Ulf Miehe - Facetten eines Autors

photeurberlin

Ulf Miehe – Facetten eines Autors ist der Versuch einer Biografie in Selbstzeugnissen und Dokumenten, die einen Überblick zu Leben, Persönlichkeit und Werk des Schriftstellers, Filmautors und Regisseurs Ulf Miehe (1940 Wusterhausen|Dosse – 1989 München) geben. Zitate verbinden sich mit Aussagen von Zeitzeugen, Interviews, Essays von renommierten heutigen Autoren und Bildzeugnissen. So entsteht ein facettiertes Bild von Ulf Miehes Denken und Schreiben.
Durch das hier zusammengetragene Material eines kreativen Lebens voller Wendepunkte werden auch die gesellschaftlichen Spannungen thematisiert, aus denen ein knappes Werk seine große Lebendigkeit schöpft.
Herausgegeben von Horst Kløver, Angelika Miehe und dem Wegemuseum Wusterhausen|Dosse.

Lilli Berlin und Wusterhausen an der Dosse als literarischer Ort

Aus der Erstausgabe Lilli Berlin von 1981, auf den Seiten 86, 87 und 59 (unten):

Während seiner letzten Nacht in der Hamburger Wohnung schlief Rick Jankowski auf der Matratze unter einer

Wolldecke. Er lag lange wach und grübelte über Vergangenes und immer wieder über seine Zukunft nach. Gegen

Morgen schließlich fiel er in einen unruhigen Schlaf.

Er träumte von der Nacht vor seiner Flucht. Er hatte sich mit Lilli am Bootshaus verabredet und sich verspätet. Er lief

und lief, seine Füße trommelten auf den Boden des Weges, der am See entlang führte, aber er kam einfach nicht von

der Stelle. Das Bild verschwamm, und er war am Bootshaus. Es war eine sternenklare Nacht mit ein paar Wolken. Der

Mond tauchte hinter einer Wolke auf und warf seinen matten Glanz auf das Wasser. Lilli stand auf dem Landungssteg

mit locker herabhängenden Armen. Der leichte Wind zauste in ihren langen braunen Haaren, und das Mondlicht

erhellte ihr Gesicht und machte die Konturen weich. „Wie schön es hier ist“, sagte Lilli, „und du willst hier weg.“

Rick nahm ihre Hand und sagte: „Ich bin soweit. Es ist alles vorbereitet. Morgen nacht gehen wir.“

Lilli nahm ihre Hand aus seiner und schwieg.

„Du mußt dich jetzt entscheiden, Lilli.“

„Ich kann doch nicht einfach so abhauen“, sagte Lilli leise. Sie hatten schon oft darüber gesprochen, und manchmal

hatte sich Lilli von Ricks Begeisterung mitreißen lassen und seinem Plan zugestimmt.

Rick sagte: „Wenn du dein eigenes Leben leben willst, dann mußt du dich selbst entscheiden.“ Er fand selber, daß sich

das anhörte, als habe er es irgendwo gelesen.

Langsam gingen sie den Weg zurück. Das Bild wurde undeutlicher, dunkler und verging. Das Rauschen in den

Blättern ließ nach, und das Geräusch der Wellen, die ans Ufer rollten, wurde immer schwächer, bis es nicht mehr zu

hören war. Lillis Gesicht verschwamm zu einem konturlosen Fleck, der bald von der Dunkelheit verschluckt wurde,

und ein schmerzhaftes, bohrendes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus.

Rick Jankowski erwachte und setzte sich auf. Sein Herz klopfte. In der darauffolgenden Nacht hatte er vergeblich

auf Lilli gewartet und war allein in den Westen geflohen.

Er war jetzt Ende Dreißig, ein auffallender, nicht unbedingt

gutaussehender Mann, ein sturer, eigensinniger

Kerl aus einer Gegend der Mark Brandenburg,

wo es außer kleineren Ortschaften nur noch

Nadelholz, Sand und Seen gibt.

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