Denkmalpflegepreis 2020

denkmalpflege

Sonderdruck der Denkmalpflege des Kantons Bern und der Zeitschrift UMBAUEN+RENOVIEREN, Archithema Verlag

SONDERDRUCK DER DENKMALPFLEGE DES KANTONS BERN UND DER ZEITSCHRIFT UMBAUEN+RENOVIEREN, ARCHITHEMA VERLAG

ÉDITION SPÉCIALE DU SERVICE DES MONUMENTS HISTORIQUES DU CANTON DE BERNE ET DU MAGAZINE UMBAUEN+RENOVIEREN, ARCHITHEMA VERLAG

WWW.BE.CH/DENKMALPFLEGE / WWW.BE.CH/MONUMENTS-HISTORIQUES / WWW.METERMAGAZIN.COM

Denkmalpflegepreis 2020

Prix des monuments historiques 2020

Spezialpreis

WIEDERBELEBUNG EINES DER

SCHÖNSTEN ALPINEN

FREIBÄDER DER SCHWEIZ

Ausgezeichnet

Zimmermannskunst

Restaurierung eines über 200-jährigen

Oberländer Bauernhauses


Leidenschaft für

altes Holz

Unverhofft wurde Jonathan Jaggi Eigentümer eines der prächtigsten

Häuser in Reichenbach. In jahrelanger Arbeit und mit innovativen

Ideen schuf er eine zeitgemässe Wohnung und gab dem historischen

Holzbau seine Strahlkraft zurück. Für die sorgfältige Restaurierung

erhält er den Denkmalpflegepreis des Kantons Bern.

Texte: Elisabeth Schneeberger, Denkmalpflege des Kantons Bern; Fotos: Dominique Plüss

1

1 Das imponierende, über

200-jährige Oberländer Bauernhaus

gilt als einer der «Höhepunkte

der Frutigtaler Bauernhausarchitektur».

Die Fassade

ist geprägt von den farbigen

Malereien und Inschriften und

vom Spiel mit verschiedenen

Symmetrien.


4

2 Segensspruch am Stubenbund:

«(… S)egne Reichlich dieses

Haus, Und Wende alles Übel

draus (…)». Die geschliffenen

Scheiben in den Stubenfenstern

wurden der Bauherrschaft 1782

zum Neubau geschenkt.

5

2

3 Die glücklichen Eigentümer

des Stuckihauses: Preisträger

Jonathan Jaggi und Partnerin

Irene Burri mit ihren drei

Kindern.

3

A

m Viehmarktplatz im Dorfzentrum

bleiben Passanten spontan stehen,

um die farbig verzierte Fassade des

Stuckihauses zu bewundern. Die

Inschrift verrät das Baudatum 1781 und die

Namen der Bauherrschaft: Notar Johannes

Sieber und dessen Frau Maria Anna Kohler.

Der Flyer zum «Reichenbacher Häuserweg»

bestätigt den ersten Eindruck: Der imponierende

Holzbau gilt als einer der «Höhepunkte

der Frutigtaler Bauernhausarchitektur».

Er hat das Zeug zum Dorfmuseum. Doch in

den Stuben brennt auch abends Licht, im Garten

liegen Spielsachen: Hier wird gewohnt.

Dass das Stuckihaus einmal ihr Zuhause

sein würde, hätten Jonathan Jaggi und seine

Partnerin Irene Burri vor zwanzig Jahren kaum

vermutet. Am Holztisch in der grossen Stube

erzählt Jaggi seine aussergewöhnliche Geschichte,

die kurz nach der Jahrtausendwende

mit einem leer stehenden Haus begann.

Erbschaft mit Auftrag

Die Nachricht, dass seine Gotte, die Künstlerin

Jakobea Stucki, ihm das weitherum bekannte

Haus vermacht hatte, war für Jaggi

ein kleiner Schock. Auf einmal trug er

die Verantwortung für ein bedeutendes

Baudenkmal und die Last einer hohen

Erbschaftssteuer. Seine Lebenspläne waren

über den Haufen geworfen.

Die qualitätvolle historische Konstruktion

begeisterte den jungen Zimmermann.

Er war sich aber auch im Klaren, was es

brauchen würde, um das Haus zeitgemäss

bewohnen zu können. Trotzdem setzte er

sich zum Ziel, es nicht zu einem Museum,

sondern wieder zu einem Wohnhaus zu

machen, so wie die Erblasserin es sich

gewünscht hatte.

Als Erstes verschaffte er sich eine Übersicht

über die notwendigen Arbeiten und

diskutierte diese mit dem Bauberater der

Denkmalpflege. Er entschied sich, auf den

Ausbau des Ökonomieteils und die Einrichtung

einer zweiten Wohnung zu verzichten,

da beides grosse Eingriffe und hohe Kosten

nach sich gezogen hätte. Die Tür zur Restaurierung

des Stuckihauses tat sich jedoch erst

auf, als Jaggi die Gelegenheit zu einer

4 Die Holzkonstruktion und die

geschnitzten Verzierungen

bilden mit den Inschriften und

Malereien eine gestalterische

Einheit.

5 Die Kacheln hatte Jakobea

Stucki 1959 bemalt. Heute noch

wärmt der prächtige Ofen die

Stube.

« Wenn die Fassade renoviert ist,

habe ich es geschafft. »

Jonathan Jaggi, Eigentümer

4 Denkmalpflegepreis · 2020 5

Denkmalpflegepreis · 2020


6 Eine neue, offene Küche mit

praktischer Kochinsel/Bar

ergänzt bestehende Elemente.

Das Haus ist konsequent mit

LED-Leuchten ausgestattet.

7 Die alten Holzriemenböden in

den Stuben wurden abgeschliffen

und sorgfältig repariert.

8 Mit Unterstützung durch die

Denkmalpflege wurden Kombifenster

eingebaut und die

Schliffscheiben wieder montiert.

Beteiligung an einem Neubauprojekt

erhielt. Den Erlös daraus steckte er in das

historische Gebäude.

Eine sportliche Leistung

2006 stellte er seine Reisepläne und sportlichen

Ambitionen zurück. Für die folgenden

fast zehn Jahre sollte das Haus seinen Abenteuergeist

und Durchhaltewillen fordern. Den

grössten Teil der Arbeiten führte er eigenhändig

aus. «Der Bauherr ist ausserordentlich

sorgfältig vorgegangen und hat innovative

Lösungen entwickelt», sagt die Bauberaterin

der Denkmalpflege, Renate Haueter.

In aufwendiger Kleinarbeit legte Jaggi

in den Wohnräumen die alten Oberflächen

frei und restaurierte sie. «Man kann daran

das Leben, das im Haus gewesen ist, ablesen»,

schildert er, «die Wände sind unzählige

Male gebürstet worden, die Stubenböden

sind ausgetreten.» Das alte Holz, dessen

Ausstrahlung ihn fasziniert, gehört genauso

zum Haus wie der grosse Ofen mit den von

Jakobea Stucki bemalten Kacheln, der heute

die Stube wärmt. Um die Böden zu stabilisieren,

wurden die Unterzüge mit Eisenträgern

unsichtbar verstärkt. «Ich bin so sanft wie

möglich vorgegangen, um den Charakter des

Hauses nicht zu verändern», erzählt der Eigentümer.

Nächtelang tüftelte er; seine Devise

war, wenig neues Material einzubauen

und dafür viel Arbeitszeit zu investieren.

Für später nichts verbauen

«Bei einem Umbau hängt alles mit allem zusammen»,

erklärt Jaggi, «ich habe darauf geachtet,

für später nichts zu verbauen. Ich habe

sukzessive, aber nicht planlos umgebaut.»

Regelmässig besprach er die Arbeiten mit den

Bauberatern der Denkmalpflege. Haueters

Vorgänger Heinz Mischler bezeichnet das

schrittweise Vorgehen als ideal für das historische

Gebäude: «Eine solche Restaurierung

ist ein Prozess. Diskussionen unter den Beteiligten

sind ein wichtiger Teil davon.»

Für die bauzeitlichen, einfach verglasten

Fenster mit den wertvollen Schliffscheiben

galt es, einen Kompromiss zwischen dem

6

7

8

6 Denkmalpflegepreis · 2020 7

Denkmalpflegepreis · 2020


9

9 In aufwendiger Kleinarbeit legte

Jaggi die alten Oberflächen in

den Wohnräumen frei.

10 Blick ins neue Badezimmer, das

als rückbaubare «Kiste» in den

Tennbereich gestellt ist.

11 Fenster in die Vergangenheit:

der ehemalige Käsegaden im

Obergeschoss. Was die einstigen

Bewohnerinnen und Bewohner

beiseitegestellt haben, ermöglicht

einen Blick in den Alltag

von früher.

12 Im grossen vorderen Keller

wurde früher an Markttagen

gewirtet. Die Pflasterung des

Kellerbodens besteht aus

hochgestellten Flusskieseln.

« Ich habe sukzessive,

aber nicht planlos umgebaut. »

Jonathan Jaggi, Eigentümer

Wünschbaren und dem Machbaren zu

finden. Das Holz war so stark verwittert, dass

eine Reparatur und Aufrüstung nicht mehr

möglich war. Mit einem finanziellen Beitrag

der Denkmalpflege wurden Kombifenster

eingebaut und die alten Schliffscheiben wieder

montiert.

Für die Erneuerung der Haustechnik tüftelte

Jaggi ebenfalls: Die neuen Elektro kabel

verlaufen unter der Dämmschicht der

Kellerdecke und des Estrichbodens. Eine

Grundwasserpumpe liefert Wärme, die

Photovoltaikanlage auf dem Dach des ehemaligen

Waschhauses einen Teil des Stroms.

Schliesslich wurden Küche und Bad erneuert.

Das neue Badezimmer ist reversibel als

«Kiste» in den Tennbereich gestellt.

Das farbige Tüpfelchen auf dem i

«Wenn die Fassade restauriert ist, habe ich

es geschafft», war 2006 der Leitspruch des

Bauherrn. Seit 2017 prangt das Sieber-Wappen

wieder mit der ursprünglichen blauen

Girlande im Giebel: Jonathan Jaggi ist mit

seiner Familie am Ziel angekommen.

«Ich habe das Haus schätzen gelernt»,

sagt Irene Burri. «Unsere Kinder lieben die

vielen Spielmöglichkeiten. Es ist ein Privileg,

hier zu wohnen, aber man muss auch

Kompromisse machen.» Die Nähe zur Strasse

und das Ausgestelltsein sind manchmal

belastend. «Dass ich meinen Mann nur im

Duopack mit dem Haus bekomme, habe ich

in Kauf genommen», schmunzelt Burri. Nun

nehmen sich die beiden gerne Zeit, die Gastfreundschaft

zu pflegen. Nur den Samstag

reserviert sich Jaggi noch für Haus und Garten.

«Jetzt kommen die Zugaben», sagt er.

Die geerbten Möbel werden restauriert, vielleicht

wird er einen Raum für seine Sport-

Medaillensammlung einrichten, vielleicht

im Keller wie früher an Markttagen Gäste

bewirten. Sicher werden die Passanten im

Sommer den neu gestalteten Garten bewundern,

in dem Jakobea Stuckis Rosen wieder

Platz gefunden haben.

10 11

12

8 Denkmalpflegepreis · 2020 9

Denkmalpflegepreis · 2020


« Der Bauherr ist

ausser ordentlich sorgfältig

vorgegangen und hat

innovative Lösungen entwickelt. »

Renate Haueter, Bauberaterin Denkmalpflege Bern

Grundriss Wohngeschoss

1 Stube

2 Wohnstube

3 Küche

4 Reduit

5 Bad

6 Laube

7 Schopf

8 Heuraum

9 Tenn

Schnitt

1 Werkstatt/Keller

2 Stube

3 Gaden

4 Trauflaube

5 Kammer

6 Tenn

7 Getreideraum

8 Heuraum

9 Stall

NEU

BESTAND

DACHGESCHOSS

OBERGESCHOSS

WOHNGESCHOSS

KELLERGESCHOSS

4

N

2

3

2

1

3

6

1 1

WOHNTEIL

5

3

2

1

4

N

5

9

7

6

0m

7

8

5m

0 5

WIRTSCHAFTSTEIL

8

9

O:\15_Restliche Objekte , Kleinobjekte\Frutigstil Schema 9.Juli.2008\Frutigstil 9.Juli.2008.pln

Kontaktadressen

Bauberatung Denkmalpflege

Renate Haueter

Denkmalpflege des Kantons Bern

Schwarztorstrasse 31

Postfach

3001 Bern

T 031 633 40 30

www.be.ch/denkmalpflege

Holzbau und Dachdeckerarbeiten

Däpp Holzbau GmbH

Scheidmattenstrasse 22A

3703 Aeschiried

T 033 654 10 20

daepp.aeschiried@bluewin.ch

Fenster

Wenger Fenster AG

Chrümigstrasse 32

3752 Wimmis

T 033 359 82 83

www.wenger-fenster.ch

Fassadenrestaurierung

Hans Salzmann

Bräter-Allmend 41

3616 Schwarzenegg

T 033 453 26 08

www.atelier-restauro.ch

Roger Tinguely

Hohgantweg 1C

3612 Steffisburg

T 033 438 80 75

www.artinguely.ch

Küche und Bad

JAGGI FREI BRÜGGER architekten

Dorfstrasse 13

3714 Frutigen

T 033 672 80 80

www.jfb-architekten.ch

Die Postkarte zeigt das Stuckihaus vor der Neubemalung von 1955.

Die Inschriften waren damals – anders als original – weiss gefasst.

Haus am Viehmarktplatz –

Blick in die Geschichte

Text: Hansruedi Marti

D

as Stuckihaus im Dorfkern von

Reichenbach zählt zu den

prächtigsten Bauernhäusern des

Frutiglandes. Mit der Hauptfassade

direkt zum Viehmarktplatz gerichtet,

steht es prominent an der alten Strassenverbindung

von Spiez nach Frutigen

Richtung Gemmi-Wallis. Erbaut wurde

es durch den Zimmermeister Hans

Müller, der im Frutigtal weitere hervorragende

Häuser errichtete.

Der Bauherr, Landschreiber und

Notar Johannes Sieber (1746–1818),

brachte es in einer Zeit des wirtschaftlichen

Aufschwungs im Frutigtal zu beträchtlichen

Ländereien. 1781 liess er

sich das stattliche Haus im typischen Stil

des Frutigtals erbauen. Im grossen Keller

wurde – möglicherweise schon zu Siebers

Zeiten – an Markttagen gewirtet.

Ein «Frutigtyp»

Bei diesem Mehrzweckbau befinden

sich Wohn- und Ökonomieteil giebelseitig

nebeneinander unter demselben

Dach. Der Grundriss des Stuckihauses

ist ungefähr im Verhältnis des

Goldenen Schnittes zwischen Wohnen

und Ökonomie aufgeteilt.

Der zweigeschossige Blockbau steht

auf einem gemauerten Sockelgeschoss.

Üblicherweise enthält der Wohnteil

zwei Stuben, hier sind es drei. In der

Hauptfassade des Stuckihauses bilden

die konstruktiven Elemente des Blockbaus,

ihre plastische Dekoration und die

Malereien eine gestalterische Einheit.

Vermutlich stammen die Malereien von

Stefan Allenbach. Die zeittypischen

Friese und Inschriften beziehen auch

den Ökonomieteil mit ein.

Vom Landschreiberhaus

zum Stuckihaus

Nach dem Tod von Johannes Sieber

1818 blieb das Haus im Besitz der Familie,

bis Peter Sieber die Liegenschaft

1845 an den Notar Jakob Zurbrügg verkaufte.

Bereits 1849 ging das Haus an

den Käsefabrikanten, Grossrat und Gemeindepräsidenten

Christian Wittwer

über. 1886 erfolgte schliesslich der Verkauf

an die Erben von Johannes Stucki,

Kirchmeier in Reichenbach – seither

spricht man vom «Stuckihaus».

1943 verstarb Fritz Stucki (geb.

1885) und hinterliess das Stuckihaus seiner

Frau Johanna (1900–2002) und der

einzigen Tochter, Jakobea (1931–1996).

Jakobea Stucki wurde als Malerin sowie

als Textilkünstlerin für ihre kunstvollen

Webteppiche bekannt. 2002 übernahm

Jonathan Jaggi das Haus, das ihm

seine Gotte Jakobea vermacht hatte.

Von Grau zu Blau

Bei der Restaurierung der Fassadenmalereien und

Inschriften entdeckte der Restaurator Hans Salzmann

2017 im wettergeschützten Giebelfeld Teile

der originalen Farbfassung von 1781. Am Wappen

und in den Friesen kam ein leuchtendes Blau

zum Vorschein. Die Farbe, zur Bauzeit in der Region

als Modefarbe verbreitet, war 1955 unter

einer Übermalung in grau abgedämpften Tönen

verschwunden. Der überraschende Fund führte

zu einer Anpassung des Restaurierungskonzepts:

Im oberen Fassadenbereich legten die Restauratoren

die originale Farbschicht frei und frischten

sie auf. Die stark verwitterten unteren Partien

hingegen wurden nach dem Konzept der dort einzig

noch vorhandenen Bemalung von 1955 neu gefasst.

Die zwei Farbpaletten miteinander zu kombinieren,

war für Salzmann das Naheliegendste.

«Es geht mir nicht darum, eine Fassade fürs Publikum

‹schön› zu machen», sagt er, «sondern darum,

möglichst nah beim Original zu bleiben und

dieses zu erhalten.»

Wappen des Bauherrn Johannes Sieber in der

Fassadenmitte unter dem Giebel. Die Originalmalerei

mit dem typischen Blau wurde freigelegt

und restauriert.

Am Übergang vom Stuben- zum Gadengeschoss

treffen die beiden Farbpaletten aufeinander:

unten das Konzept von 1955, oben jenes

von 1781 mit Blau.

10 Denkmalpflegepreis · 2020 11

Denkmalpflegepreis · 2020

Querschnitt 1:100

MARTI ARCHITEKTEN SIA AG, 3714 FRUTIGEN TEL. 033 671 31 00

30.01.2020


SPEZIALPREIS 2020

2

1 Laubengang mit symmetrisch angeordneten

Duschnischen am Kinderbassin:

Die originale Farbgebung

unterstreicht die strengen Entwurfsprinzipien

von Beda Hefti.

2 Blick von der Restaurantterrasse

auf den neuen Gesamtentwurf

vor der imposanten Bergkulisse.

Die eleganten Stahlrohrliegen

wurden sorgfältig nach historischen

Fotoaufnahmen rekonstruiert.

1

Buntes Baden

in den Bergen

Vor zehn Jahren stand das Freibad in Adelboden

kurz vor der Schliessung – umso erfreulicher ist

seine Wiedereröffnung im Sommer 2019.

Der Spezialpreis 2020 würdigt den unermüdlichen

Einsatz der Interessengruppe «Schwimmbad Gruebi».

Text: Fabian Schwarz, Denkmalpflege des Kantons Bern; Fotos: David Bühler;

Historische Fotos: Archiv Photo Klopfenstein AG, Adelboden

N

ach dem Ersten Weltkrieg hatte Adelboden

mit sinkenden Gästezahlen zu

kämpfen und war bestrebt, seine Tourismusinfrastruktur

zu erneuern.

1928 schlossen sich die Hoteliers des Ortes

zusammen, um den Bau eines Freibades in

die Wege zu leiten. Sie zeichneten nicht nur

das erforderliche Stammkapital zulasten

ihres Grundeigentums, sondern legten mit

der Wahl des Ingenieurs Beda Hefti aus Freiburg

auch ein Bekenntnis zur modernen

Architektur an den Tag.

Beda Heftis Entwurf im Stil des Neuen

Bauens antwortete auf die neuen Bedürfnisse

der Menschen nach Bewegung, Sonne und

Luft: Die Feriengäste sollten sich wie am Meeresstrand

fühlen, umgeben von einer wunderbaren

Bergkulisse. Die Bauten und Schwimmbecken

fügen sich perfekt in die Topografie

ein. Die erfrischend bunten Farben sind raffiniert

aufeinander abgestimmt. Selbst die

Stahlrohrmöbel verströmen den Geist und das

Lebensgefühl des Neuen Bauens.

Widerstand gegen Schliessung

Ab den 1950er-Jahren wurden immer mehr

prägende Elemente des Bades entfernt oder

verändert, bis sich die ursprüngliche Klarheit

des Entwurfs nur noch erahnen liess.

Denkmalpflegepreis · 2020

13


Kontaktadressen

Bauberatung Denkmalpflege

Fabian Schwarz

Denkmalpflege des Kantons Bern

Schwarztorstrasse 31, Postfach

3001 Bern

T 031 633 40 30

www.be.ch/denkmalpflege

Architektur

akkurat bauatelier GmbH

Daniel Büschlen, Martin Reutimann

Obere Hauptgasse 62

3600 Thun

T 033 223 36 00

www.ak-b.ch

Landschaftsarchitektur

DUO Landschaftsarchitekten Sarl

Sandra Kieschnik

Rue du Midi 20

1003 Lausanne

T 021 558 65 60

www.duo-bk.ch

Restauratoren

Roger Tinguely

Hohgantweg 1C

3612 Steffisburg

T 033 438 80 75

www.artinguely.ch

Keramikatelier Fluri

Maja Öluri

Grederstrasse 1

4512 Bellach

T 032 618 14 74

www.flurikeramik.ch

Schwimmbadtechnik

Beck Schwimmbadbau AG

Bürglistrasse 29

8400 Winterthur

T 052 224 00 88

www.beck-schwimmbadbau.ch

Fehlmann Wasseraufbereitung AG

Bernstrasse 120

3053 Münchenbuchsee

T 031 869 19 94

www.fehlmann-wasser.ch

3 Der rekonstruierte Musikpavillon

thront wieder über der Badeanlage

und ist vielfältig nutzbar.

4 Gereinigte und restaurierte

Keramikplatten präsentieren

sich in «altem» Glanz und

setzen farbige Akzente.

Mitte 2005 ging die Betreiberin in Konkurs.

Das Freibad wurde danach durch Adelboden

Tourismus betrieben und ging in den

Besitz der Gemeinde über. Nach der Ablehnung

eines ersten Sanierungsvorschlages zog

sich Adelboden Tourismus 2011 zurück. Die

Schliessung des Bades stand bevor.

Vor diesem Szenario formierte sich die Interessengemeinschaft

«Schwimmbad Gruebi»,

die im Auftrag des Schwimmklubs den Wei­

4

terbetrieb ermöglichte. Dafür verabschiedeten

die Stimmbürger 2012 einen Nutzungsvertrag

mit der Auflage, ein Nachfolgeprojekt

vorzulegen. Mit minimalem Budget machte

sich die IG in enger Zusammenarbeit mit der

Denkmalpflege daran, das Restaurierungskonzept

zu erarbeiten.

Zurück zur ursprünglichen Klarheit

Das erklärte Ziel der Restaurierung war es,

dem Freibad «die ursprüngliche Klarheit des

Entwurfes» zurückzugeben. Dabei baute man

auf denkmalpflegerische Grundsätze auf: Wo

Substanz oder Bauteile erhalten waren, wurden

diese bewahrt, restauriert oder für die

neuen Anforderungen ertüchtigt. Fehlende

Elemente, Bauteile oder Oberflächen wurden

so ergänzt, dass sie sich harmonisch ins Ganze

einfügen. Verlorene Bauteile wurden im

Sinne des Denkmals neu gestaltet.

Die Hochbauten erhielten ihre ursprüngliche

Farbigkeit zurück, das Bad drückt

heute wieder die Lebensfreude der 1930er-

Jahre aus. War das Bad im Vorzustand noch

mit Blumentrögen und Möbeln verstellt, hat

die Anlage nun ihre ursprüngliche Prägnanz

und Präzision zurückerlangt. Knapp zwei Jahre

nach dem Ja der Stimmbürger zur Sanierung

konnte das Freibad am 22. Juni 2019

wiedereröffnet werden.

3

Würdigung

Umgebaut und wiederbelebt ist das «Strandbad von Adelboden» eines der schönsten

alpinen Freibäder der Schweiz. Es ist gelungen, mit der Sanierung den Geist der

1930er-Jahre, die klare architektonische Haltung und die Stimmung des modernen

Freibads wiederzubeleben.

Der Mut der Initianten im Jahr 1928 verdient grossen Respekt. Dies gilt ebenso

für die Mitglieder der Interessengruppe «Schwimmbad Gruebi». Wie beim Bau war

auch bei der fachgerechten Sanierung das private Engagement ausschlaggebend. Ohne

die vielen freiwilligen Arbeitsstunden der Gruppe, die Überzeugungsarbeit und den

Willen der Gemeinde, am gleichen Strang zu ziehen, wäre das Projekt nicht zustande

gekommen. Dank dem Einsatz aller Beteiligten wird der einmalige Gesamtentwurf

von Beda Hefti auch weitere Generationen erfreuen.

Fachkommission für Denkmalpflege

Spezialpreis 2020

Anders als mit dem Hauptpreis, der die respektvolle Weiterentwicklung eines Baudenkmals

mit Alltagsnutzung würdigt, richtet die Denkmalpflege des Kantons Bern das Augenmerk

mit dem Spezialpreis generell auf eine beispielhafte Restaurierung oder auf eine spektakuläre

Einzelmassnahme. Der Spezialpreis der Fachkommission für Denkmalpflege zeichnet

die sorgfältige Restaurierung eines aussergewöhnlichen Baudenkmals mit entsprechend aufwendigen

Massnahmen, eine bemerkenswerte Einzellösung oder das herausragende Engagement

einer Bauherrschaft aus. Zur Auswahl steht die ganze Palette möglicher Bautypen,

also Kirchen, Schlösser und Gasthöfe ebenso wie Wohnhäuser, Villen, Gewerbebauten oder

seltenere Bautypen wie Bahnhöfe oder Staumauern. Die Fachkommission für Denkmal pflege

ist als externe Jury für die Wahl des Spezialpreises zuständig und bringt damit eine wichtige

Aussensicht ein. Entscheidend sind zum einen allgemein gültige Kriterien wie

die unbestrittene Qualität der Restaurierung, zum andern können auch innovative oder nachhaltige

Lösungen den Ausschlag geben.

Ziel des Denkmalpflegepreises und des Spezialpreises ist es, die Arbeit der Denkmalpflege

einem breiten Publikum zu vermitteln und den Austausch mit Partnern zu fördern.

Die beiden Anerkennungspreise zeigen auf, über welchen kulturellen Reichtum der Kanton

Bern vom Jura bis ins Oberland verfügt und was im Bereich der Kulturpflege geleistet wird –

insbesondere von privaten und öffentlichen Bauherrschaften, Architektinnen und Architekten

sowie Bauschaffenden in Zusammenarbeit mit den Fachstellen.

14 Denkmalpflegepreis · 2020 15

Denkmalpflegepreis · 2020


Sonderdruck der Denkmalpflege des Kantons Bern

und der Zeitschrift UMBAUEN+RENOVIEREN, Archithema Verlag

www.be.ch/denkmalpflege und www.archithema.ch

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SONDERDRUCK DER DENKMALPFLEGE DES KANTONS BERN UND DER ZEITSCHRIFT UMBAUEN+RENOVIEREN, ARCHITHEMA VERLAG

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WIEDERBELEBUNG EINES

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Denkmalpflege des Kantons Bern

Denkmalpflegepreis 2020

Die Denkmalpflege des Kantons Bern zeichnet mit ihrem Anerkennungspreis eine Bauherrschaft

aus, die ein Baudenkmal mit Alltagsnutzung in Zusammenarbeit mit der Fachstelle

sorgfältig restauriert und weiterentwickelt hat. Auch weniger beachtete Gebäude rücken in

den Fokus: Diese – auf den ersten Blick – unspektakulären Bauten sind aus architektonischer,

geschichtlicher oder technischer Sicht oftmals sehr interessant und prägen die Identität

unserer Dörfer und Städte genauso stark wie Herrschaftsbauten oder Kirchen, in deren

Schatten sie meist stehen. Der Denkmalpflegepreis würdigt sowohl den respektvollen Umgang

mit dem Baudenkmal als auch innovative Lösungen. Zu den Kriterien gehören die Qualität

der Restaurierung, die Sorgfalt in der Ausführung und die ökologische Nachhaltigkeit

der Massnahmen. Im Vordergrund steht die Werterhaltung, nicht die Wertvermehrung. Mit

einem angemessenen Budget soll Wohn- oder Nutzungsqualität erhalten, optimiert oder

geschaffen werden.

Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons Bern

Amt für Kultur/Denkmalpflege

Direction de l’instruction publique et de la culture du canton de Berne

Office de la culture/Service des monuments historiques

www.be.ch/denkmalpflege

www.be.ch/monuments-historiques

Die Denkmalpflege des Kantons Bern bedankt sich herzlich bei Jonathan Jaggi und

Irene Burri, bei der Fotografin Dominique Plüss sowie bei der Redaktorin Silvia Steidinger.

Seit über 30 Jahren rückt das Schweizer

Magazin Umbauen + Renovieren

den Umbau ins Rampenlicht. Reports

aus den Bereichen Umbau und Sanierung,

Werterhaltung und Renovation

sowie Umnutzung und Ausstattung

vermitteln Leidenschaft für Architektur,

Wohnen und für die baugeschichtliche

Vergangenheit und Zukunft der

Schweiz. Praktisches Wissen über Ausbau,

Haustechnik, Baubiologie und Gestaltungsfragen

vom Grundriss bis zur

Farbe, von der Küche bis zum Badezimmer,

runden die Ausgaben ab, die

jeweils unter einem thema tischen Fokus

stehen. Die Zeitschrift erscheint

sechsmal pro Jahr, Auszüge daraus

sowie ergänzende Beiträge werden im

Onlinemagazin veröffentlicht.

www.metermagazin.com

IMPRESSUM

Ausgezeichnet

Umnutzung und Restaurierung des Schulhauses

Mauss in Mühleberg, Kanton Bern

2010

Umnutzung und

Restaurierung des

Schulhauses Mauss

in Mühleberg

2011

Aussenrestaurierung

eines Wohnhauses in

Hünibach bei Thun

2012

Innenumbau eines

Reihenhauses in

Wabern

2013

Innenrestaurierung

eines Bauernhauses

in Cortébert

Denkmalpflegepreis

DENKMALPFLEGE DES KANTONS BERN 2018

Ausgezeichnet

Alpenromantik zum Anfassen

Restaurierung eines traditionellen

Andenkenladens in Interlaken

Spezialpreis

2014

Sanfte Sanierung

eines Wohnhauses in

Muri bei Bern

Herausgeber: Archithema Verlag AG

Güterstrasse 2, 8952 Schlieren

T 044 204 18 18

www.metermagazin.com

Denkmalpflege des Kantons Bern

Schwarztorstrasse 31

Postfach, 3001 Bern

T 031 633 40 30

www.be.ch/denkmalpflege

Verlegerin: Felicitas Storck

felicitas.storck@archithema.ch

Chefredaktion: Britta Limper

britta.limper@archithema.ch

Stv. Chefredaktion: Silvia Steidinger

silvia.steidinger@archithema.ch

Grafik: Archithema Verlag AG

Bildtechnik: Thomas Ulrich

thomas.ulrich@archithema.ch

Druck: AVD Goldach

Sulzstrasse 12, 9403 Goldach

2015

Grosses Engagement

und neue Nutzungen

für eine Mühle bei

Bern

2016

Sorgfältige

Restaurierung eines

Doppelhauses

in Biel-Bienne

2017

Nachhaltige

Restaurierung eines

Badehauses am

Thunersee

2018

Restaurierung eines

traditionellen

Andenkenladens in

Interlaken

2019

Jubiläumsausgabe.

Zehn Jahre

Engagement für

unsere Baukultur

© 2020 Archithema Verlag AG

Jeder Nachdruck, auch auszugsweise,

ist nur mit Erlaubnis des Verlages,

der Redaktion und der Denkmalpflege

des Kantons Bern gestattet.

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