Nachhaltigkeit und Innovation - so kann's gehen

macondogroup

Gerade in der Krise braucht es Innovationen. Dann wären das aktuell perfekte Zeiten für Erfinder. Die Realität ist nicht ganz so einfach. Vor allem nachhaltige Ideen brauchen als Antrieb eher Vertrauen als Angst. UmweltDialog geht in seinem neuen Magazin (ET 18. Mai 2020) auf 80 Seiten der Frage nach, warum wir Politik, Gesellschaft und Markt neu erfinden müssen.

Ausgabe 13

Mai 2020

9,00 EUR

Innovationen

Warum wir Gesellschaft, Politik und Markt

neu erfinden müssen

umweltdialog.de


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Innovation

Eigentlich, ...

EDITORIAL

... liebe Leserinnen und Leser, stand das Konzept für diese Ausgabe ganz

früh fest: Eine nachhaltige Entwicklung im Einklang mit den planetaren

Belastungsgrenzen und dem Zwei-Grad-Ziel von Paris erreichen wir nur,

wenn wir a) unseren Konsum einschränken und verzichten lernen oder b)

die Art unseres Konsums und unserer Produktionsweisen verändern. Variante

A geht von heute auf morgen. Diese Forderung findet sich übrigens

meist in saturierten Ländern – sogenannten Wohlstandsgesellschaften.

In anderen Teilen der Welt bedeutet Verzicht die freiwillige Aufgabe

von Zukunftschancen. Das wollen wenige. Darum Variante B: Lasst uns

über Innovationen ein Morgen schaffen, das eben nicht auf Raubbau

basiert! Das Problem daran ist, dass es eine Wette auf die Zukunft ist. Die

Innovationen sind (noch) nicht da. Man kann sie nicht erzwingen, und

darum gibt es auch keine Erfolgsgarantie. Das muss man sich immer klar

machen.

Warum also das Wort „eigentlich“ am Anfang? Weil seit Mitte März

der Corona-Virus die Welt in Atem hält. Wie kann man da ein Magazin

über ein ganz anderes Thema machen? Weil es gerade jetzt wichtig ist:

Irgendwann geht auch diese Krise vorbei. Wollen wir danach zurück

auf den 17. März, den Tag des Shutdowns in Deutschland? Bitte nicht.

Lassen Sie uns lieber die Zukunft neu denken! Zugegeben, da wartet

ein riesen Schuldenberg auf uns. Wie tragen wir den ab und sammeln

die Corona-Scherben wieder ein? Indem wir ein Stück weit unser Land

neu erfinden: Innovationen und nachhaltiges Unternehmertum sind

gefragt. Und in der Post-Corona-Zeit werden wir uns entscheiden müssen,

welche Art von Wiederaufbau wir wollen: Weiterhin den fossilen Raubbau-

Kapitalismus? Eine Postwachstums-Biosphäre? Eine Zukunft, die von KI

beherrscht wird? Oder ein Weg, an den noch keiner gedacht hat. Letzteres

halte ich für wahrscheinlich, denn die Zukunft kommt immer anders, als

man denkt ...

Viel Spaß beim Lesen wünscht im Namen der gesamten Redaktion Ihr

Dr. Elmer Lenzen

Chefredakteur

Das nächste

UmweltDialog-Magazin

erscheint am 16.11.2020.


Innovation

Inhalt

EIN BÜNDNIS MIT DER ZUKUNFT

Wie wird die Post-Corona Welt aussehen? ..................... 6

Wenn wir den Blick über den Tellerrand der aktuellen

Virus-Krise lenken, empfangen wir unklare Bilder der

Zukunft. Wir ahnen: Vieles wird anders.

Aufbruch in die ökologische Moderne .......................... 10

Umweltpolitik ist kein Nischenthema mehr, sondern wird

zur neuen Zentralachse der Politik.

Wirtschaften in einer vollen Welt .................................... 18

Wie kann ein Wirtschaftssystem aussehen, das mit den

Grenzen unseres Erdsystems kompatibel ist? Welche Ansätze

gibt es, und welche werden bereits praktisch umgesetzt?

Neue gesellschaftliche Allianzen ....................................24

Die soziale Organisation von Gesellschaften ist nicht nur

Ursache von Umweltproblemen, sie ist zugleich Bedingung

für deren Lösung. Die ökologische Frage wird damit zur

sozialen Frage – genauso wie andersherum.

10

Ohne eine grüne industrielle

Revolution werden wir den Wettlauf

mit dem Klimawandel nicht gewinnen.

„Wir sind eine überforderte Gesellschaft“ ....................28

Größer, schneller, weiter. Noch immer glauben wir, unser

Glück durch Konsum und Leistung erzwingen zu können.

Ein Gespräch mit dem renommierten Psychologen

Wolfgang Schmidbauer.

THINK BIG

Vom Gott der Zerstörung und

dem Perpetuum mobile der Milliardengewinne ...........32

Nach Corona wird die Welt eine andere sein. Aber bedeutet

die Krise nur Zerstörung, oder kann darin auch eine schöpferische

Kraft liegen?

Advertorial | Dyson: Innovative Waschräume ...............37

Kooperationen mit Gewinnchancen ...............................38

Wenn Start-ups und etablierte Unternehmen zusammenarbeiten,

prallen Welten aufeinander. Experten aber

entdecken darin auch Möglichkeiten.

Große Pläne! Visionäre, Fantasten und Erfinder ..........44

Welche Erfindertypen gibt es?


Innovation

THINK TWICE

Social Impact Economy:

Konsum für einen guten Zweck .......................................48

Immer mehr Menschen probieren heute Lösungsansätze im

Kleinen aus, die morgen im Großen funktionieren können.

32

Wachstum ist ein Prozess

schöpferischer Zerstörung.

Neuer Konsum, neue Ökonomie? ....................................54

Mehr Konsum gleich mehr Produktion gleich mehr Gewinn?

Mit der Nachhaltigkeitsdiskussion haben sich in den letzten

Jahren auch neue Arten des Konsums entwickelt.

Advertorial | Nespresso:

Die vielen Leben einer Kaffeekapsel ..............................58

Ein Haus für Innovationen ...............................................60

Idee plus Markterfolg gleich Innovation! Wie Unternehmen

diesen Prozess managen können, weiß Angela Hengsberger.

Erfindungen, die eigentlich für

etwas ganz anderes gedacht waren ..............................62

Die wichtigsten Erfindungen und Innovationen gehen entweder

auf einen großen Geist oder auf einen Zufall zurück.

Was haben Coca-Cola, Frisbee und Viagra gemeinsam?

THINK INCREMENTALLY

48

Nachhaltiger Konsum heißt nicht

weniger Konsum, sondern

effizienter und bewusster Konsum.

Fünf Fragen zur Künstlichen Intelligenz ........................66

Welche Umsatzpotenziale und Produktivitätseffekte haben

KI-getriebene Geschäftsmodelle für Industriebetriebe? Machen

Maschinen uns Menschen überflüssig?

Weniger ist manchmal doch mehr .................................. 72

Immer neue Produkte auf dem Markt. Wir haben uns alle

daran gewöhnt. Elmar Schüller nicht. Für ihn bedeutet

Nachhaltigkeit die Reduktion auf das Wesentliche.

Advertorial | MAN: The Next Generation ....................... 76

Mit der neuen Truck Generation hat MAN das

bestmögliche Fahrzeug für die Kunden entwickelt, mit

dem sie die Marktumbrüche meistern können.

Driven by Purpose: Eine neue Ära? ................................. 78

Die Menschheit steht an der Schwelle zu einer zweiten

Renaissance: Visionäre Unternehmen zeigen, welche

Potenziale das Streben nach Höherem entfalten kann.

72

Wir müssen es einfach wieder schaffen,

das Überflüssige wegzulassen.


Innovation

Wie wird die

Post-Corona-Welt

aussehen?

Wenn wir den Blick über den Tellerrand der aktuellen Virus-

Krise lenken, empfangen wir unklare Bilder der Zukunft. Wir

ahnen: Vieles wird anders. In vier Szenarien hat das Team

des Zukunftsinstituts die Möglichkeitsräume ausgeleuchtet.

Foto: Joshua Stevens / NASA

6 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

1 Szenario 1: Totale Isolation

▸ Willkommen in der Super-Safe-Society!

Die Gesellschaft definiert sich wieder

ganz klar als Nation. Denn Sicherheit

kann nur gewährleistet werden, indem

die Grenzen der Sicherheitszone klar

abgesteckt werden. Sie steht an erster

Stelle. Jeder Mensch ist sich selbst der

nächste, und der Staat setzt alle verfügbaren

Mittel ein, um die Bürgerinnen

und Bürger zu beschützen – auch,

indem er tiefliegende Ängste schürt

oder Lebensmittel künstlich verknappt.

Menschen nutzen daher alle möglichen

Freiflächen, um Obst und Gemüse anzubauen.

Der Schwarzmarkt und der

Tauschhandel florieren.

▸ De-Urbanisierung: Das Land gewinnt

an Macht. Wer kann, zieht raus aus der

Stadt, versorgt sich selbst – und verdient

gutes Geld, indem er verarmte Städter

mit Lebensmitteln versorgt. Der Trend

zum Single-Leben, zu immer kleineren

Wohnungen und Co-Living, zur Abhängigkeit

von öffentlichen Verkehrsmitteln

und globalen Warenströmen hat die

Stadtbevölkerung unselbstständig gemacht.

Die urbanen Hipster sind zur

prekären Klasse geworden.

▸ Germophobia, die Sehnsucht

nach Keimfreiheit, hat das

Misstrauen gegenüber Produkten,

deren Herkunft

nicht klar nachverfolgbar

ist, kontinuierlich anwachsen

lassen. Obst

und Gemüse werden

vor dem Verzehr klinisch

desinfiziert, an

sicheren Verpackungen

wird mit Hochdruck

geforscht. Aus

Angst, dass Keime

über die Produkte

aus dem Ausland

eingeschleppt werden,

wurde der Import

beschränkt. Es

gibt weniger exotische

Früchte – aber vieles kann

inzwischen auch hierzulande

angebaut werden,

dem Klimawandel sei Dank.

▸ Was mit Empfehlungen begann,

Großveranstaltungen über

1000 Personen abzusagen, hat sich

zu einem Verbot von Versammlungen

mit über 10 Personen entwickelt, zum

Wohle der Menschen. Das öffentliche

kulturelle Leben ist daher fast komplett

zum Erliegen gekommen. Konzerte oder

Sportevents finden noch statt, aber das

Publikum sitzt zu Hause und beobachtet

das Geschehen von der heimischen

Couch – kostenlos, vom Staat gefördert.

Einst beliebte Third Places wie Cafés

werden gemieden, Restaurants sind zu

Ghost Kitchens geworden, die Kundinnen

und Kunden mit Mahlzeiten nach

höchsten hygienischen Standards beliefern.

Szenario 2: System-Crash

▸ Friktionen in der multipolaren Weltordnung

sind an der Tagesordnung:

Gegenseitige Schuldzuweisungen, aggressive

Drohgebärden und nervöses

Handeln im Eigeninteresse wechseln

mit Bestrebungen zu Offenheit und

Kooperation – weil dennoch das Bewusstsein

vorhanden ist, dass man

aufeinander angewiesen ist. Der Neo-

Nationalismus nimmt zu, es herrscht

ein dauernder Spannungszustand.

▸ Nearshoring wird mit Blick auf die nationalen

Absatzmärkte zu einer auch politisch-ideologischen

Prämisse. Zugleich

bleibt aber die Abhängigkeit von internationalen

Handelsbeziehungen und

Warenströmen bestehen. Beide Tendenzen

stehen dauerhaft unvermittelt nebeneinander

und reiben sich. Auch Glokalisierung

ist nur noch Ausdruck der

Unstimmigkeiten zwischen lokalen und

internationalen Märkten, die ohne einander

nicht können. Und Global Citys sind

mehr

denn je

die nervösesten

Orte der Welt: Hier werden die Spannungen

zwischen den regionalen, nationalen

und internationalen Finanz-,

Dienstleistungs- und Warenströmen unablässig

spürbar.

▸ High times for Big Data! Je unsicherer

die Zeiten, umso mehr Analyse wird

verlangt. Das Sammeln und Verarbeiten

großer Datenmengen erlebt einen

kontinuierlichen Aufschwung. Die Entwicklung

von Künstlicher Intelligenz

wird forciert, nicht zuletzt für die Simulation

von Krisenszenarien und die

Steuerung von Krisen. Folglich nimmt

auch Cybercrime im staatlichen Auftrag

zu – mit dem Ziel, die internationalen

Konkurrenten zu schwächen. Nach innen

nutzt der Staat Technologie zur

Überwachung: Predictive Analytics,

die datenbasierte Vorausberechnung

menschlichen Verhaltens, wird in einer

permanent verunsicherten Gesellschaft

immer wichtiger.

▸ Privacy ist dementsprechend stark im

Rückzug. Die individuelle Datenfreiheit

wird immer stärker eingeschränkt, Datenschutz

ist größtenteils abgeschafft,

sowohl im internationalen Austausch

als auch im Umgang mit der eigenen

Bevölkerung. Gesundheitsdaten werden

zur Staatsangelegenheit – und die Bevölkerung

macht mit, da das Vertrauen

in die staatliche Vorsorge und Betreuung

schon lange geschwunden ist. >>

Foto: peterschreiber.media / stock.adobe.com

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

7


Innovation

Immer mehr bauen Menschen auf gesundheitliche

Eigenverantwortung, auf

Digital Health, kontinuierliches Self

Tracking und die Überwachung ihrer

Vitalwerte durch Smart Devices, die persönliche

Gesundheitsdaten jederzeit in

die staatlichen Datenbanken einspeisen.

Impact Map für Szenarien

und Megatrends Szenario 1

Totale Isolation

1

Szenario 3: Neo-Tribes

▸ Die Menschen vertrauen staatlichen

Akteuren und supranationalen Bündnissen

nicht mehr – und trauen ihnen auch

keine Handlungsmacht mehr zu. Die

Abkehr von der globalen Weltgemeinschaft

mündet in eine partikularisierte

Wir-Kultur und die vermehrte Bildung

von Neo-Tribes. Gemeinschaft wird im

Kleinen gesucht, denn im Zuge der Corona-Krise

ist der Trend zur Post-Individualisierung

für eine breitere Masse

attraktiv geworden.

Silver Society

Sicherheit

Individualisierung

Gesundheit

▸ Die Angst vor Ansteckung hat einen

Rückzug ins Private und die Wiederentdeckung

der Häuslichkeit befeuert.

Großveranstaltungen gibt es praktisch

nicht mehr, dafür wird viel gestreamt,

denn via Virtual Reality kann man an

Mega-Events teilnehmen, ohne dabei

das sichere Zuhause verlassen

zu müssen. Nachbarschaftshilfe wird

großgeschrieben, es existieren feste

Strukturen, wie man sich im Krisenfall

untereinander helfen kann. Vorräte

werden geteilt oder getauscht, auf die

Alten und Schwachen wird besondere

Rücksicht genommen. Auch ziehen

Menschen vermehrt aufs Land oder in

kleinere Städte – die Progressive Provinz

hat ihren Peak erreicht.

▸ Statt öffentliche Verkehrsmittel zu

nutzen, wird immer mehr auf Fahrrad

oder E-Roller umgestiegen. Fernreisen

haben stark an Attraktivität verloren

– im Gegensatz zu umliegenden Regionen

oder Nachbarländern. Die massive

De-Touristification führt dazu, dass

sich ganze Landschaften und ehemalige

Tourismus-Hotspots vom Overtourism

erholen. Reisen ist nicht mehr selbstverständlich,

sondern wird – wieder – als

2

Szenario 4

System-Crash

Quelle: Zukunftsinstitut, FAS Research

Konnektivität

etwas Besonderes gesehen, auch weil

es in Post-Corona-Zeiten eine Menge

Vorsichtsmaßnahmen und viel Planung

erfordert.

▸ Der Ausfall globaler Handelsketten

und das Misstrauen gegenüber bestimmten

Herkunftsländern führen zu

einer fundamentalen Re-Regionalisierung.

Menschen kaufen mehr denn je lokal,

die Sharing Economy gewinnt in regionalen

Netzwerken stark an Auftrieb,

Globalisierung

Gender Shift

Szenario 4

Adaption

4

Urbanisierung

traditionelle Handwerkstechniken erleben

eine Renaissance. Urban Farming

und Genossenschaften lösen kapitalistische

Konsummuster ab, in regionalen

Gemeinschaften erwächst eine Circular

Economy mit autonomen Ökosystemen.

Konzepte wie Cradle to Cradle oder Postwachstum

sind selbstverständlich in

den Alltag der Menschen eingebettet –

als ebenso gewünschte wie notwendige

Praktiken. Die Wirtschaft funktioniert

im Regionalen vollkommen autark.

8 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

3

Mobilität

Robuste Megatrends

Treibende Megatrends

Ambivalente Megatrends

Szenario 3

Neo-Tribes

New Work

Neo-Ökologie

Wissenskultur

▸ Die Corona-Krise hat sich als überraschender

Treiber von New-Work-Trends

hin zu mehr Flexicurity erwiesen: Dadurch,

dass Flexibilität am Arbeitsplatz

aus der Not heraus breitflächig ermöglicht

wurde, haben sich Arbeitskulturen

dauerhaft verändert. Home Office

ist nun essenzieller Bestandteil jeder

Unternehmenskultur, internationale

Unternehmen vereinbaren Meetings in

VR-Konferenzen, Verträge werden via

Blockchain geschlossen.

Szenario 4: Adaption

▸ Das Corona-Virus hat eine Selbstreinigung

der Märkte angestoßen: eine

kollektive Reflexion der Herkunft unserer

Güter, die zu neuen Konsummustern

angeregt hat. Der Ausfall globaler

Produktions- und Handlungsketten hat

zu einer Wiederentdeckung heimischer

Alternativen geführt. Der stationäre

Handel, regionale Produkte und Lieferketten

haben einen Aufschwung erlebt.

Seitdem boomen Wochenmärkte, regionale

Erzeuger und lokale Online-Shops.

Die Monopolstellung von Online-Händlern

wie Amazon und Alibaba hat sich

zugunsten mehrerer kleinerer Player

aufgelöst, die weniger abhängig von globalen

Produktionsketten und schneller

lokal verfügbar sind. Die Gesellschaft

bewegt sich weg von Massenkonsum

und Wegwerf-Mentalität, hin zu einem

gesünderen Wirtschaftssystem.

▸ Corona hat die Vision eines neuen holistischen

Gesundheitsverständnisses

wahr werden lassen: Gesundheit wird

nicht länger als etwas gesehen, das nur

den individuellen Körper und das eigene

Verhalten betrifft. Vielmehr wird

Gesundheit ganzheitlicher betrachtet:

Umwelt, Stadt, Politik, Weltgemeinschaft

– all das sind wichtige Faktoren

für die menschliche Gesundheit. Weltgesundheit

und individuelle Gesundheit

werden zusammengedacht. Dieses

neue Mindset krempelt das gesamte

Gesundheitssystem um: Regierungen,

Stadtplanung und Unternehmen kooperieren,

um gesunde Umwelten für alle

zu schaffen. Die Nutzung von Digital-

Health-Apps ist in diesem Zusammenhang

selbstverständlich geworden, um

Gesundheitsdaten in Echtzeit anonymisiert

zu teilen. Dank Predictive Health

können so genaue Vorhersagen, etwa

über die Wahrscheinlichkeiten einer

Epidemie, getroffen werden.

▸ Globale Risiken erfordern überstaatliche

Akteure, die global vernetzt agieren

können. So hat die Corona-Krise politische

Handlungsmacht neu gewichtet.

Während Nationalstaaten an Relevanz

verloren haben, werden Städte und supranationale

Instanzen immer wichtiger

– eine Re-Organisation im Sinne der Glokalisierung:

Die lokale Ebene (Städte,

Gemeinden, Bürgermeisterinnen etc.)

verknüpft sich direkt mit globalen Organisationen.

So können lokale Probleme

schnell und kreativ gelöst und auch globale

Risiken schneller erkannt und kooperativ

angegangen werden. Insgesamt

nimmt die Menschheit sich seit der Pandemie

stärker als globale Gemeinschaft

wahr, die Herausforderungen gemeinsam

lösen muss. Denn weder eine Epidemie

noch die Klimakrise macht vor

Nationalgrenzen halt. Es ist eine globale

Identität entstanden.

▸ Die Corona-Krise hat zu konkreten

Learnings im supranationalen Umgang

mit Big Data, Predictive Analytics und

Frühwarnsystemen geführt. Künstliche

Intelligenz wird nun konstruktiver

eingesetzt: nicht nur, um frühzeitig

Epidemien einzudämmen, sondern

zur Minimierung aller möglichen Risiken,

die sich nicht um Landesgrenzen

scheren. Jeder Mensch ist mit Health-

Tracking-Devices ausgestattet, denn

durch den globalen Austausch aktueller

Gesundheitsdaten können Risiken frühzeitig

erkannt werden. Das kontinuierliche

Voneinander-Lernen in einer Vielzahl

funktionierender Netzwerke schafft

eine globale Resilienz. Dieser neue Spirit

prägt auch die Medienlandschaft:

Konstruktiver Journalismus stellt Lösungsansätze

in den Mittelpunkt,

statt Alarmismus und Fake News zu

verbreiten. f

Copyright und weitere Infos:

Zukunftsinstitut GmbH

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zukunftsinstitut.de

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

9


Innovation

Aufbruch

in die

Vom Raubbau an der

Natur zur Kooperation

mit der Natur

ökologische

Moderne

10 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Von Ralf Fücks

Die Auseinandersetzung um den Klimawandel ist

in eine neue Phase getreten: Die Alarmzeichen

einer immer rascheren Veränderung der Ökosphäre

nehmen zu, und gleichzeitig wird diese zu

einem bestimmenden politischen Faktor.

Hunderttausende junger Leute sind Vorreiter einer

„Klima-APO“, und sie ziehen die Älteren mit sich.

Klimaschutz war bei der Europawahl 2019 ein

zentrales Motiv und birgt auch mit Blick auf

Deutschland das Potenzial, die politische

Landschaft umzupflügen. Umweltpolitik ist kein

Nischenthema mehr, sondern wird zur neuen

Zentralachse der Politik.

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

Foto: Lorant / stock.adobe.com

Aktuell halten fast 60 Prozent der

Bevölkerung den Klimawandel

für das drängendste Problem

unserer Zeit – so die Ergebnisse einer

Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen

aus dem September 2019. Dieser Wert

wurde bislang nur übertroffen von früheren

Sorgen vor Arbeitslosigkeit sowie

der Unruhe um die Flüchtlingspolitik

2015/16. Wahrend der Konflikt um die

Flüchtlingspolitik durch ein Bündel von

integrativen und restriktiven Maßnahmen

eingedämmt werden konnte, ist

eine Entschärfung bei der Klimafrage

nicht in Sicht. Wie die Reaktionen auf

das jüngst beschlossene „Klimapaket“

der Bundesregierung zeigen, nimmt die

Auseinandersetzung noch an Heftigkeit

zu. Wenn die Kluft zwischen klimapolitischer

Ungeduld in der Gesellschaft

und der Trägheit von Politik und Wirtschaft

tiefer wird, kann daraus >>

11


Innovation

eine Legitimationskrise unseres Gesellschaftsmodells

entstehen, das auf der

Kombination von liberaler Demokratie

und Marktwirtschaft beruht. Wer beide

zukunftsfest machen will, muss sich der

ökologischen Herausforderung stellen.

Die industrielle Moderne basiert bislang

auf der scheinbar unbegrenzten

Verfügbarkeit fossiler Energien. Sie

waren der Treibstoff für eine ungeheure

Steigerung von Produktion und

Konsum und eine immer weiter ausgreifende

Mobilität. Gleichzeitig haben

die Industrialisierung der vormaligen

„Dritten Welt“ und der expansive Lebensstil

der wachsenden globalen Mittelschicht

zu einem dramatischen Anstieg

des Energieverbrauchs geführt.

Seine Hauptquellen sind Kohle und Öl.

Rund die Hälfte aller fossilen Energieträger,

die seit Beginn der Industrialisierung

verfeuert wurden, fallen in die

vergangenen 30 Jahre.

Historisch betrachtet sind die Vorreiter

der industriellen Moderne – Europa

und die USA – für den Löwenanteil der

steigenden CO 2

-Konzentration in der Atmosphäre

verantwortlich. Inzwischen

sind die bevölkerungsreichen neuen

Industrienationen Asiens an ihnen vorbeigezogen:

China steht heute für rund

28 Prozent der weltweiten CO 2

- Emissionen,

Indien folgt nach den USA bereits

auf Rang drei. Japan hat seinen

CO 2

-Ausstoß seit 1960 verfünffacht.

Deutschland ist das einzige Land unter

den sechs weltgrößten „Klimasündern“,

dessen CO 2

-Emissionen in diesem Zeitraum

in etwa gleich geblieben sind. Im

Verhältnis zum Basisjahr 1990 sind sie

sogar um rund 30 Prozent gesunken.

Der Anteil der Bundesrepublik an der

globalen Wirtschaftsleistung beträgt

etwa 3,2 Prozent, an den Treibhausgasemissionen

zwei Prozent. Dennoch liegen

die deutschen CO 2

-Emissionen pro

Kopf über dem europäischen Durchschnitt.

Das liegt vor allem am hohen

Anteil der Kohle am Energiemix. Schweden

kommt mit seiner Kombination aus

Wasserkraft und Atomenergie nur auf

die Hälfte des deutschen Werts.

12 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Foto: chokniti / stock.adobe.com

„Tuet Buße

und kehrt

um!“ ist

deshalb

der neue

kategorische

Imperativ.

Einem Zauberlehrling gleich hat die industrielle

Moderne einen Prozess globaler

Erwärmung in Gang gesetzt. Er führt

uns in einer historisch kurzen Frist aus

der relativ stabilen Klimazone der vergangenen

zehntausend Jahre hinaus,

in der sich die menschliche Zivilisation

entwickeln konnte. In den zurückliegenden

200 Jahren stieg die mittlere globale

Temperatur um 1,1 Grad; der Trend

geht steil nach oben. Die Erwärmung der

Arktis und das Schmelzen des Grönland-

Eises verlaufen schneller als vermutet,

ein Hitzesommer jagt den nächsten. Wir

müssen um die künftigen Lebensbedingungen

auf unserem Heimatplaneten

fürchten. Wenn der Treibhauseffekt außer

Kontrolle gerät, wird das die Lebenswelt

von Milliarden Menschen gefährden.

Die dramatischen Folgen eines sich

selbst verstärkenden Klimawandels sind

oft genug beschrieben worden, ebenso

ihre sicherheitspolitische Dimension.

Umweltbedingte Massenmigration und

Konflikte um knappe Wasserreserven

bergen ein erhebliches Gewaltpotenzial.

Neuer „Kulturkampf“

Jetzt, da sich erweist, dass die Verbrennung

von Kohle, Öl und Gas das Erdklima

aus den Fugen hebt, gerät auch der Hedonismus

der Moderne in die Kritik. In

den wohlhabenden Ländern – vorneweg

in Deutschland – wächst eine Bewegung,

die eine radikale Veränderung des individuellen

Lebensstils fordert. Die Freude

am Fahren, der Urlaubsflug, die große

Wohnung, die permanente Online-Kommunikation,

die jährlich wechselnden

Moden, die jahreszeitunabhängige Verfügbarkeit

von Lebensmitteln aus der

ganzen Welt und der hohe Fleischkonsum

gelten als ökologischer Sündenfall.

Für die Anhänger eines neuen Öko-

Puritanismus ruiniert unser Streben

nach „immer mehr“ den Planeten. „Tuet

Buße und kehrt um!“ ist deshalb der

neue kategorische Imperativ.

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat diesen

neuen „Kulturkampf“ bereits vor Jahren

vorausgesehen: „Die expressions- und

emissionsfeindliche Ethik der Zukunft

zielt geradewegs auf die Umkehrung der

bisherigen Zivilisationsrichtung“, sagte

er 2009 in einer Rede auf der Klimakonferenz

in Kopenhagen. „Sie verlangt

Verminderung, wo bisher Vermehrung

auf dem Plan stand, sie fordert Minimierung,

wo bisher Maximierung galt, sie

will Zurückhaltung, wo bisher Explosion

erlaubt war, sie verordnet Sparsamkeit,

wo bisher Verschwendung als höchster

Reiz empfunden wurde, sie mahnt die

Selbstbeschränkung an, wo bisher die

Selbstfreisetzung gefeiert wurde. Denkt

man diese Umschwünge zu Ende, so

gelangt man im Zuge der meteorologischen

Reformation zu einer Art von ökologischem

Calvinismus.“

Die bisherige Wirkung all dieser Bußpredigten

ist allerdings sehr überschaubar.

Zwar geht unter den Jungen und Gebildeten

der Fleischkonsum ebenso zurück

wie der Drang zum eigenen Auto.

Zugleich steigen die Zulassungszahlen

für SUVs ebenso wie die Zahl der Flugreisen

und der Stromverbrauch der digitalen

Kommunikation. Die Zahl derjenigen,

die ihre persönliche CO 2

-Bilanz

drastisch gesenkt haben, fällt kaum ins

Gewicht.

Das liegt nicht nur an der Macht alter Gewohnheiten

und individueller Bequemlichkeit.

Unsere persönliche Klimabilanz

hängt stark von Strukturen ab,

die sich individuell nur sehr bedingt verändern

lassen: von der Art der Energieerzeugung,

den Gebäuden, in denen wir

wohnen, den verfügbaren Alternativen

zum Automobil und von den Berufen, in

denen wir tätig sind. Für Geschäftsleute,

Wissenschaftlerinnen, Angehörige des

internationalen Kulturbetriebs, Politiker

und die Eliten der globalen Zivilgesellschaft

ist das Fliegen keine Frage >>

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

13


Innovation

der individuellen Moral, sondern ihres beruflichen Alltags.

Selbst wo es sinnvoll und zumutbar wäre, den Zug statt des

Flugzeugs zu nehmen, scheitert das allzu oft an fehlenden

Kapazitäten und zeitraubenden Verbindungen der Bahn.

Damit wir uns recht verstehen: Es gibt keine Freiheit ohne persönliche

Verantwortung. Es ist gut und richtig, mit Rad oder

Bahn zu fahren und keine Produkte zu kaufen, für die Menschen

geschunden werden oder Tiere leiden. Jedem steht es

frei, das „gute Leben“ in einem Mehr an Muße und sozialen

Beziehungen statt in einer Steigerung von Einkommen und

Konsum zu suchen. Aber ein nüchterner Blick auf die Größe

der ökologischen Herausforderung zeigt, dass sie mit dem Appell

zur Genügsamkeit nicht zu lösen ist. Eine Reduktion von

Treibhausgasen um 90 Prozent und mehr ist nicht durch die

Beschränkung von Mobilität und Konsum zu erreichen. Ohne

eine grüne industrielle Revolution werden wir den Wettlauf

mit dem Klimawandel nicht gewinnen. Ihr Kern besteht in

einer Entkopplung von Wohlstandsproduktion und Naturverbrauch.

Das ist ambitioniert, aber machbar.

Ohne eine grüne

industrielle Revolution

werden wir den Wettlauf

mit dem Klimawandel

nicht gewinnen.

Klimawandel und Demokratie

Die Kritik an der Langsamkeit der Demokratie mit ihrer Kompromissorientierung

hat eine lange Tradition. Angesichts immer

neuer Alarm-Nachrichten über schmelzende Gletscher,

brennende Wälder und auftauende Permafrostböden wird der

Ruf nach durchgreifenden Maßnahmen lauter. Es ist kein Zufall,

dass prominente Umweltschützer wie der Norweger Jørgen

Randers mit dem chinesischen Modell eines vermeintlich

aufgeklärten Autoritarismus sympathisieren. Randers gehörte

zu dem Team um den Ökonomen Dennis Meadows, das 1971

den berühmten Bericht zu den „Grenzen des Wachstums“ für

den Club of Rome verfasste. Bereits diese Urschrift der modernen

Umweltbewegung war von einem autoritären Grundton

durchzogen.

Wenn man die Rettung aus der ökologischen Krise vor allem

in der Einschränkung von Produktion, Konsum und Fortpflanzung

sucht, ist das konsequent. Autoritäre Regimes scheinen

dann eher in der Lage, die notwendigen Verzichtsleistungen

durchzusetzen, weil sie in geringerem Maße als parlamentarische

Demokratien von der Zustimmung der Bevölkerung

abhängig sind. Demokratie wird in dieser Lesart zu einem

Luxus, den wir uns angesichts der Klimakrise nicht mehr leisten

können.

Gegen die autoritäre Versuchung der Ökologie zu argumentieren,

bedeutet nicht, die ökologische Krise zu verharmlosen.

Wenn die Erderwärmung außer Kontrolle gerät und die Meere

kippen, wird das große Verwerfungen nach sich ziehen, von

wirtschaftlichen Einbrüchen bis zu weltweiten Wanderungsbewegungen.

Insofern gefährdet die Umweltkrise auch die

Demokratie. Wir müssen deshalb alles tun, um die ökologische

Transformation der Industriegesellschaft voranzutreiben.

14 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Foto: Aleh Varanishcha / stock.adobe.com

Wider eine Ökologie des Verzichts

Die Ökologie des Verzichts beruht auf einer

statischen Sicht auf die Beziehungen

zwischen Mensch und Natur. Sie begreift

die Erde als einen fixen Raum, der nur

ein begrenztes Potenzial an Ressourcen

bietet, in dem sich die Menschen einrichten

müssen. Überschreiten sie die

von der Natur gesetzten Grenzen, droht

die Selbstvernichtung der menschlichen

Gattung. Ein Vorläufer dieses Denkens

war der britische Theologe und Ökonom

Thomas Malthus, ein Zeitgenosse

von Goethe. Seine berühmt gewordene

„Bevölkerungstheorie“ postulierte, dass

die Erde nur rund eine Milliarde Menschen

ernähren kann. Ein Überschreiten

dieser Schwelle führe zu katastrophalen

Hungersnöten bis hin zum Zusammenbruch

der menschlichen Zivilisation.

Was Malthus nicht voraussah, war die

enorme Steigerung der landwirtschaftlichen

Produktivität durch chemische

Dünger, Pflanzenschutzmittel, moderne

Maschinen und die Züchtung ertragreicherer

Pflanzen und Nutztiere. Heute

leben mehr als sieben Milliarden Menschen

auf der Erde, ihre Lebenserwartung

hat sich seither verdoppelt und die

verfügbare Kalorienmenge pro Kopf um

mehr als die Hälfte erhöht. Ein Wunder?

Ja, aber ein Wunder auf der Basis von

Wissenschaft und Technik. Was Malthus

außer Acht ließ, war die menschliche

Erfindungskraft. Wir können die Naturgesetze

nicht außer Kraft setzen, aber

die wachsende Naturerkenntnis und der

technische Fortschritt ermöglichen es,

die „natürlichen Grenzen“ immer weiter

hinauszuschieben. Die „Grenzen des

Wachstums“ sind keine fixe Größe. Die

Sonneneinstrahlung auf der Erde bietet

ein fast unerschöpfliches Energiepotenzial

für eine ökologische Industriegesellschaft,

die auf der Kombination

von natürlicher und technischer Photosynthese,

von Bioökonomie und Wasserstoff

beruht.

Auch der Report „Die Grenzen des

Wachstums“ huldigt einer linearen

Logik. Für Dennis Meadows und seine

Kollegen war Wirtschaftswachstum

unvermeidbar mit einem wachsenden

Verbrauch eng begrenzter Ressourcen

verbunden. Nach ihren Hochrechnungen

musste eine fortgesetzte Expansion

der Weltwirtschaft bereits um das Jahr

2000 zur Erschöpfung der natürlichen

Ressourcen führen. Öl, Gas, Kupfer, Bauxit,

Zinn, Eisenerz und andere wichtige

Rohstoffe würden versiegen, die Meere

wären leergefischt, die Kontamination

von Böden und Gewässern mit giftigen

Stoffen würde irreversibel.

Womit sie nicht gerechnet hatten, war

die steigende Effizienz im Umgang mit

knappen Ressourcen, die Entdeckung

immer neuer Rohstoffquellen und eine

immer umfassendere Umweltgesetzgebung,

die zumindest in den fortgeschrittenen

Ländern dem Raubbau

an der Natur Grenzen zog. Im Ergebnis

hat sich die Weltbevölkerung seit 1970

glatt verdoppelt, die Lebenserwartung

ist ebenso gestiegen wie das Bildungsniveau,

die Kindersterblichkeit ist gesunken,

und die Luft- und Gewässerqualität

ist in Europa und Nordamerika

deutlich besser als zu Beginn der 1970er

Jahre, gleichzeitig sind die bekannten

Vorräte der meisten Rohstoffe heute größer.

Inzwischen ist unsere Sorge nicht

mehr, dass der Industriegesellschaft die

Rohstoffe ausgehen. Als zentrales ökologisches

Problem haben sich die Dezimierung

der biologischen Vielfalt sowie

die Überlastung des Erdsystems mit den

Schadstoffen des Industriesystems entpuppt,

vorneweg die Überfrachtung der

Atmosphäre mit Treibhausgasen.

Freiwilliger oder erzwungener Verzicht

auf dieses und jenes wird die ökologische

Krise bestenfalls verlangsamen,

aber nicht stoppen. Das gilt erst recht

mit Blick auf die Milliarden Menschen

auf unserem Planeten, die nichts sehnlicher

wollen als den Anschluss an ein

modernes Leben: gut ausgestattete Wohnungen,

Bildung und professionelle

Gesundheitsversorgung, die Möglichkeit

zu reisen, eine reichhaltige Ernährung.

Für die große Mehrheit der Weltbevölkerung

ist „Nullwachstum“ keine

Alternative. Für sie ist wirtschaftliches

Wachstum nach wie vor der Hebel >>

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

15


Innovation

für höheren Lebensstandard, bessere

Bildung und Gesundheitsversorgung.

Es kommt deshalb alles darauf an, die

Art und Weise unseres Wirtschaftens zu

verändern: vom Raubbau an der Natur

zur Kooperation mit der Natur. Das wäre

der Modus für ein nachhaltiges beziehungsweise

grünes Wachstum, das steigenden

Wohlstand – zumindest für die

große Mehrheit der Weltbevölkerung –

mit der Treuhänderschaft für die natürlichen

Lebensgrundlagen verbindet.

Für eine grüne industrielle Revolution

In einer stagnierenden oder gar

schrumpfenden Ökonomie sinken auch

die Investitionen und damit das Innovationstempo.

Gerade weil die Zeit angesichts

des Klimawandels drängt, brauchen

wir umgekehrt ein höheres Tempo

bei der Umstellung auf erneuerbare

Energien, umweltfreundliche Landwirtschaft

und klimaneutrale Mobilität. Der

ökologische Umbau der Industriegesellschaft

erfordert steigende Investitionen

in alternative Energiesysteme und neue

Produktionsanlagen, in den Ausbau des

öffentlichen Verkehrs und die ökologische

Modernisierung unserer Städte.

Wenn wir es richtig anstellen, entsteht

daraus eine neue ökonomische Dynamik,

eine lange Welle umweltfreundlichen

Wachstums.

Bei Lichte besehen, geht es ohnehin

nicht um die Frage, ob die Weltwirtschaft

weiterhin wächst. Angesichts

einer auf zehn Milliarden steigenden

Weltbevölkerung, der fortschreitenden

Industrialisierung der Länder des Südens

und des anhaltenden Wachstums

der Städte lautet die alles entscheidende

Frage, ob es gelingt, Wertschöpfung

und Umweltbelastung zu entkoppeln.

Bei einer jährlichen Wachstumsrate

von drei Prozent wird sich die globale

Wirtschaftsleistung in den kommenden

20 Jahren in etwa verdoppeln. Im gleichen

Zeitraum müssen die Treibhausgasemissionen

dramatisch sinken, um

den Temperaturanstieg im Zaum zu

halten. Das erfordert nichts weniger

als eine grüne industrielle Revolution

mit einer ähnlich durchschlagenden

Wirkung wie die Erfindung der Dampfmaschine,

die Elektrifizierung oder das

Automobil. Im Kern geht es um eine

dreifache Transformation der alten Industriegesellschaft:

erstens von fossilen

Energiequellen zu erneuerbaren Energien,

zweitens um eine kontinuierliche

Steigerung der Ressourceneffizienz (aus

weniger Rohstoffen und Energie mehr

Wohlstand erzeugen) und drittens um

den Übergang zu einer modernen Kreislaufwirtschaft,

in der jeder Reststoff wieder

in die biologische oder industrielle

Produktion zurückgeführt wird.

Wer Freiheit und Ökologie in Einklang

bringen will, muss vor allem auf Innovation

setzen und den Wettbewerb um die

besten Lösungen fördern. Das ist keine

Absage an staatliche Eingriffe in den

Markt. Auch eine liberale Umweltpolitik

kommt nicht ohne Grenzwerte und Verbote

aus. Aber sie sind nicht der Königsweg

für die Lösung der ökologischen

Frage. Zielführender ist die Einbeziehung

ökologischer Kosten in die Preisbildung.

Marktwirtschaft funktioniert

nur, wenn die Preise die ökologische

Wahrheit spiegeln. Eine ökologische

Steuerreform, die Treibhausgasemissionen

und den Verbrauch knapper natürlicher

Ressourcen verteuert, hat einen

weitaus größeren Effekt als immer neue

Ge- und Verbote. Die Mehrbelastungen,

die durch Umweltsteuern entstehen,

können in Form eines Öko-Bonus an alle

Bürgerinnen und Bürger zurückerstattet

werden. Ein solcher Pro-Kopf-Betrag hätte

sogar einen sozialen Umverteilungseffekt,

weil Geringverdienende in der

Regel einen geringeren CO 2

-Fußabdruck

aufweisen als Wohlhabende.

Der Weg über einen sukzessiv ansteigenden

CO 2

-Preis ist der kostengünstigste

Weg zum Klimaschutz – er setzt

die Maßnahmen zur Senkung von Kohlendioxid-Emissionen

frei, bei denen das

günstigste Kosten-Nutzen-Verhältnis er-

16 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

zielt werden kann. Der zweite große Vorteil

liegt darin, dass er die Eigeninitiative

von Unternehmen und Verbrauchern

in eine nachhaltige Richtung lenkt, ohne

ihnen Vorschriften zu machen. Zugleich

liefert ein steigender CO 2

-Preis Anreize

für klimafreundliche Investitionen und

Kaufentscheidungen aufseiten der Produzenten

und Konsumenten.

Klimaökonomen kommen auf lenkungswirksame

Einstiegspreise von 50 bis 60

Euro pro Tonne, die nach und nach auf

einen dreistelligen Betrag ansteigen. Der

von der Bundesregierung beschlossene

CO 2

-Tarif von 10 Euro pro Tonne bleibt

weit unter dieser Schwelle. In Schweden,

das bereits Anfang der 1990er Jahre

eine nationale CO 2

-Steuer einführte,

liegt der Preis gegenwärtig bei 115 Euro

je Tonne. Er gilt für wirtschaftliche Aktivitäten,

die nicht vom europäischen CO 2

-

Emissionshandel erfasst werden.

Neuer Anlauf

Foto: chokniti / stock.adobe.com

Die Pariser Klimakonferenz von 2015

hat sich nicht als der große Durchbruch

erwiesen, den sich viele erhofft hatten.

Die globalen Treibhausgasemissionen

steigen weiter, die meisten Staaten bleiben

hinter ihren Absichtserklärungen

zurück. Das gilt auch für die Bundesrepublik.

Die Trägheit von Politik, Wirtschaft

und Alltagsgewohnheiten bremst rasche

Fortschritte. CO 2

-intensive Industrien

wehren sich gegen die Entwertung ihres

Kapitals. Viele Entwicklungsländer setzen

nach wie vor auf Kohle zur Deckung

ihres Energiehungers. In Schlüsselländern

wie den USA und Brasilien ist

ein klimapolitisches Rollback im Gang.

Für Trump und Bolsonaro ist das Pariser

Abkommen nur lästiger Ballast. Die

russische Führung setzt auf die Steigerung

der Öl-, Gas- und Kohleexporte als

Geschäftsmodell. Auch in China steigen

die CO 2

-Emissionen weiter an, trotz des

beeindruckenden Ausbaus erneuerbarer

Energien und der Elektromobilität. Dieser

Trend kann nur umgekehrt werden,

wenn die fortgeschrittenen Industrieländer

zeigen, dass es auch anders und

besser geht.

Die ökologische Krise erzwingt einen

fundamentalen Umbau der Industriegesellschaft.

Die rasche Entwicklung

digitaler Technik, von Hochleistungsrechnern

und superschnellen Datennetzen

bis hin zu selbstlernenden Robotern

und 3D-Druck im industriellen

Maßstab, bietet auch neue Potenziale

für ressourcenoptimierte Produktion

und eine vernetzte Kreislaufwirtschaft.

Ohne intelligente Verbundnetze wäre

die Energiewende, die eine Verknüpfung

von Millionen dezentraler Anlagen

erfordert, undenkbar. Auf diesem Weg

voranzugehen, ist die besondere Verantwortung

und Chance der hochindustrialisierten

Länder.

Die deutsche Energiewende hat dazu

beigetragen, die Lernkurve erneuerbarer

Energien zu finanzieren. Heute sind

Solar- und Windkraftanlagen vielerorts

kostengünstiger als neue Kohle- und

Atomkraftwerke. Diese Pionierrolle sollten

wir auch bei Stromspeichern und

intelligenten Netzen, der Umwandlung

von Regenerativstrom in Wasserstoff

und synthetische Kraftstoffe, bei Elektromobilität

und Biotechnologie übernehmen.

Nur wenn wir zeigen, dass Klimaschutz

und wirtschaftlicher Erfolg zwei

Seiten einer Medaille sind, kann Europa

zum Modell für andere werden. Gleichzeitig

sichern wir damit unsere eigene

wirtschaftliche Zukunft.

Angesichts einer drohenden Zuspitzung

ökologischer Krisen stehen wir vor drei

absehbaren Optionen. Die erste liegt in

der Radikalisierung einer Umkehrbewegung,

die die Rettung in der freiwilligen

oder erzwungenen Schrumpfung von

Produktion und Konsum sucht, in Verzicht

und Verbot. Ihr Gegenpol ist ein

trotziges „Weiter so“, die Verlängerung

des fossilen Industrialismus bis zum

Kollaps. Die dritte Möglichkeit liegt in

einer neuen Synthese zwischen Natur

und Technik. Angesichts der Belastungsgrenzen

des Erdsystems bleiben

uns zwei Quellen des Fortschritts: Die

Einstrahlung von Sonnenenergie auf

die Erde und die menschliche Kreativität.

Auf einer Kombination von beidem

muss eine freiheitliche und nachhaltige

Gesellschaft aufbauen. Wir können die

drohende Selbstzerstörung der Moderne

mit den Mitteln der Moderne bewältigen:

mit demokratischer Politik, Wissenschaft,

einer dynamischen Ökonomie

und einer aktiven Zivilgesellschaft. f

Bei diesem Beitrag handelt

es sich um eine überarbeitete

Fassung von Ralf Fücks,

Letzte Chance, in: APuZ

47/2019, S. 21-25

Ralf Fücks ist Mitgründer

des Zentrums Liberale

Moderne. Zuvor war er

lange Jahre Vorstand der

Heinrich-Böll-Stiftung.

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

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Innovation

Wirtschaften

in einer vollen

Welt

Von Nina V. Michaelis

Unser Wirtschaftssystem

stößt an planetarische Grenzen,

wie beispielsweise durch

den immer schneller voranschreitenden

menschgemachten

Klimawandel

deutlich wird. Es stellt sich

die Frage, ob das auch anders

geht: Wie kann ein Wirtschaftssystem

aussehen, das mit den

Grenzen unseres Erdsystems

kompatibel ist? Welche

Ansätze gibt es, und welche

werden bereits praktisch

umgesetzt? Kann das

funktionieren, ohne dass unser

Wohlstand abnimmt?

Unser Wirtschaftssystem

Wirtschaftssysteme lassen sich in zwei idealtypische Formen

unterscheiden: die Marktwirtschaft und die Zentralverwaltungswirtschaft.

In einer Marktwirtschaft befinden sich die

Produktionsmittel (also zum Besispiel Maschinen und Gebäude)

in privatem Besitz, die Preise für Güter bilden sich auf

Märkten durch Angebot und Nachfrage und Wirtschaftsprozesse

werden dezentral durch die einzelnen Wirtschaftsakteure

geplant. In einer Zentralverwaltungswirtschaft befinden

sich die Produktionsmittel in öffentlicher Hand oder sind

Kollektiveigentum, Löhne und Preise werden festgesetzt und

Wirtschaftsprozesse werden zentral geplant. In der Realität

treten ausschließlich Mischformen auf, das heißt, der Staat

greift mehr oder weniger lenkend in die Marktwirtschaft ein.

Die Volkswirtschaftslehre beschäftigt sich mit dem Funktionieren

von Marktwirtschaften. Dabei wird davon ausgegangen,

dass die Bedürfnisse der Menschen unendlich sind und wir

wirtschaften, um diese Bedürfnisse zu befriedigen. Dabei geht

es darum, dies so gut oder so effizient wie möglich zu tun.

Wenn wir das schaffen, dann wächst die Menge an produzierten

Waren und Dienstleistungen (das Bruttoinlandsprodukt)

jedes Jahr um einen bestimmten Prozentsatz, das heißt wir

produzieren jedes Jahr mehr als im Jahr zuvor. Dazu werden

Ressourcen benötigt.

18 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Gibt es Grenzen?

Foto: wx-bradwang / iStockphoto.com

Wenn die Gütermenge jedes Jahr nur um

2,5 Prozent wächst und wir technologischen

Fortschritt zunächst ausschließen,

würden wir damit auch jedes Jahr

2,5 Prozent mehr Ressourcen verbrauchen

und Schadstoffe emittieren. Ressourcenverbrauch

und Schadstoffeinträge

würden sich alle 28 Jahre verdoppeln

(vgl. Rogall 2012). Schaut man sich das

in der realen Welt an, merkt man, dass

unsere Art des Wirtschaftens tatsächlich

schon in einigen Bereichen zu einer

Übernutzung unserer natürlichen Umwelt

geführt hat.

Das Konzept der planetarischen Grenzen

von Rockström und Steffen (2015)

macht das sehr deutlich: Sie haben für

neun Bereiche unserer natürlichen

Umwelt Grenzen definiert, deren Überschreiten

die Wahrscheinlichkeit für abrupte,

großskalige Veränderungen der

Stabilität des gesamten Erdsystems bedeuten

würde, mit entsprechenden Folgen

für die Menschen, das heißt es wird

ungemütlich. In vier Bereichen haben

wir diese Grenzen bereits überschritten:

beim Klimawandel, beim Verlust biologischer

Vielfalt, bei der Veränderung biochemischer

Kreisläufe – vor allem durch

Phosphor- und Stickstoffeinträge durch

die Industrie und die intensive Landwirtschaft

sowie bei der Veränderung

der Landnutzung durch die Umwandlung

von Wald in Agrarflächen, Straßen

und Städte (vgl. Steffen et al. 2015).

Grenzen spielen in Standardmodellen

der Volkswirtschaftslehre keine Rolle.

Die Mainstream-Volkswirtschaftslehre

vertraut darauf, dass über den Preismechanismus

und den technischen

Fortschritt diese Probleme überwunden

werden können. Der Preismechanismus

soll dafür sorgen, dass knapper werdende

Ressourcen oder Umweltleistungen,

wie beispielsweise die Schadstoffaufnahme,

teurer werden, und daraufhin

die Nachfrage sinkt. Dadurch lohnen

sich dann auch Investitionen in neue

ressourcensparende und umweltfreundliche

Verfahren wirtschaftlich, und technischer

Fortschritt wird damit gefördert.

Das funktioniert leider nicht ganz, denn

vielfach sind die Preise für Ressourcen

und Umweltleistungen zu niedrig, so

dass der Markt bei der ökonomisch effizienten

Bereitstellung versagt. Die gesellschaftlichen

Kosten sind dann höher als

die privatwirtschaftlichen, und nach der

Theorie sollte hier der Staat eingreifen.

Zudem ist bislang nicht erkennbar, dass

durch den technischen Fortschritt der

Ressourcenverbrauch oder die Schadstoffeinträge

– absolut gesehen – zurückgehen.

Beispielsweise steigen die

Treibhausgasemissionen weltweit: 2017

sind die weltweiten CO 2

-Emissionen um

1,4 Prozent und 2018 um 2,1 Prozent

gestiegen, für 2019 wird ein weiterer

Anstieg erwartet. Grund dafür ist ein

anhaltendes Wachstum der Weltwirtschaft

verbunden mit einem steigenden

Verbrauch von Erdgas und Öl (vgl.

Jackson et al. 2019) (Anmerkung der

Redaktion: mögliche Auswirkungen des

Corona-Virus sind hierbei nicht berücksichtigt

...).

Wie kann ein Wirtschaftssystem aussehen,

das mit den planetarischen Grenzen

vereinbar ist? Darüber wird in der

Wissenschaft und auch in Teilen der Gesellschaft

bereits seit einigen Jahrzehnten

diskutiert. Grundsätzlich lassen

sich die Vorschläge in drei verschiedene

Kategorien einteilen:

1. Wachstum mit neuen Attributen,

2. Verringerung der Wachstumsabhängigkeit

(weniger Wachstum) und

3. Wohlbefinden statt Wachstum (vgl.

Pirgmeier 2012).

Aus der gesamtwirtschaftlichen Perspektive

sind die ersten beiden Ansätze interessant

und sollen hier jeweils anhand eines

Beispiels genauer betrachtet werden.

Grünes Wachstum

„Wachsen wie bisher, aber grüner“

ist Leitbild der sogenannten Green

Growth-Strategie. Hierbei soll Wachstum

ressourceneffizienter, sauber und widerstandsfähiger

gemacht werden (vgl.

World Bank 2012). Es sollen hier also

zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen

werden: Wirtschaftswachstum und

Umweltschutz. Erreicht werden soll das

durch eine Steigerung der Ressourceneffizienz,

staatlich induzierte Investitionen,

ein forciertes Innovationstempo,

die Ausnutzung der Dynamik grüner

Zukunftsmärkte und der Vermeidung

wachstumsschädlicher Entwicklungen,

wie beispielsweise Rohstoffengpässe,

steigende Energiepreise, Umweltschäden

und Klimawandel (vgl. Jänicke

2011). Der Ansatz ist bei internationalen

Institutionen und nationalen Regierungen

sehr beliebt, da er suggeriert, dass

wir so weiter machen können wie bisher,

nur halt grüner. Auch die neue EU-Kommission

hat diese Strategie unter dem

Namen „Green New Deal“ ganz nach

oben auf die politische Agenda gesetzt.

Südkorea kann bei der Umsetzung als

Vorreiter gelten, da es 2009 im Zuge

der Weltwirtschaftskrise seine Konjunkturhilfen

explizit auf eine grüne >>

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

19


Innovation

Wachstumsstrategie ausgerichtet hat:

Südkorea hat insgesamt Mittel in Höhe

von 98,8 Mrd. USD eingesetzt; davon

ein gutes Viertel für die Dekarbonisierung

der Wirtschaft – unter anderem

für den Ausbau des Schienennetzes,

sonstige Maßnahmen zur Minderung

des Klimawandels und der Energiesicherheit,

Förderung der erneuerbaren

Energien, Ausbau der Atomenergie,

Entwicklung grüner Städte und Verringerung

der Fahrzeugemissionen. Dadurch

ist es gelungen, die Effizienz der

Energieerzeugung insbesondere in den

Bereichen Stromgewinnung, Industrie

und motorisierter Individualverkehr zu

erhöhen. Allerdings sind die CO 2

-Emissionen

nach der Wirtschaftskrise schnell

wieder gestiegen: 2008 um 2,3 Prozent,

2009 um 2,8 Prozent und 2010 um 9,5

Prozent. Selbst wenn das BIP nur noch

um ein Prozent pro Jahr wachsen sollte,

sind noch radikalere Maßnahmen und

mehr Mittel erforderlich (vgl. Sonnenschein

und Mundaca 2016).

Woran liegt es, dass trotz erheblicher

Anstrengungen die zwei Fliegen nicht

mit einer Klappe erlegt werden konnten?

Zum einen liegt es an den sogenannten

Reboundeffekten, das heißt die Einsparung

durch verbesserte Technologie fällt

nicht so hoch aus wie erwartet, weil sich

im Zuge der Nutzung auch das menschliche

Verhalten verändert. Ein Beispiel

für einen Reboundeffekt wäre, dass man

sich ein Auto kauft, das weniger Treibstoff

verbraucht. Da man ja nun ein umweltfreundliches

Auto hat, fährt man jedoch

mehr damit als mit dem alten und

verbraucht eventuell sogar mehr Benzin

als vorher (vgl. Golde 2016).

Auch ein Vergleich mit der Dampfmaschine

drängt sich auf: Eine Dampfmaschine

fördert Kohle und verbraucht sie

zugleich. Das kann als eine Parabel für

unsere Technikgläubigkeit gesehen werden:

Zwar schieben wir Grenzen durch

neue Technologien hinaus (durch die

Dampfmaschine den Mangel an leicht

verfügbarer Kohle), stoßen dabei aber

häufig an neue Grenzen (durch das Verbrennen

der geförderten fossilen Energieträger

emittieren wir immer mehr

CO 2

) (vgl. Rauchmüller 2013). Auch benötigen

wir für unsere neuen Erfindungen

(zum Beispiel digitale Technologien)

andere Rohstoffe, deren verstärkter Einsatz

auch dazu führt, dass wir – schon

teilweise heute – an Grenzen der Verfügbarkeit

stoßen.

Wirtschaft im Gleichgewicht

Ein Ansatz für eine Wirtschaft im Gleichgewicht

stammt aus den 1970er Jahren

und wurde von Herman Daly, einem volkswirtschaftlichen

Querdenker, entwickelt.

Elementar ist bei dem Ansatz, dass die

Wirtschaft nur als ein Teilsystem der Umwelt

betrachtet wird und nicht als isoliertes

System, wie von der Volkswirtschaftslehre

angenommen. Das uns umgebende

Ökosystem hat Grenzen, zusätzliches

Material kann weder ein- noch austreten,

nur Sonnenenergie strömt permanent

von außen ein und Wärme wird abgegeben.

Es gibt unökonomisches Wachstum,

dessen Schäden höher sind als die Vorteile.

Solange das ökonomische Teilsystem

relativ klein ist, ergeben sich keine Probleme.

Ab einer bestimmten Größe muss

sich die Wirtschaft jedoch an die Größe

des sie umgebenden Systems anpassen,

sonst bricht das Gesamtsystem zusammen,

weil lebenserhaltende Systeme

beginnen zu versagen (vgl. Daly 1993).

Mittlerweile ist unser Wirtschaftssystem

zu groß geworden, und es treten

die von Daly beschrieben Schäden auf.

Für das Wirtschaften in einer solchen

„vollen“ Welt ist es notwendig, dass in

einer Volkswirtschaft der physische Kapitalbestand

(Stock) und der Materialdurchsatz

(Flow) innerhalb ökologischer

Grenzen (Scale) möglichst konstant gehalten

werden, die Bevölkerung durch

Geburtenlizenzen stabilisiert wird und

mehr Verteilungsgerechtigkeit durch Einkommens-

und Vermögensobergrenzen

hergestellt wird (vgl. Pirgmeier 2012).

Über diese drei Bedingung kann man

lange streiten. Unter dem Aspekt der

planetarischen Grenzen lohnt sich ein

Blick auf die konstanten Durchsätze, Bestände

und den Maßstab unserer Wirtschaft.

Es gibt bislang keine Volkswirtschaft,

die das Ziel verfolgt, nicht mehr

20 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Es gibt bislang keine

Volkswirtschaft, die

das Ziel verfolgt, nicht

mehr zu wachsen.

zu wachsen. O'Neill (2015) hat anhand eines umfassenden

Systems an biophysikalischen und sozialen Indikatoren untersucht,

ob trotzdem einige Volkswirtschaften unfreiwillig in die

Nähe eines solchen Systems kommen und ob man in einem

solchen System noch gut leben kann. Er hat herausgefunden,

dass die meisten Länder Wachstumsökonomien sind, es aber

20 von 181 Ländern gibt, die zumindest bei den biophysikalischen

Indikatoren relativ stabil sind. Allerdings sind das noch

keine Volkswirtschaften im Gleichgewicht, da ja zusätzlich die

Grenzen unseres Planeten beachtet werden müssen. Das ernüchternde

Ergebnis ist hierbei, dass je mehr Umwelt ein Land

für seinen Lebensstil verbraucht, desto besser es auch bei den

sozialen Indikatoren abschneidet. Der Staat kann allerdings bis

zu einem gewissen Maß durch entsprechende Maßnahmen im

sozialen Bereich gegensteuern. Allerdings werden wir unseren

Umweltverbrauch tatsächlich einschränken müssen, wenn wir

innerhalb der planetarischen Grenzen bleiben wollen.

Zukunftsfähiges Wirtschaften in der Praxis

Betrachtet man die aktuelle politische Lage, ist eine wirklich

konsequente Umsetzung der Green Growth-Strategie unter

pragmatischen Gesichtspunkten der Spatz in der Hand. Trotzdem

müssen wir hier voranschreiten. Der erste Entwurf der

EU-Kommission für einen New Green Deal aus dem Dezember

2019 ist durchaus positiv zu beurteilen, es muss jetzt abgewartet

werden, ob tatsächlich entsprechende Taten folgen werden.

Gleichzeitig sollte jedoch weiter das öffentliche Bewusstsein

für alternative Lebensstile, die mit weniger materiellen Gütern

auskommen, geschärft werden. Dazu ist Bildung in allen Bereichen

notwendig sowie eine ambitionierte Politik.

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

Foto: MAGNIFIER Foto: / stock.adobe.com

MAGNIFIER / stock.adobe.com

Was heißt das jetzt für Unternehmen? Unternehmen können

unterschiedliche Motive haben, nachhaltig zu wirtschaften.

Entweder sind die Eigentümer / Geschäftsführer selber ethisch

motiviert. Das ist jedoch nicht unbedingt notwendig, denn

Nachhaltigkeit kann auch zu einem Geschäftsmodell werden:

Unternehmen können mit nachhaltigem Wirtschaften Risiken

vermeiden, indem sie gesetzliche Vorgaben einhalten (die sich

vorhersehbar verschärfen werden), Imageschäden vermeiden

und sich Zugang zu wichtigen Inputfaktoren sichern (Rohstoffe,

Mitarbeiter oder Motivation). Positiv gewendet können

Wettbewerbsvorteile entstehen, wenn man durch das nachhaltige

Wirtschaften mittelfristig Kosten reduziert, Kundenwünsche

erfüllt (Generation Greta), das Image verbessert und sich

die besseren Inputfaktoren sichert (vgl. Loew und Claussen

2010). Auch die Dynamik grüner Wachstumsmärkte spricht

für Möglichkeiten zur Gewinnerzielung, für 2016 bis 2025

wird auf diesen Märkten ein Wachstum von 8,8 Prozent im

Jahr erwartet (vgl. BMU 2018).

Unternehmen sind ein Teil dieser Gesellschaft, und die herrschende

Managementlehre weist den Stakeholdern eines Unternehmens

eine hohe Bedeutung zu. Wichtige Stakeholder

sind die Kunden, die Mitarbeiter, die Geldgeber und der >>

21


Innovation

Staat. In der Gesellschaft findet zur Zeit

ein massives Umdenken statt: Konsumenten

achten verstärkt auf Nachhaltigkeitsaspekte,

es gibt Bewegungen

wie Dinvest, und die Regierungen werden

von gesellschaftlichen Bewegungen

wie Fridays For Future zu schnellerem

politischen Handeln getrieben. Dadurch

sind Unternehmen direkt betroffen.

Sie tun also gut daran, eher proaktiv

als reaktiv zu handeln, um sich nicht

selber ins Aus zu katapultieren. Dabei

sind Investitionen in grüne Technologien

und Prozesse schon ein Schritt in

die richtige Richtung. Allerdings sollte

zumindest mittelfristig auch überdacht

werden, ob kurzfristige Gewinnmaximierung

ein Ziel an sich sein muss.

Vielleicht kann man die Interessen der

Stakeholder besser befriedigen, wenn

ein Unternehmen nicht permanent

wächst, sondern dauerhaft und nachhaltig

wirtschaftet, seine ökologischen

Auswirkungen minimiert und für einen

sozialen Ausgleich sorgt?

Die Corona-Pandemie, die zur Zeit

weltweit wütet, hat die notwendigen

Diskussionen um ein nachhaltigeres

Wirtschaftsmodell in den Hintergrund

gedrängt. Jedoch ist offensichtlich, dass

die Klimakrise und auch andere ökologische

und soziale Herausforderungen

nach dem Hochfahren der Volkswirtschaften

nicht gelöst sein werden. Zwar

sinken in der Zeit des erzwungenen

Shutdowns zunächst die CO 2

-Emissionen,

diese werden jedoch auch schnell

wieder steigen, so wie in Südkorea

nach der letzten Wirtschaftskrise. Auch

verschärfen sich durch die Pandemie

soziale Probleme wie beispielsweise

Arbeitslosigkeit und unterschiedliche

Bildungschancen. Da sowieso massive

Konjunkturhilfen notwendig sein

werden, sollten die Investitionen des

Staates, ganz im Sinne eines grünen

Wachstums, in die „richtigen“ Bereiche

fließen. Das kann auch Unternehmen

motivieren ihre Produktion umzustellen.

Die EU-Kommission hat Ende März

2020 noch einmal bekräftigt, am New

Green Deal festhalten zu wollen. Zudem

kann und sollte diese erzwungene Pause

vom „Immer-Mehr“ genutzt werden, um

grundsätzlich über unser Wirtschaftsmodell

und unsere Werte nachzudenken.

Was ist uns wichtig? Brauchen wir

immer mehr? f

Dieser Artikel basiert auf

einem ausführlicheren

Buchbeitrag: Michaelis, N. V.

(2020): Alternative Wirtschaftssysteme

– Wege zu

einer nachhaltigen Entwicklung,

in: Rupprecht, M., Aktuelle

Themen der Volkswirtschaftslehre

verständlich

erklärt – Handelskriege,

Niedrigzinsen, Nachhaltiges

Wirtschaften, Kohlhammer

(erscheint im Herbst 2020).

Literatur

n BMU - Bundesministerium für Umwelt,

Naturschutz und nukleare Sicherheit

(2018): GreenTech made in

Germany 2018 – Umwelttechnik-Atlas

für Deutschland, Dessau-Roßlau.

n Daly, H. E. (1993): Steady-State

Economics: A New Paradigm, in:

New Literary History, 1993, 24:

S. 811-816.

n Golde, M. (2016): Rebound-Effekte -

Empirische Ergebnisse und Handlungsstrategien,

Umweltbundesamt,

Hintergrund Juni 2016, Dessau-

Roßlau.

n Jackson R. B.; Le Quéré, C; Andrew,

R. M.; Canadell, J. G.; Korsbakken,

J. I.; Liu, Z.; Peters, G.P.; Zheng, B.;

Friedlingstein, P. (2019): Global Energy

Growth Is Outpacing Decarbonization.

A special report for the United

Nations Climate Action Summit

September 2019. Global Carbon

Project, International Project Office,

Canberra.

n Jänicke, M. (2011): „Green Growth“

– Vom Wachstum der Öko-Industrie

zum nachhaltigen Wirtschaften,

Freie Universität Berlin, FFU-Report

06-2011, Berlin.

n Loew, T. & Clausen, J. (2010): Wettbewerbsvorteile

durch CSR. Eine

Metastudie zu den Wettbewerbsvorteilen

von CSR und Empfehlungen

zur Kommunikation an Unternehmen.

Berlin, Hannover.

n Pirgmaier. E. (2012): Wachstum

im Wandel – Alternative Wirtschafts-

und Gesellschaftskonzepte,

Zukunftsdossier No. 3, Bundesministerium

für Land- und Forstwirtschaft,

Umwelt und Wasserwirtschaft

(Lebensministerium)(Hrsg.), Wien.

n Rauchmüller, M. (2013): Der große

Raubbau, in: Süddeutsche Zeitung

16./17.03.2013, Nr. 64, 22.

n Rogall, H. (2012): Nachhaltige Ökonomie

– Ökonomische Theorie und

Praxis einer Nachhaltigen Entwicklung,

2. Auflage, Marburg.

n

Sonnenschein, J.; Mundaca, L.

(2016): Decarbonization under green

growth strategies? The case of

South Korea. In: Journal of Cleaner

Production, S. 180-193.

n Steffen, W. et al. (2015): Planetary

boundaries: Guiding human

development on a changing planet,

in: Science 347, 1259855, 2015. DOI:

10.1126/science.1259855.

n World Bank (2012): Toward a Green,

Clean, and Resilient World for All –

A World Bank Group Environment

Strategy 2012-2022, Washington, D.C.

22 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


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Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

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Neue gesellschaftliche

Allianzen

Fotos: Gajus / stock.adobe.com

Von der Klimakrise über die

Corona-Krise zur sozialökologischen

Transformation

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Innovation

Von Ulrich Petschow und Helen Sharp

Internationale wissenschaftliche

Organisationen, die sich

etwa mit den Herausforderungen

des Klimaschutzes und der

Biodiversität befassen, gehen

übereinstimmend und dringlich

davon aus, dass eine weitreichende

sozial-ökologische

Transformation erforderlich ist.

Dies nicht zuletzt, um die Überschreitung

planetarer Grenzen

mit potenziell katastrophalen

Wirkungen auch auf die

menschliche Gesundheit

zu vermeiden.

Transformationsprozesse sind dabei immer auch verbunden

mit Machtfragen und Verteilungswirkungen.

Sie sind daher auch abhängig davon, inwieweit die unterschiedlichsten

gesellschaftlichen Akteure diese Prozesse

unterstützen oder auch bekämpfen. Grundsätzlich gilt: Die

soziale Organisation von Gesellschaften ist nicht nur Ursache

von Umweltproblemen, sie ist zugleich Bedingung für deren

Lösung. Die ökologische Frage wird damit zur sozialen Frage –

genauso wie andersherum.

Was bedeutet dieser Zusammenhang aber mit Blick auf die

Ebene gesellschaftlicher Akteure? „Neue Allianzen“ sozialer

und ökologisch motivierter Akteure, etwa zwischen den Umwelt-,

Sozial-, Wohlfahrtsverbänden und den Gewerkschaften,

können, so die hier zugrunde gelegte Prämisse, die sozialökologische

Transformation vorantreiben. Dies erfordert aber

entsprechende langfristig angelegte und systematische Austausch-

bzw. Aushandlungsprozesse, innerhalb derer gemeinsame

Leitideen wie etwa die einer „Just Transition“ (eines gerechten

Wandels) oder des „leave no one behind“ (Grundsatz

der globalen Nachhaltigkeitsziele) gemeinsam konkretisiert

werden. Die zivilgesellschaftlichen Interessenverbände spielen

hierbei im politischen System Deutschlands weiterhin eine

wichtige Rolle, indem sie etwa im Vorfeld politischer Entscheidungsprozesse

aggregierte Interessen und Wissen einbringen.

Als kollektive Gemeinwohlakteure nehmen sie damit an gesellschaftlichen

Aushandlungsprozessen teil, deren Ergebnisse

sie wiederum gegenüber der eigenen Basis vermitteln. Die

Verbände besitzen aber dabei nicht nur theoretisch, sondern

auch praktisch noch immer eine zentrale Relevanz: Fast jede/r

zweite Bundesbürger/in ist Mitglied in einer gemeinnützigen

Organisation. Rund zehn Millionen Menschen in Deutschland

sind in Natur-, Tier- und Umweltschutzorganisationen organisiert,

knapp sechs Millionen sind es in den Gewerkschaften des

Deutschen Gewerkschaftsbundes. Allein die Wohlfahrtsverbände

der freien Wohlfahrtspflege werden nach eigenen Angaben

von knapp drei Millionen Ehrenamtlichen unterstützt, wobei

die Mitgliederzahlen weit darüber hinausgehen dürften. Die

Sozialverbände in Deutschland (SoVD, VdK) kommen zusammen

ebenfalls auf knapp drei Millionen Mitglieder.

Das Beispiel der Kohlekommission hat gezeigt, dass mithilfe

gesellschaftlicher Aushandlung Transformationsprozesse

durchaus proaktiv begleitet und soziale Kosten vermieden

oder zumindest gerechter verteilt werden können. Die Frage

sozial-ökologischer Allianzen ist nun allerdings nicht unbedingt

eine ganz neue Frage, insbesondere zwischen einigen

Gewerkschaften und den Umweltverbänden wurden mehrfach

Überlegungen angestellt, inwieweit weitergehende Kooperationen

oder Allianzen zwischen diesen Akteuren möglich sein

könnten. In der Praxis konnten mehrere Phasen beobach- >>

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

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Innovation

tet werden, in denen das Thema auf der

Agenda war, aber letztlich nicht wirkmächtig

werden konnte. So beispielsweise

Mitte / Ende der 80er Jahre, als die Ideen

des ökologischen Umbaus prominent

wurden. Diese Diskussion ist im Kontext

der Wiedervereinigung abgeebbt. Zu

Anfang der 10er Jahre wurde ein breit

angelegtes Forschungsvorhaben auf den

Weg gebracht, mit der Vorstellung, dass

gemeinsame und konsensfähige Entwicklungspfade

zwischen den Gewerkschaften

und den Umweltverbänden

ausgelotet werden könnten. In der Folge

der Wirtschaftskrise 2008 wurde unter

breiter Beteiligung unterschiedlichster

Verbände ein Transformationskongress

(2013) durchgeführt, der aber mit Blick

auf direkte Folgeaktivitäten letztlich nur

eine begrenzte Wirkung hatte.

Diese Situation ändert sich aktuell. Es

zeigt sich, dass auch die Verbände selbst

aus eigener Initiative an unterschiedlichen

Stellen miteinander aktiv geworden

sind. So gab es im Juni 2019 die

große Fairwandel-Demonstration der IG

Metall unter Beteiligung von Sozial- und

Umweltverbänden, es gab gemeinsame

Erklärungen und Debattenbeiträge der

jeweiligen Verbandsspitzen etwa zu Fragen

der Mobilität oder Industrie- und

Wirtschaftspolitik. Gleichwohl bleibt

festzuhalten, dass diese Allianzen sich

noch in einem frühen Stadium befinden

und häufig eher auf einer deklamatorischen

Ebene verbleiben. Hinzu kommt

nun, dass sich die Verbände mit der

„Corona-Krise“ auf einmal in einer Situation

befinden, in der die Debatten um

klima- und umweltpolitische Herausforderungen

plötzlich mehr oder weniger

stummgeschaltet scheinen. Auch die

zarten Pflänzchen sozial-ökologischer

Allianzenbildung scheinen damit bedroht.

Und doch wird es gerade vor dem

Hintergrund der wirtschaftlichen Folgewirkungen

eines „Shut-Downs“ darum

gehen, die sozial-ökologische Frage neu

zu stellen. Auch hier braucht es neue

Allianzen, insbesondere da sich bereits

jetzt beobachten lässt, wie die Krise

von unterschiedlichen Akteuren durchaus

instrumentalisiert wird. Im breiten

Spektrum des Diskurses lassen sich

dabei bisher sicherlich zwei Extrempositionen

ausmachen: Auf der einen Seite

wird spekuliert, dass, ausgelöst durch

die gesundheitliche sowie die zu erwartende

gravierende Wirtschaftskrise, die

Gesellschaft zur „Vernunft“ kommen

und auf die „harten Tatsachen“ des Lebens

zurückgeführt werden würde. In

der Konsequenz müsse wirtschaftlichem

Wachstum in jedem Fall Priorität eingeräumt

werden. Auf der anderen Seite

des Diskussionsspektrums wird die derzeitige

Krise vor allem auch als Chance

für die sozial-ökologische Transformation

bezeichnet, u.a. weil, zumindest zum

gegenwärtigen Zeitpunkt, deutlich wird,

wie eng die wirtschaftlichen Aktivitäten

und der Lebensstil mit den Umweltbelastungen

zusammenhängen. Mit

den ergriffenen Maßnahmen der Politik

zur Eindämmung der Verbreitung

des Virus durch ein Einschränken des

öffentlichen Lebens auf ein notwendiges

Minimum sind auch wirtschaftliche

Aktivitäten zum Teil radikal heruntergefahren

worden – und dies zum Teil

mit großer Umweltrelevanz. Während

China etwa eine umfassende Verbesserung

der Luftqualität erlebt hat, wurde

auch der weltweite Flugbetrieb teilweise,

so Zeitungsberichte, auf ein Niveau

der 50er Jahre zurückgeschraubt. Ein

Niveau, das möglicherweise zukunftsfähig

sein könnte. Mithin entspringt also

bei einigen Akteuren die Vorstellung,

aus der Gesundheitskrise könne sich

eine Nachhaltigkeitschance ergeben.

Nicht mitgedacht wird dabei allerdings,

dass in Folge der Krise in den bestehenden

Strukturen auch massive soziale

Konsequenzen zu erwarten sind. Zentral

wird es daher sein, eine geeignete

Balance zwischen Wiederaufbau und

Pfadwechsel herzustellen. Eine tiefgreifende

wirtschaftliche Krise stellt eben

auch eine gewaltige Herausforderung

für die Gesellschaften dar und kann,

so eine der Lehren der Weltwirtschaftskrise

der 1920er/30er Jahre, sehr leicht

auch zu autoritären Systemen führen.

Mit den ergriffenen Maßnahmen der Politik zur

Eindämmung der Verbreitung des Virus durch ein

Einschränken des öffentlichen Lebens auf ein

notwendiges Minimum sind auch wirtschaftliche

Aktivitäten zum Teil radikal heruntergefahren worden

und dies zum Teil mit großer Umweltrelevanz.

Was die Corona-Krise auf eindrückliche

Weise deutlich macht, ist, dass staatliche

Akteure sich durchaus als radikal handlungsfähig

erweisen können. Konfrontiert

mit einer akuten und weitreichenden

Krise, wird sich der Stimme „der“

Wissenschaft, zwar spät, aber immerhin

geöffnet. Die Herausforderung für die

staatlichen Akteure endet aber nicht mit

der Durchsetzung des Shut-Down. In absehbarer

Zeit wird es vor allem darum

gehen, die wirtschaftliche Folgekrise zu

bewältigen. Während staatliche Politik

also gegenwärtig im Wesentlichen ungerichtet

mit dem Auffangen der kurzfristigen

ökonomischen Konsequenzen

befasst ist, wird es schon bald darum

gehen müssen, wie künftige Strukturen

aussehen sollen. Ein „weiter so“– und

auch das hält die Corona-Krise vor Augen

– kann dabei weder aus sozialer

noch ökologischer Sicht eine Option sein.

26 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Was können wir damit schon jetzt aus

der Corona-Krise auch für die sozial-ökologische

Transformation lernen? Es sind

zweifelsohne viele Lehren zu ziehen,

und viele Lehren werden erst im Nachhinein

gezogen werden können.

Angefangen von der Nicht-Vorbereitung

auf einen Pandemiefall, der fehlenden

Resilienz der Systeme (gerade auch der

Gesundheitsversorgung) bis hin zu der

Frage, welche Relevanz die unterschiedlichen

gesellschaftlichen Systeme letztlich

besitzen.

Erstmals wird die Zentralität der Bereiche

betont, die bislang von Niedriglohn-Jobs

und Gig-Arbeiter/innen

sichergestellt werden – von der Verkäufer/in,

der Pfleger/in bis hin zum

Krankenhauspersonal betrifft dies mithin

vielfach vor allem Bereiche, die der

„Care-Ökonomie“ zugeordnet werden

können. Dies verweist darauf, dass die

Resilienz einer Gesellschaft essenziell

eben von diesen systemrelevanten

Bereichen und damit zusammenhängend

der lokalen und regionalen Infrastruktur

abhängt. Und dies ist eine

zentrale soziale Frage, die zudem eng

verbunden ist mit den ökologischen Fragen.

Mithin geht es tatsächlich um die

Neubeantwortung der Frage nach der

Systemrelevanz gesellschaftlicher und

wirtschaftlicher Aktivitäten.

Und exakt hier wird auch deutlich, dass

die soziale und die ökologische Dimension

nicht nur Hand in Hand gehen können,

sie müssen es sogar. Drängender

denn je müssen sich neue Allianzen für

eine resiliente und nachhaltige Zukunft

bilden, die die unabdingbare Verzahnung

der sozialen und ökologischen Frage

in der Debatte abbilden können. Diese

Blickwende auf die essenziellen Grundlagen

von Wirtschaft und Gesellschaft

könnte und sollte auch das Selbstverständnis

der Gesellschaft im Sinne des

„Höher“, „Weiter“ und vor allen Dingen

auch „Mehr“ grundlegend verändern. f

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

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Innovation

Grafik: Covermotiv „Raubbau an der Seele“

„Wir sind eine

überforderte

Gesellschaft“

Größer, schneller, weiter. Noch immer glauben wir,

unser Glück durch Konsum und Leistung erzwingen

zu können. Der renommierte Psychologe Wolfgang

Schmidbauer weiß Rat – jenseits von Medikamenten,

Illusionierung und Verdrängung.

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Innovation

UmweltDialog: In Ihrem Buch „Raubbau

an der Seele: Psychogramm einer überforderten

Gesellschaft“ erzählen Sie, dass

Sie − durchaus glücklich − eine Weile

als Aussteiger in Italien ohne Strom und

Fernsehen gelebt haben. Heute dagegen

leben Sie in der Weltstadt München − gut

vernetzt, erfolgreich und vermutlich mit

allerlei modernem Komfort. Ihre Großeltern

würden sicher sagen: Aus dem

Jungen ist ja doch noch was geworden!

Haben Sie sich schlussendlich auch unserer

Konsum- und Leistungsgesellschaft

unterworfen?

Wolfgang Schmidbauer: Unterworfen

würde ich nicht sagen. Zum Teil angepasst

trifft es eher. Das Aussteigerleben

habe ich aufgegeben, als meine Älteste

schulpflichtig wurde und ich mich für

eine Therapieausbildung interessierte.

Aber die Kritik an dem Wachstumswahn

und der organisierten Verschwendung

habe ich nicht aufgegeben. Im Übrigen

waren meine Großeltern toleranter als

Sie denken. Dogmatismus lag ihnen so

fern wie mir.

Wir leben in einer Welt, die auf ehrgeizige,

tüchtige, allseitig funktionierende Individuen

zugeschnitten ist. Da hält nicht jeder

mit. Depressionen und Burn-out sind gängige

Schlagworte. Was läuft da aus Ihrer

Sicht bei uns grundsätzlich schief?

Das zentrale psychologische Thema ist

der Wandel des grundlegenden emotionalen

Motivs durch den Schritt von

einer altsteinzeitlichen Gleichgewichtsgesellschaft

in die erst langsam, dann

rapide − durch den Kapitalismus − sich

zum Raubbau hin steigernde Ungleichgewichtsgesellschaft.

Auf die Gleichgewichtsgesellschaft

ist unser Organismus

zugeschnitten. In diesen Kulturen,

die wir altsteinzeitlich nennen, wurden

die Menschen durch den Hunger motiviert,

der gut und eindeutig zu stillen

ist. Die Ungleichgewichtsgesellschaft

motiviert sich durch die Angst, gegen

die der Mensch nie genug an Sicherheit

anhäufen kann. Wer Vorräte hat, hat

auch Angst, dass sie ihm jemand wegnehmen

kann. Seither werden Kinder

geschlagen; Jägerkulturen tun das nicht,

weil solche Kinder schlechte Jäger sind,

aber „gute“ Sklaven. Im modernen Staat

haben wir zwar die Prügel wieder abgeschafft,

aber die Angst ist geblieben.

Sie hat sich multipliziert, inzwischen

zum Beispiel zu den zahlreichen Ängsten

vor falschen Entscheidungen, vor

beruflichem oder privatem Versagen.

Depressionen wurzeln darin, dass Kinder

Ängste der Eltern wahrnehmen, es

könnte „nichts“ aus ihnen werden, und

sich deshalb überanpassen, sich nicht

mehr an ihren vitalen Bedürfnissen und

Grenzen orientieren.

Nicht jeder erfährt in seiner täglichen Arbeit

Sinnhaftigkeit. Die meisten arbeiten

wegen des Geldes und allem, was sich

daraus ergibt: ein angesehener Beruf, viel

Geld verdienen, für den Partner attraktiv

sein et cetera. Sie kritisieren das als unpersönlichen

Perfektionismus. Warum

eigentlich?

Perfektionismus ist die Form der

Angstabwehr, die in der Konsumgesellschaft

„normal“ wird. Wer ihn anstrebt,

verliert oft die Orientierung an dem, was

ihm auf einer vitalen Ebene gut tut, was

bekömmlich für ihn ist. Burn-out ist oft

die Folge einer Übererfüllung beruflicher

Normen. Wer sein Leben auf die

Leistungskarte setzt, lebt sehr riskant.

Viele Depressionen brechen aus, wenn −

oft unbewusst − die Betroffenen den Eindruck

haben, dass sie sich für weniger

Anerkennung mehr anstrengen sollen.

Sich in ihrer Haut wohlfühlen, Freizeit

genießen können − das können Kinder

nicht von Eltern lernen, die Angst haben,

dass sie die nötige Leistung nicht

bringen.

An einer Stelle in Ihrem Buch heißt es: „In

der Konsumgesellschaft sollen wir glauben,

dass das Leben durch Leistung kontrollierbar

wird. Wer genug leistet, kann

sich Sicherheit und Glück kaufen.“ Aber

was ist genug?

Es ist eben eine Illusion, dass man Sicherheit

und Glück kaufen kann. Das

funktioniert einfach nicht. Man kann nur

dem Geld hinterherjagen − die aktive,

manische, realitätsverleugnende >>

Wolfgang Schmidbauer:

Raubbau an der Seele.

Psychogramm einer

überforderten Gesellschaft

Oekom Verlag:

München 2019

Softcover, 256 Seiten

ISBN 978-3-96006-009-3

Euro 18,00.–

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

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Innovation

Variante − oder jammern und anderen

die Schuld geben, dass sie einem nicht

das Glück verschaffen, das man sich

wünscht. Wichtig an den Überlegungen

zum Raubbau ist ja, dass uns im

depressiven Zusammenbruch oft die

Kraft fehlt, uns mit einer Fehlentwicklung

auseinanderzusetzen. Ein gesunder

Mensch kann Kränkungen verarbeiten

und einen neuen Weg suchen;

der zusammengebrochene Perfektionist

wünscht sich nur, dass alles wieder so

wird wie früher. Ihm werden Medikamente

angeboten. Sie entlasten ihn ein

wenig, lenken ihn aber von Einsicht und

Neuorientierung ab, vor allem wenn sie

mit dem Mythos einer womöglich ererbten

Anomalie des Gehirnstoffwechsels

vorgetragen werden. Heute nehmen in

den fortgeschrittenen Gesellschaften Depressionen

parallel zum Verbrauch von

Antidepressiva rapide zu. Man könnte

sagen, dass die antidepressiven Medikamente

mit dem Motto „Schluck mich,

und du wirst normal“ eher ein Symptom

als eine Kur der Depression sind.

Da sind wir ja auch beim Thema Nachhaltigkeit

und den planetaren Grenzen:

All unsere bisherige Kreativität und unser

Erfindergeist setzen grenzenlose Ressourcen

voraus. Der künftige New Green

Deal oder das Pariser Klimaabkommen

versprechen, das besser zu machen. Aber

auch sie setzen dabei auf die gleiche bisherige

Kreativität und den gleichen Erfindergeist.

Kann das klappen?

Ich hoffe sehr, dass wir die destruktiven

Motive hinter der menschlichen Erfindungsgabe

nicht behalten. Bisher hat sie

ja vorwiegend einseitig dem Wachstum

der Verschwendung und der Mehrung

des Profits gedient. Viel zu selten und

völlig neben den Machtstrukturen wurden

alternative Ziele wie mehr Lebensqualität,

Schonung der Natur und Ähnliches

verfolgt und soziale Strukturen

entwickelt, die solche Ziele festigen.

Der andere Weg ist der des Verzichts.

Dazu formulieren Sie einen interessanten

Gedanken: Die Konsumgesellschaft

entfalte ihre Macht keineswegs durch das

lustvolle Angebot, sondern durch Angst,

die einsetzt, wenn das Erwartungsniveau

unterschritten wird. Fühlt sich Konsumverzicht

dann nicht so an wie ein kalter

Entzug für einen Junkie?

Die Metapher ist schief, weil der Junkie

körperlich abhängig ist und sein Organismus

gegen den Mangel an seinem

Stoff rebelliert, während wir uns nur einbilden,

dass uns unser Konsumniveau

glücklicher macht. Es ist nachgewiesen,

dass die Befriedigung durch ein tolles

neues Produkt sehr schnell abebbt. Wer

viele tolle Produkte um sich hat, hat wenig

Freude an ihnen, aber viel Sorge,

dass sie nicht funktionieren. In Wahrheit

machen uns die Verlustängste abhängig,

während Verzicht uns Freiheit,

Lebensqualität und Energie zurückgibt.

Wenn Greta Thunberg fordert, dass die

Menschen Angst haben sollen, wenn sie

sich nicht sofort ändern, stoßen dann

nicht gleich zwei Angstwelten zusammen?

Wie können wir da am besten reagieren?

Frau Thunberg trifft einen wichtigen

Punkt: Nur Angst vor einem größeren

Schaden kann etwas gegen die Verlustangst

ausrichten, die unser absurd

hohes Konsumniveau bewacht. Die Vernunft

ist zu schwach dazu. Viele Alkoholiker

wissen, dass Alkohol nicht gut

für sie ist − aber sie hören erst auf zu

trinken, wenn sie die Schäden an Herz,

Leber oder Nervensystem nicht mehr

ignorieren können oder ihre Ehe auf

der Kippe steht. Leider gehört es zu den

großen Schwächen der Demokratie, dass

sie politische Lügner, die den Wählern

unangenehme Wahrheiten ersparen,

viel zu lange gewähren lässt. Der Staat

sollte durch energische Gesetze gegen

Verschwendung von Rohstoffen und

Energie, gegen Müllproduktion und undurchschaubare,

nicht zu reparierende

Produkte den Verzicht Einzelner unterstützen.

Eine Steuer und eine Schranke

motivieren den SUV-Fahrer, öffentlich

zu fahren − das Lob auf dem Plakat in

der U-Bahn, dass ihre Nutzer Klimaschützer

sind, bringt damit verglichen

herzlich wenig. f

Wolfgang Schmidbauer hat

über sein Aussteigerleben

in der Toskana und seinen

Weg vom Journalisten zum

Therapeuten und Schriftsteller

in dem Buch „Die

Seele des Psychologen“

berichtet, das 2016 in

Zürich erschienen ist.

Bekannt wurde er durch den

Bestseller „Hilflose Helfer“,

der seit 1977 viele Auflagen

erlebt hat und immer

noch gedruckt wird. Dort

entwickelt er das Konzept

des Helfersyndroms und der

Burn-out-Problematik in den

helfenden Berufen.

Schmidbauer ist einer der

ersten psychologischen

Kritiker der Konsumgesellschaft:

„Homo consumens.

Der Kult des Überflusses“

erschien 1971.

2017 entstand auf Anregung

des oekom verlags

eine weitere Schrift zu den

psychologischen Aspekten

der Konsumgesellschaft:

„Raubbau an der Seele:

Psychogramm einer überforderten

Gesellschaft“.

Foto: Wolfgang Schmidbauer

30 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

... und dann war da noch der tote Gaul

Wenn du entdeckst, dass du

einen toten Gaul reitest, steige

ab! Warum reiten manche

Menschen trotzdem weiter?

Ein paar nachdenkliche,

amüsante Argumente von

Arnold Retzer, deutscher

Mediziner und Psychotherapeut:

1.

So haben wir den Gaul immer

geritten!

2.

Wir halten unserem Gaul die

Treue!

3.

4.

5.


Wir gründen eine Untersuchungskommission,

um den

Gaul zu analysieren!

Wir besuchen andere, um zu

sehen, wie man dort tote

Gäule reitet! (Benchmarking)

Wir ändern die Kriterien dafür,

ob ein Gaul tot ist!

6.


7.

8.

Man redet uns nur ein, der

Gaul sei tot!

Kein Gaul kann so tot sein,

dass man ihn nicht noch

schlagen könnte!

Wir „frisieren“ die

Vergangenheit

9.

10.

11.

Wir spannen mehrere tote

Gäule zusammen, damit sie

schneller werden! (Synergie)

Wir entwickeln eine sehr enge,

intime Beziehung zu unserem

toten Gaul!

Tote Gäule zu reiten ist

die hohe Schule der

Reitkunst!

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

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Innovation

Illustrationen: Alexander Pokusay / stock.adobe.com

Von Dr. Elmer Lenzen

Vom

Gott der

Zerstörung

und dem Perpetuum mobile

der Milliardengewinne

Nach Corona wird die Welt eine andere sein. Aber bedeutet die Krise nur Zerstörung, oder kann

darin auch eine schöpferische Kraft liegen? Der Wiener Ökonom Joseph Schumpeter hat dazu

schon vor 100 Jahren gearbeitet. Vor allem im Silicon Valley und bei Start-ups genießen seine

Ideen bis heute viel Zuspruch, gilt er doch als Urvater der Disruption.

32 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Er wollte der bedeutendste

Wirtschaftswissenschaftler, der

größte Liebhaber und der beste

Reiter seiner Zeit werden. Später

beklagte er, dass zum Reiten zu wenig

Zeit geblieben sei. Der Österreicher

Joseph Schumpeter (1883 - 1950) war zu

Lebzeiten kein Mann übermäßiger Bescheidenheit.

Hinzu kam ein brillanter

Intellekt, der die meisten Geister seiner

Zeit weit hinter sich ließ. Das brachte

ihm nicht nur Freunde ein. „Wachstum

ist ein Prozess schöpferischer Zerstörung“,

formulierte Schumpeter und

erkannte damit schon früh eine zentrale

Dynamik des Kapitalismus. Sein

Unternehmerbegriff unterscheidet sich

deshalb bis heute ganz wesentlich vom

gewohnten Sprachgebrauch. Ein Unternehmer

ist jemand für ihn nämlich erst

dann, „wenn er eine neue Kombination

durchsetzt“. Pioniergeist, Mut, der unbedingte

Wille, alte Pfade zu verlassen und

die Bereitschaft, Altes zu zerstören, um

Neues zu erschaffen – nur das sei echtes

Entrepreneurship.

Erst dieser Prozess „schöpferischer

Zerstörung“ ermögliche Wachstum

und technischen Fortschritt. Dadurch

werden alte Strukturen verdrängt und

neue, bessere, billigere oder effizientere

nehmen ihren Platz ein. Zerstörung

und brutale Marktverwerfungen, wie

wir sie jetzt etwa im Zuge der Corona-Krise

erleben, sind in der Welt von

Joseph Schumpeter keine Systemfehler,

sondern notwendig, um Neues und Besseres

wachsen zu lassen. Politik könne

das sozial abfedern, dürfe es aber nicht

verhindern, war sein Credo.

„Wachstum

ist ein

Prozess

schöpferischer

Zerstörung“

Joseph Schumpeter (1883 - 1950)

Foto: Bildarchiv der Österr. Nationalbibliothek

Die radikalste Form von Veränderung

ist die Disruption. Hierbei werden bestehende

Geschäftsmodelle nicht langsam

und steuerbar vom Markt verdrängt,

sondern das geschieht sehr schnell und

sehr hart. Disruptive Ideen denken nicht

bestehende Produkte weiter, sondern

sie gehen vom Kundenbedürfnis aus

und denken die Lösung mit ganz neuen

Ansätzen. Schumpeter wird von vielen

seiner Anhänger bis heute deshalb gern

auch als Gott der Zerstörung bewundert.

Lieblingsthema auf Konferenzen

Jeder, der eine Konferenz zu Wirtschaftsthemen

besucht, kennt diesen

Moment, wenn einer der Vortragenden

– meist passiert das schon in der Eröffnungsrede

– die Worte „Disruption“ und

Innovation“ in einem Satz fallen lässt.

Ich nennen das immer den Kassandraruf

(benannt nach – Sie wissen schon –

Troja, Ilias, Wahrsagerin. Genau!)

Der Sinn ist es, zunächst Angst zu erzeugen:

Nichts ist mehr gewiss! Alle unsere

Geschäftsmodelle sind dem Untergang

geweiht! Dann kommt im zweiten Teil

die Hoffnung: Es gibt Lösungen und Hilfe.

Meistens in Form von Beratern, als

die sich die meisten Redner dann gleich

andienen. Wo einer die Karriereleiter

aufsteigt, muss ein anderer sie herabklettern

– zur Veränderung gehören Disruption

und Zerstörung. In diesem Punkt

hat Schumpeter bereist vor 100 Jahren

einen ungeschminkten Blick auf unsere

Ökonomie geworfen. Veränderung kennt

stets Gewinner und Verlierer. Und vor

Letzterem haben viele eine Heiden- >>

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

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Innovation

angst. So sehr das Neue auch fasziniert,

so sehr erzeugt der Verlust des Vertrauten

und angesammelter Erfahrungswerte

Angst. Da flüchten sich viele nur allzu

gern in Illusionen der Vergangenheit –

früher war alles Besser – oder fordern

vom Staat Schutz und Subventionen. Der

Ordnungskraft und Weitsicht der Politiker

traute Joseph Schumpeter übrigens

wenig zu. So soll folgendes Bonmot von

ihm stammen: „Eher legt sich ein Hund

einen Wurstvorrat an als eine demokratische

Regierung eine Budgetreserve.“

Bin ich noch wichtig?

Vielleicht ist die Angst vor der Disruption

deshalb zuallererst die Angst vor dem

eigenen Bedeutungsverlust. Der etablierte

Banker etwa ist das Produkt einer

über lange Zeit gewachsenen Status-

Hierarchie. Hier von einem Start-up in

lässigen Sneakers verdrängt zu werden

ist eine schmerzhafte Erfahrung, vor

der viele sich in die Selbstillusion des

Unverzichtbaren (Banken nennen das

„systemrelevant“) retten. Oder schauen

wir auf die Energiekonzerne: Vattenfall,

EON und RWE haben sich durch ihre

Kultur und Zufriedenheit selbst in die

Krise geritten. Die Trägheit war sicher

auch dem Quasi-Monopol geschuldet.

Sehr spät erst verstand man in den

Konzernzentralen, dass eine Welt, in

der die Menschen selbst anfangen,

Energie zu produzieren, keine zentralen

Kraftwerke mehr braucht, die von

einer Handvoll Ingenieuren gesteuert

werden. Dann tröstete man sich damit,

als Reserve bereitzustehen. Doch wieder

verstanden die Vorstände nicht: Die

Energiewende bezieht ihre Dynamik

nicht aus dem Antrieb mündiger Bürger,

sondern es geht um Klimaschutz

und CO 2

-Reduktion. Und in diesem Konstrukt

sind fossile Kraftwerke – vor allem

Kohlekraftwerke – langfristig nicht

mehr geplant.

Matthias Horx,

Trend- und Zukunftsforscher

Foto: Klaus Vyhnalek / www.vyhnalek.com, www.horx.com

Vom Zukunftsforscher Matthias Horx

wissen wir, dass man Disruption nur

verstehen kann, wenn man die Gesetze

der Evolution anwendet. Und da gibt es

dann tatsächlich Fossile und Saurier,

die sich überlebt haben. Es gibt dafür

andere, deren Stunde nun gekommen

ist. Und es gibt ein paar wenige, die sich

neu erfinden und allem zum Trotz überleben.

Ein Beispiel für Letzteres ist die

Firma IBM, die im Prinzip schon zwei

Mal von den Toten auferstanden ist: Angefangen

hat das Unternehmen 1914

mit der Produktion von Lochkarten.

Später sattelte man auf die Produktion

von Großrechnern - die wurden lange

mit Lochkarten gefüttert – um, und verpasste

dabei in den 80er Jahren fast den

Wechsel zum Personal Computer (PC).

Das ging so lange gut, bis es nicht mehr

ging. 2004 verkaufte IBM mit den Thinkpad-Notebooks

sein Kerngeschäft an die

Chinesen. Seitdem konzentriert man

sich ganz auf Software und Wissensmanagement.

Mit Erfolg: 80 Milliarden Dollar

setzt der Konzern jährlich um.

Vom Koch zum Kellner

Geld, von dem Nokia nur träumen kann.

Auch die Finnen haben sich mehrfach

erfunden, aber die disruptive Innovation

meinte es nicht ganz so gut mit ihnen.

Los ging's mit Holzwirtschaft, Gummistiefeln

und Gummireifen. Ab den 70er

Jahren kam die Telekommunikation hinzu.

Ende der 1990er Jahre genoss Nokia

ein Renommee als Hersteller von hochwertigen

Mobiltelefonen. Der Marktanteil

weltweit lag 2003 bei unglaublichen

35 Prozent. In seiner Euphorie verkaufte

das Management alle Geschäftsbereiche

bis auf die Mobiltelefonsparte. Doch

dann kam das Smartphone. Anders als

IBM verpasste Nokia den Anschluss,

und so begann der Abstieg. Was heute

noch geblieben ist, ist das Geschäft als

Netzwerkausrüster.

34 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Ist Tesla disruptiv?

Wie ist es mit den Produkten, die man

unmittelbar damit verbindet? Das Elektroauto

zum Beispiel gilt als disruptiver

Nachfolger des Verbrennungsmotors.

Aber ist das Disruption? Ist Elon Musk

ein schöpferischer Zerstörer? Wohl eher

nicht, denn eigentlich will Musk auch

nur eins: Möglichst viele Autos verkaufen.

Das unterscheidet ihn keinen Deut

von seinen Konkurrenten in Stuttgart,

Wolfsburg oder in Japan. Der Antrieb

ändert sich, aber sonst nix.

Elektrofahrzeuge sind innovativ und

haben den Energieverbrauch und das

Design traditioneller Autos sicherlich

verbessert. Aber egal, wie viele Leute

Tesla als Disruptor bezeichnen, es ist

keiner. Ryan Moore, Chef der Vertriebsplattform

Peaksales, findet, Elektrofahrzeuge

seien zwar innovativ und

hätten den Energieverbrauch und das

Design traditioneller Autos sicherlich

verbessert. Aber egal, wie viele Leute

Musk als Disruptor bezeichnen, er ist

keiner. „Tesla ist nicht in einem niedrigen

oder nicht existierenden Marktsegment

eingestiegen. Er richtet sich an

Kunden im oberen Marktsegment, die

von den etablierten Autoherstellern immer

noch sehr begehrt sind. Außerdem

machen die hohen Preise Tesla nicht

gerade für die Übersehenen und Unterbezahlten

zugänglich.“

Einer der größten Zerstörer, wenn man

denn so will, ist Karlheinz Brandenburg.

Der Erlanger entwickelte mit Kollegen

ab 1982 am Fraunhofer-Institut

für Integrierte Schaltungen (IIS) ein

Verfahren zur Audiodatenkompression.

Klingt sperrig, echt wissenschaftlich

und wenig aufregend. Ihre Idee war es,

Tonsignale so zu kodieren, dass sie für

das menschliche Gehör noch genauso

klingen wie das Original. Als Namen

Karlheinz Brandenburg,

Entwickler der mp3

Foto: Christliches Medienmagazin pro / Kreuzschnabel /

commons.wikimedia.org / CC Attribution 3.0 Unported /

schwarz-weiß

dafür wählten sie schlicht die Dateinamenserweiterung:

mp3. Wahrscheinlich

hat damals in Erlangen keiner auch

nur ansatzweise die Potenziale erkannt.

In den 90er Jahren sorgte mp3 für den

Siegeszug der CDs und dann ein paar

Jahre weiter für den Durchmarsch der

Streamingdienste: Ob Netflix, Amazon,

Spotify oder Apple Music, Karlheinz

Brandenburgs Verfahren zur Datenkompression

bildet für alle die Grundlage.

Einen wichtigen Beitrag leistete

indirekt auch die Sängerin Suzanne

Vega, deren Musik Brandenburg im

Ohr hatte. Während der Entwicklungsphase

von mp3 diente insbesondere ihr

Song „Tom's Diner“ als Grundlage, um

die Sprachqualität zu optimieren.

The next big thing?

Künstliche Intelligenz (KI) ist die disruptivste

Technologie der heutigen Zeit

und verfügt über immense Macht und

Fähigkeiten, um Unternehmen an eine

andere Grenze zu bringen. Die Technologie

ist nicht nur in der Lage, Sci-Fi in

die Realität umzusetzen, sondern auch

einen Meilenstein im Zeitalter der Analytik

zu setzen. Das Start-up Ople beispielsweise

hat eine einfach zu bedienende

KI-Plattform entwickelt, welche

in kürzester Zeit sehr präzise Projektionen

liefert. „Was wäre wenn“-Szenarien

beschleunigen die Zeit bis zur

Wertschöpfung und ermöglichen es

Unternehmen, produktionsreife KI-Modelle

in Minuten statt in Monaten zu

erstellen.

Ein anderer Hoffnungsträger aus dem

Silicon Valley heißt Rosoka Software.

Diese beschäftigt sich mit Techniken

und Methoden zur Veränderung psychischer

Abläufe im Menschen, dem

sogenannten Neuro-Linguistischen

Programmieren (NLP). Bis zur Entwicklung

von Rosoka war NLP so >>

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

35


Innovation

ziemlich die Domäne der Supercomputer

oder der massiv parallelen Verarbeitung.

Rosoka erzielt die gleichen

Extraktionsergebnisse mit viel geringerem

Aufwand. Das hat für Spracherkennungsprogramme

eine fundamentale

Bedeutung. Während Siri, Cortana und

Alexa alle Daten zur Verarbeitung an

das Rechenzentrum zurückschicken,

erlaubt Rosoka eine Lösung vor Ort. Allein

die Auswirkungen auf den Datenschutz

sind enorm. Gregory Roberts,

Gründer von Rosoka findet: „Es sind

Ihre Daten, wollen Sie sie wirklich an

eine dritte Partei und zurück zur Verarbeitung

schicken?“

Attacke auf allen Kanälen

Sven Hellmann, Senior Partner bei der

Beratungsgesellschaft Cassini meint:

„Ein einzelnes Geschäftsmodell kopieren

kann schließlich jeder. Durch kluge

Kombination jedoch könnte der Angriff

auf die Konkurrenz gleich auf mehreren

Ebenen stattfinden.“ Deshalb, so sein

Credo, gehört die Zukunft sogenannten

hyper-disruptiven Unternehmen, die

Märkte kombiniert attackieren. Dazu

verbinden sie mehrere bereits erfolgreiche

und oftmals digitale Geschäftsmodelle.

Dadurch würden sich die Hebel,

Geld zu verdienen, multiplizieren.

Wie kann das aussehen? Die ultimative

Stufe der Hyper-Disruption lebt uns

Apple vor. Der Konzern erzeugt bei

vielen seiner Kunden eine umgedrehte

Abhängigkeit. Hellmann: „Physisch

und psychisch kann man dem allumfassenden

Ökosystem aus begehrenswerter

Marke, hippen Geräten und dem

Hypermarkt an attraktiven E-Shops,

App-Store-Angeboten und Services

kaum noch entrinnen. Die Kombination

der Geschäftsmodelle führt schließlich

zum Perpetuum mobile der Milliardengewinne.“

f

Gregory Roberts,

Gründer von Rosoka

Foto: Gregory Roberts / medium.com

Die

Madman-Theorie

Ist die Politik von Donald Trump

eigentlich destruktiv oder

disruptiv? Diese Frage stellen sich

nicht nur die Menschen in den

USA. In Europa weitverbreitet ist

die Ansicht, dass Trump vor allem

Bestehendes wie etwa die transatlantische

Freundschaft zerstört.

In Amerika sehen einige darin

durchaus eine disruptive Chance.

Etwa der Paypal-Mitbegründer,

Großinvestor und Philosoph Peter

Thiel. Er findet in einem NZZ-Interview

lobende Worte für den Mann

im Weißen Haus: „Ich bin längst

nicht in allem seiner Meinung, aber

er benennt Probleme und packt sie

an.“ Dabei setze Trump auf Mittel

der sogenannten Madman-Theorie.

Diese stammt vom US-Präsidenten

Richard Nixon, den seine Parteifreunde

„Tricky Dicky“ nannten.

Während des Vietnamkriegs entwarf

er mit Außenminister Henry

Kissinger die List, dass der Präsident

unzurechnungsfähig und zu

irrationalen Handlungen imstande

sei. Nixon sagte intern: „I call it the

Madman Theory, Bob. I want the

North Vietnamese to believe I've

reached the point where I might do

anything to stop the war.“ Tagelang

ließen Nixon und Kissinger deshalb

atomar bestückte Kampfflugzeuge

nahe am russischen Luftraum fliegen.

Mit Erfolg. In Moskau wuchsen

die Sorgen vor dem Verrückten

im Weißen Haus, und man drängte

die Führung in Nordvietnam zu

Gesprächen einzulenken.

36 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Advertorial

Nähere Informationen finden Sie unter:

www.dyson.de/haendetrockner.aspx

Können Waschräume

hygienisch und umweltfreundlich

zugleich sein?

Nachhaltige und papierlose Waschräume

sind ein wichtiger Schritt in die Zukunft.

Doch natürlich gilt es, als erstes

an die Waschraumhygiene zu denken.

Dyson hat hierfür die passenden Lösungen:

die verschiedenen Dyson Airblade

Händetrocknermodelle, die für die

unterschiedlichsten Waschraumanforderungen

konzipiert sind. Eines haben sie

jedoch gemeinsam: den vliesbeschichteten

Glasfaser-HEPA-Filter (H13), der für

eine gereinigte Luft sorgt, die die Hände

schnell und hygienisch trocknet.

Dyson Airblade TM Händetrockner

sind besser für die Umwelt

Papierhandtücher haben große Auswirkungen

auf die Umwelt. Für die Papiertuchproduktion

werden Bäume gefällt,

große Mengen an Wasser und Energie

verbraucht sowie Chemikalien wie

Chlor und Schwefeldioxid eingesetzt.

Der spätere Papierabfall, der weltweit in

Waschräumen anfällt, ist enorm.

Dyson Airblade TM Händetrockner können

den ökologischen Fußabdruck hingegen

verbessern, denn sie erzeugen bis

zu 85 Prozent weniger CO 2

als Papierhandtücher

(siehe Infokasten). Der Papierabfall

entfällt hierbei komplett.

Die schnellste Art, Hände hygienisch

zu trocknen

Dyson Airblade TM Händetrockner sind

serienmäßig mit HEPA-Filtern ausgestattet,

die 99,95 Prozent aller Partikel

in Bakteriengröße – erfasst wurden Elemente

ab einer Größe von einem Mikron

– aus der Luft entfernen, wie Tests nach

der Norm EN 1822 ergaben. So werden

die Hände mit sauberer, gefilterter Luft

getrocknet.

1. Die Umweltauswirkungen von

Elektrogeräten und

Papierhandtüchern wurden vom

Carbon Trust gemessen. Die

Berechnungen wurden mit der

Software Footprint Expert Pro

auf Grundlage einer Produktnutzung

über fünf Jahre und mit

gewichteten Durchschnitten der

einzelnen Einsatzländer erstellt.

Die Trocknungszeiten wurden

mithilfe der Dyson Testmethode

769 getestet.

2. Für die Berechnung der möglichen

Einsparungen wird ein

durchschnittlicher Strompreis

von 0,1 Euro pro Kilowattstunde

zum Stand vom 1. Dezember

2018 zugrundegelegt. Die

Berechnungsgrundlagen werden

auf der Internetseite

www.dyson.de/calcs erläutert.

Die Bedienung der Geräte erfolgt dabei

berührungslos: für eine optimale Hygiene

beim Trocknen der Hände. Zwei 690

Kilometer pro Stunde schnelle Luftströme

streifen das Wasser von den Händen

ab und sorgen für eine schnelle Trocknungszeit

innerhalb von zehn bis 14

Sekunden.

Positiver Nebeneffekt: weniger

Aufwand und geringere Kosten im

Betrieb

Die Dyson Airblade Händetrockner

sind wartungsfrei und nicht mit zusätzlichem

Aufwand verbunden. Bereiche

wie Beschaffung, Lagerung, Wiederauffüllen

und Entsorgung entfallen, sodass

das Personal Zeit sparen kann. Personalausfall

oder mögliche Lieferengpässe

tangieren somit den Betrieb von

Waschräumen nicht. Des Weiteren können

die Dyson Airblade TM Händetrockner

bis zu 99 Prozent der Betriebskosten

im Vergleich zu Papierhandtüchern einsparen

(siehe Infokasten).

Zufriedene Kunden sind der beste

Beweis

Nach den ersten Monaten der Nutzung

stellt der stellvertretende Ausstellungskoordinator

Marcel Rathman fest:

„Mit der kurzen Trocknungszeit können

wir Energie einsparen. Auch die Warteschlangen

sind verschwunden, und die

Waschräume sehen jetzt sehr viel sauberer

aus. Die Besucher sind begeistert

von Hightech pur.“ f

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

37


Innovation

Kooperationen

mit Gewinnchancen

Von Gerd Pfitzenmaier

Wenn Start-ups und

etablierte Unternehmen

zusammenarbeiten,

prallen Welten

aufeinander. Experten

aber entdecken darin

auch Möglichkeiten.

38 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Foto: g-stockstudio / iStockphoto.com

„Doch“,

sagt Kevin Kuhn. Es stimme

durchaus. Er kenne Startups,

in denen eine Tischtennisplatte

im Büro steht. Manchmal auch ein Kickertisch, und

auf den Arbeitsplatten darf die Schale mit Frisch-Obst ebenso

wenig fehlen wie im Kühlschrank hippe Szenedrinks. „Das ist

nicht nur ein Klischee“, bestätigt der Mitgründer der EcoToiletten

GmbH aus Rudersdorf in Brandenburg, „das ist Teil der

Identität in der Szene.“

Mit seinem eigenen Start-up stellt Kuhn seit 2013 Kompost-WCs

bei Veranstaltungen auf, will damit dazu beitragen, irgendwann

pro Jahr und Mensch 16.000 Liter Trinkwasser sauber

zu halten und fruchtbaren Humus statt giftigen Klärschlamm

aus den etwa 50 Kilogramm Feststoffen und 440 Litern

Urin zu erzeugen, die jeder Mensch pro Jahr ausscheidet.

Seine unternehmerische Vision: Allen fast zweieinhalb Milliarden

Menschen auf der Erde, die bis dato noch keinen Zugang

zu Sanitäranlagen haben, endlich ein stilles Örtchen bieten zu

können.

Inzwischen verhandelt Kuhn zumindest schon einmal mit

ersten Großkunden wie der Deutschen Bahn oder den Berliner

Verkehrsbetrieben. Er will mit seinen Toiletten auch den

Kundenservice der Mobilitätskonzerne aufpolieren. Der Jungunternehmer

hat erkannt, dass das Geschäft mit Bigplayern

lukrativer sein wird als der tägliche Kampf um Klein-Abnehmer.

„Die Zahlen forderten ein Umdenken“, erzählt er. Also

saßen Gründer und Team zusammen, diskutierten die Lage,

beschlossen ein verändertes Businesskonzept – und setzten es

um.

Das war typisch für Start-ups. Auch Claudio Vietta kennt die

Situation. Auch er musste mit seinem Start-up Leef, das Einweggeschirr

aus nachwachsenden Rohstoffen produziert, erkennen,

dass seine Ursprungsidee nicht trug. Binnen sechs

Monaten krempelte er mit seinen Mitgründern und einigen

Mitarbeitern den Laden um. Heute floriert das Geschäft. „Das

geht vor allem, weil wir näher an unseren Kunden sind als Mitarbeiter

großer Konzernstrukturen“, verrät er das Geheimnis:

„Beschlossen, gemacht!“ Die Geschwindigkeit, mit der Jungunternehmen

auf geänderte Vorzeichen im Markt reagieren,

übertrumpft die Reaktionsmöglichkeit alteingessener Firmen.

Bei einer Messe in Südamerika erkannte Vietta das Potenzial

seines Einweggeschirrs aus Blättern. Binnen eines Halbjahrs

baute er den neuen Vertriebskanal inklusive Büro und Angestellten

vor Ort auf dem anderen Kontinent auf. „In einem

großen Laden wäre sowas nicht vorstellbar“, meint er. Zu viele

Abstimmungen und zu viele Mitentscheider zerreden dort oft

noch immer wichtige und richtige Lösungen. In Großbetrieben

ist solch rasches Umsteuern kaum denkbar, dort reden zu >>

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

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Innovation

Foto: PeopleImages / iStockphoto.com

viele Hierarchieebenen mit. „Mit Controller-Denke

klappt das nie“, sagt Claudio

Vietta.

In der zu so etwas wie einem Hauptstadtbüro

umgewidmeten Altbauwohnung im

Hinterhaus am Prenzlauer Berg in Berlin

sitzen Kevin Kuhn und ein Kollege

derweil am Küchentisch, bearbeiten an

ihren Laptops Dokumente und fischen

in einer Holzschale nach Keksen. Knabbern

verschönert auch dem Team der

Ökoklosettanbieter das Tagwerk. Solch

eher zwangloses Ambiente gilt als Markenzeichen

der Szene. Sie wirbt für sich

mit „flachen Hierarchien“, setzt auf Entscheidungsfindungen

im Kollektiv und

gründet ihre Geschäftsmodelle auf Digitalprozesse.

Hier sind, was natürlich

auch eine Generationenfrage ist, grundsätzlich

alle per Du – selbst mit den

Chefs. Und alle suchen sie eine „Arbeit

mit Sinn“. Dafür rackern sie schon einmal

über die Maßen, fragen nicht nach

Mindestlöhnen. Als – wie im Frühjahr

2020 geschehen – in New York beim

Szene-Finanzportal Kickstarter, auf dem

auch viele deutsche Start-ups Startkapital

zu finden hoffen, die Belegschaft sich

erdreistete, einen Betriebsrat zu fordern,

schlugen die Wellen hoch. Deutschen

Tageszeitungen war das eine News wert.

„Bällebad und Kickertisch waren gestern“,

schrieb etwa die Berliner taz, „was

aussehen wollte wie eine individuelle

Überwindung des kapitalistischen Gegensatzes

zwischen Kapital und Arbeit,

ist inzwischen in der Realität klassischer

Ausbeutung angekommen.“

Die Mehrheitsgesellschaft hat also

längst das Paradies okkupiert: Oben gut

dotierte Manager und unten Malocher

in Sweatshops. Plötzlich erinnern sich

auch andere, die aufgebrochen waren,

im Land der Start-ups die bessere Art

des Arbeitens zu finden, an Schreckliches:

Die Gründerszene stelle sich gerne

als „effizient, mitarbeiterfreundlich und

offen dar“, hatte 2017 der Tagesspiegel

40 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

berichtet. Hinter dem schönen Versprechen

fanden die Journalisten dann aber

„Ausbeutung und absichtlich unterentwickelte

Produkte am Rande der Legalität“.

Ganz anders die reine Idee: Authentizität,

Charakter, Agilität und Leidenschaft

– die Schlagworte kennzeichnen Startups

als Kraftquell der Wirtschaft. Inspirationsbuden,

in denen Kreative neue

Verfahren, Produkte und Dienstleistungen

kreieren, haben längst den Nimbus

des Exotischen oder gar des Singulären

abgestreift: Weil immer wieder geniale

Ideengeber durchstarten und mit den

finanziellen Spritzen von Investoren

ein florierendes Business stemmen, das

mitunter binnen kurzer Zeit sogar den

Status von millionenschweren, so genannten

„Einhörnern“ erreicht, werden

Start-ups und deren Gründer inzwischen

längst auch von Ökonomen in etablierten

Unternehmen ernst genommen. Sie

werden sogar regelrecht umgarnt oder

gelockt. Dickschiffe der deutschen Wirtschaft,

die jahrelang darauf vertrauten,

dass die Dynamik ihres Dampfers die

Spur auch durch höhere Wogen schon

halten werde, erhoffen sich nun von den

Start-ups Mumm für ihre Muskeln und

Schwung für die eigenen Strukturen.

Sie setzen beim Blick in die Zukunft

nur noch selten ausschließlich auf eigene

Forschung und Entwicklung. Sie

erhoffen sich vielmehr von der Kooperation

mit outgesourcten Kreativen den

Schwung, der das schlingernde Geschäft

wieder auf Kurs bringt. Nicht selten

spielt dabei deren Nähe zum universitären

Umfeld, in dem sie ihre Fähigkeiten

lernten und erprobten, eine entscheidende

Rolle. Sie ist der Trigger dieser Partnerschaften.

Und durchaus auch neues

Wissen – etwa im Digitalen, wo Junge

den Erfahrenen oft einfach voraus sind.

Auch für Start-up-Gründer gibt es Gründe,

die Nähe zu etablierten und kapitalstarken

Unternehmen zu suchen.

71 Prozent der Neu-Chefs aus der

IT-Szene können sich die Übernahme

durch ein größeres Unternehmen vorstellen,

behauptet das Zukunftsinstitut

in seinem 2017 publizierten Leadership-Report.

Für Biotech- wie Fintech-

Start-ups gelten ähnliche Werte. Motto:

Neues schaffen und Exit. Mit der Strategie

winkt rasch gutes Geld. Darauf arbeiten

viele der Gründer hin – auch wenn

ein solcher Plan einer neuen und sozialeren

Arbeitswelt diametral entgegen

steht und die Denke eher aus der frühkapitalistischen

Zeit stammen dürfte.

Spätestens seit am 4. April 1975 in Albuquerque

(New Mexico) die US-Jungs

Bill Gates und Paul Allen ihre Softwarefirma

Microsoft in ihrer heute berühmt

gewordenen Garage gründeten, gelten

solch dynamische Business-Cracks als

Hoffnungsträger verkrusteter Unternehmenskulturen.

Produkte oder Dienstleistungen,

die weitere Märkte erschließen

und so die Existenz in der Zukunft

sichern helfen, erwarten sich viele gestandene

Chefs zurzeit eher von Startups

und ihren agilen Gründern als wie

ehedem von eigenen Ingenieuren und

Buchhaltern.

„Hier werden Utopien real“, erklärt Markus

Sauerhammer das Phänomen. Der

Vorstand des Social Entrepreneurship

Netzwerk Deutschland (SEND), einem

Verein unter dem Dach des Bundesverbands

Deutsche Start-ups, empfängt –

„Bällebad und

Kickertisch waren

gestern.“

ganz dem Image der Szene gehorchend

– Gesprächspartner in einem Kreuzberger

Café. Sauerhammer klappt den

Laptop zu, vor dem er inmitten anderer

Menschen sitzt und gewartet hat. Die

Geräuschkulisse aus Geklapper von

Cappuccinotassen und Geplapper anderer

Gäste stört seine Hymne auf die

Start-ups wenig. Sauerhammer wirkt

nicht nur wie, er ist ein Überzeugungstäter:

„In Umbruchzeiten braucht es

Gestaltungsräume“, quillt der gelernte

Landwirt, studierte Ökonom und nach

Jahren der Begleitung vieler Start-ups

zu deren Funktionär mutierte Lobbyist

über: „Veränderungen erreichen wir

nicht nur mit Reden, das reicht nicht

mehr. Wir müssen handeln.“ Start-ups

dürften nicht das alte System replizieren,

sie stünden vielmehr für Neues.

„Damit haben wir die Chance, auf friedliche

Weise den Umbruch zu gestalten.“

Disruption heißt sein Schlüsselwort, an

das er und die Szene fest glauben. Sie

wollen die Welt aus den Angeln heben.

Vielen Gründern gelang genau dies. Inzwischen

florierende Unternehmen wie

N26, Flixbus, Zalando, CureVac, Blabla-

Car, Hellofresh oder Delivero sind dafür

nur einige der bekannten Belege. Geholfen

hat dabei oft der virtuelle Austausch

in der Datenwelt des Digitalen. Das

verschlankt Prozesse, verkürzt Wege

zwischen Anbietern und Kunden, spart

damit Zeit und meist Geld. Solche Konzepte

begeistern Investoren. Dafür >>

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

41


Innovation

bieten sie Milliarden für den Aufbau der

Neuunternehmen.

Wirtschaft wird salonfähig – oder sogar

zur TV-Unterhaltung. Die Höhle der

Löwen begeistert Millionen Fernsehzuschauer

zur Primetime für ein Thema,

das noch vor wenigen Jahren der

Berliner Wirtschaftsprofessor Günter

Faltin – selbst erfolgreicher Initiator von

Unternehmen wie der Teekampagne –

als „völlig unterbelichtet“ einstufte.

Faltin machte in Deutschland eine ablehnende

Grundhaltung der Menschen

gegenüber allem Ökonomischen dafür

verantwortlich und sprach vielen ab, die

Zusammenhänge der Märkte zu verstehen

– weil Schulen und Lehrer versäumt

hätten, es ihren Pennälern zu erklären.

Bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt

(DBU) begleitet auch Jörg Lefèvre

seit 1992 etwa 100 Technologie-Entwicklungsprojekte

pro Jahr. Er schöpft

also aus einem reichen Fundus an Erfahrungen,

wenn er über Start-ups Auskunft

gibt. „Seit mehr als 5 Jahren befasse

ich mich systematischer mit dem

Gründungsumfeld“, sagt er. Etliche der

von ihm betreuten Projekte befassten

sich mit der Gründungsumfeldanalyse

oder mit den Interdependenzen zu Nachhaltigkeit

und Digitalisierung. Lefèvre

ist Spezialist im Themenfeld. 2019 legte

er mit einem Team der DBU eine Förderinitiative

auf – im „Green-Start-up Sonderprogramm“

prüfte er inzwischen 130

Anträge auf Förderung.

Der Experte sieht immer wieder, wie

gute Ideen in etablierten Unternehmen

einfach „versanden“: weil Arbeitsroutinen

sich als „Innovationskiller“ entpuppen,

wie er glaubt. „F&E-Projekte

scheitern daran, dass zwar oft das notwendige

Know-how in Firmen da, aber

Fachpersonal nicht verfügbar ist.“

Die Lage spitze sich noch weiter zu,

weil etwa „mehr als 10.000 umwelttechnische

Unternehmen zurzeit keine

Perspektive für den anstehenden Generationenwechsel

haben“. Das biologische

Alter solcher von ihm als „Silberrücken“

titulierten Firmenlenker gehe

laut DBU-Spezialist Lefèvre „oft analog

Goldgräberstimmung

am Gründermarkt

mit einem Alterungsprozess in Produktportfolios

oder Produktionsverfahren“

einher. Die Dynamik der Digitalisierung

verstärke den Prozess. Die Schere klafft

also immer weiter auseinander. Der Experte

der DBU weiß aber, dass solche

Unternehmer über „Eigenkapital, Markterfahrung,

Netzwerke, Marktzugänge“

verfügten.

Darin sieht Lefèvre nun die große

Chance für die Zusammenarbeit von

Start-ups mit etablierten Playern der

Wirtschaft. Hier liege der Schlüssel zur

Kooperation zwischen jungen Gründern

mit ihren zeitgemäßen Lösungsansätzen.

Dies treibe eine neue Gründungsdynamik,

glaubt der Experte,

und lege den Schalter um. Statt arbeitsmarktbedingten

„Notgründungen“, die

laut seiner Erkenntnis rückläufig seien,

„sind ‚Chancengründungen‘ auf dem

Vormarsch“.

Goldgräberstimmung am Gründermarkt:

Per Definition sind die Gründerinnen

und Gründer meist jung.

Ihr Start-up ist ein digitalgetriebenes

Neubusiness, dessen Geschäftsmodell

rasch skalierbar ist. Start-ups also

sind auf rasches Wachstum ausgelegt.

Das bringt zumindest jene, deren Mitarbeiter

auf mehr Sinn in ihrer Arbeit

hofften, durchaus in Bedrängnis. Hier

kollidiert der Anspruch auf rasches Firmenwachstum

– meist um Investoren einen

rentablen Ausstieg zu sichern – mit

der Erkenntnis, dass ökologisches Wirtschaften

auch mit weniger Wachstum zu

vereinbaren sei.

Anspruch und Wirklichkeit. Auch wenn

laut Szene-Funktionär Markus Sauerhammer

rund 90 Prozent der Start-ups

scheitern, viele Gründer mehrere Anläufe

nehmen und andere zumindest

ihr Geschäftsmodell mindestens einmal

korrigieren: Das Konzept der jungen

Firmengründer scheint zu funktionieren.

In Deutschlands Start-up-Metropole

Berlin sind laut der jüngsten Erhebung

der grünen Wirtschaftssenatorin Ramona

Pop Anfang 2020 gut 3.000 Start-ups

im Tech- und Digitalbereich am Start.

78.000 Menschen fanden im Segment

einen Job, in den zwei jüngsten Jahren

schuf die Szene 19.000 neue Arbeitsplätze,

die meisten in kleineren Firmen,

etwa 30 Prozent aber auch in Betrieben

mit mehr als 150 Mitarbeitern.

Dennoch: Die Unterschiede in Deutschland

variieren heftig. Während die drei

Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen

laut einer Auswertung des Analysedienstes

Start-updetector mit 1,6 Prozent

Start-ups an allen Unternehmensgründungen

in Deutschland die Nasen vorn

haben, dominieren unter den Flächenländern

Bayern, Nordrhein-Westfalen,

Baden-Württemberg und Hessen. Dort

42 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

siedeln sich Start-ups vornehmlich in

den Branchen Software, Medizin, Lebensmittel

und Hardware an.

Nach einer Statistik der KfW-Bankengruppe

waren an den zusammen im Jahr

2018 gegründeten rund 70.000 Startups

129.000 Gründerinnen und Gründer

beteiligt. Auf jedes Unternehmen

kamen damit rein rechnerisch 1,8 Initiatoren.

Die sammeln immer mehr Startkapital

bei Investoren. Laut einer Studie

der Beratungsgesellschaft EY akquirierten

Start-ups in Deutschland 2019 mit

6,2 Milliarden Euro 36 Prozent mehr als

im Jahr zuvor. Ein Zeichen, dass immer

mehr etablierte Kapitalgeber den Nachwuchsunternehmern

vertrauen. Die versprechen,

dieses Kapital zu mehren.

Diese beiden Welten – hier junge Ideen,

dort etablierte und kapitalstarke

Strukturen – will Jörg Lefèvre versöhnen.

Er sieht eine „kluge mikro- sowie

makroökonomische Strategie darin,

etablierte Unternehmen mit Marktzugang

und ‚Branchenwahrnehmung‘

mit Nachwuchsunternehmen so miteinander

in Kontakt zu bringen, dass

dabei Mehrwerte entstehen“. Die allzu

harsche Kritik an der Wachstumsphilosophie

der Start-ups teilt er nicht ganz.

„Selbstverständlich kann das billige

Abschöpfen von Know-how (so etwas

gibt es durchaus in manchen geförderten

Verbundforschungsprojekten) kein

befriedigendes Kooperationsergebnis

sein“, räumt er zwar ein. Für die Skalierung

junger Geschäftsmodelle im

Sinne einer „positiven“ Disruption statt

sukzessiver Substitution könne jedoch

der gut organisierte Kontakt zwischen

den beiden „Welten“ zur Win-win-Situation

werden. Sein ausgleichendes Fazit

zum Kontakt zwischen Start-ups und

etablierten Unternehmen: „Auch bei

engeren Kooperationen, wo dann Markt

und Kapital sich mit Innovation und

Zeithorizont verbinden, ist sehr viel zu

gewinnen.“ f

Foto: PeopleImages / iStockphoto.com

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

43


Innovation

Große Pläne!

Visionäre, Fantasten und Erfinder

Große Erfindungen sind immer

untrennbar verbunden mit

den Menschen, die sie gemacht

haben. Aber was zeichnet

Erfinder aus? Vor allem, dass sie ein

Problem erkennen und sich nicht damit

abfinden, sondern eine kreative Lösung

suchen und finden. Damit die nicht von

anderen einfach kopiert wird, gibt es

Patentämter. Besonders fleißig in der

Patentanmeldung ist übrigens der 1958

in Australien geborene Kia Silverbrook.

Er bringt es auf über 9.000 Patent-Anträge.

Wie? Sie haben noch nie von ihm

gehört? Schon möglich – und das bringt

uns auf ein weiteres Problem vieler Erfinder:

Nicht jedem bringt seine Erfindung

auch Anerkennung, geschweige

denn Wohlstand. Richard Vetter zum

Beispiel ist ein vor einigen Jahren gestorbener

Erfinder aus Peine. Von ihm

stammt der erste Voll-Brennwertkessel

(„Vetter-Ofen“) – super umweltfreundlich,

hochgelobt (1987 erhielt er den

Umweltschutzpreis) und doch erfolglos.

TÜV & Schornsteinfeger wollten sich

nicht vorstellen können, dass es auch

anders geht. „Das haben wir schließlich

schon immer so gemacht“. Funktionale

Fixiertheit nennt das der Psychologe.

Reden wir also lieber über die Helden,

wie etwa Thomas Alva Edison, Werner

von Siemens oder Robert Bosch.

Alle drei waren nicht nur überaus erfolgreiche

Erfinder, sondern auch geschäftstüchtige

Unternehmer: Der eine

gründete General Electric, die anderen

beiden benannten die Firma nach sich

selbst. Ihre Erfindungen waren nicht

bloß pfiffig, sondern trafen den Nerv

der Zeit, und so wurden sie Vorreiter

der wichtigsten Industriebranchen des

20. und wohl auch 21. Jahrhunderts:

Energieversorgung, Kommunikation

und Mobilität.

Welche Erfindertypen

gibt es? Wir

hätten uns dem

Thema sachlich

nähern und

Persönlichkeitstests

anwenden

können – Big Five,

Myers-Briggs-

Typenindikator,

HEXACO Modell

usw... Personaler

wissen, worüber

wir reden. Letztendlich

führt uns

das zu weit weg

vom Innovationsthema,

daher

präsentieren wir

Ihnen hier eher eine

launige Typologie:

Der Tüftler

Der Tüftler ist jemand, der mit viel Geduld und Ausdauer so lange an einem

Detail arbeitet, bis es (wieder) funktionsfähig ist. Berühmtes Beispiel ist

Daniel Düsentrieb. Er erblickte 1952 auf dem Zeichenbrett von Carl Barks

das Licht der Welt. Daniel Düsentriebs Wahlspruch in den deutschen

Ausgaben lautet „Dem Ingenör ist nichts zu schwör“ und macht ihn damit

zum Verwandten des deutschen Ingenieurtums. Sein Originalname Gyro

Gearloose ist aber eher eine Anspielung auf „to have a screw loose“

(dt. „eine Schraube locker haben“).

Foto: robotcity / stock.adobe.com

44 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Foto: Aerostat_18th_1853_www.neo-cortex.fr / stock.adobe.com

Der

Visionär

Visionäre sind

vor allem eins:

hoffnungslose

Idealisten.

Die Welt steckt

voller aufregender

Möglichkeiten. Oder

wie der amerikanische

Philosoph und

Bürgerrechtler Howard

Thurman sagte: „Frag

nicht, was die Welt

braucht. Frag, was

dich mit Leben erfüllt,

und tu das. Denn

was die Welt braucht

sind Menschen, die ihre

Bestimmung gefunden

haben.“

Foto: J.M. / stock.adobe.com

Der Macher

Erfinder scheitern

immer wieder daran,

dass die Idee stimmt,

aber nicht die

Vermarktung.

Das kann man

mit Sicherheit

nicht über Steve

Jobs sagen. Er

war nicht bloß

Mitbegründer von

Apple und ihr langjähriger CEO. Jobs war

vielmehr Markenbotschafter und Markenbotschaft in einem.

Steve Jobs war Apple. Als Mensch war Steve Jobs,

sagen wir es so: schwierig. Kollegen fürchteten seine

arrogante und kaltherzige Art. Geschäftspartner bewunderten

seine Fähigkeit, das Potenzial hinter einer Idee zu

erkennen. „Verlassen. Ausgewählt. Besonders.“ Mit diesen

Worten hat sein Biograf Walter Isaacson ihn treffend

charakterisiert.

Foto: AA+W / stock.adobe.com

Der „deutsche

Ingenieursgeist“

Wann immer von „Made in Germany“

die Rede ist, wird der deutsche

Ingenieursgeist beschworen. Der

Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser

sagt, dieser Mix aus Technik

und Wissenschaft sei ein Produkt

der „Forschungsuniversität“. Dieses

Uni-Konzept entstand zu Beginn des

19. Jahrhunderts auf Betreiben

Preußens. Die Idee: Hochschulen

forschen wirtschaftsnah, und die

Wirtschaft fördert ihrerseits solche

Lehrstühle (Stichwort: Stiftungsprofessur).

Überraschenderweise zündete

die Idee im Stammland Preußen eher

weniger. Dafür umso besser in einer

weit entfernten Provinz: Dem

Schwabenland.

>>

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

45


Innovation

Das erkannte Genie

Der Universalgelehrte (genius universalis) ist das Ideal

der Wissenschaft seit den Tagen der Antike. Er beschert

uns nicht nur geniale Ideen, sondern vor allem den „Blick

über den Tellerrand“, weil die Person auf verschiedenen

Wissensgebieten außergewöhnliche Leistungen

vollbringt. Solche Typen sind naturgemäß selten und

strahlen über alle Zeiten hinweg: Der Altägypter Imhotep,

der Grieche Aristoteles, der Perser Ibn Sina, der Deutsche

Alexander von Humboldt und natürlich und immer wieder

an erste Stelle genannt

der aus Italien

stammende

Leonardo

da Vinci.

Foto: euthymia / stock.adobe.com

Das verkannte Genie

Es ist nicht

jedem

vergönnt, zu

Lebzeiten

die Anerkennung

zu

bekommen,

die er oder

sie verdient

hätte. Der

Autor habe

„schlicht

einen Dachschaden“,

und das

Buch sei eine

„schlampig

hergestellte

Mixtur“, bescheinigten

zum Beispiel

Kritiker einem damals 33 Jahre jungen Autor, den das

so mitnahm, dass er für zwei Jahrzehnte das Schreiben

sein ließ und seinen Lebensunterhalt als Zollinspektor in

New York verdiente. Sein Name: Herman Melville. Das

Buch heißt „Moby Dick“.

Foto: ratpack223 / stock.adobe.com

Der Perfektionist

Im Beliebtheitsranking ähnlich schlecht

schneidet auch dieser Kandidat ab:

Ferdinand Piëch. Geboren wurde er in

eine Familie mit „Benzin im Blut“. Sein

Großvater Ferdinand Porsche baute den

ersten VW-Käfer und begründete den

Volkwagenkonzern. Sein Onkel Ferry

Porsche stand auf schnellere Modelle

und gründete die Automarke Porsche.

Piëch wurde von Kindesbeinen an

zum Autoerben erzogen: Maschinenbau-Studium

und Ingenieursabschluss,

Entwicklungsabteilung bei Porsche,

Technikvorstand bei Audi, schließlich

dann Vorstandsvorsitzender und später

Aufsichtsratschef der Volkswagen AG.

Piëch galt zeitlebens als „Herr der

Ventile und Zylinder“ – mit Akribie und harter Hand machte er aus Volkswagen einen der größten Autokonzerne der Welt. Sein

Biograf Wolfgang Fürweger sagte über ihn: „Piëch ist kein harmoniebedürftiger Mensch“.

Foto: franz12 / stock.adobe.com

46 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Foto: Otto-Lilienthal-Museum, Originalfoto:Ottomar Anschütz, 1893

Das gescheiterte Genie

Scheitern gehört zum Schaffen. Die wahre

Größe liegt in der Art, wie man damit umgeht

und den Mut aufbringt, immer wieder aufzustehen.

So gesehen war der Mecklenburger

Otto Lilienthal (1848-1896) ein sehr mutiger

Mann. Trotz ungezählter Rückschläge ließ

er sich nicht von seinem Traum vom Fliegen

abbringen. Schon als kleiner Junge schnallte

er sich Bretter an die Arme, rannte auf

einen Abhang zu, und... naja, man kann sich

denken, wie die Geschichte endete. Otto

Lilienthals Fiaskos waren so bekannt, dass

seine Flugversuche stets eine große Schar

an Schaulustigen anzogen. Am 9. August

1896 stürzte er in Berlin vor den Augen des

Publikums aus 15 Metern Höhe ab und zog

sich dabei schwere Verletzungen zu, denen

er Tage später erlag. Auf dem Sterbebett

soll er lapidar gesagt haben: „Opfer müssen gebracht werden“. Zu seiner Zeit ein Spinner, leistete Otto Lilienthal mit seinen

(Fehl)-Versuchen dennoch wichtige Vorarbeiten für die Aerodynamik und gilt heute als einer der Pioniere der Luftfahrt.

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis Design prämiert ab sofort

vorbildliche Beispiele nachhaltiger Gestaltung: etablierte Ikonen,

aktuelle Vorreiter und Visionen für eine nachhaltigere Zukunft.

Gesucht werden Produkte, Dienstleistungen und Systeme, die

einen wirksamen Beitrag zur Transformation leisten.

Teilnehmen können Unternehmen jeder Größe, Designer/innen

innerhalb und außerhalb von Agenturen, Studierende

und Startups.

Bis zum 15. Juni 2020 bewerben:

www.nachhaltigkeitspreis.de/design

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

47


Innovation

Foto: sewcream / stock.adobe.com

Social Impact Economy:

KONSUM FÜR EINEN GUTEN

ZWECK

T E I L E I N E R B E S S E R E N Z U K U N F T

Von Dr. Alexandra Hildebrandt

48 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

„Sei mal positiv. Glaub an das Gute und

Richtige! Erkenne deine Stärken und

Möglichkeiten!“, sagte die Fernsehköchin

und Autorin Sarah Wiener vor einigen

Jahren dem Magazin FOCUS. Sie

wollte Menschen ins Herz treffen und

zum Aufstehen bewegen, auch wenn das

Kommende ungewiss ist und viele mit

dem Begriff Urvertrauen nichts mehr

anzufangen wissen. Ohne Urvertrauen

könne der Mensch nämlich morgens

sein Bett nicht verlassen, bemerkte einst

der Soziologe Niklas Luhmann: Es wird

auf etwas vertraut, ohne zu wissen, welche

Erfahrungen folgen werden. Das ist

oft verlässlicher als der mühsame Versuch,

dem Leben die eigenen Bedingungen

aufzudrücken. Urvertrauen und Optimismus

sind miteinander verbunden.

Max Roser, Ökonom am Institute for New

Economic Thinking (INET) in Oxford,

studierte erst Philosophie und wechselte

dann zur Ökonomie. Ihn überraschte,

dass die Nachrichten voll von schrecklichen

Ereignissen sind, sich langfristig

aber positive Entwicklungen zeigen,

die allerdings in den Medien kaum erwähnt

werden. Auf seiner Website „Our

World in Data“ trägt er alles zusammen,

was wir über die Entwicklung der Welt

wissen und postet regelmäßig ein Diagramm,

das verdeutlicht, dass die Welt

in vielerlei Hinsicht besser wird. Dafür

wirbt er auf Twitter: „Warum ich optimistisch

bin“. Leider ist es aber häufig

so, dass jene, die die Welt optimistisch

betrachten, dafür belächelt und für naiv

gehalten werden.

Die Sehnsucht nach Sinn steht im

Zusammenhang mit einem neuen

Optimismus

Während sich der Ansatz von Max Roser

auf statistisches Material beschränkt,

finden sich in „Good“, einer globalen,

redaktionellen HuffPost-Initiative, vor

allem Geschichten über Menschen, die

Lösungen für sehr reale Herausforderungen

unseres Lebens bereithalten.

Diese Sehnsucht nach mehr Sinn steht

in Zusammenhang mit einem neuen

Optimismus. Nachhaltigkeit bedeutet

für den internationalen Managementexperten

Tim Leberecht „den Zugang zu

essentiellen Fragen, zu authentischen

Gefühlen und markanten Erfahrungen,

die das schnelllebige Geschäft und die

Tyrannei des Jetzt überdauern.“ Vor allem

in der digitalen Netzwerkökonomie

sollten Unternehmen durch ihre Produkte

und Kundenerfahrungen, aber

auch ihre Firmenkulturen, langfristig

Sinn stiften. „In Märkten geprägt von

Maximierung und Optimisierung (Optimierung?)

können sie Entgrenzungen

und Grenzerfahrungen ermöglichen, die

über den reinen Profit hinausgehen und

neben dem gesellschaftlichen und dem

ökologischen Impuls eine zutiefst subjektive,

romantische und somit zutiefst

humanistische Welt schaffen.“

„Corporate Social Responsibility“,

„Conscious Capitalism“, „Purpose-Driven

Business“, Benefit Corporations

und andere Konzepte, die auf die positive

gesellschaftliche Wirkung des Unternehmens

abzielen, sind allerdings

häufig zu abstrakt für die Mitarbeiter.

Tim Leberecht interviewte für sein

Buch „Business Romantiker“ Angestellte

von „Conscious Capitalism“-Firmen,

zum Beispiel vom Outdoor-Bekleider

und Ausrüster Patagonia. Einige der

Befragten gaben zu, dass sie sich zwar

mit der Mission ihres Unternehmens

vollkommen identifizieren und auch

davon inspiriert seien, sich allerdings

oft im Arbeitsalltag gelangweilt fühlten.

Es gibt also offensichtlich auch da

eine „Entzauberungskluft“ zwischen

Abstraktion und konkreter Erfahrung.

Einer der Interviewten beklagte sogar,

dass er sich manchmal vorkäme, als sei

er in einem „Tue Gutes“-Hinterland und

vertraute ihm an, dass er sich heimlich

nach der Intensität von stärker konkurrenzorientierten,

darwinistischen Kulturen

an der Wall Street oder im Silicon

Valley sehnte. Hier kommt die Business-

Romantik ins Spiel, denn sie schlägt die

Brücke zwischen der Mission des Unternehmens

und dem Erleben von vielen

kleinen intensiven, sinnstiftenden Momenten

in der alltäglichen Arbeit. >>

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

49


Innovation

Immer mehr Menschen probieren

heute aber auch Lösungsansätze im

Kleinen aus, die morgen im Großen

funktionieren können.

Der Deutsche Social Entrepreneurship

Monitor 2019 zeigt, dass Sozialunternehmen

gesellschaftliche Wirkung

über finanzielle Rendite stellen, innovative

Lösungen entwickeln und eine

überdurchschnittlich hohe Gründerinnenquote

haben. Dass in einem Café

Trinkgeld gegeben wird, ist etwas Selbstverständliches,

aber was wäre, wenn Arbeiter*innen

weltweit Trinkgeld für ihre

Arbeit erhielten – und das direkt beim

Kaufen von Produkten? Die Vision von

tip me ist es, Lösungen für faire Wertschöpfungsketten

anzubieten. Transparenz

und Verantwortung in Lieferketten

sollen gestärkt und Konsument*innen

darin unterstützt werden, informierte

und nachhaltige Entscheidungen zu

treffen. Dafür werden die digitalen Möglichkeiten

genutzt. Die Idee für das globale

Trinkgeld hatte Jonathan Funke bei

einer Demonstration gegen Primark. Es

fühlte sich für ihn nicht richtig an, dass

ein T-Shirt weniger kostet als eine Tasse

Kaffee. Wenn wenige Cent direkt und

sicher an die Näher*innen gehen würden,

könnte dies ihr Leben wirksam verändern.

Auf Konferenzen traf er seine

zwei Mitstreiter, die auf internationaler

Ebene im Bereich der Armutsbekämpfung

arbeiteten und die Auswirkung

von Transparenz in globalen Lieferketten

studierten und IT-Expertise hatten.

Gemeinsam ließen sie die Idee zu einem

Sozialunternehmen heranwachsen. Sie

möchten Geschichten von Menschen erzählen

und dadurch einen Beitrag zum

nachhaltigen Konsum leisten.

„share“ und „Vytal“

„Probiere eine bessere Welt. 1+1: Mit

deinem Kauf hilfst du gleichzeitig einem

Menschen in Not.“ Das 1+1 Prinzip

von share ist einfach: Wer ein share

Produkt kauft, sorgt dafür, dass auch

tip me: Globales Trinkgeld

Foto: Daniela Haupt / share Foto: tip me

Wer ein share Produkt kauft, sorgt dafür,

dass auch einem bedürftigen Menschen

etwas Gutes getan wird

einem bedürftigen Menschen etwas

Gutes getan wird – beispielsweise eine

Mahlzeit für jeden share Nussriegel, ein

Hygieneartikel für jede share Handseife,

sauberes Trinkwasser für jede share

Wasserflasche, mit der auch die Umwelt

geschont wird, weil sie aus 100 Prozent

recyceltem Material ist. Mit dem Kauf

einer share Wasserflasche wird ein Tag

Trinkwasser an einen Menschen in Not

gespendet. Der Anspruch an Nachhaltigkeit

spiegelt sich auch bei der Produktion

wider. So setzt die Marke konsequent

auf eine umweltschonende Kreislaufwirtschaft,

um natürliche Ressourcen zu

schonen.

Kreislaufökonomie ist auch die Basis

des Startups Vytal, das Gastronomien,

Kantinen und Supermärkte mit Gefäßen

versorgt, in denen die Kundinnen und

Kunden frische Lebensmittel transportieren

können. Die Kunden geben die

Gefäße nach der Nutzung wieder bei

einem teilnehmenden Betrieb ab, wo

sie gereinigt werden. Das soll den Müll

im Take-away-Geschäft reduzieren. Als

Bezahlmodelle gibt es die Abrechnung

pro Nutzung der Vytal-Schüsseln oder

eine Flatrate. Das System (derzeit noch

etwas teurer als Einweg) leistet einen

Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit im Außer-Haus-Verzehr.

Die Zeiten sind vorbei, in denen „Zielgruppen“

penetrant mit TV-Spots berieselt

werden konnten, um eine Botschaft

wie „Geiz ist geil“ oder „Supergeil“ in

ihr Bewusstsein zu drücken. Billigprodukte

werden heute meistens mit einer

schlechten Ökobilanz, Lohn-Dumping,

Kinderarbeit oder verantwortungslosen

Unternehmenspraktiken assoziiert. Die

bewussten und mündigen Konsumenten

von heute sind gut informiert und möchten

wissen, wo die Produkte hergestellt

werden, die sie kaufen. Besser leben

heißt für sie, anders herzustellen und zu

konsumieren. Sie sind davon überzeugt,

dass Geiz am Ende schädlich für Mensch

und Umwelt ist.

50 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Nachhaltiger Konsum heißt nicht

weniger Konsum, sondern effizienter

und bewusster Konsum.

Der symbolische Wechsel von der Ökonomie

der „Zuvielisation“ zu einer „Ökonomie

der Bedeutsamkeit“ zeigt sich in

allen gesellschaftlichen Bereichen. Bei

dem dabei stattfindenden Perspektivenwechsel

vom Wollen zum Brauchen

entstehen neue Konsum- und Geschäftsmodelle.

tip me erhält beispielsweise

eine Provision von seinen Partnerunternehmen,

weil diese vom positiven Marketing

profitieren. Dadurch kann tip me

sicherstellen, dass 100 Prozent Deines

Trinkgeldes an die Arbeiter*innen geht.

Um mit dem Unternehmen zusammenzuarbeiten,

müssen sie Transparenz

und Verantwortung in ihrer Lieferkette

nachweisen. Es wird nur mit Unternehmen

zusammengearbeitet, die fair und

nachhaltig sind und die internationalen

Arbeitsstandards der International

Labour Organization (ILO) einhalten.

Dadurch wird sichergestellt, dass das

Unternehmen ebenfalls einen Beitrag

leistet, faire und nachhaltige Lieferketten

die Norm werden zu lassen. Für

Webshopbetreiber wie ethletic und bayti

ist dieses Trinkgeldmodul auch ein

attraktives CSR-Instrument und ein Alleinstellungsmerkmal

für Kund*innen,

denen die Nachhaltigkeit ihrer Produkte

am Herzen liegt.

ChariTea: Von jedem verkauften Getränk

geht ein fester Betrag an den Lemonaid &

ChariTea e.V.

z o t t e r Schokolade: Für die Produktion

werden ausschließlich bio-zertifizierte und

fair gehandelte Rohstoffe verwendet.

Foto: z o t t e r Foto: Lea Aring / ChariTea

Der bewusste und informierte Kunde

erwartet heute Produkte, die unter akzeptablen

Umweltschutz- und Sozialbedingungen

produziert werden – wahrhaftige

Produkte also. Viele werden

heute mit einem zusätzlichen Attribut

verkauft. Neu an diesem Ansatz ist,

dass nicht das Unternehmen, sondern

der definierte Begünstigte den Benefit

hat. Darauf setzt auch seit seiner

Gründung die weltweit gemeinnützige

Organisation ChariTea: Von jedem verkauften

Getränk geht ein fester Betrag

an den Lemonaid & ChariTea e.V. Über

eine Million Euro konnte bislang in soziale

Projekte investiert werden. Die Gelder

fließen vor allem in Sozialprojekte

innerhalb der Anbauregionen wie Sri

Lanka und Südafrika. Hier machen sich

die Gründer gegen die Ausbeutung von

Kindern, für eine bessere Bildung und

ökologische Landwirtschaft stark.

Auch der österreichische Chocolatier

Josef Zotter wollte stets Lebensmittel

herstellen, die ehrlich und fair zu

Mensch und Umwelt sind. Worauf es

seiner Meinung nach ankommt, ist,

Menschen zu erklären, warum es genial

ist, wenn man an morgen denkt. Die

z o t t e r Schokoladen Manufaktur

GmbH mit Sitz in Riegersburg, Bergl

(Österreich), wurde 1999 gegründet. Für

die Produktion werden ausschließlich

bio-zertifizierte und fair gehandelte Rohstoffe

verwendet. Zudem wird Schokolade

direkt von der Bohne weg produziert

(Bean-to-Bar). Der Großteil der Branche

verwendet Halbfertigprodukte, doch

z o t t e r stellt seine Schokoladen direkt

am Standort selbst her. Die Kakaobohnen

werden nach Bergl (Riegersburg)

geliefert und verlassen die Manufaktur

erst als fertige Schokoladentafel.

Dadurch werden Transportwege eingespart.

Die Fusion der drei Kriterien Bio +

Fairtrade + Bean-to-Bar sind ein Alleinstellungsmerkmal

des Unternehmens,

das europaweit der einzige Hersteller

ist, der von der Bohne weg komplett in

Bio- und Fairtrade-Qualität produziert.

Josef Zotter verweist darauf, dass es gerade

in der Lebensmittelbranche viele

kleine Unternehmen gibt, die aus Überzeugung

nachhaltig sind. Diese müssen

ihre Kundschaft finden, haben aber leider

nicht die Werbemöglichkeiten wie

die Großen. Deshalb sollten sie ausgewählt

und besonders unterstützt werden.

Beispielsweise auch koawach, wo

mit dem Slogan geworben wird: „Wach

auf! Die Welt braucht Dich wach.“ Menschen

sollen mit Bio-Trinkschokoladen

„geweckt“ werden – alles produziert

von Bio-Bauern aus Lateinamerika, >>

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

51


Innovation

ebenfalls direkt und fair gehandelt. Das

Unternehmen sieht sein nachhaltiges

Handeln als Beitrag für eine wachere

Welt: „Fair schmeckt einfach besser.“

Die guten Produkte müssen teurer verkauft

werden, denn sie haben einen anderen

Wert als billige Massenware. Doch

was teurer verkauft werden soll, braucht

auch eine wahrhaftige Geschichte, weil

Fakten allein unser Herz nicht erreichen

können – und das ist besonders wichtig,

wenn es darum geht, uns und andere zu

bewegen.

Viva con Agua

Gründer wie Benjamin Adrion haben

eine Vision davon, wie die Welt sein

könnte: Anfang 2005 reiste der FC St.

Pauli nach Kuba, wo sie die schwierigen

Verhältnisse vor Ort sahen. Adrion war

als Mittelfeldspieler dabei. Damals kam

ihm die „spontane Schnapsidee“, die

Trinkwasserversorgung zu verbessern.

Obwohl die Erde zu drei Vierteln mit

Wasser bedeckt ist, ist nur der geringste

Teil davon (2,6 Prozent) Süßwasser, und

nur 0,3 Prozent können als Trinkwasser

verwendet werden. Es ist kostbar und

rar. Vor allem in den von Dürre geplagten

Ländern in Afrika oder Asien, wo

90 Prozent der Menschen leben, ist die

Grundversorgung mit Trinkwasser und

Sanitärdienstleistungen keineswegs gesichert.

Im September 2006 wurde deshalb die

Trinkwasserinitiative „Viva con Agua

de Sankt Pauli e.V.“ offiziell gegründet

– getragen von Adrion und unterstützt

von Mitspielern wie Marcel Eger, Florian

Lechner oder Felix Luz. Unter dem

Motto „Wasser für alle, alle für Wasser“

werden Wasserprojekte im In- und Ausland

unterstützt. Aus dem Verein heraus

wuchs ein großes und nachhaltiges Projekt:

zuerst in den Stadtteil hinein, dann

ins Land und über viele Grenzen hinweg.

Längst ist die Organisation auch in

vielen Ländern wie Uganda, Nepal oder

Äthiopien aktiv.

koawach: „Fair schmeckt

einfach besser.“

Viva con Agua: „Wasser für alle,

alle für Wasser“

Foto: Viva con Agua Foto: koawach

Jährlich werden mehr als drei Millionen

Euro Spenden gesammelt. Seit 2006

konnte Viva con Agua mit über 40 Projekten

die Lebenssituation von rund 2,5

Millionen Menschen verbessern. Seit

seiner Gründung ist Viva con Agua auch

in Deutschland aktiv, organisiert Spendenläufe

und informiert über das globale

Thema Wasser. Zum stetig wachsenden

Ehrenamtsnetzwerk gehören auch

Musiker wie Bela B, Mark Tavassol von

Gloria, Fettes Brot oder Bosse, Sportler

wie Nico Rosberg, Timo Hildebrand, Kevin

Kurányi oder Arne Friedrich. Sie teilen

nicht nur die Idee, dass sich die Welt

ändern lässt, sondern auch ihre Freude

am Machen.

Es ist so etwas wie eine Fundraising-

Kampagne im Supermarktregal und an

der Theke: Jede Flasche ist ein „flüssiger

Flyer“ und transportiert die Idee hinter

Viva con Agua. Neben dem Verein,

der Spenden sammelt, ist die Mineralwassermarke

Viva con Agua in Szenekneipen

wie Supermärkten, beim Ärzte-Konzert

wie im Hamburger Rathaus

angekommen – und schüttet jährlich

Gewinne für die Wasserprojekte aus.

„Sieh dir an, wie Viva con Agua sich für

den weltweiten Zugang zu sauberem

Trinkwasser und Sanitärversorgung

einsetzt“, schreibt David Hieatt in seinem

Buch „Bestimmung. Warum Marken

mit Sinn den Unterschied machen“.

Er hat Apple und Google beraten, mit

Howies eine der einflussreichsten fairen

Sportmarken auf dem Markt etabliert

und 2007 mit seiner Frau Clare die Do

Lectures gegründet. In seiner walisischen

Heimatstadt Cardigan stand einst

die größte Jeans-Fabrik Großbritanniens.

Diese Tradition hat er aufgegriffen

und das nachhaltige Label Huit Denim

gegründet. In seinem Buch zeigt er, wie

solche Firmen zu Vorbildern für zukünftige

Unternehmen werden. Die Besten

sehen den ganzen Menschen und nicht

nur den kleinen Teilaspekt, der ihnen

etwas nützt. f

52 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Die Welt ist voller

guter Ideen.

Lass sie wachsen.

Landwirtin Aminata Compaoré verbessert mit guten Ideen und viel Tatkraft den Anbau von Zwiebeln

und anderen Gemüsesorten in einem Dorf in Burkina Faso. Jede Spende hilft Menschen wie Aminata,

53

sich selbst zu helfen. Ihre Geschichte unter: www.misereor.de/ideen

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Neuer Konsum,

neue Ökonomie?

Lange galt für Unternehmen die Formel: mehr Konsum

gleich mehr Produktion gleich mehr Gewinn. Im Rahmen der

Nachhaltigkeitsdiskussion haben sich in den letzten Jahren

aber auch neue Arten des Konsums entwickelt – und die sind

häufig nicht nur umweltfreundlicher, sondern gleichzeitig

erfolgreiche Geschäftsmodelle.

Sharing Economy:

benutzen statt besitzen

Hinter der Sharing Economy steckt die Ökonomie des Teilens. Statt Konsumgüter

oder auch Dienstleistungen zu kaufen, leiht man sie sich (oft kostenpflichtig) aus.

So werden im Idealfall weniger Waren produziert, was wiederum Ressourcen schont.

Mittlerweile ist das Prinzip in der Wirtschaft angekommen. Und das mit einer breiten

Produktpalette: Beim Carsharing teilt man sich ein Auto mit Fremden, Co-Working-Spaces

bieten einzelne Miet-Büroplätze an. Tchibo verzeichnet mit Tchibo Share

(eine Mietplattform für Kinder- und Jugendkleidung) Erfolge, das Start-up Windelei

hingegen bietet Stoffwindeln zum Mieten an – inklusive Reinigungsservice. Allerdings

kann die Sharing Economy zu Rebound-Effekten führen, warnt das Institut für

Energie, Ökologie und Ökonomie (DFGE): Das so gesparte Geld (im Vergleich zum

Kauf) könnten Verbraucher stattdessen für andere Dinge ausgeben und so wiederum

die Umwelt negativ belasten.

54 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Dematerialisierung durch Streaming

E-Book statt Printausgabe, Musikstreaming statt CD: Digitale Produkte und Streamingdienste

ersetzen zunehmend materielle Güter. Für die Umwelt hat das einen

großen Vorteil: Die Produktion von physischen Datenträgern – wie CD, Blu-ray oder

Buch – und deren Verpackungen entfällt. Auch der Warentransport fällt weg. Das

spart Rohstoffe und CO2. Dafür müssen aber unter Umständen Geräte zur Nutzung

solcher Angebote hergestellt werden, beispielsweise E-Book-Reader. Abgesehen davon

verbraucht vor allem Video-Streaming große Mengen an Strom, insbesondere

in den Rechenzentren: Energiedienstleister E.ON geht von bis zu 200 Milliarden Kilowattstunden

Strom pro Jahr weltweit aus. Damit könnte man alle Privathaushalte

in Deutschland, Italien und Polen für ein Jahr versorgen, heißt es im Webmagazin

„E.ON Erleben“. Wie nachhaltig Netflix, Amazon Prime Video, Spotify und Co. tatsächlich

sind, liegt also auch am Nutzungsverhalten jedes Einzelnen. Immerhin: Um

die Datennetze während der Corona-Krise nicht zu überlasten, drosselten viele Streaming-Anbieter

zeitweise ihre Datenmengen durch verringerte Videoqualität.

Aus zweiter Hand

T-Shirt und Hose von den älteren Geschwistern auftragen? Was früher Gang und Gäbe

war, hat längst den Weg in die (Online-) Geschäfte gefunden. Schon seit einigen Jahren

verkaufen hierzulande zahlreiche Secondhand-Läden bereits getragene Kleidung

an andere weiter. Die Digitalisierung bringt indes neue Distributionsmöglichkeiten

mit sich: Über Online-Plattformen und Apps wie Ebay oder Kleiderkreisel kann jeder

seine „alten“ Dinge wieder zu Geld machen – oder günstig shoppen. Der Handel mit

gebrauchten Waren ist auch ökologisch sinnvoll: Laut Greenpeace fallen zum Beispiel

allein bei der Produktion eines T-Shirts knapp 2.700 Liter Wasser an. Wer also bereits

gebrauchtes kauft, spart nicht nur Geld, sondern schont auch die Umwelt.

2.

„Nackte“ Ware

Etwas neuer ist das Konzept der Unverpackt-Läden. Das Ziel: Möglichst wenig Abfall

produzieren. Die Produkte werden hier deshalb ganz ohne Karton- oder Plastikverpackung

zum Kauf angeboten. Milch gibt es zum Beispiel in Glas-Mehrwegflaschen,

Müsli, Nüsse und Pasta befinden sich in Spendern, sogenannten „Bulk Bins“. Die

Waren füllt sich jeder Kunde selbst in mitgebrachte Vorratsdosen oder Flaschen.

Ganz „nackt“ geht aber noch nicht: Die Waren kommen in den Läden nämlich in

Verpackungen an – die sind aber möglichst groß, um unnötigen Müll zu vermeiden.

Der häufigste Grund für die Ablehnung von Unverpackt-Läden, neben fehlenden Geschäften

in der Nähe, ist übrigens die Angst vor mangelnder Hygiene, hat eine Studie

von Splendid Research rausgefunden. Ob die Corona-Krise das noch verschärft, wird

sich zeigen. Dabei muss sich wegen der Sauberkeit eigentlich keiner Sorgen machen:

„Unverpackt-Läden unterliegen den gleichen Hygieneanforderungen wie alle anderen

Betriebe, in denen Lebensmittel verarbeitet werden, und unterliegen Kontrollen

vom Gesundheitsamt bzw. der Lebensmittelaufsichtsbehörde“, heißt es auf der Website

des Unverpackt-Ladens „Stückgut Hamburg“.

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

55


Innovation

Erfolgreiche Geschäftsmodelle

für Nachhaltigkeit

Substitution

Was? Ersetzung „schädigender“

Produkte durch nachhaltigere

Alternativen

Beispiel: Erneuerbare Energien anstatt

fossiler Brennstoffe, veganer Ersatz für

Fleisch

Re- und Upcycling

Was? Umwandlung von Abfallprodukten

oder (scheinbar) nutzlosen Stoffen

in Rohstoffe oder neuwertige Produkte

Beispiel: Adidas X Parley Kollektion

(Sneaker aus aufbereitetem Plastikmüll)

Dematerialisierung

Was? Umwandlung physischer Produkte

in Software/Apps

Beispiel: Nuki-App (Smart Lock, die

Millionen metallener Schlüssel obsolet

macht)

Disintermediation

Was? Wegfall einer oder mehrerer

Wertschöpfungsstufen ohne positiven

Wertbeitrag

Beispiel: Avocadostore, Marktplatz

für nachhaltige Produkte, kollaboriert

direkt mit Herstellern

56 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Re-Commerce

Was? Lebenszyklusverlängerung von

Produkten, Komponenten und Nebenprodukten

durch Rücknahme und

Weiterverkauf

Beispiel: Ikea hat jüngst seinen Einstieg

in den Re-Commerce-Markt seiner

Möbel bekannt gegeben

Product-as-a-Service

Was? Transformation von Produkten

mit einmaligem Verkaufspreis in

kontinuierliche Dienstleistungen mit

Servicegebühren

Beispiel: Claas Landmaschinen mit

Precision Farming

Sharing Economy

Was? Erhöhung des Nutzungsgrads

von Produkten und Ressourcen durch

kommerzielles, kurzfristiges Teilen.

Beispiel: Daimler und BMW mit ihrem

Joint Venture Share Now

Zirkuläre Lieferkette

Was? Aufbau geschlossener Energieund

Materialkreisläufe zur Minimierung

des Energie- und Ressourceneinsatzes

sowie der Abfall- und Emissionsentstehung.

Beispiel: BASF hat jüngst diesbezügliche

Ziele formuliert

Social Impact Economy

Was? Profitable Systeme zur Behebung

sozialer Missstände, Förderung des

sozialen Miteinanders und der Verständigung

zwischen Kulturen.

Beispiel: Metro, Allos und Edeka

kooperieren mit SirPlus gegen Lebensmittelverschwendung

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

57


Innovation

Advertorial

Foto: KAY HERSCHELMANN / Nespresso

Foto: KAY HERSCHELMANN / Nespresso

DIE VIELEN LEBEN

einer Kaffeekapsel

Qualität und Nachhaltigkeit eines Produktes

sind oft zwei Seiten derselben

Medaille. Am Beispiel der Kaffeeproduktion

zeigt Nespresso, wie es gelingt,

in allen Bereichen der Wertschöpfungskette

die CO 2

-Emissionen zu senken und

dabei die hohe Qualität des Premiumkaffees

langfristig zu sichern.

Nespresso hat sich hohe Ziele gesetzt

und geht dafür innovative Wege. Bis

Ende 2020 wollen die Schweizer den

CO₂-Fußabdruck jeder Tasse Nespresso

Kaffee im Vergleich zu 2009 um insgesamt

28 Prozent reduzieren. Bis Ende

2018 lag die erreichte Reduktion bereits

bei 22 Prozent. Der von über 110.000

Kaffeebauern in 14 Ländern im Rahmen

des „AAA Sustainable Quality

Program“ hergestellte Kaffee wird sogar

schon seit 2015 klimaneutral produziert,

bezogen auf die Emissionskategorien

Scope 1 und Scope 2. Nespresso

hat das Programm 2003 zusammen mit

der Umwelt-NGO „Rainforest Alliance“

gegründet.

Die CO 2

-Neutralität des operativen Geschäfts

wird über eine spezielle agroforstwirtschaftliche

Methode auf den

Kaffeeplantagen des AAA-Programms

erreicht. Über 95 Prozent des verwendeten

Kaffees stammen aus diesen Quellen.

Beim „Insetting“ werden innerhalb

der Kaffeeplantagen und in den umliegenden

Gebieten einheimische Bäume

gepflanzt, die alle bei den betrieblichen

Prozessen entstehenden CO 2

-Emissionen

vollständig absorbieren.

Eine wichtige Rolle bei der Reduzierung

der Treibhausgasemissionen spielt

außerdem der Transport. Der Rohkaffee

in den genannten Regionen wird

ausschließlich auf der Schiene zu den

Produktionszentren transportiert. Auch

die Lieferung zu den Verkaufsstellen

erfolgt, soweit es möglich ist, mit der

Eisenbahn.

Dem Ansatz, alle Ressourcen so umweltund

klimafreundlich wie möglich zu

nutzen, bleibt Nespresso auch im weiteren

Verlauf der Wertschöpfungskette

treu. Besonders deutlich wird dies an

den Kaffeekapseln aus Aluminium. Diese

schützen die Aromen der Premiumkaffees

wie kein anderes Material vor

äußeren Einflüssen wie Luft, Licht und

Feuchtigkeit. Vor allem aber sind sie

sehr gut recycelbar.

Nahezu energieautarkes Recycling

Denn aluminiumhaltige Leichtverpackungen

wie etwa die Nespresso Kapseln

werden in den automatischen

Sortieranlagen der Entsorger durch

sogenannte Wirbelstromscheider besonders

gut erkannt. Deshalb lassen

sie sich zu qualitativ hochwertigem Sekundäraluminium

aufbereiten, aus dem

wiederum neue Produkte entstehen

können. Kein Wunder also, dass von den

1,3 Millionen Tonnen Aluminium, die

2018 laut Gesamtverband der Aluminiumindustrie

in Deutschland produziert

wurden, knapp 60 Prozent Sekundäraluminium

gewesen sind.

58 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Foto: KAY HERSCHELMANN / Nespresso

Gerade in punkto Energieeffizienz ist

Recycling-Aluminium dem „neuen“ Hütten-Aluminium

deutlich überlegen. Es

werden nämlich nur fünf Prozent der

Energie für dessen Herstellung benötigt.

Aluminiumrecycling mit innovativen

Technologien wie der Pyrolyse ist nach

Einschätzung des UmweltMagazins des

VDI sogar weitgehend energieautark.

Denn dabei wird wirklich alles verwertet.

Selbst anhaftende Verschmutzungen

wie beispielsweise Kaffeesatz werden

in Energie für den Anlagenbetrieb

umgewandelt. Nur für den Start der

Pyrolyseanlagen wird externe Heizenergie

benötigt.

Eine der wenigen deutschen Pyrolyse-

Anlagen steht im sächsischen Freiberg

beim Unternehmen Pyral. Dort werden

Aluminium-Abfälle wie etwa Nespresso

Kaffeekapseln unter Ausschluss von

Sauerstoff bei 450 bis 500 Grad Celsius

quasi gebacken. Durch die Hitze trennen

sich die anhaftenden Materialien vom

Aluminium, ohne aber zu verbrennen,

berichtet das UmweltMagazin.

Diese Reststoffe werden verglimmt. Die

dabei entstehenden Synthesegase werden

gereinigt als Energiequelle in die

Anlage zurückgeführt. Mit der anfallenden

Abwärme wird die Pyrolysekammer

beheizt. Selbst das beim Verschwelen

erzeugte Rauchgas wird abgekühlt. Dabei

entsteht Dampf, der wiederum zur

Stromerzeugung verwendet wird. Zurück

bleibt das sortenreine Aluminium,

das auf verschiedene Weise ohne Qualitätseinbußen

weiterverarbeitet wird.

Keine Kaffeekapsel soll verloren

gehen

Damit möglichst alle Nespresso Kapseln

wiederverwertet werden können, müssen

sie natürlich zuverlässig gesammelt

werden. In Deutschland funktioniert

dies über die Sammlung mit gelben

Säcken oder Wertstofftonnen sehr gut.

Schon 1993 lizenzierte Nespresso seine

Verpackungen freiwillig beim Dualen

System Deutschland.

Darüber hinaus investiert Nespresso

nach eigenen Angaben jährlich 40 Millionen

Euro in ein global integriertes

Recyclingprogramm. Dieses eröffnet

den Liebhabern der portionierten Kaffeespezialitäten

verschiedene Möglichkeiten,

die Wiederverwertung ihrer gebrauchten

Kapseln sicherzustellen: Sie

können diese etwa in jeder Nespresso

Boutique abgeben. Des Weiteren existieren

weltweit über 100.000 weitere

Kapsel-Sammelstellen. In 33 Ländern

gibt es außerdem „recycling@home“.

Der Postbote nimmt dann Alt-Kapseln

gleich mit, wenn er eine neue Lieferung

vorbeibringt.

Alu-Fahrräder mit Mehrwert

Foto: Velosophy / Jimmy Östholm / Nespresso

Bereits beim Produktdesign hat

Nespresso also auf die gute Recycelbarkeit

der Kapseln geachtet. Zudem kündigt

das Unternehmen für 2020 einen

echten Meilenstein im Bereich Nachhaltigkeit

an. Dennoch: Nespresso forscht

stetig an sinnvollen Alternativen, die in

Frage kommen könnten.

Wie aber sieht nun das „zweite Leben“

der Kaffeeportionsbehälter aus? Vor allem:

vielfältig. Das Sekundäraluminium

aus Kapseln kann immer wieder neue

Formen annehmen und findet ein zweites

Leben in z. B. Fensterrahmen und

Autoteilen. Das zeigen auch immer wieder

spannende Kooperationen zwischen

Nespresso und weiteren Unternehmen.

2019 stellte man beispielsweise gemeinsam

mit dem schwedischen Hersteller

Vélosophy das limitierte RE:CYCLE-

Fahrrad vor, bei dessen Produktion

wiederverwertete Nespresso Kapseln

verwendet wurden. Das Besondere an

Vélosophy: Für jedes verkaufte Modell

schenkt das Unternehmen einem Mädchen

in einem Entwicklungsland ein

Fahrrad. Dadurch erhalten die Mädchen

mehr Handlungsmöglichkeiten und können

beispielsweise leichter die Schule

erreichen.

Und auch der zeitlose Kugelschreiber

„849 Nespresso“ des Schreibgeräteherstellers

Caran d'Ache zeigt, was mit dem

Recycling von Nespresso Aluminiumkapseln

möglich ist: Mehrere Auflagen

des Stifts wurden mittlerweile produziert,

zuletzt im metallisch-schimmernden

Grün der Sorte Master Origins India.

Eine weitere Edition ist geplant. f

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

59


Foto: TAW4 / stock.adobe.com

Innovation

Ein Haus

für Innovationen

Foto: Michael Kammeter

Angela Hengsberger,

LEAD Innovation

Idee plus Markterfolg gleich Innovation! Wie Unternehmen

diesen Prozess managen können, weiß Angela Hengsberger.

Sie arbeitet bei LEAD Innovation und berät Unternehmen in

Sachen Innovationsmanagement.

Von Sonja Scheferling

UmweltDialog: Frau Hengsberger, viele

gute Ideen landen am Ende doch nur in

der Schublade. Was braucht es, damit aus

Ideen schließlich doch innovative Produkte

oder Services werden?

Angela Hengsberger: Unabhängig davon,

welche großartigen Ideen Entwickler

haben, ist generell der entscheidende

Erfolgsfaktor für Innovation der Kunde.

Denn nur, wenn der Markt eine Idee

für ein neues Produkt oder eine neue

Dienstleistung annimmt, spricht man

überhaupt von Innovation.

Das haben wir unter anderem für die

Firma Danone analysiert. Das Ergebnis

der Studie: 90 Prozent der neuen

Produktideen, die man im Supermarkt

kaufen konnte, waren nach Ablauf eines

Jahres wieder aus dem Kühlregal

verschwunden, weil die Verbraucher sie

60 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

nicht gekauft haben. Deswegen ist es im

Innovationsmanagement immer sehr

wichtig, den Kunden einzubinden.

Sie sind Expertin auf dem Gebiet des Innovationsmanagements.

Klären Sie uns

auf: Woran erkennt man ein innovatives

Unternehmen?

Ein innovatives Unternehmen erkennt

man an den vier Bestandteilen eines

ganzheitlichen, strategischen Innovationsmanagements.

Wir haben dazu ein

Modell entwickelt, das wir „House of Innovation

nennen. Demnach bilden die

Innovationskultur und die Struktur die

Grundlage und das Fundament des Innovationsmanagements.

Darüber liegt der

Innovationsprozess mit seinen Methoden,

der den Rahmen des Innovationsmanagements

ausmacht. Das Dach bildet

die jeweilige Strategie, nach der sich alle

Innovationsaktivitäten ausrichten.

Das klingt kompliziert. Können Sie uns

das näher erklären?

Die Strategie gibt an, welche Innovationsziele

ein Unternehmen erreichen

will. Wo will es in den nächsten fünf

bis zehn Jahren innovationstechnisch

stehen? Was sind die Trends und die

Treiber, die das Unternehmen und den

Markt beeinflussen? Durch den Innovationsprozess

wird aus einer anfänglichen

Idee eines Mitarbeiters am Ende

ein marktreifes Produkt. Für diesen Prozess

benötigt man die richtigen Methoden

und Tools, durch die die Mitarbeiter

überhaupt Ideen entwickeln und weiterverarbeiten

können.

Nach meiner Erfahrung ist in einem

typisch deutschen mittelständischen

Unternehmen der Bereich Forschung

und Entwicklung strukturell für das

Innovationsmanagement verantwortlich.

Also dort, wo man täglich an neuen

Ideen arbeitet. Es macht aber auch

Denn nur, wenn

der Markt eine

Idee für ein

neues Produkt

oder eine neue

Dienstleistung

annimmt, spricht

man überhaupt

von Innovation.

Sinn, das Innovationsmanagement als

eigenständige Institution in einem Unternehmen

zu sehen, die als Koordinator

funktioniert. Dabei kümmert sich ein

Innovationsmanager darum, dass eine

Innovationsstrategie steht, der Prozess

designt wird und die Mitarbeiter Ideen

entwickeln können.

Wie das?

Ein Innovationsmanager dirigiert die an

neuen Ideen arbeitenden Mitarbeiter so,

dass Unternehmen deren kreatives Potenzial

ausschöpfen können. Beispielsweise

organisiert er Kreativworkshops

oder sorgt für die entsprechenden Fortbildungen

der Kollegen. Er hat außerdem

relevante Trends und Treiber im

Blick.

Was macht eine Innovationskultur aus?

Eine gute Innovationskultur erkennt

man an den Parametern „dürfen“,

„können“ und „wollen“. So müssen Unternehmen

zunächst den Angestellten

ermöglichen, dass diese an Innovationen

arbeiten dürfen. Google etwa stellt

seinen Mitarbeitern dafür 25 Prozent

ihrer Arbeitszeit zur Verfügung. Beim

„können“ geht es darum, dass man die

Mitarbeiter kontinuierlich schult und

sie dazu befähigt, an Innovationen zu

arbeiten. Schlussendlich muss man bei

den Mitarbeitern aber auch eine intrinsische

Motivation dafür wecken.

Auch beim Innovationsmanagement gilt:

„You can only manage, what you measure”.

Welche Kennzahlen sind relevant, um

die Innovationstätigkeit eines Unternehmens

zu messen?

Es gibt eine Vielzahl von Innovationskennzahlen,

die man maßgeschneidert

für das eigene Unternehmen auswählen

sollte. Zwei davon passen allerdings auf

jedes Unternehmen: Das sind zum einen

die Innovationsrate und zum anderen

die Innovationsquote.

Die Innovationsrate stellt die Innovationstätigkeit

in Beziehung zum Umsatz

des Unternehmens. Da sie den Umsatz

der Innovationen misst, gibt sie darüber

Auskunft, ob Neuentwicklungen

am Markt erfolgreich sind oder nicht.

Die Innovationsquote zeigt, wie wichtig

einem Unternehmen Innovationen sind,

da sie deren Anzahl mit dem gesamten

Sortiment in Beziehung setzt.

Vielen Dank für das Gespräch! f

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

61


Innovation

Erfindungen,

die eigentlich für

etwas ganz anderes

gedacht waren

Grafik: christianchan / stock.adobe.com

Die wichtigsten Erfindungen und Innovationen

gehen entweder auf einen großen Geist oder

auf einen Zufall zurück. Und dann gibt es noch

eine kleine dritte Gruppe: Das sind die Erfindungen,

die eigentlich für etwas ganz anderes

gedacht waren…

62 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Foto: Roman Samokhin / stock.adobe.com

Kaugummi

Naturkautschuk war bis weit ins 20. Jahrhundert

einer der wertvollsten Rohstoffe weltweit.

Ursprünglich aus dem Amazonasbecken

stammend, bescherte Kautschuk den

Großgrundbesitzern rund um Manaus

sagenhaften Reichtum. Die aufkommende Autoindustrie

und damit der Bedarf an Reifen heizte die Nachfrage immer

weiter an. Der amerikanische Erfinder Thomas Adams wollte an dem großen Geschäft

teilhaben und experimentierte mit weichem Kautschuk. Vergeblich. Aber kauen ließ sich der Kautschuk

gut. 1888 waren Adams kugelrunde „Kaugummis“ erstmals an einem Automaten erhältlich. Elf Jahre

später schlossen Adams und sein Wettbewerber Wrigley ein Abkommen: Während sie in den USA konkurrierten,

bekam Adams das Vertriebs-Monopol für Lateinamerika und Wrigley das für Europa.

Coca-Cola

Grafik: freepik.com

Post-Its

1968 begann Dr. Spencer Silver für 3M

mit der Entwicklung eines Superklebers

für den Bau von Flugzeugen. Das klappte

nicht so recht, denn sein Klebstoff

ließ sich leicht wieder lösen. Silver suchte

jahrelang vergeblich nach einer alternativen

Einsatzmöglichkeit für seine

Erfindung. 1977 sprach ihn sein Kollege

Art Fry an: Der sang im Kirchenchor

und war genervt, dass die Lesezeichen

immer aus den Gesangsbüchern fielen.

Fry und Silver machte sich an die Arbeit

– unter Zuhilfenahme von gelbem

Schmierpapier aus dem Nachbarlabor.

Der Post-it war geboren!

Foto: rcfotostock / stock.adobe.com

Dr. John Pemberton war ein

amerikanischer Apotheker und

Offizier der Südstaaten. Während

des Bürgerkrieges zog er sich

eine Kriegsverletzung zu und

war er auf Schmerzmittel

angewiesen. Mit der Zeit

wurde Pemberton morphiumsüchtig

und suchte nach

einer legalen Alternative.

Kokain galt damals nicht

als gesundheitsgefährdende

Droge. Und so mixte

er ein Getränk aus Kokain

und anderen Zutaten.

Pemberton sollte von

seiner genialen Idee nie erfahren

– er verkaufte zwei

Tage nach dem Patentantrag

zwei Drittel seiner

Rechte an Dritte, um Geld

für seine Sucht zu bekommen.

Den Rest verkaufte

er wenig später und

starb an einer Überdosis

Morphium.

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

63


Innovation

Viagra

Herzmittel sind ein großes Geschäft.

Zunehmendes Alter, Übergewicht,

Bewegungsmangel – all das führt

zu Bluthochdruck, Herzproblemen

und Sauerstoffmangel

des Herzens (Angina Pectoris).

Medikamente dagegen sind ein

einträgliches Geschäft, denn

Patienten nehmen diese in der

Regel über viele Jahre. Auch der

amerikanische Pharma-Riese Pfizer

forscht in diesem Bereich. Anfang

der 90er führte er eine klinische Studie

im britischen Kleinstädtchen Sandwich

durch. Die Ergebnisse waren unter

herzmedizinischer Sicht ein absoluter

Fehlschlag. Dennoch waren die Patienten

hochzufrieden, denn die kleinen

blauen Pillen hatten eine ganz spezielle

„Nebenwirkung“.

Foto: Soru Epotok / stock.adobe.com

Blindenschrift

Grafik: dzm1try / stock.adobe.com

Im Krieg siegt oft das Überraschungsmoment. Und dazu

gehört es, nicht entdeckt zu werden. Während der Napoleonischen

Kriege beauftragte Bonaparte deshalb einen Fachmann

damit, eine Technik zu entwickeln, mit der die Soldaten

miteinander kommunizieren könnten, ohne dabei Licht oder

Geräusche zu machen. Der Offizier Charles Barbier entwickelt

daraufhin eine sogenannte „Nachtschrift“, die er Sonographie

nannte. Diese bestanden aus jeweils zwei senkrechten Reihen

von ein bis sechs Punkten, denen alle französischen Laute

zugeordnet waren. In der Armee konnte sich Barbiers Idee

nicht durchsetzen. 1819 wandet er sich an das Blindeninstitut

(Institut Royal des Jeunes Aveugles) in Paris. Dort traf er

auf den blinden, gerade einmal elf Jahre alten Louis Braille,

der begeistert war. Allerdings hatte er viele Verbesserungsvorschläge,

was nun wiederum Barbier nicht begeisterte.

Freunde wurden die beiden nicht mehr, und Braille entwickelte

die Idee alleine weiter zur heutigen Braille-Schrift.

64 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Luftpolster

Ob beim Umzug oder Versand: Immer dann,

wenn Zerbrechliches eingepackt werden

soll, kommt die Luftpolsterfolie zum Einsatz.

Mittlerweile spielen Luftpolster auch bei der

geplanten Landung auf dem Mars eine ganz

zentrale Rolle, sollen sie doch die „zerbrechliche

Ladung“ Mensch schützen. Die Luftpolsterfolie

wurde 1957 eher zufällig von den

beiden Ingenieuren Alfred Fielding und Marc

Chavannes in einer Garage in New Jersey erfunden.

Gedacht war sie damals als Tapete:

Abwaschbar und leicht anzubringen sollte

die „Bubble Wrap“ die modernen amerikanischen

Wohnzimmer erobern. Daraus wurde

bekanntlich nichts, aber dafür gab es rege

Nachfrage aus der Industrie nach diesem

Verpackungsmaterial. Und so wurde aus der

Luftnummer doch ein dauerhaftes Geschäft.

Foto: Swapan / stock.adobe.com

Frisbee

Sonne, Strand, Frisbee spielen. Das vielseitige

Plastikteil war ursprünglich etwas ganz

anderes: Ein Teller. Die Frisbie Pie Company

war bis Ende der 1950er Jahre eine große

Bäckerei in den Neuenglandstaaten. Bis zu

80.000 Torten (Pies) wurden dort jeden Tag

ausgeliefert. Dafür musste der Boden stabil

sein, leicht zu reinigen, wiederwendbar und

günstig in der Herstellung. Und so kamen

schon bald Plastikteller zum Einsatz. Und

weil in der Nachbarschaft der Bäckerei

eine Schule lag, kam es, wie es kommen

musste: Die Kids fingen an, die leeren Teller

herum zu werfen. Frisbeeeeeeeee.

Foto: Daniel Deak Bardos / stock.adobe.com

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

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Foto: pinkeyes / stock.adobe.com

Innovation

5Fragen zur Künstlichen

Intelligenz

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Innovation

Welche Umsatzpotenziale

und Produktivitätseffekte

haben KI-getriebene

Geschäftsmodelle für

Industriebetriebe? Machen

Maschinen uns Menschen

überflüssig? Prägt Scrum

künftig unseren Joballtag?

Wie geht „grüne“

Digitalisierung? Und wie

bekommen wir auch den

Mittelstand eingebunden?

Antworten auf einige

wichtige Fragen.

Technologisch betrachtet ist

Künstliche Intelligenz nichts anderes

als die Fortführung der digitalen

Transformation: Sie ermöglicht

es dem Menschen, sich bei der Arbeit

von – nunmehr ständig dazu lernenden

– Computersystemen unterstützen zu

lassen.

Denn lernfähige Computersysteme ermöglichen

es, durch die intelligente

Verknüpfung von Daten neue Erkenntnisse

zu gewinnen. Dadurch lassen sich

unternehmerische Prozesse entlang der

gesamten Wertschöpfungskette optimieren

und neue Geschäftsmodelle entwickeln

– nicht nur für Großunternehmen.

Immer mehr Betriebe wandeln sich

deshalb vom reinen Produkthersteller

zum innovativen Lösungsanbieter mit

neuartigen Geschäftsmodellen und ergänzen

ihr Kernprodukt um komplementäre

Services. Die Digitalisierung

spielt dabei eine entscheidende Rolle,

weil digitale Technologien in hohem

Maße die Entstehung neuer Geschäftsmodelle

erleichtern. In Zukunft wird der

Wettbewerb nicht mehr allein zwischen

Produkten oder Prozessen, sondern vielmehr

zwischen Geschäftsmodellen stattfinden

und für Industriebetriebe neue

Wachstumspotenziale und Märkte mit

sich bringen.

Doch wie wirken sich digitale Geschäftsmodelle

auf die Wettbewerbssituation,

Innovationsfähigkeit und Produktivität

von Unternehmen aus? Fünf Fragen und

Antworten dazu:

>>

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

67


Frage

1

Wie gelingt der Transfer von

KI in den Mittelstand?

Selbstlernende Computersysteme, die Bäckereien tagesaktuell bei ihrer Absatzplanung

unterstützen. Eine Software, die mit Hilfe von Methoden des maschinellen

Lernens die Fertigungsqualität hochpräziser Bauteile sichert. Eine intelligente Preissuchmaschine,

die Händler dabei unterstützt, den besten Marktpreis für ihre online

vertriebenen Produkte festzulegen. KI-basierte Anwendungen halten längst Einzug

in die Wirtschaft – auch in mittelständische Betriebe.

Insgesamt zeigen sich deutsche Mittelständler beim Einsatz von KI-Systemen noch

zurückhaltend, so eine aktuelle Studie der Universität des Saarlandes, für die europaweit

200 große Mittelständler (Jahresumsatz zwischen 10 und 50 Millionen Euro)

befragt wurden. Mit KI beschäftigt sich demnach erst ein Drittel der Unternehmen,

lediglich 13 Prozent verfügen nach eigener Einschätzung über fortgeschrittene

Kenntnisse zum Thema.

Leitfäden, Stolperfallen, Fördermöglichkeiten

Die Plattform Lernende Systeme der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften

will Mittelständlern eine Anlaufstelle bieten, um sich über die Bedeutung von

Künstlicher Intelligenz für das eigene Geschäft zu informieren. Sie zeigt in ihrem

Web-Special, worauf es bei der Einführung von KI im Unternehmen ankommt und

welche klassischen Fehler zu vermeiden sind. Gut zu wissen ist auch: Wo können

sich Mittelständler kostenlos zum Thema KI weiterbilden? Welche Vernetzungsangebote

gibt es in ihrer Region? Und nicht zuletzt: Mit welchen Programmen fördern

Bund und Länder den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Mittelstand? Aktuelle

Termine zu KI-spezifischen Veranstaltungen für den Mittelstand sowie Leitfäden und

Publikationen ergänzen das Angebot.

Frage

2

Kann 5G zum Wegbereiter einer

„grünen“ Digitalisierung werden?

Unterhaltung und Information sind längst essenzielle Bestandteile der mobilen

Datennutzung der Verbraucher. Dieser Trend wird durch immer umfangreichere Tarife

sowie bessere und leistungsfähigere Netze weiter getrieben. Doch welche digitalen

Anwendungen sind besonders nachhaltig und sinnstiftend? Und ergeben sich

mit 5G künftig neue Anwendungen, die zu mehr Umweltschutz und Nachhaltigkeit

beitragen können? „Wenn es uns mit 5G möglich ist, das Datenvolumen mit weit weniger

Energieverbrauch bereitzustellen, was machen wir dann sinnvollerweise mit

den Daten? Oder wirkt 5G wie ein Brandbeschleuniger?“, hinterfragt zum Beispiel

Digitalisierungsexperte Professor Santarius den Umgang mit dem Mobilfunkstandard

und den neuen technischen Möglichkeiten. Er appelliert an Nutzer und Unternehmen,

über die Datennutzung und deren Zweck intensiver zu reflektieren.

Einen konkreten, positiven Anwendungsfall erläutert Joachim Sandt, Umweltbeauftragter

bei Telefónica Deutschland: „Ein Beispiel, das bereits heute gut funktioniert,

sind hochzuverlässige Videokonferenzen in Unternehmen, mit denen sich die Teilnehmer

Auto- oder Flugreisen sparen können. Das ist eine konkrete Möglichkeit, bei

der wir zwar Energie über unser Netz einsetzen müssen, aber dadurch an anderer

Stelle deutliche Emissionen einsparen können.“

68 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Neue digitale Chancen und politische Teilhabe

„Die Dringlichkeit der Klimakrise zeigt, dass wir unbedingt alles tun müssen, um

die Emissionen zu reduzieren – und das drastisch“, sagt die Fridays for Future-Aktivistin

Pauline Brünger. Dabei sind 5G und Digitalisierung für die Gesprächspartner

auch Themen, die in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext betrachtet und

diskutiert werden müssen. Durch ein schnelleres Netz können sich beispielsweise

junge Menschen wie die von der Fridays for Future-Bewegung über digitale Kanäle

organisieren und sich für wichtige gesellschaftliche Themen wie den Klimaschutz

einsetzen. Hier zeigt sich, dass Anwendungen wie Social Media sehr sinnstiftend

eingesetzt werden können.

Ist Digitalisierung ein rein

technisches Thema?

Jeder spricht heute über Digitalisierung. So manchen mag das schon ermüden. Unternehmen

müssen sich aber intensiv damit beschäftigen – und zwar alle, sagt Prof.

Dr. Dennis Lotter von der Hochschule Fresenius in Wiesbaden. Denn: Die meisten

meinen immer noch, es dreht sich alles um Technologie. Dabei geht es vielmehr um

Kultur. „Die Technologie ist nur ein Treiber oder „Enabler“. Digitale Transformation

ist ein hoch gestalterischer Akt, den immer noch Menschen initiieren und umsetzen

müssen. Das kann keine Technik leisten“, sagt Prof. Dr. Dennis Lotter. „Viele haben

noch nicht verstanden, dass die erfolgreiche digitale Transformation vor allem die

Veränderung der Unternehmenskultur voraussetzt.“ Und es müssten sich wirklich

alle damit befassen, unabhängig von der Branche oder der Größe: Immer mehr Wertschöpfungsketten

verzahnen sich, und wer sich der Vernetzung verschließt, droht

den Anschluss zu verlieren.

3

Frage

Was heißt das konkret – Veränderung der Unternehmenskultur?

Die Digitalisierung, neue Technologien heben Grenzen auf und eröffnen vollkommen

neue Methoden des Zusammenwirkens. „In vielen Bereichen können wir heute zum

Beispiel schon zeit- und ortsunabhängig arbeiten“, erklärt Lotter. „Die Technologie

zu haben und bereitzustellen bringt aber nichts, wenn ich als Geschäfts- oder Bereichsleiter

dann doch eine festgelegte Präsenz im Büro erwarte.“ Digital Leadership

heißt für Lotter, Trainer oder Coach zu sein, der eine Vision hat, diese vorlebt und

als Mentor begleitet. Er oder sie lässt dem Team einen hohen Freiheitsgrad bei der

Beantwortung der Frage, wie dieses Ziel, diese Vision erreicht werden kann.

Digitale Transformation hat mit „Design“ zu tun. Wie gehen Designer vor? Sie experimentieren,

werten Misserfolge als Lernprozess. Man mag einwenden, dass Unternehmen

sich Experimente nicht leisten können. Das Risiko des großen Fehlwurfs

vermeiden sie indes, wenn sie einerseits zwar schnell in den Realitätscheck gehen,

andererseits aber kleine Schritte machen. „Wir arbeiten in kleinen Iterationen, wechseln

vom Marathon zum Sprint. Wir legen die Mentalität ab, lange Zeiträume für Projekte

zu haben. Das entspricht der heutigen Dynamik“, führt Lotter aus. Er sagt auch,

dass es „Unternehmen heute gelingen muss, einer Organisation eine Sinnstiftung zu

geben, die über das Gewinnmaximierungsmantra hinausgeht.“ Digital Natives stellen

heute andere Ansprüche an Unternehmen, ob in der Rolle als Arbeitgeber oder

Dienstleister. „Geschäftsführer müssen die Frage beantworten, wie sie ein ganzheitliches

Kundenerlebnis erschaffen können. Nur mit einzelnen technischen Features

werden sie in Zukunft nicht mehr punkten können.“ >>

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

69


4

Frage

Agilität in Unternehmen:

Trend oder Hype?

Agilität im Unternehmenskontext spaltet die Führungsebenen: Für die einen ist es

essenziell für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit, während andere die Methoden

als einen unnötigen Hype bezeichnen. Aktuelle Studien zeigen jedoch: Agilität ist

kein kurzfristiger Trend, sondern die Arbeitsweise und -kultur der Zukunft.

Die agile Transformation steht in den Startlöchern und bereitet sich auf ihren großen

Durchbruch vor. Zumindest bestätigen das die Zahlen aus einer Studie des Marktforschungsinstitutes

Lünendonk: Jedes dritte Vorhaben wird aktuell mit Hilfe von

agilen Methoden umgesetzt.

„Agil ist doch das mit Scrum?“ lautete die Frage eines Workshop-Teilnehmers. Die

Antwort lautet: Ja, Scrum ist eine agile Methode. Agilität umfasst weit mehr als diese

eine methodische Ausprägung.

Beispiele für agile Methoden in der Arbeitsweise

• Design Thinking zur kundenzentrierten

Ideenfindung & -erprobung

• Business Model Canvas als systematische

Überprüfung der Wirtschaftlichkeit von neuen

oder bestehenden Lösungen

• Lean Startup, Kanban sowie Scrum in der

schnelleren, iterativen, risikoärmeren

Umsetzung

• OKR (Objectives & Key Results) als agile

Zielphilosophie und -systematik, die die

Mitarbeiter involviert.

Nutzen von Agilität in Unternehmen

Richtig angewandt bringt Agilität in Organisationen viele Vorteile mit sich. Agile

Methoden beschleunigen laut Ergebnissen von Lünendonk in erster Linie die Markteinführung

und erhöhen die Kundenorientierung. Beispiele für erwartete und umgesetzte

Benefits sind deutlich erhöhte Steigerungsraten bei diesen Themen: Teamwork,

Kundenzufriedenheit, Innovationsgeschwindigkeit, Ergebnisqualität sowie

vielen weiteren Aspekten.

Knackpunkt Führungsebene

Gerade im Top-Management sind die Zahlen laut der Scalable Agility Studie von

Lünendonk ernüchternd. Zwar geben 43 Prozent der Führungskräfte an, die Umstellung

auf agile Methoden aktiv voranzutreiben, doch nur 22 Prozent leben agile

Vorgehensweisen im Unternehmen selbst vor. Auch die Incentivierung der Führungskräfte

zahlt lediglich zu 13 Prozent auf agile Kennzahlen ein. Bei der nötigen

Kompetenz der Führungskräfte zeigt sich ein ähnliches Bild: Nur ein Viertel der

befragten Unternehmen geben an, Führungskräfte positioniert zu haben, die Projekte

in einem digitalen Kontext und agilen Modus erfolgreich planen und umsetzen

können.

70 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Machen Maschinen uns

Menschen überflüssig?

Der technische Fortschritt krempelt die Arbeitswelt derzeit kräftig um. Schon heute

arbeiten Roboter, Computer und Co. an vielen Stellen schneller, präziser, günstiger

als Menschen. Nehmen sie uns die Arbeitsplätze weg? Wer Antworten auf diese Frage

sucht, trifft auf zwei Lager: Die Pessimisten auf der einen Seite, die einen Generalangriff

auf Jobs und Löhne befürchten, der Gering- und Hochqualifizierte gleichermaßen

trifft. Auf der anderen Seite stehen die Optimisten. Sie argumentieren, dass

sich die Angst vor technischem Fortschritt in der Geschichte stets als übertrieben

erwiesen hat. Einig sind sich beide Lager allerdings darin, dass die Arbeitswelt derzeit

enorme Verwerfungen durchlebt.

5

Frage

400 Millionen Vollzeitstellen in Gefahr?

Das McKinsey Global Institute (MGI) ist dem in einer großen Studie auf die Spur

gegangen. Schon 2030 könnten demnach 15 Prozent der heute üblichen Tätigkeiten

in verschiedenen Berufen durch Automatisierung ersetzt werden. Weltweit entspräche

das 400 Millionen Vollzeitstellen. Entwicklungsländer seien dabei weniger stark

betroffen als Industrieländer, wo das hohe Lohnniveau starke Anreize zur Automatisierung

biete.

In Deutschland stehen im MGI-Durchschnittsszenario knapp 25 Prozent der Jobs auf

der Kippe. Tritt das Szenario ein, müssten bis 2030 rund acht Prozent der Beschäftigten

auf einen anderen Beruf umsatteln. Das wären drei Millionen Menschen. Eine

Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung kam 2015 zu deutlich

höheren Zahlen. Demnach arbeiten 42 Prozent der Deutschen in Berufen mit einer

hohen Automatisierungswahrscheinlichkeit. Das MGI geht zwar davon aus, dass sich

nur fünf Prozent aller Jobs komplett automatisieren lassen. Doch bei 60 Prozent aller

Berufe könnten mindestens 30 Prozent der Tätigkeiten durch Roboter, Computer und

lernende Systeme übernommen werden. Je weniger vorhersehbar und kreativer eine

Tätigkeit ist, desto geringer schätzt das MGI ihr Potenzial zur technischen Automatisierung

ein. Doch selbst hochqualifizierte Beschäftigte dürften deren Auswirkungen

zu spüren bekommen, sogar Unternehmensvorstände. Ein Viertel ihrer täglichen

Arbeit könne automatisiert werden, so die Denkfabrik, vor allem Analyse- und Planungsaufgaben.

Jobbilanz mittelfristig positiv

Geht uns also die Arbeit aus? Das MGI erwartet das nicht. In Deutschland entstünden

genügend Jobs, um die Verluste zu kompensieren. Auch weltweit wäre die Bilanz unter

bestimmten Voraussetzungen positiv. Behält das MGI mit seinem Durchschnittsszenario

recht, könnten bis 2030 global 390 bis 590 Millionen neue Stellen entstehen

– deutlich mehr als wegfallen. Treiber hinter diesem Jobwachstum sind laut MGI

vor allem die Sektoren Pflege, Gesundheit und Technologie, außerdem Investitionen

in Infrastruktur und erneuerbare Energie. Vor allem schaffe die Automatisierung

mehr Wohlstand, gerade in den Schwellenländern. Weltweit sollen so allein über

300 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen – und neue Märkte, von denen auch

Deutschland profitiere.

Das MGI verweist zudem auf die Geschichte: Der Einsatz bahnbrechender neuer

Technologien habe den Arbeitsmarkt immer erschüttert, jedoch auf lange Sicht viele

neue Jobs geschaffen. Für das Jahr 2030 erwartet das Institut, dass acht bis neun

Prozent der Arbeit in Berufen nachgefragt wird, die es zuvor nicht gab. f

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

71


Innovation

Weni

ist manchmal doch

mehr

loading

Die IT-Branche funktioniert nach

dem Mooreschen Gesetz. Alle

20 Monate verdoppelt sich die

Prozessorleistung, und damit

einhergehend auch der Stromverbrauch

und das Angebot

an neuen Programmen.

Wir haben uns alle daran

gewöhnt. Elmar Schüller nicht.

Der Wirtschafts-, Innovationsund

Designexperte findet:

Wir müssen es wieder schaffen,

das Überflüssige wegzulassen.

72 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

ger

UmweltDialog: Digitalisierung ist in aller

Munde, aber nur wenige hinterfragen den

Trend. Sie verweisen auf den Unterschied

zwischen Dateneffizienz und digitaler

Effizienz. Können Sie uns das näher erläutern?

Elmar Schüller: Eine E-Mail, wo Sie nur

das Wort „Hallo“ schreiben, verursacht

schon zehn Gramm CO 2

. Viele machen

sich darüber keine Gedanken, sondern

überlegen nur, wie sie immer mehr

Daten immer schneller versendet und

gespeichert bekommen. Kein Mensch

fragt hier mal nach der Qualität der Daten:

Brauchen wir die überhaupt alle in

dieser Form? Das beschreibt im Grunde

genommen meinen Ansatz. Es geht

nicht um Moralisieren, sondern darum,

kritisch zu hinterfragen, ob wir diese

Datenberge benötigen.

Oft ist es nämlich so: In dem Moment, in

dem wir die Datenmengen reduzieren,

erhöhen wir damit deren Effizienz. Sie

senken damit zum Beispiel die Fehleranfälligkeit.

Und das gilt im Grunde

genommen auf allen Unternehmensebenen.

Das ist eine organisatorische,

eine sicherheitsrelevante, in Corona-

Zeiten eine gesundheitsrelevante und

damit auch eine nachhaltige Effizienz.

Gerade jetzt in der aktuellen Krisenzeit

sehen wir, dass aufgrund der Einrichtung

von Home-Office-Arbeitsplätzen

die Datenleitungen vollkommen überlastet

sind. Die damit einhergehenden

Arbeitszeit- und Effizienzverluste sind

bereits jetzt immens. Und das ist erst

der Anfang.

Damit stellen Sie die vorherrschende

IT-Landschaft ziemlich in den Regen. Die

Datenmengen haben doch einen Grund,

oder?

Als ich zu diesem Business gestoßen

bin, habe ich gesagt: Ich mache das nur,

wenn wir den Software-Markt komplett

neu denken. Wenn wir genau das Gegenteil

von dem tun, was da zurzeit passiert.

Was passiert gerade? Microsoft, Apple,

Google und alle anderen haben das Geschäftsmodell

der Abhängigkeit. Wenn

ich zum Beispiel einmal Office benutze,

muss ich mir immer wieder eine neue

Lizenz kaufen. Wenn ich einen neuen

Mitarbeiter habe, muss der die auch bekommen.

Dann kommt ein Update und

sie bangen danach, ob anschließend der

Drucker überhaupt noch da ist, ob sie

wieder neue Treiber installieren müssen

etc. Das sind alles potenzielle Fehlerquellen,

die wir im Grunde genommen

nicht brauchen.

Nebenbei erwähnt, haben wir gerade

getestet, dass ein PC mit einem Office-

Paket darauf einen ca. 400 Mal so hohen

Energieverbrauch beim Start hat als ein

Computer, den Sie unter Linux mit denselben

Funktionen starten. Das bedeutet,

dass also diese Systeme zu komplex

geworden sind, obwohl ich nur einen

Bruchteil der Systeme benutzen kann

und muss.

Unser Ansatz ist, dass wir alles weglassen,

was der Kunde nicht braucht,

und nur die Funktionen aktivieren, die

wirklich relevant sind. Das macht das

System schlank und schnell. Außerdem

erzeugen wir keine Abhängigkeiten

von Unternehmen. Sie sollen das, >>

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

73


Innovation

"

Sie müssen es

einfach immer

wieder schaffen,

das Überflüssige

wegzulassen.

was wir für sie entwickeln, auch selbst

verändern können und damit arbeiten,

so wie sie es brauchen.

So haben wir zum Beispiel für einen

großen deutschen Flughafen das gesamte

Berechtigungsmanagement neu

gemacht: Das umfasst sehr, sehr viele

Personen, die Besucher, das gesamte

Sicherheitspersonal, das Kantinen-

Management und vieles mehr. Das gesamte

Programm würde auf einem kleinen

Raspberry Pi-Rechner in derselben

Geschwindigkeit wie vorher auf allen

drei Rechenzentren des Flughafens zusammen

laufen. Das ist digitale Effizienz.

Häufig ist das Denken in Unternehmen:

Um so komplizierter etwas ist, desto komplexer

muss es ja auch sein. Genau darin

unterscheiden Sie sich, korrekt?

Fotos: Annegret Breilmann

Ja, und es funktioniert. Wir arbeiten ja

auch für Behörden, Großunternehmen

aus der Logistik und der Industrie sowie

Ministerien im Mittleren Osten.

Das sind alles hoch komplexe Projekte,

die man auch ohne überbordende Kompliziertheit

lösen kann. Goethe hat das

Prinzip in einem Brief an seine Liebste

treffend auf den Punkt gebracht: „Meine

liebste Lotte, leider hatte ich nicht mehr

Zeit, dir weniger zu schreiben.“

Sie müssen es einfach immer wieder

schaffen, das Überflüssige wegzulassen.

Und es gibt bei uns eine Regel: Wir machen

keine Ausnahmen. Und wenn das

Projekt noch nicht so weit ist, dann ist es

noch nicht gut. Das große Problem heutzutage

in der ganzen Software-Branche

ist doch, das alles immer nur Ausnahmen

sind. Und wenn Sie dann eben halt

ein Rädchen da irgendwo ändern, dann

bricht Ihnen das ganze Kartenhaus zusammen.

Und das wollten wir vermeiden.

Und deswegen agieren wir da komplett

anders.

Unternehmen machen das alles nicht aus

Spaß an Technik, sondern weil sie innovativ

sein wollen. Was macht dann für Sie

heutzutage ein innovatives Unternehmen

aus?

Zum Thema Innovation muss ich mal

grundsätzlich sagen, dass ich der festen

Überzeugung bin, dass wir heutzutage

so gut wie nichts mehr neu erfinden

müssen. Wir müssen nur das, was da

ist, so intelligent und neu miteinander

verknüpfen und anpassen, dass daraus

etwas Intelligentes, Neues neu entsteht.

Naja, das hat IBM früher auch gesagt und

zum Beispiel überhaupt keinen Bedarf

geschweige denn Markt für Computer im

Privathaushalt gesehen. Damit lagen sie

aber gehörig falsch…

Wenn Sie sich den Erfolg von Apple anschauen,

dann hängt der damit zusammen,

dass das Fraunhofer-Institut die

MP3-Technologie entwickelt hat. Da ging

es darum, komprimierte Daten schneller

durch die Leitungen zu bekommen.

Diese Erfindung selbst hat eigentlich

keinen Wert. Der Wert kam erst, als Apple

angefangen hat, daraus ein Produkt

zu entwickeln. Und was hat Steve Jobs

getan? Er hat erkannt, dass sich der

Musikmarkt komplett ändert. Damals

kamen die ganzen Tauschbörsen, Napster

& Co., auf, und Apple hat daraufhin

angefangen, mit iTunes auf Basis der

MP3-Technologie einen ganz neuen Bu-

74 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Elmar Schüller ist Initiator,

Gründer und Präsident des

Innovative Living Institutes,

das Unternehmern hilft,

zukunftsorientierte Produkte

und Dienstleistungen zu

entwickeln. Schüller hat

vorher 19 Jahre lang als

geschäftsführender Gesellschafter

und Vice President

den renommierten „red

dot design award“ zu einer

globalen Designwährung

mitentwickelt. Er lehrt an

der International School of

Management.

rechts, was der Wettbewerb macht, und

nicht nach vorne. Wenn Sie dann als

angestellter Manager in einem großen

Unternehmen etwas Neues beginnen,

dann gehen Sie damit gleichzeitig auch

ein hohes Risiko ein. Das Risiko nämlich,

dass wenn es gut wird, der Chef

sagt: War sowieso meine Idee. Und

wenn es schlecht wird, hat es jeder

andere im Haus schon vorher gewusst.

Das sind systemische Hürden, die es im

Unternehmen aufzulösen gilt. Die einzigen

Unternehmen, die in den letzten

Jahren wirklich erfolgreich waren, wie

etwa Dyson, haben alle „out of the box“

gedacht.

Da verlangen Sie aber sehr viel Mut und

Risikobereitschaft…

"

Für uns bedeutet

Nachhaltigkeit

die Reduktion

aufs Wesentliche.

siness Case zu entwickeln. Und das ist

eigentlich das Besondere damals gewesen.

Ich muss auch nach wie vor sagen,

das war einer der größten Coups in der

IT-Branche, die es jemals gegeben hat.

Als Unternehmer müssen sie im Grunde

genommen andersrum anfangen: Wir

dürfen nicht technologische Entwicklungen

entwickeln und uns fragen, wie wir

die an den Mann bekommen, sondern

wir müssen uns anschauen, wie sich die

Bedürfnisse der Menschen, der Kunden

verändern. Was sind deren Ängste, was

sind deren Sehnsüchte, und was bedeutet

das für mein Business? Das können

Sie auf alle Lebens- und Industriebereiche

übertragen.

Das Erkennen von Trends ist so eine Sache:

Dafür braucht es mutige Unternehmer.

Viele haben aber mindestens so große

Angst davor, entweder durch Zaudern

den Anschluss zu verpassen oder mit einer

neuen Ideen daneben zu liegen. Was

sagen Sie zu diesen beiden Ängsten?

Das größte Problem von Unternehmen

ist, dass sie nur in Branchen-Kategorien

denken. Im Grunde genommen

schauen Sie immer nach links und

Wie wir ja alle sehen, werden die Zyklen

der Welt immer kürzer. Und da muss ich

mir als Unternehmer überlegen, wie ich

damit umgehe. Und ich muss dafür Innovationen

schaffen. Es geht nicht nur

darum, mutig zu sein, sondern es geht

im Grunde genommen darum, neue

Verknüpfungen zu entwickeln, um aus

dem bereits Bekannten etwas Neues zu

erschaffen.

Ist Nachhaltigkeit dabei nicht auch schon

ein mutiger Schritt? Das verlangt ja häufig

einen Pfadwechsel und das Verlassen

des gewohnten Trotts.

Für uns bedeutet Nachhaltigkeit die Reduktion

aufs Wesentliche. Weil wir sagen,

diese hippen Funktionen, die derzeit

die ganzen IT-Experten empfehlen,

benötigen wir nicht. Wir brauchen es

nicht, um effizient und effektiv zu sein.

Im Gegenteil, es stört, weil es Fehlerquellen

verursacht und weil es im Übrigen

auch noch eine zeitliche Abnutzung

hat. Das ist für mich auch eine Form von

Nachhaltigkeit. Wenn ich einmal etwas

richtig mache und es auf den Punkt

gebracht habe, dann muss ich es auch

nicht immer wieder mit irgendwelchen

neuen Sicherheits-Updates usw. überarbeiten

und erweitern.

Vielen Dank für das Gespräch! f

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

75


Innovation

Advertorial

Fotos: MAN

MAN

The Next Generation

Wie können Kraftfahrer am komfortabelsten arbeiten,

Digitalisierungsprozesse vereinfacht und die Emissionen

gesenkt werden? Die Transportbranche steht aktuell vor

großen Herausforderungen. Mit der neuen MAN Truck

Generation hat MAN das bestmögliche Fahrzeug für die

Kunden entwickelt, mit dem sie die Marktumbrüche

meistern können.

Roter Pulli und Standard-Jeans:

Dr. Manuel Marx, Leiter der

Gesamtfahrzeugentwicklung bei

MAN, kommt für einen Top-Entwickler

herrlich normal daher: „Wir sind keine

Freaks im Elfenbeinturm, die verrückte

Erfindungen entwickeln“, sagt Marx.

„Unsere Projekte orientieren sich an den

Bedürfnissen der Kunden. Die Ergebnisse

müssen den Nutzen und die Kosten

richtig ausbalancieren, um marktfähig

zu sein.“ Marx hat die vergangenen fünf

Jahre seines Berufslebens vor allem an

der neuen MAN Truck Generation gearbeitet,

die das Unternehmen im Frühjahr

auf den Markt gebracht hat.

Neben ihm waren insgesamt zirka

2.100 MAN-Mitarbeiter an dem Projekt

beteiligt. Darüber hinaus involvierte

das Unternehmen auch 150 Kunden

aus verschiedenen Ländern, um ihre

76 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

Für jeden Einsatzzweck gibt

es das passende Fahrerhaus,

wobei eine leichte

Bedienbarkeit, Ergonomie

und ein hoher Wohnkomfort

mit genügend Bewegungsfreiheit

im Fokus stehen.

Anforderungen herauszuarbeiten und

in dem neuen Fahrzeug zu integrieren.

„Wir haben die Stärken des MAN-Trucks

deutlich verbessert, seine Schwächen

behoben und ihn mit der neuen EE-Architektur

auf die Zukunft vorbereitet“,

so Marx. „Das hier ist nun der optimal

austarierte Lkw.“

Der Fahrer steht im Mittelpunkt

Dabei konzentrierten sich die Entwickler

von MAN insbesondere auf die Fahrerkabine

und haben sie innen neu entworfen.

Zehn Jahre Forschung und Entwicklung

mit über 740 Testanwendern

haben das ermöglicht. „Wir haben den

Lkw-Fahrer bewusst in den Fokus der

Entwicklung gerückt. Unsere Aufgabenstellung

war: Wie können wir dem Fahrer

seine Tätigkeit erleichtern und außerdem

seinen Wohn- und Schlafkomfort

verbessern?“, erklärt Stephan Schütt,

der als Chefentwickler Kabine / Chassis

für die Modernisierung der Fahrerkabine

verantwortlich war. Das Ergebnis:

Für jeden Einsatzzweck gibt es das passende

Fahrerhaus, wobei eine leichte

Bedienbarkeit, Ergonomie und ein hoher

Wohnkomfort mit genügend Bewegungsfreiheit

im Fokus stehen. Wichtige Punkte,

um neue Mitarbeiter zu gewinnen,

fehlen der Transportbranche in Europa

doch aktuell 50.000 Fahrer.

Neben dem Fahrermangel ist auch die

Digitalisierung eine weitere Herausforderung

für das Transportwesen: „Digitale

Services machen das Geschäft

zwar wesentlich effizienter und helfen,

höhere Margen zu realisieren. Aber die

Kehrseite ist die größere Komplexität,

die vielen unserer Kunden zu schaffen

macht“, so Joachim Drees, Vorstandsvorsitzender

von MAN Truck & Bus. „Und

schließlich ist das Thema Nachhaltigkeit

von entscheidender Bedeutung. Der Gesetzgeber

verlangt eine deutliche Reduzierung

des CO 2

-Ausstoßes. Bis 2025 um

15 Prozent, bis 2030 um 30 Prozent.“

Simplifying Business

Als Antwort auf diesen Transformationsprozess

haben die Mitarbeiter von

MAN eine neue LKW-Baureihe entwickelt,

deren Standardsattelzugmaschine

mit D26-Motor bis zu acht Prozent weniger

Kraftstoff verbraucht, wodurch die

Emissionen und damit die Betriebskosten

gesenkt werden. Außerdem wurde

die Nutzlast verbessert (bis zu 230 Kilogramm

zusätzlich) und die Uptime optimiert.

„Mit MAN ServiceCare bieten wir

ein proaktives Wartungsmanagement

an, mit dem dank vorausschauender

Planung und intelligenter Bündelung

von Wartungsterminen die Fahrzeugverfügbarkeit

nochmals deutlich gesteigert

werden kann“, sagt Drees.

Um sicherzustellen, dass der technische

Standard des neuen Trucks nicht in ein

paar Jahren überholt ist, verwendet das

Unternehmen eine komplett neue Elektronikarchitektur,

die das Nachrüsten

weiterer Sensoren und Funktionen ermöglicht.

Dadurch können alternative

Antriebe, neue Assistenzsysteme oder

Automatisierungsfunktionen integriert

werden. Voll vernetzt bietet der Lkw

eine Infrastruktur, die offen für künftige

digitale Anwendungen ist. „Er [der

Kunde] bekommt von uns das beste Gesamtpaket

am Markt, mit dem wir ihm

seinen Job einfacher machen. Genau

darum geht es. Das meinen wir mit unserem

Markenversprechen: Simplifying

Business.“

Einzigartiges Erlebnis

Welche Dimensionen die Markteinführung

der neuen MAN Truck Generation

hat, wird daran deutlich, dass MAN

nicht nur ein einzelnes Fahrzeugmodell,

sondern das gesamte Produktportfolio

modernisiert hat. Kein leichtes Unterfangen,

ist doch die Entwicklung eines

Lkw komplexer als die eines Automobils.

Der letzte Launch dieser Größenordnung

war für das Unternehmen der

MAN TGA im Jahr 2000. „Ein solches

Ereignis erleben die meisten Mitarbeiter

nur einmal in ihrem Berufsleben. Da ist

es klar, dass sich alles im Unternehmen

über Jahre darauf fokussiert. Schließlich

ist die neue Truck Generation künftig

das Aushängeschild von MAN“, sagt

Drees. f

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

77


Innovation

Driven by

Purpose:

Eine

neue

Ära?

Von Dominic Veken

Die Menschheit steht an

der Schwelle zu einer zweiten

Renaissance: Visionäre

Unternehmen zeigen, welche

Potenziale das Streben nach

Höherem entfalten kann.

Wie mögen wohl die Menschen in 50

oder 100 Jahren über die heutige Zeit

denken und urteilen? Einerseits gab

es Milliarden von Menschen, die täglich

ihren Routinen folgten, streng reguliert

lebten und arbeiteten, um sich

mit imageträchtigen Konsumgütern zu

umgeben, dabei sehnsüchtig auf ihre

Rente warteten und es höchstens am

Wochenende mal so richtig krachen ließen.

Dann gab es Milliarden Menschen,

die sich das alles nicht leisten konnten

und täglich qualvoll um ihr Existenzminimum

kämpfen mussten. Dazu kam

eine globalisierte Industrie, die, angetrieben

von ihrer Profitsucht, Natur und

Mensch als Heizmaterial für den immer

weiter vorangetriebenen Fortschritt verbrauchte.

Aber worin bestand dieser

Fortschritt eigentlich, werden sich künftige

Generationen fragen: in einer rasant

wachsenden Zahl von Depressionen und

Erschöpfungszuständen? In einem größeren

Artensterben, dem Vordringen

von immer mehr Autokraten und Despoten,

dem Wandel des Klimas, dem Clash

der Kulturen?

Wahrscheinlich werden die Menschen

in etwas fernerer Zukunft unsere gegenwärtigen

Handlungsstrategien so

absurd finden wie wir heute die mittelalterlichen

Praktiken des Aberglaubens

und Ablasshandels, der Alchemie, Hexenvertreibung

und Inquisition. Aber

was werden sie dann anders machen,

und wie werden sie anders wirtschaften

als wir heute?

Eine neue Renaissance

Vor mehr als 500 Jahren vollzog sich ein

fundamentaler Wandel im menschlichen

Denken und Handeln: Die Renaissance

stellte vieles auf den Kopf, was vorher

Selbstverständlichkeit war, entdeckte

das Selbst als Mittelpunkt der Welt, befreite

es aus seiner Einfügung in eine

göttliche Ordnung und übertrug ihm

die Verantwortung der Selbst-Bestimmung.

Dieser Schritt leitete ein neues

Zeitalter ein, die Neuzeit, in der Freiheit

und Wohlstand, Glücksmaximierung

und Weltbeherrschung die zentralen

Programmbausteine der Menschheit

wurden. Ein neues Denken bildete den

Rahmen für ein anderes Handeln.

Die Zeit gab nun den Ton an. Sie wurde

knapp und trieb die Entwicklung in

einen Beschleunigungsrausch, der bis

heute andauert, der uns aber mittlerweile

auch rasant an die Grenzen unserer

Möglichkeiten und an die der Welt

bringt. Es knirscht und kracht an allen

Ecken und Enden. Es scheint, als könnten

wir mit dem nun jahrhundertelang

antrainierten neuzeitlichen Denken, das

uns ursprünglich befreite, die selbsterzeugten

Probleme nicht mehr lösen.

Die logische Konsequenz kann da nur

lauten, ein neues Denken zu initiieren,

das den Rahmen sprengt, in dem wir

operieren, das eine völlig neue Perspektive

eröffnet. So wie die Renaissance die

heiligen Kühe des Mittelalters schlachtete,

müsste eine erneute Zeitenwende viele

unserer heutigen Selbstverständlichkeiten

auf die Müllhalde der Geschichte

verfrachten. Damit wäre der Weg frei

gemacht für ein Zeitalter, in dem die

Absurdität unseres heutigen Vorgehens

plötzlich offensichtlich würde und die

sinnvolle Neuausrichtung zur zwangsläufigen

Folge. Doch worin bestehen die

uns behindernden heiligen Kühe?

Der Philosoph Charles Taylor hat in seinem

epochalen Werk „Die Quellen des

Selbst“ einige überkommene Selbstverständlichkeiten

der Neuzeit freigelegt.

Zwei davon sind im diesem Kontext

entscheidend: zum einen der omnipräsente

Utilitarismus. Wir bewegen uns

gegenwärtig in einem engmaschigen

Mittel-Zweck-Gewebe, das uns mit

seiner quantifizierbaren Rationalität

jederzeit den Weg zur maximalen Lösung

weist: ein in sich abgeschlossenes

System, das jedwede Gegenperspektive

ausschließt. Damit zusammenhängend

hat sich die „Bejahung des gewöhnlichen

Lebens“ als Generalmoral globalen

Handelns durchgesetzt. Produktion

und Reproduktion sind demnach unser

alleiniger profaner Lebenszweck, der

den Vorteil hat, ebenso mit einer quantifizierbaren

Rationalität abgebildet werden

zu können. Alles andere ist da bes-

78 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

tenfalls Esoterik und schlimmstenfalls

gefährlich. Das nicht Quantifizierbare

wird in irrationale Bereiche wie den der

Religion abgeführt, wo es mittlerweile

unübersehbar Blüten treibt. Qualitative

Unterscheidungen wie die Idee eines

höheren Lebens und Strebens wurden

hierbei einfach zugunsten der quantitativen

Konzepte größtmöglicher Zahlen

geopfert. Die Vorstellung des „Höheren“

als Sinngeber und Leitinstanz wurde

quasi wegrationalisiert. Das Resultat:

Die Menschen stürzen sich „kopfüber in

ihr homogenes Universum der rationalen

Berechnung“ (Taylor).

Etwas Höherem dienen

Wenn wir an diesem Zustand etwas

ändern wollen, müssen wir das grundlegend

tun. Wir müssen dem Qualitativen

gegenüber dem Quantitativen

wieder zu seinem Recht verhelfen, die

Unterscheidung von Pflicht und Neigung

aufgeben und eine riesengroße

Bresche schlagen für die Begeisterung,

sich etwas Größerem, Höherem zu widmen,

darin einen Sinn zu erkennen und

sich dafür zu engagieren mit allem, was

man ist und was man hat. Großartige

Unternehmen tun heute genau das: Sie

widmen sich einem großen, manchmal

sogar ehrenvollen Sinn – und machen

Unternehmenszwecke wie „Umsatz“

oder „Gewinn“ zum nachgelagerten Erfüllungsgehilfen:

• SpaceX hat die Besiedlung des Mars

in den nächsten zwanzig, dreißig Jahren

zu seiner Mission auserkoren

• Viva con Agua ermöglicht die Wasserversorgung

in Problemgebieten

• Starbuck’s will seine Cafés zum „Third

Place“ (neben Arbeit und Zuhause) in

unserem Leben machen

• Lego arbeitet dafür, dass das gute

Spielen auf der Welt triumphiert

• Google verfolgt das Ziel, uns alle Informationen

der Welt zugänglich machen

Gewiss kann man unterschiedlicher

Meinung darüber sein, ob dies alles

unmittelbar zur Verbesserung der Welt

führt. Meine These aber ist: In den genannten

Fällen tut es dies zumindest

mittelbar, weil jedes Unternehmen, das

aus dem reinen Mittel-Zweck-Utilitarismus

ausbricht und deutlich mehr verfolgt

als die Maximierung der finanziellen

Profite, zu einem Übertritt in das

neue Zeitalter beiträgt. In das Zeitalter

des Sinns, in dem die heiligen Kühe des

Utilitarismus und der „Bejahung des gewöhnlichen

Lebens“ ersetzt werden.

Die große Lust des

Lebens und

Arbeitens besteht

dann nicht im

Maximieren von

Materiellem und

Erlebnissen,

sondern in der

Begeisterung und

der Leidenschaft

beim Folgen

„höherer“ Tugenden.

Die Pointe ist: Unternehmen und Menschen,

die „Driven by Purpose“ sind,

die einen „höheren“ Sinn in den Mittelpunkt

ihres Wirkens stellen, eröffnen

eine neue Perspektive. Wo diese Perspektive

genau hinführen wird, können

wir noch nicht wissen. Wir können aber

annehmen, dass sie uns deutlich mehr

Möglichkeiten gibt, mit den Problemen

der Neuzeit umzugehenund uns zugleich

die Kraft einer intrinsischen

Motivation bereitstellt, die uns mit der

Energie zur Veränderung und Verbesserung

der Welt versorgt. Die große Lust

des Lebens und Arbeitens besteht dann

nicht im Maximieren von Materiellem

und Erlebnissen, sondern in der Begeisterung

und der Leidenschaft beim Folgen

„höherer“ Tugenden.

Die Wiederentdeckung von Sinn, von

Höherem und Größerem im ökonomischen

und lebenspraktischen Alltag

bietet uns die Möglichkeit, die Menschheit

in eine völlig neue Ära, in ein neues

Zeitalter zu überführen – so wie beim

Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit,

nur sehr viel kondensierter. Darin liegt

ein enormes Begeisterungspotenzial.

Lassen Sie es uns gemeinsam nutzen! f

Foto: The Cheroke / stock.adobe.com

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

79


Innovation

FORSCHUNGSNEWS

ENERGIEWENDE

Foto: hiLyte

Fotos: Steve Suib / uconn.edu

Bild oben:

Grüne Batterie

Bild unten:

Neuer Katalysator

Grüne Batterien erhellen die Dritte

Welt

Forscher des Start-ups hiLyte haben

eine grüne Batterie für die Dritte Welt

entwickelt, die für Licht sorgen oder

Smartphones laden kann. So sollen Power

Banks, die herkömmliche Batterien

benötigen, und umweltbelastende Kerosinlampen

abgelöst werden. Die ersten

Batterien dieser Art werden gerade von

Familien in Tansania getestet.

Die hiLyte-Lösung setzt auf leicht zu

beschaffende, preiswerte Ausgangsmaterialien.

Zunächst füllen die Besitzer

Eisenfolie, Kohlenstofffilz und Kaffeefilterpapier

in die Kammern der Batterie.

Dann gießen sie Wasser, in das

Eisensulfat eingerührt wird, in den

Stromspeicher. Diese Flüssigkeit saugt

das Filterpapier auf, sodass die Eisenfolie

langsam aufgelöst wird. Bei diesem

Prozess werden Elektronen frei, die sich

als elektrischer Strom nutzen lassen.

Altbatterie taugt als Dünger

Die Nutzer des Stromspeichers können

diesen über einen USB-Anschluss zur

Versorgung von elektronischen Geräten

wie Smartphones und Laptops und

von Leuchtdioden nutzen. Eine Lampe,

die zum Lesen und Lernen am Abend

ausreicht, leuchtet damit fünf Stunden

lang. Zum Schluss befindet sich in der

Batterie Eisen(II)Sulfat, das zwar ätzend

ist, aber als Dünger genutzt werden

kann.

Eine Ladung kostet zwölf Cent

von Kerosin, das zudem nur für die Beleuchtung

reicht.

Sprit aus CO 2

?

Forscher haben einen Katalysator entwickelt,

der CO 2

leichter, billiger und effektiver

als bisher in wertvolle Produkte

wie Treibstoffe umwandelt.

Konkret hat das Team um Yongtao

Meng, der inzwischen an der Stanford

University forscht, eine elektrochemische

Zelle entwickelt, die mit einem

porösen, schaumartigen Katalysator

gefüllt ist, der wiederum aus Eisen und

Nickel hergestellt wurde. Beide Metalle

sind auf der Erde reichlich vorhanden

und daher billig.

Das heute am besten funktionierende

Verfahren, CO 2

elektrochemisch zu verändern,

benötigt einen Kat, der Platin

enthält. Das verteuert die Technik, sodass

sie bislang weit entfernt ist von der

Rentabilität.

Der neue Kat ist nicht nur weitaus billiger

als der platinhaltige, er ist auch effektiver.

Er wandelt nahezu 100 Prozent des

eingesetzten CO 2

in CO um. „Ein gutes

Umwandlungsverfahren hat eine Effektivität

von 90 bis 95 Prozent“, sagt Institutsdirektor

Steve Suib. Doch diese Prozesse

seien oft instabil, benötigten hohe

Spannungen und seien teuer. „Das alles

vermeidet die neue Technik“, so Suib.

Jetzt wird an einer industriell einsetzbaren

Lösung gefeilt.

Die Batterie kostet nach derzeitiger

Kalkulation einmalig zwölf Dollar. Pro

Ladung sind zum Kauf der Ausgangsmaterialien

noch einmal zwölf Cent nötig.

Das ist weitaus billiger als der Einsatz

80 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


Innovation

TIERSCHUTZ

„Leder“ ohne Tierhäute

Evonik hat in ein Start-up zur nachhaltigen

Herstellung biotechnologischer

Materialien investiert, die vom Leder

inspiriert sind, jedoch die Verwendung

von Tierhäuten überflüssig machen.

Die richtungsweisende Technologie von

Modern Meadow produziert über einen

Fermentationsprozess mit Hefezellen

tierfreies Kollagen, ein Protein, das ein

natürlicher Bestandteil von Tierhäuten

ist.

Die Geschäftsidee hat Zukunft: Die

Nachfrage der Verbraucher nach

nicht-tierischen Produkten steigt rasant.

Der Markt für tierisches und

künstliches Leder wird auf 190 Milliarden

US-Dollar geschätzt, mit zahllosen

Anwendungen wie in der Automobil-,

Schuh-, Möbel-, Bekleidungs- und Taschenindustrie.

Biologisch produziertes Kollagen

Grundsubstanz ist Kollagen: Das ist in

vielen Anwendungsbereichen zu finden,

die weit über jene von lederähnlichen

Materialien hinausgehen. Als das

am häufigsten vorkommende Protein

im menschlichen Körper kann es auch

für pharmazeutische und medizinische

Anwendungen eingesetzt werden. Kollagen

fördert die Wundheilung, steuert

die Geweberegeneration und kann die

Haut revitalisieren.

Die jetzt beschlossene Kooperation mit

Evonik erlaubt es dem Start-up, die Produktion

auf einen kommerziellen Maßstab

zu bringen und gleichzeitig bestehende

Prozesse zu optimieren. Die neue

Technologie eröffnet zahlreiche Möglichkeiten,

lederähnliche Materialien

mit neuen Eigenschaften zu schaffen,

wie beispielsweise durch ein geringeres

Gewicht, neue Verarbeitungsformen

oder Musterungen.

Roboterfische ersetzen Tierversuche

Jedes Jahr werden bis zu 450.000 Fische

in Tierversuchen eingesetzt, nur um

herauszubekommen, ob die Turbinen

von Wasserkraftwerken fischverträglich

sind. Diesem Treiben hat der Gesetzgeber

jetzt Einhalt geboten. Künftig könnten

Roboterfische genauso gut Informationen

über Strömungsbedingungen

und zu erwartende Schädigungen von

Fischen in europäischen Flusskraftwerken

geben.

Wissenschaftler der Universität Magdeburg

entwickeln dazu teilautonome Robotersysteme

und Simulationsmodelle,

die den Einsatz lebender Fische für Gutachten

reduzieren und langfristig vermeiden

sollen. „Die Behörden schreiben

aufgrund der Europäische Wasserrahmenrichtlinie

vor, für Wasserkraftanlagen

an Fließgewässern per Gutachten

nachzuweisen, dass die Anlagen für

Fische und andere Flussfauna passierbar

sind“, erläutert Stefan Hoerner

vom Institut für Thermodynamik und

Strömungsmechanik der Universität

Magdeburg. „Dafür wurden allein 2015

450.000 Fische, meist aus Wildfängen,

eingesetzt.“ Für die Tiere bedeute das

extremen Stress, und die Mortalität

liegt, wenn es sehr gut läuft, bei rund

zehn Prozent.

Die künftigen Roboterfische werden

eine Fülle an Druck- und Beschleunigungssensoren

besitzen. Die damit bei

ihrem Einsatz in Wasserkraftwerken

erfassten Daten erlauben es den Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftlern

dann, ohne Tierversuche Vorhersagen

und Hochrechnungen zu Schädigungsrisiken

zu treffen.

Bild oben:

Leder ohne Tierhäute

Bild mitte:

Modern Meadow entwickelt

lederartige Werkstoffe

Bild unten:

Tests an Prototypen des

Roboterfisches im Wasserkanal

Foto: Jana Dünnhaupt / Universität Magdeburg Foto: Evonik

Foto: Evonik

Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de

81


Innovation

guter

Letzt

Zu

Grafik: Grafik: strichfiguren.de strichfiguren.de stock.adobe.com

/ stock.adobe.com

Das Büroklammer-

Dilemma

Die meisten Probleme

auf der Welt sind von

Menschen verursacht.

Das scheint unstrittig.

Aber wie lösen wir sie?

Nicht wenige argumentieren,

dass künstliche Intelligenz

rationalere und

damit bessere Entscheidungen

treffen würde. Kritiker

fürchten, dass wir

dabei die Kontrolle über

die intelligenten Maschinen

verlieren. Mag

sein, aber gehen wir noch einen Schritt zurück: Wer

sagt eigentlich, dass KI Probleme besser lösen kann?

Der britische Philosoph Nick Bostrom ist in einem absurd-genialen

Gedankenspiel genau dieser Frage nachgegangen.

Was ist, wenn wir einem Supercomputer die

einfache Aufgabe stellen würden: Bitte produziere so

viele Büroklammern wie möglich. Büroklammern sind

ein einfaches Produkt. Daran kann die KI Produkt-,

Beschaffungs- und Verteilungs-Prozesse üben. Und

tatsächlich legt der Supercomputer im Experiment los.

Mit unerbittlicher Effizienz erweitert und optimiert

die KI sich selbstständig und wird zur weltgrößten

Produktionsanlage für Büroklammern. Zur Intelligenz

gehört dabei auch, dass sie nicht nur die Produktivität

steigert, sondern eben auch die Effizienz der Produktion.

Um ihren Auftrag zu erfüllen, konsumiert die Maschine

daher sämtliche planetaren Metallreserven und

verarbeitet sie zu Büroklammern. Auf der Suche nach

weiteren Rohstoffen zerlegt sie anschließend Autos,

Gebäude und alles, was metallisch ist. Immer noch ist

die Effizienz nicht ausgereizt: Die Maschine entwickelt

Innovationen dahingehend weiter, dass sie jede Form

von Materie in Elementarteilchen zerlegt und für die

Produktion nutzbar macht. Dazu zählt natürlich auch

alles Leben auf der Erde, einschließlich der Menschheit.

Am Ende des Gedankenexperiments ist unser Planet

eine leblose Büroklammerhalde. f

IMPRESSUM

UmweltDialog ist ist ein unabhängiger Nachrichtendienst

rund um die Themen Nachhaltigkeit und Corporate Social

Responsibility. Die Redaktion von UmweltDialog berichtet

unabhängig, auch von den Interessen der eigenen Gesell-

schafter, über alle relevanten Themen und Ereignisse aus

Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Herausgeber:

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87

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Fax: 0251 / / 200782-22

E-Mail: redaktion@umweltdialog.de

Redaktion dieser Ausgabe:

Dr. Elmer Lenzen (V.i.S.d.P.), Sonja Scheferling,

Elena Köhn, Ulrich Klose

Bildredaktion:

Marion Lenzen

Gestaltung:

Gesa Weber

Lektorat:

Marion Lenzen, Bettina Althaus

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82 Ausgabe 13 | Mai 2020 | Umweltdialog.de


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