Ulf Miehe - Facetten eines Autors

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Ulf Miehe – Facetten eines Autors ist der Versuch einer Biografie in Selbstzeugnissen und Dokumenten, die einen Überblick zu Leben, Persönlichkeit und Werk des Schriftstellers, Filmautors und Regisseurs Ulf Miehe (1940 Wusterhausen|Dosse – 1989 München) geben. Zitate verbinden sich mit Aussagen von Zeitzeugen, Interviews, Essays von renommierten heutigen Autoren und Bildzeugnissen. So entsteht ein facettiertes Bild von Ulf Miehes Denken und Schreiben.
Durch das hier zusammengetragene Material eines kreativen Lebens voller Wendepunkte werden auch die gesellschaftlichen Spannungen thematisiert, aus denen ein knappes Werk seine große Lebendigkeit schöpft.
Herausgegeben von Horst Kløver, Angelika Miehe und dem Wegemuseum Wusterhausen|Dosse.

Im Text setzt sich Miehe mit der Väter-Generation auseinander und nutzt knappe,

treffende Zuschreibungen, um den Typus des NS-Mitläufers zugespitzt zu

charakterisieren und bloßzustellen, der in der Bundesrepublik der 1960er Jahre

weiterhin funktionstüchtig ihm zugeteilte Aufgaben erledigt. Auf Sekundärtugenden

geeicht, ist dieser unmündige Schreibtischtäter und Erfüllungsgehilfe

ebenso gut für Sonnabendeinkäufe wie für Menschentransporte geeignet. Die

Gräueltaten der Vergangenheit lauern hinter harmlosen Fassaden, die Arglosigkeit

suggerieren. Verbrecherische Handlungen und Kriegsleid werden negiert.

Es sind Stammtisch-Helden und Opportunisten in der Tradition von Diederich

Heßling in Heinrich Manns Der Untertan (1914|1918). Die Typisierung schließt

die Mitglieder der Regierung mit ein, deren Lebensläufe generationsbedingt

ebenfalls in die NS-Zeit fielen. Ihre Vergangenheit können sie nicht wirklich abstreifen

wie einen stinkenden, alten Umhang. Diese ist ein mit ihnen verwachsener

Teil ihrer Biografie und holt sie im Gedicht wieder ein.

Mit klarer, prägnanter Bildsprache bringt Ulf Miehe in diesem Gedicht zugleich

das Unbehagen vieler Gleichaltriger zum Ausdruck, die mit dem Schweigen ihrer

Väter hadern. Sie können die gelebte Normalität ihres Familienalltags nicht mit

den Schrecken des Nationalsozialismus in Einklang bringen. In den Personen der

Väter aber manifestiert sich beides – meist ohne, dass die NS-Zeit thematisiert

wird. In diesem Sinne hat Ulf Miehe mit Eine Sorte von Vätern ein wichtiges

Gedicht vorgelegt, das ihn als politischen Autor und Lyriker sowie als eine ausdrucksstarke

literarische Stimme seiner Generation ausweist – im Kontext jener

Jahre, aber auch darüber hinausweisend in die Vergangenheit und in die Zukunft.

Sein politisches Bewusstsein für Sprache in Bezug auf gesellschaftliche Verhältnisse

zeigt sich auch im verschachtelten Politpornografie-Gedicht Springer

ist nicht Springer (S. 52; geschrieben 1962). Darin thematisiert er eindringlich

und unversöhnlich die Erbschuld der Väter aus NS-Zeiten sowie Freund- und

Feindbilder deutsch-deutscher Beziehungen im Kalten Krieg der 1950er und

60er Jahre.

Doppelseite aus:

Ab sofort liefern wir folgende Artikel auf Teilzahlung – Eine Politpornografie, Klaus Bär, Berlin 1969

Gestaltung Ulf Miehe

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