The Red Bulletin Juni/Juli 2020

online.magazines

DEUTSCHLAND

JUNI / JULI 2020, € 2,50

ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN

THE POWER OF

LIFE

100 SEHR PERSÖNLICHE

BOTSCHAFTEN,

DIE MUT MACHEN

Mit Beiträgen von

JULIAN NAGELSMANN

NEYMAR JR

LINDSEY VONN

MAX VERSTAPPEN

BRIAN ENO

THOMAS DRESSEN

MARC WALLERT

RACHEL ATHERTON

REWINSIDE

ZUNA

und 90 weiteren

Helden von heute

JETZT ABONNIEREN: GETREDBULLETIN.COM


Copyright © 2020 MNA, Inc. All rights reserved.

OFTEN, THE MOST IMPORTANT MOMENTS

HAPPEN WHEN WE’RE STANDING STILL.

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E D I T O R I A L

WILLKOMMEN

Wir feiern

die Schönheit

des Lebens

BEN THOUARD (COVER), THE LEGO GROUP FARGO CIRCLE STUDIO/TOBY LEIGH

ANRUF

IM WELTALL

Für diese Ausgabe

haben wir zahlreiche

Video-Calls geführt,

den ungewöhnlichsten

erlebte sicher Tahira

Mirza. Unsere Fotoredakteurin

sprach

mit den Astronauten

auf der inter nationalen

Raumstation ISS.

Seite 48

Es liegt in unserer Natur als Menschen, dass wir Probleme nicht

nur lösen, sondern imstande sind, sie als motivierendes Element

unserer Entwicklung zu nutzen. In Phasen höchster Bedrängnis

gelingt es uns seit hunderttausenden Jahren, die Beschränkungen

urbiologischer Reaktionsmuster zu überwinden und jenen Freiraum

in unseren Köpfen zu schaffen, der uns zwei

wesentliche Fähigkeiten eröffnet: Wir können bedrohliche

Situationen aus völlig neuen Perspektiven

betrachten und daher eine Vielzahl möglicher

Maßnahmen erdenken.

Diese menschliche Kernqualität ließ uns Hunger,

Kälte und Krankheiten besiegen. Sie belegt sich in

zahllosen Beispielen technischer, ökonomischer,

sozialer, künstlerischer oder philosophischer Natur

und begründet das Niveau, auf dem wir existieren.

Das Wichtigste an diesem Gruß aus unserer Geschichte ist: Jeder

von uns trägt die Fähigkeit in sich, eine Haltung einzunehmen,

die diesen Schatz der Menschheit entfaltet. 100 Menschen, die

diese Qualität in Vollendung beherrschen, teilen daher in dieser

Ausgabe von The Red Bulletin sehr persönliche Erfahrungen.

In Bildern, Zitaten, Interviews, Texten und Zeichnungen erzählen

sie uns, wie sie es zuwege brachten, in scheinbar ausweglosen

Situationen Chancen zu erkennen und diese aktiv zu nutzen.

100 Beiträge von Athleten, Spitzensportlerinnen, Musikerinnen,

Literaten, Innovatoren, Tänzern und Fotografinnen aus der

ganzen Welt fügen sich in diesem Heft zu einem Bild zusammen,

das uns ermutigen, ermächtigen und daran erinnern soll, wozu

wir als Individuen und als Gemeinschaft fähig sind.

Wir stehen zusammen, wir wachsen über uns

hinaus, wir feiern die Schönheit des

Lebens. Auch jetzt. Gerade jetzt.

Die Redaktion

ZU HAUSE

DER GRÖSSTE

Psychologe Adam

Yearsley erklärt,

was Homeoffice

mit Reisen ins All

zu tun hat und

wie wir an dieser

Herausforderung

wachsen. Seite 38

SO CHILLEN

RENNFAHRER

Wie Le-Mans-

Sieger Sébastien

Buemi mit seinen

Kindern und einem

Lego-Porsche richtig

entschleunigt.

Seite 60

THE RED BULLETIN 3


ALPHATAURI.COM


INHALT

The Power of Life Issue

MICHAEL MULLER, DAN WILTON, MARCUS COOPER/WARNER MUSIC, FORMULA 1, @DIESERBOBBY, GETTY IMAGES, STEPHANIE WOLFF, HADRIEN

PICARD/RED BULL CONTENT POOL, ENNO KAPITZA, DANE JACKSON/REDBULL US ATHLETE, PHILIPPE JACOB/RED BULL CONTENT POOL, GETTY

IMAGES, WARNER MUSIC, SEBAS ROMERO/RED BULL CONTENT POOL, SHAMIL TANNER, SAMO VIDIC/RED BULL CONTENT POOL

22

Lindsey

Vonn

1 BEN THOUARD

2 CHRIS SAUNDERS

3 NORMAN KONRAD

4 DAN KRAUSS

5 TYRONE BRADLEY

6 JIM KRANTZ

7 JANE STOCKDALE

8 PETER RIGAUD

9 KRYSTLE WRIGHT

10 MICHAEL MULLER

11 ALEX DE MORA

12 CAITLIN HUGHES

13 KONSTANTIN REYER

14 TOMASZ GUDZOWATY

15 PIP HARE

16 JULIAN NAGELSMANN

17 CORINNA SCHWIEGERSHAUSEN

18 FANNY SMITH

19 J. K. ROWLING

20 DANITSA

21 P. K. SUBBAN

22 LINDSEY VONN

23 CRISTAL RAMIREZ

24 ALISA RAMIREZ

25 KATIE HENDERSON

26 McKENNA PETTY

27 ADAM YEARSLEY

28 DAN ATHERTON

29 GEE ATHERTON

30 RACHEL ATHERTON

31 BILL McKIBBEN

32 SÉBASTIEN THIBAULT

28–30

Rachel, Dan &

Gee Atherton

34

Charli

XCX

Die Startnummern unserer 100 Heroes dieser Ausgabe

50

Zuna

46

Marc

Wallert

68

Max

Verstappen

16

Julian

Nagelsmann

33 DOMINIC THIEM

34 CHARLI XCX

35 HILARY KNIGHT

36 NEYMAR JR

37 ANDREW MORGAN

38 JESSICA MEIR

39 CHRIS CASSIDY

40 ED O’BRIEN

41 REWINSIDE

42 WILL CLAYE

43 THOMAS ULRICH

44 ADRIAN MATTERN

45 THOMAS DRESSEN

46 MARC WALLERT

47 CYRIL DESPRES

48 MIKE HORN

49 GÉRALDINE FASNACHT

50 ZUNA

51 HILAREE NELSON

52 SÉBASTIEN BUEMI

53 PHILIPP VENETZ

54 MICHÈLE IMHASLY

55 DOMINIK IMHOF

56 STEPHAN DREESEN

57 PASQUALE ROTELLA

58 WOLFGANG ZAC

59 MARCO WALTENSPIEL

60 FELIX SEIFERT

61 MARCO FÜRST

62 MAX MANOW

63 TRENT ALEXANDER-ARNOLD

64 RYAN PESSOA

65 RYAN SHECKLER

66 YVON CHOUINARD

67 MAVI PHOENIX

68 MAX VERSTAPPEN

EDITORIAL SEITE 3

100 HEROES SEITEN 6–94

69 BEN STOKES

70 CEDAR ANDERSON

71 JAMES SPITHILL

72 DAVID HUNT

73 MICHAEL STRASSER

74 PAROV STELAR

75 PÉTER GULÁSCI

76 MARCEL HALSTENBERG

77 NORDI MUKIELE

78 LUKAS KLOSTERMANN

79 DAYOT UPAMECANO

80 MARCEL SABITZER

81 DIEGO DEMME

82 KONRAD LAIMER

83 TIMO WERNER

84 YUSSUF POULSEN

85 EMIL FORSBERG

86 MATTHIAS WALKNER

87 ANGY EITER

88 MIKE McCASTLE

89 TITOUAN BERNICOT

90 KASTUYA EGUSHI

91 BBOY JUNIOR

92 MARCEL HIRSCHER

93 TOM ÖHLER

94 PINEAPPLECITI

95 VLADIK SCHOLZ

96 BRIAN ENO

97 JOJO

98 MICHAEL KÖHLMEIER

99 IGNAZ SEMMELWEIS

100 ANDREAS BREITFELD

36

Neymar Jr

45 Thomas

Dreßen

44 Adrian

Mattern

48

Mike

Horn

IMPRESSUM SEITE 96

MAKES YOU FLY SEITE 98

19

J. K.

Rowling

97 JoJo

65 Ryan

Sheckler

96

Brian

Eno

41

Rewinside

17 Corinna

Schwiegershausen

THE RED BULLETIN 5


1

Surf-Fotograf, 34, FRA

Der Gewinner von Red Bull Illume 2019

schickt uns ein Bild aus der Südsee

als Ausblick auf unbeschwertere Zeiten.

Ben

Thouard

6 THE RED BULLETIN


Licht am Ende

des Tunnels

„Das ist Teahupoo, der berühmte

Surfspot vor Tahiti“, sagt Ben

Thouard, Spezialist für epische

Aufnahmen. „Hier werden 2024

die olympischen Wettbewerbe

im Wellenreiten stattfinden. Dann

wird alles, was uns jetzt Sorgen

macht, nur noch eine vage Er in nerung

sein. Für mich ist das Foto

ein Symbol dafür, dass wieder

schöne Tage vor uns liegen.“

Instagram: @benthouard

benthouard.com

THE RED BULLETIN 7


2

Streetstyle-Fotograf,

36, RSA

Emotionen, hoch verdichtet: Die Energie,

die in dieser Performance steckt, ist

sogar noch auf dem Foto spürbar.

Chris

Saunders

Dieser Tanz

reißt alle mit

„Das ist Manthe Ribane, eine

Musikerin und Künstlerin aus

Südafrika, wie sie auf dem Dach

des Taxistandes in der Bree

Street in Johannesburg tanzt.

Ich arbeite seit Jahren mit ihr

zusammen. Manthe hat die

Gabe, nicht nur die Menschen

um sich herum mitzureißen.

Wer eine ihrer Performances

erlebt, spürt, dass sie sogar ihre

Um gebung mit ihrer Freiheit

und ihrer positiven Art auflädt.“

Instagram: @chrissaundersphoto

chrissaunders.co

8 THE RED BULLETIN


3

Porträt-

und Werbefotograf, 43, GER

Der Berliner, berühmt für seine surreale

Bildsprache, hat eine alte Aufnahme

in einen neuen Kontext gestellt.

Norman

Konrad

Hausübung

„Mit meinen Kompositionen

versuche ich oft, unseren Blick

auf die Normalität infrage zu

stellen“, sagt Norman Konrad.

„Bei dem Foto ging es ursprünglich

um Nachbarschaftshilfe.

Jetzt hat es für mich eine ganz

neue Bedeutung gewonnen:

Kannst du nicht raus, um deine

Liebsten zu sehen, ist es umso

wichtiger, mit ihnen wenigstens

im Gespräch zu bleiben.“

Instagram: @norman.konrad

normankonrad.de

THE RED BULLETIN 9


4

Outdoor-Fotograf,

31, USA

Für Dan sagt dieses Bild: Selbstvertrauen

und Herausforderung bedingen einander.

In welcher Reihenfolge? Entscheidest du.

Dan

Krauss

10 THE RED BULLETIN


Mein Glaube

versetzt Felsen

„Ein Jahr lang habe ich gesucht,

bis ich in Moses Potter einen

Sportler fand, der diesen Felsen

klettern konnte“, erzählt Dan Krauss.

„Die Route ‚Once Upon a Time‘

auf dieses UFO in den San Jacinto

Mountains in Süd kalifornien

ist extrem schwierig. Für mich

erzählt das Bild von der Stärke

und dem Selbstvertrauen,

das ein einzelner Mensch aus

sich heraus entwickeln kann.“

Instagram: @dankrauss

dankraussphoto.com

THE RED BULLETIN 11


5

Action-

und Porträt-Fotograf, 39, RSA

Der Kapstädter, einst BMX-Freerider,

erzählt eine berührende persönliche

Geschichte über die Geburt seiner Tochter.

Tyrone

Bradley

Die Kraft

des Lebens

„Wenn ich darüber nachdenke,

welch positive Kraft in uns

steckt“, meint Tyrone Bradley,

„fällt mir der 24. Dezember 2019

ein, als meine Tochter Lyra zur

Welt kam. Eigentlich hatten wir

eine natürliche Geburt geplant.

Aber die Natur entschied anders.

Dank der Fortschritte, die wir

Menschen auf dem Gebiet der

Medizin erzielt haben, geht es

meiner Familie heute trotzdem

gut. Konkret: dank dem rein

weiblichen Team im Bild, das den

Notkaiserschnitt durchführte.“

Instagram: @tyrone_bradley

tyronebradley.co.za

12 THE RED BULLETIN


THE RED BULLETIN 13


6

Fotograf,

65, USA

Der vielfach preisgekrönte Amerikaner setzt

den Sieg über die globale Bedrohung ins Bild

und vertraut dabei der Kraft des Lebens.

Jim

Krantz

Die Natur

setzt sich

durch

„Den Farn aus meinem Garten

habe ich mit Epoxidharz übergossen,

über ein Bild des Virus

gelegt und fotografiert“, erklärt

Krantz das Konzept des Fotos.

„Farne sind enorm widerstandsfähig.

Vor meinem Arbeitszimmer

schlingt sich einer

um einen Baumstamm. Täglich

beobachte ich Leben, das unter

härtesten Umständen gedeiht.“

Instagram: @jimkrantzphoto

jimkrantz.com

14 THE RED BULLETIN


7 8

Reportage-Fotografin, 37, GBR

Die Darstellung starker Emotionen ist

das Spezialgebiet der Schottin. Hier: Freude

und Erlösung im Moment des Triumphs.

Jane

Stockdale

Porträt-Fotograf, 51, AUT

Der Augenblick, den der Salzburger hier

eingefangen hat, beweist: Ernsthafte

Forschung verträgt einen Schuss Humor.

Peter

Rigaud

Wir haben

gewonnen!

Paris, 15. Juli 2018, Finale der

Fußball-WM zwischen Frankreich

und Kroatien. Der junge Stürmer

Kylian Mbappé hat eben das 4:1

für Frankreich geschossen. In

der Nähe des Eiffelturms bringt

das einen jungen Mann zum Ausflippen,

Stockdale drückt auf den

Auslöser: „Für mich ein Moment

voller Emotion und Energie am

Ende eines großen Turniers.“

Instagram: @janestockdale_

janestockdale.co.uk

Klugheit

trifft Humor

Dieses Bild zeigt den Genetiker

Josef Penninger. Der gebürtige

Oberösterreicher forscht derzeit

mit seinem internationalen Team

intensiv an einem Medikament

gegen die Krankheit, die gerade

die Welt in Atem hält. Peter

Rigaud hat ihn 2015 porträtiert.

„Vor und in seinem Büro hingen

überall Bilder von Clowns und

Affen“, erzählt der Fotograf.

„Auch die Interviews, die ich

jetzt von ihm lese, zeichnen

sich durch wissenschaftliche

Seriosität und Humor aus.

Ich finde sein Auftreten und

seine Selbstsicherheit in Zeiten

wie diesen bemerkenswert.“

Instagram: @rigaudpeter

peterrigaud.com

THE RED BULLETIN 15


9

Adventure-Fotografin,

33, AUS

Die Australierin blüht unter extremen

Bedingungen auf: was sie während eines

Schneesturms fürs Leben gelernt hat.

Krystle

Wright

Was der Blizzard

mich lehrte

„Dieses Foto entstand während

einer BASE-Jump-Expedition auf

Baffin Island im äußersten Nordosten

Kanadas“, erzählt Wright. „Blizzards

zwangen uns tagelang in unsere

Zelte. Umso überraschter war ich,

als sich ein Inuk mit seinem Hundegespann

dem Camp näherte. Ich

schaffte es gerade noch, zwei Bilder

zu schießen, ehe ihn der Sturm wie der

verschluckte. Was ich von der Zeit

im Camp mitnehme? Dass wir außergewöhn

liche Fähigkeiten ent wickeln,

sobald uns die Natur zwingt, all un se re

Ablenkungen zu vergessen.“

Instagram: @krystlejwright

krystlewright.com

16 THE RED BULLETIN


THE RED BULLETIN 17


10

Star-Fotograf, 59, USA

Hauptsächlich porträtiert der Kalifornier

Hollywoodstars, zum Ausgleich taucht er

mit Haien. Hier hilft er einem von ihnen.

Michael

Muller

Tun, was getan

werden muss

Nein, Michael Muller hat keine Angst vor Haien,

dazu kennt er sie zu gut. Er wagt sich selbst

in die Nähe der großen Weißen, wie man sieht.

Der Grund dafür verblüfft ihn bis heute: „Von

der rechten Brustflosse hing doch tatsächlich

ein großer Plastik fetzen. Aber das Gute an uns

Menschen ist: Wir können zur Tat schreiten,

wenn es sein muss.“ Mullers Tauchpartner befreite

das Tier von dessen Anhängsel. Und die

Welt war daraufhin ein kleines bisschen besser.

Instagram: @michaelmuller7

mullerphoto.com

18 THE RED BULLETIN


11

Porträt-Fotograf, 38, GBR

Für den Londoner, der vor allem Musiker

ablichtet, ist der Produzent Goldie ein Vorbild

in Sachen angewandte Lebensfreude.

Alex

de Mora

Genießt

den Genuss

„Der britische Musiker Goldie ist

eigentlich Drum ’n’ Bass-Produzent“,

erzählt Alex de Mora, „aber

er hat auch eine Nebenrolle im

James-Bond-Film ‚Die Welt ist

nicht genug‘ gespielt. Außerdem

ist er Mitglied des Ritter ordens

‚Order of the British Empire‘.

Kurz: Dieser Mann inspiriert

mich, das Leben in all seinen

Facetten zu genießen.“

Instagram: @alexdemora

alexdemora.com

THE RED BULLETIN 19


12

CEO der Fotoagentur Magnum, 40, GBR

Sie schickte uns die Bilder von Box-Legende

Muhammad Ali, der aus schwierigen Phasen

stets gestärkt zurückzukommen pflegte.

Caitlin

Hughes

The Greatest

of All Time“: Die

Kontaktabzüge des

Magnum-Foto grafen

Thomas Hoepker

zeigen Box-Weltmeister

Muhammad

Ali im Jahr 1966.

20 THE RED BULLETIN


Thomas Hoepkers

ikonisches

Muhammad-Ali-

Porträt zierte

im Mai 2017 zum

70-Jahr-Jubiläum

der Fotoagentur

Magnum das

The Red Bulletin-

Cover.

„Wir nutzen unsere

Kraft, um uns

neu zu erfinden“

Seit 1947 dokumentieren die Meister-Fotografen

der Agentur Magnum das Weltgeschehen. Seit

2019 steht Caitlin Hughes als CEO an ihrer Spitze:

„Fotografie ist ein wichtiges Werkzeug in Zeiten

der Unruhe“, sagt die Waliserin. „Sie dokumentiert

Umbrüche und inspiriert Menschen auf der ganzen

Welt. Gerade jetzt zählt, dass wir uns gegenseitig

helfen. Wir können unsere Kraft nutzen, um uns neu

zu erfinden. Genau das taten unsere Gründer, als sie

vor mehr als 70 Jahren Magnum ins Leben riefen.“

Instagram: @magnumphotos

magnumphotos.com

THOMAS HOEPKER

THE RED BULLETIN 21


13

Fotograf, 33, AUT

Ein magischer Moment: Wer sagt, dass

sich nicht auch im bösesten Sturm plötzlich

die ganze Schönheit der Natur entfaltet?

Konstantin

Reyer

Die Schönheit

bricht durch

„Kurz nach meinem 30. Geburtstag reiste ich mit

meiner Freundin auf die Halbinsel Cape Cod südöstlich

von Boston“, erzählt Reyer. „An diesem Tag wütete ein

schweres Gewitter, als ich in der Ferne den Regenbogen

entdeckte. ‚Das gibt es nicht!‘, dachte ich und schoss

dieses Bild. Es begleitet mich seither als Zeichen

für Optimismus und hängt gerahmt in meinem Studio.“

Instagram: @konstantinreyer

konstantinreyer.com

22 THE RED BULLETIN


14

Meister der Schwarzweißfotografie, 48, POL

Für den neunmal mit dem World Press Photo

Award ausgezeichneten Polen steht dieses

Bild für Ausdauer und Widerstandsfähigkeit.

Tomasz

Gudzowaty

Schwerelos

auf dem Weg

Diese Aufnahme eines Shaolin-

Mönchs in China hat Gudzowaty

mit einem Vers aus der Spruchsammlung

des chinesischen

Weisen Laozi betitelt: „Eine tausend

Meilen lange Reise beginnt

mit einem einzigen Schritt“.

Er sagt: „Das Bild symbolisiert

für mich die Ausdauer und Widerstandskraft

des Menschen.“

Instagram: @tomaszgudzowaty

gudzowaty.com

THE RED BULLETIN 23


24


15

Solo-Seglerin, 45, GBR

Im November wird sie als erst achte Frau

bei der legendären Vendée Globe starten,

um allein die Welt zu umsegeln.

Pip

Hare

„Wir unter schätzen,

wozu wir fähig sind“

Pip Hare über Sturzflüge in gigantische

Wellentäler und Ausflüge zur Mastspitze

– mutterseelenallein auf dem Ozean.

Text JESSICA HOLLAND

RICHARD LANGDON/OCEAN IMAGES

Selbst ist die Frau

Pip Hare ist „Einhandseglerin“.

Das bedeutet: Sie ist ganz

allein auf dem Ozean unterwegs.

Sie lernte ihre wahren

Fähigkeiten kennen, weil sie

auf sich selbst gestellt war.


einem meiner ersten Ozean-Törns geriet

ich zwischen den Kanarischen und

den Britischen Inseln in einen entsetzlichen

Sturm. Das Schlimmste war, mit

dem Boot kopfüber, mit dem Mast voran,

die Wellen hinabzustürzen. Und was für

„Bei

Wellen das waren: Wände von zwölf Metern, höher

als mein Mast, inmitten eines Sturms von 70 Knoten

(rund 130 km/h). Wenn du ganz unten im Wellental

ankommst, hält die Welt für einen Augenblick

an, es wird windstill und gespenstisch leise. Dann

steigst du mit der Welle hoch, und alles donnert

und vibriert wie ein Güterzug, der auf dich zurast.

Von einer solchen Welle erfasst zu werden

fühlt sich an wie ein Zusammenstoß mit einem

Elefanten. Du fliegst einfach nur hilf‌los durch die

Gegend. Man kann nicht an Deck bleiben, sonst

wird man über Bord gespült oder bricht sich alle

Knochen. Also verbarrikadierte ich mich während

der sechs schlimmsten Stunden unter Deck. Wenn

es wellenabwärts ging, knallte ich gegen die Decke,

und alles, was nicht festgezurrt war, regnete auf

mich herunter. Als ein paar Chili-Gläser vom Kühlschrank

fielen und zerbrachen, war die ganze Kajüte

voller Splitter und Sauce. Den Geruch habe ich

noch heute, 20 Jahre später, in der Nase.

Als der Sturm endlich abflaute, war von meinem

Boot nicht mehr viel übrig. Aber ich hatte überlebt.

Anderen hätte diese Erfahrung das Segeln für

immer verleidet. Ich habe daraus gelernt. Man ahnt

normalerweise nicht, welche Willenskraft in einem

steckt, wenn man nie in einer solchen Situation

war. Ich hatte zwar Angst, aber ich habe weiter

„Ich weiß jetzt:

in Notsituationen

kann ich mich

auf mich verlassen.“

Pip Hares Erkenntnis nach

Stürmen mit 130-km/h- Böen

und zwölf Meter hohen Wellen

Den Gewalten trotzen

Pip Hare an Bord ihrer Yacht „Superbigou“. Das Boot, mit dem sie

Ende 2020 an der Vendée Globe teilnehmen will, wird derzeit gebaut.

RICHARD LANGDON/OCEAN IMAGES

26


Glänzende

Seglerin

Pip Hare beim Fastnet

Race 2019, einer

legendären Regatta

durch den Ärmelkanal

funktioniert. Darum weiß ich jetzt, dass ich mich

in Notsituationen auf mich selbst verlassen kann.

Was ich noch daraus gelernt habe, ist, dass alles

Schlimme irgendwann vorbeigeht. In einem Sturm

wie diesem musst du deine Machtlosigkeit akzeptieren.

Du kannst nichts weiter tun, als die Segel

zu reffen und abzuwarten – es gibt immer etwas

auf der anderen Seite.

Eine der Leistungen, auf die ich besonders stolz

bin: Ich schaffe es, auf den Mast zu klettern,

selbst wenn ich allein segle. Das erste Mal, dass

ich das machen musste, habe ich in grauenhafter Erinnerung:

Es war bei meinem ersten Einhand segler-

Rennen über den Atlantik nach Brasilien. Ich segelte

in einem dieser kleinen Geschosse: Sie sind nur

knapp sieben Meter lang, haben einen rund zwölf

Meter hohen Mast und können Geschwindigkeiten

von mehr als 20 Knoten (ca. 37 km/h) erreichen.

Kein Satellitentelefon, kein Funkkontakt. Ich war

bereits zirka zwei Wochen unterwegs und körperlich

ziemlich fertig. Ungefähr in der Mitte des Atlantiks

– also an jenem Punkt, wo mögliche Hilfe am

weitesten entfernt war – kam ich in einen bösen

Sturm, in dem sich ein Teil an der Spitze des Mastes

löste. Würde ich das nicht reparieren können, würde

ich in ernsthafte Schwierigkeiten geraten.

Das bedeutete: Ich musste unter vollen Segeln

hinaufklettern. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich

Mastklettern nur im Hafen trainiert. Eine der größten

Gefahren beim Klettern in voller Fahrt ist, dass

„Mein Herz schlug

mir bis zum Hals.“

Pip Hare „packte sich selbst am

Kragen“ und kletterte unter vollen

Segeln bis zur Spitze des Masts.

man, an der Sicherungsleine hängend, vom Mast

wegschwingt. Beim Zurückpendeln kann man sich

den Kopf stoßen oder etwas brechen. Im schlimmsten

Fall hängt man dort oben fest, weil es niemanden

gibt, der einem helfen kann. Es ist schwierig, sich

zu verbieten, an all die Dinge zu denken, die schiefgehen

können. Meine Hände zitterten, mein Herz

schlug mir bis zum Hals. Dazu kommt, dass man

während der Kletterei vom Autopiloten abhängig ist.

Wenn dieser Apparat plötzlich den Kurs wechselt

oder sonst ein Problem hat, während du oben bist,

dann gute Nacht.

Andererseits sagte ich mir: ‚Das ist der Sport,

den ich mir ausgesucht habe. In dieser Lage bin

ich völlig freiwillig.‘ Es ist, wie wenn du dich selbst

beim Kragen packst, dich tüchtig schüttelst und dir

sagst: ‚Das ist die Person, die du sein willst.‘

Ab der Hälfte des Mastes habe ich mich nur

noch mit den Armen hochgezogen, und als

ich dann oben war, dachte ich: ‚Wow, ich hätte

nicht gedacht, dass ich das kann.‘ Es ist erstaunlich,

wozu man fähig ist, wenn man Angst hat. Ich reparierte,

was zu reparieren war, und machte mich

dann wieder auf den Weg nach unten. Wenn du so

etwas geschafft hast, steigt dein Selbstvertrauen

ungeheuer: Du hast auf einmal das Gefühl, dass

dualles schaffen kannst, was immer auch da kommen

möge.

Meistens stehen wir uns ja selbst im Weg, weil

wir unterschätzen, wozu wir fähig sind. Meistens

tendieren wir dazu, vorsichtig zu sein. Und bevor

wir ein Risiko eingehen, wollen wir am liebsten

eine Garantie dafür, dass es auch gelingt.

Ganz allein mitten auf dem Ozean musst du

deine eigenen Grenzen überwinden. Klar, es macht

Angst, Herausforderungen zu begegnen, denen du

dich zuvor nie stellen musstest, die du vielleicht

körperlich gar nicht bewältigst. Aber wenn du

auf dich allein gestellt bist, hast du keine Wahl.

Du musst es durchziehen. Dafür ist das Erfolgserlebnis

danach einfach unglaublich.“

MAXIME HORLAVILLE

28 THE RED BULLETIN


Neu


„Verantwortung?

Gut! Sie erhöht

deine Chancen.“

Diese Lektion lernte

Julian Nagelsmann

bereits in jungen Jahren.


16

Fußballtrainer, 32, GER

Seit Juli 2019 coacht er Fußball-

Bundesligist RB Leipzig. Seine Karriere

begann mit einem geplatzten Traum.

Julian

Nagelsmann

„Was mir hilft:

Ich treffe mutige

Ent scheidungen“

Verantwortung übernehmen, anpacken –

und welches Wort der Spitzentrainer

bewusst nicht in den Mund nahm.

Interview ALEXANDER NEUMANN-DELBARRE

GETTY IMAGES, AS SYNDICATION/ULLSTEIN BILD/AGENTUR SVEN SIMON

Coach auf Augenhöhe:

Nagelsmann mit

Spieler Marcel Sabitzer

the red bulletin: Herr Nagelsmann,

im Alter von zwanzig Jahren platzte Ihr

Traum von einer Karriere als Profi-Fußballer.

Wie haben Sie das verarbeitet?

julian nagelsmann: Mir hat es immer

geholfen, mutige und klare Entscheidungen

zu treffen. In dieser Zeit habe ich nach

mehreren Verletzungen selbstbestimmt

einen Schlussstrich gezogen – und nicht

etwa gewartet, bis ein Arzt es für mich tut.

Solche Eigeninitiative haben Sie schon

früh bewiesen: Als D-Jugendlicher

fädelten Sie Ihren eigenen Wechsel von

Ihrem Dorfklub zum FC Augsburg ein.

Bei uns sahen ja nie Scouts von größeren

Vereinen zu. Also riefen ein Kumpel und

ich in Augsburg an und fragten, ob wir zum

Probetraining kommen können. Die meinten,

dazu müsse man eigentlich eingeladen werden.

Wir fuhren trotzdem auf eigene Faust

hin – und es hat tatsächlich funktioniert.

Als Nächstes starteten Sie eine Trainerausbildung

und wurden mit 28 jüngster

Trainer der Fußball-Bundesliga. Haben

31


„Dir sollte klar sein: Eine

Ent scheidung ist nichts

Endgültiges. Du kannst

sie stets neu bewerten.“

Nagelsmanns Medizin gegen

riskante „Aufschieberitis“

Sie Ihr Leben schon immer so aktiv

in die Hand genommen?

Mir war früh klar, dass ich die Dinge anpacken

muss, wenn ich etwas erreichen will.

Seit meiner Jugend habe ich Stück für Stück

mehr Verantwortung für mich übernommen.

Sei es, als ich in jungen Jahren allein nach

München zog oder als ich beschloss, mein

BWL-Studium abzubrechen und Sport zu

studieren – oder schließlich zuzupacken,

als sich die Chance bot, früh Bundesliga-

Trainer zu werden.

Sind Ihnen solche Entscheidungen

wirklich nie schwergefallen?

Doch, natürlich. Aber dann hat es mir immer

geholfen, mir klarzumachen: Eine Entscheidung

ist nichts Endgültiges. Außer

vielleicht, du hängst gerade in der Eiger-

Nordwand und es geht um Leben oder Tod.

Aber meistens habe ich die Option, eine

Entscheidung später neu zu bewerten und

neu zu fällen. Wenn ich mich aber aus Angst

gar nicht entscheide, zieht sich alles in die

Länge und wird selten leichter oder besser.

Früher Leader: Mit 28 trainierte Julian Nagelsmann

bereits Bundesligist Hoffenheim.

Sie entscheiden sich immer wieder

gezielt dafür, große Verantwortung

zu über nehmen – nicht nur für sich

selbst, sondern auch für andere.

Was genau reizt Sie daran?

Egal was ich tue, ich möchte einen klaren

Bezug zum Endergebnis haben. In einer

Führungsposition trägst du nicht nur einen

Teil zu etwas bei, sondern bist maßgeblich

am Ganzen und dessen Erfolg oder Misserfolg

beteiligt. Das ist anspruchsvoll, aber

auch sehr reizvoll. Darin, Verantwortung

zu übernehmen, habe ich schon immer eher

eine Chance gesehen als ein Risiko.

Außergewöhnlich viel Verantwortung

bedeutet auch außergewöhnlich viel

Druck. Wie halten Sie den aus?

Indem ich mich gut vorbereite und alles

gebe, dann habe ich mir nichts vorzuwerfen.

Wichtig ist für mich auch, nicht unfehlbar

sein zu wollen und auch mal Fehler offen

zu zugeben. Und mir ist immer bewusst:

Ich habe zwar einen hohen Erfolgsdruck,

aber wenn ich morgen nicht mehr Bun desliga­

Trainer bin, ist mein Leben deshalb

kein grund legend anderes. Schließlich

habe ich gelernt, dass ich immer neue Ziele

an packen kann.

Wie gehen Sie als Führungskraft

mit Krisen um?

Erst mal: analysieren, wie wir da reingeraten

sind. Und dann: an konkreten

Problemen arbeiten, statt sich zu lange

mit der Situation zu befassen. Als ich mit

28 in Hoffenheim übernahm, steckten wir

im Abstiegskampf. Aber ich nahm dieses

Wort nie in den Mund. Stattdessen konzentrierte

ich mich darauf, den Spielern

Dinge an die Hand zu geben, die sie konkret

verbessern können, damit wir da unten

rauskommen. Zum Glück hat’s geklappt.

Und wenn der Druck doch mal zu groß

wird, helfen ein paar Stunden auf dem

Mountainbike oder der Motocross-

Maschine?

Beides mache ich extrem gerne, um den

Kopf freizukriegen. Wenn du 24 Stunden

täglich nur an deinen Job denkst, leidet die

Qualität deiner Arbeit darunter. Dir fehlt

dann die Leidenschaft, das Feuer. Wenn

ich meinen Helm aufhabe, die Geschwindigkeit

spüre, bin ich ganz bei mir, baue ein

bisschen Adrenalin auf und komme trotzdem

danach in die totale Entspannung. Mir

Zeit dafür zu nehmen ist mir sehr wichtig.

REUTERS, IMAGO

32 THE RED BULLETIN


„Egal was passiert: Ich habe

gelernt, dass ich immer

neue Ziele anpacken kann.“

Nagelsmann im Lösungsmodus:

erst die Situation analysieren

und dann volle Konzentration

auf konkrete Optimierung

THE RED BULLETIN 33


17

Drachenfliegerin, 48, GER

Die fünffache Weltmeisterin litt früher

unter Höhenangst. Die Vogel perspektive

hilft ihr auch in anderen Lebenslagen.

Corinna

Schwiegershausen

Warum mich

dieser Blick

stark macht

„Wenn ich beim Drachenfliegen

in eine gefährliche Situation

gerate, lasse ich so wenig Emotionen

wie möglich zu. Was mir

hilft: Fakten ver arbeiten, einen

Plan fassen, ihn ab arbeiten. Ich

habe viele Krisen überstanden:

In Jordanien hat mich ein Kamel

abgeworfen – Hüftbruch. Verletzt

in der Wüste lernt man, um Hilfe

zu bitten: eine Touristin, die Medizinerin

war, später meine Teamärzte.

Hoch oben in der Luft fühle ich mich

wie ein winziger Schmetterling.

Diese Stille auszuhalten und nur

im Hier und Jetzt zu sein, haben

viele verlernt. Dem Fliegen verdanke

ich die schönsten Momente meines

Lebens – und den schlimmsten:

Mein Verlobter ist abgestürzt und

gestorben, kurz bevor ich zu ihm

nach Australien ziehen wollte.

Aber das Leben hat einen Plan B

für dich, und man kann damit

glücklich werden.“

SAMO VIDIC/RED BULL CONTENT POOL, GETTY IMAGES MARC BAUMANN

34 THE RED BULLETIN


18

Fanny

Smith

Skicross-Spezialistin, 27, SUI

Was macht Fanny Smith, wenn sie

zu einer Pause daheim gezwungen ist?

Sie präpariert Ski für Freunde.

19

Bestseller-Autorin, 54, GBR

Sie hat 450 Millionen Harry-Potter-Bücher

verkauft. Davor lebte sie von der Sozialhilfe,

erhielt Absagen von zwölf Verlagen.

J. K.

Rowling

„ICH WAR DREI JAHRE

LANG KOMPLETT

AM BODEN. DARAUS

WURDE DAS

FUNDAMENT, AUF

DEM ICH MEIN LEBEN

AUFBAUTE.“

Rowling verkaufte ihr erstes „Harry Potter“-

Manuskript schließlich an einen Agenten,

der nur zustimmte, weil seiner achtjährigen

Tochter die Geschichte gefallen hatte.

20

Sängerin, 25, FRA/SUI

Danitsa versprüht im Homeoffice funky

Vibes nach Plan (s. u.). Jeden Freitag ein

neuer Song auf Instagram: @danitsa_m

COURTESY OF FANNY SMITH, GETTY IMAGES, STELLA KNUCHEL WOLFGANG WIESER

J.K. ROWLING ZITAT AUS DEM BUCH „VERY GOOD LIVES: THE FRINGE BENEFITS

OF FAILURE AND THE IMPORTANCE OF IMAGINATION“, SPHERE PUBLISHING

Die Arbeit an den Skiern macht Fanny Smith

Spaß: Die Kanten werden nachgeschärft,

die Laufflächen gewachst.

Funny Fanny macht

Freunden Freude

Fanny Smith steht in ihrer Garage und hat gute Laune.

Sie präpariert Ski. Ein Paar nach dem anderen.

Zuerst die Bretter ihrer Familie, dann die ihrer

Freunde. Mehr als 20 Paar hat sie schon geschafft.

Ist das Wetter gut, arbeitet sie im Freien, ist es

schlecht, in der Garage. Sobald ein Paar fertig ist,

kommt es vor die Tür und kann abgeholt werden.

Die 27-jährige Skicrosserin, die im Vorjahr den

Gesamtweltcup gewann und diese Saison Platz 2

belegte, nutzt die Pause, um ihrem Metier möglichst

nah zu bleiben (und natürlich ist ihr Sieger-Service

gratis). Fanny Smith hat sogar einen Hoffnungsschimmer

aufgetragen – nämlich ein Wachs, das die

Laufflächen schützt und das zum Saisonstart sauber

abgezogen wird: „Ein Zeichen, dass ich darauf setze,

dass dann alles wieder ganz normal ist.“

fanny-smith.com

Samstag

Sonntag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Danitsa

MEIN WOCHENPLAN

Song Auswählen

Mit dem Produzenten am Remix

arbeiten oder Komponieren

Proben + moodboard für das

musikvideo erstellen

Aufnahme im home studio meines

Bruders + mixing

mini-musikvideo mit meiner

Schwester mit dem iphone filmen

Video Schneiden

mini-musikvideo-Release

THE RED BULLETIN 35


21

P. K.

Subban

Eishockey-Profi, 30, CAN

Das Abwehrbollwerk der New Jersey

Devils gewann 2014 mit dem kanadischen

Nationalteam Olympiagold in Sotschi.

22

Lindsey

Vonn

Ski-alpin-Allzeitgröße, 35, USA

Die Amerikanerin feierte 82 Weltcup siege,

gewann viermal den Gesamtweltcup,

sie ist Olympiasiegerin und Weltmeisterin.

„Der olympische Spirit

wird uns wieder vereinen“

Als das IOC die Verschiebung der Spiele

von Tokio auf 2021 bekannt gegeben hatte,

meldeten sich Lindsey Vonn und P. K.

Subban mit einem Video-Statement voll

Zuversicht und Mitgefühl. Zwei Auszüge:

lindsey: „Der olympische

Gedanke ist etwas Einzigartiges,

etwas Unglaubliches. Er hat die Kraft,

Menschen weltweit zusammenzubringen.

Das wird er auch wieder tun. Er wird uns

wieder vereinen, leider noch nicht diesen

Sommer. Wir freuen uns drauf, die weltbesten

Athleten nächstes Jahr anfeuern

zu können.“

p. k.: „Es ist wahnsinnig hart

für alle Athleten, die vier Jahre auf

dieses Ereignis hintrainiert haben. Doch

jetzt geht es um Wichtigeres: die Gefährdeten

zu schützen, den Kranken zu helfen

und denen, die ihre Arbeit ver loren haben.

Sport ist nicht das Wichtigste: Das wird

uns jetzt in Erinnerung gerufen.“

COURTESY OF LINDSEY VONN NORA O’DONNELL

36 THE RED BULLETIN


23 – 26

The Aces

23

Cristal

Ramirez

Lead-Sängerin, 24

Sie gründete ihre erste

Band mit ihrer Schwester

Alisa als gerade einmal

Zehnjährige.

24

Alisa

Ramirez

Drummerin, 22

Sie führte Regie im Musikvideo

für „Daydream“,

die erste Single des

kommenden Albums.

25

Katie

Henderson

Gitarristin, 24

Kam 2008 als Letzte

zur Band. Sie ist zugleich

auch das Tech- und

Studio-Ass der Band.

26

McKenna

Petty

Bassistin, 24

Wie der Rest der Band

wuchs auch sie in Utah

auf. Cristal nennt McKenna

das „Yoga-/Koch-/Social-

Media-Genie“ der Band.

Indie-Pop-Band, USA

Brillantes Debütalbum „When My Heart Felt

Volcanic”. So konzentriert sich Frontfrau

Cristal Ramirez aufs Wesentliche:

Kannst du’s ändern? Ja? Dann tu’s!

Bei ihrem Weg ins Musik-Biz fand

Aces-Frontfrau Cristal Ramirez

Inspiration in einem Rocksong.

„Ich war schon immer ein riesiger

Fan der Rockband Paramore (Bild

rechts) und vor allem von Sängerin

Hayley Williams“, sagt sie. „2013

lief ihr Hit ‚Last Hope‘ bei mir in

Dauerschleife. Ich stand kurz vor

dem Highschool-Abschluss und

hatte mir eine Karriere als Musikerin

in den Kopf gesetzt, aber

natürlich waren da Zweifel, ob ich

das Richtige mache, ob ich eine

Chance habe, das zu schaffen.

Doch der Song ,Last Hope‘ gab

mir dann den letzten Schubs.

Ich liebe den Refrain: ‚Gotta let

it happen, so let it happen‘ – da

steckt so viel Power drin. Auch

wenn nicht alles perfekt läuft,

muss man einfach mal Ruhe bewahren,

und die Dinge werden

dann schon. Konzentriere dich auf

das, was du ändern kannst, und

verschwende keine Energie auf

den Rest – das ist eine so starke

Botschaft. Für mich ist sie zu einer

Art Mantra geworden, das mich

seit Jahren begleitet und mir Zuversicht

in schwierigen Phasen

gibt – zum Beispiel, als wir nach

Los Angeles zogen und noch

keinen Plattenvertrag hatten.“

Das neue Aces-Album „Under

My Influence“ erscheint am

12. Juni auf Red Bull Records.

theacesofficial.com

Die US-Rockband Paramore

schuf mit „Last Hope“ einen

Motivations-Hit für The Aces.

RED BULL RECORDS FLORIAN OBKIRCHER

The Aces

(von links):

Cristal, Katie,

Alisa und

McKenna

THE RED BULLETIN 37


27

Psychologe, 48, AUS/GBR

Er ist Mitentwickler des Red Bull Wingfinder-Tests

(wingfinder.com), mit dem du

deine beruflichen Stärken analysierst.

Adam

Yearsley

Plötzlich Homeoffice

Jeder Mensch reagiert anders auf Veränderung.

Aber diese Phasen kommen häufig vor.

BEDEUTUNG

„Ich werde etwas

daraus lernen.“

STIMMUNG

LEUGNUNG

„Es wird mich nicht

so sehr betreffen.“

FRUSTRATION

„Es ist schwieriger,

als ich dachte.“

EXPERIMENTIEREN

„Ich werde etwas

Neues ausprobieren.“

SCHOCK

„Ich kann nicht glauben,

dass das passiert.“

WIDERSTAND

„Ich möchte,

dass es vorbei ist“

AKZEPTANZ

„Es ist, was es ist.“

ZEIT

Zu Hause stärker werden

Ein Psychologe erklärt, was Arbeit im Homeoffice

mit Reisen ins Weltall zu tun hat und wie wir unsere

Kollegen dank der Krise in Zukunft besser verstehen.

the red bulletin: Herr Yearsley,

was ist die größte Herausforderung,

wenn man wochenlang

zu Hause arbeitet?

adam yearsley: Interessanterweise

müssen wir bei monatelangem

Homeoffice ähnliche Probleme

lösen wie Astronauten, die

für Langzeit-Raumflüge proben:

Wie kommen wir bei der Arbeit

allein oder mit wenigen Menschen

auf engem Raum zurecht?

Sie haben ein 10-Punkte-Homeoffice-Programm

entwickelt

(s. Fußnote), was raten Sie uns?

Zwei der wichtigsten Punkte:

einen eigenen, abgetrennten

Arbeitsbereich schaffen – auch

wenn er noch so klein ist und Sie

einen Teil des Zimmers abtrennen.

Ebenfalls wichtig: Ziehen Sie sich

morgens für die Arbeit um.

Warum ist das wichtig?

Weil wir Gewohnheitstiere sind.

Gewohnheiten triggern Reaktionen

in unserem Gehirn. Sie

denken anders, wenn Sie Arbeitskleidung

tragen. Wenn Sie im

Pyjama arbeiten, kriegen Sie diese

Denkweise nicht hin.

Ich soll mich also anziehen,

als würde ich ins Büro gehen,

obwohl ich daheim bin?

Genau. Und abends, wenn Sie

fertig sind, wechseln Sie dafür

in Freizeitkleidung. Sie gehen

quasi „mental nach Hause“.

Homeoffice wird generell

immer wichtiger. Nun haben

wir lange geübt. Was können

wir aus dieser Zeit mitnehmen?

Im besten Fall mehr Vertrauen

von den Vorgesetzten. Manager

hingegen sollten sicherstellen,

dass ihre Mitarbeiter immer den

Nutzen ihrer Aufgaben kennen.

Und generell: dass wir uns aufmerksamer

zuhören.

Im Video-Chat oder wenn wir

uns wieder im Büro treffen?

Beides. Ein guter Tipp ist, immer

den Menschen vor das Thema zu

setzen: Bevor Sie ein Gespräch

beginnen, nehmen Sie sich eine

Minute Zeit und fragen Sie Ihren

Kollegen oder Ihre Kollegin, wie

es ihm oder ihr gerade geht.

10 Homeoffice-Strategien:

redbulletin.com

SANDRA SCHARTEL/DIE-PHOTOGRAPHIE ANDREAS ROTTENSCHLAGER FARGO CIRCLE STUDIO/TOBY LEIGH

38 THE RED BULLETIN


28

Dan

Atherton

Downhill-Pionier, 38, GBR

Der ältere der beiden Atherton-

Brüder sucht stets nach

herausfordernden Trails.

29

Gee

Atherton

Zweifacher Mountainbike-

Weltmeister, 35, GBR

Der mittlere Atherton versuchte

sich auch als Rallye-Pilot.

30

Rachel

Atherton

Fünffache Downhill-

Weltmeisterin, 32, GBR

Sie ist eine der erfolgreichsten

Athletinnen ihres Sports.

Facebook

ist Silber,

meine Familie

ist Gold

England’s First

Family of Mountainbiking

(von vorn

im Uhrzeiger sinn):

Rachel, Dan und

Gee Atherton

DAN WILTON RUTH MORGAN

Es ist kein Zufall, dass die drei Superstar-

Geschwister der Mountainbike-Szene

in Wales nah beieinander leben, demselben

Rennteam angehören und gemeinsam eine

Bike-Firma gegründet haben. Zu wissen,

dass sie stets füreinander da sind, sagt die

fünf fache Downhill-Weltmeisterin Rachel

Atherton, habe ihr und ihren Brüdern Dan

und Gee geholfen, Herausforderungen zu

stemmen. „Klar gibt es Konkurrenz, wenn

du mit Geschwistern aufwächst, die denselben

Sport betreiben. Aber Dan sagte immer:

‚Du kannst die Beste der Welt werden,

wenn du genug Zeit und Arbeit investierst.‘

Wichtig ist aber auch eine liebende Familie,

gerade wenn du scheiterst. Erst das macht

dich richtig frei. Im Zeit alter von Social

Media bedeutet mir diese reale Verbindung

mehr denn je. Facebook und Instagram?

Sind nicht real. Meine Familie und mein

Team sind die Leute, die sich um mich kümmern.

Egal ob ich gewinne oder verliere.“

THE RED BULLETIN 39


31

Aktivist und Autor, 59, USA

Schreibt für „Harper’s“, „Rolling Stone“ u. a.

Das Magazin „Foreign Policy” zählt ihn zu

den wichtigsten 100 Vordenkern der Welt.

Bill

McKibben

32

Illustrator, 39, CAN

Zeichnet für „Time“, „Wall Street Journal“

oder „The Guardian“. Seine Bilder sind

so gesellschaftskritisch wie farbkräftig.

Sébastien

Thibault

Die große Chance

der Wirklichkeit

Vielleicht bringt ein winziger Krankheitserreger die

Menschheit endlich dazu, die Wissenschaft ernst

zu nehmen. Und vielleicht rettet das unseren Planeten.

Text BILL McKIBBEN

Illustrationen SÉBASTIEN THIBAULT

Die kleine, stachelige Mikrobe hat etwas von

einer außerirdischen Invasion: Sie tauchte

aus heiterem Himmel auf, wurde innerhalb

kürzester Zeit zu einer fundamentalen

Be drohung für den gesamten Planeten.

Und weil sie – wie bei Aliens üblich – keinen Unterschied

macht zwischen sozialen Schichten, Rassen

oder Staaten, ist sie ein gemeinsamer Feind der

gesamten Menschheit.

Eigentlich wäre eine solche Situation eine

fantastische Chance für einen globalen Schulterschluss.

Doch so sahen das leider nicht alle: Der

eine oder andere politische Führer suchte Schuldige

in anderen Staaten, und es gab Menschen,

die die Pandemie als Vorwand nutzten, um ihren

Rassismus auszuleben. Man denke nur an den

asia tisch-amerikanischen Arzt, der in Manhattan

in einen Eisenwarenladen ging, um Schutzmasken

für seine Mitarbeiter zu kaufen – und auf dem Parkplatz

von drei Schlägern attackiert wurde, weil sie

meinten, „die Chinesen“ verbreiteten das Virus.

Das andere, das beeindruckende Gesicht des

Homo sapiens zeigte sich zum Glück viel öfter: Ärztinnen

und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger in aller

Welt gingen wie selbstverständlich zur Arbeit, auch

wenn sie nicht ausreichend geschützt waren. Ebenso

wie Kassiererinnen und Kassierer in Supermärkten,

Burschen, die dort die Brotregale füllen, Typen auf

Motorrädern, die Lebensmittel an Leute liefern, die

ihre Wohnung nicht verlassen dürfen. Jeder Einzelne

40 THE RED BULLETIN


THE RED BULLETIN 41


von ihnen wusste vom Risiko, das er eingeht – und

dennoch taten sie alle ihre Arbeit.

Weil sie wussten, was zu tun war.

Weil sie wussten: Es gibt Geschehnisse, auf die

man reagieren muss. Punkt. Kein Rumdiskutieren,

kein Rauszögern, kein Relativieren.

Das ist die große Botschaft dieser Helden im

Kampf gegen Covid-19.

Es ist eine Botschaft, die uns alle retten könnte.

Seit Generationen tun wir so, als würde uns die

Realität eine Wahl lassen. Als wären Fakten nur

unverbindliche Empfehlungen. Obwohl Wissenschaftler

immer verzweifelter vor einer drohenden

„Es gibt Dinge, auf die

man reagieren muss.

Punkt. Kein Rumdiskutieren,

kein Rauszögern.“

Katastrophe für die Menschheit warnten. Obwohl

sie auf einen dramatischen Anstieg der Temperaturen

hinwiesen. Und obwohl Satelliten das Abschmelzen

des arktischen Eises dokumentierten.

Wir hörten alles, sahen alles, verstanden alles.

Aber wir schauten nicht hin. Die Einzigen,

die die Veränderungen ernst nahmen, waren

diejenigen, die die Veränderungen in der Natur

hautnah mitbekamen. Landwirte, deren Ernte verdorrte.

Und Feuerwehrleute, die mit immer gewaltigeren

Bränden zu kämpfen hatten.

Doch was taten wir, die schweigende Mehrheit?

Nichts. Wir ignorierten die Fakten. Wir behandelten

Wissenschaft wie etwas, was mit sich verhandeln

lässt. Wir dachten, die Physik würde uns auf halbem

Weg entgegenkommen. Es ist leicht, sich in eine

Fantasiewelt zurückzuziehen, wenn man die meiste

Zeit auf Facebook und Instagram verbringt.

Das Coronavirus schlug die Tür zu dieser heilen

Fantasiewelt krachend zu. Mit einem Mal zwang

es uns, anzuerkennen, dass Naturwissenschaft

Realität ist. Ein Virus lässt sich nicht bestechen. Es

macht keine Kompromisse. Wir mussten die Fakten

akzeptieren und unser Verhalten ändern, weil es

das bestimmt nicht tun würde. Das Virus zwang

uns, unser Leben auf den Kopf zu stellen. Plötzlich

hatte jeder von uns etwas von dem Abenteurer, der

einen Schlitten durch die Antarktis schleppt oder

mit dem Mountainbike einen schmalen Gebirgsgrat

entlangradelt: Wir waren exponiert. Wir waren

42 THE RED BULLETIN


„Das Coronavirus schlug

die Tür zu einer heilen

Fantasiewelt krachend zu.

Mit einem Mal zwang es

uns, anzuerkennen,

dass Naturwissenschaft

Realität ist.“

verantwortlich für das, was wir taten. Wir wurden

aus unserer Komfortzone, die doch nur Einbildung

war, geworfen. Die reale Welt hatte das Sagen.

Die meisten von uns waren auf eine solche Si tua ­

tion nicht vorbereitet. Wie auch? Aufgewachsen

in einer hoch technisierten Welt, in Städten oder

Vorstädten, die Natur tief unter vielen Schichten

aus Beton und Asphalt versteckt.

Plötzlich gibt die Natur die Regeln vor: einen

Meter Abstand halten, zehnmal am Tag die Hände

waschen, zu Hause bleiben. Wer die Regeln der

Natur bricht, gefährdet sein Leben.

Einer der wichtigsten Faktoren der naturwissenschaftlichen

Realität ist Zeit. Wenn Sie Luft für

drei Stunden in Ihrer Taucherflasche haben,

sollten Sie besser nach 2 Stunden und 45 Minuten

zur Oberfläche zurückkehren. Wenn das Unwetter

auf dem Berg für 16 Uhr vorhergesagt ist, sollten

Sie es bis 15.30 Uhr zum Parkplatz oder zumindest

unter die Baumgrenze geschafft haben.

In der abstrakten Welt der Politik jedoch sieht es

mitunter so aus, als wäre die Zeit abgeschafft: Man

kann ewig dieselbe Debatte führen, von einer Wahl

zur nächsten – ohne den geringsten Fortschritt.

Die Möglichkeit, alles zu zerreden und aufzuschieben,

nach faulen Kompromissen zu suchen,

ist ein Grund dafür, dass Probleme wie der Klimawandel

für die politischen Systeme so schwer zu

bewältigen sind. Weil sie ganz reale Probleme sind,

die ein Handeln erfordern: Tun wir nichts, werden

sie zwar langsam, aber stetig und unwiderruflich

schlimmer. Das Kohlendioxid-Molekül zwingt uns

vielleicht nicht zu so schnellen Reaktionen wie das

Coronavirus. Aber es lässt sich genauso wenig zu

Kompromissen überreden. Physik und Chemie verhandeln

nicht – sie handeln. Wenn man die Menge x

an Kohlendioxid in die Atmosphäre bläst, steigt die

Temperatur um y Grad. Punkt. Das ist berechenbar,

messbar, vorhersehbar. Wenn Neigungswinkel und

Schneelage passen, wird die Lawine abgehen. Egal

ob Ihnen das jetzt passt oder nicht. Sie können sich

lediglich aussuchen, ob Sie ihr im Weg stehen.

Nehmen wir an, wir hätten die Warnungen der

Wissenschaftler vor 30 Jahren ernst genommen,

als sie uns in Wahrheit dasselbe sagten wie heute.

Nehmen wir an, wir hätten damals gehandelt –

nur ein paar kleine Änderungen, und wir hätten

heute das Schlimmste der Klimakrise überstanden.

Damals hätten ein paar Grad Kursänderung genügt.

Aber wir sind stur geradeaus gefahren, und

jetzt stehen wir vor riesigen Schwierigkeiten, vor

einer massiven, nachhaltigen, grundlegenden Veränderung

unseres Lebens.

Wir haben die vergangenen 30 Jahre in einer

Fantasiewelt gelebt, weil es für uns alle bequemer

war, uns nicht zu ändern.

Die Coronavirus-Pandemie zeigt uns, wie sich

die großen Herausforderungen der Natur bewältigen

lassen. Die Länder, die sehr schnell Maßnahmen

ergriffen haben, die Patienten systematisch getestet

und größere Versammlungen rigoros verboten haben,

sind mit einem blauen Auge davongekommen.

Die Länder, die durch Zögern viel Zeit verloren

haben, mussten viel mehr Tote beklagen und haben

ihre Wirtschaft nachhaltig beschädigt.

Man kann der Realität nicht ausweichen. Die

Welt ist nicht das, was wir auf den Bildschirmen

unserer Handys sehen. Die Welt ist das,

was draußen passiert. Wer schlecht ausgerüstet zu

einer Expedition aufbricht, wird verdursten oder

erfrieren. Wer bei einer Skiabfahrt durch eine steile

Felsrinne einen falschen Schwung macht, stürzt ab.

In der wirklichen Welt gibt es kein Schummeln.

Wir sprechen viel über Mut, wenn von Abenteurern

die Rede ist und von Extremsportlern, die

ihre Leistungen draußen in der Realität der Natur

erbringen: den Mut, sich seinen Ängsten zu stellen,

den Mut, den Schritt ins Ungewisse zu wagen, den

Mut, sein Leben zu riskieren.

Aber vielleicht besteht der ultimative Mut einfach

darin, sich den Tatsachen zu stellen? Nicht zu

versuchen, sich selbst zu täuschen, sondern einfach

das zu tun, was getan werden muss?

Nein, es gibt nichts Gutes an dieser Pandemie,

die dieses Jahr zerstört und so viele Menschen

getötet hat. Dennoch werden die meisten von uns

nicht sterben – und was uns nicht umbringt, sollte

uns zumindest klüger machen. In diesem Fall

bedeutet klüger: Wir müssen verstehen, dass uns

die Realität keine Wahl lässt.

Und Tapferkeit bedeutet, sich mit der Welt,

in der man lebt, auseinanderzusetzen. Nicht mit

der Welt, in der man gerne leben würde.

THE RED BULLETIN 43


33

Tennis-Profi, 26, AUT

Der laut ATP-Ranking drittbeste Spieler

der Welt erlebt die Höhen und Tiefen

seines Sports schon seit 20 Jahren.

Dominic

Thiem

Der Meister der Kurve

Wie Tennis-Ass Dominic Thiem mit mentalem

Druck umgeht – am Beispiel des Australian-

Open-Finales 2020 gegen Novak Djokovic.

Handshake nach 3:59 Stunden Fight:

Dominic Thiem und Australian-

Open-Sieger Novak Djokovic (re.)

2

3

4

1

„Der Verlust des ersten

Satzes schmerzt. Gegen

einen großen Spieler

wie Djokovic noch mehr.

Die Satzpause hilft.

Durchatmen, analysieren:

Es war eng, aber

ich bin dran. Und gleich

habe ich Rückenwind.

Äußere Bedin gungen

kann ich nicht ändern.

Aber ich kann solche

Kleinig keiten für mich

nutzen, mich an ihnen

hoch ziehen.“

1

1. Satz 2. Satz 3. Satz 4. Satz 5. Satz danach

2

„Djokovic ist jetzt da,

wo ich ihn haben will:

Er hadert mit sich, spielt

nicht gut. Jetzt muss

ich ruhig bleiben, konzentriert

spielen und

ihn so lange wie möglich

in dieser Situation

halten. Mehr noch als

bei meinen eigenen Fehlern

versuche ich mich

bei seinen so ruhig wie

möglich zu verhalten.

Ich will ihn nicht reizen.“

3

„Seit diesem Satz bin

ich ‚in the zone‘: keine

spürbaren Tiefs, nur

Tennis. Ich mag ein

Game schlecht spielen,

zwei, drei Punkte verhauen

– das macht

mir alles nichts aus.

Ich weiß um meine Stärken,

die mich so weit

gebracht haben. Fehler

sind schnell vergessen.

Ich suche nur meine

Chance, den nächsten

Punkt zu machen.“

4

„Ich stehe schon über

drei Stunden auf dem

Platz. Es ist sehr einsam

hier unten. Zum Glück

habe ich meine Box,

an die ich mich wenden

kann: meinen Coach,

meine Familie. Ich sehe

vertraute Gesichter,

Menschen, die an mich

glauben. Ihre Energie

pusht mich enorm. Je

schlechter es läuft, desto

öfter schaue ich rauf.

Dann geht’s mir besser.“

5

5

„Aus, verloren. Und

jetzt: pure Leere!

Siegerehrung, Presse,

Verpflichtungen. Nicht

angenehm. Fünf Tage

lang fühle ich mich

grässlich. Doch dann

kann ich alles richtig

einordnen: Ich habe

gegen den achtfachen

Sieger des Turniers

unglaublich gespielt.

Und das nächste Duell

kommt bestimmt …“

PHILIPP PLATZER/RED BULL CONTENT POOL, GETTY IMAGES CHRISTIAN EBERLE-ABASOLO

44 THE RED BULLETIN


34

Sängerin, 27, GBR

Begann als MySpace-Star, schreibt Welthits

(„Boom Clap“), lässt sich von Hausarrest

so was von nicht einbremsen.

Charli XCX

35

Eishockey-Spielerin, 30, USA

Die Stürmerin erfüllte sich im Nationalteam

nach Silber 2010 und 2014 im dritten

Anlauf, 2018, den Traum von Olympiagold.

Hilary

Knight

MARCUS COOPER/WARNER MUSIC, CARLO CRUZ/RED BULL CONTENT POOL, ALEX GRYMANIS/RED BULL CONTENT POOL,

GETTY IMAGES(3), RYAN TAYLOR/RED BULL CONTENT POOL, NETFLIX NORA O’DONNELL

„ICH PRODUZIERE

SONGS MIT DINGEN,

DIE BEI MIR DAHEIM

RUMFLIEGEN.

GEIL!

LASST UNS EIN

KRANKES

ALBUM MACHEN!“

Charli XCX ließ via Zoom wissen, dass sie ihr angekündigtes

Album verschieben und stattdessen ein ganz

neues machen wolle. Aufgenommen ausschließlich mit

Dingen aus ihrem Haushalt und im Online-Austausch

mit Fans: „Ich will euch in den gesamten Prozess einbinden.“

Et voilà: „How I’m Feeling Now“ erscheint am

15. Mai. Weitere Infos unter: twitter.com/charli_xcx

Netflix macht mich fit

Eis hockey-Profi Hilary Knight findet:

Binge Watching und Workout passen

gut zusammen.

Die Netflix-Reality- Datingshow „Liebe macht blind“ ist,

wenn wir ehrlich sind, alles andere als Bildungsfernsehen.

Dennoch wurde sie für viele zum heimlichen TV-Laster Nummer

eins. Für die Eishockey-Olympiasiegerin Hilary Knight

und ihre Nationalteam-Kollegin Hannah Brandt war die Show

mit dem ausgeprägten Fremdschäm-Faktor aber auch Anlass,

eine Heim-Workout-Challenge zu erfinden, die so geht:

1. Eine Episode von „Liebe macht blind“ wählen.

2. Krafttraining: Bei jedem „Ich liebe dich“ machst

du zehn Liegestütze oder Sit-ups.

3. Cardiotraining: dazwischen wahlweise Kniebeugen,

Seilspringen oder Hampelmänner.

THE RED BULLETIN 45


36

Fußball-Profi, 28, BRA

Der Superstar von Paris Saint-Germain und der

„Seleção“ ist u. a. Olympia- und Champions-League-

Sieger, spanischer und französischer Meister und

gilt als einer der besten Stürmer der Welt.

Neymar Jr

Inbox: “THE POWER OF LIFE” Issue

Re

To

From

Thoughts in these times

The Red Bulletin

Neymar da Silva Santos Júnior

Friday, 10 April, 2020 at 09:57

E-Mail

von

Neymar Jr

Wie vertragen sich

Ernsthaftigkeit

und brasilianische

Lebensfreude?

Neymar Jr und

eine Nachricht

aus unserer Inbox.

Olá

Se eu pensar só em mim e na minha equipe, o PSG, pergunto a você: Tinha momento mais

inadequado para os campeonatos pararem ?? Mas acho que agora é hora da gente cuidar do

planeta, de salvar vidas. É hora dos especialistas e governantes tomarem as decisões mais

corretas possíveis para salvar o maior número de vidas. Os dirigentes de clubes e federações terão

as respostas adequadas para esta questão. Eu vou continuar treinando, todos os dias, esperando

o retorno aos gramados porque eu sei que o esporte voltará. O esporte é muito importante na

vida de cada ser humano e voltará ainda mais forte, tenho certeza.

Eu passei um bom tempo em reclusão, isolamento em razão das lesões que sofri em 2018 e 2019.

Foram momentos muito difíceis mas que me deram um aprendizado muito grande relacionado

a manter foco, me recompor e recuperar a autoconfiança. Então este momento, individualmente,

eu conheço bem e sei exatamente o que fazer para pra manter a cabeça boa. A grande diferença é

que agora não e uma questão individual. Essa pandemia parou o mundo e não sabemos quando

nem como as coisas ficarão depois que isso tudo passar. Não é só uma questão de “manter o

foco”, mas de preocupação com as nossas famílias, com as pessoas que amamos e com o planeta.

Vamos ficar em casa, cuidando uns dos outros e esperar esse momento passer

São três cães, o Poker, o Flush e o Truco. São meus zagueiros neste período.

Hahahahaha

Eles moram no Brasil e é muito bom passar esse período com eles, sempre gostei muito

de cachorros. E não tem muita técnica pra treinar com eles não, é só jogar à bola e correr q eles

vêm todos juntos pra me desarmar...

E vou te falar, eles dão trabalho pra mim... hahahahaha

Eu que tenho que melhorar pra enfrentá-los. Hahahahahahaha

ÜBERSETZUNG:

Valeu, um abraço,

Neymar Jr

Hallo!

Würde ich nur an mich und mein Team, PSG, denken, würde ich fragen: Gab es je einen

unpassenderen Zeitpunkt, um eine Meisterschaft zu stoppen? Aber ich glaube, jetzt

ist es an der Zeit, uns um unseren Planeten zu kümmern. Es ist die Zeit für Experten und

Regierungen, die möglichst richtigen Entscheidungen zu treffen, um so viele Leben wie

möglich zu retten. Der Klub und die Verbands-Offiziellen werden passende Antworten

finden. Ich trainiere weiter jeden Tag und warte darauf, auf den Platz zurückzukehren,

weil ich weiß, dass der Sport zurückkommen wird. Sport ist wichtig im Leben jedes

Menschen, und ich bin mir sicher, dass der Sport noch stärker zurückkommen wird.

2018/19 war ich verletzt, ich verbrachte lange Zeit in Abgeschiedenheit, in Isolation.

Das war eine schwierige Zeit für mich. Aber ich lernte, wie man fokussiert bleibt und wie

man sein Selbstvertrauen zurückgewinnt. Ich persönlich kenne das, was gerade passiert,

also sehr gut. Und ich weiß, was ich tun muss, damit ich den Faden nicht verliere. Der

große Unterschied ist, dass es sich diesmal nicht um einen Einzelnen dreht. Es ist nicht

meine Pause. Es ist eine Pause der Welt. Diese Pandemie hat die Welt aufgehalten,

und wir wissen nicht, wie die Dinge stehen werden, wenn sie vorbei ist. Wir wissen nicht

einmal, wann sie vorbei sein wird. Es geht nicht nur darum, „fokussiert zu bleiben“,

sondern um die Sorge um unsere Familien, die Menschen, die wir lieben, und den Pla neten.

Bleiben wir daheim, kümmern wir uns um uns, und warten wir, bis alles vorbei ist.

Ich habe drei Hunde: Poker, Flush und Truco. Sie sind momentan meine Trainingspartner,

hahaha.

Sie leben in Brasilien, und es ist großartig, Zeit mit ihnen zu verbringen. Ich hab zwar keine

Ahnung vom Hundetraining, aber ich laufe mit dem Ball los, und sie stürmen hinter mir her,

um ihn mir abzujagen ... Und ich sage euch, ich muss mich ganz schön anstrengen ... hahahaha.

Ich muss besser werden, damit ich eine Chance gegen sie habe. Hahahahahaha!

Viele Grüße – und passt auf euch auf!

Neymar Jr

Neymar Jr mit seinen neuen Teamkameraden

zu Hause nahe Rio de Janeiro

COURTESY OF NEYMAR JR., HADRIEN PICARD/RED BULL CONTENT POOL TOM GUISE

46 THE RED BULLETIN


„Jetzt ist es an

der Zeit, uns um

unseren Planeten

zu kümmern!“

Neymar Jr setzt auf Experten und

Regierungen und darauf, dass

wir alle an einem Strang ziehen.


37 – 39

37

ISS-Crew

Die Internationale Raumstation ist eine

Art Satellit, bewohnt von drei bis sechs

Astronauten. Nach rund sechs Monaten

an Bord dürfen sie zur Erde zurück.

38

39

Andrew

Morgan

NASA-Flugingenieur, 44, USA

Der ehemalige Begleitarzt

des Fallschirmsprung-Teams

der US Army ist seit 2013

Astronaut. Seine jüngste ISS-

Mission dauerte neun Monate.

Jessica

Meir

NASA-Flugingenieurin, 42, USA

Absolvierte am 18. Oktober

2019 mit Kollegin Christina

Koch den ersten rein weiblichen

Raumspaziergang der

Geschichte.

Chris

Cassidy

NASA-Flugingenieur, 50, USA

Ex-Angehöriger der US Army

und der Navy SEALS. Seit

2004 Astronaut. Er ist derzeit

zum zweiten Mal auf der ISS.

-0:45

Jessica Meir (Mitte) mit Kollegen Morgan (li.) und Cassidy beim Red Bulletin-Interview in der ISS.

Videos aus der Raumstation gibt es auf dem NASA-Kanal von YouTube.

Sehr weit weg

und doch ganz nah

Wie steht man Quarantäne durch?

Was kann man in der Einsamkeit lernen?

Ein Video-Call mit den Astronauten

der Internationalen Raumstation.

Interview TAHIRA MIRZA

Text TOM GUISE

Als sich Jessica Meir im April für den Rückflug

von der ISS fertig macht, erwartet sie eine andere

Erde als jene, die sie am 25. September 2019 vom

Kosmodrom Baikonur in Kasachstan aus verlassen

hatte.

Das liegt nicht nur an Corona. Wer die Welt zum

ersten Mal vom All aus sieht, erlebt eine psychologische

Erfahrung namens „Overview-Effekt“.

So nennt man die schlagartige Erkenntnis, dass

unsere Welt nur eine winzige, zerbrechliche Kugel

inmitten unendlicher Leere ist. Ein Ort voller Leben,

den nur eine dünne Haut aus Atmosphäre vor dem

Nichts rundum schützt. Grenzen, menschliche

Konflikte? Bedeutungslos.

Andrew Morgan hat zum Zeitpunkt des Interviews

mit The Red Bulletin neun Monate auf der

ISS hinter sich. Was kann er uns über Isolation

sagen? „Mein Fachgebiet“, lacht er. „Das Wichtigste

ist ein strikter Tagesablauf. Wir absolvieren sogar

Fitnesstraining, Hygiene und Schlaf genau nach

Plan. Sehr wichtig ist auch der respektvolle Umgang

miteinander – auf der Erde genauso wie hier

oben. Wir sehen uns das ganz genau an, wenn die

Stimmung mal nicht gut ist.“

Meir: „Alltag bedeutet für uns, auf unterschiedliche

Situationen zu reagieren, uns auf sie

einzulassen, mit unerwarteten Problemen fertig

zu werden. Als Astronaut wird man auf so etwas

gezielt vorbereitet. Auch dass man das Positive in

jeder Situation sieht. Die aktuelle Weltlage bringt

alle möglichen schrecklichen Dinge mit sich, aber

ich hoffe, dass sie auch ihre guten Seiten hat.

In der Isolation erkennt man, wie wichtig die Beziehung

zu unseren Liebsten für uns Menschen ist.

Vielleicht können wir uns danach, wenn alles überstanden

ist, daran erinnern, was im Leben wirklich

von Bedeutung ist: einander ein bisschen menschlicher

zu behandeln.“

Alle Videos der ISS- und weiterer Missionen

gibt es unter youtube.com/user/NASAtelevision

NASA

48 THE RED BULLETIN


Meir (von Mit-Astronautin Christina Koch fotografiert) beim Außenbordeinsatz für ein Upgrade

des ISS-Stromversorgungssystems. Unter ihr: der Pazifik vor der neuseeländischen Küste.

Die 109 Meter lange, 73 Meter breite ISS umkreist die Erde alle 90 Minuten in 350 bis 400 Kilometer Höhe.

Dabei erreicht sie ein Tempo von 27.500 km/h und erlebt pro Tag 16 Sonnenauf- und -untergänge.

THE RED BULLETIN 49


40

Musik-Legende, 52, GBR

Radiohead-Gitarrist, prägt unser

Verständnis von Rockmusik. Auch weil er

zwischendurch mal in den Wald geht.

Ed

O’Brien

Ed hat

’ne Meise

aus Liebe

zur Natur

Radiohead-Gitarrist Ed O’Brien

bespielt die größten Bühnen

aller Länder. Kraft tankt er im

größten Opernhaus der Welt.

„1998 war ich ziemlich unglücklich darüber,

wie es mit der Band lief. Wir tourten mit ‚OK

Computer‘ (dem legendären Radiohead-Album;

Anm.), und es wurde einfach zu viel. Ich war erschöpft,

depressiv und trank zu viel. Ich konnte

mit dem plötzlichen Erfolg und dem Medienrummel

nicht umgehen.

Zu Hause kam ich bei langen Spaziergängen

im Grünen wieder runter. In der Natur zu sein

war die beste Art, den Kopf freizukriegen und

auf neue Gedanken zu kommen. Vögel zu beobachten

und sie singen zu hören war ein wichtiger

Teil davon. Mein Großvater hatte das geliebt.

Ich weiß noch, wie er uns Kindern im Urlaub

in Cornwall mit dem Fernglas Vögel gezeigt hat.

Er verehrte und bewunderte sie. Damals begriff

ich das nicht richtig, aber je älter ich werde,

desto mehr verstehe ich seine Faszination.

Einfach in der Natur zu sein, allein mit Bäumen

und Vögeln – es gibt kaum etwas Schöneres.

Es ist unglaublich, wie fantastisch sie trotz

ihrer geringen Körpergröße singen können.

Ihr Stimm umfang ist umwerfend … geborene

Opernsänger. Und sie früh am Morgen zu hören,

in diesem überschwänglichen Buhlen um den

einen Partner, das ist wunderschön. Das hat eine

so lebensbejahende, heitere Anmutung, die uns

Menschen wahnsinnig guttut. Wir merken, dass

wir am Leben sind und welche Schönheit diese

Welt für uns bereithält. Nichts verkörpert Freiheit

so sehr wie Vögel.

Wales (wo O’Brien die Musik für sein gerade

erschienenes Debütalbum „Earth“ schrieb; Anm.)

ist ein Vogelparadies. Die Vielfalt ist enorm –

Buchfinken, Goldspechte, Wintergoldhähnchen,

Eisvögel, Schwalben und jede Menge Arten, die

es nirgendwo sonst gibt. Seggenrohrsänger zum

Beispiel, die liebe ich besonders. Sie sind extrem

seltene, wundervolle Geschöpfe, die fantastisch

singen. Sie zu beobachten erfüllt mich einfach

mit purem Glück.“

Eds Tipp: Birdsong Radio auf rspb.org.uk

UNIVERSAL MUSIC, NATURE PHOTOGRAPHERS LTD/ALAMY MARCEL ANDERS

50 THE RED BULLETIN


41

Rewinside

Gaming-Streamer, 27, GER

Sebastian Meyer alias „Rewinside“ legt

schon mal eine Nachtschicht ein, um

tausende Fans bei guter Laune zu halten.

42

Will

Claye

Leichtathlet, 28, USA

Er gewann Olympiamedaillen im Weit- und

Dreisprung. Jetzt hat er eine Karriere als

Musiker gestartet. Kostprobe? Bitte sehr!

„IM CHAT

ERZÄHLEN MEINE

FANS, WAS SIE

BEWEGT. OFT

HABE ICH FÜR

SIE BIS VIER

UHR MORGENS

GESTREAMT.“

„Hey, hier ist ein

Song für euch!“

Leichtathlet Will Claye hat ein Lied

für alle Sportler geschrieben, die jetzt

auf die Spiele in Tokio warten müssen.

LEO ROSAS/RED BULL CONTENT POOL JOHANNES MITTERER, NORA O’DONNELL

Auf seinem Kanal twitch.tv/rewinside verfolgen Nutzer,

wie Rewinside Games spielt und kommentiert. Im Chat

können sie sich untereinander und mit ihm aus tauschen.

It’s like a million scenarios in my cranium

20/20 vision, all I see is packing the stadium

Pride in my chest, steam in soul, medal round my neck

They gon’ see around the globe

Four years straight my eyes been on the prize

Medal on my neck, see tears in my momma’s eyes

It’s a lesson when dealing with Father Time

I know it’s coming, the dream is never denied

Dreams don’t die, they multiply over time

As long as you keep in mind to never settle your grind

Some see a six, I flip and see a nine,

That’s three more shots in my chamber I get to fire

Tap in with the squad ‘n’ tell ’em don’t get complacent

Get it how you get it, we trappin’ up out the basement

Mamba mentality fuelling the separation

The grind beats talent, when talent don’t hit the day shift

Tryna build a spaceship, Elon Musk

Diamonds grow under pressure, we don’t bust

When they hit my line, I’ll be taking it to the sky

Ain’t nothing on site that we gon’ leave untouched

Dreams don’t die, they just multiply

I’m built tough, I can’t stop my grind

Für Will Clayes

Musik video

einfach den QR-

Code scannen!

THE RED BULLETIN 51


43

Abenteurer und Fotograf, 52, SUI

Führt exklusive Expeditionen für kleine

Gruppen an – zum Beispiel zum Nordpol.

Lebt in Beatenberg im Kanton Bern.

Thomas

Ulrich

So überlebte ich

vier Tage auf

einer Eisscholle

Er trieb mutterseelenallein durch

die Arktis und lernte auf die harte

Tour, wie man cool bleibt.

Der Mann, der sich im Bild unten im knallorangen,

wasserdichten Anzug durchs Eismeer kämpft, heißt

Thomas Ulrich. Er ist ein Routinier, wenn es um

arktische Abenteuer geht. Und einer, der verstanden

hat, dass nur aus der Ruhe Kraft erwächst. Genau

deshalb ist er noch am Leben. Die Geschichte, die

ihn bis heute prägt, führt uns ins Jahr 2006. Thomas

Ulrich will im Alleingang die Arktis von Russland

nach Kanada durchqueren. Als er aufbricht, hat er

eine Woche am Kap Arktitscheski verbracht, einem

recht unwirtlichen Ort. „Ich habe die Geduld verloren,

ein Fehler.“ Dazu kommt, dass das Eis in dem

Jahr dünn ist – an manchen Stellen nur 15 Zentimeter.

Schon nach wenigen Kilometern wird die

Tour zum Desaster. Ein Sturm drückt die Eisdecke

gegen das Land. Sie bricht. „Einen Meter neben

meinem Zelt klaffte ein Riss, auf der anderen Seite

öffnete sich der nächste, dann der dritte, der vierte“,

erinnert sich Thomas. Er sitzt vier Tage auf einer

Ganz oben: Verabschiedung von Begleiterin Christine

Kopp am Kap Arktitscheski im Nordpolarmeer – von hier

sind es noch genau 990,7 Kilometer zum Nordpol. Oben:

In diesem Zelt harrte Thomas Ulrich vier Tage aus, bevor

er gerettet wurde. Auf unserem Bild ist das Eis noch heil

– später brach es in kleine Schollen auseinander.

Eisscholle fest. Anfangs ist er panisch, dann schaukelt

ihn das Auf und Ab des Meeres in eine fast

meditative Ruhe. Er erkennt: „Das Leben ist nicht

sicher – aber Veränderungen sind keine Katastrophe.“

Als er von einem Helikopter geborgen wird,

hat er gelernt, sich – buchstäblich – auf dünnem

Eis zu bewegen. „Ich weiß jetzt, wie man in Krisen

ruhig bleibt. Umbrüche machen mich seit damals

nicht mehr panisch.“ thomasulrich.com

THOMAS ULRICH, ULI WIESMEIER WOLFGANG WIESER

52 THE RED BULLETIN


44

Kajak-Ass, 24, GER

Der Heidelberger bezwingt die wildesten

Gewässer. Doch seine härteste Prüfung

bestand er, als er 2018 ausgeraubt wurde.

Adrian

Mattern

45

Ski-Profi, 26, GER

Nach seinem Sensationssieg auf der Streif

kostete ihn ein Sturz die Folgesaison. Am

Tiefpunkt erreichte ihn unerwartete Hilfe.

Thomas

Dreßen

PANTHERMEDIA, DANE JACKSON/REDBULL US ATHLETE , ENNO KAPITZA, GETTY IMAGES (2)

MARC BAUMANN, NICLAS SEYDACK

Dieses Kabel war alles,

was mir blieb

„Für ein Kajak-Abenteuer war ich

in Chile unterwegs, als Diebe mein

Auto ausräumten: Kameras, Laptop,

Smartphone – alles war weg, außer

mein Ladekabel. Als Profisportler

lebe ich von meinen Videos. Ohne

Ausrüstung konnte ich keine mehr

produzieren – eine Katastrophe.

Aber dann sagte ich mir: Schau,

was du schon erreicht hast: aus

Heidelberg zum Kajak-Profi. Dieser

positive Blick zurück machte mir

Mut. Ich hatte früher auf dem Bau

und als Türsteher gearbeitet, also

machte ich das wieder, bis ich mir

neue Sachen kaufen konnte. Wenige

Monate später war ich wieder auf

dem Wasser.“

„DER ZUSPRUCH

MEINER GEGNER

GAB MIR KRAFT

FÜR DAS

COMEBACK.“

Im November 2018 verletzte sich Dreßen

in Beaver Creek, Colorado, bei der zweiten

Weltcup-Abfahrt schwer und musste die

Saison beenden. „Noch im Krankenhaus

schrieben mir viele Konkurrenten“, erzählt

Dreßen. „Zu lesen, wie sie ähn liche

Situationen bewältigt hatten, gab mir

Kraft.“ In der folgenden Saison gewann

er drei Weltcup-Abfahrten und beendete

die Disziplinenwertung Abfahrt als

Gesamtzweiter.

THE RED BULLETIN 53


46

Marc

Wallert

Resilienz-Trainer, 47, GER

2000 wurde Wallert von Terroristen verschleppt,

seine Erfahrung setzt er in der Krisenberatung ein.

So bewältigte

ich 140 Tage

in Geiselhaft

Wie dem Göttinger Tatkraft, Hilfs bereitschaft

und Humor durch die größte

Extremsituation seines Lebens halfen – und

welche Möglichkeiten er in ihr erkannte.

Text PETER PRASCHL

Am Ostersonntag des Jahres 2000 wurde der

damals 27-jährige Marc Wallert zusammen

mit seinen Eltern sowie 18 Touristen und

Angestellten eines Hotels auf der malaysischen

Insel Sipadan entführt und auf eine philippinische

Insel verschleppt. 140 Tage lang war er in

Dschungelcamps einer islamistischen Terrorgruppe

ge fangen: schlechte Ernährung, katastrophale

hygienische Zustände, Todesdrohungen, immer

wieder Beschuss durch die philippinische Armee.

Zwanzig Jahre danach ist Wallert, der als Berater

und Führungskraft in internationalen Unternehmen

tätig war, Resilienz-Trainer und -Berater – er hilft

Menschen und Organisationen, ihre Widerstandskraft

zu stärken. Hier erklärt er, wie er die Extremsituation

im Dschungel meisterte.

1

Ich nahm die Herausforderung an

Als meine Eltern und ich vor zwanzig Jahren

entführt worden sind, war unser erster Gedanke:

„Ach, hätten wir doch nicht auf den Nachttauchgang

verzichtet, dann wären wir wahrscheinlich

immer noch frei.“ So etwas ist eine total verständliche

und menschliche Reaktion – aber keine besonders

hilfreiche. Wenn man in eine schwierige

Lage gerät, ist es wichtig, ihre Existenz zu akzeptieren,

statt mit ihr zu hadern. Es ist, wie es ist.

Man kann die Zeit nicht zurückdrehen und die

Vergangenheit nicht mehr ändern. Aber man kann

versuchen, aus der Situation das Beste zu machen,

und dafür wird man alle Energie brauchen, die

man hat. Man sollte sie nicht vergeuden.

2

Ich bewahrte kühlen Kopf

Angst und Panik sind genauso gefährlich wie

übertriebener Optimismus. Man hat dann entweder

zu viel oder zu wenig Stress. Angst lähmt. Der

Glaube, alles sei nur halb so wild, verführt zu Sorglosigkeit

– und wenn’s dann doch schlimmer kommt,

ist die Enttäuschung umso niederschmetternder.

Nach unserer Entführung ist uns gesagt worden,

STEPHANIE WOLFF, REUTERS

54 THE RED BULLETIN


Marc Wallert mit anderen Geiseln (o. li.), bei seiner kranken Mutter (o. re.), sitzend im Lager (u. li.) und nach der Befreiung (u. re.)

dass das alles in zwei, drei Tagen wieder vorbei

sein wird – es sind dann 140 Tage geworden, bis ich

wieder frei war. Es ist wichtig, sich ganz realistisch

mit den Risiken auseinanderzusetzen, mit denen

man es zu tun hat. Man muss sich mental und auch

ganz faktisch auf eine lange Zeit des Durchhaltens

einstellen, seine Gefühle ebenso einteilen wie zum

Beispiel seine Nahrung, sonst kann man in eine

fürchterliche Enttäuschungsspirale geraten.

3

Ich dachte mir ein Happy End aus

Wenn Leistungssportler in einen Wettkampf

gehen, haben sie sich auch mental vorbereitet:

Manche entwerfen innere Bilder, bei denen sie auf

dem Siegertreppchen stehen oder ihre eigene Bestmarke

übertreffen. Genauso habe ich mich gestärkt:

indem ich den glücklichen Ausgang gedanklich

vorwegnahm. Während meiner Entführung habe

ich mir zum Beispiel immer wieder vorgestellt,

wie ich nach meiner Freilassung in Luxemburg, wo

ich damals gearbeitet habe, in einem Straßencafé

sitzen und mir einen Cappuccino bestellen werde.

Das hat meine emotionale Kondition gestärkt.

„Mein emotionales

Kondi tionstraining:

Ich stellte mir vor, wie ich

in meinem Lieblingscafé

einen Cappuccino bestelle.“

4

Ich flüchtete in Gedanken

Man wird verrückt, wenn man sich pausenlos

mit den Schwierigkeiten beschäftigt, in denen man

steckt. Darum ist es hilfreich, sich gedank liche Auswege

zu gönnen. Man kann lesen. Man kann meditieren.

Man kann seine spirituellen Seiten pflegen

und entwickeln. Auf der Insel, auf der wir gefangen

gehalten wurden, haben wir uns abends erzählt,

was am jeweiligen Tag gut war. Wir haben uns Essen

vorgestellt. Oder einander Geschichten erzählt.

Über die Grenzen der Krise hinauszusehen gibt

einem mehr Kraft, es mit ihr aufzunehmen.

THE RED BULLETIN 55


Ich handelte

5 In Situationen, in denen man zur Passivität

und zum Abwarten gezwungen wird, hilft einem

nichts mehr, als selbst tätig zu werden, so gut es

eben geht. Wir haben uns damals im Dschungel

zum Beispiel Dächer gegen die Regengüsse gebaut.

Oder aufgeschrieben, was uns widerfahren ist.

Sich der Situation zu ergeben macht einen schwächer,

als man durch die Umstände ohnehin schon

ist. Aktivität stärkt.

6

Ich half anderen

Eine schwierige Situation lässt sich allein sicher

schlechter durchstehen als gemeinsam mit anderen.

Deswegen ist es wichtig, sich gut zu vernetzen,

und solange man Telefon und Internet hat, ist das

ja einigermaßen machbar. Sich über Erfahrungen

austauschen, einander Trost spenden, sich Hilfe

anbieten oder einfach nur Spaß miteinander haben:

Das macht die Lage besser erträglich. Außerdem

gibt es einem eine Aufgabe, wenn man anderen

hilft – und in Lagen, die einen zur Passivität verdammen,

ist es immens hilfreich, eine Aufgabe

zu haben. Ich habe mich während der Entführung

vor allem um meine Mutter gekümmert, die gesundheitlich

und emotional recht angeschlagen war.

Das hat mich weniger belastet als zum Durchhalten

motiviert – ich wurde ja gebraucht.

7

Ich nahm’s mit Humor

Wenn nichts mehr geht, hilft Galgenhumor.

Er löst zwar nicht das Problem, aber die innere

Anspannung. Ich habe zum Beispiel auf die durchaus

ernstzunehmenden Enthauptungsdrohungen

unserer Entführer mit dem Spruch „Jetzt bloß

nicht den Kopf verlieren“ reagiert. Allerdings sollte

man solche Witze nur über sich selbst machen und

nicht auf Kosten anderer. Jeder hat seine eigenen

Verletzlichkeiten, die man gerade in einer Krise

besser nicht überstrapazieren sollte.

„Wer bin ich? Was will ich

in meinem Leben noch tun?

Worauf werde ich

gerne verzichten?“

Endlich zurück: Wallert nach dem Ende der Geiselhaft (oben,

2. v. li.); mit seiner Mutter (unten), die vor ihm freikam

8

Ich hielt mich fit

Sport machen, sich bewegen, auf die eigene

Ernährung und Körperhygiene achten: lauter Dinge,

die immer wichtig sind. In Krisen sind sie noch

wichtiger. Nicht nur, weil es die Selbst achtung stärkt

und bei der Bekämpfung von Lagerkoller und Langeweile

hilft. Sondern vor allem, weil es einem die

Kraft gibt, die man zum Durchstehen der Krise

dringend braucht. Wenn wir im Dschungel nicht

penibel auf unsere Körperhygiene geachtet hätten,

hätten wir ebenso gut sterben können.

9

Ich sah Chancen

Jede Krise ist, so seltsam das klingen mag,

auch eine Möglichkeit, sich selbst und sein Leben

neu zu justieren. Hinterher einfach wie ein Stehaufmännchen

genauso weiterzumachen wie davor

bringt einen um diese Chance. Man hat endlich

einmal die Zeit, sich jene Fragen zu stellen, für die

man im Alltag meistens keine Zeit hat: Wer bin ich?

Was will ich in meinem Leben noch tun? Worauf

könnte ich in Zukunft, wenn das alles vorbei ist,

verzichten? In Krisen kann man gut lernen, das

Leben wertzuschätzen.

Im März erschien

Marc Wallerts Buch

„Stark durch Krisen“

im Econ Verlag.

REUTERS, PICTUREDESK.COM

56 THE RED BULLETIN


Das Magazin für

Politik, Wirtschaft

und Kultur

Für alle mit vielen Fragen

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47 48

Rennfahrer, 46, FRA

Findet immer einen Weg zum Erfolg.

5-maliger Dakar-Sieger auf dem Motorrad.

Mit dem Auto ist’s nur eine Frage der Zeit.

Cyril

Despres

Profi-Abenteurer, 53, RSA

Äquator, Amazonas, Arktis, Dakar:

Er setzt Projekte um, die sich andere

nicht einmal zu denken trauen.

Mike

Horn

Mike Horn in der Arktis (li.). und

in der Wüste (o. li.) an der Seite

von Cyril Despres. Temperaturunterschied:

56 Grad

Ich wusste: Das ist

ein Fall für Mike

Halb verhungert auf Arktis-Expedition, eine

Woche später in der Wüste Co-Pilot von Cyril

Despres. Unmöglich? Nicht für Mike Horn.

„Ende Oktober hatte ich noch keinen Beifahrer für

die Rallye Dakar, die im Januar in Saudi-Arabien

startete“, erzählt Cyril Despres, die französische

Dakar-Legende. „Ich wusste: Das ist ein Fall für

Mike Horn. Er ist vermutlich der einzige Mensch,

der unvorbereitet zu so etwas in der Lage ist.“

Despres lag mit seiner Einschätzung nicht falsch.

Horn hatte die Erde auf Höhe des Äquators ohne

Motor umrundet, den Amazonas von der Quelle

bis zur Mündung erkundet und sich mehrmals zum

Nordpol begeben.

Despres erreichte Mike Horn telefonisch auf

dem arktischen Eisschild, wo der seit Ende August

mit Ski unterwegs war, auf einer Expedition, die

wegen Schlechtwetters und starker Eisdrift gerade

richtig prickelnd geworden war. Doch Horn sagte

sofort zu, seine Expedition abzubrechen und dem

langjährigen Freund bei der Rallye Dakar als Beifahrer

beizustehen.

Eine Woche bevor er in der Wüste eintraf, wurde

Horn per Helikopter aus der Arktis geborgen. „Man

sah ihm die Strapazen noch an“, erinnert sich Cyril

Despres, „er war abgemagert und aufgedunsen. Die

Sonne hatte er seit vier Monaten nicht gesehen.“

Allein der Temperaturunterschied von minus 26

auf plus 30 Grad hätte viele andere umgehauen.

Doch binnen 48 Stunden hatte sich Horn akklimatisiert.

Mehr noch: Despres schwärmt noch heute

von der „enormen Energie, die von Mike ausging.

Das motivierte mich, ich fuhr noch schneller als

sonst.“ Den beiden gelang sogar ein sensationeller

Etappensieg, ehe ihr Buggy mit Motorproblemen

liegenblieb. Pilot und Co-Pilot wären jedenfalls fit

genug gewesen für mehr.

SEBASTIAN DEVENISH, FLAVIEN DUHAMEL/RED BULL CONTENT POOL, PHILIPPE JACOB/RED BULL MEDIA HOUSE

PATRICIA OUDIT

58 THE RED BULLETIN


49

Freeriderin und Wingsuit-Pilotin, 39, SUI

Eine Frau fürs Extreme mit extrem

viel Geduld: Auf ihren wichtigsten Sieg

wartete sie sechs Jahre.

Géraldine

Fasnacht

50

Zuna

Rapper, 26, GER/LBN

Er flüchtete aus dem Libanon. Heute ist er Teil der

erfolgreichen deutschen Rap-Combo KMN Gang.

Klingeling!

Auf nach Verbier!

Es konnte ihr nie steil genug sein,

schnell gehen musste es sowieso:

Schon mit fünfzehn will Géraldine

Fasnacht am „Verbier Extreme“,

dem verrücktesten Snowboard-

Rennen der Welt, teilnehmen. Doch

der Veranstalter winkt ab: zu jung.

Géraldine ist enttäuscht, bleibt aber

hartnäckig: „Ich habe hart trainiert,

bin viele Rennen gefahren und

habe die meisten gewonnen.“ Im

Herbst 2001, sechs Jahre später,

läutet ihr Handy. Man lädt sie nach

Verbier ein. Géraldine gewinnt. Das

ist ihr Start in das Leben als Snowboard-Profi.

Warten zu können ist

tatsächlich eine Tugend.

50 Cent inspirierte Zuna zu seiner eigenen Karriere.

„Im Rap steckt die Power,

die dich durchhalten lässt“

Im Alter von 15 floh Ghassan

Ramlawi, heute bekannt

als Zuna, mit seiner Familie

aus dem Libanon. Wieder

und wieder wurden sie an

Grenzen abgewiesen. Ihre

Odyssee durch Nordafrika,

Frankreich, Belgien und die

Schweiz endete schließlich

in Dresden, wo die Familie

bleiben durfte.

Was Zuna auf der Flucht

Kraft gegeben hat? „Wann

immer ich konnte, hörte ich

auf meinen Kopfhörern den

Rapper 50 Cent“, erzählt er.

„Dass jemand, der von ganz

unten kam, solchen Erfolg

haben konnte, machte mir

Mut. Ich konnte es kaum

erwarten, mein Leben in

die Hand zu nehmen wie er.“

Kurz nach der Ankunft

in Dresden traf er Granit

Musa und Ali Rihilati, später

Yassine Baybah. Die vier

sind heute als die KMN

Gang bekannt – eine der erfolgreichsten

Rap-Combos

Deutschlands.

Drei Songs, die Zuna während

seiner Flucht Kraft schenkten:

„21 Questions“ – 50 Cent (2003)

„Hate It or Love It“ – The Game,

50 Cent (2005)

„Changes“ – 2Pac (1998)

@DIESERBOBBY, UNIVERSAL MUSIC, SÉBASTIEN BARITUSSIO, GETTY PREMIUM

WOLFGANG WIESER, DAVID MAYER, SIMON SCHREYER

Auf dem Board im Tiefschnee:

Géraldine Fasnacht unterwegs in Verbier

51

Extremskifahrerin & Bergsteigerin, 47, USA

Hilaree Nelson ist derzeit Captain des

Athleten-Teams der Firma The North Face –

obwohl sie an Höhenangst leidet.

Hilaree

Nelson

„So besiege ich meine Höhenangst“

„Ich spüre, wenn sich ein Anfall von Höhenangst

ankündigt. Das kann in einer steilen, ausgesetzten

Bergflanke verdammt gefährlich werden. Was ich

dann tue? Ich schaue einfach nicht in den Abgrund,

sondern konzentriere mich völlig auf die relevanten

eineinhalb Meter vor mir. Ich setze mir sozusagen

unsichtbare Scheuklappen auf.“

2017 fuhr Nelson vom Peak of Evil im indischen Himalaya und 2018

durch das gefürchtete Couloir (eine von Felsen begrenzte, mit Eis

oder Schnee gefüllte Rinne) des 8516 Meter hohen Lhotse ab.

THE RED BULLETIN 59


52

Rennfahrer, 31, SUI

Der zweifache Le-Mans-Sieger nutzt

die jetzige Zeit intensiv für seine Familie

und genießt Boxenstopps mit den Kids.

Sébastien

Buemi

„Meine

24 Stunden von

Lego-Mans“

„Wenn man nicht aus den eigenen

vier Wänden kann, ist Lego ein

wunderbares Mittel, als Familie

etwas mit den eigenen Händen zu

schaffen“, sagt Buemi. „Man beginnt

mit einem Chaos aus Teilen

und hält zum Schluss ein funktionierendes

Stück Technik in der

Hand – die reine Freude. Jules, der

ältere meiner beiden Söhne, ist vier;

Flottes Spielzeug im Maßstab

1:8 – Porsche 911 RSR,

bestehend aus 1580 Teilen

mir kommt es vor, als bauten wir

24 Stunden am Tag Lego-Fahrzeuge.

Im Moment arbeiten wir an einem

Stunt-Bike mit Truck, als Nächstes

wartet bereits ein Le-Mans-Porsche,

den Jules ausgesucht hat. Drei Tipps

von mir: Seid organisiert und vermischt

die Bausätze nicht. Zweitens:

Achtet darauf, genügend Platz zum

Zusammenbau zu haben. Drittens:

Bindet die Kinder in die Teilesuche

ein. Die kleinen Adleraugen finden

manchmal, was wir Erwachsene

zehnmal übersehen haben!“

THOMAS STÖCKLI/RED BULL CONTENT POOL, THE LEGO GROUP WERNER JESSNER

60 THE RED BULLETIN


53 – 56 53

Air Zermatt

Seit 1968 rettete die Air Zermatt

mehr als 50.000 Menschen und

setzt dabei auf die Kreativität

jedes Teammitglieds.

„Jede Idee

ist ein

Geschenk“

Die Air Zermatt in einem

absolut außergewöhnlichen

Einsatz: wie ein kleines

Mädchen nach 13 Stunden

Kampf gerettet wurde.

Philipp

Venetz

Arzt, 44, SUI

Seit 2020 ärztlicher Leiter

der Air Zermatt: „Das

Mädchen war praktisch

unverletzt.“

55

Dominik

Imhof

Rettungssanitäter, 28, SUI

Für ihn ist dieser Einsatz

unvergesslich: „Es ist mir kalt

über den Rücken gelaufen.“

54

Michèle

Imhasly

Transportsanitäterin, 40, SUI

Sie leitet das Air Zermatt

Training Center und hat

den Einsatz detailliert

dokumentiert.

56

Stephan

Dreesen

Pilot, 47, SUI

Er war mit der Besatzung

seines Helikopters bereits

kurz nach dem Alarm vor Ort.

TERO REPO, PASCAL GERTSCHEN, CHRISTIAN PFAMMATTER WOLFGANG WIESER

Der Spalt im Fels auf der Riederalp

im Kanton Wallis ist nur 20 Zentimeter

breit. Doch an diesem Herbsttag

im Oktober 2017 hat er ein

zweijähriges Mädchen verschluckt,

das beim Spielen gestolpert ist.

Knapp 13 Stunden vergehen, bis

es praktisch unverletzt geborgen

werden kann: „Für alle, die dabei

waren, ein unvergessliches Erlebnis“,

sagt Arzt Philipp Venetz.

Tatsächlich wird in diesen

13 Stunden alles versucht, um

das Mädchen aus sechs bis sieben

Meter Tiefe zu bergen. „Wir haben

jeder Idee eine Chance gegeben“,

sagt Pilot Stephan Dreesen.

Dazu gehört auch der Vorschlag

der erfahrenen Sanitäterin Michèle

Imhasly, die Zweijährige von einem

gesicherten Kind bergen zu lassen.

Der Vorschlag erweist sich als nicht

umsetzbar, weil es im Fels enger

und enger wird. Am Ende graben die

Retter mit Schaufeln, Pickeln und

einem Bagger einen Notausgang.

Schließlich spalten Spezialisten

einen letzten Felsen, der sie vom

Mädchen trennt. Um zwei Uhr früh

ist alles vorbei und die Kleine per

Heli auf dem Weg ins Spital in Bern.

Die Air Zermatt

bei einem ihrer

spektakulären

Einsätze vor der

Kulisse des

Matterhorns

THE RED BULLETIN 61


57

Musik-Promoter, 45, USA

Seine Firma Insomniac ist seit 2007

für einige der größten Electronic-Dance-

Music-Events in den USA verantwortlich.

Pasquale

Rotella

Die größte Party,

die es je gab

Wie ausgerechnet eine Phase der

Heimquarantäne zum Katalysator für

eine Tanzparty mit über 3,6 Millionen

Gästen wurde – den ersten virtuellen

Rave-A-Thon der Welt.

Text LOU BOYD

Fotos WOLFGANG ZAC

Zwei Wochen nach „Beyond Wonderland“ hat der Fotograf Wolfgang Zac diese Bilder bei einem weiteren virtuellen Rave von Insomniac gemacht, direkt vom

Bildschirm seines Computers. „Disinfecto (u. re.) war superbeschäftigt“, sagt er. „Er putzte gerade das Display seines Handys, das war der Shot für mich.“

62 THE RED BULLETIN


Zac: „Es ist verrückt,

per Internet in die Welt

von jemand anderem zu

springen. Ich kann mich

nicht erinnern, wie diese

Frau heißt, aber sie hat

50.000 Follower bei Instagram.

Ich rief sie via Face-

Time an und war sofort

bei ihr daheim. Ein gutes

Foto von ihr zu bekommen

war nicht leicht, weil sie

sehr geübt im Posieren

war. Ich fragte, ob sie

etwas trinken wolle, da

griff sie nach diesem

großen Glas Weißwein.

Das war’s dann.“

THE RED BULLETIN 63


Am Freitag, dem 20. März, hätte das

sehnsüchtig erwartete „Beyond Wonderland“-Festival

in Südkalifornien beginnen

sollen. Daraus wurde nichts: Einen

Tag vorher verhängte Kalifornien den Shutdown.

Aber schon tags darauf feierten 3,5 Millionen

Partysanen die größte Tanzveranstaltung aller Zeiten

– auch wenn keiner von ihnen physisch dabei

war. Pasquale Rotella, der Erfinder von Beyond

Wonderland, hatte in der Krise die Chance gesehen,

etwas ganz Außergewöhnliches auf die Beine zu

stellen: Er machte aus dem Festival den ersten

virtuellen Rave der Welt.

Als Chef der Firma Insomniac hat Rotella schon

viele Events veranstaltet, unter anderem das größte

Electronic Dance Music Festival der USA, den „Electric

Daisy Carnival“. Doch diesmal war die Herausforderung

anders gelagert. „Es war keine große

oder verrückte Idee, aber wir waren die Ersten, die

das in dieser Größenordnung gemacht haben“, erzählt

Rotella. „Es war ganz natürlich: ‚Okay, wir

müssen die Veranstaltung verschieben und machen

stattdessen einen virtuellen Rave-A-Thon.‘ Ich weiß

nicht, warum mir das Wort Rave-A-Thon über die

Lippen gekommen ist, aber mein Team hat keine

Sekunde gezögert. Sie sagten: ‚Klar, wir machen

einen virtuellen Rave.‘“

Der virtuelle Beyond Wonderland Rave-A-Thon

wurde live auf Twitch und YouTube gestreamt, mit

jenen Künstlern, die ursprünglich für das Festival

gebucht waren – sie spielten ihre Sets weit von

den Tänzern entfernt im Insomniac-Büro. Die Teilnehmer

schickten Fotos und Videos von daheim

„auf der Party“. Langsam begann das Ding Fahrt

aufzunehmen: Der Electric Daisy Carnival zieht im

Schnitt 400.000 Teilnehmer an; der Rave-A-Thon

hatte fast neunmal so viel Zuspruch. Wäre es eine

physische Veranstaltung gewesen, hätte die Menge

das Londoner Wembley-Stadion 40-mal gefüllt.

„Ich habe nicht geglaubt, dass es so groß wird“,

sagt Rotella. „Eigentlich war es nur zum Trost für

unsere Community gedacht, die schon Tickets für

das Festival gekauft hatte, aber es wurde sehr viel

mehr. Unser Event war bisher sehr in Kalifornien

verwurzelt; umso aufregender war es, diesmal

Leute aus China, Korea, Australien und von vielen

anderen Orten dieses Planeten dabei zu haben.“

Auf den Bildschirmen waren für Festival-Besucher

vertraute Bilder zu sehen. „Die Leute haben

sich aufgebrezelt, tanzten mit Totems und schwenkten

Knicklichter – es war verrückt“, sagt Rotella

lachend. Partygänger ließen LED-Hula-Hoop-Reifen

um ihre Hüften kreisen und saßen auf den Schultern

ihrer Freunde mit den Armen in der Luft.

„Casey (o. li.) ist die

Freundin von Brian“

(dem Typ mit den

herzförmigen Brillen

auf S. 67), erinnert

sich Zac. „Er tanzte

in seiner Wohnung,

und plötzlich tauchte

sie auf.“ Links: Ducky

nach ihrem Set beim

Rave-A-Thon

64 THE RED BULLETIN


58

Fotograf, 52, AUT

Der in L. A. lebende Zac bezeichnet sich

als „Schöpfer von Schnappschüssen“:

„Ich arbeite nur mit einer Kamera mit Blitz.“

Wolfgang

Zac

„Ich mochte DJ Devault

(li.) sehr“, sagt Zac.

„Sein Musikstil ist Underground,

dunkel, er

klingt anders als die

anderen. Ich wollte die

Musik in meinem Bild

abbilden. Ich bat ihn, im

Insomniac-Büro herumzugehen.

Das Licht war

zufällig – der grüne

Schimmer in seinem

Gesicht kam von einem

Exit-Schild. Für mich

beschreibt das seine

Musik perfekt!“

Meister

des

Screenshots

Wie Wolfgang Zac

die Stimmung des

virtuellen Raves

im Bild festhielt.

Wolfgang Zac wurde vom Shutdown

in Berlin überrascht, er

konnte nicht nach L. A. zurückfliegen.

Claudia, seine Frau und

Kreativpartnerin, hatte dann

die Idee, die virtuelle Party mittels

Screenshots festzu halten.

„Wir dachten: Wie können wir

die Isolation besiegen und

kreativ bleiben?“, sagt Zac.

„Und obwohl ich bei der Arbeit

(u.) manchmal ein wenig seekrank

wurde, war ich doch fasziniert

davon, wie intim diese

Bilder sind, die aus großer

Entfernung entstanden.“

THE RED BULLETIN 65


„Gerhard und Uschi

sind Österreicher, die in

London leben“, erzählt

Zac. „Ich machte diese

Aufnahmen auf ihrer Terrasse.

Ich wunderte mich

über ihre Outfits, weil es

schon früher Morgen war

und ziemlich kalt.“

66 THE RED BULLETIN


„Das Foto von @_sriacha

(u.) ist eines meiner Lieblingsbilder.

Sie war umgeben

von Bierdosen –

eine Art Bier trinkendes

Sternenkind. Pasquale

Rotella (ganz li.) schoss

ich ziemlich am Ende,

bei der Afterparty.“

Ein bisschen ungewohnt waren die in Laserlicht

getauchten Wohnzimmerwände, Kleinkinder, die

verblüfft ihre tanzenden Eltern anstarrten, und

schlafende Hunde auf den Sofas im Hintergrund.

Kurz: die Freiheit eines Festivals, eingefangen

in Millionen von Wohnungen.

Für Rotella und sein Team war es eine einzigartige

Erfahrung: „Zuerst wollten wir die Sache

an einem unserer Veranstaltungsorte durchziehen.

Aber dann dachten wir: Die Leute kennen diese

Orte, dort treffen sie sich normalerweise – wir können

es dort nicht machen. Wir zeigen Social Distancing,

und jeder muss eine Maske und Handschuhe

tragen. So haben wir uns schließlich für unser Büro

entschieden.“ Eine Crew von sieben Leuten verwandelte

die Rezeption in eine Weltklasse-DJ-Bühne

mit Lasern, Animationen und digitalen Effekten.

„Wir hatten eine stinknormale Business-Lobby –

mit Rave-Flyern auf einem Tisch, einem Fernseher,

der unsere Videos zeigte, dazu ein hübsches Wandgemälde

–, und plötzlich wurde eine Fantasiewelt

daraus. Ich fürchte, wir können nie wieder zu

unserer ursprünglichen Lobby zurück.“

Pasquale Rotella saß in sicherer Entfernung zu

den Decks auf einem thronartigen Sessel, er sah aus

wie ein verrückter König, der seine Show genießt.

„Dabei haben wir wahnsinnig aufgepasst, dass wir

nicht die falsche Botschaft aussenden.“ Jeder am

Set musste zu anderen zwei Meter Abstand halten,

die DJs trugen Masken, und zwischen den Sets

tauchte eine geheimnisvolle Gestalt in einem Ganzkörperanzug

auf, die die Decks desinfizierte. „Das

war nicht irgendwer – das war Disinfecto!“, sagt

Rotella. „Die Leute haben von ihm geschwärmt.“

Schilder forderten die Raver zwischendurch auf,

„die desinfizierten Hände in die Luft zu strecken“,

und Headliner Kill the Noise verwendete ein Sample

mit dem Text „stay inside your fucking house“.

„Das Letzte, was wir wollten, war, dass die Leute

dachten, wir schmeißen eine Party, weil wir das

alles nicht ernst nehmen.“

Nach dem Erfolg des ersten virtuellen Rave-A-

Thons will Rotella die Online-Party jede Woche

steigen lassen. „Wir basteln gerade an verschiedenen

Genre-Events, sodass für jeden Geschmack etwas

dabei ist.“

Es ist eine alte Geschichte: Angesichts von

Schwierigkeiten werden Menschen erfinderisch

und passen sich an. Aber es ist schon ein spezieller

Moment, wenn ausgerechnet zu einem Zeitpunkt,

wo alle dazu aufgefordert werden, Abstand zu halten,

etwas geschieht, was Millionen Menschen zu

einer grenzenlosen globalen Party zusammenbringt.

socal.beyondwonderland.com/livestream

THE RED BULLETIN 67


Die vier Athleten vom Red Bull Skydive Team


eint die Liebe zur Freiheit, zur Ungebundenheit,

59

59 62 zur spontanen Entscheidung. Wie gehen sie

mit erzwungener Passivität um?

Red Bull Skydive Team

So verfliegt die Zeit

Marco

Waltenspiel

35, AUT

61

Marco

Fürst

29, AUT

60

Felix

Seifert

27, AUT

62

Max

Manow

31, GER

Ein paar Minuten

Mehrere Stunden

Tage

„Die Küche putzen,

nur um sie nach einem

weiteren Koch experiment

wieder zu putzen.“

Felix Seifert

„Bienen beobachten, dabei

den jämmerlichen Zustand

der Pflanzen entdecken

und sie umtopfen.“

Marco Fürst

„Der Waschmaschine beim

Waschen zuschauen, nur

um zu sehen, ob sie richtig

angeschlossen ist.“

Marco Waltenspiel

„Equipment komplett

durchchecken, wandern

und dabei neue BASE-

Jump-Startpunkte

aus findig machen.“

Max Manow

„Neue Coaching-Strategien

entwickeln und vorbereiten,

um junge Fallschirmspringer

weiterzubilden.“

Marco Fürst

„Meditieren.“

Max Manow

„Betriebsdauer einer

PlayStation testen.“

Felix Seifert

„Sich eine Glatze rasieren

und den Haaren beim

Wachsen zusehen.“

Marco Waltenspiel

„An neuen Projekt-Ideen

und Choreografien tüfteln.“

alle gemeinsam

redbullskydiveteam.com

Okay, Jungs:

Genug gewartet.

Ihr gehört

dringend

wieder raus!

WOLFGANG LIENBACHER, MICHAEL GROESSINGER/RED BULL CONTENT POOL WERNER JESSNER

68 THE RED BULLETIN


Fußball-Profi, 21, ENG

63 64

Der Champions-League-Sieger (FC Liverpool)

ist einer der besten Rechtsverteidiger der Welt.

Trent

Alexander-Arnold

Ryan

Pessoa

eSports-Athlet, 22, GBR

War 2018 Nummer eins bei „FIFA“ (Xbox One)

und spielt für Manchester Citys eSports-Team.

GREG COLEMAN/RED BULL CONTENT POOL, MARK ROE/RED BULL CONTENT POOL TOM GUISE

Digitalanalog-Dialogv

Die Pause der Premier League und die Absage

der eSports-Saison schafft Gelegenheit für

Begegnungen von echter und virtueller Welt.

Ein interdisziplinärer Star-Chat.

eSports-Pro Ryan Pessoa forderte Premier-

League-Superstar Trent Alexander-Arnold

auf der Streaming-Plattform Twitch zum

„FIFA“-Duell. Und stellte dem Shootingstar

abseits des Zocker-Freundschaftsspiels

auch ein paar Fragen.

ryan pessoa: Trent, mal ehrlich:

Dein Liverpool-Kollege Alex Oxlade-

Chamberlain hat bei „FIFA“ eine höhere

„Pace“-Wertung als du. Zu Recht?

Wer ist im wirklichen Leben schneller?

trent alexander-arnold: Na ich!

Aber man muss sagen: Alex war verletzt,

das hat ihn Speed gekostet.

Mit wem verbringst du deine Zeit

in der Isolation?

Mit meiner Mutter – und mit meinen zwei

Hunden, die halten uns auf Trab.

Für mich bedeutet die neue Situation

ja nicht so eine große Umstellung: Ich

hocke ohnehin den ganzen Tag daheim

vor der Konsole. Für dich als Fußball-

Profi aber ist das sicher anders. Du bist

es doch gewohnt, jeden Tag draußen

zu sein …

So sehr hat sich mein Leben gar nicht verändert.

Wenn ich zu Hause bin, chille ich

einfach rum. Das ist für mich die beste

Erholung vom Training und den Spielen.

Und zockst stundenlang „FIFA“?

Ich komme auf vier bis fünf Stunden pro

Woche. Hauptsächlich spiele ich, wenn

ich unterwegs bin, ich verbringe ja zwei

bis drei Nächte pro Woche in Hotels.

Wie gut bist du?

Für einen Amateur nicht schlecht. Ich

kann gut verteidigen, bin sehr geduldig.

Legendär ist deine Corner-Finte beim

Champions League-Halbfinale 2019

gegen Barcelona. Ihr hattet das Hinspiel

0:3 verloren, im Rückspiel lagt ihr 3:0

voran. Alles stand auf dem Spiel. Und

du … komplett lässig! Was ging dir da

durch den Kopf?

Hahaha, dass ich den Ball schnell abspiele,

natürlich! Ich sah, dass die Abwehrspieler

noch nicht fokussiert waren. Ein winziges

Zeitfenster – ich habe es genutzt.

Pessoas Spiele: twitch.tv/ryanpessoa_

THE RED BULLETIN 69


65

Skateboarder, 30, USA

Er unterstützt mit seiner Foundation benach

teiligte Kinder und verletzte Sportler.

Ryan

Sheckler

Freie Fahrt für

Mister Sheckler

Was tut ein Skateboard-Profi wie

Ryan Sheckler in Zeiten wie diesen?

Er baut sein Wohnzimmer zum

Skatepark um.

„Seit der Krise ändert sich mein Training

im Wochenrhythmus – je nachdem,

was die Experten gerade gutheißen.

Zuerst trainierte ich allein

im Fitness-Studio, nachdem ich davor

alle Geräte desinfiziert hatte, dann

machte ich mein Workout daheim,

ging in den Skatepark oder zum Surfen

ans Meer. Aber damit ist Schluss,

seit die Strände gesperrt sind.

Ich bin ehrlich: Am Anfang nützte

ich die Gelegenheit und skatete überall,

wo wir Skater sonst vertrieben

werden. Ich arbeitete meine ganze

Wunschliste ab, von Parkplätzen bis

zu leeren Gebäuden. War ja keiner

da. Aber jetzt halte ich den Ball wirklich

flach und übe mich in Social

Distancing. Die Leute, die ‚an der

Front‘ gegen das Virus kämpfen,

haben echt meinen vollen Respekt.

Was mir im Moment am meisten

Spaß macht: aus meinen Möbeln

Skate Spots zu machen. Auf Instagram

gab es schon eine Push-up-

Challenge und eine Kickflip-Challenge,

warum soll es da nicht auch eine

Skaten-im-Wohnzimmer-Challenge

geben? Unlängst bin ich über meinen

Couchtisch geshreddet. Dafür sieht er

eigentlich noch recht gut aus. Oder

sagen wir: den Umständen entsprechend.

Ich glaube, ich werde da noch

ein paar ähnliche Ideen umsetzen.

Für die ‚Skate for a Cause‘-Tour,

die vergangenes Jahr ihr zehntes

Jubiläum feierte, habe ich ebenfalls

schon massenhaft Ideen. Jetzt, mit

dieser Pandemie, gibt es ja mehr hilfsbedürftige

Menschen denn je.“

SABAS ROMERO/RED BULL CONTENT POOL(2), COURTESY OF RYAN SHECKLER JEN SEE

70 THE RED BULLETIN


66

Kletter-Pionier und Unternehmer, 81, USA

Chouinard schmiedete ab 1957 erste Felshaken

und gründete 1973 die Outdoor-

Marke Patagonia. Er klettert nach wie vor.

Yvon

Chouinard

67

Mavi

Phoenix

Musiker, 24, AUT

Mavi Phoenix hat sich zunächst als

Rapperin einen Namen gemacht. Seit

Herbst 2019 lebt er als Trans-Mann.

MAŠA STANIC, IMAGO/AURORA FOTOS SEBASTIAN FASTHUBER

YVON CHOUINARD ZITAT AUS DEM BUCH „SOME STORIES: LESSONS

FROM THE EDGE OF BUSINESS AND SPORT”, PATAGONIA PUBLISHING

„Es besteht eigentlich

kein Unterschied

zwischen einem

Pessimisten, der sagt:

‚Es ist hoffnungslos,

man kann sowieso

nichts machen‘, und

einem Optimisten, der

sagt: ‚Man braucht gar

nichts zu unter nehmen,

es wird schon alles von

selber gut.‘ Auf beide

Arten passiert nichts.

Die beste Haltung ist,

selbst aktiv zu werden.“

Firmengründer

Yvon Chouinard

als junger Mann an

seinem „Little Giant“-

Schmiedehammer in

Yosemite, Kalifornien.

Die hier produzierten

Felshaken verkaufte

er später aus dem

Kofferraum seines

Autos.

Das gab mir den Mut

zum ersten Schritt

„Ich hätte ein Mann werden sollen, das

weiß ich schon lang. Aber immer war

da der Gedanke: Ich bin eine Frau,

da kann man nichts machen. Den Entschluss,

als Mann zu leben, habe ich

beim Aufnehmen meines Albums gefasst.

In dieser Phase ging alles drunter

und drüber – und ich war voll kreativ.

Mein Umfeld hatte keine Ahnung. Geholfen

haben mir YouTube-Videos von

Trans-Männern. Dass die ganz normal,

gesund, glücklich wirken, hat mir viele

Ängste genommen. Wie es weitergehen

soll, muss ich mir gut überlegen. Eine

Hormonbehandlung verändert das

Aussehen und die Stimme. Dann geht

es ans Eingemachte. Aber ich bin froh,

den ersten Schritt getan zu haben.“

Das lang erwartete Debütalbum von Mavi Phoenix heißt

„Boys Toys“ und ist auf LLT Records erschienen.

THE RED BULLETIN 71


68

Formel-1-Pilot, 22, NED

Der Star von Aston Martin Red Bull Racing

und die Fähigkeit, sich von geänderten

Umständen nicht unterkriegen zu lassen.

Max

Verstappen

Keiner stoppt Max

Grand Prix von Australien abgesagt?

Max Verstappen wechselte blitzartig ins

eSports-Cockpit und schrieb Geschichte

– vor mehr als 500.000 Zuschauern.

Text TOM GUISE

Max Verstappen hatte sich so gefreut,

dass es endlich losginge mit

der Formel-1-Saison. Doch dann die

Enttäuschung: Nur einen Tag vor

dem Qualifying wurde der Große

Preis von Australien in Melbourne

abgesagt. Es würde wohl nichts

werden mit dem Rennfahren.

Auf der anderen Seite der Weltkugel,

in England, sah einer das ganz

anders. Darren Cox, ein E-Motorsport-Organisator,

erkannte seine

Chance. Der Plan war, innerhalb

von drei Tagen ein hochkarätiges

eSports-Rennen aus dem Boden zu

stampfen. Und es gibt kaum einen

hochkarätigeren Namen als Verstappen.

„Ich hatte immer einen

Renn-Simulator daheim“, verrät

der Aston Martin Red Bull Racing-

Star, „aber als ich in die Formel 1

kam, habe ich damit aufgehört.

Erst vor einem Jahr habe ich wieder

angefangen.“ Und so kam Max

doch noch zu seinem Rennen.

Donnerstag, 12. März, 11.30 Uhr

Eine ehrgeizige Idee

darren cox: Ich wachte auf, sah

die News und wusste: Am Sonntag

wird’s kein Rennen geben.

max verstappen: Als sich Mc­

Laren wegen eines Corona-Falls

zurückzog, sah ich schon schwarz.

Im Lauf des Nachmittags stiegen

auch alle anderen Teams aus.

cox: Ich schloss mich mit meinem

Team kurz und fasste einen Plan.

Wir standen noch ohne Kommentatoren

da, ohne Studio, ohne Fahrer.

Wir wussten auch nicht, mit welchen

Autos wir welche Strecken

fahren wollten. Aber eines war fix:

Wir gehen in 72 Stunden live.

verstappen: Ich teilte mir gerade

meine neu gewonnene Freizeit

ein. Zwischen den Rennen habe

ich fixe Trainingseinheiten am

Red Bull-Simulator, daheim verwende

ich meinen eigenen. Er ist

nicht so hochwertig wie der des

Teams, aber für Racing Games

reicht er: ein maßgeschneiderter

Sitz mit extrasteifem Rahmen, ein

Bodnar-SimSteering-Motor, ein

Precision-Sim-Engineering-Lenkrad,

Heusinkveld- und Simtech-

Pedale und vier Monitore.

Freitag, 13. März, 13.00 Uhr

Hektische Planung

cox: Wir brauchten mindestens

zehn Piloten. Wir hatten den Portugiesen

António Félix da Costa,

den Führenden der Formel-E-WM,

und den Holländer Rudy van Buren

(2017 Sieger der ersten Saison von

„World’s Fastest Gamer“, Anm.). Er

war Feuer und Flamme und fragte:

„Gibt’s einen Startplatz für Max?“

verstappen: Ein Freund fragte

mich, ob ich mitmachen wolle.

Das war echt in letzter Minute.

cox: Wir brauchten keine Verhandlungen

mit seinem Management.

Max hat sich selbst angeboten. Die

Frage war nur: Schafft er es rechtzeitig

von Australien heim?

verstappen: Ich musste noch

einen Flug zurück nach Monaco

kriegen. Es war arschknapp.

Samstag, 14. März, 14.50 Uhr

Schwieriger Umstieg

cox: Was die beste Sim-Racing-

Software ist, darüber herrscht

ein Glaubenskrieg: iRacing oder

rFactor. Wir entschieden uns für

rFactor, weil auch Formel-1-Teams

sie schon eingesetzt hatten.

verstappen: Da ich von iRacing

komme, musste ich umlernen.

Kostet Zeit, die ich nicht hatte.

cox: Als Nächstes musste ein Format

her. Wir entschieden uns für

15- minütige Qualifyings und ein

20-minütiges Finale.

verstappen: Damit es fürs Publikum

attraktiver wird, sollten mehr

klassische Rennfahrer dabei sein.

Einige meiner Gegner kannte ich

aus der Formel 1, der Formel 3

und vom Gokart-Fahren.

cox: Ein paar von ihnen hatten

aber null Erfahrung mit rFactor.

Das war ein Problem, denn du

kannst nicht einfach einschalten

und loslegen. Darum stellten wir

einen siebenköpfigen Help Desk zur

Verfügung, der das System erklärte.

verstappen: In jedem der drei

Qualifyings kamen die acht

Schnellsten ins Finale. Die Sim-

Piloten waren so stark, dass man

sie getrennt von uns antreten ließ.

cox: Unsere Angst war: Lassen wir

Sim-Racer und echte Piloten sofort

72 THE RED BULLETIN


cox: Wir reduzierten die Kollisionsschäden

auf 50 Prozent, damit

nicht gleich das ganze Feld nach

einer Runde schon in die Box muss.

Sonntag, 15. März, 13.03 Uhr

Das Rennen beginnt

cox: 72 Stunden nach dem ersten

Anruf schaltete die Ampel auf Grün.

verstappen: Ich gewann meinen

Lauf, hauptsächlich gegen andere

reale Fahrer. Aber die echten

Gegner waren in der anderen

Gruppe. (Max stand im 24-Mann-

Finale auf Startplatz neun; Anm.)

cox: Nach zehn Minuten hatten wir

52.000 Viewer – mehr als jeder andere

Stream zu dem Zeitpunkt. Ich

habe gelesen, dass wir sogar mehr

Zuseher hatten als ein echtes F1-

Rennen auf Sky Sports. Insgesamt

schauten über 500.000 Leute zu.

Sonntag, 15. März, 14.47 Uhr

Das Finale

VERSTAPPEN.NL, RED BULL RACING/GETTY IMAGES

gegeneinander fahren, schaffen es

die realen Stars vielleicht nicht einmal

durch die Qualifikation.

Sonntag, 15. März, 11.00 Uhr

Vom Flieger ins Cockpit

cox: Der Kurs war der Nürburgring.

Das Auto ein F1-Modell von 2012,

für viele Piloten schwer zu fahren.

verstappen: Ich kannte das Auto

nicht, und die Umgewöhnung

war superschwer. Da kannst du

in der Realität noch so ein guter

Fahrer sein, im Simulator bist du

nicht auf Anhieb schnell.

Verstappen am heißen Stuhl:

Dass ihm die Profi-Gamer

den Auspuff zeigten,

wurmt ihn noch jetzt.

„Unter den realen

Fahrern ist Max

wahrscheinlich

der beste.“

Darren Cox

verstappen: Gleich in Runde eins

flog ich von der Strecke und war

Letzter. Mein Rennen war quasi

vorbei, aber ich gab nicht auf. Ich

überholte so viele, wie ich konnte.

(Er kam als Elfter ins Ziel, Rudy

van Buren wurde Dritter; Anm.)

cox: Unter den realen Fahrern

ist Max wahrscheinlich der beste.

Aber er verbringt nicht 12 Stunden

am Tag mit Sim-Racing. Rudy lebt

praktisch in rFactor. Würde sich

Max voll darauf konzentrieren,

könnte er innerhalb von ein paar

Wochen ganz vorne mitfahren.

verstappen: Sim-Racing macht

Spaß, aber echtes Rennfahren gefällt

mir besser. Vielleicht bringe

ich ja künftig beides in meinem

Zeitplan unter.

cox: Binnen 72 Stunden hatten

wir es geschafft, dass sich Leute

in Holland ums Rennen und andere

in England mit ihren Laptops um die

Übertragung kümmern. Wir brachten

46 Fahrer aus aller Welt dazu,

sich einzuloggen. Hätte mir drei

Tage vorher einer erzählt, dass es ein

Racing Game in die Top 20 auf You-

Tube oder Twitch schaffen könnte,

hätte ich ihn für verrückt erklärt.

THE RED BULLETIN 73


69

Ben

Stokes

Cricket-Profi, 28, GBR

Der legendäre Vize-Kapitän des englischen Nationalteams

nutzt die Zwangspause zur Entwicklung frischer Talente.

Käpt’n Ben schlägt

die Börsenglocke

„Es gibt zu jeder Zeit Dinge, die

wichtiger sind als Sport“, sagt Englands

Cricket-Held Ben Stokes über

den bevorstehenden Sommer, den er

– wie viele – anders verbringen wird

als den vorigen. Stokes sicherte sich

im Juli 2019 einen Platz in den Cricket-Annalen,

als er sein Team nach

einer dramatischen Verlängerung

gegen Neuseeland erstmals (!) zum

WM-Titel führte. Im Cricket-Jargon

ist er ein All-rounder, ein Spieler,

der mehrere Positionen einnehmen

kann; nun lernt Stokes auch im Alltag

andere Rollen: „Ich bin Sportlehrer

für meine Kinder und fahre

die Formel-1-Saison im Simulator.

Da wurde ich Letzter.“ Auch das

neue Hobby des Allrounders hat

nichts mit Cricket zu tun: „Ich will

alles über Aktien lernen. Die Geschichte

hat gezeigt, dass es nach

jedem Crash wieder bergauf geht.“

GREG COLEMAN/RED BULL CONTENT POOL TOM GUISE

74 THE RED BULLETIN


70

Hobby-Imker, 40, AUS

Keine Kohle? Kein Problem.

Einfallsreichtum, Zusammenhalt

und Ausdauer zählen viel mehr.

Cedar

Anderson

Mr. Bien

Wie ein australischer Bastler

die moderne Bienenzucht auf

den Kopf stellte.

„Was ist der gefährlichste Gedanke der

Welt?“, fragt Cedar Anderson. Und gibt

gleich die Antwort: „Zu glauben, dass sich

jemand anderer darum kümmern wird.“

Der Austra lier löst Probleme lieber selbst.

Mit acht baute er sich ein Gokart für den

Schulweg. Sein aktuelles Auto rüstete er

auf den Betrieb mit recyceltem Pflanzenöl

um – für die Tage, an denen er nicht seinen

selbst gebauten E-Motorgleitschirm nutzt.

„In meiner Familie gab es keinen Fernseher“,

erklärt Anderson. „Man ging in die

Werkstatt und bastelte was.“ In der Nachbarschaft

lebte man naturnah, nachhaltig

und sparsam. „Wir waren ziemlich arm.

Aber das glichen wir mit Einfallsreichtum

aus“, sagt er. „Jeder war gefordert, gute

Ideen in die Gemeinschaft einzubringen.“

Eine der besten kam ihm beim Imkern:

Musste das Honigschleudern wirklich so

eine Patzerei sein, bei der unter Umständen

auch Bienen zerquetscht werden?

Nach zehn Imker-Jahren an der Seite

seines Vaters fand er eine bessere Lösung:

das Flow Hive. In diesem Bienenstock befestigen

die Bienen ihre Waben an einem

patentierten Kunststoffrahmen. Sind die

vertikal angeordneten Waben mit Honig gefüllt,

kann der Rahmen von außen gesplittet

und der Honig per Zapfhahn entnommen

werden. Stress beim Bienenvolk? Null.

Die Erfindung stellte Andersons Leben

auf den Kopf. Eine Crowdfunding-Kampa gne

generierte binnen zweier Stunden eine Million

Dollar. Heute, fünf Jahre später, brummen

75.000 Flow Hives in 130 Ländern,

und tausende Menschen haben mit dem

Imkern begonnen. „Das ist gut für uns alle“,

so Anderson, „denn jedes Bienenvolk kann

pro Tag 50 Millionen Blüten bestäuben.“

An seiner Bescheidenheit hat der Erfolg

nichts geändert. „Viele von uns haben tolle

Ideen“, meint Anderson, „aber nur wenige

setzen sie konsequent um. Man braucht

dafür Ausdauer und ein wenig Starrsinn. Ich

habe beides. Aufgeben ist nicht mein Ding.“

FLOW RACHAEL SIGEE

Das Flow Hive besteht aus nachhaltig angebautem Zedern- und Araukarienholz

und lebensmittelechtem Kunststoff. Rechts: Bienenkönig Anderson mit Untertanen

THE RED BULLETIN 75


71

Segler, 40, AUS

Mit 30 holte er als jüngster Skipper der

America’s-Cup-Geschichte den Sieg beim

prestigeträchtigsten Segelrennen der Welt.

James

Spithill

Spithills Luna-Rossa-Team vor der Küste von Marina di Capitana. Dem Training im rauen Wasser vor Sardinien fällt der Mast

des Einrumpf-Foilers zum Opfer – glücklicherweise ohne Schaden für die Besatzung.

„Jetzt besonders

wichtig: offen

und ehrlich sein“

Echte Champions profitieren von Rückschlägen.

Wie das funktioniert, erklärt

America’s-Cup-Sieger Jimmy Spithill.

„Eines der wichtigsten und wertvollsten Dinge, die

uns der Sport lehrt, ist der Umgang mit schweren

Rückschlägen“, sagt Spithill. „Der America’s Cup

ist da am ehrlichsten. Es gibt keinen zweiten Platz,

kein Podium. Du gewinnst oder du verlierst. Alles

andere als der Sieg ist ein Misserfolg. Das erzeugt

enormen Druck. Druck aufs Team, Druck auf die

Technik, das Design, die Konstruktion. Alles, was

du tust, muss bis an die äußerste Grenze des Machbaren

gehen. Wenn du keine Rückschläge erlebst,

bist du wahrscheinlich nicht weit genug gegangen.

Der America’s Cup ist gnadenlos, genau deswegen

ist er ja so faszinierend. Du erkennst den

wahren Charakter eines Menschen nicht, wenn alles

glattläuft; erst in schwierigen Zeiten siehst du, aus

welchem Holz jemand geschnitzt ist. Du siehst, wer

ehrlich sein kann, zu sich selbst und zu anderen –

und wer wegen ebendieser Ehrlichkeit aus Niederlagen

gestärkt hervorgeht. Das macht einen Leader

aus: Für ihn ist jeder Rückschlag eine Lektion.

Ich habe diese Erfahrung bei jeder meiner

America’s-Cup-Kampagnen gemacht. 2013 in San

Francisco, als wir mit dem Oracle Team USA nach

1:8-Rückstand noch 9:8 gewannen. Oder während

der aktuellen Kampagne im Team Luna Rossa: Konstruktionsfehler

führten zu einem Mastbruch, das

Boot wurde beschädigt. In beiden Fällen haben

uns die harten Rückschläge als Team zusammengeschweißt.

Wir haben gelernt, sind stärker geworden.

Champions profitieren von harten Zeiten.

Im Moment macht der gesamte Planet harte

Zeiten durch. Das Beste, was wir tun können, ist,

vom Sport zu lernen: offen und ehrlich zu sein,

zusammenzustehen als globales Team. Dann gehen

wir stärker und klüger aus der Prüfung hervor.“

lunarossachallenge.com

BRETT HEMMINGS/RED BULL CONTENT POOL, LUNA ROSSA/CARLO BORLENGHI RUTH MORGAN

76 THE RED BULLETIN


72

David

Hunt

Gaming-Streamer, 35, USA

Wie aus dem Reha-Patienten David Hunt die

Gaming-Legende „GrandPOOBear“ wurde.

Achtung, fertig ...

… los! Der Meister verrät: So baust

du deine Online-Community auf.

73

74

Extremradfahrer, 37, AUT

Durchquerte 2018 Amerika in Weltrekordzeit

(Doku: redbull.com/ice2ice) und leitet

Workouts in Wien und auf Instagram.

Michael

Strasser

DJ und Produzent, 45, AUT

Auch der Electroswing-Pionier eroberte

2018 Amerika: Sein Song „The Sun“

erklomm Platz 1 der US-Electronic-Charts.

Parov

Stelar

Der inter-stelare

Bike-Messenger

Michael Strasser fuhr mit dem Rad 22.642 Kilometer

von Alaska nach Patagonien – in 84 Tagen und 11 Stunden.

Was ihn selbst bei 100-km/h-Böen in Peru durchhalten

ließ? Ein Messenger-Buddy der besonderen Art.

CAMERON BAIRD, JAN KOHLRUSCH, CRAIG KOLESKY, SAMUEL RENNER JEN SEE, CHRISTIAN EBERLE-ABASOLO

Nach einer Snowboard-

Verletzung brauchte David

„GrandPOOBear“ Hunt

eine Alternative für seinen

Lieblingssport. Er kämpfte

mit den langen Stunden,

die er während der Reha

daheim verbringen musste

– bis ihn eines Tages ein

Freund dazu einlud, ihm

mittels Online-Stream

beim Spielen des Ego-

Shooters „Halo“ zuzusehen.

Hunt war erst skeptisch,

dann begeistert.

Steh zu deinem Hobby

„Online Freunde zu finden

ist ganz einfach. Es spielt

keine Rolle, ob du dich

für Games interessierst,

‚Harry Potter‘-Analysen

oder für pornografische

One-Direction-Fantasygeschichten.

Irgendwo

auf der Welt gibt es immer

fünfzig Leutchen, die

im Internet deine Leidenschaft

teilen.“

Finde Gleichgesinnte

„Angenommen, du stehst

auf ‚Fortnite‘. Jetzt musst

du nur auf Twitch in diese

Kategorie gehen und abchecken,

wen du cool findest.

Frag dich, mit wem

du gern im echten Leben

abhängen würdest. Finde

heraus, mit wem er sich

sonst austauscht. Ich habe

selbst die meisten meiner

Lieblings-Streamer über

meine Freunde gefunden.“

Starte deinen Stream

„Es ist noch kein Meister

vom Himmel gefallen. Am

Anfang ist es echt schwierig,

parallel ein Game zu

spielen und mit 2000 Leuten

zu kommunizieren.

Vergiss nicht: Als Gamer

musst du selbst Teil der

Community sein. Tauch

ein, hab Spaß. Und denk

daran: Die ersten zehn

Viewer zu bekommen ist

am schwierigsten.“

Bleib du selbst

„Bilde dir ja nicht ein,

dass du den Zuschauern

etwas vorspielen musst.

Es ist immer besser, seine

eigene Nische zu finden –

man kann es sowieso

nicht jedem recht machen.

Im Inter net geht es nicht

besonders nett und ra tional

zu. Darum mach einfach

dein ganz persönliches

Ding. Die Chance

steht gut, dass andere

Spaß daran haben, wenn

du Spaß hast.“

Lieber Michael, hier spricht der Marcus. Du

kennst mich wahrscheinlich besser als Parov

Stelar. Wie ich höre, liegen wirklich spannende

und aufregende Zeiten vor dir. Und zuerst einmal

mein tiefster Respekt. Ich finde es großartig,

dass es immer wieder Menschen gibt, die

anderen Menschen zeigen, was alles möglich ist.

Es erinnert mich sehr an meine Anfänge in der

Musik. Da haben mir eigentlich alle Leute immer

erzählt, was alles nicht geht im Musik-Business.

Aber ich denke, du bist genauso ein Kämpfer.

Und das, was man wirklich will, das kann man

erreichen. In diesem Sinne wünsche ich dir

für dein Vorhaben, für dein Abenteuer alles Gute!

Und wenn dich meine Musik noch den einen oder

anderen Kilometer tragen kann, freue ich mich

natürlich umso mehr. Toi, toi, toi!

Danke, Marcus! Diese Worte geben mir nun

schon seit elf Ländern Kraft. Grüße aus Peru!

Und ja, allein „Mambo Rap“ in Dauerschleife

hat mich 2000 Kilometer getragen.

THE RED BULLETIN 77


75 – 85

RB Leipzig

Fußball-Mannschaft, GER

Wie schaffen die Leipziger Aufholjagden? Sie

ziehen Energie aus Emotionen – wie diese Elf

im Auswärtsspiel gegen Borussia Dortmund.

78 THE RED BULLETIN


75

Péter

Gulácsi

30, HUN, Torwart

76

Marcel

Halstenberg

28, GER, Verteidiger

77

Nordi

Mukiele

22, FRA, Verteidiger

78

Lukas

Klostermann

23, GER, Verteidiger

79

Dayot

Upamecano

21, FRA, Verteidiger

80

Marcel

Sabitzer

26, AUT, Mittelfeld

81

Diego

Demme

28, GER, Mittelfeld

82

Konrad

Laimer

22, AUT, Mittelfeld

83

Timo

Werner

24, GER, Stürmer

84

Yussuf

Poulsen

25, DEN, Stürmer

85

Emil

Forsberg

28, SWE, Stürmer

Entscheidende Zweikämpfe:

RB-Stürmer

Yussuf Poulsen springt

höher als Dortmunds

Dan-Axel Zagadou.

„Hier geht

noch was!”

Mit hängenden Köpfen in die Kabine,

mit neuen Emotionen wieder raus.

Torwart Péter Gulácsi, 30, erklärt,

wie sein Team Aufholjagden startet.

IMAGO IMAGES, RB LEIPZIG (11) JOHANNES MITTERER

„Wir lagen in Dortmund 0:2 und 1:3 zurück, in

Mönchengladbach 0:2, doch diese Saison haben

wir uns einige Male aus ziemlich aussichtsloser Lage

befreit. Klar ist man niedergeschlagen, wenn man

nach schlechter erster Hälfte zurückliegt. Dann

kommt es darauf an, über Emotionen Energie aufzuladen.

Auch über die Emotionen einer etwas lautstärkeren

Ansprache unseres Trainers (siehe Seite

30). Wir tragen die neue Energie auf den Platz. Dann

sind besonders Führungsspieler wie Marcel Sabitzer

oder Konrad Laimer gefragt. Oft sind sie es, die mit

kleinen Aktionen, einer Geste, einem Zweikampf,

Zeichen setzen, die allen signalisieren: Hier geht

noch was. Wenn dann das erste Tor fällt, sind wir

kaum aufzuhalten. So haben wir gegen beide Teams

noch den Ausgleich geschafft.“

THE RED BULLETIN 79


86

Rallye-Dakar-Sieger 2018, 33, AUT

Der Ausnahme-Biker achtet auf

unscheinbare Details. Denn die

entscheiden über Sieg und Niederlage.

Matthias

Walkner

Das Zen der

kleinen Dinge

„Vollgas über Dünen springen?

Sieht gefährlich aus, aber das

trainieren wir. Viel riskanter ist,

im Kopf schlampig zu werden,

zum Beispiel die Hände nicht zu

waschen, Streckenanweisungen

im Roadbook zu übersehen und

sich zu verfahren, im Biwak mit

offenem Mund zu duschen und

kontaminiertes Wasser zu schlucken.

Das wirft dich und deinen

Körper aus der Bahn. Es sind die

kleinen, unscheinbaren Dinge, die

das große Ganze scheitern lassen

– oder dir beim Gelingen helfen.“

87

Kletterin, 34, AUT

Die erste Frau, die Schwierigkeitsgrad 9b

meisterte. Davor schloss sie die vermutlich

wichtigste Freundschaft ihres Lebens.

Angy

Eiter

„Wenn mein Körper anruft,

dann heb ich ab!“

Angy 2015 in Griechenland: Diese Route taufte sie

„Gloom of Triumph“, Schwermut des Triumphs.

„Am Anfang meiner Laufbahn

war die Ernährungswissenschaft

noch nicht wirklich Teil

des Trainings. Es hieß, dass

man umso besser klettert, je

leichter man ist. Und ich wollte

unbedingt erfolgreich sein.

Also aß ich immer weniger:

zuerst die Hälfte, dann fast

gar nichts mehr. Ich war in die

Magersucht gerutscht. Als

mein Trainer das mitbekam,

schimpfte er und verbot mir

sogar das Klettern, bis ich

wieder normal esse. Diese Reaktion

war unverständlich für

mich: Da hatte man mir immer

schlanke Vorbilder vor Augen

gehalten, und jetzt sollte ich

futtern. Der Punkt, an dem

sich dieser Knoten für mich

gelöst hat, war die Erkenntnis,

dass ich durch Hungern nicht

besser beim Klettern wurde:

Ich baute nicht die nötige

Muskelmasse auf, um schwere

Kletterzüge bewältigen zu

können. Ich war psychisch

nicht mehr belastbar und

konnte mich nicht so gut

konzentrieren. Als ich dann

wieder ein bisschen zunahm

und merkte, dass ich stärker

wurde, wuchs auch mein

Selbstwertgefühl. Zum Glück

hatte mein Umfeld so früh

auf mein Abnehmen reagiert.

Meine Botschaft ist: Pass

auf! Hör auf die Signale deines

Körpers! Das ist wie ein Telefonanruf

von deinem Körper.

Wenn es läutet, heb ab!“

PHILIPP CARL RIEDL/RED BULL CONTENT POOL, KFOTO-KOCO MONCADA/KTM,

BERNHARD HÖRTNAGL/ASP/RED BULL CONTENT POOL, LUKA FONDA/RED BULL CONTENT POOL

WERNER JESSNER, SIMON SCHREYER

80 THE RED BULLETIN


88

Mike

McCastle

Ausdauersportler und Navy-SEALs-Trainer, 32, USA

Weltrekordhalter für Klimmzüge an einem Tag (es waren

5804), absolviert mit einem 15-Kilo-Rucksack. Für uns

kreierte er ein Workout mit emotionalem Mehrwert.

Stark? Bin ich am

besten für andere :)

Auch der Strongman trainiert daheim. Sein

Trick für die Extraportion Power: Er absolviert

jede Übung für einen bestimmten Menschen.

CAMERON BAIRD, GETTY PREMIUM WERNER JESSNER

„WENN ES HART

WIRD, DENKE ICH

AN JEMANDEN,

FÜR DEN ICH

DIE STRAPAZEN

AUF MICH NEHME.“

Triceps

Extension

Was du brauchst:

Leintuch, Türrahmen

Wie es geht:

Einen Knoten ans Ende

des Leintuchs machen,

in der Tür einklemmen.

Leintuch über Kopf

greifen. Auf die Zehenspitzen

gehen, die Fersen

berühren das Türblatt.

Nun beide Arme hinter

dem Kopf abwinkeln

und wieder strecken.

Wichtig: Der Rücken

bleibt gerade.

Was es bringt:

trainiert Trizeps,

Schultergürtel und

Körperspannung

Wiederholungen:

15 bis 20, mehrere Sets

An wen ich dabei

denke:

An Freiwillige, die LKWs

mit Hilfsgütern entladen

Suitcase

Hammer Curls

Was du brauchst:

Handtuch, Koffer mit Gewicht

(ca. 15 bis 25 Kilo)

Wie es geht:

Handtuch durch den

Koffergriff fädeln, die

Tuchenden von unten

fassen. Mit geradem

Rücken beide Arme bis

auf Brusthöhe anheben

und wieder vollständig

absenken.

Was es bringt:

kräftigt Schultergürtel

und Arme, formt den

Bizeps

Wiederholungen:

15 bis 20, mehrere Sets.

Wer will, steigert das

Gewicht von Set zu Set.

An wen ich dabei

denke:

An Helfer, die rausmüssen,

während wir

das Privileg haben,

drinnen fitter zu werden

Back

Extension

Was du brauchst:

Lehnstuhl, Kissen

Wie es geht:

Das Kissen auf die Lehne

des Stuhls legen. Hüfte

auf die Kante, Füße an

der Wand abstützen.

Arme vor der Brust verschränken.

Langsam

nach vor beugen, bis der

Oberkörper um 45 Grad

geneigt ist, wieder aufrichten,

dabei Gesäß anspannen.

Dabei immer

ruhig weiteratmen!

Was es bringt:

stärkt den unteren

Rücken

Wiederholungen:

mindestens 15,

2 bis 3 Sets

An wen ich dabei

denke:

An meine Mutter, die

bis zum Umfallen im

Krankenhaus arbeitet

THE RED BULLETIN 81


89 90

Taucher und Surfer, 21, FRA

Der Französisch-Polynesier repariert

Korallenriffe und versprüht Zuversicht,

die Tausende inspiriert.

Titouan

Bernicot

Unterwasserpionier: Titouan Bernicot pflegt Korallen.

Klar schaffen wir das

„Es ist einfach“, sagt Titouan Bernicot, „wenn wir nichts

tun, wird nichts passieren. Und dann werden die Riffe

sterben.“ Obwohl er erst 21 Jahre alt ist, weiß kaum

jemand besser als er, was so ein Verlust für die Welt

bedeuten würde. Als Südsee-Franzose von der Insel

Mo’orea ist Bernicot nämlich mit ihnen aufgewachsen.

Er weiß, dass Korallen ein Viertel aller Meeresbewohner

beheimaten, dass sie die Küsten vor zu hohen Wellen

schützen und dass sie die Lungen der Ozeane sind: Wie

Bäume wandeln sie Kohlendioxid in Sauerstoff um.

Doch die Riffe haben Stress: Infolge der Erderwärmung

er höhte Wassertemperaturen, Luftverschmutzung und

Überfischung setzen ihnen derart zu, dass wir in den

letzten 40 Jahren fast die Hälfte von ihnen verloren

haben. Und die Korallenbleiche nimmt in letzter Zeit

derart sprunghaft zu, dass Forscher warnen: Wenn das

so weitergeht, sind die Korallen riffe bis zum Jahr 2050

tot. Bernicot will das nicht zulassen: Der begeisterte

Taucher und Surfer hat 2016 das Projekt „Coral Gardeners“

ins Leben gerufen. Er sammelt dafür Geld (für

25 Euro kann man eine Koralle „adoptieren“) und

versucht, Korallen riffe durch Gärtnern unter Wasser

zu reparieren. „Ich bin zuversichtlich“, sagt er, „dass

wir es schaffen können. Wenn die Welt von morgen

ihren ökologischen Fußabdruck drastisch verkleinert,

bleibt noch Hoffnung für die Riffe.“

coralgardeners.org

Game-Entwickler, 55, JPN

Weil er von seinen Kids getrennt war,

erfand er ein Nintendo-Game – und

landete einen Welt-Bestseller.

Katsuya

Eguchi

Auf meiner Familien-Insel

scheint die Sonne

Die Nachricht schockte am

27. März die Gaming-Welt: Die

Nintendo Switch (eine Hybrid-

Konsole, die „handheld“ oder

mit externem Bildschirm gespielt

wird) ist ausverkauft.

Eine Woche zuvor hatte Nintendo

den neuen Teil seines

Echtzeit-Simulationsspiels

„Animal Crossing: New Horizons“

veröffentlicht, gemeinsam

mit einer limitierten Sonderauflage

der Switch. Diese

war bald nur mehr auf eBay erhältlich

– zum doppelten Preis.

Schuld am weltweiten Konsolen-Engpass

war also auch

das neue Game. In „Animal

Crossing: New Horizons“

schlüpft der Spieler in einen

Avatar, der auf einer kunterbunten

Insel mit sprechenden

Tieren zusammenlebt. Er

pflückt Früchte, angelt, dekoriert

sein Haus und kann –

das ist der springende Punkt –

die Inseln anderer Spieler

be suchen, die ebenfalls virtuell

an ihrer Traumwelt basteln.

„Animal Crossing“ entwickelte

sich im Frühjahr zum Hit für

jene, die Familie und Freunde

in der richtigen Welt nicht besuchen

konnten. Statt allein zu

Hause verbrachten Spieler ihre

Zeit gemeinsam in der virtuellen

Inselwelt. Schon der erste

„Animal Crossing“-Teil entstand

2001 als Reaktion auf soziale

Distanz, als Spieleentwickler

Katsuya Eguchi wegen seines

Jobs von Tokio ins 500 Kilometer

entfernte Kyoto ziehen

musste. „Meine Kinder spielten

nach der Schule. Ich spielte

spätabends weiter. Wir erlebten

gemeinsam virtuelle Abenteuer,

obwohl wir im echten Leben

getrennt waren.“ Eguchis Game

ist heute ein Weltbestseller –

gegen das Alleinsein.

animal-crossing.com

Screenshots aus „Animal Crossing: New Horizons“: Es geht

um „Familie und Freundschaft“, sagt Entwickler Eguchi.

NINTENDO, BEN ONO TOM GUISE, PATRICIA OUDIT

82 THE RED BULLETIN


91

Breakdancer, 39, FRA / COD (Dem. Rep. Kongo)

Junior Bosila Banya konnte als Kind kaum laufen.

Heute zählt er zu den besten B-Boys der Welt.

BBoy

Junior

TYRONE BRADLEY/RED BULL CONTENT POOL, LITTLE SHAO/RED BULL CONTENT POOL FLORIAN OBKIRCHER

Wie ein B-Boy seine

Superkraft entdeckte

Breakdancer BBoy Junior litt an den

Folgen einer Kinderlähmung. Und erfand

einen Tanzstil, der seine Stärken fördert.

„Als ich drei Jahre alt war, infizierte ich mich

mit Polio. Mit sieben merkte ich, dass ich nicht

so schnell laufen konnte wie andere Kinder,

weil ich humpelte. Da wurde mir bewusst, dass

ich anders war als sie. Trotzdem gab ich nicht

auf. Ich lernte Sportarten wie Tischtennis und

Boxen, bei denen ich mich auf engem Raum

bewegen konnte. Spielten wir Fußball, stand

ich im Tor. Immer, wenn mir Leute das Gefühl

gaben, dass ich etwas nicht konnte, arbeitete

ich extrahart, um ihnen das Gegenteil zu beweisen.

Tanzen, so stellte sich heraus, war dafür

das beste Beispiel. Ich liebte Michael Jackson

und studierte wie besessen seine Videos.

Konnte ich eine seiner Bewegungen nicht nachmachen,

ersetzte ich sie durch meine eigenen,

die ich mir aus Kampfkunst- und Turn-Elementen

zusammenbastelte. Oft balancierte ich

dafür auf meinen Händen. Mit zwölf sah ich

zum ersten Mal Street Dancer im Fernsehen.

Verblüfft stellte ich fest, dass ihre Bewegungen

wie meine aussahen: Ich hatte Breakdance

trainiert, bevor ich überhaupt wusste, dass

Breakdance existiert. Mir war sofort klar: Das

ist mein Ding! Bald war ich nicht mehr der

Junge mit Behinderung. Ich war der Junge mit

den verrückten Moves. Was mir in schwierigen

Zeiten immer geholfen hat: Ich versuche, daran

zu denken, was ich habe und was ich will,

statt daran, was ich nicht habe und vermisse.“

Instagram: @bboyjuniorofficiel

THE RED BULLETIN 83


92

Marcel

Hirscher

Ski-Legende, 31, AUT

Trat 2019 nach acht Weltcup-Gesamtsiegen,

zweimal Olympia-Gold und sieben WM-Titeln zurück.

bei mir aktuell darum geht, dass es

weniger wird statt mehr.

Und funktioniert das?

Anfangs war es ein Horror – enorm

schwierig, weil man als Profisportler

glaubt, man muss das Maximum

aus jedem einzelnen Tag herausholen.

Im Alltag von heute hat diese

Herangehensweise keine Daseinsberechtigung

mehr. Denn sie wird

auf Dauer ziemlich anstrengend.

Anstrengend für wen?

Vor allem für Menschen, mit denen

ich im Alltag zu tun habe. Dienstleister,

Handwerker, Arbeiter, Leute,

die einfach ihren Job machen. Im

Umgang mit ihnen habe ich sehr

bald bemerkt, eigentlich sind nicht

die komisch, sondern ich bin schräg

drauf. Die haben ein Arbeitstempo

gefunden, das sie ein Leben lang

durchhalten müssen, ich musste

mein Tempo als Spitzensportler nur

zehn Jahre lang halten. Ein gesamtes

Arbeitsleben im Laufschritt ist nicht

gesund, das hält niemand aus. Das

war für mich ein Lernprozess, zu

sehen, dass es nicht zielführend ist,

Leistungssport eins zu eins auf den

Alltag umzulegen. Außer, man will

alles zerreißen und irgendwo der

oder die Beste werden.

„Nicht die sind komisch,

ich bin schräg drauf“

Jahr eins nach einer atemlosen Erfolgs karriere:

eine innere Vollbremsung. Marcel Hirscher über

To-do-Listen und Geduld als Lebensaufgabe.

Interview DANIEL WINKLER

Foto FELIX KRÜGER

the red bulletin: Es war die

Nr.-1-Frage an dich als Sportler

und wenig beliebt bei dir, in Zeiten

wie diesen scheint sie aber angebrachter

denn je: Wie geht es dir?

marcel hirscher: Gut. Alle gesund.

Also sehr gut.

Dieser Tage sind Struktur, Pläne

und To-do-Listen sehr angesagt.

Bei dir auch?

Nicht mehr so. Als Profisportler war

ich die menschgewordene To-do-

Liste. Es war notwendig, systematisch

Punkt für Punkt vorzugehen,

um schlussendlich zum gewünschten

Resultat zu kommen. Heute bin

ich megafroh, dass es genau um

diese Sachen nicht mehr geht. Es

hat zehn Jahre lang genauso funktioniert

– das ist gar keine Frage –,

aber ich muss nicht mehr, weil es

Du willst also das System Hirscher

alltagstauglich machen?

Da bin ich mittendrin in diesem

Prozess. Vielleicht sogar erst am

Anfang. Was ich ein Leben lang eintrainiert

habe, wird wohl noch eine

Zeitlang brauchen, bis es umgestellt

ist. Das ist auch eine Form von

Training, nur gebe ich mir diesmal

etwas mehr Zeit dafür. Es ist Mittag,

ich habe seit halb acht Uhr in der

Früh im Garten gearbeitet, und ich

bemerke, es ist ein wunderbarer Tag.

Dann denke ich mir, es muss nicht

heute alles fertig werden. Früher

galt immer das Motto „Lieber heute

als morgen“: Wir machen noch zwei

Fahrten, weil wer weiß, was morgen

ist. Den Schuh probieren wir noch

heute, weil wer weiß, was morgen

ist. Das war richtig im Sport, ist

aber kaum alltagstauglich. Das

muss ich noch lernen.

Muss man denn die Kerze wirklich

an beiden Enden anzünden,

um erfolgreich zu sein?

Das war zumindest mein Zugang.

Lieber zwei, drei Jahre noch ganz

84 THE RED BULLETIN


GETTY IMAGES

„Als Profi sportler

war ich die

mensch gewordene

To-do-Liste.“

2018 in Pyeongchang konnte Hirscher

Olympia-Gold erfolgreich abhaken.

vorne dabei sein als jahrelang

irgendwo bequem im Mittelfeld. Es

war wohl mein dritter oder vierter

Weltcup-Gesamtsieg, da sind wir

vor dem Saisonfinale von 21 Tagen

18 Tage lang im Rennmodus auf

der Piste gewesen. Die drei freien

Tage dazwischen waren Reisetage.

Ob ich nach dem Weltcup-Finale

umge fallen bin, war eigentlich

wurscht.

Also hast du nach deinem Rücktritt

2019 eine Art innere Vollbremsung

hingelegt? War das ein

Schock?

(Lacht.) Ich kann jeden Rentner

verstehen, dem viel fehlt, vor allem

Struktur und Inhalt. Wenn man

diese wieder aufgebaut und für

sich gefunden hat, dann ist es ein

Genuss. Ich war sehr froh, dass

ich im vergangenen Winter das

Skitourengehen für mich entdeckt

habe. Abends packe ich schon alles

zusammen für den nächsten Tag,

dann wache ich in der Früh nervös

auf und freue mich, weil ich weiß,

heute geht’s rauf in die Berge. Das

Schönste am Skitourengehen ist,

dass du deine Spur im Aufstieg und

in der Abfahrt noch individueller

gestalten kannst als im Sommer.

Das war ein Turnaround: Ich habe

gemerkt, das mache ich mit Leidenschaft,

Faszination, Begeisterung.

Zurück zu den Wurzeln, zu dem

Buben, der auf einer Hütte auf

1500 Meter Höhe aufwuchs?

Das ist die Ruhe meiner Kindheit,

die Stille, an die ich mich dann

gerne zurückerinnere. Die Natur

genießen zu dürfen ist ein Privileg.

Zu meiner stressigsten Zeit habe

ich einmal über hundert Telefonate

an einem Tag geführt. Ich habe da

irgendwie zufällig nachgezählt und

bin erschrocken. Es waren keine

langen Gespräche, es ging um Dinge,

die mich während einer Skisaison

beschäftigt haben. Logistik, wer

holt das, wer bringt jenes. Plötzlich

gibt es nun Tage in meinem Leben,

wo mich niemand anruft. So cool

und praktisch ein Handy ist, heute

weiß ich, was für ein Geschenk es

ist, wenn es einmal zwei Tage lang

nicht klingelt. Am Anfang geht dir

vielleicht was ab, aber eigentlich

fehlt gar nix. Das war für mich im

ersten Jahr nach dem Leistungssport

der signifikante Unterschied.

Seit Oktober 2018 bist du Vater.

Was lernt Marcel Hirscher von

seinem Sohn?

Geduld ist sicherlich eine Lebensaufgabe,

wenn man Kinder hat.

Ich habe schon nach seiner Geburt

gesagt, dass das wahre Abenteuer

jetzt erst beginnt, und genauso ist es

für mich. Bis hierher war alles nett,

aber jetzt ist es richtig spannend

für mich. Jetzt zählt es!

Was zählt?

Die Erkenntnis, dass jeder Tag Entwicklung

bedeutet. Gleich bleiben

ist langweilig.

Was würdest du aus der heutigen

Sicht dem Marcel von damals

sagen, diesem getriebenen Racer?

(Denkt lange nach.) Will man gleich

erfolgreich sein, oder darf man ein

paar Weltcup-Gesamtsiege weniger

haben? Ich habe schon oft gespürt,

jetzt wäre es gut, eine Pause einzulegen,

runterzugehen vom Gas.

Aber hätte ich dann acht Mal den

Gesamtweltcup gewonnen?

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Perfekt für jedes Abenteuer, zu jeder

Jahreszeit, bei jedem Wetter.


93

Trial-Bike-Profi, 36, AT

Der Fahrstil des mehrfachen Weltmeisters

hat so manches Bike in die Knie

gezwungen – doch nie für lange Zeit.

Tom

Öhler

Die Küche ist meine

Fahrrad-Werkstatt

Die Kette ist rostig, die Räder eiern,

die Reifen verlieren Luft? So machst du

dein Bike in der Küche fit – mit Dingen,

die dort ohnehin vorrätig sind.

1

SCHLAUCH

Löffel zum Reifenwechseln

Um den Schlauch zu tauschen, muss der

störrische Reifen runter. So gelingt das ganz einfach.

Rad hinlegen und den Reifen in die

Mitte drücken. Zwei Löffelenden mit

einer Handbreit Abstand zwischen

Felge und Gummi stecken.

2

Beide Löffel gleichzeitig nach unten

drücken. In der Regel springt da

der Reifen schon von der Felge.

Wenn nicht: Abstand vergrößern.

KETTE

Kerzen gegen Rost

Paraffin hilft gegen eine quietschende Kette und

sorgt für flutschende Gänge.

3

Das Rad hochkant stellen und den

Reifen ringsum nach unten drücken.

Jetzt kann der defekte Schlauch raus.

2

Das Hinterrad muss raus. Dazu

Bike auf den Kopf stellen und

Schnellspanner öffnen, indem

er nach hinten geklappt wird.

3

Mit einem Lappen die

Kette schrubben, um

Dreck und Öl zu lösen.

Kerzen enthalten Paraffin, das ein Bestandteil vieler Schmiermittel

ist. Die lose im Rahmen hängende Kette mehrmals durch einen Topf

mit zuvor am Herd geschmolzenem Wachs ziehen.

4

Nach dem Einsetzen

des Hinterrads überflüssiges

Wachs gründlich

mit einem Lappen

abwischen. Fertig!

1

SPEICHEN

Buttermesser gegen Eiern

Ein verbogenes Laufrad zu zentrieren ist

weniger aufwendig, als man meint.

2

Stift so an den Rahmen kleben,

dass er die Felge knapp berührt.

Durch Drehen sieht man, wo die

Felge näher zum Stift muss.

Reifen und das darunterliegende

Felgenband

demontieren

(funktioniert meist

mit bloßen Fingern).

Spannung der Speichen an

unmarkierten Stellen erhöhen:

dazu die Schrauben mit einem

Buttermesser anziehen.

„WENN ES SEIN MUSS, FINDEST

DU IN DER KÜCHE ALLES,

UM WIEDER MOBIL ZU WERDEN.“

3

1

ARMIN WALCHER/RED BULL CONTENT POOL WERNER JESSNER SASCHA BIERL

86 THE RED BULLETIN


94

Rapperin und Songschreiberin, 27, USA

Die als Brittany Dickinson in Newark,

New Jersey, geborene Künstlerin ist

für ihre positiven Lyrics berühmt.

pineappleCITI

Mein Plan-B-Triumph

„Vor vier Jahren gab ich

meinen Job als Lehrerin

auf, um mich der Musik zu

widmen. Ich brachte mein

erstes Album heraus, meine

Single ,Rose Colored‘ ging

viral, mein Leben spielte

verrückt. Dann krachte ich

mit dem Auto gegen einen

Baum. Als ich im Krankenhaus

erwachte, wusste ich

sofort, dass sich mein Alltag

komplett ändern würde.

Ich konnte nicht mehr

gehen (zwei Jahre lang;

Anm.), also auch nicht mehr

wie früher auftreten. Ich

war völlig am Boden. Als

mir mein Label vorschlug,

Songs für andere Künstler

zu schreiben, fühlte sich

das wie ein Rückschritt an.

Aber bald erkannte ich

da rin die Chance, mein

Talent zu schärfen, während

meine eigene Karriere auf

Eis lag. Eine meiner ersten

,Kundinnen‘ war R ’n’ B-Star

Kelly Rowland. Ich sang

ihr neues Lied, als sie ins

Studio kam. Sie meinte:

,Klingt toll. Du solltest öfter

singen.‘ Dass jemand wie

Kelly das sagte, veränderte

meine Perspektive. Auf

meiner neuen Single ,Recognize‘

hört man das Selbstvertrauen,

das sie mir

schenkte. In den meisten

Tragödien schlummert die

Chance auf einen Triumph.

Was als Plan B startete,

half meiner Karriere.“

redbullrecords.com

THOMAS FALCONE/RED BULL RECORDS FLORIAN OBKIRCHER

THE RED BULLETIN 87


95

Skateboarder, 31, GER

Der Bielefelder ist für spektakuläre Videos

bekannt. Bevor er durchstartete, musste er

die Folgen einer Fehldiagnose besiegen.

Vladik

Scholz

Schön abgehoben: Als Street Skater hat sich Vladik Scholz mit seinem eleganten Style einen Namen gemacht.

„Ich beschloss, im

Kleinen das Positive

zu sehen. Plötzlich

ging alles wieder los.“

Leben am Existenzminimum statt

Kickflips. Hier erzählt Vladik Scholz

von seinem größten Stunt.

„Mit 23 riss ich mir im linken Fußgelenk ein Band, was

normal problemlos heilt. Doch der Arzt hatte einen

Knorpelschaden übersehen, das Gelenk entzündete

sich, und ich war auf unbestimmte Zeit verletzt. Mein

damaliger Sponsor sprang ab, ich lebte von 300 Euro

im Monat. Aber wenn du am Boden bist, aktiviert der

Körper manchmal die größten Antriebskräfte. Nach

Wochen merkte ich, wie sich etwas in mir gegen den

Frust regte. Ich beschloss, im Kleinen das Positive zu

sehen. Treppenlaufen mit Krücken? Gutes Training!

Ich schrieb mich an der Uni ein, las Bücher. Ein Jahr

und drei Operationen später startete ich neu. Mit dem

letzten Videomaterial, das ich noch hatte, konnte ich

Red Bull als Partner gewinnen. Plötzlich ging ich

auf Reisen, drehte Videos. Alles ging wieder los.“

LORENZ HOLDER/RED BULL CONTENT POOL, JONATHAN MEHRING/RED BULL CONTENT POOL MARC DECKERT

88 THE RED BULLETIN


SHAMIL TANNA, SOME WONDERFUL OLD THINGS/ALAMY, WARNER MUSIC FLORIAN OBKIRCHER

96 97

Musikgenie, 71, GBR

Roxy-Music-Mitgründer, David Bowies

Muse, Coldplay- und U2-Produzent: wie

Eintönigkeit unsere Kreativität beflügelt.

Brian

Eno

„Was ich von Fröschen

gelernt habe“

1975 veröffentlichte Musik-Visionär Brian Eno gemeinsam

mit dem Künstler Peter Schmidt „Oblique Strategies“:

eine Box mit 113 Karten, die helfen sollte, krea tive

Blockaden zu überwinden. Keine Geringeren als David

Bowie, R.E.M. und Coldplay haben sich dieser Methode

bedient, um ihr kreatives Potenzial auszuschöpfen.

Auf einer der Karten steht etwa: „Wiederholung ist

eine Form der Veränderung.“ „Wiederholungen machen

dein Gehirn erfinderisch“, sagt Brian Eno. „1959

ver öffentlichte der Kybernetiker Warren McCulloch

gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern den Aufsatz

‚Was das Froschauge dem Froschgehirn erzählt‘. Ihre

Erkenntnis: Das Froschauge bewegt sich nicht, es steht

absolut still. Der Frosch sitzt da und schaut ins Nichts,

aber sobald eine Fliege in sein Blickfeld kommt, ist sie

das Einzige, was er sieht. Genau das ist das Prinzip

der veränderten Wahrnehmung in der Wiederholung.

Der Fokus richtet sich auf Details, die man sonst nicht

bemerkt hätte. Wenn sich das Leben also wie eine

ständige Wiederholung anfühlt, ist das kein Grund

zu verzweifeln. Wiederholung ist nützlich. Menschen,

die meditieren und Mantras vortragen, haben das

bereits tausende Jahre vor mir entdeckt.“

David Bowie bediente

sich in den Siebzigern

der „Oblique Strategies“-

Karten, um seinen

Hit „Heroes“ zu schreiben.

Sängerin, 29, USA

Mit 13 hatte sie ihren ersten Nummer-1-Hit.

Nach einem Streit mit der Plattenfirma

durfte sie zehn Jahre nichts veröffentlichen.

JoJo

JoJo, mit vollem Namen Joanna

Noëlle Levesque: „Wichtig ist,

immer nur nach vorn zu schauen.“

„Ich konzentriere mich

ganz auf die Dinge, die

ich kontrollieren kann“

„Zehn Jahre lang gehörte mir meine

eigene Stimme nicht. Wie übersteht

man so was? Na ja, einfach ist das

nicht. Du bemerkst, wie sehr du Menschen

um dich brauchst, die an dich

glauben – gerade dann, wenn du nicht

mehr weiterweißt. Ich konzentrierte

mich auf die Dinge, die ich kontrollieren

konnte, und machte einen Schritt nach

dem anderen im Bewusstsein, dass das

Leben ein langer Lauf ist. Es ist wie auf

dem Laufband: zwei Minuten Vollgas,

dann zwei Minuten langsamer, da

kannst du dich erholen und sammelst

Kraft für den nächsten Sprint.“

Das neue Album von JoJo heißt „Good to Know“ und erscheint jetzt

auf ihrem eigenen Label Clover Music; iamjojoofficial.com

THE RED BULLETIN 89


Schriftsteller, 70, AUT

98 99

Der Österreicher ist seit Jahrzehnten

ein Fixstern am Literaturhimmel. Gerühmt

wird er vor allem für seine Erzählkunst.

Michael

Köhlmeier

Chirurg und Geburtshelfer, †, AUT/HUN

Geboren 1818 im heutigen Budapest,

studierte und arbeitete er später in Wien,

wo er neue Hygienevorschriften einführte.

Ignaz

Semmelweis

Ignaz Semmelweis –

der Retter der Mütter

Eine Geschichte, basierend auf wahren Begebenheiten,

über einen Arzt, der mehr Mut bewies als der Rest der Welt.

Text MICHAEL KÖHLMEIER

Illustration BENE ROHLMANN

In Bismarck, der Hauptstadt des US-Bundesstaates

North Dakota, fand ich eine Apotheke,

sie war untergebracht in einem unscheinbaren

Plattenbau mit aufgeklebten Klinkern, angebaut

an einen Supermarkt, nicht weit von der Corpus

Christi Catholic Church. Über dem Eingang stand in

roten Großbuchstaben: SEMMELWEIS PHARMACY.

Ich wollte mich für meine Reise mit Aspirin und Kohletabletten

versorgen, öffnete die Tür – und meinte,

mit dem Übertreten der Schwelle die Welt gewechselt

zu haben. Als wäre ich in Wien gelandet oder in einer

verschlafenen deutschen Kleinstadt. So würde ein

Regisseur eine Apotheke ausstatten für einen Film,

der um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert

spielte. Der Boden war mit Fliesen in Schachbrettform

belegt, der Tür gegenüber zog sich eine breite

Theke aus Kirschholz über die Länge des Raumes,

ihre Ecken markierten geschnitzte Äskulapköpfe. Die

Tischplatte war aus trüb geschliffenem Glas. In die

Wände an drei Seiten des Raumes waren bis in eine

Höhe von vier Metern schmale Regale eingelassen,

ebenfalls aus rötlichem Kirschholz, an jedem ein zierliches

Schildchen. Zwei Leitern hingen in Schienen.

Überall standen Töpfe aus dunkelbraunem Glas, sorgsam

mit weißen Lettern beschriftet, steinerne Mörser,

alle möglichen Tiegel in verschiedenen Größen,

Apothekerwaagen und anderes Gerät aus Messing.

Besonders aber fiel mir das steinerne Becken auf,

das rechts neben dem Eingang stand und aus dessen

Mitte eine Wasserfontäne einen halben Meter in die

Höhe hüpfte. Ich war so überrascht von dem, was ich

sah, dass ich „Du meine Güte, das gibt’s doch nicht!“

ausrief. Woraufhin der Herr hinter der Theke ebenfalls

ausrief: „Sie sprechen ja Deutsch!“

So lernte ich das Ehepaar Jeff und Rita Conner

kennen, zwei Pharmazeuten und die freundlichsten

Menschen, die ich auf meiner Amerikareise getroffen

habe. Das war im Jahr 1996 gewesen, Jeff war schon

an die siebzig Jahre alt, Rita knapp jünger. Beide

sprachen nur wenige Worte Deutsch, die hatten sie

sich, wie sie sagten, „aufbewahrt in Erinnerung an

unsere Vorfahren“, die um die Jahr hundertwende

aus Deutschland nach North Dakota ausgewandert

waren. Aus Coburg in Franken waren diese ausgewandert,

und da hatten wir auch schon etwas

Gemeinsames, denn aus Coburg stammte auch

meine Mutter. Das genügte: Jeff und Rita luden

mich zum Abendessen ein. Ihre Wohnung lag über

der Apotheke. Später kam ihr Sohn dazu, ebenfalls

Pharmazeut, und gemeinsam erzählten sie mir die

Geschichte ihrer Familie.

Und diese Geschichte, als wäre er der Gründer

derselben, hatte mit Ignaz Semmelweis zu tun, dem

zu Ehren sie ihre Apotheke benannt hatten.

Vor nicht ganz hundertfünfzig Jahren nämlich

hatte Dr. Semmelweis einer gewissen Charlotte

Könner das Leben gerettet. Charlotte Könner

war die Ururgroßmutter von Jeff Conner gewesen.

Sie hatte in Wien gelebt, war damals eine Frau

von dreißig Jahren, ein Dienstmädchen bei reichen

Leuten, unverheiratet, und dann war sie schwanger

ge worden. Ledige Schwangere waren nicht anders

als heute keine Seltenheit, in den feineren Kreisen

sprach man nicht darüber, bei einem Dienst mädchen

kümmerte sich keiner darum. Im Fall der Charlotte

kam pikanterweise dazu, dass sie von ihrem Cousin

schwanger war, der im gleichen Haus als Gärtner

arbeitete und oben unter dem Dach sein Zimmer

hatte, gleich neben ihrem. Die Herrschaften wollten

Charlotte, als es so weit war, in die Gebärklinik von

Professor Klein bringen, einem Freund des Haus-

HEIKE BOGENBERGER, PICTUREDESK.COM

90 THE RED BULLETIN


„Im Spital von

Professor Klein,

so hieß es, wüte

seit neuestem

ein Teufel.“

herrn. Dieses Spital war in Wien berüchtigt, auch

ein unbedarftes Dienstmädchen, das kaum lesen und

schreiben konnte, hatte davon schon erfahren.

Dort, so hieß es, wüte seit neuestem ein Teufel,

fünfzehn von hundert Wöchnerinnen nehme er mit

und ihre Kinder dazu, das sei sein Pfand. Charlotte

flehte den Hausherrn an, er solle doch erlauben, dass

sie oben in ihrem Dachzimmer entbinden dürfe, in

der Not allein, wenn nicht erlaubt werde, dass eine

Hebamme das Haus betrete. Charlotte habe sich vor

ihre Dienstherrin auf den Boden geworfen, habe geweint

und gebeichtet, dass sie verbotenerweise einen

Liebhaber zu sich gelassen habe und dass sie als Strafe

jede Woche einen Tag unbezahlt arbeiten wolle.

„Schicken Sie mich nicht zu dem Teufel!“, weinte sie.

Und auch Hermann, ihr Cousin, flehte, er kniete

sich vor seinen Herrn nieder, bat, er möge seine

Cousine verschonen. Nur er und Charlotte, jammerte

er, seien aus ihrer Familie noch übrig, er habe seiner

Tante an ihrem Totenbett versprochen, er werde auf

sie aufpassen. Wie auch Charlotte verschwieg er, dass

er jener Liebhaber war. Er fürchtete, dann werde sich

der Herr auf gar keinen Fall umstimmen lassen. Es

nützte nichts. Dienstherr und Hausherrin blieben

konsequent. Es müsse neben allem anderen auch ein

Exempel gegen den Aberglauben statuiert werden.

So wurde Charlotte Könner in die berüchtigte

Gebärklinik gebracht. Und dort lernte sie den jungen

Dr. Semmelweis kennen, und er rettete ihr Leben.

Ignaz Semmelweis war erst Anfang dreißig.

Im Unterschied zu seinen Kollegen, die es für nicht

allzu aufregend hielten, dass in Professor Kleins Klinik

fünfzehn Prozent der Frauen am Kindbett fieber starben,

bewegte ihn das Schicksal dieser Frauen sehr.

Die meisten kamen aus der Unterschicht, waren hilflos

und eingeschüchtert, keine empörte sich, niemand

stand ihnen bei. Es war eine düstere Zeit. Die Freiheiten,

die von den 1848er-Revolutionären verkündet

worden waren, hatte das Metternich’sche System

hinweggefegt. Die Gesellschaft begegnete allem Neuen

– und zwar auf allen Gebieten – mit Skepsis und

drastischer Ablehnung. Dr. Semmelweis interessierte

sich nicht für Politik, aber er wollte und konnte nicht

hinnehmen, dass Mütter starben, ohne dass sich auch

nur einer der Ärzte fragte, warum das in solcher Auffälligkeit

in diesem Spital geschah.

In diesem Krankenhaus wurden junge Ärzte seit

einiger Zeit in Anatomie ausgebildet, und zwar

nicht an Puppen aus Leder oder an aus Wachs nachgebauten

Körpern wie an den Universitäten, sondern

an Leichen. Professor Klein brüstete sich damit, dass

THE RED BULLETIN 91


ei ihm die Wissenschaft der Anatomie in einer Weise

betrieben werde wie sonst nirgendwo in der Monarchie.

Dr. Semmelweis sah sich die Statistiken an

und stellte fest, dass die Sterblichkeit der Wöchnerinnen

in der Zeit vor der neuen anatomischen Ausbildung

wesentlich geringer gewesen war. Die Existenz

von Bakterien und Viren war noch nicht bekannt.

Dr. Semmelweis stellte also keine theoretischen Überlegungen

an, er wollte lediglich empirisch untersuchen,

ob ein Zusammenhang zwischen der Arbeit

an Leichen und der Sterblichkeit der Wöchnerinnen

bestehe. Er schlug vor, dass sich die Ärzte, wenn sie

aus der Pathologie kamen, die Hände waschen, bevor

sie den Frauen bei der Entbindung halfen. Er wurde

ausgelacht. Und angefeindet. Die Herren Ärzte wollten

sich nicht vom Jüngsten aus ihrem Kreis etwas

vorschreiben lassen. Aber er gab nicht auf. Im Gegenteil.

Er forderte nun sogar, dass die Hände nicht einfach

mit Seife gewaschen, sondern mit Chlorkalk desinfiziert

werden sollten. Schließlich willigte Professor

Klein ein und erlaubte das Experiment. Begrenzt

auf einen Monat. Dann würden sich die Flausen

des jungen Kollegen erledigt haben. Der Erfolg war

sensationell. Die Todeszahlen in der Gebärklinik

sanken umgehend gegen null.

Voll Stolz erzählten mir Jeff Conner und seine

Frau Rita, dass dieser Erfolg auch und nicht nur

zu einem kleinen Teil der Ururgroßmutter zu

verdanken sei. In den Tagen, als Charlotte in die

Klinik gebracht wurde, sei Dr. Semmelweis nämlich

im Begriff gewesen, seinen Kampf gegen die Ignoranz

seiner Kollegen aufzugeben. Er habe Charlotte später

erzählt, gerade an dem Tag, als sie ihm vorgestellt

worden sei, habe er sich entschlossen, die Klinik

zu verlassen und nach Ungarn, woher er stammte,

zurückzukehren. Er sei durch den Saal gegangen, in

dem die Frauen lagen, ein letztes Mal, wie er dachte,

da habe sie, Charlotte, ihn am Kittel festgehalten

und nicht losgelassen.

„Bitte, lieber Herr Doktor“, hatte sie gefleht,

„bitte, helfen Sie mir gegen den Teufel! Ich habe große

Sünde auf mich geladen, und ich will nicht sterben,

bevor ich gebüßt habe, und büßen kann ich doch nur,

indem ich aus meinem Kind einen guten Menschen

mache.“

Dr. Semmelweis setzte sich an ihr Bett, und sie

beichtete ihm, dass sie Blutschande mit ihrem Cousin

„Semmelweis schlug vor,

dass sich die Ärzte, wenn

sie aus der Pathologie

kamen, die Hände waschen.

Er wurde ausgelacht.“

getrieben habe, aber dass sie und Hermann heiraten

wollten, dass sie ihn so sehr liebe und er sie auch

und dass Hermann bereits den Pfarrer gebeten habe,

ein Wort für sie beide einzulegen, dass sie heiraten

dürfen, beim Adel sei das ja auch möglich. So innig

habe sie den Arzt gebeten, ihr zu helfen, er sei ihr

Engel, habe sie gesagt, immer und immer, dass bald

auch Dr. Semmelweis die Tränen aus den Augen gesprungen

seien. Und da habe er sich aufgerafft und

alle Kraft und Autorität zusammen genommen, diese

eine Frau wenigstens sollte ge rettet werden, und

habe seinen Chef, nein, nicht gebeten, sondern befohlen

habe er ihm, zu tun, was getan werden müsse,

nämlich: Hände waschen!

Charlotte Könner habe überlebt und einen Sohn

zur Welt gebracht, und sie habe Dr. Semmelweis versprochen,

sie werde ihren Sohn Ignaz nennen, nach

seinem Retter, und sie werde arbeiten und sparen

und auch Hermann, der Vater, werde arbeiten und

sparen, damit Ignaz studieren könne und Arzt werde.

„Zum Arzt hat es dann doch nicht gereicht“, sagte

Jeff und lachte, „aber Apotheker ist er ge worden,

der Ignaz. Und was ist ein Apotheker anderes als

ein kleiner Arzt.“

Ignaz Könner studierte in Wien Pharmazie, er

heiratete, seine Frau brachte vier Kinder zur Welt.

Der älteste Sohn, Ignaz wie sein Vater, wurde wie

dieser Pharmazeut, zog nach Coburg in Franken und

eröffnete dort eine Apotheke. Dessen Ältester wiederum,

auch er ein Ignaz, wanderte am Ende des Jahrhunderts

nach Amerika aus. Der Staat North Dakota

warb um deutsche Einwanderer; um sie anzulocken,

war die Hauptstadt Edwinton in Bismarck umbenannt

worden. In der neuen Heimat änderte Ignaz III. seinen

Familienname von Könner in Conner.

„Das ist unsere Geschichte“, sagte Jeff. „Ich bin

zwar kein Ignaz, aber ein Apotheker. Vor ein paar

Jahren haben wir unsere Apotheke umbauen lassen.“

„Was sehr viel Geld gekostet hat“, ergänzte Rita.

„Wir haben“, sagte Jeff, „unseren Laden exakt nach

alten Fotos der Coburger Apotheke umbauen lassen,

und so sind wir heute – ähnlich wie die Benediktinerabtei

in Richardson – eine Sehens würdigkeit in ganz

North Dakota.“

Und Rita sagte: „Genauso wie in der Coburger

Apotheke steht neben dem Eingang der Semmelweis-

Brunnen. Zu Ehren des Dr. Semmelweis, der das

Leben der Charlotte Könner gerettet hat.“

„Und das Leben so vieler anderer Mütter“,

sagte Jeff.

Und dann stellten mir die beiden ihren Sohn vor,

der mit seiner Familie in der Nachbarschaft wohnte:

„Ignaz Conner.“

„Der ist wieder ein Ignaz“, sagte Jeff.

Als die Corona-Pandemie ausbrach, mailte ich

nach Bismarck, North Dakota: „Lieber Ignaz

Conner, erinnern Sie sich noch an mich?“

Und bekam Antwort: „Ja, ich erinnere mich, ich

erinnere mich gut. Meine Eltern sind schon vor über

zehn Jahren gestorben. Sie haben oft von Ihrem Besuch

erzählt. Ich wünsche mir, dass wir in dieser Zeit

alle fest aneinander denken.“

Ich schrieb zurück: „Das wünsche ich mir auch.“

92 THE RED BULLETIN


2020

Bereit für die

volle Ladung?

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DIE ASTON MARTIN RED BULL RACING

OFFICIAL TEAMLINE 2020 IST DA.

AB SOFORT ERHäLTLICH AUF

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100

Andreas

Breitfeld

Biohacker, 46, GER

Breitfeld weiß, wie man seinen Organismus hackt, um

Gesundheit, Fitness und Performance zu verbessern.

Stress?

Hack ich weg!

Rot sieht Mann: Biohacker

Breitfeld, infrarot bestrahlt

Ausnahmesituationen machen uns 500 Millionen

Jahre jünger, sagt Deutschlands bedeutendster

Biohacker, und 500 Millionen Jahre fremdgesteuerter.

Das muss aber nicht sein.

„Stress dreht den entwicklungsgeschichtlich

ältesten Teil unseres Gehirns in den roten Bereich:

das 500 Millionen Jahre alte Reptiliengehirn. Das

heißt nicht umsonst so, denn im Reptiliengehirn

sind wir nicht klug oder kreativ. Dort geht es nur

ums nackte Überleben, um Atmung, Herzschlag,

Verdauung, Hunger, Reproduktion – und Angst.

Das Reptiliengehirn ist nicht sehr smart, aber

in Ausnahmesituationen spielt es sich da oben als

Boss auf. Das ist ja grundsätzlich auch gar nicht

verkehrt. Heutzutage ist es aber wichtig, dass

wir das kleine Krokodil im Kopf auch wirksam

ruhigstellen können. Und dadurch besser denken,

tiefer schlafen, uns schneller regenerieren und

Krankheitserreger jeder Art zackiger in den Griff

kriegen. Wenn man ein paar Hacks befolgt, ist

das nicht mal Hexenwerk.“

Abends Tagebuch schreiben

Ein irre mächtiges Tool, es wirkt wie ein Vorverdauen

der Erfahrungen und Emotionen des

Tages. Hilft deinem Gehirn, Tiefschlaf- und

REM-Phasen besser zur Regeneration zu nützen.

Nachts WLAN abdrehen

Schlaf verbessert unser Immunsystem, macht

uns widerstandsfähiger gegen Stress, repariert

Zellen, heilt Wunden und verarbeitet das, was

wir tagsüber gelernt haben, zu Wissen. Mir ist

mein Schlaf heilig. Basics, um deinen Schlaf zu

ver bessern: ein stockdunkles, kühles Schlafzimmer.

Und dreht verdammt noch mal nachts das

WLAN ab! Elektrosmog ist ein echter Stressor.

Morgens kein Handy

Die ersten dreißig Minuten meines Tages bleiben

analog. Kein Handy, kein Computer, keine

Nachrichten. Nur Licht und Luft und Kälte des

Morgens, ein großes Glas gefiltertes Wasser,

in den Himmel schauen, die Elemente spüren.

Lass dein Kopfkrokodil morgens länger schlafen,

und es wird den ganzen Tag entspannter sein.

Kuscheln

Noch eine Möglichkeit, morgens Stress abzubauen:

ein Oxytocinbad nehmen. Oxytocin ist

das sogenannte Kuschelhormon, ein Gegenspieler

zu den Stresshormonen. Wohnst du mit deiner

Familie zusammen, beginn den Tag mit Streicheleinheiten

(das geht auch mit deiner Katze).

Weder Familie noch Haustier greifbar? Besorg

dir eine Echobell. Das Ding wirkt wirklich.

Meditation & Rotlicht

Nichts bringt mehr Struktur in meine Gedanken

als tägliche Meditation. Die Zeit während der

Meditation nütze ich, um mich mit Rotlicht zu

bestrahlen. Ich verwende professionelle Geräte

(derzeit von theflexbeam.com), aber schon eine

simple Infrarotlampe aktiviert deine Zellen und

boostet dein Energielevel.

Wasser: gefiltert & angereichert

Wasser trinken – natürlich gefiltert – ist Pflicht,

0,3 Liter pro 10 Kilo Körpergewicht. Ich trinke

zudem vormittags mit molekularem Wasserstoff

angereichertes Wasser. Hilft dem Körper, entzündliche

Prozesse im Zaum zu halten. Aquacentrum

in München ist ein kompetenter Hersteller.

Raus ins Freie!

Frische Luft ist immer besser als verbrauchte,

natürliches Licht immer besser als künstliches.

Atme mit der Nase

Der Mund ist zum Sprechen, Essen und Küssen

da – aber zum Atmen gibt es die Nase. Die

Nasenatmung macht dein Leben besser, achte

mal bewusst darauf!

breitfeld-biohacking.com

ANDREAS BREITFELD STEFAN WAGNER

94 THE RED BULLETIN


JAHRESABO

getredbulletin.com

€ 25,90

BEYOND THE ORDINARY

Erhältlich am Kiosk, im Abo, als E-Paper, auf theredbulletin.com oder als Beilage in einer Teilauflage von:

RICARDO NASCIMENTO / RED BULL CONTENT POOL


Impressum

GLOBAL TEAM

THE RED

BULLETIN

WELTWEIT

Aktuell erscheint

The Red Bulletin

in sechs Ländern. Auf

dem Cover unserer US-

Ausgabe: ein Superheld

mit wahren Big-Wave-

Kräften, geschaffen vom

kanadischen Illustrator

Sébastien Thibault

(siehe Seite 98 sowie auf

den Seiten 40 bis 43).

Mehr Storys abseits des

Alltäglichen gibt’s auf:

redbulletin.com

Chefredakteur

Alexander Macheck

Stv. Chefredakteur

Andreas Rottenschlager

Creative Director

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Art Directors

Kasimir Reimann (stv. CD),

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Grafik Marion Bernert-Thomann, Martina

de Carvalho-Hutter, Kevin Goll, Carita Najewitz

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Herausgeber & Geschäftsführer

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Martina Maier, Julia Schinzel, Florian Solly

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Herstellung Veronika Felder

Produktion Friedrich Indich, Walter O. Sádaba,

Sabine Wessig

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Claudia Heis, Sandra Maiko Krutz,

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MIT Christoph Kocsisek, Michael Thaler

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96 THE RED BULLETIN


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must-haves

1

2

3

4

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5

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Mischungen in einer 12er-Holzbox oder einzeln.

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Dämpfung, die durch die frontale Einlage erhöht

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zur Stabilisierung bei, während die Infinitoo-Technologie

eine maximale Energierückgabe ermöglicht.

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6

3 STAY CONNECTED

Der flache Edelstahlchronograph EQB-1000XD von

CASIO EDIFICE ist ein Multitalent. Die Connected-

Uhr verfügt über einen Smartphone-Link, über den

diverse Zeitzonen, ein Phone Finder und Features

wie zum Beispiel Stoppuhr abgerufen werden können.

Solarbetrieben punktet sie in Sachen Nachhaltigkeit

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6 IM DOPPELPACK

Den klangstarken BOOMSTER Go von Teufel gibt

es ab sofort im Stereo-Set. Beide Boxen lassen sich

ganz einfach koppeln. Die Bluetooth-Speaker sind

in den fünf Farbvarianten Night Black, Sand White,

Space Blue, Ivy Green und Coral Red erhältlich.

Besonders praktisch: Die Boxen sind wasserdicht,

und das gummierte Gehäuse schützt vor Stößen.

teufel.de

THE RED BULLETIN 97


M A K E S Y O U F L Y

Wir sind Helden

„Wenn das Leben dir Zitronen gibt, dann mach Limonade draus“, zitiert der Schöpfer dieser

Zeichnung, der kanadische Cartoonist Sebastien Thibault, 39, einen alten Sinnspruch. „Also dachte ich:

Wenn eine riesige Welle uns bedroht, dann machen wir einfach ein Superhelden-Cape daraus.“

sebastienthibault.com

Die nächste Ausgabe des RED BULLETIN erscheint am 14. Juli 2020.

ANDREAS WOLLINGER SÉBASTIEN THIBAULT

98 THE RED BULLETIN


3 TIPPS

VON JEDEM GAST

FÜR DEINEN ALLTAG

Pioniere unserer Zeit sprechen über

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Photo: R. Schedl

GETDUKED

BEAST-MODUS AKTIVIERT

2020 KTM 1290 SUPER DUKE R

Das NAKED-Regelwerk wurde neu geschrieben. Die neue

KTM 1290 SUPER DUKE R ist jetzt schlanker, brutaler

und furchteinflößender als jemals zuvor. Mit einem

brandneuen Fahrwerk in Verbindung mit perfektioniertem

Federungssetup, dem führenden 1301cm 3 LC8 V-Twin

mit brutalem Vorwärtsschub, hemmungsloser Beschleunigung

und einem fortschrittlichen Elektronikpaket ist das neue

BEAST bereit es mit der Welt aufzunehmen.

Please make no attempt to imitate the illustrated riding scenes, always wear protective clothing and observe the applicable provisions of the road traffic regulations!

The illustrated vehicles may vary in selected details from the production models and some illustrations feature optional equipment available at additional cost.

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