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Vom Brandbettel zur Gebäudeversicherung

Blick zurück auf 200 Jahre Geschichte der Gebäudeversicherung Luzern

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Vom Brandbettel zur Gebäudeversicherung

Blick zurück auf 200 Jahre Geschichte

der Gebäude versicherung Luzern


Sursee brennt. 1734 wälzte sich durch die kleine

Stadt das Flammenmeer von Dachfirst zu Dachfirst

(siehe Einklappseite innen). Zum Glück war es das

letzte grosse Brandunglück Sursees – ein Zeichen,

dass die Brandverhütung in der Stadt besser

funktionierte als auf dem Land.


Vom Brandbettel zur Gebäudeversicherung

Blick zurück auf 200 Jahre Geschichte der Gebäudeversicherung Luzern


3

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Editorial

Blick zurück auf 200 Jahre Geschichte

der Gebäudeversicherung Luzern

Vor 200 Jahren waren im Kanton Luzern

Dorf brände keine Seltenheit. Die von den

Flammen um Hab und Gut gebrachten Bürger

zogen mit obrigkeitlichen Bettelbriefen

durch den Kanton. Trotzdem blieben viele

Existenzen zerstört.

200 Jahre später: Dank der Gebäudeversicherung

Luzern steht heute die Prävention an

erster Stelle. Die Brände sind stark reduziert

worden und wenn es doch brennt, wird der

Schaden durch die Gebäudeversicherung getragen.

Der Weg von den obrigkeitlichen

Bettelbriefen zur institutionalisierten Solidari

tät scheint uns heute im Rückblick so

selbst verständlich, dass dabei beinahe eines

in Vergessenheit gerät: Das Sicherheitsnetz

war früher wesentlich grobmaschiger. Alles,

was wir heute als Elementarschäden in der

obli gatorischen Versicherung miteinschliessen

– also Lawinen, Sturm und Hagel – galt

bis in die Dreissigerjahre des letzten Jahrhunderts

als unversicherbar.

Pirmin Meier, der Schriftsteller und Innerschweizer

Kulturpreisträger, und der Journalist

Delf Bucher werfen in unserem Jubiläumsmagazin

einen Blick zurück. Sie zeigen

auch die Probleme, die unser Unternehmen

bewältigen musste, um nach 200 Jahren eine

Erfolgsgeschichte feiern zu können. Dazu

gehören auch die Diskussionen um eine Privatisierung

der Gebäudeversicherung Luzern,

zuletzt vor etwas mehr als 10 Jahren.

Die grosse Herausforderung für die Zukunft

besteht für die Versicherung an einem

anderen Ort: Die Statistik der Gebäudeversicherung

Luzern zeigt eine steil nach oben

gerichtete Kurve bei den Elementarschäden.

Der Klimawandel zeigt sich auch hier. Das

Hochwasser von 2005 hat es uns allen vor

Augen geführt: Im Bereich der Elementarversicherung

kommt es nun darauf an, genauso

erfolgreich zu handeln. Auch hier

müssen Schadenverhinderung, Schadenbegrenzung

und Schadenregulierung gut ineinander

greifen. Dieses System hat sich beim

Feuerschutz bewährt. Es wird sich auch beim

Elementarschaden bewähren müssen. Dafür

müssen wir kämpfen.

Ich danke für Ihr Interesse an der Gebäudeversicherung

Luzern und wünsche Ihnen

viel Vergnügen beim Lesen unseres Jubiläumsmagazins.

Regierungsrätin Yvonne Schärli-Gerig

Präsidentin der Verwaltungskommission


4

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Inhalt

Teil 1, Pirmin Meier

Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Humanität, Solidarität und Schadendeckung, solange es reicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

Brandschutz in einem alten Flecken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10

Landesherrliche Massnahmen um «Leibgedinge» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13

Vorausweisende Entwicklungen mit Rückfällen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15

Nordländer, Zürcher, Fricktaler … . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17

Luzern: Ein Löschwisch für das schöne Geschlecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19

Hie Technik – dort die unsichtbaren Mächte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23

Bürons berüchtigter Mordbrenner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27

Vom Privatisierungsprojekt zum Kinostreit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33

Lob des Gemeingeistes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34

Teil 2, Delf Bucher

200 Jahre Sicherheit 1810-2010

Wie zwei Kaiser den republikanischen Eidgenossen zur Brandversicherung verhalfen

200 Jahre Versicherungsgeschichte: Im Zeitraffer überflogen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37

Von der planlosen Schluderei bei der Brandbekämpfung zum Katastrophenmanagement

Erst die Versicherung formt die Feuerwehr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43

Ein Blick auf den Altstadtbrand von Luzern 1833 zeigt: In Sachen Feuerpolizei und

Feuerwehr trennten damals Stadt und Land beinahe unüberwindbare Gräben

Monopol: Zwang oder ein gerechtes System der Gegenseitigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57

Aus (viel) Schaden wird man klug: Wie die grossen Brandkatastrophen

der Gebäudeversicherung ihre moderne Form gaben

Inferno in Glarus und Buttisholz: Das Schreckensjahr 1861 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69

Wie die Angst vor dem Risiko, Naturkatastrophen zu versichern, überwunden wurde

Die grosse Flut 2005 – tragisch und teuer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85

Blick nach vorn mit Dölf Käppeli, Direktor der Gebäudeversicherung Luzern

«Objektschutz – das ist unsere Kernkompetenz» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93


Teil 1

Pirmin Meier

Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Der Essay von Pirmin Meier (Innerschweizer Kulturpreisträger 2008) versetzt uns

in die Gründungszeit der Gebäudeversicherung Luzern. Damit verbunden sind

Rückblicke in die Vorzeit, aber auch Ausblicke bis in die Gegenwart. Als Spezialität

des Verfassers gilt die lebendige Darstellung nach Art eines Panoramas.

Dabei runden sich politische, technikgeschichtliche, soziale, religiöse, literarische,

volkskundliche und kriminologische Gesichtspunkte zu dem für den Verfasser

typischen Gesamtbild.


7

Pirmin Meier

Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Humanität, Solidarität und Schadendeckung, solange es reicht

Warum Luzerns Feuereimermacher Bartli Gernet 1633 gute Geschäfte macht;

wie eine alte Jungfer genannt Güllen-Zülle den Fleckenbrand von Beromünster

schildert; was Junker Jost Schnyder von Wartensee zur Zeit der Gründung der

Gebäudeassekuranz den Luzernerinnen ans Herz legt. Weshalb beim Brand von

Wolhusen-Markt Luzerns Freimaurer am schnellsten in den Geldbeutel greifen;

wie viele Scheiben beim grossen Hagelwetter von 1861 in Brüche gehen und

warum Ständerat und Oberrichter Adam Herzog 1893 sich nicht davon abbringen

lässt, das Todesurteil gegen den Mordbrenner Keller zu unterschreiben. Wallfahrten,

Feuerheilige und Storchennester; frühe Diskussionen um Privatisierung

der Versicherung und am Ende ein Lob der Miliz.

Hend Soorg

zu Füür und Liecht

Dass Üch Gott

und Maria b’hüet

D’ Glogge

hed nüüni g’schlaage!

Ruf des Nachtwächters

von Beromünster

nach Pfarrer Xaver

Herzog (1810 – 1883)

Der Brand der Hofkirche

Luzern am

24. März 1633. Nach

einem Gemälde im

Kloster Werthenstein

Wie am Ostersonntag 1633 der Dachdecker Peter Steiner noch vor dem Einnachten

eine Ladung Schrot auf die Dohlen im Turmgebälk von Luzerns Hofkirche

abfeuert, gerät, von den Türmen angefangen, die ganze Kirche in Brand. In

hemmungsloser Gewalt lodert es die ganze Nacht hindurch. In der Frühe des

Ostermontags, am 28. März, steht das Haus des Herrn, ein rauchender Trümmerhaufen,

vor den Gläubigen. Ein Bild des Entsetzens. Zu Klumpen geschmolzen

liegen die Glocken in der Tiefe. Die österliche Vogeljagd, beteuert der unfreiwillige

Brandstifter, sei ihm vom Stiftsbaumeister befohlen worden.

Für Löschmassnahmen standen den Herren vom Stift St. Leodegar, ihrem Gesinde

und den herbeigeeilten Feuerwächtern und Handwerkern nebst Feuerleitern

und Haken einige wenige Nürnberger Handspritzen zur Verfügung. Dazu

kamen mindestens 162 lederne Feuereimer in den Gebrauch. Ein Kübel dieser

Art kostete gemäss Nachforschungen von Luzerns Staatsarchivar Peter Xaver

Weber (1872 –1947) etwas mehr als fünf Gulden das Stück. Der Aufwand für die

Bemalung trug zum happigen Preis bei. Wer einen Feuerkübel entwendet, soll

auf die Galeeren geschickt werden, lautete eine Strafbestimmung. Für einen

kunstvoll gefertigten Eimer wurde mehr Geld in Rechnung gestellt, als was ein

städtischer Kaminfeger für einen saisonalen Umgang aus der Stadtkasse entschädigt

bekam.

Mochte bei diesem Grossfeuer mit den damals vorhandenen Löschmitteln

kaum etwas ausgerichtet werden, war nach der vergeblichen Mühsal in Erinnerung

zu rufen, wie gross die Wirkungen kleinster Ursachen sein können. Erst


8

Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Volksschriftsteller

Xaver Herzog

(1810 – 1883), genannt

der alte Balbeler, schilderte

den Münsterer

Fleckenbrand von 1764

im Geist von Jeremias

Gotthelf

1398 wurde im alt hoeltzin nestlin Luzern der erste private Steinbau errichtet.

Die Feuerordnungen von 1300, 1418, 1495, 1554, 1560, 1577, 1591, 1606 und

1613 wie noch die späteren bestanden hauptsächlich aus Präventionsmassnahmen.

Kein Wunder also, gab es für Feuereimermacher Bartli Gernet im Unglücksjahr

1633 eine nie da gewesene Nachfrage. Zum Beispiel für die Reparatur

beschädigter Stücke. Der Besitz eines Löschkübels war für jede Haushaltung

Pflicht. Bei Veräusserung der Heimstätte durfte derselbe nicht entfernt werden.

Und bei Heiraten hatte die Braut eine Aussteuer, der Bräutigam hingegen einen

Feuereimer in die Ehe einzubringen.

Der Einäscherung der ehrwürdigen Hofkirche, in die einst der letzte in Rom

vom Papst gekrönte Kaiser Friedrich III. festlich eingezogen war, schockte nicht

bloss die Einheimischen. Eine die Landesgrenzen übergreifende Betroffenheit

erregten später der Brand des Hauptbahnhofes 1971 und derjenige der Kapellbrücke

1993. Die Jahrhundertereignisse sind in die Literaturgeschichte eingegangen,

so das oben geschilderte Unglück in Cécile Laubers (1887 – 1981) Feuilletontext

Die Glocken der Hofkirche Luzern (1947). Das Drama der Kapellbrücke

vom 18. August 1993, wohl ausgelöst durch eine weggeworfene Zigarette, gab

Niklaus Meienberg (1940 – 1993) Anlass für die letzte Reportage seines Lebens,

veröffentlicht in der Sonntags-Zeitung unter dem sarkastischen Titel: Ein ren -

tabler Brand in Luzern. Die vielgerühmte Erzählung Das verlorene Monument

(1983) von Gertrud Leutenegger (*1948) gestaltet den Bahnhofbrand zu einem

Kunstwerk poetischen Erinnerns.

Unter den Schweizer Volksschriftstellern hat Pfarrer Albert Bitzius alias Jeremias

Gotthelf (1797 – 1854) im Bauernspiegel und in Kurt von Koppigen Brandmotive

literarisch unübertrefflich veranschaulicht. Bei Huttwils Stadtbrand von

1834 soll Bitzius unerschrocken handfeste Hilfe geleistet haben. Gehe er dreimal

um ein Haus herum, sagte man ihm nach, sei das Feuer gebannt. Ähnlich magische

Kraft wurde Landesvater Bruder Klaus von Flüe (1417 – 1487) beim Brand

von Sarnen vom 13. August 1468 zugeschrieben. Mit einfühlsam erzählten

Brandepisoden übte sich Xaver Herzog (1810 – 1883), der Pfarrer von Ballwil, in

der Kunst des Poetischen Realismus. Wie Gotthelf stand ihm die Gabe einer einprägsamen

perspektivischen Darstellung zu Gebote. Im 16. Jahrhundert erwies

sich der Luzerner Diebold Schilling (1460 – 1515) mit seiner illustrierten Schilderung

der Feuersbrunst in der Kapellgasse als Meister der Feuerchronik. Die Pfistergasse

brannte bis 1691 insgesamt sechsmal nieder. Die Weggisgasse brachte

es bis 1518 auf fünf Brände.

Was einen dramatischen Prolog für die Jubiläumsschrift der Thurgauer Gebäudeversicherung

(2006) hergibt, nämlich die traurige Feuers-Brunst von Bi-


9

Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

schofszell vom 16./17. Mai 1743, dafür ist an dieser Stelle der Fleckenbrand von

Beromünster von der Alten Fasnacht 1764 ergiebig. Die Thurgauer Historiker

präsentieren ihr Stiftsstädtchen als Beispiel dafür, wie vor der Installation einer

Brandassekuranz eine ländliche Brandkatastrophe ausgelöst, mit den zur Verfügung

stehenden Mitteln bekämpft – eindrückliche Solidarität der mit Rossen und

Wa gen herbeieilenden Helfer aus der Umgebung gehörte mit dazu – und wie anschliessend

der Schaden hauptsächlich durch einen legalisierten und obrigkeitlich

organisierten Brandbettel gemildert wurde.

Löscheinsatz bei einem der

zahlreichen Luzerner Stadtbrände.

Aus Diebold Schillings

Luzerner Chronik 1513


10

Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Brandschutz in einem alten Flecken

Dramatischer

Rettungseinsatz

Zeiteinteilung: vor

und nach der Brunst!

Münster im Aargäu, wie Beromünster früher genannt wurde, verfügte an seinem

Unglückstag am 12. März 1764 über eine für ihren Einsatz allseits gerühmte

Feuerwehr von 48 Mann. Zwölf davon bedienten Haken und Leitern, der Rest

bildete die Löschmannschaft; dazu gab es drei Nachtwächter und drei Fürgschauer.

Als Fürhauptmann amtete Carli Kopp. Die politische Hauptverantwortung

für das Löschwesen trug Fleckenrat und Stiftsweibel Johann Michael Herzog,

Wirt zum Stalden (später Rössli). Eine neuzeitliche Feuerspritze mit

Windkesseldruck, kommandiert von Leutnant Renward Herzog, ist erst für das

Jahr 1768 nachweisbar. Vermutlich kam beim Fleckenbrand eine primitive

Spritze zum Einsatz. Dass es keine unmittelbaren Brandopfer gab, scheint ein

Verdienst der Rettungsorganisation gewesen zu sein.

Die grosse Feuersbrunst in seinem Heimatort Beromünster hat sich der Knabe

Xaver Herzog von der 80-jährigen Cäcilia Müller (1740 – 1823), genannt Güllen-

Zülle, in der Art einer menschgewordenen Bilderbibel des alten und des neuen

Bundes, des Stifts und des Fleckens unzählige Male schildern lassen. Die Kinder

konnten, mangels anderer Unterhaltung, davon nie genug bekommen, wollten

diese Geschichte immer und immer wieder hören. Nach drei Generationen zählte

der einheimische Volksmund die Zeit nicht vor oder nach Christus, sondern vor

und nach der Brunst. Als Xaver Herzog einen alten Mann fragte, ob er auch

noch um unsere Brunst wisse, da gab es die merkwürdige Antwort: Damals habe

ich schon viele Schläge bekommen.

Nachtwachtmeister war in jenem verhängnisvollen Spätwinter Josef Leontzi

Suter. Ihm waren zwei Nachtwächter unterstellt. Der zum Dienst bestellte Jakob

Lütolf, hauptberuflich Förster und Kuhhirt, hatte bei seinem Rundgang dicht bei

der Brandstelle im Schopf der Gaststätte zum Kreuz – heute als Geburtshaus des

Komponisten Theodor Stauffer markiert – nichts Verdächtiges bemerkt. Nach der

damals geltenden Feuerordnung mussten im Winter Feuer und Licht seit halb

zehn Uhr gelöscht sein. Aber schon eine Stunde nach dem Ende der Alten Fasnacht,

zum Beginn des jeweils mit einem Frühlingsfeuer begrüssten Gregori-

Tages, stand der vom Wind heimgesuchte Flecken lichterloh in Flammen. Dass

zu später Stunde noch im Wirtshaus geküchelt worden sei und sich dabei brennende

Butter entflammt habe, gilt als weniger wahrscheinlich als das Missgeschick

eines in der Pferdestallung beim Wirtshaus schlafenden Vagabunden. Der

verdächtige Namenlose hat noch rechtzeitig den Finkenstrich genommen. Auf

solche «Typen» wurde in Beromünster noch zur Jugendzeit von Josef Vital Kopp

(1906 – 1966) ungestraft mit dem Luftgewehr geschossen.


11

Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Gedenkblatt zum Jahrhundertgedächtnis

des

Fleckenbrandes von

Beromünster (1864)

Unter Kaiserin Maria

Theresia (1717 –1780)

entstand im damals

vorderösterreichischen

Fricktal die erste

Gebäudeversicherungs -

anstalt auf dem Gebiet

der heutigen Schweiz,

mit direkter Nach -

wirkung auf den 1803

gegründeten Kanton

Aargau. Ohne die praktische

Einrichtung einer

gebietsübergreifenden

Versicherungsanstalt

(gegründet 1805) hätte

sich das provisorische

und heterogene Gebilde

des neuen Kantons

wahrscheinlich nicht

halten lassen

Die Güllen-Zülle berichtet: Bei der Rettung der Fahrhabe habe der Schmied

Eberhard Röthelin geglaubt, er trage ein Geldgenterli hinaus; am andern Morgen

habe sich das Handstück als ein leerer Vogelkäfig herausgestellt. Ein Onkel des

Schmieds habe den Amboss am Seil bis an die Wynonbrücke hinabgezogen, sich

dann ohnmächtig niedergesetzt und sei nicht mehr zum Leben erwacht. Ein dritter

Röthelin habe einen Nervenschock erlitten und sei – in Ketten gelegt – drei

Wochen nach dem Brand gestorben. Und gewaltig sei der Feuerschein gewesen.

In Oberarig auf dem Nottwiler Berg sei es plötzlich so hell geworden, dass man

ganz gut in einem Buche habe lesen können. In Einsiedeln sei die Feuerwehr

nach Rothenthurm ausgerückt, im Glauben, es brenne gleich hinter dem Katzenstrick.

Jenseits der dramatisierenden Fantasie von Betroffenen, wie sie ähnlich Gotthelf

in der Wassernot im Emmental (1838) in Literatur verwandelt hat, sehen die

datierten Fakten so aus: Gut drei Stunden nach Brandausbruch lag Beromünster

in Schutt und Asche. 95 Haushaltungen mit 368 Personen, darunter viele Kinder,

haben dabei ihr Dach über dem Kopf verloren. Auf der Fleckennordseite brannten

28 Wohnhäuser, darunter zwei Wirtschaften, ab, auf der Südseite 24 Wohnhäuser

mit drei Bäckereien und zwei Schmiedewerkstätten. In der Gerbegasse

insgesamt 30 Wohnstätten mit einer Mostwirtschaft, zwei Gerbereien, einer Färberei

und einer weiteren Schmitte. Dazu kamen sechs Scheunen und das Hirzenhöfli.

Das 1536 errichtete Gasthaus zum Hirschen, damals auch Rathaus, entkam

dem Desaster. Für gnädige Verschonung durfte man im Chorgestühl der Stiftskirche

Gott, Maria und dem heiligen Erzengel Michael danken. Gleich bei der

heutigen Stiftstreppe zwischen Stiftstheater und Schol (eigentlich «Metzg»)

stand, ebenfalls unbeschädigt, der Pranger. An diesem wurden, nach vorheriger

Auspeitschung und anschliessender Verbannung, zwei einheimische Weibsbilder

namens Magdalena Willimann und Barbara Amrein am 7. Juli 1764 der Beschimpfung

und Bespuckung der Menge ausgesetzt. Sie waren nach kurzem Prozess

im Schlössli des Branddiebstahls schuldig befunden worden.

Im Jahre 1764 war unter Kaiserin Maria Theresia in Vorderösterreich, und

damit im später eidgenössischen Fricktal, die erste Gebäudeversicherung im

mittleren Europa in Kraft gesetzt worden. Schweizweit gab es noch lange nichts

Vergleichbares. Der Propst von Beromünster, Christoph Dürler, der sich 14 Jahre

nach dem Brand auf dem berühmten Taufstein hinten in der Stiftskirche nach

wie vor Herr zu Münster nennen sollte, liess mit seinen Chorherren 91 Malter

Korn und neun Mütt Kernen spenden, was einen Wert von gut 1 000 Gulden darstellte.

Eine willkommene Lebensmittelhilfe. Angesichts der von den Luzerner

Behörden erhobenen Schadensumme von 156 153 Gulden war es nur der sprich-


12

Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

wörtliche Tropfen auf den heissen Stein. Zahlreiche Obdachlose haben im Stiftsbezirk

eine vorübergehende Bleibe gefunden. Für die dort schlafenden, betenden,

lesenden und musizierenden Feudalherren und ihr Stiftsgesinde keine

selbstverständliche Gastfreundschaft.

Beromünster auf dem

Merianstich vor dem

Fleckenbrand und nach

der Katastrophe vom

12. März 1764. Nach

Sempach und Luzern

verfügte Beromünster

über eine der ältesten

Feuerwehren im

Kantonsgebiet

(Sammlung Dolderhaus,

Beromünster)


13

Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Landesherrliche Massnahmen um «Leibgedinge»

Die verantwortliche Obrigkeit in Luzern legte 1764 die Hände nicht in den Schoss.

Eine hochwillkommene Leistung war der von einer Münsterer Abordnung erbetene

Steuerbrief. Die Vollmacht zu einer Geldsammlung in allen Ortschaften des

Kantons kam der Erhebung einer Brandsteuer gleich. Dank dem Ukas aus der

Hauptstadt galt das Spenden als unbedingte moralische und gesellschaftliche

Organisierte Solidarität. Die

obrigkeitlich genehmigten Steuerbriefe

als Bettelermächtigung (hier

für Beromünster) wurden bei der

Gründung der Gebäudeversicherung

abgeschafft, der Brandbettel blieb

trotzdem noch lange üblich und

notwendig

Pflicht. Zusätzlich kamen sogar von den protestantischen «Ketzern» aus dem

nahen Bernbiet, also dem Wynental, Brandspenden ins Michelsamt. Auch in den

Freien Ämtern, zum Beispiel in Beromünsters Tochterpfarrei Hägglingen, liess

man sich nicht lumpen. So kamen Liebesgaben im Betrag von 21 059 Gulden zusammen.

Noch stärker ins Gewicht fielen die Naturalleistungen in Form von Frondiensten

und umfangreiche Lieferungen von Bauholz und Bausteinen. Dazu wurden

die Bauern von Gunzwil in Pflicht genommen, deren Dorfkern (deutlich unterhalb

der modernen Hauptstrasse) 1778 ebenfalls abbrennen sollte und fast so schnell

wieder aufgebaut wurde. Bedeutung erlangten die vergleichsweise «demo -

kratischen» Versammlungen von Geschädigten, bei denen diese nach Massgabe

eines Gesamtplans für den Wiederaufbau ihren Bauwillen wenigstens teilweise

kundtun konnten, wie dies auch nach dem Dorfbrand von Buttisholz (1861) der

Fall sein wird. Dass der Schaden auf Heller und Pfennig bilanziert wurde, erwies

sich wegen der Hypothekarverhältnisse als notwendig. Vor Einführung einer

Gebäudeversicherung bot die Mithaftung der Gläubiger für den Brandfall eine

relative Gewähr: nach Segessers Rechtsgeschichte (1851) eine uralte Luzerner


14

Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Erste Gebäudeschatzungen

schon

um 1500!

Der höchste

Staatszweck ist das

Gemeinwohl

Spezialität. Diese Besonderheit blieb in ihrer Eigenschaft als beschränkte Haftung

bedeutsam. Beim Gründungsakt der Gebäudeversicherung gehörten diese

jahrhundertealten Bestimmungen zum ererbten Recht. Darauf war in Artikel 16

beim Gesetz, die Aufstellung einer Brand-Versicherungs-Anstalt verordnend,

vom 6. Oktober 1810 Rücksicht zu nehmen.

Im alten Luzern gab es im sogenannten Ältesten Rathsbüchlein, einer aus dem

14. Jahrhundert stammenden Sammlung amtlicher Entscheide, Bestimmungen

über die Mitverantwortung der Hypothekargläubiger, was die sogenannten Leibgedinge

betraf. Bei den Kosten für den Wiederaufbau eines Brandobjektes wurde

neben dem Gebäudeeigentümer auch der mitinteressierte Hypothekargläubiger in

die Verantwortung gerufen. Erstmals in der Schweiz ist in diesem Zusammenhang

von Gebäudeschatzungen die Rede. Zum Wiederaufbau einer Hofstatt

haben die Gewährleister einer Hypothek bis zu einem Drittel beizutragen. Diese

Bestimmungen kamen nicht nur beim Fleckenbrand von Beromünster zur sinngemässen

Anwendung. Willisau wäre nach dem gewaltigen Stadtbrand vom

17. Januar 1704 ebenso wenig in erstaunlich kurzer Frist wieder aufgebaut worden

wie Beromünster 60 Jahre später, wenn man nur mit den Erträgen der vom

Willisauer Steuerbrief (abgedruckt in Balthasar Helfensteins Jubiläumsschrift

von 1920) privilegierten Brandsteuer hätte auskommen müssen.

Auch Sempach, wo zu habsburgischer Zeit die älteste Feuerwehr im Gebiet des

heutigen Kantons Luzern installiert wurde, und Sursee (1363, 1461, 1650, 1734)

wurden von wiederkehrenden Jahrhundertbränden verwüstet. Dass die Städtchen

jedes Mal wieder erstaunlich schnell «auf die Beine» kamen, spricht für die Verantwortungsfähigkeit

des Territorialstaates Luzern. Beim Stadtbrand von Sempach

1464 hatte sich der depressive Luzerner Schultheiss Hans von Hunwil

(Selbsttötung 1474, Freund von Bruder Klaus) in Sachen Solidarität vorbildlich

ins Zeug gelegt. Schon vor der Gründung von Gebäudeversicherungen galt, nach

Aristoteles: Der höchste Staatszweck ist das Gemeinwohl. Im Falle der Not

wusste sich das patrizische Luzern diesem ehrwürdigen Grundsatz verpflichtet.

Der letzte Grossbrand vor der Gründung der Gebäudeversicherung: Marbach

im Entlebuch. An einem Freitag um die Mittagszeit (6. Mai 1808) ging das Feuer

– wie in Beromünster – von einem Wirtshaus aus, wo um diese Zeit zwar nicht

wie in Beromünster geküchelt, aber gekäst worden sein soll. Wie sehr das hinterste

Entlebuch damals trotz seiner Wunderdoktoren «hinter dem Mond» lebte,

beweist die Tat sache, dass es in Marbach – 44 Jahre nach Beromünster! – weder

eine organisierte Feuerwehr noch eine Spritze gab, ganz im Gegensatz zur bernischen

Berg gemeinde Grindelwald, deren Wendrohrspritze von 1786 heute ein

stolzes Museumsstück darstellt.


15

Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Vorausweisende Entwicklungen mit Rückfällen

Die Freimaurer-

Konferenz spendet

100 Franken für

Wolhusen!

Die Grossbrände von Beromünster, Marbach und am eindrücklichsten derjenige

von Buttisholz 1861 zeitigten vorausschauende baupolizeiliche Massnahmen.

Das patrizische ältere wie auch das demokratische neuere Luzern begnügten sich

nämlich nicht damit, beim Organisieren von Solidarität die Autorität des Staates

in die Waagschale zu werfen. Noch vor dem Erlass moderner Baugesetze wurde

den «abgebrannten» Gemeinden von aussen der Tarif durchgegeben, wie sie es

besser zu machen hätten. Nämlich so brandsicher wie möglich bauen, mit grösseren

Abständen und weiteren Vorsichtsmassnahmen zum Beispiel betreffend

Anbringung von Strassenbeleuchtungen. Dies wurde in Marbach mangels Geld

und wohl auch wegen ungenügender Autorität Luzerns nicht durchgesetzt, hingegen

schon im Ancien Régime ganz respektabel in Beromünster und in der Frühzeit

des Bundesstaates als Wackerpreis-würdige «städtebau liche» Pionierleistung

in Buttisholz. Das Katastrophenjahr 1861 brachte nach 50 Jahren Gebäudever -

sicherung aber in mancher Hinsicht einen Rückfall in ältere Praktiken. Insgesamt

fünf Grossereignisse (nebst Buttisholz: Menznau-Geiss, Aesch, Müswangen,

Mauensee) und ein Jahrhunderthagelwetter sprengten die damals systembedingt

bescheidenen Kapazitäten der auf dem Gegenseitigkeitsprinzip beruhenden kanto -

nalen Brand-Versicherungs-Anstalt.

Der Sammelaufruf der Luzerner Regierung für die Brandgeschädigten von

Buttisholz unterscheidet sich wenig von den landesväterlichen Brandbriefen von

weiland Willisau 1704, Sursee 1734 und Beromünster 1764. Dabei wäre seit dem

Bestehen einer Gebäudeversicherung Brandbettel alter Schule verboten gewesen.

Was in der Theorie richtig sein mochte, taugte aber wie so oft nicht für die Praxis.

Auch beim Grossbrand von Wolhusen-Markt am 7. März 1876 wäre der Schaden

ohne eine grossangelegte Sammlung bei der Bevölkerung unbezahlbar gewesen.

Dabei spielten die in der Kulturkampfzeit markanten ideologischen Gegen sätze

eine demonstrative Rolle. Die Zeitungen Vaterland (konservativ) und Luzerner

Tagblatt (liberal) überboten sich gegenseitig beim Publizieren der neues ten

Sammel ergebnisse. Den Primeur riss die Freimaurer-Konferenz der Stadt Luzern

an sich. Postwendend zur Brandmeldung liess sie ihre Spende von 100 Franken

im Tagblatt publizieren.

Der Sammelaufruf für Buttisholz wurde kurz nach dem regierungsoffiziellen

Bittbrief für die Hagelgeschädigten erlassen. Beim Unwetter vom 9. Juni 1861

gerieten allein in der Stadt Luzern 23 441 Fensterscheiben in Mitleidenschaft.

Das amtliche Glasruinenverzeichnis registriert 1164 beschädigte Scheiben im Regierungsgebäude

und im Archiv, 198 im Zuchthaus, 150 im Schweizerhof, bei


16

Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

den liberalen Vaterlandshelden Dr. Casimir Pfyffer und Dr. Jakob Robert Steiger

je 60 bzw. 31. Ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit rächte sich der Wettergott

beim konservativen Historiker Prof. Eutych Kopp (1793 – 1866) für dessen Infragestellung

der Existenz von Wilhelm Tell mit 45 kaputten Fensterscheiben!

Die Bewältigung von Angst und Not, aber auch tätige Solidarität haben mit

dem Wesen des Menschen zu tun. Dies wusste man – auch in der Innerschweiz –

längst vor der Gründung der ersten Gebäudeversicherung und sah sich entsprechend

vor.

Der Dorfbrand von Buttisholz vom

16. August 1861 brachte nebst

Hagelzügen und weiteren Grossbränden

die damalige Gebäude -

assekuranz an den Rand des

Zusammenbruchs


17

Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Nordländer, Zürcher, Fricktaler …

Pioniere aus dem

Norden

Ein Vorkämpfer

aus Zürich

Von der Obrigkeit anerkannte Brandversicherungen waren in den norddeutschen

Hansestädten, so Hamburg, aber auch in Vorderösterreich zu einem frühen

Durch bruch gekommen. So wurde 1676, auf Initiative der Bierbrauer, die

General-Feuer-Kasse der Stadt Hamburg gegründet. Noch vorher, nämlich seit

dem 22. November 1627, verfügten im ostpreussischen Königsberg die Zünfte

über eine Brandkonvention, womit im Schadenfall Brandsteuern erhoben werden

konnten. In der Gegend von Danzig existierte mit der Tiegenhöfer Brandordnung

(1623) eine sogar noch ältere Vereinbarung dieser Art. Im mittelalterlichen

Grosskönigreich Dänemark und in Island gab es schon im Mittelalter verbindliche

kollektive Abmachungen bei Brandschäden, und zwar auf genossenschaftlicher

Basis. Die Gilde von St. Knut in Malmö bestimmte in ihren Statuten: Einem

Gildebruder, dessen Haus abgebrannt ist, sollen alle Gildebrüder Ersatz geben,

nämlich 3 Denarios. Gemäss der isländischen Graugans-Verfassung von 1118

waren um die 20 Bauerngehöfte in sogenannte Hrepps zusammengefasst. Diese

schuldeten einander volle Solidarität bei Viehsterben und Brandfällen. Dazu

zählten Holzfuhren und Wiederaufbauleistungen, ähnlich derjenigen, welche die

Bauern von Gunzwil 1764 ihren Fleckengenossen von Beromünster geleistet

hatten. 14 Jahre später verhielt es sich genau umgekehrt.

Für die Entwicklung des Versicherungsgedankens gehört der nachmals wegen

Geheimnisverrats hingerichtete Zürcher Pfarrer, Nationalökonom und Statistiker

Johann Heinrich Waser (1742 – 1780) zu den Schweizer Pionieren. In seinem Buch

Betrachtungen über die zürcherischen Wohnhäuser, vornehmlich in Absicht auf

die Brandkassen und Bürgerprotokolle (1778), schreibt er: Eine Feuer- oder Brandkasse

ist ein öffentliches, unter landesherrlichem Schutz niedergelegtes Kapital,

das aus den Bei trägen der Eigenthümer der Gebäude erwachsen und bestimmt

ist, den von Zeit zu Zeit durch Feuer an den versicherten Gebäuden verursachten

Schaden zu vergüten. Eine entsprechende Zunftversicherung, in welche man sich

einkaufen musste, gab es in Zürich schon in den Jahren vor der Französischen

Revolution.

Die erste gesetzlich gestützte Gebäudeversicherung in einem mitteleuropäischen

Flächenstaat aber existierte im habsburgischen Vorderösterreich. Davon

profitierte bis zur Zeit Napoleons das linksrheinische Fricktal, welches 1801 im

Frieden von Lunéville unversehens zur Schweiz gekommen war und ein paar

Monate lang einen eigenen Schweizer Kanton bildete. Aber schon 1803 wurde

das Fricktal dem zusammengewürfelten Zufallskanton Aargau zugeschlagen.

Diesem Staatswesen gab damals niemand eine Lebensdauer, welche die Aussich-


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Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Brand-Assekuranz

hält Kanton zusammen

Schultheiss

Vinzenz Rüttimann

(1769 – 1844), Luzern

ten des Cantons Baden (1798 – 1802), zu dem auch das Hitzkirchertal gehörte,

hätte übersteigen können. Weder konfessionell noch soziologisch noch von der

Mentalität her gab es tragende Gemeinsamkeiten. Wie jedoch die Fricktaler die

Regierung des neuen Kantons um das Privileg ersuchten, ihre seit österreichischen

Zeiten bestehende und vorzüglich verwaltete Brand-Assekuranz beibehalten

zu dürfen, wurde dem Anliegen durch ein wahrhaft staatsbildendes Gesetz

stattgegeben. Dank dem Fricktal kam 1805 der Kanton Aargau zur ersten

kantonalen Gebäudeversicherung in der Geschichte der Eidgenossenschaft. Während

Jahrzehnten war diese segensreiche Einrichtung der einzige Faktor, welcher

das Kantonsgebilde von Napoleons Gnaden als allenthalben akzeptierter Beitrag

zum Gemeinwohl zusammenhielt. Solothurn, Thurgau, Bern, Luzern, Zug und

noch andere Kantone eiferten dem Vorbild nach. Am Anfang dieser Reformwelle

stand eine unfreiwillige Morgengabe der traditionell verwaltungskompetenten

Habsburger an ihre Stammlande.

Wie der Kanton Luzern dank seinen sozialen Traditionen und einem aufgeweckten

städtischen Patriziat sein Feuerwehrwesen reformierte und dabei den in

der Luft liegenden Versicherungsgedanken aufgriff, passt zum aufgeklärten Opportunismus

eines luzernischen Bonaparte. In dieser Rolle gefiel sich Schultheiss

Vinzenz Rüttimann (1769 – 1844), der ehemalige Revolutionär von 1798 und

spätere Putschist von 1814. Luzerner Patrizier zeigten sich spätestens seit dem

Ingenieur Franz Ludwig Pfyffer von Wyher (1716 – 1802) in technischen Fragen

aufgeschlossen. Zu den in Brandsachen engagierten Luzernern dieser Zeit gehörte

Johann Jost Martin Schnyder von Wartensee (1786 – 1841), der Vater des

Kunstmalers Jost Schnyder. Der eifrigste Feuerwehrmann, den der Kanton Luzern

in der napoleonischen Epoche zu verzeichnen hat. Jost Schnyder – so nennen

ihn die Akten – steht für Pioniergeist in Verbindung mit Gemeinsinn. Das

Gründungsgesetz der Gebäudeversicherung trägt die Unterschrift von Amtsschultheiss

Vinzenz Rüttimann.


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Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Luzern: Ein Löschwisch für das schöne Geschlecht

Die Löschordnung

von 1809

Erstmaliger Aufruf

an die «besonders

liebwerthen

Mitbürgerinnen»

Auf Mittwoch nach Martini, den 15. November 1809, ist in der Stadt Luzern eine

festliche Löschprobe der hiesigen Löschanstalt angesagt. Im Anschluss daran legt

der 23-jährige Jost Schnyder von Wartensee, derzeit Oberinspektor der hiesigen

Löschanstalt, in der barocken Sprachgewalt eines gebildeten Luzerners Zweckmässigkeit,

Nutzen und Vortheile der neuen Löschordnung dar. Eine wahre

Brandrede. Wer sich dem Volk so überzeugend mitzuteilen vermag, wird bald im

Grossen Rat, in der Regierung und im Obergericht Sitz und Stimme haben. Die

in fünf Kolonnen eingeteilten Mannen von der städtischen Feuerwehr geizen

nicht mit Applaus. Nach der anstrengenden Übung an den windkesselgetriebenen

Spritzen werden sie mit Most, Brot, Gemüse und einer gesottenen Fleischspeise

verköstigt. Auch der Verwaltungsrath der Stadt Luzern, wie die städtische

Exekutive damals genannt wird, lässt sich vom Auftritt des jungen ehrgeizigen

Redners begeistern. An der nächsten Wochensitzung erfolgt der Beschluss: Diese

Rede soll dem Druck übergeben, und jedem Hauseigenthümer ein Exemplar davon

zugestellt werden.

Zur Feuerlöschprobe ist viel Volk herbeigeeilt. Der abschliessenden Brandrede

lauschen auch Frauen aus den regierenden Familien. Jost Schnyder von Wartensee

setzt eine historische Zäsur. Wahrscheinlich erstmals in der Geschichte des

Kantons Luzern werden – in einer öffentlich gehaltenen hochpolitischen Rede –

die Frauen als verantwortlich Mithandelnde ausdrücklich einbezogen, und dies

schon in der Begrüssung:

Hochgeehrte Herren Abtheilungs-Kommandanten, Stabs-Offiziere, so wie auch

die besonderen Herren Kommandanten bey den Spritzen, Leitern, Häcken, Wachen,

Eimern und Reihen; verehrte Herren und Mitbürger! So wie auch noch besonders

liebwerthe Mitbürgerinnen; ganzes wohlbestelltes Löschpersonale!

Mit Komplimenten gegenüber dem schönen Geschlechte, das ja bey der Löschordnung

ebenfalls eine nützliche Stelle unter uns einnimmt, wird nicht gespart.

Das Weibervolk bilde ein belehrendes, nachahmungswürdiges Beyspiel, wenn es

auf nassfeuchtem Boden, wie mitten in einem Sumpfe dasteht, zu den Spritzen

das Wasser vorüber reicht, zum Wohl des Ganzen, seinen ihm ansonst so nahe

am Herzen liegenden Puls als ein nicht geringes Opfer darbringt, und bey diesem

allem noch frohen Muths, und lustig ist.

Galant, um nicht zu sagen gönnerhaft, werden dem schönen Geschlecht Komplimente

wie Konfetti zugeworfen. Der Redner weiss warum. Ohne die Mitwirkung

der Mütter, nicht zu vergessen die nutzbringenden Tanten und Mägde,

bliebe die bahnbrechende Feuerordnung nicht umsetzbar. Was gesellschaftlich


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Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Frauen und

Brandschutz

noch über Generationen kaum in Betracht gezogen wird, die reale Mitverantwortung

der Frauen, erweist sich für den Fall der Not als Erfordernis der praktischen

Vernunft. In jedem Hause muss ein Feuereimer greifbar sein, in jeder

Wohnung ein Löschwisch. Dem Feuerwehrpionier hat es dieser aus dem Wasser

oder aus Kalk und Sand zu ziehende Besen ganz besonders angetan. Als Löschbesen,

in Deutschland auch Patschen genannt, dienten fächerartig gebundene

grosse Reiserbesen. Man brauchte sie zum Schleudern des Wassers, desgleichen

die kleineren, aus Rückgratborsten von Schweinen hergestellten Löschquasten.

Für die Prävention hat der Redner nichts Besseres anzupreisen. Darum stehen

Mütter und Mägde in der Verantwortung:

Bey diesem Anlass kann ich nicht umhin, die Einführung bemeldeter Lösch -

wische in Ihre Wohnungen nachdrucksamst anzuempfehlen; eine Auslage von

geringem Belang, von keinem besondern Unterhalt; ein sehr nützliches und bekömmliches

Löschwerkzeug bey einem gefährlichen Feuerausbruch. Niemandem

ist es unbewusst, mit was für leicht entzündbaren Dingen, obgleich verboten, unsere

oberen Stockwerke, besonders aber noch die Esteriche angefüllt sind, nebst

unschliessbaren Öffnungen durch die Dächer, wo zur Zeit einer Feuersnoth ein

nur seicht wehender Wind nur allzuleicht Funken und Flammen hintragen kann.

Während die Männer sich pflichtgemäss auf den Brandplatz begeben müssen, sei

es die Aufgabe der Mütter samt ihren Kindern und natürlich der Mägde, den

Löschwisch im Brunnen oder noch besser in einem im oberen Hausteil hingestellten

Zübervoll Wasser zu netzen und auf diese Weise ganze Stockwerke nass

zu wischen. So werde die Ausbreitung des Feuers verhindert. Beyneben erzeugt

dieses Löschmittel in einem wohl möblirten Hause nie keinen (!) solchen Schaden,

wie das Wasser aus Eymern und Spritzen, das oft mehr Verheerung verursacht,

als das Feuer selbst nicht gethan, wenn man sich klüglich, und vorsorglicher

dabei zu benehmen gewusst hätte.

Die entflammende Beredsamkeit von Jost Schnyder von Wartensee gilt den

noch nie da gewesenen Vorzügen der Feuerordnung von 1808. Das Reglement

wird für den ganzen Kanton verbindlich, 1811 als Regierungsverordnung unter

dem Namen Allgemeine Feuerordnung für den Kanton Luzern. In jedem Dorf, das

aus 50 oder mehr Häusern besteht, muss eine Feuerspritze bereit stehen, sodann

Feuerleitern und Feuerhaken. Eine Konsequenz aus der Brandkatastrophe von

Marbach, wo diese Geräte samt und sonders nicht vorhanden waren.

Zu einer fortschrittlichen Rede gehören praktische Handlungsanweisungen.

Schon 1738 gab es in Luzern ein Feuerwehrreglement. Seit 1804 bestand eine im

Vergleich zu früher verbesserte Löschorganisation. Diese litt aber noch an vielen

Mängeln und Gebrechlichkeiten. Dank der väterlichen Obsorge der Regierung


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Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

seien Jahr für Jahr Verbesserungen erfolgt: Von ihren Posten aus patrouillieren

die Wachen in ununterbrochenen Zügen durch die Stadt, und ihre Vorstädte; das

Korps der Feuer-Auskundschafter, in Sektionen getheilt, durchstreift Strassen

und Plätze; beobachtet von unten her aufwärts und von oben hinunter, wo von

Winden getriebene Glut, und Flammen hingetragen, und abgesetzt werden. Mit

Stöcken und Löschwischen aus gestattet, dient selbes in Polizeyfällen sowohl, als

auch beim Flöcken (Rettungs mass nah men für Hausrat), und kann nöthigenfalls

mit seinen in Wasser ein getauchten Wischen, wenn nämlich Funken und Flammen,

Wolkenweise eine nach der andern vom Winde getrieben, sich über unsere

Dachungen hinwegsetzen …

Löschwisch, gemäss einer zeitgenössischen

Darstellung bei C. D. Magirus. Nach

Jost Schnyder von Wartensee sollte auf

jedem Estrich ein wasserdichtes Fass

mit einem Löschwisch für Soforthilfe bei

Brand ausbruch vorhanden sein


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Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Der Feuerreiter mit Laterne nach einem Gemälde von Théophile Schuler (1821 –1878)

vgl. Eduard Mörikes gleichnamige Ballade


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Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Hie Technik – dort die unsichtbaren Mächte

Berner Leiter, aufgerichtet.

Um 1810 ein

modernes, auch im

Ausland anerkanntes

Gerät der Berner

Feuerwehr

Die ältesten Feuerwehren finden wir in Sempach, Luzern und Beromünster verzei

chnet. Kaminfeger amteten in der Stadt Luzern schon im 15. Jahrhundert.

1739 erhielten sie für ihre Visitationen pro Mann vier Gulden. Ihre Tätigkeit war

bes ser entschädigt als diejenige von Hebammen oder Dorfschulmeistern. Von der

Auf bruchstimmung im Löschwesen waren nebst Schweizer Städten auch das benach

barte Elsass und der badische Raum ergriffen. Kein Wunder, drängte der in

auf geklärten Zeiten geformte Versicherungsgedanke nach der Revolution nachhal

tig zur Verwirklichung.

In der Epoche des genialischen Machers Bonaparte liessen sich nicht wenige

Städte und Landschaften der Schweiz und des umliegenden Auslandes von der

Begeisterung für das Feuerwehrwesen ergreifen. In Bern wurde die europaweit

gerühmte und in deutschen Lehrbüchern der Feuerwehr dargestellte Berner Leiter

entwickelt: eine fahrbare hohe Feuerleiter, das Prunkstück der 1811 völlig reorganisierten

Feuerwehr der Aarestadt. In Zürich, wo seit 1778 eine für die Mitglieder

der Zünfte flächendeckend installierte Brandversicherung funktionierte,

wurde 1811 ein gründliches modernes Handbuch der Feuerspritze gedruckt. Das

Werk wurde in Luzern fleissig gelesen. Den herkömmlichen unflexiblen Wend -

rohren wird zugunsten einer fortschrittlichen Schlauchtechnik der Kampf angesagt.

Dem Chaos auf dem Brandplatz ist Einhalt zu gebieten. In der neuen Luzerner

Feuerordnung kam diesem Anliegen ebenfalls hohe Priorität zu. Eine

systematische Ordnung und Nomenklatur von Befehlen trat auf den Plan:

Mannschaft zur Leiter! – Hebt die Leiter! – Legt ab! Aufgericht! – Zur Leiter

rechts und links um! Marsch! – Senkt die Leiter! Auch Pfeiftöne und die in Luzern

seit mindestens dem 14. Jahrhundert vernehmlichen Signale der Feuerhörner

waren exakt zu interpretieren. Feuerleitern wurden schon im 16. Jahrhundert in

den gedeckten Brücken aufbewahrt und über alle Quartiere verteilt. Die städtischen

Feuerläufer und Feuerreiter hatten auch auf dem Lande Hilfe zu leisten.

Der schwäbische Pfarrer Eduard Mörike (1804 – 1875) hat es in Poesie umgesetzt:

Schaut! Da sprengt er wütend schier

Durch das Dorf der Feuerreiter,

Auf dem rippendürren Tier,

Als auf einer Feuerleiter!

Rennt er schon, und ist am Ort!

Drüben schallt es fort und fort:

Hinterm Berg, hinterm Berg

Brennt es in der Mühle!


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Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Sempervivum tectorum,

Dach-Hauswurz

Ein Florianihäuschen,

steht für den aus

Österreich stammenden

Kult des heiligen

Florian

Dass die Mächte des Unsichtbaren beschworen wurden, war selbstverständlich.

Mit Segensformeln beschriebene Agatha-Zettel waren ein Bestandteil der häuslichen

Volksfrömmigkeit, desgleichen Agatha-Brote für Mensch und Tier; notfalls

Karfreitagseier, die – auf der Nidwaldner Alp Zingel – vom legendären Älpler

Melchior Mathis noch 1992 heraufziehenden schwarzen Wolken entgegengeschleudert

wurden.

Alois Lütolf (1815 – 1865) belegt für die Innerschweiz das Verbot, während

dem Ungewitter zu tanzen. Unterschiede betreffen die Höhe der Busse für den

Spillmann, falls er bei Blitz und Donner unverdrossen weitermusizierte. Als lebendiges

Amulett gegen Blitz und Donner diente mindestens 1 000 Jahre lang die

unauffällige und kaum je totzukriegende Hauswurz (Sempervivum tectorum).

Als magischer Feuerschutz zierte sie generationenlang zahlreiche Dächer von

Bauernhäusern und Feldschuppen, was für das Luzerner Hinterland Josef Zihlmann

(1911 – 1990) dokumentierte und beschrieb. Stadtschreiber Renward Cysat

(1564 – 1616) nannte das unauffällige Gewächs semper vivens. Mich blanget seer

danach, vermerkt er in einem Brief. Nach Konrad von Megenberg (1309 – 1374)

verhindert Sempervivum das himelplatzen. Der Volksglaube war schon zur Zeit

Karls des Grossen verbreitet. Das plötzliche Blühen der Pflanze wird als böses

Omen, Todesfälle in der Familie und Brände betreffend, ausgelegt. Nichts Gutes

verheisst Morgenrot am Agathatag. Dann gebe es das ganze Jahr über viele Feuersbrünste.

In der Stadt Luzern muss der Glaube an die feuerpräventive Wirkung von

Stor chennestern, wie sie im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens,

Band 9, verzeichnet ist, zu Cysats Zeiten tief verankert gewesen sein. Dies hebt

ein Deckenbild in der Wallfahrtskirche Hergiswald hervor. Hingegen war der

Kult des heiligen Märtyrers Florian der Inneren Schweiz ursprünglich fremd.

Dieser hat sein Zentrum in Kärnten und weiteren österreichischen Landschaften.

Florianziegel und Floriani-Häuschen gibt es bei uns nur in musealen Sammlungen,

so im Dolderhaus Beromünster. Der älteste volksfromme Anlass im Kanton

Luzern, der seine Entstehung einem Grossfeuer am Johannistag von 1343 verdankt,

ist der Musegg-Umgang. Dieser war jeweils um Mariä Verkündigung

(25. März) angesagt. Angeblich hat auch Bruder Klaus im härenen Eremitengewand

an dieser Prozession teilgenommen, was wohl die Bedeutung des Landesvaters

als Feuerheiliger für die Innerschweiz unterstreichen soll.

Auf dem Lande war das Gelöbnis von Prozessionen Standard, wie Josef Zihlmann,

genannt Seppi a de Wiggere, im Handbuch Volkserzählungen und Bräuche

(1990) dokumentiert. In Willisau und Hergiswil gab es bis tief ins 20. Jahrhundert

hinein Agathaprozessionen. Solche wurden oft nach Grossbränden gelobt.


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Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Heiligi sant Agethe,

b’hüet is vorm em

Füür!

Heilige Agatha aus der

Pfarrkirche Neudorf

Ein Wirt dankt der

Muttergottes, dass bei

einem Grossbrand die

Konkurrenzgaststätte

abgebrannt, sein eigener

Betrieb aber verschont

geblieben ist.

Ex Voto aus der Stiftskirche

Schönenwerd

In Dagmersellen findet der Feuerwehrgottesdienst jeweils um den Agethentag

herum statt. In Grosswangen betete man an diesem in der Kapelle Oberrot ein

Rosenkranzgebet mit Allerheiligenlitanei. Heute werden die Brötchen wieder in

der Kirche gesegnet. Im Entlebuch suchte der Dorfpfarrer die Bäckereien auf, um

den Teig für die Brötchen zu benedizieren. Vom Agathabrot darf kein Krümchen

verschwendet werden. Mit Ausnahme der Schweine soll der gesamte Viehbestand

davon etwas mitbekommen. In Pfaffnau zündet man bei Unwetter gern eine am

Agathatag gesegnete Kerze an. Staatsarchivar Peter Xaver Weber schrieb 1926 in

die Agatha-Zeitung der Luzerner Feuerwehr einen Aufsatz zu unserem Thema.

Die ursprünglich lateinischen Segensformeln in Erinnerung an Agatha von

Catania, welche die Lava des Ätna aufzuhalten vermochte, sind in vielen Sprachen

überliefert. Auf Buuretütsch sagt man: Heiligi sant Agethe, b’hüet is vorem

zytliche und eebige Füür (Zihlmann, Volkserzählungen und Bräuche, S. 23). Im

Elsass wird, mit Wallfahrtsort Thann, der heilige Theobald mit dem Brauchtum

des Verbrennens von Zweigen als Feuerheiliger angerufen. Diesen verehrt man

seit der Barockzeit auch als Dorfheiligen von Gunzwil, dessen Grossbrand von

1778 gewiss Vorgänger gehabt hat. In Aesch am Hallwilersee betete man zur

heiligen Luzia. Das Ablodern der Ledergasse (1827) und weitere Reihenbrände

trugen im 19. Jahrhundert – trotz Gebäudeversicherung – mit zum wirtschaftlichen

Niedergang eines Dorfes bei, dessen Armenhaus Hotel National genannt

wurde.

Den Überresten des Osterfeuers wird seit undenklichen Zeiten feuerabwehrende

Wirkung zugeschrieben. Einem angebrannten Knebel, welcher dazu diente,

die Osterkerze anzuzünden, war unter den Dachbalken sein Plätzchen zugewiesen.

Wurde man von einem Brand verschont, erhielten je nachdem die Muttergottes,

die heilige Agatha, dann und wann auch Barbara, Katharina und Bruder

Klaus zum Dank Ex-Voto-Tafeln. Ein frommes Dankgeschenk. Das spektakulärste

Stück in der Schweiz steht, im Dreieck der Kantone Solothurn, Aargau und Luzern,

beim Treppenheiligtum auf der Empore der aus karolingischer Zeit stammenden

Stiftskirche Schönenwerd: Der Wirt zur Krone dankt 1742 mit einem

Bild der brennenden Gaststätte zum Storchen der nach Einsiedler Vorbild saisonal

eingekleideten Muttergottes dafür, dass sein Haus im Gegensatz zur Konkurrenzwirtschaft

verschont geblieben ist. Heiliger Sankt Florian, lass unser Haus

in Ruh, zünd lieber andre an! Der politisch verwendbare Spottvers ist österreichischer

Herkunft.

Der regional variierende, gesamteuropäisch recht einheitliche Feueraberglaube

hat sich mit gleichzeitiger Aufgeschlossenheit gegenüber technischen Neuerungen

gut vertragen. Wichtig bleibt, dass auch modernste Feuerschutzgeräte von


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Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

einem Kleriker – heute oft vom Pastoralassistenten – eingesegnet werden. So geschehen

2008 in Schongau am Lindenberg, als mit Verwendung des Namens

Gottes ein Tanklöschfahrzeug (TLF) in Betrieb genommen wurde.

Die in Nürnberg vor 1409 erfundene Handfeuerspritze war in der Stadt Luzern

ab dem 15. Jahrhundert in Gebrauch, wohl kaum ohne einweihende Segnung.

Schöpfeimer wurden gemäss Staatsarchivar Weber bereits von der ältesten Luzerner

Feuerordnung um 1300 vorgeschrieben. Auch sie dürften von Anfang an

gesegnet worden sein. 1499, also im Jahr des Schwabenkrieges, gab der Rat von

Luzern kostbare 14 Goldgulden für den Import von zwölf möschin Sprützen aus:

Spritzen aus Messing. Für die horrende Summe von 450 Gulden schaffte man

1676 die erste Feuerspritze nach dem Nürnberger System an. Dessen Schöpfer

Hans Hautsch ist als Erfinder des Windkessels in die Geschichte der Feuerwehrtechnik

eingegangen. Später behalfen sich städtische Feuerwehren vorzugsweise

mit Spritzen niederländischer Machart. Auch in Mailand, der für Luzern über

lange Zeit bedeutendsten Grossstadt, stellte man früh technisch beeindruckende

Feuerspritzen her, welche dann über den Gotthard zu uns gelangten. Der Windkessel

garantierte einen soliden ununterbrochenen Wasserstrahl!

Die Nürnberger Spritze in

Aktion nach C. D. Magirus


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Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Bürons berüchtigter Mordbrenner

Massensymbol Feuer

Das Feuer wird wie das Wasser, der Hagel, der Schnee, der Sand und der Wind

zu den Massensymbolen gezählt. Darunter versteht Nobelpreisträger Elias Canetti

(1905 – 1997) elementare Erscheinungen, welche die Menschen zugleich

schrecken und faszinieren.

Was Panik und Fluchtverhalten auslöst, kann umgekehrt auch Staunen und

das Gefühl von Zusammengehörigkeit erzeugen. Für Canetti ist das Feuer das

Massensymbol schlechthin. Gekennzeichnet durch ein unersättliches ansteckendes

Wachstum und die ihm eigene zerstörende Kraft kann es an fast jedem Ort

entstehen. Bei Wald- und Steppenbränden wird es zum grossen kollektiven Erlebnis

aller Tiere, die in Herden leben und sich als gute Läufer zusammenretten.

(...) Man flieht zusammen, weil es sich so besser flieht. Die Erregung ist dieselbe:

die Energie der einen steigert die der anderen (Elias Canetti: Masse und

Macht, 1960).

Der Impuls zur Flucht ist das eine, das Gebanntsein vom Element das andere.

Ein Paradox. In merkwürdiger Verkehrung urtümlicher Massenangst fühlen sich

die Menschen dazu getrieben, an den Schauplatz des Brandes zu eilen, wenn er

gross genug ist, und dort spüren sie etwas von der leuchtenden Wärme, die sie

früher einte (Canetti, S. 85). Dieses Gefühl archaischer Einheit und Wärme kann

in krimineller Ausprägung auch als Basis für die Brandstiftung gesehen werden.

Neben Brunnenvergiftung und vorsätzlicher Verderbung von Lebensmitteln ist

das Feuerlegen eines der drei gemeingefährlichen Verbrechen des alten luzernischen

Strafgesetzbuches.

Die Pyromanie als krankhaftes Bedürfnis entspringt aus dem Masseninstinkt,

sich das Feuer selbst zu schaffen und dessen Anziehung für die eigene Selbstver

grösserung, eine Art Allmachtsgefühl, in Anspruch zu nehmen. Ein Mordbren

ner dieser Art war der Erfinder und Tüftler Bendicht Murer, genannt

Welti-Benz (1764 – 1824) aus dem bernischen Walperswil im Amt Nidau. Im Wider

stand gegen amtliche Entmündigung hatte er sein Heimatdorf mit einem perfekt

ausgeführten Feuerwerktrick in Schutt und Asche gelegt, weshalb er Anfang

September 1824 auch im Luzerner Kantonsblatt steckbrieflich gesucht wurde.

Unmittelbar nach der Tat hatte er sich in einem abgelegenen Bergwald in ein

selber geschaufeltes Grab gelegt. Hier suchte und fand der Rachsüchtige den Tod

durch Gift. 50 Jahre lang hatte er Sonntag für Sonntag an der Kanzel der Dorfkirche

die alttestamentliche Inschrift nach Jeremias 23,29 lesen müssen: ICH

BIN DAS FÜÜR UND DER HAMMER DER DEN FELSEN ZERSCHMÄT-

TERET. Mit dem Hammer erschlug er seine böse Frau, mit dem Feuer bestrafte


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Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Luzerns Kaminfeger:

Ein Mann aus Büron

Ständerat und Oberrichter

Adam Herzog

unterschrieb das

umstrittene Todesurteil

gegen den Mordbrenner

von Büron

er sein Dorf. Am 24. August 1824 hat das Dorforiginal, nach Einschätzung von

Heinrich Hössli (1784 – 1864) ein unglücklich verheirateter Homosexueller, mit

dem Bibelwort auf fundamentalistische Weise ernst gemacht.

Zur Zeit der Gründung der Brandversicherungsanstalt des Kantons Luzern

arbeitete in Luzern Joseph Käch aus Büron (gestorben 1825) als Kaminfeger. Die

Herkunft des Namens hat mit der Büroner Kächmatt zu tun, dem späteren Schauplatz

des wohl schlimmsten Mordbrandes in der Kriminalgeschichte der Innerschweiz.

In den Begleitumständen eines Kapitalverbrechens auch ein Beispiel,

wie die Feuer assekuranz des Kantons Luzern sowie die seit 1825 übliche separate

Versicherung des Mobiliars massiv geschädigt wurden. Die Brandversicherungsanstalt

trat in diesem Fall als Klägerin mit in Erscheinung.

Es geht um die historisch denkwürdige Schandtat von Johann Keller (1867 –

1893), Bürger von Ruswil. Wie Berns in die Volkssage eingegangener Mordbrenner

Welti-Benz arbeitete auch Luzerns am schlechtesten beleumdeter Brandstifter

mit einem Hammer und Petroleum. Und wie Bendicht Murer musste Johann

Keller, um die kriminelle Energie aufrechtzuerhalten, vor dem Ausleben einer

berserkerhaften Wut noch einen tiefen Blick in die Schnapsflasche tun. Mordbrenner

Keller, wie ein in Zürich für 50 Rappen käufliches einmaliges Sensationsblatt

dartat (es gab noch keine regelmässig erscheinende Boulevardpresse),

stand als abschreckendes Beispiel am Pranger der Nation: Habsucht, Rohheit und

Sinnlichkeit als Wegweiser zum Schafott. Mit einem Porträt des Verbrechers.

Das Todesurteil trägt die Unterschrift von Obergerichtspräsident und Ständerat

Adam Herzog (1829 – 1895), Rechtsanwalt in Beromünster. Einer der angesehensten

Luzerner der damaligen Zeit. 1887 präsidierte er den Ständerat, als gleichzeitig

sein Kollege Josef Zemp (1834 – 1908), der spätere Bundesrat, als höchster

Schweizer dem Nationalrat vorstand. Herzogs Anwaltspraxis befand sich im Geburtshaus

des Philosophen Ignaz Paul Vital Troxler (1780 – 1866), dem Erfinder

des Zweikammersystems und einstigen Sekretär des nachmaligen Gebäudeversicherungsmitgründers

Vinzenz Rüttimann. Das Ständerat-Herzog-Haus (heute

Reisebüro Estermann) verdankt seine Entstehung dem Fleckenbrand vom 12.

März 1764. Das Urteil mit Datum vom 25. Oktober 1893 war aber nur vollstreck -

bar, wenn der Grosse Rat in Sachen Begnadigung hart blieb. Der dramatischste

Akt der Souveränität – in Deutschland wäre er dem Kaiser zugekommen – lag

damals in den Händen der Kantone.

Auf Montag, den 30. Oktober 1893, um halb elf Uhr vormittags war das Kantonsparlament

zusammengetrommelt worden. Einziges Traktandum: das Begnadigungsgesuch

des 26-jährigen Mordbrenners in Verbindung mit Unzucht, einem

weiteren versuchten Mordanschlag und Schädigung der Brandversicherungs -


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Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Mordbrenner Johann

Keller (1867 –1893)

im Sonntagsgewand.

Das Bild sollte für die

Begnadigung werben

Jesus! Maria! Josef!

anstalt. Die Guillotine vor Augen, glaubte der Bösewicht noch eine letzte Trumpfkarte

ziehen zu können: Seine Pflegemutter und Gönnerin habe ihn als 15-jährigen

Knaben zu geschlechtlichem Umgang verführt, und er verdiene deshalb Milderung

des Urteils. Der dreiste Vorwurf des Ränkeschmieds wurde nach einem

kurzfristig anberaumten Blitzverhör der Verdächtigten abgeschmettert. Sechs

Wochen zuvor, am Eidgenössischen Bettag, hatte Keller einen Wärter überlistet

und diesem beim schon zweiten Ausbruchsversuch eine Mostflasche auf den

Kopf geschmettert. Kaum überlebte der Wärter die Tat, die der Staatsanwalt als

Mordversuch einschätzte. Nur deswegen, bekannte Keller, sei ihm das Vorhaben

nicht gelungen, weil er früher am Bettag immer Karten gespielt habe ...

Die ledige Pflegemutter Katharina Pfenniger (67) hatte dem willensstarken

und keineswegs dummen Jungen mit insgesamt 9 000 Franken den Aufstieg zum

Hofbesitzer ermöglicht. Gern hätte sie ihn mit einer wohlausgestatteten Nichte

verkuppelt. Mit dieser trieb es Keller schon, seit sie 14 Jahre alt war. Dass er auf

der Kächmatt noch die Hausmagd Maria Näf (20) geschwängert hatte, erfuhr die

Alte erst nach der gerichtsmedizinischen Sektion der Überreste des Opfers:

Die Leiche befand sich in stark verkohltem Zustande, und erst in grosser Tiefe

kam man wieder auf rötliches Muskelfleisch. Alle inneren Organe waren durch

die Hitze ausgetrocknet und gebraten.

Dank der Umhüllung durch den Uterus sei die Frucht gut identifizierbar gewesen.

Der Anblick des 25 Zentimeter langen weiblichen Embryos – sein Kind! –

und dasjenige von Magd Maria, mag den schwer verdächtigen Inculpaten nach

viel Bauchweh zu einem Teilgeständnis angeregt haben. Kellers letzte Worte,

ausgerufen am 31. Oktober 1893 morgens um neun Uhr, in Gegenwart eines

anonym gebliebenen Henkers und von drei Geistlichen, darunter dem Pfarrer

von Büron und einem Kapuziner vom Kloster Wesemlin, lauteten: Jesus! Maria!

Josef! Amtlich wurde festgestellt: Alle Anwesenden waren erbaut und ergriffen.

Dazu eine kritische Zuschrift an das Luzerner Tagblatt: Man sieht, das goldene

Zeitalter der Reaktion rückt heran, und bald wird der «Henker» als ständiger Angestellter

des hohen Standes Luzern im Etat erscheinen.

Im Protokoll um Leben und Tod wurden die Ja- und Nein-Stimmen wie auf

einer Jasstafel im Fünferbündel gestrichelt. Im Augenblick der Stimmabgabe

bringen die Stimmenzähler je einen Federstrich an. Die je fünfte Stimme macht

einen Diagonalstrich. So wurden von den 126 anwesenden Grossräten 72 Stimmen

für Hinrichtung, 48 für Begnadigung gezählt. Grossratspräsident Beck – der

bei Patt den Stichentscheid hätte fällen müssen – und fünf Ratsherren, darunter

Obergerichtspräsident, Ständerat und Grossrat Adam Herzog und weitere dem

Grossen Rat angehörende Mitglieder des Gerichts, enthalten sich üblicherweise


30

Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Ein Leichnam

für die Anatomie

der Stimme. Die spannend verlaufene Abstimmung demonstriert ein Politikum.

Kellers Seelsorger, vor allem aber Pressediskussionen und Briefe aus dem ganzen

Lande – so das Schreiben einer christlich-pazifistischen katholischen Schweizerbürgerin

aus Winterthur – hatten die Todesstrafe mit humanitären Argumenten

in Frage gestellt. Sogar aus dem fernen Genf war ein eindrucksvoller Brief eingetroffen.

Auf der anderen Seite hagelte es Zuschriften von Männern, die sich für das

Henkerswerk zur Verfügung stellen wollten. Zwei Wochen, bevor das Haupt fallen

sollte, liessen es sich Professoren der Anatomie der Universitäten Basel und

Zürich namens Stöhl und Kollmann ihrerseits nicht nehmen, um die wissenschaftliche

Auswertung der Leiche nachzusuchen. Man einigte sich salomonisch.

Beide Institute schickten Fachleute an den Ort der Vollstreckung, den Innenhof

der Luzerner Strafanstalt. Die älteste noch vorhandene geköpfte Leiche dieser

Art, das Skelett eines Verbrechers mit Namen Karrer, 1543 vom Sezierkünstler

Andreas Vesalius (1514 – 1564) kunstvoll zum Ausstellungsstück designiert, bildet

eine makabre Zierde der Anatomischen Sammlung der Universität Basel.

Was hatte nun diese Geschichte mit der 1810 gegründeten Gebäudeversicherung

Luzern zu tun? Diese hatte schon seit den 1830er Jahren besonders in wirtschaftlich

schlechten Zeiten Ärger wegen von Versicherungsbetrügern entfachten

Spekulationsbränden.

Als es noch keine Boulevardpresse

gab: Die Geschichte des Mordbrenners

Keller wurde in Zürich in hoher

Auflage als Sonderdruck verbreitet

Johann Keller hatte nach dem Tod des ledigen Bruders seiner Pflegemutter das

Bauernhaus an der Kächmatt oberhalb Büron erworben. Dieses war von der damaligen

Brandversicherung Luzern in jährlich vorgenommenen Einschätzungen

zuletzt auf einen Versicherungswert von 7 200 Franken veranlagt. Der Hausrat

war bei der Basler Versicherungsgesellschaft zusätzlich im Betrag von 10 200

Franken versichert. Was Scheune und Stallungen betraf, trug sich Keller mit

einem Ausbauvorhaben. Das Baumaterial war zum Teil bereits herbeigeschafft.


31

Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Ein fast perfektes

Verbrechen

Haus gilt mehr als ein

Menschenleben

Der teuflische Plan scheint dahin gegangen zu sein, zunächst die Magd Maria

Näf samt Leibesfrucht zu beseitigen und sich anschliessend von der Versicherung

einerseits, von der Pflegemutter andererseits die Basis für ein neues Leben

finanzieren zu lassen. Nach gelungener Tat wollte er die 19-jährige einstige

Mädchenbraut Maria Pfenniger in die Ehe heimführen.

Das Verbrechen war mit Raffinesse eingefädelt. In der Samstagnacht vom 22.

auf den 23. April um elf Uhr schlug Keller der schlafenden Schwangeren mit

einem zweieinhalb Kilo schweren Hammer den Schädel ein. Nicht minder kaltblütig

steckte er eine Viertelstunde später Wohnstube und Schlaftrakt mit Petrol,

Zeitungen und Kleidern in Brand. Sein Knecht Toni Widmer, wegen schwerer

Trunkenheit in komaartigem Tiefschlaf, drohte im Brand zu ersticken. Keller

schleppte den Benommenen ins Freie. Der rechtzeitig entronnene zweite Knecht,

der einheimische Familienvater Bartholomä Wyss, rettete zusammen mit seinem

Meister die Lebware, sieben Kühe und noch einige Kälber. Für zwei Schweine

kam die Hilfe zu spät. Beim Einsturz des Bauernhauses, dessen Fenster beim

Brand offen geblieben waren, blieb die versengte Leiche der Magd wie angeklebt

auf der Matratze liegen. Dieser Befund erschien nicht nur dem herbeigeeilten

Gemeindeammann Albisser seltsam. Die Verdachtsmomente häuften sich. Keller

wurde, wie auch sein Knecht Widmer, noch am Tag nach dem Brand in Gewahrsam

genommen. Der ursprüngliche Hauptverdacht – Versicherungsbetrug – wurde

nach der gerichtsmedizinischen Untersuchung in die Befunde Mord, Brandstiftung,

fortgesetzte Unzucht und Mordversuch umgewandelt. Die Vorsätzlichkeit

des gelegten Feuers war offensichtlich. Das gemeingefährliche Verbrechen, dem

auch weitere Hausbewohner hätten zum Opfer fallen können, steht neben dem

Kapitalverbrechen Mord an zweiter Stelle, wird aber bei der Entschädigungsfrage

überaus gewichtig. Die Brandversicherung Luzern stellte dem Täter eine

vom Gericht anerkannte Rechnung in der Höhe von 6 970 Franken, wohingegen

der Mutter des Opfers als Genugtuung für den Tod der Magd (einschliesslich

nicht bezahlten Lohns) 4 000 Franken, dem Knecht Anton Widmer für den unverschuldet

ausgestandenen Gefängnisaufenthalt 200 Franken zugesprochen

wurden.

Zur Brandstiftung vermerkte Obergerichtspräsident Adam Herzog: Die Brandlegung

hatte den zugestandenen Zweck, die Spuren des vorher bereits vollendeten

Hauptverbrechens des Mordes zu verdecken. (…) Abgesehen davon, dass diese

Brandstiftung eine Gefahr für (weitere, P.M.) Menschenleben in sich schloss, hat

der Brandstifter durch die Inbrandsetzung seines Eigentums den Staat geschädigt.

Es mag im Zweifel bleiben, ob Beklagter in erster Linie nicht auf die Lukrierung

der hohen Versicherungssumme tendierte; immerhin musste ihm bekannt sein,


32

Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Umstrittene Todesstrafe

dass er durch das Verbrechen den Staat um die Versicherungssumme schädige

resp. betrüge. Es ist somit festgestellt, dass Beklagter sich der Brandstiftung im

Sinne des § 110 des Kantonalen Strafgesetzbuches schuldig gemacht hat.

Dass Mordbrenner Keller einen Kopf kürzer gemacht werden sollte, war im

Vergleich zu der ein Jahr zuvor erfolgten Guillotinierung des italienischen Lustmörders

Ferdinando Gatti (1867 – 1892) vergleichsweise umstritten. Der Italiener

hatte sich – nach dem berüchtigten Vorbild von Jack the Ripper – an einer ehrenhaften

Luzernerin vergangen. Als Ausländer mit krimineller Vergangenheit

konnte er auf keine mildernden Umstände hoffen. Dabei wurden aber einheimische

Täter, die wie Keller ihre Geliebte bzw. Familienangehörige umgebracht

hatten, 1866 und 1885 vom Grossen Rat begnadigt. Nach einem lebensgefährlichen

Anschlag auf einen Polizisten durfte aber ein Mordbrenner kaum auf Schonung

hoffen.

Johann Keller ist nicht nur als Privatkrimineller, sondern als gemeingefährlicher

Verbrecher in die Luzerner Kriminalgeschichte eingegangen. Wiewohl man

auf den versuchten Versicherungsbetrug nicht insistierte, war dieser im Zusammenhang

mit der erheblichen Schadensumme offensichtlich. Seit Jahrzehnten

schob man die Zunahme der nicht ermittelten Brandstiftungen der wohltätigen

Institution der Gebäudeversicherung in die Schuhe. Die Gelegenheit, ein brutales

Exempel zu statuieren, war diesmal geboten und wurde genutzt. Der Kopf des

Mordbrenners Keller war nicht zu retten. Dazu kam, dass die laufende Kampagne

gegen die Todesstrafe zunehmend einen parteipolitischen Charakter annahm. Das

Gesetz über die Wiedereinführung der Todesstrafe von 1862 war ein Werk der

konservativen Partei. Die vom Luzerner Tagblatt mitausgelöste Polemik gegen den

Henker war kaum geeignet, den nebst Nationalrat Zemp angesehensten konservativen

Politiker, Ständerat Adam Herzog, umzustimmen. 1797 wurde auf dem

Galgenfeld von Beromünster der Schreiner-Marti als letzter Hingerichteter des

Ancien Régime vom Leben zum Tode gebracht. Der Mordbrenner Keller musste

fast 100 Jahre danach das Urteil im Namen des Volkes entgegennehmen. Ständerat

Herzog, in der Fülle seiner Ämter damals der mächtigste Mann im Kanton,

trägt die persönliche Hauptverantwortung für den Ausgang dieser filmreifen

ländlichen Kriminalgeschichte. Der Hof Kächmatt in Büron wurde nach dem

Verbrechen nicht wieder aufgebaut, der mit Schande und Schrecken befleckte

Name ist aus den Landkarten gelöscht worden und aus dem Gedächtnis des

Volkes abgegangen.


33

Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Vom Privatisierungsprojekt zum Kinostreit

Treuer Diener der

Brandversicherung

Luzern: Dr. Gottfried

Sigrist (1905 –1983)

Denkwürdige

Kinogeschicht

Das erste Jahrhundert der Gebäudeversicherung kann nicht als Heldengeschichte

erzählt werden. Nach Luzerns Stadtbrand von 1833 musste das Gesetz von 1811

revidiert werden, und nach dem Katastrophenjahr 1861, als die Schweiz auch

durch den Brand von Glarus geschockt war, lag die Brandversicherung Luzern

gleichsam auf dem Boden. Wegen mangelnder Leistungsfähigkeit der Institution

forderte der Luzerner Gemeinderat Friedrich Berchtold in einer glänzend formulierten

Streitschrift, gedruckt 1866, mit modernen Argumenten deren Privatisierung.

Für Unternehmer und Hotelbesitzer sei es attraktiver, sich bei auswärtigen

Gesellschaften privat versichern zu lassen, wobei Berchtold auf das im Sinne des

Liberalismus fortschrittliche Beispiel Genf verwies. Er legte ein wohldurchdachtes

Projekt-Gesetz zur Freigebung des Versicherungswesens an die vom Staate

konzessionierten Feuer-Versicherungs-Gesellschaften vor. Dieses hätte schon am

1. Januar 1868 in Kraft treten sollen. Regierung und Parlament retteten den

Monopolbetrieb mit der Totalrevision des Brandversicherungsgesetzes von 1869.

Der Gedanke einer angemessenen Rückversicherung, auch die Bildung eines Verbandes

der Schweizerischen Brandversicherungen (1902), setzte sich endlich

durch. Weitere Reformen (1892) zielten in Richtung Neuwertversicherung. 1934

kam die Elementarschadenversicherung.

Vor der abermaligen Totalrevision des Gesetzes (1922) wurde der Streit um die

Sicherheit der ersten Luzerner Kinos denkwürdig. Gemäss Felix Bucher, Geschichte

des Luzerner Kinos (1971), kaschierte sich die moralgetränkte Ablehnung

einer neuen Kulturform in Form von feuerpolizeilichen Vorbehalten. Dabei

strotzt die Weltkulturgeschichte von dramatischen Theaterbränden, was die diesbezügliche

amtliche Skepsis gegen kinematographische Vorführungen begreiflich

erscheinen lässt. Über die Geschichte der Schlauchprüfstelle von 1931, die weitere

Mechanisierung und Motorisierung der Feuerwehr, die Vervollkommnung

des Alarmwesens mit der Einführung des Telefons und des Handys, die Errichtung

einer Ölwehr, Stützpunktfeuerwehren, die Entwicklung der Reserven und

Subventionen möchte ich mich nicht äussern. Über viele dieser Themen hat sich

für die ersten 160 Jahre der Institution Dr. Gottfried Sigrist (1905 – 1983), seit

1942 Verwalter der Brandversicherung Luzern, in der Festschrift 75 Jahre Feuerwehrverband

des Kantons Luzern (1970) ausgelassen.


34

Pirmin Meier Löschwisch – Hauswurz – Mordbrenner

Lob des Gemeingeistes

Der leutselige Wirt

Burkhard Mattmann

(1882 –1935), Gisikon

Mindestens so beeindruckend wie die technischen Entwicklungen scheinen mir

die menschlichen Qualitäten zu sein, die beim Einsatz der Feuerwehrleute von

Beromünster und Buttisholz, beim reformbegeisterten Engagement von Junker

Schnyder bis zu dem mit dem Leben bezahlten Einsatz des einen oder anderen

tollkühnen Mannes zum Ausdruck kamen. Über den Kronenwirt von Nottwil,

Ferdinand Amrein (verunglückt 1935), wird berichtet: Nachdem er in der Transformatorenstation

den Leitungsstrang ausgeschaltet hatte, wobei aber die Ausschaltung

des Strassenlampenschaltdrahtes unterblieb, begab sich Amrein auf das

Dach des Wohnhauses, um die Zuleitungsdrähte zum Brandobjekt abzuschneiden.

Ohne sich anzugurten, wollte er am Dachständer diese Arbeit ausführen, erhielt

aber beim Berühren eines Lichtleitungsdrahtes durch den nicht ausgeschalteten

Strassenlampendraht Rückstrom von ca. 220 Volt Spannung, wurde stark elektrisiert,

verlor den Halt und stürzte kopfüber vom Dache, so dass der Tod sofort

eintrat.

Ein gänzlich anderer Typus von Milizfeuerwehrmann als der Nottwiler war

Burkhard Mattmann (1882 – 1935), Gastwirt zum Tell in Gisikon. Er war der

joviale Mittelpunkt der Gemeinde, Gemeindeammann, Feuerwehrkommandant,

kantonaler Feuerwehrinstruktor und für die Gebäudeversicherung viele Jahre

lang die glaubwürdige Autorität für die Einschätzung von Landschäden. Noch

mehr Ämter erfüllte Hans Hollenwäger von Sursee (1859 – 1939), ein Mann mit

Patriarchenbart: Kaminfegermeister, Waisenvogt, Präsident des Ortsbürgerrates,

nebenamtlicher Stadtarchivar, Artillerie-Feldweibel, Gründer des Artillerievereins

Surental und notabene noch kantonaler Feuerwehrinspektor. Lebensläufe

dieser Art wären für die vergangenen 200 Jahre in grosser Zahl nachzuerzählen,

Tendenz aber klar abnehmend. Es bleibt aber dabei: Nebst dem Lob der zupackenden

Frauen bei Jost Schnyder von Wartensee bleibt dem im Kanton Luzern

generationenlang mustergültig gelebten Milizgedanken für alle Zeiten ein

Kränzlein zu winden. Ohne einen guten Rest dieses alten Gemeingeistes, wie die

Gebäudeversicherung nicht gewinnorientiert, wird Sicherheit für die Zukunft

auch für sehr viel Geld nicht zu kaufen sein.

Hans Hollenwäger

(1859 –1939), Sursee,

Feuerwehrinspektor

mit Patriarchenbart


Teil 2

Delf Bucher

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Delf Bucher liebt es, als Historiker und Journalist den Staub der Archive aufzuwirbeln, aber

weniger liebt er staubtrockene Geschichten. Glücklicherweise sticht einem bei der 200-jährigen

Geschichte der Gebäudeversicherung Luzern nicht nur bürokratischer Aktenstaub in die Nase,

sondern beisst auch der Rauch in der Nase, entzündet Feuer Emotionen. Und wenn es einer

Institution in ihrer 200-jährigen Geschichte gelungen ist, existenzielles Leid der Menschen

durch Brand- und Naturkatastrophen erfolgreich zu mindern, dann wird es spannend ...


37

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Wie zwei Kaiser den republikanischen Eidgenossen zur Brandversicherung verhalfen

200 Jahre Versicherungsgeschichte:

Im Zeitraffer überflogen

1810 erging die gute Nachricht an alle Gebäude -

eigentümer des Kantons Luzern: Dank der neu

gegründeten Brandversicherungsanstalt sollten

von nun an alle Gebäude gegen Brand schaden

ver sichert sein. So richtig ruhig schlafen können

Hausbesitzer allerdings erst 200 Jahre später:

Mittlerweile haben Prävention und die wirkungs

vollen Feuerwehren Grossbrände zu einem

seltenen Ereignis gemacht. Und auch die

elementaren Gefahren wie Hagel, Sturm oder

Hochwasser sind seit 1934 versichert.

Luzerner Grossbrand in

der Nacht vom 12. auf

den 13. Juni 1833:

In brutaler Wucht tobte

das Inferno zwischen

Weinmarkt und Kornmarkt

an der Reuss


38

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Bild links:

Napoleon war ein wich -

tiger «Geburtshelfer»

Bild rechts:

Das Gründungsgesetz

der Brand-Versicherungs-Anstalt

von 1810

(Ausschnitt)

Organisierte Solidarität statt St. Florian

«Sicherer und sorgenfreyer lebt

der Hausvater ...»

Über verschlungene Wege ist die republikanische

Schweiz vor mehr als 200 Jahren zur

ersten Brandversicherung gekommen. Eine

Kaiserin und ein Kaiser standen als Geburtshelfer

an ihrer Wiege. Da war zum einen Napoleon.

Nach den Wirren der Helvetik schlug

er in der Mediationsakte von 1803 dem neu

gegründeten Aargau das vorderösterreichische

Fricktal zu. In diesem eher rückständigen

Bauernland mit seinen stroh- und

schindelbedeckten Dächern prangte schon

damals an jeder Hütte eine Ziffer auf einem

Blechtäfelchen – die Nummer der staatlichen

Brandversicherung, die ganz nebenbei auch

für die erste Nummerierung der Liegenschaften

sorgte.

Die segensreiche Institution der Fricktaler

Brandkasse hatte die österreichische Kaiserin

Maria Theresia 1764 im Zuge ihrer Staatsreformen

etabliert. So waren es die Fricktaler

bereits seit fast vier Jahrzehnten gewohnt,

sich gegen existenzvernichtende Brände zu

versichern. Auch als frischgebackene Eidgenossen

wollten sie diesen Fortschritt nicht

missen. Und der Grundgedanke einer auf

Gegenseitigkeit und Solidarität beruhenden

Feuerkasse überzeugte viele Politiker im

Aargau. Mit Feuereifer stimmte da auch

1802 der Vorsteher des Polizeidepartements,

Johann Karl Fetzer, sein Loblied auf die

Institution einer Brand-Assekuranz im Kantonsparlament

an: «Sicherer und sorgenfreyer

lebt der Hausvater in seinem wohl be-


39

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

stellten Haus, und zittert nicht vor jeder

schwarzen Gewitterwolke, die ihm einen

zün denden Blitzstrahl in die Wohnung zu

schleudern, und ihn vielleicht in gänzliche

Armuth zu stürzen drohet.»

Fetzer erwartete aber auch noch etwas anders:

Banken und betuchte Leute seien weit

mehr bereit, einen Baukredit zu gewähren,

«wenn sie sich nicht mehr besorgen dürfen,

dass das darauf verwendete Kapital ein Raub

der Flammen werden könnte.»

Gründungsboom: 1810 Luzern

Die Argumente des Regierungsrats Fetzer

zündeten und nur wenige Monate nach der

erste Debatte war 1805 die «zweckmässige

Feuervergütungs-Assekuranz» im Kanton

Aargau ins Leben gerufen. Der aargauischen

Pioniertat folgten rasch andere Kantone: In

der Kette der neu gegründeten kantonalen

Brand versicherungsanstalten war auch jene

des Kantons Luzern. Am «6. Weinmonat»

1810, also am 6. Oktober 1810, verabschiedete

der Grosse Rat von Luzern das «Gesetz

die Ausstellung einer Brand-Versicherungs-

Anstalt verordnend». Und um ihrem Willen

besonderen Nachdruck zu verleihen, setzten

die versammelten Parlamentarier fest: «Die

Wohltat der beschlossenen Brand-Versicherungs-Anstalt

nimmt von heute an ihren

Anfang.»

Allerdings wollte die Wohltat nicht sofort

erspriesslich gedeihen. Der Erfolg des Unternehmens

war ungewiss und immer wieder

stand die Brandversicherung vor dem Scheitern.

Wer in den Annalen der Brandversicherung

Luzern blättert, stösst in den ersten

100 Jahren auf die immer gleichen Klagen:

Die Versicherung sei chronisch unterkapitalisiert.

Der Versicherungsschutz sei unzureichend

und decke nach einem Brand nicht

den ganzen Schaden ab. Das Monopol sei

brüchig, da risikoreiche Fabrikliegenschaften

nicht versichert werden könnten und so die

Fabrikanten zu privaten Asse kuranzen im

Ausland Zuflucht nehmen müssten.

So war die Versicherung im ersten Jahrhundert

ihres Bestehens immer wieder angefochten.

Skeptiker fürchteten den Staatsbankrott

des Kantons, liefen Sturm gegen

die staatliche Versicherung. Aber das Kantonsparlament

wies alle Vorschläge einer

Privatisierung ab und hielt an der obligatorischen

Monopolversicherung für alle Gebäudebesitzer

fest. Die Standfestigkeit stellte

sich im Nachhinein als Segen heraus. Denn

sie schuf das Fundament, auf dem die moderne

Versicherung bis heute basiert. Mit der

organisierten Solidarität aller liess sich im

Kanton Luzern ein Schutz aufbauen, der auf

drei Pfeilern ruht: auf Prävention, Stärkung

der Feuerwehren und der unkomplizierten

und kostengünstigen Versicherung im Schadenfall.


40

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Brandrisiko berechenbar

Warum aber wurde die Versicherung in den

ersten 100 Jahren immer wieder in Frage gestellt?

Der strukturelle Fehler war schon bei

der Gründung eingewebt: Der Kanton Luzern

wollte seine Brandkasse nur als Wurmfortsatz

der Finanzkanzlei sehen und nicht als

eine eigenständige Institution begründen.

Das aufwendige Geschäft der Versicherung

von fast 30 000 Gebäuden sollte im Nebenamt

betrieben werden. Für den Einzug der

Brand steuer, für Schatzung und Bemessung

im Schadenfall waren überforderte Miliz-

Gemeinderäte zuständig. Die Vorgaben zu

den Brandvorschriften und die von Jahr zu

In Zukunft hat die GVL gerade im

Zeichen des Klimawandels vor allem

bei den Elementarschäden neue

Heraus forderungen zu bestehen.

Jahr schwankende Höhe der Brandprämie

kündeten die Pfarrherren von der Kanzel

herab. Erst 1922 wurde die Versicherung aus

dem Finanzdepartement entlassen und zu

einer autonomen Institution mit ausreichenden

Rücklagen, professionellen Strukturen

und Rückversicherungssystemen ausgebaut.

Das war dann der eigentliche Startschuss, um

eine moderne Versicherung zu entwickeln.

Finanzmathematisch berechnete Prämien

sorgten endlich dafür, dass sich Rücklagen

bildeten. So schwankte der Versicherungssatz

nicht von Jahr zu Jahr.

Bereits 1903 schlossen sich die kantonalen

Gebäudebrandversicherungen zur Vereinigung

Kantonaler Feuerversicherungen (VKF) zusam

men. Dank dem beinahe die ganze

Schweiz umspannenden Netz erwies sich die

VKF als Schrittmacher für den modernen

Brandschutz in der Schweiz. Und dank dem

geschärften Bewusstsein der Bevölkerung für

die Brandgefahren, den feuerpolizeilichen

Bau vorschriften und den modernen Feuerwehren

sind heute Brandrisiken zu einem mathematisch

berechenbareren Risiko geworden.

Anders lagen die Dinge bei den Elementarschäden.

Wind und Wasser galten lange

als versicherungsmathematisch unkalkulierbar.

Trotzdem wagte die Luzerner Brandversicherungs-Assekuranz

1934 den Schritt,

auch von Sturm, Hochwasser, Hagel und Erdrutsch

ausgelöste Schäden zu versichern.

Konsequent veranschaulicht dies die Namens -

änderung. Seit 1977 heisst die ehemalige

Brandversicherungsanstalt Gebäudeversicherung

des Kantons Luzern (GVL). In Zukunft

hat die GVL gerade im Zeichen des Klimawandels

vor allem bei den Elementarschäden

neue Herausforderungen zu bestehen.


41

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Architektonisches Signal anno 1952: Mit dem

Neubau am Pilatusplatz wurde augenfällig, dass die

Gebäudeversicherung Luzern eine unabhängige

Institution ist.


43

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Von der planlosen Schluderei bei der Brand bekämpfung zum Katastrophenmanagement

Erst die Versicherung formt die Feuerwehr

Von den 1890er Jahren an sprudelte das Geld

der Brandversicherung Luzern für die Feuer -

wehren des Kantons reichlich. Rasch etablierte

sich der Brandschutz auch in der Luzerner

Landschaft. Der verheerende Brand von 1876 in

der Werthensteiner Teilgemeinde Wolhusen am

Markt zeigt aber: Noch in der zweiten Hälfte des

19. Jahrhunderts war das Löschwesen auf dem

Land völlig unterentwickelt.

Werbung des Feuer -

wehrausrüsters Kupper’s

Söhne in Gross wangen:

Mit dem wachsenden

Bewusstsein für besser

ausgestattete Wehren

wächst ein ganz neuer

Industriezweig seit Mitte

des 19. Jahrhunderts

heran


44

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Wolhusen-Markt: Die

akribisch-genaue Skizze

zeichnet den Verlauf des

Brandes in der Nacht

vom 6. auf den 7. März

1876 nach

Am Montag, 6. März 1876, regnete es in

Wol husen-Markt in Strömen. Die alte Fasnacht

lockte nur noch wenige Masken ins

Gasthaus Krone. Plötzlich wurden die flotten

Tanzmelodien des Klavierspielers vom Sturmgeläut

der Kirche und von den verzweifel ten

«Fürio»-Rufen übertönt.

Öllampe im Stall

Der Chronist des Dorfbrandes, der Arzt Sebastian

Grüter, schildert später in seiner

Schrift «Der Brand von Wolhusen-Markt» detailgetreu,

wie das «verderbnisvolle Feuer»

seinen Ausgang genommen hat.

Der Anlass war klein. Der Bäcker Anton

Bürli-Lustenberger wollte seiner Geiss beistehen,

die gerade ein Kitzlein zur Welt

brachte. Die Öllampe fiel um und entzündete

im Nu die kleine Scheune, die das Dach des

Hauses von Anton Bürli beinahe berührte.

Der Chronist Grüter tadelt denn auch in seiner

Schrift: Die Brandursache sei der «Nachlässigkeit

der Feuerpolizei» geschuldet, «welche

offene Lichter in den Ställen duldete».

Vom brennenden Haus breiteten sich die

Flammen, «gepeitscht vom rasenden Wind»

im Nu über die ganze Häuserreihe aus. Die

Flammen leckten mit kaum bezwingbarer

Gier an allem, was ihnen in den Weg kam.

«Es dauerte kaum ein halbe Stunde, so


45

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

stunden bereits alle 13 Gebäude im untern

Theil des Marktes in hellen Flammen», so

Grüter.

121 Menschen obdachlos

Und dann drehte noch der Wind. Viele der

bisher verschonten Häuser standen plötzlich

auch in Flammen. Zum Schluss wurde vom

Brandplatz die traurige Bilanz vermeldet:

20 Häuser ausgebrannt, 121 Menschen obdachlos.

Nur sieben Häuser, bewohnt von

ungefähr 80 Menschen, blieben von dem

Feuer verschont.

«Es dauerte kaum ein halbe Stunde,

so stunden bereits alle 13 Gebäude

im untern Theil des Marktes in

hellen Flammen.»

Am Morgen nach der Brandnacht standen

die Opfer des Dorf-Infernos frierend und

schlotternd zwischen den abgebrannten Ruinen

herum. Immer noch glimmte in den verkohlten

Balken die Glut. Und als die Obdachlosen

am nächsten Morgen Inventur

über ihre geretteten Habseligkeiten machten,

war das Ergebnis niederschmetternd: Vieles

war gestohlen worden. Grüter tadelte in seiner

Chronik scharf die nachlässige und

pflichtvergessene Brandwache, die ihren

Dienst nur recht lax versah. Indes unterzog

er nicht nur die Brandwache einer schonungslosen

Kritik, sondern den ganzen

Löscheinsatz.

Spritze nur fürs Kloster

Zuallererst wurde das Fehlen einer Feuerwehrspritze

von dem Doktor moniert, der

später übrigens als Aktuar des Hilfskomitees

fungierte. Grüter schreibt den Behörden ins

Stammbuch: «Aus einem unerklärlichen

Grunde liess zudem der Gemeinderat von

Werthenstein alle im Markt befindlichen

Feuereimer und Haken mit den vorhandenen

Uniformen der sogenannten Feuerläufer vom

Markt weg ins Kloster Werthenstein bringen.

Die in der Gemeinde Werthenstein befindliche

einzige und ältere Feuerspritze war im

Klostergebäude untergebracht und diente

vorzugsweise nur zum Schutze derselben

sowie der zunächst stehenden Gebäude.»

Eine alte Spritze, mehr als ein halbes

Jahrhundert alt, hätte sich wohl im Dorf

Wiggern befunden. Die alte Spritze sei aber,

so Grüter, «für ein grösseres Brandunglück

notorisch ungenügend». Dass sich die Gemeinderäte

von Werthenstein und Wolhusen


46

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Oldtimer unter den

Feuerspritzen: Eine

Gerätschaft aus dem

17. Jahrhundert

die «Anschaffung einer grösseren gemeinschaftlichen

und währschaften Saugspritze»

versagten, hätte sich in der Brandnacht bitterlich

gerächt.

Aber der kritische Grüter legte seinen Finger

noch auf einen anderen wunden Punkt:

den damals notorischen Mangel, feuerpolizeiliche

Vorschriften zu erlassen und sie

«Schöne glänzende Helme

zieren wohl den Feuerwehrmann,

machen ihn selbst aber nicht zum

Manne der That.»

auch durchzusetzen. «Sowohl die kantonale

als die Ortspolizei liessen bei dieser wichtigen

Sache nicht die gehörige und stramme

Aufsicht walten, welche bei einem so feuergefährlichen,

aus nur aneinander gebauten

Holzhäusern bestehenden Dorfe notwendig

erschien. Ja, noch mehr! Schon oft haben

Brandausbrüche dem Dorfe den Untergang

gedroht, konnten aber durch die Wachsamkeit

und Energie der Bürger jedes Mal wieder

gedämpft werden», so der Landarzt.

173 000 Goldfranken

Für die Brandversicherung Luzern war der

Grossbrand in Wolhusen-Markt mit einer

Summe von 173 000 Goldfranken der grösste

Schadenfall in den 66 Jahren ihrer Geschichte.

Die Versicherungssumme wurde

gut eingesetzt. Wenigstens notiert Sebastian

Grüter in seinem Büchlein: «Der Markt darf

sich seither zu den schöner gebauten Dörfern

des Kantons zählen, gegenüber dem

frühern, alten und düstern Flecken.»

Was Grüter ebenfalls erfreute: Die Not

habe die Gemeinde Werthenstein gelehrt.

Der Neuaufbau von Wolhusen-Markt sei

nach feuerpolizeilichen Gesichtspunkten erfolgt.

Die Häuser wurden hauptsächlich als

Steinhäuser wiedererrichtet. Und dann seien

auch unmittelbar nach der Katastrophe moderne

Saugspritzen angeschafft worden.

Aber Grüter warnt auch: «Schöne glänzende

Helme zieren wohl den Feuerwehrmann,

machen ihn selbst aber nicht zum

Manne der That.» Erst regelmässige Übungen

an den modernen Spritzen, erst klare Befehlsstrukturen

der Feuerwehrmannschaften

bringen nach Ansicht des Chronisten wirklich

mehr Schutz vor der Feuersbrunst. Ein

Rat, den Grüter auch an die Dörfer der

Landschaft richtet, wo immer noch die «verdammte

Nach- und Fahrlässigkeit der betreffenden

Behörden in Bezug auf das so wichtige

Feuerwehrwesen» vorherrsche.


47

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Schäden verhüten statt vergüten

Um 1900 findet die Offensive der Feuerwehren

statt. Massiv wird die Schadenprävention verstärkt.

Das jahrzehntelange Bemühen um

Brandverhütung ist in der Statistik unübersehbar.

Die Nacht vom 6. März 1876 hatte sich im

Gedächtnis der Bewohner von Wolhusen-Markt

eingebrannt. Auch als die Ruinen des Dorfbrandes

schon längst durch schmucke Häuser

ersetzt waren, stand das bis dahin kaum

beachtete Feuerlöschwesen auf der loka len

Agenda oben an. So schaffte die Gemeinde

Werthenstein für Wolhusen-Markt schon wenige

Jahre später eine moderne Spritze an.

Auch das benachbarte Wolhusen verfügte bald

über zwei Spritzen. Indes: Moderne Spritzen

alleine machen noch keine wirksame Brandbekämpfung.

Das hämmerte Heinrich Sidler,

der erste Präsident des 1894 gegründeten

Kantonalen Feuerwehrverbands, den Feuerwehr

leuten unaufhörlich ein. In einem Vortrag

um schrieb Sidler die Situation recht

drastisch: Viele der neu angeschafften Spritzen

im Kanton würden gerade einmal im

Jahr ihr Verlies verlassen, um für eine Viertelstunde

«Strassen und die Passanten» nass

zu spritzen.

Statt Spritzen-Gaudi predigte Sidler in

pathe tischen Worten Disziplin und Ernsthaftigkeit.

Nur mit diesen Tugenden ausgestattet

liesse sich dem «alles verzehren den Feind

Feuer» energisch ent gegentreten. Resümee

des Feuer wehr ver bandspräsidenten, der im

Militär den Rang des Majors bekleidete:

«Die Feuerwehren sind nach militärischem

Muster zusammengestellt, gleichheitlich gekleidet

und zur Bekämpfung ihres Feindes,

des vernichtenden Elements, des Feuers,

entsprechend bewaffnet oder ausgerüstet,

ferner sind auch Kommandos sowie Exer -

zitien militärischen Einrichtungen entnommen.»

Das Militärische war nicht nur Sidlers Steckenpferd.

Drill und Disziplin machten sich

überall bei der Feuerwehr breit. Scharfe Kommandos

waren nun auch bei Feuerwehrübun

gen zu hören. Dort hiess es wie auf dem

Kasernenhof zackig: «Ganzes Bataillon links

schwenk Marsch!»


48

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Kantonale Feuerwehrübung um 1900

vor dem Surseer Rathaus: Seit 1896

trafen sich die Wehren aus dem ganzen

Kanton zu Instruktionskursen

Das behagte nicht jedem. Vor allem als

1903 die Freiwillige Feuerwehr nicht mehr

ganz so freiwillig war, sondern in Paragraf

55 des «Gesetzes betreffend die Feuerpolizei»

die Dienstpflicht dekretiert wurde. Viele

Dienstverpflichtete wollten sich aber nicht

zur Feuerwehr abkommandieren lassen. Sie

verlangten Befreiung vom Dienst.

Ein besonders kurioses Gesuch aus Wer -

thenstein-Markt findet sich im Staatsarchiv

des Kantons Luzern und ist datiert auf das

Jahr 1909. Die Bauunternehmer Ranzi und

Riedweg machten beide einen Herzfehler

geltend, um sich von der Feuerwehr-Dienstpflicht

entbinden zu lassen. Bei der Feuerwehrkommission

von Werthenstein stiess


49

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Feuerwehr unter Dampf:

Im Dampf zeitalter des

19. Jahrhunderts erfolgt

die Motorisierung der

Spritze

das Dispensgesuch auf taube Ohren. Als die

beiden Rekurs einlegten, schrieb die Gemeindebehörde

einen geharnischten Brief

an den Regierungsrat: «Es entbehrt nicht

einer gewissen Komik, wenn die Opponenten

sich heute körperlich so gebrechlich

fühlen, dass selbst die Bedienung einer

Schlauchleitung ihnen lebensgefährlich erscheinen

will, wäh rend sie morgens irgend -

wo auf einem Baugerüst herumklettern oder

wie es noch in ganz jüngster Zeit vorgekommen

ist, dass beide in der Gesellschaft

mit unermüdlicher Ausdauer bei Walzer und

Galopp das Tanzbein schwingen.» Es wird

auch noch vermerkt, welchen Strapazen sich

Riedweg aussetzte, als er die Hochtour mit

dem Männerchor Wolhusen auf den Titlis

unternommen hatte. Vor allem eines stört

die Feuerwehrkommission von Werthenstein:

Die Absenz der beiden «kerngesunden

Männer» liess bei den anderen Dienst verpflichteten

das «Gefühl der Ungleichbehandlung»

aufkommen. Der Regierungsrat unterstützte

die Feuerwehrkommission in ihrer

unnachgiebigen Haltung.

Der Trend zu disziplinierten, gut organisierten

Wehren liess sich nicht durch einige

Dienstmüde und Drückeberger aufhalten.

Und wenn manchem Sidlers drastische Vorliebe

fürs Militärische fremd ist, lässt sich

auch heute kaum bestreiten: Ohne Kommandostrukturen

geht es im Notfall nicht.

Sidler machte aber nicht nur grosse Worte

um sein Credo vom ständigen Training mit

Spritze, Schlauch und Leiter. 1896 organisierte

der Präsident des Kantonalen Feuerwehrverbands

den ersten «Wendrohrführerkurs»

in Luzern. Von nun an finden in immer

rascherer Folge achttägige Instruktions- und

Übungskurse im ganzen Kanton statt.

Eigentlich waren die Dörfer bereits seit

Gründung der Brandversicherung Luzern 1811

verpflichtet, Feuerwehren zu gründen. Ein

Papiertiger, dem erst mit dem Feuerpolizei -

gesetz von 1903 zubeissende Zähne wuchsen.

Mit der nun festgeschriebenen Dienstpflicht

werden die Männer zwischen 20 und

50 Jahren systematisch rekrutiert und wird

Buch über die dienstfähigen Feuerwehrleute

geführt. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs

zählt der Kanton Luzern fast 14 000

Feuerwehrmänner – eine Zahl, die später nie

wieder erreicht wurde. Heute sind es noch

6 300 Frauen und Männer, die im Kanton

Luzern Feuerwehrdienst leisten.

Papiertiger lernt beissen

Schaden verhüten statt vergüten

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stehen nicht

nur genügend Männer unter Dienstpflicht.

Rasch wächst auch die Zahl der Spritzen,


50

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Mit höherem Sozialprestige

der Feuerwehren gibt es

um 1900 Agathafeiern und

auch Urkunden für den

Kommandanten

Schläuche und Schiebeleitern. Ein Netz von

Hydranten überzieht die Städte und in jedem

Dorf wird zumindest ein Löschweiher angelegt.

Der Fortschritt im Löschwesen braucht

Geld. Zum Hauptfinanzierer der Feuerwehren

wurde die Brandversicherung Luzern. Von

1888 an werden Jahr für Jahr bedeutende

Mittel des Unternehmens für die Brandprävention

umgeleitet. Bis 1920 addiert sich

dies auf eine Summe von 370 000 Franken.

Damit werden Feuerwehrkurse, moderne

Spritzen oder Hydranten finanziert. Viel Geld

fliesst in die «Bedachungsumwandlung». Mit

Subventionen sollen vor allem auf dem Lande

die leicht entzündlichen Schindel- und Stroh -

dächer durch Dachziegel ersetzt werden.

Heute wird weit mehr Geld in die Brandschutzmassnahmen

investiert – mit Gel dern

der Bauherren wie mit den Unterstützungsbeiträgen

der Gebäudeversicherung Luzern.

Denn die modernen Brandschutzvorschriften,

die 2003 schweizweit harmonisiert wurden,

verlangen für Spitäler und Schulen,

Hotels und Einkaufszentren besondere Baumassnahmen.

Genau wird die Zahl der Feuerlöscher

und Brandmelder je nach Grösse

des Bauobjekts vom Gesetzgeber vorgeschrieben.

Auch die Fluchtwege müssen dokumentiert

werden, bevor ein Baugesuch genehmigt

wird. Und bei der Prüfung von

Baueingaben hat der Gesetzgeber den Gebäudeversicherern

ein rechts wirksames Vetorecht

eingeräumt. Tech nisch aufwendiger

Brandschutz kommt auch an einer anderen

Stelle zum Zuge: Damit das Feuer immer

wieder an seiner raschen Ausbreitung gehindert

wird, sind vom Bauherrn in grösseren

Objekten einzelne Brandwände einzuziehen

oder Sprinkleranlagen zu installieren.

Brandprävention zahlt sich aus

Die jahrzehntelangen Bemühungen lassen

sich in der Brandschadenstatistik ablesen.

Während 1860 bis 1900 die jährlichen Brandschäden

bei weitem ein Promille des

Gesamtversicherungskapitals überstiegen,

sank der Schadenkoeffizient auf etwas über

0,6 Promille. Aus heutiger Sicht sind dies

schwindelerregende Zahlen. Denn dank der

immer effizienteren Brandbekämpfung in

Kombination mit feuer polizeilich wirksamen

Vorschriften sind die Brandschäden seit Jahren

tendenziell rückläufig. Im Jahr 2008

machten die Feuerschäden im Verhältnis zum

Versicherungskapital nur mehr 0,14 Promille

aus. Was zeigt: Die rund 18 Prozent der gesamten

Versicherungs prämien, welche die

Gebäudeversicherung Luzern in die Brandbekämpfung

und Brandverhütung investiert,

sind gut angelegtes Geld. Die alte Versicherungsmaxime

«Schäden verhüten statt vergüten»

beweist sich so auch 200 Jahre nach

Gründung der Gebäudeversicherung Luzern

Tag für Tag.


51

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

«Unser Milizsystem funktioniert hochprofessionell.»

2993 Einsätze bewältigen die freiwilligen

Feuerwehren des Kantons Luzern im Jahr 2009.

Dabei setzen sie sich für die Sicherheit der

Bürger ein – Tag und Nacht. Warum der Kanton

trotz schrumpfender Bestandzahl der Feuerwehrleute

einen wirkungsvollen Schutz bei

verschiedensten Ereignissen sicherstellen kann,

erklärt der oberste Feuerwehrmann im Kanton,

Feuerwehrinspektor Vinzenz Graf.

Kaum hat das Gespräch mit dem Feuerwehrinspektor

Vinzenz Graf begonnen, piepst

sein Pager. Der gemeldete Küchenbrand erfordert

aber nicht die Anwesenheit des Feuerwehrinspektors,

des obersten Feuerwehrmanns

des Kantons, am Brandort. Die kleine

Episode zeigt aber: Vinzenz Graf ist immer

in Alarmbereitschaft. Deshalb fehlt auch nie

im Kofferraum seines Autos die Brandschutz-Montur.

Denn meldet der Pager ein

grösseres Brandereignis oder eine Überschwemmung,

hat sich der Feuerwehrinspektor

oder sein Stellvertreter sofort am Ort des

Geschehens einzufinden.

Dauernd auf Pikett sein — für Vinzenz Graf

mag dies angehen. Er ist einer der wenigen

im Kanton Luzern, die Feuer- und Schadenbekämpfung

zum Beruf gemacht haben. Das

Gehalt wird ihm von der Gebäudeversicherung

Luzern überwiesen, denn das Feuerwehrinspektorat

ist Teil der Gebäudeversicherung

Luzern. Die ganz grosse Mehrheit

der Feuerwehrmänner und -frauen engagiert

sich indes nebenamtlich. Und in Zeiten, in


52

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Fit für den Ernstfall,

dank der modernen

Infrastruktur im

Feuerwehrzentrum der

Gebäudeversicherung

Luzern

denen der angespannte Berufsalltag und die

Lockungen der Freizeitgesellschaft die Agen -

da der meisten Menschen bestimmen, mag

ein so verpflichtendes und verantwortungsvolles

Milizamt wie die Feuerwehr kaum

mehr Menschen zu begeistern. Dennoch: Rekrutierungsprobleme

gibt es im Kanton Luzern

kaum. Und dies, obwohl dem Milizamt

nach den Worten des Feuerwehrinspektors

nicht mehr «dasselbe Sozialprestige innewohnt

wie früher». «Aus persönlichem Gewinn»

seien aber 6 300 Männer und Frauen

im Kanton Luzern mit Herzblut bei den Feuerwehren

dabei, wie Graf betont.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg trugen im

Kanton Luzern noch mehr als 14 000 Männer

die Feuerwehruniform. Der Schrumpfprozess

verwundert umso mehr, da sich im gleichen

Zeitraum die Zahl der Bevölkerung im Kanton

Luzern mehr als verdoppelt hat. Gefährdet

der Personalschwund bei den Feuerwehren

die Bevölkerung? Der kantonale Feuerwehrinspektor

beruhigt: «Wir haben heute

dank besserer Technik und hochstehender

Ausbildung wahrscheinlich die effizienteste

Schadenbekämpfung in der Geschichte der

Luzerner Wehren.»

Die Statistik der Gebäudeversicherung

Luzern bestätigt: Seit Jahrzehnten nehmen

die Brände im Kanton Luzern ab. Prävention

und Intervention halten die Feuergefahr

wirksam in Schach. «Im Schnitt zählen wir

jährlich 60 Grossereignisse», erklärt Graf.

Blättert man durch die Jahresberichte des

Feuerwehrinspektorats des letzten Jahrzehnts,

fällt auf: Grossbrände wie beispielsweise der

Bahnhofbrand 1971 fehlen. Insgesamt zeigt

die Schadenstatistik: Von 2993 Einsätzen im

Jahr 2009 rückte die Feuerwehr nur 450 Mal

wegen Brandbekämpfung aus.

Dass der Feuerteufel viel von seiner früheren

Zerstörungswucht eingebüsst hat, dafür

gibt es etliche Gründe: Zum einen sind da

die feuerpolizeilichen Bauschutzvorschriften.

Zum anderen tragen hierzu auch die immer

besser qualifizierten Feuerwehren entscheidend

bei. Feuerwehrinspektor Graf sagt dazu:

«Trotz unseres im Kanton konsequent praktizierten

Milizsystems sind wir hochprofessionalisiert.

Heute sind alle Frauen und Männer

spezialisiert.» Das grosse Know-how der

Feuer wehren erklärt sich durch die breite

und einheitliche Grundausbildung und die

ständigen Fortbildungskurse. Denn wenn die

Grundtechniken des Löschens und Rettens

eingeübt sind, durchlaufen alle Freiwilligen

eine Spezialisierung. Und der rasche technische

Fortschritt bei der Feuerwehrausrüstung

und bei den Erkenntnissen der Ereignisbewältigung

machen es nötig, dass immer wieder

neues Wissen vermittelt und eingeübt

wird. Beinahe 75 Prozent aller Feuerwehrangehörigen

durchlaufen jährlich einen Kurs.

Kann aber langfristig nur eine Berufsfeuerwehr

den Gefahren in einer hochtechnisierten

Umwelt wirkungsvoll entgegentre-


53

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Mobile Brand -

simulationsanlagen

ermöglichen realitätsnahe

Trainings für

die Feuerwehren

ten? Vinzenz Graf fällt die Antwort nicht

schwer: «Das Milizsystem hat sich bewährt.

Dass wir nie den Anschluss an die Gegenwart

verlieren, hat mit einem zu tun: Wir

stützen uns konsequent auf die beruflichen

Ressourcen der Feuerwehrleute bei der Einteilung

der Dienste ab.» So finde man den

Camionfahrer am Lenkrad des Löschfahrzeugs,

der Schweisser wiederum ist bei den

Spezialisten der Strassenrettung eingeteilt

und kann mit Schere und Spreizer Menschen

aus Unfallfahrzeugen befreien. Der Mechaniker

findet sich selbstverständlich bei den

Maschinisten. Auch die Mitglieder von Öl-,

Chemie- oder Strahlenwehr werden fortlaufend

durch Weiterbildungskurse mit den

neuesten Erkenntnissen à jour gehalten.

Das Prinzip, Beruf und Feuerwehreinsatz

ideal zu kombinieren, prägt auch Vinzenz

Grafs eigenen Werdegang. Denn der gelernte


54

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Bild links: Nicht nur

bei der Alarmierung ein

wichtiger Partner: die

Luzerner Polizei

Bild rechts: Neben -

amtliche Feuerwehr -

instruktoren sind als

Ausbildner für die

Gebäudeversicherung

Luzern tätig

Primarlehrer, der den Feuerwehrdienst von

der Pike auf in Beromünster durchlaufen hat

und schliesslich zum Feuerwehrkommandanten

im Michelsamt avancierte, entfaltet nun

sein pädagogisches Geschick als Feuerwehrinspektor.

Gefragt ist der Feuerwehr-Pädago ge

vor allem dann, wenn es darum geht, wichtige

Kader wie beispielsweise Feuerwehr -

instruktoren auszubilden. «Mit dem Instrukto

rensystem gelingt es uns, den hohen

Stan dard der Feuerwehr auch im Milizsystem

«Auf der einen Seite wünschen wir

uns eine hohe Identifikation der

Feuerwehrleute mit ihrer Wehr und

setzen auf das starke Zusammen -

gehörigkeitsgefühl.»

zu sichern. Rekrutiert werden die Instruktoren

aus den Offiziercorps der verschiedenen

Wehren. Erst nach einem mehr jährigen, anspruchsvollen

Ausbildungsprogramm können

sie als Ausbildner fungieren.» Mit dem Netz

aus nebenamtlichen Instruktoren ist es auch

möglich, die Hälfte aller Kurse in den Gemeinden

anzubieten. «Das gehört zu unserer

Philosophie. Die Feuerwehren sollen in den

Gemeinden verankert bleiben», betont Graf.

Steht dies aber nicht im Widerspruch zu dem

in den letzten Jahren verwirklichten Konzept

«Feuerwehr 2000plus», das eine Welle von

Fusionen vieler Gemeindefeuerwehren ausgelöst

hat? So zählt der Kanton Luzern

heute noch 61 Feuerwehren. Im Jahr 1985

waren es noch 154.

«Natürlich bedeuten Fusionen immer eine

Gratwanderung», räumt Graf ein. «Auf der

einen Seite wünschen wir uns eine hohe

Iden tifikation der Feuerwehrleute mit ihrer

Wehr und setzen auf das starke Zusammengehörig

keitsgefühl», sagt der Feuerwehrinspek

tor. Auf der anderen Seite könne aber

der Faktor Wirtschaftlichkeit nicht einfach

ausgeklammert werden. Mit Wirtschaftlichkeit

meint Graf nicht unbedingt sparen um

des Sparens Willen. Vielmehr sollen die vorhandenen

Finanzmittel so eingesetzt werden,

dass die technische Ausstattung der Geräte

und Fahrzeuge immer auf dem modernsten

Stand ist. Im Bereich der Hightech-Brand -

bekämpf ung werden derzeit beispielsweise

Wärmebildkameras eingesetzt. Mit den wärmeempfind

lichen Kameras lassen sich unsichtbare

Brand herde in Sekundenschnelle

erkennen.

Graf betont: Trotz des Trends zu Fusionen

bleibe die Sicherheit oberstes Ziel aller

Feuer wehren. Deshalb werde bei den Verbund

lösungen auch oft noch in den weiter

abgelegenen Gemeinden ein Feuerwehrdepot


55

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

aufrechterhalten. Denn in der ganzen Schweiz

gilt für die Feuerwehren folgender Sicherheitsstandard:

In überwiegend dicht besiedel

ten Gebieten erreicht innert zehn Minuten

nach dem Alarm das Löschfahrzeug mit acht

Feuerwehreingeteilten den Einsatzort. In

schwach besiedelten Gebieten liegt die Richtzeit

bei 15 Minuten. Die Einsatzzeiten der

Feuerwehren basieren auf wissenschaftlichen

Modellen und dienen als Grund lage und

Rahmenbedingung für die Organisation der

Feuer wehren. Dabei spielen örtliche und

topo grafische Gegebenheiten auch eine

wichtige Rolle.

Die vielerorts entstandenen Verbundfeuerwehren

zeigen: Die Wehren organisieren sich

nicht mehr entlang der Gemeindegrenzen.

Noch mehr Bedeutung gewinnt der grenzüberschreitende

Einsatz im Katastrophenfall,

wenn Überschwemmungen, Eisenbahn un -

glücke oder ein Grossbrand das Zusammenarbeiten

von verschiedenen Ersteinsatzkräften

der Feuerwehr über die Sanität bis hin

zur Polizei nötig machen. Bereits 1996 hat

die Gebäudeversicherung Luzern schweiz -

weit eine Pionierrolle übernommen und speziell

geschulte Einsatzleiter für Katastrophen

ausgebildet. Diese aus dem Instruktorencorps

rekrutierten Krisenmanager werden auf Kosten

der Gebäudeversicherung Luzern aus -

gebildet und heissen deshalb auch Katastropheneinsatzleiter

der Gebäudeversicherung

Luzern, kurz KEL GVL. Das Modell hat

Schule gemacht und schweizweit Nachahmer

gefunden. Für Graf zeigt sich hier auch, wie

das Dreieck aus Versicherung, Prävention

und Intervention innovativ wirkt und die

Subventionen der Gebäudeversicherung

Luzern oft Fortschritte in Gang setzen oder

beschleunigen können.

Ihre Bewährungsprobe haben die Katastropheneinsatzleiter

bei den grossen August-

Unwettern im Jahr 2005 bestanden. «Bei so

grossflächigen Überschwemmungen war eine

übergeordnete Koordination notwendig, um

die Rettungskräfte an die richtigen Einsatzorte

zu lenken. Das KEL-System hat sich in

dieser extremen Ausnahmesituation bewährt»,

zieht Graf eine positive Bilanz. Aber an eines

erinnert er sich beim Schicksalsjahr 2005

beinahe unweigerlich zurück: an die zwei

tödlich verunglückten Feuerwehrleute im

Entlebuch, die unter einer Schlammlawine

den Tod gefunden haben. Für Graf zeigt

dies, wie der Einsatz der Feuerwehrleute, die

anderen Menschen das Leben retten wollen,

auch immer mit dem Risiko verknüpft ist,

das eigene Leben aufs Spiel zu setzen.


57

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Ein Blick auf den Altstadtbrand von Luzern 1833 zeigt: In Sachen Feuerpolizei und

Feuerwehr trennten damals Stadt und Land beinahe unüberwindbare Gräben

Monopol: Zwang oder ein gerechtes System

der Gegenseitigkeit

Als am 9. November 1989 die Mauer in Berlin

fiel, standen alle staatlichen Monopole plötzlich

unter dem Generalverdacht ineffizient, büro -

kratisch und kostspielig zu sein. Privatisierung

lautete das Gebot der Stunde. Den rauen Wind

des Zeitgeistes bekam auch die Gebäude -

versicherung Luzern in den 1990er Jahren zu

spüren. Schon oft hatte das Unternehmen in

ihrer 200-jährigen Geschichte Zeitströmungen

abgewehrt, die eine radikale Zerschlagung der

Brandversicherung wünschten – beispielsweise

1869. Das Monopol ist aber bis heute allen

Moden zum Trotz geblieben.

Am Tag danach: Die

Brandruinen an der

Reuss nach der Luzerner

Brandnacht vom

12. Juni 1833


58

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

In der Nacht vom 12. auf den 13. Juni 1833

brannten in der Luzerner Altstadt zwischen

Weinmarkt und Kornmarkt die Dachgiebel

lichterloh. Elf Häuser fielen dem Inferno

zum Opfer. Der bekannte Luzerner Historiker

und Politiker Josef Eutych Kopp schrieb in

seiner Schilderung des grossen Stadtbrandes:

«Die Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag

war für Luzern verhängnisvoll. Ein übermächtiges

Feuer wüthete inmitten der Stadt

und griff mit reissender Verheerung um sich.

Noch um elf Uhr hatten Nachbarn, welche

diese Strasse (Kornmarktgasse) gingen, nicht

die mindeste Ahnung von Gefahr gehabt;

und schon um halb zwölf Uhr waren die erschrockenen

Bewohner der nächsten Häuser

wie mitten aus der Glut aufgeschreckt.»

Kopp schildert die anfängliche Lähmung, die

die Altstadtbewohner, «selbst die Entfernteren»,

beim Anblick des «herzzerreissenden,

entsetzlich furchtbaren Schauspiels» befiel.

Die Menschen waren geschockt, von dem

«Gluthmeer, das aus allen Oeffnungen tobend

wälzte». Aber schon bald beherrscht

die Feuerwehr die Szene, «arbeiteten ohne

Rast die Spritzen, bildeten sich neue Wasserreihen

mit dem Anschwellen der Menschenmenge.»

Und der Feuerwehrkommandant befahl,

das Zunftgebäude zu den Metzgern

abzutragen. Denn: «Dem Feuer musste

durchaus sein Nahrungsstoff entzogen werden.»

Eine Szenerie, die weit entfernt ist von

den hilflosen Löschversuchen, wie sie beispielsweise

bei den Dorfbränden aus Schüpfheim

(1829) oder Wolhusen (1876) berichtet

wurden.

Die Kluft zwischen Stadt und Land ist typisch

für das Löschwesen des 19. Jahr -

hunderts. Sie gibt die Stichworte für die hitzige

Debatte vor, wenn es um die staatliche

Brandversicherung geht. Die präventionsbewussten

Städter fühlten sich unter dem obligatorischen

Versicherungsschutz des Kantons

zu einer Zwangssolidarität mit den

uneinsichtigen und leichtsinnigen Dörflern

verpflichtet. Von daher wundert es kaum:

Die Diskussion, ob das kantonale Feuerversicherungsmonopol

abgeschafft werden soll,

ging immer von Stadtluzerner Politikern aus.

Die Annalen der Luzerner Dorf- und

Stadtbrände weisen auch beim Wiederaufbau

der abgebrannten Gebäude grosse Unterschiede

in Sachen feuerpolizeiliches Bauen

auf. In Schüpfheim entspann sich beispielsweise

ein erbitterter Streit über den Wiederaufbau,

nachdem 1829 beinahe das ganze

Dorf abgebrannt war. Vor allem der Verlauf

der Dorfstrasse war zwischen der Luzerner

Regierung und den Schüpfheimern heiss

umkämpft.

Ganz anders Luzern: Den feuerpolizeilichen

Anordnungen des Stadtrates wurde

Folge geleistet und eine Feuergasse zwischen

Unter der Egg und der Kornmarktgasse beim

Wiederaufbau neu angelegt. Noch heute erinnert

der Name des Brandgässli an die


59

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Typischer Feuereimer

aus Leder, wie er noch

1833 in Sursee ver -

wendet wurde

Brandnacht von 1833. Die schmale Gasse

liegt genau in jener Schneise, in der die elf

niedergebrannten Gebäude standen.

Ohne Löscheimer keine Heirat

Stadt und Land trennte nicht erst seit dem

19. Jahrhundert in Sachen Feuerschutz ein

Den Priestern wurde untersagt,

Traupaare zu vermählen,

die nicht einen Feuereimer

vorzuweisen hatten.

grosser Graben, sondern das Ganze nahm

schon im Mittelalter seinen Anfang. Denn in

den Städten mit ihren eng verwinkelten Gassen

wuchs sich jeder Grossbrand mit seiner

grossen Zahl von Opfern und Obdachlosen

zur Katastrophe aus. Während die Landbewohner

die Dorfbrände eher mit Fatalismus

hinnahmen, schärften sie bei den Städtern

das Bewusstsein für die Prävention. So wurden

die Holzbauten mehr und mehr durch

Gemäuer ersetzt, Dächer mit Ziegeln statt

Holzschindeln gedeckt oder Kamine aus Holz

verboten. Auch in den Gewerbevorschriften

lässt sich schon feuerpolizeiliche Achtsamkeit

herauslesen: Die Hammerschmiede wurden

vor die Stadtmauern gewiesen, die

Bäcker in einem Quartier konzentriert – in

Luzern in die Pfistergasse (Pfister kommt

vom lateinischen pistor, Bäcker). Der Waschkessel

durfte nur im öffentlichen Waschhaus

erhitzt werden und gebacken wurde nur in

den städtischen Backhäusern. In Luzern,

aber auch in den Bezirksstädten wie Willisau

und Sursee, fanden sich vom 16. Jahrhundert

an schon bezahlte Feuerschauer, die

Herd und Öfen in den Häusern kontrollierten.

Nacht wächter versahen ihren Dienst,

besonders zur Winterzeit, wenn die Brandgefahr

sich durch das Feuer in den Holzöfen

vervielfachte. Mahnend riefen sie den Menschen

allabendlich vor dem Zubettgehen zu:

«Heit Sorg zu Liecht und Füür und dass euch

Gott tuet behüeten.» Und ein stadtluzernisches

Dokument zeigt, wie wichtig noch im

18. Jahrhundert der Besitz eines Feuereimers

war: Den Priestern wurde untersagt, Traupaare

zu vermählen, die nicht einen Feuer -

eimer vorzuweisen hatten. Der Stadtrat verfügte

also das Motto: «Ohne Löscheimer

keine Heirat.»

Insgesamt war denn schon mit dem Startschuss

der kantonalen Brandversicherung

Luzern 1810 klar: Die Städte eilten mit ihren

feuerpolizeilichen Reglements bei der Brandverhütung

den Dörfern weit voraus. Und

wenn es auch wie beim Bahnhofbrand 1971

oder beim Brand der Kapellbrücke 1993


60

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Grossbrand 1833 in

Luzern: Die städtische

Feuerwehr zeigt bereits

ein abgestimmtes und

taktisches Vorgehen bei

der Brand bekämpfung

spektakuläre Einzelbrände in Luzern gab: Der

letzte Grossbrand von Luzern fand 1833

statt. Dorfbrände wie in Buttisholz und Müswangen

im Jahr 1861, Wolhusen-Markt im

Jahr 1876, Menznau anno 1884 oder Gunzwil

1894 durchzogen noch das ganze 19. Jahrhundert

die Landschaft. Erst am Ende des

19. Jahrhunderts setzten sich die Regeln der

Brandprävention durch, wie sie die Stadt Luzern

oder Willisau-Stadt und Sursee schon

lange kannten. Dann verschwanden die

«offenen Waschfeuerherde und Waschlöcher»

inmitten der Dörfer und ebenso die feuergefährlichen,

aus Ruten aufgebauten und mit

Lehm ausgefüllten Kamine. Es wundert

kaum: Die Differenz von Stadt und Land

sollte das ganze 19. Jahrhundert hindurch

auch zu Spannungen führen, ob die Städter

mit ihren Versicherungsprämien nicht die

nachlässigen Dörfler subventionierten.


61

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

«Einer für alle! Alle für einen!»

Im Jahr 1869 stand für die Brand ver sicherung

Luzern die Zerreissprobe an. Den städtischen

Liberalen war der monopolistische Versicherungs

zwang ein Dorn im Auge. Den Bewohnern

in der Landschaft dagegen erschien die kantonale

Anstalt als ein solidarisches Werk, das im

Namen der Gegenseitigkeit die Bürde auf allen

Schultern gleicht verteilt.

Kaum war 1810 die Brandversicherung Luzern

gegründet, traten sogleich die ersten

Kritiker auf den Plan. Vor allem wurde moniert,

dass die Versicherung nur 80 Prozent

des Verlustes im Brandfall abdeckt. Und die

städtischen Besitzer von steinernen Häusern

in Luzern und Sursee rieben sich wiederum

an den einheitlichen Versicherungsprämien,

die linear nach dem Wert des Gebäudes erhoben

wurden. Sie forderten ein nach

Brand risiko gestaffeltes Prämiensystem, das

die ziegelbedachten Steingebäude besserstellte

als die feuergefährlichen Holzhäuser.

Aus der Perspektive der Stadtluzerner und

Surseer war klar: Mit der einheitlichen

Brandsteuer subventionierten die Städter die

Fahrlässigkeit der Landbewohner, die sich

keinen Deut um feuerpolizeiliche Vorschriften

scherten.

Die kritischen Stadtluzerner Stimmen begleiteten

jede Revision des Brandassekuranzgesetzes

im Grossen Rat. Besonders prononciert

und kenntnisreich trat dabei Friedrich

Berchtold als Wortführer für eine Privatisierung

der Anstalt ein. Als glühender Verfechter

von Freihandel und privater Initiative


62

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

wehrte sich der Luzerner gegen die «monopolisierte

Anstalt» der Brandversicherung

Luzern, da sie das «freie Verfügungsrecht

über das Eigenthum» beschränken würde.

Ganz wollte aber auch er nicht die Versicherungsfrage

dem Gutdünken der Gebäudebesitzer

überlassen. Denn Berchtold wusste:

Ohne Ver sicherungsschutz lassen sich kaum

Hypo thekarschuldner finden, die Neubauten

«Bäuerlein mit ihren hölzernen

Gebäulichkeiten und Scheunen»

fi nan zieren. Deshalb solle der Kanton per

Gesetz alle Immobilien einem obligatorischen

Versicherungszwang unterstellen. Der

Schutz vor Brandgefahren sollte aber frei

unter den vom Staat konzessionierten Versicherungen

gewählt werden dürfen.

Berchtold veröffentlichte seine Thesen in

einer Broschüre, die bereits im Vorfeld der

Debatte zur Revision der Brandpetition 1868

rasche Verbreitung in Luzern fand. Er regte

auch eine Petition zur Privatisierung der

kantonalen Brandversicherung an, die immerhin

430 Luzerner Hausbesitzer unterzeichneten.

Mit gleicher Stossrichtung traten

auch 110 Petitionäre aus Sursee an den

Grossen Rat heran. Was kaum verwundert:

Als Gegenreaktion darauf forderte der Luzerner

Bauernverband die Beibehaltung der

kantonalen Anstalt mit einem einheitlichen

Prämiensystem.

«Stempel der Ungerechtigkeit»

In der zweiten Lesung, am 8. Dezember

1869, hatten sich aber die Gemüter bei der

Mehrheit der Grossräte beruhigt. Der Stadtluzerner

Alfred Steiger, eigentlich Vertreter

der Liberalen, hob den Gegenseitigkeitsgedanken

hervor, welcher der staatlichen Monopolversicherung

zugrunde liegt: «Das absolute

Bedürfnis für Versicherung ist überall

da, wo Handel, Verkehr, Gewerbe und Hypotheken

sich vorfinden. Da ist man zur Gegenseitigkeit

gelangt, zum Grundsatz: Einer

für alle, alle für einen.» Mit dem Zuzug vieler

Stadtluzerner Parlamentarier sprach sich

eine überwältigende Mehrheit für das Monopol

aus. Die wenigen Befürworter einer Privatisierung

sprachen hingegen von einem

Gesetz, das den «Stempel der Ungerechtigkeit»

trage und beklagten die weit auseinanderklaffende

Schere bei der Brandverhütung

von Stadt und Land.

Das wiederum wurde von den ländlichen

Vertretern im Kantonsparlament heftig bestritten.

In Verkennung der Wirklichkeit argumentierten

sie, dass auf städtischem Terrain

der Feuerteufel wesentlich öfter wüte

als auf dem Land. Die nüchterne Statistik


63

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Riskant: Die stroh -

bedeckten Holzgebäude

auf dem Lande waren

leicht entzündbar

der Brandversicherung Luzern weist dagegen

unbestechlich die Fakten aus: In der Stadt

Luzern wurden beispielsweise für Brandschäden

0,2 Promille im Zeitraum von 1810

bis 1920 aufgebracht. Ländlich geprägte

Ämter wie das Entlebuch dagegen beanspruchten

mit 1,2 Promille das Sechsfache

der insgesamt versicherten Gebäude und im

Amt Willisau belief sich die Schadensumme

gar auf 1,5 Promille des Versicherungs -

bestands.

Kommt noch eines dazu: Die Stadt Luzern

zahlte in diesem Zeitraum ein Drittel aller

Prämien in den Versicherungstopf. Gerade

im Wissen um diese Ungleichheit hat der

städtische Grossrat Kopp in seiner Rede die

Schlechterstellung der städtischen Immobilienbesitzer

als Akt der Solidarität akzeptiert

und sich zugunsten des Monopols ausgesprochen.

Denn bei einer Privatisierung hätten

nach Kopp vor allem die kleinen Leute,

die «Bäuerlein mit ihren hölzernen Gebäulichkeiten

und Scheunen», die hohen Prämien

zu zahlen.


64

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

1998: Monopol auf dem politischen Prüfstand

1998 führte das Kantonsparlament Luzern eine

Grundsatzdebatte über den Sinn eines

Gebäudeversicherungsmonopols. Willi Clerc,

ehemaliger GVL-Direktor, erinnert sich.

Verträgt sich ein öffentlich-rechtliches Monopol

der Gebäudeversicherungen mit der

Marktwirtschaft? Willi Clerc, früherer Direktor

der Gebäudeversicherung Luzern, hat die

Antwort auf die Frage blitzschnell parat:

«Die Kombination von Versicherung, Prävention

und Schadenbekämpfung macht den

Vorteil einer öffentlich-rechtlichen Gebäudeversicherung

Luzern aus. Vor allem die Prävention

beeinflusst den Schadenverlauf und

die Schadenintensität seit 200 Jahren günstig.»

Und dann macht er noch geltend: «Bei

uns werden aufgrund des Solidaritätsprinzips

alle Risikogruppen zu vorteilhaften Prämien

versichert.»

Willi Clerc hat die wohltuende Wirkung

des Monopols der Gebäudeversicherung

Luzern sicher schon 100 Mal begründet. In

den Jahren 1997 und 1998 hing viel von

seinen Antworten ab. Denn damals wurde in

einer noch nie da gewesenen Intensität diskutiert,

ob die kantonale Versicherung privatisiert

werden sollte. Natürlich gab es dazu

immer wieder Anträge von einzelnen Parlamentariern

im Kantonsrat. «Aber 1997 ging

der Vorstoss erstmals von der Regierung selber

aus», erinnert sich Clerc zurück. Die

Kantonsregierung hatte in ihrem Zukunftspapier

«Luzern 99» nicht nur die Fusionen

der kleinen Gemeinden angestrebt, sondern

auch den Verkauf der Versicherung anvisiert.

Aus dem Erlös wollte der Kanton innovative

Projekte finanzieren. Mit diesem Paukenschlag

war die bis dahin 187 Jahre dauernde

selbstverständliche Existenz der Gebäudeversicherung

Luzern quasi über Nacht in

Frage gestellt.

Eine vom Regierungsrat eingesetzte Kommission

hatte nun Alternativen zu einer

staatlichen Versicherung zu prüfen. Ein Bericht

von 76 Seiten ist dabei herausgekommen,

der mit der klaren Empfehlung endet:


65

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

«Am heutigen bewährten System aus Versicherung,

Brandschutz und Feuerwehr ist festzuhalten.»

Clerc räumt ein, dass eine Gebäudever -

sicherung Luzern ohne die beiden Elemente

Schaden verhütung und -bekämpfung ordnungspolitisch

wesentlich schwieriger zu

recht fertigen gewesen wäre als das in 19

Kantonen bewährte Drei-Säulen-Modell Prävention,

Feuerwehr und Versicherung.

Welchen Beitrag zur Prävention leistet nun

die Gebäudeversicherung? Willi Clerc kann

rasch die ganze Palette schaden verhütender

Mass nahmen aufzählen: Die Gebäu de ver -

siche rung Luzern beurteilt Bau gesuche feuer -

polizeilich, insbesondere hinsichtlich Personensicherheit,

organisiert die Ab nah me -

kontrollen von Neubauten oder verbreitet

auch Informationsschriften unter verschiedenen

Zielgruppen zur Brandprävention.

Aktion Heustock

Dabei erinnert sich Clerc an ein erfolgreiches

Beispiel aus seiner Amtszeit: die Aktion

Heustock. In den 1990er Jahren hatte die

Abgabe von Messsonden wesentlich dazu

beigetragen, die Selbstentzündung von Heustöcken

einzuschränken und Scheunenbrände

zu verhindern. Die Sonde misst im

Inneren des Futterstocks die Temperatur. Und

falls das gärende Lagergut die Temperaturanzeige

auf über 55 Grad Celsius hochtreibt,

weiss der Landwirt: Nun müssen die Spezialisten

anrücken und ins gelagerte Heu

Löcher bohren, um die Gärgase mit Maschinen

abzusaugen.

Die Messsonden wurde den Landwirten

stark verbilligt abgegeben. Dieses Beispiel

steht für viele andere, bei denen mit Beiträgen

die Brandprävention gezielt gefördert

wurde. Fördergelder für Brandmelde- und

Sprinkleranlagen, Blitzableiter, Brandmauern

oder Handfeuerlöscher gehören ebenso dazu.

Aber auch bei der Modernisierung der Feuer -

wehr übernahmen die kantonalen Versicherungen

immer die Rolle der Schrittmacher in

der Schweiz. Clerc erklärt deshalb mit einem

gewissen Stolz: «Schauen wir zurück, dann

sehen wir: Alle Innovationen im Brandschutz

und in der Feuerwehr sind von den

kantonalen Versicherungen vorangetrieben

worden.» Clerc nennt dabei als Beispiel das

Alarmierungssystem von der Kirchenglocke

bis zum modernen Pager. Tatsächlich: Wer

im Luzerner Staatsarchiv in den Akten der

Brandversicherung Luzern blättert, stösst in

den 1920er Jahren auf einen reichhaltigen

Briefwechsel des damaligen Direktors der

Brandversicherung, Balthasar Helfenstein.

Bei Dutzenden von Stellen pries er in seinen

Schreiben technisch exakt und angereichert

mit vielen Fallbeispielen die Vorteile des Te-


66

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Brandprävention heute:

Mit einer Sonde wird

im Heustock die Tem -

peratur gemessen, um

Brände zu vermeiden

lefonalarm-Systems. Indes brauchte es selbst

beim Regierungsrat zahlreiche Anläufe, bis

das Alarmsystem in den 1930er Jahren dann

schliesslich spruchreif wurde.

Auch heute fliesst viel Geld, um den Brandschutz

zu verbessern. Neue Bau materialien

werden mit Geldern des Dachverbands der

kantonalen Gebäudeversicherer, der Vereinigung

Kantonaler Feuerversicherungen, auf

ihr Verhalten im Brandfall getestet. Die aus -

gearbeiteten Muster-Brandschutz vor schrif ten

gehen so einerseits in die Normen des SIA

(Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein)

ein und werden andererseits ins kantonale

Recht übernommen. Seit einigen

Jahren engagieren sich die kanto nalen Gebäude

versicherungen auch im Schutz der

Gebäude gegen Elementarschäden.

Kantonale Versicherer preiswerter

Dass die öffentlich-rechtlichen Versicherungen

tatsächlich bei der Schadenprävention

und der Feuerwehr die Nase vorne haben,

belegt die Statistik. Im Vergleich zu den sieben

Kantonen Genf, Uri, Schwyz, Tessin,

Appenzell-Innerrhoden, Wallis und Obwalden,

den sogenannten GUSTAVO-Kantonen,

ist die Schadenintensität bei den 19 Kantonen

mit Versicherungsmonopol weit geringer.

Kommt nach den Worten von Clerc noch

etwas anderes hinzu: «Dank dem Monopol

sind die zu zahlenden Prämien viel niedriger

als bei den Privatversicherungen.»

Es gibt noch weitere Gründe für die niedrigen

Kosten, die Clerc auch benennt: «Die

Gebäudeversicherung Luzern vertreibt ein

re la tiv einfaches Produkt, das die Verwaltungs

kosten tief hält. PR-Aktionen, Sponsoring

und ein aufwendiges Netz von Aussendienstmitarbeitern

wie in der privaten

Ver sicherungswirtschaft entfallen.» Als staatliche

Non-Profit-Organisation müsse auch

keine Dividende an Aktionäre ausgeschüttet

werden. Vielmehr nehme die Versicherung

viele Gemeinschaftsaufgaben bei den Feuerwehren,

bei der Schatzung der Gebäude und

bei der Schadenprävention wahr, ohne die

öffentliche Kasse zu belasten.


67

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Argumente, die auch in dem 1998 veröffentlichten

Bericht nachzulesen sind und die

damals auf der ganzen Linie überzeugten.

Mit grosser Mehrheit hielt das Parlament im

Januar 1999 an der Gebäudeversicherung

Lu zern fest. Der Bericht hatte auch ans Licht

«Dank dem Monopol sind die zu

zahlenden Prämien viel niedriger als

bei den Privatversicherungen.»

gebracht, dass die Gebäudeversicherung Luzern

kaum einen grossen Verkaufswert erzielen

würde. «Denn wir hatten eigentlich nur die

Adresskartei, aber keine langfristigen Ver trä ge

unserer Kunden den privaten Versicherungs -

gesellschaften anzubieten», erläutert Clerc.

Bereits vor der klaren Weichenstellung zugunsten

der öffentlich-rechtlichen Organisation

im Kanton Luzern hatte 1997 das Stimmvolk

in Zürich ebenfalls an der Urne einen

schweizweit beachteten Grundsatzentscheid

zugunsten der Gebäudeversicherung Zürich

getroffen. Das Bundesgericht stärkte zudem

mit einem Urteil aus dem Jahre 1998 die Position

der kantonalen Versicherer. Denn die

Bundesrichter hielten fest, dass ein ausreichendes

öffentliches Interesse an einem Monopol

der Gebäudeversicherung bestehe.

So herrscht heute in der früher so heiss

umkämpften Debatte um die Privatisierung

der kantonalen Gebäudeversicherungen

Funk stille. Auch die von der Europäischen

Union zwangsverordnete Privatisierung der

Gebäudeversicherer in Baden-Württemberg

und in Bayern hat gezeigt: Die Prämien steigen

erheblich, während auf der anderen

Seite die Versicherungsleistungen weniger

umfangreich sind. Beim grossen Elbe-Hochwasser

2002 kam auch an den Tag, dass

viele Hausbesitzer überhaupt nicht versichert

waren. Wenn auch aktuell keine Signale aus

Brüssel zu vernehmen sind: Langfristig

könnte die Frage nach der politischen Nützlichkeit

des Monopols, vor allem bei den

komplizierten Neuanpassungen der mit der

EU ausgehandelten bilateralen Abkommen,

wieder aufgeworfen werden. Clerc ist es

dennoch nicht bange um die Zukunft der

kantonalen Gebäudeversicherungen. Europäische

Studien von Versicherungsfachleuten

geben ihm recht. Denn nicht immer sei

Wettbewerb hilfreich, stellt die Studie «Limits

to privatization» des «Club of Rome»

fest und zieht das Fazit: «Wenn im Versicherungsgeschäft

selbst keine Effizienzreserven

stecken, ist das staatliche Monopol einfach

die kostengünstigste Durchführung.»


69

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Aus (viel) Schaden wird man klug: Wie die grossen Brandkatastrophen

der Gebäudeversicherung ihre moderne Form gaben.

Inferno in Glarus und Buttisholz:

Das Schreckensjahr 1861

Das Katastrophenjahr 1861 mit einer Serie von

Dorfbränden im Kanton Luzern und dem

national ausstrahlenden Inferno in Glarus

brachte die Schwächen der kantonalen Brand -

versicherungen ans Licht. Das Glarner Desaster

war denn auch der Geburtshelfer, um mit

Rückversicherungen ein zweites Sicherheitsnetz

bei Grosskatastrophen zu spannen.

Brand von Glarus 1861:

Das schweizweit beachtete

Inferno entzündete

auch eine Debatte um

ein besseres System der

Rückversicherungen


70

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Brand von Glarus 1861:

Der Föhn trieb am

10. März 1861 die

Feuerwalze voran

Der 10. März 1861 war in Glarus ein sonderbarer

Tag. Das Wetter schlug Kapriolen. Ge -

wal tig blies der Föhn vom Gebirge her, liess

überall die Fensterläden klappern, wirbelte

Äste und Laub nach dem Winter durch die

Luft. Bei der Landsgemeinde sammelten sich

die Männer, um über die Föhnpatrouille zu

be raten. Denn seit dem grossen Brand von

1477 schritten bei Föhn immer vier Mann

«Wie zischende Schlangen

schleichen die Feuerzungen

bei dem herrschenden Föhne über

die Dächer hinweg. Alles entzünden

sie, was ihr glühender

Hauch berührt.»

das Städtchen ab. Nun, in Zeiten mit immer

mehr steinernen Häusern und immer besseren

Vorkehrungen gegen Schadenfeuer,

schien man chen die Patrouille überflüssig.

Indes registrier ten die Glarner Männer im

Ring der Lands gemeinde aufmerksam die

Sturm zeichen vom Himmel. Mit grossem

Mehr stimm ten sie dafür, weiterhin für die

altehrwürdige Einrichtung der Feuerwächter

Geld be reitzuhalten.

Und trotzdem: Just an diesem Föhntag, an

dem die Luft beinahe sommerlich aufgeheizt

war, sollten alle Vorkehrungen nichts nützen.

Gegen halb zehn Uhr nachts brach

Feuer im Zentrum des Städtchens aus. In

Minutenschnelle breitete sich der Grossbrand

aus. Ein Giebel nach dem anderen

fing Feuer. Bald leuchteten die Berge

ringsum rosarot. Am Schluss, als sich der

Feuerwalze nichts mehr Brennbares in den

Weg stellte und sie in sich zusammenfiel,

schauten die 2 300 Obdachlosen auf die Tristesse

von 600 niedergebrannten Gebäuden.

Schnell breitete sich die Nachricht von der

«Nacht des Jammers und des Schreckens, des

Elends und der Hülflosigkeit» bis in die letzten

Winkel der Eidgenossenschaft aus. Die

entfesselte Zerstörungswut des Feuers reizte

die Berichterstatter zu immer neuen Superlativen,

um in dem fernsehlosen Zeitalter dem

zeitungslesenden Publikum möglichst ein

detailrealistisches und anregendes Bild von

der Katastrophe vor Augen zu führen. So berichtete

beispielsweise der Chronist des «Luzerner

Tagblatts»: «Wie zischende Schlangen

schleichen die Feuerzungen bei dem herrschenden

Föhne über die Dächer hinweg.

Alles entzünden sie, was ihr glühender

Hauch berührt.»

Die Berichterstattung wühlte auf und mobilisierte

die Solidarität der Eidgenossen wie

selten zuvor. Ganz herzergreifend formulierte

die Schweizerische Gemeinnützige Ge-


71

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Baupolizeilich mustergültiges

Buttisholz:

Nach dem Brand von

1861 reihen sich die

Häuser in grossem

Abstand zueinander auf

sellschaft ihren Spendenappell: «Was der

Einzelne thun kann, ist ein Tropfen, der auf

den glühenden Stein fällt. Erst die Millionen

Tropfen zusammenfliessend werden den Segenstrom

bilden, welcher das von der Gluth

versengte Land wieder erquickt.» Und das

Wort der Brüderlichkeit fehlte weder in der

katholisch-konservativen «Luzerner Zeitung»

noch im freisinnigen «Luzerner Tagblatt».

Ganz pathetisch wurde immer wieder in Anlehnung

an den Rütlischwur in Schillers

«Wilhelm Tell» die Einigkeit beschworen. So

endet auch ein Spendenaufruf im «Luzerner

Tagblatt» mit dem Satz: «Ein einig Volk von

Brüdern, bereit einander zu helfen in jeder

Noth und Gefahr.»

Die nationale Welle der Solidarität spielt

in der Deutung des Umwelthistorikers Christian

Pfister eine ganz besondere Rolle für

den Kitt und nationalen Zusammenhalt der

«Willensnation» Schweiz. Ganz pointiert

prägt Pfister die Formel von der «Geburt der

Schweiz aus der Katastrophe». Denn jenseits

der feindseligen Fronten zwischen katholischen

Sonderbündlern und Liberalen wurden

vom Bergsturz in Arth 1806 bis zum grossen

Hochwasser im Tessin 1868 gesamtschweizerische

Sammelaktionen initiiert, die ideologische

Gräben genauso einebneten wie Sprach -

barrieren.

1861 sollten die beiden Luzerner Zeitungen

noch von weiteren Desastern auf Trab

gehalten werden, um das Spendenkarussell

rotieren zu lassen. Denn bereits Mitte August

vermeldeten sie die Nachricht von «unserem

Glarus». Das Glarus des Kantons Luzern

lag in Buttisholz und wurde beinahe

vollständig durch eine Brandkatastrophe am

16. August eingeäschert. Das Feuer selber

offenbarte wie schon bei den Dorfbränden in

Wolhusen-Markt oder an anderen Orten das

völlig überforderte Löschwesen auf dem

Lande. Ganz gut passt dazu: Die Spritze mitsamt

dem Spritzenhaus stand in Flammen,

bevor die Feuerwehr zu einem Rettungseinsatz

ausrückte. Und auch der benachbarten

Feuerwehr aus Grosswangen war das Glück

beim Löschen nicht hold. Der Buttisholzer

Augenzeuge Franz Egli notierte, wie die

Grosswangener rasch in Buttisholz eintrafen

und ihre Spritze strategisch geschickt in der

Nähe des Dorfbaches platzierten. «Gewiss,

ein sicheres, erfolgreiches Resultat würde

nicht ausgeblieben sein. Doch was geschah;

kaum hatte man zu pumpen begonnen, als

die Spritze unter gewaltigem Knalle zersprang.

In der Hast hatte der Spritzenhauptmann

den Hahnen am Windkessel zu drehen

vergessen, was bei der Tätigkeit der Maschine

das Zersprengen derselben zur Folge

hatte. Mit diesem Unfalle war nun auch der

letzte hoffnungsvolle Gedanke gescheitert.»

Typisch auch die Brandursache: Ein Kaminbrand

eines nicht gemauerten Kamins in

einer Bäckerei löste ihn aus. Egli erinnert

dies so: «Schon mehrmals hatte der Brand


72

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Achtung, Brandgefahr!

Bauernhäuser mit

Stroh dächern und mit

ge lehm ten, windschiefen

Kaminen bildeten

in der Luzerner

Landschaft noch lange

eine Gefahrenquelle

dieses Gebäude infolge schlechter Beschaffenheit

des Kamins bedroht, was der Besitzer

jedoch köstenhalber zu verdecken suchte.»

Noch ein anderer Umstand erleichterte die

rasche Ausbreitung des Feuers: Ganz nahe

des Hauses hatte der Bäcker einen ziemlich

grossen Vorrat von Brennholz aufgestapelt.

Wenige Tage vor der Katastrophe in Buttis -

holz wüteten schon heftige Gewitter und der

mit dem Unwetter einhergehende Hagelschlag

zerstörte die Ernte in weiten Teilen des

Kantons. Nach den grossen Anstrengungen

für die Glarner Brandgeschädigten startete

nun ein zweiter Spendenmarathon unter

dem Motto: «Schnelle Hülfe thut hier noth.

Hier Luzerner! Da ist unser Glarus!» So ordnete

die Regierung wie in alten Zeiten, als

noch keine Brandversicherung bestand,

Haus-zu-Haus-Sammlung an. Und die Pfarrherren

appellierten von der Kanzel an die

Gläubigen, zu spenden. Der Predigerton fand

sich auch im regierungsrätlichen Bettagsmandat.

Der Tenor: Die Grosszügigkeit der

Spender von heute werde später im Himmelreich

entlohnt. Auch ein Verweis auf die

Berg predigt fehlte in dem regierungsamtlichen

Appell nicht: «Der ewige Richter wird

die edlen Geber hierfür einst belohnen und

sagen: ‹Ich war hungrig und ihr habt mich

gespeist; ich war durstig und ihr habt mich

getränkt; ich war nackt und ihr habt mich

bekleidet. Nehmet Besitz von dem Reich, das

Euch bereitet ist von Anbeginn!›»

Natürlich waren bei manchem die Spendengroschen

nach der Glarner Kampagne

etwas knapp. So musste auch die Regierung

die allzu eifrigen Sammler etwas in ihrem

forschen Vorgehen bremsen und ausdrücklich

verbieten, dass die Sammler Druck auf

die potenziellen Spender ausübten.

Nach Buttisholz folgten weitere Brände in

Menznau-Geiss, Aesch, Müswangen und

Mauensee. 1861 war so ein Schreckensjahr,

das sich auch massiv in der Rechnung der

Brandversicherung Luzern bemerkbar machte.

Noch nie war die Zahl der brandgeschädigten

Gebäude – 123 an der Zahl – so hoch

und noch nie die Summe der zu leistenden

Brandentschädigung mit 282 000 Franken so

hoch wie im 50. Jahr des Bestehens der

Brand versicherung Luzern. Und da die

Brand steuer im Umlageverfahren eingezogen

wurde, war es unvermeidlich: Im darauf folgenden

Jahr zahlten die Gebäudebesitzer das

Achtfache einer Prämie eines Normaljahrs.

Das Auf und Ab der Prämie sorgte für hitzige

Stammtischdebatten. Beinahe zwangsläufig

lösten Glarus, Buttisholz und die anderen

Dorfbrände eine noch nie da gewesene

Diskussion über Sinn und Unsinn der staatlichen

Brandversicherung aus. Denn trotz der

Versicherungen kehrte in diesem Katastrophenjahr

der alte Brandbettel wieder zurück,

der eigentlich durch die auf institutionalisierte

Gegenseitigkeit aufgebauten Brandversicherungen

hätte abgeschafft werden sollen.


73

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Der lange Weg zur Rückversicherung

Der Brand von Glarus 1861 war das Signal, um

mit einem Rückversicherungssystem die Risikodeckung

bei Grosskatastrophen in den Griff zu

bekommen. Aber erst ein halbes Jahrhundert

später erhielt das Rückversicherungsgeschäft

mit der Gründung des Interkantonalen Rückversicherungsverbands

(IRV) eine solide Basis.

Noch waren die Brandruinen in Glarus nicht

beiseite geräumt, erhob sich schon Kritik an

den «allzu begrenzten kantonalen Versicherungsanstalten».

Das liberale «Luzerner Tagblatt»

zitierte hierzu die freisinnige Schwesterzeitung

aus Basel, die monierte: «In ihren

beschränkten Verhältnissen bieten die kantonalen

Versicherungsanstalten keine genügenden

Garantien und möglicher Weise vergrössern

sie nur, wie schon oft, so auch jetzt

in Glarus, das Unglück.»

Der schärfste Kritiker von Luzern, der

Stadtrat Friedrich Berchtold, schlug in die

gleiche Kerbe. Er forderte, wie bereits im vorigen

Kapitel skizziert, die Zulassung von

privaten durch den Staat geprüften und konzessionierten

Versicherungen. Vor allem malte

er aber in seiner Schrift mit Verweis auf Glarus

die Zahlungsunfähigkeit der kantonalen

Brandversicherung an die Wand. Glarus

zeigte, «dass trotz der wahrhaft erhebenden

Opferwilligkeit und der grossartigsten Hülfe,

die von Seite der Miteidgenossen geleistet

wurde, die kantonale Brandassekuranz-Anstalt

bei grossem Brandunglück nicht nur

ein völlig ohnmächtiges Institut sei, sondern

auf eine Reihe von Jahren hinaus eine drückende

Last für das ganze Land werde.»

Berchtold malte dann in seiner Broschüre

ein besonderes Schreckensszenario aus.


74

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Nach diesem sollten ein Drittel der Häuser

von Luzern «von den Flammen verzehrt werden».

Mit dem Beispiel wollte Berchtold veranschaulichen,

dass «ein derartiger exorbitanter,

mehrere Jahre anhaltender Steuerfuss

den Ruin des Mittelstandes, der Hauptstütze

des Staates» nach sich ziehen würde.

Die kantonalen Versicherungen waren sich

nach dem Brand von Glarus schlagartig bewusst:

Ihre Risikodeckung war viel zu klein

bemessen. Deswegen wurde mit grossem

Eifer nach der Glarner Katastrophe ein Konkordanzprojekt

erörtert, mit dem Ziel, einen

interkantonalen Rückversicherungsverbund

ins Leben zu rufen. Aber die kantonalen

Brandversicherungen der 1860er Jahre stolperten

über den berühmt-berüchtigten «Kantönligeist»

und das Projekt wurde 1865 endgültig

ad acta gelegt.

Nun waren die Luzerner zum Alleingang

gezwungen. Schon bald stellte sich heraus,

dass für die Rückversicherung des gesamten

Gebäudebestands das statistische Grundlagenmaterial

fehlte. Zudem wollten die grossen

Rückversicherer-Gesellschaften nicht das

unwägbare Risiko von strohbedeckten und

geschindelten Holzhäusern, die damals noch

die Luzerner Landschaft dominierten, übernehmen.

Schliesslich konzentrierte sich die

Brandversicherung Luzern auf die teuren Gebäudeobjekte

im Kanton und versicherte diese

mit acht Millionen Franken. 1901 realisierte

dann die Brandversicherung Luzern erstmals

die Totalversicherung aller Gebäude mit der

französischen Gesellschaft Phénix. Just aber

in dem Vertragszeitraum von 1901 bis 1906

sank die Schadensumme rapide und die Phénix

strich so eine halbe Million Franken ein,

ohne einen Rappen ausgegeben zu haben.

Das Rückversicherungsgeschäft erhielt erst

eine solide Basis, als der Interkantonale

Rück versicherungsverband (IRV) 1910 ins

Leben gerufen wurde. Der Impuls zur Gründung

des IRV mit Sitz in Bern ging von der

1902 gegründeten Vereinigung Kantonaler

Feuerversicherungen (VKF) aus, der nun ein

schlag kräftiges und umspannendes Netz

knüpfte, das mit seiner Grösse wesentlich

bessere Konditionen mit den privaten Rückversicherungen

aushandeln konnte als die

einzelnen kantonalen Anstalten. Die Gründung

des IRV war ein Meilenstein, um den

modernen Ver sicherungsschutz in der Schweiz

zu etablieren. Denn mit dieser Institution

war es bei grossen Brandkatastrophen möglich,

das Risiko eines einzigen kantonalen

Versicherers solidarisch auf viele Schultern

zu verteilen.

Die Gebäudeversicherung Luzern musste so

auch nach einer grossen Katastrophe wie dem

Luzerner Bahnhofbrand – Schadensumme annähernd

sieben Millionen Franken – nicht die

Prämien erhöhen. Dabei hatte die Gebäudeversicherung

Luzern besonderes Glück: Drei

Tage vor dem Brand hatte sie beim IRV die

Rückversicherung erhöht.


75

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Der Luzerner Bahnhof mit dem hohen Kuppelbau

in Brand: Am 5. Februar 1971 versank die Eisenbahn-

Kathedrale, erbaut 1896, in Schutt und Asche


76

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Experiment geglückt – 1922 wird Gebäudeversicherung unabhängig

Mehr als 100 Jahre lang war die Gebäude -

versicherung Luzern ein Experimentierfeld, das

langsam den anfangs löchrigen Versicherungsschutz

stopfte und so seine professionelle und

solide Form erhielt. 1922 wurde die Versicherung

endlich unabhängig vom Kanton. Die gesetzliche

Totalrevision von 1976 gab dann der öffentlichrechtlichen

Institution ihre moderne Ausrichtung,

um auf versicherungswirtschaftlicher Grundlage

arbeiten zu können.

Mit den Debatten rund um das Katastrophenjahr

1861 wurde der Startschuss für die

Rückversicherung gegeben. Aber es brauchte

fast 50 Jahre, bis das 1869 aufgegleiste Projekt

wirklich auf einem soliden Fundament

stand. Das aber ist ganz typisch für die

Geschichte der ersten 100 Jahre der Brandversi

cherung Luzern: Die sprichwörtliche

Maxime «Erst aus Schaden wird man klug»

prägte die gesamte Entwicklung des Unternehmens.

Immerhin schuf die Rückversicherung nun

die Grundlage, um einen Missstand zu beheben,

der von Anfang an der Brandversicherung

regelmässig Kritik einbrachte: der Ausschluss

von besonders wertvollen und


77

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Die damalige Krise hat durchaus

Parallelen zur Gegenwart.

feuer gefährlichen Fabriken. Die Revision des

«Gesetzes über die Brandversicherungsanstalt»

von 1869 stellte nun die Weichen zur

Vollversicherung. Denn bis dahin scheute

das junge Unternehmen das Risiko, Fabriken

mit ihren wegen der Explosionsgefahr so gefürchteten

Dampfkesseln zu versichern. Noch

zu Beginn der 1860er Jahre wurden immer

mehr feuergefährliche Gewerbe in die unversicherbare

Klasse IV verschoben. Nun aber

eröffnete das Rückversicherungssystem die

Möglichkeit, auch die Risiken von Fabrikund

Hotelbränden zu schultern. Natürlich

ging auch das nicht von einem Tag auf den

anderen, da die Fabrikherren nach dem Ausschluss

von der kantonalen Versicherung bei

Privaten gegen teure Prämien Unterschlupf

gefunden hatten.

Auch bei anderen Schwachstellen ging die

Brandversicherung Luzern über die Bücher.

In Luzern hatte sich nach der Serie von

Dorfbränden im Unglücksjahr 1861 wegen

des bis dahin praktizierten Umlageverfahrens

die Prämie im Folgejahr verachtfacht.

Mit der Gesetzesrevision von 1869 sollten

die Prämien aber nicht mehr wie bis anhin

sprunghaft an die Schadensumme des Vorjahres

angepasst werden. Stattdessen sollte

ein Reservefonds die massiv steigenden Entschädigungen

in Katastrophenjahren finanztechnisch

auffangen. Nur: In dem langen

Prozess von gescheiterten Versuchen und

Irrtümern wollte auch dies der Brandversicherung

Luzern nicht gelingen. Denn kaum

war der «Selbstversicherungsfonds» geschaffen,

sah sich das Unternehmen mit einer

über zwei Jahrzehnte währenden Welle von

abgebrannten Bauernhöfen konfrontiert. Auch

wenn alles auf Brandstiftung deutete, waren

die feuerpolizeilichen Kontrollen und die damalige

Branddiagnostik so unterentwickelt,

dass nur wenige Brandstifter rechtmässig

vor Gericht verurteilt werden konnten.

Die Gerichtsakten zeichnen ein dramatisches

Bild über die verzweifelten Luzerner

Landwirte in den 1870er und 1880er Jahren.

Die Agrarkrise trieb sie in den Ruin und

damit zu der Verzweiflungstat, mit Brandstiftung

noch einmal den Bankrott abzuwenden.

Die damalige Krise hat durchaus Parallelen

zur Gegenwart. Denn zum ersten Mal

spürten die Bauern seit 1860 die Folgen der

Globalisierung. Die Schweizer Getreideproduzenten

waren damals ohne Agrarzölle

völlig unvorbereitet der Konkurrenz aus

Frankreich und den USA ausgeliefert. Diese

beiden grossen Getreideexporteure lieferten

dank dem eng geknüpften Schienennetz ihr

wesentlich billiger produziertes Getreide in


78

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

alle Landesteile der Schweiz. Die Welle der

Brandstiftungen ebbte erst in den 1890er

Jahren ab. Von da an bildete sich denn auch

langsam ein Grundstock im Reservefonds.

Davor aber musste die Staatskasse immer

wieder Geld vorschiessen, damit die Brandversicherung

Luzern ihren Verpflichtungen

nachkommen konnte.

Ein Punkt, den schon Kritiker Friedrich

Berchtold in seiner Broschüre monierte,

blieb dagegen unerledigt. Der Versicherungsschutz

setzte immer erst zu Beginn des Jahres

ein. Fertig gestellte Neubauten blieben

genauso wie im Bau befindliche Objekte so

lange unversichert. Erst mit der bedeutenden

Revision von 1922 wurde nun mit der Bauversicherung

diese Lücke geschlossen. Aber

auch die revidierte Gesetzesgrundlage von

1922 hielt daran fest, dass die Entschädigung

von Gebäudebesitzern nach dem Zeitbauwert

vorgenommen wurde. Das heisst:

Die Versicherungsleistung basierte nicht auf

dem Neubauwert, sondern von diesem wurde

immer die Wertminderung durch die zeitliche

Abnutzung abgezogen. Erst seit 1963

konnte bei der Brandversicherung Luzern fakultativ

auch eine Neuwertversicherung abgeschlossen

werden, so dass der ganze Wiederaufbau

eines zerstörten Gebäudes durch

die Versicherung garantiert war.

Die 1920er Jahre waren denn auch für die

Brandversicherung Luzern sprichwörtlich

«goldene Jahre». Der damalige Bau-Boom erhöhte

den Versicherungsbestand um eine

grosse Zahl von steinernen und damit risikoarmen

Gebäuden und im Reservefonds sammelten

sich erstmals bedeutende Summen

an. Das herausragendste Ereignis aber war

eines: Endlich entliess der Kanton die

Brand versicherung Luzern als lästige Unterabteilung

des Finanzdepartements. Seit der

Gesetzesrevision von 1922 ist die Gebäudeversicherung

Luzern eine öffentlich-rechtliche

Institution, die aber völlig autonom von

der kantonalen Verwaltung handeln kann.

Erstmals in der Geschichte der Anstalt war

damit die Möglichkeit gegeben, diese Institution

nach versicherungswirtschaftlichen

Gesichtspunkten zu führen. Von daher eröffneten

sich auch neue Perspektiven. Vor allem

sollte der Schutzschild vergrössert werden

und nunmehr nicht nur vor Bränden schützen,

sondern auch vor Elementarschäden.

Tatsächlich wurden die bis dahin als unversicherbar

geltenden Elementarschäden 1934

in den Versicherungsschutz integriert.

Für die Versicherten bildete auch das Jahr

1963 eine bemerkenswerte Zäsur. Endlich

war es den Prämienzahlern fakultativ möglich,

ihre Gebäude hundertprozentig nach

dem baukostenindexierten Neuwert zu versichern.

Bei dieser auch sozialpolitisch ausgerichteten

Reform standen dem Gesetzgeber

vor allem die finanziell nicht so gesegneten

Gebäudebesitzer wie beispielsweise die Bergbauern

vor Augen, deren Existenz oft bei


79

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

den Versicherungsschutz eingeschlossen. Dass

das Gesetz bis heute Bestand hat, zeigt: Die

Reformer haben gründlich gearbeitet.

1976 erfolgte die grosse

Totalrevision des Gebäude -

versicherungsgesetzes.

Bränden oder Naturkatastrophen ganz vernichtet

wurde. Indes überraschten die Erfahrungen

mit der freiwillig eingerichteten

Voll wertversicherung: Viele Landwirtschafts -

betriebe schlossen keine solche Versicherung

ab. Nun wollte der Gesetzgeber selbst die

Risikoabschätzung für alle in die Hand nehmen.

Es galt den drohenden Graben zwischen

Berg- und Talgebieten zu über brücken.

Der Grosse Rat beschloss 1972, die

obligatorische baukostenindexierte Neuwertversicherung

einzuführen. 1976 erfolgte die

grosse Totalrevision des Gebäudeversicherungsgesetzes.

Das Gesetz, das nun Brandund

Elementarschäden in einem Paragrafenwerk

miteinander vereinigte, sprach denn

auch konsequent von der Gebäudeversicherung

des Kantons Luzern und löste damit

auch ganz offiziell den Namen Brandversicherung

ab.

Im Zuge der gesetzlichen Totalrevision

wurden auch verschiedene andere Versicherungslücken

geschlossen. Hitze- und Rauchschäden

waren beispielsweise von nun an in


80

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Betrauert und beweint – der Brand der Bilderbrücke

Mit immer besserem Brandschutz ist die zer -

störerische Wucht des Feuers eingedämmt

worden. Im öffentlichen Bewusstsein dagegen

bleibt das feurige Element mit spektakulären

Bränden wie jenem der Kapellbrücke im

Gedächtnis haften.

1971 trug sich in die Annalen der Gebäudeversicherung

Luzern nicht nur wegen des

Bahnhofbrandes ein. Denn bereits wenige

Monate später folgte ein Fabrikbrand in

Root. Und dann stand noch 1973 das Bürohochhaus

des Verkehrshauses in Flammen.

Die Pechserie mit ihren markanten Schäden

brannte sich tief in die Versicherungsstatistik

der Gebäudeversicherung Luzern ein.

Zwischen 1970 und 1973 schrumpfte das

Kapital des Reservefonds um mehr als die

Hälfte – von 14 Millionen Franken auf 6,5

Millionen Franken. Dies löste – letztmals übrigens

– eine schadenbedingte Erhöhung der

Versicherungsprämien aus. Mit der Prämienerhöhung

wurde auch das Ziel verfolgt, den

Reservefonds zu stärken. Von 1976 an forderte

deshalb der Gesetzgeber ein Minimum

von mindestens drei Promille im Verhältnis

zum versicherten Gesamtbestand. Die ambitiösen

gesetzlichen Vorgaben wurden erst im

ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts beinahe

erreicht.

Nach der herben Verlustphase der Gebäudeversicherung

Luzern im Zeitraum 1971 bis

1973 pendelten sich die Feuerschäden auf


81

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Ein Bild, das sich in das kollektive Gedächtnis

der Luzerner einbrannte: Die in Flammen

stehende Kapellbrücke in der Nacht auf den

18. August 1993


82

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Bild links: 1973 stand

das Bürogebäude des

Verkehrshauses in

Flammen

Bild rechts: Der Brand

der Kapellbrücke sorgte

nicht nur in Luzern,

sondern weltweit für

Schlagzeilen

einem mittleren Niveau ein und im letzten

Jahrzehnt oszillierte die Schadenintensität auf

relativ niedrigem Niveau (unter 0,2 Promille

Schäden im Verhältnis zum Versicherungskapital).

So hat das Feuer viel von seinem früheren

Schrecken verloren und auch grosse Schadensummen

wie der Grossbrand von Schindler

in Ebikon 1991 mit neun Millionen

Franken Schaden bleiben trotz ihrer beträchtlichen

Höhe kaum mehr im Gedächtnis

haften. «Trotzdem gibt es Brände, welche die

Menschen vor allem emotionell bewegen»,

sagt GVL-Direktor Dölf Käppeli und kommt

dann gleich auf eines dieser elektrisierenden

Ereig nisse zu sprechen: den Brand der

Kapell brücke in der lauen Sommernacht vom

17. auf den 18. August 1993.

Tatsächlich: Die älteste noch erhaltene überdachte

Holzbrücke Europas war eben mehr als

eine Brücke. Und wie sich der Brand in Windeseile

von Joch zu Joch, von den auf Bildtafeln

aufgemalten helvetischen Geschichts -

heroen zu den Stadtheiligen Mauritius und

Leodegar vorgefressen und diese ver sengt hat,

so verbreitete sich auch am Tag danach die

Nachricht international, dass das Luzerner

Brückenmonument in Schutt und Asche liegt.

Der «Figaro» in Paris titelte: «Luzerner weinen

um ihre Holzbrücke.» Der Künstler Hans

Erni bekannte: «Es ist wie ein Todesfall.»

Die Betroffenheit sowie das ungemeine

nationale und internationale Interesse entzündeten

Spekulationen in alle Richtungen.

Beinahe zwangsläufig kam die Feuerwehr in

Verdacht, wenig professionell vorgegangen

zu sein und damit indirekt den Untergang

des Luzerner Wahrzeichens mitverursacht zu

haben. Da war zum einen der Vorwurf, dass

das Feuerwehrschiff «Donner», das während

des Brandes in der Luzerner Bucht ankerte,

nicht zum Einsatz kam. Die Antwort war eigentlich

recht simpel: Der Wasserstand war

damals viel zu hoch. Das Löschschiff konnte

so nicht unter der Seebrücke hindurch zur

Brandstätte gelangen. Eine stadträtliche Untersuchungskommission

musste einen anderen

Vorwurf klären: Hat die Feuerwehr viel

zu spät auf die eingehende Brandnachricht

von Anwohnern reagiert? Die Kommission

konnte jedoch die Vorwürfe an die Feuerwehr

entkräften.

In dieser emotionell angespannten Situation

brodelte selbstverständlich auch die Gerüchteküche.

Drogenabhängige waren streng

im Verdacht, mutwillig eine Brandstiftung

unter nommen zu haben. Drei Monate später

stellte der Wissenschaftliche Dienst der

Stadtpolizei Zürich ganz nüchtern fest: «Es

bestehen keine Hinweise auf eine vorsätz -

liche Brandstiftung.» Eine achtlos weg geworfene

Zigarette gilt so bis heute als Hauptverdächtige

für die Brandursache. Ganz

typisch für die Hysterie nach dem Brand war

folgender Fehlalarm: Ein zur Brandwache an

der verkohlten Brücke abkommandierter


83

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Das Bild vom brennenden

Luzern im Mittelalter

auf der Kapell brücke

wurde 1993 selbst ein

Raub der Flammen

Polizist meldete am 18. August verdächtige

Rauchentwicklung am Wasserturm. Als die

Feuerwehrleute ausrückten, entdeckten sie

Fliegenschwärme, die mit Rauchschwaden

verwechselt worden waren.

Im Angesicht der traurigen Überreste der

Kapellbrücke geriet auch die Gebäudeversicherung

Luzern ins Visier. Sie musste sich

«Trotzdem gibt es Brände,

welche die Menschen vor allem

emotionell bewegen.»

fragen lassen, warum sie es versäumt habe,

die Stadt Luzern zu zwingen, mit einer

Sprinkleranlage das kulturhistorische Brückenmonument

zu schützen? Die Gebäudeversicherung

Luzern beschied damals den

jour nalistischen Nachfragern, dass dies

durch aus wünschenswert wäre, aber aus der

Sicht des gesetzlichen Brandschutz- und

Ver sicherungsauftrages wiederum auch unverhältnismässig.

Die zu leistende Entschädigung

von rund 1,5 Millionen Franken war

weit entfernt von anderen rekordverdächtigen

Grossbränden.

Die viel diskutierte Sicherheitsfrage und

Schutzwürdigkeit liess auch die Stadt rasch

handeln. Wenige Tage nach dem Brand der

Kapellbrücke wurden auch auf der Spreuerbrücke

die Totentanzbilder von Kaspar

Megglinger demontiert und die Stadtoberen

überlegten sich, ob sie auf den beiden Brücken

alle Bildtafeln durch Kopien ersetzen

sollten.

Der Entscheid fiel dann aber doch zugunsten

originaler Bilder, sowohl auf der Kapellbrücke

wie auf der Spreuerbrücke. An der

Kapellbrücke aber sollten vier verkohlte Tafeln

noch an das Feuer erinnern, um die

Spuren der Brandnacht nicht ganz zu tilgen.

Das war so lange unumstritten, bis der

Rechtsanwalt und Mäzen Jost Schumacher

zwei Kopisten beauftragte, 146 Bildtafeln

nach Fotos nachzumalen. Seither wogt der

Streit: Soll unter dem Brückendach nur Originales

und Authentisches hängen, oder dürfen

es auch Kopien sein?


85

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Wie die Angst vor dem Risiko, Naturkatastrophen zu versichern, überwunden wurde

Die grosse Flut 2005 – tragisch und teuer

Versicherungsmathematisch problematisch wagte

sich die Gebäudeversicherung Luzern erst 1934

daran, auch Elementarschäden zu versichern. Wie

sprunghaft und unberechenbar die Naturgewalten

sind, erfuhr das Unternehmen 2005, als an vielen

Orten die Hänge ins Rutschen kamen und die

übertretenden Flüsse und Bäche viele Gemeinden

unter Wasser setzten.

Alles unter Wasser: Die

Flut von 2005 sorgte

auf dem Littauerboden

für Millionenschäden


86

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Am 19. August 2005 schwappt das Genuatief

aus dem Süden über die Alpen. Aufgesogen

mit unglaublichen Wassermassen, entlädt

der Tiefausläufer vier Tage lang rekordverdächtige

Niederschlagsmengen über die Zentralschweiz

und den Kanton Bern. Einzelne

Wetterstationen melden 300 Liter Niederschlag.

Das sind zehn Mal so viel Regen, wie

ein normales Sommergewitter abregnet.

Die katastrophale Konsequenz: Der Vierwaldstättersee

steigt innerhalb von vier

Tagen um eineinhalb Meter auf die Rekordmarke

von 435,23 Meter – Werte, die seit

1910 nicht mehr gemessen wurden. Die Altstadt

von Luzern steht tagelang unter Wasser.

Nur mit provisorischen Holzstegen können

die Passanten die Altstadt durchqueren.

Im ganzen Kanton stehen Hunderte von

Kellern unter Wasser, Dutzende von Erdrutschen

werden gezählt. Schlammlawinen und

Wasser überfluten Strassen und Schienen,

beschädigen Häuser und Brücken im ganzen

Kanton. Aber besonders unbarmherzig und

intensiv setzt der Starkregen dem Entlebuch

zu. Dort begraben Schlammlawinen und

Erd rutsche Dutzende von Häusern und Ställen.

Zwei Feuerwehrleute werden bei einem

Murgang verschüttet und finden in den

Schlamm massen den Tod.

Und die Wassermassen, die die Kleine

Emme mit sich führt, spürt auch Emmen.

Laut heulen dort die Sirenen, als rund um

den Seetalplatz alles geflutet wird. Die Wassermassen

bahnen sich den Weg durchs

Werk von Swiss Steel. Selbst der Tresorraum

der Kantonalbank in Emmenbrücke mit 700

Schliessfächern steht unter Wasser, und die

beiden Luzerner Gemeinden am Fusse der

Rigi, Vitznau und Weggis, melden zahlreiche

starke Erdrutsche.

2005 – das ist für die Gebäudeversicherung

Luzern das mit grossem Abstand teuerste

Katastrophenjahr aller Zeiten. Neben der tragischen

Bilanz von zwei Todesopfern hat die

Versicherung einen in ihrer Geschichte noch

nie da gewesenen Verlust zu kompensieren.

Ins gesamt werden 3 650 Gebäudeschäden gezählt,

was sich unterm Strich zu einer Summe

von 230 Millionen Franken addiert. Interessant

dabei: Alleine in Malters, Littau und

Emmen massieren sich die Schäden so stark,

dass auf diese drei Gemeinden mehr als 75

Prozent der Schadensumme entfallen.

Für die Gebäudeversicherung war das

grosse August-Unwetter 2005 eine Herausforderung

auf mehreren Ebenen. Zum einen

hiess dies für die Mitarbeitenden bei der

Schadenaufnahme, zwölf Stunden, auch am

Samstag, Telefondienst zu leisten, um die

3 650 Schäden aufzunehmen. Zur gleichen

Zeit mussten die nebenamtlichen Schadenexperten

ausschwärmen, um vor Ort die

Schäden abzuklären und zu bewerten. Der

Arbeitsanfall war so gross, dass noch zehn

Schadenexperten aus dem Thurgau hinzu -

gezogen werden mussten.


87

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Pferdekutsche und

Drahtesel: Zwei Mal

Jahrhunderthochwasser

in Luzern – 1910 und

2005

Auf einer anderen Ebene erlebten die seit

1996 tätigen Katastropheneinsatzleiter der

Gebäudeversicherung Luzern, kurz KEL GVL,

ihre erste Bewährungsprobe. Die speziell

aus gebildeten Krisenmanager koordinierten

die verschiedenen Ersteinsatzkräfte von der

Feuerwehr über die Sanität bis hin zur

Polizei.

Die grosse Flut von 2005 zeigte aber auch,

wie perfekt das solidarische System der

kantonalen Gebäudeversicherungen funktionier

te. Vom Inter kan to na len Rück ver si che -

rungs verband und dank der auf gegen sei -

tiger Solidarität für besondere Katastrophen

gegründeten interkantonalen Risikogemeinschaft

flossen der Gebäudeversicherung

Luzern 169 Millionen Franken zu. Auch aufgrund

der mittlerweile ausgebauten Reserve

wurde so der Gebäudeversicherung Luzern

und ihren Prämienzahlern nach dem Katastrophenjahr

2005 nicht noch finanziell eine

happige Rechnung präsentiert. Sogar auf

eine Prämienerhöhung konnte verzichtet

werden.


88

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Hagelkörner trommeln für die Versicherung der Elementarschäden

Am 1. Januar 1934 war es so weit: Der Sicherheits

schirm der Gebäudeversicherung Luzern

weitete sich. Nicht nur Feuer, sondern auch die

Schäden von Hagel, Hochwasser, Steinschlag

und Sturm an Gebäuden waren von diesem Tage

an versichert. Vorausgegangen war der Einführung

der Elemen tarschadenversicherung eine

lange Debatte, ob die Kapriolen der Natur

versicherungs mathematisch in den Griff zu

bekommen seien.

Im Jahr 2005 war es eine Selbstverständlichkeit:

Kurz nach den verheerenden Unwettertagen

nahmen die nebenamtlichen Schadenexperten

der Gebäudeversicherung Luzern

bei den Hochwassergeschädigten und

Schlamm lawinenbetroffenen das Ausmass

der Zerstörungen auf. Bald danach traf die

erste Vorauszahlung auf dem Konto ein. Bis

1934 bestimmte dagegen bei Stürmen, Erdrutschen,

Hochwasser und Hagel die karitative

Katastrophensolidarität mit ihren Spendenkampagnen

die Szene. Nur die Gelder

aus den nationalen oder kantonalen Sammlungen

erreichten die Opfer von Naturgefahren

und wendeten meist nur mühsam den

Ruin der betroffenen Familien ab. Natürlich

hat es auch im 19. Jahrhundert nicht an

Stimmen gefehlt, die im Bereich des Elemen-


89

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Das Hagelunwetter

1927 deckte in Rothenburg

die Dächer ab

tarschadens den Schritt von den Liebesgaben

zur geplanten Solidarität der Versicherung

machen wollten. Vor allem die Schweizerische

Gemeinnützige Gesellschaft weibelte

für diese Idee. Sie richtete nach den grossen

Überschwemmungen im Juni 1910 den

«Schweizerischen Fonds für Hilfe bei nichtversicherbaren

Elementarschäden» ein und

Mit berserkerischer Gewalt zog ein

Hagelzug vom Genfersee kom mend

über den Kanton Luzern.

lobbyierte stark im Kanton Waadt, dass dort

die Elementarschäden von der kantonalen

Gebäudeversicherung mitgetragen wurden.

1925 fand dann auch in der Waadt die Premiere

statt und wurden sowohl Feuer- wie

Naturgefahren versichert. Im Hintergrund

setzte sich auch die Vereinigung Kantonaler

Feuerversicherungen (VKF) für die Erweiterung

der Schadenpalette ein, vor allem deren

technische Kommission. Und hier begegnen

wir wieder einer zentralen Schlüsselfigur der

damaligen Brandversicherung Luzern: Balthasar

Helfenstein. Der Mann hatte Visionen.

Und wie den drei anderen Mitgliedern der

VKF-Kommission schwebte ihm vor, auch

die Naturgefahren mitzuversichern.

Seine emsigen Bemühungen zeigen sich

noch heute in den erhaltenen statistischen

Tabellen. Alles Zahlenmaterial über Sturm-,

Hagel- und Hochwasserschäden aus dem

Kanton Luzern wurde von Helfenstein zusammengetragen.

Das akribische Datensammeln

weist auch zugleich auf den wunden

Punkt einer Elementarschadenversicherung

hin: Versicherungsmathematisch stellt die

Natur die Spezialisten vor ganz andere Probleme

als die Feuergefahren. Um die Risiken

der Feuergefahren relativ zuverlässig abzuschätzen,

reicht bereits die Datenerhebung

der Schäden von 15 Jahren. Anders ist es

bei den Kapriolen der Natur, die in einem

Jahr mit entfesselter Wucht Millionenschäden

anrichten und dann wieder für einige

Jahre ganz ausbleiben. Helfenstein war aber

überzeugt, dass auch die Naturgefahren versichert

werden könnten. Er schrieb Denkschriften

und hielt engen Kontakt zu den

politischen Entscheidungsträgern. 1927 reif -

te dann in der Stunde der Not der Zeitpunkt

heran, auch im Kanton Luzern die Elementar

schäden zu versichern. Mit berserkerischer

Gewalt zog ein Hagelzug vom Genfersee

kom mend über den Kanton Luzern. Die

Scha den bilanz erreichte damals die Summe

von 6,85 Millionen Franken und der Gebäude

schaden lag bei annähernd zwei Millionen

Franken, was inflationsbereinigt umgerechnet

zwölf Millionen Franken sind und

sich auf wenige Ortschaften konzentrierte.


90

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Das Hochwasser im

August 2005 hinterlässt

seine Spuren in der

Stadt Luzern

Vor allem Rothenburg war betroffen. Der

ortsansässige Korrespondent des «Luzerner

Tagblatts» schrieb über den Katastrophentag

in Rothenburg: «Wer nicht dabei gewesen

ist, kann sich keine Vorstellung machen von

der Zerstörungsgewalt dieses Hagelunwetters,

das die Gegend in und um Rothenburg

vollständig verwüstet hat. Kein Haus, kein

Baum, kein Halm ist verschont geblieben.

Mitten im Orte ist eine Verwüstung, als ob

der Krieg mit Maschinengewehren dort gehaust

hätte.»

Solidarität kam den Hagelgeschädigten

wieder aus allen Kantonsteilen zu und auch

die damalige Brandversicherung Luzern

wollte dieses Mal nicht beiseite stehen und

zahlte ganz kulant allen vom Hagel betroffenen

Hausbesitzern zehn Prozent der Schadensumme.

Interessant ist aber die Notiz

zwei Tage nach dem Unwetter im «Luzerner

Tagblatt»: «Nach dem grossen Unwetter des

Jahres 1926 wurden von verschiedenen Seiten

Stimmen laut, die mit Nachdruck eine

Ausdehnung der Brandversicherung auch

auf solche Unwetterschäden befürworteten.

Es sind Vorarbeiten nach dieser Richtung hin

getroffen worden, die indessen noch zu keinem

positiven Ziele geführt haben.»

Dieses Mal rüttelte die Spur der Verwüstung,

die das Sommerunwetter im Kanton

hinterlassen hatte, auf. Die Hagelkörner von

der Grösse von Hühnereiern schlugen – zumindest

sinnbildlich – beim Grossen Rat ein.

Hier wurde die Motion Winiker mit folgendem

Wortlaut lanciert: Der Regierungsrat

solle prüfen, «ob und in welcher Weise der

Staat dafür sorgen kann, dass der private

Grundeigentümer, der von sogenannten unversicherbaren

Elementarschäden betroffen

wird, in Zukunft nicht ausschliesslich auf

die freiwillige Nächstenliebe und insbesondere

auf die Erträgnisse der Liebesgabensammlungen

angewiesen ist.»

Helfenstein witterte Morgenluft und half

mit Expertisen, um die Elementarschäden

doch als versicherbar darzustellen. Am 1. Januar

1934 war es dann so weit: Zum ersten

Mal wurden neben Feuer auch die von Hagel

und Hochwasser, Erdrutsch, Steinschlag und

Sturm verursachten Schäden zumindest zu

70 Prozent von der Gebäudeversicherung

Luzern entschädigt. Nur zwei Dinge blieben

aussen vor: Erdbeben und Schneedruck, wo -

bei letzteres nach dem schweren Winter von

1951 ohne grosse Widerstände auch in das

Paket der versicherbaren Schäden hineingepackt

wurde. Insgesamt zeigte sich schnell:

Die Elementarschäden bedeuten oft massive

Schadenjahre. Aber vor allem mit der Gründung

der Interkantonalen Risikogemeinschaft

(IRG) im Jahre 1995 haben die 19 kantonalen

Gebäudeversicherer ein Instrument gefunden,

um auch in Jahren mit Jahrhundert -

katastrophen die finanzielle Mehr belastung

tragen zu können (siehe nach stehendes Interview).


91

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Von der Prävention her stand bei den

Elementarschäden anfangs vor allem der

Hagel im Fokus. Denn hier wurde auf eine

russische Wunderwaffe gesetzt. Seit den

1950er Jahren führten die Sowjets einen

Krieg gegen die «Bomben aus Eis» und zündeten

Raketen, die bis zu einer Höhe von

14 000 Meter den Wolken entgegenflogen.

Angeblich mit durchschlagendem Erfolg.

Dem wollten auch die Innerschweizer nacheifern

und finanzierten einen fünfjährigen

Versuch des Instituts für Atmosphärenphysik

der ETH Zürich, um mit Hagelraketen im

Napfgebiet das Eis in den Wolken mit Silberjodid

aufzulösen. Aber ausgerechnet in

diesem Zeitraum blieb der Hagel aus. Der

wissenschaftliche Versuch endete ohne

Resultat.

In den letzten beiden Jahrzehnten hat der

Hagel mit seiner brachial entfesselten Wucht

immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. In

der Statistik der Gebäudeversicherung Luzern

stechen dabei vor allem die beiden Jahre

1994 und 1998 mit 32,1 Millionen beziehungsweise

74,8 Millionen Franken hervor.

Aber mittlerweile hat sich der Fokus vom

Hagel wegverschoben hin zu Sturm und

Überschwemmungen. Denn am Stefanstag

1999 hiess es unverhofft «SOS Sturm!» Ohne

Unwettervorwarnung hat sich ein dümpelndes

Tief zu einem der mächtigsten Orkane

aufgebaut, seit Meteorologen in Europa Windgeschwindigkeiten

messen. Und der Sturm

«Lothar» brauste mit mehr als 200 Kilometern

von Süddeutschland kommend über die

Schweiz hinweg. Die Spur seiner Verwüstung

hinterliess kahle Hügel und abgedeckte

Dächer. Der Gesamtschaden summierte sich

auf 1,35 Milliarden Franken – 750 Millionen

Franken Schäden im Wald, 600 Millionen

Franken an Gebäuden. Die Schadenstatistik

der Gebäudeversicherung Luzern zeigt: Den

Kanton Luzern mit 59 Millionen Franken

Schaden hat es besonders erwischt.

Auch bei der Unwetterkatastrophe Ende

August 2005 bestätigte sich, warum der

Kanton Luzern wenig schmeichelhaft als

«Elementarschadenkanton» etikettiert wird.

Denn Luzern sowie die Kantone Bern, Uri,

Ob- und Nidwalden gehörten bei der grossen

Augustflut zu den am meisten betroffenen

Gebieten und verzeichneten 75 Prozent der

schweizweiten Schäden.

Die Lehre aus 2005: In die Elementar -

schaden prävention wird nun viel investiert.

Aber im Unterschied zum Feuer sind die

meteorologischen Unwetter wesentlich komplexer

und weniger leicht in den Griff zu bekommen

als Schadenfeuer. Und aufgrund

des Klimawandels, da sind sich die Experten

einig, werden die Naturgefahren weit intensiver

und häufiger entfesselt als bisher.


93

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Blick nach vorn mit Dölf Käppeli, Direktor der Gebäudeversicherung Luzern

«Objektschutz – das ist unsere Kernkompetenz»

Am Anfang war das Feuer. Doch 200 Jahre später

sorgt sich der Direktor der Gebäudeversicherung

Luzern, Dölf Käppeli, mehr um die Naturgefahren

als um die früher so gefürchteten Feuersbrünste.


94

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Delf Bucher: Herr Käppeli, beim August-

Unwetter von 2005, hatten Sie da schlaflose

Nächte?

Dölf Käppeli: Damals war ich noch nicht

Direktor. Doch der Anblick der Schadenbilder

liess schnell erkennen, dass es sich auch im

Kanton Luzern um ein Ereignis katastrophalen

Ausmasses handelte. Es ist mit Abstand das

grösste Schadenereignis in der Geschichte der

Gebäudeversicherung Luzern. Allein die versicherten

Gebäudeschäden beliefen sich auf über

230 Millionen Franken.

Wie konnte die Gebäudeversicherung Luzern

dieses Ereignis verkraften, ohne die Prämien

zu erhöhen? Wie ist sichergestellt, dass die

Ge bäudeversicherung in solchen Katastrophenfällen

finanziell nicht überfordert ist?

Die Schäden werden primär über Reserven

und Rückversicherungsverträge gedeckt. Um

auch für grösste Katastrophenfälle gewappnet

zu sein, sind die 19 kantonalen Gebäudever -

sicherungen zudem gegenseitige Garantie ver -

spre chungen eingegangen. Über die Rück -

versicherung und die solidarisch aufgebaute

Interkantonale Risikogemeinschaft (IRG) sind

im Schadenjahr 2005 rund 196 Millionen

Franken in den Kanton Luzern geflossen. Mit

diesem bewährten System können wir unseren

Kunden auch bei extremen Schadenereignissen

die volle Deckung garantieren.

Dölf Käppeli, seit 2006

Direktor der Gebäudeversicherung

Luzern

Und wie funktioniert die Solidarität unter

den 19 kantonalen Gebäudeversicherungen?

Die Gebäudeversicherungen sind nicht nur

in ihrem jeweiligen Wirkungskreis solidarisch

organisiert. Über die eigene Rückversicherung

und die Interkantonale Risikogemeinschaft

(IRG) besteht ein Sicherheitsnetz, das wirkungsvoll

und solidarisch auch Grossrisiken

abzudecken vermag. 1995 war es ein Meilenstein,

als die Gebäudeversicherungen die IRG

gründeten, um die finanziellen Belastungen

der einzelnen Mitglieder bei extremen Ereignissen

im Rahmen zu halten.


95

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Luzern ist einer der durch Naturgefahren

stark gefährdeten Kantone innerhalb des

Ver bunds der 19 Gebäudeversicherungen

und verzeichnet vergleichsweise viele Elementarschäden.

Hält die Solidarität dieser

ungleichen Risikoverteilung auf die Dauer

stand?

Durch die geografische Lage sehen wir uns

mit grossen Risiken gegenüber Hagel, Hochwasser

und Sturm konfrontiert. Luzern gilt deshalb

als «Elementarschadenkanton». Die Häufung

grosser Elementarereignisse in den letzten

Jahren erforderte Anpassungen des Systems. So

mussten wir eine Erhöhung der Gross schaden -

grenze von 60 auf heute 117 Millionen akzeptie -

ren. Die Grossschadengrenze definiert die Schadensumme,

ab welcher die Schäden solidarisch

über die Risikogemeinschaft getragen werden.

Werden Feuerschäden auch rückversichert?

Beim Feuer werden nur noch grosse Einzelereignisse

über fünf Millionen Franken rück -

versichert. Den Jahresschaden tragen wir

selber. Wir haben festgestellt, dass die Jahresschäden

recht konstant sind. Damit werden sie

kal kulierbar. Zudem ist der Trend der Feuerschäden

deutlich rückläufig. Noch 1985 mussten

wir pro 1 000 Franken Versicherungs wert

40 Rappen für Brandschäden aufwenden.

Heute braucht es nur noch rund 15 Rappen.

Wie erklären Sie sich den rückläufigen Trend

bei den Feuerschäden?

Vorbeugen ist besser als heilen. Bauliche

und technische Massnahmen schützen Menschen

und Werte vor Feuer. Ziel der Gebäudeversicherung

ist es, überhöhte Schadenrisiken

durch geeignete Präventionsmassnahmen auf

ein vernünftiges Mass herabzusetzen. Im

Scha denfall kommen zudem einsatzwillige, gut

ausgebildete Feuerwehren zum Einsatz, um die

Feuerschäden zu begrenzen. Beide Faktoren

zusammen haben dafür gesorgt, dass es – bis

auf die Landwirtschaft – heute kaum noch zu

einem Totalschaden kommt.

Also verabschiedet sich die Gebäudever -

sicherung Luzern, die vor 200 Jahren als

«Brandversicherungsanstalt» gegründet

wurde, aus ihrem eigentlichen Kerngeschäft?

Tatsächlich hat eine Verlagerung zu den

Ele mentarschäden stattgefunden. Hier gibt es,

unter anderem durch klimatische Veränderungen

bestimmt, einen klaren Trend, der nach

oben zeigt. Im Unterschied zu den relativ konstanten

Feuerschäden sticht bei den Elementarschäden

die Sprunghaftigkeit ins Auge: Im

Rekordschadenjahr 2005 schnellten die Schäden

auf zweieinhalb Franken pro 1 000 Franken

Versicherungswert hoch. Trotzdem dürfen

die Risiken im Feuerbereich nicht unterschätzt

werden. Das Schadenpotenzial ist mit der

heutigen grossräumigen Bauweise wesentlich

grösser als früher.


96

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

Gewinnt die Prävention gegen Schäden

durch Naturgefahren also zukünftig an Bedeutung?

Auf jeden Fall. Das Elementarschadenrisiko

steigt. Durch die zunehmende Häufung und

die höhere Intensität der Ereignisse nehmen

die Schäden markant zu. Die herkömmlichen

Versicherungssysteme werden nicht mehr in

der Lage sein, die finanziellen Auswirkungen

unter den heutigen Bedingungen zu tragen.

Neue Modelle müssen – wie beim Feuer erwiesen

– bei der Prävention ansetzen.

Wo liegen die Schwerpunkte der Gebäudeversicherung

Luzern in der Elementarschadenprävention?

Wir fördern die Erfassung von Gefahrenquellen

und nehmen wo erforderlich die Koordination

und Umsetzung gebäudebezogener

Schutzmassnahmen wahr. Zur Vermeidung von

Gefahrensituationen tragen wir in der Raumplanung

zu einer Freihaltung von Gebieten

oder einer risikogerechten Bebauung bei. Es ist

uns ein Anliegen, dass die Feuerwehr auch bei

Elementarereignissen kompetent alarmieren,

eingreifen und helfen kann. Deshalb engagieren

wir uns in der Organisation, der Ausbildung

und der Ausrüstung der Wehrdienste.

Um auch in Zukunft im Kampf gegen Elementarschäden

bereit zu sein, fördern wir die wissenschaftliche

Forschung und wirken mit bei

der Überprüfung, Entwicklung und Durchsetzung

von schadenverhütenden Normen.

Wo liegen die Unterschiede zwischen dem

Brandschutz und der Elementarschadenprävention?

Die Elementarschadenprävention steckt noch

in den Kinderschuhen und es fehlen weitgehend

die rechtlichen Grundlagen. Beim Brandschutz

können wir wirkungsvolle Massnahmen

verfügen, bei den Naturgefahren hingegen

nicht. Aber wir können versicherungsrechtlich

sanften Druck ausüben. Ele mentarschäden, die

voraussehbar waren und rechtzeitig durch

zumutbare Massnahmen hätten verhindert

wer den können, sind nicht versichert.

Engagiert sich die Gebäudeversicherung

Luzern auch finanziell in der Elementarschadenprävention?

Es muss zwischen Flächenschutz, wie Gewässer-

oder Hangverbauungen, die ein ganzes

Siedlungsgebiet schützen, und Massnahmen

zum Schutz einzelner Gebäude unterschieden

werden. Siedlungsschutz ist eine öffentliche

Aufgabe und muss auch mit öffentlichen

Geldern finanziert werden. Hier dürfen keine

Versicherungsgelder eingesetzt werden. Objektschutz

andererseits ist unsere Kompetenz. Hier

wollen wir uns verstärkt engagieren.

Und da können die Hauseigentümer mit finanzieller

Unterstützung rechnen?

Mit dem neuen Beitragsreglement können wir

Beiträge an Objektschutzmassnahmen gewähren.

Für Massnahmen, welche die Verletzlich-


97

200 Jahre Sicherheit 1810–2010

keit von bestehenden Gebäuden in Gefahrengebieten

deutlich reduzieren, leisten wir Beiträge

von 20 Prozent an geeignete Schutzmassnahmen.

Beispiele sind bauliche Anpassungen zur

Abdichtung und Verstärkung der Gebäudehülle,

die Erhöhung von bestehenden Elementen oder

die Verwendung resistenter Materialien. Jeder

Einzelne kann seinen individuellen Beitrag leisten,

damit das Schadenausmass minimiert

wird. So zeigt auch das richtige Handeln jedes

Einzelnen (z.B. Einziehen der Storen bei Hagel)

Wirkung. Prävention löst einen Prozess aus,

mit Naturgefahren richtig umzugehen.

«Sichern und versichern» steht im Zentrum

Ihrer Geschäftsaktivitäten. Was steckt hinter

diesem Systemgedanken?

Die Gebäudeversicherung integriert die

Schadenverhütung, die Schadenbekämpfung

und die Schadenerledigung in ein System von

«sichern und versichern». Sie organisiert den

objektbezogenen Brand- und Elementar scha -

den schutz, trägt die Verantwortung für die

Organisation und Ausbildung der Feuerwehren

und erbringt finanziellen Ersatz für die versicherten

Gebäude im Schadenfall.

Weshalb können die Gebäudeversicherungen

tiefere Prämien anbieten als die Privatver -

sicherungen?

Die öffentlich-rechtlichen Gebäudeversi -

cherungen sind nicht gewinnorientiert und

brauchen aufgrund des Obligatoriums keine

Verkaufsorganisation. Gewinne werden vollumfänglich

zur Reservenbildung, zur Prämien -

senkung und zur Vorsorge verwendet. Unsere

Kunden profitieren damit von vergleichsweise

günstigen, stabilen Prämien.

Braucht es ein Gebäudeversicherungsmonopol,

um diese Leistungen zu erbringen?

Dank Versicherungsobligatorium und Monopol

besteht im Kanton Luzern eine flächen -

deckende Solidarität. Gute und schlechtere

Risiken können so zu günstigeren Prämien in

einer Versicherung aufgenommen werden. Über

das Monopol findet damit ein Risikoausgleich

statt. Sogenannte «schlechte» Risiken können

zu tragbaren Prämien versichert werden. Dies

zeigt sich besonders deutlich bei der Versicherung

von Elementarschäden.

Also ist die Gebäudeversicherung Luzern auf

gutem Weg zum 300-Jahr-Jubiläum?

Die Gebäudeversicherungsmonopole scheinen

auf absehbare Zeit gesichert. Deregulierungsdiskussionen

sind erfolgreich ab geschlossen.

Zudem hat das Bundesgericht eine eindeutige

Stellungnahme zugunsten des Monopols abgegeben.

Unsere Leistungen sind akzeptiert und

geschätzt. Einer erfolgreichen Zukunft steht

damit nichts im Wege.


Impressum

Herausgeberin

Gebäudeversicherung Luzern

Hirschengraben 19

Postfach

6002 Luzern

Tel. 041 227 22 22

Fax 041 227 22 23

www.gvl.ch

Autoren

Pirmin Meier, Beromünster

Delf Bucher, Buochs

Gestaltung

Hilfikergrafik, Luzern

Druck

Brunner AG, Druck und Medien, Kriens

Bilder

Umschlageinklappseite: Zentralbibliothek Zürich (Alte Drucke); S. 2, 6, 11 (u), 16, 18, 21, 22, 23, 26, 36, 42,

49, 50, 56, 60, 63, 72, 75, 87 (l), 89: Zentral- und Hochschulbibliothek, Luzern; S. 8, 28: Ludwig Suter,

Beromünster; S. 9: Bürgerbibliothek Luzern; S. 11 (o), 24: Dolderhaus Beromünster; S. 25 (o): Larissa

Bühlmann; S. 25 (u): Jasmin Maute; S. 29, 30: Staatsarchiv Luzern; S. 33, 38 (r), 41, 52, 53, 54 (r), 66, 84,

90: Gebäudeversicherung Luzern; S. 44: aus: Balthasar Helfenstein, Die Gebäudeversicherung des Kantons

Luzern, 1810–1920, 1921; S. 46, 59: Stiftung Stadtmuseum Sursee; S. 48: Historisches Museum Luzern;

S. 54 (l): Luzerner Polizei; S. 68, 70: Landesarchiv Glarus; S. 71: aus: Fritz Steiner, Der Brand von Buttisholz,

Willisau 1941; S. 81, 82 (r), 87 (r): Aura, Luzern; S. 82 (l): Verkehrshaus der Schweiz, Luzern; S. 83: aus: Ueli

Habegger, Kapellbrücke und Wasserturm, 1998; S. 92: Hilfikergrafik, Luzern; S. 93: Carmela Odoni, Bern.

April 2010

wir sichern und versichern


200 Jahre Sicherheit im Überblick

1


1810 1820 1830 1840 1850 1860 1870 1880 1890 1900 1910

1876

Dorfbrand

Wolhusen-Markt

1833

Grosser Brand in Luzern

1868

Der Grosse Rat bekennt

sich zu einer öffentlichrechtlichen

Trägerschaft

der Versicherung.

Die Brandversicherung

Luzern gewährt auch

Fabriken mit wegen ihrer

Explosionsgefahr

gefürchteten Dampf -

kesseln Versicherungsschutz

1810

Der Grosse Rat des

Kantons Luzern

verabschiedet «Gesetz

die Ausstellung einer

Brand- Versicherungs-

Anstalt verordnend»

1861

Schreckensjahr für die

Versicherung. Grossbrände

in Buttisholz,

Menznau, Aesch, Müswangen

und Mauensee

1829

Dorfbrand Schüpfheim

1860 -1890

Welle von Brand -

stiftungen verschuldeter

Bauern

1903

Feuerwehr-Dienstpflicht

wird eingeführt


1910 1920 1930 1940 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010

1934

Elementarschäden wie

Sturm, Hochwasser,

Hagel und Erdrutsch sind

nun versicherbar

2005

Das Unwetter Ende

August gibt eine

Ahnung von künftigen

Schäden im Gefolge

des Klimawandels

1976

Totalrevision

des Gebäude -

versicherungs -

gesetzes

2003

Gesamtschweizerische

harmonisierte Brandschutzvorschriften

treten in Kraft

1922

Startschuss, um moderne

Gebäudeversicherung

Luzern zu entwickeln.

Die Brandversicherung

wird aus dem Finanz -

departement entlassen

und selbstständig

1910

Der Inter kan to nale

Rückver sicherungs -

verband (IRV) wird ins

Leben gerufen

1971

Bahnhofbrand Luzern

1998

Der Grosse Rat votiert

eindeutig gegen die

regierungsrätliche Vorlage

einer Privatisierung

der Gebäudeversicherung

Luzern

1993

Luzerner Kapellbrücke

brennt


1810

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