Ulf Miehe - Facetten eines Autors

photeurberlin

Ulf Miehe – Facetten eines Autors ist der Versuch einer Biografie in Selbstzeugnissen und Dokumenten, die einen Überblick zu Leben, Persönlichkeit und Werk des Schriftstellers, Filmautors und Regisseurs Ulf Miehe (1940 Wusterhausen|Dosse – 1989 München) geben. Zitate verbinden sich mit Aussagen von Zeitzeugen, Interviews, Essays von renommierten heutigen Autoren und Bildzeugnissen. So entsteht ein facettiertes Bild von Ulf Miehes Denken und Schreiben.
Durch das hier zusammengetragene Material eines kreativen Lebens voller Wendepunkte werden auch die gesellschaftlichen Spannungen thematisiert, aus denen ein knappes Werk seine große Lebendigkeit schöpft.
Herausgegeben von Horst Kløver, Angelika Miehe und dem Wegemuseum Wusterhausen|Dosse.

Piper-Lektor Rainer Weiss 2014 über die Zusammenarbeit mit Ulf Miehe

am Roman Lilli Berlin

Ich meine mich zu erinnern, dass der Titel schon feststand, ganz sicher jedoch weiß ich, dass Ulf, der mir

erklärte, worum es ihm ging und welches Szenario ihm vorschwebte, in seine Hauptperson verliebt war

– und immer schon verliebt war in die Stadt, in der sein neues Buch spielen musste. In Lilli also und in

Berlin. Und indem er von diesem Buch sprach, das ihm, im wahrsten Sinne des Wortes, bevorstand, begriff

ich rasch, wie ernst er sein Vorhaben nahm und wie genau er wusste, dass Lilli seine ganze Kraft brauchte.

Vermutlich war Ulf schon damals, obwohl noch jung, mal eben vierzig, nicht mehr bei bester Gesundheit,

und das, obwohl er nicht rauchte, ausschließlich Wasser trank und mit Bedacht aß – und das in einer Zeit,

in der man als Künstler noch hemmungslos zu sein hatte.

Tatsächlich gab es noch nicht viel Text in diesen Frühjahrstagen. Erste Skizzen, eine Reihe von Dialogen,

einzelne, auch längere Passagen existierten bereits, vor allem aber eine Art Skelett, ein sehr genauer Handlungsaufriss,

eine Szenenfolge auf Papier. Und dazu gab es einen Autor, der Hilfe brauchte. Nicht, weil

er nicht konnte, sondern weil ihn immer wieder Zweifel übermannten, weil er Angst hatte, nicht an seine

ersten Erfolge anknüpfen zu können, weil er besorgt war, seinen Figuren nicht gerecht zu werden.

Lilli Berlin brauchte Zeit. Ulf Miehe legte jeden Satz auf die Goldwaage, um seine Sprache so einfach, so

schmucklos wie möglich zu machen, dachte stunden- und tagelang über Handlungsstränge nach, über die

Logik kleinster Ereignisse – und nahm mich dabei in Anspruch: als Zuhörer, Kritiker, als unerbittlicher Frager,

als jemanden, der Disziplin predigte und Aufgaben stellte, der, was Miehe verlangte, dem Autor jede

Zufriedenheit mit dem Erreichten verbot. Ich hatte eine Art Sieb zu sein, durch das er presste, was ihm

eingefallen war … zu diesem „Programm“ gehörten lange Spaziergänge in den Feldern um sein bayrisches

Domizil, wo er mit Angelika und ihrer beider Katze (hieß sie nicht auch Lilli?) wohnte, ausgedehnte Abende

mit dem Hören von Musik und dem Schauen von Kurosawa-Filmen, Reisen nach Berlin, wo er Menschen

studierte und wo wir beide in der Hasenheide wohnten, bei Hubert, der wie Ulf aus Wusterhausen an der

Dosse stammte und jede Ecke der Stadt kannte – Ecken, die Ulf sehen und ausgiebig beschnuppern wollte,

auch wenn er sie für seinen Roman am Ende des Tages nicht brauchen konnte.

Mit alledem vergingen Wochen und Monate, in denen Lilli Berlin Seite für Seite entstand, in denen Rick

Jankowski, Lilli und die anderen Gestalt annahmen – und in denen ich dem Verleger, dem es irgendwie

unheimlich war, dass sein junger Lektor so oft aushäusig und nicht zu sprechen war (es gab ja keine

Handys, keine elektronischen Verständigungsmittel), von Fortschritten berichten konnte, an die im Verlag

jedoch keiner so recht glaubte.

Ich verzichte darauf, jetzt weiter ins Detail zu gehen, aber indem Ulf Miehe so beharrlich an diesem Roman

arbeitete, der ihm – auch wegen seiner deutsch-deutschen Thematik und wegen des Irrsinns der deutschen

Teilung, die damals ja von jedem als historisch gesetzt galt – so unendlich wichtig war, konnte er ihn vollenden.

Dass er dabei nie den Humor verlor und dass wir, wann immer wir uns sahen, erst einmal einen oder

mehrere Songs von Bob Dylan hörten, sei am Rande erwähnt.

64

Weitere Magazine dieses Users