage mich was

es psychisch mit ihnen macht. Verstehen

sie was hier passiert?

Ich kann da nicht von meinen ausgehen,

wir kennen Quarantäne nur zu

gut.

Loseblattsammlung © ELVEA

Ich sehe aber, das auch ich an Grenzen

komme, weil ich einfach nicht gewillt

bin hier den Lehrer zu spielen.

Kann ich, will ich aber nicht. Dabei

habe ich mit meinen Kids noch

Glück, sie arbeiten recht selbstständig.

Aber zwischendurch gebe ich

noch Nachhilfe via Telefon, weil Kinder

sich Lehrstoff eben nicht allein erarbeiten

können und sollen. Hätte

man nicht wenigstens hier den Druck

von den Kindern nehmen können. Ich

verstehe die Schule. Eine Situation zu

bewältigen die völlig neu ist. Ein wenig

Empathie hilft. Eine 7. Klasse einen

Aufsatz über die Auswirkungen

von Corona für ihre Schule schreiben

lassen, gehört nicht dazu. Gut wenn

das Kind eine Angststörung hat.

Alle Aufgaben mit dem Vermerk der

Benotung versehen. Wer wird da jetzt

benotet... Das Kind... Die Eltern?

Den Kindern fehlen die sozialen

Kontakte. Definitiv. Unsere Lütte hat

ihre Mama und ihre Geschwister seit

Wochen nicht gesehen. Sie wohnt halt

in unserem Haushalt. Ist alles nur

nicht schön.

Und dann die Menschen... verändern

sie sich schon? Ich finde ja. Viele sind

bemüht, keine Frage.

Wir hatten einige unschöne Begegnungen,

erschreckender Weise mit der

älteren Generation. Und da bin ich

wieder bei den Kindern. Wie erkläre

ich ihnen das Respekt wichtig ist,

wenn ein alter Mann mit dem Stock

sein Toilettenpapier verteidigt?

33


Ungewöhnliche Situationen und der

Mensch passt sich an. Weil er das immer

tut. Doch wie wir diese Krise

überstehen, das liegt an uns.

Ich verstehe jeden der gerade am Limit

ist und ich wünsche mir für alle,

das die Normalität zurück kommt.

Doch ich bin Realist. Es wird dauern.

Was mache ich? Zuhören, helfen

wenn ich kann, jemanden mal einfach

so eine Freude machen, ein Lächeln

aufs Gesicht zaubern, einfach nur ich

sein.

Mich an Regeln halten, damit durch

mich niemand gefährdet wird.

Ich würde beten, dass wir alle gesund

bleiben, doch ich glaube nicht... Also

halte ich Abstand, körperlich, denn sie

Seele braucht gerade jetzt Nähe.

Bleibt gesund.

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Als ich ein Kind war …

Barbara Bär

Als ich ein Kind war, habe ich meine

Großmutter manchmal gefragt, „Erzähl

doch mal von früher.“

Ich wusste, sie hat den Krieg erlebt

und ich fand es ungemein spannend,

wenn sie darüber sprach.

Vorstellen konnte ich mir es nicht

wirklich. Dass sie manchmal Tränen

in den Augen hatte, hat mich betroffen

gemacht, aber ich war ein Kind. Ich

habe verstanden, sie war traurig. Warum,

verstand ich nicht.

Jetzt bin ich selbst Großmutter. Vielleicht,

eines Tages, fragt mich mein

Enkelkind – erzähl doch mal von früher.

Vielleicht erzähle ich ihr von 2020.

In dem Jahr, als sie selbst noch ein

ganz kleines Mädchen war. Vielleicht

– erinnert sie sich noch daran, dass sie

lange zu Hause war, obwohl das Wetter

schön, ihre kleinen Freunde komischerweise

ebenfalls zu Hause waren.

Das Warum, in der Wohnung bleiben

zu müssen, hat sie vielleicht nicht verstanden.

Aber Mama und Papa waren

da, also war alles gut.

34


„Oma – erzähl doch mal, was war

2020!“

Vielleicht erzähle ich doch, obwohl,

man verdrängt doch oft so gern.

Dann höre ich mich reden.

„2020 war ein eigenartiges, beängstigendes,

unruhi-ges Jahr. Es ging eine

Krankheit um. Überall auf der Welt.

Menschen wurden krank, manche so

schwer, dass sie gestorben sind. Nichts

war normal, so wie wir es alle kannten.

Das selbstverständliche Miteinander in

der Familie, der tägliche kleine Wahnsinn,

Job, Hetze, auch kleine Misslichkeiten

oder Unstimmigkeiten. Es gab

keine Normalität mehr. Wir blieben zu

Hause.“

Sie schaut mit großen Augen, dass

Menschen, vor allem ganz viele, krank

wurden und gestorben waren, macht

sie traurig. Gleichzeitig ist sie fasziniert.

„Die Regeln, an die wir uns alle halten

mussten, dazu die aufkommenden

Gedanken, die an die Zeit vor der Wende

erinnerten, kamen wieder hoch.

Nicht verreisen dürfen, Klopapier gab

es in der DDR übrigens auch nicht immer,

anstehen müssen …, das, was wir

nach der Wende so geschätzt haben –

Freiheit, war weg.“

„Was ist die Wende? öh ... Klopapier?"

Das ist eine andere Geschichte …“

„Dann später mal, Okeee?“

„Machen wir. Das Schlimmste war

die Unsicherheit, die Unruhe, Menschen

waren angekratzt. Kleinigkeiten,

die normalerweise keine Bedeutung

hatten, wurden plötzlich wichtig und

brachten ganze Fässer zum Überlaufen.

Andere Dinge wieder, die übersah

man. Wertigkeiten waren oft verschoben.

Plötzlich gab es lange Schlangen

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vor den Supermärkten, und eben kein

Klopapier mehr, vielleicht meinten

die Leute, sie müssten zu Hause sitzen

und könnten sich nicht mehr den Hintern

abwischen.“

„Kein Klopapier! Iiiiiih! Echt? Hihihi.“

Sie lacht.

„Ja, echt. Zusammenhalt wurde beschworen,

gesagt, rückt zusammen

obwohl ihr nicht beieinander sein

dürft.“

Das verstehe ich nicht …“

„Viele Menschen damals auch nicht

… sie hatten vergessen, wie das geht.

Zusammenhalten, füreinander da

sein. Nicht alle! Viele haben ihr Herz

in die Hand genommen und haben geholfen,

ob als Ärzte, Krankenschwestern

und Pfleger, Polizisten, einfach

sehr sehr viele. Auch von ihnen sind

einige krank geworden.

Um ihnen zu helfen, mussten wir zu

Hause bleiben. Um nicht selbst auch

noch krank zu werden oder andere anzustecken.

Denn die Gefahr war nicht

sichtbar. Die Sonne schien, der Frühling

kam. Es war doch alles gut. Doch

nach und nach kannten viele Menschen

jemanden, irgendjemanden, der

plötzlich gar nicht mehr raus durfte

oder einfach nicht mehr da war. Die

Angst fing an, ein Gesicht zu bekommen.“

Andere Menschen wieder, wurden

ungeduldig. Was soll ich zu Hause?

Ist mir doch egal, ich will wieder …“

„Was wollten sie denn?“

„Sie wollten ganz schnell ihr altes

Leben zurück.“

Das kleine Mädchen hört weiter zu

… sie fragt: Was war das Schlimmste

damals?“

Das Schlimmste, war die Unsicherheit.

Einfach nur der Verlust des so

selbstverständlichen Gefühls der Si‐


cherheit. Dich, Mama und Papa und

andere liebe Menschen nicht sehen zu

dürfen. Das hat traurig gemacht. Achso

ja, Videochat, das gab es schon. Eine

Umarmung ersetzt das leider nicht.“

Sie kuschelt sich an und ist ganz Ohr.

Irgendetwas beschäftigt sie. Nach einer

kleinen Pause fragt sie: „das Klopapier

hat dich nicht gestört? Das es

keines gab?“

„Nicht wirklich, es war auch da wie

in der DDR. Es gab vieles nicht, aber

jeder hatte es. Außer verreisen, das

durften wir nicht, zumindest nicht dahin,

wo wir hinwollten.“

Das nächste Mal erzählst du von der

DeDeeeEeeeeeer. Okeeee?“

„Okeeee, versprochen!“

Sie steht auf, winkt mir zu und rennt

zu ihren Freunden auf den Spielplatz.

Ich habe ihr nicht erzählt, dass die

Welt nach der Pandemie eine andere

war. Ob sie besser oder schlechter war

als vorher, ist eine andere Geschichte.

Vielleicht, irgendwann, fragt sie mich

wieder:„Erzähl doch mal von früher

…“

Nachtrag (Anfang Mai 2020):

Mittlerweile verstaubt das Klopapier

in den Regalen, dafür werden Pizzen

gehortet…

Das wichtigste Thema der Deutschen

ist zur Zeit der Sommerurlaub.

Der Eindruck lässt sich nicht verdrängen,

wir beständen aus einem Volk

von Urlaubern.

Denen die Flügel gestutzt wurden.


Eine Fortsetzung folgt, vielleicht…

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Corona-Welt

Claus Beese

Herbstwind weht durch leere Gassen,

menschenleer sind alle Straßen.

An blinde Fenster trommelt der

Regen,

es regt sich kein menschliches Leben.

Wie vor hunderten von Jahren

starben Menschen hier in Scharen,

als die Pest in die Städte getragen,

von Dummen mit jedem Ochsenwagen.

Der Sensenmann fuhr seine Ernte ein,

auf Leichen blickt ein grauer Himmel.

Gnadenlos schlug die Erde zurück,

auf tote Körper setzt sich Schimmel.

Die Erde schrie so laut vor Schmerz,

tobte in ihrem zugefügten Leid.

Als Rache schuf sie einen Virus,

der sie von Menschen hat geheilt.

Sich zu erholen hat sie alle Zeit

und eines Tages, möglicherweise,

ist sie zur Vergebung bereit,

lässt menschliches Leben zu, ganz leise,

hofft, dass sie's nicht wieder reut.

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Das neue Normal?

Heiko Baumann

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Wir denken über Schichtbetrieb in

den Schulen nach. Wir unterrichten

unsere Kinder im Homeschooling und

sind selbst mittendrin. Jeder um uns

herum lernt mit. Interessante Perspektiven

entstehen dabei, völlig neue Gedankenansätze,

um unseren Familienalltag

zu meistern und der unsichtbaren

Gefahr zu entgehen.

Es ist 5.00 Uhr und saukalt.

Eiskristalle umhüllen die Wiesen in

einem Schleier von Nebel.

Ich schaue in das wärmende Licht der

langsam aufgehenden Sonne. Meine

Schritte werden schneller, denn mich

fröstelt. Doch mein Blick ist scharf,

meine Gedanken sind hellwach.

Wie einzigartig war es, als wir in unserem

Kindsein wussten: mit einer

Pusteblume zerstreuen sich unsere

Misshelligkeiten in alle Winde?

Manchmal sehne ich mich nach dieser

Zeit.

Alles war so normal, gleichklingend,

fast schon monoton.

Die Welt ist wie immer. Ist sie das?

Niemand kreuzt um diese Zeit meinen

Weg. Ich bin allein mit mir und meinen

Gedanken. Und das ist gut so.

Ich suche nach neuen Wegen, um unseren

Alltag zu stemmen.

Wir gehen morgens um 6 Uhr aus

dem Haus, um einzukaufen. Abstandsregeln,

Mundschutz, Händewaschen.

Wir kennen es nicht anders. Das

Schicksal hat uns diesen Weg vorbestimmt.

Manchmal ist das Leben nicht

schön, doch für uns ist das normal.

Ich mache mir Sorgen. Nein, nicht

um mich. Ich bin stark. Sorgen um

meine Familie, die ich über alles liebe

und um meine Freunde, die ich vermisse.

Aber ich bin nicht unvernünftig.

Ich werde in diesem Jahr nicht

mehr verreisen. Es tut weh, aber ich

werde andere Wege finden. Online

und digital.

Wenn wir diese Pandemie überstanden

haben, wie wird es dann weitergehen

für uns? Kommt irgendwann die

nächste?

Die Sonne schickt ihre wärmenden

Strahlen auf unsere Welt. Es ist friedlich

und still. Doch sie hat sich verändert,

es ist eine trügerische Welt. Unser

aller Leben hat sich für uns verändert.

Überall lauert eine unsichtbare Gefahr.

Ist das jetzt das neue Normal?

Ich gehe weiter meinen Weg. Umsichtig

und offen, freundlich und tolerant,

hilfsbereit und menschlich.

Denn ich habe ein Ziel. Ich will dieser

Krise trotzen. Für mich und für uns

alle.

Passt auf euch auf und bleibt gesund.

37


#SchönGerede

Mrs. McH

Wir sind schön. Das Leben ist schön.

Wir nehmen die Organe von Toten

oder lassen uns mit künstlichen Herzklappen

am schönen Leben halten. Wir

schlucken eine Pille nach der anderen,

damit es uns besser oder wenigstens

nicht schlechter geht. Wir wägen Nebenwirkungen

gegen Nutzen ab, weil

es ja immerhin um unsere Gesundheit

geht. Um unser schönes Leben.

Wir lassen uns von Mund-Nase-Bedeckten

unsere Wunden versorgen und

in stundenlangen Operationen unser

schönes Leben retten, ohne über die

Gesundheit und das Leben unserer Lebensretter

zu grübeln. "Augen auf bei

der Berufswahl", referieren wir, wenn

wir das Krankenhaus verlassen und

hoffen, dass wir uns keinen hässlichen

Keim eingefangen haben. Es wird

schon gutgegangen sein.

Wir laden uns jede App runter, die

unser schönes Leben noch schöner

macht oder wenigstens hilft, es für andere

schöner wirken zu lassen, ohne

über Datenschutz und Sicherheit der

Apps zu grübeln. Da wird schon nichts

passiert sein.

Wir leben unser schönes Leben

weitestgehend seuchenfrei, weil unsere

Eltern und Großeltern in ihrem Leben

den Sinn einer Impfung verstanden

haben oder eben nicht. Wir grübeln

nicht darüber, denn dafür ist das

Leben viel zu kurz und schön. Es ist ja

alles gutgegangen.

In Windeseile eignen wir uns Fachkenntnisse

an, für die andere Jahre

Loseblattsammlung © ELVEA

brauchten. (Wie dumm müssen die

gewesen sein?) Wir sind Virologen,

Epidemiologen, Ökonomen, Psychologen,

Mathematiker, Ärzte aller

Fachrichtungen und nicht zuletzt Politiker.

Unsere umfangreiche Expertise

berechtigt uns, zu entscheiden,

über was die Welt sich zu sorgen hat

und wir maßen uns an, über die Gesundheit

unserer Mitmenschen zu entscheiden.

"Stellt Euch nicht so an!

Wir werden eh alle verarscht!", rufen

wir über unseren Stammtisch den lächerlich

besorgten Bürgern zu, von

denen wir selbstverständlich erwarten,

dass sie sich sozial in das System

einzufügen und einzuzahlen haben,

damit gefälligst alles da ist, wenn wir

selbst darauf angewiesen sind. Pampers,

Pizza, Party, Rente. Darauf haben

wir ein Recht!

Wir rebellieren, weil wir es können,

weil wir es müssen, weil immer

einer schon aus Prinzip dagegenhalten

muss und weil wir doch keinesfalls

bevormundet werden dürfen. Wir

kämpfen mit offenem Visier, ohne

darüber zu grübeln, ob unser zur

Schau getragenes Gesicht, nun Bände

spricht. Wir werden eh alle verarscht

und Logik ist was für Amateure. Bis

zum Tellerrand ist noch immer alles

gutgegangen.

Wir lächeln wissend in den Spiegel,

sobald er uns vorgehalten wird,

weil wir glauben, wir sind so schön.

38


Gedanken zum Tag

(Irgendeiner im Mai 2020)

Maria Heine

Ich hab mir grad durchgelesen, wie

andere Menschen mit der derzeitigen

Situation umgehen. Auch welche, die

mir sehr nahe stehen.

Ich hab lange überlegt, ob ich das hier

schreiben soll, denn da gibt es ja welche,

die sich gleich wieder drüber aufregen.

Bei mir ist es mittlerweile so, dass ich

Angst habe, meine Wohnung zu verlassen.

Mir geht es körperlich und auch

mental sehr schlecht. Nicht mal zum

Einkaufen kann ich mich zwingen.

Ich, der ich immer froh war, dass ich

laufen konnte, habe jetzt Angst vor jedem

verdammten Schritt.

Angst davor, meine vier Wände zu

verlassen.

Angst davor, nicht wieder nach Hause

zu kommen.

Und es ist niemand da.

Ich meine körperlich.

Niemand, der mich mal in den Arm

nimmt.

Und das ist ein echtes Scheiß Gefühl!

Das richtet die derzeitige Situation

bei mir an.

Und ich habe beschlossen, mir vom

Arzt was aufschreiben zu lassen. Damit

diese Angst verschwindet. Denn so

geht es nicht weiter.

P. S. Einfach mal über den Tellerrand

schauen, würde schon helfen. Und das

da oben habe ich noch niemandem erzählt.

Nur mal so nebenbei. Weil ich

damit niemanden belästigen möchte.

Denn so bin ich nunmal. So wurde mir

das beigebracht. Schon mein ganzes

Leben lang.

Loseblattsammlung © ELVEA

Sauer oder enttäuscht?

Sabine Houtrouw

Ich weiß gerade nicht, ob ich sauer

oder einfach nur enttäuscht sein soll.

Dass Schneidereien und Stoffgeschäfte

nun mit selbstgenähnten Masken

versuchen, die Verluste der letzten

Wochen zu minimieren, dass kann ich

absolut nachvollziehen. Wenn aber

der Preis für eine Baumwollmaske

über 15 Euro liegt, dann finde ich das

eine Unverschämtheit.

Nicht jeder hat eine Nähmaschine,

oder kann nähen. Nicht jeder will sich

ne Socke vors Gesicht ziehen und damit

selbstsicher durch den Laden laufen.

Die Leute sind teilweise auf solche

Läden angewiesen und müssen

diese Preise zahlen.

Also wird Wucher betrieben. Alles

eine Sache von Angebot und Nachfrage,

ja natürlich. Und alle 2 Tage werden

die Preise weiter erhöht.

Das Ganze in einer Zeit, in der Zusammenhalt

wichtiger ist, als je zuvor.

Ich weiß für mich, wie ich mit der

Situation umgehe und nähe für den

ein oder anderen Nachbarn mit, dem

ich damit helfen kann. Wenn das noch

ein paar Leute mehr machen sinkt die

Nachfrage und die Preise werden wieder

angemessen.

Ich will mit diesem Post nicht dazu

aufrufen, dem Eitorfer Einzelhandel

zu schaden. Aber ich will wachrütteln,

damit den unterstützungsbedürftigen

Eiforfer Bürgern nicht geschadet

wird.

Bleibt gesund und liebe Grüße

Sabine

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Kindergeburtstag

Sabine Houtrouw

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Coronasplitter

Friedhelm Marciniak

Kindergburtstag in Coronazeiten.

Keine Besuch von anderen Kindern,

Großeltern oder Paten.

Kein Ausflug zum Idoorspielplatz

oder in ein cooles Museum (ja meine

Jungs finden Museen

tatsächlich richtig cool!).

Ein Teil der Geschenke ist nicht möglich,

weil die entsprechenden Geschäfte

geschlossen sind) oder weil die Tour

des Lieblingsmusikers, in unserem

Fall Max Giesinger, eben auch ausfällt.

Also gibt es eine Alexa mit Music

Unlimitet, dem schier unendlichen Angebot

an Musik und Was ist was Themen.

Es gibt eine Pokemon Torte, weil er

sie sich gewünscht hat.

Die Küche ist geschmückt und das

letzte Stück Hefe steckt im Stockbrotteig,

damit wir nachher noch etwas

Spaß am Feuer im Garten haben.

Natürlich schauen wir uns auch das

Instagram Konzert von Max um 17:30

an.

Und mit ganz viel Glück hat der Max

meinen Beitrag gelesen, wie toll es

wäre mal Happy Birthday für alle Kinder

zu singen, die jetzt eben nur eingeschränkt

feiern können.

DAS wäre dann Tristans absolutes

Highlight! Drückt doch bitte die Daumen

dafür.☺

Bleibt gesund und liebe Grüße

Sabine

40

Gestern habe ich spontan Erik angerufen.

Weinend nahm er den Hörer ab.

Er hatte gerade erfahren, dass Kerstin,

seine Frau, den Rest ihres Lebens

Dialysepatientin sein wird. Kerstin

wird 80, Erik 82 Jahre. Beide sind

schlank, topfit, an allem interessiert

und engagieren sich in unserem Dorf

für andere. In den letzten Wochen saßen

wir uns einige Male mit weitem

Abstand in unseren Gärten gegenüber,

haben Kaffee getrunken, die

Welt gerettet und viel gelacht. Vor einer

Woche fuhr Kerstin mit Schmerzen

in die Klinik. Diagnose: Autoimmunschwäche.

Ich bin geschockt. Das

Leben und Leiden neben Corona geht

weiter, lässt sich nicht mit Maske und

Abstandhalten in den Griff kriegen.

Ich fahre den PC hoch und google:

Ca. 74.000 Alkoholtote habe wir jährlich

in unserem Land, ca. 235.000

Krebstote (davon ca. 60.00 mit Lungenkrebs).

Einsamer Spitzenreiter:

347.000 Tote durch Herz-Kreislaufkrankheiten.

„Nur“ 3059 Menschen

sterben durch einen Autounfall. Coronatote

bisher in Deutschland: 8.498.

Nein, ich gehöre nicht zu denen, die

sagen, was scheren mich die im Vergleich

zu anderen Todesarten wenigen

Coronatoten. Ich sage auch nicht: Die

Alten sollen Masken tragen und zu

Hause bleiben. Die Jungen dürfen das

Leben masken- und abstandslos genießen.

Es ist auch mit Maske schon

kurz genug. Ich glaube: Es hat in unserem

Land bisher nur deswegen so

wenig Coronatote gegeben, weil Politik

sich in einem bisher ungekannten

Maße gekümmert hat und weil fast

alle sich an die Regeln gehalten und


starke Einschränkungen ihres Lebens

hingenommen haben.

Mich treibt um, dass wir uns bei Corona

vorbildlich umeinander gekümmert

und den verschollenen Nachbarn

wieder entdeckt haben. Mein Eindruck:

Vor Corona waren uns jedes

Jahr aufs Neue die 656.000 Verkehrs-,

Alkohol-, Raucher- und Herzkreislauftoten

ziemlich egal. Wir waren nicht

betroffen. Und nach Corona werden

sie uns auch wieder egal sein – bis auf

die paar Alibibroschüren, die vor Bewegungsmangel,

Übergewicht, Alkohol

und Rauchen warnen.

Wer sich beim Autofahren, Rauchen,

Alkohol wie bei Corona an die Regeln

hält, lebt länger. Was haben wir vor

Jahrzehnten gewettert, als die allgemeine

Gurtpflicht eingeführt wurde.

Wie viele Verkehrstote hätten wir weniger,

wenn wir endlich wie der Rest

von Europa eine Geschwindigkeitsbeschränkung

auf Autobahnen einführen

würden? Auch der Zusammenbruch

des Abendlandes, den viele prognostiziert

hatten, als die Restaurants und

Gaststätten rauchfrei wurden, ist ausgeblieben.

Warum verlasse ich immer

noch nicht den Raum, wenn sich ein

befreundeter Mediziner eine Malboro

nach der anderen ansteckt und dabei

über die Gefährlichkeit des Rauchens

schwadroniert?

Fällt es uns so schwer, Abstand zu

halten und Maske zu ertragen, weil es

neu und ungewohnt ist?

Die Welt ist nicht gerecht, auch nicht

in Coronazeiten. Um die Ecke lebt eine

alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern.

Sie arbeitet in keinem systemrelevanten

Beruf, darf nicht zu Hause arbeiten

und ihre Kinder (7 und 13 Jahre)

müssen allein zu Hause bleiben. Bei

einem befreundeten Beamtenehepaar

Loseblattsammlung © ELVEA

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ist immer mindestens ein Elternteil zu

Hause, um die 6 und 8jährigen Söhne

zu betreuen.

Am Nachmittag werde ich Jochen in

seinem Altenheim besuchen. Das teuerste

in der Stadt. Fast drei Monate

hatten wir uns nicht gesehen. Seit

zwei Wochen gibt es nach telefonischer

Anmeldung Besuchstermine an

zwei Tagen in der Woche. Zwanzig

Minuten dürfen wir miteinander reden.

Ich werde nachher zum dritten

Mal in dieser lochfreien Plexiglaseinhausung

sitzen und warten, dass Jochen

in seinem Rollstuhl auf die andere

Seite der Scheibe geschoben wird.

Vor ihm und vor mir steht jeweils ein

Tisch. Dazwischen die Plexiglasscheibe.

Wir sitzen fünf Meter voneinander

entfernt. So ähnlich könnte

ein Besuchstermin im Knast sein.

Wenn die Sonne scheint, kann mich

Jochen kaum erkennen. Die Sonne

blendet. Die Stadt hat das Konzept

freigegeben. An Jochen hat dabei niemand

gedacht.

Wir haben bei Corona die Alten und

Kinder vergessen, aber nicht die Fußballmillionäre.

Als die Spielplätze

noch mit Flatterband abgesperrt waren

und die Altenheime vor Besuchern

wie eine Festung geschützt

wurden, durften sich die Kicker gegen

die Regeln vor Millionen von Fernsehzuschauern

um den Hals fallen.

Wir sind nicht alle gleich – auch nicht

bei Corona.

Corona wird vorbeigehen. Dann

liegt sie wieder auf dem Tisch: Die

Klimafrage. Werden wir uns für den

Stopp des Klimawandels genauso

oder besser noch mehr engagieren als

für Corona? Was nützt es, wenn wir,

unsere Kinder und Enkel Corona

überleben, um durch die Folgen des


Klimawandels dahingerafft zu werden?

Werden wir in zwanzig oder dreißig

Jahren unseren Kindern und Enkeln

vom verlorenen Coronaparadies vorschwärmen

und uns mit ihnen Videos

aus einer untergangenen Welt anschauen?

Gletscher, Regenwald, die Inseln

der Karibik, Sylt und Spiekeroog.

Werden unsere Geschichten dann mit

„Es war einmal, als die Welt noch kühl

und fruchtbar war“ beginnen? Nicht

die Pandemie Corona ist das größte

Problem, sondern die Pandemie Klimawandel.

Wir könnten es schaffen,

wenn wir uns an die Regeln halten und

die wenige Zeit, die uns noch bleibt,

nutzen würden.

"Wird's besser? Wird's schlimmer?"

fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich:

Leben ist immer lebensgefährlich.“

Lange gefiel mir dieser Spruch

von Erich Kästner. Jetzt finde ich ihn

nur noch zynisch.

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So wie früher

Heiko Baumann

Der anbrechende Tag lässt mich

wach werden. Leise erhebe ich mich

aus dem Bett und schleiche in die Küche.

Es duftet nach frischem Kaffee.

Gedankenverloren blicke ich aus dem

Fenster. In der Ferne sind die Glocken

einer Kirche zu hören. Alles ist friedlich

und still. Ist es heute vorbei, das

neue Normal?

Wohl eher nicht.

Heute genau auf den Tag sind es 31

Jahre. Wie die Zeit vergangen ist.

Ich bin im Zwiespalt mit der

Vergangenheit und muss endlich

lernen

loszulassen. Es ist eine sich wandelnde

Zeit.

Das werdende Ich dabei bin ich, in

pausenloser Atemlosigkeit. Oder ist

es eher

rastlose Planlosigkeit?

Der Verstand muss es begreifen, das

neue Normal. Es fällt mir schwer,

den Blickwinkel zu ändern,

die Reflektion des eigenen Ichs zu

erkennen.

Zeit ist Liebe.

Ein Meer der Ewigkeiten,

der Herzschlag des Himmels.

Wieviel Zeit haben wir noch?

Wir sind einsam geworden.

Einsamkeit. Sie ist eine starke Emotion,

zerreißt uns mitunter das Herz

und hinterlässt stechende Wunden.

Ich vermisse das pulsierende Leben

der Großstadt, die deutlich laut vernehmbaren

Töne, das Summen und

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Schwirren. Stattdessen ist da nur diese

sang - und klanglose wiederkehrende

Tonlosigkeit.

Ich will mein altes Leben zurück, so

wie es früher war. Erst ins Kino gehen,

dann in ein schickes Restaurant. Mit

dir die Dekadenz der Großstadt genießen,

bis tief in die Nacht.

Leise klappert das Geschirr auf dem

Tablett, als ich es auf das Zimmer trage,

drauf eine einzelne rote Rose.

„Guten Morgen mein Schatz! Frühstück

im Bett?

So wie früher?"

Du nickst und lächelst mich an. Ich

setze mich neben dich und zünde das

Licht an. Irgendwie ist alles wie früher.

Als wir beide schweigend in die Flamme

blicken, durchströmt uns ein wärmendes

und vertrautes Gefühl. Ich halte

deine Hand und sehe dabei in deine

strahlenden Augen.

„Schatz, was wollen wir heute machen?"

„Nichts. Wir frühstücken im Bett. So

wie früher."

Ich lächle.

„Alles Liebe zum Hochzeitstag!"

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Der Besuch

Barbara Bär

Endlich, nach viel zu vielen Wochen,

öffnet das Pflegeheim.

Öffnet, welch eine Erwartung …

Wir müssen sie schützen, unsere betagten

Eltern und Großeltern, einfach

alle, die dort wohnen.

Das sagt die Vernunft.

Die wenigsten von ihnen wollen da

wohnen.

Wir sind gespannt, freudig gespannt?

Nein eher nicht. Eher angespannt.

Das Heim ist nett geschmückt, es

gibt ein Banner über der Eingangstür,

ein riesiges Danke an alle Mitarbeiter,

die durchhalten. Blümchen sind drauf

gedruckt. Es sieht nett aus. Wir pflichten

diesem Danke ohne Einschränkungen

bei.

Die Tür ist jedoch zu. Das wissen

wir natürlich. Neben der Tür eine

Klingel.

Davor steht eine Bank für die Besucher.

Man braucht einen Termin. Das

ist logisch und sinnvoll.

Jedenfalls sitzen wir da, sind angemeldet,

und warten.

Die Tür geht auf, der Besucher, der

vor uns seinen Besuchstermin hatte,

kommt raus und holt tief Luft. Er sagt

irgendwas Nettes, was weiß ich nicht

mehr, und geht.

Wir dürfen reinkommen. Der Besucherraum

ist von draussen begehbar.

Darin ein Stuhl, ein Tisch, eine Liste,

Kugelschreiber, die Schwester putzt

noch.

Wir bleiben, mit dem Stuhl, der Liste

und den Kugelschreibern vor der

Glasscheibe.


Unsere Oma, wird in einem sehr nett

eingerichteten Raum (das, was wir einsehen

können) – hinter der Glasscheibe

sein.

Auf beiden Seiten ein Mikrofon.

Wir müssen uns eintragen, rechts im

Becher sind die hygienisch einwandfreien

Kugelschreiber, links im Becher

die benutzten.

Wir müssen Fragen beantworten. Das

wir gesund sind, das ist logisch und

vernünftig. Dann geht die Tür auf und

unsere Oma (88) wird hereingebracht.

Irgendwie ist sie in den letzten Wochen

kleiner geworden. Zudem war sie

vor der Krise schon schwer dement.

Das dürfte mittlerweile nicht anders

sein. Ob schlimmer?

Ja, sehr viel schlimmer.

„Wie geht’s dir?“

Schulterzucken. „Warum seid ihr

hier?“

„Wir wollen dich besuchen.“

„Warum… was ist das?“

„Ein Mikrofon, wir hören dich sonst

nicht und schau mal, auf unserer Seite

ist auch eines. Wir hören nämlich dich!

sonst auch nicht.“

„Soso,… warum kommt ihr nicht rein

zu mir?“

„Wir dürfen nicht, wegen dem Virus

der so viele Leute krank macht. Wir

wollen nicht, dass du krank wirst.“

Das ist egal, ich bin alt.“

Das ist nicht egal.“

Wir sind ziemlich hilflos, schauen

uns durch die Glasscheibe an, unsere

Oma schaut uns an, schüttelt immer

wieder den Kopf.

Tippt auf das Mikrofon. Erschrickt,

weil es klopft.

„Was ist das“.

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„Oma das ist ein Mikrofon…“„Warum

steht das hier?“

„Wir hören dich sonst nicht …“

„Und …. Sagt mal, kommt doch

endlich rein! Raus darf ich auch nicht,

ihr müsst schon reinkommen.“

Sie konnte schon vor Wochen das

Haus nicht mehr verlassen. Und doch

meint sie oft, sie könne und würde es

tun. Wir reden ihr nicht dagegen.

„Du, … muss ich jetzt für immer

hierbleiben? Ich möchte ausziehen,

ich darf hier nicht raus.“

Wir drehen uns im Kreis. Weitere

Male fragt sie, was das vor ihrer Nase

sei, warum wir sie nicht im Zimmer

besuchen, sie versteht es nicht. Nicht

ihre Situation, nicht, warum das so ist,

nichts.

Das Einzige was man sieht, sie ist

völlig verstört.

„Oma, wir besuchen dich bald wieder.“

'mit Termin'.

„Müsst ihr nicht, mir geht’s gut.“

Dann sagt sie, was sie immer sagt.

„…, wenn ich noch da bin.“

Dann winken wir ihr nochmal zu,

die Schwester stand schon hinter

ihrem Sessel, der nächste Besucher

wartete bereits.

Wir gehen raus, sagen ihm irgendwas

Nettes, was wir uns nicht merken

und er nickt leicht. Er sieht genau so

angespannt aus, wie wir vorher.

Während der Heimfahrt kreiseln die

Gedanken. Was in Erinnerung bleiben

wird?

Im Moment bleibt bei mir vorrangig

etwas absurdes im Gedächtnis, um die

Glasscheibe hatte man eine Dekorati‐


on rangepappt. Muntere Blümchen

waren um die Glasscheibe dekoriert.

Wie es auf der anderen Seite der Glasscheibe

aussah, ... wissen wir nicht.

Unsere Oma weiß es schon 5 Minuten

nach dem Besuch nicht mehr.

Ebenso nicht, das wir sie überhaupt besucht

haben.

Wir werden es nicht vergessen.

Verdammt noch mal, sie sagt es immer,

'wenn ich noch da bin' aber warum

bleibt es gerade heute so im Gedächtnis

hängen.

Was noch in Erinnerung bleibt? Das

Engagement der Betreuer, wie liebevoll

sie mit den alten Menschen umgegangen

sind. Die Schwester, der man

angesehen hat, wie leid ihr das alles

tut.

Die Maske, die sie aufhatte, war ebenfalls

voller bunter Blümchen…

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© ELVEA 2020

Bilder:

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