Ulf Miehe - Facetten eines Autors

photeurberlin

Ulf Miehe – Facetten eines Autors ist der Versuch einer Biografie in Selbstzeugnissen und Dokumenten, die einen Überblick zu Leben, Persönlichkeit und Werk des Schriftstellers, Filmautors und Regisseurs Ulf Miehe (1940 Wusterhausen|Dosse – 1989 München) geben. Zitate verbinden sich mit Aussagen von Zeitzeugen, Interviews, Essays von renommierten heutigen Autoren und Bildzeugnissen. So entsteht ein facettiertes Bild von Ulf Miehes Denken und Schreiben.
Durch das hier zusammengetragene Material eines kreativen Lebens voller Wendepunkte werden auch die gesellschaftlichen Spannungen thematisiert, aus denen ein knappes Werk seine große Lebendigkeit schöpft.
Herausgegeben von Horst Kløver, Angelika Miehe und dem Wegemuseum Wusterhausen|Dosse.

bzw. Wahrnehmungen wie im Film szenisch aneinander. Wie durch eine Kamera

beobachtet das lyrische Ich eine Kneipen-Szenerie: „Ich sehe / eine Tischplatte mit

Brandflecken / einen halbvollen Aschenbecher / ohne den Kopf zu heben / sehe

ich / eine verfettete Hüfte / sie kommt wie sie sagt aus Wien [...]“. Die Stimme

wird durch diesen Blickwinkel der Hüfte zugeschrieben, die auf diese Weise zum

sprechenden Subjekt im Gedicht wird. Als Form szenischen Schreibens lässt sich

diese Art von Lyrik auch als Vorgriff auf Miehes spätere Berufung zum Drehbuchschreiber

und Film-Regisseur sehen.

An anderer Stelle heißt es in diesem Gedicht: „ich höre / die Kasse klingeln / den

Flipper rappeln / die Gläser klirren / die Frau reden / die Kellnerin husten / den

Neger lachen / den Ventilator summen“. Erst am Ende des Textes fällt der Blick des

lyrischen Ichs auf sich selbst zurück: „[…] / ich fühle / ah wie ich mich fühle / hier

/ hier / hier / oder auch / hier / warum / hier / sperr / ich / Augen Ohren Nase /

auf.“ Miehe bleibt, wie in den meisten der Politpornografie-Gedichte, konsequent

narrativ und prosaisch im Beschreibungsmodus. Als Stilmittel wirkt das zuweilen

statisch und vorhersehbar. Darin zeigt sich aber auch sein Bestreben, wahrgenommene

soziale Realität unmittelbar und lebensecht in Sprache abzubilden und dafür

auf Ausschmückungen und eine Ästhetisierung des Gedichts als Kunstform zu verzichten.

Stattdessen entwirft er eine Bild-Text-Collage und durchbricht das Gedicht

mit optisch aufreizenden Fotos von Bikini-Models, Frauenbrüsten und Pop-Sängern

bei Live-Auftritten.

Das poetische Programm, alltägliche Wahrnehmungen mit Blick für Details und

Oberflächen zu notieren und unverstellt zum Gedicht zu machen, teilt Ulf Miehe

zu jener Zeit mit seinem Altersgenossen und Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann

(1940–1975), mit dem er auch freundschaftlich verbunden war. Dieser arbeitet damals

ebenfalls mit Text-Bild-Collagen und ist bestrebt, tradierte literarische Sprechweisen

aufzubrechen und zu erweitern. Auch gab Brinkmann mit Ralf-Rainer Rygulla

1969 im März Verlag ACID – Neue amerikanische Szene heraus. Darin sind

US-amerikanische und englische Beat- und Pop-Autoren versammelt, die auch in

der Lyrik eine schnörkellose sprachliche Direktheit an den Tag legen, welche junge

Literaten in der Bundesrepublik begeistert und im Schreiben und ihrer Haltung

beeinflusst. Viele von ihnen sind auf der Suche nach einem radikalen Gegenentwurf

zu einer Sprache älterer Nachkriegsautoren, die ihnen mit bildungsbürgerlichen

Referenzen negativ aufgeladen, verstellt und verbraucht erscheint. Sie wollen ihre

Lebenswirklichkeit mit neuen Mitteln künstlerisch ausdrücken.

Beispielhaft für diesen Ansatz sind Aussagen von Autor Nicolas Born (1937–1979).

Im selbst verfassten Klappentext zu seinem Band Marktlage (Kiepenheuer &

Witsch, 1967) will er weg von „Symbol, Metapher, von allen Bedeutungsträgern;

weg vom Ausstattungsgedicht, von Dekor, Schminke und Parfüm“, stattdessen

möchte er „rohe“ Gedichte, aus deren „roher, unartifizieller Formulierung“ wieder

Poesie werde. Für Autoren gelte es, „Dinge, Beziehungen und Umwelt“ direkt anzusteuern

und Poesie nicht mit Worten zu erfinden. Er beruft sich dabei auf ein

Credo des US-Lyrikers Charles Olson: „Form ist nie mehr als eine Ausdehnung von

Inhalt“. Von Miehe sind zwar keine Äußerungen zu seiner Poetik überliefert, aber

seine Politpornografie-Gedichte weisen deutlich darauf hin, dass er im Fahrwasser

dieser literarischen Strömung agierte und diese als eine Grundlage seines damaligen

literarischen Schreibens begriff.

In diesem Kontext ist auch die Dirty Speech-Bewegung zu erwähnen, die ebenfalls

aus den USA der 1960er Jahre kam und in jungen westdeutschen Literaturzirkeln

Einzug hielt. Hier wurde bewusst obszöne Sprache eingesetzt, um – teils

in Kombination mit Nacktfotos und Porno-Illustrationen – gegen die

künstlerische Norm einer etablierten Literatursprache zu protestieren. In

Miehes Politpornografie findet sich vulgäre Sprache allerdings nicht in

den Gedichten, sondern vor allem in einmontierten Sex-Kleinanzeigen

und seinen Prosa-Fragmenten.

Ebenfalls im Buch enthalten ist eines der stärksten, eindringlichsten

und wohl auch das bekannteste Gedicht Ulf Miehes. Auf Seite 69 findet

sich Eine Sorte von Vätern, das bereits 1962 entstand. Später wurde es in

der Bundesrepublik sogar zur Schullektüre.

Eine Sorte von Vätern

Gesichter:

Verschwommen, blass;

Gutsitzende Brille.

Eigenschaften:

Harmlos. Ihre Arglosigkeit

Übertrifft die

Gutmütiger Haustiere.

Ansonsten:

Gründlich.

Im Listenanfertigen

Für Sonnabendeinkäufe,

Steuererklärungen

Und Menschentransporte.

Erinnerungsvermögen:

Schwach.

Bauchschuß, Bluterbrechen

Total vergessen nach 20 Jahren -

Nur für den Stammtisch

Panzerabschüsse parat.

Die Regierung,

Von ihnen gewählt,

Ist ihnen ähnlich.

Auf der gegenüberliegenden Seite prangt ein fast ganzseitiges Porträt aus

einer Zeitung: Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (mit Kapitänsmütze),

der speziell in dieser politischen Funktion wegen seiner NS-Vergangenheit

umstritten war. Die Bildunterschrift berichtet von seinem Besuch

in Kiel auf dem Zerstörer „Bayern“ – ein Mann in einer Führungsrolle,

der seine Pflicht erfüllt. Unter dem Gedicht ist das Foto eines müden

Bob Dylan zu sehen, der den Kopf in seine Handfläche gelegt hat und

offenbar eingenickt ist.

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