Ulf Miehe - Facetten eines Autors

photeurberlin

Ulf Miehe – Facetten eines Autors ist der Versuch einer Biografie in Selbstzeugnissen und Dokumenten, die einen Überblick zu Leben, Persönlichkeit und Werk des Schriftstellers, Filmautors und Regisseurs Ulf Miehe (1940 Wusterhausen|Dosse – 1989 München) geben. Zitate verbinden sich mit Aussagen von Zeitzeugen, Interviews, Essays von renommierten heutigen Autoren und Bildzeugnissen. So entsteht ein facettiertes Bild von Ulf Miehes Denken und Schreiben.
Durch das hier zusammengetragene Material eines kreativen Lebens voller Wendepunkte werden auch die gesellschaftlichen Spannungen thematisiert, aus denen ein knappes Werk seine große Lebendigkeit schöpft.
Herausgegeben von Horst Kløver, Angelika Miehe und dem Wegemuseum Wusterhausen|Dosse.

Mystisches Raunen und Politpop

Die Lyrik von Ulf Miehe

Ein Essay des Autors und Lyrikers Lutz Steinbrück

Als Literat machte sich Ulf Miehe vor allem mit Kriminalromanen einen Namen.

Kaum rezipiert – und weitgehend unerforschtes Terrain – sind Miehes Gedichte.

Als Teil seines Frühwerks entstehen die ersten 1958, als der 18-Jährige in Bielefeld

eine Buchhändlerlehre beginnt. In seinem Wirken als Künstler, dessen Fokus ab

1970 auf Filmen, Drehbüchern und Krimis liegt, bleibt die Lyrik eine an den

Zeitgeist der 1960er Jahre gebundene Etappe oder Zwischenstufe auf dem Weg

zu anderen, ihm adäquater scheinenden Ausdrucksformen. Nichtsdestotrotz

punktet Ulf Miehes Lyrik nicht nur im Kontext ihrer Entstehungszeit mit einer

eindringlich-prägnanten Bildsprache, die über die Lektüre hinaus nachwirkt.

In den 1960er Jahren sind ihm Gedichte probate Form, um sich literarisch zu

äußern. 1962 erscheint ein erster schmaler, selbst publizierter 20-seitiger Lyrikband

im sogenannten „Sphinx Verlag“ (Bad Salzuflen) in sehr kleiner Auflage:

Gedichte von Gertrud Höhler und Ulf Miehe. Beide steuern je sechs Texte bei.

Gedruckt wird bei Miehes damaligem Arbeitgeber, dem Sigbert Mohn Verlag in

Gütersloh.

Der Sound seiner Gedichte zeigt sich darin verklärt-subjektivistisch und bildsprachlich

an Naturlyrik orientiert: „Sag mir, wenn die Spur des Wildes im Sommer

verweht ist, / so daß ich, / wahrscheinlich im Herbst, die Verfolgung aufnehmen

kann, ohne zu erröten“ (Auszug, Seite 16). Der Band ist nur antiquarisch

verfügbar und in der Nationalbibliothek nicht als offizielle Miehe-Publikation

gelistet.

Unveröffentlicht blieb seine 1966 finalisierte Gedichtsammlung In diesem lauten

Lande. Diese wurde Angelika Miehe zufolge von Freunden vorbestellt, aber

nie herausgebracht. Es soll Probedrucke gegeben haben.

Das Licht der Öffentlichkeit erblickte hingegen sein 1969 veröffentlichtes Buch

Ab sofort liefern wir folgende Artikel auf Teilzahlung – Eine Politpornografie

(Klaus Bär Verlag, Berlin). Ein wilder, vom 68er-Zeitgeist inspirierter Mix

mit Collagen aus Zeitungsartikeln, Comicszenen, autobiografischen Prosa-Fragmenten

sowie eigenen Gedichten, Selbstporträts, Kleinanzeigen, jeder Menge

nackter Brüste und Popstar-Fotos. Zitate von Kurt Georg Kiesinger und Heinrich

Himmler sind neben Songtext-Auszügen und Porträtfotos von Bob Dylan

montiert. Den verehrte Miehe so sehr, dass er ihm später sein Buch Ich hab noch

einen Toten in Berlin widmete und seinem Idol eine US-Ausgabe persönlich

überreichte.

Im Buch huldigt Ulf Miehe dem US-amerikanischen Songwriter und späterem

Literatur-Nobelpreisträger auch in einem titellosen Gedicht von 1969. Auf Seite

60 heißt es: „Also: / Gedichte kann man nicht mehr machen. / Schön. / Gedichte

müssen nicht sein. / Also: / Romane kann man nicht mehr machen. / Gut. /

Romane müssen nicht sein. / Viel wichtiger ist: / Der Beschiß der CBS / Die

eine neue Dylan-Platte verkauft / Auf der Dylan gar nicht singt / Verdammtnochmal!/

Oder Michael Koser hat recht und / Dylan ist tot und / Sie haben

einen Doppelgänger eingesetzt / Oder / Er ist es doch dann / Ist er allerdings ein

Stimmchamäleon. / Lay Lady Lay / Ist trotzdem ein schönes Lied. / Nur

zum Zuhören. / Um eine Platte aufzulegen. / Zuhören. / Einfach so. / Jetzt

glaub ich doch / Er ist es.“

Dylans Songs wird eine kulturelle Bedeutung zugewiesen, die diejenige von

Gedichten und Romanen generell weit übertrifft. Mit diesem Befund formuliert

Ulf Miehe eine klare Absage an die etablierte, bildungsbürgerlich

akzeptierte und definierte schriftsprachliche literarische Hochkultur mit

ihrem Überlegenheitsgestus gegenüber der Pop-Musik-Kultur. Es ist die

Ironie der weiteren Geschichte, dass Dylan 2016 der Literatur-Nobelpreis

zuerkannt wurde, was wiederum in heutigen Literaturzirkeln breit und

kontrovers diskutiert worden ist in Hinblick auf die Wertigkeit literarischer

Texte und Kriterien für deren Qualität.

Vor allem aber ist Miehes Band die ungeschönte Bestandsaufnahme

einer Gegenwart, deren Widersprüche und parallel behaupteten, einander

ab- und ausgrenzenden Lebenswelten und Geisteshaltungen der 27-Jährige

deutlich wahrnimmt und in Bildern und Aussagen zum Ausdruck bringt.

Dabei bezieht er auch selbst Position. In den Collagen kontrastiert Miehe

eine allgegenwärtige kommerzialisierte, sexualisierte Konsum-, Werbe- und

Warenwelt mit tradierten Moral- und Ehrbegriffen und rassistischen Ansichten

der Vätergeneration. In der persönlichen, politischen und künstlerischen

Auseinandersetzung mit der bis dahin weitgehend tabuisierten

NS-Vergangenheit der Väter zeigt sich Miehe als typischer Vertreter seiner

Generation.

Das Gegenprogramm zu den als spießig-verklemmt und konformistisch

empfundenen Lebensentwürfen der vorbelasteten Elterngeneration setzt

auf politischen und kulturellen Aufbruch. Dazu gehört in Miehes Politpornografie

ein klares Bekenntnis zu politischen Veränderungen am System bis

hin zum Aufruf zur gewaltsamen Revolte: „[…] man muß zu ‚unerlaubten‘

Mitteln greifen, wenn man etwas erreichen will“ (S. 67). Getreu dem Sponti-Spruch

„Das Private ist politisch“, flankiert Miehe literarische Beschreibungen

des Alltäglichen mit radikalen politischen Statements. Daneben

finden sich zahlreiche popkulturelle Referenzen einer neuen, subversiven

Gegenkultur: Musik, Literatur und Filme aus dem angloamerikanischen

Raum geben dem jugendlichen Unmut Sounds und eine Sprache zur Hand,

die das Lebensgefühl vieler unter Dreißigjähriger trifft – mit dem Versprechen

von Freiheit und Abenteuer, inklusive Drogenrausch, freier Liebe und

neuen Formen des Zusammenlebens.

Ulf Miehe hat 13 seiner Gedichte in die Politpornografie eingebettet.

Einige beschränken sich auf wenige Verse, die notizhaft in knapper sprachlicher

Eindeutigkeit alltägliche Situationen aufgreifen und diese reflexiv

und pointiert verdichten. Etwa in diesem titellosen Kurzgedicht: „Vom

Fenster aus gesehen / ist der Schnee blau draußen. / Ich weiß, daß er weiß

ist. / Kein Grund rauszugehen“ (S. 45; entstanden 1969). Oder aus dem

gleichen Jahr, dialogisch im Frage-Modus: „Was ist denn / der tiefere Sinn

dahinter? / Ich meine: Was soll das? / Was soll was?“ (S. 83)

Da er von 1965 bis 1969 in West-Berlin lebte und wirkte, befand sich Miehe

nicht nur politisch am Puls der studentenbewegten Zeit, sondern entdeckte

auch das Großstadtkneipenleben als Sujet für seine Literatur. Im

Gedicht Torpedo Definitiv Nr. 306 675 (S.16/17; entstanden 1968), das

ebenfalls 1969 in einer Beat- und Pop-Anthologie junger deutschsprachiger

Autoren namens Supergarde erschien, reihen sich einzelne Beobachtungen

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