Ulf Miehe - Facetten eines Autors

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Ulf Miehe – Facetten eines Autors ist der Versuch einer Biografie in Selbstzeugnissen und Dokumenten, die einen Überblick zu Leben, Persönlichkeit und Werk des Schriftstellers, Filmautors und Regisseurs Ulf Miehe (1940 Wusterhausen|Dosse – 1989 München) geben. Zitate verbinden sich mit Aussagen von Zeitzeugen, Interviews, Essays von renommierten heutigen Autoren und Bildzeugnissen. So entsteht ein facettiertes Bild von Ulf Miehes Denken und Schreiben.
Durch das hier zusammengetragene Material eines kreativen Lebens voller Wendepunkte werden auch die gesellschaftlichen Spannungen thematisiert, aus denen ein knappes Werk seine große Lebendigkeit schöpft.
Herausgegeben von Horst Kløver, Angelika Miehe und dem Wegemuseum Wusterhausen|Dosse.

Vom ganz normalen Neurotiker

Auszüge aus einem Interview mit Ulf Miehe, dem Regisseur von Der Unsichtbare. Von Hans Günther Pflaum zum Filmfest München

im Juni 1987. Süddeutsche Zeitung vom 27.6.1987

Der Erfolg seines ersten Spielfilms John Glückstadt (1974) hätte dem Autor und Regisseur Ulf Miehe eigentlich viele Türen öffnen müssen;

im Gegensatz zu vielen anderen Filmemachern, die in jener Zeit debütierten, konnte Miehe jedoch nicht kontinuierlich fürs Kino weiterarbeiten.

Zwölf Jahre nach der Uraufführung von John Glückstadt stellt er beim Münchner Filmfest seinen zweiten Spielfilm vor. […]

H. G. Pflaum: Warum hat es rund zwölf Jahre gedauert, bis Sie Ihren zweiten Spielfilm realisieren konnten? Hätte nach dem geglückten

Debüt der Weg für Sie nicht viel leichter sein müssen? Zum Beispiel bei den Förderungsgremien? Wie beurteilen Sie das heute?

Ulf Miehe: Ich kann nur sagen, wie es war. Das Projekt danach wurde von den Fernseh-Coproduzenten nicht angenommen …

– … und war damit gestorben?

– Es bekam auch keine andere Förderung, und damit war es weg. Es spielte im Nachkriegs-Berlin und überschnitt sich ein bißchen mit Die

Ehe der Maria Braun. Das Drehbuch war schon 1975 fertig, aber es ließ sich einfach nicht realisieren, obwohl ich einen Kinoproduzenten

hatte.

– Bis dahin ist das sicher eine Erfahrung, die viele junge Regisseure machen. Aber das erklärt noch nicht die lange Pause.

– Das nächste Projekt habe ich erst als Roman und dann als Drehbuch geschrieben, Puma, aber das ist aus anderen Gründen nicht zustande

gekommen.

– Damals war wohl ein politisches Problem so akut geworden, daß sich keiner die Finger an dem Projekt verbrennen wollte.

– Das kann man so sagen. Obwohl ich nach wie vor der Meinung bin, daß diese Geschichte überhaupt keine politische war.

– So würden sich die Erfahrungen mit einzelnen Projekten zu einer Chronik der Enttäuschungen fügen?

– Ja, natürlich, und ich fühl‘ mich nicht unbedingt wohl dabei, darüber zu reden.

– Aber die Enttäuschungen betrafen stets nur die Finanzierung von Projekten. Wie überlebt man so eine Zeit ökonomisch?

– Mit Arbeiten für das Fernsehen.

– Sie haben auch viel geschrieben in dieser Zeit, nicht nur Drehbücher, auch Prosa. Kann man allein von Romanen leben?

– Alleine nicht, es sei denn, man hat riesigen Erfolg. Aber der kommt selten. Ich war immer relativ erfolgreich. Doch um damit überleben

zu können, müßte man fast jedes Jahr ein Buch schreiben, das viel Geld bringt – was es ja meistens nicht tut.

– Wenn man zehn Jahre lang fürs Fernsehen arbeitet, was wohl nicht nur mit erfreulichen Erfahrungen verbunden ist, und wenn man eigentlich

lieber was anderes, nämlich einen Kinofilm machen würde – warum dreht man dann ausgerechnet eine Komödie?

– Genau deswegen. Zudem war das, was eine Komödie auch ausmacht, nämlich witzige Dialoge, immer ein Bestandteil meiner Prosa. Zudem

hat sich mein Interesse immer mehr dahin verlagert. Wenn wir – mein Co-Autor Klaus Richter und ich – etwa einen Tatort geschrieben

haben, dann haben wir gemerkt, daß es in vielen Passagen eine verkappte Komödie war. Eines Tages haben wir uns dann gesagt, vielleicht

versuchen wir es einmal „pur“.

[…]

– Nach der langen Pause hatten Sie als Regisseur auch nicht gerade einen Überschuß an handwerklicher Erfahrung.

– Das kann man durch zwei Dinge ausgleichen: durch Disziplin und durch sehr gute Mitarbeiter. […]

– Wie lange haben Sie am Drehbuch gearbeitet, wieviele Fassungen gab‘s?

– Wir haben drei Jahre gearbeitet; nach der zehnten Fassung habe ich aufgehört, mitzuzählen. Zum Schluß haben wir uns einfach zurückbesonnen

auf die Kernprobleme der Idee und den Umstand, daß da eine Beziehungsgeschichte erzählt wird. Trotz der Tarnkappe und des

phantastischen Elements handelt das Ganze einfach von einem normalen Neurotiker, der nicht treu sein kann, aber völlig verrückt wird,

wenn er selbst betrogen wird.

[…]

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